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Siciliana

 

Für Hannelore und Jörg,

in deren schönem Ferienhaus in Nord-Holland

vieles von diesem Buch entstanden ist

 

 

 

 

 

 

Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg;

aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.

Proverbia 16,9

Preludio ancora innocente

Mühelos, mit geschmeidigen Bewegungen, joggte René Maarten de Vries über die Promenade von Geertshaven und genoss sichtlich die kalte Seeluft. Er war Ende vierzig und absolut in Form, seine Geschäfte liefen glänzend. Jeden Morgen konnte man ihn hier sehen, selbst im tiefsten Winter – also auch heute, am ersten Advent.

Vor dem Schaufenster seiner Lieblingsbäckerei fuhr er sich mit einer lässigen Handbewegung durch das volle, an den Schläfen seriös ergraute Haar, ging genüsslich mit der Zunge über seine geweißten Zähne, justierte sein umwerfendes Lächeln, auf das sich die nette holländische Verkäuferin aus dem Nachbarort jenseits der Grenze jeden Morgen freute, und betrat den Laden.

Die Kundin vor ihm nahm sich zu den Sonntagsbrötchen noch den Utkiek, das Boulevardblatt des kleinen Staates Valckenburg, der in Geertshaven an die Nordsee grenzte. »Wohin steuert Valckenburg?« Die Schlagzeile umrahmte das in Sorgenfalten gelegte Gesicht des Premierministers. Ja, die Lage war ernst, wusste auch de Vries. Das Image der beliebten Steueroase war nach den jüngsten Enthüllungen in Gefahr. Würden die Kapitalanleger und die zahlungskräftigen Touristen bald fortbleiben? Hinter Geertshavens eleganten Fassaden, ebenso wie unter den ehrwürdigen Treppengiebeln der Hauptstadt Valckenburg, herrschte Verunsicherung. Das Land brauchte nichts dringender als eine die Gemüter erhebende Geschichte. Eine Geschichte aus der goldenen Vergangenheit. Eine Geschichte wie die um den verschollenen Brautschmuck der Gräfin.

Die Kundin, die mit ihren Brötchen und der Zeitung das Geschäft verließ, nickte ihm respektvoll zu. Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. René Maarten de Vries hatte Erfolg, und wie! Das Lächeln noch einmal nachjustiert, die strahlenden Zähne zur Schau gestellt – er war an der Reihe. »Goedemorgen, mevrouw!«, grüßte er die nette Verkäuferin in perfekter Aussprache, und wie jeden Morgen erwiderte sie mit schelmischem Augenzwinkern: »Goedemorgen, meneer de Vries!«

Während sie ihm die üblichen Brötchen einpackte, meinte er mit seiner wohlklingend sonoren Stimme und kurzem Kopfnicken zur Schlagzeile des Utkiek: »Das haben wir doch mit in der Hand, nicht wahr?« Die Verkäuferin lächelte zustimmend. Sie tauschten noch ein paar beruhigend belanglose Bemerkungen. Der Nebel wollte ja gar nicht mehr aufhören, ob das jetzt bis Weihnachten so weitergehen würde?

Bestens gelaunt nahm de Vries die Brötchentüte entgegen. Beim Verlassen des Geschäfts fiel sein Blick auf das ihm nur zu vertraute Plakat: »Wiederentdeckte Meister. Festliche Orgelmusik zum ersten Advent«.

Das Spiel hatte begonnen.

Er nahm seinen Lauf über die Geertshavener Strandpromenade wieder auf. Im Sommer wimmelte es hier von Touristen. So war es jedenfalls bislang – und so würde es auch in Zukunft bleiben. Der Jachthafen war voll von schönen Booten. (De Vries hatte dort übrigens auch ein recht hübsches Exemplar liegen, dessen vornehm zurückhaltender Eleganz man nicht auf den ersten Blick ansah, wie viel es wirklich gekostet hatte.) Geertshaven gab sich alle Mühe, zu verbergen, dass es vor siebzig Jahren noch ein ödes Fischerkaff gewesen war. Inzwischen hatte es der alten Hauptstadt längst den Rang abgelaufen, und mehr Städte hatte das kleine Land nicht.

Ein weniger seriös aussehender Herr mit rasierter Glatze und einigen Tattoos zog es vor, seinen Anblick vom Nebel verschlucken zu lassen. Der locker vorbeitrabende de Vries bemerkte ihn nicht, überdies warf er gerade einen Blick zu einem bestimmten mehrstöckigen Haus hinüber: Er kannte die Bewohnerin des Penthouses gut und führte sie gerne aus. An diesem Sonntag nicht. Aber warum nicht morgen? Ein gepflegtes Abendessen im Casino, wo man sah und gesehen wurde.

Etwa zur gleichen Zeit endete in Valckenburg, der schönen Hauptstadt des gleichnamigen Ländchens, der Gottesdienst in der Großen Kirche, wie St. Maria Magdalenen auch kurz genannt wurde. Backsteingotik und protestantischer Kaufmannsstolz inmitten vornehmer Patrizierhäuser.

Die Schar derer, die Pastorin Dörte Böhnisch am Ausgang ins neue Kirchenjahr verabschiedete, war rasch überblickt. Selbst Herr Uphoff und Frau Quadden hatten den ersten Advent offensichtlich zum Ausschlafen genutzt, wie die Pastorin registrierte. Rasch zählte sie die bescheidene Kollekte und schloss die Geldkassette ein, während der betagte Küster die Gesangbücher einzeln an ihren Platz zurücktrug. Ein dumpfes Klatschen ließ ahnen, dass ihm dennoch eines aus den gichtgekrümmten Händen gefallen war. Die Pastorin hob den Kopf und hörte das leise, unterdrückte Ächzen, mit dem Kumpf sich danach bückte. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, ihm helfen zu wollen. Wie oft hatte sie ihm eine Hilfe zur Seite stellen wollen, doch Kumpf hatte dieses Ansinnen immer entschieden zurückgewiesen. Zäh und verbissen hielt er an seiner Pflicht und Lebensaufgabe fest. Nun wurden seine Bemühungen von der Empore aus übertönt, wo der Organist Jakob van Heeren nach der passenden Registrierung für eine barocke Toccata suchte, die er am Abend im Konzert spielen wollte.

Die Pastorin würde bei dem Konzert nicht dabei sein. Sie war einem anderen Spiel verpflichtet. Die monatliche Doppelkopfrunde bei Béatrice Gelderlo, der Grande Dame der Stadt, war ein Termin, der unbedingte Beachtung verlangte. Im Übrigen ein unschuldiges Vergnügen, wie sich Dörte Böhnisch nicht gerade viele gönnte. Seit zehn Jahren war sie nun Pfarrerin an St. Maria Magdalenen, hatte jedoch das Jubiläum stillschweigend verstreichen lassen. Außer ihr schien das niemand bemerkt zu haben. Sie hatte einfach keinen Grund zum Feiern gesehen. Schon ihren Namen fand sie keiner Erwähnung wert. Wenn ihre Eltern sie wenigstens Dorothea genannt hätten! Doch Dörte, noch dazu in Verbindung mit Böhnisch, klang nach Zöpfen, Kittelschürze und weißen Söckchen in Sandalen. In ihrer Studienzeit hatte sie andere Seiten an sich entdecken können. Inzwischen hatte sie zunehmend das Gefühl, die Person zu werden, die man sich unter einer Dörte Böhnisch vorstellen durfte, wenn auch ohne Kittelschürze und weiße Söckchen.

Das schwarze Jackett, das sie sich statt des Talars anzog, spannte allmählich um den Bauch. Weniger Süßes, das wäre ein Anfang. Doch ausgerechnet in der Adventszeit? Sie brauchte die Nervennahrung. Oder sollte sie mit René joggen gehen? Er hatte sie oft genug dazu eingeladen. Aber neben dem Strahlemann wäre sie sich noch mehr vorgekommen wie eine hässliche Ente. Außerdem umgab er sich in letzter Zeit ja viel lieber mit der attraktiven jungen Kommissarin.

Dörte Böhnisch trat in den Nebel, der wenig dazu geeignet war, ihre Laune zu verbessern. »O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf!« Das hatten sie eben gesungen. Genauer gesagt, war wegen der dünn besetzten Gemeinde wenig mehr als die Orgel zu hören gewesen. Zuvor hatte sich die Pastorin in ihrer Predigt damit auseinandergesetzt, dass Gott nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfülle.

Von unerfüllten Wünschen wusste Béatrice Christine Gelderlo, geborene von Valckenburg, mit ihren zweiundsiebzig Jahren einiges zu erzählen. In Gedanken versunken, ging sie den kurzen Weg von der Kirche zu ihrem Haus zurück, bereitete sich einen Tee zu und begab sich in ihren Empfangssalon. In dem düsteren uralten Patrizierhaus, das deutlich bessere Tage gesehen hatte, war dieser Raum seit dem Tod ihres Mannes ihr Refugium.

Mit überraschender Leichtigkeit und formvollendeter Eleganz ließ sie sich auf dem englischen Sessel nieder und versank wie oft an endlosen Wintertagen in Betrachtung des großen Gemäldes über dem Kamin. Es war ein echter van Molendam aus seiner Glanzzeit, den frühen 1830er-Jahren, und zeigte das großherzogliche Schloss derer von Valckenburg. Béatrice Gelderlo entstammte der langen Reihe der Grafen, die sich in einem historischen Moment des Übermuts eines Tages Großherzöge genannt hatten. In der jahrhundertelangen Herrschaft der Familie war eines der schönsten Stadtbilder des ganzen Nordseeraums entstanden, das vor allem nahezu unzerstört war und mit St. Maria Magdalenen eine Kirche besaß, die sich mit denen in Haarlem oder Lübeck messen konnte.

Dieses Stadtbild erfreute sie immer noch und entschädigte sie ein wenig für die großzügige Geselligkeit, die sie seinerzeit in England aufgegeben hatte. Ihr Vater, der letzte Großherzog, war 1936 von der Nationalsozialistischen Valckenburger Arbeiterpartei gestürzt und ins Exil gezwungen worden. Die englische Familie seiner Frau hatte die Flüchtlinge aufgenommen, sodass Béatrice von Valckenburg als dritte und jüngste Tochter neun Jahre später doch in einem Schloss geboren wurde. Auf das Schloss in Valckenburg erhob der Großherzog, der sich im Exil gut eingerichtet hatte, auch nach dem Krieg keinen Anspruch mehr. Als Museum ging es in den Besitz der jungen Republik über. Béatrice von Valckenburg lernte mit fünfundzwanzig Jahren in London einen Valckenburger Diplomaten kennen. Sie heirateten und ließen sich in dem selbstbewussten Ländchen nieder, das sie vorher nie betreten hatte. Die Kunsthistorikerin und gelernte Restauratorin stand dem Kuratorium des Museums vor und hatte mit Charme und Verhandlungsgeschick manche alten Möbel und Kunstwerke wiederbeschaffen können. Selbst war ihr nichts als das besagte Gemälde und der alte Spieltisch geblieben, um den sich heute Abend wieder die gewohnte Doppelkopfrunde versammeln würde. Mit einer zärtlichen Geste strich sie über die kostbaren Intarsien. Die Karten waren schon vorzüglich gemischt.

Das Schlossmuseum wurde seit einigen Jahren von Peter Brand geleitet, einem noch jungen, sehr engagierten Kunsthistoriker. Während Béatrice Gelderlo das Schloss auf dem alten Gemälde vor Augen hatte, lehnte Brand am linken Seiteneingang des realen Gebäudes und betrachtete mit innerer Überlegenheit die Zigarettenreklame an der gegenüberliegenden Bushaltestelle. Selbst der Geruch von kaltem Rauch aus dem großen Zementaschenbecher konnte ihm nichts anhaben. Betont gelangweilt schob er seinen Mintkaugummi im Gaumen hin und her.

Seit einem Monat bezeichnete der ehedem passionierte Raucher sich als »clean«. Obwohl die derzeitigen Bau- und Renovierungsarbeiten im und am Schloss viel Aufregung mit sich brachten, hatte er vor vier Wochen heroisch die noch halb volle letzte Packung John Player zerknüllt und in den Müll geworfen. Als de Vries abends beim Doppelkopfspiel davon erfuhr, schlug er gleich eine Wette vor: »Sechs Flaschen Chateauneuf – spätestens Ostern bist du wieder rückfällig!« Er fing sich eine missbilligende Rüge von Béatrice Gelderlo ein, die fand, ein so weitreichender Entschluss verdiene es, ernster genommen zu werden. Genau das tue er doch, sprang die Pastorin de Vries bei: Brand sei ein Spieler, wie er im Buche stehe. Nur die Aussicht auf eine zu gewinnende Wette könne sein Durchhaltevermögen befeuern.

Mit einem letzten Blick auf die Reklamewand beschloss Brand, dass der erste Monat immer der schwerste sei, und der war nun vorbei. Sehr mit sich im Reinen, kehrte er wieder in sein Büro zurück. Eine halbe Stunde später betrat ein Mann mit einer Narbe über der linken Gesichtshälfte das Schloss durch den Haupteingang. Mit hoher, heiserer Stimme, die in merkwürdigem Gegensatz zu seinem muskulösen Körper stand, verlangte er eine Eintrittskarte und fragte, wie derzeit viele Besucher, direkt nach der neuen Hauptattraktion des Museums, dem Ring der Gräfin.

Der Diamantring aus dem sagenumwobenen Brautschmuck der Gräfin Anne Sophie war in der Napoleonzeit verschwunden, pflegte jedoch, ähnlich dem Halley’schen Kometen, etwa alle 70 Jahre kurz wieder aufzutauchen, jeweils an einem anderen Ende der Welt. Vor wenigen Wochen nun war dies auf einer Auktion in Brüssel geschehen, und dank einer großzügigen Spende von de Vries hatte das Museum ihn ersteigern können. Ausführlich hatte Meer und Heimat, die beliebteste Illustrierte des kleinen Landes, über die Geschichte des Schmuckstücks berichtet; ein zusammengerolltes Exemplar der Zeitschrift schaute aus der Jackentasche des kahlköpfigen Besuchers mit der auffälligen Narbe. In allen Einzelheiten wurde darin die Märchenhochzeit der englischen Prinzessin Anne Sophie mit Graf Geert von Valckenburg geschildert – im Jahr 1795 das große Ereignis für das von der Französischen Revolution erschütterte Europa. Ein Bild, das längst wieder im Schloss hing, zeigte die junge Gräfin mit dem Ring, einem Armband, einem Collier, Ohrringen und einem Diadem. Wenige Jahre später war das kleine Land durch die Wirren der napoleonischen Kriege von der Landkarte gewischt worden. Der übrige Brautschmuck war angeblich versteckt worden und nie wieder aufgetaucht. Eine abenteuerliche Geschichte um eine auf ein Notenblatt gezeichnete Schatzkarte rankte sich um die verschollenen Kostbarkeiten und beflügelte die Fantasie der beachtlich angestiegenen Besucherscharen.

Meer und Heimat und der Utkiek hatten die ganze alte Legende wieder aufgewärmt und den Ring von mehreren Seiten abgebildet. Ein sogenannter Bague-de-firmament-Ring mit einem rosengeschliffenen Diamanten auf nachtblauem Emaillegrund, umgeben von einem Kranz weiterer Diamanten. Ein Foto in einem der Artikel zeigte Béatrice Christine Gelderlo, die als Nachfahrin der Gräfin den Ring in die Vitrine im Museum legte.

Es war Abend geworden. Mit sonorem Brummen glitt ein weißes Maserati-Cabrio durch das schon dunkle, im Nebel schemenhaft verhüllte Valckenburg. René Maarten de Vries parkte den Wagen elegant auf dem Großen Markt ein und nahm einen edlen Bordeaux und einen kleinen Strauß Christrosen vom Beifahrersitz. Das Licht der Straßenlaterne fiel auf den »Teufelsdreizack«, wie Dörte Böhnisch das Markenzeichen im Kühlergrill des Maserati liebevoll spöttisch getauft hatte. Man sehe eben, dass er durchaus vertrauten Umgang mit dem Fürst der Finsternis pflege, fügte sie gerne hinzu, wenn sie ihn aufziehen wollte. »Zum Ausgleich spiele ich mit der Pastorin Karten!«, erwiderte er dann. Die Diplomatenwitwe Béatrice Gelderlo meinte dazu: »Der Himmel braucht eben zuweilen auch seine Botschafter, die gekonnt mit der Hölle verhandeln.«

De Vries kümmerte es eher wenig, ob man ihn im Himmel oder in der Hölle verortete. Er wusste von seinen beiden Spielpartnerinnen, dass sie sehr wohl hinter seine glänzende Fassade zu schauen vermochten. Er hatte nicht widersprochen, als die Pastorin einmal bemerkt hatte, er sei im Grunde ein großer Menschenfreund, dem jeglicher Zynismus abgehe. Er war nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren und hatte sich nach dem frühen Tod seiner Eltern emporgearbeitet. Die Angestellten des erfolgreichen Bauunternehmers schätzten ihren Chef und wussten, dass er noch jederzeit selbst die Kelle in die Hand nehmen und eine gerade Mauer errichten konnte. Er liebte das kleine Land, das ihm ein wenig die Familie ersetzte, und hatte für künstlerische und soziale Anliegen jederzeit ein offenes Ohr.

Am Rande des Marktplatzes traf er mit der Pfarrerin zusammen, und sie gingen die kurze Strecke zum Haus Gelderlo gemeinsam. Eine große gusseiserne Laterne beleuchtete das prächtige Renaissance-Portal, zu dem drei Stufen hinaufführten. In ihrem Licht registrierte de Vries wieder einmal erstaunt, wie apart Dörte Böhnisch mit vergleichsweise geringen Mitteln wirken konnte: ein wenig Lippenstift, das volle dunkle Haar locker hochgesteckt. Ihr selbst war diese Wirkung wahrscheinlich gar nicht bewusst. Im Gegenteil vergrub sie ihre vitalen Seiten unter ständiger Verantwortungs- und Dienstbereitschaft. Bei den offiziellen Anlässen und wenigen Gottesdiensten, bei denen er sie sonst erlebte, hatte ihr Gesicht einen besorgten, manchmal fast bekümmerten Ausdruck. Wie anders erschien sie hingegen während der gemeinsamen Spieleabende: gelöst, geistreich, voll charmanter Leichtigkeit, die einen Zug ins Aberwitzige und Verrückte bekommen konnte. Mehr als einmal hatte er Lust verspürt, sie einfach in den Arm zu nehmen.

Sie hörten Peter Brand näher kommen und warteten vor dem Eingang des alten Hauses auf ihn. Erfreut ließ de Vries seinen Blick etwas länger auf der Pastorin ruhen, was sie freundlich lächelnd erwiderte.

Die schöne alte Tür schloss sich hinter den drei Besuchern. An der Orgel von St. Maria Magdalenen bereitete Jakob van Heeren die Register für das erste Stück des Konzerts vor. In Geertshaven wurde eine schlecht beleuchtete Stelle an einem der kleineren Kanäle zur Zeugin einer handfesten Auseinandersetzung zwischen zwei Männern.

Eine halbe Stunde später fuhr der eine der beiden durch den Nebel nach Valckenburg.

Der andere trieb leblos im Kanal.

Andante in modo fatale

Die Töne fügten sich zu Bögen und Streben, mindestens so kunstvoll wie diejenigen der mächtigen, alten Kirche. Hatte Ariel Gelderlo den meisten Stücken mit geschlossenen Augen gelauscht, so folgte er mit Augen und Ohren jedem Ton dieser unverhofften Zugabe in die gotischen Gewölbe von Maria Magdalenen, in die das Licht der glänzenden, vielflammigen Kronleuchter nicht mehr ganz reichte. Er klammerte sich geradezu an die Töne – viel zu rasch verschwanden sie, den Nachhall wie einen Feenschleier hinter sich herziehend und ebenso plötzlich und geheimnisvoll in nichts aufgelöst, nur die weiß getünchten Backsteine zurücklassend. Mit genießerischem Lächeln, die Hände auf den Griff des Regenschirms gestützt, blieb Gelderlo ruhig zwischen all den Menschen sitzen, die laut applaudierend aufsprangen und dem Organisten Jakob van Heeren einen Triumph bereiteten, wie die Valckenburger Nachrichten sicher schreiben würden. Ariel Gelderlo hatte Meinhard Vorbracht einige Reihen weiter gesehen: Der massige Kulturredakteur schien sich die dargebotenen alten Meister gierig einzuverleiben – die Zugabe war da nur ein Leckerbissen mehr.

Nun, ein Leckerbissen gewiss – und was für einer! Doch was genau hatten sie da eigentlich eben gehört? Am Ende eines Konzerts, das ohnehin aus wiederentdeckten Werken bestand, die jahrhundertelang zwischen den Seiten alter Folianten geschlummert hatten?

Ariel Gelderlo hatte sich immer noch nicht von seinem Platz gerührt, als die anderen Zuhörer an ihm vorbei zum Ausgang strebten, einzeln, paarweise oder in kleinen Gruppen, schweigend, murmelnd, Bekannte grüßend oder das Gehörte diskutierend. Dabei stach Vorbrachts laut dröhnendes Organ besonders aufdringlich hervor. Gelderlo hatte Vorbracht schon nicht leiden können, als es dem Schicksal eingefallen war, sie in dieselbe Schulklasse zu stecken. Außerdem war er der festen Meinung, Schweigen sei die einzig angemessene Antwort auf einen Musikvortrag, und ging daher am liebsten allein in Konzerte.

Ob und wie sehr ihm eine Darbietung gefallen hatte, konnte man daran erkennen, wie lange er nach dem Konzert noch auf seinem Platz sitzen blieb und den verklungenen Tönen nachlauschte. So saß er auch jetzt, in den langen, klassisch eleganten Mantel gehüllt, konzentriert zurückgelehnt. Die wieder geschlossenen Augen verbargen seine höchst gespannte Aufmerksamkeit. In der gleichen Haltung sahen ihn seine Untergebenen und Mitarbeiter oft auch noch nach Dienstschluss in seinem Büro sitzen. Nun hatte das Wort Dienstschluss für einen Kriminalbeamten sicher eine untergeordnete Bedeutung, und als Leiter der Valckenburger Kriminalpolizei hatte er das Vorrecht, in seinem Büro sitzen zu bleiben, nachdem er alle anderen nach Hause geschickt hatte. Es waren die Stunden, in denen er sich noch einmal in Erinnerung rief, was er gesehen und gehört hatte – vielmehr, was er übersehen und überhört hatte: das kleine Detail, das die unerschütterliche Aussage eines Verdächtigen endlich als Lügengespinst entlarvte und einen verfahrenen Fall plötzlich klar nachvollziehbar erscheinen ließ. Ob am Ende die Lüge oder die Gerechtigkeit siegte, entschied sich meist an einem solchen Detail: dem falschen Tonfall oder dem unpassenden Wort in einer Aussage. Ariel war jedoch davon überzeugt, dass sich jeder Straftäter im Grunde seines Herzens eigentlich danach sehnte, dass man ihm auf die Spur kam. In der Regel machte sich dieser Wunsch in einer noch so unscheinbaren Kleinigkeit Luft. Nun galt es, sich im Nachhinein in das Muster des Verbrechens einzufühlen.

In der Kirche waren nur noch wenige Stimmen zu hören. Ariel Gelderlo hing der eben gehörten Musik nach, vor allem den eigentümlich schwermütigen, südlich warmen Klängen der seltsamen Zugabe, auf die er nicht vorbereitet gewesen war. Ungewohnte, reiche Farben nach den nüchterneren Werken deutscher und niederländischer Komponisten, die viel besser in den kühlen strengen Backsteindom passten. Ein Wiegenlied im Zwölf-Achtel-Takt einer Siciliana, gesungen in einem kleinen Boot auf einem unruhigen Ozean unter der Einsamkeit des schwarzen Nachthimmels, während eine einzelne Möwe daneben auf dem Wind dahinsegelte. Musik, die sein Herz so direkt erreichte wie Traubenzucker das Blut und jeglichen Widerstand dahinschmelzen ließ.

Solche mit unerschöpflichem Atem sich verströmenden Melodien hatte im barocken Europa nur einer zu Papier gebracht: Antonio Vivaldi. Immer wieder tauchten verschollene Werke auch dieses Komponisten in alten Bibliotheken auf. Hatte van Heeren diese Siciliana ebenfalls in den alten Folianten entdeckt? Seit Jahren nervte der rührige Organist die Fachwelt mit der fixen Idee, Vivaldi sei kurz vor seinem Tod noch in die Niederlande und nach Valckenburg gereist. Hierfür gab es durchaus schwache Indizien. Hatte er nun den Beweis gefunden?

Ariel Gelderlo beschloss, van Heeren in den nächsten Tagen einmal aufzusuchen und nach diesem Stück zu fragen. Aber nicht mehr heute Abend. Ein anderthalbstündiges Konzert ohne Pause mit einer ganzen Reihe sehr anspruchsvoller Kompositionen und dieser krönenden Zugabe – danach wollte van Heeren nicht mit neugierigen Fragen behelligt werden und blieb daher grundsätzlich oben auf der Empore, wo er sich jeden Besucher verbat.

Ariel öffnete seine Augen und blickte überrascht in ein anderes Paar: groß, braun und neugierig auf ihn gerichtet. Dazu gehörte ein hübsches Gesicht mit einem beinahe lockend draufgängerischen Zug um den Mund, umrahmt von gut frisierten, kastanienbraunen Haaren. Gelderlo verschlug es einen Moment den Atem. Die Frau, die er auf Ende zwanzig schätzte, trug einen eleganten roten Wintermantel, den sie leicht fröstelnd um ihre Schultern gezogen hatte, und kniehohe Stiefel, auf deren hohen Absätzen sie sich anmutig bewegte. Sie wirkte etwas ziellos, während sie an ihm vorbeiging, schien sich dann aber zu entschließen und wandte endlich den Blick von ihm ab. Das zunächst noch zögernde Klappern ihrer Schritte nahm einen stetigen Rhythmus an, dem der Widerhall des hohen leeren Raumes den Charakter von Kastagnetten verlieh, deren Tanz zunehmend im Echo aufging.

Der Kriminalhauptkommissar kannte die meisten, die um diese Jahreszeit in Valckenburg ein Kirchenkonzert besuchten, doch diese Frau hatte er nie zuvor gesehen. Er stand auf, sah sie am Ausgang dem Küster knapp zunicken und dann hinausgehen. Die Fremde war außer ihm die letzte Besucherin gewesen und hatte sich für ihn ebenso überraschend an die winterliche Nordseeküste verirrt wie die Zugabe.

Er warf einen letzten Blick zum prächtigen barocken Orgelprospekt empor. Am Spieltisch der herrlichen Orgel mit ihren sechsundvierzig Registern sortierte van Heeren offenbar noch seine Noten, bevor er das Licht löschen und nach unten kommen würde. Ariel wandte sich endlich zum Ausgang.

Solange sie die Augen geschlossen hielt, konnte sie sich einbilden, sie wäre in der Heidelberger Heiliggeistkirche, neben sich ihre Freundin Katharina. Eine große Woge Heimweh schlug über ihr zusammen, als die geheimnisvolle Musik verklang – eine Gondel, die im Dunkel unter einer Brücke verschwand.

Sie öffnete die Augen und stimmte zurückhaltend in den erneut aufbrausenden Applaus ein. Nun gut: Valckenburg. Nicht Heidelberg, nicht Venedig. Und die Konzertbesucherin neben ihr hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit Katharina. Die Mittsiebzigerin trug eine überdimensionierte rote Stoffblume im hennaroten Haar und seufzte theatralisch: »Einmalig, diese Klangfarben! Darin war Händel wirklich Meister, finden Sie nicht auch?«

Merle Feierabend erwiderte freundlich lächelnd auf Italienisch: »Wer Vivaldi nicht von Händel unterscheiden kann, der hält am Ende Lasagne für Fish and Chips!«

Zufrieden beobachtete sie die Wirkung ihrer Worte auf die exaltierte Dame. Diese wandte sich pikiert ab und murmelte: »Nicht einmal hier ist man vor diesen Türken sicher!«

Nachdem Merle Feierabend ihre Nachbarin losgeworden war, blieb sie noch eine Weile auf ihrem Platz sitzen. Sie hatte sich für diesen absehbar trübsinnigen ersten Advent einen anderen Ausklang gewünscht. Als sie ihre Handschuhe aus der Manteltasche nahm, fiel die Nachricht heraus, die sie vorhin unwillig zerknüllt und weggesteckt hatte: »Liebe Merle! So bezaubernd wie Du ist in meiner Doppelkopfrunde keiner! Aber ein Ruf von Béatrice Gelderlo ist wie der Ruf der Queen! Das Opfer fällt mir jedoch leichter, wenn ich daran denke, wie Du mir morgen beim Abendessen im Casino in leuchtenden Farben von dem Konzert erzählen wirst. Ich wünsche Dir trotzdem viel Freude! Dein René«.

Die Kassiererin hatte ihr den Zettel zusammen mit der bereits bezahlten und für sie hinterlegten Eintrittskarte ausgehändigt. René Maarten de Vries hatte Merle überhaupt erst auf dieses Konzert aufmerksam gemacht, zugleich jedoch bedauernd klargestellt, dass er sein monatliches Kartenspiel unter keinen Umständen dafür ausfallen lassen könne. Merle war bisher nicht mit der Tatsache konfrontiert worden, dass es in de Vries’ Leben einen unverrückbaren Jour fixe gab, an dem sie nicht teilnehmen konnte – und sie hatte bis zuletzt gehofft, er werde es sich doch anders überlegen. Sie hatte ihn kurz nach ihrem Umzug im Sommer kennengelernt. Ihr Kollege und Lebensgefährte Lars van Huizen, dem sie von Heidelberg in seine Heimatstadt Geertshaven gefolgt war, musste trotz Urlaubs an einer dringenden Fallbesprechung im Polizeipräsidium teilnehmen, und Merle strich gelangweilt durch den Jachthafen. Der Besitzer eines besonders eleganten Bootes, das sie geistesabwesend betrachtete, folgte ihrem Blick amüsiert und lud sie zu einem Hafenrundgang ein.

In den folgenden Monaten ergab sich häufiger die Gelegenheit, gemeinsam etwas zu unternehmen. De Vries war achtzehn Jahre älter als sie. Beide fanden einander charmant und unterhaltsam und genossen die entspannte Zeit miteinander. Von Lars sah Merle nicht mehr viel. Während sie in Heidelberg sogar im gleichen Büro gearbeitet hatten, war er mit seiner Rückkehr nach Geertshaven zum Leiter des hiesigen Dezernats Wirtschaftskriminalität aufgestiegen und Merle wieder als Kriminalhauptkommissarin im Dezernat Kapitalverbrechen tätig. In seiner neuen Eigenschaft hatte Lars alle Hände voll zu tun. Die jüngsten Enthüllungen hatten die wahre Identität der Betreiber etlicher Briefkastenfirmen publik gemacht. Hier fand sich internationale Prominenz aus Wirtschaft, Politik, Sport und Kultur neben dem organisierten Verbrechen wieder. Und inzwischen legten die Ermittlungen nahe, dass selbst Mitglieder der Valckenburger Regierung mit hohen Summen bestochen worden waren.

Merle hingegen befasste sich anders als an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz bis jetzt vor allem mit langweiligen Routineaufgaben. Teilweise betrafen diese das Geertshavener Casino, das vor Merles Zeit erfolglos überfallen worden war. Zwei Täter hatte man damals fassen können, nach weiteren suchte man nicht mehr ernsthaft. Merle kannte die Akte des Falls längst auswendig, hatte ihr Wissen jedoch bisher nicht anwenden können. Die beiden verurteilten Täter hatten inzwischen ihre Haftstrafe verbüßt. Der eine hatte umgehend das Land verlassen, der andere war bislang nicht weiter auffällig geworden, was Merle zuweilen bedauerte.

Heimweh bedrückte sie und sie fragte sich, was sie eigentlich in diesem an den Rand der Weltgeschichte gespülten Nordsee-Monaco wollte.

Leise seufzend stand sie auf, knöpfte ihren Mantel zu und streifte die Handschuhe über. Bis auf einen Mann einige Reihen hinter ihr hatten alle Konzertbesucher die ehrwürdige Kirche bereits verlassen, die in all ihrer kühlen Pracht und Erhabenheit Merle nichts Bergendes bot. Da­ran vermochte auch der große Adventskranz nichts zu ändern. Fröstelnd zog sie den Mantel fester um ihre Schultern und setzte sich in Bewegung.

Der Mann, der immer noch unbeweglich auf seinem Platz saß, fesselte ihre Aufmerksamkeit. Er hielt die Augen geschlossen und sie betrachtete ihn unverhohlen. Sie schätzte ihn auf Mitte vierzig. Sein leicht geöffneter Mantel musste sehr teuer gewesen sein, ebenso wie der offensichtlich von einem exzellenten Schneider gefertigte elegante Zweireiher. Die etwas aus der Zeit gefallenen Kleidungsstücke, zusammen mit einem schwarzen Stockschirm, verliehen ihrem Träger das Aussehen eines englischen Land­edelmannes. Er war groß und kräftig gebaut, aber schlank. Sein Gesicht unter den sorgfältig gekämmten Haaren hatte markante Züge und um den Mund ein angedeutetes Lächeln. Die geschlossenen Augen verliehen ihm etwas Konzentriertes und Entspanntes zugleich. Vielleicht der Musikkritiker der Valckenburger Nachrichten?

Inzwischen war sie dicht bei ihm angekommen und er öffnete die Augen: graugrün, mit einem Blick, der gewohnt war, sein Gegenüber festzuhalten. Sie verwarf den Musikkritiker. Nur langsam ließ sie seinen Blick los und entschied sich endlich, die ungastlich gewordene Kirche zu verlassen und heimzugehen.

Draußen war der Nebel inzwischen noch dichter.

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