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Shining

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Zitate
  6. Teil Eins – Vorbereitung
  7. 1 – Einstellungsgespräch
  8. 2 – Boulder, Colorado
  9. 3 – Watson
  10. 4 – Schattenland
  11. 5 – Telefonzelle
  12. 6 – Nachtgedanken
  13. 7 – In einem anderen Schlafzimmer
  1. Teil Zwei – Saisonschluss
  2. 8 – Das Overlook
  3. 9 – Der Auszug
  4. 10 – Hallorann
  5. 11 – Shining: Das zweite Gesicht
  6. 12 – Der große Rundgang
  7. 13 – Die vordere Säulenhalle
  1. Teil Drei – Das Wespennest
  2. 14 – Auf dem Dach
  3. 15 – Unten im Vorderhof
  4. 16 – Danny
  5. 17 – Beim Arzt
  6. 18 – Die Sammelmappe
  7. 19 – Vor Zimmer 217
  8. 20 – Gespräch mit Mr. Ullman
  9. 21 – Nachtgedanken
  10. 22 – Im Lieferwagen
  11. 23 – Auf dem Spielplatz
  12. 24 – Schnee
  13. 25 – In Zimmer 217
  1. Teil Vier – Eingeschneit
  2. 26 – Traumland
  3. 27 – Katatonisch
  4. 28 – »Sie war es!«
  5. 29 – Küchengespräch
  6. 30 – Erneuter Besuch in Zimmer 217
  7. 31 – Das Urteil
  8. 32 – Das Schlafzimmer
  9. 33 – Das Schneemobil
  10. 34 – Die Hecken
  11. 35 – Das Foyer
  12. 36 – Der Fahrstuhl
  13. 37 – Der Festsaal
  1. Teil Fünf – Auf Leben und Tod
  2. 38 – Florida
  3. 39 – Auf der Treppe
  4. 40 – Im Keller
  5. 41 – Tageslicht
  6. 42 – In der Luft
  7. 43 – Getränke auf Kosten des Hauses
  8. 44 – Partygespräche
  9. 45 – Stapleton Airport, Denver
  10. 46 – Wendy
  11. 47 – Danny
  12. 48 – Jack
  13. 49 – Hallorann unterwegs in die Berge
  14. 50 – Drom
  15. 51 – Hallorann kommt an
  16. 52 – Wendy und Jack
  17. 53 – Hallorann in Schwierigkeiten
  18. 54 – Tony
  19. 55 – Was man vergessen hatte
  20. 56 – Die Explosion
  21. 57 – Exit
  22. 58 – Epilog/Sommer

Über den Autor

Stephen Edwin King wurde 1947 in Portland, Maine, geboren. Nach dem Studium der englischen Literatur an der University of Maine (und seiner Heirat mit Tabitha Spruce) trat er 1971 eine Stelle als Lehrer an der Hampden Academy in Maine an. Nach ersten Veröffentlichungen von Kurzgeschichten kam 1974 sein erster Roman Carrie auf den Markt – der Beginn seiner Karriere als freier Schriftsteller. Bis heute lebt und arbeitet Stephen King in Maine.

STEPHEN
KING

SHINING

THRILLER

Ins Deutsche übertragen von
Harro Christensen

In diesem Gemach befand sich außerdem … eine riesige Standuhr aus Ebenholz. Ihr Pendel schwang hin und her mit dumpfem, monotonem Klang; und wenn es Zeit war, die Stunden zu schlagen, kam aus den Messinglungen der Uhr ein klarer, lauter, sonorer und überaus harmonischer Schall, der sich aber doch so seltsam anhörte, dass sich die Orchestermusiker bei jedem Stundenschlag gezwungen fühlten, innezuhalten und dem Klang zu lauschen; und auch die Tänzer drehten sich nicht weiter; und Unruhe befiel kurz die ganze frohe Gesellschaft; und während die Schläge der Uhr noch dröhnten, merkte man, dass auch der Ausgelassenste blass wurde und die Älteren und Abgeklärteren sich mit der Hand über die Stirn strichen, als träumten sie wirr oder meditierten. Aber als alles Echo verklungen war, ging leises Lachen durch die Menge … als ob sie über ihre eigene Nervosität lachten, und flüsternd versprachen sie einander, das nächste Schlagen sollte sie nicht mehr verstören; und dann nach Ablauf einer Stunde … schlug die Uhr wieder, und dieselbe Bestürzung und Angst und Nachdenklichkeit wie vorher machte sich breit.

Aber trotz all dieser Dinge war es ein fröhliches, prächtiges Fest …

E. A. Poe
»Die Maske des roten Todes«

Der Schlaf der Vernunft gebiert die Ungeheuer.
Goya

It’ll shine when it shines.
Volksmund

Teil Eins
Vorbereitung

1
Einstellungsgespräch

Schmieriger kleiner Scheißkerl, dachte Jack Torrance.

Er maß einen Meter sechzig und bewegte sich mit der eilfertigen Gewandtheit, die offenbar allen kurzen Dicken eigen ist. Sein Haar war exakt gescheitelt, und sein dunkler Anzug wirkte nüchtern, aber irgendwie tröstlich. Ich bin der Mann, zu dem du mit deinen Problemen kommen kannst, verriet dieser Anzug dem zahlenden Kunden. Den kleinen Angestellten sagte er etwas ganz anderes: Entweder ihr spurt, oder … In seinem Aufschlag steckte eine rote Nelke, vielleicht, damit niemand Stuart Ullman auf der Straße mit dem örtlichen Beerdigungsunternehmer verwechseln konnte.

Während er Ullman zuhörte, gestand Jack sich ein, dass er unter diesen Umständen niemanden gut gefunden hätte, der ihm gegenüber am Schreibtisch saß.

Ullman hatte etwas gefragt, was ihm entgangen war. Das war schlimm; Ullman war genau der Typ, der sich solche Fehler merkte, sie im Gedächtnis behielt und später wieder gegen seinen Kontrahenten ausspielte.

»Wie bitte?«

»Ich frage, ob Ihre Frau weiß, auf was Sie sich hier einlassen. Und dann ist da noch Ihr Sohn.« Er sah auf das Antragsformular, das vor ihm lag. »Daniel. Bekommt Ihre Frau bei diesem Gedanken nicht Angst?«

»Wendy ist eine außergewöhnliche Frau.«

»Ist auch Ihr Sohn außergewöhnlich?«

Jack lächelte ein breites PR-Lächeln. »Das bilden wir uns gern ein. Für seine fünf Jahre ist er ganz schön selbstständig.«

Ullman erwiderte das Lächeln nicht. Er ließ Jacks Antragsformular in die Akte zurückgleiten. Die Akte legte er in die Schublade.

Der Schreibtisch war jetzt, abgesehen vom Telefon, der Schreibunterlage und einer Tensor-Lampe, völlig leer. Natürlich stand da auch noch der Ein- und Ausgangskorb. Aber der war ebenfalls leer.

Ullman stand auf und trat an den Aktenschrank in der Ecke. »Kommen Sie bitte hier herum, Mr. Torrance. Wir werden uns die Pläne der einzelnen Stockwerke vornehmen.«

Er brachte fünf große Bogen herbei und legte sie auf das polierte Nussbaumholz des Tisches. Jack sah ihm über die Schulter und roch sein aufdringliches Parfüm. Alle meine Männer tragen Englischleder oder gar nichts, fuhr es ihm ohne jeden Grund durch den Sinn, und er musste sich auf die Zunge beißen, um nicht laut loszulachen.

Durch die Wand hindurch hörte man schwach die Geräusche vom Küchenbetrieb des Overlook Hotels, denn die Lunchzeit ging gerade zu Ende.

»Das oberste Stockwerk«, sagte Ullman hastig. »Das Dachgeschoss. Dort oben steht nur Gerümpel. Das Overlook hat seit dem Zweiten Weltkrieg mehrere Male den Besitzer gewechselt, und es scheint, als ob die jeweiligen Manager alles, was sie nicht brauchen konnten, auf den Boden gestellt haben. Ich will, dass Sie dort Rattenfallen aufstellen und Gift legen. Einige der Stubenmädchen vom dritten Stock wollen dort raschelnde Geräusche gehört haben. Ich glaube das zwar nicht, aber jede Möglichkeit, dass sich im Overlook Hotel Ratten aufhalten, muss hundertprozentig ausgeschlossen werden.«

Jack, der davon überzeugt war, dass in jedem Hotel der Welt eine oder zwei Ratten wohnten, schwieg dazu.

»Sie würden Ihrem Sohn natürlich nie gestatten, den Dachboden zu betreten.«

»Nein«, sagte Jack und ließ wieder sein PR-Lächeln aufblitzen. Eine entwürdigende Situation. Dachte dieser schmierige kleine Scheißkerl tatsächlich, dass er seinem Sohn erlauben würde, auf einem Dachboden voller Rattenfallen, Schrottmöbel und wer weiß was sonst noch herumzustöbern?

Ullman wischte den Plan des Dachbodens zur Seite und schob ihn unter den Stapel.

»Das Overlook hat hundertzehn Gästequartiere«, sagte er in belehrendem Ton. »Dreißig davon, alles Suiten, befinden sich im dritten Stock. Zehn im Westflügel – einschließlich der Präsidentensuite –, zehn in der Mitte und zehn weitere im Ostflügel. Aus allen hat man eine herrliche Aussicht.«

Kannst du nicht wenigstens auf diese Anpreisungen verzichten?

Aber er schwieg. Er brauchte den Job.

Ullman legte den dritten Stock unter den Stapel, und sie sahen sich den zweiten Stock an.

»Vierzig Zimmer«, sagte Ullman, »dreißig Doppel- und zehn Einzelzimmer. Und im ersten Stock je zwanzig. Plus eingebauten Wäscheschränken auf jeder Etage und einem Lagerraum, der sich im zweiten Stock am äußersten östlichen, im ersten Stock am äußersten westlichen Ende des Hotels befindet. Noch Fragen?«

Jack schüttelte den Kopf.

»Und nun die Räumlichkeiten im Parterre. Hier in der Mitte liegt der Empfangsschalter, hinter dem sich die Büros befinden. Davor erstreckt sich das Foyer fünfundzwanzig Meter in beiden Richtungen. Hier drüben im Westflügel haben wir den Esssaal und die Colorado Lounge. Die Festräume befinden sich im Ostflügel. Noch Fragen?«

»Was ist mit dem Kellergeschoss?«, sagte Jack. »Im Winter ist das für den Hausmeister der wichtigste Bereich. Sozusagen das Herzstück des Betriebes.«

»Watson wird Ihnen das alles zeigen. Der Plan hängt im Kesselraum an der Wand.« Er legte auf eindrucksvolle Weise die Stirn in Falten, vielleicht um zu zeigen, dass er sich als Manager nun wirklich nicht um solche Lappalien kümmern konnte wie den Versorgungstrakt des Overlook Hotels. »Wäre ganz gut, wenn man auch dort unten ein paar Fallen aufstellte. Einen Augenblick, bitte …«

Er kritzelte eine Notiz auf einen Block, den er aus der Innentasche seines Jacketts gezogen hatte (jedes Blatt trug die Aufschrift Vom Schreibtisch Stuart Ullmans), riss das beschriebene Blatt ab und warf es in den Ausgangskorb. Wie durch einen Zaubertrick war der Block plötzlich wieder in seinem Jackett verschwunden. Eben war er noch da, Jacky, mein Junge, und jetzt ist er weg. Der Kerl ist eine richtige Kanone.

Sie hatten ihre ursprünglichen Plätze wieder eingenommen, Ullman hinter und Jack vor dem Schreibtisch, der Interviewer und der Interviewte, der Gönner wider Willen und der Bittsteller. Ullman faltete seine zierlichen kleinen Hände auf der Schreibunterlage und sah Jack direkt an. Er war ein kleiner Mann mit beginnender Glatze, in einem Börsenanzug mit unauffälliger grauer Krawatte. Die Blume in seinem Revers hatte in einer Anstecknadel auf der anderen Seite ein Gegenstück, und auf dieser Nadel stand in Goldbuchstaben das Wort PERSONAL.

»Ich will ganz offen mit Ihnen reden, Mr. Torrance. Albert Shockley ist ein mächtiger Mann mit beträchtlichen Anteilen am Overlook, das in dieser Saison zum ersten Mal in seiner Geschichte Gewinn abgeworfen hat. Mr. Shockley sitzt auch im Aufsichtsrat, aber er ist kein Hotelfachmann, und er wäre der Letzte, der das nicht zugäbe.

Aber hinsichtlich der Besetzung der Hauswartstelle hat er deutliche Wünsche geäußert. Er will, dass Sie eingestellt werden. Das wird auch geschehen. Aber wenn mir die Hände nicht gebunden wären, hätte ich Sie nicht genommen.«

Jack hielt die Hände im Schoß verschränkt und rieb sich die schweißnassen Finger. Schmieriger kleiner Scheißkerl, schmieriger kleiner …

»Sie mögen mich vermutlich nicht besonders, Mr. Torrance. Das ist mir gleichgültig. Und es hat nichts mit meiner Überzeugung zu tun, dass Sie für diesen Job nicht geeignet sind. Während der Saison, die vom fünfzehnten Mai bis zum dreißigsten September dauert, beschäftigt das Overlook ganztägig hundertzehn Leute, sozusagen einen für jeden Raum. Ich glaube, nur wenige von ihnen mögen mich, und einige halten mich wahrscheinlich für ein Schwein. Diese Leute könnten recht haben, denn um dieses Hotel zu leiten, wie es sich gehört, muss man ein Schwein sein.«

Er sah Jack an, als erwartete er einen Kommentar. Jack ließ wieder sein PR-Lächeln aufblitzen, wobei er geradezu beleidigend die Zähne zeigte.

Ullman sprach weiter. »Das Overlook wurde in den Jahren 1907 und 1908 gebaut. Die nächstgelegene Stadt ist Sidewinder, vierzig Meilen weiter östlich gelegen und über Straßen zu erreichen, die von Ende Oktober bis etwa April unpassierbar sind. Ein gewisser Robert Townley Watson ließ das Hotel errichten, der Großvater unseres jetzigen Monteurs. Hier haben schon Vanderbilts, Rockefellers, Astors und DuPonts gewohnt. Die Präsidentensuite hat schon vier Präsidenten gesehen. Wilson, Harding, Roosevelt und Nixon.«

»Auf Harding und Nixon wäre ich nicht besonders stolz«, murmelte Jack.

Ullman runzelte die Stirn, sprach aber unbeirrt weiter. »Watson wuchs die ganze Sache über den Kopf, und 1915 verkaufte er das Hotel. Es wurde noch dreimal weiterverkauft: 1922, 1929 und 1936. Bis zum Zweiten Weltkrieg stand es leer. Dann kaufte und renovierte es Horace Derwent, Millionär, Erfinder, Pilot, Filmproduzent und Unternehmer.«

»Ich kenne den Namen«, sagte Jack.

»Ja. Er machte aus allem, was er anfasste, Gold … nur nicht aus dem Overlook. Er steckte über eine Million Dollar hinein, bevor überhaupt nach dem Krieg der erste Gast erschien, und verwandelte eine heruntergekommene Ruine in ein Schmuckstück. Derwent war es auch, der die Roque-Anlage erstellen ließ, die ich Sie bei der Ankunft bewundern sah.«

»Roque?«

»Ein britischer Vorläufer unseres Croquet, Mr. Torrance. Croquet ist eine Verballhornung des Wortes Roque. Derwent soll das Spiel von seinem Privatsekretär gelernt haben und dann ganz verrückt danach gewesen sein. Unsere ist vielleicht die schönste Roque-Anlage in ganz Amerika.«

»Das will ich nicht bezweifeln«, sagte Jack feierlich. Eine Roque-Anlage, ein künstlicher Garten voller kleiner Wildtiere, und was kommt als Nächstes? Vielleicht ein Kinderspielplatz hinter dem Geräteschuppen? Er hatte genug, aber er sah, dass der Mann noch nicht fertig war. Ullman wollte seinen Vortrag bis zum letzten Wort zu Ende führen.

»Als Derwent drei Millionen verloren hatte, verkaufte er an eine Gruppe kalifornischer Investoren. Sie machten mit dem Overlook die gleichen schlechten Erfahrungen. Eben keine Hotelfachleute. 1970 kaufte Mr. Shockley zusammen mit einigen Geschäftspartnern das Hotel und betraute mich mit seiner Leitung. Auch wir blieben noch einige Jahre in den roten Zahlen, aber heute kann ich mit Befriedigung feststellen, dass die gegenwärtigen Eigentümer ihr Vertrauen in mich nie verloren haben. Im vergangenen Jahr war die Bilanz ausgeglichen. Und in diesem Jahr macht das Overlook zum ersten Mal seit fast siebzig Jahren Gewinn.«

Jack glaubte gern, dass der Stolz dieses geschäftigen kleinen Kerls berechtigt war, aber sofort überlief ihn wieder eine Welle der Abneigung gegen ihn.

Er sagte: »Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen der, zugegeben, farbigen Geschichte des Overlook und Ihrem Gefühl, dass ich für den Posten nicht geeignet bin, Mr. Ullman.«

»Ein Grund dafür, dass das Overlook so viel Geld verloren hat, ist die jeden Winter einsetzende Wertminderung. Sie verringert den Profit sehr viel mehr, als Sie vielleicht glauben, Mr. Torrance. Es gibt hier ungeheuer harte Winter. Um mit diesem Problem fertig zu werden, setze ich im Winter ganztägig einen Hausmeister ein, der die Kesselanlage bedient und die verschiedenen Teile des Hotels im täglichen Wechsel beheizt, der etwaige Schäden beseitigt und Reparaturen durchführt, damit die Elemente nicht die Oberhand gewinnen. Er muss auf jeden denkbaren Zwischenfall gefasst sein. Während des ersten Winters hatten wir hier eine Familie statt eines einzelnen Mannes. Es gab eine Tragödie. Eine schreckliche Tragödie.«

Ullman sah Jack kalt und abschätzend an.

»Ich habe einen Fehler gemacht. Ich gebe es offen zu. Der Mann war Trinker.«

Jack spürte, wie sich sein Mund zu einem trägen, bissigen Grinsen verzog – das genaue Gegenstück zu dem zähnefletschenden PR-Grinsen von vorhin. »Daher weht also der Wind. Ich bin überrascht, dass Al Ihnen nicht gesagt hat, dass ich aus dem Gewerbe ausgeschieden bin.«

»Ja, Mr. Shockley sagte mir, dass Sie nicht mehr trinken. Er erzählte mir auch die Sache mit Ihrem letzten Job … vielleicht nennen wir ihn Ihre letzte Vertrauensstellung? Sie haben an einer Oberschule in Vermont Englisch unterrichtet. Bis Sie dann einmal die Beherrschung verloren. Mehr brauche ich darüber wohl nicht zu sagen. Aber ich glaube schon, dass der Fall Grady in diesen Zusammenhang gehört, und deshalb habe ich auch Ihre … äh, Vorgeschichte angesprochen. Im Winter 1970–71 stellte ich diesen … diesen unglückseligen Delbert Grady ein. Er bezog die Räumlichkeiten, in denen Sie mit Ihrer Frau und Ihrem Sohn wohnen werden. Er hatte eine Frau und zwei Töchter. Meine Bedenken gründeten hauptsächlich auf der Härte der Winter und der Tatsache, dass die Gradys fünf oder sechs Monate lang von der Außenwelt abgeschnitten sein würden.«

»Aber das stimmt doch in Wirklichkeit gar nicht. Es gibt hier doch Telefone und wahrscheinlich auch ein CB-Funkgerät. Und der Rocky-Mountain-Nationalpark liegt in Hubschrauberentfernung. Im Übrigen wird es auf einem Komplex von dieser Größe sicherlich ein oder zwei Schneepflüge geben.«

»Nicht, dass ich wüsste«, sagte Ullman. »Allerdings hat das Hotel einen kombinierten Sender-Empfänger, den Mr. Watson Ihnen zeigen wird, zusammen mit einer Liste der korrekten Sendefrequenzen für den Fall, dass Sie Hilfe brauchen. Die Telefonleitungen zwischen hier und Sidewinder verlaufen noch über der Erde, und fast jeden Winter werden sie an irgendeiner Stelle unterbrochen. Das dauert dann gewöhnlich drei Wochen bis eineinhalb Monate. Außerdem steht im Geräteschuppen noch ein Schneemobil.«

»Dann ist dieser Laden ja nicht völlig von der Außenwelt abgeschnitten.«

Mr. Ullmans Gesicht bekam einen leidenden Ausdruck. »Stellen Sie sich vor, Ihr Sohn oder Ihre Frau fallen die Treppe hinunter und erleiden einen Schädelbruch. Würden Sie dann immer noch denken, Sie seien nicht abgeschnitten?«

Jack verstand, was er meinte. Wenn man Höchstgeschwindigkeit fuhr, konnte man Sidewinder mit dem Schneemobil in etwa eineinhalb Stunden erreichen. Ein Hubschrauber vom Rettungsdienst des Nationalparks könnte in drei Stunden hier oben sein … unter optimalen Bedingungen. In einem Schneesturm würde er nicht einmal abheben können. Dann könnte man ein Schneemobil auch nicht mit Höchstgeschwindigkeit fahren, wenn man es überhaupt wagen würde, einen Schwerverletzten Temperaturen von fünfundzwanzig Grad minus auszusetzen – oder vierzig Grad minus, wenn man den durch Wind bedingten Kältefaktor berücksichtigte.

»In Gradys Fall«, sagte Ullman, »argumentierte ich etwa so, wie Mr. Shockley es Ihnen gegenüber getan zu haben scheint. Schon Einsamkeit kann schaden. Es war für den Mann besser, seine Familie bei sich zu haben. Falls etwas passierte, musste es ja nicht gleich ein Schädelbruch, ein schwerer Unfall mit elektrischem Gerät oder eine ähnliche Katastrophe sein. Bei einer schweren Grippe, bei Lungenentzündung, einem gebrochenen Arm und selbst bei einer Blinddarmentzündung hätte man für Rettungsmaßnahmen immer noch genügend Zeit.

Was in Gradys Fall geschah, war wohl eher auf den Konsum von reichlich billigem Whiskey zurückzuführen, von dem Grady sich ohne mein Wissen einen gewaltigen Vorrat angelegt hatte. Eine weitere Ursache mag ein eigenartiger Zustand gewesen sein, den man früher Budenkoller nannte. Kennen Sie den Begriff?« Er lächelte herablassend, bereit, Jack aus seiner Ignoranz zu erlösen, und Jack war froh, rasch und präzise zu antworten.

»Es handelt sich um einen Slangausdruck für die klaustrophobische Reaktion, die sich einstellen kann, wenn Leute längere Zeit zusammen eingeschlossen sind. Das Gefühl der Klaustrophobie äußert sich in Abneigung gegenüber den Leuten, mit denen man zusammen eingesperrt ist. In extremen Fällen kann es zu Halluzinationen und Gewalttätigkeiten kommen – banale Dinge wie ein angebranntes Essen oder ein Streit darüber, wer das Geschirr spült, haben schon zu Mord und Totschlag geführt.«

Ullman war ziemlich verblüfft, was Jack ungeheuer wohltat. Er beschloss, noch ein wenig höher zu reizen, aber insgeheim versprach er Wendy, ruhig zu bleiben.

»Damit haben Sie tatsächlich einen Fehler gemacht. Ist Grady gewalttätig geworden?«

»Er hat sie umgebracht, Mr. Torrance, und anschließend Selbstmord begangen. Die kleinen Mädchen ermordete er mit einem Beil, seine Frau mit einer Schrotflinte, mit der er sich auch selbst erschoss. Er hatte ein gebrochenes Bein. Zweifellos war er so betrunken, dass er die Treppe hinunterstürzte.«

»War er Universitätsabsolvent?«

»Das war er allerdings nicht«, sagte Ullman ein wenig förmlich. »Ich dachte, dass ein, sagen wir mal, weniger phantasiebegabtes Individuum auf die Schwierigkeiten der Abgeschlossenheit weniger empfindlich reagieren würde …«

»Genau darin lag der Fehler«, sagte Jack. »Ein Dummkopf neigt viel eher zur Klaustrophobie, und er neigt auch viel eher dazu, jemanden beim Kartenspiel zu erschießen oder ohne Überlegung einen Raubüberfall zu begehen. Er langweilt sich. Ihm bleibt nur Fernsehen oder Patiencelegen, bei dem er betrügt, wenn er nicht rechtzeitig alle Asse draußen hat. Er hat nichts zu tun, als seine Frau anzumisten, mit den Kindern herumzunörgeln und zu saufen. Er kann nicht einschlafen, weil nichts zu hören ist. Also trinkt er, bis er müde ist, und wacht mit einem Kater auf. Er ist gereizt. Jetzt fällt vielleicht noch das Telefon aus, und die TV-Antenne wird vom Dach geweht, und wieder kann er nur grübeln und bei Patience betrügen, und er wird immer gereizter. Am Ende … knallt er drauflos.«

»Während ein gebildeter Mann wie Sie …?«

»Meine Frau und ich lesen viel. Ich arbeite an einem Stück, wie Al Shockley Ihnen wahrscheinlich berichtet hat. Danny hat seine Puzzles, seine Malbücher und sein Quarzradio. Ich werde ihm Lesen beibringen, und er soll auch Schneeschuhlaufen lernen. Das möchte meine Frau übrigens auch gern. O doch, ich denke schon, dass wir uns beschäftigen können und uns nicht gleich in die Haare geraten, wenn das Fernsehen im Eimer ist.« Er machte eine Pause. »Al hat recht, wenn er sagt, dass ich nicht mehr trinke. Früher tat ich es, und es wurde immer schlimmer. Aber in den letzten vierzehn Monaten habe ich noch nicht einmal ein Glas Bier getrunken. Ich beabsichtige nicht, Alkohol mitzubringen, und ich glaube nicht, dass man welchen beschaffen kann, wenn erst der Schnee fällt.«

»Damit haben Sie völlig recht«, sagte Ullman. »Aber wenn Sie zu dritt hier oben sind, vervielfachen sich natürlich die Möglichkeiten, aus denen Probleme entstehen. Das habe ich Mr. Shockley gesagt. Er ist bereit, die Verantwortung für Sie zu übernehmen. Jetzt habe ich es Ihnen gesagt, und Sie wollen offenbar auch die Verantwortung dafür übernehmen …«

»So ist es.«

»Gut. Ich muss es akzeptieren, da ich keine andere Wahl habe. Ich hätte dennoch lieber einen alleinstehenden Studenten, der sich ein Jahr freinimmt. Nun, vielleicht kommen Sie ja klar. Jetzt überlasse ich Sie Mr. Watson, der Sie durch das Kellergeschoss führen und Ihnen das umliegende Gelände zeigen wird. Oder haben Sie noch Fragen?«

»Nein, keine.«

Ullman stand auf. »Hoffentlich habe ich Sie nicht verstimmt, Mr. Torrance. Was ich Ihnen sagte, war nicht persönlich gemeint. Ich will nur das Beste für das Overlook. Es ist ein großartiges Hotel, und das soll es bleiben.«

»Nein, nein. Ich bin nicht verstimmt.« Wieder ließ Jack sein PR-Grinsen aufblitzen, aber er war froh, dass Ullman ihm wenigstens nicht die Hand reichte. Er war verstimmt. Aus allen möglichen Gründen.

2
Boulder, Colorado

Sie schaute aus dem Fenster und sah ihn einfach nur am Bordstein sitzen. Er spielte weder mit seinen Autos noch mit dem Wagen, nicht einmal mit dem Segelflugzeug aus Balsaholz, an dem er so viel Spaß gehabt hatte, seit Jack es vor einer Woche mitgebracht hatte. Er saß ganz einfach da und hielt Ausschau nach ihrem abgenutzten alten VW, die Ellbogen auf den Schenkel und das Kinn in die Hände gestützt, ein fünfjähriges Kind, das auf seinen Daddy wartete.

Wendy fühlte sich plötzlich elend, fast zum Heulen elend.

Sie hängte das Geschirrtuch auf den Handtuchhalter über der Spüle, und auf dem Weg nach unten schloss sie die zwei oberen Knöpfe ihres Hauskleids. Jack und sein Stolz! Nein, nein, Al, ich brauche keinen Vorschuss. Ich komme noch eine Weile aus. Die Wände der Diele hatten Risse und waren mit bunter Kreide, Fettstiften und Sprühfarbe beschmiert. Die Treppen waren steil und abgesplittert. Das ganze Gebäude roch nach Verfall. Welch schrecklicher Ort war dies für Danny, nach dem schmucken kleinen Haus in Stovington. Die Leute über ihnen im dritten Stock waren nicht verheiratet. Das störte sie nicht weiter, wohl aber ihr ständiges boshaftes Gezanke. Manchmal bekam sie direkt Angst. Der Kerl da oben hieß Tom, und wenn freitags die Kneipen geschlossen hatten und die beiden nach Hause gekommen waren, ging die Streiterei ernsthaft los – während der übrigen Woche fanden nur die Vorkämpfe statt. Die Freitagabendschlacht nannte Jack das, aber es war wirklich nicht komisch. Die Frau – sie hieß Elaine – fing zuletzt immer an zu weinen und wiederholte ständig: »Nein, Tom. Bitte nicht.« Und er brüllte sie an. Einmal war sogar Danny aufgewacht, und Danny hatte wirklich einen gesunden Schlaf. Am nächsten Morgen hatte Jack Tom beim Rausgehen erwischt und auf dem Gehweg eine Weile mit ihm gesprochen.

Tom fing an zu schreien, und Jack hatte noch etwas zu ihm gesagt, zu leise, als dass Wendy es hätte verstehen können. Tom hatte darauf nur mürrisch den Kopf geschüttelt und war weggegangen. Das war vor einer Woche gewesen, und ein paar Tage hatte relative Ruhe geherrscht, aber seit dem Wochenende war alles wieder normal – Verzeihung, unnormal. Es war nicht gut für den Jungen.

Wieder brach ihr ganzer Kummer über sie herein, aber sie war schon draußen und nahm sich zusammen. Sie raffte ihr Kleid und setzte sich neben ihn auf den Bordstein. »Was ist denn los, Doc?«, fragte sie.

Er lächelte, aber es war nur mechanisch.

»Hallo, Mom.«

Der Segler lag zwischen den Turnschuhen, die er an den Füßen trug, und sie sah, dass eine der Tragflächen gesplittert war.

»Soll ich versuchen, ihn zu reparieren, Schatz?« Danny schaute inzwischen wieder die Straße hoch.

»Nein. Das macht Daddy schon.«

»Daddy ist vielleicht erst zum Abendbrot zurück, Doc. Der Weg in die Berge hinauf ist lang.«

»Glaubst du, dass das Auto kaputtgeht?«

»Nein. Das glaube ich nicht.« Aber jetzt hatte sie eine weitere Sorge. Danke, Danny. Das fehlte mir noch.

»Daddy hat aber Angst davor«, sagte Danny sachlich, fast gelangweilt. »Er sagte, die Benzinpumpe ist im Arsch.«

»Das sagt man aber nicht, Danny.«

»Benzinpumpe?«, fragte er ehrlich überrascht.

Sie seufzte. »Nein, ›im Arsch‹. Das darfst du nicht wieder sagen.«

»Warum nicht?«

»Es ist vulgär.«

»Was ist vulgär?«

»Wenn du zum Beispiel bei Tisch in der Nase bohrst oder beim Pinkeln die Badezimmertür offen lässt. Oder wenn du so was wie ›im Arsch‹ sagst. Arsch ist ein vulgäres Wort. Nette Menschen gebrauchen es nicht.«

»Daddy gebraucht es. Als er sich den Motor ansah, sagte er, ›die Benzinpumpe ist im Arsch‹. Ist Daddy denn kein netter Mensch?«

»Doch, aber er ist außerdem erwachsen. Und er achtet sehr darauf, solche Sachen nicht vor Leuten zu sagen, die das nicht verstehen würden.«

»Du meinst solche wie Onkel Al?«

»Ganz richtig.«

»Darf ich es sagen, wenn ich erwachsen bin?«

»Dann wirst du es wohl sagen, ob es mir gefällt oder nicht.«

»Wie alt muss ich sein?«

»Wie wär’s mit zwanzig, Doc?«

»Da muss ich noch lange warten.«

»Das stimmt, aber willst du es nicht versuchen?«

»Okay.»

Er nahm die Beobachtung der Straße wieder auf. Er straffte sich ein wenig, als ob er aufstehen wollte, aber der Käfer, der in Sicht kam, war viel neuer und von hellerem Rot. Er blieb sitzen. Sie überlegte, wie hart ihn wohl dieser Umzug nach Colorado angekommen war. Er redete nicht darüber, aber es quälte sie, ihn ständig allein zu sehen. In Vermont hatten drei von Jacks Kollegen Kinder in Dannys Alter gehabt – und dann war da noch die Vorschule gewesen –, aber in dieser Gegend hier gab es niemanden, mit dem er spielen konnte. In den meisten Apartments wohnten Studenten, und von den Ehepaaren hier in der Arapahoe Street hatten nur wenige Kinder. Sie hatte vielleicht ein Dutzend Kinder im schulpflichtigen Alter und drei Kleinkinder gesehen. Das war alles.

»Mommy, warum hat Daddy seinen Job verloren?«

Das riss sie aus ihrem Brüten, und sie mühte sich um eine Antwort. Sie und Jack hatten darüber gesprochen, wie sie auf eine solche Frage reagieren sollten. Sie hatten überlegt, ob sie ausweichen oder unverblümt die Wahrheit sagen sollten. Aber Danny hatte nie gefragt. Bis jetzt nicht, wo sie in schlechter Verfassung und am allerwenigsten auf eine solche Frage vorbereitet war. Aber er sah sie an, las vielleicht die Verwirrung in ihrem Gesicht und machte sich darüber seine eigenen Gedanken. Für Kinder mussten Verhaltensweisen von Erwachsenen so unheilverkündend sein wie gefährliche wilde Tiere im Schatten eines dunklen Waldes, dachte sie. Man sprang mit ihnen wie mit Marionetten um, und sie hatten kaum eine Ahnung, warum. Dieser Gedanke brachte sie wieder den Tränen nahe, und während sie dagegen ankämpfte, nahm sie den defekten Segler in die Hand und drehte ihn um.

»Daddy betreute das Debattier-Team, Danny. Erinnerst du dich daran?«

»O ja«, sagte er. »Die streiten sich aus Spaß.«

»Richtig.« Sie drehte das Segelflugzeug um und las die Markenbezeichnung (Speedo Glide) und sah die blauen Sterne auf den Tragflächen, und schon erzählte sie ihrem Sohn die Wahrheit. »Da war ein Junge, er hieß George Hatfield. Daddy nahm ihn aus dem Team, weil er einfach nicht gut genug war. George meinte aber, dass Daddy ihn nicht aus dem Team genommen hatte, weil er nicht gut genug war, sondern weil Daddy ihn nicht mochte. Dann tat George etwas ganz Schlimmes. Vielleicht erinnerst du dich noch.«

»Hat er nicht bei unserem Auto die Reifen aufgeschnitten?«

»Das hat er gemacht. Nach der Schule, und dein Daddy hat ihn dabei erwischt.« Einen Augenblick zögerte sie jetzt, aber sie konnte nicht mehr ausweichen; sie konnte nur noch lügen oder die Wahrheit sagen. »Dein Daddy … manchmal tut er Dinge, die er anschließend bereut. Manchmal kann er nicht vernünftig denken. Das geschieht nicht oft, manchmal aber eben doch.«

»Hat er George so wehgetan wie mir, als ich all seine Papiere dreckig gemacht hab’?«

Manchmal

(Dannys Arm in Gips)

tut er Dinge, die er anschließend bereut.

Wendy kniff die Augen zu, und ihre Tränen hatten keine Chance mehr.

»So ungefähr, Schatz. Daddy schlug George, damit er die Reifen in Ruhe ließ, und George stieß sich den Kopf. Dann durfte George dort nicht mehr hinkommen, und dein Daddy durfte dort nicht mehr unterrichten.« Sie wusste nicht mehr weiter und wartete voller Angst auf eine Flut von Fragen.

»Ach so«, sagte Danny und beobachtete weiter die Straße. Für ihn war das Thema anscheinend erledigt. Wenn es für sie doch auch so leicht erledigt wäre …

Sie stand auf. »Ich gehe nach oben, eine Tasse Tee trinken. Möchtest du nicht ein Glas Milch und ein paar Kekse?«

»Ich will auf Daddy warten.«

»Er wird vor fünf nicht zurück sein.«

»Vielleicht kommt er doch früher.«

»Vielleicht«, räumte sie ein. »Vielleicht kommt er ja früher.«

Sie war schon fast im Haus, als er nach ihr rief. »Mommy?«

»Was ist denn, Danny?«

»Willst du denn wirklich gern im Winter in diesem Hotel wohnen?«

Sie hätte fünftausend Antworten geben können, aber welche in diesem Augenblick? Wie hatte sie sich gestern gefühlt, wie gestern Abend? Wie heute Morgen? Die Antworten wären verschieden ausgefallen, hätten das ganze Spektrum umfasst. Von hellrosa bis tiefschwarz. Sie sagte: »Wenn dein Daddy es will, will ich es auch.« Sie schwieg eine Weile. »Und wie denkst du darüber?«

»Ach, ich will es auch. Hier hat man keinen, mit dem man spielen kann.«

»Du vermisst wohl deine Freunde?«

»Scott und Andy manchmal. Sonst keinen.«

Sie ging zu ihm zurück, küsste ihn und fuhr ihm mit der Hand durchs Haar. Es war kein Babyhaar mehr. Er war ein so ernster kleiner Junge, und manchmal fragte sie sich, wie er überhaupt mit Jack und ihr als Eltern leben konnte. Mit welchen Hoffnungen hatten sie ihr gemeinsames Leben begonnen. Und jetzt saßen sie in dieser schäbigen Wohnung in einer Stadt, die ihnen fremd war. Wieder sah sie Danny mit seinem Gipsverband vor sich. Irgendwer, der im Himmel für die Stellenbesetzung verantwortlich war, musste einen Fehler gemacht haben. Und dieser Fehler, das war ihre Angst, würde nie wieder korrigiert werden. Danny würde ihn büßen müssen, und er konnte doch nichts dafür.

»Lauf nicht auf die Straße«, sagte sie und nahm ihn ganz fest in die Arme.

»Tu ich nicht, Mom.«

Sie ging nach oben in die Küche. Sie setzte den Kessel auf und legte für Danny ein paar Kekse auf einen Teller. Vielleicht kam er ja doch noch, während sie sich ein wenig hinlegte.

Sie setzte sich an den Tisch, den großen Becher vor sich, und schaute aus dem Fenster zu ihm hinunter. Er saß immer noch am Bordstein in seinen Bluejeans und der viel zu großen Trainingsjacke mit der Aufschrift »Stovington Vorschule«, und der Segler lag neben ihm. Die Tränen, die immer schon kommen wollten, flossen jetzt. Sie beugte sich über den Becher mit duftendem, dampfendem Tee und weinte hemmungslos. Um die verlorene Vergangenheit und in entsetzlicher Angst vor der Zukunft.

3
Watson

Sie haben die Beherrschung verloren, hatte Ullman gesagt.

»Okay, hier ist Ihr Ofen«, sagte Watson und schaltete in dem dunklen, muffig riechenden Raum das Licht an. Er war ein fleischiger Mann mit flaumigen, strohblonden Haaren und trug ein weißes Hemd zu einer olivefarbenen Hose. Er öffnete eine kleine viereckige Luke am Ofen.

»Dies ist die Zündflamme.« Aus einer Düse zischte ein stetiger weißblauer Feuerstrahl gleichmäßig nach oben, der zerstörerische Kräfte kanalisierte, aber das Schlüsselwort, dachte Jack, war zerstörerisch und nicht kanalisieren: Wenn man die Hand hineinsteckte, wäre sie in drei Sekunden geröstet.

Die Beherrschung verloren.

(Danny, ist alles in Ordnung?)

Der Ofen nahm den ganzen Raum ein. Es war der größte und älteste, den Jack je gesehen hatte.

»Die Zündflamme ist mit einer Sicherheitsvorrichtung gekoppelt. Kleine Sensoren messen die Temperatur. Sinkt sie bis unter einen bestimmten Wert, löst die Vorrichtung in Ihrer Wohnung einen Summer aus. Die Kessel befinden sich jenseits dieser Wand. Ich gehe mit Ihnen hinüber.« Er schlug die Luke zu und führte Jack um die riesige Eisenmasse des Ofens herum zu einer anderen Tür. Das Eisen strahlte eine enorme Hitze aus, und Jack dachte plötzlich an eine große schlafende Katze. Watson ließ seinen Schlüsselbund rasseln und pfiff vor sich hin.

Sie haben die Beherrschung ver…

(Als er in sein Arbeitszimmer zurückkam und Danny dort stehen sah, grinsend und nur mit der Hose seines Trainingsanzugs bekleidet, hatte eine träge rote Wolke der Wut Jacks Verstand ausgeschaltet. Subjektiv war es ihm langsam vorgekommen, aber es musste alles in weniger als einer Minute geschehen sein. Es schien nur langsam, wie einige Träume einem langsam abzulaufen scheinen. Die schlimmen. Jede Schublade und jeder Schrank in seinem Arbeitszimmer schienen während seiner Abwesenheit durchwühlt worden zu sein. Alle Schränke, alle Regale und das Bücherbord. Jede Schublade war bis zum Anschlag herausgezogen. Sein Manuskript, das Stück in drei Akten, das er aus einem kurzen Roman entwickelt hatte, den er schon während seines Studiums geschrieben hatte, lag über den ganzen Fußboden verstreut. Er hatte Bier getrunken und gerade Akt II korrigiert, als Wendy ihn ans Telefon rief, und Danny hatte den ganzen Inhalt der Dose über die Seiten geschüttet. Wahrscheinlich, um das Bier schäumen zu sehen. Um es schäumen zu sehen, um es schäumen zu sehen, wiederholte er die Worte immer wieder in seinem Kopf wie einen falschen Ton auf einem verstimmten Klavier, der immer wieder angeschlagen wird. Er trat auf seinen dreijährigen Sohn zu, der mit vergnügtem Grinsen zu ihm aufsah, vergnügt über die Arbeit, die er soeben in Daddys Arbeitszimmer so erfolgreich abgeschlossen hatte; Danny begann zu sprechen, und in diesem Augenblick hatte er Dannys Hand gepackt und sie umgebogen, damit er den Drehbleistift und den Radierstift fallen ließ, die er beide in der Hand hielt. Danny hatte ein bisschen geweint … nein … nein … die Wahrheit war … er hatte laut geschrien. Es war so schwer, sich durch den Nebel jener Wut hindurch zu erinnern, immer wieder dieser dauernd wiederholte Misston. Irgendwo fragte Wendy, was denn sei. Ihre Stimme schwach, durch den inneren Nebel gedämpft. Er hatte Danny herumgewirbelt, um ihn zu schlagen, und seine großen Erwachsenenfinger gruben sich in das dünne Fleisch am Arm des Jungen, ballten sich um den Arm herum zur Faust, und das Knacken des brechenden Knochens war nicht laut gewesen, nicht laut, sondern es war sehr laut gewesen. UNGEHEUER laut, aber nicht laut. Gerade laut genug, um den roten Nebel wie ein Pfeil zu durchdringen – aber statt den Nebel aufzuhellen, brachte das Geräusch dunkle Wolken der Scham und der Reue, brachte Entsetzen und grauenhafte seelische Qual. Ein klares Geräusch, vor dem die Vergangenheit lag und dem die ganze Zukunft folgen sollte, ein Geräusch, als zerbräche man einen Bleistift oder ein Stückchen Feuerholz auf dem Knie. Nach dem Geräusch tiefes Schweigen, vielleicht im Hinblick auf die beginnende Zukunft, den Rest seines Lebens. Er sah, wie die Farbe aus Dannys Gesicht wich, bis es ganz käsig aussah, er sah seine ohnehin schon großen Augen noch größer und glasig werden, und jetzt war Jack sicher, dass der Junge besinnungslos in die Bierpfützen auf dem verstreuten Manuskript fallen würde; seine Stimme klang schwach und trunken, als er stammelnd versuchte, alles zurückzunehmen, einen Weg um das gar nicht laute Geräusch des brechenden Knochens herum in die Vergangenheit zurückzufinden – als er sagte: Danny, ist alles in Ordnung? Dannys Kreischen als Antwort, dann Wendys entsetzter Aufschrei, als sie den seltsamen Winkel sah, in dem Dannys Arm zum Ellbogen stand. Sie stammelte O Gott, Danny, oh, du lieber, lieber Gott. Dein armer kleiner Arm; und Jack stand da, dumm und wie betäubt, und versuchte zu begreifen, wie das geschehen konnte. Er stand da, und sein Blick traf den seiner Frau, und er sah, dass Wendy ihn hasste. Welche praktischen Auswirkungen dieser Hass haben könnte, kam ihm nicht in den Sinn; erst später wusste er, dass sie ihn am selben Abend hätte verlassen und in ein Motel ziehen können, um am nächsten Morgen zu einem Scheidungsanwalt zu gehen. Oder sie hätte die Polizei rufen können. Er sah nur, dass seine Frau ihn hasste, und das brachte ihn völlig aus dem Gleichgewicht. Es war ein grauenhaftes Gefühl. So musste es sein, wenn der Tod kam. Dann rannte sie ans Telefon, und mit ihrem kreischenden Jungen auf dem Arm rief sie das Krankenhaus an, und Jack lief nicht hinterher, sondern blieb in den Trümmern seines Büros stehen, roch den Bierdunst und grübelte …

Sie haben die Beherrschung verloren.

Hart rieb er sich mit der Hand über die Lippen und folgte Watson in den Kesselraum. Es war hier feucht, aber es war nicht so sehr die feuchte Hitze, die ihn auf der Stirn und an Bauch und Beinen unangenehm in Schweiß ausbrechen ließ. Es war die Erinnerung, die so total war, dass die seit jenem Abend verflossenen zwei Jahre wie Stunden erschienen. Ohne Verzögerung brachte die Erinnerung die Scham und den Ekel zurück, das Gefühl, wertlos zu sein, und bei diesem Gefühl hatte er immer das Verlangen nach einem Drink, und das Verlangen nach einem Drink brachte noch schwärzere Verzweiflung – würde es je eine Stunde, wohlgemerkt, keine Woche, nicht einmal einen Tag, sondern eine einzige wache Stunde für ihn geben, da das Verlangen nach einem Drink ihn einmal nicht auf diese Weise überfallen würde?

»Der Kessel«, verkündete Watson. Er zog ein großes, rotblaues Taschentuch aus der hinteren Tasche und schnäuzte sich mit einem entschlossenen Trompeten. Nachdem er kurz hineingeblickt hatte, steckte er es wieder weg.

Der Kessel ruhte auf vier Betonpflöcken. Er bestand aus einem langen zylindrischen Metallblock mit einem an vielen Stellen geflickten Kupfermantel und stand unter einer verwirrenden Vielfalt von Rohren und Leitungen, die zur hohen, spinnwebverhangenen Decke hinaufführten. Rechts von Jack führten zwei dicke Heizrohre aus dem Heizraum zum Kessel.

»Der Druckmesser ist hier.« Watson schlug mit der Hand dagegen. »Pfund pro Quadratzoll. Aber das kennen Sie ja. Jetzt steht das Ding auf hundert, und nachts werden die Räume ein wenig kühl. Wenige Gäste beschweren sich, ist auch scheißegal. Die sind sowieso verrückt, wenn sie im September herkommen. Übrigens, dies ist ein uraltes Ding. Hat mehr Flicken als Klamotten vom Sozialamt.« Sein Taschentuch fuhr heraus. Ein Trompetenstoß, ein rascher Blick. Das Tuch verschwand.

»Ich habe ’ne Scheißerkältung«, sagte Watson redselig. »Hab’ ich jedes Jahr im September. Erst bastele ich an diesem alten Miststück herum, dann mähe ich draußen Gras oder harke die Roque-Anlage. Wenn dir kalt ist, erkältest du dich, sagte meine alte Mutter immer. Gott segne sie, sie ist schon sechs Jahre tot. Der Krebs hat sie erwischt. Wenn man Krebs hat, kann man gleich sein Testament machen. Sie müssen den Druck auf fünfzig, höchstens sechzig halten. Mr. Ullman will, dass einen Tag der Westflügel, am nächsten die mittleren Räume und am übernächsten der Ostflügel beheizt wird. Der Mann muss verrückt sein. Ich hasse diesen kleinen Scheißkerl. Den ganzen Tag nur Gekläffe. Er ist wie einer von diesen kleinem Kötern, die einen erst ins Bein beißen und dann den Teppich vollpissen. Wenn sein Gehirn aus Schießpulver bestünde, könnte er sich nicht mehr die Nase putzen. Was man hier alles so sieht. Manchmal bedauert man, dass man keine Kanone hat. Schauen Sie her. Wenn Sie die Leitungen öffnen oder schließen wollen, brauchen Sie bloß an den Ringen zu ziehen. Ich hab’ sie alle für Sie markiert. Die blauen Anhänger sind alle für den Ostflügel. Rote Anhänger für die mittleren Räume. Gelb für den Westflügel. Wenn Sie den Westflügel heizen, denken Sie daran, dass er an der Wetterseite liegt. Wenn es losheult, werden diese Räume so kalt wie eine frigide Frau mit einem Eiswürfel zwischen den Beinen. Beim Westflügel sollten Sie auf achtzig gehen. Würde ich jedenfalls machen.«

»Die Thermostate oben …«, fing Jack an.

Watson schüttelte so energisch den Kopf, dass sein Flaumhaar hochwirbelte. »Die sind gar nicht angeschlossen. Es sind nur Attrappen. Diese Leute aus Kalifornien. Die glauben, es ist was nicht in Ordnung, wenn sie in ihrem Scheißschlafzimmer keine Palmen pflanzen können. Die ganze Wärme kommt von hier. Sie müssen aber auf den Druck achten. Sehen Sie, wie er steigt?«

Er klopfte gegen die Scheibe des Druckmessers, der auf hundertzwei gestiegen war, während Watson seinen Monolog führte. Jack spürte, wie ihm ganz kurz ein Schauer über den Rücken lief, und er dachte: Lief nicht eben jemand über mein Grab? Watson verpasste dem Druckrad ein paar Umdrehungen und öffnete das Kesselventil. Unter lautem Zischen fiel die Nadel auf zweiundneunzig. Dann schloss Watson das Ventil, und widerwillig erstarb das Zischen.

»Steigt schon wieder«, meinte Watson. »Und wenn Sie das diesem fetten alten Specht Ullman sagen, holt er seine Konten raus und braucht drei Stunden dazu, Ihnen zu beweisen, dass er sich erst 1982 eine neue leisten kann. Eines Tages wird der ganze Kasten in die Luft fliegen, und ich hoffe nur, dass dieser Fettsack dann hier ist. Dann kann er die Reise mitmachen. Mein Gott, ich wünschte, ich wär’ so nachsichtig wie meine Mutter. Die sah in jedem Menschen auch das Gute. Dagegen bin ich ’ne richtige Giftschlange. Scheiße, ich kann nun mal nichts für meine Natur. Denken Sie daran, dass Sie zweimal am Tag und einmal abends, bevor Sie sich hinhauen, hier runtermüssen. Sie müssen den Druck prüfen. Sonst steigt er allmählich, und dann wachen Sie und Ihre Familie plötzlich auf dem Mond auf. Nur ’n bisschen Druck ablassen, dann gibt’s keinen Ärger.«

»Was ist der maximal zulässige Druck?«

»Oh, das Ding ist für zweihundertfünfzig ausgelegt, aber der Kessel würde lange vorher hochgehen. Ich stelle mich jedenfalls nicht daneben, wenn die Nadel auf hundertachtzig steigt.«

»Schaltet er sich denn nicht automatisch aus?«

»Nein, es gibt keine Automatik. Als die Anlage gebaut wurde, brauchte man so was noch nicht. Die Regierung mischt sich heutzutage in alles ein, nicht wahr? Das FBI öffnet die Post, die CIA hört Telefone ab, und was war mit diesem Nixon? War das nicht erbärmlich? Aber wenn Sie regelmäßig hier runterlaufen, um den Druck zu prüfen, ist alles in Ordnung. Und denken Sie daran, so zu heizen, wie der Kerl das haben will. Die Räume werden sowieso nicht wärmer als zehn Grad, außer wir hätten einen warmen Winter. Und Ihre Bude können Sie so aufheizen, wie Sie nur wollen.«

»Und was ist mit dem Klempnerkram?«

»Okay, darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen. Hier rüber, durch den Gang.«

Sie betraten einen langgestreckten Raum, der kein Ende zu nehmen schien. Watson zog an einer Schnur, und eine einzige Fünfundsiebzig-Watt-Birne warf ihren fahlen Glanz dorthin, wo sie beide standen. Geradeaus lag der Aufzugschacht. Dicke, ölbeschmierte Kabel führten von oben herab und liefen über Rollen mit einem Durchmesser von über drei Metern. Unten stand der große, ebenfalls ölbeschmierte Elektromotor. Überall lagen gebündelt alte Zeitungen herum, einige in Kartons. Auf anderen Kartons stand Akten oder Rechnungen oder Quittungen aufbewahren. Gestank von vergilbtem Papier und Moder. Einige Kartons fielen schon auseinander und gaben ihren Inhalt frei, vergilbte dünne Blätter, die vielleicht zwanzig Jahre alt waren und nun auf dem Boden verstreut lagen. Fasziniert sah Jack sich alles an. In diesen verfaulten Kartons mochte die ganze Geschichte des Overlook Hotels enthalten sein.

»Der Aufzug ist ganz große Scheiße«, sagte Watson und wies mit dem Daumen hinüber. »Gerade ich weiß, dass Ullman die staatlichen Prüfbeamten besticht. Er lädt sie zum Essen ein, damit er die Reparaturen sparen kann, der Scheißkerl. Hier verlaufen die Hauptleitungen.« Vor ihnen stiegen fünf dicke, isolierte und mit Stahlband umwickelte Rohre zur Decke auf und verschwanden oben in den Schatten.

Watson zeigte auf ein mit Spinnweben behangenes Regal neben dem Versorgungsschacht. Dort lagen eine Anzahl öliger Lumpen und ein Hefter mit losen Blättern. »Das sind schematische Darstellungen der gesamten technischen Einrichtungen«, sagte er. »Ich glaube nicht, dass es ein Leck geben kann – bisher hatten wir noch keins –, aber manchmal frieren die Rohre zu. Das kann nur verhindert werden, wenn man die Hähne nachts leicht aufdreht. Allerdings hat dieser verdammte Palast über vierhundert davon. Der fette Kerl da oben würde von hier nach Denver schreien, wenn er die Wasserrechnung sieht.«

»Ich würde sagen, das ist eine bemerkenswert scharfsinnige Analyse.«

Watson sah ihn bewundernd an. »Sagen Sie, Sie sind tatsächlich ein Studierter, was? Sie reden wie ein Buch. Das bewundere ich, wenn es nicht gerade einer von den Süßen ist. Davon gibt es viele. Wissen Sie, wer vor ein paar Jahren all die Aufstände an den Universitäten angezettelt hat? Die Homosexuellen und kein anderer. Sie sind frustriert, und dann brechen sie aus. Verdammte Scheiße, was ist bloß aus der Welt geworden? Wenn etwas einfriert, dann passiert es wahrscheinlich in diesem Schacht. Nicht genug Wärme. Dann müssen Sie dieses Ding gebrauchen.«

Er griff in eine zerbrochene Apfelsinenkiste und holte einen kleinen Gasbrenner heraus.

»Wenn Sie die vereiste Stelle finden, wickeln Sie einfach die Isolierung ab und halten die Flamme daran. Kapiert?«

»Ja. Aber was ist, wenn die Dinger weiter oben einfrieren?«

»Das passiert nicht, wenn Sie Ihre Arbeit vernünftig machen und ausreichend heizen. An die anderen Rohre kommen Sie sowieso nicht ran. Machen Sie sich keine Sorgen. Es passiert schon nichts. Scheußlich hier unten. Lauter Spinnweben. Mir wird ganz übel davon.«

»Ullman hat gesagt, dass der erste Hausmeister sich und seine Familie umgebracht hat.«

»Ja. Das war dieser Grady. Er war ein schlechter Schauspieler. Das wusste ich, als ich ihn das erste Mal sah. Er grinste immer so komisch. Damals fingen die hier gerade an, und Ullman, dieser Fettsack, hätte den Würger von Boston angeheuert, wenn er für weniger Geld gearbeitet hätte. Ein Ranger vom Nationalpark hat sie gefunden; das Telefon war tot. Sie lagen alle im Westflügel oben im dritten Stock. Steifgefroren. Ein Jammer um die kleinen Mädchen. Sie waren acht und sechs. Aufgeweckte Gören. Oh, es war eine schlimme Sauerei. Dieser Ullman, außerhalb der Saison bewirtschaftet er ein drittklassiges Hotel irgendwo in Florida, und er nahm gleich ein Flugzeug nach Denver. Dann hat er sich einen Schlitten gemietet, um von Sidewinder nach hier zu kommen, denn die Straßen waren dicht – einen Schlitten, können Sie sich das vorstellen? Er hat sich fast einen abgebrochen, um das Ganze aus den Zeitungen rauszuhalten. Hat er auch ziemlich geschafft, das muss man ihm lassen. In der Denver Post erschien eine kleine Notiz und dann natürlich die Todesanzeige in dem kleinen Käseblatt unten in Estes Park, aber das war so ziemlich alles. Gute Leistung, wenn man den Ruf des Hotels bedenkt. Ich hatte erwartet, dass irgendein Reporter alles wieder ausgräbt und die Sache mit Grady zum Anlass nimmt, die Skandale wieder aufzuwärmen.«

»Welche Skandale?«

Watson zuckte mit den Achseln. »Alle großen Hotels haben ihre Skandale«, sagte er. »Genauso wie jedes große Hotel ein Gespenst hat. Warum? Verdammt, die Leute kommen und gehen, und hin und wieder kommt es vor, dass einer in seinem Zimmer abkratzt. Herzschlag oder so was. In diesen Hotels ist man abergläubisch. Kein dreizehntes Stockwerk, keine Zimmernummer dreizehn, und hinter der Tür, durch die man reinkommt, hängt niemals ein Spiegel. Wir haben erst im letzten Juli einen weiblichen Gast verloren. Darum musste Ullman sich kümmern, und Sie können Ihren Arsch verwetten, er hat’s mal wieder geschafft. Darum bezahlen sie ihm auch zweiundzwanzigtausend Dollar pro Saison, und so wenig ich den kleinen Scheißkerl ausstehen kann, er ist sein Geld wert. Es ist fast so, als ob einige Leute eigens herkommen, um sich auszukotzen, und Ullman muss dann den Dreck wegmachen. Diese Frau muss sechzig gewesen sein – mein Alter! –, und ihr Haar war so rot gefärbt wie ’ne Nuttenfunzel. Die Titten hingen ihr bis an den Bauchnabel, weil sie keinen BH trug, und sie hatte so viele Krampfadern, dass ihre Beine wie Landkarten aussahen. Hals und Arme hingen voll Juwelen. Sogar aus den Ohren kamen sie ihr heraus. Und dann der Junge, den sie bei sich hatte, höchstens siebzehn und Haare bis zum Arsch. Sie waren vielleicht zehn Tage hier, und jeden Abend dasselbe: Sie hockten sich von fünf bis sieben in die Colorado Lounge, und sie lutscht die Cocktails weg, als würden sie ab morgen verboten, während er sich die ganze Zeit an einer Flasche Selter festhält. Und sie scherzt mit ihm, und er lacht dazu wie ein Affe. Aber nach ein paar Tagen sah man, dass ihm das Grinsen immer schwerer fiel, und Gott weiß, was er sich alles ausdenken musste, um sein Gerät abends für die Alte flottzukriegen. Ja, und dann gingen sie essen. Das heißt, nur er ging, und sie torkelte, besoffen wie ein Wasserhuhn. Und er kniff die Kellnerinnen in den Hintern und lachte ihnen zu, wenn sie gerade nicht hinsah. Verdammt, wir haben sogar gewettet, wie lange er es noch bei ihr aushält.«

Watson zuckte mit den Achseln.

»Dann kommt er eines Abends um zehn runter und sagt, dass seine ›Frau indisponiert‹ ist – was nur bedeutete, dass sie, wie an jedem Abend ihres Aufenthalts, einfach nur stinkbesoffen war –, und er wollte ihr jetzt Medizin für den Magen besorgen. Er fährt also in dem kleinen Porsche weg, mit dem sie gekommen waren, und das ist das Letzte, was wir von ihm gesehen haben. Am nächsten Morgen kommt sie runter und hat ihren großen Auftritt, aber im Laufe des Tages wird sie immer blasser, und Ullman fragt sie diplomatisch, ob er vielleicht die State Police benachrichtigen soll; wegen Unfall oder so was. Sie wird wild wie ’ne Katze. Nein-nein-nein, er ist ein hervorragender Fahrer, sie macht sich keine Sorgen, es ist alles in Ordnung, er wird zum Abendessen zurück sein. An diesem Nachmittag geht sie also schon um drei in die Colorado Lounge und isst überhaupt nichts. Um etwa halb elf geht sie in ihr Zimmer, und seitdem hat niemand sie mehr lebendig gesehen.«

»Was ist denn passiert?«

»Der amtliche Leichenbeschauer sagte, sie hätte nach dem Schnaps noch dreißig Schlaftabletten genommen. Am nächsten Tag kam ihr Mann, ein bedeutender Anwalt aus New York. Der hat dem Ullman auf vier verschiedene Arten die Hölle heißgemacht. Ich verklage Sie wegen diesem und jenem und wegen noch etwas, und wenn ich mit Ihnen fertig bin, haben Sie noch nicht mal mehr saubere Unterhosen. Aber Ullman ist nicht zu unterschätzen. Er hat ihn beruhigt. Wahrscheinlich hat er den großkotzigen Kerl gefragt, wie es ihm wohl gefallen würde, wenn die Sache mit seiner Frau in allen New Yorker Zeitungen breitgetreten würde: Frau eines New Yorker Prominentenanwalts tot aufgefunden, den Wanst voller Schlaftabletten. Nachdem sie mit einem Jungen Versteck-die-Wurst gespielt hatte, der leicht ihr Enkel hätte sein können.

Die Jungs von der State Police fanden den Porsche hinter einem die ganze Nacht geöffneten Imbissladen in Lyons, und Ullman schaffte es dank seiner Beziehungen, dass der Wagen sofort freigegeben wurde. Der Anwalt konnte ihn mitnehmen. Dann machten sich die beiden an den alten Archer Houghton ran, den amtlichen Leichenbeschauer, und brachten es fertig, dass er den Befund auf natürlichen Tod abänderte, Herzschlag. Seitdem fährt der alte Archer einen Chrysler. Den gönn’ ich ihm. Ein Mann muss nehmen, was er kriegen kann. Besonders wenn er schon älter ist.«

Das Taschentuch. Trompeten. Kurzer Blick. Schon war es wieder weg.

»Und was passiert? Ungefähr eine Woche später schreit Delores Vickery, eins von diesen saudummen Stubenmädchen, plötzlich laut auf, als sie das Zimmer macht, in dem die beiden gewohnt hatten, und fällt in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kommt, behauptet sie steif und fest, sie hätte die Tote nackt in der Badewanne liegen sehen. ›Ihr Gesicht war purpurrot und gedunsen‹, sagt sie, ›und sie hat mich angegrinst.‹ Ullman hat ihr das Restgehalt ausgezahlt und sie zum Teufel gejagt. Ich schätze, dass vierzig bis fünfzig Leute in diesem Hotel gestorben sind, seit mein Großvater es 1910 eröffnete.«

Er sah Jack verschmitzt an.

»Wissen Sie, woran die meisten sterben? Herzinfarkt oder Schlaganfall, während sie die Dame bumsen, die sie sich mitgebracht haben. Das hat man in solchen Hotels oft, alte Typen, die noch ein letztes Mal was erleben wollen. Sie kommen dann hier rauf in die Berge und tun so, als ob sie zwanzig sind. Aber manchmal geht irgendwas kaputt, und nicht allen Bossen gelang es so gut wie Ullman, die Presse rauszuhalten. Und so bekam das Overlook einen gewissen Ruf. Und ich wette, sogar dieser Scheißkasten Biltmore in New York City hat einen gewissen Ruf, wenn man die richtigen Leute fragt.«

»Aber es hat vielleicht keine Gespenster?«

»Mr. Torrance, ich habe mein ganzes Leben lang hier gearbeitet. Ich habe hier als Kind gespielt. Da war ich noch nicht älter als Ihr Junge, den Sie mir auf dem Foto gezeigt haben. Und ich habe noch kein einziges Gespenst gesehen. Kommen Sie mit nach hinten. Ich will Ihnen den Geräteschuppen zeigen.«

»Gut.«

Als Watson nach oben griff, um das Licht auszumachen, sagte Jack: »Hier liegen aber eine Menge Papiere herum.«

»Da haben Sie recht. Einige sehen tausend Jahre alt aus. Zeitungen, alte Rechnungen und Versandbriefe und Gott weiß was sonst noch. Mein Vater konnte das Zeug noch wegschaffen, denn damals hatten wir noch den Holzverbrennungsofen, aber jetzt wächst uns das alles über den Kopf. Irgendwann muss ich einen Mann anheuern, der den Kram nach Sidewinder schafft, damit es dort verbrannt wird. Wenn Ullman das bezahlen will. Wahrscheinlich tut er das, wenn ich ihm lange genug was über Ratten vorjammere.«

»Es gibt hier also Ratten?«

»Ja. Es gibt hier bestimmt welche. Ich hab’ die Fallen und das Gift, das Mr. Ullman auf dem Boden und hier unten ausgelegt haben will. Achten Sie nur auf Ihren Sohn, Mr. Torrance. Sie wollen doch nicht, dass ihm was passiert.«

»Nein, ganz bestimmt nicht.« Von Watson störte ihn diese Mahnung nicht weiter.

Sie gingen zur Treppe und blieben einen Augenblick stehen, denn Watson musste sich wieder die Nase putzen.

»Da draußen finden Sie alle Werkzeuge, die Sie brauchen, und auch einige, die nicht zu gebrauchen sind. Da liegen auch die Dachziegel. Hat Ullman mit Ihnen darüber gesprochen?«

»Ja, er will, dass das westliche Dach neu gedeckt wird.«

»Der wird Sie schon umsonst machen lassen, was nur irgend geht. Und im Frühling wird er dann jammern, dass Sie die Arbeit nicht ordentlich gemacht haben. Das hab’ ich ihm einmal direkt ins Gesicht gesagt. Ich sagte …«

Watsons Worte hörte er auf der Treppe nur noch als tröstliches Brummen.

Jack Torrance schaute über die Schulter zurück in die undurchdringliche, muffig riechende Dunkelheit. Wenn es je einen Ort gab, an dem es Gespenster geben müsste, dann war es dieser. Er dachte an Grady, vom weichen, unbarmherzigen Schnee eingeschlossen, bis er dann langsam durchdrehte und diese Scheußlichkeit beging. Ob sie wohl geschrien haben?, überlegte er. Armer Kerl, dieser Grady. Wie muss ihm das alles zugesetzt haben, bis er erkannte, dass es für ihn keinen Frühling mehr geben würde. Er hätte den Job nicht übernehmen sollen. Und nie im Leben hätte er die Beherrschung verlieren dürfen. Als er Watson durch die Tür ins Freie folgte, dröhnte wie mit Totenglocken das Echo jener Worte über ihn hinweg, begleitet von einem scharfen Knacken – als zerbräche ein Bleistift. Mein Gott, er konnte einen Drink gebrauchen. Vielleicht Tausende.

4
Schattenland

Danny wurde weich und ging um Viertel nach vier rauf, um seine Milch zu trinken und seine Kekse zu essen. Genüsslich kaute er sie und schaute dabei aus dem Fenster. Dann ging er zu seiner Mutter, die sich hingelegt hatte, und küsste sie. Sie riet ihm, sich die Sesamstraße anzusehen – die Zeit würde dann schneller vergehen –, aber er schüttelte entschlossen den Kopf, ging nach unten und setzte sich wieder an den Bordstein. Es war fünf, und obwohl er keine Uhr hatte und es mit dem Zeitablesen bei ihm ohnehin noch nicht recht klappte, merkte er an den länger werdenden Schatten, wie die Zeit verging. Und er sah, wie die Nachmittagssonne sich rotgolden verfärbte.

Er nahm das Segelflugzeug in die Hand und fing an, leise vor sich hin zu singen.

Ein Kinderlied, das er zusammen mit den anderen im Jack-and-Jill-Kindergarten in Stovington gesungen hatte. Hier konnte er nicht in den Kindergarten gehen, denn das konnte Daddy nicht mehr bezahlen. Er wusste, dass seine Eltern sich darüber Sorgen machten, dass sie wussten, wie einsam er sich fühlte (und noch schmerzlicher, wenn sie es auch nicht erwähnten, empfanden sie, dass Danny ihnen die Schuld gab), aber eigentlich hatte er sowieso keine Lust mehr, in den Jack-and-Jill-Kindergarten zu gehen. Er war ja kein Baby mehr. Natürlich war er noch kein großer Junge, aber ein Baby? Nein. Größere Kinder gingen in eine richtige Schule und kriegten warmes Mittagessen. Bald fing auch für ihn die Schule an. Nächstes Jahr. Noch war er ein Mittelding zwischen einem Baby und einem richtigen Kind. Das war nicht weiter schlimm. Allerdings vermisste er Scott und Andy – am meisten Scott –, aber auch das war nicht so schlimm. Er musste abwarten. Irgendetwas würde schon geschehen.

Er durchschaute seine Eltern besser, als ihnen lieb war. Sie wollten es nicht wahrhaben, aber eines Tages würden sie es glauben müssen. Er konnte warten.

Eigentlich schade, dass sie es nicht glaubten. Besonders jetzt. Mommy lag oben im Bett und weinte, weil sie sich wegen Daddy Sorgen machte. Einige dieser Sorgen verstand Danny nicht – er wusste nur vage, dass es um Sicherheit ging, um Daddys Selbsteinschätzung, um Schuldgefühle, um Wut und um Angst vor der Zukunft –, aber hauptsächlich machte sie sich jetzt um zwei Dinge Sorgen: Hatte Daddy vielleicht unterwegs eine Panne gehabt (Warum rief er dann nicht an?), oder hatte er wieder etwas ganz Schlimmes getan? Was dieses Schlimme war, wusste Danny genau, seit Scotty Aaronson, der ein halbes Jahr älter war, es ihm erklärt hatte. Scottys Vater tat dieses Schlimme auch. Einmal, so erzählte Scotty, hatte sein Daddy seine Mommy direkt ins Auge geboxt und sie niedergeschlagen. Dieses Schlimme war es auch, das zur SCHEIDUNG zwischen seinen Eltern führte, und als Danny ihn kennenlernte, lebte er bei seiner Mutter und besuchte seinen Daddy nur zum Wochenende. SCHEIDUNG war der größte Schrecken in Dannys Leben, und das Wort stand ihm immer als in roten Lettern gemaltes, von bösartig zischenden Schlangen umgebenes Zeichen vor Augen. Nach einer SCHEIDUNG lebten die Eltern nicht mehr zusammen. Sie stritten sich vor Gericht um das Kind, und man musste bei einem von beiden bleiben und sah den anderen praktisch nie, und derjenige, bei dem man lebte, konnte jederzeit einen fremden Menschen heiraten. Das Entsetzliche an SCHEIDUNG war, dass er das Wort – oder den Begriff oder als was es auch immer in seiner Vorstellung herumgeisterte – immer in den Gedanken seiner Eltern spürte, manchmal verschwommen und undeutlich, manchmal dunkel und drohend wie Gewitterwolken. So war es gewesen, als Daddy ihn bestraft hatte, weil er im Arbeitszimmer die Papiere ruiniert hatte und der Doktor seinen Arm in Gips legen musste. Die Erinnerung daran war verblasst, aber die Erinnerung an die Gedanken über SCHEIDUNG war klar und erschreckend. Hauptsächlich seine Mutter hatte damals diese Gedanken gehabt, und er hatte in ständiger Angst geschwebt, dass sie das Wort aussprechen und damit verwirklichen würde. SCHEIDUNG. Dieser Begriff existierte ständig unterschwellig in den Gedanken seiner Eltern. Das nahm er so deutlich wahr, wie er den Rhythmus einfacher Musik begriff. Aber wie der Rhythmus in der Musik bildete dieser zentrale Gedanke nur einen Teil einer komplexeren Gedankenwelt, die er noch nicht deuten konnte. Er nahm sie nur als Farben und Stimmungen wahr. Mommys Gedanken an SCHEIDUNG standen im Zusammenhang mit dem, was Daddy mit seinem Arm gemacht hatte, und mit den Ereignissen in Stovington, als Daddy seinen Job verlor. Dieser Junge. Dieser George Hatfield, der auf Daddy wütend war und Löcher in die Reifen stach. Daddys Gedanken an SCHEIDUNG waren komplizierter. Sie erschienen Danny dunkelviolett gefärbt und von fürchterlichen schwarzen Adern durchzogen. Daddy schien zu glauben, dass es ihnen besser gehen würde, wenn er ginge. Dass die Dinge dann nicht mehr wehtun würden. Daddy tat ihnen ständig weh, meistens, wenn er dieses Schlimme tat. Auch das nahm Danny fast immer gedanklich wahr: Daddys ständiges Verlangen, sich ins Dunkel zurückzuziehen, den Farbfernseher einzuschalten, aus einer Schale Erdnüsse zu essen und das Schlimme zu tun, bis seine Gedanken ruhig wurden und ihn in Frieden ließen.

Aber heute Nachmittag brauchte sich Mommy keine Sorgen zu machen, und Danny wünschte, er könnte hingehen und es ihr sagen. Der Wagen war nicht liegen geblieben. Daddy war nicht irgendwohin gegangen, um das Schlimme zu tun. Er war schon fast zu Hause und tuckerte zwischen Lyons und Boulder die Straße entlang. Im Augenblick dachte er nicht einmal an das Schlimme. Er dachte an … an …

Danny schaute sich verstohlen zum Küchenfenster um. Wenn er angestrengt nachdachte, geschah manchmal etwas mit ihm. Die Dinge – die wirklichen Dinge – verschwanden, und er sah Dinge, die gar nicht da waren. Einmal, kurz nachdem sein Arm in Gips gelegt worden war, passierte es beim Abendessen. Sie redeten wenig miteinander. Aber sie dachten nach. Oh, ja. Der Gedanke an SCHEIDUNG hing wie eine schwarze, zum Bersten gefüllte Regenwolke über dem Küchentisch. Beim Gedanken, dabei zu essen, wurde ihm speiübel. Und weil es ihm so verzweifelt wichtig erschienen war, hatte er sich voll konzentriert, und es war etwas passiert. Als er wieder zu sich kam, lag er mit Bohnen und Kartoffelbrei beschmiert auf dem Fußboden, und seine Mommy hielt ihn fest und weinte, und Daddy telefonierte.

Voll Angst hatte er versucht, ihnen zu erklären, dass ihm nichts fehlte, dass so etwas ihm manchmal passierte, wenn er sich darauf konzentrierte, die Dinge besser als sonst zu begreifen. Er hatte auch versucht, die Sache mit Tony zu erklären, den sie seinen »unsichtbaren Spielgefährten« nannten.

Sein Vater hatte gesagt: »Er hat eine Ha luh Zi Nation. Er macht zwar keinen kranken Eindruck, aber ich möchte doch, dass der Arzt ihn sich ansieht.«

Als der Arzt weg war, hatte Danny Mommy versprechen müssen, es nie wieder zu tun, sie nie wieder so zu erschrecken. Er war selbst erschrocken. Denn als er seine Gedanken konzentriert hatte, waren sie in die seines Daddys eingedrungen, und bevor Tony erschienen war (wie immer weit weg und aus der Ferne rufend) und bevor die Küche und der blaue Teller mit dem geschnittenen Fleisch wie ausgelöscht waren, war er in den dunklen Gedanken seines Vaters auf ein unbegreifliches Wort gestoßen, das ihn noch viel mehr entsetzte als SCHEIDUNG, und das Wort hieß SELBSTMORD. Danny hatte dieses Wort in Daddys Gedanken nie wieder gefunden, und ganz bestimmt hatte er auch nicht danach gesucht. Es war ihm auch gleich, ob er je wissen würde, was das Wort bedeutete.

Aber er dachte gern konzentriert nach, weil dann manchmal Tony kam. Nicht immer. Manchmal verschwamm alles für eine Minute und wurde dann wieder klar – meistens jedenfalls –, und manchmal erschien dann ganz weit weg Tony und rief und winkte aus der Ferne zu ihm herüber …

Seit ihrem Umzug nach Boulder hatte er das zweimal erlebt, und er wusste noch, wie es ihn überrascht und gefreut hatte, dass Tony ihm von Vermont nachgereist war. Danny hatte also doch nicht alle seine Freunde zurücklassen müssen.

Das erste Mal war er hinten im Hof gewesen, und es war nichts weiter passiert. Tony hatte nur kurz gewinkt, dann Dunkelheit, und ein paar Minuten später erkannte Danny wieder die Wirklichkeit und hatte nur noch eine vage Erinnerung wie nach einem verworrenen Traum. Das zweite Mal, vor zwei Wochen, war interessanter gewesen. Tony hatte aus einiger Entfernung gewinkt und gerufen: »Danny … komm, sieh nur …« Es war, als ob er aufstand und dann in ein tiefes Loch fiel wie Alice im Wunderland. Dann hatte er sich plötzlich mit Tony im Keller des Hauses befunden, und Tony hatte in den Schatten auf den Koffer gezeigt, in dem Daddy seine wichtigen Papiere und besonders »DAS STÜCK« aufbewahrte.

»Siehst du?«, hatte Tony in seinem leisen, singenden Tonfall gesagt. »Er steht unter der Treppe. Direkt unter der Treppe. Die Umzugsleute haben ihn direkt … unter … die Treppe gestellt.« Danny war vorgetreten, um sich das Wunder näher anzusehen, und dann war er wieder gefallen, diesmal von der Schaukel, auf der er die ganze Zeit gesessen hatte. Zuerst hatte er gar keine Luft mehr bekommen können.

Drei oder vier Tage später war Daddy im Haus herumgerannt und hatte Mommy wütend erzählt, dass er den ganzen verdammten Keller abgesucht habe, und der Koffer sei nicht da, und er würde die verdammten Umzugsleute verklagen, die ihn irgendwo zwischen Vermont und Colorado verloren hatten. Wie solle er denn jetzt »DAS STÜCK« fertig schreiben, wenn so etwas passierte?

Danny sagte: »Nein, Daddy. Er steht unter der Treppe. Die Umzugsleute haben ihn unter die Treppe gestellt.«

Daddy hatte ihm einen merkwürdigen Blick zugeworfen und war nach unten gegangen, um nachzusehen. Der Koffer hatte genau an der Stelle gestanden, die Tony ihm gezeigt hatte. Daddy hatte ihn beiseitegenommen und auf den Schoß gehoben und ihn gefragt, wer ihn in den Keller gelassen hätte. Sei es vielleicht Tom von oben gewesen? Der Keller sei gefährlich, sagte Daddy. Deshalb hielt der Hauswirt ihn immer verschlossen. Hatte jemand ihn offen gelassen? Er freute sich zwar, die Papiere und sein STÜCK gefunden zu haben, aber wie leicht hätte Danny die Treppe hinunterfallen und sich das … Bein brechen können. Danny erzählte seinem Daddy ganz ernsthaft, dass er nicht im Keller gewesen sei. Die Tür sei immer verschlossen, und Mommy bestätigte das. Danny ginge nie in den Keller, weil es dort so feucht und dunkel und voller Spinnen sei. Er habe also nicht gelogen.

»Und wie konntest du es dann wissen, Doc?«, fragte Daddy.

»Tony hat es mir gezeigt.«

Seine Mutter und sein Vater hatten sich über seinen Kopf hinweg nur angeschaut. Sie hatten Ähnliches schon erlebt, und weil es sie so verstörte, verdrängten sie es rasch. Aber er wusste, dass sie sich wegen der Sache mit Tony Sorgen machten, besonders Mommy, und er bemühte sich, in ihrer Gegenwart nicht so zu denken, dass Tony erscheinen konnte. Jetzt aber hatte sie in der Küche noch nichts zu tun und schlief wahrscheinlich. Er konnte sich also scharf konzentrieren, um herauszufinden, was Daddy gerade dachte.

Er legte die Stirn in Falten, und seine etwas schmutzigen Hände ballten sich auf seinen Jeans zu Fäusten. Er schloss die Augen nicht – das musste nicht unbedingt sein –, aber er verengte sie zu Schlitzen und stellte sich Daddys Stimme vor, sonor und ruhig, manchmal etwas hektisch, wenn er fröhlich war, und manchmal, wenn er böse war, klang sie noch tiefer, und, wenn er nachdachte, wieder ganz ruhig. Wenn er über irgendetwas nachdachte. An etwas dachte. Dachte …

(denken)

Danny seufzte leise, und er sackte auf dem Bordstein zusammen, als hätte er gar keine Muskeln mehr. Er war voll bei Bewusstsein; er sah die Straße und den Jungen und das Mädchen auf dem gegenüberliegenden Gehweg, die Hand in Hand gingen, weil sie

(sich liebten?)

sich freuten, dass sie an diesem Tag zusammen sein durften. Er sah, wie der Wind das gelbe Herbstlaub über das Pflaster fegte, gelbe, unregelmäßig geformte Blätter, die sich wirbelnd drehten. Er sah das Haus, an dem sie vorbeistoben, und bemerkte, dass es mit Schindeln gedeckt war.

(Schindeln. Ich denke, das wird kein Problem sein, wenn nur die Kehlbleche in Ordnung sind. Ich werde es schon schaffen. Dieser Watson. Das ist vielleicht ein Typ. Ich wollte, ich könnte ihn in »DAS STÜCK« einbauen. Ich werde noch die ganze verdammte Menschheit hineinnehmen, wenn ich nicht aufpasse. Ja, Schindeln. Aber gibt es da draußen Nägel? Scheiße, das habe ich zu fragen vergessen. Sie sind natürlich leicht zu beschaffen. Im Eisenwarengeschäft in Sidewinder. Wespen. Die nisten sich um diese Jahreszeit ein. Vielleicht sollte ich ein Ungeziefervertilgungsmittel mitnehmen für den Fall, dass da welche sind, wenn ich die alten Schindeln rausreiße. Neue Schindeln. Alte)

Daran dachte er also. Er hatte den Job bekommen und dachte an Schindeln. Danny wusste nicht, wer Watson war, aber alles andere war ihm ganz klar. Bestimmt bekam er ein Wespennest zu sehen. Das war so sicher wie die Tatsache, dass sein Name …

»Danny … Danny …«

Er schaute auf, und weit hinten stand Tony neben einem Stoppschild an der Straße und winkte. Wie immer, wenn er seinen alten Freund sah, durchlief ihn ein warmes Gefühl der Freude, aber diesmal spürte er auch den Stachel der Angst, als ob Tony etwas Gefährliches hinter seinem Rücken verborgen hielt. Ein Glas mit Wespen, die böse stechen würden, wenn sie herausgelassen würden.

Trotzdem war es beschlossene Sache, dass sie gehen mussten.

Er sank am Bordstein noch mehr in sich zusammen. Seine Hände glitten ihm von den Schenkeln und hingen zwischen seinen Beinen herab. Das Kinn sank ihm auf die Brust. Dann empfand er ein dumpfes Ziehen, das aber nicht wehtat, als ein Teil von ihm aufstand und Tony in immer dichtere Dunkelheit hinein nachrannte.

»Danny?«

Jetzt war die Dunkelheit mit wirbelndem Weiß durchsetzt. Ein knarrendes, ächzendes Geräusch und wild wogende Schatten, die sich zu Fichten in nächtlichem Wald auflösten, von heulendem Sturm gepeitscht. Schneeflocken wirbelten und tanzten. Überall Schnee.

»Zu tief«, sagte Tony aus der Dunkelheit, und in seiner Stimme lag so viel Trauer, dass Danny entsetzt war. »Zu tief. Man kommt nicht mehr heraus.«

Andere Formen ragten drohend vor ihm auf. Riesig und rechtwinklig. Ein schräges Dach. Von sturmdurchtobter Dunkelheit getrübtes Weiß. Viele Fenster. Ein langgestrecktes Gebäude mit einem Schindeldach. Einige Schindeln waren grüner, neuer. Sein Daddy hatte sie eingesetzt. Mit Nägeln aus dem Eisenwarengeschäft in Sidewinder. Jetzt bedeckte Schnee die Schindeln. Der Schnee bedeckte alles.

Ein grünes, gespenstisches Licht leuchtete vor dem Gebäude auf, flackerte und verwandelte sich in einen riesigen Totenkopf über gekreuzten Knochen. »Gift«, rief Tony aus der wabernden Dunkelheit. »Gift.«

Andere Zeichen flackerten vor Dannys Augen, einige in grünen Lettern, andere auf Tafeln, die schief in den Schneewehen steckten. BADEN VERBOTEN. GEFAHR! DRAHT STEHT UNTER STROM. LEBENSGEFAHR. HOCHSPANNUNG. BETRETEN DES GRUNDSTÜCKS VERBOTEN. KEIN EINGANG. ZUWIDERHANDELNDE WERDEN OHNE WARNUNG ERSCHOSSEN. Er verstand keines der Schilder ganz, er konnte nicht lesen! –, aber er begriff den allgemeinen Sinn und erlebte alles wie einen Traum des Entsetzens, der nur dem Licht der Sonne weichen würde.

Dann verschwand alles. Er befand sich nun in einem mit seltsamen Möbeln vollgestellten Raum, einem dunklen Raum. Schnee prasselte gegen die Scheiben, als würde Sand geworfen. Danny hatte einen trockenen Mund, seine Augen waren wie heiße Murmeln, und sein Herz hämmerte. Draußen erhob sich hohler, dröhnender Lärm, als sei eine schartige Tür geöffnet worden. Schritte waren zu hören. Gegenüber im Raum war ein Spiegel, und tief in seinem silbrigen Rund erschien in grüner Feuerschrift ein einziges Wort, und dieses Wort hieß: DROM.

Der Raum verschwand. Ein weiterer Raum. Er kannte ihn.

(würde ihn kennenlernen)

Ein umgestürzter Stuhl. Ein zerbrochenes Fenster, durch das der Schnee hereinwirbelte; er hatte schon den Teppichrand erreicht. Die Vorhänge waren zur Seite geweht und hingen schief von der zerbrochenen Aufhängung herab. Ein niedriger Schrank war umgekippt.

Wieder hohler, dröhnender Lärm, unablässig rhythmisch und fürchterlich. Zersplittertes Glas. Zerstörung. Eine raue Stimme, die Stimme eines Verrückten, schrecklich noch durch die Vertrautheit: Komm raus! Komm raus, du kleines Miststück! Nimm deine Medizin!

Krachen, Krachen, Krachen. Splitterndes Holz. Wutgebrüll, ein Schrei der Befriedigung. DROM. Es kam näher.

Strömte durch den Raum. Von der Wand abgerissene Bilder. Ein Plattenspieler

(Mommys Plattenspieler?)

war auf den Fußboden gefallen. Ihre Platten, Grieg, Händel, die Beatles, Art Garfunkel, Bach, Liszt, überall verstreut. In gezackte Stücke zerbrochen. Aus einem anderen Raum, dem Badezimmer, fiel ein Lichtstrahl herein, kaltes, weißes Licht, und im Spiegel der Hausapotheke blitzte wie ein rotes Auge immer wieder ein Wort auf: DROM, DROM, DROM …

»Nein«, flüsterte Danny. »Nein, Tony, nein …«

Und über den weißen Rand der Badewanne ragte eine Hand heraus. Schlaff. Langsam floss an einem Finger, dem Mittelfinger, Blut (DROM) entlang und tröpfelte über den sorgfältig gepflegten Fingernagel auf die Fliesen …

Nein, o nein, o nein

(Oh, bitte, Tony, du machst mir Angst)

DROM, DROM, DROM

(hör auf, Tony, hör auf)

Verschwunden.

In der Dunkelheit wurden die dröhnenden Geräusche lauter und immer lauter, und von überallher tönte ihr Echo zurück.

Und nun hockte er in einem dunklen Flur, hockte auf einem blauen Teppich mit hineingewobenen verzerrten schwarzen Mustern und lauschte auf die näher kommenden dröhnenden Geräusche, und jetzt kam eine Gestalt um die Ecke und auf ihn zu, geduckt und nach Blut und Verderben riechend. Sie hatte einen Hammer in der Hand, den sie wild hin und her schwang (DROM), mit dem sie gegen die Wand schlug, die Seidentapete zerriss und gespenstische Putzwolken aufstieben ließ:

Komm her und nimm deine Medizin! Nimm sie wie ein Mann!

Die Gestalt drang auf ihn ein, der Hammer durchschnitt mit bösartigem Zischen die Luft, dann das gewaltige hohle Dröhnen, wenn er gegen die Wand krachte und den Staub aufwirbeln ließ, den man riechen konnte, der trocken war und im Hals kratzte. Winzige rote Augen glühten in der Dunkelheit. Das Ungeheuer war über ihm, hatte ihn entdeckt, wie er da so hockte, nur die nackte Wand im Rücken. Und die Falltür in der Decke war verschlossen.

Dunkelheit. Undurchdringlich.

»Tony, bitte, bring mich zurück, bitte, bitte …«

Und dann war er zurück, saß wieder am Bordstein in der Arapahoe Street, nass klebte ihm die Jacke am Rücken, und sein ganzer Körper war schweißgebadet. In seinen Ohren klang noch das laute kontrapunktische Dröhnen, und er roch seinen eigenen Urin, denn auf dem Höhepunkt des Entsetzens hatte er sich entleert. Er sah noch die schlaffe Hand über den Rand der Badewanne hinausragen, er sah einen Finger, den Mittelfinger, von dem Blut tropfte, und er sah jenes unerklärliche Wort, das so viel schrecklicher war als alle anderen: DROM.

Und jetzt Sonnenschein. Wirkliche Dinge. Außer Tony, der sechs Blocks entfernt nur noch als Punkt zu sehen war. Er stand an der Ecke, und seine Stimme klang schwach und hell und angenehm. »Sei vorsichtig, Doc …«

Im nächsten Augenblick war Tony verschwunden, und Dads klappriger roter VW bog um die Ecke und fuhr die Straße herauf und furzte dabei blauen Rauch nach hinten aus. Im gleichen Augenblick war Danny vom Bordstein aufgesprungen, winkte, sprang von einem Fuß auf den anderen und schrie: »Daddy! He, Dad! Hallo!«

Sein Daddy fuhr an den Bordstein, stellte den Motor ab und öffnete die Tür. Danny rannte hin und blieb mit weit aufgerissenen Augen wie angewurzelt stehen. Fast blieb ihm das Herz stehen.

Neben seinem Daddy lag auf dem Beifahrersitz ein Hammer mit kurzem Stiel, mit Blut und Haaren verklebt. Dann war es nur ein Beutel mit Lebensmitteln.

»Danny … ist alles in Ordnung, Doc?«

»Ja, mir fehlt nichts.« Er ging zu seinem Daddy und barg seinen Kopf an Daddys lammfellgefütterter Drelljacke und drückte ihn ganz fest. Auch Jack drückte ihn und war ein wenig verwirrt.

»He, du darfst doch nicht so in der Sonne sitzen, Doc. Du triefst ja vor Schweiß.«

»Ich bin wohl ein wenig eingeschlafen. Ich hab’ dich lieb, Daddy. Ich hab’ so auf dich gewartet.«

»Ich hab’ dich auch lieb, Dan. Ich hab’ ein paar Sachen mitgebracht. Bist du groß genug, sie raufzutragen?«

»Klar!«

»Doc Torrance, der stärkste Mann der Welt«, sagte Jack und fuhr ihm durchs Haar. »Dessen Hobby es ist, an Straßenecken einzuschlafen.«

Dann gingen sie an die Tür, wo Mommy sie schon erwartete, und Danny stand auf der zweiten Stufe und sah, wie die beiden sich küssten. Sie freuten sich, einander wiederzusehen. Man erkannte bei ihnen Liebe, genauso wie man bei dem Jungen und dem Mädchen Liebe erkannte, die Hand in Hand über die Straße gegangen waren. Danny war froh.

Die Tüte mit den Lebensmitteln – nur eine Tüte mit Lebensmitteln – knisterte in seinem Arm. Alles war in Ordnung. Daddy war zu Hause. Mommy liebte ihn. Es gab keine schlimmen Dinge. Und nicht alles, was Tony ihm zeigte, musste eintreffen.

Dennoch empfand er im tiefsten Herzen Angst, schreckliche Angst, und sie kreiste um jenes nicht zu entziffernde Wort, das er im Spiegel seines Geistes gesehen hatte.

5
Telefonzelle

Jack parkte den VW vor dem Rexall im Table-Mesa-Einkaufszentrum und stellte den Motor ab. Er überlegte, ob er nicht einfach eine neue Benzinpumpe einbauen lassen sollte, und wusste im gleichen Augenblick, dass er sich das nicht leisten konnte. Wenn der kleine Wagen nur noch bis November durchhielt, konnte er ohnehin seinen wohlverdienten Abschied nehmen. Im November lag der Schnee oben in den Bergen höher als das Dach des Käfers, vielleicht höher als drei aufeinandergestellte.

»Ich möchte, dass du im Wagen bleibst, Doc. Ich bring’ dir einen Schokoladenriegel mit.«

»Warum darf ich nicht mit reinkommen?«

»Ich muss telefonieren. Es ist was Privates.«

»Hast du deshalb nicht von zu Hause telefoniert?«

»Rat mal.«

Trotz ihrer sich auflösenden Finanzen hatte Wendy auf einem Anschluss bestanden. Bei einem kleinen Kind, hatte sie gemeint, konnte man auf ein Telefon einfach nicht verzichten, zumal Danny gelegentlich Ohnmachtsanfälle hatte. Jack hatte also dreißig Dollar Installationsgebühren hingeblättert, was schlimm genug war, und dann noch eine Kaution von neunzig Dollar, was wehtat, und abgesehen von zwei Fehlverbindungen war der Apparat bis jetzt stumm geblieben.

»Kann ich ein Baby Ruth haben, Daddy?«

»Ja. Bleib schön sitzen und spiel nicht mit der Gangschaltung.«

»Nein. Ich guck’ mir die Karten an.«

»Das tu nur.«

Als Jack ausstieg, öffnete Danny das Handschuhfach und holte die fünf zerfledderten Straßenkarten heraus: Colorado, Nebraska, Utah, Wyoming, New Mexico. Es machte ihm einen Riesenspaß, Straßenkarten zu betrachten. Mit dem Finger fuhr er dann die Straßen entlang. Was ihn betraf, waren die Straßenkarten das Beste an ihrem Umzug nach Westen.

Jack ging in den Drugstore und kaufte eine Zeitung, die Oktoberausgabe von Writer’s Digest und Dannys Baby Ruth. Er gab dem Mädchen fünf Dollar und verlangte das Wechselgeld in Fünfundzwanzigern. Mit dem Silber in der Hand eilte er in die Telefonzelle neben dem Schlüsselautomaten. Von hier konnte er durch drei Glasscheiben Danny im Käfer sitzen sehen. Der Junge beugte konzentriert den Kopf über die Karten. Jack durchströmte eine Welle fast verzweifelter Liebe zu dem Jungen. Diese Emotion zeigte sich in seinem Gesicht als steinerne Härte.

Er hätte seinen obligatorischen Dank an Al auch von zu Hause aus abstatten können; er hätte bestimmt nichts gesagt, was Wendy missbilligt haben könnte. Aber sein Stolz hatte es nicht zugelassen. In letzter Zeit tat er fast nur das, was sein Stolz ihm eingab. Außer Frau und Sohn, sechshundert Dollar auf dem Konto und einem müden 1968er Volkswagen war ihm nur noch sein Stolz geblieben. Das Einzige, was ihm allein gehörte. Selbst das Konto hatten sie gemeinsam. Vor einem Jahr hatte er an einer der besten Oberschulen Neu-Englands Englisch unterrichtet. Er hatte Freunde gehabt – wenn auch nicht solche wie früher, als er noch trank – nein, ein paar Fakultätskollegen, die sein Auftreten vor der Klasse und seine private Hinwendung zur Schriftstellerei bewunderten. Vor sechs Monaten war noch alles bestens. Nach jedem Zahlungstermin war noch genügend Geld auf dem Konto. Als er noch trank, war nie auch nur ein Penny übrig geblieben, obwohl Al Shockley viele Runden für ihn ausgegeben hatte. Er und Wendy hatten schon vorsichtig daran gedacht, ein Haus zu suchen und in etwa einem Jahr eine Anzahlung zu leisten. Ein Bauernhaus auf dem Lande, das man im Laufe von sechs oder acht Jahren renovieren konnte, sie waren jung und hatten Zeit.

Dann hatte er die Beherrschung verloren.

George Hatfield.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer hatte sich in Crommerts Büro in den Geruch alten Leders verwandelt. Das Ganze hätte eine Szene aus seinem eigenen Stück sein können: die alten Bilder der früheren Rektoren von Stovington an den Wänden, Stahlstiche von der Schule, wie sie 1879, im Jahr ihrer Entmachtung, ausgesehen hatte, und aus dem Jahre 1895, als eine Schenkung der Vanderbilts den Bau eines zusätzlichen Gebäudes ermöglicht hatte, das flach und breit und efeuumrankt an der Westseite des Footballfeldes lag. Dies war kein Bühnenbild, hatte er noch gedacht. Dies war die Wirklichkeit. Sein Leben. Wie hatte er es sich nur so versauen können?

»Dies ist eine schwerwiegende Angelegenheit, Jack. Eine sehr schwerwiegende. Der Vorstand hat mich beauftragt, Ihnen seine Entscheidung mitzuteilen.«

Der Vorstand verlangte, dass Jack kündigte, und das hatte Jack getan. Unter anderen Umständen wäre im Juni des Jahres seine Festanstellung erfolgt.

Die Nacht, die dem Gespräch in Crommerts Büro folgte, war die finsterste und entsetzlichste in Jacks Leben gewesen. Das Bedürfnis, die Notwendigkeit, sich zu betrinken, war noch nie so schlimm gewesen. Seine Hände zitterten. Er warf Gegenstände um. Und immer wieder wollte er Wendy und Danny es büßen lassen. Er war wie ein bösartiges Tier an einer fast durchgescheuerten Leine. Aus Angst, sie zu schlagen, hatte er voll Entsetzen das Haus verlassen. Zuletzt war er vor einer Bar gelandet, und er ging nur deshalb nicht hinein, weil er wusste, dass Wendy ihn dann zusammen mit Danny endgültig verlassen würde. Das wäre das Ende für ihn gewesen.

Statt die Bar zu betreten, in der dunkle Schatten Vergessen tranken, war er zu Al Shockleys Haus gegangen. Der Vorstand hatte sechs zu eins gegen ihn gestimmt. Nur Al hatte sich für ihn ausgesprochen.

Jetzt wählte er das Amt, und die Telefonistin erklärte ihm, er könne drei Minuten lang mit Al über zweitausend Meilen Entfernung sprechen, wenn er zwei Dollar einwerfe. Zeit ist relativ, Baby, dachte er und steckte acht Fünfundzwanziger ein. Schwach hörte er das elektronische Knacken und Piepen, während sich seine Verbindung nach Osten durchfraß.

Arthur Longley Shockley, der Stahlbaron, hatte seinem einzigen Sohn Albert ein Vermögen, riesige Beteiligungen und eine ganze Reihe von Direktoren- und Aufsichtsratsposten hinterlassen. Einer von diesen war der Sitz im Vorstand der Stovington Akademie gewesen, einer jetzt von seinem alten Herrn finanzierten Einrichtung, die diesem besonders ans Herz gewachsen war und die beide früher selbst besucht hatten. Al hatte seinen Wohnsitz in Barre, nahe genug, sich immer noch für die Belange der Schule zu interessieren.

Zudem war Al mehrere Jahre lang in Stovington Tennislehrer gewesen.

Jack und Al hatten sich ganz natürlich und bewusst angefreundet: Bei den vielen Schulfesten und Fakultätsveranstaltungen, an denen sie gemeinsam teilnahmen, waren die beiden immer betrunkener gewesen als alle anderen. Shockley lebte von seiner Frau getrennt, und mit Jacks Ehe ging es langsam abwärts, obwohl er Wendy noch liebte und ihr feierlich (und oft) versprochen hatte, sich um ihret- und seines kleinen Sohnes willen zu ändern.

Nach manchen Fakultätspartys hatten Al und Jack noch Bars besucht, bis sie schlossen, und dann hatten sie in irgendeinem Getränkeladen einen Kasten Bier gekauft. Das tranken sie dann am Ende einer abgelegenen Straße. Es kam vor, dass Jack erst bei Anbruch der Dämmerung in ihr gemietetes Haus stolperte; um dann Wendy und Danny auf der Couch schlafend vorzufinden. Danny schlief immer an der Wand, und seine winzige Faust lag am Kinn seiner Mutter. Dann betrachtete er sie, und der Ekel, den er vor sich selbst empfand, kam ihm bitter hoch, viel stärker als der Geschmack von Bier, Zigaretten und Martini. Bei solchen Anlässen dachte er dann ganz kalt und sachlich an Schusswaffe oder Strick.

Wenn die Sauferei in der Woche stattgefunden hatte, pflegte er drei Stunden zu schlafen, stand dann auf, zog sich an, nahm vier Exedrin und ging, um dann gegen neun Uhr amerikanische Dichtung zu unterrichten. Guten Morgen, Jungs, heute erzählt euch das rotäugige Wunder, wie Longfellow bei einem großen Brand seine Frau verlor.

Er hatte nicht geglaubt, dass er Alkoholiker sei, dachte Jack, während er es bei Al klingeln ließ. Er hatte manche Stunde ausfallen lassen und oft unrasiert unterrichtet und noch nach dem Fusel der letzten Nacht gestunken. Aber Alkoholiker? Nicht ich. Ich kann jederzeit aufhören. Die Nächte, die Wendy und er getrennt geschlafen hatten. Ach was, mir geht’s ausgezeichnet. Zerbeulte Stoßstangen. Natürlich kann ich noch fahren. Verstohlene Blicke. Die langsam dämmernde Erkenntnis, dass über ihn geredet wurde. Das Wissen, dass er bei der Arbeit an seinem Stück nur zerknülltes, meist unbeschriebenes Papier produzierte, das im Papierkorb landete. Er hatte in Stovington schon Aufmerksamkeit erregt. Vielleicht ein aufstrebender amerikanischer Schriftsteller? Gewiss jemand, der ausreichend qualifiziert war, die hohe Kunst des Schreibens zu lehren. Er hatte schon zwei Dutzend Kurzgeschichten veröffentlicht. Er arbeitete an einem Stück. Und irgendwo im Hinterstübchen meinte er schon, einen kompletten Roman auszuhecken. Jetzt aber produzierte er nichts, und sein Unterricht wurde immer zerfahrener.

Schließlich war das zu Ende gewesen. Es geschah eines Nachts, knapp einen Monat, nachdem er seinem Sohn den Arm gebrochen hatte. Das, so schien ihm, hatte seine Ehe zerstört. Wendy brauchte nur noch den Entschluss zu fassen … wenn ihre Mutter nicht ein so widerwärtiges Miststück gewesen wäre, hätte Wendy nur noch gewartet, bis Danny reisen konnte, und dann den nächsten Bus nach New Hampshire genommen. Es war vorbei.

Es war kurz nach Mitternacht passiert. Jack und Al hatten auf der U.S. 31 gerade Barre erreicht, Al am Steuer seines Jaguar. Abenteuerlich nahm er die Kurven, und oft geriet er über die doppelte gelbe Linie. Sie waren beide stinkbesoffen; in dieser Nacht hatten sie literweise Martini geschluckt. Als sie vor der Brücke mit über hundert Kilometern die letzte Kurve genommen hatten, war plötzlich ein Kinderfahrrad vor ihnen auf der Straße, und dann das scharfe, beleidigte Kreischen des Gummis, der von den Reifen des Jaguar wegfetzte, und Jack erinnerte sich noch, dass Als Gesicht wie ein runder weißer Mond über dem Steuer gehangen hatte. Dann das klirrende Krachen, als das Rad verbogen und zerbeult vor Jacks weit aufgerissenen Augen hochgeschleudert wurde und mit dem Lenker gegen die Windschutzscheibe knallte, dass sie zerbarst. Dann schlug das Rad mit grässlichem Scheppern hinter ihnen auf. Die Reifen schienen über etwas hinwegzurumpeln. Der Jaguar stellte sich quer, und Al hing immer noch am Steuer, während Jack sich wie von weitem sagen hörte: »Mein Gott, Al. Wir haben ihn erwischt. Ich hab’s gemerkt.«

Er hatte immer noch das Rufzeichen im Ohr. Komm endlich, Al. Du musst zu Hause sein, ich will das hinter mich bringen.

Einen Meter vor dem Brückenpfeiler hatte Al den Wagen mit qualmenden Reifen zum Stehen gebracht. Zwei Reifen des Jaguar waren platt. Sie hatten eine achtzig Meter lange Zickzackspur verbrannten Gummis hinterlassen. Sie schauten einander kurz an und rannten dann in die kalte Dunkelheit zurück.

Das Fahrrad war völlig zerstört. Ein Rad fehlte. Und dann hatte Al es mit abgerissenen Speichen mitten auf der Straße liegen sehen. Zögernd hatte Al gesagt: »Ich glaube, wir haben es überfahren, Jacky, mein Junge.«

»Und wo ist das Kind?«

»Hast du ein Kind gesehen?«

Jack runzelte die Stirn. Es war alles so schnell gegangen. Die Kurve. Das Fahrrad im Scheinwerferlicht. Als Aufschrei. Dann die Kollision und das Schleudern.

Sie legten die Fahrradtrümmer an die Böschung. Al ging zum Jaguar zurück und schaltete die Warnlichter an. Zwei Stunden lang suchten sie mit einer Taschenlampe die Straßenseiten ab. Nichts. Obwohl es spät war, fuhren einige Wagen an dem geparkten Jaguar und den beiden Männern mit der Taschenlampe vorbei. Keiner hielt an. Später dachte Jack, dass die Vorsehung auf seltsame Weise die Polizei ferngehalten hatte, um ihnen beiden noch eine letzte Chance zu geben, denn keiner der Vorbeifahrenden hatte den Unfall gemeldet.

Um Viertel nach zwei kehrten sie nüchtern, aber in erbärmlicher Verfassung zum Jaguar zurück. »Wenn niemand auf dem Rad gesessen hat, was hatte es denn mitten auf der Straße zu schaffen?«, wollte Al wissen. »Es stand nicht am Straßenrand, sondern mitten auf der Straße.«

Jack konnte nur den Kopf schütteln.

»Der Teilnehmer meldet sich nicht«, sagte die Telefonistin. »Soll ich’s weiter versuchen?«

»Klingeln Sie noch ein paar Mal durch, Fräulein.«

»Gern, Sir«, sagte sie diensteifrig.

Melde dich doch endlich, Al.

Al war über die Brücke ans nächste Telefon gegangen, hatte einen unverheirateten Freund angerufen und ihn gebeten, die beiden Winterreifen aus der Garage zu holen und sie zur 31 an die Brücke vor Barre zu schaffen. Das sei ihm fünfzig Dollar wert. Zwanzig Minuten später traf der Mann in Jeans und Pyjamajacke am Unfallort ein und schaute sich um.

»Habt ihr jemanden totgefahren?«, fragte er.

Al war schon damit beschäftigt, den Wagen aufzubocken, während Jack die Radmuttern löste. »Zum Glück nicht«, sagte Al.

»Dann will ich mich auf den Weg machen. Du kannst mir das Geld morgen geben.«

»In Ordnung«, sagte Al, ohne aufzuschauen.

Rasch hatten sie die Reifen gewechselt und fuhren gemeinsam zu Al Shockleys Haus zurück. Al lenkte den Jaguar in die Garage und stellte den Motor ab.

Im Dunkeln sagte er ganz ruhig: »Ich trinke nicht mehr, Jacky, mein Junge. Das ist vorbei. Ich habe meinen letzten Martini gesoffen.«

Und jetzt, während er hier in der Telefonzelle schmorte, fiel Jack ein, dass er nie daran gezweifelt hatte, dass Al es durchhalten würde. Mit laut aufgedrehtem Radio war er in seinem VW nach Hause gefahren, und irgendeine Discogruppe sang beschwörend: Do it anyway … you wanna to do it … do it anyway you wanna … Er hörte noch das Quietschen der Reifen und den Aufprall, und, wenn er die Augen kurz schloss, sah er das einzelne zertrümmerte Rad vor sich, dessen abgerissene Speichen in den Himmel zeigten.

Als er in die Wohnung kam, schlief Wendy auf der Couch. Er schaute in Dannys Zimmer, und Danny lag in seinem Kinderbett auf dem Rücken und schlief ganz fest.

Er trug noch den Gips am Arm, und im schwach eindringenden Licht der Straßenlampen sah er auf dem Weiß die Striche und Kritzel, mit denen sich die Ärzte und Schwestern darauf verewigt hatten.

Es war ein Unfall. Er ist die Treppe hinuntergefallen.

(oh, du dreckiger Lügner)

Es war ein Unfall. Ich habe die Beherrschung verloren.

(Du gottverdammter verkommener Säufer hast das Kind misshandelt. Du selbst hast es getan.)

Hören Sie doch, bitte, es war nur ein Unfall …

Aber dieses letzte Flehen wurde von anderen Bildern verdrängt. Eine Taschenlampe, die auf und ab hüpfte. Zwei Männer, die im trockenen Novemberlaub die Leiche eines Kindes suchten, die doch dort irgendwo liegen musste. Und sie hätten auf die Polizei warten müssen. Es spielte keine Rolle, dass Al am Steuer gesessen hatte. Oft hatte er selbst den Wagen gefahren.

Er zog Dannys Decke zurecht, ging ins Schlafzimmer und nahm die spanische Llama Kaliber 38 vom obersten Schrankregal. Fast eine Stunde saß er mit der Waffe auf dem Bett, betrachtete sie, fasziniert von ihrer tödlichen Ausstrahlung.

Es dämmerte schon, als er sie wieder an ihren Platz legte.

An diesem Morgen hatte er Bruckner angerufen, den Leiter der Abteilung, und ihn gebeten, seine Klassen anders zu besetzen, er habe die Grippe. Bruckner war einverstanden, wenn er auch nicht so freundlich war wie sonst. Jack Torrance war im letzten Jahr äußerst grippeanfällig gewesen.

Wendy machte ihm Rühreier und Kaffee. Sie aßen schweigend. Das einzige Geräusch kam vom Hinterhof, wo Danny an einem Sandhaufen fröhlich mit seinen Autos spielte.

Wendy machte sich ans Geschirrspülen. Den Rücken ihm zugewandt, sagte sie: »Jack, ich habe nachgedacht.«

»So?« Mit zitternden Händen zündete er sich eine Zigarette an. Komischerweise hatte er heute Morgen keinen Kater. Nur das Zittern. Er blinzelte. In diesem winzigen Moment der Dunkelheit knallte das Fahrrad gegen die Windschutzscheibe und ließ das Glas bersten. Die Reifen kreischten. Das hüpfende Licht der Taschenlampe.

»Ich will mit dir reden über … über das, was für mich und Danny am besten ist. Vielleicht auch für dich. Ich weiß es nicht. Ich glaube, wir hätten viel früher darüber sprechen sollen.«

»Würdest du etwas für mich tun?«, fragte er und sah, wie die Zigarette in seiner Hand zitterte. »Würdest du mir einen Gefallen tun?«

»Welchen?« Ihre Stimme klang müde und gleichgültig. Er starrte ihren Rücken an.

»Wir reden in einer Woche darüber. Wenn du dann noch willst.«

Jetzt wandte sie sich ihm zu, die Hände voll Schaum, das hübsche Gesicht blass und desillusioniert.

»Jack, Versprechungen haben keinen Zweck mehr. Du wirst ja doch weiter …«

– Sie hielt inne und sah ihm in die Augen. Sie war fasziniert und wurde plötzlich unsicher.

»In einer Woche«, sagte er. Seine Stimme hatte jede Kraft verloren und sank zu einem Flüstern herab. »Bitte. Ich verspreche gar nichts. Wenn du dann noch mit mir sprechen willst, werden wir sprechen. Über was du willst.«

Lange sahen sie sich über die Küche hinweg an, in die jetzt hell die Sonne fiel, und als sie sich wortlos wieder ihrer Arbeit zuwandte, fing er an zu zittern. Mein Gott, er brauchte einen Drink. Nur einen kleinen Schluck. Das würde die Dinge in die rechte Perspektive rücken …

»Danny hat geträumt, dass du einen Autounfall hattest«, sagte sie abrupt. »Er hat manchmal seltsame Träume. Heute Morgen, als ich ihn anzog, hat er es mir erzählt. Stimmt das, Jack? Hattest du einen Unfall?«

»Nein.«

Mittags war das ...

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