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Sektion 3: Hanseapolis - Schattenspiele

Für Gaby

Inhalt

Dritte Episode: Das Duell

Vierte Episode: Epizentrum

Epilog

Glossar

„Wo Es war, soll Ich werden.“

Sigmund Freud

Dritte Episode

Das Duell

1

Elias trat durch die Schleuse. Hinter ihm hob das Shuttle lautlos ab, verharrte einige Sekunden vor der endlosen Schwärze, bevor es beschleunigte und über den offenen Kraterrand davonflog. Der hoch gewachsene Cop fand sich in einem niedrigen Raum wieder, der bis zur Decke mit Kisten und Containern voll gestopft war. Sein Besuch sollte so wenig Aufsehen erregen wie möglich, und so hatte ihn das Shuttle abseits der großen Einflugschneisen an einem der Versorgungsschächte abgesetzt. Ein Inspekteur der Mondbehörde wartete bereits am anderen Ende des Lagerraums auf ihn. Als er den Neuankömmling erblickte, breitete sich auf seinem Gesicht blankes Entsetzen aus, das er durch einen affektierten Hustenanfall zu überspielen versuchte. Elias schaute ihn kalt an.

„Äh … Senior Detective Kosloff? Guten Morgen!“ Der Inspekteur beeilte sich, ihm die Hand zu reichen, vermied aber jeglichen Blickkontakt. „Ihr stellvertretender Sektionschef hat uns bereits über Ihr Kommen informiert. Herzlich Willkommen im Abschnitt Schwarznessel. Wenn Sie mir bitte folgen wollen, ich zeige Ihnen Ihr Habitat. Wie lange gedenken Sie zu bleiben?“

„Solange es nötig ist“, murmelte Elias und sah sich um.

Der Inspekteur, dem die Bewegung nicht entgangen war und der seinen anfänglichen Patzer wieder gutmachen wollte, gab sich zuvorkommend. „Wenn Sie wünschen, führe ich Sie später herum.“ Keine Antwort. „Sie sind auf der Suche nach einem mutmaßlichen Mörder, wurde uns gesagt? Und seine Spur führt hierher? In diesen Abschnitt?“ Bei den letzten Worten quiekte der Mann regelrecht.

„Wie ist Ihr Name?“, fragte Elias tonlos.

„Francis Hil …“

„Gut. Hören Sie mir genau zu, Francis“, fuhr ihm Elias in die Parade. „Ich bin nicht befugt, mit Ihnen über den Fall zu sprechen! Wenn ich Ihre Hilfe benötige, sage ich Ihnen Bescheid. Im Moment reicht es, wenn Sie mir zeigen, wo ich die nächsten Tage wohnen werde.“

„Ja, natürlich …“ Der Inspekteur war sichtlich gekränkt. „Sie haben natürlich Recht. Das alles geht mich nichts an.“

In unangenehmem Schweigen betraten die beiden Männer einen breiten, hell erleuchteten Stollen, der kerzengerade durch das zerklüftete Lavagestein führte. Alle paar Meter gingen auf beiden Seiten weitere Schächte ab. Das gesamte Areal war mit Express-Gangways ausgestattet, worüber Elias sehr froh war, da körperliche Bewegungen bei der geringen Schwerkraft recht beschwerlich waren. So legten er und sein Begleiter in kurzer Zeit einige hundert Meter zurück. Die nicht endende Haupttrasse war menschenleer, zu hören war nur das Summen der Generatoren.

„Wo sind denn alle?“, fragte Elias. Er wusste, allein in diesem Abschnitt lebten über dreißigtausend Kolonisten.

„Die zweite Schicht hat gerade vor zehn Minuten begonnen“, entgegnete der Inspekteur kurz angebunden, dann bog er unvermittelt nach links ab und betrat eine neue Gangway, um nach etwa fünfzig Metern wieder nach rechts abzuknicken. Auf diese Weise wechselten sie in der nächsten halben Stunde mehrfach die Richtung. Der steinerne Irrgarten erinnerte Elias vage an das Innere einer altägyptischen Pyramide, nur dass hier Grau und Schwarz die dominierenden Farben waren. Schließlich schoben sich beide durch einen relativ engen Durchgang aus dem Labyrinth und fanden sich unvermittelt am nördlichen Ende einer riesigen Arena wieder, die sich mehrere hundert Meter in die Höhe erhob. Der räumliche Kontrast hätte nicht größer sein können. Auf den Galerien rund herum reihten sich Tausende von Türen aneinander wie Waben in einem überdimensionalen Bienenstock. Mit schnellen, kleinen Schritten steuerte der Inspekteur einen Hoverlift an, der sich bei seinem Nähern automatisch öffnete.

„Hab2680!“, befahl er laut, kaum dass Elias neben ihn getreten war.

Die Schubdüsen kämpften kurz gegen die Masse an, dann setzte sich der Lift in Bewegung und durchquerte die Halle, wobei er stetig an Höhe gewann. Schon nach wenigen Minuten erreichten sie eine der oberen Galerien; der Boden erschien von hier aus kaum größer als Elias’ Handfläche. Sie stiegen aus, gingen ein paar Meter und blieben schließlich vor einer roten halbrunden Tür stehen, die sehr massiv aussah.

Der Inspekteur drehte sich mit ausdruckslosem Gesicht zu Elias um. „Wir haben Ihnen ein begehrtes Außen-Habitat zugewiesen, mit Blick auf die Oberfläche. Wenn Sie Fragen haben, Milo wird sie Ihnen gerne beantworten. Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab, als ein sanfter, aber spürbarer Ruck durch den Boden unter ihren Füßen ging. Elias schwankte, während sich der Inspekteur keinen Millimeter bewegte.

„Ein Beben“, erklärte dieser überflüssigerweise und fügte süffisant hinzu: „Sie werden sich daran gewöhnen.“

Das Habitat 2680 war mit seinen zwanzig Quadratmetern vergleichsweise groß. Noch war der Raum so gut wie leer und frei konfigurierbar. In der Raummitte stand ein Page in einer altmodischen roten Uniform mit goldenen Knöpfen und blickte den Neuankömmling erwartungsvoll an. Elias hatte bei seinen früheren Aufenthalten auf dem Mond bereits diverse Einrichtungsstile durchgespielt und entschied sich für die altbewährte KABUFF-Variante: Kommode, Airtouch-Liege, Badekabine, Umkleide, Fäkalbecken, Frischluft.

„Interieur 3“, orderte er, woraufhin der Page schnell wie der Blitz das entsprechende Mobiliar aus Wand und Boden zog. Zumindest sah es so aus, als würde er das tun. In Wirklichkeit lief alles automatisch ab, aber um das Ganze freundlicher zu gestalten, hatten sich Psychologen diese kleine Showeinlage ausgedacht. Wie auch die seinerzeit heftig diskutierte Maßnahme, bewohnte Mondabschnitte nach Wildblumen zu benennen. Als der Page fertig war, wandte er sich Elias zu.

„Wie möchten Sie Ihre Aussicht auf das Südpol-Aitken-Becken haben?“

„Gar nicht. Ich bevorzuge die nackte Wirklichkeit“, murrte Elias.

„Aber wir haben viele schöne Varianten zur Auswahl. Da wäre zum einen der herrliche Sonnenaufgang über dem Becken in Violett und Orange oder aber die exotische Variante mit Außerirdischen und Flugsauriern in heiterem Gelb!“

„Nein, danke!“

„Wie Sie meinen, aber es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Blau und Orange den Blutdruck regulieren, Gelb die Atmung beruhigt und Violett die Herzschläge auf angenehme …“

Wortlos näherte sich Elias dem Bullauge gegenüber der Tür und berührte die Außenkante mit den Fingerspitzen. Schon wurde der Blick auf eine aschgraue, trockene Ebene sichtbar: löchrig wie Schweizer Käse, mit tiefen Kratern und flachen, kreisförmigen Kesseln aus erstarrter Lava. Über die gesamte Ebene verteilt ragten gigantische Bienenstöcke aus dem Boden heraus: die Habitate der Minenarbeiter und ihrer Familien, die in den Mascons außerhalb des Beckens nach Helium-3-Vorkommen bohrten.

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Ein kurzes Aufblitzen in der pechschwarzen Unendlichkeit über der Ebene erregte Elias’ Aufmerksamkeit. Das Meteorit-Abwehrsystem in der Umlaufbahn, das den Mond wie ein überdimensionaler Metallgürtel umfing, sendete gezielte Mikrowellen-Impulse ins All. Auf diese Weise wurden große Brocken bereits Hunderte von Kilometern entfernt zum Zerbersten gebracht. Was davon übrig blieb, prallte an den Kraftfeldern ab, die fast ausnahmslos die Wohn- und Arbeitsstätten der Kolonisten an der Oberfläche umschlossen.

Als sich Elias umdrehte, stand der Page in der Raummitte und starrte ihn an.

„Hör zu, Milo … das ist doch dein Name, oder?“ Das Hologramm nickte stumm. „Gut. Ich muss jetzt allein sein. Du rührst dich erst wieder, wenn ich dich rufe. Und untersteh dich, eine stille Video-Aufzeichnung zu machen!“ Daraufhin nickte der Page erneut und verschwand augenblicklich von der Bildfläche.

Elias warf sein Bündel auf die Kommode und legte sich auf die zitronengelbe, ungemein beruhigende Airtouch-Liege, die sich sofort seiner Körperform anpasste. Er war Sahil bis hierher gefolgt und würde den Mistkerl ein für alle Mal festnageln! Ich mach dich alle, du Drecksack! Du wirst für das büßen, was du Mari …

Gewaltsam verdrängte er den Gedanken an Louann und aktivierte seinen Virtuellen Kommunikator. Mit den Augen suchte er das Menü ab und rief zum wiederholten Male ab, was er über Sahil wusste: Vor rund 15 Stunden hatte der Mistkerl im Abschnitt Schafgarbe eingecheckt. Seitdem war jeder seiner Schritte registriert worden: 17.15 Uhr Mondzeit Zutritt zum Habitat. 17.52 Uhr Austritt aus dem Habitat. 18.00 Uhr Physis-Check im Healthcenter. 19.00 – 22.15 Uhr Masconer-Training im Übungsstollen 14a. 22.26 – 22.43 Uhr Abendessen in der kleinen Aitken Kantine. 22.53 Uhr Rückkehr ins Habitat. Auf dem Mond wurde jede Bewegung minutengenau registriert. Auch dass Sahil um 23.02 Uhr und 04.07 Uhr pissen war oder vielmehr „die Ruheräume genutzt hatte“. 06.00 Uhr dann die Einweisung in die 5. Arbeitskolonne. Elias’ vernarbte Augenbraue hob sich leicht. Hier oben verlor man wirklich keine Zeit!

Der Schweinehund musste seine Flucht von langer Hand geplant haben, denn für gewöhnlich erhielt man nicht so schnell ein Arbeitsvisum der Lunar-Kategorie. Es war anzunehmen, dass Sahil bei dem Versuch, sein S3-Implantat zu neutralisieren, schlampig vorgegangen und deshalb letztlich geortet worden war. Möglicherweise hatte er nicht damit gerechnet, dass man ihm bis auf den Mond folgen würde. Falsch gedacht! Louann Marino mochte nur sechs Wochen Mitglied der Sektion 3 gewesen sein, doch die Kollegen, allen voran Elias, waren wild entschlossen, Vergeltung zu üben – zumal die Tat von einem der Ihren begangen worden war.

Singh Fatwi … Selbstverständlich war Sahil mit falschem Namen eingereist, auch wenn das in Zeiten von Implantaten und Molekular-Scannern lediglich Staffage war. Elias schnaubte leise, bevor er sein InterCom aktivierte, um mit Sara Hu zu sprechen, einer der Vorarbeiterinnen der 5. Kolonne. Umgehend erschien auf seinem Virtuellen Kommunikator das grobschlächtige Gesicht einer Asiatin, die ihn misstrauisch anstarrte. Zumindest war sie bei seinem Anblick nicht zusammengezuckt! Anscheinend waren die hiesigen Minenarbeiter aus härterem Holz geschnitzt als der Rest. Was bei dem Knochenjob nicht weiter verwunderlich war.

„Fatwi ist vor eineinhalb Stunden mit den anderen runter, in einen der Mascons im D-Quadranten westlich des Beckens, ungefähr 300 Kilometer von hier entfernt. Seine Schicht endet in fünf Stunden. Sie können ihn dann direkt bei seiner Rückkehr an Dock E kassieren!“ Sie sprach erstaunlich gut Deutsch.

„So lange kann ich nicht warten! Ich muss ihn sofort sehen. Wie komme ich in den D-Quadranten?“ Das wiehernde Lachen in seinem Ohr ließ Elias zusammenzucken.

„Sie können in einen Mascon nicht einfach so reinspazieren! Es ist extrem gefährlich. Das Areal ist hermetisch abgeriegelt, die Schotten öffnen erst nach sechs Stunden automatisch. In dieser Zeit kommt niemand rein oder raus.“

„Was ist bei Notfällen?“

„Die Arbeitskolonnen werden evakuiert. Unterirdisch. Wir haben da unten ein ausgeklügeltes Stollensystem. Oberirdische Evakuierungsmaßnahmen wären viel zu aufwändig und gefährlich, allein der extremen Temperaturen wegen.“

„Aber der Transport dorthin und auch wieder zurück findet doch oberirdisch statt!“

„Ja, aber eben nur alle sechs Stunden.“

„Und warum werden bei Notfällen keine zusätzlichen Züge eingesetzt?“ In Elias machte sich Frustration breit.

„Die könnten bei einer Explosion beschädigt werden. Das würde die Kolonie Milliarden kosten. Es ist billiger, die Arbeiter durch die Stollen rauszuschleusen, auch wenn es zehnmal länger dauert.“

Elias seufzte resigniert. „Also gut, sagen Sie mir sofort Bescheid, sobald Singh Fatwi auftaucht.“ Der Name hinterließ einen bitteren Geschmack auf seiner Zunge.

Wieder das wiehernde Lachen. „Mach ich! Wenn der was ausgefressen hat, kriegen wir ihn!“ Dann wurde der Ton eine Spur schärfer. „Ich weiß, viele von euch denken, wir würden Verbrechern und anderem Gesindel hier oben Unterschlupf gewähren, aber das ist gequirlte Scheiße! Unsere Sicherheitschecks sind die strengsten im interstellaren Raum und nur die besten …“

„Ich danke Ihnen! Wir sehen uns an Dock E.“ Entnervt unterbrach Elias die Verbindung. Noch so ’ne Labertasche!

Einerseits juckte es ihn in den Fingern, Sahils Visage mit der Faust zu bearbeiten, andererseits kam es auf ein paar Stunden nicht an. Er würde die Zeit bis zur Festnahme nutzen, um sich dessen Habitat vorzunehmen, danach würde er ein 24/7-Resto aufsuchen. Der Hauch eines Lächelns huschte über sein Gesicht. Zum ersten Mal seit Tagen hatte er wieder Appetit. Und das aus gutem Grund: Sahil konnte nicht weg. Er saß in der Falle.

2

Es war ein Albtraum. Er konnte die Hand nicht vor Augen sehen, dafür wurde seine empfindliche Nase bestens bedient. Der bestialische Gestank um ihn herum, eine undefinierbare Mischung, irgendwas zwischen Latrine und faulen Eiern, raubte ihm den Atem. In weiter Ferne hörte er Stimmen, wie aus einer anderen Welt.

In gekrümmter Haltung stocherte Sahil mit einer rostigen Klinge in seiner Schulter herum, durchstieß das nachgiebige Fleisch auf der Suche nach seinem S3-Implantat – einem dünnen Stück Metall, nicht größer als ein Stecknadelkopf. Dabei liefen ihm Tränen der Qual übers Gesicht. Er musste das Implantat unbedingt loswerden, erst dann würde er wieder an die Oberfläche gehen können. Von InterCom, Laserwaffe und Virtuellem Kommunikator mit ihren verräterischen Signaturen hatte er sich bereits kurz nach dem Schuss auf Marino getrennt.

„Ich muss es schaffen, muss es schaffen …“ Wie eine Beschwörung sprach er diesen Satz leise vor sich hin, immer und immer wieder. Seine Stimme war heiser; giftige Luftpartikel hatten sich bereits in seinem Hals festgesetzt.

Er hatte vorgehabt, das Implantat professionell entfernen zu lassen. Ein einziger Tropfen Heloxid auf seiner Haut hätte ausgereicht. Die Substanz wäre durch die Epidermis gesickert und hätte das Implantat vollständig zersetzt und ihn damit unsichtbar gemacht. Doch als er aus dem Evakuierungstunnel der Sektion 3 getreten war, um diesbezüglich seine Mittelsmänner zu kontaktieren, hatte er eine bitterböse Überraschung erlebt.

„Du hast es verbockt! Durch deine unüberlegte Aktion droht die Mission aufzufliegen.“

„Wie konntest du eine Polizistin erschießen? Du hast uns alle in Gefahr gebracht!“

„Sie war dir auf der Spur, na und? Du hättest sie verschwinden lassen können wie die kleine rothaarige Nutte.“

„Du bist ein Sicherheitsrisiko. Wenn sie dich schnappen, sieh zu, dass du schnell krepierst, bevor du zu quatschen anfängst!“

„Einen letzten Gefallen? Na meinetwegen, der alten Zeiten willen. Aber bleib mir bloß vom Leib! Ein paar von unseren Leuten sitzen auf dem Mond. Folgendes …“

Er hatte untertauchen müssen. Buchstäblich. Aber gleich in der ersten Nacht hatten ihm Unbekannte seinen Notfallrucksack geklaut. Wasser, Schnellnahrung, Breitbandantibiotika, Atemmaske, Xenon-Handstrahler und sein Navigationsgerät mit integriertem Toximeter waren damit weg gewesen. Auch seine Thermojacke, ein nicht registrierter Stunner und die teuren Stiefel hatten dran glauben müssen. Sahil hatte sich heftig zur Wehr gesetzt, doch ein gewaltiger Schlag auf den Kopf hatte dem ein schnelles Ende bereitet. Er war mit pochendem Schädel irgendwo im Halbdunkel aufgewacht, mit nichts anderem als einem Hemd, einer Hose und einem Paar alter löchriger Schuhe, die sie ihm „zum Tausch“ dagelassen hatten.

Sahil spürte, wie warmes Blut seine Schulter hinunterrann und stieß ein halbersticktes wütendes Lachen aus. Höchstwahrscheinlich würde er in diesem Rattenloch an einer einfachen Blutvergiftung verrecken! Der erste Hanseapole, der seit 30 Jahren auf diese Art ins Gras beißen würde. Vielleicht nicht ganz der passende Ausdruck an diesem kalten, gottverlassenen Ort, schoss es Sahil durch den Kopf. Wieder kicherte er, diesmal ging ein Schütteln durch seinen Körper, das er nicht kontrollieren konnte. Erschrocken hielt er sich mit der Faust den Mund zu. Verdammt, reiß dich zusammen! Konzentriere dich auf dieses Scheißimplantat.

Er atmete tief durch, wartete einen Augenblick und setzte die scharfe Kante erneut an. Obwohl seine militärische Ausbildung viele Jahre zurücklag, half sie ihm dabei, den heftig pochenden Schmerz ein Stück weit auszublenden. Er konzentrierte seine Sinne auf die Klinge, die sich Faser für Faser vortastete. Da! Hatte er etwas Festes gespürt? Das Implantat? Oder vielleicht doch nur ein Muskel oder Knochen? Er stieß die Stelle leicht mit der Spitze an und taumelte vor Schmerz. Ihm wurde übel. Einige Sekunden verharrte er in einer grotesken Position: kniend, den Kopf gesenkt, halb auf den rechten Arm gestützt, der die verfluchte Schneide in seine linke Schulter rammte. Seine Hand verkrampfte sich und er begann zu zittern, doch er gönnte sich keine Ruhepause. Er war schon so weit gekommen. Eigentlich war das Implantat in seiner Schulter leicht zu ertasten gewesen, doch er war Linkshänder und seine rechte Hand führte die eindringlichen Befehle seines Gehirns mit eher mäßigem Erfolg aus.

Wieder holte er tief Luft, dann stach er nach, tastete und glaubte erneut, eine leichte Verhärtung zu spüren. Mit zusammengekniffenen Augen hakte er das behelfsmäßige Skalpell unter die Verhärtung und stieß von unten dagegen. Entweder war er gerade dabei, sich den Muskel aufzuschneiden oder aber er kickte wie beabsichtigt das Implantat aus der Schulter.

Was immer er tat, es tat weh. Höllisch weh! Schulter und Arm schienen in Flammen zu stehen. Sahil unterdrückte den Zwang, sich übergeben zu müssen, konnte indessen aber nicht verhindern, dass er kraftlos zu Boden sank. Sein Gehör aber, das von Dunkelheit und Stille geschärft war, vernahm ein leises ‛Pling’, als ob ein kleines Stück Metall auf den Boden gefallen wäre. Oder spielten ihm seine Sinne vielleicht nur einen Streich?

Er hatte keine Wahl. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rappelte er sich wieder hoch, riss ein Stück seines Ärmels ab und versuchte so gut es ging, die Wunde zu verbinden. Dann begaben sich seine blutverschmierten Finger auf die tastende Suche nach dem herrenlosen Implantat.

3

Ein langes Röhren kündigte die Ankunft der Expressbahn an. Elias hatte sich hinter einem Steinpfeiler postiert und fixierte den dunklen Tunnel, der in Kürze den Zug mit den heimkehrenden Arbeitern herauswürgen würde. Die Durchsuchung des Habitats hatte nichts ergeben. Clever wie er war, hatte Sahil nichts angeschleppt, was eine Verbindung zu seinem früheren Leben hätte erkennen lassen können. Dennoch war Elias euphorisch. Gleich habe ich dich! In seinem Bauch kribbelte es verdächtig, die Süße der bevorstehenden Abrechnung ließ sein Herz höher schlagen.

„Er ist im dritten Wagon“, flüsterte es plötzlich in Elias’ InterCom. Es war Sara Hu. „Gleich vorn, Sie können ihn nicht verfehlen.“

„In Ordnung“, antwortete Elias leise, dann suchte er den Blickkontakt zu den drei bis zu den Zähnen bewaffneten Securitys, die nur wenige Meter hinter ihm in Deckung gegangen waren. Einer nach dem anderen nickte leicht zum Zeichen, dass auch sie die Nachricht über InterCom gehört hatten. Mit angespannter Miene beobachtete Elias, wie die transparente Expressbahn abbremste und schließlich stoppte. Die Türen der Wagons öffneten sich und die Arbeiter in ihren grauen Overalls strömten schweigend heraus. Unter ihnen befand sich auch Vorarbeiterin Hu, die mit einer leichten Kopfbewegung auf eine Person hinter sich aufmerksam machte.

„Zugriff!“, flüsterte Elias und trat hinter dem Pfeiler hervor. Die drei Securitys setzten sich ebenfalls in Bewegung. Das Quartett stemmte sich dem zähen Menschenstrom entgegen; dabei reckte Elias den Kopf zur Seite, um an Hu vorbeizuschauen. Die Vorarbeiterin war hochgeschossen und so nahm Elias zunächst nur einen staubigen Umriss in ihrem Rücken wahr, der sich beim Näherkommen als schlaksige Gestalt mit dunklem Haar entpuppte. Der Mann schien am Ende seiner Kräfte. Er ging schwerfällig, leicht nach vorne gebeugt, und nahm gleichgültig in Kauf, dass er von den anderen grob angerempelt wurde.

„Sahil!“ brüllte Elias über die Häupter der Menschen hinweg, woraufhin der Mann aus seiner Trance erwachte. Wie in Zeitlupe hob er den Kopf und Elias blieb wie angewurzelt stehen. Was zum Teufel …? Eine eisige Faust schloss sich um sein Herz. Das hier war nicht Sahil! Zugegeben, der Typ sah ihm entfernt ähnlich, aber mehr auch nicht. Ich Vollidiot! Warum habe ich mir nicht das Video-Protokoll seiner Ankunft angeschaut? Er war sich seiner Sache zu sicher gewesen.

Hinter Elias wurden wilde Flüche laut, als sich die Securitys im Laufschritt von drei Seiten näherten und schmerzhafte Breschen in die Menge schlugen. Der Cop drückte sich unsanft an Sara Hu vorbei, die in einer einzigen Bewegung herumfuhr, schon hatte er den Sahil-Doppelgänger am Kragen gepackt! Hinter ihm summten die schussbereiten Laser der Securitys und eine eigenartige Ruhe legte sich über den Platz. Wo eben noch Wut oder Neugier geherrscht hatte, war auf einmal nur Gleichgültigkeit. Den Blick starr auf den Boden gerichtet, verließen die Arbeiter eilends das Dock, wobei sie einen großen Bogen um die finstere Gruppe in ihrer Mitte machten.

Elias drehte sich barsch zu Hu um, die ihn überrascht anstarrte. „Meinen Sie den hier?“, polterte er los.

„Äh, ja“, antwortete die große Frau unsicher. „Wieso? Stimmt was nicht?“

„Hier stimmt etwas ganz und gar nicht! Das hier ist nicht Sahil Karesh!“ Er richtete seine unheimlichen Augen auf das Gesicht des Fremden vor ihm, auf der Suche nach einer polymeren Gummihaut oder physiognomischen Anomalien. Dann fluchte er. Das hier war eindeutig nicht Sahil. Außerdem war der Typ ein gutes Stück kleiner! Es war unwahrscheinlich, dass sich Sahil in so kurzer Zeit die Beine hatte verkürzen lassen.

Elias schnaubte und ließ den Mann los. Er war stinkwütend. „Wer sind Sie? Und warum geben Sie sich für jemand anderen aus?“ Seine Stimme kam einem Knurren gleich.

Sein Gegenüber war kreidebleich geworden. Er begann unverständliches Zeug zu stammeln und gestikulierte dabei wild. Elias verstand kein Wort. Er blaffte Hu an, die neben ihn getreten war. „Haben Sie einen tragbaren Sim-Translator bei sich?“

Die Vorarbeiterin hob spöttisch eine Augenbraue. „Natürlich! Die sind hier ein Must, aber der wird Ihnen in diesem Fall nichts nützen. Während ihrer Schichten tragen die Arbeiter kein InterCom. Nur die Vorarbeiter haben welche. Sie müssen warten, bis Fatwi seinen aus dem Habitat …“

„Und wie kommunizieren die da unten miteinander? Per Klopfzeichen? Geben Sie ihm Ihr InterCom!“

„Was? Auf gar keinen Fall! Dann wäre ich vom Kommunikationsnetz abgeschnitten.“

„Das dauert nicht lange …“, entgegnete Elias und streckte ihr ungeduldig die Hand entgegen.

Wortlos nahm Hu ihr InterCom aus dem Ohr und legte es zusammen mit einem kleinen silbernen Gerät in Elias’ offene Handfläche. Ihre schmalen Augen sprühten missbilligende Funken.

„Danke.“ Elias nahm den Sim-Translator entgegen, wartete einige Sekunden, bis sich die Frequenz auf sein InterCom eingestellt hatte, dann wandte er sich erneut an den Mann und reichte ihm Sara Hus Kommunikationsgerät. Der zögerte. Erst, als er Elias’ drohenden Gesichtsausdruck sah, nahm er den Knopf mit zwei Fingern entgegen und steckte ihn sich vorsichtig ins Ohr.

„Wer sind Sie?“, fragte ihn Elias.

„Mein … mein Name ist Singh Fatwi, ich … ich bin Bürger der Europäischen Föderation. Ich bin gestern Nachmittag erst angekommen. Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen …“

„Wie viel hat Ihnen Sahil bezahlt?“

„Wer? Ich kenne keinen Sahil!“ Nach dem ersten Schock hatte sich der Mann wieder einigermaßen im Griff und schaute sein Gegenüber scharf an. Er war nicht kräftig, aber sehnig. Elias machte unter dem Overall jede Menge Muskeln aus. Ein Gegner, den man nicht unterschätzen durfte.

„Ihr S3-Implantat hat Sie verraten … beziehungsweise …“ Elias stockte. Er fühlte sich plötzlich ratlos.

„Was ist ein S3-Implantat?“ Der Mann schien ehrlich erstaunt.

Elias dämmerte langsam die schreckliche Wahrheit. „Was tun Sie hier?“, fragte er mit tonloser Stimme.

„Ich habe vor zwei Jahren einen Antrag für ein Arbeitsvisum gestellt und jetzt hat es endlich geklappt! Ich habe mich für fünf Jahre verpflichtet. In dieser Zeit verdiene ich genug Geld, um dann auf dem Südlichen Archipel meine eigene Firma zu gründen …“

„Einen Moment …“, stieß Elias hervor, dann trat er einen Schritt zurück. Etwas fahrig kramte er nach seinem Mini-Molekular-Scanner. Das kann wohl nicht wahr sein. Ich bin schon wieder verarscht worden! Wortlos hielt ihm Fatwi die Handfläche hin. Elias zögerte kurz, dann wischte er mit dem Scanner darüber. Ein kurzes Piepen brachte die Bestätigung. Singh Fatwi war in der DNA-Datenbank registriert: ein unbescholtener Erdenbürger, Jahrgang 2020, dazu ein hoch dekorierter Held des Transkontinentalen Krieges, seit fünf Jahren Bürger der Europäischen Föderation. Das einzige, was ihm Elias persönlich hätte anlasten können, war, dass er im Krieg für die Gegenseite gekämpft hatte.

Er räusperte sich. „Ihre Geschichte scheint zu stimmen. Ich … äh … entschuldigen Sie bitte. Wir haben Sie mit jemandem verwechselt.“ Wie auf Kommando senkten die Securitys ihre Waffenarme.

„Darf ich endlich gehen?“ Der Mann hatte inzwischen seine Fassung wieder vollständig zurück gewonnen und reichte Elias das InterCom mit einem leicht unverschämten Blick.

„Ja, ja, gehen Sie!“, stieß der gerade noch so hervor. Die Enttäuschung raubte ihm kurzfristig den Atem. Mit zusammengekniffenen Lippen blickte er Singh Fatwi hinterher, als Hu zögernd an ihn herantrat.

„Es tut mir leid, ehrlich. Alle Anzeichen sprachen dafür, dass er Ihr Mann ist! Ich verstehe das auch nicht. Es stand so in der Personal File, auch die Sache mit dem Implantat. Ich …“ Hilflos hob sie beide Hände als Zeichen der Entschuldigung.

Ohne ein Wort gab Elias der stämmigen Frau Sim-Translator und InterCom zurück, dann machte er kehrt, die Securitys im Schlepptau. Sein Innerstes war in wildem Aufruhr. Wieder waren Informationen manipuliert worden. Und er gleich mit! Ihm kam es so vor, als wäre jede offizielle Behörde von hier bis Hanseapolis verseucht. Er konnte niemandem trauen.

Als er zwanzig Minuten später in sein KABUFF stürzte, war er blind für Milo, der auf der Liege saß und scheinbar auf ihn wartete. „So ein Dreck!“

„Bitte?“, kam es höflich zurück.

Ruckartig riss Elias den Kopf zur Seite. Seine Augenbrauen zogen sich bedrohlich zusammen, doch so etwas beeindruckte ein Hologramm kaum.

„Was willst du? Hab ich dir nicht gesagt, dass du dich verdünnisieren sollst?“

„Ja schon“, antwortete der Page gelassen. „Aber es ist eine Nachricht für Sie eingetroffen.“

„Ach ja? Von wem?“

„Weiß nicht. Ein White-Mail wurde in den Türcounter geworfen. Ich hab’s durchleuchtet. Es ist sauber.“

Elias war perplex. Das wird ja immer besser! „Eine handgeschriebene Nachricht?!“

„Ja“, antwortete Milo ungerührt. „Sie liegt noch im Counter.“

Elias. 17.00 Mondzeit, Abschnitt Natternkopf, Galerie 96, Habitat 8. Ein Freund. Elias’ Gehirn lief auf Hochtouren. Eine Falle? Wollte man ihn endgültig aus dem Weg räumen? Abschnitt Natternkopf ... Beinahe hätte er gelacht. Wie passend!

„Milo? Bist du eigentlich an dein Habitat gebunden oder kannst du dich auch an andere Orte projizieren?“

Das Hologramm betrachtete seine Füße, ohne zu antworten. „Nun? Was ist?“

Immer noch Schweigen.

„Ah, ich verstehe. Du bist an dieses Zimmer gekettet. Ganz schön armselig.“ Elias wandte sich demonstrativ ab.

„Nein! Äh, beziehungsweise, na ja …“

„Was denn nun?“

„Sagen wir es mal so. Ich habe einen Weg gefunden, mich in andere Holo-Schnittstellen zu transferieren. Es kann ganz schön langweilig werden, hier allein im Habitat.“

Elias lächelte grimmig. „Wie wär’s mit etwas Abwechslung?“

Mit einer eleganten Bewegung stellte sich das Hologramm auf die Füße und schaute den großen Cop feierlich an. „Was soll ich tun?“

Eine knappe Viertelstunde später war Milo wieder da. Seine Augen leuchteten. „Das hat Spaß gemacht“, entfuhr es ihm. Dann bemerkte er Elias’ ungeduldiges Stirnrunzeln und beeilte sich zu berichten. „Also, der Weg bis zur Galerie 96 ist ok. Da hält sich niemand auf. Aber vor dem Habitat 8 halten ein Mann und eine Frau Wache. Sie sehen aus wie Zwillinge, irgendwie …“, Milo suchte sichtlich nach Worten, „… makellos! Zuerst dachte ich, sie seien meinesgleichen, aber es sind Menschen. Ich würde Ihnen raten, vorsichtig zu sein. Ich glaube, sie sind gefährlich. Ins Habitat selbst konnte ich mich nicht transferieren.“ Milo machte eine kleine Pause. „Sie sind trotzdem mit mir zufrieden, hoffe ich?“

Elias nickte geistesabwesend. Er war geschockt. Die Bruderschaft? Hier? Dieser Tag geizte nicht mit Überraschungen! Lange Zeit verweilte er bewegungslos und dachte nach, während Milo stumm daneben saß und auf weitere Instruktionen wartete. Die aber kamen nicht. Stattdessen stand Elias auf, steckte wortlos seinen HK-X245 Laser ein und verließ das Zimmer.

Er ist da, Schwester.

Ich weiß.

Die beiden schlanken Gestalten, deren Seelen zu einem tödlichen Wesen vereint waren, verschmolzen mit ihrer Umgebung; die Nano-Partikel im Chamäleon-Stoff ihrer Tarnanzüge leiteten das weiße Licht der Galerie vollständig um. Regungslos standen sie vor der Tür des Habitats Nummer 8 Spalier und beobachteten die Galerie mit Argusaugen. Ihren geschulten Sinnen entging nicht die kleinste Luftbewegung und so spürten sie Elias’ Anwesenheit, ehe sie ihn überhaupt erblickten.

Als sich dieser vorsichtig näherte, den Laser im Anschlag, traten sie einen kleinen Schritt vor, wodurch sich der Lichteinfall auf ihren Anzügen leicht veränderte und ihre Konturen sichtbar wurden. Elias blieb stehen. Es verging eine kleine Ewigkeit, dann verbeugten sich die beiden Gestalten kaum merklich vor ihm. Elias erwiderte die Geste, indem er den Laser wegsteckte. Zeitgleich öffnete sich die Tür zum Habitat und die beiden Gestalten verschmolzen wieder mit der Wand. Zögernd trat Elias ein.

„Wir beide waren früher einmal wie sie.“

Als Elias die Stimme hörte, gefror ihm das Blut in den Adern. Sie war klar und kalt wie geschliffenes Glas. Und er hatte sie zum letzten Mal vor zwanzig Jahren vernommen.

„Aidan …“, flüsterte er entsetzt.

Die große Gestalt vor ihm machte einen Schritt nach vorn und Elias sah, dass sich der Mann aus seiner Vergangenheit kaum verändert hatte. Eine Ausgeburt der Hässlichkeit mit beulenübersätem Gesicht und weit auseinander stehenden dunklen Augen. Seine stolze und anmutige Haltung stand dazu im krassen Gegensatz.

„Was tust du hier?“, frage Elias atemlos. Er war in seinen Grundfesten erschüttert.

„Das hier ist unser Territorium. Du bist derjenige, der nicht hierher gehört.“ Aidans Ton war eisig.

Er hat mir nicht verziehen. „Was wollt ihr von mir?“

„Wir wollen, dass du von hier verschwindest! Der Kerl, den du suchst, ist nicht hier. Das war er nie.“

„Woher willst du das wissen?“, gab Elias zurück. Eine dumme Frage. Der Bruderschaft entging selten etwas, das wusste er. Aber was hätte er sonst sagen können?

Aidans Antwort war ein mildes Lächeln. Und dann: „Sahil Karesh hat Hanseapolis nie verlassen.“ Er lachte leise. „Du Narr.“

„Was? Aber …“ Elias’ Gedanken überschlugen sich. Der Trip hierher war umsonst gewesen?

„Sieh es als kleinen Urlaub an …“, ergänzte Aidan höhnisch. Er sah Elias’ fassungslosen Blick und ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund. „Du vergisst, dass ich die meisten deiner Gedanken lesen kann. Immer noch … nach so vielen Jahren …“

Elias unterdrückte einen Schauer. „Aidan, es tut mir leid.“

„Leid?“ Es war ein Fehler gewesen Schwäche zu zeigen. Der andere Mann stürzte sich darauf wie ein hungriges Tier. „Leid? Wir waren einmal wie Brüder, du und ich. Nein, mehr als das. Seelenverwandte …“ Bei diesen Worten reckte er seinen rechten Arm hoch. Der Ärmel seines Hemdes fiel zurück und eine schwarze Onyx-Schlange, die der von Elias bis auf den letzten Stein glich, wurde sichtbar. „Wir beide waren unbezwingbar, aber du musstest alles zerstören! Du hast uns wieder zu unvollkommenen Wesen gemacht. Und das Schlimmste ist …“, seine Stimme war hasserfüllt, „… du bist jetzt einer von ihnen, ein Offizieller!“

„Ich bekämpfe das System auf meine Art …“ Selbst in Elias’ Ohren klang es wie eine lausige Ausrede.

Aidans spöttisches Lachen unterbrach ihn. „Wir wissen von deinen kleinen … Unternehmungen. Lächerlich! Damit erreichst du gar nichts.“ Er tat einen Schritt auf ihn zu. „Du hättest bei der Bruderschaft bleiben sollen, Elias. Wir packen das Übel an der Wurzel und reißen es heraus. Vollständig.“

„Aidan, eure Ziele mögen ehrenhaft sein, eure Methoden sind es nicht. Ihr lebt in einer Schattenwelt, eure Regeln sind alttestamentarisch …“, stieß Elias hervor und unterdrückte den Impuls zurückzuweichen.

„Wir sind nur konsequent.“

„Aidan …“ Elias ließ zu, dass ein Gefühl der Trauer seine Gedanken umspülte. „Ihr habt jeglichen Blick für die Realität verloren“, murmelte er.

Aidans schrilles Lachen traf ihn wie ein Peitschenhieb. „Du hast jeglichen Blick für die Realität verloren, Elias! Die Welt da draußen ist durch und durch verdorben. Du hast das Elend in den Tunneln doch mit eigenen Augen gesehen. Sie sind schlimmer als Tiere! Denen ist nichts heilig.“

Elias, der an Louann dachte, zog schweigend die Augenbrauen zusammen. Aidan achtete nicht darauf und schäumte weiter. Seine schwarzen Augen sahen durch ihn hindurch.

„Hanseapolis wurde auf den Prinzipien von Stärke und Gerechtigkeit gegründet. Und was ist davon geblieben? Nada. Nichts! Das einzige, was die Menschen antreibt, ist Geld und Macht. Die Offiziellen sind dabei die schlimmsten von allen …“

„Hör auf, Aidan!“ Elias hatte genug von den Litaneien. „Ich habe vor zwanzig Jahren meine Entscheidung getroffen. Sie ist unumkehrbar.“

„Ich habe dich geliebt …“ Aidans Stimme war nur noch ein Flüstern.

Elias schaute ihn an. Ein Riss in der Fassade. Beide schwiegen. Trauer und Bitterkeit lagen in der Luft. Ein kurzer Ruck im Boden ließ sie leicht wanken. Das zwanzigste Beben, seitdem Elias seinen Fuß auf den Mond gesetzt hatte. Er holte tief Luft.

„Was kannst du mir zum Verbleib von Sahil Karesh erzählen?“

Aidans Gekicher ließ ihn frösteln. „Das kann nicht dein Ernst sein, Elias!“ Er schaute ihn eiskalt an und wandte sich ab. „Von uns darfst du keine Hilfe erwarten. Von mir am allerwenigsten.“

Elias ließ sich nicht beirren. Offenbar war Aidan nicht ganz über ihn hinweg. Es war einen Versuch wert. „Was steckt wirklich hinter dem Mord an der Prostituierten? Was wollte Sahil vertuschen?“

Asimov …

„Was?“ Elias’ Herz schlug schneller. Hatte Aidan laut gesprochen oder hatte er einen seiner Gedanken erhaschen können? Vorsichtig trat er auf den schwarzhaarigen Mann zu, doch bevor er seine Hand auf dessen Schulter legen konnte, wirbelte dieser herum. „Verschwinde hier! Hau ab!“ Seine Stimme überschlug sich, Verletzlichkeit schwang mit. Er hatte Elias mehr offenbart, als ihm lieb war.

„Aidan“, sprach Elias sanft. Sein ehemaliger Waffenbruder wusste etwas, und er musste unbedingt herausfinden, was!

„Nein, Elias. Geh! Dich hierher kommen zu lassen, war ein Fehler. Ich werde mich gegenüber der Bruderschaft dafür rechtfertigen müssen.“ Aidan schaute auf, seine dunklen Augen waren leer. „Geh bitte …“, bat er noch einmal, dann drehte er den entstellten Kopf zur Seite.

Kurz starrte Elias ihn an, bevor er sich abwandte und den Raum verließ. Wie ein kalter Windhauch spürte er die Anwesenheit der beiden Wächter im Nacken, als sie ihn passieren ließen.

Elias’ Gesicht war schweißüberströmt, als er sein eigenes Habitat wieder betrat. Mit letzter Kraft lief er zum Fäkalbecken und übergab sich. Spasmen schüttelten seinen Körper.

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