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Sehnsucht nach den Nebelwäldern

A.M. Hannemann

Sehnsucht nach den Nebelwäldern


Dieses Buch ist für meine Familie. Gut, dass es euch gibt.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Prolog

 

 

Der Mond lächelte schweigsam und still vom nachtblauen Himmel herab. Keine Wolke verdeckte die weiße Scheibe. Hohe Bäume am Waldrand warfen verzerrte Schatten auf den Uferstreifen der weitläufigen Bucht am Pazifikufer.

Vor der Waldkulisse stand - kaum noch als Solche zu erkennen - eine Reihe Totempfähle, zum Teil zur Seite geneigt von den winterlichen Stürmen und verwittert von Regen und Schnee. Einige waren sogar ganz umgefallen und lagen nun wie die gefallenen Krieger einer letzten verlorenen Schlacht in dem dürren Gras, schon überwuchert von der Vegetation. Von der ursprünglichen prächtigen Bemalung war nichts mehr zu erkennen. Auch die Häuser, die hier einmal gestanden hatten waren gänzlich verschwunden.

In stetigem Rhythmus - wie seit undenklichen Zeiten - rollte die Brandung vom Meer heran, prallte auf die Küstenfelsen und wurde von dort zurück geworfen.

Weit entfernt, ganz am äußeren Ende der Bucht zum offenen Meer hin, konnte man durch die Brandung hindurch das Platschen und Prusten einer Gruppe Wale hören, die draußen im Meer vorbei zogen.

Der einsame Beobachter sah die Wale noch so eben am Rand des Horizontes aus dem Wasser auftauchen, sich in die Luft erheben und platschend in die Wellen zurück fallen.

Er saß auf einem Felsen nahe am Wasser und wurde bei jeder Brandungswelle von Gischt übersprüht, rührte sich aber nicht.

Lange Zeit schien er völlig unbewegt auf das Meer zu starren.

Dann hob er den Kopf zum Himmel und stieß einen langen, klagenden, heulenden Ton aus.

Sehr weit im Norden antwortete eine ebenso einsame Stimme den traurigen Tönen.

Unbeeindruckt von alldem sandte die bleiche Mondscheibe ihre Strahlen hinunter auf Meer, Strand, Felsen und die einsame Gestalt die nun wieder völlig reglos dort saß.

 

Zu diesem Buch:

Sara Winter liebt ihren Beruf als Erzieherin in dem gemischten Kindergarten, aber sonst findet sie ihr Leben eher langweilig. Der Alltagstrott wird kaum von besonderen Ereignissen unterbrochen.

Der Vater ist lange tot, die schwerkranke Mutter wird in einem Pflegeheim versorgt. Sara engagiert sich in Umweltprojekten und mischt sich oft ein bei Ungerechtigkeiten gegenüber Schwächeren, geht aber ansonsten eher sorglos durch ihr geregeltes Leben. Beziehungen mit den unterschiedlichsten Männern sind immer chaotisch geendet und Sara hat sich fest vorgenommen, nie mehr auf ein schönes Gesicht und nettes Getue herein zu fallen.

Bis ein Dokumentarfilm ihr Leben verändert……

Jake 'Singing Wolf' ist ein stolzer Sohn seines Volkes. Bei den kanadischen Tsimshian gehört er zur Untergruppe der Gitlan und durch seine Mutter zum mächtigen Clan der Laxgibu, der Wölfe. Einsam lebt er in seinem Haus in den Nebel verhangenen Wäldern in British Columbia, kommt nur gelegentlich zum stammeseigenen Hotel um dort mitzuarbeiten. Energisch kämpft er mit allen legalen - und manchmal auch nicht ganz legalen - Mitteln gegen die vielen kleinen Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen der Regierung, die Schikane der Bundesbeamten und die teilweise unwürdigen Zustände in den Reservaten. Unzählige Zusammenstöße mit der Polizei haben ihn nicht eben beliebt gemacht. Nach dem gewaltsamen Tod seiner Frau ist er zum verbitterten Einsiedler geworden, der alle, die ihm zu Nahe kommen, mit beißendem Hohn und Spott vertreibt. Aber Herz und Seele verlangen nach Ruhe, nach einem Leben in Frieden.

Zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Und doch hat das Schicksal sie füreinander bestimmt. 'Singing Wolf' sieht die weiße Frau in einer Vision in einer kalten Winternacht, doch glaubt er nicht so recht daran. Aber dann steht sie tatsächlich leibhaftig vor ihm und sein Leben nimmt eine entscheidende Wende. Denn auch Sara spürt diese magische Anziehung die dieser fremde, unzugängliche Mann verströmt. Während ihrer Gänge durch die urzeitlich anmutenden Wälder und beim Kampf für seine Leute finden sie zueinander.

Aber diese Liebe wird auf eine harte Probe gestellt…..

Herbstdepressionen?

Herbstdepressionen?

Misstönend quietschend ratterte die Straßenbahn heran, fuhr platschend durch eine über den Schienen liegende Pfütze und hielt mit einem Ruck an der Haltestelle. Die wartenden Fahrgäste waren schimpfend vor dem spritzenden Wasser zurück gewichen und drängten nun durch die engen Türen in die schon gut gefüllte Bahn.

Sara Winter schob sich heimlich seufzend mit den anderen Menschen in den Waggon und rutschte schnell auf einen frei gewordenen Sitzplatz. Den bösen Blick eines beleibten älteren Herrn übersah sie geflissentlich. Die Fensterscheiben der Bahn waren vom warmen Atem der vielen Menschen beschlagen. Sie wischte kurz mit dem Ärmel darüber und versuchte, etwas zu erkennen. Mit missmutigem Ausdruck wandte sie sich wieder ab. Der Anblick draußen war nicht dazu geeignet, ihre Herbststimmung zu bessern. Es hatte den ganzen Tag aus einem dichten, Wolken verhangenen Himmel geregnet. Jetzt zum Feierabend an diesem trüben Novembertag mischten sich nasse, pappige Schneeflocken unter die Regentropfen, die Passanten auf den Gehwegen hasteten mit eingezogenen Köpfen und Schirmen vor den Gesichtern durch die Stadt, bestrebt so schnell wie möglich ihr Zuhause zu erreichen.

Sara verließ die Bahn sechs Haltestellen weiter, zog sich rasch die Kapuze von ihrem Daunenmantel über den Kopf und steuerte auf dem Heimweg noch schnell einen Supermarkt an. Sie stand gerade an einer der fünf Kassen und rechnete im Kopf grob den Preis für ihre Einkäufe zusammen, als ihr ein Einkaufswagen schmerzhaft in die Hacken fuhr.

Sie fuhr fauchend herum… und sah in ein entschuldigend lachendes Gesicht, leuchtende blaue Augen, einen nassen, zerzausten Wuschelkopf und eine schlaksige Gestalt.

„Tschuldigung. Wenn ich gewusst hätte, das du das bist, hätte ich vorher gehupt.“

Andy Sommer, ihr Nachbar aus der Wohnung gegenüber ihrer eigenen, hatte seinen Einkaufswagen so wie jeden Freitag mit Fertigkost bestückt und war ebenfalls auf dem Heimweg. Wider Willen musste sie lachen.

„Hallo, Andy. Kaufst du immer noch diesen unmöglichen Fertigfraß? Du solltest dir lieber ein Kochbuch zulegen.“

Andy grinste breit.

„Wozu? Wenn ich mal Appetit auf was Besonderes habe lade ich mich doch bei dir ein. Und ansonsten komme ich mit dem Fertigzeugs ganz gut klar. Du weißt doch genau, das ich beim Kochen ein hoffnungsloser Fall bin. Kochbuch? Würde ich nur nutzen um meinen wackeligen Tisch auszugleichen.“

Während der kurzen Unterhaltung hatte Sara ihre Einkäufe auf das Laufband gepackt, achtete nun darauf, das alles ordentlich durch die Kasse lief und packte anschließend drei große Plastiktüten voll. Sie zahlte, schleppte dann die Tüten vor die automatische Türe unter das Vordach und wartete auf Andy. Er hatte nur eine Tüte zu tragen und nahm ihr zuvorkommend eine von Ihren ab.

„Willst du mitfahren? Meine Klapperkiste steht um die Ecke.“

Sara nickte erleichtert. Es waren zwar nur circa zwanzig Minuten bis nach Hause aber mit den schweren Tüten und bei diesem Wetter war sie froh über sein Angebot. Sein altersschwacher Renault 4 duckte sich eingeschüchtert an der Bordsteinkante zwischen einen BMW und einen wuchtigen Geländewagen. Andy schob alle Tüten auf den Rücksitz und warf die Tür mit einem derartigen Knall zu, das Sara einen Moment befürchtete, auf der anderen Seite werde die Tür aus den rostigen Angeln brechen und auf die Straße fallen. Der Besitzer des Vehikels drehte den Zündschlüssel, der Anlasser orgelte eine Weile wirkungslos vor sich hin, dann sprang der Motor hustend und stotternd an und spuckte hinten aus dem Auspuff eine enorme Qualmwolke aus. Andy setzte brav den Blinker, der hektisch und unregelmäßig tickte und fädelte sich dann vorsichtig in den zunehmenden Feierabendverkehr ein. Von den Scheinwerfern war ebenfalls einer defekt und während Andy zusätzlich und vorsorglich die Nebelleuchten dazu schaltete, fragte er:

„Hast du schon Pläne fürs Wochenende bei diesem Wetter? Mit Waldspaziergängen ist ja wohl nichts, oder?“

Andy, der lange genug ihr Nachbar war um ihre Gewohnheiten zu kennen, wusste wie gerne sie durch Wälder und Wiesen streifte, stundenlang und meistens allein. Sara liebte den Gang durch die Natur, das Rauschen des Windes in Bäumen und Büschen.

Oft saß sie an den Wochenenden auf dem Hochsitz des zuständigen Försters mit Fernglas bewaffnet und beobachtete Rehe, Kaninchen, Raubvögel und auch manchmal - mit viel Glück - den ansässigen Fuchs bei der Jagd. Für ihre Beobachtungen stand sie sogar freiwillig um fünf Uhr auf und verließ in der Dämmerung das Haus.

Andy, der an den Wochenenden nicht vor dem Mittag aus dem Bett kam, hielt das für ziemlich verrückt. Weil er aber seine Nachbarin ansonsten mochte und sich auch die Einladungen zum Essen nicht verscherzen wollte sagte er lieber nichts. Bis auf ihre ‚Wandermacke’ war Sara seiner Meinung nach eine ganz patente Person, die mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen stand.

Wenn man sie fragte, bezeichnete sie sich selbst immer als Mittel. Mittelgroß, mittelschwer, mittelmäßig aussehend, mittelblondes Haar, das in eigensinnigen Locken auf schmale Schultern fiel. Sie hielt sich selbst für eher unscheinbar, doch Andy - und einige Andere - waren angetan von ihrer offenherzigen Art, die eisblauen Augen in einem herzförmigen Gesicht schauten selbstbewusst und energisch in die Welt. Die kleine, gerade Nase mit den jetzt verblassten Sommersprossen hatte einen winzigen Schwung nach oben.

Sara hatte ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und eckte oft an mit ihrer ehrlichen, gradlinigen Art, war deshalb schon das eine oder andere mal in Schwierigkeiten geraten, was sie aber nicht davon abhielt sich einzumischen, wenn sie der Meinung war, jemandem beistehen zu müssen. Sara versuchte, durch die Windschutzscheibe etwas zu sehen, gab es aber bald auf. Die Scheibenwischer kämpften tapfer, aber ziemlich erfolglos gegen Regenböen und dicker werdende weiße Flocken an. Ihr war schleierhaft, wie Andy den Weg finden konnte und sie schickte rasch ein Stoßgebet zum Himmel. Konnte ja nicht schaden. Tatsächlich erreichten sie aber unbeschadet die Parkplätze neben ihrem Haus, stiegen rasch aus und rannten den kurzen Weg bis zur Haustüre. Andy kramte den Schlüssel aus der Hosentasche und öffnete die Tür. Sara schob mit einer Schulter die Haustür auf und sie ließen Schnee und Regen hinter sich. Kleine Pfützen auf den Stufen zurück lassend, stiegen sie langsam zur zweiten Etage hinauf. Andy bog nach links, Sara nach rechts ab. „Du hast meine Frage noch nicht beantwortet“, hakte er noch einmal nach. Sara seufzte wieder - sie schien unverhältnismäßig viel zu seufzen in diesem Herbst - und zuckte mit den Schultern. „Ich weiß noch nicht, vielleicht bleibe ich einfach im Bett. Dieses Mistwetter versaut mir die Stimmung. Ich hab zu nichts wirklich Lust.“ Andy grinste wieder verschmitzt.

 „Wenn du dich vielleicht aufraffen könntest was Nettes zu kochen, würde ich mich breitschlagen lassen und was Gutes aus der Videothek holen und wir verbringen das Wochenende auf dem Sofa, bei dir oder bei mir.“

„Weißt du eigentlich, das du ganz schön unverschämt bist?“, lachte Sara jetzt.

„Man soll sich nicht dauernd selbst einladen, das ist kein Zeichen von guter Erziehung.“

Andy grinste. „Die hat bei mir eh’ nicht lange angehalten. Außerdem sind wir doch Freunde, oder?“

Diese für ihn recht nahrhafte Freundschaft hatte mit einem Päckchen Kaffee begonnen das er sich ausgeliehen hatte kurz nach seinem Einzug. So gewissenhaft er in seinem Beruf als Informatiker war, so chaotisch war er im Privatleben und er borgte ständig irgendetwas aus und vergaß meistens es zurück zu geben. Sara hatte es längst aufgegeben, ihn ständig an geborgte Eier, Milch, Kaffee oder sonst etwas zu erinnern ( „Sara, morgen kommt Katimaus, hast du noch was von dem eingefrorenen Kuchen?“ oder „ Sara, Schatz, könntest du für mich das weiße Hemd bügeln? Habe Katimaus versprochen, morgen mit ihr ins Theater zu gehen“). Und so weiter. Katimaus - Andys Freundin Katrin - hatte sich ebenfalls längst daran gewöhnt das er öfter mal einen Abend bei seiner Nachbarin verbrachte. Sara hatte sie an einem Wochenende in der Stadt getroffen und spontan ins Café eingeladen. Sie hatten sich gleich verstanden und Katrin ließ regelmäßig Dampf ab bei ihr wenn sie sich über ihren Liebsten mal wieder aufgeregt hatte. Sara überschlug kurz im Geiste was sie eingekauft beziehungsweise noch zu Hause hatte. „Also gut, du Nervensäge. Morgen Abend um Sechs, aber es wird gegessen was auf den Tisch kommt, du Fressraupe.“ „Prima“, freute er sich, „ich esse alles.“

„Weiß ich, denk mal an! Schlaf gut, bis morgen.“

Er nickte noch und Sara verschwand endlich in ihre Wohnung. Die ehemaligen Mietwohnungen in diesem Haus waren vor fünf Jahren vom Eigentümer in Eigentumswohnungen umgewandelt und die Mieter als Käufer bevorzugt worden. Sara hatte nicht lange gezögert, bei ihrer Bank ein Darlehen ausgehandelt und die Wohnung gekauft.

Sie mochte die Lage am Stadtrand von Düsseldorf im Grünen, von Wohnzimmer und Schlafzimmer hatte man einen traumhaften Ausblick auf Wald und Felder, auch den breiten Balkon, der sich über die gesamte Rückseite des Hauses zog mochte sie nicht missen. Sie schmückte ihn jedes Jahr mit üppig bepflanzten Blumenkästen und genoss es im Sommer in der Sonne zu liegen und zu lesen.

Ihr Schlafzimmer war außer mit Bett, Schrank und Kommode mit Bücherregalen voll gestopft. Das Wohnzimmer hatte sie eingerichtet ohne viel Schnickschnack, schlichtes aber elegantes Mobiliar, ein schwarzes Ledersofa, zwei passende Sessel und dazu einige kleine Kaffeetischchen und moderne Stehlampen, den Computertisch in einer Ecke nahe am Fenster. An den Wänden selbst geschossene Fotos aus der Natur, die sie aus verschiedenen Urlauben mit gebracht hatte. In der modernen Küche fand sich am Fenster eine Essgruppe - großer Tisch mit sechs Stühlen - aber außer an den Wochenenden frühstückte Sara nicht zu Hause.

Andy stand pünktlich am Samstag vor der Tür mit einem Arm voll DVD’s und - natürlich - knurrendem Magen. Sara hatte ein ungarisches Gulasch gekocht, dazu gab es Nudeln und eine große Schüssel gemischten Salat. Andy breitete die Filme auf einem der Tischchen aus.

 „Du hast die Wahl, such’ dir was aus.“

Sara griff spontan nach einem Film, der grüne Wälder auf der Hülle abgebildet hatte. Sie las die Kurzbeschreibung auf der Rückseite durch. Eine Art Dokumentation über Kanadas Wälder und deren Bewohner, über die Ureinwohner und deren Probleme, über Tiere und Landschaften und Meeresbewohner. Andy schob die Scheibe in den Player und drückte auf Start. Er hätte lieber Action gehabt war aber großzügig gestimmt. Dann saßen beide einträchtig mit ihren Tellern auf dem Sofa, die Füße auf einem heran geschobenen Kaffeetisch.

Sara starrte gebannt auf die Aufnahmen von dem weiten Land, den scheinbar unendlich großen Wäldern mit den unzähligen Seen und Flüssen, den Tieren die sich scheinbar glücklich in ihrem Paradies tummelten.

Dann wechselte die Szenerie und zeigte eine Gruppe protestierender Indianer vor einem Fabrikgebäude. Der Sprecher der Gruppe gab dem Reporter ein Interview, wurde dann plötzlich vor laufender Kamera von der anrückenden Polizei gepackt und weg gezerrt. Einer der Polizisten schlug mit einem Knüppel auf die Kamera, der Kameramann taumelte offenbar zurück; das Bild wackelte und wurde unscharf.

Wieder ein Szenenwechsel.

Eine typische Indianersiedlung in einem Reservat aus vom Staat gebauten Häusern, dann betrunkene Indianer schlafend auf dem Gehsteig einer Stadt.

Gerechter Zorn begann in Sara zu brodeln.

„Muss man so was im Fernsehen zeigen oder in einem Film? Wo bleibt denn da die Menschenwürde?“

Ein weiterer Wechsel.

Offenbar war das Kamerateam noch einmal bei der indianischen Protestgruppe gewesen und hatte das Interview wiederholt. Der Sprecher war der gleiche, sah aber übel aus. Ein blaues Auge und eine - wohl genähte -Platzwunde am Haaransatz verunstalteten das dunkle, ebenmäßige Gesicht. Die dunklen Augen funkelten hasserfüllt in die Kamera. Er deutete auf sein Gesicht.

„Das ist alles, was wir von der hiesigen Staatsverwaltung erwarten können. Die Holzindustrie schlägt unsere Wälder kahl, Schleusen und Dämme hindern den Lachs in seiner Wanderschaft und er kann nicht mehr in die Flüsse zurück kehren. Wir dürfen nicht ohne Erlaubnis jagen, in den Reservaten gibt es keine Arbeit und die jüngeren Leute wandern in die Städte ab. Aber da ergeht es ihnen auch nicht besser. Wir wollen keine Wunder, nur das was uns zusteht. Wir sind Menschen! Wir haben ein Recht, nach unseren Vorstellungen zu leben! Zeigen Sie das den Zuschauern.“

Er sah jetzt direkt in die Kamera und Sara hatte das unbehagliche Gefühl, er würde sie direkt ansehen. Natürlich Unsinn, trotzdem strahlte er etwas aus, eine Autorität, etwas nur schwer zu Beschreibendes, als wolle er die Zuschauer zwingen über seine Worte nachzudenken. Nun, zumindest bei einer Person hatte er das geschafft.

Saras Gedanken wanderten weg vom Film und sechs Jahre zurück. Sie war schon mal in Kanada gewesen, in Vancouver und dann auf einer Rundreise mit Bus, Pferd und Kanu, hatte dabei auch ein indianisches Dorf besucht, aber es war wohl mehr ein Vorzeigeobjekt vom Staat gewesen. ‚Eigentlich wäre es Zeit, mal wieder rüber zu fliegen’, dachte sie bei sich. Vielleicht im Frühjahr, im April oder Mai, wenn auch im Norden Kanadas der Frühling

ins Land gezogen war.

 „Sara! Hallo?“

Andy schnippte mit den Fingern vor ihrem Gesicht und sie schrak aus ihren Gedanken auf.

„Was?“

Er lachte.

„Wo warst du gerade wieder?“

Sie zog eine Grimasse.

„Im Urlaub. Entschuldige, was hattest du gefragt?“

Auf dem Bildschirm flimmerte der Nachspann der Doku. Sie hatte den Rest des Berichtes verpasst.

„Was willst du als Nächstes ansehen?“

„Egal, such’ irgendetwas aus. Magst du noch einen Tee?“

„Lieber ein Bier wenn du eins hast.“

Sie erhob sich und schlurfte auf Socken in die Küche, stellte für sich das Teewasser an und nahm das letzte Pils aus dem Kühlschrank.

„Teile es gut ein, ist das Letzte.“

Andy hatte inzwischen einen Zeichentrickfilm eingelegt, der eigentlich Beiden gefiel, aber Sara war nicht bei der Sache. Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu dem Doku - Bericht. Als Andy sich gegen halb Zwölf verabschiedete, bat sie ihn den Dokumentarfilm da zu lassen.

„Irgendwie hab’ ich einen Teil nicht mit bekommen. Ich möchte ihn noch mal ganz ansehen und bringe ihn dann selbst zurück zum Verleih. Ist das in Ordnung?“ Andy nickte großzügig.

„Geht klar. Danke fürs Kochen, Frau Nachbarin. Schlaf gut.“

„Du auch. Bis irgendwann.“

Sara schloss gähnend die Tür hinter ihm, schlich dann ins Bad und anschließend ins Bett.

Sie träumte von brüllenden Bären, springenden Lachsen und spielenden Ottern.

Und von einem dunklen Gesicht, das sie wie hypnotisierend wortlos anstarrte.

Am Sonntagmorgen schien das schlechte Wetter noch einen Zahn zu zulegen, Windböen orgelten um das Haus, Regen mit Schnee gemischt klatschte gegen die Fensterscheiben und lief wie Tränen über ein Gesicht in breiten Bahnen daran herunter. Sara zog sich brummend die Decke über den Kopf. So ein Sauwetter!

Der Gedanke an einen Frühstückskaffee lockte sie aber endlich doch aus den Federn. Sie stellte die Kaffeemaschine an, stellte sich dann eine halbe Stunde unter die Dusche und setzte sich zu guter Letzt im Jogginganzug und selbst gestrickten dicken Socken mit einem Becher Kaffee bewaffnet ins Wohnzimmer, stellte Fernseher und DVD an und schob den Film vom Vortag ins Fach. Gebannt sah sie auf den Bildschirm und verfolgte aufmerksam die Berichterstattung. Dann war sie wieder an der Stelle, an der am Abend zuvor ihre Gedanken abgewandert waren.

Da war die Reporterin. Und da war dieser Mann mit dem zerschlagenen Gesicht, dem wütenden Glühen in den Augen und dieser hypnotisierenden Ausstrahlung. Er berichtete weiter über die zum Teil menschenunwürdigen Verhältnisse und Zustände in manchen Reservaten. Wieder gab es einen Szenenwechsel - wie so oft in diesem Streifen - und Indianer und Reporterin wanderten einen Fluss entlang, der wild schäumend durch sein Bett schoss.

Er zeigte wortlos auf die springenden Lachse, die mit unglaublichen Sprüngen versuchten, die Stromschnellen und Klippen im Fluss zu überwinden. Weiter oberhalb tobte ausgelassen eine Gruppe Kinder in einer natürlichen Bucht im flachen Wasser herum. Die Kinder gehörten zu der Siedlung, die etwas weiter zurück am Waldrand zu erkennen war. Alle Häuser waren aus Stämmen und glatten Planken gebaut und sahen massiv aus, die Giebelseiten die zum Fluss hin zeigten waren in leuchtenden Farben - weiß, schwarz, rot und blau - bemalt. Sara hatte diese Art Langhäuser auf ihrer Rundreise gesehen, aber da waren sie nicht so gut erhalten gewesen. Jedes Haus hatte eine Art Rauchabzug im Dach, aus denen feine, weiße Rauchfahnen aufstiegen, Menschen liefen geschäftig hin und her, eine leichte Brise trug Lachen und Gesprächsfetzen herüber.

Der Indianer deutete zum Dorf hin.

„So sollte es überall sein. Häuser von der Art, wie unsere Vorfahren sie gebaut haben. Nicht diese zugigen, dünnwandigen Fertigbauten, die die Regierung aufstellen lässt. Den Lachs fangen im Fluss, jagen in den Wäldern, einen Badeplatz für die Kinder. Etwas weiter oben haben wir ein kleines Touristenhotel aufgebaut, für echte Naturliebhaber die nicht unbedingt Luxus und goldene Wasserhähne im Urlaub brauchen, sondern ein offenes Auge und Verständnis haben um mit dem Herzen zu sehen. Mit den bescheidenen Einnahmen vermögen diese Leute hier ein Leben zu führen, fast so wie es früher war. Niemand ist mehr auf Lebensmittelkarten oder Sozialchecks angewiesen.“

Er sah einen Moment nachdenklich in die Runde und wandte sich dann wieder der Kamera zu. Und wieder hatte Sara das unheimliche Gefühl das er sie direkt ansprach.

„Kommen Sie zu uns! Besuchen Sie dieses Dorf! Helfen Sie mit ihrer Buchung, weitere Dörfer aufzubauen und den Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen! Am Ende dieses Berichtes werden Sie eine Telefonnummer eingeblendet sehen, über die sie einen Aufenthalt buchen können. Dort werden Sie auch über die Anreisemöglichkeiten informiert.

Kommen Sie! Helfen Sie!“

Sara fühlte wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Aber sie konnte den Blick nicht vom Bildschirm abwenden.

Der Film zeigte auch noch Aufnahmen vom Hotel, das ebenfalls im Blockhausstil gebaut worden war. Die Zimmer sahen rustikal, aber gemütlich aus. Es gab einen Aufenthalts - und Essraum mit einem riesigen offenen Kamin an einer Giebelseite. Pferde waren vorhanden, für geführte Ausritte mit den Urlaubern ins Umland.

Die Reporterin wandte sich nun selbst zur Kamera.

„Es ist erstaunlich, was diese Menschen hier in kurzer Zeit aufgebaut haben. Aber dies ist erst ein Anfang. Ein langer Weg liegt noch vor ihnen, der zermürbende Kampf mit weißen Gesetzen ist schwer und langwierig. Die Menschen hier wollen keine Almosen, sondern Ihr Leben aus eigener Kraft gestalten. Deshalb ist dieses Hotel entstanden und die Geschäftsidee mit den Naturtouristen. Mit den Einnahmen könnte unter anderem eine Schule gebaut werden, vielleicht eine kleine Arztpraxis, wer weiß. Wir sind am Ende unseres Berichtes angelangt. Ich bedanke mich für Ihr Interesse. Ich bin Cynthia Roseleaf.“

Die Gestalt des Indianers wurde wieder eingeblendet, darunter die versprochene Telefonnummer. Im Hintergrund lief der Nachspann. Sara drückte mechanisch auf Standbild, saß wie angeklebt auf dem Sofa und starrte auf das Gesicht des Indianers. Nach einer Viertelstunde schaltete der Fernseher automatisch das Standbild wieder aus und Sara zuckte zusammen. Sie sprang vom Sofa auf und zum Schreibtisch, griff hastig nach Stift und einem Fetzen Papier und notierte die Telefonnummer.

Dann starrte sie wieder auf das Fernsehbild, bis auch der Nachspann abgelaufen war. Der Kaffee war kalt geworden, der Becher stand vergessen neben dem Sofa auf dem Boden. Sie stieß die Tasse mit dem Fuß um als sie aufstand und fluchte leise. Mit einer Handvoll Küchenpapier wischte sie die Pfütze vom Laminatboden auf. Der restliche Kaffee hatte während der ganzen Zeit auf der Heizplatte der Maschine gestanden, war jetzt schwarz und bitter wie flüssige Lakritze und nicht mehr trinkbar. Sie goss ihn weg und stellte den Wasserkocher an für eine Tasse Tee.

Dann wanderte sie mit der Teetasse in der Hand in der Wohnung umher, während in ihrem Kopf die Eindrücke aus dem Film mit ihren eigenen Gedanken und Überlegungen ein wirres Knäuel bildeten. Angestrengt versuchte sie ein loses Fadenende zu erwischen um das Knäuel zu entwirren und ordentlich aufzurollen. Vergeblich.

Ein Schatten auf dem Boden riss sie wieder aus ihren Gedanken und sie sah zum Fenster hin.

Wahrhaftig! Ein Sonnenstrahl!

Der Regen hatte aufgehört, die dichte Wolkendecke war aufgerissen, einzelne dunkle Wolken wurden noch von den Windböen über den Himmel gejagt aber dazwischen blinzelte schüchtern die Sonne hervor.

Ganz plötzlich entschlossen zog sich Sara wetterfest an, stieg in die Gummistiefel, wickelte sich den selbst gestrickten Schal dreimal um den Hals und verließ das Haus. Sie wollte sich frischen Wind um die Nase wehen lassen und ihren Kopf frei bekommen. Und das funktionierte erfahrungsgemäß am Besten bei einem strammen Spaziergang. Nach einer Stunde laufen quer Feld ein war sie sturmzerzaust und leicht nass, die Stiefel waren mit Schlamm verkrustet und ihre Wangen leuchteten rot von dem scharfen, kalten Wind.

Aber sie hatte eine Entscheidung getroffen.

Die beinahe kreisrunde kleine Lichtung im nachtschwarzen Wald wurde dürftig erhellt von dem Feuer, das in der Mitte brannte. Schneeflocken fielen zischend in die Flammen, schafften es aber nicht das Feuer zu löschen.

Völlig nackt, nur in eine dünne Decke gehüllt, saß der Krieger mit dem Gesicht zum Feuer und starrte in die Flammen, die unruhig hin und her zuckten und wie lebendig wirkende Schatten auf das bronzefarbene Gesicht warfen. Seit drei Tagen hatte er weder gegessen noch getrunken, saß hier in dem eisigen Wind und betete zu den Geistern, wartete auf eine Vision, ein Zeichen.

Angestrengt hatte er versucht, seinen Geist frei zu machen von allen störenden Gedanken.

Aus dem Augenwinkel sah er eine Bewegung und wandte das Gesicht langsam in die Richtung. Ein großer, grauer Wolf trat aus den tiefen Schatten des Waldes, kam langsam in den Kreis des Feuerscheins und blieb in Sichtweite des Mannes stehen. Er hörte die Stimme des Wolfes in seinem Kopf. Ein Geistwolf?

„Ich grüße dich, Krieger. Dein Beten wurde gehört.“

Das Tier wandte sich um und sah hinter sich, der Mann folgte dem Blick des Wolfes und sah einige Schritte hinter ihm eine Gestalt im dichten Schneetreiben. Eine menschliche Gestalt!

 Von dem langen Fasten war ihm leicht schwindelig, er kniff die Augen zusammen um besser sehen zu können. Für einen kurzen Augenblick ließ das Schneetreiben nach, er erkannte helles Haar, das in langen Locken um ein weißes, lächelndes Gesicht fiel. Das Gesicht erschien ihm jung, die Haut war glatt und die Wangen schimmerten rosig. Sie war dunkel gekleidet, eindeutig im modernen Stil. Im weißen Stil, nicht traditionell in einer Stammestracht! Die Gestalt blieb stumm, aber es war ihm als ob sie ihm zunickte.

An ihrer Stelle sprach wieder der Wolf.

„Warte auf sie. Sie wird kommen! Ihr werdet ihre Hilfe brauchen bei eurem Kampf.“

Eine weiße Frau?

Der Krieger blinzelte wieder angestrengt, nasse Schneeflocken klebten auf seinen Wimpern und behinderten ihm die Sicht. Von einer Sekunde zur Anderen waren Wolf und Frau verschwunden.

Er schüttelte ein paar mal den Kopf um das Schwindelgefühl los zu werden. Die Vision - wenn das denn Eine war - war offensichtlich vorbei, er legte einige Äste ins Feuer und rutschte ein Stück näher heran, gerade so weit das er sich aufwärmen konnte aber nicht selbst Feuer fing. Er versuchte, diese sonderbare Vision zu entwirren, kam aber zu keinem zufrieden stellenden Ergebnis.

Der Geistwolf hatte ihm eine eindeutig weiße Frau gezeigt. Aber wozu? Wie sollte ein Weißauge seinen Leuten bei ihren Problemen helfen können? Und selbst für den unwahrscheinlichen Fall, das diese Frau existieren sollte, welchen Grund sollte sie wohl haben, den Menschen hier zu helfen?

Er seufzte und nahm sich vor mit den Ältesten zu sprechen. Aus dem Proviantbeutel, der hinter ihm lag, entnahm er ein Stück Trockenfleisch und eine Ecke von dem harten Brot, nahm einen Schluck aus der Wasserflasche und kaute langsam und bedächtig Brot und Fleisch. Dann schlief er vorn über gebeugt im Sitzen ein.

Sara hatte ein schlechtes Gewissen. Fast ein halbes Jahr war es her, seit sie ihre Mutter das letzte Mal besucht hatte. Die alte Frau Winter lebte in einem Pflegeheim, schon seit einigen Jahren. Bei Saras letztem Besuch hatte sie ihre Tochter schon nicht mehr erkannt und die Schwestern hatten gemeint, es sei doch vergebliche Liebesmühe die Ältere zu besuchen. Trotzdem versuchte Sara, alle paar Wochen wenigstens für eine halbe Stunde einen Besuch zu machen. Ihre eigenen beruflichen Pflichten hatten sie jedoch in den letzten Monaten so eingespannt, dass sie einfach nicht die Zeit gefunden hatte. Ihre Arbeit als Erzieherin in dem städtischen Kindergarten machte ihr zwar großen Spaß, war aber auch sehr anstrengend. Es war ein neues Testprojekt, in den Kindergarten gingen behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam und alle sollten lernen, ganz selbstverständlich mit einander umzugehen. Zudem brauchte sie mit Zug und Straßenbahn fast zwei Stunden für den Weg bis zu dem besonderen Pflegeheim.

Sie klopfte leise an die Zimmertür und trat vorsichtig ein. Ihre Mutter saß in dem Sessel am Fenster und sah hinaus, aber wohl ohne etwas zu erkennen.

„Hallo, Mama. Wie geht es dir?“

Beim Klang ihrer Stimme drehte die alte Frau sich langsam um.

„Da sind Sie ja endlich, Fräulein! Bringen Sie den Kaffee für meinen Mann, wir warten schon eine halbe Stunde!“

Sara zuckte zusammen, ein schmerzhafter Stich bohrte sich ihr ins Herz.

„Mama, ich bin’s. Sara. Kennst du mich nicht?“

Ganz kurz schien ein Erkennen über das Gesicht ihrer Mutter zu huschen, bevor sich wieder Verwirrung in den blassen Augen spiegelte.

„Sara? Nein, die ist nicht hier. Die kommt doch erst später aus der Schule.“

Die alte Frau wandte sich wieder dem Fenster zu.

„Rudolf, sag doch dem Gärtner endlich, er soll den Rasen schneiden! Alles sieht so ungepflegt aus!“

Sara drehte sich rasch weg. Sie konnte nicht verhindern, das eine Träne über ihr Gesicht lief.

Es hatte keinen Sinn. Das geschädigte Gehirn ihrer Mutter verfiel zusehends. Sie würde ihre Tochter - so sehr die sich das auch wünschen mochte - nicht mehr erkennen und immer weiter in die Dunkelheit abdriften.

Saras Vater Rudolf war bereits vor vier Jahren verstorben. Aber das wusste die Ältere nicht mehr. Offenbar hatte sie noch einen kleinen Teil der alten Erinnerungen und sah ihren Mann, den niemand sonst sah. Sie stellte die mitgebrachten Blumen in eine Vase, stand noch einen Moment unschlüssig im Zimmer und beschloss dann zu gehen. Sie umarmte ihre Mutter, die sie überrascht ansah, und verließ beinahe fluchtartig das kleine Zimmer.

Vor ihrer Wohnungstür traf sie auf Andy, der gerade das Haus verlassen wollte. Er sah ihren Gesichtsausdruck und wusste ihn richtig zu deuten. Wortlos folgte er ihr in ihre Wohnung, nahm ihr Schirm und Mantel ab, schob sie ins Wohnzimmer aufs Sofa und kochte für Sara einen starken Tee. Dann setzte er sich neben sie und betrachtete sie nachdenklich.

„Warum tust du dir das immer noch an? Du weißt doch, dass es nicht besser wird. Und dich reißt es jedes Mal runter und macht dich kaputt.“

Sara umklammerte die Teetasse mit kalten Fingern und hatte den Kopf tief über das dampfende Gebräu gesenkt. Andy sollte nicht sehen, dass ihr schon wieder die Tränen kamen und sie schluckte ein paar mal, bevor sie antwortete.

„Ich kann einfach nicht anders. Ich habe das Gefühl, das ich sie im Stich lasse und enttäusche, wenn ich nicht mehr hinfahre.“

„Aber sie weiß doch nichts davon, sie kennt dich ja nicht mal mehr!“

„Ich weiß ja. Ich glaube ich mache mir selbst etwas vor. Aber trotzdem………“

Der gute Andy versuchte sie aufzumuntern.

„Ich kriege günstig Karten fürs Kino am Samstag. Und ich bestehe darauf, dass du mit gehst. Katimaus ist zu irgend so einer Tagung übers Wochenende weg und ich gehe nicht allein ins Kino. Und danach können wir noch irgendwo was Gutes essen. Und ich akzeptiere keine Absage!“

Sara gab sich geschlagen und versuchte ein Lächeln. Es fiel etwas zittrig aus, aber Andy schien fürs erste zufrieden.

„Ich hole dich um Vier nachmittags ab. Wir fahren mit meiner Kiste, es sei denn wir versinken bis dahin in Eis und Schnee, was ich mal nicht hoffe. Becirce mal den heiligen Petrus, das er bis Sonntag den Wasserhahn zu lässt und auch Väterchen Frost einsperrt.“

Er klopfte ihr beruhigend auf die Schulter und erhob sich.

„Jetzt lass mal die Ohren nicht hängen, das wird schon wieder. Wir sehen uns Samstag!“

Sara musste lachen und schüttelte den Kopf.

„Du und deine Sprüche! Na, gut, also bis Samstag.“

Sie traute sich nicht, einen Rückzieher zu machen und machte sich also am Samstag rechtzeitig fertig. Sie hatte eben einen Stiefel angezogen, als Andy klingelte. Mit dem zweiten Stiefel in der Hand hinkte Sara zur Tür und öffnete.

„Fertig?“, wollte er wissen.

„Gleich“, nickte sie. Rasch zog sie noch den anderen Stiefel an, schlüpfte dann in Mantel und Schal.

„In Ordnung, wir können los.“

Der Film war okay, obwohl Sara wieder die meiste Zeit in Gedanken versunken war. Sie bemühte sich aber, sich nichts anmerken zu lassen. Andy schlug fürs Essen ein gemütliches Bistro vor, das in einer Fußgängerzone der Stadt lag und zu Fuß bequem in fünf Minuten erreichbar war. Dort saßen sie nun an einem kleinen Tisch am Fenster. Rotkarierte Tischdecken und kleine Vasen mit künstlichen Blumen auf jedem Tisch, dazu am Rand eine Box mit Papierservietten. Sara fand, dass es eher typisch amerikanisch wirkte statt französisch. Aber die Bezeichnung Bistro wurde wohl in Deutschland eher großzügig für jede Art von Lokal verwendet, das nicht gerade Mc. Donalds hieß oder vier Sterne hatte. Sara bestellte Gemüseauflauf, Andy Schnitzel überbacken und während des Essens verriet sie ihm, was sie sich während ihres langen Spaziergangs vom vergangenen Wochenende überlegt hatte.

„Ich weiß nicht, warum. Aber irgendetwas zieht mich nach Kanada, Andy. Ich werde im April oder Mai hinfliegen. Dieser Dokubericht hat mich neugierig gemacht. Ich will mir das unbedingt selbst ansehen.“

Andy schaffte es, mit vollem Mund zu grinsen. Er schluckte rasch bevor er antwortete.

„Gib es zu, du willst dir die Rothaut angeln, hab ich Recht? Ich hab genau gesehen wie fasziniert du auf den Flimmerkasten gestarrt hast.“

Wäre Saras Blick eine Gewehrkugel gewesen, Andy wäre tot vom Stuhl gefallen.

„Blödmann!! Was du nur immer denkst! Ich hab kein Interesse mehr an Beziehungskisten, das weißt du doch ganz genau! Männer sind Idioten!“

Er grinste halbherzig.

„Das war nur ein Scherz. Und vielen Dank auch! Zählst du mich vielleicht auch zu den Idioten?“

Saras letzte Beziehungskiste hatte sich mit einem Knall in Rauch aufgelöst, als sie ihren Freund mit einer Anderen erwischt hatte. In ihrem eigenen Bett! Und er hatte noch die Frechheit gehabt sie zu einem Dreier einzuladen. Mir eisiger Miene hatte sie die verstreuten Kleidungsstücke der Beiden eingesammelt und aus dem Fenster auf die Straße geworfen.

„Und jetzt raus aus meiner Wohnung! Oder ich rufe die Polizei!“

Charli - der eigentlich Karl hieß - hatte zuerst protestiert, sie mit Anrufen bombardiert und mehrmals abends vor ihrer Tür gestanden. Aber sie hatte nicht reagiert. Als er schließlich bei seinem letzten Versuch mit den Fäusten an die Tür getrommelt und gedroht hatte, sie einzutreten, hatte Andy einen Blick aus seiner Wohnung geworfen. Er war in der Woche zuvor eingezogen.

„Machen Sie hier nicht so einen Lärm! Das ist ein ruhiges Haus. Frau Winter wird nicht da sein, wenn niemand öffnet!“

Der schöne Charli war wütend auf ihn losgegangen. „Natürlich ist die da! Und was geht dich das an?“

Andy hatte sich jedoch auf nichts eingelassen, dem Randalierer die Tür vor der Nase zugeknallt und die Polizei gerufen. Der ungebetene Besucher wurde verhaftet wegen Ruhestörung und Sara erreichte außerdem, dass er sich ihr fern zu halten hatte. Der treue Nachbar hatte seit dem immer ein wachsames Auge auf die Wohnungstür seines Gegenübers gehabt. Auf sein Anraten hin hatte sie gleich am nächsten Tag das Schloss ausgetauscht.

Sara wedelte unwirsch mit der Hand durch die Luft.

„Du bist kein Mann!“

„Sara, also wirklich….“

„Nicht so ein Mann….du weißt schon…..so ein Scheißkerl…! Du bist normal, Gott sei Dank.“

Andy lachte breit.

„Na, da bin ich aber sehr erleichtert! Ich hatte schon befürchtet, du hältst mich für ein geschlechtsloses Wesen, trotz meines umwerfenden Charmes und meinem fantastischen Aussehen.“

Jetzt musste Sara mit ihm lachen.

„Einbildung ist auch Bildung. Nein, ich meine du bist für mich wohl eher so eine Art Bruder.“ Sie grinste ihn blitzend an.

„Und ich bin für dich offenbar Schwester, Köchin, Schneiderin, Bäckerin, Wäscherin und Bügelfrau. Und Vorratsschrank für deine ständig leere Küche!“

Er tat als sei er beleidigt. „Musst du mir das ständig unter die Nase reiben? Ich gebe ja zu, dass ich nicht vollkommen bin.“

Er nahm einen großen Schluck von seiner Cola und kam wieder auf ihr ursprüngliches Thema zurück.

„Du willst also wirklich diesen Abenteuerurlaub machen? Ist das nicht ziemlich unsicher? Wenn da was schief gehen sollte, kannst du keinen deutschen Reiseveranstalter zur Kasse bitten.“

„Ja, ich weiß“, meinte sie etwas nachdenklich. „Ich werde für den Flug und den Hotelaufenthalt ein Versicherungspaket dazu nehmen. Für alle Fälle. Na ja, und ich bin ja selbst gut krankenversichert, mit Reiserückholservice und so. Und mein Schutzengel muss halt mal ein bisschen arbeiten.“

„Dein Schutzengel ist ein Bodybuilder mit Vierzehn - Stunden - Tag.“

Sara lachte wieder und winkte nach der Kellnerin. Sie teilten sich wie immer die Rechnung und tuckerten mit Stefans Rostlaube nach Hause.

 

 

 

 

 

Reisefieber

Reisefieber

„Autsch!“

Andy war mit Anlauf vor die geschlossene Glastüre zum Flughafengebäude gedonnert.

Sara war schon etliche Meter vor gelaufen vor Aufregung und er kam nicht schnell genug hinterher. Zudem schleppte er Saras Wanderrucksack - freiwillig - was er jetzt bereute. Er verzog das Gesicht, rieb sich mit der linken Hand über die Stirn und hastete hinter Sara her.

„Sara? Frau Winter!! Würdest du jetzt mal netterweise auf mich warten? Sonst kannst du ohne Gepäck fliegen!“

Sara blieb ruckartig stehen und drehte sich um, sah seinen Gesichtsausdruck und lächelte um Verzeihung bittend.

„Tut mir echt leid, aber ich bin irgendwie furchtbar nervös, weiß auch nicht warum. Dabei war ich doch schon mal drüben.“

Sie waren inzwischen beim Check-in Schalter der kanadischen Fluglinie angelangt und Andy wuchtete den Rucksack auf die Waage.

„Erstens ist das sechs Jahre her, wie du gesagt hast, und zweitens liegt das an dem Typen aus dem Film. Nein, wirklich“, versicherte er, als er ihre böse Miene sah, „glaub mir. So hast du schon lange Keinen mehr angesehen. Denk’ an meine Worte. Und heirate ihn nicht gleich, wenn’s geht.“

Sara reichte ihre Unterlagen an die freundliche Dame hinter dem Schalter und schüttelte dabei missbilligend den Kopf.

„Du hast sie doch nicht Alle! Zuviel Phantasie, mein Freund.“

Die nette Dame reichte ihr die Unterlagen zurück, dazu die Bordkarte mit der Platzreservierung und sie wanderten weiter durch den Flughafen auf der Suche nach einem Plätzchen für einen Kaffee. In einem neu eröffneten SB-Café fanden sie einen freien Tisch an der Fensterfront mit Blick auf das Rollfeld. Andy holte zwei große Becher Kaffee heran und Sara überdachte noch einmal die Einzelheiten ihrer Urlaubsreise. Ihr Anruf bei der kanadischen Telefonnummer hatte sie mit einer jungen Frau verbunden, die ihr freundlich erklärte, wie sie von Vancouver aus weiterkam.

„Fahren Sie mit dem Greyhoundbus bis Prince Rupert. Dort ist ein Zimmer für Sie reserviert im Hotel ‚Totem’. Von dort melden Sie sich noch einmal bitte, wenn Sie angekommen sind. Am nächsten Tag werden Sie dann von uns abgeholt. Wenn Sie vom Hotel aus anrufen genügen die letzten sechs Zahlen. Wir freuen uns auf ihren Besuch.“

Sie war mit Allem ausgerüstet, ausreichend Kleidung zum wechseln sowie eine umweltfreundliche Seife für die kleine Wäsche zwischendurch, falls nötig. Nähmaterial für ihre Kleidung, eine Regenjacke und ein ausreichend bestücktes Erste - Hilfe - Köfferchen. Obendrein vorsichtshalber ein Wörterbuch im handlichen Taschenbuchformat. Nach anfänglichem Zögern hatte sie sogar das gute Jagdmesser in den Koffer gepackt ( im Handgepäck war es natürlich verboten ) das sie damals in Kanada gekauft hatte. Das hatte sie Andy aber verschwiegen. Er hätte mit Sicherheit Einwände gehabt. Da sie aber damit rechnete, einige Tage in den Wäldern zu verbringen fand sie dass es nicht schaden konnte, das gute Stück mit zunehmen. Es war Anfang Mai und in Deutschland schon angenehm warm. Die Sonne schien und Sara legte eine Hand über die Augen und sah hinaus aufs Rollfeld. Ein Stück weiter konnte sie ihre Maschine sehen. Der Zug von Gepäckwagen stand daneben und die Gepäckstücke der Passagiere wurden soeben eingeladen. Auf der anderen Seite des Fliegers konnte sie den Tankwagen erkennen, von dem aus die Maschine betankt wurde. Sie wusste dass sie circa zwölf Stunden unterwegs sein würde und hoffte, dass die Qualität des Essens im Flugzeug gleich geblieben war.

Eine blecherne Lautsprecherstimme informierte freundlich die Passagiere des Fluges Air Canada 411, dass die Maschine nun zum Einsteigen bereit sei. Sara stand hastig auf, schnappte ihre Jacke und die Umhängetasche, die sie als Handgepäck mit in die Kabine nehmen wollte und lief mit schnellen Schritten in Richtung der nächsten und letzten Kontrolle.

Hier musste sich Andy nun verabschieden. Er umarmte sie herzlich.

„Mach’s gut, du Abenteuerlady. Lass dich nicht von Bären fressen!“

Er grinste noch einmal schelmisch.

„Und nicht von glutäugigen Männern entführen! Melde dich auf jeden Fall, wenn du angekommen bist! Und schreib’ mal ein Kärtchen, falls du dafür überhaupt Zeit hast.

Und rufe mich rechtzeitig an, wenn du zurück kommst!“

Sara, die plötzlich einen Kloß im Hals hatte, versprach alles und musste ein paar Mal schlucken. Dann lächelte sie tapfer, ging durch die Kontrolle, winkte von der anderen Seite noch einmal und verschwand zum Ausgangsgate.

Andy sah ihr noch einen Moment nach.

„Hoffentlich geht das gut“, murmelte er leise vor sich hin. Dann wanderte er in Gedanken versunken zu seinem Wagen zurück.

Der Passagier im Nebensitz gähnte laut und weckte damit Sara aus ihrem kurzen Schlummer.

Sie blinzelte ein paar Mal verschlafen, streckte sich dann und sah aus dem Fenster. Klare Sicht. Das Flugzeug schien schon ein Stück gesunken zu sein. Die Ansage aus dem Cockpit, die den Landeanflug auf Vancouver ankündigte, schien ihr Recht zu geben. Sara freute sich auf die Stadt. Bei der freien Sicht konnte sie den großen Holzhafen erkennen, dass charakteristische, weiß leuchtende Segeldach der Halle am Canadaplace, ebenso den Stanleypark, der eine kleine Halbinsel fast gänzlich einnahm und eine der grünen Lungen der Stadt war, die Mündung des Fraser River, die Lions Gate Bridge, die Horseshoebay, den Jachthafen beim Stanleypark.

Vancouver.

Großstadt an Kanadas Pazifikküste und fast an der Grenze zu den USA gelegen. Circa sechshunderttausend Einwohner, entstanden in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts ( etwa ab Achtzehnhundertzweiundsechzig ) während des Goldrausches entlang des Fraser Rivers.

Der Goldrausch war wie überall nicht von langer Dauer gewesen. Gegenwärtig lebte die Stadt von der Holz - und Fischereiindustrie, außerdem konnte sie stolz den größten Frachthafen des amerikanischen Kontinents ihr Eigen nennen. Und nicht zuletzt war die Stadt Durchgangsstation für viele Touristen - Einzelne und Gruppen - die von hier aus ihre Rundreisen starteten.

Sara hatte sich vorgenommen, drei Tage in der Stadt zu bleiben um sich zu akklimatisieren. Sie würde die Plätze und Restaurants besuchen die sie noch in Erinnerung hatte. Außerdem hatte sie genügend Zeit, die Busfahrkarte zu kaufen und eventuell noch einige Dinge, die sie eventuell doch vergessen hatte einzupacken.

Die Maschine setzte sanft auf dem Rollfeld auf und rollte nach ausreichender Bremsung langsam zu ihrem vorgesehenen Standplatz.

Sara stellte ihre Uhr auf Ortszeit um und wartete, bis der größte Teil der Fluggäste die Maschine verlassen hatte. Nach dem langen Sitzen waren ihre Gelenke etwas steif, sie streckte sich ein paar Mal vorsichtig, angelte ihre Tasche und die Jacke aus dem Handgepäckfach und schob sich mit dem Rest Menschen durch den Mittelgang, aus der Maschine und den Schlauch entlang ins Gebäude. Ein gelangweilt aussehender Beamter bei der Passkontrolle warf einen flüchtigen Blick in ihren Reisepass, knallte seinen Stempel mit Wucht auf eine leere Seite, nickte ihr zu und winkte sie durch.

Sara suchte einen Moment nach dem richtigen Gepäckband und schlängelte sich dann zu einer freien Stelle durch, von wo sie einigermaßen Überblick über das laufende Band und die ankommenden Gepäckstücke hatte.

Vor dem Gebäude hatte sie dann die Auswahl; etwa zehn Taxen standen gleich vor der Türe.

Es war vier Uhr am Nachmittag nach westkanadischer Zeit, die Sonne schien und es war erstaunlich mild. Sara setzte die Sonnenbrille auf, wuchtete den Rucksack mit geübtem Schwung auf den Rücken und lief auf die Reihe der wartenden Fahrzeuge zu. Zu dem Ersten in der langen Reihe gehörte ein junger Mann mit schulterlangem blonden Haar und Bräune von der Sonnenbank. Mit Jeans, Sweatshirt und Turnschuhen gekleidet - ein Student mit Nebenjob. Sie zeigte ihm die Adresse ihres Hotels, er nickte, packte den Rucksack ordentlich in den Kofferraum und fuhr zügig die Strecke bis zum Hotel. Er hatte sich als Steve vorgestellt und eine lockere Konversation begonnen. Sara erzählte kurz, woher sie kam und wohin sie noch zu fahren plante. Vor dem Hotel angekommen fingerte er eine Visitenkarte aus einem Fach über dem Armaturenbrett.

„Ruf’ mich an, wenn du mal wieder ein Taxi brauchst, solange du in der Stadt bist. Und vielleicht hast du ja morgen Zeit für 'ne Tasse Kaffee oder so. Das heißt, wenn das nicht zu aufdringlich ist.“

Sara überlegte einen Moment.

„Gibt es das „White Spot Chicken“ am Jachthafen noch? Beim Stanleypark?“

Er nickte und sie verabredeten sich zum Frühstück am nächsten Morgen. Nur ein Frühstück und ein bisschen quatschen, nichts Aufregendes. Freundlich und unverbindlich. Sara war sicher damit nichts falsch zu machen. Sie hatte ihr altes Hotel gebucht, in dem sie auch bei all ihren letzten Besuchen hier abgestiegen war. Nach dem Einchecken brachte sie ihr Gepäck aufs Zimmer, fuhr dann gleich wieder nach unten, kaufte sich einen Stadtplan an der Rezeption - den sie aber eigentlich nicht brauchte - und machte sich auf die Stadt zu erkunden und die Orte aus ihrer Erinnerung mit der Gegenwart zu vergleichen.

Vancouvers Altstadt - die Gastown - hatte sich kaum verändert und sie erkannte Vieles wieder. Wie zum Beispiel die alte Standuhr, die auf Dampfpfeifen zu jeder vollen Stunde die Londoner Big-Ben-Melodie pfiff. Immer etwas schief und haarscharf neben den richtigen Tönen, aber Sara freute sich sie zu hören.

Eine Art Willkommensgruß für die Urlauber.

Wie als Antwort tutete ein Kreuzfahrtschiff, welches ein Stück entfernt beim Canadaplace an der Kaimauer lag.

Langsam wanderte sie an den Schaufenstern der Geschäfte vorbei. Einige Neue gab es an die sie sich nicht erinnern konnte. Auch waren ein paar der ehemaligen Restaurants geschlossen, dafür an anderen Stellen Neue entstanden. Sie suchte sich eins aus fürs Abendessen und bekam einen Platz an einem Fenstertisch. Sie saß immer in der Raucherabteilung obwohl sie selbst nicht rauchte, aber hier traf man einfach die netteren Leute. Diese Erfahrung hatte sie schon bei ihrem letzten Urlaub hier gemacht. An diesem Abend war ihr jedoch nicht nach Smalltalk zu Mute und sie war insgeheim froh, dass sich niemand an ihren Tisch setzen wollte.

Sie bestellte den Lachs in heller Soße, mit Folienkartoffel und Salat, ließ sich das Essen schmecken und dachte über ihren Urlaub nach. Und wieder drängte sich dieser Indianer aus dem Film in ihre Gedanken und sie schüttelte ärgerlich den Kopf und versuchte ihn zu verscheuchen.

Schluss damit! Bleib’ auf dem Teppich, Sara Winter!

Andys Worte kamen ihr in den Sinn und sie schnaubte ärgerlich durch die Nase. Mochte der Himmel sie bewahren vor interessant aussehenden Männern! Sie schwor sich - zum wiederholten Mal - nie wieder auf schönes Gerede und falsches Getue herein zu fallen.

Sie beendete ihr Abendessen, zahlte und ging den kurzen Weg zurück zum Hotel. Sie schickte noch schnell die versprochene Nachricht per sms an Andy, bevor sie es vergaß und er Grund hatte zu schimpfen. Nach einer ausgiebigen Dusche legte sie sich ins Bett und wollte eigentlich noch etwas Fernsehen, aber nach zehn Minuten fielen Ihr die Augen zu. Sie stellte ihren Reisewecker auf neun Uhr und schlief einen tiefen traumlosen Schlaf.

Steve saß schon an einem Tisch am Fenster im ‚White Spot Chicken Restaurant’ als sie dort ankam. Er winkte lachend bei ihrem Eintritt und sie steuerte auf den Tisch zu.

„Schön, dass du gekommen bist. Ich war mir ehrlich gesagt nicht so ganz sicher. Willst du mit Blick ins Lokal oder mit Blick aus dem Fenster sitzen?“

Sara zog fragend die Stirn kraus. „Egal. Und wieso hast du gedacht, ich komme nicht? Ich halte was ich verspreche.“

Eine Kellnerin mit weißer Uniform, gelber Schürze und ebenso gelbem Häubchen kam an den Tisch und fragte nach ihren Wünschen. Sie gaben die Bestellung auf und er begann wieder: „Na ja, du kennst mich ja nicht. Ich könnte ja auch irgendein Gauner sein, der sich dein Vertrauen erschleicht und dich dann beklaut.“

„Du würdest es bereuen, glaub’ mir.“

Ein gekonnt eisiger Blick aus eisblauen Augen traf ihn - sie hatte das stundenlang zu Hause vor dem Spiegel geübt - und er zuckte leicht zusammen. Sara musste lachen über sein verwirrtes Gesicht.

„Keine Sorge, du hast nichts zu befürchten! Du bist nicht der Typ eines geübten Langfingers.“

Jetzt lachte er erleichtert mit. „Da bin ich aber beruhigt. Ah, da kommt das Frühstück!“

Sara hatte auf seine Empfehlung hin ebenso wie er einen Sunny Start bestellt, was sich jetzt als ein Riesenburger herausstellte, belegt mit mehreren Schichten von Spiegelei, Bacon, Tomaten, Salat und Käse. Sara machte große Augen.

 „Du lieber Himmel! Wie in aller Welt soll man dieses Ding essen? Gibt’s eine Anleitung dazu?“

„Das geht nur schichtweise“, erklärte Steve lachend. „Wenn du versuchst, das wie einen normalen Burger zu essen bist du hinterher komplett eingesaut. Aber es ist einfach lecker!“

Er hatte die obere Hälfte zur Seite geklappt und zerteilte nun das Ganze akkurat mit Messer und Gabel.

Sara bemühte sich es nach zu machen und schüttelte dabei leise lachend den Kopf.

„Morgen bestelle ich Pancakes. Da weiß ich wenigstens woran ich bin!“

Steve hatte schon in Windeseile gut ein Drittel seines Burgers verputzt.

„Kommst du jeden Morgen her?“

„Weiß ich noch nicht“, antwortete sie vorsichtig. Sie wollte sich nicht festnageln lassen und diese Zufallsbekanntschaft nicht vertiefen. Seine Frage erzeugte leichtes Misstrauen bei ihr. Ihre Gedanken mussten wohl deutlich auf ihrem Gesicht abzulesen sein.

„Kein Grund zur Besorgnis. Du musst mir nicht verraten, was du tagsüber vor hast. Ich habe nur gefragt, weil ich fast täglich hierher komme zum Frühstück. Hier sind zwar jeden Morgen eine Menge Leute anzutreffen, aber die Wenigsten sind so angenehme Gesprächspartner.“

Er grinste und Sara musste unwillkürlich lachen.

„Ehrlich, ich weiß es noch nicht. Aber falls du morgen zur selben Zeit wieder hier am gleichen Tisch sitzt, verspreche ich mich dazu zu setzen. Ist das okay?“

Er nickte und fragte dann: „Wie lange bleibst du in der Stadt?“

„Drei Tage. Dann fahre ich mit dem Bus weiter bis Prince Rupert.“

Er wiegte abwägend den Kopf hin und her.

„Ist 'ne ganz ordentliche Strecke bis dahin. Und du musst bestimmt irgendwo umsteigen. Warum fliegst du nicht? Es gibt eine Flugverbindung nach Prince Rupert für kleinere Maschinen.“

„Zu teuer“, winkte sie ab. „Außerdem sehe ich so mehr vom Umland. Da fällt mir ein, ich will heute noch zum Busbahnhof meine Fahrkarte kaufen.“

„Ich kann dich hinfahren, wenn du willst. Und auch zurück.“ Er grinste wieder.

„Natürlich für einen Sonderpreis.“

„Nein, wie großzügig“, spottete sie und lachte. Dieser Steve war wirklich eine angenehme zwanglose Gesellschaft beim Frühstück. Er brachte sie wie versprochen zum Busbahnhof und wartete auch bis sie wieder heraus kam. Sara hatte missmutig die Nase kraus gezogen.

„Das Bus fahren ist ja erheblich teurer geworden, seit ich das letzte mal hier war.“

„Wie lange ist das her?“

„Sechs Jahre.“

Er zuckte mit den Schultern.

„Dazu kann ich keine Auskunft geben. So lange bin ich noch nicht hier.“ Er lachte wieder.

„Ich würde dich ja mit dem Taxi fahren, aber das kannst du wirklich nicht bezahlen!“

Sara verdrehte übertrieben die Augen.

„Lass mal gut sein, so dicke hab’ ich’s auch wieder nicht! Aber du kannst mich abholen und wieder zum Busbahnhof fahren, wenn du Zeit hast.“

„Jawohl, Boss! Aber vielleicht hast du morgen oder Übermorgen noch mal Zeit, mit einem einsamen Studenten essen zu gehen?“ Sara sah ihn betont kritisch von der Seite an.

„Du machst nicht gerade den Eindruck als würdest du unter besonderer Einsamkeit leiden.

Ich überleg’s mir. Hab’ ja deine Mobilnummer.“

Er hatte sie wieder vor dem Hotel abgesetzt.

„Also, mach’s gut, Steve. Und fahr’ schön vorsichtig!“

Er nickte zum Abschied, winkte noch und hupte kurz, gab Gas und verschwand mit leicht quietschenden Reifen im Stadtverkehr. Sara sah noch einen Moment hinterher und überlegte dann was sie wohl noch unternehmen könnte. Kurz entschlossen betrat sie den nächsten Supermarkt und kaufte einen Tüte Erdnüsse, wanderte dann wieder zum Stanleypark und setzte sich auf eine Parkbank. Sie raschelte ein wenig mit der Tüte und wie erwartet tauchten nach kurzer Zeit die ersten Eichhörnchen auf. Die grauen amerikanischen Hörnchen sind generell etwas größer als das europäische rote, aber die im Stanleypark wurden von den Parkbesuchern gefüttert und waren allesamt fette Kerlchen. Und auch ganz schön dreist. Sie kamen ohne Scheu bis auf die Bank, kletterten an ihren Beinen hoch oder über die Banklehne auf ihre Schulter - als ob sie ein Nussbaum sei - und angelten selbst in die Tüte mit den Nüssen, wenn es ihnen nicht schnell genug ging. Eine junge Mutter kam mit einem Kinderwagen den Weg entlang, ein kleiner Junge hopste neben ihr her und stieß einen Entzückensschrei aus als er die vielen Tiere sah. Er zog seiner Mama an der Jacke und wollte offenbar auch jetzt gleich Eichhörnchen füttern, aber die Mutter schüttelte den Kopf, sie hatte kein Futter dabei. Sara schenkte ihm die noch zu etwa einem Drittel gefüllte Tüte und der Kleine strahlte. Seine Mutter wollte zuerst abwehren, aber Sara erklärte ihr, dass sie ohnehin gehen müsse und der Kleine solle die restlichen Nüsse ruhig verfüttern. Sie verabschiedete sich lächelnd und lief langsam auf dem Weg weiter.

Sie besah sich die hölzernen Wegweiser und bog schließlich in den Weg ein, der zu der Lichtung mit den Wappenpfählen führte.

Die Totempfähle - wie sie offiziell, aber fälschlich genannt wurden - hatten nichts von ihrer Faszination verloren und Sara bestaunte sie wieder ehrfürchtig. Alle Pfähle waren Leihgaben der ansässigen Indianerstämme und die Parkverwaltung hatte die Aufgabe, dafür zu sorgen dass sie weder mit Graffiti besprüht noch mit dem Schnitzmesser bearbeitet wurden. Klauen würde die Dinger sicherlich niemand, sie wogen bestimmt einige Zentner und waren zudem am Boden verankert.

Eine ganze Zeit lang saß sie dort auf einer Bank und sah in Gedanken versunken auf die prächtigen Pfähle.

Als sich eine Touristengruppe mit Führer unter lautem Geschnatter näherte, sah sie auf ihre Uhr. Fast drei Uhr am Nachmittag! Mit einem letzten Blick auf die kunstvollen Pfähle verließ sie den Platz, wanderte zurück zur Stadt und trank in einem kleinen Café noch eine Tasse Tee.

Dann lief sie zurück zum Hotel, duschte, zog sich um und wanderte dann wieder in die Gastown zum Abendessen.

Sara musste sich eingestehen, dass sie den lustigen Steve vermisste und sie beschloss, ihn für den letzten Abend in der Stadt zum Essen einzuladen.

Auf dem Rückweg zum Hotel machte sie einen Schlenker zur Tiefpassage unter dem Sears - Tower und ließ einen Tisch für Zwei im Drehrestaurant auf der Aussichtsplattform reservieren. Es war etwas teurer aber sie entschied sich das es das wert war. Vom Hotel aus rief sie Steve an und er schien sich ehrlich zu freuen.

Sara stand am nächsten Morgen sehr früh auf, zog den mitgebrachten Jogginganzug an und machte sich wieder auf zum Stanleypark um eine Runde um den gesamten Park zu drehen. Der Joggingpfad lief parallel neben dem Rad- und Scaterweg fast um die ganze Insel herum.

Sie brauchte längere Zeit für die Umrundung. An der westlichsten Ecke konnte sie die Schreie der Kormorane hören, die an der steilen Klippenwand eine Brutkolonie hatten. Die letzten Meter schaltete sie einen Gang runter und ging in normalem Schritt weiter. Sie wollte nicht völlig außer Atem ins Frühstückslokal gehen.

Der Tisch vom Vortag am Fenster war nicht besetzt, Steve kam wohl heute später oder vielleicht auch gar nicht. Sara zuckte kurz mit den Schultern, setzte sich mit den Rücken zum Fenster so das sie das Lokal und den Eingang im Blickfeld hatte, bestellte sich erstmal ihren großen Becher Kaffee und studierte dann eher lustlos die Speisekarte. Sie hatte die erste Tasse fast geleert als Steve ins Restaurant stürmte. Er sah sich kurz um, entdeckte sie dann und strahlte. Erleichtert ließ er sich auf den Stuhl fallen.

„Ich bin zu spät, sorry! Hatte drei alte Ladys zu chauffieren, die sich nicht einig werden konnten wo sie eigentlich hin wollten. Bin sie aber doch noch los geworden, Gott sei Dank!“

„Kein Problem“, winkte Sara lachend ab. „Ich habe Urlaub, wie du weißt. Ich bin schon eine Runde um den Park gejoggt und hab was für meine Gesundheit getan.“

„Um den ganzen Park? Respekt!“, staunte er. „Das habe ich bisher noch nie geschafft.“

Sara bestellte dieses Mal ihre heiß geliebten Pancakes, Steve wieder seinen Riesenburger.

Während des Essens schien ihm etwas ein zu fallen.

„Übrigens: schönen Dank für die Einladung. Ich war noch nie oben in diesem Restaurant. Ich hab auch nur einen einzigen Anzug und die Krawatte leihe ich mir von einem Studienkumpel aus. Dafür geht aber das Frühstück heute auf mich. Ich bestehe darauf!“, betonte er bevor sie ablehnen konnte. Er wollte sie abends am Hotel abholen und sie würden das Stück bis zum Tower laufen.

Sara beglückwünschte sich selbst dazu, dass sie ihren bügelfreien Hosenanzug eingepackt hatte. Den zog sie nun an für den Abend, dazu den leichten feinen Kurzarmpulli den sie noch am Vormittag in der Stadt gekauft hatte.

Steve stand schon vor dem Hotel als sie durch die Tür trat. Er hatte sich wirklich Mühe gegeben mit seinem Aussehen. Das Jackett spannte wohl etwas über den Schultern und er schien sich nicht ganz wohl zu fühlen, lächelte aber tapfer. Er hatte vorsichtshalber beschlossen sich nicht allzu ruckartig zu bewegen.

Der Lift hinauf zum Restaurant befand sich in der Tiefparterre des Searstower. Steve, der noch nie mit diesem Lift hinauf gefahren war, zuckte erschrocken zurück als die gläserne Fahrstuhlkabine wie eine abgeschossene Rakete aus dem Untergrund schoss und in dem ebenfalls gläsernen Fahrstuhlschacht außen am Gebäude nach oben zischte. Er war blass unter seiner Bräune als sie oben ankamen.

„Nicht wahr?“, lachte Sara. „Ein einmaliges Erlebnis.“

Er verzog das Gesicht, sagte aber nichts sondern versuchte seinen nach oben gerutschten Magen an die richtige Stelle zurück zu schieben. Das Restaurant war gut besucht und Sara war froh, dass sie einen Tisch reserviert hatte.

Die Aussicht von hier oben war atemberaubend. Während sich die Plattform langsam aber stetig drehte hatte man Gelegenheit, die ganze Stadt und noch weite Teile des Hinterlandes und ein Stück des Pazifiks zu überblicken.

Es wurde ein gelungener Abend.

Steve erwies sich als guter Zuhörer und unterhaltsamer Plauderer. Er war intelligent und hatte ein gutes Allgemeinwissen und ihre Diskussionen zu allen möglichen Themen ließen die Zeit schnell dahin fliegen. Es war schon nach Mitternacht als sie gemütlich zu Saras Hotel zurück wanderten.

Sie verabschiedeten sich vor der Türe. Steve wollte sie wie versprochen am Morgen mit dem Taxi abholen und zum Busbahnhof fahren.

„Komm’ lieber zehn Minuten früher“, bat Sara. „Lieber warte ich auf den Bus bevor er mir vor der Nase wegfährt.“

Er nickte. „Danke fürs Abendessen. Ich bin pünktlich da. Gute Nacht!“

Er wartete noch bis sie hinein gegangen war und eilte dann mit beschwingten Schritten zur nächsten Bushaltestelle für das kurze Stück bis zu seiner Studentenbude.

Sara saß am anderen morgen schon eine Stunde vor der verabredeten Zeit in der Hotelhalle. Sie hatte nicht geschlafen vor Aufregung und war schon um Sechs aus dem Bett gesprungen. Der gute Steve trat wie versprochen um sieben Uhr durch die Tür, sah sie auf einer Bank bei den Fenstern sitzen und sah erschrocken auf seine Uhr. Sara war aufgestanden und kam ihm entgegen.

„Keine Sorge, du bist nicht zu spät. Ich bin zu früh, aber ich bin so aufgedreht das ich nicht schlafen konnte. Ich schätze mal, dass ich gleich im Bus einschlafen werde. Also von mir aus können wir los.“

So früh am Morgen war auf den Strassen noch nicht viel Verkehr, sie erreichten den Busbahnhof ohne Störungen.

Sara zog ihre Geldbörse aus der Hosentasche, aber er winkte ab.

„Nein, lass mal. Das geht auf mich.“

Er war während er sprach schon ausgestiegen und hievte ihren Rucksack aus dem Kofferraum.

„Ganz schön schwer, das Teil. Und den willst du die ganze Zeit mit dir rumschleppen?“

Sie lachte, immer noch leicht nervös.

„Auf jeden Fall besser als ein Koffer. Macht sich auch im Urwald viel besser.“

Sie schwang sich das sperrige Ding gekonnt auf dem Rücken und hielt Steve die Hand hin.

„Also dann. War nett, dich kennen zu lernen, Steve. Und danke fürs Fahren.“

Er nahm ihre ausgestreckte Hand und lächelte offen.

„Ganz meinerseits. Und vielleicht treffen wir uns noch mal wenn du von deinem Trip zurück bist. Würde mich freuen. Pass auf dich auf, alleine reisen ist nicht ganz ungefährlich“, setzte er - plötzlich ernst geworden - noch hinzu.

„Versprochen. Ich bin nicht so leicht kaputt zu kriegen“, antwortete sie forscher als ihr zu Mute war. Sie wandte sich entschlossen um und trat durch die Tür in den Bahnhof. Halb in der Tür blieb sie noch einmal stehen und winkte zurück. Steve stand an seinen Wagen gelehnt mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck und winkte zurück.

Nettes Mädchen’, dachte er bei sich. ‚Hoffentlich kommt sie heil zurück.’

Sara war - mit einmal Umsteigen - nahezu zehn Stunden unterwegs. Wie erwartet war sie unterwegs eingenickt aber noch rechtzeitig aufgewacht um das Umsteigen nicht zu verpassen.

Es war schon wieder Abend, als sie in Prince Rupert ankam.

Die neunzehnhundertzehn gegründete Stadt am Queen - Charlotte - Sund mit ihren geschätzten fünfzehntausend Einwohnern machte einen geschäftigen Eindruck. Sara wartete auf dem Gehsteig am Busbahnhof, bis der Bus abgefahren war und sah sich dann um. Gegenüber gab es eine Tankstelle mit Drugstore, wo sie sich einen Stadtplan kaufte. Sie fragte auch nach dem Hotel namens ‚Totem’, der Verkäufer im Store riet ihr, besser ein Taxi zu nehmen. Ein paar Meter weiter die Straße entlang gab es einen Taxistand und Sara wanderte entschlossen darauf zu.

Sie suchte sich dieses Mal eine Fahrerin aus – tatsächlich waren es nur zwei wartende Fahrzeuge −, nannte ihre Hoteladresse und wurde nach zehn Minuten vor der Hoteltür von der freundlichen Fahrerin abgesetzt. Einige Minuten blieb Sara vor dem Gebäude stehen und besah sich das Haus. Ein Holzhaus im typischen amerikanischen Stil, mit Veranda davor und in leuchtenden Bonbonfarben gestrichen. Zwei kitschige Pseudo - Totempfähle aus Plastik standen rechts und links neben der Eingangstür und Sara schüttelte ungläubig den Kopf. Wer kam bloß auf so eine Idee?

Sie stieg die zwei hölzernen Stufen hinauf, die beim drauf treten leise quietschten und schob die erstaunlich massive Türe auf. In der Eingangshalle war es dämmerig. Zwei altmodische Deckenlampen spendeten ein nur spärliches Licht.

Auch hier drinnen knarrte der hölzerne Fußboden bei jedem Schritt. Der Tresen der Rezeption ebenso wie die Schlüssel - und Postfächer dahinter und auch die Treppe die an einer Seite des Gebäudes nach oben führte waren aus dunklem Holz gefertigt. Blümchentapete an den Wänden, einige Elchgeweihe über einer kleinen Sitzgruppe in einer Ecke. Die ganze Einrichtung erinnerte stark an eine Westernkulisse. Nur der Heizkörper unter einem Fenster an der Straßenseite leuchtete weiß vor der schon nachgedunkelten Tapete als Zugeständnis an die Neuzeit.

Sara fand keine Glocke auf der Theke, aber der knarrende Fußboden schien ausreichend laut zu sein. Aus einer offenen Tür neben der Empfangstheke trat eine Frau mit einem fragenden Lächeln und einem silbergrauen Kurzhaarschnitt auf sie zu. Sie stellte sich als die Wirtin des Hauses - Mrs. Plummer - vor.

„Was kann ich für Sie tun?“

„Guten Abend“, grüßte Sara zurück. „Bei Ihnen wurde für mich ein Zimmer reserviert. Mein Name ist Sara Winter.“

Die Frau - Sara schätzte sie um die Sechzig - nickte, holte tatsächlich ein Labtop unter der Theke hervor und klappte es umständlich auf. Langsam und konzentriert fuhr sie mit dem rechten Zeigefinger über die Tasten und nickte dann wieder. „Da haben wir Sie ja. Sara Winter, jawohl. Für eine Nacht mit Frühstück?“

Sara nickte, wurde eingetragen, unterschrieb einen Beleg in der freien Zeile und bekam ihren Zimmerschlüssel.

Die Frau wandte sich um und rief etwas durch die offene Tür. Ein älterer Mann kam nach Vorne geschlurft und bemächtigte sich Saras Rucksack. „Unser Hotelboy bringt ihr Gepäck aufs Zimmer.“

Der ‚Boy’ von geschätzten fünfundsechzig hob ächzend den Rucksack auf die Schulter und stapfte schweren Schrittes auf die Treppe zu. Sara war versucht ihm das Gepäck wieder ab zunehmen, hielt sich aber gerade noch zurück und folgte ihm langsam die Treppe hinauf und einen schummrigen Gang entlang.  Sara schlängelte sich an dem alten Herrn vorbei und öffnete ihm die Türe. Er stolperte dankbar ins Zimmer und ließ den Rucksack mit einem Rums zu Boden fallen. Sara drückte ihm einen Geldschein in die Hand und schloss hinter ihm die Tür, dann sah sie sich im Zimmer um. Auch das Zimmer hatte einen Hauch von Wildwest. Dunkles Holz und Blümchentapete, ein hohes Bett mit altmodischer Federung, ein wunderschöner Quilt als Bettdecke. Sara traute der Wirtin dieses nostalgischen Hauses ohne Weiteres zu, die schöne Patchworkdecke selbst genäht zu haben. Das zugehörige Bad war im Gegensatz zum Zimmer ganz modern eingerichtet und ließ nichts zu wünschen übrig.

Sara duschte und zog sich um, dann ging sie langsam nach unten. Mrs. Plummer stand noch hinter dem Tresen und Sara fragte sie nach einem guten und preiswerten Lokal, wo sie zu Abend essen konnte.

„Bleiben Sie doch gleich hier, wenn Sie möchten. Unser eigenes Restaurant öffnet in zehn Minuten. Gleich hier hindurch.“

Sie deutete mit der Hand auf eine zweiflügelige Tür, die noch geschlossen war.

„Auf der anderen Seite finden Sie unsere Hausbar. Nehmen Sie noch einen Aperitif, wenn Sie möchten.“

Da Sara nickte, ging Mrs. Plummer mit ihr zur Bar und goss für sie einen weichen kanadischen Whiskey ein. Die bernsteinfarbene Flüssigkeit rollte ihr warm die Kehle hinunter und breitete sich angenehm im Magen aus. Ein guter Tropfen.

Nach dem angenehmen Tropfen wanderte sie zum Restaurant hinüber, das ebenfalls voll ins Klischee passte. Sara hätte sich nicht gewundert, wenn John Wayne oder Gary Cooper durch die Tür gekommen wären. Sie gönnte sich ein Steak mit Bratkartoffeln und bunt gemischtem Salatteller. Während des Essens fiel ihr wieder ein, das sie sich ja wohl heute noch würde melden müssen bei dieser Telefonnummer. Und der netten Lady am anderen Ende.

Sie durfte das Telefon an der Rezeption benutzen.

Die gleiche freundliche Frauenstimme war am Apparat.

„Guten Abend. Sara Winter hier. Ich sollte mich bei Ihnen melden wenn ich in Prince Rupert angekommen bin.“

Die der Stimme nach junge Frau lachte erfreut.

„Ganz richtig. Hallo, Miss Winter! Wir freuen uns, dass Sie da sind. Ich werde morgen jemanden schicken der Sie abholt. Wäre zehn Uhr zu früh? Nein? Wunderbar! Eine Kollegin von mir - Cynthia Roseleaf - wird pünktlich am Hotel sein. Also bis morgen.“

Sara bedankte sich und legte auf. Der Name Roseleaf ließ ein kleines Glöckchen in ihrem Hinterkopf klingeln und sie überlegte, woher sie den wohl kennen mochte, kam aber zunächst nicht darauf.

Sie nahm noch einen letzten Drink an der Bar und ging dann zu Bett.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine andere Welt

Eine andere Welt

Vogelzwitschern und erste Sonnenstrahlen weckten Sara, noch bevor ihr Reisewecker schellte. Sie blinzelte ein paar Mal und sah mit einem Auge auf den Wecker.

Fünf!

Definitiv eine unchristliche Zeit um im Urlaub aufzustehen. Sara räkelte sich genüsslich in dem großen Bett und beobachtete, wie die Sonnenstrahlen in Bahnen langsam über den Fußboden wanderten und die unterschiedlichsten Schattenrisse auf das dunkle Holz zeichneten. Eine Stunde lang träumte sie noch vor sich hin, dann krabbelte sie unter der Decke hervor und hüpfte auf Zehenspitzen ins Bad.

Nach Duschen und Ankleiden wanderte sie langsam nach unten, aber das Restaurant war noch geschlossen.

Sara trat vor die Hoteltür auf den Gehsteig und sah sich um. Die Stadt erwachte langsam zum Leben. Nur vom Hafen her drangen schon Geräusche von Betriebsamkeit bis zur Straße herauf. Um die Wartezeit bis zum Frühstück zu verkürzen beschloss sie einen kurzen Spaziergang zum Hafen zu machen.

Fischerboote, kleinere Frachtschiffe und auch einige Ausflugsboote - wohl für die Walbeobachtungen - lagen an den verschiedenen Kais vertäut und dümpelten in der Dünung, die vom Meer her heranrollte. Fischer und Händler räumten soeben ihre letzten Kisten vom Platz. Das Fischgeschäft war lange vorbei, Fischer waren Frühaufsteher.

Ein paar Möwen stritten noch lautstark um die letzten Abfälle. Aus einer Markthalle kam ein kleiner Mischlingshund gelaufen und schoss wütend bellend in die Möwenschar hinein. Die dreisten Vögel hatten jedoch keinen Respekt und gingen ernsthaft auf den Störenfried los.

Zehn zu eins? Ein sehr unfaires Verhältnis, fand Sara und versuchte die Möwen mit lauten Rufen zu verscheuchen. Der kleine Hund knurrte und biss tapfer um sich, schnappte im Eifer des Gefechtes auch nach ihrer Hand, erwischte sie aber nicht.

Das Federvieh hatte schließlich genug und stob in einer Wolke davon. Sara hockte sich vor den kleinen Hund hin und streckte ihm die geschlossene Faust entgegen. Er schnupperte kurz, bellte aber nicht, sondern wedelte vorsichtig mit dem nach oben gedrehten Schwanz.

Sara nahm ihn vorsichtig auf den Arm und strich ihm über das dichte, rostbraune Fell. Der kleine Kerl zitterte vor Aufregung und hechelte ganz ordentlich, schien aber sonst das Gefecht unbeschadet überstanden zu haben.

Aus der Halle kam ein Mann, sah sie an der Kaimauer stehen mit dem Hund auf dem Arm und verzog ärgerlich das Gesicht. Mit entschlossenen Schritten kam er herüber. Beinahe schwarze Augen in einem braunen, ebenmäßigen Gesicht funkelten sie zornig an.

„Kein Zutritt für Besucher. Und auch nicht für Hunde! Verschwinden Sie mit dem Köter!“

Sara fiel das Kinn herab.

Wie bitte?

„Das ist nicht mein…“

„Gehen Sie schon! Und legen Sie das Tier an die Leine!“, fiel er ihr unhöflich ins Wort und wandte sich ab bevor sie etwas sagen konnte. Ohne sich noch einmal umzusehen verschwand er wieder in Richtung Halle.

Sara stand da mit offenem Mund. Frechheit! Was bildete der Kerl sich eigentlich ein?

Kopfschüttelnd sah sie hinter ihm her. Und wieder klingelte das kleine Glöckchen in ihrem Hinterkopf.

Hallo, den kennst du!

Blödsinn! Sie kannte keine aufgeblasenen, kanadischen Macho - Fischer.

Sara setzte den Hund wieder auf den Boden. Der kleine Kerl schüttelte kurz den Kopf, knurrte leise und machte "Waff" , dann blickte er zu Sara hoch.

„Nicht wahr?“, lachte sie jetzt. „Offenbar bist du meiner Meinung. Eingebildeter Zweibeiner. Hast du Lust auf ein Frühstück? Was meinst du?“

Ihr neuer Freund, der einen großen Teil Spitzblut in sich haben mochte, legte den Kopf schief und spitzte die kleinen Ohren. Er schien nicht abgeneigt und Sara wandte sich zurück in Richtung des Hotels.

„Na, dann komm’, Kleiner. Mal sehen was ich für dich tun kann.“

Er blieb erst einen Moment vorsichtig abwartend stehen, als sie sich aber umwandte und ihn lockte, kam er freudig angesprungen und lief ganz brav neben ihr her bis zum Hotel. Vor der Tür nahm Sara ihn wieder auf den Arm und betrat die Lobby. Mrs. Plummer kam soeben aus dem Restaurant, sah Sara mit dem Hund und zog fragend die Stirn kraus.

„Wo haben Sie den denn aufgesammelt?“

„Am Hafen“, lachte Sara wieder. „Er hat sich tapfer mit einer Schar Möwen geschlagen und ich dachte mir er hätte sich ein Frühstück verdient. Ist da was zu machen? Ich würde es natürlich bezahlen.“

Mrs. Plummer schüttelte den Kopf, lächelte aber dabei.

„Brauchen Sie nicht. Die Fischer nennen den kleinen Kerl Seal - Seehund - weil er sich ständig am Hafen rum treibt. Er hat wohl mal einem alten Fischer gehört, aber der ist vor einigen Jahren gestorben. Jetzt wohnt er am Hafen und lebt von dem, was die Fischer ihm abgeben. Ins Restaurant kann er natürlich nicht, aber bringen Sie ihn hinters Haus. Ich stelle ihm eine Schüssel an die Hintertür.“

Sara nickte dankend und wanderte mit ihrem Schatten ums Gebäude herum zur Hofseite.

Es dauerte nur einen Moment, dann kam die Wirtin aus der Küchentür mit einer gefüllten Schüssel für den hungrigen Vierbeiner. Der schlang begeistert alles hinunter, leckte sich noch mal über das Schnäuzchen, bellte einmal kurz und sauste dann davon.

„Das heißt wohl ‚Danke und good bye’, was?“, lachte Mrs. Plummer.

Sara stimmte ein.

„Sieht ganz so aus. Ich muss jetzt selbst ganz rasch frühstücken. Um Zehn werde ich abgeholt!“

„Machen Sie das. Ich mache Ihnen während dessen die Rechnung fertig.“

Sara ging wieder ums Haus herum, durch den Vordereingang und ins Restaurant wo ein Frühstücksbuffet mit kalten und warmen Speisen aufgebaut war.

Nach einem reichhaltigen Frühstück packte sie ihren Rucksack, zahlte ihre Rechnung und setzte sich dann mit ihrem Gepäck draußen auf der Veranda auf eine kleine leuchtend rot angestrichene Bank.

Etwas nervös sah sie auf ihre Armbanduhr, aber sie war nicht zu spät. Noch mindestens zehn Minuten Wartezeit.

Ein klappriger, blauer Pickup mit jeder Menge Roststellen fuhr langsam vorbei, der Fahrer sah einen Moment zu ihr hinüber, gab dann Gas und rauschte weiter Richtung Stadtgrenze.

Es war der Typ vom Hafen. Das Gedächtnisglöckchen im Kopf meldete sich wieder energisch und Sara hätte mit der Faust drauf gehauen, wenn das möglich gewesen wäre.

Blödes Ding!

Aus der anderen Fahrtrichtung näherte sich ein VW - Bus, grell mit Flower Power Blümchen bemalt. Er schwenkte zum Hotel ein, stoppte ruckartig und schaukelnd, dann erstarb der Motor mit einem Röcheln.

Eine junge Frau mit schwarzen Zöpfen sprang lachend aus dem altersschwachen Vehikel.

„Hallo! Sie müssen Sara sein. Ich bin Cynthia, ich soll Sie abholen.“

Die junge Frau war in Jeans und kariertem Hemd gekleidet, dazu trug sie Schuhe aus Segeltuch.

Sara sah einen Moment auf die Frau, dann machte das Glöckchen im Hinterkopf Bingo! und sie lachte.

„Sie sind Cynthia Roseleaf, nicht wahr? Die Reporterin aus dem Dokumentarfilm.“

Die zierliche Cynthia lachte wieder und nickte.

„Sie haben ein gutes Gedächtnis. Die Aufzeichnung des Films ist schon fast zwei Jahre her! Und ich arbeite nicht mehr für die Filmfirma.“ Sie deutete auf den Rucksack.

„Das ist Ihr Gepäck? Dann rein in den Wagen damit. Wir fahren noch etwa zwei Stunden bis zu unserem Hotel.“

Sara warf den Rucksack mit Schwung auf eine der Rückbänke und schwang sich auf den Beifahrersitz.

Während der Fahrt erzählte Sara, warum sie hergekommen war, was sie beruflich machte und Cynthia berichtete wiederum von ihrer Tätigkeit für Stamm und Hotel.

„Leider läuft das Touristengeschäft nur langsam an. Die meisten Leute wollen eben auf einen gewissen Luxus nicht verzichten. Außerdem haben wir immer wieder mit einer Menge unsinniger Vorschriften des Regierungsagenten zu kämpfen. Deshalb können wir jede Art von Unterstützung gebrauchen. Ich weiß, das gerade die Deutschen ein Herz für die roten Völker haben warum auch immer.“

Sara erklärte ihr den Zusammenhang, erzählte kurz von dem Schriftsteller Karl May und der Begeisterung ganzer Generationen von Kindern am Indianertum.

„Allerdings wissen die Wenigsten, wie es im wahren Leben bei den Indianern zu geht.“

Cynthia warf ihr einen schrägen Blick zu.

„Wissen Sie es denn?“

„Na, ja, ein wenig. Menschen aus anderen Völkern haben mich schon immer interessiert und ich informiere mich. Das war ein Grund weshalb ich mir den Dokufilm angesehen habe.

Und den Aufstand in Wounded Knee in den Siebzigern habe ich als Kind mit Begeisterung im Fernsehen verfolgt. Das war das erste mal, das ich freiwillig die Nachrichten im TV angesehen habe.“

Cynthia lachte jetzt herzlich und nickte dazu.

„Sie sind nicht auf den Mund gefallen, das gefällt mir! Ich habe manchmal auch ganz schön zu kämpfen gegen die Männerwelt. Einige sind nämlich gar nicht begeistert davon, das wir ausgerechnet die Europäer in unsere Aufbauaktion einbeziehen, die ja nach Meinung der Alten Schuld an der ganzen Misere sind.“

„Ich weiß. Da gibt es wohl sehr unterschiedliche Ansichten. Das habe ich auch gehört. Aber ich denke da darf man einfach nicht pingelig sein wenn man ohnehin keine große Auswahl hat, oder?“

Wieder lachte Cynthia.

„Ich glaube, Ihnen wird es bei uns gefallen, Sara. Sie werden sehen, das wir keinesfalls dem landläufigen Klischee entsprechen.“

„Das hoffe ich doch sehr! Ich will ja keine Hollywood - Kulisse besuchen.“

Beide lachten wieder, dann sah Sara eine Weile in Gedanken versunken aus dem Fenster.

Etwa eine Stunde lang fuhren sie die Küste entlang. Die Straße folgte in Schlangenlinien der Küste, ab und zu hatte man freien Blick in eine Bucht oder aufs offene Meer. Dann bog Cynthia ab in die Wälder hinein und es war als ob man in eine andere Welt eintauchte.

Dichter Nadelwald mit gelegentlichen Inseln von Laubbäumen schob sich an die schmale Straße heran wie grüne, dunkle Mauern. Das morgendliche Sonnenlicht flackerte durch die Baumwipfel wie das Lichtgewitter in einer Disco und Sara schloss für einen Moment die Augen und blinzelte, dann richtete sie den Blick geradeaus auf die holperige Straße.

Cynthia bremste ab als einige Meter entfernt eine Elchkuh aus dem Gebüsch am Straßenrand trat und die Straße mit langsamen Schritten überquerte. Dem Fahrzeug schenkte sie keine Beachtung.

Cynthia gab wieder Gas und sie rauschten weiter durch diese grüne Welt. Nur die Straße lag als helles Lichtband vor ihnen. Noch einmal bog die Fahrerin ab auf einen Schotterweg, der wie mit dem Messer geschnitten in die Wälder führte.

Nach einigen hundert Metern öffnete sich der Wald vor ihnen zu einer großen natürlichen Lichtung, die man aber wohl künstlich noch etwas erweitert hatte.

Sara erkannte das Hotelgebäude aus dem Filmbericht wieder und freute sich. Schon von außen sah es urgemütlich aus. So etwas wie rustikaler Charme lag über den großen und kleineren Gebäuden, die wohl auch alle zum Hotel gehörten.

Ein Paar in den Vierzigern trat soeben aus dem Hotelgebäude und wanderte zum Stall hinüber. Ein Junge kam ihnen aus dem Stall entgegen und brachte zwei Pferde für die Gäste; ihm folgte ein älterer Mann in Cowboykleidung, der ebenfalls ein gesatteltes Tier hinter sich her zog. Offensichtlich der Führer für die Gäste.

Sara sah sich mit leuchtenden Augen um. Wenn das Hotel innen genau so viel versprechend war wie es von außen wirkte würde sie hier einen angenehmen Urlaub verbringen.

Cynthia ging noch mit ihr in die Lobby zur Anmeldung.

Hinter dem Tresen stand eine junge Frau, ebenfalls mit schwarzen Zöpfen und fast identisch gekleidet wie Cynthia, so das Sara für eine Sekunde glaubte doppelt zu sehen.

Ein ebenso strahlendes Lächeln breitete sich über dem schmalen Gesicht aus.

„Hallo, Cyn! Wen bringst du denn da?“

„Einen weiteren zahlenden Gast“, antwortete die mit wichtigem Gesichtsausdruck. „Das ist Miss Sara Winter aus Deutschland.“

Sara nickte dazu und streckte ihrem Gegenüber die Hand hin.

„Ich freue mich. Habe ich mit Ihnen telefoniert?“

„Jawohl“, bestätigte die junge Frau lachend. „Herzlich willkommen bei uns. Ich bin Judy. Wie war die Anreise?“

„Abenteuerlich! Und streckenweise etwas holperig, aber sonst problemlos.“ Sie lachten alle Drei, Judy trug Sara ins Gästebuch ein, Cynthia verabschiedete sich und Judy zeigte Sara wo ihr Zimmer lag. Von der Eingangshalle führte eine breite Treppe in ein oberes Stockwerk, wo die Gästezimmer lagen. Zwei große Fenster zeigten zum Hof hinaus, ein großes Bett mit Patchworkdecke, eine große dunkle Kommode, ein zweitüriger Kleiderschrank, ein großer Sessel mit buntem Stoff bezogen, dazu neben dem Bett ein kleines Nachttischchen mit einer kleinen Stehlampe bildeten das Mobiliar des Raumes. Eine weitere Lampe hing an einer Eisenkette von der Zimmerdecke herab. Gleich neben der Tür war ein Lichtschalter angebracht. Rechts neben der Eingangstür führte eine weitere kleine Tür in ein kleines, aber ordentliches Badezimmer.

„Packen Sie in Ruhe aus, dann kommen Sie herunter und ich zeige Ihnen das restliche Haus.“ Sara nickte und dankte und Judy schloss beschwingt die Türe hinter sich.

Sara öffnete ein Fenster weit und lehnte sich hinaus. Würziger Tannenduft strömte ins Zimmer, gemischt mit einem Hauch von Räucheraroma. Es roch nach Räucherlachs und Sara lief das Wasser im Mund zusammen.

Motorengeräusch von dem Zufahrtsweg her lenkte ihren Blick in die Richtung. Ein dunkelblauer Pickup zog eine Schleife über das Gelände und blieb mit ächzenden Federn vor der Räucherei stehen.

Ein Mann in Jeanskleidung schwang sich aus dem Wagen, blieb einen Moment stehen und sah direkt zu ihrem Fenster hinauf. Sara zuckte zurück, ließ sich auf den Sessel fallen und stöhnte.

Der Fischheini vom Hafen.

Das konnte doch nicht war sein! Arbeitete der etwa auch für das Hotel? Na, toll! Als musste sie damit rechnen, das ihr Mr. Unfreundlich auch hier gelegentlich über den Weg lief. Aber noch mal würde sie sich nicht von ihm anpfeifen lassen, soviel war sicher! Dann schüttelte sie über sich selbst den Kopf und lachte. ‚Stell dich nicht so an, Sara! Irgendwo ist immer ein Haar in der Suppe! Und außerdem bist du hier ein zahlender Gast.’

Nein, sie würde sich ihre gute Urlaubslaune nicht verderben lassen.

Sara packte nur Schlafanzug und Kulturbeutel aus und ging dann erst einmal wieder nach unten um sich den Rest des Hotels anzusehen. Judy stand an der Rezeption und plauderte mit Mr. Unfreundlich. Ausgerechnet!

Sara wappnete sich mit Gleichmut, bemühte sich ein neutrales Gesicht aufzusetzen und steuerte auf Judy zu.

„Da bin ich wieder, bereit für eine Hotelführung.“

Der Mann, der mit dem Rücken zu ihr stand, versteifte sich beim Klang ihrer Stimme und drehte sich langsam um.

Für einen kurzen Moment wurden seine Augen groß.

„Sie? Hier?“

„Ja, denken Sie nur! Welch’ ein Zufall, was?“

‚Die Touristentussi mit dem Köter’ wollte sie noch anhängen, da aber Judy sie mit einem erstaunten Ausdruck ansah, schluckte sie es schnell hinunter.

„Ihr kennt euch schon?“, fragte Judy überrascht.

Der Fremde nickte nur, sagte aber nichts und Sara sah sich genötigt ein paar erklärende Worte abzugeben.

„Wir haben uns am Hafen gesehen. Allerdings war die Zeit zu kurz um sich vorzustellen. Der Herr musste wohl dringend weg.“

Dabei sah sie ihn herausfordernd an.

Da er immer noch nichts sagte, stellte Judy Beide einander vor.

„Miss Sara Winter aus Deutschland, Mr. Singing Wolf.“

Ein kurzer Blick auf ihr Gesicht. „In Ordnung“, sagte er dann in Judys Richtung. „Ich komme dann übermorgen noch mal rüber und sehe nach der restlichen Ladung.“

Er nickte nur kurz und verschwand.

Sara schüttelte den Kopf und grollte: „Was ist denn das für ein ungehobelter Klotz?“

„Oh, das dürfen Sie nicht übel nehmen“, winkte Judy ab. „So ist er nun mal.“ Dann lehnte sie sich nachdenklich auf den Tresen und stützte das Kinn in eine Hand. „Er war nicht immer so, wissen Sie. So verschlossen, meine ich. Das ist er erst, seit seine Frau tot ist.“

„Oh“, machte Sara betroffen. „Das tut mir leid. Das konnte ich nicht wissen.“

Judy zuckte mit den Schultern und winkte ab.

„Natürlich nicht. Machen Sie sich nichts draus. Er meint es nicht böse.“

„Wissen Sie denn, wie …..“

 „Sie meinen woran die Frau gestorben ist? Natürlich, das weiß hier jeder.“ Judys Stimme hatte plötzlich einen bitteren Beiklang.

„Sie wurde ein Opfer der weißen Willkür.“

„Das verstehe ich nicht ganz, Judy. Wäre es zu neugierig, wenn Sie mir die Geschichte erzählen würden?“

Judy betrachtete Sara einen Moment prüfend.

„Sie sind die Erste, die sich überhaupt dafür interessiert. Aber okay, sie müssen allerdings versprechen es für sich zu behalten. Er würde fuchsteufelswild werden wenn er merkt das ich was ausgeplaudert habe.“

„Natürlich.“

Drei Jahre zuvor hatte es in Prince Rupert eine Demonstration der indianischen Fischer gegeben. Der Staat hatte berittene Polizisten gegen die Demonstranten eingesetzt. Die schwangere Elizabeth war ahnungslos aus einem Geschäft auf die Straße getreten und von fliehenden Demonstranten und Polizeipferden regelrecht überrannt worden. Und weil sie Indianerin war, hatte sich niemand im Krankenhaus besondere Mühe gegeben.

„Er hat seine tote Frau aus dem Krankenhaus geholt, sie hierher gebracht für die Bestattungszeremonie und ist dann für drei Monate verschwunden. Furchtbar hat er ausgesehen, mit dem Tod in den Augen. Noch dazu hat ihre Familie ihm die Schuld gegeben an dem Unglück. Ihre Eltern waren gegen eine Heirat der beiden, aber Liz hat sich durchgesetzt.“ Judy seufzte leise. „Bis zu diesem schwarzen Unglückstag waren Beide unendlich glücklich. Er hat sie auf Händen getragen, sie haben sich auf das Kind gefreut. Und dann das. Er muss furchtbar gelitten haben und gekämpft um nicht den Verstand zu verlieren. Und er hat einen dornigen Schutzwall um sich errichtet. Aber wie gesagt, nehmen Sie das nicht übel, es ist nicht persönlich gemeint.“

Sara hatte zunehmend erschüttert zugehört.

„Wie furchtbar“, flüsterte sie jetzt, mehr zu sich selbst. „Woher wissen Sie das alles?“

Judys Lächeln verschwand.

„Sie war meine Schwester.“

Bevor Sara etwas erwidern konnte, lächelte sie schon wieder.

„Kommen Sie, jetzt zeige ich Ihnen den Rest des Hauses.“  

Das Gebäude war erstaunlich weitläufig. Es gab einen großzügigen Speiseraum mit langen Tischen und rustikalen Bänken und einen gemütlichen Salon an einer Stirnseite des lang gestreckten Haupthauses, der von einem Kamin mit riesigen Ausmaßen beherrscht wurde. An einer Längsseite zog sich eine Bar entlang, bequem aussehende Sofas und Sessel waren im Raum verteilt worden und dazu kleine Tischchen, auf denen Zeitungen und Bücher für die Gäste lagen. An den Wänden hingen die unterschiedlichsten Tierfelle, dazu verschiedene Geweihe von Elchen, Hirschen und auch Karibus, der kanadischen Art der Rentiere. Neben dem Kamin waren an einer Seite bis fast zur Zimmerdecke armdicke Holzscheite sauber gestapelt worden.

Davor stand ein Korb mit Spänen zum anzünden des Feuers.

Der Dielenboden war mit Teppichen von unterschiedlicher Größe bedeckt. Sara bemerkte erstaunt die Nägel in den Teppichkanten und Judy erklärte lachend: „Das ist die kanadische Variante von Teppichlegen. Wenn er abgetreten ist, reißt man den Alten raus und nagelt einen Neuen an. Außerdem kann er so nicht verrutschen und keiner stolpert über eine umgeklappte Teppichkante.“

Sara nickte lächelnd. „Irgendwie logisch. Verraten Sie mir jetzt noch, wo ich ein Mittagessen bekomme? Der Räuchergeruch hat mein Verdauungssystem angekurbelt.“

Judy lachte wieder.

„Kommen Sie mit, Sie sind heute der einzige Mittagsgast. Wenn Sie mögen, essen Sie mit mir in der Küche.“

Das tat Sara gerne und bei Räucherlachs und Salat unterhielten sie sich angeregt über die unterschiedlichsten Themen. Judy berichtete über das Tourenangebot für die Gäste.

„Sie können wählen zwischen eintägigen und mehrtägigen Touren, zu Fuß oder zu Pferd, Übernachtungen in anderen Siedlungen bei Gastfamilien, in unseren kleinen Blockhütten oder im Freien, je nach Wetterlage. Und auch ob Sie lieber allein oder in einer Gruppe gehen möchten. Wir werden alles organisieren. Haben Sie schon mal auf einem Pferd gesessen?“

„Ja, habe ich. Mein letzter Ritt ist zwar schon längere Zeit her, aber ich denke das ich das noch hinkriege. Und ich würde ehrlich gesagt am liebsten ganz alleine gehen, aber das geht natürlich nicht. Also Einzelführung wenn das möglich ist. Und bei den Übernachtungen bin ich für alles offen, aber ich würde mich auch freuen eine Gastfamilie kennen zu lernen.“

„Natürlich gerne. Nach dem Essen können wir mal auf den Plan sehen, wer wann eingeteilt ist von meinen Jungs. Übrigens…“, Judy stockte einen Moment, „Singing Wolf gehört auch zu den Führern, er übernimmt manchmal eine Gruppe wenn er Zeit und Lust dazu hat. Allerdings kommen nicht Alle mit ihm klar, Sie wissen schon, wegen seiner zugeknöpften Art. Hätten Sie damit ein Problem?“

Sara schüttelte den Kopf. „Nein, das stört mich eigentlich nicht. Ein klein wenig mehr Höflichkeit wäre nett. Aber ansonsten ist mir die Schweigsamkeit lieber als jemand, der pausenlos quasselt nur um sich reden zu hören. Ich will die Natur beobachten und Tiere sehen. Das kann man nur wenn man sich leise durch den Wald bewegt, oder?“

„Richtig“, bestätigte Judy. „Wissen Sie, was ich denke? Darf ich ehrlich sein?“

„Ich bitte darum.“

„Ich glaube, so ein erfrischender Gast wie Sie, Sara, tut dem Einsiedler mal ganz gut. Sie sind ein Mensch, den er mit seiner stacheligen Art nicht vergraulen kann.“

Judys Miene wurde nachdenklich.

„Er hat soviel Aufhebens um diesen Film gemacht, dabei flüchtet er eigentlich immer, wenn er befürchtet das ihm jemand zu nahe kommen könnte. Und er hat einen ziemlichen Hass auf so ziemlich alles, was weiß ist. Verständlich, aber wenn er etwas für seine Leute tun will muss er sich das verkneifen.“

Sara hatte mit zunehmendem Staunen zugehört. Und das Gedächtnisglöckchen im Kopf läutete laut und heftig wie die Glocken im Kölner Dom. Sie schlug sich mit der Hand vor die Stirn.

„Natürlich! Film! Mein Unterbewusstsein sagt mir die ganze Zeit: Den kennst du! Film war das Stichwort, Judy. Er sieht nur anders aus, hat die Haare kürzer, nicht wahr? Das hat mich irritiert. Er war der Sprecher der Protestgruppe! Was ist da passiert?“

Judy zuckte mit den Schultern.

„Was schon? Die Polizei hat die Führer der Gruppe zusammen geschlagen und verhaftet. Eine Woche im Knast ohne irgendwelche Erklärungen. Dann mussten sie die Männer gehen lassen, aber alle stehen bei der Polizei auf der roten Liste. Die warten nur darauf das wir ihnen einen Grund liefern wieder handgreiflich zu werden.“

Sara schüttelte den Kopf und seufzte unwillkürlich.

„Dabei könnte die Welt so schön sein………….Wenn Alle nur etwas verträglicher wären!“

„Da bin ich ganz Ihrer Meinung! Und jetzt sehen wir uns den Plan an. Kommen Sie!“

Es dauerte einen halben Tag, bis Sara ihr Gefühl für Sattel und Pferd wieder gefunden hatte.

Die durchweg indianischen Führer machten ihren Job sehr gut. Während der Ausritte in den nächsten Tagen zeigten sie Sara viele Tiere in den Wäldern, auch die Touren zum Meer hin waren ausgesucht schön. Sara war begeistert.

Die erste Urlaubswoche verging bei schönem Wetter wie im Flug. Sie schickte eine Ansichtskarte vom Hotel an Andy nach Deutschland.

Der Montag ihrer zweiten Woche begann mit Nieselregen. Sara blieb im Hotel, nahm sich eins der vorhandenen Magazine und setzte sich im Salon an das gemütlich flackernde Kaminfeuer.

Am Mittag betrat Judy den Raum.

„Sara, Sie müssen entschuldigen, aber ich fürchte, das Mittagessen fällt heute aus. Unsere Köchin und die Küchenhilfe sind beide krank und alleine schaffe ich das alles einfach nicht.“

Sie hob entschuldigend die Hände. Sara sprang von Ihrem Sessel auf.

„Ich helfe Ihnen gern, Judy! Und ich akzeptiere kein Nein. Zusammen kriegen wir das bestimmt hin. Die Gäste müssen nicht hungern, glauben Sie mir. Fangen wir an!“

Judy lachte erleichtert.

„Sara, Sie hat wirklich der Himmel geschickt! Ich nehmen dankend an. Also auf in die Küche!“

Sara flocht sich die Haare zu einem dicken Zopf, den sie mit einem Gummiband sicherte. In der Küche nahm sie eine der Schürzen von dem Wandhaken und stürzte sich mit Judy begeistert in die Arbeit. Es dauerte nicht lange, dann waren Bratkartoffeln fertig für die Pfanne, ein Stapel von Steaks gewürzt und der Salat geschnitten. Sara hatte als Überraschung für die Gäste noch einen deutschen Nachtisch gezaubert, eine sahnige Moccacreme, mit Schokoladenraspeln verziert.

Judy war schlicht begeistert.

„Sara, Sie sind engagiert! Ich laufe schnell hinaus und hole ein paar Kräuter für das Salatdressing.“

Sara nickte dazu und breitete einen Schwung Dessertschalen auf der Arbeitsfläche aus, um den Nachtisch darin anzurichten.

Genüsslich fuhr sie anschließend mit dem Finger durch die Schüssel um die Reste auszulecken.

Hinter ihr quietschte die Küchentür und eine laute Stimme polterte los.

„Was machen Sie hier? Touristen haben hier keinen Zutritt!“

Sara zuckte zusammen und ließ erschrocken die Schüssel fallen, Gott sei Dank eine Plastikschüssel.

Mr. Unfreundlich stand mit nassen Haaren und grimmigem Gesicht in der Küche. Sara platzte der Kragen.

„Herrgott noch mal! Schleichen Sie sich gefälligst nicht so an! Und hören Sie auf mich dauernd zu kritisieren, sonst werde ich auch mal unfreundlich, und das würde Ihnen leid tun!

Wonach sieht es denn aus, was ich hier mache? Es wird schon einen Grund haben. Fragen Sie Judy, die ist kurz raus in den Garten! Und jetzt verschwinden Sie aus der Küche, soviel ich weiß ist das hier nicht Ihr Aufgabenbereich! Und kommen Sie nicht wieder mit dreckigen Schuhen herein, das ist eine saubere Küche!“

Der singende Wolf stand da, sprachlos, mit offenem Mund. Hinter ihm trat Judy wieder in die Küche und lachte herzlich. Sie hatte Saras laute zornige Worte bis nach draußen gehört. „Da hast du dein Fett weg, Schwager! Sara war so nett mir zu helfen, also schimpfe nicht mit ihr.“

Der Schwager wollte sich auf dem Absatz umdrehen und wieder wortlos verschwinden aber Sara wollte ihn dieses mal nicht so einfach davon kommen lassen.

„Wenn Sie schon einmal herein geplatzt sind können Sie auch gleich helfen! Ziehen Sie die nassen Schuhe an der Türe aus. Dann helfen Sie mir die Tische zu decken im Essraum, während Judy noch das Salat Dressing zusammen rührt und dann die Bratkartoffeln auf die Platte wirft. Na, los!“

„Eine gute Idee, Sara“, nickte Judy. Da der Wolf noch immer mit ungläubigem Gesicht da stand, tippte ihn Judy mit dem Zeigefinger auf die Brust.

„Na, mach’ schon. Meine Küchenfrauen sind krank! Was meinst du denn warum Sara mir hilft? Übrigens habe ich sie nicht darum gebeten, sie hat es freiwillig angeboten. Also vergraule sie mir nicht, hörst du. Also los!“

Mit immer noch offenem Mund sah Singing Wolf zwischen den Frauen hin und her. Dann richtete er seine hypnotisierenden schwarzen Augen auf Sara mit einem gleichzeitig eiskalten und doch brennenden Blick und Sara hatte das Gefühl, er würde Löcher in ihre Haut brennen.

Sie schluckte und schaffte es, dem Blick stand zu halten.

Sara gewann das Duell.

Er nickte schließlich, zog die Schuhe aus und lief auf Socken durch die Küche zu dem riesigen Regal in dem Unmengen an Geschirr gestapelt war.

„Wie viel?“

„Acht“, antwortete Judy. „Wir drei essen hier in der Küche. Das heißt wenn Sie einverstanden sind, Sara.“

„Natürlich“, nickte die. Judy zeigte ihr wo der Servierwagen stand, der grimmig dreinblickende Wolf stapelte die Teller auf den Wagen, Sara stellte die Schälchen mit dem Nachtisch dazu und noch einen Besteckkorb, dann schob er das Ganze mit Protestgeschepper durch die Pendeltür in den Speiseraum. Sara verdrehte die Augen und Judy kicherte.

„Bravo, Sara! Eins zu Null für Sie!“

„Na, ich weiß nicht. Ich werde wohl mal schnell hinter her laufen bevor er vor Wut noch was an die Wand wirft.“

Sara schnappte sich noch eine gute Handvoll Servietten von dem immer bereit liegenden Stapel und lief ins Speisezimmer. Er hatte schon die Teller geräuschvoll auf den Tisch geknallt und lässig um die Runde verteilt.

„Zu jedem Teller bitte einen Nachtisch. Ich verteile das Besteck.“

Sara bemühte sich um einen zwanglosen Ton aber dieser sonderbare Kerl ging nicht darauf ein.

„Danke für die Hilfe“, sagte sie schließlich zum Abschluss.

„War mir ein Vergnügen“, knurrte er und der brummige Ton strafte seine Worte Lügen. Ohne sie weiter zu beachten, polterte er wieder in die Küche zurück. Die Schwingtür knallte krachend an die Wand. Sara schüttelte seufzend den Kopf. Sie wusste ja nun, warum er so reagierte, da sie aber Judy versprochen hatte nichts zu verraten durfte sie auch kein Mitleid zeigen. Sie straffte die Schultern und folgte ihm in die Küche. Judy hatte schon für sie alle die Teller gefüllt und saß mit dem Brummbär am Tisch. Sara unterhielt sich während des Essens leise mit Judy, während er das gute Essen wortlos hinunter schlang und dann aufsprang als hätte jemand seinen Stuhl in Brand gesetzt.

„Danke fürs Essen, Judy. Ich muss los.“

Sprachs, sprang in seine Schuhe und flüchtete geradezu aus der Küche. Die beiden Frauen sahen kopfschüttelnd hinterher.

Draußen saß Singing Wolf in seinem Pickup und trommelte unruhig mit den Fingern auf dem Lenkrad.

Diese Frau. Diese Sara.

Sie hatte das Gesicht der Frau aus seiner Vision. Bei ihrem ersten Zusammentreffen am Hafen war er innerlich erschrocken zurück gewichen.

Das es die Frau aus seinem Traum wirklich geben sollte verunsicherte ihn zutiefst. Wieder fragte er sich, was die Geister da wohl geplant hatten. War das ein übler Scherz um ihn noch mehr zu plagen? Liz, Liebste, gib mir ein Zeichen! Hilf mir!

Er grübelte noch einen Moment, startete dann den Wagen und preschte mit durchdrehenden Reifen davon.

Vom Küchenfenster aus hatten die beiden Frauen seinen Abgang beobachtet. Jetzt sah Judy einen Augenblick nachdenklich auf Sara.

„Sara, was haben Sie bloß an sich? Der Gute schien mir sehr irritiert bei Ihrem Anblick. Sara, Sie beunruhigen ihn, bringen ihn aus seinem alltäglichen Gleichgewicht, aus welchem Grund auch immer. Das scheint ihn aufzuregen und deshalb ist er Ihnen gegenüber so besonders abweisend. Ist da etwas, was ich nicht weiß?“

Sara schüttelte den Kopf.

„Wir haben uns am Hafen das erste Mal getroffen. Ich habe ihn natürlich in dem Filmbericht gesehen und mich hat diese unheimliche Ausstrahlung irritiert, die er an sich hat. Aber das zählt ja nicht als richtige Begegnung. Nein, ich kann mir auch nicht erklären warum er gerade bei mir so zickig ist. Vielleicht hab’ ich ja ein unsichtbares Tritt mich - Schild auf der Stirn kleben.“

Judy atmete einmal tief durch, dann lachte sie wieder leicht.

„Wenigstens haben Sie Humor. Ich denke, wir werden irgendwann erfahren was dem Wolf quer hängt. Es sei denn er will seinen inneren Streit allein ausfechten, wie er es eigentlich immer macht. Ich habe ihm schon so oft gesagt dass das nicht gesund ist was er macht. Es macht ihn innerlich kaputt. Aber er hört nicht auf mich.“

Ein blitzender Blick traf Sara von der Seite.

„Jedenfalls sind Sie die Erste, die ihm die Stirn bietet und sich nicht abschrecken lässt. Sie haben wohl einen dicken Nerv, Sara.“

Sara fühlte sich unwohl bei soviel Lob.

„Ach was. Hunde die Bellen beißen nicht, sagt man doch wohl. Ich denke er knurrt nur weil er Angst hat, jemand könnte ihm zu Nahe kommen. Das kann ich gut verstehen, ich mache es nämlich genauso.“

Wieder ein schräger Blick. „Sind Sie auch mal auf die Nase gefallen? Entschuldigung, ich wollte nicht neugierig sein.“

„Hmh, schon gut, ist ja kein Geheimnis. Jawohl, ich bin mal auf die Nase gefallen und seit dem mache ich nach Möglichkeit einen emotionalen Bogen um den männlichen Teil der Bevölkerung. Und fahre sofort meine Stacheln aus wenn ich befürchte das mir jemand zu nahe kommt. In gewisser Weise kann ich ihn verstehen.“

Beide wandten sich wieder der Küche zu und Sara klatschte in die Hände.

„So, ich glaube wir können uns jetzt den hungrigen Gästen widmen, oder?“ Rasch trugen sie gemeinsam das Essen auf und ernteten ein großes Lob von den Gästen. Sie gönnten sich eine Kaffeepause, bevor es an den Abwasch und das Aufräumen ging.

Ein kurzer Blick nach draußen zeigte Sara, dass das Wetter wohl heute nicht mehr mitspielen würde und sie zog sich wieder in den Salon vor den Kamin zurück. Während der nächsten Stunden blätterte sie in verschiedenen Magazinen, aber der zweibeinige Wolf störte immer wieder ihre Ruhe und lief durch ihre Gedanken.

Seufzend warf Sara die Hefte zurück auf den Tisch, erhob sich aus dem gemütlichen Korbsessel und sah auf ihre Uhr. Beinahe Zeit fürs Abendessen. Sie suchte und fand Judy wieder in der Küche, bot noch einmal ihre Hilfe an und Judy stimmte wieder begeistert zu.

Nach der abendlichen Arbeit öffnete Judy feierlich eine Flasche Wein. Mit den gefüllten Gläsern stießen sie an.

„Danke, Sara. Du hast mir den Tag gerettet. Ab sofort betrachte ich dich als Freundin. Ich mag dich, weißt du. Obwohl ich dich doch erst ein paar Tage kenne. Du hast so eine gewinnende Art!“

Jetzt musste Sara lachen.

„Ich kann dir versichern, dass es eine Menge Leute gibt, die anderer Ansicht sind. Nach deren Meinung mische ich mich zu viel in Sachen ein die mich nichts angehen und bin ein sehr unbequemes Weibsbild.“

Sie grinste ein wenig schief.

„Aber ich mag dich auch, Judy! Also auf die neue Freundschaft! Ich komme morgen früh rechtzeitig herunter und sehe ob ich helfen kann. Und jetzt gönne ich mir ein heißes Bad und werde anschließend schlafen gehen. Gute Nacht!“

Reglos saß die einsame Gestalt vor dem flackernden Kaminfeuer, wie aus Stein gehauen. Hinter ihm malten die zuckenden Flammen verzerrte Schatten des Mannes an die Blockhauswand die sich im unsteten Licht wie lebendig hin und her bewegten.

Außer dem Feuer brannte keine weitere Lichtquelle im Haus und Singing Wolf starrte unbewegt in die rötlichen Flammen, als läge dort die Antwort auf seine Fragen.

Die innere Unruhe, die ihn seit Tagen quälte ließ ihn schließlich aufspringen. Es hielt ihn nicht im Haus, im Vorbeilaufen nahm er ohne hin zu sehen seine Wetterjacke vom Haken und lief aus dem Haus. Nach wenigen ausgreifenden Schritten hatte ihn der dunkle Wald verschluckt.

Den Nieselregen spürte er nicht und seine Gedanken sprangen wirr hin und her.

Warum war sie her gekommen?

Wenn man den Geistern der Ahnen glauben sollte, musste es für Alles einen Sinn geben. Nichts geschah zufällig, ohne Grund. Er musste Gewissheit haben! Er würde sie direkt fragen. Das war der einfachste Weg die quälenden Gedanken zu vertreiben. Plötzlich entschlossen drehte er um und ging - nun deutlich langsamer - zurück zu seinem Haus.

Instinkt trifft Intuition

 

Instinkt trifft Intuition

 

 

Am Mittwoch in dieser Woche wanderte Sara mit einem älteren Herrn namens Dancing Storm durch den Wald. Sie versuchte dabei immer in seine Spuren zu treten obwohl er kaum welche hinterließ. Sie schaffte es einfach nicht sich so geräuschlos wie ein Indianer durch den Wald zu bewegen. Das war wohl eine angeborene Fähigkeit. Immer wieder deutete er wortlos in die dichten Wälder und Sara brauchte jedes Mal ein paar Minuten um die gut getarnten Tiere zu entdecken, die Dancing Storm ihr zeigte. Manchmal, wenn der Wind günstig stand, konnte sie die Tiere riechen. Zum Beispiel die Schwarzbärfamilie - bestehend aus Mutter und zwei kleinen tapsigen Bärchen - die auf einer Waldlichtung herum tobten. Sara lächelte bei dem Anblick und hob langsam die Kamera vors Auge. Ein prächtiger Schnappschuss. Wortlos deutete sie ihrem Führer ihre Begeisterung an und der nickte erfreut.

Sie warteten geduldig bis die Bärenfamilie weiter gezogen war und nutzten dann die sonnendurchflutete Lichtung für eine Mittagsrast.

„Mit Ihnen zu gehen macht mir Freude, Miss Winter“, lobte der schon leicht ergraute Indianer. „Sie reden nicht so viel wie die meisten anderen Touristen. Und Sie sehen mit Augen, Ohren und Nase, das merkt man.“

Sara runzelte die Stirn und war nicht sicher ob sie das richtig verstanden hatte.

Mit der Nase sehen?

„Ich verstehe nicht ganz……“

Ihr Führer lachte tief und etwas blechern.

„Sie spüren der Natur nach mit allen Sinnen, Miss. Für einen Europäer eher selten. Die meisten Touristen reden zu viel und beschweren sich das sie keine Tiere antreffen. Niemand denkt darüber nach, das er in den Wäldern ein Störenfried ist und von vielen Augen aufmerksam beobachtet wird.“

Obwohl seine Worte doch als Kompliment gedacht waren, fühlte sich Sara plötzlich unbehaglich. Ein kalter Hauch mischte sich in die Frühlingswärme und sie sah sich unwillkürlich verstohlen um, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken.

Ihr Führer lachte leise, dann rief er mit leiser Stimme ohne aufzublicken: „Du kannst ruhig raus kommen, ich weiß längst dass du da bist.“

Sara schnappte erschrocken nach Luft. Ein paar Sekunden später raschelte es tatsächlich in dem Dickicht rechts neben ihnen und wer trat auf den Platz? Mr. Unfreundlich! Sara biss sich rasch auf die Zunge um ihn nicht anzufahren. Er kam langsam heran.

„Wirklich, Joe, du bist von Allen immer noch der Beste.

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