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Seemövchen und andere Erzählungen

Margarete Lenk

Seemövchen und andere Erzählungen





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Zum Buch

Dieses E-Book enthält den Kurzroman Seemövchen sowie die Erzählungen Jugenderinnerungen einer alten Puppe, Goldchen und Christbäume.

Margarete Lenk wurde 1841 in Leipzig geboren, war Lehrerin und wanderte nach ihrer Heirat gemeinsam mit ihrem Mann nach Amerika aus. Als sie 40 Jahre alt war, kehrten sie nach Deutschland zurück, und Margarete Lenk wurde eine erfolgreiche Schriftstellerin von Kinder- und Jugendliteratur.

Sie starb 1917 in Dresden.

Seemövchen – 1. Kapitel: Klein-Evchen

Nicht weit von den Hütten eines Fischerdorfes am friesischen Strande erhoben sich auf einer kleinen, mit Gras bewachsenen Anhöhe das schlichte, altersgraue Kirchlein und das bescheidene Pfarrhaus. Landeinwärts erblickte man viele kleine Kartoffel- und Roggenfelder, auf saftig grünen Wiesen weideten die Kühe der Dorfbewohner, aber eines Gartens erfreuten sich nur die Schule und das Pfarrhaus.

Das Gärtchen des alten Lehrers war schon lieblich genug, noch mehr bewunderten die sonntäglichen Kirchgänger das Pfarrgärtlein, wo Vergissmeinnicht und Rosen, Georginen und Astern in bunter Pracht blühten, je nach der Jahreszeit.

Der Pastor, der erst seit vier Jahren hier wohnte, war ein großer Blumenfreund und hatte mit viel Fleiß und Mühe das ganz verwilderte Stückchen Land in ein kleines Paradies verwandelt. Mit Muscheln und bunten Steinen, die seine Kinder am Strande suchten, wurden die Beete zierlich eingefasst, eine hübsche Laube mit herrlicher Aussicht auf das weite Meer fehlte auch nicht.

Fast von jeder Fahrt ins Land brachte er etwas mit, seinen Garten zu verschönern; sogar ein winziges Tannenbäumchen hatte er eingepflanzt, es war festgewurzelt und zeigte jetzt im Mai zarte, frischgrüne Triebe.

Vor diesem Bäumchen stand eines Tages ein niedliches Mädchen von etwa sechs Jahren. Es war schlank und überaus zierlich gewachsen, hatte große tiefblaue Augen, rosige Wangen und eine Fülle lichtblonden Haares, das in weichen, leichten Wellen auf die Schultern herabfiel, über der Stirn aber kurz geschnitten war.

Träumerisch betrachtete die Kleine das Bäumchen, bis ihr plötzlich ein guter Gedanke zu kommen schien.

Flink wie ein Vöglein flog sie in einen Winkel des Gartens, wo auf drei Kinderbeeten allerlei Blümlein ein dürftiges Dasein fristeten, pflückte eine Handvoll Tausendschönchen und Stiefmütterchen und steckte sie vorsichtig in die zarten, grünen Zweige des Bäumchens, dass es bunt und lustig anzusehen war.

Dann holte sie eine ziemlich abgelebte Puppe aus der Laube, sprach leise und eindringlich zu ihr und sang, ganz in den Anblick des Christbäumchens vertieft, mit feiner, heller Stimme:

„O lieber, heil’ger, frommer Christ,

Weil heute dein Geburtstag ist,

So ist auf Erden weit und breit

Bei allen Kindern frohe Zeit!

Gefällt’s dir, Lina? ist’s hübsch?“, fragte sie die Puppe. „Morgen darfst du die schönen Zuckerblümchen abnehmen und essen.“

„Na warte nur, Evchen, was hast du gemacht!“, rief jetzt eine laute Kinderstimme hinter ihr, und eine derbe, kleine Hand fasste sie beim Arm. „Vater hat gesagt, wir sollen sein Bäumchen nicht angreifen.“

Es war Teta, Evchens Schwester; sie war nur ein Jahr älter und trug ein ganz gleiches blaues Leinwandkleidchen, sah aber doch ganz anders aus als die kleine Lichtgestalt vor dem Bäumchen. Ein stämmiges, kleines Mädel mit kräftigen Gliedern, runden roten Backen, einem kecken Stumpfnäschen und zwei stattlichen, braunen Zöpfen.

„Ich habe es nicht angegriffen“, entschuldigte sich Eva, „nur ganz leise hab ich die Blümchen hineingesteckt. Wir haben Weihnachten gespielt.“

„Jetzt im Sommer, da spielt man nicht Weihnachten“, erwiderte Teta altklug; „nimm nur die Blumen heraus, dass es der Vater nicht sieht.“

„O nein, er soll’s ja sehen; er wird sich freuen, dass es ein Christbäumchen geworden ist.“

Da öffnete sich die Gartentür und ein hübscher, etwa zehnjähriger Knabe kam gesprungen.

„Möwchen, es schwimmt!“, rief er freudestrahlend, und sogleich flog die geliebte Puppe ins Gras.

Eva fasste des Bruders Hand und eilte zum Garten hinaus, den grünen Hügel hinab über den breiten, sandigen Strand nach der kleinen Bucht, wo die Fischerkähne zu landen pflegten.

Teta aber hob die Puppe auf, glättete ihr Kleidchen und trug sie ins Haus.

Sie fand die Mutter fleißig in der Küche hantierend, während sie sonst am Nachmittag fast immer am Nähtisch beschäftigt war. Die muntere, kleine Frau war kernig und rotwangig wie ihr ältestes Töchterchen, das ihr sehr ähnlich sah; nur trug der Mutter Gesicht einen gewinnenden Ausdruck der Güte und Freundlichkeit, den man in den Zügen des Kindes zuweilen vermisste.

„Schön, dass du kommst, Teta“, rief sie, „du kannst mir helfen. Hier, lies die Rosinen aus. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen, aber nicht umgekehrt, hörst du?“

„Aber Mutter“, erwiderte Teta gekränkt, „ich nasche doch nicht! Was willst du denn mit den Rosinen machen?“

„Einen schönen Napfkuchen backen. Morgen kommt Besuch, die neuen Pastorsleute aus der Stadt mit ihren zwei ältesten Kindern, Gerd und Luise.“

„O Mutter“, rief Teta entzückt, „ziehen wir da die neuen Kleider an?“

„Freilich, und die weißen Schürzen dazu. Mach, dass du fertig wirst, Kind, ich brauche die Rosinen. Wo ist Evchen?“

„An den Strand gelaufen mit Hajo; sie lassen das Schiff schwimmen. Ihre Puppe hat sie ins Gras geworfen, ich habe sie aber mit hereingebracht. Sie muss rein angezogen werden zu morgen, sie ist ganz schmutzig. Ich bin doch nie so unordentlich!“

„Du musst dich nicht immer selbst loben, Teta. Das ist viel hässlicher, als wenn Evchen ihre Puppe hinwirft.“

Die Mutter bemerkte in ihrer Geschäftigkeit nicht, wie rot das kleine Mädchen ward und wie es den Mund zu einem garstigen Schmollen verzog. Aber es dauerte diesmal nicht lange, denn die Aussicht auf Besuch war für Teta das Herrlichste, für Evchen das Schrecklichste, das es geben konnte.

Das sonst so liebreiche, gegen Eltern und Geschwister so zärtliche Kind hatte eine merkwürdige Scheu vor Fremden und Neigung zu stillem, einsamen Träumen, die den Eltern zuweilen Sorge machte.

Mit dem Bruder hielt sie indessen gute Kameradschaft, und als das Abendglöcklein läutete, kamen beide Kinder den Hügel herauf. Hajo trug ein kleines Schiff, das er mit großer Mühe und Ausdauer gebaut, mit Masten und Segeln versehen und heute zum ersten Mal dem ruhigen Wasser der Bucht anvertraut hatte.

Eva hatte den Bindfadenknäuel halten und aufrollen dürfen, an dem es befestigt war.

O wie herrlich war es geschwommen! Wie hatten die kleinen, schneeweißen Segel in der Abendsonne geglänzt, und keins der hölzernen Männchen, die sich an Bord befanden, war verunglückt.

Selbst der Vater, der eben mit einem Fischerkahn von der nahen Insel, die zu seinem Kirchspiel gehörte, zurückgekommen war, hatte sich darüber gefreut. Jetzt begleitete er die Kinder in freundlichem Gespräch, bewunderte dann Evchen zulieb das Christbäumchen, und bald sammelte sich die Familie im Wohnzimmer.

Der Vater war ein ernster Mann, überaus eifrig in seinem schweren Beruf, aber voll Liebe und Milde gegen Groß und Klein.

Beim Abendbrot bildete der angemeldete Besuch den Hauptgegenstand des Gesprächs. Der Vater freute sich, in dem fremden Pastor einen früheren Studienkollegen zu begrüßen; die Mutter hoffte in der Frau desselben eine Freundin zu finden; Hajo und Teta konnten die seltene Lust, einmal fremde Spielgefährten zu haben, kaum erwarten. Nur Eva war ganz still, zupfte endlich den Vater am Ärmel und fragte leise:

„Warum bekommt man Besuch? Man braucht doch gar keinen; es ist so hübsch allein.“

„Du kleiner Einsiedler!“, erwiderte der Vater lächelnd. „Man bekommt Besuch, weil man die Leute lieb hat und ihnen gern was Gutes erweist.“

„Könnten wir ihnen nicht den schönen Kuchen hinschicken? Dann hätten sie was Gutes und brauchten nicht erst herzukommen.“

Alle lachten, und Evchens Blondkopf verschwand unterm Tisch.

Aber der Vater hob ihn wieder empor und sagte ernsthaft:

„Du bist ein kleines, dummes Mädchen und verstehst mich wohl noch gar nicht. Später wird das schon besser werden. Aber du wirst morgen fein artig sein und es nicht wieder machen wie neulich, als Kapitän Horn mit seiner Frau hier war. Hörst du?“

„Ja, Vater“, sagte Evchen zögernd.

Teta aber rief mit wichtiger Miene:

„Ja, da hatte sie sich versteckt, und ich fand sie -“

„Schweig, Naseweis; wer hat dich gefragt!“, rief der Vater und warf dem Mädchen einen so strengen Blick zu, dass es schnell verstummte.

Am andern Nachmittag war alles aufs Sauberste vorbereitet zum Empfang der Gäste. Auf dem weißgedeckten Tische prangte das feine, altmodische Kaffeegeschirr, das noch von den Großeltern stammte. Es entzückte die Kinder jedes Mal, denn auf den Tassen und Kannen waren die verschiedensten Bildchen in feiner Malerei zu sehen. Da gab es Paradiesvögel und wunderbare Blumen, zierliche Kinderchen mit Perücken und Reifröckchen, Englein mit Pfeil und Bogen und dergleichen seltsame Dinge. Auf dem großen, glänzend lackierten Präsentierbrett aber musterte der alte Fritz hoch zu Ross eine lange Front seiner tapferen Soldaten.

Hajo und Gerd sollten mit den Eltern Kaffee trinken, für die drei kleinen Mädchen hatte Teta den Kindertisch hübsch geordnet. Nun stand sie erwartungsvoll und betrachtete wohlgefällig ihr Werk. Sie trug ein nagelneues helles Kattunkleidchen und eine große, weiße Kittelschürze mit gestickten Kanten; rosenrote Schleifchen zierten ihre Zöpfe.

Zufällig stand sie dem großen Spiegel gegenüber und gefiel sich ausnehmend in dem seltenen Putze, versuchte auch ein paar Mal, ob ihr das Knickchen, das sie vor den Fremden machen wollte, wohl anstehe.

Eva war ebenso gekleidet, nur schlang sich ein himmelblaues Band um ihre blonde Mähne, wie der Vater ihr Haar nannte. Sie kniete auf einem Stuhl am Fenster und drückte das heiße Gesichtchen an die Scheiben.

Sieh, jetzt kamen die Fremden den Hügel herauf mit Vater und Mutter, die ihnen bis zur Postkutsche entgegengegangen waren. Nun öffnete sich die Tür und gleich war das Zimmer voll Menschen.

Evchen glitt vom Stuhl herab und verbarg sich ein wenig hinter dem Schrank. Ach, der Fremde war ein sehr stattlicher Herr; auch die Frau war viel größer als die Mutter und ganz anders angezogen. Sie trug ein seidenes Kleid mit vielen Falbeln, wie es Evchen noch nie gesehen hatte.

‚Sie sieht aus wie ein Turm; sie hat so ernsthafte Augen und eine große Nase‘, dachte das Kind, ‚ich fürchte mich vor ihr.‘

„Kommt her, Kinder“, rief jetzt die Mutter, „begrüßt unsere lieben Gäste! Dies ist Hajo, dies ist Teta und –“

Ja, wo war Evchen? Hatte sie nicht eben dort am Schrank gestanden?

Zum Glück bemerkte der fremde Pastor jetzt die schöne Aussicht aus den Fenstern; alle wandten sich ihr zu, bis die Magd mit der großen, dampfenden Kaffeekanne hereinkam und man sich an den Tisch setzte.

Nach der Mahlzeit gingen die Herren in die Studierstube, Luise und Teta vertieften sich ins Puppenspiel, aber die Knaben liefen an den Strand. Gerd war ganz entzückt, denn er hatte das Meer noch nie so nahe gesehen.

„O, du kannst froh sein, dass du hier wohnst“, rief er immer wieder. „Sieh doch das Segelschiff dort am Horizont; wo mag es wohl hinfahren? Und dort die vielen weißen Vögel; sind das Tauben?“

„O nein“, erklärte Hajo lachend, „das sind Seemöven; sie folgen den Schiffen oft weit, weit aufs Meer hinaus.“

„Dann möcht’ ich eine Möve sein! O, ich möchte recht weit reisen, am liebsten um die ganze Welt.“

„Nein“, entgegnete Hajo, „das möcht’ ich nicht. Jetzt ist das Meer ruhig und friedlich; wenn du es im Sturme sähest, so schwarz und wild, mit den weißen Schaumkronen, würde dir’s wohl weniger gefallen.“

„O doch; vielleicht noch besser! Darf man die hübschen Muscheln hier auflesen?“

„Freilich, so viel du willst; dann aber lass uns zur Bucht gehen; damit du mein Schiff schwimmen siehst. Und von der Schule in der Stadt musst du mir erzählen; übers Jahr komme ich auch hin.“

„Was ist denn das?“, fragte Gerd verwundert, ein blaues Band aufhebend, das im Sande lag.

„Aha“, lachte Hajo, „das ist ja Evchens neues Haarband; ich glaube, es ist schon das zwölfte, das sie am Strande verloren hat. Sie muss sich hier herum versteckt haben. So macht sie’s immer, wenn Besuch da ist; sie ist so scheu.“

In diesem Augenblick huschte Evchen hinter einem Sandhaufen hervor und flog wie der Wind bei den Knaben vorüber.

„Wie kann sie laufen!“, rief Gerd. „Wollen wir sie haschen?“

„Nein, sie möchte weinen, und das mag ich nicht gern. Später wirst du sie sehen, sie kommt dann ganz von selbst herein und ist so lieb und nett. Sie ist ein komisches, kleines Ding, ganz anders als Teta. Stundenlang läuft sie allein am Strande umher oder sitzt und schaut hinaus auf die Wellen. Der Vater nennt sie Seemövchen, denn wenn ihr helles Haar und ihr weißes Schürzchen im Winde flattern, sieht sie aus wie ein Vöglein.“

Etwa eine Stunde später machte der Vater mit seinem Gaste einen Spaziergang an den Strand. Da die Sonne sehr blendete, wollten sie sich in den Schatten eines Sandhügels ein wenig niedersetzen.

Sieh, da lag Eva schon behaglich ausgestreckt auf dem schattigen Plätzchen, ganz vertieft in das Spiel mit Muscheln und kleinen Steinen.

Beim Anblick der beiden Männer fuhr sie blitzschnell empor und wollte entfliehen, aber der Vater hielt sie fest und sagte ernst:

„Ei, ei, mein Mövchen, was tust du hier? Hast du ganz vergessen, was du mir gestern Abend versprochen hast? Nun ist die kleine Luise zu dir gekommen, und du hast ihr noch gar nichts Freundliches erzeigt. Mach schnell, eh’ es zu spät ist! Weißt du den Spruch nicht mehr: Kindlein, liebet euch untereinander?“

Evchen wurde sehr rot und große Tränen füllten ihre schönen Augen, doch reichte sie dem Gaste ungeheißen die Hand, machte ihr besten Knickchen und lief dann eilig dem Hause zu.

Sie fand die Wohnstube leer; auf dem Schränkchen stand noch der Rest des schönen Kuchens. Wie gern hätte sie etwas davon gehabt, denn sie war sehr hungrig, aber sie nahm nichts, sondern bat die Magd in der Küche um ein Stückchen Brot, das sie hastig verzehrte.

Dann kramte sie in ihrem Schubfach und brachte eine schöne, goldgelbe Orange heraus, die ihr Hans, des Schullehrers Sohn, gestern geschenkt hatte. Er war Schiffsjunge und verlebte seinen ersten Urlaub bei den Eltern. Mit den feinen Fingerchen schälte und teilte sie sie zierlich, streute aus dem Büchschen in der Puppenküche etwas Zucker darüber und trug das Schüsselchen vorsichtig in den Garten, wo die beiden Mädchen spielten.

„Wie du aussiehst, Eva!“, rief ihr Teta entgegen. „Wie zerzaust ist dein Haar und die Schürze voller Flecken. Sieh mich nur an, ich bin noch ganz rein! Was bringst du denn da?“

„Etwas Freundliches“, sagte das Kind leise, indem es die schöne Frucht vor Luise auf die Gartenbank stellte.

„Du bist ja ein herziges kleines Ding“, rief das hübsche achtjährige Mädchen, schlang die Arme um Evas Hals und küsste sie zärtlich.

Als die Mutter mit ihrem Besuch von einem Gang durch den Gemüsegarten zurückkam, spielten die drei Mädchen aufs Friedlichste miteinander, und Evchen lief eilig der fremden Dame entgegen, um sie noch regelrecht zu begrüßen, obgleich es dazu etwas spät war.

2. Kapitel: Mövchens Ruhe

Die Jahre kamen und gingen und die Kinder wuchsen heran. Eva versteckte sich nicht mehr, wenn man Besuch erwartete, doch liebte sie noch immer die Einsamkeit und das Meer. Sie trug ihre Bücher hinab an den Strand, um dort zu lernen; sie saß mit dem Strickzeug auf einem Balken oder einem umgestürzten Boot bei den wettergebräunten Schiffern und ließ sich erzählen von den Freuden und Schrecken ihres mühseligen Berufs.

Ihre höchste Lust war, den Vater nach der Insel zu begleiten, die zu seinem Kirchspiel gehörte. Wenn auch die Wellen hochgingen, fürchtete sie sich nicht; ja, sie stand, wenn bei wildem, stürmischen Wetter alle zagten, ruhig am Fenster und blickte träumerisch hinüber nach der dunklen, steigenden, schäumenden Flut.

Schlank und fein war sie emporgewachsen und überragte Teta schon ein wenig, konnte sich aber in Kraft und Ausdauer nicht mit ihr messen. So verdiente sie wohl den Namen, den ihr der Vater gegeben, und ward endlich von allen meist Mövchen genannt.

Nur Teta wollte davon nichts wissen. Warum sollte Evchen immer etwas Besonderes haben? Warum durfte sie ihr Haar immer noch in freien Locken tragen? Warum jauchzten ihr die Inselkinder entgegen, wenn sie zu ihnen kam? Warum lachten ihr die brummigsten alten Fischer zu, wenn sie ihr am Strande begegneten?

Hajo war nicht mehr im Hause, er wohnte schon lange bei Gerds Eltern in der Stadt und besuchte dort das Gymnasium. Desto größer war die Freude, wenn er zu den Ferien heimkam und seinen Freund mitbrachte.

Die Mädchen hatten täglich ein paar Stunden Unterricht beim Vater und lernten recht brav.

Teta war sogar eine Musterschülerin. Sie vergaß nie eine Aufgabe, hielt Bücher und Hefte tadellos sauber und zeigte sehr guten Verstand und ein treues Gedächtnis.

Dennoch war der Vater ihr gegenüber recht sparsam mit seinem Lobe, während er dem etwas flüchtigen, vergesslichen und oft zerstreuten Evchen liebkosend über das Goldhaar strich, wenn sie ihre Sache gut gemacht hatte.

Als die Mutter sich einst darüber wunderte, sprach er zu ihr:

„Lob soll ermutigen; Teta aber hat nur allzu viel Mut und lobt sich selbst im Stillen genug. Eva ist demütig und oft verzagt; ihr muss freundlich geholfen werden. Hüte du dich auch, dass du dein ältestes Töchterchen nicht in seiner Selbstzufriedenheit bestärkst.“

Der guten Mutter wollte das nicht recht in den Sinn. Teta machte ihr ja so viel Freude. Schon sehr früh fing sie an in der Hauswirtschaft zu helfen, und alles ging ihr flink und nett von der Hand.

Mövchen dagegen zeigte wenig Lust und Geschick zu solchen Geschäften und übernahm sie nur aus Gehorsam, nicht aus eigenem Antrieb. Da ihre Gesundheit etwas zart war, ließ man ihr viel Freiheit, im Garten und am Strande umherzulaufen, bis es endlich an der Zeit schien, sie ernstlicher zu beschäftigen.

Die Mädchen waren nun dreizehn und zwölf Jahre alt und sollten wochenweise abwechselnd allerlei kleine Arbeiten in Haus und Küche übernehmen.

Teta lächelte recht überlegen, als diese Bestimmung getroffen ward; sie wusste ja, dass sie alles viel, viel besser machen würde als das flüchtige Schwesterlein.

Es war nur allzu wahr. Mövchen hatte den besten Willen, aber im Anfang gab es manch schweren Tag.

In Tetas Woche konnte die Mutter manche Stunde ruhig bei der Näharbeit bleiben. Der Staub ward sauber von den Möbeln gewischt, die Blumen am Fenster begossen, auf dem gedeckten Tische fehlte nichts, und alles geschah pünktlich und geräuschlos.

Aber heute war Mövchens Woche und ein rechter Unglückstag. Früh war die Milch übergelaufen und hatte das Haus mit abscheulichem Dunst erfüllt. Mittags lagen neben des Vaters Teller zwei Messer, neben dem der Mutter zwei Gabeln; Löffel und Salz fehlten gänzlich.

Hocherrötend stürzte Evchen hinaus, um das Fehlende zu holen, und stieß dabei den Bierkrug um, dass die braune Flut sich über den Fußboden ergoss.

Beim Geschirrwaschen klirrte es draußen vernehmlich, und gleich darauf erschien Mövchen an der Tür mit kläglichem, tränenüberströmten Gesicht, die Scherben von des Vaters Lieblingstasse in der Hand.

„Es ist aber auch zu arg!“, rief die Mutter. „Die schöne Tasse!“

Teta aber fügte leise hinzu:

„Es ist schon das dritte Mal in dieser Woche.“

„O bitte, bitte, seid mir doch nicht böse“, schluchzte Mövchen, „es tut mir so leid! Es fuhr ein so großes Schiff vorüber, dem guckte ich nach und vergaß ganz, dass ich die Tasse in der Hand hatte. Ich will’s gewiss nicht wieder tun.“

„Das hast du schon oft gesagt“, entgegnete die Mutter. „Nimm dir doch ein Beispiel an Teta; sie hat noch nie etwas zerbrochen, und du hast schon einen ganzen Haufen Scherben gemacht. Was hast du nur immer das Meer anzugucken? Ich dächte, du wüsstest nun endlich, wie es aussieht. Wenn doch die Küchenfenster nach dem Garten zu lägen!“

Ganz still ließ Mövchen die Strafpredigt über sich ergehen, war den Abend hindurch recht niedergeschlagen und ging zeitig zu Bett, nachdem sie von den Eltern noch einmal Verzeihung erbeten und erlangt hatte.

An ihrem Bettchen kniete sie nieder und bat Gott recht von Herzensgrund um Kraft, den Eltern sorgfältig und geschickt zu dienen und nie mehr bei der Arbeit nach der See auszuschauen; dann schlief sie getröstet ein.

Teta saß noch mit ihrem Strickzeug bei den Eltern und besprach leise mit der Mutter den Küchenzettel für die nächsten Tage. Sie fühlte sich recht als kleine Hausfrau und hoch erhaben über das kindische Schwesterchen.

Da legte der Vater sein Buch weg und fragte plötzlich:

„Teta, ich war heute Mittag schon im Zimmer, als Mövchen den Tisch deckte. Du saßest mit deiner Näharbeit am Fenster. Merktest du nicht, dass sie manches vergessen hatte?“

Teta schwieg.

„Antworte, sahest du es?“

Das Mädchen errötete tief, brachte aber kein Wort hervor.

„Du sahest es und du lächeltest darüber“, fuhr der Vater sehr ernst fort, „ich habe dich beobachtet. O Kind, was hast du für ein hartes Herz! Warum gingst du nicht still, das Fehlende zu holen, oder doch Mövchen daran zu erinnern? Ist das Schwesterliebe?“

„Ich habe Eva lieb“, versicherte Teta.

„Ja, es wäre schrecklich, wenn du sie gar nicht liebtest; aber dich selbst und deine eigene Ehre hast du viel lieber. Als sie so erschrocken und weinend in der Tür stand, hattest du kein Mitleid mit ihr, sondern stelltest ihre Unvorsichtigkeit noch recht ins Licht. Ja, es ist dir gar nicht unlieb, dass sie ungeschickt und flüchtig ist, damit deine Vortrefflichkeit umso mehr hervortritt.“

„Aber Vater“, rief Teta, in Tränen ausbrechend, „ich habe doch gar nichts Böses getan, und du sprichst so zu mir!“

„Ach, mein Kind“, erwiderte der Vater, „es ist wahr, du tust äußerlich wenig unrecht; du bist fleißig, gehorsam und verständig. Aber Gott sieht das Herz an, und im Herzen bist du selbstgerecht und hochmütig, darum taugen alle deine äußeren Werke nichts vor Gottes Augen. Du hast mir neulich das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner ganz ohne Fehler aufgesagt und hattest dir alles gemerkt, was ich darüber gesprochen, aber zu Herzen hast du’s dir nicht genommen, das sehe ich mit tiefer Betrübnis.“

Noch manches gute Wort sprach der Vater zu dem Kinde und entließ es zuletzt aufs Liebevollste.

Teta weinte bitterlich, aber es waren keine Reuetränen; sie fühlte sich nur tief gekränkt durch des Vaters Rede und meinte, von ihm weniger geliebt zu sein als die Schwester.

Ach, es ist schlimm, wenn ein Kind Gottes Wort nur mit dem Kopfe aufnimmt und nicht mit dem Herzen. Teta wusste viele schöne Sprüche und Liederverse von dem Heiland, der die Sünder annimmt, die Verlorenen sucht, den Demütigen Gnade gibt. Aber sie selbst rechnete sich nicht zu den Sündern, sie mochte kein verlorenes Schäflein sein. O nein, sie tat ja nichts Böses, sie war ein braves Mädchen, eine Stütze der Mutter, ein kleiner Hausschatz, wie neulich Luisens Mutter sie genannt hatte.

Wohl regte sich das Gewissen zuweilen, aber sie unterdrückte seine Stimme und ließ die böse Wurzel des Hochmutes in ihrem Herzen wachsen.

An jenem Abend mochten die Eltern wohl ein ernstes Gespräch gehabt haben, denn Teta fühlte bald, dass auch die Mutter sparsamer mit ihrem Lobe ward und Evchen mit viel Geduld und Sanftmut anleitete, sodass es bald bedeutend besser mit ihr ward.

Aber Teta freute sich nicht darüber, sie wäre so gerne allein die geschickteste Haushälterin geblieben; ja, es regten sich in ihrem Herzen zuweilen bittere, eifersüchtige Gefühle gegen die liebliche Schwester, deren sie sich in guten Stunden selbst schämte.

In den Ferienzeiten trat der Unterschied zwischen den beiden Mädchen am meisten hervor. Während die Eltern ihnen ganz gleiche Liebe zeigten, waren Gerd und Hajo weniger vorsichtig und machten gar kein Hehl daraus, dass ihnen Mövchens Gesellschaft angenehmer sei als Tetas.

Die ältere Schwester nahm, wenn die erste Freude des Wiedersehens vorüber war, oft einen gouvernantenhaften Ton gegen die heranwachsenden Knaben an, der diesen nur lächerlich war. Ach, die großen Jungen brachten gar so viel Unordnung ins Haus, und die war Teta im Grunde zuwider.

Mit nassen, sandigen Schuhen traten sie ins weißgescheuerte Zimmer, kramten Muscheln, Pflanzen und allerlei Seegetier aus, vor dem sie sich fürchtete.

Sie verlangten Butterbrote zu ganz unpassender Zeit und verzehrten den Kuchen, der für drei Nachmittage reichen sollte, mit einem Mal.

Dann ließen sie wieder ewig auf sich warten, sodass die Suppe dick ward und der Braten an Wohlgeschmack verlor; kurz, die ganze Hauswirtschaft war auf den Kopf gestellt wegen der Buben. Und die Mutter, die sonst so streng auf Pünktlichkeit und Ordnung hielt, lachte noch dazu und meinte, ein wenig Freiheit sei den Jungen zu gönnen, sie möchten nur ihre Ferien genießen. Teta konnte das nicht begreifen.

Mövchen dagegen jubelte der Zeit entgegen, da die Buben kamen. Sie half und diente ihnen, räumte ihnen nach und begleitete sie, so oft es ihr erlaubt ward, nur gar zu gern hinaus ans Meer.

Freilich ließen sie jetzt keine Schiffchen mehr schwimmen und wateten nicht mehr barfuss in Sand und Wasser, aber sie machten weite Streifzüge ins Land oder längs des Ufers und bauten wunderbare Luftschlösser für die Zukunft.

Hoch auf dem Strande lag ein kleines, schadhaftes Boot, das im Winter bei einer Hochflut angeschwemmt worden war. Mövchen hatte es sich zum Ruheplatz erwählt und saß gern dort mit ihren Büchern und ihrer Arbeit. Nun strichen es die Knaben mit bunten Farben an und malten mit großen Buchstaben darauf: „Mövchens Ruhe“.

Ein buntes Fähnchen am Kiel und ein Segeltuchdach gegen die Sonnenhitze durfte auch nicht fehlen. Dort verbrachten die drei manch glückliche Stunde.

Teta leistete ihnen nur selten Gesellschaft, obgleich sie stets freundlich dazu eingeladen ward. Ihr Sinn war nur aufs Praktische und Alltägliche gerichtet; die drei aber schwärmten nach Herzenslust. Gerd hatte ein Buch mitgebracht, das von Schiffbrüchen und fernen Inseln, von Urwäldern, von einsamen Blockhütten und Dergleichen erzählte, und Mövchen war entzückt davon und meinte, das könne sie wohl alles zu sehen bekommen, wenn sie nur erst groß sei. Über so kindischen Unverstand fühlte sich Teta erhaben.

In den letzten Tagen aber hatten sie noch etwas anderes vor, womit sie sehr geheim taten. Ja, es gab etwas, ein einziges Etwas, das Mövchen besser verstand als Teta. Sie konnte sehr hübsch zeichnen.

Schon als kleines Mädchen hatte sie Häuser und Bäume, Menschen und Tiere, besonders aber Schiffe auf ihre Tafel gemalt, und der Vater, der in diesen grotesken Figuren doch einiges Talent erkannte, hatte sie später im Zeichnen unterrichtet, so gut er’s vermochte.

Während der Ferien aber ward Gerd, ein sehr geschickter Zeichner, ihr eifriger Lehrer. Unter seiner Leitung arbeitete sie jetzt an einem Bildchen der Kirche und des Pfarrhauses, um den Vater am nahen Geburtstag damit zu erfreuen.

Von Mövchens Ruhe aus gesehen, boten die beiden Gebäude einen hübschen Anblick, und nach einigen vergeblichen Versuchen gelang die Zeichnung recht wohl. Hajo schnitzte emsig an einem zierlichen Rahmen für das kleine Bild.

Eines Nachmittags saß Mövchen allein mit ihrer Zeichenmappe im Boot, um noch einiges an der ziemlich fertigen Arbeit zu bessern. Die Knaben waren schon früh mit dem Vater nach der Insel gefahren.

A

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