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Seelenkrieger - Das Lied des Feuervogels

Eyrisha Summers

Seelenkrieger - Das Lied des Feuervogels

Band 1 der Fantasy-Romance-Saga


Ich widme dieses Buch insbesondere den Menschen, die sich ihre Phantasie bewahrt haben und es lieben, das Ungewöhnliche im Leben zu suchen. Ganz besonders möchte ich mich bei meiner Freundin Gabi bedanken, die mich dazu gebracht hat, diese Geschichte zu beenden. Natürlich gilt mein Dank auch meiner Familie und allen Anderen, die mich unterstützt haben. Ganz besonders möchte ich mich hier auch noch bei Agnes und Hannah bedanken. Zwei ganz liebe und wertvolle Menschen, die ich ohne dieses Buch nicht kennengelernt hätte.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Prolog

Oktober 1987, NewYork:

Dichte Regenschleier fegten, getrieben von einem eiskalten Wind, durch die nächtlichen Straßen von New York. Ruhig und verlassen lagen die dunklen Gassen in der nassen Kälte da - menschenleer und unheimlich in ihrem düsteren Licht. Die alten Straßenlaternen malten finstere Schatten an die nass glänzenden Mauern alter Gebäude und verstärkten damit noch die unheimliche Atmosphäre, die über dem verlassenen Stadtbezirk lag.

Plötzlich klapperten hastige Schritte über den feuchten Asphalt. Lediglich durchbrochen von hektischen, kurzen Atemstößen und Schluchzern.

Immer wieder flog der Blick der jungen, blonden Frau über ihre Schulter - Ausschau haltend nach dem "Ding", welches sie verfolgte. Ihr Herz klopfte schmerzhaft in ihrer Brust, so als wollte es in tausend Scherben zerspringen und obwohl die Nacht kühl war, lief ihr der Schweiß in wahren Sturzbächen am Körper herab und sammelte sich zwischen ihren straffen, jugendlichen Brüsten, die von einer ledernen Korsage gehalten wurden.

Tränen und Schweiß vermischten sich mit der Nässe des dichten Nieselregens und tränkten ihre aufreizende Kleidung.

In der schmalen Gasse - weitab vom pulsierenden Nachtleben New Yorks, war keine Menschenseele unterwegs - keiner, der ihr zu Hilfe kommen würde.

Weiter. Sie musste weiter, denn sonst würde er sie einfangen und was dann mit ihr geschah, das wollte Angel lieber gar nicht wissen.

Stakkatoartig hämmerten die Absätze ihrer Stilettos über den harten Untergrund, welcher im Licht der nur vereinzelt vorhandenen Straßenbeleuchtung vor Nässe schwarz schimmerte. So schwarz, wie die Augen ihres Verfolgers.

Angela, alias Angel, hatte eine gute Nacht gehabt. Das Geld hatte an diesem Abend bei ihren Kunden besonders locker gesessen und jedes Mal, wenn sie wieder an ihrem Stammplatz auf dem Straßenstrich abgesetzt worden war, hatte sie nicht lange dort ausharren müssen.

Nach dem letzten amourösen Erfolgserlebnis und ihrer Rückkehr zu dem kleinen Park, an dem sie sich allabendlich mit ihren Leidensgenossinnen traf, hatte sie verwundert festgestellt, dass ihre Kolleginnen anscheinend bereits Feierabend gemacht hatten und das obwohl diese Nacht recht vielversprechend lief.

Schulterzuckend hatte sie ihren Regenschirm aufgespannt und sich in die Richtung des Henry's aufgemacht. Ein alter Beatschuppen, in dem man sich gerne nach getaner Arbeit traf, um zu plaudern und um die Nacht ausklingen zu lassen. Die Aussicht auf einen Drink hatte Angels Laune ganz gewaltig angehoben, denn der Regen, der ihre goldblonde Lockenmähne zu einer wirren Masse hatte werden lassen, ging ihr so langsam auf die Nerven. Die kalte Feuchtigkeit war ihr in der Zwischenzeit durch ihre spärliche Bekleidung gedrungen und ein eiskaltes Frösteln hatte ihre Haut überzogen

Noch bevor sie das Ende des Parks erreicht hatte, waren mit einmal dichte Nebelfetzen zwischen den Bäumen aufgetaucht und hatten sich über den vor Nässe glitzernden Rasen gelegt. Zuerst hatte sie sich noch über diese komischen Nebelgebilde gewundert, die beinahe wie von Geisterhand auf sie zugekrochen waren, aber da sie noch nie ein ängstlicher Mensch gewesen war, hatte sie das Phänomen nicht weiter beachtet.

Ein fataler Fehler, wie sich sehr schnell herausstellte.

Als sie dem Weg weiter folgte, stand er auf einmal vor ihr.

Im ersten Augenblick hatte sie noch gedacht, dass es sich lediglich um einen großen, sehr gut aussehenden Mann handeln würde - einen verspäteten Freier, den sie vielleicht noch abschleppen konnte.

Doch dann hatte sie seine Augen gesehen. Augen, die so schwarz und leblos waren, dass sie von Schmerz und Tod zu erzählen schienen - von ihrem Tod.

Das fahle Licht einer Straßenlaterne ließ lange Fänge in einem Mund aufblitzen, der sich zu einem spöttischen Grinsen verzogen hatte und dies war der Moment gewesen, in dem ihr Herz angstvoll zu rasen begann. Was dort im Nebel vor ihr stand, war ihr Verderben.

Sie war auf dem Absatz herumgeflogen und in einer beinahe blinden Panik losgerannt - so schnell, wie ihr unpraktisches Schuhwerk dies zuließ. Weit kam sie jedoch nicht.

Jetzt, ... in diesem Moment, zuckte ein stechender Schmerz durch Angels Bein und sie kam gefährlich ins Straucheln. Keuchend taumelte sie gegen die nasse Wand einer alten Fabrikhalle, die bereits seit Jahren leer stand. Schluchzend wurde ihr dieser Fehler bewusst. Statt in die Richtung der belebteren Stadtteile zu flüchten, war sie in ihrer bodenlosen Furcht geradewegs auf das Gelände eines stillgelegten Großkonzerns gerannt. Hier würde niemand ihr Schreien hören. Niemand würde sich dafür interessieren, was Grausames mit ihr passieren würde.

Angel humpelte mit ihrem verletzten Fuß weiter, sich dabei dicht an der dunklen Wand entlang drückend, die ihr eine trügerische Sicherheit vermittelte. Trügerisch und nicht von langer Dauer ...

Sie bog gerade in eine finstere, mit altem Gerümpel bedeckte Werksstraße ein, als sie bemerkte, dass sich unmittelbar vor ihr die Luft zu bewegen schien. Regenbogenfarbige Schlieren waberten mit einem Mal in der Finsternis, während sich Nebelfetzen wie ein Teppich über den Boden ausbreiteten.

Erschauernd zuckte sie zurück und ahnte bereits in diesem Moment, dass ihre Flucht jetzt ein böses Ende nehmen würde. Dieses "Ding" hatte lediglich mit ihr gespielt, sie keinesfalls aus den Augen verloren.

Und dann sah sie die Kreaturen. Nicht eines dieser Horrorwesen, sondern drei. Von allen Seiten kamen sie auf sie zu und ihre klauenartigen Hände griffen erbarmungslos nach ihr. Die schwarzen Augen glühten in ihren Tiefen blutrot und Angel öffnete ihren Mund zu einem lauten, spitzen Schrei höchster Todesangst. Ihr Gehirn schaltete in diesem Augenblick einfach ab - weigerte sich, den Schrecken zu sehen, der unweigerlich kommen musste und noch bevor sie sich gemeinsam mit den schrecklichen Geschöpfen in Luft auflöste, war ihr Verstand bereits in eine Finsternis abgetaucht, aus dem es für sie kein Erwachen mehr geben würde.

1

New York: Dezember 2012: FBI Hauptquartier

Shyrill verfolgte mit abwesendem Blick einen der zahlreichen Wassertropfen, welcher an einem der Fenster des kleinen Konferenzsaales träge nach unten rutschte. Der winzige Tropfen verband sich mit einem weiteren Tropfen – wurde größer – floss in den nächsten Tropfen hinein, bis aus dem winzigen Wassergebilde ein kleines, klares Rinnsal wurde. Dieser Miniaturfluss rutschte über die schmuddelig graue Fensterscheibe und hinterließ dabei einen schmalen Pfad klarer, frischer Sauberkeit.

Die junge Frau stieß einen unhörbaren Seufzer aus und versuchte, sich erneut auf die Stimme ihres Vorgesetzten zu konzentrieren. Dieser leierte in genau jenem Augenblick mit monotoner Stimme Zahlen und Fakten hinunter, die eigentlich bereits allen bekannt waren.

„So eine Zeitverschwendung“, dachte sie, während ihr Blick erneut auf das Fenster fiel. „Wir sollten jetzt da draußen sein und dort unseren Job machen.“

Unruhig rutschte sie auf dem harten Plastikstuhl hin und her, während der Regen mit steigender Intensität an das Fenster trommelte und alle Spuren von Staub und Schmutz mit sich nahm.

Es regnete jetzt bereits seit drei Tagen, seit dem Tag, als ...

Ärgerlich schob Shyrill eine vorwitzige, weißblonde Haarsträhne hinter ihr Ohr. Darüber konnte und wollte sie jetzt und in diesem Augenblick nicht nachdenken. Hier war weder der richtige Ort, noch der richtige Zeitpunkt, um sich mit solch finsteren, traurigen Dingen zu belasten.

Stattdessen starrte sie blinzelnd aus dem Fenster auf das hinter Regenschleiern verborgene Washington und versuchte das Stimmengewirr in dem sterilen, zweckmäßig eingerichteten Raum auszublenden; was ihr jedoch nicht so recht gelingen wollte. Ihre Kopfhaut zog sich schmerzhaft zusammen und beinahe unbewusst rieben ihre kühlen, schlanken Finger über ihre Schläfe.

Na prima. Diese Migräneanfälle traten in den letzten Tagen gehäuft auf. Nicht, dass sie nicht schon immer damit Probleme gehabt hätte, doch in den zurückliegenden drei Tagen war es so schlimm geworden, dass sie sich am liebsten nur noch in einem dunklen Loch verkrochen hätte, um all das Summen und Kreischen in ihrem Kopf zum Schweigen zu bringen. Warum gerade jetzt? Warum gerade seit ...

Erneut wanderten ihre Gedanken in eine gefährliche Richtung und sie spürte das heiße Brennen ungeweinter Tränen hinter ihren Augenlidern. Wütend blinzelte sie die aufsteigende Feuchtigkeit weg und versuchte den Kloß in ihrem Hals zu ignorieren. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal Tränen vergossen hatte und in diesem Moment würde sie auch bestimmt nicht damit anfangen. Diese Blöße würde sie sich vor den neuen Kollegen und schon gar nicht vor ihrem Vorgesetzten geben. Doch der seelische Schmerz blieb und das Klopfen hinter ihren Schläfen gewann erneut an Kraft.

Im gleichen Augenblick donnerte eine geballte Faust, an der die Knöchel weiß hervortraten, auf die abstoßend weiße Kunststofftischplatte, unmittelbar neben Shyrills zierlicher Teetasse. Klirrend und scheppernd hüpfte das feine Porzellangebilde auf dem Unterteller herum und das Geräusch war so durchdringend, dass es auf unangenehme Art und Weise die plötzlich eingetretene Stille durchbrach.

Shyrill ahnte, ... Nein, sie wusste, was ihr jetzt blühte und ihre türkisblauen Augen wanderten genervt in die Höhe. Außer ihr und ihrem Vorgesetzten, befanden sich sechs weitere Mitarbeiter der Spezialabteilung in dem wenig anheimelnden Besprechungszimmer und genau diese durch die Bank weg männlichen Kollegen zogen es in jenem unheilschwangeren Moment vor, ziemlich betreten, das Muster des grauen Linoleums zu studieren. Aus dieser Richtung war keine Hilfe zu erwarten.

Innerlich seufzend blickte Shyrill nach oben, direkt in die vor Zorn blitzenden Augen von Agent Richard Clifton – ihrem Boss.

Seine Stimme bebte vor gerechter Empörung. „Nun denn, Miss Palmer! Anscheinend kann ich mich glücklich schätzen, dass ich jetzt endlich Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit besitze!“

Shyrill konnte beobachten, wie die Schlagader an Agent Cliftons Hals auf den doppelten Umfang anschwoll; gerade so, als wolle sie den obersten Hemdkragenknopf wegsprengen. Trotz des bedrohlichen Untertons in der Stimme ihres Vorgesetzten, hielt sie seinem stierenden Blick trotzig stand.

Sein Blick war anmaßend, abtaxierend und unverkennbar anzüglich und sein süffisantes Grinsen sprach eine nur allzu deutliche Sprache, doch Shyrill konnte und wollte auf keinen Fall klein beigeben und so fixierten ihre Augen einen Punkt oberhalb seiner breiten, flachen Nasenwurzel.

Mehrere Sekunden vergingen, in denen keiner der Beiden ein Wort sprach, bis Agent Clifton sich mit einem Mal brüsk abwandte und mit hinter dem Rücken verschränkten Händen aus dem Fenster starrte.

Seine Stimme klang wie Eiswasser, doch Shyrill registrierte auch den leicht panischen Unterton, der in seinen Worten mitschwang.

„Dreiundsiebzig vermisste Personen in den letzten drei Wochen, ... Dreiundsiebzig! Und bisher ist erst ein einziger Vermisster wieder aufgetaucht, und zwar als grausig entstellter Leichnam, welcher in einem Schmutzsieb des städtischen Wasserwerks hängen geblieben ist. Das darf auf keinen Fall so weitergehen, denn ansonsten droht in New York eine Massenhysterie, und was das bedeutet, das brauch ich ja wohl nicht näher zu erläutern!“

Der Leiter der Spezialabteilung wirbelte herum und stützte sich mit beiden Händen auf der Tischplatte ab. Sein Augenausdruck, der zuvor lediglich lautlose Drohungen abgefeuert hatte, bekam jetzt etwas Fiebriges, ... etwas Gehetztes.

Shyrill hatte vor dem Wechsel in diese Abteilung ihre Hausaufgaben gemacht. Dieser Typ, ... ihr Boss, war sehr schnell und ohne größere Probleme die Karriereleiter emporgestiegen. Nicht umsonst hatte man ihm die Leitung einer supergeheimen Spezialabteilung übertragen. Er war gut, das stand zweifelsohne fest. Doch nur gut sein, das reichte in diesem Business meistens nicht aus. Nicht, wenn man mehr wollte.

Shyrill wusste, dieser Mensch, ihr Vorgesetzter hatte gelogen, betrogen, geschmiert und Kollegen in die Pfanne gehauen, und er hatte damit Erfolg gehabt. Für diesen Erfolg war er bereit gewesen, über Leichen zu gehen und Shyrill ahnte, dass ihm ein Menschenleben nur sehr wenig bedeutete. Er würde gnadenlos Material und Untergebene opfern, wenn es in seinem Sinne war und seiner Karriere dienen würde. Vor einem solchen Menschen konnte Shyrill keinen Respekt haben. Er war ein Bluthund – bissig und hinterhältig und man musste sich vor ihm in Acht nehmen.

Hätte sie in jenem höchst unheilschwangeren Moment die Gedanken ihres Gegenübers lesen können, wäre ihr Urteil über ihn noch um ein Vielfaches schlechter ausgefallen.

Richard Clifton’s Gehirn arbeitete fieberhaft an der Lösung seines ganz persönlichen Dilemmas. Schließlich hatte er nicht all jene Anstrengungen und Strapazen auf sich genommen, um sich seine Karriere jetzt und hier ruinieren zu lassen. Man hatte seiner Abteilung diesen üblen Fall übertragen und er würde höchstpersönlich dafür sorgen, dass dieser auch zu seiner vollsten Zufriedenheit gelöst werden würde, ... selbst, wenn dabei Köpfe rollen würden. Und allen voran, der Kopf dieser impertinenten Blondine, die ihn so unverschämt anstarrte und sein Innerstes nach außen zu krempeln schien.

Seit dem Tag, an dem er diese Abteilung übernommen hatte, hatte er peinlichst darauf geachtet, dass nur die Besten der Besten für ihn arbeiteten, doch auch diese sogenannten Spezialisten versagten dieses Mal auf der ganzen Linie.

Magensäure schoss Agent Clifton in den Hals und erzeugte ein bitteres, ein galliges Brennen in seiner Kehle. Über dieser Angelegenheit würde er am Ende gar noch krank werden.

Begonnen hatte das Desaster vor ziemlich genau drei Wochen, in einer stinknormalen New Yorker Vollmondnacht, in der die üblichen Gewaltverbrechen die Millionenstadt erschütterten und die Polizei beschäftigten. Nur war in dieser Nacht leider nicht alles normal verlaufen.

Eigentlich hatte alles ziemlich harmlos angefangen und zu Beginn hatte sich auch noch niemand etwas Schlimmes ausgemalt. Schließlich passierte es hin und wieder schon mal, dass irgendeine Prostituierte verschwand und man Tage, oder sogar Wochen später ihre Leiche in irgendeinem finsteren, stinkenden Abwasserkanal des Big Apple wiederfand – zumeist vergewaltigt und ausgeraubt. Das schmutzige Geschäft mit Sex and Drugs barg schließlich so seine Risiken.

Doch dieses Mal boten bereits die Umstände des Verschwindens gleich zweier Bordsteinschwalben Anlass zur Besorgnis, denn das Wort „Verschwinden“ war in diesem speziellen Fall durchaus wörtlich zu nehmen.

Um Schlag 24 Uhr hatten sich die beiden Liebesdienerinnen nämlich buchstäblich in Luft aufgelöst, ... und zwar vor den Augen eines jugendlichen Freiers und einem guten Dutzend ihrer Kolleginnen.

Einige der anwesenden „Damen“ hatten sogar tatsächlich die Geschmacklosigkeit besessen und lautstark applaudiert und gejohlt, weil sie das Ganze, stoned wie sie waren, für eine gut inszenierte Freakshow gehalten hatten.

Natürlich waren beinahe all jene Frauen vollgepumpt gewesen mit Kokain und diversen anderen Designerdrogen und dies erklärte wohl auch hinlänglich die zum Teil haarsträubenden Aussagen, welche späterhin zu Protokoll gegeben wurden.

Er selber hatte sich diese Protokolle bereits hundert Mal durchgelesen und er konnte nur, immer wieder aufs neue, den Kopf schütteln. Er kam sich vor, als hätte man ihn in einen billigen Gruselroman versetzt.

Gelesen hatte er etwas von einem dicken, weißlichen Nebel, der sich durch die nächtlichen Straßen von Harlem gewälzt hatte – ein Nebel, den die Zeugen als unheimlich und „lebendig“ beschrieben hatten. Nebel hatte zum Teil mit Sicherheit eine gewisse Eigendynamik, war aber dadurch noch keinesfalls „lebendig“ und wenn Agent Clifton an dieser Stelle lediglich die Aussagen der drogendurchseuchten Nutten gehabt hätte, dann hätte er all diese Vernehmungen mit Freuden durch den Reißwolf gejagt.

Doch leider, leider gab es da ja auch noch die Aussage des jungen Mannes, und dieser war dummerweise ziemlich clean gewesen – keine Spuren von Alkohol- oder Drogenkonsum.

Dieser grüne Junge hatte ausgesagt, dass die wabernden Nebelmassen zuerst die eine und dann die andere Prostituierte erfasst hätten, und als die grauen Schwaden sich lichteten, da wären die beiden Frauen weg gewesen – einfach so. Das war alles. Keine Schreie, keine Spuren – nichts deutete auf ein Gewaltverbrechen hin. Sie waren verschwunden und blieben es auch.

Besonders unglaublich wurde es in dem Moment, als der Kerl behauptete, er hätte in dem beinahe undurchdringlichen Nebel die Umrisse von hünenhaften Kerlen mit glühenden Augen beobachten können – Augen, die angeblich glühten, wie glimmende Kohlen.

Nun denn. Dies war der Augenblick, in dem die leitenden Polizeibeamten das gesamte Ausmaß ihrer Unprofessionalität zur Schau stellten. Sie begannen zu lachen und fragten den jungen Augenzeugen, ob dieser sich zufällig zu viele Horrorstreifen reinziehen würde. Nach dieser Verhöhnung seiner Person hatte das Bürschlein auf stur geschaltet und sich an nichts mehr erinnern können. Richard Clifton hätte die leitenden Beamten am liebsten höchstpersönlich durch die Mangel gedreht. Ein solches Ausmaß an Dummheit war ihm bisher noch nicht untergekommen.

Leider änderte sich auch nichts mehr an dem partiellen Gedächtnisverlust des Zeugen; auch dann nicht, als er sich selber noch einmal daran machte, den jungen Mann zu vernehmen. Er hatte es mit Schmeicheleien versucht, mit Drohungen und noch anderen, zum Teil recht fragwürdigen Methoden, ... doch leider erfolglos. Dieses störrische Kerlchen hatte einfach nichts mehr sagen wollen. Also blieb es zu diesem Zeitpunkt bei undeutbaren, sehr unglaubwürdigen Aussagen, mit denen die Polizeibeamten nicht wirklich viel anfangen konnten.

Was nun diesen ominösen Nebel anging, den die Zeugen gesehen haben wollten, ließ man diesen erst einmal gepflegt unter den Tisch fallen, denn unerklärlicherweise war es in der besagten Nacht, abgesehen von ein paar unbedeutenden Wolkenbänken, sternenklar gewesen.

Das Verschwinden der beiden Liebesdienerinnen blieb geheimnisvoll und mysteriös. Selbst als sich Agent Cliftons Abteilung verschiedene rivalisierende Zuhälter zur Brust nahm, konnte nicht mehr Klarheit in den Fall gebracht werden. Es gab nur einen einzigen Fakt – und zwar, dass es keine Fakten gab.

Eine relativ ruhige Woche verging, ohne das etwas geschah und ohne irgendeinen Anhaltspunkt zu erlangen. Wobei, das musste Richard Clifton allerdings unumwunden zugeben, man sich auch keine allzu große Mühe gegeben hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ja auch noch niemand ahnen können, dass es noch viel schlimmer kommen würde.

In der Nacht von Samstag auf den folgenden Sonntag standen die Telefone der Polizeistationen in der Millionenstadt nicht eine Minute lang still. Big Apple – die Stadt, die niemals schlief, lief in dieser Nacht zu Höchstform auf, denn zu den üblichen Mord-, Raub- und Vergewaltigungsdelikten einer üblichen New Yorker Nacht gesellten sich zweiunddreißig verschwundene Personen. Ausnahmslos alles Frauen – wobei die meisten dem ältesten Gewerbe der Welt nachgingen. Die meisten, nur eben leider nicht alle.

Sie verschwanden aus U-Bahnstationen, von der Straße, aus Diskotheken, ... einige sogar aus ihren eigenen Betten, in denen sie gerade sehr beschäftigt gewesen waren. Und es gab Zeugen. Eine ganze Menge Zeugen, um es genauer auszudrücken. Fatalerweise ähnelten deren Aussagen gefährlich denjenigen, welche nach dem Verschwinden der beiden ersten Nutten festgehalten worden waren und das, obwohl von diesem Vorfall nichts an die Presse durchgesickert war. Wen interessierte es schon, wenn zwei gefallene Mädchen verschwanden? Es interessierte niemanden, und erst recht nicht, den braven, biederen Bürger, der die Zeitung konsumierte.

Nun war es eine Sache, das Verschwinden von zwei kleinen Straßendirnen zu vertuschen, eine ganz andere war es, zu hoffen, dass das Verschwinden von gleich zweiunddreißig Personen keine Aufmerksamkeit erregen würde.

Bereits am nächsten Morgen ließ sich folgende Überschrift auf der Titelseite der Post lesen: Unheimlicher Nebel in New York’s Straßen – Wer wird der Nächste sein?

Ein Aufschrei der Angst und auch der Entrüstung ließ die Straßen der Millionenmetropole erbeben und jeder weitere Tag brachte neue, schreckliche Schlagzeilen, wobei die Beamten von Polizei und FBI nicht unbedingt den besten Eindruck hinterlassen konnten.

Obwohl Agent Clifton vor Wut kochte und den miesen, kleinen Schreiberlingen am liebsten eine kräftige Abreibung verpasst hätte, musste er sich der Ehrlichkeit halber doch eingestehen, dass sie nicht das Geringste vorzuweisen hatten. Selbst die Topbeamten seiner Abteilung hatten bisher noch nichts Brauchbares abgeliefert. Bis jetzt hatten sie noch keine heiße Spur verfolgen können, da es schlicht und ergreifend keine Spuren gab. Es gab nichts, was man hätte greifen können.

Und dann kam das nächste Wochenende, ... eine wahre Horrornacht, mit einer Bilanz, die sich sehen lassen konnte. Einunddreißig verschwundene New Yorker Bürger – genauer gesagt einunddreißig Frauen.

Obwohl, ... das stimmte nicht so ganz. Auf den ersten Blick hatte es sich nur um Frauen gehandelt, doch dann stellte sich heraus, dass eine der „Vermissten“ eine verdammte Transe gewesen war. Und diese Transe hatten Arbeiter der städtischen Kanalisation am nächsten Morgen aus einem der zahlreichen Schmutzfänger gezogen. Zwei unbescholtene Bürger, denen der Anblick dieser Leiche mit Sicherheit gehörig auf den Magen geschlagen war.

Richard Clifton, der zeitgleich mit dem ermittelnden Pathologen am Fundort des Leichnams eingetroffen war, erinnerte sich nur zu genau daran, dass sich selbst sein abgebrühter Ermittlermagen am liebsten von den Resten des üppigen Frühstücks befreit hätte. Eklig und abartig war noch geschmeichelt.

Der Transsexuelle hatte ausgesehen, als wenn sich ein Irrer an ihm ausgetobt hätte, oder besser noch, eine Horde wilder Tiere. Der Körper war völlig zerfetzt gewesen. Die Gedärme hingen wie schleimiges Gewürm aus dem völlig zerrissenen Unterleib. Der Brustkorb war gesprengt, die Rippen nach außen weggedrückt und dort, wo sich normalerweise das Herz eines Menschen befand, sah man lediglich ein riesiges dunkles Loch. Blutleer war der Leichnam gewesen und durch das Bad in der Kanalisation war die bleiche Haut grünlich aufgequollen, doch am schlimmsten war die Nachricht, die sie auf dem Rücken des Toten entdeckt hatten. Sauber und mit einer sadistischen Präzision hatte der Mörder ihnen dort eine Botschaft übermittelt. Tiefe Schnitte bildeten Buchstaben und diese Buchstaben besagten folgenden Satz: ES HAT BEGONNEN ...

Die vor Grauen weit aufgerissenen Augen des Mannes deuteten darauf hin, dass das Opfer in den letzten Minuten seines Lebens wahrhafte Torturen durchlebt hatte.

Dummerweise hatte der Täter auch hier ein Nichts an Spuren hinterlassen – keine Fingerabdrücke, keine DNA-Spuren ... einfach nichts.

Der Druck der Öffentlichkeit auf die ermittelnden Behörden wuchs mit jedem neuen, unverschämten Artikel der Medien. Anscheinend war die New Yorker Bevölkerung zu der Überzeugung gelangt, dass selbst eine so machtvolle Institution wie das FBI diesem Mysterium hilflos gegenüber stand.

Und das Schlimmste war, dass sich das Verschwinden von New Yorker Frauen seit dem Leichenfund nicht mehr länger nur auf die Samstage beschränkte. Nein. Es verging nun nicht mehr eine einzige Nacht, in der nicht mindestens zwei bis drei Frauen spurlos verschwanden. Eine schwere, greifbare Glocke aus Furcht und Misstrauen hing über der Millionenstadt - ein unsichtbares Damoklesschwert, welches jederzeit auf sie alle herniederfahren konnte. Die Zustände im Big Apple waren so prekär geworden, das der Bürgermeister bereits überlegte, ob er nicht eine Ausgangssperre über der Stadt verhängen sollte. Von 22 Uhr nachts, bis um 6 Uhr in der Früh. So unlogisch es auch klingen mochte; auf diese Weise hoffte man tatsächlich, zu verhindern, dass noch mehr Menschen auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Mal ganz davon abgesehen, dass dies nie und nimmer zu organisieren war, würden sich die Bewohner der Stadt, die niemals zur Ruhe kam, auch nicht von ihren nächtlichen Aktivitäten abhalten lassen.

Agent Clifton hätte sich am liebsten vor schierer Verzweiflung das bereits schüttere Haar gerauft, denn für ihn stand bereits in diesem Moment fest, dass auch die kommende Nacht mit einem Desaster enden würde und er wusste beileibe nicht, wie er es verhindern sollte.

Der Druck, der auf ihn ausgeübt wurde, wuchs von Tag zu Tag und erst gestern hatte sein direkter Vorgesetzter ihm nahe gelegt, etwas mehr Dampf hinter seine Ermittlungen zu legen, denn ansonsten sähe man sich gezwungen, seine Abteilung einem fähigeren Mann zu überantworten. Als wenn das etwas bringen würde, doch die Drohung stand im Raum und es konnte ihn den Kopf kosten, wenn er nicht endlich Ergebnisse vorweisen konnte.

Richard Clifton fragte sich zum wiederholten Mal in den letzten Stunden, womit er das alles verdient hatte. Und das war nur eine der Spitzen seines ganz persönlichen Dilemmas. Um ihm endgültig seine Laune zu verderben, hatte man ihm erst gestern eine Frau zur Verstärkung seines Teams geschickt.

Nicht, dass er etwas gegen Frauen gehabt hätte – im Gegenteil. Mit gespreizten Beinen, auf dem Rücken liegend, waren sie ganz annehmbar. Beim FBI hatten sie jedoch nicht das Geringste zu suchen; es sei denn, sie kochten Kaffee oder tippten die Berichte. Scheiß auf die Gleichberechtigung. Man sollte diese dumme Gleichstellungsbeauftragte lynchen.

Natürlich hatte er bei anderen Abteilungen um Hilfe ersucht. Das konnte man ihm ja wohl auch nicht verübeln, aber warum musste man ihm denn ausgerechnet eine Frau schicken? Er hatte weder Zeit, noch Lust, das Kindermädchen für so eine alberne Pute zu spielen, die absolut den falschen Job ergriffen hatte.

Und wenn es denn dann schon unbedingt eine Frau sein musste, warum musste diese Frau dann auch noch jung und schön sein?

Seit dem Tag, als sie in seiner Abteilung aufgetaucht war, zeigten seine durchweg männlichen Mitarbeiter leider mehr Interesse an den langen, schlanken Beinen und den wirklich einmalig türkisfarbenen Augen dieser Person, als an dem prekären Verschwinden der New Yorker Bevölkerung.

Diese kleine Möchtegern-Polizistin verursachte ihm ernsthafte Magengeschwüre. Seine männlichen Mitarbeiter und Kollegen zollten ihm Respekt und die allermeisten ließen sich von ihm auch recht leicht einschüchtern. Nicht so diese kleine Schlange, die man ihm in sein Nest gesetzt hatte. Sie war immun gegen scheinbar alles. Anscheinend auch nicht ganz zu Unrecht, denn wenn sie nicht gerade träumend aus dem Fenster sah, wie gerade eben, als er sie ertappt hatte, war sie überaus fleißig und gewissenhaft und ließ auch ihre männlichen Kollegen ganz schön alt aussehen.

Dabei benahm sie sich auch noch überaus korrekt, beinahe perfekt, … zu perfekt für seinen Geschmack. Der Leiter ihrer vorherigen Abteilung war voll des Lobes gewesen und hatte es zutiefst bedauert, seine fähigste Mitarbeiterin zu verlieren.

PAH! Fähigste Mitarbeiterin? Was mochte dieser Kerl denn ansonsten für Nieten in seiner Abteilung haben?

Auch in diesem Augenblick zog Shyrill Palmer wieder einmal alle Blicke auf sich und das obwohl man nicht gerade behaupten konnte, dass sie diesen Umstand in irgendeiner Art und Weise forcierte. Es war die Zartheit, die ihre gesamte Person ausstrahlte, die in jedem Mann unweigerlich den Beschützerinstinkt weckte. In jedem Mann mit Ausnahme von ihm selber. Obwohl sie einen Hang zu einfacher und sportlicher Kleidung hatte und nicht das kleinste bisschen Farbe ihr Gesicht mit den einmaligen Augen und der karamellfarbenen Haut verunzierte, war Agent Cliftons Hose in den letzten drei Tagen bereits mehrfach im Schritt sehr eng geworden, wenn diese Femme Fatale mit wiegenden Hüften und wehenden weißblonden Haaren an ihm vorbeigegangen war. Am liebsten hätte er sie in einem solchen Moment in ein leerstehendes Büro gezerrt und es ihr auf irgendeinem Schreibtisch ordentlich besorgt … und dies war sein allergrößtes Problem. Er befürchtete nicht zu Unrecht, dass er bei dieser Madonna keine Chance haben würde. Sie machte auf ihn leider nicht den Eindruck, als würde sie sich die Karriereleiter hochschlafen wollen.

Natürlich war Miss Perfekt auch in anderen Dingen eine überaus angenehme und kultivierte Person. Sie sprach nur das Allernotwendigste mit ihren Kollegen und man konnte durchaus davon ausgehen, dass alles, was diesen hübschen Mund verließ, auch wirklich nur mit ihrer Arbeit zusammenhing.

Agent Clifton hätte sich für diesen sinnlichen Mund durchaus auch noch andere Aufgaben vorstellen können und es kostete ihn eine Menge Willenskraft sich von diesem Gedankengang loszureißen.

Dieses verflixte Weibsbild musste doch eine Schwachstelle haben. Nur eine einzige, … die würde ihm schon genügen. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte keine finden. Ihre Zeugnisse, ihre Referenzen aus den anderen Abteilungen, waren so makellos, wie der Rest ihrer kleinen zarten Erscheinung, und obwohl sie neben ihm recht winzig und verloren wirkte, hatte sie für Richard Clifton etwas sehr Unheimliches an sich. Wenn sie ihn mit ihren großen türkisen Augen musterte, genau wie sie es in diesem Moment tat, dann hatte der Agent immer wieder das Gefühl, dass sie sein Inneres nach außen krempelte und alles Schlechte und Korrumpierte seiner Person für alle sichtbar bloßlegte. Ein Gefühl, welches ihm absolut nicht behagte und das wissende Lächeln, welches sich bei einer solchen Gelegenheit auf ihrem Gesicht zeigte, machte ihn fuchsteufelswild.

Wer war dieses grüne Gänschen denn schon, dass sie es wagte, ihn mit ihren Blicken zu maßregeln. Sie war ein Nichts, ein Niemand und sie würde sich ihm beugen, oder er würde sie zerbrechen und wenn es das Letzte war, was er tun würde.

Herablassend erwiderte er ihren Blick und fletschte dabei knurrend seine Zähne. „Nun, … Miss Palmer!“ Seine Stimme hatte einen unüberhörbar zynischen Unterton. "Ihr gekonnter Augenaufschlag bringt uns an dieser Stelle leider nicht weiter. Vielleicht könnten Sie zur Abwechslung ja mal etwas zu unserem Problem beisteuern, statt sich die Zeit damit zu vertreiben, aus dem Fenster zu starren. Schließlich hat man mir mehr als glaubhaft versichert, dass Ihre Intuition ihresgleichen noch nicht gefunden hat. Nur zu! Wir alle sind bereits mächtig gespannt auf Ihre weibliche Logik und könnten sicherlich ein klein wenig Inspiration Ihrerseits sehr gut gebrauchen.“

 Die Angesprochene zeigte keinerlei sichtbare Reaktionen und das obwohl der Tonfall ihres Vorgesetzten extrem beleidigend und zynisch gewesen war. Lediglich das stahlharte Funkeln ihrer Augen nahm an Intensität zu. Das explizit schlechte Benehmen ihres neuen Vorgesetzten zerrte so langsam aber allmählich an Shyrills bereits angegriffenem Nervenkostüm und es gelang ihr nur unter Aufbietung ihrer letzten Kraftreserven, ihre Fassung nicht zu verlieren. Es war wirklich langsam an der Zeit, dass ihm irgendjemand einmal seine Grenzen aufzeigte.

Trotz ihres innerlichen Grolls schob sie lediglich lässig ihre Hände in die Taschen ihrer Lederjacke und schlug dabei in einer sehr provokanten und unbekümmerten Art und Weise ihre Beine übereinander. Doch diese zur Schau gestellte Coolness täuschte. Jemandem, der Shyrill besser gekannt hätte, wäre beinahe sofort jener stahlharte, silbrige Glanz in ihren Augen aufgefallen, mit dem sie bereits so manch einen aufdringlichen Kollegen in seine Schranken verwiesen hatte. Ihre Stimme klirrte vor Kälte und die übrigen Anwesenden stöhnten entsetzt auf. In diesem Moment erlebten sie das Aufeinandertreffen zweier sehr unbeugsamer Charaktere und dies lief auf einen Showdown hinaus, den keiner der Anwesenden so wirklich erleben wollte, denn ein wütender Agent Clifton bedeutete zumeist nichts Gutes. Im besten Fall drohten ihnen Überstunden bis zum Erbrechen.

"Agent Clifton!! Ich hoffe, Sie werden mir meine weibliche Impertinenz verzeihen, aber mir ist da anscheinend eine Sache entgangen und Sie könnten mir mit Ihrer überragenden, männlichen Intelligenz ein wenig auf die Sprünge helfen. Es ist doch richtig, dass Sie diesen Fall bereits seit drei Wochen bearbeiten … wie es aussieht, … erfolglos!“ In Shyrill Palmer brodelte es und die nagenden Kopfschmerzen machten die ganze Sache auch nicht besser. Am liebsten hätte sie diesem aufgeblasenen, selbstgerechten Kerl ihre Kündigung auf den Tisch geknallt, aber diesen Gefallen wollte sie ihm dann doch nicht tun. Darauf wartete ihr neuer Vorgesetzter doch nur. Darauf, dass sie in dieser harten Männerwelt nicht würde bestehen können. Ein Chauvinist war er und zwar einer der ganz besonders üblen Sorte.

Beinahe mit heiterem Gesichtsausdruck führte Shyrill ihre Teetasse zum Mund und trank einen winzigen Schluck des bereits lauwarmen und abgestandenen Getränkes und dabei hätte sie sich am liebsten geschüttelt. An dieser Stelle gab sie ihrem Vorgesetzten die einmalige Gelegenheit puterrot anzulaufen, doch bevor dieser überhaupt über eine scharfe Antwort nachdenken konnte, setzte sie unbarmherzig nach.

„Manchmal lässt mich mein Gedächtnis leider im Stich, … Sie wissen schon; da sind zu viele Kuchenrezepte und Strickmuster drin und da wird es für andere Dinge schon mal ein bisschen eng.“

Nachdenklich legte Shyrill eine Hand an ihre Wange. „Wie lange bin ich denn eigentlich bereits in Ihrer Abteilung?? Ach ja, … richtig! Jetzt fällt es mir wieder ein! Es sind so ziemlich genau zwei Tage, … oder irre ich mich da?“

Vergnügt beobachtete Shyrill, wie der Mund ihres Vorgesetzten aufklappte, so als ob seine gesamte Kiefermuskulatur mit einem Schlag ihre gesamte Spannkraft verloren hätte, doch es kam ihr nicht in den Sinn, Mitleid mit diesem unangenehmen Menschen zu empfinden, schließlich kannte er auch keine Gnade, wenn es um ihre Person ging. Zudem wütete hinter ihren verkrampften Schläfen die Migräne gerade besonders schlimm, so dass sie sich zu Worten hinreißen ließ, die sie normalerweise wohl für sich behalten hätte.

„Ich kann mein Glück kaum in Worte fassen!! Sie trauen einer grünen Agentin zu, dass sie des Rätsels Lösung nach bereits zwei Tagen präsentieren kann, wobei Sie und Ihre gesamte Mannschaft nach 20 Tagen noch immer keine Antworten parat haben.“

In diesem Moment klappte Richard Cliftons Mund wieder zu und seine Hautfarbe wechselte von schlaganfallrot hin zu herzinfarktweiß. Erste unterdrückte Lacher wanderten durch die Reihen von Shyrills neuen Kollegen, doch sie war noch nicht fertig und so wanderten ihre Augen Blitze abschießend über die Mitarbeiter dieser Abteilung. Beinahe schlagartig verstummte jegliches verhaltene Gekicher.

„Des Weiteren möchte ich zu bedenken geben, dass meine überaus geschätzten Kollegen bereits sehr viel länger in diesen Fall involviert sind, als ich und wie es scheint, haben auch diese fähigen Mitarbeiter bisher noch nicht einen brauchbaren Hinweis liefern können. Wir verschanzen uns hier hinter Bergen von Akten, die nicht das Geringste hergeben und uns nicht einen Schritt weiterbringen. Wir sollten dort draußen sein, … wir alle! Wir verplempern hier nur unnötig Zeit mit albernen Meetings und Aktensortiererei. Zeit, die wir mit Sicherheit …“

„RRRUUUUUUUHHHHHEEEE!!!“ Der Chef der Spezialabteilung schoss nach vorne, und zwar so weit nach vorne, dass Shyrill den bitteren Geruch von Magensäure wahrnehmen konnte, der seinem Mund entströmte. Seine Stimme hatte mit einem Mal den Klang eines rostigen Türscharniers. „Miss Palmer …! Ich denke, dass ich ein geduldiger Mensch bin, doch genug ist genug! Ich glaube nicht, dass ich mir von einer kleinen, dummen Polizeibeamtin sagen lassen muss, wie ich meine Abteilung zu führen und wie ich die mir anvertrauten Fälle zu lösen habe.“

Agent Clifton richtete sich drohend zu seiner vollen Größe auf und Shyrill war heilfroh, auf diese Weise seinem penetranten Mundgeruch entkommen zu sein. Diese Geste war eindeutig dazu gedacht, sie einzuschüchtern, doch auch dieses männliche Imponiergehabe konnte Shyrill nicht wirklich beeindrucken. Eigentlich fand sie den Anblick ihres Vorgesetzten nur wenig imposant. Das Gegenteil war schon eher der Fall. Ihr neuer Boss hatte einen unübersehbaren Hang zur Fettleibigkeit und als er in diesem Augenblick seine Wangen vor gerechter Empörung aufplusterte, verschwanden seine kleinen, wässrig blauen Augen beinahe völlig in den sich auftürmenden Speckfalten. Trotz der tiefen Temperaturen perlten unablässig Schweißtropfen über seine hohe, flache Stirn mit den gut sichtbaren Geheimratsecken und es würde wohl auch nicht allzu lange dauern und ihr neuer Boss würde mit einer blank polierten Halbglatze durch die Gänge des FBI-Hauptquartieres hasten.

Nein, an diesem Menschen gab es nichts, was Shyrill hätte imponieren können, … im Gegenteil. Sie fand diesen Menschen dort vor ihr äußerst verabscheuungswürdig. Machte er doch auf sie den Eindruck, als wenn er es nötig hätte, sich selber zu erhöhen, indem er andere erniedrigte.

Und die ihr zugedachte Quittung ließ auch gar lange auf sich warten. Ein beinahe bösartiges Grinsen erschien auf Agent Cliftons Gesicht. „Machen Sie ruhig weiter so und ich werde derjenige sein, der mit Freuden dafür sorgen wird, dass Sie Ihre Laufbahn als kleine Streifenpolizistin beenden werden."

2

Kreuzdonnerwetter noch einmal. Hätte sie denn nicht ein einziges Mal ihre große Klappe im Zaum halten können. Nur ein einziges Mal. Den Schlamassel, in dem sie jetzt steckte, hatte sie einzig und alleine sich selber zuzuschreiben. Man hatte sie ja schließlich nicht ohne Grund vor diesem Choleriker gewarnt.

Eigentlich hätte sie bereits vor über einer Stunde Feierabend gehabt, doch ihr überaus übel gelaunter Boss hatte sie noch mit einem Spezialauftrag gesegnet. Shyrill erinnerte sich noch sehr genau an sein süffisantes Grinsen, als er ihr am Ende des Meetings mitgeteilt hatte, dass noch irgendjemand raus nach Harlem fahren müsste, um diverse Zuhälter, Dirnen und Türsteher zu befragen, und dieser Jemand würde sie sein, da sie sich ja so augenscheinlich um den Außendienst zu reißen schien.

Dieser Mistkerl. Er hatte ziemlich gezielt das Voyage für sie herausgesucht, … seine kleine persönliche Rache an ihr.

Shyrills bleiche, klamme Finger krallten sich wütend um das Sportlenkrad ihres lackschwarzen 3’er BMW’s. Und das gerade heute, wo sie einen solchen Mist nun wirklich nicht gebrauchen konnte.

„Scheiße, … Scheiße, … Scheiße, …“ Wütend schlug sie auf das weiche Leder des Lenkrades ein, während sie den schweren Wagen durch den dichten New Yorker Feierabendverkehr manövrierte.

Eine neue Welle von Schmerzen jagte durch ihren migränegeplagten Kopf und ein schier unerträgliches Summen, wie von einem Hornissenschwarm erfüllte ihren gesamten Schädel und schien ihn hinwegsprengen zu wollen.

Direkt vor ihrem Wagen schlug eine Ampel auf Rot um und Shyrill haute ihren Fuß auf die Bremse. Dicht aneinandergedrängt und mit hochgeschlagenen Mantelkrägen hasteten dutzende Personen über die Straße. Alle hatten es verdammt eilig aus dem eiskalten Dauerregen herauszukommen, der seit ein paar Tagen die Stadt beherrschte. Und nicht nur aus diesem Grunde hatten die Menschen es eilig, in ihre schützenden Behausungen zu kommen. Niemand wusste, was in der Stadt umging und wann der nächste New Yorker Bürger verschwinden würde. Aus gutem Grund hatten die Menschen Angst. Trotz all der Ängste und Unsicherheiten schien rund um sie herum das Leben in der Metropole zu pulsieren, beinahe so, als wenn es einem gewissen Plan, einem bestimmten Rhythmus folgen würde.

In der letzten Zeit hatte Shyrill immer öfter den Eindruck, als wenn sie nicht mehr zu diesem Rhythmus gehören würden, so als ob ihr Puls anders schlagen würde, als der der Allgemeinheit. Irgendwie plätscherte das Leben leer und inhaltslos an ihr vorbei und gerade in den letzten Tagen fragte sie sich zum wiederholten Mal, ob dies alles war. Diese sinnlose Aneinanderreihung von Minuten, … Stunden, … Tagen. Eine innerliche Leere hatte sich in ihr breit gemacht, zu der sich in diesem Moment auch noch eine gewisse emotionale Kälte gesellte. Ein Gefühl, nicht dazu zu gehören, anders zu sein, erfüllte sie seit neuestem und es ließ sich beim besten Willen nicht wieder abstellen.

Am liebsten hätte Shyrill sich in ihr kuscheliges Bett verkrochen und sich ein Kissen auf den schmerzenden Kopf gepresst, stattdessen drehte sie beinahe unbewusst den Lautstärkeregler ihres Radios höher, um die vielen Stimmen in ihrem Kopf zum Schweigen zu bringen.

Aus den Hightech-Lautsprechern plärrte gerade der Song „Last Chrismas“… Tolles Weihnachten.

Ein neuerlicher Krampfanfall zog schmerzlich ihre Kopfhaut zusammen und sie hätte am liebsten vor lauter Schmerz geweint. Wie viele Tabletten hatte sie eigentlich in den letzten Tagen eingenommen, nur um diesen übelkeitserregenden Schmerzen und ihren Erinnerungen zu entkommen? Sie hatte damit weder das eine, noch das andere in den Griff bekommen und während sie dem beständigen Hin und Her der Scheibenwischer dabei zusah, wie diese versuchten, der Wassermassen Herr zu werden, überkamen sie all jene Erinnerungen, welche sie jahrelang erfolgreich verdrängt hatte. Und mit diesen Erinnerungen kam zu dem bereits vorhandenen Schmerz ein neuer hinzu.

Neunzehn lange Jahre waren seitdem vergangen, doch Shyrill erinnerte sich an diesen Abend noch genauso, als wäre all dies alles erst gestern geschehen. Sie erinnerte sich noch genau an den Duft der weichen, silbrigen Haare ihrer wunderschönen Mutter – ein Duft nach Kräutern und Blumen, nach einer voll erblühten Sommerwiese – ein Duft, der in der Nase kitzelte und an warmen Sonnenschein denken ließ. Noch immer glaubte sie die Weichheit ihrer Haut zu fühlen und ihre Arme zu spüren, welche sie liebevoll umfangen hielten.

Es war ein Tag wie dieser gewesen, der ihr alles genommen hatte. Ein Tag kurz vor Weihnachten. Ein eiskalter Wind hatte Regenschleier durch die trüben, nassen Straßen getrieben, wobei er die letzten vertrockneten Blätter von den Bäumen gerissen hatte. Diese Bäume, welche die Straße säumten, auf der sie lebte, hatten in ihrer Kindheit immer etwas Furchterregendes an sich gehabt. Schleichende Schatten, die des Nachts krallenbewehrt über die Wände ihres Kinderzimmers wanderten, wie Trolle, die nur darauf warteten, Shyrill in ihr finsteres Reich zu zerren.

Ihrer Granny hatte sie ihre Ängste immer anvertrauen können und wenn sie mal wieder nicht einschlafen konnte, weil die Monster sie ganz besonders heftig quälten, dann hatte sie sie auf ihren Schoß gezogen und ihr von wunderschönen Feenprinzen erzählt und von einem ganz besonderen Prinzen, der nur darauf warten würde, sie aus den Klauen der Trolle befreien zu können. Ein Prinz auf einem großen weißen Ross mit einer goldenen Rüstung, … und sie hatte ihr geglaubt.

An jenem Abend hatte sie am Fester ihres Zimmers gestanden und dabei zugesehen, wie ihre Eltern in die schwere Limousine stiegen, um zu irgendeinem Galadiner zu fahren. In diesem Moment hatte sich eine eiskalte Hand auf ihr Herz gelegt und Angst drohte sie zu ersticken. Am liebsten wäre sie dem davonfahrenden Wagen hinterhergelaufen, um ihre Eltern zu bitten, sie mitzunehmen, … wohin auch immer sie gehen würden – doch sie tat es nicht.

Granny, die immer dann auf sie aufpasste, wenn ihre Eltern zu ihren zahlreichen, gesellschaftlichen Verpflichtungen unterwegs waren, hatte sie liebevoll von hinten umfangen und sie mit den Worten getröstet, dass ihre Eltern ja bald zurück sein würden. Wie sehr sich ihre Großmutter doch in diesem Augenblick getäuscht hatte.

Mitten in der Nacht, Shyrill hatte gerade davon geträumt, von einem starken Helden gerettet zu werden, stand ihre Großmutter mit einem Mal an ihrem Bett und dicke Tränen waren über ihre runzeligen Wangen gelaufen. Es hatte einen Unfall gegeben, … auf der glatten, schmierigen Straße …

Es hatte sehr lange gedauert, bis Shyrill begriffen hatte, dass ihre Eltern nie mehr nach Hause kommen würden. Das sie ihre tröstliche Nähe nie mehr spüren würde. Fünf Jahre war sie alt gewesen, als sie zur Vollwaise wurde und wäre Granny nicht gewesen, ihre einzige noch lebende Verwandte, dann wäre sie wohl in einem staatlichen Waisenhaus aufgewachsen. Wobei sie bis heute noch nicht wirklich wusste, ob das nicht besser für sie gewesen wäre.

In der gleichen Nacht hatten auch die Alpträume begonnen. Jene Alpträume, die ihre gesamte Kindheit zu einem einzigen Horror aus Blut, Tod und Gewalt gemacht hatten.

Ein durchdringendes Hupen hinter ihr ließ Shyrill erschrocken zusammenfahren. Die Ampel zeigte bereits ein leuchtendes Grün, welches sich auf dem nassen Asphalt in zahlreichen Pützen wiederspiegelte. Seufzend legte Shyrill den ersten Gang ein und schlängelte sich weiter durch den dichten Verkehr. Ihr Ziel, das Voyage, lag direkt vor ihr. Ein Gothic-Schuppen der übelsten Sorte im Stadtteil Harlem. Schmuddelig, verkommen und gefährlich. Beileibe nicht das Pflaster, wo man eine Frau alleine hinschickte und erst recht keine Polizeibeamtin. Beinahe in jeder Nacht gab es in diesem Laden irgendwelche Vorfälle, welche die Polizei auf das Programm riefen. Shyrill hatte gehört, dass dort tatsächlich satanische Orgien abgehalten wurden und man dort auch bereits Ritualmorde vollzogen hatte.

Allerdings hatte es vor kurzem einen Besitzerwechsel gegeben und man munkelte, dass sich seitdem die Zustände dort gebessert hatten.

Trotzdem war es ein gefährliches Pflaster und Shyrill schwor sich, auf der Hut zu sein.

 

Bereits im Eingangsbereich bekam sie einen ersten Vorgeschmack von dem, was sie drinnen erwarten würde. Der Türsteher, welcher eigentlich dafür sorgen sollte, dass zwielichtige Subjekte draußen blieben, wobei das eigentlich ein blanker Hohn war, bei dem Klientel, welches das Voyage aufsuchte, war so sehr beschäftigt, dass er Shyrill nicht einmal bemerkte.

An seinem Hals hing ein junges Ding mit langen, rabenschwarz gefärbten Haaren, welche die schwarze Bluse beinahe bis zum Bauchnabel aufgeknöpft hatte. Ihre blanken Brüste pressten sich aufreizend gegen die gewaltigen Muskelberge des Mannes, der mit seinen Händen den Rock des Mädchens nach oben geschoben hatte, während seine Finger an einer besonders intimen Stelle der jungen Frau ruhten. Diese gab kleine, lustvolle Seufzer von sich und rieb sich an dem mächtigen Körper entlang, als wollte sie ihn dazu animieren, sie gleich hier und jetzt auf dem nassen Boden zu nehmen. Und der gewalttätig aussehende Kerl machte nicht den Eindruck, als wenn er ein solches Angebot ausschlagen würde.

Eine flammende Röte schoss in Shyrills Wangen und sie hatte es mit einem Mal verdammt eilig, möglichst unauffällig an den Beiden vorbei zu kommen.

Drinnen schlug ihr beinahe sofort ein Schwall von Rauch- und Alkoholdunst entgegen. Und es roch nach Sex, … nach den schweren moschusartigen Ausdünstungen nackter Körper. Düstere Flashlights zuckten durch den riesigen Raum, tauchten die Tanzfläche in eine gespenstische Atmosphäre. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich ihre Augen an das diffuse Licht gewöhnt hatten, doch dann sog sie hörbar die Luft ein, nur um sie gleich darauf entsetzt keuchend durch ihre kleinen, perlweißen Zähne zu pressen.

Überall erblickte sie bleich geschminkte, schwarz gekleidete Menschen. Künstliche Kontaktlinsen in den schrillsten Farben und den utopischsten Designs blitzten in den künstlichen Kaskadenlichtern auf und gaben den Tanzenden ein dämonisches Aussehen. Wo sie auch hinsah, entdeckte sie halbnackte Paare. Auf der Tanzfläche, … in den Nischen, ja selbst an der Bar.

„Himmelherrgott! Wie abartig“, dachte Shyrill, während ihr erneut eine flammende Röte ins Gesicht schoss.

Unschlüssig und peinlich berührt stand sie am Rande der Tanzfläche, die angefüllt war, mit sich betatschenden Menschen, die sich zum Klang einer lauten, erotischen Musik umeinander wanden, als wollten sie den Akt gleich vor ihr, auf dem Fußboden vollziehen. Das Summen in ihrem Kopf schwoll zum wiederholten Male an diesem Abend an und mit einem Mal übermannte Shyrill das Gefühl, dass man sie beobachten würde. Eiskalte Finger schienen über ihre Haut zu wandern. Ein kühler Blick, der nach ihr zu greifen schien. Doch obwohl sie sich suchend umsah, konnte sie nichts Verdächtiges entdecken. Trotzdem. Das beklemmende Gefühl blieb …

Schulterzuckend wandte sie sich wieder der Tanzfläche zu und begann, sich einen Weg durch dieses menschliche Gewimmel zu bahnen. Sie wurde geschubst, beiseite geschoben und die ein oder andere Hand verirrte sich auch schon mal auf ihrem Hintern in der knackigen Jeans. Am liebsten hätte Shyrill Reißaus genommen. Die Luft war zum Schneiden dick und machte das Atmen zur Qual.

Sie hatte gerade die Mitte der Tanzfläche erreicht, als sie erneut spürte, dass man sie beobachtete. Beinahe sofort stellten sich ihre feinen Nackenhärchen alarmiert auf und eine leichte Gänsehaut kroch über ihren Rücken, trotz der Hitze, die in diesem Etablissement herrschte. Beinahe wie von selbst fanden ihre Augen die Quelle ihres Unwohlseins und blieben an einem Mann hängen, der mit fünf weiteren Männern in einer der zahlreichen Nischen saß. Obwohl alle sechs Männer imposant und atemberaubend anzusehen waren, ragte dieser doch eindeutig aus der Gruppe hervor – und das nicht nur, was seine Größe betraf. Denn obschon er saß, konnte Shyrill erkennen, dass er riesig war. Ein wahrer Hüne. Seine hüftlangen, nachtschwarzen Haare, welche glänzten, wie Rabenschwingen und die im Nacken von einem ebenfalls schwarzen Seidenband zusammengehalten wurden, ließen in ihr beinahe sofort den Wunsch aufkommen, ihre Hände in dieser weichen Fülle zu vergraben. Sein kantiges, männliches Gesicht mit den sinnlich aufgeworfenen Lippen wurde dominiert von einer dunklen, spiegelnden Sonnenbrille. Schwarze Lederhosen und ein ebenfalls schwarzer Rippstrickpulli vervollständigten seinen finsteren Aufzug. Shyrill konnte seine Augen zwar nicht erkennen, war sich aber ziemlich sicher, dass dieser Kerl sie in einer sehr unverschämten Art und Weise musterte. Sie schluckte mühsam. Diesen Mann umgab eine Aura aus Macht und Gewalt, die so präsent war, dass sie ihr die Luft zum Atmen nahm.

Der Fremde zog anzüglich lächelnd einen Mundwinkel in die Höhe und Shyrill überkam beinahe im gleichen Moment ein heftiges Deja Vu. Es kam ihr so vor, als wenn ihr dieses unvergleichliche Gesicht mit den finster zusammengezogenen Brauen seltsam vertraut wäre, doch ihr wollte beim besten Willen nicht einfallen, wo und bei welcher Gelegenheit ihr dieser Adonis mit den Schrankwandmaßen bereits begegnet war. So einen Mann konnte man beim besten Willen nicht übersehen, geschweige denn vergessen.

Der Blick dieses Kerls schien sie mitten auf der Tanzfläche, dort wo sie stand, ausziehen zu wollen. In lasziver Art und Weise wanderten seine Augen über ihre zierliche Gestalt und trotz, oder gerade wegen seinem unverschämten Benehmen, rieselte ein wohliger Schauer durch sie hindurch, so als ob seine langen Finger über ihre bloße Haut wandern würden. Ein kehliges Seufzen drang wie von selber aus ihrem Mund, während sich die sinnlichen Lippen ihres Beobachters zu einem wölfischen Grinsen verzogen, wobei eine Reihe von schneeweißen Zähnen in dem rötlichen Licht aufblitzten.

Shyrill blinzelte verwirrt, so als ob sie aus einer Art Trance erwachen würde. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte es so ausgesehen, als ob die Reihe weißer, makelloser Zähne entstellt gewesen wäre, … entstellt durch Reißzähne, wie die von einem Wolf.

„Jetzt reiß dich aber mal zusammen“, dachte sie und schüttelte unwillig den Kopf, so dass ihre silberblonden Locken haltlos um sie herum flogen. „Fangzähne? Wo gibt es denn so etwas …“

Für einen winzigen Augenblick verlor sie den Blickkontakt zu dem gefährlich anmutenden Fremden, da sie von einem hochgewachsenen, schlacksigen Bürschlein mit roten Reptilienkontaktlinsen und einem verschwitzten, pickeligen Gesicht angerempelt wurde. Jede Menge Altmetall verunzierte das jugendliche Gesicht und beinahe wie von selbst, landete dessen Pranke auf ihrem Hinterteil in der beigefarbenen Jeans. Er besaß sogar die Frechheit und drückte dabei herzhaft zu.

„Verdammter Bengel! Nimm deine kleinen Patschpfoten von mir, sonst passiert hier ein Unglück!“ Sie knuffte dem aufdringlichen Jüngling ihren Ellbogen hart in die Rippen und war nicht wenig überrascht, als dieser sie daraufhin dreist angrinste.

„Hast nen knackigen Hintern! Da macht das Hinlangen Spaß. Ich glaube, mit dir würden mir auch noch ganz andere Dinge Spaß machen … Wie wäre es?“

Die Situation wäre beinahe komisch gewesen, aber eben nur beinahe. Nun gut, anscheinend brauchte dieses Kerlchen eine Lektion in gutem Benehmen. Mit einer blitzartigen Drehung brachte Shyrill ihren Hintern aus dem Gefahrenbereich, während gleichzeitig ihre Handkante knallhart auf sein Handgelenk krachte. Das Bürschlein jaulte auf, wie ein waidwundes Tier und zischte Shyrill wütend an.

„Du Schlampe, … du gottverfluchte Schlampe … du hast mir das Handgelenk gebrochen. Das, … das hast du … "

„Pass nur auf, dass ich dir nicht gleich noch andere Dinge breche“, säuselte Shyrill und hob drohend ihre geballte Faust, woraufhin ihr aufdringlicher Verehrer ein Spur blasser wurde und sich eiligst durch die Menschenmenge davonmachte.

Als Shyrills Blick nach diesem kurzen Intermezzo erneut auf die Nische mit der aufsehenerregenden Männergruppe fiel, waren diese verschwunden. Der Platz, den der hünenhafte Kerl ausgefüllt hatte … seltsam leer. Shyrill ließ ihren Blick suchend durch den riesigen Raum wandern, doch bei dieser Masse an Menschen bestand nicht die geringste Aussicht darauf, ihn zu finden. Der breitschultrige Fremde war und blieb verschwunden.

Schulterzuckend wandte sie sich ab und wollte näher an die Bar heran, doch beinahe im gleichen Augenblick rollte eine Welle von Schmerzen über sie hinweg. Ihr Schädel schien mit einem Mal in lodernden Flammen zu stehen. Heiß, brennend und unbarmherzig biss der Schmerz zu. Die hämmernde Musik wurde in ihren überempfindlichen Ohren zu einem schrillen, alarmierenden Kreischen, während die rauchgeschwängerte Luft ihr schier den Magen herumdrehte. Schwarze und rote Pünktchen tanzten vor ihren Augen während sie sich beinahe panisch einen Weg durch die Menschenmenge bahnte. Der Raum wirkte mit einem Mal verzerrt, die Menschen in ihm abstoßend und hässlich. Sie musste raus, und zwar sofort. Sie musste fort von den flackernden Lichtern, dem Lärm und den vielen Menschen mit ihren animalischen Ausdünstungen.

Beinahe völlig blind stolperte sie auf die nächstbeste Tür zu und zog diese auf. Sie torkelte hinaus in die frische Nachtluft und ließ sich aufseufzend gegen die schmutzige, nasse Wand sinken. Tief saugte sie den Sauerstoff in ihre strapazierten Lungen und beinahe schlagartig verebbte das wilde Reißen hinter ihren Schläfen, wurde nach und nach zu einem dumpfen, lauernden Pochen.

Einen solch schlimmen Anfall hatte sie noch nie gehabt und so langsam bekam sie es mit der Angst zu tun. Seit drei Tagen hatte sie immer wieder diese Schmerzattacken. Sie kamen ohne ersichtlichen Grund und ohne irgendeine erkennbare Vorwarnung und sie machten ihre Tage zu einer Hölle aus Schmerz. Selbst die stärksten Schmerzmittel boten keine Linderung und Shyrill konnte nur hoffen, dass sie nicht ernsthaft krank war.

Regentropfen perlten über ihr erhitztes Gesicht und sie vernahm noch immer überdeutlich die Musik aus der Bar und die Geräusche der Nacht, beinahe so, als wenn all ihre Sinne um ein vielfaches schärfer und fokussierter arbeiten würden. Selbst die Gerüche schienen ihre Nase intensiver zu erreichen.

Im Augenblick war der Schmerz erträglich, doch Shyrill wusste mittlerweile, dass er jederzeit wieder über sie herfallen konnte, wie ein wildes, reißendes Tier. Vorsichtig öffnete sie ihre empfindlichen Augen und sah sich um.

Sie befand sich in einem einsamen, finsteren Hinterhof, der von hohen, heruntergekommenen Häusern umgeben war. Dunkle, schwarze Löcher, dort wo einst Fenster gewesen waren zeugten davon, dass die meisten dieser Häuser mittlerweile verlassen waren und maximal den Stadtratten und den Pennern Zuflucht boten. Nicht der geringste Lichtschein ließ darauf schließen, dass noch eines dieser Häuser bewohnt war. Zahlreiche Graffitis verunzierten den nassen, grauen Beton und die schrillen Farben stachen unangenehm grell in Shyrills immer noch empfindliche Augen. Ein unbestimmbarer Geruch nach Fäulnis, Verwesung und menschlichen Exkrementen lag in der Luft und Shyrills Magen drehte sich erneut um die eigene Achse. Würgend und ächzend krallte sie sich an einem großen Metallcontainer fest und hätte am liebsten ihren Mageninhalt von sich gegeben. Sie fühlte sich einfach nur noch schwach und krank.

Torkelnd stieß sie sich von dem Container ab und trat in den Innenhof hinaus. Sie musste zurück zur Straße, zu ihrem Auto, doch um nichts in der Welt hätte sie noch einmal diesen Nachtclub betreten. Es musste einfach einen anderen Weg geben. Zur Not durch die Finsternis dieser verwinkelten Hinterhofgassen.

Es war beängstigend ruhig in dem stockfinsteren Hof und Shyrill hoffte auch, dass dies so bleiben würde. In ihrem angeschlagenen Zustand würde sie einen Zusammenstoß mit irgendwelchen zwielichtigen Subjekten wahrscheinlich nicht besonders gut überstehen. Ihre Beine fühlten sich an wie Gummi und der schmierige, glitschige Belag unter ihren Füßen machte die Sache auch nicht viel besser. Shyrill war beinahe froh, dass sie nicht erkennen konnte, was sich unter ihr auf diesem Boden so alles tummelte.

Sie tastete sich weiter vorsichtig durch die Dunkelheit, die den Schmerz in ihrem Kopf langsam abklingen ließ. In weiter Ferne konnte sie nach kurzer Zeit einen schwachen Lichtschein ausmachen – dort musste die Straße sein. Zumindest glaubte sie, dass sich dort die Straße befand. Rutschend und schlitternd bewegte sie sich auf den schwachen Lichtschein zu und dieser wurde tatsächlich von Meter zu Meter größer.

Plötzlich vernahm sie zu ihrer Linken ein lautes Poltern, dem ein erstickter Schrei folgte. Shyrill fuhr herum und starrte angestrengt in eine finstere Passage hinein, die in einen weiteren Innenhof zu münden schien. Ein seltsames Geräusch drang durch die Finsternis an ihre Ohren. Ein komisches Schlürfen, ein seltsam feuchtes, blubberndes Schmatzen. Ein irgendwie grauenvoller Laut.

Ohne lange nachzudenken, zog Shyrill ihre Dienstwaffe aus ihrem Schulterholster und rannte los, so schnell ihre wackeligen Beine es ihr erlaubten.

Das schmatzende, feuchte Gurgeln in der Finsternis, die sich vor ihr ausdehnte, wie ein dunkler Teppich, wurde immer lauter, während sie durch die nachtschwarze Passage hastete. Mittlerweile hatten sich ihre Augen so sehr an die Dunkelheit gewöhnt, dass sie erste schemenhafte Umrisse erkennen konnte.

Direkt vor ihr befand sich ein weiterer Innenhof in dem sich riesige Müllcontainer dicht aneinanderdrängten. Zwischen zwei Containern, aus denen bereits der Müll hervorquoll und sich auf dem nassen Asphalt verteilte, erkannte sie die am Boden hockenden Umrisse eines Menschen.

Langsam pirschte sie sich näher heran, denn schließlich konnte man nie so genau sagen, mit was für einem Irren man es zu tun bekam. Je näher sie kam, desto mehr Einzelheiten konnte sie erkennen.

Der am Boden hockende Kerl hatte extrem breite Schultern und die bleiche Haut seiner bloßen Arme zeigte enorme Muskelberge. In seinen klauenartigen, bleichen Händen hielt er etwas gepackt, das aussah, … aussah, wie ein Mensch. Ein weiterer Mann, welcher erstickte, sprudelnde Laute von sich gab, so als würde er gerade ertrinken.

Shyrill wusste, dass sie unverzüglich handeln musste, denn ansonsten würde dieser finstere Hüne den Mann in seinen Klauen einfach umbringen.

„HE, … Sie da! Sie werden jetzt augenblicklich Ihre Hände von dem Mann nehmen!“ Shyrill richtete ihre Waffe auf den schemenhaften Umriss und versuchte, ihrer Stimme einen festen Klang zu verleihen.

„Nehmen Sie die Hände nach oben, so dass ich sie sehen kann! Schön langsam, … Mann! Keine hastigen Bewegungen!“

Mit einem Klicken entsicherte sie ihre Walther. “Kommen Sie bloß nicht auf dumme Gedanken. Ich bin bewaffnet und werde notfalls von der Schusswaffe Gebrauch machen!“

Ihre laute Aufforderung schien auf den großen Kerl nicht den geringsten Eindruck zu machen, denn sein Kopf klebte weiterhin wie festgewachsen am Hals seines Opfers. Was trieb dieser Scheißkerl da eigentlich?

Shyrill trat näher heran, um die Lage besser einschätzen zu können, doch mit einem Mal gefror ihr das Blut in den Adern. Dieser Mistkerl hatte sich in der Kehle seines Opfers verbissen und es sah so aus, als ob er das hervorsprudelnde Blut in sich hinein schlürfen würde. Überall war Blut. Es benetzte das ehemals weiße Hemd des Opfers und es benetzte auch einen großen Teil des freien Oberkörpers des abartigen Täters. Das gurgelnde Geräusch und das erkannte Shyrill in diesem Augenblick mit erschreckender Klarheit, war nichts anderes, als das Ersticken des Opfers, an seinem eigenen Blut.

„Scheiße …!“ Shyrill riss die Waffe hoch und gab einen Warnschuss in die Luft ab. Knurrend und fauchend ließ der Irre von seinem Opfer ab und Shyrill sah in ein Gesicht, wie es nur einem kranken Alptraum entsprungen sein konnte. Tiefrot glühende Augen in finsteren Höhlen liegend starrten sie voller Grausamkeit und Hunger an. Den Mund hatte dieses Ding weit aufgerissen und es entblößte dabei eine Reihe rasiermesserscharfer, spitzer Zähne, von welchen das Blut des Opfers herabtropfte und über die bleiche Haut des spitzen Kinns lief. Dort, wo eigentlich eine Nase sein sollte, befanden sich lediglich zwei winzige, kohlschwarze Löcher, während die Gesichtshaut dieses menschenähnlichen Monsters wie gräuliches Pergamentpapier schimmerte. Der Unhold war gekleidet, wie einer dieser Grufties, welche sich im Voyage herumgedrückt hatten. Schwarze Lederklamotten die mit seiner bleichen Haut in einem übelkeitserregenden Kontrast standen, bedeckten seinen sehnigen und faserigen Körper und eine schlecht zu erkennende Tätowierung rankte sich um beide Arme und wanderte hinauf bis zu seinem Stiernacken.

„Heiliges … Kanonenrohr …Was … was … ist das?“ Shyrill keuchte entsetzt auf.

Mit einem wütenden Fauchen auf den blutbesudelten Lippen sprang das Horrorwesen auf die Füße und setzte sich in Bewegung.

„HALT! Sofort … stehenbleiben!“ Shyrills Stimme klang in ihren eigenen Ohren zittrig und brüchig.

Hastig legte sie ihre Dienstwaffe an, doch dass menschenartige Geschöpf mit den langen, verfilzten Haaren ließ durch nichts erkennen, dass es vorhatte, ihren Anweisungen Folge zu leisten.

Dieser Alptraum kam mit schnellen, seltsam abgehackten Schritten näher und näher. Dabei hatte er seine Hände zu Klauen gekrümmt und es schien ihm beileibe egal zu sein, dass sie mit einer scharfen Waffe auf ihn zielte.

Shyrill versuchte es ein letztes Mal. “Blei … bleiben Sie, wo Sie sind! Ich … werde schießen!“

Doch auch dieser Appell verhallte ohne sichtliche Reaktion. Dieses Ding kam näher und näher und es beschleunigte dabei sein Tempo. Noch neun Meter, … sieben, … fünf …

Auf diese Distanz würde sie gar nicht vorbeischießen können. Ihr Finger krümmte sich um den Abzug.

Mit einem hässlichen Wummern durchschlug das Projektil die linke Kniescheibe ihres Angreifers. Shyrill beobachtete, wie die Wucht des Einschlags diesen Irren nach hinten warf, doch falls sie gehofft hatte, dass dieser Abschaum jetzt wimmernd zu Boden gehen würde, dann sah sie sich beinahe in der gleichen Sekunde getäuscht. Weder schrie dieses Geschöpf vor Schmerzen auf, noch ging es zu Boden. Stattdessen riss dieses Ding sein tierhaftes Maul auf und entblößte mit einem bösartigen Knurren die spitzen Zahnreihen, von denen grünlicher Geifer tropfte.

Erneut setzte sich dieser zu Fleisch gewordene Alptraum in Bewegung, dieses Mal allerdings schneller als zuvor.

„Das kann doch nicht wahr sein.“ Shyrill riss erneut die Waffe hoch, wobei ihre Hände in diesem Moment deutlich zitterten. Dann drückte sie ab.

Obwohl es zwischen dieser Häuserschlucht finster war, konnte Shyrill deutlich die riesige Wunde erkennen, die das Projektil ihrer Waffe zwischen den Augen dieses Psychopathen gerissen hatte. Schwarzes Blut spritzte fontänenartig aus der tödlichen Wunde.

Aufatmend wartete Shyrill darauf, dass dieses Monstrum zu Boden ging, doch selbst jetzt wollte sich die gewünschte Reaktion nicht einstellen. Dieses, … was auch immer es sein mochte, schüttelte einmal kurz seinen tierhaften Schädel, nur um sich dann erneut in Bewegung zu setzen und dieses Mal kam er Shyrill verdammt nahe.

Fassungslos starrte diese zuerst auf ihre Waffe und dann auf das sich rasch nähernde Alptraumgeschöpf. Buchstäblich im allerletzten Moment warf sie sich herum und tauchte strauchelnd unter den zuschnappenden Klauen des Ungetüms weg. Blitzschnell wirbelte sie herum und riss erneut ihre Arme mit der Waffe in die Höhe. In schneller Folge entleerte sie ihr gesamtes Magazin, … präzise gesetzt war jeder diese Schüsse ein Volltreffer. Damit erreichte sie jedoch lediglich, dass sich hoch über ihrem Kopf eines der zahlreichen Fenster öffnete und irgendeine vulgäre, kratzige Frauenstimme aus dem Haus herausbrüllte, dass man bei diesem Lärm ja wohl unmöglich arbeiten könnte und das dies verdammt mies für ihr Geschäft wäre. Bevor Shyrill jedoch um Hilfe schreien konnte, wurde das Fenster bereits wieder mit einem lauten Scheppern zugeschmissen.

Das Monstrum hatte sich in der Zwischenzeit bereits wieder gefangen und befand sich jetzt genau zwischen Shyrill und der rettenden Passage. Siegessicher grinsend fletschte es die grauenerregenden Zähne und Shyrill vermeinte beinahe zu spüren, wie sich diese alptraumartigen Hauer in ihr Fleisch bohrten. Das Herz schlug ihr bis zum Halse und ihre Kehle schnürte sich grausam zusammen. Das, was da vor ihr stand, war mit Sicherheit kein normaler Mensch. Doch wenn es kein Mensch war, … was war es denn dann?

Im gleichen Augenblick erfolgte der Angriff. Noch einmal schaffte Shyrill es, den nach ihr greifenden Klauen auszuweichen, doch dieser Abschaum, der aus den tiefsten Höllen hervorgekrochen zu sein schien, war wieselflink. Sie spürte einen schmerzhaften Ruck an ihrer Kopfhaut, als sich seine Krallen in ihr langes Haar gruben. Dieser monströsen Kraft hatte sie rein gar nicht entgegen zu setzen. Die nutzlose Waffe entglitt ihren Händen und sie ging aufschreiend zu Boden. Beinahe gleichzeitig zuckte ein greller Schmerz durch ihre rechte Handfläche und warmes, dunkelrotes Blut sickerte aus einer tiefen Schnittwunde. Der Geruch ihres hervorquellenden Blutes schien ihren Angreifer noch rasender zu machen. Knurrend, geifernd und zähnefletschend warf er sich auf sie und Shyrill schaffte es nur unter Aufbietung all ihrer Kraft, ihre Beine anzuziehen, und den Angreifer von sich zu stoßen. Mühsam stemmte sie sich in die Höhe, doch noch bevor sie sich gänzlich aufrichten konnte, hatte die Bestie sie von hinten umklammert. Erst jetzt bemerkte sie den Geruch von Fäulnis und Verwesung, welcher der schmuddeligen, rissigen Lederbekleidung ihres Peinigers entströmte. Ein einzelnes, grauenerregendes Wort schoss ihr in den Sinn.

„Vampir …“

Die Hauer des Monstrums waren ihrem ungeschützten Hals jetzt so nahe, dass sie seinen nach Tod riechenden Atem auf ihrer bloßen Haut spüren konnte. Gleich würde dieses Ding zubeißen und es würde sie hinabreißen in einen Strudel aus Blut, Gewalt und Tod. Keuchend versuchte Shyrill sich loszureißen, doch die Arme ihres Angreifers waren wie Stahlklammern. Ein Entkommen schien unmöglich. Entsetzt schloss sie die Augen und erwartete den Schmerz, der unweigerlich kommen musste.

„Wenn ich du wäre, … dann würde ich das lassen!“

Die Stimme, welche Shyrill eine kurze Gnadenfrist beschert hatte, war keinesfalls laut gewesen, besaß jedoch die Macht und die Kraft eines grollenden Donners. Sie war klirrend kalt und von einer solchen Machtfülle, dass sie überrascht die Augen aufriss.

Ein riesenhafter, breitschultriger Schatten trat aus der finsteren Passage in den dunklen Innenhof. Breitbeinig blieb er in dem schmalen Durchgang stehen, den Blick zu Boden gerichtet, so dass seine langen, schwarzen Haare wie ein seidener Fächer sein Gesicht verbargen. Seine Hände steckten locker in den Taschen seiner schwarzen Lederhose, während sich die Schöße seines ebenfalls schwarzen, beinahe bodenlangen Ledermantels in einem imaginären Wind zu bewegen schienen.

„Du solltest jetzt besser deine schmutzigen Pfoten von der Frau nehmen!“

Diese Stimme …

Shyrill stockte der Atem. Obschon sie kalt wie das Eis des Nordpols war, brachte sie in Shyrill eine Saite zum klingen und für einen winzigen Moment vergaß sie sogar ihre missliche Lage, … die ihr leider nur allzu schnell wieder bewusst wurde, nämlich genau in dem Moment, in dem das Ungetüm erneut seinen Druck um ihren Oberkörper erhöhte und ihr die Luft aus den Lungen presste. Ein japsendes Keuchen drang aus ihrem Mund.

Der Fremde machte einen Schritt auf sie zu und hob dabei langsam seinen Kopf. Die verspiegelte Sonnenbrille war verschwunden, doch Shyrill erkannte ihn auch so. Es handelte sich um den hünenhaften Mann, der sie noch vor wenigen Minuten in der Bar so unverschämt gemustert hatte.

Hatte er im Voyage noch die Aura von purem Sex verströmt, so drang jetzt nur noch die blanke Gewaltbereitschaft und Mordlust aus jeder seiner Poren. Sein Gang hatte etwas schleichend Raubtierhaftes und unter der engen Lederhose malten sich nur zu deutlich die sprungbereiten Muskeln ab. Trotzdem wirkte dieser teuflisch gutaussehende Kerl nicht angespannter, als würde er gerade einen lockeren Spaziergang im Central-Park unternehmen.

Direkt neben ihrem Ohr stieß die Kreatur, welche sie noch immer eisern gepackt hielt, ein scharfes Zischen aus und Shyrill spürte, wie die feuchte, nasse Zunge des Wesens über die blanke Haut ihres Halses strich. Sofort flammte an dieser Stelle ein brennender, reißender Schmerz auf und Shyrill konnte einen leisen Schmerzensschrei nicht zurückhalten.

„Nun gut! Ich würde sagen, du hast deine Chance vertan, … jetzt bin ich am Zuge!“

Die Finsternis hinter dem riesenhaften Kerl schien sich zu verdichten und in Bewegung zu geraten. Beinahe zeitgleich gab das Monster einen hohen wimmernden Laut von sich, ein Laut äußerster Todesangst.

Mit einem Mal blitzte in den Händen ihres „Retters“ ein langes, violett schimmerndes Schwert auf und er bewegte sich mit ...

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