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Seelenband

Prolog

Laute Musik schallte aus den großen Boxen, Menschen lachten, tanzten, genossen die Party. Und Valerie hätte sich am liebsten Augen und Ohren zugehalten, um der ausgelassenen Freude um sie herum zu entkommen. Der Freude, die in so einem Gegensatz zu der Leere stand, die in ihrem Inneren herrschte.

Josh, wieso hast du das getan?

Der Bass der Musik dröhnte in Valeries Brust und sie hatte plötzlich das Gefühl zu ersticken. Da, die Balkontür. Fluchtartig verließ sie die dunkle Ecke, in die sie sich zurückgezogen hatte, und stürmte auf den Balkon.

Eisige Luft schlug ihr entgegen. Doch das war ihr egal. Zumindest konnte sie nun wieder atmen. Und sie war endlich allein.

Allein.

Das Wort hallte in ihr nach und sie spürte, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten.

Josh, du Mistkerl!

Energisch wischte sie sich die Träne fort, die über ihre Wange kullerte. Nein, ihm würde sie keine Träne mehr nachweinen. Weder vor Wut, noch vor Enttäuschung und schon gar nicht vor Schmerz!

»Mistkerl, Mistkerl, Mistkerl!«, flüsterte Valerie leise vor sich hin, um den Tränen, die nun zu fließen drohten, Einhalt zu gebieten.

Sie blickte auf ihre Uhr: 23:02. Eine knappe Stunde musste sie wohl noch auf dieser Party aushalten. Dann würde das Jahr vorüber sein. Das Jahr, das so schön begonnen hatte und nun so mies zu Ende ging.

Ein lachendes Pärchen stürmte auf den Balkon und Valerie zog sich in die hinterste Ecke zurück. Auf einmal war ihr kalt und sie umfasste fröstelnd ihre Oberarme.

Warum nur war sie hergekommen?

Ach ja. Linda, ihre Freundin, hatte gemeint, die Party würde Valerie gut tun. Aber was wusste Linda schon darüber, wie sie sich fühlte? Linda, die den Abend tanzend und glücklich mit ihrem Verlobten verbrachte.

Valerie blickte in den Himmel empor. In weniger als einer Stunde würde er von knallendem Feuerwerk erfüllt und sie von sich küssenden Menschen umringt sein. Das würde sie nicht ertragen können.

Mistkerl! dachte sie wieder.

Sie sah sich erneut um. Sie wollte nicht hier sein. Wollte um Mitternacht nicht den Mitleidskuss von Lindas Bald-Ehemann empfangen. Sie wollte lieber allein sein, als von mitleidigen Blicken durchbohrt.

Nach einem letzten Blick in den sternenklaren Himmel wandte Valerie sich brüsk ab. So romantisch es sein mochte, zu zweit die Sterne zu betrachten, so niederschmetternd war es, dies allein zu tun. Sie fühlte sich plötzlich so klein und unbedeutend, so schutzlos und ausgeliefert ... und so furchtbar, furchtbar allein.

Nein, sie würde nicht weinen. Nicht wegen Josh. Nicht wegen eines anderen Mannes. Niemals wieder.

Aus dem Augenwinkel sah Valerie etwas Leuchtendes quer über den Himmel fliegen. Sie wandte den Kopf, doch da war es bereits verschwunden. Vermutlich eine verfrühte Feuerwerksrakete, schoss es ihr durch den Kopf, als sie den Balkon verließ, nur, um wie erstarrt stehen zu bleiben.

Josh! Er stand einfach nur so da und sah sie an. Valerie schluckte, dann blinzelte sie, nur um ganz sicher zu gehen, dass er nicht eine Ausgeburt ihrer Fantasie war. Er war nicht verschwunden. Und nun kam er langsam auf sie zu.

Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, stürmte Valerie an ihm vorbei. Ihre Schulter prallte gegen seinen Oberarm und sie hörte, wie er vor Schmerz die Luft einsog.

Gut so, dachte sie grimmig.

Ohne innezuhalten schnappte sie sich eine fast volle Sektflasche von einem der Tische und rannte in die Nacht hinaus.

Kapitel 1

Es war ein heißer Juni-Abend, die Sonne knallte unbarmherzig auf die staubigen Asphaltstraßen der Großstadt und brachte die Luft vor Hitze zum Flimmern. Ihre schulterlangen hellbraunen Haare hatte Valerie zu einem strammen Pferdeschwanz hochgebunden. Doch das leichte Sommerkleid, das sie trug, klebte ihr unangenehm am Körper, während sie nach Hause schlenderte. Allein der Gedanke daran, in ihre stickige, einsame Wohnung zu kommen, in der niemand auf sie wartete, bereitete ihr fast körperliches Unbehagen.

Es war nun schon fast ein halbes Jahr her, dass Josh ausgezogen war. Ein halbes Jahr, in dem sie sich so sehr nach etwas Nähe gesehnt hatte, dass sie drauf und dran gewesen war, zum Hörer zu greifen, um ihn anzurufen. Nur ihr Stolz hatte sie davor bewahrt. Stattdessen hatte sie sich in die Arbeit gestürzt und unzählige Überstunden gemacht, nur um nicht Abend für Abend allein zu verbringen. Doch damit war jetzt Schluss, beschloss Valerie. Sie würde ihr Leben nicht noch weiter vergeuden.

Plötzlich fiel ihr ein kleines Café ins Auge. Auf dem Schild, das über dem Eingang prangte, stand in schwungvoller Schrift »Chez Pablo« geschrieben. Sie war auf ihrem Arbeitsweg schon oft daran vorbei gegangen. Nun, heute würde sie es ausprobieren. Alles war besser, als in die stickige Hitze ihrer Wohnung zurückzukehren.

Die Ampel sprang auf grün und Valerie lief kurz entschlossen über die Straße, auf die Eingangstür des Cafés zu. Sobald sie über die Schwelle trat, wehte ihr die angenehme Kühle einer Klimaanlage entgegen.

Hier lässt es sich aushalten, dachte Valerie und lächelte zufrieden. Sie hatte Glück, trotz der Hitze waren noch einige der kleinen Tische frei und sie folgte gutgelaunt einer Kellnerin, die sie zu einem der freien Plätze in der Nähe der Theke führte.

Valerie bestellte einen großen Vanille-Eisshake und ließ ihren Blick durch die Menge schweifen, während sie darauf wartete. Die meisten Tische waren mit verliebten Pärchen besetzt, was sie nicht wirklich überraschte. Weit verstörender fand sie es, dass die meisten von ihnen so unglaublich jung waren. Da, der Junge, der seine Freundin so ergeben anstrahlte, konnte doch kaum älter als sechzehn sein. Und sie mit ihren 28 hatte noch immer niemanden gefunden, der sie jemals so angesehen hätte. Das war nicht fair.

Josh kam ihr in den Sinn und sie kräuselte ihre Nase. Er hatte sie nie so angesehen. Schon daran hätte sie wohl merken müssen, dass die Beziehung keine Zukunft gehabt hatte...

Ein riesiger Eisshake erschien vor ihr auf dem Tisch und riss sie aus ihren trüben Gedanken. Der Tag war zu schön und der Shake zu lecker, um sich die Laune von unangenehmen Erinnerungen vermiesen zu lassen. Valerie zog an dem bunten Strohhalm und genoss das Gefühl, wie das cremige, herrlich kühle Getränk ihre Kehle herunter rann. Solche Augenblicke versüßten einem echt das Leben. Sie nahm einen zweiten Schluck und ließ ihren Blick wieder schweifen.

Einer der Kellner, der etwas abseits von den anderen stand, schaute genau in diesem Moment hoch und ihre Blicke trafen sich. Eine Gänsehaut jagte Valerie über den Rücken und mit einem Schaudern schlug sie schnell ihre Augen nieder. Sie nahm rasch einen weiteren Schluck von ihrem Shake, um sich ein wenig zu beruhigen, doch es half nichts. Der befremdende Anblick hatte sich anscheinend in ihre Netzhaut eingebrannt. Allein der Gedanke an seinen Blick jagte ihr wieder einen Schauer über den Körper. Die Augen schienen irgendwie leer zu sein. Die Iris war ganz schwarz, so schwarz, dass die Pupille darin gar nicht zu erkennen war. Wie zwei bodenlose Löcher in einem ansonsten recht attraktiven Gesicht.

Fiel das den anderen denn gar nicht auf? Sie blickte sich verwirrt um. Niemand sonst schien an dem Mann Anstoß zu nehmen.

Valerie gab vor, an ihrem Strohhalm zu saugen, und warf einen verstohlenen Blick auf ihn. Zum Glück sah er dieses Mal nicht auf, sonst hätte sie bestimmt nicht den Mut aufgebracht, ihn zu beobachten. Er stand hinter der Kaffee-Maschine, abseits der anderen Kellner, die sich fröhliche Bemerkungen zuwarfen. Sein Blick war stets nach unten gerichtet. Vermutlich, damit die anderen nicht seine Augen sahen, dachte Valerie. Trotz der Hitze trug er ein langärmliges Hemd, das mit engen Manschetten an seinen Handgelenken abschloss.

Sie wandte ihre Augen ab, aus Angst, er würde sie doch noch einmal ansehen. Denn obwohl er den Kopf abgewandt hielt, hatte sie das Gefühl, als würde er sie beobachten. Das war definitiv der unheimlichste Mann, den sie je gesehen hatte. Er wirkte auf sie zwar nicht wie ein Psychopath oder ein Amokläufer, aber was wusste sie schon. Vielleicht war er ja auf Drogen oder gar ein Schläfer. Und vielleicht hatte er bloß ein Faible für bizarre Kontaktlinsen.

Wie auch immer, Valerie hatte keine Lust, es herauszufinden. Schnell trank sie ihren Shake aus und winkte eine Bedienung zum Bezahlen herbei. Natürlich hätte sie auch zur Theke gehen können, aber dann hätte sie an ihm vorbei gemusst. Und sie hatte auch so schon das Gefühl, dass sie mehr von seiner Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, als gesund für sie war. Als sie schließlich aufstand und nicht umhin konnte, einen letzten Blick in seine Richtung zu werfen, hätte sie schwören können, dass, obwohl er sie nicht angesehen hatte, ein grimmiges Lächeln auf seinen Lippen erschienen war.

Trotz der Hitze rannte Valerie fast den ganzen Weg bis zu ihrer Wohnung. Zuhause angekommen, verriegelte sie als erstes die Tür und legte sogar die Sicherheitskette davor, etwas, dass sie zugegebenermaßen nur zu oft vernachlässigte. Dann ging sie ins Badezimmer, verschloss auch da die Tür, zog sich aus und stellte sich unter die Dusche. Während das kühle Wasser den Schweiß und Staub von ihrem Körper wusch, wich auch ihre Anspannung ein wenig und sie kam sich zunehmend albern vor. Wegen ein paar eigenartiger Augen derart in Panik zu verfallen, war einfach lächerlich. Insbesondere, wenn sie an die Vielzahl schräger Gestalten dachte, denen sie tagtäglich in den Straßen begegnete.

Sie zog sich ein leichtes Trägerkleidchen an und rubbelte sich die kurzen braunen Haare mit einem Handtuch trocken, während sie in ihrem Kühlschrank nach etwas Essbarem suchte. Mit einem Sandwich und einem Apfel zum Nachtisch setzte sie sich schließlich in ihren Lieblingssessel. Dann schnappte sie sich das auf der Lehne liegende Buch und begann zu lesen. Zumindest versuchte sie es, denn irgendwie fiel es ihr schwer, sich zu konzentrieren. Ihre Gedanken kehrten immer wieder zu dem unheimlichen Kellner zurück. Sie hätte so gern mit jemandem darüber gesprochen. Doch ihre Eltern waren weit weg und sie wollte sie mit solchen Hirngespinsten nicht unnötig beunruhigen. Es war ihnen ohnehin schwer genug gefallen, sie in die Ferne ziehen zu lassen. Und Linda, ihre beste Freundin, hatte vor ein paar Monaten geheiratet und war mit ihrem Mann weggezogen. Da sie jetzt auch noch ein Baby erwarteten, hatte sie genug eigene Sorgen. Nein, damit würde Valerie wohl allein klarkommen müssen.

Am nächsten Morgen schaltete Valerie als erstes die Lokalnachrichten ein, nur so, um zu wissen, ob der unheimliche Kellner nicht doch ein Psychopath oder Amokläufer gewesen war. Aber die Nachrichten brachten nichts Außergewöhnliches: einige Raubüberfälle und Ladendiebstähle, nichts weiter. Es gab keinen Meuchelmörder, der plötzlich sein Unwesen trieb, keine Autobombe oder ein Selbstmordattentat. Erleichtert schaltete Valerie den Fernseher wieder aus. Dann kam ihr der Gedanke, dass er vielleicht erst noch auf den richtigen Augenblick wartete. Um kein Risiko einzugehen, rief sie sich ein Taxi, anstatt wie gewohnt zu Fuß zur Arbeit zu gehen.

Während des ganzen Tages kreisten ihre Gedanken immer wieder um diesen Mann und ihre Reaktion auf ihn. Rational wusste sie, dass sie ganz entschieden überreagierte, aber sie konnte einfach nichts dagegen tun. Daher beschloss sie, einfach ein wenig abzuwarten und sich in der Zwischenzeit auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren, wie ihren Job und den Versuch, wieder ein nennenswertes Privatleben aufzubauen.

Und bis dahin würde sie das »Pablo« einfach meiden.

Diesem guten Vorsatz zum Trotz verspürte Valerie jedoch, als sie auf dem Heimweg wieder an dem Café vorüber ging, eine fast überwältigende Neugier, die sie hineinzog. Vielleicht hatte sie es sich ja nur eingebildet, vielleicht war der Mann auch gar nicht mehr da, vielleicht machte sie sich ganz unnötig Sorgen.

Nur mit Mühe gelang es ihr, ihren Weg einfach fortzusetzen, ohne einen Blick ins Innere zu werfen oder sich noch einmal umzublicken, sobald sie daran vorbei gegangen war.

In den nächsten Tagen studierte Valerie hartnäckig die Lokalnachrichten. Als jedoch eine Woche verging, ohne dass etwas Ungewöhnliches passiert war, beschloss sie schließlich, noch einmal ins Café zu gehen und mit eigenen Augen zu überprüfen, ob ihre Paranoia einen Grund hatte.

Als sie dann jedoch davor stand, drohte ihr Mut sie beinahe zu verlassen, und Valerie wunderte sich über sich selbst. Mit hämmerndem Herzen öffnete sie schließlich die Tür und trat hinein. Sofort schoss sie einen Blick zur Theke und schluckte. Er stand tatsächlich hinter der Kaffeemaschine mit gesenktem Kopf und in einem langärmligen Hemd, als wären keine fünf Minuten seit dem Augenblick vergangen, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte.

Falls er von ihr Notiz genommen hatte, zeigte er es nicht. Valerie reckte ihr Kinn entschlossen ein wenig höher und ging zielstrebig auf einen der leeren Barhocker an der Theke zu. Die anderen Kellner waren gerade beschäftigt und als sie sich setzte, war sie gespannt, ob er sie ansprechen würde.

»Brauchen Sie die Karte?«, fragte er sie plötzlich, ohne den Kopf zu heben.

Valerie zuckte beim Klang seiner Stimme zusammen. Sie war melodisch und hatte einen leichten, fremdartig gutturalen Akzent. Und wie der Rest von ihm wirkte sie irgendwie leblos, unwirklich.

»Verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken.« Sein Kopf zuckte hoch, als müsste er sich zwingen, sie anzusehen. »Wissen Sie schon, was Sie wollen, oder soll ich Ihnen die Getränkekarte geben?«, fragte er noch einmal höflich nach.

»Ja, nein«, stammelte Valerie plötzlich verwirrt. »Einen Erdbeer-Shake, bitte.« Sie hätte schwören können, dass die Andeutung eines Lächelns über seine Lippen huschte, als er sich abwandte. Aber das kümmerte sie nicht. Es waren seine Augen, die wieder ihre Aufmerksamkeit gefesselt hatten. Sie hatte sich nicht geirrt. Sie waren so unnatürlich schwarz, wie sie sie in Erinnerung hatte. Aber aus der Nähe sah sie, dass sie sich gleichzeitig doch geirrt hatte. Die Augen waren nicht leer. Vielmehr strahlten sie eine abgrundtiefe Traurigkeit aus, die an Verzweiflung grenzte.

Er drehte sich wieder zu ihr um, um ihr ihren Shake zu reichen, und sie senkte rasch den Blick.

»Möchten Sie noch etwas?«, fragte er höflich und sie verneinte rasch. Die Worte, die Bewegungen, sie wirkten bei ihm auf eigenartige Weise aufgesetzt und unnatürlich, als müsste er sich zu jedem einzelnen Atemzug zwingen.

Valerie holte ihr Buch aus ihrer Handtasche und schlug es auf. Während sie zu lesen vorgab, beobachtete sie ihn aus dem Augenwinkel. Da er seinen Blick wieder gesenkt hatte und beinahe regungslos verharrte, war das nicht weiter schwer. Nur wenn ein Kunde sich suchend nach einem Kellner umblickte oder einer der Kollegen eine Bestellung aufgab, kam etwas Leben in seinen Körper, aber nur gerade soviel, wie nötig, um seine Arbeit zu erledigen. Immerhin verstand er etwas davon, der Milchshake, den er ihr gemacht hatte, war einfach köstlich.

Bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen er sprach, lauschte Valerie fasziniert seiner Stimme und versuchte seinen Akzent einzuordnen. Vielleicht rumänisch, dachte sie schließlich, als ihr keine andere Erklärung einfiel. Dazu passten in ihrer Vorstellung auch sein bronzefarbener Teint und die kurzen, aber dichten schwarzen Haare. Das würde auch die dunklen Augen erklären, dachte sie sich.

Als sie durch ihren Strohhalm plötzlich Luft einsog, fiel ihr auf, dass ihr Glas leer war. Er musste es auch gehört haben, denn er wandte sich zu ihr um. »Möchten Sie noch einen?«

»Nein, danke.« Sie kramte nach ihrer Brieftasche. »Ich würde dann gerne zahlen.« Sie reichte ihm einen Schein herüber. »Der Rest ist für Sie.«

Er nahm das Geld entgegen, nickte höflich und wandte sich wieder ab.

»Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag«, sagte Valerie, als sie sich erhob. Ganz wortlos wegzugehen, empfand sie irgendwie als unhöflich.

Er blickte überrascht auf, als ob es ihm neu war, dass Tage auch schön sein konnten. »Danke, Ihnen auch«, erwiderte er dennoch höflich und endlich stahl sich ein Funke von Leben in die unheimlichen Augen.

Als Valerie das Café verließ, war sie verwirrt. Sie hatte sich definitiv nicht eingebildet, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmte. Doch dem was war sie kein Stück näher gekommen. Sie konnte nicht einmal sicher sein, dass er nicht doch jeden Augenblick ausrasten und seinem wertlosen Leben ein Ende setzen würde. Und sie konnte von Glück reden, wenn er nicht noch ein paar unschuldige Menschen mit sich nahm. Valerie schüttelte irritiert den Kopf. Wieso war das eigentlich ihr Problem? Und doch brannte sie vor Neugier. Vermutlich, weil ihr Leben schon so lange in eintönigen Bahnen verlief, dass sie für jede Abwechslung dankbar war.

Am nächsten Morgen schaute sie noch vor der Arbeit im »Pablo« vorbei, um sich einen großen Latte Macchiato für unterwegs zu holen. Obwohl sie erst im letzten Augenblick daran gedacht hatte, dass der Mann so früh am Morgen womöglich gar nicht da war, wurde sie nicht enttäuscht. Er stand unverändert an seinem Platz hinter der Kaffeemaschine in dem ansonsten leeren Café. Anscheinend lohnte es sich nicht, um diese Zeit mehr als einen Angestellten zu beschäftigen. Als Valerie näher kam, blickte er kurz auf und obwohl er keine Miene verzog, hatte sie irgendwie das Gefühl, dass er neugierig war. Vielleicht bildete sie sich das aber auch bloß ein. Sie bestellte ihren Kaffee, er machte ihn fertig, Geld wechselte den Besitzer und sie verließ das Café. Keine fünf Minuten, nachdem sie es betreten hatte, war sie wieder unterwegs zur Arbeit mit einem ausgezeichneten Latte Macchiato in der Hand.

Als sie am Abend wieder nach Hause kam, blinkten auf ihrem Anrufbeantworter zwei neue Nachrichten. Valerie drückte auf Abspielen und stellte ein Fertiggericht in die Mikrowelle. Als sie die Stimme ihrer Mutter aus der kleinen Maschine hörte, war sie nicht überrascht. »Hallo Schatz, wir haben schon seit fast einer Woche nichts mehr von dir gehört. Geht es dir gut? Sollen wir dich vielleicht besuchen kommen? Ruf bitte an.« Valerie lächelte schuldbewusst. »Ja, ja, ich rufe gleich an«, murmelte sie. Aber die nächste Nachricht lenkte sie von ihrer Mutter ab. Es war eine Männerstimme. »Hallo Valerie, hier ist Simon. Ich hoffe, Sie erinnern sich noch an mich.« Nein, tat sie nicht. »Ich wollte mich auf jeden Fall für den Buchtipp bedanken, ist wirklich gut bei meiner Mutter angekommen.« Ach, der Simon. »Und ich möchte mich bei Ihnen mit einem Abendessen dafür revanchieren. Ich würde mich also über Ihren Rückruf sehr freuen.« Dann nannte er ihr noch seine Nummer und legte den Hörer auf. »Keine weiteren Nachrichten« tönte die mechanische Stimme aus dem Anrufbeantworter.

Die Mikrowelle machte pling! und Valerie holte ihr Essen heraus. Dann hörte sie sich Simons Nachricht noch einmal an. Während sie langsam auf ihrem Risotto kaute, überlegte sie, was sie nun tun sollte. Sie hatte Simon letzte Woche in einem Buchladen kennen gelernt, als er sich hilfesuchend nach einer Verkäuferin umgeschaut hatte. Er hatte dabei so komisch ausgesehen, dass Valerie, die ein häufiger Gast in dem Laden war, beschlossen hatte, ihm zu helfen. Er hatte nach einem passenden Geschenk für seine Mutter gesucht und sie hatte ihm nach ein paar Fragen ein Buch empfohlen. Dann hatte sie, obwohl das eigentlich gar nicht ihre Art war, ihm ihre Nummer gegeben und gemeint, er könnte ihr ja mal sagen, wie das Geschenk angekommen war. Natürlich hatte sie nie damit gerechnet, dass er wirklich anrief. Doch nun hatte er es getan.

Valerie sah sich in ihrer leeren Wohnung um, in der nicht einmal eine Katze auf sie wartete, und griff entschlossen zum Hörer. Selbst wenn nur ein Abend in angenehmer Gesellschaft herauskam, war das mehr, als sie in den letzten Monaten gehabt hatte.

Obwohl sie Simon gar nicht kannte, wurde sie plötzlich nervös, als sie seine Nummer wählte. Nach einigen Freizeichen ging er tatsächlich ran und schien aufrichtig erfreut, dass sie sich meldete. Sie verabredeten sich für den Freitagabend in einem beliebten italienischen Restaurant – eine von Valeries Regeln war: bloß nichts zu Ausgefallenes für das erste Date. Mit einem zufriedenen Grinsen legte sie den Hörer auf und schaltete den Fernseher ein. Und zum ersten Mal seit Monaten ärgerte es sie nicht, einen Liebesfilm erwischt zu haben.

Kapitel 2

 

Am Freitag ging Valerie etwas früher von der Arbeit, um genug Zeit zu haben, sich auf das Date mit Simon vorzubereiten. Sie genoss das Gefühl, ratlos vor ihrem Kleiderschrank zu stehen, um das richtige Outfit auszusuchen – hübsch, sexy, aber nicht zu aufreizend. Schließlich entschied sie sich für einen knielangen, engen Rock und eine leichte hellblaue Bluse, die ihre Augen zum Strahlen brachte.

Simon wartete bereits vor dem Restaurant auf sie, als sie eintraf. Er trug eine Jeans, ein helles Hemd sowie ein sportliches Jacket und sah einfach umwerfend aus. Sobald er Valerie erblickt hatte, ging er ihr entgegen. »Wow!«, entfuhr es ihm, als sie sich trafen. »Sie sehen toll aus.«

Valerie lächelte. »Das wollte ich Ihnen auch gerade sagen.«

Er erwiderte das Lächeln. »Wollen wir reingehen?«, fragte er und reichte ihr den Arm.

Ein Gentleman der alten Schule, fuhr es Valerie geschmeichelt durch den Kopf, als sie sich bei ihm einhakte.

Ein Kellner führte sie zu ihrem Tisch und reichte ihnen die Menükarten. Simon bestellte eine Flasche Weißwein und Valerie widersprach nicht.

»Auf Ihren ausgezeichneten Büchergeschmack«, sagte Simon, sobald der Kellner ihre Gläser gefüllt hatte, und prostete ihr zu.

»Und auf Männer, die den Rat einer Frau annehmen können«, erwiderte Valerie und erhob ebenfalls ihr Glas. Mit einem angenehmen Klirren stießen ihre Gläser aneinander und ihre Blicke trafen sich. Das versprach ja ein ganz schöner Abend zu werden.

Während sie auf ihr Essen warteten, beschloss Valerie, etwas mehr über ihn zu erfahren. »Was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht Bücher kaufen?«, fragte sie ihn.

»Ich bin Architekt.«

»Das ist ja spannend. Habe ich vielleicht schon mal ein Gebäude von Ihnen gesehen?« Interessiert beugte die junge Frau sich ein Stück nach vorn.

»Schon möglich. Ich projektiere meistens Einfamilienhäuser«, erklärte er nüchtern.

Valerie ließ sich davon nicht entmutigen. Es konnte ja nicht jeder nur herausragende Monumente oder bedeutsame Bauten errichten. Immerhin mussten Menschen auch irgendwo wohnen. »War das schon immer ihr Traum gewesen?«, fragte sie daher nach.

»Meinen Sie Architektur oder die Einfamilienhäuser?«, konkretisierte er lächelnd.

»Beides.«

»Ich habe mich schon immer für Linien und Formen interessiert. Das mit den Häusern war allerdings ein Rat meiner Mutter.«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, sie wollte nicht, dass aus mir ein brotloser Künstler wird.«

»Hätten Sie es denn gewollt?«, fragte Valerie neugierig.

»Sie meinen, entgegen dem Wunsch meiner Mutter?«

Verunsichert stellte Valerie fest, dass dieser Gedanke ganz neu für ihn zu sein schien. Mit seiner Frage hatte er sie derart aus dem Konzept gebracht, dass sie nicht wusste, was sie darauf erwidern sollte. Aber das schien auch nicht nötig zu sein.

Simon beugte sich zu ihr vor. »Seien wir doch mal ehrlich, Eltern sind die besten Ratgeber, die ein Mensch sich nur wünschen kann«, sagte er voller Überzeugung.

»Nun ja…« hob Valerie an, doch er ließ sie nicht ausreden.

»Es ist doch so«, er erhob seine Hand und begann, seine Argumente an den Fingern abzuzählen, während er sprach. »Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind, sie haben die größere Lebenserfahrung, um beurteilen zu können, was dieses Beste ist, und …«, er machte eine künstlerische Pause, »sie haben einen gewissen Abstand zum zu lösenden Problem, sodass ihre Emotionen ihnen dabei nicht in den Weg kommen.«

»Aber auch Eltern können sich irren«, warf Valerie ein.

»Das mag uns ab und zu so vorkommen, aber im Gesamtzusammenhang ist auf ihr Urteil immer Verlass«, widersprach er ihr energisch.

Valerie blickte ihn mit großen Augen an und war sehr erleichtert, als plötzlich der Kellner auftauchte und einen großen Teller Pasta vor ihr abstellte. Sie hatte auch ein sehr gutes Verhältnis zu ihren Eltern, aber sie war weit davon entfernt, ihnen Unfehlbarkeit zuzusprechen. »Sie scheinen ja eine besondere Beziehung zu Ihren Eltern zu haben«, kommentierte sie schließlich diplomatisch, auch wenn sie bestimmt nichts mehr darüber hören wollte.

»Ja, meine Mutter ist meine beste Freundin«, sagte er mit entwaffnender Ehrlichkeit. »Aber genug von mir, erzählen Sie mir doch etwas über sich. Was machen Sie denn beruflich?«

»Ich bin Lektorin.«

»Oh, dann entscheiden Sie darüber, welches Buch wir als nächstes lesen?«

Valerie lachte. »Oh nein, davon bin ich noch weit entfernt, leider. Im Augenblick darf ich mich eher noch wegen Rechtschreibung, Ausdruck und Grammatik mit eingebildeten Autoren herumärgern.«

»Und wieso machen Sie das?«

Sie nahm sich ein Stück Brot. »Weil ich eines Tages gerne darüber entscheiden würde, welche Bücher es wert sind, gelesen zu werden«, sagte sie, während sie es langsam auseinander brach. Dann sah sie ihn neugierig an. »Was lesen Sie denn gern?«

»Fachliteratur. Und ab und zu ein Buch auf Empfehlung meiner Mutter.«

Womit wir wieder beim Thema wären, dachte Valerie sarkastisch. Warum konnte sie nicht einmal einen normalen Mann kennen lernen, zumindest einen, der mit über 30 nicht den Eindruck erweckte, immer noch bei seiner Mutter zu wohnen.

Zumindest war das Essen gut und Valerie fragte sich, ob Simons Mutter ihm wohl genügend Taschengeld mitgegeben hatte oder ob sie ihn würde einladen müssen. Sie wusste, dass sie gemein war, aber sie konnte sich nicht helfen.

Während sie aßen, erzählte Simon ihr noch dies und jenes, aber sie hörte ihm kaum noch zu.

»Sollen wir noch einen Cappuccino trinken?«, fragte sie, nachdem der Kellner die leeren Teller abgeräumt hatte.

»Wenn Sie möchten. Aber ich nehme keinen. Mutter mag es nicht, wenn ich so spät am Abend noch Kaffee trinke, dann schlafe ich schlecht.«

Valerie konnte sich einen fassungslosen Blick nicht verkneifen. Gab es auch irgendeine Entscheidung, die dieser Mann selber fällte? Sie jedenfalls hatte ihre getroffen. »Na dann«, sagte sie etwas abrupt, »sollten wir wohl zahlen.« Sie griff nach ihrer Handtasche und holte ihre Geldbörse hervor.

»Aber nicht doch!«, rief Simon aus. »Sie sind selbstverständlich eingeladen.« Er winkte einen Kellner herbei.

»Danke«, sagte Valerie und ließ ihre Handtasche wieder los. Das ist auch das mindeste, fügte sie in Gedanken hinzu.

Sobald Simon bezahlt hatte, verließen sie gemeinsam das Restaurant. Draußen wandte Valerie sich verlegen zu Simon um. Jetzt kam dieser peinliche Augenblick, den sie bei jedem Date hasste. »Also dann«, sagte sie und streckte ihm die Hand hin. »Es war ein netter Abend, ich danke Ihnen.«

Falls er von dieser Geste überrascht war, zeigte er es nicht. Stattdessen griff er ihre Hand und drückte sie fest. »Ich fand es auch sehr schön, Valerie.«

Sie lächelte möglichst neutral. »Ich muss dann los«, sagte sie und entzog ihm ihre Hand.

»Ich werde Sie zumindest noch nach Hause begleiten«, erwiderte er energisch.

»Danke, aber das wird nicht nötig sein.« Am liebsten hätte sie noch hinzugefügt, dass ihre Mutter es ihr verboten hatte, fremde Männer mit nach Hause zu nehmen. »Ich werde mir ein Taxi nehmen«, sagte sie jedoch bloß, obwohl es sie einige Überwindung gekostet hatte.

»Na gut, dann gute Nacht, Valerie.«

»Gute Nacht, Simon.« Bevor sich die verlegene Stille in die Länge ziehen konnte, blieb glücklicherweise ein Taxi auf ihr hektisches Winken hin stehen. Valerie sprang hinein, nannte ihre Adresse und fuhr davon, während Simon ihr irgendwie ratlos hinterher starrte.

Sie sah auf die Uhr. Es war halb zehn. Das Date hatte insgesamt keine zwei Stunden gedauert. »Das war wohl wieder nichts«, murmelte Valerie leise, während sie aus dem Fenster in das Getümmel der abendlichen Großstadt starrte. Wieder einmal war sie lediglich Zuschauerin am Leben anderer. Sie wandte sich ab. Das Essen lag ihr schwer im Magen und sie wünschte sich, sie hätte trotzdem einen Kaffee getrunken. Nun, dazu war es nicht zu spät. Sie sah auf die Straße. Das »Pablo« war nur einen Häuserblock entfernt.

»Bitte halten Sie hier an«, sagte sie kurzentschlossen zum Taxifahrer.

»Was?« Er blickte sie verwirrt an.

»Bitte halten Sie an. Ich möchte schon hier aussteigen.«

»Wie Sie wollen.« Kopfschüttelnd wechselte er auf die rechte Spur und hielt den Wagen an.

»Danke.« Valerie kramte nach ihrer Geldbörse und hielt dem Taxifahrer einige Geldscheine hin. »Der Rest ist für Sie.«

Als das Taxi davon fuhr, fühlte sie sich seltsam befreit. Es war nur der Besuch im »Pablo«, den sie sich spontan gönnte, und doch fühlte sie sich, als würde sie dadurch ein kleines Stück mehr vom Leben bekommen.

Sie ging flott die Straße entlang und ihre Laune besserte sich mit jedem Schritt. Als sie das Café betrat, hatte sie Simon und seine eigenartigen Lebensansichten schon völlig vergessen.

Der Kellner schaute auf, als das Türglöckchen bimmelte, und Valerie fiel auf, dass sie nicht einmal seinen Namen kannte. Sie hatte den Eindruck, als hätte sie eine leichte Neugier in seinem Blick gesehen, bevor er den Kopf wieder abwandte. Sie wollte zu der Theke herüber gehen, stockte dann aber. Auf einmal wurde ihr bewusst, wie es auf ihn wirken mochte, dass sie nun ständig bei ihm auftauchte. Plötzlich fühlte sie sich richtig befangen. Sie wollte auf keinen Fall den falschen Eindruck bei ihm erwecken, sie wäre an ihm interessiert. Dann schüttelte sie unwillig den Kopf. Sie war nur wegen des Kaffees dort und um ihn ein wenig im Auge zu behalten. Es war nicht ihr Problem, was er da hinein interpretieren mochte.

Als Valerie zu der Theke herüber ging, ertönte aus einer Ecke plötzlich ein Pfiff. Sie blickte sich irritiert um und sah zwei Jugendliche, nicht älter als achtzehn, die ihr grinsend hinterher starrten. Sie wirkten alkoholisiert und sie konnte sich nicht vorstellen, was sie in einem Café zu suchen hatten. Der Kellner warf den Jungs einen warnenden Blick zu und sie drehten sich wieder um.

Valerie setzte sich auf einen Barhocker am Ende der Theke, um nicht zu nah an dem Kellner zu sitzen. Das Gefühl der Freiheit war verflogen, und sie fühlte sich äußerst unwohl. Sie musste ja ein armseliges Bild abgeben. Eine junge Frau, die an einem Freitagabend und zum Ausgehen angezogen völlig allein in einem fast leeren Café saß. Sie hatte nicht einmal ein Buch dabei. Alles, was sie tun konnte, war also, einen Kaffee zu bestellen und die Wand hinter der Theke anzustarren, während sie ihn trank.

»Was möchten Sie trinken?«, fragte der Kellner und sie hatte das Gefühl, Mitleid in seinen unergründlichen traurigen Augen zu sehen. Nein, korrigierte sie sich, kein Mitleid, vielleicht eher Mitgefühl.

»Einen Capuccino, bitte«, sagte sie. Ich werde ihn ansprechen, dachte sie plötzlich, als er sich abwandte. Es war ihr egal, wie armselig und verzweifelt das wirken mochte. Sie war verzweifelt. Sie war einsam. Und sie wollte lediglich ein wenig Gesellschaft, während sie ihren Capuccino trank, nichts weiter.

»Wie heißen Sie?«, fragte sie ihn, als er eine große dampfende Tasse vor ihr abstellte.

Er blickte sie überrascht an. »John«, sagte er jedoch schließlich.

»John?«, fragte sie ungläubig nach. Sie hätte mit allem gerechnet, nur nicht mit so einem Allerweltsnamen.

»Ja, was stimmt damit nicht?«, fragte er leise.

»Sie sehen nicht aus wie ein John«, platzte es aus ihr heraus.

»Tausende Menschen tragen die gleichen Namen, sie können doch nicht alle gleich aussehen«, erwiderte er ernst.

»Stimmt«, lächelte Valerie. »So habe ich das noch nie gesehen.«

Er warf ihr einen verwirrten Blick zu, den sie nicht einzuordnen wusste, aber sie ließ sich davon nicht entmutigen. »Ich bin Valerie«, sie streckte ihm die Hand hin. Seine Hand war warm und fest, als er die ihre leicht drückte. Es fühlte sich gut an, fand Valerie.

»Sind Sie schon lange hier?«, fragte sie ihn.

»Wieso?« Ein alarmierter Ausdruck huschte über sein Gesicht, die heftigste Gefühlsregung, die sie je bei ihm gesehen hatte.

»Nur so«, sie zuckte beschwichtigend mit den Schultern. »Sie sehen nicht ganz so aus, als würden Sie hierher gehören, daher frage ich.«

»Ich arbeite erst seit einigen Monaten hier«, erklärte er knapp.

Valerie merkte, dass ihm das Thema unangenehm war. »Auf jeden Fall machen Sie tollen Kaffee«, sagte sie daher und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse.

»Danke, aber das ist auch nicht schwer«, erwiderte er.

Sie nahm wieder einen Schluck. Er sah ihr schweigend dabei zu und plötzlich schien er sich einen Ruck zu geben. »Sie sehen aus, als hätten Sie heute etwas Anderes vorgehabt«, sagte er auf einmal und die Anstrengung, die ihn dieser eine Satz gekostet hatte, war für Valerie fast körperlich spürbar.

Sie lächelte dankbar für seinen Versuch. »Ich hatte gerade ein furchtbares Date.«

»Haben Sie sich mit Ihrem …« er zögerte kaum merklich » … Freund gestritten?«

»Oh nein!« Valerie schüttelte energisch den Kopf. »Es war die erste Verabredung und es wird definitiv keine weitere mehr geben.«

»Sie hatten also keine Gefühle für ihn?«, fragte er und wirkte dabei aufrichtig neugierig. »Wieso sind Sie dann mit ihm ausgegangen?«

»Ich fand ihn sympathisch«, erwiderte Valerie pikiert. Diese Fragen gingen jetzt doch ein wenig zu weit. Sie ging selten genug mit einem Mann aus, da musste sie sich nicht auch noch vor einem Wildfremden dafür rechtfertigen.

»Verzeihen Sie, es geht mich natürlich nichts an«, sagte er sofort, als ob er ihren Stimmungsumschwung gespürt hätte, und zog sich von ihr zurück. Ein anderes Wort fiel Valerie einfach nicht dafür ein, wie er jede Lebendigkeit, die bei ihrem kurzen Gespräch zum Vorschein gekommen sein mochte, wieder in seinem Inneren verschloss. Nur sein Blick glitt kurz zu den beiden Jugendlichen herüber, die auffallend still in ihrer Ecke geworden waren.

Valerie nahm den letzten Schluck aus ihrer Tasse. »Ich muss jetzt los«, sagte sie und legte das Geld für den Capuccino auf den Tresen.

»Ich rufe Ihnen ein Taxi«, sagte er unvermittelt, als sie sich erhob.

»Das ist nicht nötig«, winkte Valerie ab. »Ich hab’s nicht weit.«

»Wollen Sie nicht trotzdem ein Taxi nehmen?«, fragte er irgendwie beschwörend. »Es wird langsam dunkel.«

»Ich komme schon klar. Auf Wiedersehen.«

Bevor sie sich abwandte, glaubte sie zu sehen, wie er resigniert mit den Schultern zuckte. »Ich hab’s ja versucht«, schien diese Geste ihr zu sagen.

 

Draußen hatte die Dämmerung tatsächlich schon eingesetzt. Die letzten Strahlen der Sonne zauberten am Horizont noch Streifen aus leuchtendem Orange und Purpur, doch direkt über Valerie war der Himmel schon recht dunkel. Sie schlang sich die Arme um den Oberkörper, die Luft hatte sich nun doch etwas abgekühlt, und ging energisch los. Die Straßen waren fast menschenleer, da sie sich nun außerhalb der Kneipen- und Clubmeile befand, aber das machte Valerie nichts aus. In knapp zehn Minuten würde sie zu Hause sein. Sie beschleunigte noch ein wenig ihren Schritt, um sich durch die Bewegung warm zu halten.

»Ist dir etwa kalt, Süße?«, rief plötzlich eine Stimme hinter ihr.

Valerie spürte, wie sich ihr Rückgrat automatisch versteifte, doch sie schaffte es, ganz normal weiterzugehen, als ob sie es gar nicht gehört hätte. Ignorieren hieß die erste Regel aus ihrem Selbstverteidigungskurs.

»Bleib doch stehen und ich wärme dich auf. Ich mache dich sogar heiß!«

Ignorieren half also nicht. Valerie beschleunigte ihren Schritt, nun lief sie schon fast. Ihre Absätze klackerten gespenstisch auf dem Bürgersteig. Sie hörte leise Schritte, die hinter ihrem Rücken schnell näher kamen, und rannte los, wobei sie hektisch nach dem Pfefferspray in ihrer Handtasche kramte.

»Lauf doch nicht weg, Süße. Wie wollen nur ein wenig Spaß!«, rief die Stimme hinter ihr. Und Valerie hörte leichte, federnde Schritte, die sie spielend einholten. Mit einem Sprung versperrte ihr plötzlich einer der beiden Jungs aus dem Café den Weg. Sie drehte sich panisch um. Der zweite stand direkt hinter ihr. In ihrem engen Rock und ihren Stöckelschuhen hatte sie keine Chance gegen sie.

Wo war nur das verdammte Pfefferspray? Endlich schlossen sich ihre Finger um die kleine Dose, doch bevor sie sie rausholen konnte, packte der hinter ihr stehende Junge ihre Ellbogen und hielt sie fest. Sie versuchte sich loszureißen und er zog ihre Arme schmerzhaft nach hinten. Valeries Brüste drückten gegen den Ausschnitt ihrer Bluse und sie sah die Gier in den Augen des anderen Jugendlichen. Das war der Augenblick, in dem Valerie um Hilfe schrie.

»Scheiße, Mann, halt ihr den Mund zu!«, rief er erschrocken seinem Kumpel zu.

Eine Hand fuhr auf Valeries Mund, aber dafür hatte er ihren Arm loslassen müssen. Mit aller Kraft rammte sie ihm den Ellbogen in den Magen. Der Junge krümmte sich, ging aber nicht zu Boden. Vermutlich hatte sie nur seine Rippen erwischt.

»Das wirst du mir büßen, du Schlampe!«, rief er zitternd.

»Das glaube ich nicht«, sagte plötzlich eine ruhige Stimme mit einem leichten Akzent. Valerie hob den Kopf und sah John mitten auf der Straße stehen. Er hatte ein Handy an seinem Ohr, das er nun seelenruhig zusammen klappte. »Die Polizei ist schon verständigt. Und solange wir auf ihr Eintreffen warten, wird es mir ein Vergnügen sein, euch eine Lektion zu erteilen.« Gemächlich knöpfte er seine Manschettenknöpfe auf und begann, seine Ärmel hoch zu rollen. Die Jungs starrten ihn verdattert an. »Ich finde ja, die Polizei geht viel zu sanft mit jugendlichen Straftätern um«, erklärte er beiläufig.

Valerie spürte, wie sie losgelassen wurde. »Es war doch nur ein Spaß, Mann«, sagte der Junge hinter ihr hastig. Sie hörte die Panik in seiner Stimme. »Ich verschwinde!«, rief er seinem Kumpel zu und lief so schnell er konnte los. Der andere warf John noch einen erschrockenen Blick zu, dann rannte er ebenfalls weg.

»Geht es Ihnen gut?«, fragte John und machte einen vorsichtigen Schritt auf Valerie zu.

Sie strich ihre Bluse glatt. »Ja, ich denke schon«, sagte sie zitternd. »Dank Ihnen«, fügte sie etwas verspätet hinzu. »Ich hätte wohl doch das Taxi nehmen sollen«, sagte sie mit dem kläglichen Versuch eines Lächelns.

»Ich denke, es ist sicherer, wenn ich Sie nach Hause begleite«, sagte er.

»Sollten wir nicht hier auf die Polizei warten?«, fragte sie verwundert.

»Ich habe die Polizei nicht gerufen.«

»Aber Sie sagten doch …« fing Valerie verwirrt an. Sie war noch immer ganz durcheinander.

Er sah sie mitfühlend an. »Kommen Sie, setzen Sie sich einen Moment hin«, er zeigte auf einen niedrigen Wandvorsprung.

Gehorsam ging Valerie herüber und setzte sich hin. Sie war offensichtlich noch nicht in der Lage, eigenständig zu denken.

Er lehnte sich neben sie und ließ ihr schweigend und bewegungslos Zeit, zu sich zu kommen. Nach einiger Zeit begann er langsam, seine Ärmel wieder herunterzurollen, und Valerie fielen eigenartige Tätowierungen an seinen Handgelenken ins Auge. Es war ein tiefschwarzer, breiter Streifen eines verschlungenen, wunderschönen Musters, das wie ein Armband einmal um seine beiden Handgelenke ging. Es sah fremdartig und faszinierend aus und irgendwie passte es zu ihm, als würde es seine gesamte Melancholie in einer Ansammlung schwarzer Tintenpunkte ausdrücken.

»Was ist das?«, fragte Valerie wider Willen.

Hastig rollte John die Ärmel herunter und machte die Knöpfe zu. »Eine Erinnerung«, sagte er knapp und erhob sich. Es war klar, dass er keine weiteren Fragen diesbezüglich zulassen würde.

»Wieso haben Sie die Polizei nicht gerufen?«, fragte Valerie, als ihr Gehirn endlich angefangen hatte, die Situation logisch zu verarbeiten.

»Sie wäre ohnehin nicht rechtzeitig da gewesen, um uns zu helfen«, erklärte er. »Die Androhung war völlig ausreichend.«

»Aber wir müssen das doch melden!«, rief Valerie aus. »Wir sollten sofort zur Polizei!«

»Sie sollten jetzt erst einmal ins Bett«, widersprach er ihr ruhig. »Morgen können Sie noch immer zur Polizei gehen.«

»Wieso ich? Kommen Sie denn nicht mit?«, fragte sie verwundert.

»Nein«, er schüttelte den Kopf. »Ich habe morgen schon etwas Anderes vor«, sagte er. »Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen aber eine genauere Beschreibung der Täter geben, immerhin hatte ich ausreichend Gelegenheit, sie in dem Café zu beobachten.«

Das brachte Valerie auf den nächsten Gedanken. »Haben Sie ihnen etwa Alkohol serviert?«

Er schüttelte nur den Kopf. »Bei uns können Sie höchstens einen Eisbecher mit ein wenig Likör bekommen. Nein, die Jungs kamen schon angetrunken an. Zunächst waren noch zwei Mädchen dabei gewesen, aber sie sind gegangen, kurz bevor Sie gekommen sind. Wahrscheinlich haben sie schnell gemerkt, dass die beiden Jungen keine geeigneten Partner für sie wären.«

Valerie staunte über seine eigenartige Ausdrucksweise, dachte aber, dass es womöglich daran lag, dass er die Sprache noch nicht so gut beherrschte. »Ich glaube, ich kann jetzt wieder gehen«, sagte sie und stand auf.

Er warf ihr einen prüfenden Blick zu, schien mit dem Ergebnis zufrieden zu sein und erhob sich ebenfalls. Dann klopfte er sich den Staub von der Hose. Dabei fiel Valeries Blick auf seine Hände und sie versuchte, etwas von der Tätowierung auf seinen Handgelenken zu sehen. Doch diese war sicher unter den langen Ärmeln verborgen. War das vielleicht der Grund dafür, dass er selbst in der sengenden Hitze langärmlige Hemden trug? Er hatte es eine Erinnerung genannt, vielleicht wollte er nicht ständig erinnert werden.

»Sind Sie soweit?«, fragte er sie geduldig.

»Ja, klar.« Valerie setzte sich in Bewegung. »Hätten Sie die Jungs wirklich verprügelt, wenn sie nicht weggelaufen wären?«, fragte sie plötzlich.

»Nein, vermutlich nicht«, gab er offen zu. »Ich kann nicht gut kämpfen.«

»Aber Sie haben so selbstsicher gewirkt«, sagte Valerie erstaunt.

»Sonst wären sie auch nicht weggelaufen. Einfachste Psychologie.«

»Sie verstehen was von Psychologie?«

»Ein wenig, es ist nicht schwer.«

Valerie lachte. »Das haben Sie auch über Kaffee gesagt.«

»Es gibt da schon ein paar Unterschiede«, erwiderte er.

Valerie warf ihm einen Blick zu, um zu sehen, ob er scherzte, aber er war vollkommen ernst geblieben. Vermutlich brauchte es etwas mehr, um seine eigenartige Traurigkeit zu vertreiben.

Eine Zeitlang gingen sie schweigend neben einander her. »Da vorne, in dem Haus wohne ich«, sagte Valerie schließlich, als sie ihren Häuserblock erreichten.

»Gut«, er blieb stehen. »Ich warte hier, bis Sie zur Haustür gehen.«

»Wieso denn das?«, fragte Valerie erstaunt.

»Sie kennen mich nicht«, sagte er schlicht. »Es wäre also unvorsichtig von Ihnen, mir zu zeigen, wo genau Sie wohnen.«

»Aber Sie haben mich doch gerade gerettet«, warf sie ein.

»Dennoch können Sie nicht wissen, was ich beabsichtigen könnte. Es ist eine gefährliche Welt.«

Valerie sah ihn beunruhigt an. Versuchte er gerade, sie zu warnen? Aber das war doch absurd. Ihren ursprünglichen Ängsten zum Trotz konnte sie sich nicht vorstellen, dass er ihr, oder jemand anderem, etwas antun könnte. Er war so ruhig, so zurückhaltend, so darauf bedacht, niemandem irgendetwas aufzuzwingen. Selbst seine Augen jagten ihr keine Angst mehr ein. Sie wunderte sich flüchtig, seit wann das so war. Nein, vermutlich wollte er bloß nicht, dass sie in seine Hilfe etwas Anderes hineinlas, als es war. Deswegen wollte er vermutlich die Möglichkeit, sie würde ihn noch hinauf bitten, im Keim ersticken. Valerie schoss das Blut ins Gesicht.

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