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See der Träume

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Inhaltsübersicht

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Epilog

DIE FAMILIE JARRETT

Danksagungen

Über die Autorin

Interview mit der Autorin

Quellenangaben

Leseprobe

Für meine Familie,

besonders für meine Eltern, John und Shirley

Alles Verborgene und alles Offenbare habe ich erkannt; denn es lehrte mich die Weisheit, die Meisterin aller Dinge.

Das Buch der Weisheit 7,21

 

Die Strecke hat kein Geheimnis. Das Geheimnis ist in der Sphäre.

Thomas Mann, Joseph und seine Brüder

Prolog

Mitten in der Nacht dringt ein sonderbares Licht durch den Spalt am Fenster und streift wie eine Flügelspitze ihre Hand. Ihre Eltern schlafen im Zimmer nebenan, und im ganzen Dorf ist es still, doch sie liegt seit Stunden wach; jetzt schlüpft sie aus dem Bett und tastet sich über die rauen Holzdielen voran. Der Komet. Seit Wochen reden die Leute von nichts anderem mehr als von seiner Ankunft, von den giftigen Dämpfen, in die sein Schweif die Erde hüllen wird, vom Ende der Welt. Sie ist fünfzehn, und gestern haben sie und ihr Bruder den ganzen Tag lang den Eltern geholfen, das Haus abzudichten. Alle Fenster, selbst den Schornstein haben sie mit dicken schwarzen Wolldecken verhüllt, und von überall her war das Hämmern ihrer Nachbarn zu hören, die dasselbe taten.

Ein schmales Dreieck seltsamen Lichts fällt ins Dunkel, es berührt sie mal hier, mal dort, als sie den Raum durchquert. Sie trägt ihr verschlissenes, mädchenhaftes blaues Kleid aus weicher Baumwolle. In ihrem Zimmer, einer kleinen Kammer über der Werkstatt, ist der Schutzschild aus Wolle nur nachlässig am Fenster befestigt. Als sie kräftig daran zieht, löst sich der Stoff, und der bleiche Widerschein des Kometen erfüllt den Raum. Sie schiebt das Fenster auf und atmet tief ein, dann noch einmal, noch tiefer. Nichts. Keine giftigen Gase, kein Brennen in der Lunge. Nur taufeuchter Frühling, der Geruch nach frischen Trieben und, kaum spürbar, nach Meer.

Und dann dieses seltsame Licht. Sie kennt die Sternbilder so genau wie die Furchen ihrer Hand, und so muss sie nicht erst suchen, um den Kometen zu entdecken. Hoch oben zieht er seine Bahn, reist durch die Jahrhunderte, ein funkensprühendes Juwel, erhaben und schicksalsschwer.

Fernes Hundegebell ist zu hören, das Scharren und Gurren der Hühner in ihrem Stall. Dann nähern sich Stimmen, die ihres Bruders und noch eine andere, eine, die sie kennt. Ihr Herz klopft vor Zorn und vor Verlangen. Sie zögert. Sie hat, was sie gleich tun wird, nicht geplant, diesen wichtigsten Augenblick ihres Lebens. Und doch folgt sie nicht bloß einem Impuls, als sie sich auf die Fensterbank schwingt, auf das Dach hinausklettert und ihre nackten Füße über dem Garten baumeln lässt. Sie hat ihr Kleid nicht zufällig anbehalten, die Verhüllung des Fensters mit Absicht schlecht befestigt. Den ganzen Tag schon hat sie von dem Kometen geträumt, seiner wilden Schönheit und seiner Macht, ihr Leben zu verändern.

Die Stimmen nähern sich, und sie springt.

Kapitel 1

Mein Name ist Lucy Jarrett, und bevor ich von jenem Mädchen am Fenster erfuhr, bevor ich in meinem Elternhaus auf Bruchstücke ihrer Geschichte stieß und sie zusammenzufügen begann, lebte ich in Japan in einem kleinen Ort am Meer. Es war Frühling, ein Frühling voller Erdbeben, als ich eines Nachts jäh aus einem Traum gerissen wurde. Schritte verhallten auf der gepflasterten Gasse, und in der Ferne rumpelte ein Güterzug vorüber. Ich lauschte angestrengt, bis ich auch die Brandung hören konnte, doch sonst war alles still. Yoshis Hand ruhte auf meiner Hüfte wie am Abend zuvor, als wir in der dunklen Küche tanzten, zu leiser Musik aus dem Radio, immer langsamer tanzten und schließlich innehielten, um uns im Duft des Jasmins zu küssen.

Ich schmiegte mich an ihn. Im Traum war ich an den See meiner Kindheit zurückgekehrt. Ich wollte nicht dorthin, doch ich ging. Der Himmel war wolkenverhangen, die alte grüne Holzhütte, die ich nur aus meinen Träumen kannte, von Moosen und Ästen fast verdeckt. Ihre geborstenen Fenster waren blind von Staub und Schnee. Ich ging daran vorüber auf das Seeufer zu und auf die dicke, durchsichtige Eisschicht hinaus. Ich lief weiter, bis ich sie fand: so viele Menschen, und sie lebten unter dem Eis. Als ich sie entdeckte, fiel ich auf die Knie und presste die Hände auf die glasklare Oberfläche – so dick, so undurchdringlich und kalt. Ich selbst hatte die Menschen irgendwie hierher versetzt, das wusste ich. Ich hatte sie vor langer Zeit hier zurückgelassen. Ihr Haar wogte in der Strömung, und aus ihren Augen sprach eine Sehnsucht, die der meinen glich.

Die Jalousien erzitterten. Ich hielt, noch halb im Traum gefangen, den Atem an, doch es war nur wieder ein Güterzug, der in Richtung der Berge verschwand. Seit einer Woche schon träumte ich diesen Traum jede Nacht, drangen die Erschütterungen der rastlosen Erde bis in die Tiefen meiner Vergangenheit. Der Traum erinnerte mich an eine andere Frühlingsnacht, als ich, siebzehn Jahre alt, mich von dem Rücksitz eines Motorrads gleiten ließ, das einem Jungen gehörte – Keegan Fall –, und die Apfelblüten neigten sich über uns wie blasse Sterne. Ich presste beide Hände auf Keegans Brust, bevor er losfuhr und der Motor seiner Maschine die Nachtruhe zerriss. Als ich mich zum Haus umwandte, sah ich meinen Vater im Garten stehen. Im Mondlicht schimmerten die grauen Strähnen seines Haars, die Glut seiner Zigarette hob und senkte sich. Flieder und die ersten Rosen leuchteten im Dunkel. Nett, dass du auch noch kommst, sagte mein Vater. Tut mir leid, ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst, antwortete ich. Schweigen, die Gerüche von Seewasser, gemähtem Gras und frischen Trieben in der dunklen Erde, und dann sagte er: Gehen wir angeln, Lucy? Was meinst du? Das haben wir lange nicht mehr gemacht. Es klang wehmütig, und ich erinnerte mich, wie wir uns früher vor Sonnenaufgang auf den Weg zum Boot gemacht hatten, wie ich unter Mühen den Angelkoffer über den Rasen schleppte. Ich wollte mit ihm angeln gehen, seine Einladung annehmen, doch noch lieber wollte ich mich in mein Zimmer zurückziehen, um ungestört an Keegan Fall zu denken. Also wandte ich mich ab und wies ihn scharf zurecht: Also wirklich, Dad. Ich bin doch kein Kind mehr.

Das waren meine letzten Worte an ihn. Ein paar Stunden später, die Sonne stand schon hoch am Himmel, erwachte ich von dem Klang aufgeregter Stimmen, rannte die Treppe hinunter und über das taufeuchte Gras zum Ufer, wo sie eben meinen Vater aus dem Wasser gezogen hatten. Meine Mutter kniete neben ihm im flachen Uferschlamm und berührte mit den Fingerspitzen seine Wange. Seine Lippen und sein Gesicht waren blau angelaufen. In den Mundwinkeln hing ein wenig Schaum, und seine Augenlider sahen silbrig aus, schillernd fast. Wie ein Fisch, dachte ich, ein verrückter Gedanke, doch er half, andere, viel schlimmere zurückzudrängen, die mich seither nie mehr losgelassen haben: Ich hätte mitgehen sollen. Ich hätte bei ihm sein sollen. Hätte ich doch nur ja gesagt.

Neben mir auf dem Futon regte sich Yoshi und seufzte im Schlaf. Seine Hand glitt von meiner Hüfte. Das helle Rechteck des Mondlichts auf dem Boden vibrierte leicht von der fernen Brandung und dem nächtlichen Wind. Allmählich wurden die Vibrationen stärker. Es begann verhalten, wie das Grollen von Güterzügen. Dann fingen meine tibetischen Klangschalen von allein an zu summen. Die Kiesel, die ich im Regal aufgereiht hatte, fielen wie Regentropfen auf die Reisstrohmatten. Im Erdgeschoss stürzte etwas zu Boden und zerbrach. Ich hielt ganz still, als könnte ich damit auch die Welt zur Ruhe bringen, doch das Beben wurde stärker und stärker. Die Regale wankten und spien Bücher aus. Dann lief ein Zittern durch die Wände, der Boden hob und senkte sich in einer einzigen großen Wellenbewegung, als wälzte sich unter uns ein riesiges Tier, als wäre die Erde selbst lebendig und der Boden ihre rissige Haut.

Plötzlich hörte es auf. Alles war merkwürdig still. Irgendwo tropfte Wasser in eine Pfütze. Yoshi atmete gleichmäßig und tief.

Ich rüttelte ihn an der Schulter, bis er schläfrig die Augen öffnete. Solche kleineren Erdstöße bemerkte er kaum, auch wenn wir den Frühling über Hunderte davon erlebt hatten.

»Ein Erdbeben?«, murmelte er.

»Ein ziemlich heftiges. Unten ist irgendetwas zu Bruch gegangen.«

»Tatsächlich? Aber jetzt ist es ja vorbei. Komm, schlaf wieder ein.«

Er schloss die Augen und zog mich an sich. Kurz darauf atmete er wieder tief und regelmäßig. Durch das halboffene Fenster konnte ich über dem Dach des Hauses gegenüber die Sterne sehen.

»Yoshi?«, sagte ich. Als er nicht antwortete, stand ich leise auf und ging hinunter in die Küche.

Die Aloe war vom Fensterbrett gefallen, der Übertopf zerbrochen. Ich setzte Teewasser auf und begann die Erde, die Scherben und abgebrochenen Blätter aufzukehren. Wahrscheinlich taten japanische Hausfrauen im ganzen Ort gerade dasselbe, ein Gedanke, der mich erbitterte. Ich hatte eindeutig schon viel zu lange keinen ordentlichen Job. Es gefiel mir gar nicht, von Yoshi abhängig zu sein, kein eigenes Einkommen zu haben und keine sinnvolle Beschäftigung. Ich bin Hydrologin, das heißt, ich untersuche die Kreisläufe des Wassers, ob überirdisch oder unter der Oberfläche. Als ich Yoshi in Jakarta kennenlernte, arbeitete ich seit fast fünf Jahren in den Forschungsabteilungen internationaler Konzerne. Wir hatten uns ineinander verliebt, wie man es nur fern der Heimat kann. Von allen vertrauten Einflüssen abgeschnitten, hatten wir uns ein eigenes Traumland geschaffen, ganz nach unseren Wünschen. Dies ist der einzige Kontinent, der zählt, sagte Yoshi, wenn er die Formen meines Körpers erkundete. Dies ist unsere Welt. Ein Jahr, zwei Jahre lang waren wir glücklich. Dann liefen unsere Verträge aus, und bevor ich etwas Neues fand, bekam Yoshi eine verlockende Stelle als Ingenieur angeboten. Also waren wir nach Japan gezogen, ein ganz neues Land für mich und, wie sich herausstellen sollte, nicht das meiner Träume.

Ich schenkte mir eine Tasse Tee ein, ging ins Wohnzimmer, zog die Jalousien hoch und öffnete die Fenster. Kühle, frische Nachtluft wogte herein. Es war noch dunkel, doch in den Häusern ringsum begann schon der Tag; von nah und fern hörte ich Wasser rauschen und das Geklapper von Geschirr. Über die schmale Gasse gingen die leisen Gespräche von Nachbarn hin und her.

Das Haus erzitterte von der Brandung und beruhigte sich wieder. Ich setzte mich an den niedrigen Tisch, nippte an meinem Tee und dachte an den kommenden Tag, an die Bergtour, die wir uns schon so lange vorgenommen hatten. In Indonesien hatten Yoshi und ich darüber nachgedacht, zu heiraten, vielleicht sogar Kinder zu bekommen. Ich hatte in diesen vagen Phantasien immer befriedigende Arbeit gehabt oder meine Erfüllung darin gefunden, Japanisch zu lernen, Ikebanas zu arrangieren und viel spazieren zu gehen. Ich hatte nicht geahnt, wie einsam mich die Arbeitslosigkeit machen könnte und wie viel Zeit Yoshi mit seinem eigenen Job zubringen würde. Wir stritten uns häufig in letzter Zeit, aus jedem noch so nichtigen Anlass. Auch wie hartnäckig mich die Vergangenheit verfolgen würde, hatte ich unterschätzt. Nach drei Monaten der Untätigkeit in Japan hatte ich angefangen, Englisch zu unterrichten, um überhaupt einmal andere Stimmen zu hören. Wenn ich mit meinen kleinen Schülern spazieren ging, um am Ufer des Meeres mit ihnen Vokabeln am konkreten Objekt einzuüben – Stein, Wasser, Welle –, sehnte ich mich nach der Zeit, da ich dieselben Wörter jeden Tag wie selbstverständlich bei der Arbeit gebraucht hatte. Manchmal ertappte ich mich dabei, ihnen noch ganz andere Dinge beibringen zu wollen, obwohl ich wusste, dass sie sie nicht verstanden. Von diesem Wasser haben Dinosaurier getrunken, wusstet ihr das? Wasser durchläuft einen ewigen Kreislauf. Eines Tages, Kinder, werden eure Enkel Tee aus euren Tränen kochen.

Ich hatte meine Lehrtätigkeit als Provisorium angesehen, die Arbeitslosigkeit als kurzes Intermezzo, doch jetzt, einige Wochen später, begann ich mich zu fragen, ob das hier das eigentliche Leben war.

Mein Laptop blinkte auf der anderen Seite des Zimmers, und ich ging hin, um nach neuen E-Mails zu sehen. Der Bildschirm tauchte meine Hände und Arme in bläuliches Licht. Sechzehn neue Nachrichten, darunter viel Spam, aber auch zwei Mails von Freunden aus Sri Lanka und drei von ehemaligen Kollegen aus Jakarta, die mir Fotos von einer Urwaldwanderung schickten. Während ich sie überflog, dachte ich an einen Bootsausflug zurück, den Yoshi und ich mit ihnen unternommen hatten, an die üppige Vegetation an den Flussufern, die Hüte, die wir zum Schutz vor der sengenden Sonne aus Lilienblättern flochten, und ich sehnte mich schmerzlich nach dem Leben zurück, das seit unserem Umzug so weit hinter uns lag.

Drei Nachrichten kamen von zu Hause, eine davon von meiner Mutter, was mich überraschte. Wir tauschten uns regelmäßig aus, und einmal im Jahr besuchte ich sie. Doch E-Mails benutzte meine Mutter eher, wie man früher Ferngespräche gehandhabt hatte: sporadisch, kurz angebunden und nur in dringenden Angelegenheiten. Meist unterhielten wir uns am Telefon oder schickten uns dünne blaue Luftpostbriefe. Ihre folgten mir nach, wo auch immer es mich gerade hinverschlagen hatte, und meine landeten zuverlässig in dem Kasten vor dem großen Haus, in dem ich aufgewachsen war, in einem kleinen Ort mit Namen The Lake of Dreams.

 

Lucy, ich hatte einen Unfall, aber keinen schweren, Du musst Dir also wirklich keine Sorgen machen. Wenn Blake sich meldet, nimm seine Lageberichte nicht allzu wörtlich. Er meint es natürlich nur gut, aber seine übervorsichtige Art treibt mich noch in den Wahnsinn. Ich bin fast sicher, dass mein Handgelenk nur verstaucht ist und nicht gebrochen. Der Arzt sagt, auf den Röntgenbildern wird man es sehen. Es gibt also überhaupt keinen Grund, überstürzt nach Hause zu kommen.

 

Ich las die Mail noch einmal und stellte mir dabei meine Mutter vor, wie sie verletzt und einsam am Küchentisch saß. Obwohl seither mehr als zehn Jahre vergangen waren, fühlte ich mich in den Sommer nach dem Tod meines Vaters zurückversetzt. Wir hatten damals unser Leben weitergelebt wie immer, hatten versucht, eine brüchige Ordnung aufrechtzuerhalten. Wir kochten Essen, das niemand aß, und blickten aneinander vorbei, ohne ein Wort zu wechseln. Meine Mutter zog in ein Gästezimmer im Erdgeschoss und begann das Obergeschoss nach und nach, Zimmer für Zimmer abzusperren. Ihre Trauer wurde zum Zentrum der drückenden Stille, und wir anderen schlichen wie auf Zehenspitzen um sie herum; hätte ich geweint oder meinen Schmerz herausgeschrien, wäre alles in sich zusammengestürzt, also hielt ich still. Selbst nach so vielen Jahren fiel ich, wenn ich nach Hause fuhr, in die alten Muster zurück und bewegte mich nur in den Grenzen, die der Verlust mir setzte.

Die nächste E-Mail war tatsächlich von Blake, und das war ein schlechtes Zeichen. Mein Bruder lebte den Sommer über auf seinem Segelboot und verdiente sein Geld als Kapitän der Ausflugsdampfer, die alle zwei Stunden von der Anlegestelle The Lake of Dreams ablegten. Im Winter tat er ungefähr dasselbe auf Saint Croix. Er benutzte gern Skype und war schon zwei Mal um die halbe Welt geflogen, um mich zu besuchen, doch E-Mails schrieb er so gut wie nie. Er schilderte mir den Unfall – jemand hatte ein Stoppschild überfahren, und das Auto meiner Mutter hatte einen Totalschaden –, klang aber nach meinem Empfinden nicht übervorsichtig, sondern eher besorgt. Meine Cousine Zoe schien im Gegensatz zu ihm völlig aus dem Häuschen zu sein, doch das war sie eigentlich immer. Sie war zur Welt gekommen, als ich schon fast vierzehn war, und der Altersunterschied zu uns anderen war so groß, dass wir manchmal das Gefühl hatten, sie sei in einer ganz anderen Familie aufgewachsen. Ihr großer Bruder Joey war in meinem Alter, hatte den Namen und das Vermögen der Familie geerbt, und wir hatten uns nie besonders gut verstanden. Zoe dagegen, die fünfzehn war und sich im Internet auskannte wie in ihrer Westentasche, fand mein Leben aufregend und exotisch und schrieb mir oft lange Mails über die dramatischen Ereignisse an ihrer Highschool, obwohl sie darauf selten eine Antwort bekam.

Es begann zu dämmern. Ich stand auf und stellte mich ans Fenster. Auf der Gasse waren jetzt die grauen Pflastersteine zu erkennen, und die Holzhäuser traten aus dem Dunkel hervor. Geschirrgeklapper und das Rauschen eines Wasserhahns auf der anderen Straßenseite rissen mich aus meinen Gedanken. Mrs. Fujimoro trat aus dem Haus gegenüber, um den Gehweg zu fegen. Ich ging auf die Veranda hinaus und nickte ihr zu. Sie fegte mit so resoluten, geübten Bewegungen, dass ich das erneute Grollen erst bemerkte, als sie innehielt. Erst schien es das Übliche zu sein, ein größerer Brecher an der Küste oder ein nahender Lastwagen – aber dann … Unsere Blicke trafen sich. Als das Beben anschwoll, griff sie nach meiner Hand.

Blätter raschelten, und in einer Pfütze kräuselte sich das Wasser. Unter dem Küchenfenster der Fujimoros bildete sich ein feiner Riss, der im Zickzack bis zum Fundament hinunterlief. Ich blieb so reglos wie möglich stehen, hielt Mrs. Fujimoros Hand und dachte an meine Mutter und ihren Unfall, an den Moment, da sie erkannt haben musste, dass sie den Zusammenprall genauso wenig abwenden konnte, wie sich der Lauf des Mondes ändern ließ.

Das Beben hörte wieder auf. Aus dem Haus drang die fragende Stimme eines Kindes zu uns. Mrs. Fujimoro atmete tief durch, trat einen Schritt zurück und verneigte sich. Sie hob ihren Besen auf, und ihr eben noch so unverstellter Gesichtsausdruck wirkte wieder verschlossen und distanziert. Ich blieb allein auf dem ausgetretenen Pflaster zurück.

»Haben Sie das Gas abgestellt?«, fragte sie mich.

»Aber ja!«, versicherte ich. »Ja, ich habe das Gas abgestellt.« Diesen Dialog führten wir häufiger, diese Worte gehörten zu den wenigen japanischen Sätzen, die ich fehlerfrei hersagen konnte.

Als ich mich umwandte, stand Yoshi in der Tür, mit zerzaustem Haar und einem alten T-Shirt über der Jogginghose. Er sah wie immer freundlich aus und verneigte sich respektvoll vor Mrs. Fujimoro, die seine Verbeugung erwiderte und auf Japanisch mit ihm zu sprechen begann. Ihr Mann war mit Yoshis Vater zur Schule gegangen, und die Fujimoros waren unsere Vermieter. Wenn Yoshis Eltern aus London zu Besuch kamen – seine Mutter ist Britin –, übernachteten sie gleich um die Ecke in einer Wohnung, die ebenfalls den Fujimoros gehörte.

»Worüber habt ihr geredet?«, fragte ich, als Yoshi sich schließlich ein zweites Mal verneigte und wieder ins Haus kam. Er war zweisprachig aufgewachsen und wechselte mühelos zwischen Englisch und Japanisch hin und her.

»Sie hat von dem großen Kanto-Erdbeben in den zwanziger Jahren erzählt. Einige ihrer Verwandten sind damals gestorben, und sie sagte, das könnte der Grund sein, warum sie sich selbst bei kleinen Erdstößen so sehr fürchtet. Sie hat schreckliche Angst, dass ein Feuer ausbrechen könnte. Und sie hofft, dass sie dich nicht erschreckt hat, weil sie deine Hand genommen hat.«

»Natürlich nicht«, sagte ich, folgte Yoshi in die Küche und nahm meine leere Teetasse mit. »Ich fürchte mich doch auch vor den Beben. Ich verstehe gar nicht, wie du so ruhig bleiben kannst.«

»Na ja, entweder hören sie wieder auf oder eben nicht. Daran kann ich schließlich nichts ändern, oder? Außerdem – sieh mal, hier«, fuhr er fort und zeigte auf die Zeitung, die ich natürlich nicht lesen konnte. »Da steht auf der ersten Seite, dass vor der Küste gerade eine Unterwasserinsel entsteht und danach alles wieder besser wird. Es ist nur eine Art Druckausgleich.«

»Wie beruhigend.« Ich sah ihm dabei zu, wie er mit präzisen, geübten Bewegungen einen neuen Tee aufgoss. »Yoshi, meine Mutter hatte einen Unfall.«

Er blickte auf.

»Was ist passiert? Geht es ihr gut?«

»Ein Autounfall. Kein schwerer, glaube ich. Oder es war doch ein schwerer Unfall, aber es geht ihr trotzdem gut. Je nachdem, wessen Version man liest.«

»Oje, die Arme. Fährst du hin?«

Ich antwortete nicht gleich. Hoffte er, dass ich ginge? Wollte er lieber allein sein?

»Eher nicht«, sagte ich schließlich. »Sie sagt, es geht ihr gut. Außerdem brauche ich endlich einen Job.«

Yoshi fixierte mich mit einem Blick, der mich einst zu ihm hingezogen hatte und den ich jetzt als einengend empfand: als würde er mich in- und auswendig kennen.

»Einen Job kannst du auch noch nächste Woche finden oder nächsten Monat.«

Ich starrte aus dem Küchenfenster auf die Hauswand gegenüber.

»Nein, Yoshi. Ich will es nicht vor mir her schieben. Das ewige Nichtstun macht mich langsam verrückt.«

»Tja«, sagte Yoshi gutgelaunt und setzte sich an den Tisch. »Da kann ich dir allerdings nicht widersprechen.«

»Ich habe alles abgegrast«, sagte ich verstimmt. »Du hast ja keine Ahnung.«

Yoshi schälte eine Mandarine auf seine eigene, sehr geschickte Art, die eine fast intakte Schale zurückließ, wie eine kleine Laterne. Er sah nicht zu mir hoch.

»Was ist denn mit der Beraterstelle bei dem chinesischen Dammbauprojekt am Mekong? Hast du dich da beworben?«

»Noch nicht. Es steht auf meiner Liste.«

»Deiner Liste, Lucy? Wie lang kann die schon sein?«

Diesmal atmete ich tief durch, bevor ich antwortete. Wir hatten uns seit Wochen auf unseren Ausflug in die Berge gefreut, und ich wollte keinen Streit.

»Ich musste erst noch recherchieren«, sagte ich und erinnerte mich selbst daran, wie wir vor wenigen Stunden noch miteinander getanzt hatten, in ebendieser Küche, im Duft des Jasmins.

Yoshi gab mir ein Stück von seiner Mandarine. Diese kleinen Früchte, Mikans genannt, wuchsen überall auf den umliegenden Hügeln und sahen, wenn sie reiften, wie leuchtender Baumschmuck aus. So hatten wir sie bei unserem ersten Besuch im vergangenen Herbst gesehen, als Yoshi gerade seine Stelle angeboten bekommen hatte und alles so neu und vielversprechend schien.

»Lucy, vielleicht solltest du dir doch lieber eine Pause gönnen und deine Mutter besuchen? Ich könnte sogar nachkommen, wenn ich in Jakarta fertig bin. Das fände ich schön. Ich würde deine Mutter gern kennenlernen.«

»Aber es ist so ein weiter Weg!«

»Nur, wenn man ihn zu Fuß gehen will.«

Ich lachte, aber Yoshi war es ernst. Er sah mich mit seinen onyxfarbenen Augen an, die dunkel waren wie der Grund eines tiefen Sees. Mir stockte der Atem, als mir wieder die letzte Nacht einfiel und der unverwandte Blick, mit dem er so sanft seine Fingerspitzen über meine Haut wandern ließ. Yoshi war oft beruflich unterwegs – er entwarf als Ingenieur Brücken für einen multinationalen Konzern –, und seine Reise nach Jakarta hatte ich mir nur als eine weitere Trennung vorgestellt. Dass sie uns stattdessen einander näherbringen sollte, erschien mir paradox.

»Willst du denn gar nicht, dass ich sie kennenlerne?«, fragte er.

»Das ist es nicht«, sagte ich. Ich griff nach der leeren Mandarinenschale und wog das fragile Gebilde in der Hand. »Jetzt ist nur einfach nicht der richtige Zeitpunkt. Außerdem ist meiner Mutter nichts Ernstes passiert. Es ist nicht gerade ein Notfall.«

Yoshi zuckte mit den Schultern und nahm sich noch eine Mandarine. »Einsamkeit kann auch ein Notfall sein.«

»Was soll das heißen?«

»Ich meine nur, dass du in letzter Zeit ziemlich einsam und unglücklich wirkst, Lucy.«

Ich wandte mich ab und blinzelte, überrascht, weil mir plötzlich die Tränen kamen.

»He, Lucy.« Er berührte mit seinen klebrigen Fingern meine Hand. »Es tut mir leid, okay? Vergiss es einfach. Lass uns in die Berge fahren, wie geplant.«

Und das taten wir. An der Küste war der Himmel bedeckt, doch je höher sich der Zug in die Berge hinaufwand, desto mehr wurde ein heller, sonniger Tag daraus. Im beginnenden Frühling hatten sich die blühenden Kirsch- und Pflaumenbäume leuchtend von den Hängen abgehoben, den Boden mit ihren weißen Blütenblättern bedeckt, und meine Vokabellektionen hatten wie Gedichte geklungen: Baum, Blüte, fallen, wehen, Schnee. Jetzt grünte in der wasserreichen Ebene schon der Reis, doch hier oben hielt sich die erste Jahreszeit. Die Hortensien öffneten ihre grünen Blüten, an den Rändern violett und blau, und drängten sich üppig und dicht bis an die Schienen heran.

Wir wanderten zu einem Freiluftmuseum unter dem lichten Dach der Zedern und aßen zu Mittag in einem Bergdorf, das auf dem Rand eines schlafenden Vulkans erbaut war. Den ganzen Tag plauderten wir entspannt miteinander, wie zu unseren besten Zeiten. Bei Einbruch der Dämmerung erreichten wir das Rotenburo, eine heiße Quelle unter freiem Himmel, und verabschiedeten uns vor dem Eingang. Die Umkleide war ganz aus Kiefernholz, wohltuend schlicht und fast leer. Ich wusch mich sorgfältig von Kopf bis Fuß, übergoss mich mit warmem Wasser und ging nackt zu dem steinigen Quellbecken hinaus. Die Luft war kühl, und am indigoblauen Himmel stand schon der Mond. Zwei andere Frauen saßen mir gegenüber an die glatten Felsen gelehnt und unterhielten sich miteinander. Vor dem dunklen Gestein wirkte ihre Haut fast weiß, und ihre Körper verschwanden hüftabwärts im Wasser. Ihre Stimmen mischten sich mit dem Geplätscher der Quelle. Die Gespräche der Männer hinter der Wand schwappten zu uns herüber.

Ich ließ mich in das dampfende Wasser gleiten und stellte mir vor, wie verschlungene unterirdische Ströme diese Quellen speisten, dachte daran, wie alles mit allem verbunden war und wie sich mein Leben mit Yoshi in Japan einer einzigen Entscheidung verdankte, die ich vor über zwei Jahren, in meinen ersten Wochen in Jakarta, ganz beiläufig getroffen hatte. Ich kam gerade von einer anstrengenden einwöchigen Feldstudie an einem Kanalsystem zurück, ließ mein Gepäck auf die kühlen Marmorfliesen fallen und wünschte mir nichts weiter als eine warme Dusche, einen Teller Nasi Goreng und einen Drink. Meine Mitbewohnerin, die bei der irischen Botschaft arbeitete, war auf dem Weg zu einer Party und lud mich ein mitzukommen. Obwohl sie gutes Essen und noch bessere Musik in Aussicht stellte, sagte ich nein, doch in letzter Minute überlegte ich es mir anders.

Aus dem großen Haus, in dem die Party stattfand, drangen lachende Stimmen und Musik. Ich trug ein maßgeschneidertes dunkelblaues Seidenkleid, das meiner Figur schmeichelte und meine Augenfarbe unterstrich, mischte mich unter die Leute und plauderte mit Freunden und Bekannten. Als ich an einer Balkontür vorbeikam, zog es mich plötzlich hinaus an die frische Luft. Yoshi lehnte am Geländer und betrachtete gedankenverloren den Fluss, der unter uns vorüberzog. Ich hielt inne, denn ich wollte ihn nicht stören. Doch er drehte sich zu mir um und lächelte dieses warme, einladende Lächeln, das manchmal sein ganzes Gesicht erhellt. Er fragte, ob ich ihm Gesellschaft leisten wollte.

Ich stellte mich neben ihn ans Geländer. Zuerst wechselten wir kaum ein Wort, sondern starrten nur fasziniert in die wirbelnden braunen Fluten. Als wir dann doch ins Gespräch kamen, stellte sich heraus, dass wir einiges gemeinsam hatten. Wir waren gleich alt, und außer unserem Arbeitsgebiet und der Lust am Reisen verband uns die Tatsache, dass wir beide kein Bier vertragen. Wir unterhielten uns so angeregt, dass wir weder die anderen Gäste bemerkten, die kamen und gingen, noch unsere längst geleerten Gläser oder die heraufziehenden Wolken – bis plötzlich der Monsunregen auf uns niederprasselte und uns bis auf die Haut durchnässte. Yoshi und ich sahen einander an, mussten beide lachen, und er hob die Hände den herabstürzenden Wassermassen entgegen. Nass, wie wir waren, sahen wir keinen Sinn mehr darin, ins Haus zu gehen. Wir blieben auf dem Balkon, bis der Regen ebenso plötzlich wieder aufhörte. Yoshi begleitete mich durch die dunklen, neblig feuchten Straßen bis nach Hause. Dann strich er mir mit beiden Händen das Wasser aus dem Gesicht und gab mir einen Kuss.

Zuerst fiel es mir leicht, ihn auf Distanz zu halten. Von den unverbindlichen Fernbeziehungen, in die Berufsnomaden wie wir so leicht hineingerieten, hatte ich gründlich genug. Dann begann die Regenzeit. Sie setzte ungewöhnlich früh ein, und die Wolkenbrüche waren heftiger als sonst, füllten viel zu rasch die offenen Kanäle der Stadt und ergossen sich in die Straßen. Jakarta war zu großen Teilen eben, und das unaufhaltsame Wachstum der Stadt hatte Bäume und Brachen vernichtet und nur wenige Flächen übriggelassen, die den Regen hätten aufnehmen können. Das Wasser stieg und stieg. Eines Morgens sah ich Fische über den Rasen schwimmen, und mittags stand mir das Wasser im Wohnzimmer schon bis zu den Knöcheln. Meine Mitbewohnerin und ich sahen in den Nachrichten, wie die Flut Autos wegspülte, Häuserfassaden unterhöhlte und ein ganzes Dorf mit sich fortriss, die Heimat von 143 Menschen.

Als der Wasserspiegel allmählich wieder sank, organisierten Yoshi und zwei seiner Kollegen eine Aufräumaktion in einem Kinderheim. Er holte mich mit einem geliehenen alten Pick-up zu Hause ab und fuhr mich quer durch die zerstörte Stadt. Das ganze Grundstück des Heims war mit Schlamm und Schutt bedeckt. Es stank. Wir hatten den ganzen Tag zu tun und auch den Tag darauf, und Yoshi war überall zugleich, beim Schlammschaufeln wie bei der Einteilung der freiwilligen Helfer. Einmal beugte er sich zu einem kleinen Jungen hinunter, der in einem zerschlissenen roten Hemd weinend im Morast hockte, hob ihn hoch und trug ihn ins Haus.

Als er mich an jenem zweiten Tag nach Hause fuhr, öffnete der Himmel wieder seine Schleusen. Auf dem Weg vom Auto zur Haustür kramte ich nach dem Schlüssel, rutschte aus und griff im Fallen nach dem Ast eines Mangobaums. Blätter und Zweige regneten auf mich herab, Pollen und Blütenblätter, tote Äste. Ich hatte schon nach der Aufräumaktion furchtbar ausgesehen. Yoshi half mir hoch, und irgendwie schafften wir es durch die Tür. Komm her, sagte er, du zitterst ja. Wir drehten die Dusche auf und zogen uns aus. Schließ die Augen, sagte er und trat unter dem dampfend heißen Wasserstrahl hinter mich. Seine Hände wühlten sich in mein Haar, hüllten jede Strähne in duftenden Schaum, massierten meine Schläfen, meine Schultern. Das heiße Wasser trug die Kälte und den Schmutz mit sich fort. Ich gab seinen Berührungen nach, und als er meine Brüste behutsam, wie zwei Blüten, in die Hände nahm, wandte ich mich zu ihm um.

Und jetzt waren wir hier, so viele Meilen und Tage von damals entfernt. Yoshis Stimme wehte über die Trennwand zu mir herüber. Er lachte. Ich glitt tiefer, legte den Kopf auf einen Stein und ließ mich treiben. Dampf stieg hoch, mein Körper schimmerte unter der Oberfläche im Mondlicht, und die Frauen auf der anderen Seite waren noch immer leise ins Gespräch vertieft. Vielleicht waren sie Mutter und Tochter oder sehr verschieden alte Schwestern, denn sie hatten eine ähnliche Figur, und die Gesten der einen spiegelten die der anderen Frau. Ich dachte wieder an meine Mutter, die allein zu Hause saß.

Du wirkst in letzter Zeit ziemlich einsam und unglücklich. Yoshis Bemerkung hatte mich verletzt, doch ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, ob er recht hatte. Nur wenige Wochen nach dem Tod meines Vaters war ich aufs College gegangen, um dem Schweigen zu entkommen, das wie ein Fluch über meinem Elternhaus lag. Keegan Fall hatte immer wieder versucht, es zu durchbrechen, doch ich hatte ihn barsch abgewiesen, zwei Mal, drei Mal, bis er nicht mehr wiederkam. Seither war ich immer in Bewegung – vom College ging ich an die Grad School, wechselte von einem Job zum nächsten, stürzte mich in eine Beziehung nach der anderen, floh vor meinem Schmerz und blickte nie zurück, bis ich jetzt, in Japan, jäh zum Stillstand kam.

Nacheinander stiegen die Frauen aus dem Becken, wühlten kleine Wellen auf und hinterließen dunkle Tropfspuren auf den Felsen. Ich musste an meinen Traum denken, an die Gesichter unter dem Eis. Mein Vater hatte mir immer Geschichten erzählt, in denen ich die Heldin war, und am Ende wurde alles gut. Auf den Schock seines plötzlichen Todes war ich nicht vorbereitet gewesen. Er war, wie sich bei der Autopsie herausstellte, gestürzt, hatte sich am Boot den Kopf angeschlagen und war ins Wasser gerutscht, ein Unfall, der sich nie vollständig hatte aufklären lassen. Seine Angel hatte man Tage später gefunden, sie hatte sich am Rand der Marschen im Schilf verfangen.

Ich stieg aus dem Wasser und zog mich an. Yoshi war noch nicht da, also wanderte ich ziellos einen mit Steinen gepflasterten Pfad entlang. Er folgte einem Bach und endete bald darauf am Ufer eines Tümpels, der kreisrund und silbern im Mondlicht vor mir lag. Am anderen Ufer, im Schatten der Bäume, regte sich etwas.

Nicht zum ersten Mal an diesem Tag hielt ich den Atem an. Ein riesiger Reiher stand dort, die Flügel eng angelegt, die Beine halb im dunklen Wasser verborgen. Der Teich beruhigte sich und glitzerte im Mondschein wie Katzengold. Dann bemerkte ich neben dem ersten einen zweiten, kleineren Reiher. Sie erinnerten mich an die zwei Frauen in der Thermalquelle, als hätte sie das Mondlicht nach dem Bad in diese stillen, wunderschönen Vögel verwandelt. Yoshi rief nach mir, und die Reiher breiteten ihre großen Flügel aus. Ruhig und anmutig hoben sie sich aus dem Wasser und flogen davon; ihre Schatten huschten über den See.

»Lucy«, rief Yoshi noch einmal. »Wenn wir uns beeilen, kriegen wir den nächsten Zug.«

Auf dem Weg in die Ebene holte uns die Hitze wieder ein. Die Hortensienblüten vor den Zugfenstern welkten mit jedem Höhenmeter, als wäre der lange, allmähliche Lauf der Jahreszeit auf eine einzige Stunde zusammengeschrumpft. Als wir unsere Haltestelle am Meer erreichten, waren gar keine Blüten mehr zu sehen, nur glänzendes Blattwerk. Wir liefen auf schmalen Kopfsteinpflasterstraßen nach Hause. Grillen sangen, und der Boden vibrierte von der nahen Brandung. Zwei Mal hielt ich an.

»Ist das das Meer?«, fragte ich.

»Wahrscheinlich.«

»Kein Erdbeben?«

Yoshi seufzte, fast ein wenig gequält. »Ich weiß es nicht. Vielleicht ein leichtes.«

Auf dem Esstisch war eine Vase umgefallen. Bücher lagen auf dem Boden verstreut. Ich wischte das Wasser auf und fegte die Blüten zusammen. Als ich mich aufrichtete, gab es einen heftigen Ruck, so stark, dass selbst Yoshi darauf reagierte und mich zu sich auf die Türschwelle zog. Minutenlang blieben wir dort stehen und spürten das Zittern des Bodens unter unseren Füßen. Ich war so müde. Mir graute vor der kommenden Nacht, vor den Erdbeben und Alpträumen. Vor dem nächsten Tag, dem nächsten grundlosen Streit und der undurchdringlichen Stille, wenn ich allein zu Hause blieb. Ich dachte an die beiden Reiher, an ihre breiten, dunklen Schwingen.

»Yoshi«, sagte ich, »vielleicht sollte ich doch meine Familie besuchen.«

Kapitel 2

Zwei Tage darauf machten wir uns vor Sonnenaufgang auf den Weg zum Bahnhof. Mein Rollkoffer holperte im Frühnebel über das Kopfsteinpflaster. Wir liefen die gewundene Gasse hoch, vorbei an den Obstständen und Getränkeautomaten für Sake und Bier, am Tempel mit dem Skulpturengärtchen und einem Laden, der hausgemachten Tofu verkaufte. Yoshi trug ein weißes Hemd zum schwarzen Anzug, sein Salaryman-Outfit, über das ich mich früher immer ein wenig lustig gemacht hatte, das in den letzten Monaten jedoch zunehmend zu einem Teil seines wahren Selbst geworden zu sein schien. Bildete ich es mir nur ein, oder entfernte sich Yoshi mehr und mehr von dem Menschen, den ich zu kennen glaubte? War dies seine eigentliche Persönlichkeit, die mir nur damals, im Land unserer Träume, verborgen geblieben war?

Die Fahrt nach Tokio dauerte eine Stunde, und allmählich füllte sich der Zug, enger und enger presste uns die Menschenmenge aneinander. Beim Aussteigen hakte sich Yoshi bei mir unter, damit wir uns im Gewimmel nicht aus den Augen verloren. Wir waren seit dem Ausflug sehr freundlich und höflich zueinander, beinahe förmlich, aber jetzt, auf dem Bahnsteig, inmitten des uferlosen Stroms von Männern in dunklen Anzügen, blieb Yoshi stehen, wandte sich zu mir um und ließ ein kleines Päckchen in meine Handtasche gleiten.

»Eine Webcam«, erklärte er, »damit wir skypen können. Und in zwei Wochen sehen wir uns wieder.« Er legte mir die Hände auf die Schultern und gab mir zwischen all den ungeduldig vorüberdrängenden Menschen einen langen, innigen Kuss. »Pass auf dich auf«, sagte er. »Ruf mich an.« Dann tauchte er in den Strom der Pendler ein und verschwand.

Ich stieg in den Flughafen-Shuttle und suchte mir einen Sitzplatz. Obwohl ich die Erinnerung an Yoshis Berührungen in mir wachzuhalten versuchte, begann sie mit dem Vorüberziehen der regengrauen Landschaft bald zu verblassen. Ich lehnte mich zurück und dachte an die bevorstehende Begegnung mit meiner Familie. Bisher hatte ich mich bemüht, mindestens ein Mal im Jahr nach Hause zu fliegen, doch der Umzug nach Japan war mir dazwischengekommen, und mein letzter Besuch lag fast zwei Jahre zurück. Mein Fernweh musste ich wohl geerbt haben, wenn man den Familienlegenden glauben durfte, die mich seit frühester Kindheit begleiteten. Mein Urgroßvater, Joseph Arthur Jarrett, erlebte mit sechzehn die Rückkehr des Halley’schen Kometen. Damals, 1910, als alle Welt der Ankunft des Himmelskörpers mit Angst und Schrecken entgegensah, bewahrte der junge Abenteurer einen kühlen Kopf, stahl sich nachts aus dem Haus und stieg den Hügel zur Kirche hinauf, um das historische Ereignis mit eigenen Augen zu sehen. Er war ein Träumer und Enthusiast, und er besaß eine Gabe, die er genauso wie seine ungewöhnlichen Augen an die nächsten Generationen weiterreichen sollte: Mit seinem feinen Gehör entlockte er jedem Türschloss sein Geheimnis. Die Riegel am Glockenturm gaben seinem tastenden Draht nach, setzten sich in Bewegung, und die Tür sprang auf. Er stieg die ausgetretenen Stufen hoch, bis er den Kometen entdeckte, der sich zwischen den vertrauten Sternen über das Firmament wölbte. Er sah zu ihm auf. Wie eine Segnung, dachte er. Wie ein Geschenk. Das Wort orbit, Umlaufbahn, kam aus dem Lateinischen, von orbis, Rad. Mein Urgroßvater, der wie sein Vater und dessen Vater Stellmacher werden sollte, empfand dieses neue, fremde Licht als ein Zeichen.

Die Tage und Wochen darauf folgten dem immergleichen Rhythmus von Arbeit, Essen und Schlaf, doch die Erinnerung an den Kometen blieb; sie leuchtete im Verborgenen, wie ein Stern bei Tag oder eine glänzende Münze in einer Manteltasche. Als bei einem hochsommerlichen Gewitter der Blitz in eine Ulme fuhr, berührte mein Urgroßvater den gefällten Stamm, und ein Traum wuchs daraus empor, schloss drängend seine blättrigen Arme um ihn, berührte mit üppigen, weißglühenden Blüten seine Haut. Bau dir einen Koffer, hörte er, also zerlegte er einen Teil des Stamms und versteckte ihn in der Scheune eines Nachbarn. Ein Jahr lang sägte und hobelte er heimlich das Holz zurecht, fertigte Verbindungsstücke aus heißem Metall und schnitt zwei breite Lederriemen zu. Sein Herz bebte und sang, als er eines Nachts endlich aufbrach und ein Schiff bestieg. Vom fernen Hafen brachte ihn ein Zug nach The Lake of Dreams, wo ihn Jesse Evanston, ein entfernter Cousin, den er nur dem Namen nach kannte, am Bahnsteig willkommen hieß. So hatte man es mir jedenfalls erzählt.

Als ich am Check-in-Schalter stand, versuchte ich mir vorzustellen, wie er sich gefühlt haben mochte, als er all seine Träume auf jene unbekannte Ferne richtete, ohne Telefon, ohne E-Mails und ohne die Aussicht auf eine Wiederkehr. Für mich waren ein Jahrhundert später weite Entfernungen so selbstverständlich geworden. Fast genau vierundzwanzig Stunden nach dem Abflug in Tokio landete ich auf dem JFK International Airport. Eine weitere Flugstunde später kamen die Seen in Sicht – tiefblau, lang und schmal schmiegten sie sich in die grünen Hügel. Gletscher hatten die ehemaligen Flussbetten über die Jahrtausende tief und breit in die Landschaft gegraben. Gedankenverloren sah ich auf die Gewässer unter mir, bis die Tragfläche mir den Blick versperrte.

Ich hatte meinem Bruder meine Ankunftszeit gemailt, und als ich die Rolltreppe zur Gepäckausgabe hinunterfuhr, stand Blake schon dort und musterte, die Hände in den Hosentaschen, die ankommenden Passagiere. Als er mich entdeckte, hellte ein breites Lächeln seine Züge auf. In gewisser Weise hatte ihn der plötzliche Tod unseres Vaters am härtesten getroffen. Er hatte an der Seefahrtsschule einen guten Abschluss gemacht und attraktive Jobangebote auf großen Schiffen auf den Great Lakes bekommen, doch im Sommer zog es ihn immer wieder nach The Lake of Dreams zurück – ein Muster, das er nicht zu durchbrechen vermochte.

»He, Schwesterherz«, sagte er und legte einen Arm um mich. Blake ist ein Meter fünfundneunzig groß, und obwohl ich selbst nicht klein bin, musste ich mich auf die Zehenspitzen stellen, um seine Umarmung zu erwidern. »Mom ist gerade beim Arzt, sonst wäre sie mitgekommen.«

»Kommt sie zurecht?«

»Ganz gut. Der Arm ist anscheinend doch nur verstaucht. Er bleibt jetzt ein paar Wochen geschient.«

Ich zog meinen Koffer vom Fließband herunter und steuerte bereits den Autoverleih an, als Blake mich zurückhielt.

»Vergiss den Mietwagen«, sagte er. »Du kannst Dads altes Auto haben, solange du hier bist.«

»Den Impala? Echt?«, rief ich erstaunt und folgte ihm zum Parkplatz. »Den hat Mom zum Laufen gekriegt? Der stand doch jahrelang nur in der Scheune.«

»Ich weiß, aber er fährt noch. Mom hat ihn vor ein paar Monaten durchchecken lassen, vermutlich, um ihn zu verkaufen. Der Wagen ist gut in Schuss.«

»Es überrascht mich, dass sie ihn verkaufen will.«

Blake sah mich von der Seite an, ernst und amüsiert zugleich. Er hatte die Augen, die alle in unserer Familie haben: Sie waren blau, mit grünen Sprenkeln und langen, ausdrucksstarken Wimpern.

»Das Leben geht weiter, Luce. Du wirst sehen, es hat sich eine ganze Menge verändert.« Er warf meinen Koffer auf die Ladefläche seines Pick-ups. »Und du? Wie geht es dir in letzter Zeit? Vermisst du Indonesien? Ich muss dauernd daran denken. Besonders an dieses Naturschutzgebiet, in dem wir waren, mit den abgefahrenen Bäumen und den Vulkanen.«

Blake hatte mich besucht, als meine Beziehung zu Yoshi gerade erst begonnen hatte. Wir waren zusammen an den Korallenriffen schnorcheln gegangen und durch den Regenwald gewandert. Das Ganze war Yoshis Idee gewesen; er hatte denselben Ausflug schon einmal mit Freunden gemacht und wusste, dass es Blake und mir gefallen würde.

»Das hat Spaß gemacht, oder?«

»Und wie. Es war nur so unglaublich heiß. Wie gefällt es dir in Japan? Und was treibt mein alter Freund Yoshi? Geht es ihm gut? Ich mag ihn, aber das weißt du ja.«

»Ja, ich weiß.« Yoshi und Blake hatten sich auf Anhieb gut verstanden. Außer ihrer Liebe zu Segelbooten und allem, was mit der Seefahrt zu tun hat, verband sie eine Sorglosigkeit in allen ernsten Lebensfragen, die mich manchmal in den Wahnsinn trieb. Und sie waren beide verrückt nach Rambutans, den süßen, roten Früchten, die aussehen wie ausgefranste Pingpongbälle und überall an den Straßenständen feilgeboten wurden. Fünf oder sechs Mal hatten sie Halt gemacht, um sich körbeweise einzudecken. »Er kommt übrigens auch, in zwei Wochen schon.«

»Echt wahr? Das ist ja schön. Ich freue mich auf ihn.«

»Ich mich auch.« Dann erzählte ich Blake von meinem Leben in Japan, von Yoshi und den Thermalquellen, den ständigen Erdbeben. Ich redete wie ein Wasserfall, weil ich so froh war, ihn wiederzusehen, und so durcheinander – wie immer, wenn ich an diesen vertrauten Ort zurückkehrte und spürte, dass die Zeit ohne mich nicht stehengeblieben war. Blake versorgte mich mit dem neuesten Klatsch über Läden, die geschlossen oder neu eröffnet worden waren, über Familiengründungen, Hochzeiten und Rosenkriege.

Wir fuhren auf Nebenstraßen die Anhöhe zwischen den Seen hinauf. Schmale Straßen wanden sich entlang den alten Fußpfaden durch sattgrüne Hügel und Felder, durchbrochen von weißen Farmhäusern, roten Scheunen und Silos. Die Irokesen, die diesen Landstrich einst bewohnten, hatten den Seen ihre Namen gegeben: Langer See, Schöner See, Gesegneter Ort, Steiniger Ort, Kanu-Landestelle, See der Träume. Nach der Revolution hatte man ihre Dörfer verwüstet und niedergebrannt – alle zwanzig Kilometer kamen wir an blau-goldenen Hinweisschildern auf die brutale Sullivan-Expedition vorbei. Die siegreichen Soldaten hatten das Land dann unter sich aufgeteilt und die Wälder abgeholzt, um sich ihre Farmen zu bauen. Später waren an den Ufern Sommerhäuschen und Zeltplätze für Angler entstanden, in den letzten Jahren auch große, protzige Ferienresidenzen. Von der Anhöhe erstreckten sich grüne Felder bis hinunter zum silbrigblauen Ufer des Sees.

»Ach, übrigens – dein alter Freund Keegan ist wieder da.«

Ein Pulsschlag, ein rasches, vertrautes Flackern.

»Keegan? Den habe ich seit Jahren nicht gesehen.« Das stimmte, auch wenn es mir gar nicht so vorkam.

»Tja, er hat im alten Johnson-Transformatorenwerk am Kanal eine Werkstatt aufgemacht. Das Gebäude ist komplett saniert, da sind jetzt lauter Restaurants und Galerien drin. Ziemlich hip, das Ganze.« Blake warf mir einen Seitenblick zu. »Erinnerst du dich noch an Avery?«

»Deine alte Freundin.«

Blake nickte lächelnd. »Genau. Wir sind wieder zusammen. Sie hat im Johnson’s ein vegetarisches Restaurant aufgemacht. Habe ich dir überhaupt erzählt, dass sie nach unserer zweiten Trennung eine Kochausbildung angefangen hat? Sie ist ziemlich gut.«

Inzwischen waren wir in die Uferstraße eingebogen und näherten uns dem Eingang zum Truppenübungsplatz. Der See war tief genug für Marinemanöver; im Zweiten Weltkrieg hatte man hier Hunderte Familien zwangsenteignet und umgesiedelt. Ihre Scheunen und Wohnhäuser wurden abgerissen wie einst die Dörfer der Irokesen, und fast über Nacht waren Landepisten, Wellblechbaracken und Munitionsbunker zwischen den Maisfeldern emporgeschossen. Das Sperrgebiet hatte meist völlig verlassen gewirkt, nur ab und zu hatten mattgrüne Militärfahrzeuge das Gelände auf geheimnisvoller Mission durchquert. Jetzt aber standen Dutzende Autos am Straßenrand, und vor den offenen Toren hatte sich eine Menschenmenge versammelt.

»Was ist denn hier los?«

»Das ist die nächste große Neuigkeit«, sagte Blake. »Das kommt davon, wenn man so lange weg ist. Der Übungsplatz ist letzte Woche geschlossen worden.«

Ich war in Gedanken noch bei Keegan, der auf dieser Strecke immer sein Motorrad voll ausgefahren hatte, bis der Fahrtwind an unseren Ärmeln zerrte, und brauchte daher einen Moment, um Blakes Antwort zu verarbeiten.

»Wirklich wahr? Für mich war das Sperrgebiet immer eine Grundkonstante.«

»Ja, komisch, oder? Der Wirtschaft geht es ohnehin schon schlecht, und jetzt wird es nur noch schlimmer. Hier gab es immerhin Arbeitsplätze.«

Ich ließ den Blick nach Süden über das riesige Areal gleiten, das sich hinter der Absperrung am Ufer entlang erstreckte. Auch unsere Urgroßeltern mütterlicherseits waren damals enteignet worden, die Geschichte ihres Verlusts begleitete uns schon ein Leben lang. Immer war da der kilometerlange Zaun aus Stacheldraht gewesen, dahinter eine geheime Welt, die uns verschlossen blieb. Blake bremste ab, manövrierte den Pick-up durch den ungewohnt dichten Verkehr und stoppte schließlich, als er auf der anderen Straßenseite einen Bekannten entdeckte, einen gedrungenen Mann in Jeans und mit drahtigem dunklen Haar, auf dessen Jacke das Logo des lokalen Fernsehsenders prangte.

»He, Pete. Was ist hier los?«

»Hallo, Blake.« Pete kam über die Straße gelaufen und beugte sich zum Fenster des Pick-ups herunter. »Eine Kundgebung. Für die Rettung der Trauerseeschwalbe oder so.« Er wies mit einer vagen Geste zu den Marschen und zu unserem Grundstück hinüber. »Eine Interessengruppe will das ganze Areal zum geschützten Feuchtgebiet erklären. Was die anderen vorhaben, weiß ich noch nicht genau, aber es sind mindestens sechs Organisationen da. Willst du dir das Spektakel ansehen?«

Blake lachte. »Nein, danke. Ich war nur gerade am Flughafen, um meine Schwester Lucy abzuholen. Lucy, das ist Pete.«

Ich nickte ihm zur Begrüßung zu.

»Und was ist mit den Bauunternehmern?«, fragte Blake.

Pete nickte. »Sind auch etliche hier. Außerdem wollen die Irokesen ihr Land zurück, und dann gibt es noch eine Koalition zum Schutz der weißen Hirsche, die hier leben. Nicht zu vergessen die Erben der Familien, die damals enteignet wurden. Sicher, dass du kein Stück vom Kuchen willst wie alle anderen auch?«

Blake grinste. »Ich kenne ja nicht mal die Zutaten.«

Pete lachte. »Die meisten scheint das wenig zu stören. War jedenfalls schön, dich zu sehen. Nett, dich kennenzulernen, Lucy.«

Er klopfte zum Abschied auf die Motorhaube und trat einen Schritt zurück. Blake steuerte langsam durch die Menschentraube und beschleunigte wieder, sobald die Straße frei war. Beim Anblick des Schilfgürtels, in dem mein Vater früher immer angeln gegangen war, bei der Erinnerung an die Reiher, die sich reglos im Röhricht verbargen, und an das leise Pfeifen der Angelleine im morgendlichen Dunst schnürte es mir die Kehle zu.

»Ich habe es so geliebt, mit Dad angeln zu gehen.«

Blake drückte mir einen Augenblick lang die Hand.

»Ich weiß«, sagte er. »Ich doch auch.«

Ein tiefes, tröstliches Schweigen folgte, ein Schweigen, das ich mit niemandem so gut teilen konnte wie mit Blake. An der Einfahrt kratzten die herabhängenden Äste eines Apfelbaums über das Wagendach. Das imposante Haus mit seinen zwei Veranden und einem Kuppelzimmer auf dem Dach sah ein wenig mitgenommen aus. Von der Dachkante und dem Vorbau blätterte der Lack. Der Mondscheingarten meiner Mutter war vollkommen verwildert. Ich hatte ihn als einen magischen Ort in Erinnerung, mit weißen Krokussen, Narzissen und Freesien, mit einer Engelstrompete und einer nachtblühenden Seerose, die meine Mutter dazustellte, wenn es warm genug war. Ich dachte an den zarten Duft und den Schimmer der Blüten bei Einbruch der Nacht. Jetzt ragten zerbrochene Spaliere schief aus der Erde, die Prunkwinden überwucherten den Zaun und die ungestutzten Rosensträucher. Nur die Pfingstrosen blühten üppig, und überall schlugen Lavendel und Hasenohr aus.

Meine Mutter saß auf den Stufen, die seitlich ins Haus führten, in der Sonne, die Beine lang ausgestreckt; der rechte Arm hing ihr in einer leuchtend grünen Schiene vor der Brust. Ich hatte sie, seit ich aufs College gegangen war, oft besucht oder zu mir nach Seattle und Florida eingeladen, und jedes Mal hatte es mich überrascht, wie vertraut und unverändert sie wirkte und wie jung. Falten hatte sie kaum, nur ihr Haar war schon mit Ende zwanzig grau geworden. Sie hatte es zurückgekämmt und zu einem Zopf gebunden. Als sie uns kommen sah, stand sie auf und lief uns entgegen.

»Lucy!« Sie drückte mich mit dem unversehrten Arm an sich, berührte mich mit ihrer weichen Wange und verströmte einen Hauch von Oregano und Minze. Ich erwiderte die Umarmung sehr behutsam, mit Rücksicht auf ihre gebrochenen Rippen. Auf dem Weg zum Haus hielt sie meinen Arm. »Ich bin so froh, dich zu sehen, Liebes. Du siehst so gut aus, einfach großartig. Bist du gewachsen? Natürlich nicht, aber du kommst mir wirklich größer vor. Komm rein – hast du Hunger? Oder Durst? Du bist doch bestimmt furchtbar müde.«

Wir gingen durch die verglaste Veranda in die Küche; ich stellte meinen Koffer neben die Tür. Alles sah aus wie immer: die großen Fenster zum Garten, der an die Wand gerückte Küchentisch; die türkis-weiß karierten Vorhänge vor dem Glaseinsatz der Tür hatte ich in meiner Schulzeit selbst genäht. Meine Mutter füllte Eiswürfel in hohe Gläser, und Blake schnitt Zitronen hinein und goss den Tee darüber, den sie immer in einem großen Glaskrug auf dem Tresen in der Sonne ziehen ließ.

»Auf Lucy«, sagte sie und erhob mit ihrer gesunden Hand das Glas. »Willkommen zu Hause.«

»Habe ich da eben Lucy gehört?«, rief jemand aus dem Esszimmer.

Art, der um weniger als ein Jahr ältere Bruder meines Vaters, erschien in der Tür. Obwohl ich ihn sofort erkannte, schockierte mich sein Anblick. Er war alt geworden, sein breites Gesicht war eingefallen, sein Haar grau und stoppelig kurz. Irgendwie war er dabei seinem Bruder so ähnlich geworden, dass es aussah, als stünde der Geist meines Vaters vor mir. Ich brachte kein Wort heraus.

»Da ist ja die Weltenbummlerin«, sagte Art und kam auf mich zu, um mich kurz und angespannt zu umarmen. »Auch mal wieder zu Hause? Wie lange bleibst du denn?«

»Ein paar Wochen«, sagte ich.

»Gut. Du solltest mal bei uns vorbeischauen, es hat sich eine Menge verändert.«

Blake lehnte am Tresen. »Im Sperrgebiet war heute der Teufel los. Warst du auch da?«

Art nickte. »Die wollten, dass ich eine Petition unterschreibe. Für das Feuchtgebiet ausgerechnet. Ich hab denen erst mal klargemacht, dass es hier um erstklassiges Bauland geht, um eine absolut einmalige Chance, zu investieren.«

Blake stimmte ihm lachend zu, und ich sah zu meiner Mutter hinüber, die ihren verletzten Arm in die Hüfte gestemmt hatte. Sie bemerkte meinen Blick.

»Art war heute so nett, den Wasserhahn im Bad auszuwechseln«, sagte sie.

Gemeint war: Bitte, Lucy, mach mir keine Szene.

Ich wollte mich nicht davon abhalten lassen, Art gründlich die Meinung zu sagen, doch in dem Moment meldete sich der uralte Gefrierschrank auf der Veranda dröhnend zu Wort, und ich musste an das altersschwache Haus denken, an die Renovierung der Küche, die damals, als mein Vater starb, nicht einmal halb fertig gewesen war – herausgerissene Wände, in Kartons verpackte Elektrogeräte, Staub überall. Art und mein Vater hatten sich nie gut vertragen, und trotzdem war Art gekommen und hatte die Küche fertigrenoviert. Zwei Mal war ich in jenen gefühlsstarren Wochen nach der Beerdigung in die Küche gestolpert, hatte Arts Beine unter dem Tresen hervorragen sehen, das Werkzeug um ihn herum verteilt, und hatte geglaubt, es sei mein Vater.

»Dad hat die Marschen sehr geliebt«, sagte ich schließlich.

Art war ein großer, massiger Mann mit langen Armen und kräftigen Händen. Er trommelte mit den Fingern auf den Tresen und sah in meine Richtung, doch sein Blick glitt an mir vorbei zum Fenster hinaus, zum See.

»Ja, Lucy, ich weiß.« Er trommelte lauter und schlug dann mit der flachen Hand auf den Tresen. »Wir waren als Kinder ständig da draußen. Es war sozusagen unsere erste Anlaufstelle, wenn wir über etwas nachdenken oder einfach mal allein sein wollten. Angeln konnte man da auch ganz gut.« Er hing einen Moment seinen Gedanken nach und schüttelte schließlich den Kopf. »Also dann, Blake«, sagte er. »Wir beide sehen uns nachher, oder?«

»Heute nicht. Morgen kann ich kommen.«

»Gut, aber bitte früh. Es gibt einiges zu tun.« Art wandte sich an meine Mutter. »Evie, ich habe im Badezimmer auch den Fensterrahmen repariert. Nächste Woche schaue ich noch mal vorbei und gehe mit dem Pinsel drüber. Komm, sieh es dir mal an.«

»Ich bin dir wirklich dankbar, Art«, sagte meine Mutter und folgte ihm.

»Was war das eben?«, fragte ich Blake, sobald sie außer Hörweite waren. »Arbeitest du jetzt etwa für Dream Master

Mit der Firma Dream Master – Schlösser und Beschläge hatte mein Urgroßvater 1919 aus seinem intuitiven Wissen um das Innenleben von Schlössern ein florierendes Geschäft gemacht. Zu den besten Zeiten wurden seine Produkte im ganzen Land nachgefragt. Wie die meisten Fabriken in dieser Region hatte auch diese allerdings irgendwann schließen müssen. Nur den gleichnamigen Eisenwarenladen, der nun Art gehörte, gab es noch. Mein Vater war früher Miteigentümer gewesen, doch im Jahr der Wiederkunft des Kometen, kurz vor meinem zehnten Geburtstag, kam er eines Morgens mit einem Pappkarton voller persönlicher Gegenstände aus dem Büro, kehrte nie wieder dorthin zurück und verlor nie ein Wort darüber, warum er gegangen war.

Blake fuhr sich durch die widerspenstigen Locken und sah zur Tür, durch die Art verschwunden war. »Bring mich doch noch zum Auto«, sagte er.

Wir gingen über die Veranda und die Stufen hinunter, dann lief Blake einfach geradeaus über den Rasen, bis hinunter zum See. Es war ein sonniger, böiger Tag, kleine Schaumkronen schaukelten auf dem Wasser. Am Ende des Stegs holte ich ihn ein.

»Was geht hier vor? Hast du den Job auf dem Boot gekündigt?«, fragte ich.

Blake hielt den Blick auf das Wasser gerichtet, auf die sich kräuselnden Muster und auf einen Schwarm Enten, der weit draußen träge auf der Oberfläche trieb.

»Bis jetzt nicht. Den Sommer über werde ich fahren, aber nur abends. Danach kündige ich vielleicht. Art hat mir einen ziemlich guten Job angeboten. Vor ein paar Wochen ist er deshalb höchstpersönlich hier aufgekreuzt. Hat mich ganz schön überrascht, wie du dir vorstellen kannst.«

Ich sagte nichts, sondern versuchte mir darüber klarzuwerden, was mich daran so verstörte.

»Art hat Mom eine Menge geholfen«, fuhr Blake leise fort. »Ich weiß, Dad und er haben sich immer gestritten, und wir wollten als Kinder nichts mit ihm zu tun haben. Aber in letzter Zeit denke ich manchmal, ich war nicht gerade fair zu ihm. Wir alle waren es nicht.«

»Und wenn schon. Ist Art vielleicht jemals fair zu Dad gewesen?«

Blake zuckte mit den Schultern. »Wir waren jung, Lucy. Wir wissen gar nicht genau, was los war. Wahrscheinlich tut es Art leid, wie alles gekommen ist. Es muss ihm ganz schön zusetzen, dass sich die beiden so schlecht vertragen haben, bevor Dad starb. Vielleicht versucht er einfach, etwas wiedergutzumachen?«

Da spürte ich es: den Sog der Familiengeschichte, eine unsichtbare, unwiderstehliche Kraft.

»Aber was ist mit dem Segeln, Blake? Mit den Wintern in Saint Croix? Willst du das alles einfach aufgeben?«

»Das Leben geht eben weiter.« Blake sah mich halb verlegen, halb prüfend an. »Avery ist schwanger. Das Baby kommt im Oktober. Also muss ich einiges neu überdenken.«

Ich brachte vor Verblüffung kein Wort heraus.

»Ganz recht«, fuhr Blake fort. »Wir kriegen ein Kind. Vielen Dank für die herzliche Anteilnahme.«

»Entschuldige. Es tut mir leid, Blake. Ich freue mich wirklich für dich. Es ist nur so viel auf einmal.«

Er lächelte verhalten und nickte. »Ist schon okay. Genau das war übrigens auch meine Reaktion – fassungsloses Schweigen.« Wir ließen uns den Wind durch die Haare wehen.

»Freust du dich denn?«, fragte ich.

»Manchmal. Es ist schon aufregend, klar, aber es kommt ganz schön plötzlich. Das Timing ist für uns beide schlecht.«

Der Wind zerrte an den Halteseilen am Steg. Ich versuchte mir Avery vorzustellen, ein zierliches Energiebündel mit dunklen Augen und braunem Haar.

»Weißt du«, sagte Blake, »diese Sache mit Dream Master – das ist für mich einfach nur ein Job. Kein Job fürs Leben, sondern der richtige Job zur richtigen Zeit.«

»Klar, verstehe.«

Er lächelte wieder, diesmal sein echtes, charmantes Lächeln, und versetzte mir spielerisch einen leichten Stoß. »Erfrischung gefällig?«

»Komm bloß nicht auf dumme Ideen!«

»Ach nein?«

Er schob ein wenig fester, und obwohl ich mich hätte halten können, packte ich ihn am Arm, ließ mich fallen und riss ihn mit. Wir stürzten in das klare, kalte Wasser, tauchten prustend wieder auf und schüttelten uns glitzernde Tropfen aus dem Haar.

»Es ist eiskalt!« Ich lachte.

»Es ist Juni, was hast du denn gedacht?«

»Jedenfalls nicht, dass ich heute noch schwimmen gehen würde.« Ich holte weit aus und ließ einen großen Schwall Wasser über Blake niedergehen. Er versuchte auszuweichen und spritzte zurück.

»Friede!«, rief ich irgendwann und kletterte ans Ufer. Blake folgte mir über den Rasen und hielt mich vor der Einfahrt am Arm zurück.

»Mom weiß noch nichts davon«, sagte er und sah mich aus seinen schönen Augen mit den grünen Flecken an. »Ich habe Avery versprochen, es keinem zu erzählen, bis sie so weit ist, es selbst zu tun, also behalt es für dich, okay?«

Ich nickte. »Ich sage kein Wort.«

»Danke. Übrigens, schön, dass du hier bist, Luce.« An der Einfahrt umarmte er mich zum Abschied und stieg in seinen Pick-up.

»Willst du dich gar nicht abtrocknen?«

»Ich trockne schon von allein«, rief er. »Also bis bald, ja? Willkommen zu Hause.«

Ich sah ihm nach und winkte.

Art war in der Zwischenzeit ebenfalls aufgebrochen. Meine Mutter stand in der Küche und richtete auf zwei Tellern Geflügelsalat und Kopfsalat mit Weintrauben an, langsam und umständlich, weil sie alles mit einer Hand tun musste.

»Nur eine Kleinigkeit zum Abendbrot«, sagte sie, blickte auf und bemerkte meine tropfnassen Kleider. »Ach, ihr beiden wieder«, rief sie lachend und biss sich auf die Lippen, weil davon ihre Rippen schmerzten. Doch sie sah glücklich aus. »Auf der Veranda sind frische Handtücher. Und würdest du uns eine Flasche Wein aufmachen? Du bist bestimmt müde, Lucy, aber ich freue mich so, dich zu sehen, dass ich dich einfach nicht schlafen lassen mag.«

Ich zog mich um, und wir setzten uns zum Essen nach draußen. Die Servietten mussten wir mit Gabeln beschweren, denn der Wind war immer noch frisch und fuhr mir kühl durch das nasse Haar. Die untergehende Sonne verwandelte das Bleigrau des Sees in ein tiefes Saphirblau. Sanfte Wellen rollten ans Ufer. In dem goldenen Licht wirkten die Züge meiner Mutter ebenmäßig und entspannt, und ihr silbriges Haar bekam einen bernsteinfarbenen Glanz.

»Also«, sagte sie, »gut, dass du da bist. Und dein Yoshi kommt auch? Das wäre ja eine echte Premiere, Lucy, wenn ich tatsächlich mal einen deiner vielen Freunde zu Gesicht bekäme. Dann ist es wohl etwas Ernstes?«

»Ach, ich weiß nicht … ja, vermutlich schon. Ich glaube, wir sind gerade in einer Art Klärungsphase.« Ich war von meinen eigenen Worten überrascht.

»Tja, zu lange zu zögern ist auch nicht gut«, sagte meine Mutter.

»Zu lange zögern – womit?« Ich bereute meine Worte sofort und den scharfen Tonfall, in dem ich sie ausgesprochen hatte. Meine Mutter wandte den Blick ab und strich mit dem Finger über den Rand ihres Glases.

»Entschuldige, Liebes«, sagte sie milde. Sie sah wieder auf und lächelte mich an. »Ich will mich nicht einmischen, und ich meine auch nicht, dass du unbedingt in einer Beziehung glücklich werden musst. Aber glücklich würde ich dich schon gern sehen.«

Diesmal musste ich den Blick abwenden und sah auf das ruhige Gewässer hinaus.

»Du wirst Yoshi bestimmt mögen«, sagte ich endlich. »Er arbeitet viel in letzter Zeit, und das war nicht einfach für mich, vor allem, weil ich selbst gerade arbeitslos bin. Also hat es gut gepasst, dass er mich hier besucht.«

Wir sprachen noch eine Weile über Berufliches, bis ich sie nach dem Unfall fragte.

»Nichts Ernstes«, meinte sie mit einer wegwerfenden Geste ihrer gesunden Hand. »Aber ich hatte Glück im Unglück. Am schlimmsten ist das mit den Rippen. Sie tun weh, wenn ich lachen muss oder tief durchatmen will, und ich kann nichts weiter tun, als zu warten, dass es besser wird. Trotzdem verstehe ich nicht, warum alle so viel Wind darum machen. Na ja«, fügte sie hinzu, »vielleicht erinnert es uns daran, wie schnell einem etwas passieren kann.«

Eine Zeitlang hingen wir beide unseren Gedanken nach. »Ich vermisse Dad immer noch«, sagte ich schließlich.

»Ich weiß.«

»Was sagst du zu Blake?«, fragte ich nach einer Weile. »Dass er für Art arbeitet.«

Meine Mutter sah auf das feingesponnene Netz aus Lichtern hinaus, die auf den Wellen tanzten. »Ich versuche mich da herauszuhalten, ihr seid schließlich erwachsen. Und Art hat mir sehr geholfen, Lucy. Der Tod deines Vaters muss ihn sehr mitgenommen haben. Vielleicht haben die beiden gedacht, sie hätten immer noch genug Zeit, alles ins Reine zu bringen und sich wieder zu vertragen, und dann war es plötzlich zu spät.«

»Warum waren sie überhaupt so zerstritten?«

»Ach, Liebes, das ist wirklich schwer zu sagen. Leicht hatten sie es nie miteinander. Ich weiß noch genau, wie dein Vater mich zum Abendessen mit hierher brachte, um unsere Verlobung bekanntzugeben, und Art mich beiseitenahm und anfing, mir alle seine Schwächen aufzuzählen. Es war so merkwürdig, fast als sei er eifersüchtig. Das ergab für mich überhaupt keinen Sinn, schließlich war Art längst mit Austen zusammen. Und ich kann dir sagen, das hat mich damals nicht gerade für ihn eingenommen. Als Einzelkind habe ich mir immer Geschwister gewünscht und konnte einfach nicht verstehen, dass sich die beiden nicht vertrugen. Aber so war es wohl schon immer, vielleicht, weil sie so kurz nacheinander geboren sind.«

»Und das mit Dream Master«, fragte ich, »das ist erst später passiert?«

Meine Mutter wirkte plötzlich verschlossen. »Ja«, gab sie einsilbig zurück.

»Und?«

»Du warst schon als Kind immer so beharrlich«, sagte sie. »Kein Wunder, dass du da draußen in der weiten Welt so erfolgreich bist.«

Lange weiße Gladiolen standen in einer Vase auf dem Tisch. Vorsichtig berührte ich eine der Blüten und fühlte mich eher verletzt als geschmeichelt. Meine Mutter hatte sich oft genug über meine Abwesenheit beklagt, besonders nachdem ich während der Ereignisse des 11. September in Sri Lanka gewesen war. Dieses Thema war immer noch ein wunder Punkt zwischen uns. Goldgelber Blütenstaub rieselte aus dem Kelch auf meinen Finger.

»Die sind hübsch. Von einem heimlichen Verehrer?«

Zu meiner Überraschung lachte meine Mutter und wurde rot. »Heimlich nicht gerade. Nur eine kleine Aufmerksamkeit von jemandem, den ich in der Notaufnahme kennengelernt habe. Andrew heißt er. Ich war von den vielen Schmerzmitteln ziemlich benebelt. Wir hatten angeblich ein wunderbares Gespräch, an das ich mich nur leider so gut wie gar nicht erinnern kann.«

Ich griff nach dem kleinen Umschlag von dem Blumenboten, der neben der Vase lag, und zog das Kärtchen heraus.

»Ja«, sagte sie. »Lies ruhig.«

 

Liebe Evie, vielen Dank für ein wunderbares Gespräch an einem furchtbaren Tag. Hier sind die Apollo-Gladiolen, passend zu unserem Thema. Ich hoffe, sie gefallen Dir. Herzliche Grüße, Andrew Stewart

 

»Warum Apollo-Gladiolen?«, fragte ich und griff nach dem Umschlag, den gerade eine Böe davontragen wollte.

»Wir haben über die Mondlandung gesprochen. Darüber, wo wir 1969 gerade waren. Dabei muss ich meinen Mondscheingarten erwähnt haben, obwohl er ja nun seit Jahren verwildert ist.«

»Du scheinst jedenfalls ganz schön Eindruck gemacht zu haben.« Ich steckte die Karte in den Umschlag zurück und fühlte mich plötzlich unsagbar traurig. Meine Eltern hatten sich als freiwillige Helfer in einem Gemeindegarten kennengelernt, kurz bevor mein Vater nach Vietnam ging. Ein Jahr lang schrieben sie einander Briefe. Meine Mutter liebte die raschelnden Papierbögen, dünn wie Zwiebelhaut, mit seiner leicht geneigten Handschrift darauf. Sie hatte meinen Vater so selten gesehen, dass sie manchmal das Gefühl hatte, sie hätte ihn sich nur ausgedacht, und so fühlte sie sich unerhört frei, wenn sie antwortete. Sie erzählte ihm alles, was sie sonst mit niemandem teilte – ihre Geheimnisse, ihre Ängste, ihre Träume.

Als sie eines Tages in dem Gewächshaus, in dem sie angestellt war, von der Arbeit aufsah, erblickte sie unverhofft die Silhouette meines Vaters in der Tür. Er war viel größer, als sie ihn in Erinnerung hatte, und so beängstigend vertraut und fremd zugleich. Er kam zu ihr herüber, sagte jedoch kein Wort. Der Geruch von Erde sammelte sich in ihrer Kehle. Irgendwo tropfte ein Wasserhahn.

»Ich pflanze gerade die Zinnien um«, brachte sie schließlich hervor und streckte ihm wie zum Beweis ihre schmutzigen Hände entgegen.

Mein Vater lächelte. Dann beugte er sich zu ihr herunter und küsste sie. Sie erwiderte seinen Kuss, die Handgelenke auf seine Schultern gestützt und die erdverkrusteten Hände hochgestellt wie zwei Flügel.

Diese Geschichte hatte ich in meiner Jugend wieder und wieder gehört, und deshalb gefiel es mir gar nicht, dass meine Mutter von einem Wildfremden Blumen bekam. Der Jetlag überwältigte mich mit einem Mal, alles um mich herum wirkte plötzlich fremdartig und schrill. Ich presste eine Hand auf die Tischplatte, um nicht den Halt zu verlieren.

»Alles in Ordnung?«, fragte meine Mutter.

»Bin nur ein bisschen müde.«

»Aber natürlich, Liebes. Ich staune sowieso schon, wie lange du durchgehalten hast. Ich habe dir die Couch auf der Glasveranda zurechtgemacht.«

»Was ist mit meinem alten Zimmer, kann ich nicht da schlafen?«

»Willst du das wirklich?«

Sie klang nicht glücklich dabei, und ich erinnerte mich, wie sie mir von den Stimmen des Hauses erzählt hatte, die sie in dem langen Schweigen nach dem Tod meines Vaters immer wieder heimgesucht hatten – die Dachkante schrie nach Farbe, die Einfahrt stotterte vor lauter Schlaglöchern und Rissen, und aus den Wasserhähnen strömten stete Beschwerden. Liebe, flüsterten die Küchenschränke, die mein Vater aus Eichenholz gezimmert hatte. Die Leuchten in ihrem Nähzimmer, die Steinfliesen der Terrasse, die frisch abgeschliffenen Bodendielen, alle murmelten beharrlich Liebe, Liebe, Liebe, und wenn Abflüsse verstopft, Fensterläden lose, Scheiben geborsten waren, brachte sie es nicht über sich, diese Dinge, um die er sich bis zuletzt gekümmert hatte, auch nur anzurühren, genauso wenig, wie sie das vernehmliche Ächzen des Hauses ertrug. Deshalb hatte sie damals das obere Stockwerk verschlossen, die gläsernen Türknäufe gedreht, bis sich die Riegel knirschend in die Zargen schoben.

»Wäre dir das recht? Ich würde das Bett auch selbst beziehen.«

»Natürlich ist es mir recht«, sagte sie, doch ich spürte, dass es nicht stimmte.

Der Schlüsselbund hing in einem Küchenschrank. Er klimperte leise auf dem Weg ins Obergeschoss, wo es zwischen den verschlossenen Türen warm und stickig war. Ich betrat das Erkerzimmer und ging von einem Fenster zum nächsten, hievte die Schieberahmen hoch und mühte mich mit den Fliegengittern, ließ von allen Seiten frische Luft herein. Ich zog ein Spannlaken auf das schmale Bett, faltete die Decke auf und steckte sie fest.

Es war kurz vor neun und noch nicht ganz dunkel. Ich legte mich angezogen auf das Bett, griff nach meinem Handy, wählte eine Nummer und schloss die Augen. Yoshi hob beim zweiten Klingeln ab und meldete sich mit seiner leisen, angenehmen Stimme.

»Moshi Moshi.«

»Ich bin’s. Ich bin gut angekommen.«

»Gut. Ich vermisse dich, Lucy.«

»Ich dich auch. Was machst du?«

»Ich bin auf dem Weg zum Zug. Es nieselt ein bisschen.«

Ich stellte mir die gepflasterte Gasse vor und den Fluss, den er vor dem Bahnhof überqueren würde. Wäre ich selbst dort gewesen, dann hätte ich jetzt im Bett gelegen, den Regen vom Dach tropfen sehen und Vokabeln für meine Schüler zusammengestellt.

»Die Webcam habe ich noch nicht installiert.«

»Wie geht es ihr?«

»Gut eigentlich. Aber es ist sehr still hier im Haus.«

»Siehst du, ich hatte recht.«

»Ja. Meine Mutter freut sich, dass du kommst. Sie will dich kennenlernen.«

»Bald ist es so weit. Ich freue mich auch auf sie. Wie geht es deinem Bruder?«

»Gut. Er grüßt dich ganz herzlich. Er wird Vater.«

»Was?«

»Ja, wirklich. Es ist aber noch geheim. Im Oktober werde ich Tante.«

»Meinen Glückwunsch. Ich wusste gar nicht, dass er geheiratet hat.«

»Hat er auch nicht. Noch nicht. Ich meine, ich weiß nicht, ob er es überhaupt vorhat. – Gab es wieder Erdbeben?«

»Ein paar kleinere, ja, aber nichts Wildes.«

»Hast du das Gas abgestellt?«

Er lachte. »Ja«, sagte er. »Ja, ich habe das Gas abgestellt. Jetzt bin ich gleich da.«

»Rufst du heute Abend an?«

»Mach ich. Schick mir eine Mail, wenn es geht, okay? – Ich liebe dich.«

Er scheint mich wirklich zu vermissen, dachte ich verblüfft. Yoshi war nicht der Typ für Liebesschwüre, schon gar nicht am Telefon. »Ich liebe dich auch«, sagte ich zum Abschied.

Ohne die Augen zu öffnen, legte ich das Telefon auf dem Nachttisch ab und dachte an das kleine Häuschen aus Beton, das wir in Indonesien gemietet hatten, den Garten voller Mangobäume und sprießender Pflanzen, deren Namen ich nicht kannte. Dort hatten wir uns jeden Abend nach der Arbeit wiedergesehen, mit einem Drink in der Hand den aufgehenden Mond bestaunt und dem Rascheln der Echsen im hohen Gras gelauscht. Jetzt hätte ich gern den Arm nach Yoshi ausgestreckt, seine Hand gefasst, um mit ihm in jenes friedvolle Leben zurückzukehren. Doch für ihn war es mitten am Tag, er war Tausende Kilometer entfernt. Ich schlüpfte unter die Decke und schlief mit den Geräuschen und dem Geruch von Wasser ein.

Der Traum begann als lange, anstrengende, verregnete Reise voller Flughäfen und verpasster Anschlüsse, voller Enttäuschungen, tickender Uhren, unhaltbarer Termine. Ich wurde verfolgt, durch lange Flure zuerst, dann durch einen Wald. Mein Koffer, ein altmodisches Modell aus Leder, schlug gegen einen Baum, sprang auf und verstreute seinen Inhalt überall. Panisch kroch ich durch das Unterholz über die feuchte, lehmige Erde. Ich wühlte hektisch zwischen den seidigen Blättern der Veilchen herum; Blüten wirbelten hoch wie aufgeschreckte Vögel. Ich hatte etwas sehr Wichtiges verloren, etwas Unentbehrliches, auf Leben und Tod, und obwohl die Schritte und Stimmen immer näher kamen, lauter und drohender wurden, konnte ich nicht aufhören zu suchen, schob Laub beiseite und grub mit bloßen Händen, bis die Bedrohung mich fand.

Ich erwachte, so verängstigt und desorientiert, dass ich mich kaum zu rühren wagte.

Erst ganz allmählich begriff ich, wo ich war. Dennoch musste ich noch ein paar Mal tief durchatmen, bevor ich aufstehen konnte. Im grellen Badezimmerlicht spritzte ich mir Wasser ins Gesicht und betrachtete mein Spiegelbild. Meine Augen waren dunkel vor Müdigkeit.

Im Haus war es still, die Türen im Flur blickten mich an wie leere Gesichter. Ich schloss sie auf, eine nach der anderen. Überall schien die Zeit stehengeblieben zu sein, als hielte die Welt seit dem Tod meines Vaters den Atem an. Im Schlafzimmer meiner Eltern war das Bett sorgfältig gemacht. Bei Blake hingen immer noch die Poster an den Wänden: Geheimnisvoll leuchtete die Erde zwischen den anderen Planeten. Im Gästezimmer füllten hoch aufgetürmte Kisten und Kartons die hintere Wand, also war meine Mutter doch hier gewesen und hatte alte Sachen sortiert. Als ich die Tür zur Kuppel öffnete, wallte mir abgestandene, warme Luft entgegen, als hätte sich dort seit Jahrzehnten nichts geregt. Es war wie der Turm aus einem Märchen, in dem die Prinzessin sich in den Finger stach, Stroh zu Gold spann oder in Erwartung des Liebsten einsam ihre Lieder sang.

Es war stickig in dem winzigen Raum. Auch hier öffnete ich alle Fenster und fegte die toten Fliegen fort. Dann ließ ich mich seufzend auf eine der breiten Fensterbänke sinken. Der See lag ruhig und glatt unter mir da. Die ersten Sonnenstrahlen funkelten auf dem riesigen Schlüsselbund, der auf dem lackierten Holz der Bank lag: neue Schlüssel und alte, die zu keinem Schloss mehr passten, aber aufgehoben worden waren, weil sie schön aussahen, weil niemand wusste, was sie öffnen sollten.

Auch die Sperrwerkzeuge meines Vaters hingen an dem Ring, wie ein Schweizer Taschenmesser waren sie zusammen in einem Metallgehäuse verstaut. Er hatte sie von meinem Urgroßvater Joseph Arthur Jarrett geerbt. Ich nahm sie aus dem Gehäuse heraus und fragte mich, wann mein Vater sie zuletzt gebraucht haben mochte. Als Kind hatte ich ihn manchmal nach der Schule bei der Arbeit besucht und in einer Ecke meine Hausaufgaben gemacht. In dem Trubel des Ladens, dem Geruch nach Metall und Sägespänen fühlte ich mich wohl, wenn Kunden kamen und nach Nägeln fragten, nach Fliesen und Hasendraht. Manchmal brachten sie ihre Geheimnisse mit, in Schatullen, zu denen es keinen Schlüssel mehr gab.

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