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Sechs utopische Thriller

Sechs utopische Thriller

Conrad Shepherd

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Sechs utopische Thriller

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GEHEIMPROJEKT EXODUS

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Prolog

TEIL EINS: GEHEIMPROJEKT EXODUS

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

TEIL ZWEI: DAS TOR ZUR HÖLLE

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

OPERATION HADES

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Zeittafel

Einführung

Rückblende

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

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Träumer sterben einsam

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Träumer sterben einsam

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Station TS 12

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Further Reading: 30 Sternenkrieger Romane - Das 3440 Seiten Science Fiction Action Paket: Chronik der Sternenkrieger

Also By Conrad Shepherd

About the Publisher

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Sechs utopische Thriller

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Dieses Buch enthält die Romane:

Conrad Shepherd: Geheimprojekt Exodus

Conrad Shepherd: Operaion Hades

Conrad Shepherd: Konterbande im Container

Conrad Shepherd: Lotusblüten welken schnell

Conrad Shepherd: Träumer sterben einsam

Conrad Shepherd: Station TS 12

SYNDIC – die neue Art von spannungsgeladener SF-Crime Literatur von Conrad Shepherd. Angesiedelt an der Schwelle zum 22. Jahrhundert. Zehn Jahre nach dem globalen Weltwirtschaftscrash. Fünf Jahre nach den großen Ölkriegen.

Der Zusammenbruch führt zu massiven Veränderungen in den irdischen Machtstrukturen. Die USA, Mexiko, Lateinamerika und große Teile des polynesischen Inselraumes schließen sich zu einer Allianz zusammen und bilden die »Free Staates of America«, kurz FSA, mit ihrer Außendependance auf dem Mond. Gegenspieler des Westens waren einmal der Pan-Pazifische-Block mit Japan, China, Australien und dem indonesischem Raum, sowie das Europäische Commonwealth, das sich von den britischen Inseln bis nach Afrika, von Frankreich bis nach Sibirien erstreckt, und eine Marskolonie unterhält.

Allenthalben breitet sich Anarchie aus. Verbrecherische Syndikate übernehmen mehr und mehr die Macht über die Wirtschaft der Erde.

Anscheinend unaufhaltsam, anscheinend ohne Furcht vor irgendeiner Staatsmacht. Der Geheimdienst - und die noch geheimere Organisation SYNDIC (SYndicated National Defensive Intelligence Command) - der FSA sieht sich gezwungen, diesem Treiben endlich Einhalt zu gebieten, um dem Zerfall aller Werte einen Riegel vorzuschieben. Als Joker in diesem Spiel mit dem Tod wird Morton Conroy aus dem Hochsicherheitsgefängnis auf dem Mond geholt. Sein erster Einsatz, der ihn in den Einflussbereich des Pan-Asiatischen Blocks führt, ist mysteriös und von einer nie erwarteten Tragweite.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover Das Worstgewandt mit Adelind und Steve Mayer, Pixabay

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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GEHEIMPROJEKT EXODUS

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SYNDIC #1

SF-Saga von Conrad Shepherd

Der Umfang dieses Buchs entspricht 224 Taschenbuchseiten.

SYNDIC – die neue Art von spannungsgeladener SF-Crime Literatur von Conrad Shepherd. Angesiedelt an der Schwelle zum 22. Jahrhundert. Zehn Jahre nach dem globalen Weltwirtschaftscrash. Fünf Jahre nach den großen Ölkriegen.

Der Zusammenbruch führt zu massiven Veränderungen in den irdischen Machtstrukturen. Die USA, Mexiko, Lateinamerika und große Teile des polynesischen Inselraumes schließen sich zu einer Allianz zusammen und bilden die »Free Staates of America«, kurz FSA, mit ihrer Außendependance auf dem Mond. Gegenspieler des Westens waren einmal der Pan-Pazifische-Block mit Japan, China, Australien und dem indonesischem Raum, sowie das Europäische Commonwealth, das sich von den britischen Inseln bis nach Afrika, von Frankreich bis nach Sibirien erstreckt, und eine Marskolonie unterhält.

Allenthalben breitet sich Anarchie aus. Verbrecherische Syndikate übernehmen mehr und mehr die Macht über die Wirtschaft der Erde.

Anscheinend unaufhaltsam, anscheinend ohne Furcht vor irgendeiner Staatsmacht. Der Geheimdienst - und die noch geheimere Organisation SYNDIC (SYndicated National Defensive Intelligence Command) - der FSA sieht sich gezwungen, diesem Treiben endlich Einhalt zu gebieten, um dem Zerfall aller Werte einen Riegel vorzuschieben. Als Joker in diesem Spiel mit dem Tod wird Morton Conroy aus dem Hochsicherheitsgefängnis auf dem Mond geholt. Sein erster Einsatz, der ihn in den Einflussbereich des Pan-Asiatischen Blocks führt, ist mysteriös und von einer nie erwarteten Tragweite.

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Prolog

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Die Erde im Jahr 2098; zehn Jahre nach dem globalen Wirtschaftskollaps. Der Zusammenbruch führt zu massiven Veränderungen in den irdischen Machtstrukturen. Die USA, Mexiko, Lateinamerika und große Teile des polynesischen Inselraumes schließen sich zu einer Allianz zusammen und bilden die »Free States of America«, kurz FSA, mit ihrer Außenstation auf dem Mond.

Gegenspieler sind der »Pan-Pazifische Block« mit Japan, China, Australien und dem indonesischem Raum, sowie das »Eurasische Commonwealth«, das sich von den britischen Inseln bis nach Afrika, von Frankreich bis nach Sibirien erstreckt und eine Kolonie auf dem Mars unterhält. Dazwischen existieren über die ganze Erde verstreut eine Reihe von Enklaven; rechtsfreie Räume innerhalb der Staatengebilde, in denen die nach dem Ende der Kriegshandlungen nicht mehr benötigten Söldnereinheiten, ob aus West oder Ost, ihr Tötungshandwerk den selbsternannten Kriegsherren und Führern verbrecherischer Kartelle andienen. Die Regionen um Kapstadt, Wladiwostok und Kairo sind solche Pestbeulen auf der Landkarte der Erde. Oder Parang in der Sulusee.

Die mohammedanischen Kleinstaaten sind nach dem Versiegen ihrer Ölquellen zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Israel, Syrien und der Libanon sind nur noch eine radioaktiv verstrahlte Wüstenei; nicht einmal mehr Insekten existieren in der verschlackten und teilweise auch verglasten Einöde. Die Kernzone, dort, wo die aus russischen Beständen stammenden, eigentlich längst veralteten Atomraketen der Syrer (an deren Existenz die Israelis nicht glaubten, als sie ihren atomaren Erstschlag gegen die arabische Welt starteten) eingeschlagen sind, ist bei Nacht aus dem Orbit als glühendes Höllenauge zu sehen.

In den drei großen multinationalen Staatenblöcken existieren Firmenkonsortien, deren Profite höher sind als die Budgets vieler kleiner Länder. Mit High-Tech-Methoden, massivstem Einsatz von Geld und politischem wie physischem Druck üben sie ihren Machteinfluss bis in die höchsten Ebenen der jeweiligen Regierungen aus und entwickeln sich in ihrem Einflussbereich schnell zu effizienten Schattenregierungen.

Nicht gewählt.

Nicht demokratisch.

Aber mit der Macht, das Leben der Menschen auf der Erde in weiten Bereichen zu kontrollieren und zu manipulieren. Dabei führen sie ständig Krieg untereinander um die letzten verbliebenen Bodenschätze der ausblutenden Erde, die immer schneller dem Endzeitkollaps entgegentaumelt.

Auseinandersetzungen werden von Söldnerrebellen ausgetragen, hochgerüsteten Hybriden, ausgestattet mit den neuesten High-Tech-Waffen, versehen mit implantierten Chips, die zu Höchstleistungen befähigen. Ohne Schmerzempfinden. Ohne Mitleid oder Gnade. Bar jeglicher Gefühle.

Die von den Kriegen ermüdeten Exekutiv- und Legislativ-Organe der FSA-Regierung stehen diesen Konsortien nahezu hilflos gegenüber. Doch schließlich besinnt man sich vor dem Hintergrund des sich abzeichnenden weltweiten Desasters auf alte Tugenden. Es mehren sich immer häufiger Stimmen, die nicht länger tatenlos mit ansehen wollen, wie die ursprünglichen Ideale und Wertvorstellungen von kriminellen Kartellen und skrupellosen, nur auf Machtzuwachs bedachten Industriekonzernen aufgezehrt werden. Politiker, Industrielle und hohe Offiziere des Militärs, durch diese Situation aufgeschreckt, beschließen, eine eigene Söldner- und Elitetruppe auf die Beine zu stellen und in einer geheimen Abteilung zusammenzufassen, die in bestimmten Situationen zur Lösung anstehender Krisen verhelfen soll – ob es nun gegen die Syndikate geht, oder ob es sich um andere Gefahrenpotentiale handelt.

Und so kommt es an einem nicht dokumentierten Tag im fünften Monat des Jahres 2096 zur Zusammenkunft einer Reihe von Personen, in deren Verlauf man sich darauf einigt, ein Spezialkommando ins Leben zu rufen, das unter dem Kürzel SY.N.D.I.C. (SYndicated National Defensive Intelligence Command) operiert.

Aufgabe von SY.N.D.I.C. wird sein, »Personen oder Gruppen, die in verbrecherische Aktivitäten gegen die FSA verstrickt sind, an ihren Vorhaben zu hindern und auszuschalten. Mit allen Mitteln.«

SY.N.D.I.C. nimmt seine geheimnisumwobene Tätigkeit schon kurze Zeit nach dieser Besprechung auf. Der Führungsstab operiert verdeckt. Befehligt wird SY.N.D.I.C. von General C. E. Stryker, der als Bindeglied zwischen der FSA-Regierung und dem Leiter der Sondereinheit, Oberst Richard Sheehy, vormals Leiter der National Security Force, fungiert.

Alle Einsätze unterliegen der Geheimhaltungsstufe Eins.

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TEIL EINS: GEHEIMPROJEKT EXODUS

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Als wahrer Held erweist

sich der, der sein Leben

für andere riskiert,

obwohl er weiß,

dass niemals jemand dies

erfahren wird!

VIZEADMIRAL SLADE »TEX« GEKKO

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1. Kapitel

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Brett Foss kam wieder zu sich. Er wollte sich zur Seite drehen und stellte fest, dass ihn etwas daran hinderte; ein Kraftfeld vermutlich. Seine tastenden Fingerspitzen fühlten kühle Glätte. Er lag rücklings auf einer offensichtlich metallenen Unterlage, deren Kälte durch die Haut bis in seine Knochen kroch. Keine sehr bequeme Lage, in der er sich befand.

Um ihn war Dunkelheit.

»Hallo!«, sagte er. »Ist da jemand?« Seine Stimme klang fremd, unvertraut und hallend, als würde sie von glatten Wänden zurückgeworfen.

Antwort bekam er keine.

Ein merkwürdiger Geruch herrschte vor.

Irgendwie süßlich und gleichzeitig aseptisch.

Es schien ein leerer Raum zu sein, in dem er sich befand.

Erfüllt vom Geruch des Todes...

Ohne sein Zutun bohrte sich die scharfe Erinnerung an einen länger zurückliegenden Besuch in der Pathologie des MILCOM- Hospitals von New Washington in sein Gedächtnis. Im dortigen Leichenschauhaus hatte es genauso gerochen.

... der Geruch des Todes!

Merkwürdigerweise empfand er keine Furcht.

Noch nicht.

Auch keinen Schmerz.

Aber vielleicht war er schon tot?

Nein. Unsinn. Er wusste, dass er Foss war. Brett Foss. Und dass er lebte. Und dass er auch noch eine ganze Weile am Leben bleiben wollte.

Eine Weile versuchte er, sich von den Fesseln zu befreien, bis er die Nutzlosigkeit seines Tuns einsah.

Er lockerte die Muskeln und wartete ab, bis er wieder klar denken konnte, was mühsam genug war. Währenddessen versuchte er, sich zu erinnern. Der letzte klare Augenblick war vor der Tür seines Hotels gewesen. Er war gerade von einem Treffen mit seinem Kontaktmann zurückgekommen, als der Schlag... Nein. Es war kein Schlag gewesen, der ihn außer Gefecht gesetzt hatte, sondern etwas Spitzes. Scharfes. Bissiges. Eine Nadel. Die Wirkung der Droge, die irgendwer ihm mit einer Hochdruckwaffe unter die Haut geschossen hatte, glich einem blendenden Blitz, der seine Synapsen überlud und sein Bewusstsein über die Kante in einen rabenschwarzen Abgrund fegte.

Zwischen dieser Bewusstlosigkeit und dem Erwachen hatte er einen Traum gehabt, über dessen Inhalt er jedoch nur noch sehr unklare Vorstellungen hatte. Irgendjemand stellte immer wieder hartnäckige Fragen, wollte Antworten, die ihm Brett nicht geben konnte.

Oder etwa doch?

Er fror plötzlich.

Mechanisch begann er mit Atemübungen, um seinen Kreislauf zu stabilisieren und von den Nachwirkungen der Droge zu befreien.

Wie spät es wohl war?

Wie lange war er bewusstlos gewesen?

Ob der Kurier schon unterwegs war?

In seiner augenblicklichen Situation musste er wohl oder übel die Beantwortung dieser Fragen vorerst zurückstellen.

Wie lange er so dalag, konnte er nicht sagen.

Vielleicht fünf Minuten.

Vielleicht eine halbe Stunde.

Nichts passierte.

Plötzlich funkelte Licht auf; es blendete ihn sekundenlang. Als sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten und der grelle Schein schwächer wurde, hörte er Leute eintreten.

Er blinzelte.

Dann sah er einen Mann, der sympathisch wirkte.

Auf den ersten, flüchtigen Blick.

Schmales Gesicht, in die Stirn frisiertes schwarzes Haar. Schlank und groß. Die Haut über den Backenknochen hatte einen leicht gelblichen Schimmer.

Der Mann trat an Brett heran und betrachtete ihn. Seine Augen waren kalt und ausdruckslos wie Glas.

Brett hatte selten in leblosere Augen gesehen.

»Hat es Sinn, gegen diese Art der Behandlung zu protestieren?«, murrte er, da ihm das Schweigen auf die Nerven ging. In den achtundvierzig Jahren seines Lebens war er schon in vielen scheinbar ausweglosen Situationen gewesen. Zum ersten Mal jedoch hatte er ein äußerst merkwürdiges Gefühl. Es handelte sich um eine Unsicherheit höchsten Grades, die sich bei jedem etwas weniger disziplinierten Mann als Angst ausgewirkt hätte; ihm verursachte sie nur Unbehagen.

»Ich fürchte nein«, sagte der schwarzgekleidete Unbekannte.

»Warum bin ich hier?«, fragte Brett Foss.

»Darüber würde ich mir keine Gedanken machen«, kam die Erwiderung. Der Schwarzgekleidete machte sich unter dem Tisch zu schaffen.

Brett spürte, wie die Fesseln von ihm abfielen.

Im gleichen Moment warf er sich vom Tisch und stürzte zu Boden, rollte sich zur Wand und stand auf.

Spöttisches Lachen aus zwei Kehlen gleichzeitig.

Brett Foss begann zu ahnen, dass er sterben würde, dass sich hier und heute sein Schicksal erfüllte, als er den zweiten Mann zu Gesicht bekam.

Dieser war an der Tür stehen geblieben. Nun schloss er sie nachdrücklich und kam in die Mitte des Raumes. Er war groß, mindestens zwei Meter, und unglaublich massig. Seine Schulterbreite betrug knapp einen Meter. Muskulöse Arme ragten aus einer ärmellosen, hochgeschlossenen schwarzen Weste militärischen Zuschnitts mit aufgesetzten Taschen. Er trug schwarze Hosen, die in Kampfstiefeln endeten. Der Riese hatte ein breites, flaches Gesicht, das auf eine Mischung von slawischem und asiatischem Blut schließen ließ. Und eine Tätowierung über der linken Augenbraue, der Kopf einer zustoßenden Viper.

Ein Söldner!

Ein Hybrid!

Langsam ging er auf Brett Foss zu.

Der schlanke Schwarzhaarige blieb, wo er war. In der Mitte des Raumes. Seine Augen verfolgten teilnahmslos die sich abwickelnden Geschehnisse.

Schweigen. Foss spannte die Muskeln, seine Gedanken liefen auf Hochtouren.

Der Angriff des Riesen kam ohne jede Vorwarnung.

In einer Entfernung von fast zwei Metern setzte er zum Sprung an. Sein Fußtritt kam ansatzlos und war kaum zu sehen, so schnell wurde er ausgeführt.

Trotz Foss' unerhört schnellem Reaktionsvermögen traf ihn beinahe die volle Wucht des frontal ausgeführten Fußtrittes; etwas Schemenhaftes explodierte über seinem Solarplexus. Er schlug einen Salto nach rückwärts. Krachte gegen die Wand, die seine Bewegung stoppte. Mit schmerzenden Lungen fuhr er wieder hoch. Holte keuchend und japsend Luft.

Das Gesicht des Riesen blieb starr und ausdruckslos. Jetzt stand er vor Foss. Die Hände hingen locker herab. Foss versetzte ihm eine gerade Linke, die wie beiläufig mit dem linken Unterarm pariert wurde. Dann zuckte die gekrümmte rechte Hand des Hybriden wie ein Blitz durch die Luft. Foss spürte einen irrsinnigen Schmerz an der linken Kopfseite, der ihm sekundenlang den Blick trübte. Er kämpfte mit einem emporschießenden Brechreiz.

Diese halbe Sekunde der Unachtsamkeit genügte dem Riesen.

Seine rechte Hand peitschte im Halbkreis auf Foss zu.

Der Hieb traf seine Halsschlagader und trennte die Wirbelsäule durch.

Foss war tot, noch ehe er den Boden berührte.

Der Riese beugte sich über ihn und untersuchte ein Auge. Dann nickte er dem Schwarzgekleideten zu.

Mehrere Sekunden lang war außer dem schwachen Summen der Klimaanlage kein anderer Laut in dem aseptisch wirkenden Raum zu hören.

Dann ging der Schwarzgekleidete zur Wand, betätigte die Taste einer Sprechanlage und sagte befehlend: »Schickt jemand zum Aufräumen her. Und lasst ihn nicht gleich vor unserer Haustür liegen. Kapiert? – Was ist mit dem Kurier? Ihr habt ihn nicht? – Wie? Ach so, dann kann ja nichts schiefgehen.«

Er unterbrach den Kontakt und warf noch einen Blick in die Mitte des Raumes. In seinen Augen stand kein Bedauern. Mit einem Schulterzucken ging er hinaus.

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Es war sieben Uhr morgens, als Julee Camara aus dem knallgelben Hover mit der Aufschrift der Fluggesellschaft stieg. Sie schulterte die Bordtasche. Strahlende Morgensonne und lange kühle Schatten lagen auf der futuristischen Kuppel des modernen Shuttleport.

Prüfend streckte sie ihr wohlgeformtes Näschen in die Morgenbrise. Noch zeigten sich keine Vorboten der kommenden Hitze.

Julee setzte sich in Bewegung. Zielstrebig ging sie über den Weg auf den Nebeneingang des Shuttleport zu. Julee Camara war Flugbegleiterin in einer Mitsubishi-Boeing XII. In einer halben Stunde – wie sie durch einen Blick auf ihre Uhr feststellte – begann ihr Dienst an Bord des schnellen Atmosphären-Shuttle.

Mit schwingenden Hüften ging sie durch den Luftvorhang des Personaleingangs, vorbei an den Auslagen der Shops, blieb kurz stehen und kramte in ihrer Bordtasche nach der Chipkarte. Sie brauchte noch ein paar Journale, Zigaretten und einen neuen Lippenstift.

Dann setzte sie sich wieder in Bewegung.

Der melodische Gong der Start- und Landedurchsagen erklang. Julee schenkte der Automatenstimme kein Gehör. Sie ließ Blumenshop und Souvenirläden rechts liegen, blieb vor dem Verkaufsstand stehen und kaufte sich vier Packungen Zigaretten. Sie zahlte, nickte dem Verkäufer zu und ging tiefer in die Halle hinein. Sie spürte die Blicke des Mannes auf ihrem Körper und änderte unwillkürlich ihren Gang.

Julee Camara war vierundzwanzig. Mit ihrem jungen, sinnlichen Körper und ihrer schwarzen jamaikanischen Schönheit, mit ihren großen grünen Augen und dem aparten Gesicht sprach sie die Sinne fast jeden Mannes an. Etwas, was sie beabsichtigte. Dabei ging sie ganz offen vor. Auch versuchte sie in keinem Fall die Tatsache zu verheimlichen, dass sie nur aus dem Grund Flugbegleiterin geworden war, um interessante und vor allem betuchte Vertreter des männlichen Geschlechts kennenzulernen. Sie war auf der Suche nach einem finanzkräftigen Adam. Dabei machte es ihr auch nichts aus, mit einem interessanten männlichen Wesen zu schlafen, dem sie eine Einladung zum Dinner und einigen Drinks wert war.

Sie ging zurück zur Rolltreppe. An ihrem Fuß sprachen zwei junge Kopiloten ungeniert über ihre Erfahrungen der vergangenen Nacht.

Julee grinste, ließ sich von der Treppe zur nächsten Ebene tragen, wurde gegrüßt und grüßte zurück, schwenkte dann am Ende der Passage nach links und betrat das Büro der Fluggesellschaft.

»Hier«, sagte die Hostess hinter dem mit Computern und Bildgebern überladenen Schreibtisch, »die Passagierliste.«

Julee nahm den Ausdruck mit einem Nicken entgegen und lächelte.

»VIPs?«, erkundigte sie sich interessiert.

»Ein paar.«

Julee nickte wieder, zündete sich eine Zigarette an und studierte die Liste. Sie war relativ mager diesmal. Das Shuttle würde nur zur Hälfte besetzt sein. Egal. So würde es ein ruhiger, erholsamer Flug werden. Hoffentlich.

»Sind die Jungs noch beim Frühstücken?«, fragte sie.

»Nein. Sind schon an Bord. Man wartet nur noch auf Sie.«

»Na dann«, meinte Julee, rollte den Ausdruck zusammen und schulterte die Tasche. »Es wäre unhöflich, sie noch länger warten zu lassen. Bye!«

Der hartgesichtige, muskulöse Wächter neben dem Durchgang, der nur für das Flughafenpersonal und Besatzungsmitglieder war, nickte ihr flüchtig zu und ließ sie die Sperre passieren. Julee konnte den Mann in dem Overall eines Triebwerksingenieurs nicht sehen, der draußen dicht neben der Glastür stand und aufs Startfeld blickte. Als sie durch die Tür kam, drehte er sich unvermittelt um und wollte in die Halle zurück. Er prallte direkt gegen Julee. Sie stieß einen kleinen, erschreckten Schrei aus und klammerte sich instinktiv an seine Schulter.

»Hoppla!«, sagte eine Stimme. Zwei kräftige Hände hielten ihre Arme, und der Mann starrte sie an. Seine Augen waren kalt und glatt wie Bachkiesel. Dann erschien ein Grinsen auf seinem kräftigen Gesicht unter dem Schopf schwarzer Haare. Er genoss sichtlich die intime Berührung, presste ihren warmen Körper noch enger an sich.

»Sachte, sachte, Freundchen!«, bremste sie ihn und lächelte frostig. »Sie verwechseln mich mit sicher Ihrer Clinchpartnerin.«

An und für sich hatte sie nichts dagegen, wenn sie von kräftigen Männern gehalten und gedrückt wurde, doch aus unerfindlichem Grund schauderte sie diesmal vor dem Druck dieser großen, behaarten Hände auf ihren Armen.

»Na,« meinte er grinsend, »wer wird denn so zickig sein...«

»Ich!«, schnappte sie und trat ihm kräftig gegen das Schienbein.

Fluchend ließ er sie los. Wie ein Irrlicht flackerte unverhüllte Wut in seinen Augen auf. Sekundenbruchteilelang sah es so aus, als wollte er sie schlagen, und sie spürte plötzlich Furcht. Im selben Augenblick knurrte die tiefe Stimme des Wachmannes hinter ihr: »Ärger, Miss Camara?«

Sie schüttelte den Kopf und machte ein kläglich-komisches Gesicht. »Es war allein meine Schuld«, bekannte sie.

»Wirklich?« Die Hand des Wächters fiel auf dem Kolben der großkalibrigen Waffe an seinem Gürtel.

Julee warf einen Blick auf den Tech.

Der machte ein versteinertes Gesicht, hatte aber immer noch einen gefährlichen Glanz in den Augen.

»Doch, doch«, sagte sie rasch, um der Situation, die sich sichtbar aufzuschaukeln begann, die Spannung zu nehmen. »Es war wirklich meine Schuld.«

Der Wächter zuckte mit den Schultern und wandte sich ab. Die Sache war für ihn erledigt. Der Triebwerksingenieur verkniff sich ein hämisches Grinsen und machte sich ebenfalls aus dem Staub.

Auf dem Weg zum Shuttle kam Julee von der Frage nicht los, was ein Tech mit einer Kanone unter der Achsel anfing. Sie hatte die Waffe deutlich gespürt, als sie sich an ihm festhalten musste.

Sie war noch immer mit dieser Frage beschäftigt, als sie die Maschine betrat und in die Pantry ging.

»Mädchen«, sagte der Kapitän und zwinkerte ihr zu, »du siehst, wie immer übrigens, fabelhaft aus. Nur die Falten auf deiner Stirn stören ein wenig. Ich hoffe, deine schlechte Laune wurde nicht von meiner Anwesenheit an Bord verursacht?« Er grinste sein verwegenes Jungenlächeln, das vergessen ließ, dass er zweiundfünfzig war. Ein alter Adler, der sich auf allen globalen Runways auskannte.

Julee dachte an den unerfreulichen Zwischenfall am Ausgang und schüttelte den Kopf. »Nein, ausnahmsweise nicht. Aber wenn du mir nicht schleunigst eine Zigarette anbietest, wirst du tatsächlich noch an meiner Laune schuld sein«, konterte sie. »Außerdem habe ich noch nicht gefrühstückt.«

Der Navigator schüttelte den Kopf.

»Igitt. Rauchen vor dem Frühstück?«

»Soll der schlanken Linie dienen, Roul«, belehrte ihn eine andere Stewardess. »Eine Sorge, die für uns noch immer eine berufliche Existenzfrage darstellt.«

»Aha.« Der Navigator grinste und strich sich genusssüchtig über den leichten Bauchansatz oberhalb der Gürtellinie.

Gelächter. Die Crew, bestehend aus acht Leuten, flog seit mehr als einem Jahr miteinander und verstand sich innerhalb bestimmter Grenzen prächtig. Man war aufeinander eingespielt. Man wusste, was zu tun war, um den Passagieren ein Maximum an Service und sich selbst ein Minimum an Schlendrian leisten zu können. Jetzt hockten sie in der großen Pantry zwischen Pilotenkanzel und Passagierraum und warteten darauf, dass die Fluggäste über den Rüssel der selbstfahrenden Gangway an Bord kamen.

Kapitän Jon van der Pool blickte kurz auf seine große Pilotenuhr.

Es war Zeit.

»Okay, Herrschaften«, sagte er und stand auf. »An die Arbeit!«

Julee Camara stellte sich neben das schwere Luk, nahm die Tickets der Fluggäste mit einem strahlenden Lächeln entgegen und hakte deren Namen auf ihrem elektronischen Mininotizbuch ab, das drahtlos mit dem Bordcomputer verbunden war.

Binnen Minuten hatten sie sämtliche Passagiere in der Maschine. Mit einer Ausnahme.

Julee kontrollierte noch einmal, verglich die Namen mit den belegten Plätzen.

Platz 24 blieb leer.

Wer fehlte?

Sie sah erneut auf die Passagierliste. Der Mann hieß Darren DeMile, Flugziel GNY, Greater New York. DeMile, der Name war ihr geläufig. Meist war das Interkont-Shuttle mit wichtigen Leuten besetzt. Daher wusste Julee, um wen es sich handelte. DeMile war irgend so ein hohes Tier in der internationalen Politik.

Die Zeit wurde knapp.

Als Julee die Gangway entlangschaute, sah sie, wie ein Mann, in dem sie DeMile erkannte, das Drehkreuz in aller Hast passierte und die Gangway heraufstürmte, als säße ihm der Teufel im Nacken.

»Sorry«, sagte er leicht außer Atem. »Hätte es fast nicht geschafft!«.

»Willkommen an Bord, Mister DeMile!«, begrüßte sie ihn und streckte die Hand nach seinem Ticket aus. »Jetzt müssen wir aber auch los...«

Planmäßig um acht Uhr wurde der Start für das Interkont-Shuttle Flug Nr. 222 mit Bestimmung Honolulu, Los Angeles und Greater New York freigegeben.

Im Cockpit beobachteten Pilot und Kopilot die Systeme und Anzeigen des Flugcomputers: Kursvektoren, Balkenanzeigen der Triebwerkskontrolle, alles im grünen Bereich. Binnen zehn Minuten hatte die Interkont ihre Reiseflughöhe erreicht und raste mehr als zwölftausend Meter über dem Boden durch die Stratosphäre nach Osten.

Im Passagierdeck erloschen die Leuchtschriften, und die Stimme der Chefstewardess drang aus der Bordsprechanlage.

»Ladys und Gentlemen! Mein Name ist Julee Camara. Ich heiße Sie im Namen von PanWorld Airways an Bord unserer Interkont herzlich willkommen. Es spricht jetzt der Kapitän zu Ihnen.«

Pause. Dann: »Guten Morgen, meine Damen und Herren. Hier spricht Flugkapitän Jon van der Pool. Wir fliegen in einer Höhe von zwölftausendvierhundert Metern mit einer Geschwindigkeit von dreitausend Meilen pro Stunde. Wie uns die Meteorologen versicherten, bleibt das Wetter gut, so dass Sie während des Fluges keine Unannehmlichkeiten zu befürchten haben.«

Was die »Unannehmlichkeiten« anging, täuschte sich der Kapitän allerdings, doch das konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht wissen. Richtig hingegen war, dass von den meteorologischen Bedingungen her keine Gefahren drohten. Das Desaster hatte eine andere Ursache.

Im vorderen Laderaum, unterhalb des geräumigen Cockpits und unmittelbar vor dem großen Rumpftank, stand ein kleiner, achtflächiger Container mit der Aufschrift

VORSICHT!

WISSENSCHAFTLICHE PRÄZISIONSINSTRUMENTE.

NICHT WERFEN!

Die Terminologie »Präzisionsinstrumente« stimmte nur bedingt. In Wirklichkeit war es ein für das beginnende 22. Jahrhundert ziemlich primitiver Mechanismus. Jedoch ein äußerst wirkungsvoller.

Präzise eine halbe Stunde nach dem Start hatte sich die Säure durch den kleinen Zylinder gefressen. Ein Metallstift wurde mit zwanzig Atü Druck aus einer Gaskartusche auf einen Sprengzünder beo-russischer Bauart geschlagen.

In 12.400 Metern über dem Stillen Ozean erschien neben der Sonne ein zweiter Glutball am Himmel, blähte sich auf und erlosch wieder. Das, was die Explosion vom Shuttle übriggelassen hatte, fiel in einem wunderschön anzusehenden Funkenregen in die Unendlichkeit der Wasserwüste.

Das war um 08.32 Uhr Ortszeit.

Der Tag: 27. August 2097.

Zwei Stunden später wurde die Nachricht vom spektakulären Ende von PWA-Flug Nummer 222 von die Medien um den gesamten Erdball verbreitet.

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2. Kapitel

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Der Minister, ein großgewachsener, schlanker älterer Mann mit kurzgeschorenem weißen Haar, saß hinter einem langen Tisch mit polierter Platte und studierte einen Computerausdruck. Die Papierfahnen raschelten leise in der Zugluft der Klimaanlage. Die Fingerspitzen seiner linken Hand schlugen einen schnellen, harten Wirbel. Dann legte er die Druckfahnen zur Seite und sagte seufzend: »Sie wollen damit andeuten, die Sache –« er sagte wirklich Sache, obwohl es sich um Menschenleben handelte, »– wäre gescheitert?«

Stryker nickte. Trotz seines hohen Ranges fühlte er sich unbehaglich. Jedesmal, wenn er die Räume des Innenministers im Weißen Haus betrat, trug er eine Hiobsbotschaft mit sich, fiel ihm ein.

»Wann haben Sie das letzte Mal von ihm gehört?«

»Vor vier Tagen, Herr Minister.«

»Versprachen Sie mir nicht, Ihren besten Mann mit dieser wichtigen Mission zu betrauen?«

General Stryker wich dem bohrenden Blick des Ministers nicht aus. »Brett Foss ist einer unserer besten Männer«, erwiderte er; er weigerte sich aus irgendeinem rational nicht zu erklärenden Grund, in der Vergangenheitsform von Foss zu sprechen, obwohl er im Grunde wusste, dass er das hätte tun müssen. »Wenn er schweigt, müssen wir davon ausgehen, dass er schwerwiegende Gründe hat.« 

»So, so... schwerwiegende Gründe. Sie meinen damit sicher, dass er nicht mehr lebt. Richtig?«

Stryker sagte: »Darauf läuft es möglicherweise hinaus, Sir. Wir haben aber noch keine definitiven Beweise für diese Annahme.«

Der Innenminister starrte einen Moment ins Leere.

»War es klug, diesem... diesem Foss die Mission zu übertragen?«

Ungerührt ob der implizierten Kritik erwiderte der General: »Foss brachte jede nur denkbare Voraussetzung für eine solche Aufgabe mit. Seine bisherigen Erfolge ließen seinen Einsatz gerechtfertigt erscheinen.«

Wieder seufzte der Innenminister.

»Offensichtlich haben ihm diese Erfolge« – er betonte das Wort fast unmerklich – »diesmal wenig genützt. Sehe ich das falsch?«

»Nein, Herr Minister.«

Für einen Moment blieb das Schwirren eines Comp-Terminals in der Tiefe des Raumes das einzige Geräusch.

Strykers Miene blieb unbewegt. Momentan erlebte man eben eine jener Pechsträhnen, die sich manchmal einfach nicht vermeiden ließen.

Jetzt sagte er: »Ich stehe zu meiner Entscheidung, Sir.«

»Natürlich tun Sie das«, erwiderte der Innenminister und grinste sardonisch. »Würde ich auch tun, in Ihrer Lage...«

Eines der altmodischen Tastentelefone auf seinem auf Hochglanz polierten Schreibtisch aus unsäglich teurem Wurzelholz läutete. Er riss den Hörer ans Ohr, ohne den Blick vom General zu wenden. Seine Miene veränderte sich von einer Sekunde zur anderen.

»Ja... ja, Herr Vizepräsident. Ich habe verstanden. Doch, General Stryker ist hier bei mir... selbstverständlich. Ich komme gleich rüber.« Er legte wieder auf und wandte sich dem General zu.

»Unglücklicherweise müssen wir mit den Konsequenzen dieser – hmm – Entscheidung fertig werden«, fuhr er genau der Stelle fort, an der ihn der Telefonanruf unterbrochen hatte. »Konnte Foss wenigstens ein paar brauchbare Informationen liefern?«

»Seine letzte COMSAT-Nachricht besagte, dass er einer Spur nachging. Wohin diese führte...« Stryker hob die Schultern unter der steifen Uniform und ließ sie wieder sinken.

»War Foss denn gänzlich ohne jegliche Rückendeckung?«

»Er hatte einige Kontaktleute. Die Namen finden Sie in meinem Bericht. Kurier war allerdings Darren DeMile von der Botschaft der FSA in Bombay.«

»Aha. Hat man schon überlegt, DeMile abzusichern?«

»Natürlich. Das Außenministerium hat ihn zu einem Rapport nach New Washington bestellt. Damit schien gewährleistet, dass er unverfänglich ausfliegen konnte.«

Der Minister hob den Kopf. »Schien gewährleistet... ausfliegen konnte...? Sie sprechen in der Vergangenheitsform?«

Mit flacher Stimme erwiderte der General:

»Er fiel einem Shuttle-Unglück zum Opfer. Die Nachricht ging gestern um die ganze Welt.«

»Flug 222 etwa?« Im Minister schien etwas hörbar einzurasten. Mühsam beherrscht fuhr er fort: »Sie haben zu erkennen gegeben, General, dass wir wieder am Anfang unserer Bemühungen stehen. Das wird dem Präsidenten aber gar nicht gefallen. Etwas zu Ihrer Verteidigung zu sagen?« Er starrte den General direkt an.

Stryker zuckte erneut mit den Schultern.

»Wie Sie meinen.« Der Innenminister griff nach den Schriftstücken. Die Unterredung war beendet.

General Stryker stand auf und ging.

An der mit rotem Leder bezogenen Tür erreichte ihn die scharfe Stimme des schlanken, grauhaarigen Mannes.

»General! Noch einmal ein derartiges Desaster, und ich überlege mir ernsthaft, ob ich dem Komitee nicht vorschlagen soll, Ihre Sondereinheit aufzulösen. Klar?«

»Ich verstehe, Sir«, murmelte Stryker.

Er konnte seinen Zorn nicht einmal an der Tür auslassen. Sie hatte einen automatischen Schließer und ließ sich nicht zuknallen.

*

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C. H. Stryker marschierte ans Ende seines Schreibtisches, blieb stehen, machte einen Hundertachtzig-Grad-Schwenk und marschierte zurück zum anderen Ende. Dabei blieb sein Blick unablässig auf Richard Sheehy gerichtet; der Oberst stand in Habacht vor dem Schreibtisch des Generals.

Draußen vor den großen Fenstern war New Washington in gleißendes Sonnenlicht getaucht. Die Temperatur lag bei gut siebenundzwanzig Grad, und da nahezu völlige Windstille herrschte, war es schwül und stickig in der Hauptstadt der FSA.

Im vierundzwanzigsten Stockwerk des MILCOM-Hauptquartiers war die Atmosphäre allerdings um erhebliche Grade niedriger. Tatsächlich war sie frostig.

Und das lag nicht an der Klimaanlage.

»Stehen Sie bequem, Sheehy.«

Dreisternegeneral C. E. Stryker – das »C« stand für »Cyril«, das »E« für »Eugene« – war hinter seinem mächtigen Formsessel zum Stehen gekommen und stützte sich auf dessen Lehne ab. Sein Gesicht spiegelte seine Laune wider, die man nur als mörderisch bezeichnen konnte. Die Unterredung mit dem Minister des Inneren lag noch nicht lange zurück.

Dann zeigte er auf einen Sessel vor seinem Schreibtisch.

»Setzen Sie sich, Oberst!«

»Danke, Sir!«

Richard Sheehy ließ sich auf dem Besuchersessel nieder.

Stryker setzte sich ebenfalls, sah seinen Gegenüber herausfordernd an. Sein hageres Pferdegesicht wirkte auffallend verdrossen.

»Man hat Foss gefunden«, sagte Sheehy.

Sekunden vergingen, ohne dass ein Wort gesprochen wurde.

Der General starrte mit zusammengekniffenen Lippen auf ein Dossier in einer Klarsichthülle. Als er endlich den Mund aufmachte, klang seine Stimme mürrisch, fast schroff.

»Berichten Sie!«

Sheehy machte eine vage Geste. »Foss ist tot!«

»Tot, sagen Sie?«

»Tot!«, echote der Oberst. Er räusperte sich nervös, um dann fortzufahren: »Indische Fischer haben seine Leiche vor achtundvierzig Stunden in der Nähe ihres Dorfes aus dem Fluss Dschilam gezogen.«

»Wo?«

»Schrinagar, Kaschmir«, präzisierte Sheehy.

Eine Falte erschien über Strykers Nasenwurzel.

»Wie?«

»Genick gebrochen. Die dortigen Polizeiorgane haben den Fall unter die Lupe genommen und sind zu dem Schluss gekommen, es sei ein Unfall gewesen. Man nimmt an, jemand habe ihn angefahren und in den Fluss geschleudert.«

»Und?«

»Was, und?«

»War es das? Ein Unfall?«

»Es sind ein paar Spuren gefunden worden, die diese Annahme bestätigen könnten. Ich betone ausdrücklich ›könnten‹! Sie wissen ja selbst, Sir, wie so was gehandhabt wird. Außerdem haben wir definitiv Kenntnis davon« – er sagte nicht, wie er zu dieser Erkenntnis gelangt war – »dass eine Pathologin im dortigen MedLab bei der Obduktion Spuren gefunden hat, die auf eine vorsätzliche Tötung hinwiesen.«

»Spuren welcher Art?«

»Reste starker Halluzinogene.«

»Wahrheitsdrogen?«

»Anzunehmen.«

»Hat er was ausgeplaudert? Was meinen Sie?«

Sheehy hob die Schultern und ließ sie wieder fallen.

Stryker räusperte sich.

»Ich habe Informationen bekommen, wonach in den letzten acht Wochen rund um den Globus neun im Untergrund am Projekt Exodus arbeitende Agenten liquidiert wurden. Was besonders beunruhigend daran ist, die getöteten Agenten waren in einer Datenbank des Pentagon erfasst. Ich wüsste wirklich zu gern, was da geschehen ist.« Er sah Sheehy hart an. »Eine Idee, weshalb es dazu kommen konnte?« Der Sarkasmus des Generals war nicht zu überhören.

Sheehy beugte sich vor. »Schwer zu sagen, was da wirklich vorgefallen ist«, sagte er.

Als Leitender Direktor von SY.N.D.I.C. verfügte er zweifellos über das profundere Wissen als der General. Und wenn er sagte, dass er nicht wüsste, was sich da abgespielt hatte, konnte man davon ausgehen, dass er gründlichst recherchiert hatte.

»Richard«, sagte Stryker ungehalten, »ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben?«

»Leider ja. Alles deutet darauf hin, dass irgendjemand Zugriff auf die Datenbanken hier im HQ genommen hat. Vielleicht handelt es sich sogar um jemanden, dem wir seit Jahren vertrauen und...« Er verstummte verbittert, in seinem Gesicht arbeitete es.

»Keine Idee, wo sich das Leck befinden könnte?«, fragte Stryker. Der Oberst starrte unglücklich auf seine Fingerspitzen.

»Sorry, General«, bedauerte er. »Leider nein. Obwohl eine Reihe von Techs darauf angesetzt sind, gibt es noch keine gesicherten Ergebnisse. Aber wir arbeiten daran.«

»Wie schön«, schnarrte der General, »dass überhaupt jemand daran arbeitet! – Wo hat man die Leiche von Foss hingeschafft?«

»Man bewahrt sie noch immer in der Pathologie auf. Sie wird solange dort bleiben, bis WNN die Frage der Überführung geklärt hat...«

»WNN?«

Sheehy erklärte: »Foss' Legende war die eines Korrespondenten der WORLD NET NEWS Toronto...«

»Ah, ja«, nickte der General. »Es ist Ihnen doch klar, dass Sie jemand anderen schicken müssen.«

Grimm stieg in Sheehy auf, aber er ließ sich nichts anmerken.

Er räusperte sich erneut.

»Natürlich, Sir«, erwiderte er mit einem spröden Ton in der Stimme, der ein wenig von seiner aufgestauten Ungeduld über diese Unterredung verriet. »Haben Sie vielleicht einen Vorschlag?«

Wenn der General Sheehys Sarkasmus überhaupt wahrnahm, so ging er jedenfalls darüber hinweg. »Lassen Sie sich was einfallen!« Er schlug die flache Hand auf den Tisch, dass Sheehy schon befürchtete, die Holographieprojektoren würde zum Teufel gehen. »Sie sind doch der Experte für sowas, gottverdammt noch mal!«

Das InternKom auf seinem Schreibtisch brachte sich nachhaltig in Erinnerung und unterbrach ihn.

»Aktivieren!«, schnaubte Stryker.

Der Holoschirm entfaltete sich in bequemer Augenhöhe. Eine weibliche Ordonnanz – eine von vielen aus dem Labyrinth seiner Vorzimmer – blickte ihn an.

»Sir! Die Besprechung der Gruppenleiter des Generalstabs beginnt in vier Minuten.«

»Danke. Bin gleich drüben.«

Stryker deaktivierte das Holo.

»Das war's für heute, Oberst«, sagte er. »Wie gesagt: Sie sollten sich ganz, ganz rasch etwas einfallen lassen. Ich höre mir alles an. Selbst wenn es noch so verrückt ist. Und soll ich Ihnen etwas sagen, Richard? Ich bin überzeugt, dass Sie jemanden für die Aufgabe finden werden. Reaktivieren Sie doch einfach jemanden vom ehemaligen Blackwatch-Regiment.«

Er erhob sich, und deutete damit an, dass die Besprechung beendet war.

»Aber Sir! Die Ultra Force-Einheiten sind nach den Ölkriegen aufgelöst worden«, erinnerte ihn Sheehy, der ebenfalls aufgestanden war und seinen Sessel mit den Kniekehlen zurückschob. »Auf Befehl des Kriegsministeriums, wie Sie sehr gut wissen. Viele Mitglieder sind tot. Viele landeten in den Psychiatrien. Und in den Straflagern versucht man, den Rest zu resozialisieren.«

»Na und? Durchforsten Sie die Datenbanken nach geeigneten Kandidaten! Es wird doch in dem ganzen verkorksten Haufen wohl jemanden geben, der seine fünf Sinne noch einigermaßen beisammen hat und nicht lange fackelt, wenn man ihm in die Quere kommt. Denken Sie immer daran: Projekt Exodus hat absolute Priorität!«

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3. Kapitel

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In der Tiefe der Krypta erwachte etwas mit einem nachdrücklichen Klacken. Grelles Licht holte Morton Conroy aus seinen Träumen. Fort von den vagen Bildern der Vergangenheit. Einer Vergangenheit, die ihm mehr und mehr zu entgleiten drohte, je länger er sich hier befand und auf seinen Prozess wartete.

Der Hochsicherheitstrakt des Staatsgefängnisses hatte keine Fenster; hier, tief im Innern des Mondgesteins, wurden Tag und Nacht durch Ein- und Ausschalten von Kunstlicht erzeugt. Um sechs Uhr Standard-Erdzeit sprang ein computergesteuerter Schalter um, und die vergitterte Hölle wurde mit Licht überflutet.

Conroy rollte sich auf die Seite und stützte sich auf einen Ellbogen. Noch halb gefangen in seinem Alptraum, öffnete er benommen die Augen.

Er grunzte abfällig.

Auch bei Licht sah sein Domizil nicht besser aus. Die Vorderseite bestand nur aus Gitter. Eine Hälfte bildete die Tür, sie schwang beim Öffnen nach außen. Die Käfigseiten waren ebenfalls Gitterelemente. Die Pritsche aus Drahtgeflecht mit einer Formschaumauflage nahm fast die Hälfte der Breitseite und nahezu die gesamte Länge der linken Gitterwand ein; Lokus und Waschbecken an der hinteren, massiven Wand waren aus den Nachbarzellen von jedermann einsehbar.

Alles, fast alles war aus Metall, was die Geräusche vervielfachte und verstärkte. Ein höllischer Lärmpegel erwachte und brandete durch die Krypta wie ein Tsunami vor der Küste Japans. Es stank zum Erbrechen nach schmutzigen Leibern, nach Kot und anderen menschlichen Ausdünstungen. Überdimensionale Ventilatoren schaufelten abgestandene, uringeschwängerte Luft aus dicken Röhren über Käfige und stählerne Laufstege.

Conroy warf die Decke ab und setzte die Füße auf den Boden; er griff nach seinen Stiefeln, zog sie an und schlug die Verschlüsse zu. Flüchtig wusch er sich das Gesicht am Waschbecken; das dünne Rinnsal, das aus dem Hahn kam, war brackig und stank wie einfach alles hier. Dann setzte er sich auf das Pritschenende und wartete stoisch.

Ein weiterer verfluchter Tag nahm seinen Anfang.

Draußen schlurfte der Kalfaktor auf dem breiten Katzensteg näher und wischte mit seinem Besen den Unrat, den die Häftlinge durch die Gitterstäbe geworfen hatten, über die Kante in die Tiefe der Krypta. Dreck und Abfall segelten mit dem in der geringen Mondschwerkraft üblichen Zeitlupentempo nach unten und wurden vom Entstofflichungsfeld, das die einzelnen Ebenen unsichtbar voneinander trennte, mit irrlichterndem Aufflammen zerstrahlt.

Der Kalfaktor war ein alter Soldat. Mit einem Gesicht, das von einer wie von einer Axt geschlagenen Narbe in zwei unsymmetrische Hälften zerteilt wurde. Alle nannten ihn Sarge. Er musste schon an die Siebzig sein. Hatte vielleicht einmal in der Vergangenheit einen Befehl verweigert oder einen Offizier bei etwas Verbotenem beobachtet und es herumerzählt. Und bezahlte noch immer für seine Dummheit. Mit lebenslänglich im STRALAG-2, dem FSA-Militärstraflager auf dem Mond.

Vor Conroys Käfig fuhrwerkte er auffallend ziellos mit dem Besen herum und schüttelte dabei den Kopf, als würde er sich mit einem schwerwiegenden Problem herumschlagen, das seinen geistigen Horizont überstieg.

»He, Sarge!«, murmelte Conroy durch die Gitterstäbe. »Was ist los?«

»Mächtig viel, Mann«, zischelte der Kalfaktor heiser; sein Kehlkopf hatte bei irgendeiner Schlägerei was abbekommen.

»Wie meinst du das?«

»Sind 'ne Menge Gerüchte im Umlauf...«

Er verstummte, als der Wächter-Bot vorübersurrte. Linsen starrten wie Facettenaugen stählerner Libellen über die Käfige hinweg. Erfassten jeden Winkel. Die Vierlingsläufe der Auto-MPs schwenkten ständig von einer Seite zur anderen; ein Metronom, das den Takt zu einer unhörbaren Todesmelodie schlug.

»... im Umlauf«, wiederholte Sarge, als der Bot weiterglitt. »Soll Ärger geben auf dieser Ebene.«

Conroy zuckte die Schultern.

»Soll vorkommen, Soldat.«

»Ja, Sir, das stimmt, Sir«, nickte der Kalfaktor und kicherte hohl. »Das ist wahr, Oberleutnant.«

Conroy horchte auf. Den ehemaligen Dienstgrad eines Häftlings zu verwenden war eigentlich unüblich.

»Was stört dich also daran, Alter?«, fragte er.

Der Sarge zögerte einen Moment.

»Nichts«, sagte er schließlich und bleckte die gelblich verfärbten Zähne. Pferdezähne. »Nichts, bis auf den Namen des Kerls vielleicht, dem der Ärger gelten soll.«

»Ja?«

Stille.

Der Besen wurde hektischer geschwungen.

Und Conroy begriff.

»Es geht um mich! Willst du mir das sagen?«

Einen Moment lang wich der Kalfaktor seinem Blick aus.

Dann packte er seinen Besen und schob sich aus Conroys Sichtfeld. Aber ehe er ganz verschwand, ließ sich seine heisere Stimme vernehmen: »Jawohl, Mann, Sir, du wirst Ärger kriegen, Sir. Sieh dich vor, Soldat. O Mann, besser, ich mache mich vom Acker.«

Conroy murmelte ihm ein »Danke, Alter« hinterher und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Gitterstäbe, um zu analysieren, was er eben gehört hatte.

Langjährige Erfahrungen hatten ihn folgendes gelehrt: Wenn etwas Unerwartetes auf dich zukommt, verschwende keine Zeit. Überlege nicht lange, wie oder warum es passiert. All das kannst du später tun – wenn du die Sache überlebt hast. Schätze deine Vorteile, prüfe die Nachteile. Dann plane dementsprechend. Handle. Und tue es schnell, ehe dir der andere zuvorkommt.

So, wie es sich ihm darstellte, gab es keine Vorteile.

Die Nachteile hingegen waren erheblich.

Wie so oft.

Er verfügte über eine harte Schulung; nicht gerade gedacht für ein Leben in einem Militärstraflager, aber helfen würde sie trotzdem. Bereits in seiner Kindheit hatte er lernen müssen, sich Respekt zu verschaffen. Soldatenkinder wie er verbrachten ihre Jugend in zwanzig und noch mehr Standorten und ebensovielen Schulen. Überall war er neu, musste sich gegen die Brutalität auf den Schulhöfen behaupten, sich mit ebensolcher Brutalität durchsetzen, um Anerkennung kämpfen und sich einen Status schaffen.

Später, beim Militär, war die Gewalttätigkeit ausgefeilter, diffiziler, perfider. Experten bildeten ihn aus, brachten ihm die Techniken und Finessen des Überlebens bei. Des Überlebens um jeden Preis. Und seine Ausbilder und Instruktoren vermittelten ihm vor allem die richtige Einstellung, machten ihm unmissverständlich klar, dass Hemmungen oder Zögern früher oder später seinen sicheren Tod bedeuteten.

Tue stets das Unerwartete, trichterte man ihm in den Ausbildungslagern ein.

Wenn dein Leben davon abhängt, verhalte dich im Kampf niemals anständig.

Sei infam, sei gemein.

Täusche deine Gegner.

Schlage zuerst zu, und zwar so hart, dass du keinen zweiten Schlag brauchst.

Und er hatte sich daran gehalten. Nur so hatte er bislang überlebt...

Um sieben Uhr schnarrte eine Sirene. Es gab es ein dumpfes, metallisches Geräusch weit vorn in der Zellenreihe, das sich wie eine Welle in Richtung auf Conroys Käfig zubewegte. Der Zeitschalter löste die Sperrvorrichtungen.

Seine Gittertür sprang einen Spalt weit auf.

Conroy blieb hocken. Wartete. Er konnte das Kreischen hören, als die anderen Insassen dieser Ebene ihre Türen aufstießen und aus den Käfigen spazierten, um einen weiteren sinnlosen Tag zu beginnen. Sie bewegten sich mit jenem eigenartigen, fast schwebenden Gang, den einem die geringere Mondschwerkraft diktierte, wollte man nicht ständig mehrere Fußbreit vom Boden abheben.

Er musste an Sarges Warnung denken. Und das brachte ihn dazu, keine Zeit zu vertrödeln. Je eher es geschah, um so schneller hatte er es hinter sich.

Er schwang seine Beine über die Bettseite und stand auf. Reihte sich ein in die Schlange der draußen vorbeischlurfenden Häftlinge und trottete mit ihnen in den großen Saal der Messe.

Die Häftlinge an den langen Tischen schlangen den Brei aus Protosoja unter dem ewig gleichlautenden, lautstarken Protest hinunter. Ein ständiges Kommen und Gehen herrschte, überwacht von den Argusaugen der am Eingang erhöht sitzenden Wärter – und den drohenden Mündungen der Maschinenwaffen.

Conroy saß abseits und wurde von den meisten Häftlingen ignoriert; es handelte sich überwiegend um niedrigere Dienstgrade. Ein ehemaliger Oberleutnant war ihnen suspekt, wenn nicht sogar verhasst.

Es störte ihn nicht, machte ihm nichts aus.

Er war es gewohnt.

Der Außenseiter zu sein, hatte mitunter seine Vorteile.

Schweigend aß er, die Sinne hellwach, angespannt... und behielt seine unmittelbare Umgebung genaustens im Auge. Er sah Sarge ein paar Tische weiter vorne sitzen, hektisch auf einige seiner schwarzen Brüder – ehemalige Raumsoldaten, wie Conroy wusste, und Lebenslängliche – einredend. Was er sagte, ging in dem herrschenden Radau unter. Unvermittelt schaute er wie alarmiert hoch und zu ihm herüber.

Und plötzlich war Conroy, als würde der Lärm um ihn herum leiser, verhaltener.

Dann spürte er, wie sich seine Nackenhaare elektrisiert aufrichteten. Er schob das Tablett von sich und stand betont langsam auf. Drehte sich um.

Sie waren zu viert.

Drei nur Staffage für den vierten. Ein feister Kerl, trotz seiner Größe. Sein Gesicht war das eines Frosches mit hervorquellenden Augen und fast farblosen Brauen. Die Kerle waren ihm fremd. Mussten gerade erst eingeliefert oder aus einer anderen Ebene hierher verlegt worden sein.

Und schon suchten sie Streit. Aber das war abgekartete Sache. Eine vorbereitete Aktion, sonst hätte Sarge ihn nicht warnen können. Also steckte jemand anderer dahinter, der nicht in Erscheinung treten wollte. Noch nicht. Oder vielleicht überhaupt nicht. Wer konnte das an diesem höllischen Ort schon sagen!

Frosch baute sich vor Conroy auf.

Er war gewaltig. Ein Fleischberg. Vielleicht ein paar Zentimeter kleiner als Morton, aber vermutlich zweimal so schwer. Aber das war nicht unbedingt ein Vorteil hier auf dem Mond.

»Du da, Scheißkerl, verschwinde von hier«, sagte Frosch schleppend. »Ist unser Territorium. Kapiert?«

»Seit wann?«

»Seit ich es sage.«

Frosch grinste ihn an, doch es lag keine Freundlichkeit in diesem Grinsen. Es war eine Maske, genau wie der scheinbar aufgequollene Körper. Frosch verbarg durchtrainierte Muskeln unter seiner Fettschicht, und er schien begierig darauf, sie ins Spiel zu bringen.

»Na? Wird's bald?!«

Frosch trat noch einen Schritt näher. Seine Kumpels blieben hinter ihm. In der Messe wurde man aufmerksam auf das, was sich hier abzuzeichnen begann. Die anderen Häftlinge rückten näher, bildeten einen lebenden Wall um den Tisch, um sie gegen die Blicke der Wachen am Eingang abzuschirmen.

Conroy bewegte den Kopf, sah nach links und nach rechts, blickte wieder auf Frosch, der, seine Kopfbewegung missdeutend, mit einem trüben Grinsen sagte: »Sieht so aus, Arschloch, als ob keiner dir hilft, wie?«

»Sieht es denn aus, dass ich Hilfe bräuchte?«, versetzte Conroy mit ätzender Stimme. Er streckte die Hand aus, drehte sie, dass der Rücken oben lag und spreizte die Finger. »Oh nein! Tatsächlich, ich zittere.«

»Einer von der ganz harten Sorte, wie's scheint«, meinte einer aus Froschs Gefolge.

»Besser, du bringst ihm gleich bei, was Sache ist, Dave.« Ein anderer.

Es schien Zeit, dem Trauerspiel ein Ende zu bereiten. Conroy schüttelte mit sorgenvoller Miene den Kopf. »Weißt du, Fettsack«, sagte er mit nachsichtiger Stimme, »eigentlich ist es so, dass du in meinem Territorium bist, Arschgesicht. Aber ich lasse dir die Wahl. Entweder du verziehst dich von selbst, oder du ernährst dich auf der Krankenstation für eine ganze Weile aus der Schnabeltasse.«

»Ach ja?«, schnaufte Frosch. Verblüfft und überrascht, dass es nicht nach seinen Vorstellungen ablief.

»Wie ich sage, Schwachkopf. Ich zähle jetzt bis drei, dann bist du entweder verschwunden oder trägst die Konsequenzen, ja?«

Frosch starrte Conroy an.

»Eins«, begann Morton.

Keine Reaktion.

»Zwei«, zählte Morton weiter.

Wieder keine Reaktion.

Die Umstehenden wurden ungeduldig, begannen zu johlen und Anfeuerungen zu rufen.

Dann täuschte Morton seinen Gegner.

Tue stets das Unerwartete.

Statt bis drei zu zählen – sei infam – versetzte er Frosch einen Kopfstoß direkt ins Gesicht. Er legte sein ganzes Gewicht auf den hinteren Fuß, verlagerte seinen Körperschwerpunkt nach unten, so weit es ging, stieß sich ab und schmetterte seine Stirn auf die Nase von Frosch. Der Stoß brachte dessen armselige Welt mit einem Paukenschlag zum Einsturz. Seine Beine knickten weg. Er schlug einen Rückwärtssalto, prallte gegen seine Kumpane, was ihn daran hinderte, noch weiter abzutreiben, und schlug in der geringen Mondschwerkraft auf dem Boden auf wie eine zappelnde Marionette, deren Schnüre man gekappt hatte.

Conroy wandte sich an Froschs Kumpane.

»Noch jemand Lust?«

Sie schwiegen.

Starrten ihn an.

Conroy starrte zurück.

Dann senkten sie die Blicke.

»Und jetzt bringt euren Kumpel raus, ehe die Wachen...« aufmerksam werden hatte er sagen wollen. Aber es war bereits geschehen. Sie waren schon da. Befehle wurden gebrüllt. Neurostöcke geschwungen. Brutal, begleitet von Flüchen und Tritten, trieb man die Häftlinge auseinander.

Wortlos hob Conroy beide Arme in Kopfhöhe, als er die polternden Schritte hinter sich hörte. Und da waren sie auch schon heran. Ein Kolbenhieb zwischen die Schulterblätter presste ihm explosionsartig die Luft aus den Lungen, zwang ihn aufstöhnend in die Knie. Schmerz zuckte durch seinen Rücken wie eine heiße Klinge. Sekundenlang verschwamm alles vor seinen Augen. Zwei, drei Wachmänner rissen ihn hoch und herum.

Conroy blinzelte. Nur undeutlich zunächst, dann wieder klar, sah er Spoczynskis Gesicht vor sich auftauchen.

Spoczynski war der verantwortliche Spieß der Wachmannschaft dieser Ebene.

»Keine Schlägerei, Conroy«, keuchte er wild. Ein böser Schimmer war in seinen Augen. »Nicht hier. Nicht in meinem Bereich. Geht das denn nicht in deinen Schädel, verdammter Klugscheißer?«

Conroy sagte: »Hab mich nur gewehrt...«

Spoczynski knallte ihm eine mit dem Handrücken. Die Bewegung war so blitzartig schnell, dass er sie nicht sah, sondern nur fühlte.

»Halt deine gottverdammte Schnauze, Soldat, bevor ich mich vergesse!« Spoczynski war nahe dran, die Beherrschung zu verlieren. Er duldete keinen Widerspruch. Nicht in seinem Bereich. Nicht in seinem Leben. Und sein Leben setzte er mit STRALAG-2 gleich. »Hast du verstanden, Drecksack?«

Conroy nickte. Mühsam. Seine Unterlippe war aufgeplatzt. Er schmeckte Blut.

»HAST DU VERSTANDEN, DRECKSACK?«, blaffte der Sergeant, jedes einzelne Wort betonend.

Conroy beschloss, ihn nicht weiter zu provozieren.

»Sir! Ja, Sir!«, brüllte er und spuckte Blut dabei.

Das rotgeäderte Gesicht Spoczynskis verzog sich in einem wilden Feixen. Sein Kehlkopf hüpfte. »So ist's brav, mein Junge.« Er machte eine Handbewegung. Seine gepanzerten Schergen ließen von Conroy ab.

Spoczynski fixierte die Kumpane des am Boden liegenden Mannes.

»Ihr da, bringt diesen Kadaver hier raus. Vorwärts!«

Die Männer in ihrer groben Gefängniskleidung zogen ihren Anführer hoch, hielten ihn links und rechts an den Oberarmen gepackt und schleiften ihn mit sich; seine Füße scharrten über den Metallboden der Messe.

»Und du, Großmaul Conroy«, wandte sich Spoczynski an Morton, »verziehst dich besser in deinen Käfig...«

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Zwei Männer saßen sich in dem von Kunstlicht erhellten Büro in den Tiefen des FSA-MILCOM-Hauptquartiers gegenüber.

Der eine war Oberst Sheehy.

Major Angus Santana war der andere.

Santana war Sheehys rechte Hand.

Ein äußerst fähiger Mann.

Einer, der sich Chancen ausrechnete, einmal selbst Sheehys Platz einzunehmen. Früher oder später.

»Es ist so bekloppt, dass es jeder Beschreibung spottet«, knurrte Sheehy.

Angus Santana zuckte mit den Schultern, schwieg aber.

»Das Dumme daran ist, dass er es wirklich so meint, wie er es gesagt hat«, fuhr der Oberst fort, dem das Schweigen seines Adjutanten nicht auffiel. »Was den Alten anbelangt, soll ich tatsächlich in den Stralags nach geeigneten Leuten für diesen Job forschen.« Er knackte mit den Fingerknöcheln. »Ist das nicht bekloppt?«

»Wie man's nimmt«, meinte Santana zurückhaltend. »Aber er ist nun mal wie er ist, und der Generalstab will, dass er auch so bleibt, weil einige einflussreiche Kongressabgeordnete es so wollen. Und Sie wissen, wie das mit der Politik ist, Sir. Außerdem ist an General Strykers Vorschlag was dran, Sir. Die Militärstraflager enthalten eine Menge brachliegendes Potential bestens ausgebildeter Männer, die nur deshalb dort landeten, weil sie nach dem Ende der Ölkriege und den Strafexpeditionen in Moldawien sowie an der russisch-chinesischen Grenze plötzlich nicht mehr gebraucht wurden. Wir haben da auch eine gewisse Verantwortung, möchte ich behaupten. Haben die Leute zu Killern trainiert und erwarten nun, dass sie sich wieder wie normale Bürger verhalten. Schizophren, wenn Sie mich fragen. Ja. Ich glaube, es wäre nicht verkehrt, diese Möglichkeit ins Auge zu fassen – wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Sir«, setzte er hinzu.

Oberst Sheehy musterte seinen zweiten Mann eine Zeitlang prüfend. Schließlich fragte er: »Ich kenne Sie, Angus. Worauf wollen Sie hinaus?«

Major Santana blickte angelegentlich über Sheehys Schulter auf die Weltkarte, die hinter dem ranghohen Offizier an der Wand hing. »Ich frage mich«, begann er mit einem Räuspern, »ob wir die Anregung nicht doch ernsthaft in Betracht ziehen sollten, jetzt, wo wir eigentlich das Okay haben.«

»Sie meinen, Sträflinge für die Mission rekrutieren?«

Santana nickte.

»Sie sind nicht bei Trost, Angus«, wurde Sheehy persönlich.

»Keine Kriminellen«, wiegelte Santana ab. »Keine Mörder und Vergewaltiger, sondern Leute, die das Töten als Kriegshandwerk gelernt haben.«

»Kommen Sie, das ist nicht Ihr Ernst!« Sheehy sah Angus Santana verweisend an. Dann zeichnete sich Erkenntnis auf seinen Gesichtszügen ab. »Doch... doch. Es ist Ihnen ernst, Major... habe ich recht? Und wie ich Sie kenne, bringen Sie mich nicht ohne Grund in Rage. Heraus damit! Wen haben Sie im Visier?«

»Den möglicherweise härtesten Mann im Universum – Morton Conroy.«

Um Sheehys Mundwinkel bildeten sich kleine Buckel.

»Natürlich! Conroy – von Ihnen höre ich seit Wochen immer nur Conroy! Sie haben einen Narren an dem Mann gefressen«, behauptete der Oberst. Brüsk erhob er sich und wanderte im Raum auf und ab. Seine Haltung signalisierte Ablehnung, aber Santana machte sich darüber wenig Sorgen. Er kannte seinen Vorgesetzten; er war selbst zeitweise genauso unempfindlich gegen Ratschläge wie dieser.

»Ich weiß, ich gehe Ihnen damit schon gehörig auf die Nerven, Sir, aber Conroy ist eine wandelnde und sprechende Legende im Blackwatch-Regiment. Wenn man im Wörterbuch unter dem Begriff ›knallhart‹ nachschlägt, dann findet sich Conroys Holographie direkt neben diesem Eintrag.«

»Übertreiben Sie jetzt nicht eine Spur zuviel?« Oberst Richard Sheehy blieb vor dem Schreibtisch stehen, beugte sich vor und sah seinen Adjutanten mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Warum sollten wir das tun, Angus? Und warum ausgerechnet Conroy?«

»Warum nicht Conroy, Sir?» versetzte Angus Santana. »Erkundigen Sie sich bei irgendjemandem von der Ultra Force nach Conroy, und man wird Ihnen von seinem mittlerweile legendären ›Ein-Mann-Angriff ohne Rückfahrkarte‹ auf die ukrainische Ölplattform während des Bessarabienkrieges erzählen. Damals behauptete man, niemand könne diese Mission schaffen, aber andererseits ist Conroy kein gewöhnlicher Mann. Das zeigte sich an seinen Taten. Er stieg in zehntausend Meter Höhe aus dem Transporter und ließ sich im freien Fall bis auf fünfhundert Meter fallen, ehe seinen Lenkschirm öffnete und punktgenau auf der Kuppel der Ölplattform landete. Niemand hat ihm dieses Bravourstück je nachgemacht. Er hat sich große Verdienste während der Ölkriege erworben, weshalb er vom Pentagon zum Oberleutnant befördert wurde. Während der russisch-chinesischen Aufstände hat er sich wochenlang bei Rungmar Thok im Hochland von Tibet hinter den feindlichen Linien aufgehalten und schaltete eine Reihe Widerstandsnester im Alleingang aus, ohne entdeckt zu werden. Er ist ein Sprachphänomen. Er spricht fließend Neuchinesisch, Tibetanisch und beherrscht neben einigen anderen östlichen Idiomen auch noch die japanische Sprache. Er hat Medaillen für herausragende Einzelkampfleistungen verliehen bekommen, andere für hervorragenden Einsatz in besonderen Gefechtssituationen. Die Ehrenmedaille erster Klasse für außergewöhnliche Pflichterfüllung, den Silberkometen für Mut und Tapferkeit, den großen Staatsorden der FSA, nur vier Männern wurde diese Ehrung zuteil, dreien davon posthum, und...«

»Und er sitzt im Hochsicherheitstrakt von STRALAG-2. Zum gemeinen Soldaten degradiert!«, versetzte Sheehy trocken und unterbrach ihn mit einer Handbewegung. »Was Sie mir zu sagen versuchen, ist Schnee von gestern, Major. Conroy ist ein Sicherheitsrisiko. Er steht aufs Töten. Zu schnell mit der Waffe zugange...«

»Was ihn bis jetzt davor bewahrte, zu jenen zu zählen, deren Namen auf polierten Stelen oder im Netzwerk der FSA-Streitkräfte verewigt wurden.«

»Der jemanden auch schon mal in den Rücken schießt, um des eigenen Vorteils willen«, beharrte der Oberst. »Auch ich kann Dateien lesen, Major.«

»Um seine oder die Haut seiner Kameraden zu retten«, berichtigte Santana. »Was ist daran verwerflich im Krieg? Conroy ist ein Patriot, wenn Sie mich fragen.«

»Der Mann ist ein Soziopath und ein Killer!«

»Ich will's mal so ausdrücken, Sir«, erwiderte Santana. »In der Tat bevorzugt er Situationen, deren mögliche Eskalation ein rasches, entschlossenes und konsequentes Handeln erfordert.«

Sheehy wölbte die Brauen.

»Oho! Gut gebrüllt, Löwe. Sie sollten in die Politik gehen, Major«, schlug er vor. »Bei Ihrer Wortwahl.«

Santana lächelte verhalten, dann fuhr fort: »Gut. Er kann sich nicht unterordnen, zugegeben. Er folgt keinen Befehlen, wenn er der Meinung ist, sie seien unsinnig oder gefährdeten Zivilisten, auch zugegeben. Er hat was gegen Ungerechtigkeiten...«

»Und gegen höherrangige Offiziere. Offensichtlich. Hat schließlich versucht, einen zu töten...« erinnerte ihn Sheehy.

»Wurde nie aufgeklärt, ob es tatsächlich ein Mordversuch war«, wehrte Santana ab. »Die Sache ist meiner Meinung nach eine reine Strafaktion des damaligen Kommandeurs gegen Conroy gewesen...«

»... und kam deshalb vors Kriegsgericht.«

»Wo er zu allen Anschuldigungen im Interesse des Korps schwieg.«

»Ja, ja«, winkte Sheehy ab. »Wie Sie schon sagten: ein echter Patriot. Sie meinen also, er wurde zu Unrecht verurteilt?«

»Möglicherweise ja. Vielleicht auch nein. Zumindest bestehen berechtigte Zweifel am Wahrheitsgehalt der Aussagen des Hauptbelastungszeugen, Oberstleutnant Gared Swan. Ich bin jedenfalls überzeugt, dass Conroy der Richtige für diesen Job wäre. Er hätte das Zeug dazu, in Basis Alpha einzudringen, um herauszufinden, was dort geschieht beziehungsweise geschehen ist. Keiner unserer Gentleman-Agenten...« Sheehy runzelte unwillig die Brauen, »... könnte das, wie uns recht deutlich in der unmittelbaren Vergangenheit vor Augen geführt worden ist. Dazu sind die Anforderungen für einen Agenten ohne ausreichende Gefechtsfelderfahrung zu extrem. Er müsste den Sicherheitskordon aus Spezialeinheiten der PPB-Armee unbemerkt durchbrechen. Müsste sich tage- und nächtelang im unwegsamen Gelände aufhalten, käme ewig nicht aus den dreckigen Klamotten. Hätte sich gegen urplötzlich auftretende Schneestürme zu behaupten, müsste Wetterumstürze überleben und sich mit Hybrid-Rebellen und der chinesischen Miliz herumschlagen. Und das alles ohne eisgekühlte Drinks an den Bars exklusiver Hotels, umrahmt von langbeinigen Schönen... na, ich weiß nicht!«

»Richtig«, stimmte Sheehy mit einem Glitzern in den Augen zu, »dieser Interessenkonflikt scheint in der Tat unlösbar.«

Der Major ließ sich durch diesen Einwurf nicht aus dem Konzept bringen. »Ich war schon von Anfang an dagegen«, fuhr er fort, »dass wir einfach die Leute aus der NFS zu SY.N.D.I.C. herüberholten. Wir brauchen kompromisslose Praktiker für das, was SY.N.D.I.C. erreichen soll. Leute, die, wie Sie richtig anmerkten, auch schon mal einem Feind in den Rücken schießen, wenn es die Situation erfordert. Um der Sache willen. Mitglieder des Blackwatch-Regiments wären dafür prädestiniert. Und Conroy, als ehemaliger Commander der Eliteeinheit, ist ein guter Anfang. Außerdem genau der richtige Mann für das Geheimprojekt Exodus.«

Oberst Sheehy sah den Major eine Weile schweigend an.

»Ja«, sagte er dann plötzlich, was ihm nun doch einen überraschten Blick von Santana eintrug, der mit wesentlich mehr Opposition gerechnet hatte. »Ja, warum eigentlich nicht? Ich frage mich, ob es einen besseren Vorwand gibt.«

»Kaum«, erwiderte der Major und wirkte erleichtert. Wenngleich ihn etwas an Sheehys plötzlicher Bereitschaft irritierte. Nur konnte er den Grund dafür im Augenblick nicht erkennen.

Vorwand für was...?

Der Oberst fuhr fort: »Vielleicht ist Conroy tatsächlich die richtige Wahl. Versuchen wir's mit ihm. Geben wir ihm eine Chance. Wir können ihn ja jederzeit wieder an die Leine nehmen, falls sich sein Einsatz als ein Fehlschlag erweisen sollte. Jederzeit.« Auf seinem Gesicht lag ein sardonisches Lächeln.

Major Santana unterdrückte ein leises Frösteln, als er an die Konsequenz des ›jederzeit wieder an die Leine nehmen‹ dachte. Doch dann zuckte er innerlich die Achseln, erhob sich und ging zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um, sah seinen Vorgesetzten schweigend an.

»Ich informiere den Alten morgen«, antwortete Sheehy auf die unausgesprochene Frage, und seine Stimme klang merkwürdig zufrieden. Er lächelte wieder sein irritierendes Basiliskenlächeln. »Sie können ja schon mal die Vorbereitungen treffen, Major.«

Auf Santanas Schuljungengesicht lag ein merkwürdiger Ausdruck. »Sir«, begann er mit der gebührenden Schüchternheit des Untergebenen und einem gespielten Zögern, »ich habe mir erlaubt, dies bereits in die Wege zu leiten.«

Richard Sheehys Mundwinkel zuckten verdächtig.

»Jetzt überraschen Sie mich aber, Major«, sagte er. »Haben Sie denn geglaubt, das wäre mir entgangen?«

*

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Conroy ließ das Mittagessen aus. Er hatte sich auf dem schmalen Lager zur Seite gerollt, um sich in eine Art Dämmerzustand gleiten zu lassen. So konnte er am besten nachdenken. Er zermarterte sich den Kopf, was die Provokation dieses Frosches in der Messe zu bedeuten hatte. Wer steckte dahinter? Wen hatte er in STRALAG-2 verärgert, dass er ein derartiges Vorgehen riskierte? Ob man es noch einmal versuchen würde? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass er eine Zeitlang sehr wachsam bleiben musste.

Conroy lag so lange auf seinem Bett, bis er sich besser fühlte. Dann schwang er die Beine über den Rand und setzte sich auf. Es war Nachmittag geworden. Sein Kopf tat weh. Der Schmerz kam in aggressiven, pulsierenden Wellen. Der Kopfstoß, der Froschs Nase zertrümmert hatte, hatte eine eigroße Schwellung auf seiner Stirn erzeugt. Seine Unterlippe pulsierte ebenfalls schmerzhaft; er saugte an dem blutigen Schorf, um ihn aufzulösen und beschloss, zu den Häftlingsduschräumen zu gehen und seinen Kopf mit einem nassen Handtuch zu behandeln.

Der Eingang zu den Duschräumen war von Häftlingen blockiert. Sie machten Platz, als Conroy auftauchte. Einige tuschelten. Raunten. Wandten sich ab. Andere grinsten ihn offen an, schlugen ihm auf die Schulter. Dankbar. Er war der Held. Hatte für Abwechslung in ihrem tristen Alltag gesorgt. Für kurze Zeit.

Conroy drängelte sich hindurch, stieß die Pendeltür auf – und Dampf hüllte ihn ein wie der feuchte Nebel des Regenwaldes auf Borneo.

Es war ein großer, gefliester Raum, der nach Desinfektionsmitteln stank. Rechts befand sich eine Reihe offener Duschkabinen. Fast alle Hähne waren aufgedreht, als gäbe es keine Wasserknappheit auf dem Mond. An der hinteren Wand eine Reihe von nach oben hin offenen Toilettenkabinen, nur durch halbhohe Zwischenwände voneinander abgegrenzt, so dass jeder, der sie benutzte, sichtbar blieb. An der linken Wand ein über die ganze Länge laufender Waschtrog. Die gesamte Ausstattung war aus einer Legierung gefertigt, die bei Gewaltanwendung zu Grieß zerfiel. Aus Sicherheitsgründen. Auch die Spiegel, hochglanzpolierte Platten, waren aus demselben Material.

Conroy ging zum Waschtrog und drehte den Kaltwasserhahn auf. Er zog ein paar grobfaserige Papiertücher aus dem Spender, machte sie nass und presste sie gegen seine geprellte Stirn. Das fühlte sich gut an.

Im Spiegel kontrollierte er die Verletzungen seines Gesichtes. Nicht so schlimm. Nichts, was nicht nach ein, zwei Tagen vergessen sein würde.

Während er die Papiertücher erneut nass machte, besah er sich weiter im Spiegel. Sein Gesicht war hager, von den Strapazen vieler Einsätze gekennzeichnet. Über den hohen Backenknochen und der breiten Stirn wuchs ein wirrer Schopf dunkelblonden Haars. Die Nase besaß einen geraden Rücken und endete über einem ausdrucksstarken Mund, der arrogant und auch grausam wirkte. Die Backenknochen spannten die bleiche, lange Zeit von keiner Sonne beschienene Haut. Er hatte dunkelblaue Augen, die die Schwärze von Gewitterwolken annahmen, wenn er zornig wurde. Er war etwas größer als einsfünfundneunzig und breitschultrig. Er war ein introvertierter Einzelgänger, vorsichtig, misstrauisch, aber auch empfindsam und empfänglich für die feineren Strömungen des Lebens, die Illusionen schaffen oder zerstören konnten. Nur wussten das die meisten nicht. Und die wenigen, die eine Ahnung davon hatten, konnte er an den Fingern einer Hand abzählen.

Während er so vor dem Spiegel hantierte, bemerkte er, wie sich hinter ihm etwas zusammenbraute.

Er drehte sich um.

Da waren sie wieder.

Frosch und seine Gang.

Um einen Typen verstärkt, dem das ständige Üben im Fitnessraum fast die Muskeln zum Platzen brachte.

Aufgefächert strichen sie durch den Raum.

Als die fünf auftauchten, verschwanden die anderen Häftlinge wie auf ein geheimes Zeichen. Innerhalb von Sekunden war der große Häftlingsduschraum leer. Bis auf Frosch und seine Kumpane. Sie stellten sich in einem Halbkreis vor Conroy auf.

Frosch starrte ihn an. Tückisch, wie ein getretener Hund. Sein Riechorgan war eine blutige, geschwollene Kartoffel mitten in seinem Gesicht.

»Du hast mir die Nase gebrochen«, nuschelte er anklagend. Auch die Schneidezähne waren in Mitleidenschaft gezogen.

»Sei froh, dass ich dir nicht was anderes gebrochen habe«, versetzte Conroy. »Das Genick zum Beispiel, dann könntest du nicht hier rumstehen und mich vollsabbern.«

»Okay, das reicht«, sagte Frosch.

Das Signal für die anderen.

Die Dinge passierten gleichzeitig. Die links und rechts von Conroy stehenden Männer versuchten ihn zu packten. Und der Bodybuildertyp schwang eine Faust von der Größe einer Dampframme auf Conroys Gesicht zu. Er sah sie erst spät. Wich nach rechts aus und wurde noch an der Schulter getroffen. Dann klammerten sich zwei Hände von hinten um seine Kehle. Drückten zu, würgten ihn, versuchten seinen Kehlkopf zu zerquetschen. Während Frosch triumphierend seine Leute anstachelte, stellte sich der Riese für einen weiteren Schlag in Conroys Bauch in Positur. Wenn er traf, war er ein toter Mann. Das wusste der Soldat genau. Also lehnte er sich zurück und trat mit voller Wucht zu. In den Unterleib des Fäusteschwingers. Ein gutturales Stöhnen übertönte die Kampfgeräusche. Vor ihm klatschte Mister Universums Körper auf die Fliesen, musikalisch untermalt von einem schmerzgepeinigtem Heulen. Der hinter ihm stehende Würger schraubte seine Finger noch fester zusammen; fast hatte Conroy verloren. Sein Blick verschleierte sich. Er griff nach oben, packte die beiden kleinen Finger und brach sie mit einem wilden Ruck. Ein gepeinigtes Jaulen. Der Griff löste sich. Der dritte Typ stampfte näher, drosch wilde Schwinger gegen Conroys Arme und Brust. Beim nächsten Ausholen tat Conroy einen schnellen Schritt auf seinen Angreifer zu und rammte ihm die abgespreizten Zeige- und Mittelfinger in die Augen. Der völlig Überraschte schrie wie ein abgestochenes Schwein und ging geblendet in die Knie, Blut quoll aus den Augenhöhlen und lief ihm über das Gesicht.

Dann geisterten die anderen heran.

Conroy sah vom Dampf glitzernde Gesichter vor sich. Fäuste bewegten sich auf ihn zu. Er wich aus, pendelte nach links und rechts. Schlug zurück. Ein Fußtritt in die Hoden katapultierte einen hinweg. Einen beidhändig geführten Karatestoß, der sein Schlüsselbein zertrümmert hätte, wehrte Conroy mit einem hochschnellenden Unterarm ab.

Der Bodybuilder hatte sich wieder aufgerappelt. Conroy trat ihm mit aller Kraft ins Gesicht. Der Muskelprotz ging erneut zu Boden. Mit zertrümmerter Nase; er würde einen Gesichtsklempner brauchen, um keine Schreikrämpfe bei Frauen zu provozieren.

Conroy drehte sich aus dem Kreis der Fäuste heraus. Sah Frosch zur Tür rennen mit jenen grotesken Bewegungen, die übergroße Hast in reduzierter Schwerkraft hervorrief. Es sah aus, als ob er von einem Gummiband an schnellerem Voranstreben gehindert würde. Sein Kumpan mit den gebrochenen Fingern tat es ihm nach. Der mit den verletzten Augen kroch wimmernd ziellos wie eine überdimensionale Schabe über den Boden davon.

Sirenen heulten auf.

Erneut wurde Conroy von hinten angegriffen. Er riss sich los. Starrte in schwarze Gesichter. Vier von ihnen. Er erkannte sie. Sarge hatte mit ihnen diskutiert, als der Zwischenfall mit Frosch in der Messe passierte. So etwas wie Hoffnungslosigkeit machte sich in Conroy breit. Der Kampf schien verloren. Zwei von ihnen packten ihn erneut. Ein schweißtriefendes, ebenholzfarbenes Gesicht schob sich heran und eine Stimme stieß hervor: »Verschwinde hier. Das ist jetzt unser Spiel, weißer Mann! Kapiert?«

Die Sirenen hörten nicht auf zu wimmern.

Wärter drängten sich durch die Menge an der Tür. Geschrei und Geheul. Elektrische Entladungen aus den Neuropeitschen knisterten und zuckten und schufen eine Stimmung wie bei einem Gewitter. Rufe und Befehle übertönten den Lärm des heillosen Durcheinanders.

»Was, zum...«

Conroy kam nicht dazu, seinen Satz zu vollenden.

Die beiden Schwarzen schleuderten ihn durch die Dampfschwaden in eine Ecke des Duschraumes. Er konnte sich auf dem vor Nässe glitschigen Boden nicht halten, stürzte auf die Knie, rutschte weiter, schlug mit dem Kopf gegen die Wand, drehte sich und saß halb nach vorn gekauert auf den Fliesen. Neben ihm klaffte eine Öffnung in der Wand.

Und Sarges Stimme sagte: »Schnell jetzt...! Herein!«

Eine Hand krallte sich in seinen Arm und zog ihn durch die schmale Öffnung in der Wand, weg von dem im Duschraum ausbrechenden Tohuwabohu, das Spoczynskis Wärter mit den schwarzen Häftlingen veranstalteten. Er hörte ein metallenes Knirschen, ganz so, als würde eine Platte vor die Öffnung gezogen, und absolute Dunkelheit umgab ihn. Die Luft war abgestanden, roch schal und auf eine ekelhafte Weise verbraucht; auf den Lippen schmeckte Conroy den Staub korrodierten Metalls. Dann flammte in der Hand des alten Kalfaktors eine Lampe auf; ein enger Gang öffnete sich vor ihnen. Dicke Kabelstränge an Decke und Seiten machten seine Funktion deutlich: Es handelte sich um einen der unzähligen Wartungsstollen, die wie ein Aderngeflecht die Haupträume der Strafanstalt umschlossen und sie mit Energie versorgten. Der Strahlenkegel setzte harte Akzente aus Licht und Schatten in die Düsternis. Es war heiß und eng; die schwache Handlampe ließ einen gerade noch erkennen, wogegen man rannte, falls man nicht aufpasste.

»Wo sind wir?«

»Keine Zeit für lange Erklärungen, Mann«, keuchte Sarge und hüpfte wie ein Eichhörnchen mit einer für sein Alter bemerkenswerten Schnelligkeit vor Conroy her. »Müssen uns beeilen, bevor Spoczynski auf die Idee kommt, in deiner Zelle nachzusehen, Mann.«

Conroy sputete sich, um nicht den Anschluss zu verlieren. Sarge kannte diesen Fluchtweg – oder als was immer er ihn bezeichnen mochte – scheinbar im Schlaf, hatte den Grundriss wahrscheinlich im Kopf; er hingegen bewegte sich auf völlig unbekanntem Terrain und stieß immer wieder gegen unvermutet auftauchende Hindernisse.

Nach ungefähr hundert Schritten wandte sich der Wartungsstollen scharf nach links. Plötzlich war Sarge verschwunden. Conroy fühlte für einen winzigen Moment Verunsicherung. Dann hatte er zu Sarge, der nur die Lampe ausgeknipst hatte, aufgeschlossen, erkannte den engen Spalt, durch den Licht fiel. Helles Licht.

»Wo sind wir?«

»Noch immer auf deiner Ebene, Soldat!«

Etwas knirschte. Die Wand klaffte, und Sarge schob ihn durch die Öffnung. Es stank penetrant nach Desinfektions- und anderen Reinigungsmitteln.

Conroy war versucht zu lachen.

Sarges Reich!

Der Kalfaktor schloss den Durchschlupf zur lunaren Unterwelt sorgfältig und drapierte eine paar Besen und Feudel davor.

Dann ging er zum Ausgang, linste um die Ecke und winkte Conroy mit seiner mageren Krallenhand zu.

»Raus mit dir, Soldat! Die Luft ist rein.«

Conroy trat hinaus. Stand auf dem Katzensteg am entgegengesetzten Ende seiner Ebene. Vor sich die fast endlose Reihe der Käfige. Er grinste vor sich hin; am anderen Ende herrschte noch immer Tumult vor dem Eingang zum Duschraum. Minuten, dachte er, während er sich auf seine Zelle zu in Bewegung setzte. Nur ein paar verdammte Minuten sind vergangen.

Noch immer heulten die Sirenen.

Und Conroy hastete zu seinem Käfig.

Unbeobachtet.

Die Käfige links und rechts waren leer. Alles drängte sich um den Duschraum. Die Sträflinge genossen sicher das Schauspiel.

Er warf die Gittertür hinter sich zu. Klirrend schnappte das Schloss ein. Dann ließ er sich aufs Bett fallen, starrte an die Decke und dachte scharf nach.

Was zum Teufel hat sich da abgespielt?, fragte er sich. Was passiert hier?

Irgendjemand hatte etwas gegen ihn. Das, was heute geschehen war, zuerst die Provokation beim Frühstück, dann die Vorkommnisse im Duschraum, ging weit über Statusspiele oder Auseinandersetzungen um Territorien und vermeintliche Machtansprüche im verquasten Hierarchiedenken von Gefängnisinsassen hinaus. Erst hatte man versucht, ihn massiv einzuschüchtern. Dann zu erwürgen. Hätte nicht Sarge ein Auge auf ihn gehabt und seine schwarzen Brüder dazu überredet, einzugreifen, hätte ihn Spoczynski tot im Duschraum vorgefunden. Aber warum? Wer steckte dahinter? Was war das Motiv? Warum, zum Teufel, hatte jemand einen Plan entwickelt, ihn umzubringen? Er hatte nicht die geringste Ahnung.

*

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Das Restaurant des Barbizon-Plaza war vom Feinsten, trug aber den Stempel seiner Stammgäste – durchweg hohes Militär. Es befand sich im Dunstkreis des Pentagon. Nichtsdestoweniger wurde es von überraschend vielen Frauen frequentiert.

Vielleicht auch gerade deswegen...

General Stryker und Oberst Richard Sheehy saßen in einer der durch Säulen abgeteilten Nischen der VIP-Lounge des Restaurants, das trotz der späten Stunde noch gut besucht war.

Vor allem die Bar im Hintergrund war brechend voll. Hauptsächlich Uniformträger beiderlei Geschlechts.

Im vorderen Teil ging es wesentlich gediegener zu. Hier saßen die höheren Ränge, ab Major aufwärts. Die kühle Atmosphäre wurde durch unauffällig-aufmerksame menschliche Kellnerinnen unterstrichen.

Die Nebennische links von ihnen war leer. In der rechten saßen zwei junge Frauen. Eine der Prostituierten nahm Blickkontakt zu Sheehy auf, aber er schüttelte den Kopf, noch ehe sie aufstehen konnte, um herüberzukommen,

Einige Augenblicke später verließen die jungen Damen die Nische und gesellten sich zu den Gästen an der Bar, wo man sie mit lärmender Ausgelassenheit willkommen hieß.

Sie konnten nun ungestört reden.

Der General hatte einen Shooter vor sich stehen.

Bourbon und Bier zu gleichen Teilen gemischt.

Ein in Texas übliches Getränk.

Stryker kam aus Texas.

Sheehy begnügte sich mit etwas weniger Explosivem.

»Mein Gott, wie abgebrüht«, sagte der General, nachdem ihn der Oberst über die Ereignisse auf Luna informiert hatte und tat so, als fröstele er.

»Wenn Sie so wollen – ja. Andererseits auch wieder nicht.«

Er hob seinen Drink und nahm einen Schluck. Dann stellte er das Glas wieder zurück. »War ein kalkuliertes Risiko, schließlich war unser Kandidat längere Zeit nicht mehr im Einsatz. Hat Rost angesetzt. Seine Konditionierung hat sicher unter den Haftbedingungen von STRALAG-2 gelitten. Wir mussten uns vergewissern, dass er den auf ihn zukommenden Aufgaben gewachsen sein würde...«

»Mußte diese – hmm – Prüfung gleich so drastisch ausfallen?«, unterbrach der General seinen Oberst. »Was, wenn es denen gelungen wäre, ihn zu killen?«

»Dann wäre er nicht der Richtige gewesen. Wir hätten uns nach jemand anderem umsehen müssen«, versetzte Sheehy. »Ein härterer Mann müsste dann die Drecksarbeit machen.«

Stryker nahm einen kräftigen Schluck und betrachtete schweigend sein Gegenüber. Manchmal war ihm der Oberst unheimlich.

»Skrupel, Sir?«, fragte Sheehy.

»Nicht die Bohne.«

»Aber?«

»Hm... kann man die Fährte bis zu uns zurückverfolgen?«

»Unwahrscheinlich.«

»Was ist mit diesem Häftling, diesem wie-war-doch-gleich-sein-Name?«

»Dave Tuckey«, half Sheehy ihm auf die Sprünge. »Wird aber nur ›Frosch‹ genannt.«

»Richtig, Frosch. Gibt's von der Seite auch keine Probleme?«

Der Oberst schüttelte den Kopf. »Spoczynski hat das bereits gelöst.«

Frosch! Spoczynski... was für Namen, dachte Stryker. Laut fragte er: »Wie?«

»General, Sir«, sagte Richard Sheehy seufzend, »wollen Sie das wirklich wissen?«

»Nein. Vermutlich will ich das nicht.«

»Dachte ich mir«, nickte der Oberst. Er leerte sein Glas und bestellte eine neue Runde.

»Wann können wir mit diesem Conroy rechnen?«, fragte der General.

»Innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden«, versetzte Sheehy. »Major Santana befindet sich bereits auf dem Mond, um ihm unser Angebot zu unterbreiten.«

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4. Kapitel

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Sie kamen früher als erwartet.

Mitten in der Nacht.

Conroy war bereits hellwach, als die Geräusche lauter wurden und näherkamen. Er konnte die Schritte von zwei Männern unterscheiden. Auf dem von der Notbeleuchtung diffus erhellten Katzensteg vor den Käfigen waren Stimmen zu hören. Klappern von Stiefeln auf geriffeltem Stahlblech, Klirren von Waffen. Ein Flüstern und Raunen erhob sich. Dann ein zuckender Aufruhr hastiger Bewegungen, als die Häftlinge links und rechts in den Käfigen sich herumwarfen und nach draußen starrten, um zu sehen, was vor sich ging.

Die Schritte verklangen vor seiner Zellentür.

Er blinzelte, als ihn der grelle Lichtkreis einer Lampe traf.

Das elektronische Schloss seiner Käfigtür entriegelte sich mit einem vernehmlichen Klacken. Ein Wärter trat ein, der andere blieb draußen vor der Tür. Da er seine Hände verdächtig nahe an der Waffe hatte, hütete sich Conroy, eine Bewegung zu machen, die der Mann als Widerstand oder gar tätlichen Angriff hätte interpretieren können.

»Könnt ihr einen nicht mal in der Nacht in Ruhe lassen?«, knurrte er.

Wortlos kam der Wärter näher.

Er war kaum kleiner als Conroy, aber in seiner Carbon-Kevlar-Panzerung wirkte er ungemein massig. Ein Panzer auf zwei Beinen. Eine Hand wie der Greifer eines Ladedroiden packte Conroy am Oberarm, riss ihn unsanft hoch und stellte ihn auf die Füße.

»Mitkommen!«, knurrte er mit Nachdruck.

Conroy konnte die Gewalt förmlich riechen, die der Kerl ausdünstete wie einen strengen Körpergeruch.

»Na gut!«, spottete er ätzend. »Wir machen also eine kleine Besichtigungstour durch die Anstalt. Einmal um den Park, Henry, und dann bringen Sie mich bitte wieder in mein Domizil.«

»Maul halten, Arschloch!«

Der Gepanzerte schnaubte verächtlich und versetzte ihm einen Stoß. Conroy flog durch die Zellentür, landete in den Armen des anderen, der draußen wartete und ihn mit einem angewiderten Grunzen zurückstieß. Ein Kolbenhieb zwischen die Schulterblätter drosch ihn gegen die Gitterstäbe; Conroy fing den Aufprall mit hochgerissenen Unterarmen ab und warf sich keuchend herum. Als er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte, wurde er angeblafft: »Vorwärts jetzt. Besser für dich, keinen Widerstand zu leisten, sonst sähen wir uns gezwungen, unsererseits ein wenig gemein zu werden.«

Conroy glaubte ihm das unbesehen, die Sache mit dem Gemeinwerden. Trotzdem höhnte er: »Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ihr mich nicht leiden könnt.«

Der Stämmige knurrte: »Willste schon wieder Ärger machen, Klugscheißer?« Die Mündung der kurzläufigen Automatik in seinen Pranken zeigte wie unbeabsichtigt auf Conroy.

Der starrte ihn an. Dann schüttelte er den Kopf.

»Nein, ich mache keinen Ärger«, sagte er. »Aber wenn, würde ich's dir nicht auf die Nase binden.«

»Dann komm endlich in die Hufe!«, wiederholte der zweite, nun schon etwas nachdrücklicher, und er forderte ihn mit einer unmissverständlichen Handbewegung auf, sich in Bewegung zu setzen. Die beiden traten auseinander und ließen Raum für ihn. Conroy ging mit langsamen Schritten los. Seine Wärter waren direkt hinter ihm.

Conroy war mit den baulichen Gegebenheiten von STRALAG-2 halbwegs vertraut. Halbwegs deshalb, weil das wahre Ausmaß der Anlage mit ihren effizienten Schutzmechanismen, ihren Sprengfallen, toten Korridoren und den hochwirksamen Energiefeldern keinem Außenstehenden wirklich geläufig war. Außenstehende waren in diesem Fall nun mal alle, die nicht unmittelbar im STRALAG arbeiteten oder zur Führungsspitze der lunaren Strafvollzugsanstalt gezählt werden durften.

Das Hochsicherheitsgefängnis der FSA war ein ehemals eishaltiges Gesteinsflöz, das im Tagebauverfahren ausgebeutet worden war. Die Narbe, die davon zurückblieb, bildete eine mehrere hundert Meter lange und hundertsechzig Meter tiefe Schlucht, die sich leicht nach unten verengte.

Man zog eine Decke aus einer Carbon-Leichtstahl-Legierung, wie sie im Raumschiffsbau zur Anwendung kam, über die Schlucht und häufte Mondgeröll darauf. Die Wände wurden geglättet, Versorgungsstollen angelegt und die nötigen sanitären Einrichtungen installiert. Dann wurden die Käfigreihen übereinander an die Schluchtwände gehängt und die einzelnen Ebenen durch Entstofflichungsfelder voneinander getrennt. Auf der Mondoberfläche wies lediglich ein kleiner Raumhafen und eine 120 Meter durchmessende Kuppel von 60 Metern Höhe auf seine Lage hin. Unter dem Dom lagen die technischen Einrichtungen zur Lebenserhaltung, die Energiemeiler für die wirkungsvollen Schutzmechanismen, die Fahrzeughangars sowie die Unterkünfte der Wärter. Ein zentraler, strengstens gesicherter Versorgungs- und Liftschacht führte an der nördlichen Stirnseite von der Kuppel bis hinab auf die Sohle der Schlucht. Er verband die mit Stahlschotts und High-Tech-Sperren gesicherten Zugänge zu den Zellenebenen. Es hieß, noch nie wäre jemandem die Flucht aus STRALAG-2 gelungen.

Die Wärter nahmen einen Weg durch den Zellentrakt, der direkt zum zentralen Versorgungsschacht führte. Keine Menschenseele begegnete ihnen. Nur hin und wieder ertönte der gespenstische Widerhall von Stimmen, als kämen sie geradewegs aus der tiefsten Hölle. Ein unheimliches Requiem für all die Verdammten, die hier unten schon verreckt waren.

Die Korridore wurden breiter.

Öffnungen taten sich auf, hinter denen tiefe Dunkelheit klaffte.

Nach etwa einer Viertelstunde traten sie auf eine Galerie hinaus, die den Hauptschacht kreisförmig umschloss, und wandten sich nach rechts zur Liftanlage.

»Stopp!«

Einer der Männer tippte einen Zugangskode ein. Vor ihnen öffneten sich die großen Schiebetüren des Aufzugs.

»Rein mit dir, Großkotz!« Der MPler hatte eindeutig eine Aversion gegen alle militärischen Ränge, die über seinem eigenen lagen.

Der Lastenaufzug war groß genug, ein Fahrzeug zu befördern. Die Kabine wurde von einer flackernden, zischenden Xenonröhre erhellt. Sie erzeugte ein stroboskopisches Licht, das Conroy veranlasste, unwillkürlich mit den Augen zu zwinkern.

Die Türen glitten zu.

Eine Hand bewegte sich vor der Sensorplatte, und der Lift setzte sich in Bewegung.

Conroy murmelte: »›Immerhin‹, sagte der Frosch im Storchenschnabel, ›es geht nach oben‹.«

Die Männer blieben stumm. Musterten ihn nur. Mit Blicken, als sei er ein besonders ekliges Exemplar von Mondschabe, das sie jeden Moment unter ihre Stiefelabsätzen zu zertreten gedachten.

Conroy zuckte mit den Schultern und schwieg ebenfalls, während der Lift nach oben glitt.

Die Fahrt dauerte nicht lange. Als die Kabinentür wieder aufglitt, blickte Conroy in eine Halle hinaus, die als Hangar diente. Auf Rampen und in Boxen waren massiv gepanzerte Fahrzeuge zu sehen. Dazwischen ein paar Mondrover, die mit ihren Druckkabinen aufgeblasenen Ochsenfröschen mit Ballonrädern glichen.

»Raus!«

Conroy bekam einen Stoß in den Rücken.

»Du gehst zwischen uns!« Sie nahmen ihn in die Mitte, einer vor ihm, einer hinter ihm. »Mach voran!«

Während sie quer durch die Halle der anderen Seite der Kaverne zustrebten, hatte Conroy Grund, sich massiv zu wundern. Die beiden mochten ausgebildete Spezialisten sein, aber sie handelten nicht wie solche. Sonst hätten sie nie diese nachlässige und unter Umständen lebensgefährliche Art der Eskorte gewählt.

Wenn er es darauf anlegte, könnte er sie überwältigte.

Leicht.

Ich hätte zwei Möglichkeiten, es ihnen zu zeigen, dachte Conroy. Ich könnte den hinteren auflaufen lassen und als Deckung gegen den vorderen benutzen.

Oder umgekehrt!

Der vor ihm gehende Wärter trug neben seiner üblichen Automatik eine Handwaffe im Holster. Ein normales Schnellziehholster mit einer Diebstahlsicherung, die es jedem normalen Menschen erschwerte, ihm die Waffe zu entwenden. Für Conroys antrainierte Reflexe war das kein Hindernis. Anders sähe die Sache aus, wenn es sich um eine Handsiegel-Waffe handeln würde, dann hätte er keine Chance. Trotzdem, so erkannte er glasklar, würde es mehrere Bewegungsabläufe bedeuten, sie ihm zu entwenden und in die Hand zu bekommen. Blieb nur die Automatik. Der Wächter hinter ihm hielt seine, so gewann Conroy den Eindruck, sträflich nachlässig in der Hand; eine Otoschi-Steyer .II für den Nahkampf. Nichts für ein Gefecht im offenen Gelände, da sie erstens nicht weit genug trug und zweitens ab einer gewissen Entfernung streute wie eine Pfefferbüchse oder die Düse einer Sprinkleranlage. Aber die richtige Waffe innerhalb von Gebäuden und Einrichtungen – oder gegen Gefangenenrebellionen. Das Magazin fasste zweihundert Schuss 5,6-Millimeter-Weichmantelgeschosse. Eine Salve von fünf Kugeln, mit Hochgeschwindigkeit abgefeuert, zerriss jeden Gegner. Sie explodierten beim Aufprall, wurden breiter und entfesselten ihre ganze kinetische Energie im Körper, ohne diesen jedoch zu durchschlagen.

Es sah vielversprechend aus.

Sollte er es tun?

Natürlich!

Es schien ihm höchste Zeit, herauszufinden, welches Spiel hier ablief. Inzwischen war Conroy immer mehr zu der Überzeugung gelangt, dass alles, was ihm während der vergangenen vierundzwanzig Stunden widerfahren war, einem Schema folgte. Und wenn es das war, was er vermutete, dann würde man sich hüten, ihn zu erschießen.

Ansatzlos und für seine Wächter nicht vorhersehbar drehte er sich halb um seine Achse. Sein Fuß zuckte hoch, traf das Kniegelenk des hinter ihm gehenden Wärters. Der Getroffene stöhnte auf – es hörte sich seltsam hohl an in der Halle – aber anstatt abzudrücken, versuchte er nur, seine Waffe in Sicherheit zu bringen. Während Morton dies mit einer merkwürdigen Befriedigung registrierte, hatte er bereits das Handgelenk des Mannes gepackt und ihm mit der anderen Hand die Waffe entrissen. Er wirbelte sie hoch und rammte dem Kerl die Mündung unters Kinn, genau an der Schwachstelle zwischen Brustpanzerung und Helmkragen. Der MPler versteifte sich, erstarrte zur Reglosigkeit. Conroy sah Schweißperlen über sein Gesicht rinnen; in der Schwärze hinter seinen Pupillen erschien so etwas wie pure, beschissene Angst.

Dann hörte Conroy hinter sich ein glucksendes Lachen.

Er tat ihnen den Gefallen, fuhr herum – und blickte genau in die Mündungen der Vierlingsautomatik des Wächterrobots, der wie eine überdimensionale Spinne unbemerkt von der Hallendecke gefallen war und nun auf seinem Magnetfeldpolster über ihren Köpfen schwebte. Die Laserzielerfassung war aktiviert. Als Morton an sich heruntersah, entdeckte er das rote Zielkreuz, das wie die abgespeckte Version eines Kruzifixes für Obdachlose auf seiner Brust leuchtete.

»Waffe runter«, zischte der zweite Wächter.

Einen Augenblick war Morton versucht, es hinauszuzögern, um herauszufinden, wie weit sie gehen würden. Aber die Präsenz des Wächter-Bots war ein zu großer Unsicherheitsfaktor.

Er ließ die Waffe sinken. Trat einen Schritt zurück.

Pfeifend entwich die angehaltene Luft aus den Lungen des Wächters. Er schluckte, streckte die Hand aus.

»Gib die Kanone her!«

Conroy händigte ihm die Steyer .II mit einem schwachen Grinsen aus. »War einen Versuch wert«, sagte er mit einem Achselzucken. Der Wärter baute sich vor ihm auf. Unter dem hochgeklappten Helmvisier starrte ihn Augen voller Wut an; die buschigen Augenbrauen wuchsen über der Nasenwurzel zusammen. Dann schlug er ihn mit der flachen, in einem Gliederhandschuh steckenden Hand ins Gesicht.

Der Hieb drosch Conroys Kopf in den Nacken; er ignorierte den Schmerz, sah den Mann nur ausdruckslos an.

»Weh getan?«, fragte sein Peiniger mit falscher Freundlichkeit.

Morton kniff die Augen zusammen, spürte salzigen Blutgeschmack auf der Zunge. Er machte Anstalten, etwas zu erwidern. Aus den Augenwinkeln sah er den anderen warnend den Kopf schütteln. Es war eine Geste, die Conroy nicht erwartet hatte, weshalb er schon allein aus Überraschung darüber schwieg.

Der vor ihm Stehende knallte ihm noch einmal die flache Hand ins Gesicht. Conroy hätte den gnadenlos hart geführten Schlag abwehren können. Er tat es nicht. Ließ den brennenden Schmerz gewähren, der in seinem Gesicht explodierte.

»Na, wie fühlt man sich, wenn man so etwas einstecken muss, du Flasche?«, kam erneut die hämische Stimme.

Conroy schwieg auch dazu. Er kannte die Merkmale. Der Clown vor ihm hatte noch mit seiner Niederlage zu kämpfen und durfte jetzt um keinen Preis noch weiter gereizt werden.

»Was ist denn los? Hast du gar nichts zu sagen, Klugscheißer?«

Er hob erneut die Hand, schlug wieder zu. Doch diesmal erreichte der Schlag sein Ziel nicht. Conroy fand, dass es genug war, wich in einem blitzartig schnellen Reflex aus. Und der Hieb fuhr ins Leere.

Der Militärpolizist stolperte fast.

Conroy verkniff sich das Grinsen; ihm reichte der hämische Ausdruck auf dem Gesicht des zweiten vollauf.

Zorn flammte in den Augen des Schlägers auf wie die Glutpunkte einer brennenden Zigarette.

»Das war ein Fehler«, knurrte er wutentbrannt und schüttelte strafend den Kopf. »Vielleicht sollte ich dich der Einfachheit halber wegen Fluchtversuchs abknallen, was?«

»Genug!«, rief der andere. »Schluss jetzt!«

Sein Partner wirbelte herum und fauchte ihn an: »Wer sagt, dass es genug ist?«

»Ich. Und ich führe hier das Kommando, falls du das vergessen haben solltest. Wir haben nun mal unsere Anweisungen. Reiß dich am Riemen, oder du hast ein echtes Problem, Mann.«

Sie maßen sich mit Blicken.

Sekundenlang.

Dann gab der andere klein bei.

»Schon gut – schon gut. Aber ich wüsste genau, was ich mit diesem Bastard anfangen würde...«

Er starrte einen Moment überlegend seine Waffe an. Dann knurrte er: »Los, liefern wir den Hundesohn ab.« Er stieß Conroy vorwärts hinein in die Halle.

»Beweg' die Hufe, Mann! Man wartet bereits sehnsüchtig auf dich.«

Sie durchquerten den Hangar in Richtung auf die Röhren eines weiteren Turbolifts.

Während Conroy zwischen den beiden Wachhunden zum Lift ging, überlegte er angestrengt, was wohl hinter den »Anweisungen« stecken mochte. Hoffentlich nicht das, was er befürchtete: seine endgültige Verurteilung.

Sie erreichten den Lift, ehe er den Gedanken zu Ende verfolgen konnte und fuhren weiter hinauf.

Es war wie der Schritt in eine andere Welt, als sich diesmal die Lifttüren vor ihm und seinen Bewachern öffneten. Nur dass Conroy diese Welt ebensowenig zusagte wie die, welche er vor wenigen Minuten verlassen hatte. Vor ihm lag ein großer, hell erleuchteter Raum, der aussah wie die Hightech-Zentrale eines Softwarekonzerns. Er war mit Reihen halbrunder, abgeschrägter Systemkonsolen und unzähligen kleinen und großen Monitoren ausgestattet und hätte genauso gut in einer der Megastädte auf der Erde stehen können. Überall flimmerte und blinkte es. In dem Tohuwabohu von Rechnern, Bildgebern und Arbeitstischen wirkten die uniformierten Techs der Gefängnisverwaltung irgendwie verloren. Dominiert wurde der Raum jedoch von einer etwas erhöht angebrachten, kreisförmigen Plattform in der ungefähren Mitte, zu der eine flache Stufe hinaufführte. In der Mitte der Plattform ein drehbarer, schwerer Gliedersessel, von dem aus man einen Rundumblick auf sämtliche Überwachungseinheiten hatte. Im Augenblick war er unbesetzt.

Weiter im Hintergrund der Überwachungszentrale, von einer Wand aus zentimeterdickem, transparentem Plastik vom Monitorraum getrennt, ein weiteres Büro.

Zwei Personen waren darin zu erkennen.

Ein Leutnant näherte sich ihnen, die Waffe hatte er lässig geschultert. Er winkte ab, als Mortons Wachhunde eine Meldung machen wollten, drehte sich schweigend um und ging quer durch den Saal auf das Büro zu. Conroy fühlte die schwere Hand eines Wärters auf der Schulter, die ihn in die gleiche Richtung schubste.

Der Leutnant klopfte an, wartete einen Augenblick und betrat dann mit seiner Eskorte den Raum.

Der STRALAG-Direktor mit den Insignien eines Hauptmanns an den Kragenspiegeln saß hinter seinem Schreibtisch und betrachtete ein paar Datenfolien. Sein Bild wurde von der spiegelnden Oberfläche des Holotech-Tisches zurückgeworfen, auf dem die Benutzer-Interfaces für manuelle Abfragen deaktiviert waren.

Der auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzende Mann drehte sich beim Näherkommen herum und betrachtete die Neuankömmlinge, aber sein Interesse galt einzig und allein Conroy.

»Hallo, Conroy«, sagte er schließlich, »wie fühlen Sie sich?«

»Mir geht es gut, Major«, versicherte Conroy und versuchte, sein Erstaunen, das in ihm hochschoss wie eine heiße Woge, nicht nach außen dringen zu lassen. Er stieß ein freudloses Lachen aus. »Wie Sie sehen, bin ich noch am Leben.«

Santana gab einen knurrenden Laut von sich.

»Haben Sie...« Er suchte offensichtlich nach Worten.

»Ob ich psychische oder physische Schäden davongetragen habe, möchten Sie wissen?« Conroy schüttelte den Kopf. »Bis auf die paar unbedeutenden Blessuren, die ich mir den vergangenen vierundzwanzig Stunden einfing – einfangen sollte? – nein!«

Der Gefängnisdirektor ließ mit einem unwilligen Laut die Datenfolien sinken. Sein Gesicht nahm einen ärgerlichen Ausdruck an. Er öffnete den Mund, aber eine winzige Handbewegung des Majors ließ ihn verstummen.

Angus Santana furchte eine Sekunde lang irritiert die Stirn, dann lehnte er sich in seinem Sitz zurück. »Ich glaube, Sie sollten sich besser setzen«, sagte er knapp. »Und Sie, Hauptmann Devore«, wandte er sich an den Direktor, »lassen uns bitte allein. Vergessen Sie nicht beim Hinausgehen, die Wachen mitzunehmen.«

Als sie allein waren, geschah für Minuten nichts.

Das gab Conroy Gelegenheit, ein paar Gedanken an den Major zu verwenden.

Santana hatte sich kaum verändert. Noch immer das gleiche, harmlos wirkende Schuljungengesicht. Doch das war Maskerade, wie Morton aus Erfahrung wusste. Eine Maske, die vor allem dazu diente, Gegner von seinen wahren Absichten abzulenken. Das war schon damals so, als er und Morton sich auf den tristen Schulhöfen diverser Militärstandorte mit anderen prügelten, wie auch später auf der Militärakademie Camp Lejeune als grüne Leutnants. Jetzt trug er die Insignien eines Majors. Hatte inzwischen Karriere gemacht. Und besaß noch immer den gleichen Gesichtsausdruck.

»Freut mich, dich zu sehen«, sagte er jetzt und bedachte Morton mit einem forschenden Blick. Dann reichte er seine Hand über den Tisch. »Du siehst besser aus, als ich dachte.«

Morton Conroy lächelte trübe, die vertrauliche Anrede widerspruchslos akzeptierend. »Was hast du erwartet? Einen Leichnam?«

Santana sagte: »Davon wüsste ich, nein. Aber...«

Morton wartete auf das, was nach dem »Aber« kommen musste. Doch er wurde enttäuscht.

Eine neue Erfahrung.

Angus Santana sagte plötzlich ohne Übergang: »Wir haben einen Job zu vergeben, Morton!«

Der abrupte Themenwechsel verwirrte Conroy zunächst. Dann begriff er, was Santana da gesagt hatte, begriff, dass da eine Chance war, dem Leben hinter Gittern zu entkommen.

»Wir?«, dehnte er.

»Wir!«, bekräftigte der Major.

»Wer ist ›wir‹? Was soll das heißen?«

»Frag mich nicht, was sich dahinter verbirgt. Noch nicht. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich dir keine verbindliche Auskunft geben. Solltest du allerdings dem zustimmen, was wir dir vorzuschlagen haben, wirst du umfassend informiert und bekommst Einblick in sämtliche Interna. Darauf hast du mein Wort! Und...« er beugte sich vor und fixierte Conroy eindringlich, »... du bist ab dem Moment ein freier Mann, an dem du akzeptierst. Sag ja, und wir fliegen noch heute zur Erde.«

»Du könntest das arrangieren? Hättest wirklich die Macht dazu?«

Santana zuckte die Schultern und bestätigte: »Ja. Meine Vollmachten sind recht weitreichend, um es einmal so zu formulieren.«

»Warum machst du das?«

»Wir suchen Leute wie dich. Wir brauchen Männer, für die ein Wort ein Wort ist, die noch schätzen können, was ein Eid ist und die ein Versprechen zu würdigen wissen.«

Conroy sah ihn mit hochgezogenen Brauen an.

Schweigend, mit einem ironischen Zug um den sensiblen Mund.

Schließlich sagte er: »Okay, Angus. Jetzt habe ich alles gehört, was du so normalerweise als Moraloffizier von dir gibst. Du vergisst, mein Lieber, dass ich die gleiche psychologische Scheiße über mich ergehen lassen musste, als ich ins Blackwatch-Regiment eingetreten bin. Ich will jetzt die Wahrheit von dir hören!«

»Okay!« Angus Santana tat zerknirscht. »Sagen wir um der alten Zeiten willen.«

Conroy sah ihn lange an. Hinter seiner Stirn arbeitete es. Alles ging so schnell; es war wie schwarzes Loch, das sich plötzlich vor ihm öffnete, ihn in seinen mahlenden Strudel hineinzog, um ihn dann – wo? – wieder auszuspeien. Andererseits: Was immer man ihm anbot, nichts konnte so schlimm sein, wie im STRALAG-2 auf das endgültige Urteil zu warten und dabei langsam zu verrotten. Die Militärgerichtsbarkeit war nach dem Tohuwabohu, das die Kriege hinterlassen hatten, völlig überfordert und ständig überlastet.

»Nun?«, brachte sich Santana wieder in Erinnerung. Sein Gesicht hatte jenen Ausdruck, den auch Luzifer gehabt haben musste, als er auf der Spitze eines Berges vor ein paar tausend Jahren jemanden überreden wollte, sich auf seine Seite zu schlagen.

Doch das war eine andere Zeit, eine andere Geschichte.

Und wer war er schon, durchfuhr es Conroy, dass er ein solches Angebot ablehnen konnte?

Außerdem: Hatte er seine Entscheidung ohnehin nicht schon längst getroffen?

»Okay«, sagte er schließlich, »ich nehme den Job an.«

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5. Kapitel

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Er lag nackt auf dem Bauch zwischen schweißfeuchten Laken und versuchte noch weiterzuschlafen, während der Fernseher lief.

Er hatte ihn die ganze Nacht laufenlassen und nur leiser gestellt, als sie meinte, der Krach würde ihre Konzentration stören.

Die zuckenden Bilder, die Reflexe auf seine Netzhaut warfen, störten ihn nicht im geringsten – lange genug hatte er auf Nachrichten verzichten müssen – wohl aber das hartnäckige Summen des Bildtelefons.

Nur widerwillig erlaubte sich Conroy, die Augen einen Spalt breit zu öffnen. Es herrschte eine perlgraue Dämmerung im Zimmer, irgendwo lief Wasser.

Willkommen unter den Lebenden...

Er war auf der Erde.

Mit einem tiefen Seufzer rollte er sich auf den Rücken und gab sich seinen Gedanken hin.

Entgegen Angus Santanas Versicherung hatte es doch fast vierundzwanzig Stunden gedauert, bis sie Luna und STRALAG-2 an Bord eines schnellen, nur leicht gepanzerten Kurier-Shuttles verlassen konnten. Diese Zeitspanne bot Conroy Gelegenheit, sich auf die radikal veränderte Situation einzustellen. Santana nutzte sie außerdem dazu, ihn in groben Zügen über Ziele und Zweck von SY.N.D.I.C. zu informieren.

Nur speziell über die Aufgabe, die auf ihn wartete, darüber verlor er kein Wort.

Conroy war es egal. Was immer sie auch für ihn hatten, alles war besser als STRALAG-2. Außerdem – die Rehabilitierung würde ihn wieder zu dem machen, was er vor dieser unwürdigen Verhandlung vor dem Militärgericht in Virginia, wo man ihn zum Sündenbock abgestempelt hatte, gewesen war...

Er gähnte, wälzte sich herum. Seine Hand tastete. Das Bett neben ihm war leer, nur ihr Geruch und ihre Wärme hingen noch im Laken.

Etwas mühsam setzte er sich im Bett auf.

Er hatte auch Kopfschmerzen von zu viel Alkohol. Als er sich zur Seite drehte, fiel sein Blick auf zarte Unterwäsche und ein paar Kleidungsstücke für darüber, die den Boden vor dem Bett bedeckten; ein hochhackiger Stöckelschuh mit winzigen Riemchen stand im Zimmer. Sein Pedant lag umgefallen etwas weiter entfernt.

Conroy blinzelte.

Ein Lichtstreif fiel durch die halbgeöffnete Badezimmertür. Dort lief das Wasser.

»Kyra?«, rief er.

Falls das überhaupt ihr richtiger Name war...

Das Wasser hörte auf zu rauschen. »Bist du wirklich endlich wach?«, antwortete das Mädchen. »Oder sprichst du wieder nur im Schlaf?«

Conroy stützte sich auf die Ellbogen.

»Wer ist gestern eingeschlafen?«, fragte er.

»Kann ja mal vorkommen – nach drei Nächten mit dir! Herrje, wo warst du die letzten Jahre, Mann? Im Knast?«

Das Wasser begann wieder zu laufen.

»Könnte man so sagen«, murmelte Conroy und grinste schwach. Er zog das Kissen hoch und lehnte sich damit gegen die Wand. Er versuchte, sich an die vergangenen drei Tage zu erinnern – er bekam nicht mehr alles zusammen.

Akklimatisiere dich erst mal, hatte Angus Santana angeordnet und ihn in einem Apartmenthochhaus in Berwyn Heights außerhalb New Washingtons untergebracht, das das Pentagon für derartige Anlässe ständig reserviert hielt.

Seitdem akklimatisierte er sich.

Auf seine Weise.

Seine physische Verfassung hatte sich schnell wieder den irdischen Schwerkraftverhältnissen angepasst. Das lag nicht zuletzt daran, dass er die wenigen Angebote, die STRALAG-2 für seine Insassen bereithielt, regelmäßig und konsequent genutzt hatte. Das eine Jahr in der geringen Mondschwerkraft hatte Conroys körperlichen Fähigkeiten nur in sehr geringem Maße zusetzen können.

Vielleicht hatte er es ein wenig übertrieben mit der Akklimatisierung...

Himmel, das Telefon summte noch immer. Aufdringlicher jetzt; der Bildschirm flackerte an den Rändern, blieb aber noch dunkel.

Kyra-wer-auch-immer kam aus dem Badezimmer.

Nackt.

Sie war braungebrannt, gut gewachsen, mit vollen Brüsten – und einem leicht ordinären Zug im Gesicht; daran änderte auch die wilde Haarmähne nichts.

»Gehst du nicht ran?«, fragte sie und grapschte nach ihren Sachen. Wie ein Storch von einem Bein auf das andere hüpfend, zog sie Stück für Stück an.

»Später«, winkte Conroy ab und sah ihr beim Ankleiden zu. In wenigen Minuten hatte sie die erstaunliche Verwandlung vollzogen, die sie von einer nackten Liebesdienerin des Eskort-Service zu einer kühlen, nahezu geschäftsmäßig wirkenden Angestellten eines x-beliebigen Konzerns machte.

Als sie bis auf die Schuhe angekleidet war, wandte sie sich ihm zu.

»Du hast mir meine Frage nicht beantwortet«, sagte sie.

»Du hast viele gestellt in den vergangenen sechsunddreißig Stunden«, erwiderte er wortkarg. »Welche meinst du?«

Sie blieb vor ihm stehen, sah ihn an.

»Wo du dich rumgetrieben hast, weil du so ausgehungert warst?«

»War ich das?«

»O ja...» sie kicherte. »Und – wo warst du?«

Keine Antwort.

Nach einigen Sekunden schien klar, dass auch keine Antwort kommen würde.

»Verstehe. Was frage ich auch? Interessiert mich doch überhaupt nicht.« Sie ging langsam durch das Zimmer und schlüpfte in ihre Schuhe.

Damit stöckelte sie zur Tür.

Dort blickte sie noch einmal zurück, sah ihn an und seufzte. Sie befeuchtete mit der Zungenspitze ihre Lippen

»Sehen wir uns wieder?« Die Frage schien berechtigt, von ihrer Seite der Geschichte aus.

Achselzucken.

Mehrere Sekunden lang sagte keiner von ihnen etwas.

Dann seufzte sie erneut.

Mit einem »Vergiss dein Telefon nicht« ging sie, ohne sich noch einmal umzusehen. Lediglich ihr Geruch im Zimmer erinnerte ihn eine Weile daran, dass sie einmal da gewesen war.

Conroy schwang die Beine aus dem Bett und meldete sich.

Es war ein Sichtbildanruf.

Der Videoschirm erhellte sich.

»Mort? Hier ist Angus«, sagte Santana mit seiner jungenhaften, unverschämt ausgeschlafen klingenden Stimme. Er verlor kein Wort darüber, dass er lange auf die Verbindung hatte warten müssen.

»Was willst du so früh, Angus?«

»Mann, du siehst vielleicht aus... hast du die Nutte noch bei dir?«

»Nein. Warum?«

»Gut. Du wirst hier gebraucht. Man will dich sehen.«

Conroy gähnte.

»Um die Wahrheit zu sagen, Angus, ich habe keine Lust.«

»Ha, ha, ha«, machte Santana. »Den Terminus ›Lust‹ hast du genügend strapaziert, nehme ich mal an. Du machst dich besser auf den Weg.«

»Darf man Einzelheiten erfahren?«

»Hat sich der Alte vorbehalten. Er wird dich umfassend über alles informieren.«

»Großartig«, sagte Conroy. »Kann ich mich weigern?«

»Was sagt man denn dazu?« Santana schüttelte grinsend den Kopf. »Du und Skrupel vor einer Aufgabe! Mal ganz was Neues. Nichts da, alter Freund. Ein Hovercar holt dich ab. Ist schon auf dem Weg.«

Er unterbrach, noch immer ein Grinsen auf den Lippen, die Verbindung.

»Danke, Angus«, sagte Conroy mechanisch gegen den dunklen Bildschirm. »Vielen Dank...«

*

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Die gigantischen Hochhauskathedralen und Kuppeln der Hauptstadt der FSA schienen jetzt ganz nah. Für Conroy begann in dem Moment, als sich der flugtaugliche Hover seinem Bestimmungsort näherte, eines der gefährlichsten Unternehmen seiner Karriere.

Glücklicherweise hatte er zu diesem Zeitpunkt nicht die leiseste Ahnung davon, was ihn erwartete.

Entsprechend gelassen und entspannt verfolgte er die Landung auf jenem Teil des Flughafens New Washingtons, das dem Pentagon zur ausschließlichen Nutzung vorbehalten war.

An die bevorstehende Unterredung im MILCOM-Hauptquartier verschwendete er im Augenblick nicht allzuviele Gedanken.

Im verwaschenen Licht des frühen Vormittags setzte der unauffällige Hover im Mittelpunkt der zugewiesenen Landezone auf. In der Tiefe des Landeareals erwachten mächtige Maschinen; der Pilot des Hovers sandte ein kodiertes Signal an den Öffnungsmechanismus. Der Kreisabschnitt senkte sich mitsamt dem Hovercraft in die Tiefe. Wenig später schob sich dröhnend eine massive Decke über die Öffnung und sperrte das Sonnenlicht aus. In den Wänden des Silos aktivierten sich ringförmig angeordnete Leuchtsegmente. Donnernd setzte die Plattform am Boden der stählernen Krypta auf; Staub wirbelte empor, wurde von Batterien übermannsgroßer Ventilatoren abgesaugt.

Die Aggregate deaktivierten sich. Das Schott fuhr hoch. Conroy stand auf, und schon war er draußen.

Mit einem kurzen Blick orientierte er sich. Dann setzte er sich zielstrebig in Bewegung; seit seinem letzten Besuch hier hatte sich nichts verändert.

Angus Santana erwartete ihn bereits.

Nur zehn Minuten später – und nach drei exzessiv durchgeführten Kontrollen durch schwarzgekleidete und schwer bewaffnete Sicherheitsbeamte – verließen sie dreizehn Stockwerke höher einen Lift und gingen die paar Schritte über den Korridor bis zu einer Tür, vor der zwei Wachrobots standen; ihre starken Waffensysteme waren aktiviert.

Die Tür öffnete sich automatisch, nachdem der Scanner Santanas und Conroys ID-Chips gecheckt und sie als unbedenklich identifiziert hatte.

Hinter der Tür lag ein kleiner Raum, der nichts anderes als eine Hochsicherheitsschleuse darstellte. Wer hier nicht mit dem richtigen Zutrittskode aufwarten konnte, sah sich binnen Sekundenbruchteilen in einem Energiefeld gefangen, aus dem es kein Entrinnen gab. Von den vielen sonstigen scheußlichen Unannehmlichkeiten ganz zu schweigen, die jedem Unbefugten an dieser Stelle das Leben zur Hölle machen würden.

Schließlich betraten sie das Vorzimmer zu den Diensträumen Oberst Sheehys.

»Major Santana, Sir!« Der weibliche Leutnant an der Konsole links neben dem Eingang hob den Arm; ein flüchtiger Blick streifte die mächtige Gestalt Morton Conroys, ehe sie fortfuhr: »Der Chef erwartet Sie schon. Im Besprechungsraum. Sie können gleich rein.«

Der Major berührte die Sensorleiste, wartete, bis die schwere Platte aus Sicherheitsglas zur Seite schwang. Dann betraten sie die vollklimatisierte Operationszentrale von SY.N.D.I.C.

Zwei Männer saßen in tiefen Formsesseln hinter einem hufeisenförmig geschwungenen Tisch. Der eine war ein weißhaariger Siebziger. Der andere wirkte auf den ersten Blick wie ein höherer Beamter aus den Ministerien des Pentagon. Daran änderte auch die maßgeschneiderte Uniform nichts; er sah genauso aus, wie man sich einen Beamten in gehobener Position vorstellt. Männer wie ihn fand man auch vorzugsweise in den Vorstandsetagen von Multikonzernen.

Erst als er den Kopf hob und Conroy ansah, wurde der Unterschied offenbar. Er hatte nicht das Gesicht eines Durchschnittsmannes. Hinter den kalten grauen Augen steckte eine überdurchschnittliche Intelligenz. Es war das Antlitz eines absoluten Realisten.

Die Insignien am Uniformkragen wiesen ihn als Oberst aus.

»Major Angus Santana, Sir« sagte Angus laut und nahm eine etwas legere Grundstellung ein.

Conroy tat es ihm nach.

»Morton Conroy«, sagte er, und die weitere Formulierung kam etwas ungewohnt über seine Lippen. »Oberleutnant. Ehemals Blackwatch-Regiment.« Was hätte er sonst sagen sollen? Vielleicht: Morton Conroy, zu Unrecht verurteilter Gefangener?

Der Oberst zeigte auf die Sitzgruppe im Innenbogen des Schreibtisches.

»Setzen Sie sich, meine Herren.«

Die beiden nahmen Platz.

Richard Sheehy lehnte sich in seinem Formsessel zurück und fixierte Conroy mit gerunzelter Stirn.

»Sie sind also der legendäre Commander des Blackwatch-Regiments.«

Als ob er das nicht wüsste, dachte Conroy.

»Ich habe in letzter Zeit viel über Sie gehört, Oberleutnant.«

Immerhin benutzt er meinen Rang.

»Soviel, dass mir schon die Ohren klingen.«

Conroy schwieg.

Er war sich sicher, dass Oberst Sheehy keine Antwort erwartete, sondern er würde gleich sagen: Kommen wir zum Wesentlichen, oder: Der Grund, weshalb ich Sie vom Mond geholt habe oder: Vermutlich fragen Sie sich, warum...«

»Um es auf den Punkt zu bringen«, sagte der Oberst. »Ab sofort befinden Sie sich wieder im aktiven Dienst, Oberleutnant Morton Conroy. Uneingeschränkt.« Er hob die Stimme ein wenig. »Gegeben und beschlossen heute, am einunddreißigsten August 2097, neun Uhr sechzehn, Ortszeit.« Das alles war für den Protokoll-Bot bestimmt, der Morton Conroys Wiedereinsetzung in seine militärischen Privilegien für dessen Datenbank registrierte und seinem ID-Chips nun jene Daten hinzufügte, die es ihm ermöglichten, bei untergeordneten Behörden jegliche Sperre zu überwinden und mit entsprechendem Nachdruck aufzutreten.

Das übliche Prozedere bei einem derartigen Wiedereinsetzungs-Verfahren.

Kurz und bündig.

Wie stets.

Fast genauso kurz und bündig, wie man ihn vor über einem Jahr auf den Mond geschickt hatte...

»Soll ich nun zum Wesentlichen kommen?«

»Verzeihung? – Oh, natürlich, Sir, ja.«

»Gut. – Ich möchte Sie mit Professor Coulson bekannt machen.«

Der alte Herr reichte Conroy lächelnd die Hand über den Tisch.

Conroy wusste jetzt endlich, warum es jene tagelange Unterbrechung gegeben hatte. Einer jener Unterbrechungen nämlich, die üblicherweise bei derlei Aktionen zwischen dem Zeitpunkt, wo sie ihm gesagt hatten, dass er jederzeit damit rechnen müsste, auf eine Mission geschickt zu werden, und demjenigen, wo er tatsächlich aufgefordert werden würde, seinen Arsch in Bewegung zu setzen, lagen. Schließlich lag ein tieferer Sinn hinter dieser Warterei. Sie hatte ihnen die Zeit gegeben, ihn zu beobachten, ihn zu überprüfen, sein Verhalten zu studieren, herauszufinden, ob er aus der Reihe tanzen, sich eventuell absetzen würde.

Sicher war sein Apartment total verwanzt gewesen, voller SpyCams. Und sicher hatten sie jedes Wort, jede Bewegung aufgezeichnet. Conroy grinste plötzlich bei der Vorstellung, wie sie sich mit roten Ohren und schweißfeuchten Händen die Szenen mit Kyra reingezogen hatten – diese Spanner.

Nun, Conroy hatte ihnen diesen Gefallen nicht getan, nämlich aus der Reihe zu tanzen.

Einmal, weil er diese Chance, rehabilitiert zu werden, um nichts auf der Welt hätte aufs Spiel setzen wollen. Und zum anderen, weil er ja wusste, dass es sich um eine große Sache handelte. Ansonsten hätten sie sich nicht die Mühe gemacht, ihn vom Mond zu holen.

Sie wollten etwas von ihm, was immer das auch war.

Sie wollten, dass er irgendetwas für sie erledigte.

Sie brauchten ihn.

Und sie brauchten ihn anscheinend schnell!

Deshalb verzichteten sie auf das sonst übliche Prozedere.

Und der Hauptgrund für diese Eile resultierte aus der Anwesenheit jenes Mannes, der sich in Gesellschaft des Obersten befand.

Als Professor Coulson war er von Sheehy vorgestellt worden. Er hätte auch sagen können: Zweisternegeneral Coulson. Denn obwohl er jetzt keine Uniform mehr trug, war er einmal ein sehr hohes Tier beim Militär gewesen, und nebenbei noch Professor der Astrophysik.

Conroy beobachtete ihn verstohlen. Seine Anwesenheit hier gab ihm Rätsel auf.

Der Professor lächelte unmerklich und sagte: »Kennen Sie das wahrscheinliche Szenario für den nächsten globalen Krieg, meine Herren?»

»Ich habe einige miterlebt, Sir.« Damit wollte Santana ausdrücken, dass er es nicht kannte. Und dass es eine ziemlich schwierige Frage war.

»Nun«, Coulson lächelte wieder, diesmal offener, »es ist eine Frage des gesunden Menschenverstandes, wenn man einen derartigen Ausdruck im Zusammenhang mit Krieg überhaupt verwenden kann. Außerdem waren die Kriege, in die Sie verwickelt waren, nicht mehr als Geplänkel, kleinere Scharmützel. Kein Vergleich zu dem, der uns in nicht allzuferner Zukunft erwarten wird.« Der Professor machte eine Pause, damit seine Worte wirken konnten, und Conroy sagte: »Ich habe keine speziellen Theorien über Krieg, ob nun mit oder ohne gesunden Menschenverstand. Krieg ist Krieg, und wir haben uns ihm zu stellen.«

»Eine sehr gefestigte Meinung, Herr Oberleutnant. Aber lassen Sie mich auf mein Thema zurückkommen. Der nächste Konflikt auf der Erde...«

»Immer vorausgesetzt, er findet statt«, unterbrach ihn Major Santana.

Stirnrunzelnd betrachtete ihn Professor Coulson ein paar Sekunden lang, ehe er meinte: »Er findet statt. Verlassen Sie sich darauf. Und es wird das biblische Armageddon sein, ein Weltenbrand, der die Menschheit hinwegfegt.«

»Übertreiben Sie da nicht ein wenig, Professor?«, warf Conroy ein.

»Keineswegs. Ich untertreibe eher. – In spätestens hundert Jahren wird der ökologische GAU die Erde zu einem Tollhaus machen. Werden neunzig Prozent der Menschheit vor dem Nichts stehen. Schon jetzt werden in den Netzwerken der Regierungsstaaten Simulationsszenarios durchgespielt, wie man den jeweiligen Rest der Weltbevölkerung in einem Offensivschlag nie gekannten Umfanges dezimieren könnte, um mit den verbleibenden Ressourcen der kollabierten Erde in der Tiefe des verseuchten und inzwischen vermutlich durch den radioaktiven und chemischen Fallout unbewohnbar gewordenen Planeten so lange überleben zu können, bis ein effizienter und schnell verfügbarer Weg gefunden wäre, in den Weltraum auszuwandern. Wie gesagt, noch sind es mögliche Szenarien.« Er wandte sich direkt an Conroy und fragte: »Was würden Sie als das augenblicklich brennendste globale Problem ansehen – die zur Neige gehenden Energievorräte auf der Erde?«

»Richtig, Professor.«

»Falsch, Herr Oberleutnant. Die Energieverknappung ist keine wirkliche, sondern eine Folge des wirtschaftlichen Gefälles zwischen den superreichen Staaten und den in Armut und Elend verharrenden Nationen. Nach dem letzten Zensus werden in den nächsten zwanzig Jahren schätzungsweise 900 Millionen Menschen in absoluter Armut leben, überwiegend in den unterentwickelten Ländern, wo auch sonst! Bereits heute leben nach FSA-Schätzungen 1,8 Milliarden Menschen weltweit von weniger als einem Credit am Tag. Trotz vieler globaler Kampagnen zur Armutsbekämpfung. Nein, nein. Es gibt de facto keine Energieverknappung auf der Erde, trotz der fehlenden fossilen Brennstoffe. Die Fusionsreaktortechnik ist längst ausgereift – nur eben für all die erwähnten Länder und Nationen nicht verfügbar, weil nicht bezahlbar! Weshalb sich an ihrem Elend auch nichts ändern wird. Heerscharen hungriger, durstiger oder frierender Bewohner der Problemzonen werden auch noch das letzte bisschen Grün abholzen und zu Nahrung und Brennmaterial verarbeiten. Die riesigen Slums der Megastädte stoßen schon jetzt mehr Schadstoffe in die Atmosphäre, als alle herkömmlichen Kraftwerke zusammen.

Und trotzdem ist das brennendste globale Problem nicht die Energiekrise. Die kommt erst an zweiter Stelle. An erster Stelle steht der Wettlauf in der Raumforschung.«

»Professor Coulson ist Vorsitzender des FSA-Raumforschungsprogramms«, erklärte Oberst Sheehy und übernahm die Initiative, »und war im Auswahlgremium von Basis Alpha. Er ist mit einer äußerst brisanten Information an uns herangetreten. Aber darüber später mehr. Wie gesagt, der Wettlauf in der Raumforschung beherrscht die Regierungen der Welt. Und die Tatsache, dass wir eine Mondkolonie unterhalten und unsere Fühler bereits nach den äußeren Asteroidengürteln ausstrecken, bereitet unseren Freunden vom Eurasischen Commonwealth unter Zar Phönix Fjodor Zakitin I. einige Sorgen. Wir holen ihren Vorsprung auf, den sie mit der Errichtung der Marskolonie besitzen, und sie wissen es.«

»Können sie denn etwas dagegen tun?«

Oberst Sheehy nickte. »Ja, es zeichnete sich da eine Möglichkeit ab, an der sie schon verdammt lange arbeiten. Aber darum geht es eigentlich nicht. Worum es wirklich geht, das kann Ihnen Professor Coulson besser erklären. Er ist schließlich der Fachmann. Bitte, Professor!«

Coulson nahm die altmodische Brille ab – offensichtlich hatte er etwas gegen visuelle Implantate – und begann sie bedächtig mit einem Stück weichen Leder, das er aus der Brusttasche gezogen hatte, zu polieren.

»Das Hauptproblem von Reisen zu fernen Systemen ist nach wie vor der Antrieb, meine Herren. Wenn es um den Flugverkehr zum Mond und um die Überwindung noch weiterer Entfernungen innerhalb unseres Systems geht – Mars, Asteroidengürtel, Saturnmonde – ist das von den russischen Wissenschaftlern ursprünglich entwickelte und zur Serienreife gebrachte Ionentriebwerk ausreichend. Geht es aber um Reisen zu den nächsten Sonnensystemen, ist die Konstruktion größerer und effizienterer Ionentriebwerke keine hinreichende Lösung des Problems.«

»Das Eurasische Commonwealth hat also einen anderen Weg gefunden?«

Coulson schüttelte den Kopf.

»Noch nicht. Aber ich vermute, dass sie der richtigen Lösung schon auf der Spur waren.«

»Waren?«

Ohne auf Conroys Frage einzugehen, fuhr Coulson fort: »Seit 2056 experimentierten die beo-russischen Wissenschaftler zusammen mit deutschen und britischen Kapazitäten der Astrophysik sowie Mathematik an einem Projekt, mit der Energie der Sterne den Raum zu krümmen und diese Krümmung unmittelbar als Antriebselement auszunutzen.«

»Das klingt aber stark nach Science Fiction«, meinte Conroy.

»Wenn es nur so wäre, Oberleutnant«, sagte Coulson ernst. »Tatsächlich handelt es sich um harte Fakten. In Russland wurde schon länger in diese Richtung geforscht. Und zwar höchst intensiv. Doch rasch stellte sich heraus, dass die Entwicklungskosten eines vernünftigen Raumkrümmungsantriebs die finanziellen Möglichkeiten des gesamten beo-russischen Staatengebildes und der damaligen Europäischen Union sprengen würde. Also nahm man, vermutlich zähneknirschend und mit allen Vorbehalten, Kontakt zu den anderen Staaten auf, um die Entwicklung dieses Antriebs einem internationalen Konsortium zu übertragen. Da auch China und die meisten südostasiatischen Länder Interesse zeigten, einigte man sich darauf, die Forschungsstation im Kaschmirgebirge zu errichten, weitab von jeder Zivilisation, geschützt von gewaltigen Gebirgszügen. Man nannte den geheimen Laborkomplex ›Basis Alpha‹, von A wie Anfang, und das ganze Projekt lief unter der Bezeichnung ›Geheimprojekt Exodus‹, wegen des Ziels, das dahinterstand, nämlich die Möglichkeit, zu den Sternen auszuwandern, sollte die Erde unbewohnbar werden. Ich hatte damals maßgeblich mit der Auswahl unserer Wissenschaftler für Basis Alpha zu tun, deshalb bin ich mit den Interna vertraut. Seit zwanzig Jahren forscht und arbeitet eine Gruppe internationaler Wissenschaftler an dem Projekt Exodus. Führende Männer und Frauen der Gravitonik, der Nichteuklidischen Geometrie und der Teilchen- sowie der Astrophysik arbeiten an einer praktikablen Lösung des Problems, wie man den Raum verändern könnte, um ohne nennenswerten Zeitverzug von einem Sternensystem zum anderen zu gelangen.«

»Und?« Morton Conroy lehnte sich vor. »Hat man eine Lösung gefunden?«

Coulsons Brille schien endlich sauber. Er hielt sie prüfend gegen das Licht, ehe er sie aufsetzte.

»Wir glauben es«, sagte er. »Darf ich Sie vielleicht an dieser Stelle mit ein paar technischen Bemerkungen belästigen?«

»Nur zu«, nickte Conroy.

»Ich weiß nicht, welche Kenntnisse von der Materie der Mathematik ich bei Ihnen voraussetzen darf, Oberleutnant, aber sicher ist Ihnen die Einsteinsche Formel bekannt, nach der Materie nichts anderes ist als eine Erscheinungsform der Energie?«

»E = mc2«, zitierte Morton Conroy. »Noch kann ich Ihnen folgen, Professor Coulson«

Coulson fuhr lächelnd fort: »Unter den britischen Wissenschaftlern war auch Chris Auborn, den ich für den bedeutendsten Mathematiker aller Zeiten halte.«

Conroy zog die Stirn in Falten. »Den Namen habe ich doch schon einmal gehört.«

»Vermutlich. Chris hat in seiner Zeit als Kadett an der Militärakademie – noch ehe er sich der Mathematik zuwandte – ein paar wehrtechnische Abhandlungen veröffentlicht, die, wie's scheint, noch immer zur Standardlektüre angehender Offiziersanwärter gehören. Bekannter jedoch ist seine vielbeachtete Doktorarbeit, in der er den Nachweis erbrachte, dass Energie nur eine andere Erscheinungsform des Raumes ist. Bei seiner Beweisführung handelte es sich um eine äußerst gewagte Extrapolation der Nichteuklidischen Geometrie, die nicht weniger revolutionär war als damals Einsteins Relativitätstheorie.«

»Jetzt muss ich passen«, gab Conroy zu.

»Machen Sie sich nichts daraus«, meinte Coulson. »Es geht nicht nur Ihnen so. Auborns Theorie war so kompliziert, dass es seinerzeit wahrscheinlich nur zehn Gehirne auf der Erde gab, die sie begreifen konnten. Deshalb geriet sie nach anfänglichem Interesse in den akademischen Kreisen der Universitäten und Lehranstalten auch folgerichtig wieder in Vergessenheit. Es war eben nur reine Theorie ohne nachvollziehbare praktische Anwendungsmöglichkeiten.«

»Wenn ich Sie recht verstehe, kommt jetzt der springende Punkt. Oder wie sonst soll ich Ihre Darlegung verstehen?«

Coulson nickte.

»Ich hatte einmal Kontakt mit ihm, als es darum ging, unsere Wissenschaftler für die Station auszusuchen. Dabei erwähnte er so nebenbei, dass er jetzt die Lösung seines Problems gefunden habe.«

Conroy beugte sich vor. »Wollen Sie damit andeuten, er kann beweisen, dass man den Raum verändern kann?«

»Exakt. Der Raum, nach Auborns Worten, ist manipulierbar geworden, bis er sich in ein Feld reiner Energie verwandelt.«

»Und das ist so wichtig?«

»Wichtig? Oh, mein junger Freund!« Der Professor schüttelte nachsichtig den Kopf. »Damit verweist Auborns Formel die heutige Nuklearphysik in die Steinzeit der Wissenschaft. Praktisch gesehen, eröffnet er damit unserer und allen kommenden Generationen völlig neue Perspektiven für die stellare Raumfahrt. Raumschiffe wären dadurch in der Lage, den Raum zu krümmen und die dafür notwendige Energie aus dem gleichen Medium beziehen.«

»Unglaublich, ganz unglaublich!«, murmelte Major Angus Santana. »Und weshalb ist diese universelle Formel bis auf einige wenige niemandem bekannt?«

»Lassen Sie mich raten«, warf Conroy ein, »sie hat Basis Alpha noch gar nicht verlassen. Richtig?«

Professor Coulson atmete tief ein, schloss die Augen und fuhr sich langsam über die Stirn. »Eine merkwürdige Geschichte«, murmelte er wie abwesend. »Der Weltwirtschaftscrash zeichnete sich zu jenem Zeitpunkt bereits ab. Unmittelbar nachdem ich von Chris' Ergebnissen erfahren hatte, riss mit einem Mal die Verbindung zur Basis ab. Und in den Wirren nach dem großen Kollaps hieß es, der Laborkomplex sei völlig zerstört worden. Wie es geschehen war und wer dafür verantwortlich zeichnete...« Professor Coulson hob die Schultern und ließ sie langsam wieder sinken. »Die auf der Erde entbrennenden Kriege, vor allem die um die Ölreserven und die moldawischen Aufstände sowie die daraus resultierende Abschottung der Staatengebilde voneinander ließen es nicht zu, den Wahrheitsgehalt dieser Informationen zu überprüfen. Und nach dem Ende der schrecklichen Kampfhandlungen hatte sich das politische Bild der Erde gewaltig verändert, wie Sie ja alle selbst wissen. Die Regierungen der drei großen Blöcke haben im Augenblick andere Sorgen, wie's scheint, als sich um eine Forschungsstation zu kümmern. Wir versuchten natürlich, den Kontakt wiederherzustellen, aber der Pan-Pazifische Block, in dessen Einflussbereich die Station liegt und der von den Chinesen dominiert wird, hat bis jetzt ablehnend reagiert. Er begründet sein Nein zu einer Kontaktaufnahme unsererseits und einer möglichen Rettungsexpedition mit Rebellenaufständen. Das ganze Gebiet wurde von den Chikoms zur verbotenen Zone deklariert, zu der Zivilisten keinen Zutritt bekommen, da ständig mit Kampfhandlungen gerechnet werden müsse. Außerdem, so ließ der für den Abschnitt zuständige Militärgouverneur verlauten, sei Basis Alpha tatsächlich zerstört.«

»Was sagt ›Watchdog‹ dazu?«, warf Angus Santana ein.

»Die FSA-Satellitenüberwachung identifizierte den Komplex mit 99,4prozentiger Wahrscheinlichkeit an der Stelle, an der er errichtet worden ist«, antwortete Oberst Sheehy an Coulsons Stelle.

»Ließen sich Schäden feststellen?«

»Wie denn?«, übernahm der Professor wieder das Wort. »Der sichtbare Teil von Basis Alpha ist ein kreisförmiger Bau von nicht mehr als fünfzig Meter im Durchmesser. Vom Umfeld selbst erhebt sich das Gebäude kaum mehr als drei Meter; es ist nichts anderes der Zugang zum Komplex, das obere Ende des Zentralschachtes. Die Forschungsstation selbst liegt unter der Erde. Wie weit sie sich heute in die Tiefe erstreckt, kann nicht mit Bestimmtheit festgestellt werden, da vermutlich Umbauten stattgefunden haben. Als sie errichtet wurde, führte der Schacht von der Kuppel aus 200 Meter weit hinab. Ab der 50-Meter-Marke war er von insgesamt zwanzig ringförmigen Ebenen umgeben. Dichtemessungen durch ›Watchdog‹ haben ergeben, dass zumindest Wohn- und Arbeitsräume intakt sein müssen. Aber was sich in Wahrheit dort abgespielt haben könnte, ließ sich so nicht nachprüfen.«

»Gibt es denn keine andere Möglichkeit«, erkundigte sich Conroy, »herauszufinden, ob Basis Alpha tatsächlich zerstört worden ist?«

Sheehy nickte.

»Die gibt es«, sagte er bedeutungsschwer. »Wir wissen durch bestimmte Informationen, die wir kürzlich bekommen haben, dass der Laborkomplex intakt ist und die Mitglieder der geheimen Forschungsgruppe noch arbeiten. Allerdings steht das Labor jetzt unter der Kontrolle des Pan-Pazifischen Blocks beziehungsweise der Chinesen, die einen dichten Kordon um das Gebiet gezogen haben.«

»Wie gelangten Sie zu diesem Wissen?«

»Über einen Waffenschieber und Abenteurer namens Ray Haan. Der hatte vor vierzehn Tagen in der kleinen Stadt Tschangu, etwa zweihundertfünfzig Kilometer nordöstlich von Kaschmir, einen jungen, schwerverletzten Tibetaner vom Stamm der Dolpo-Pa aufgelesen. Er flog ihn mit seinem Lastenhover zurück nach Schrinagar ins Hospital und rettete ihm vermutlich das Leben. Unser dortiger Kontakt, der sich Haans Können und Wissen manchmal zunutze macht, hat sich um den jungen Mann gekümmert. Der Dolpo-Pa konnte nicht nur mit Informationen über den augenblicklichen Stand der Dinge in Tibet dienen, sondern hatte auch eine Nachricht für Professor Coulson. Diese Nachricht stammte von Chris Auborn.«

»Wie gelangte der Dolpo-Pa daran?«, fragte Conroy, der langsam zu ahnen begann, welcher Job ihn erwartete.

»Es muss Auborn gelungen sein, die Nachricht über einen der Zulieferer herauszuschmuggeln, die von den Chinesen für die Versorgung des Laborkomplexes eingesetzt werden.«

»Welche Nachricht? Und warum gerade an Sie?«, wandte sich Conroy an den Professor.

»Chris Auborn und ich haben zusammen studiert und während dieser Zeit so manchen Streich ausgeheckt, bis wir uns aus den Augen verloren. Während ich eine militärische Laufbahn einschlug, ging Chris zurück nach England und arbeitete in der Forschung.«

Professor Coulson seufzte nachdenklich. »Er ist wirklich einer der großen Köpfe dieses Jahrhunderts, Oberleutnant Conroy.«

»Kann man den Inhalt der Mitteilung erfahren?«

»Sie ist sehr persönlich«, meinte Coulson. »Sie enthält nichts darüber, an was in Basis Alpha gearbeitet wird.«

»Aber was ist dann so interessant an dieser Nachricht?«

»Verstehen Sie nicht?« Oberst Sheehy lehnte sich vor. »Sie ist von ungeheurer Brisanz. Denn jetzt wissen wir definitiv, dass der Laborkomplex in Betrieb ist und die Wissenschaftler offenbar Gefangene des Pan-Pazifischen Blocks sind, zumindest unsere Leute.« Er schwieg einen Moment, ehe er fortfuhr: »Sie, Oberleutnant, haben sich während der russisch-chinesischen Aufstände wochenlang im Hochland von Tibet aufgehalten. Sie kennen das Terrain. Sie kennen die Sprache. Sie werden in Basis Alpha eindringen und herausfinden, was dort tatsächlich vor sich geht. Von unseren Agenten sind Sie vermutlich der einzige, der diese Aufgabe schaffen könnte.«

»Das klingt alles recht schmeichelhaft«, erwiderte Conroy. »Aber wie in drei Teufels Namen ich dieses Kunststück fertigbringen soll, ist mir noch schleierhaft.«

»Darüber haben wir uns, wie Sie sich bestimmt denken können, schon längere Zeit Gedanken gemacht. Die entsprechenden Vorbereitungen waren schon für Brett Foss getroffen worden. Sie übernehmen jetzt an seiner Stelle.« Oberst Sheehy tastete eine Kontrolle auf seinem Schreibtisch.

Die Luft flimmerte.

Eine topographische Landkarte erschien zwischen den Männern.

»Sehen Sie her, Oberleutnant! Das ist die fragliche Gegend: Kaschmir und das westliche Tibet.« Sheehy berührte das Holo, und eine Ausschnittvergrößerung hob sich daraus empor. »Tschangu liegt ungefähr zweihundertfünfzig Kilometer von der ehemaligen Grenze entfernt. Hier«, der Oberst berührte wieder das Holo, und der Ausschnitt wurde erneut kleiner, »kaum neunzig Kilometer hinter dieser Grenze, liegt das tibetanische Dorf Lhakpa. Unser Kontakt teilte uns in seinem gestrigen Bericht mit, dass nach Angabe des jungen Dolpo-Pa die Herrschaft der Chinesen über diese Gegend nur auf dem Papier besteht. Weiter sagte er aus, dass sich in einem Kloster bei Lhakpa ein Widerstandszentrum der Rebellen befinde. Wenn wir Sie dorthin schaffen können, dann besitzen Sie wenigstens eine Operationsbasis. Ab dem Kloster sind Sie allerdings auf sich allein gestellt.«

»Das kommt mir irgendwie bekannt vor«, versetzte Conroy trocken.

Sheehy runzelte die Stirn, während Major Santana ein Grinsen nicht verbergen konnte.

»Zwei Fragen«, fuhr Conroy fort. »Erstens: Wie komme ich hinein? Zweitens: Was habe ich zu tun, damit die Rebellen mich unterstützen?«

»Soweit ist schon alles vorbereitet«, erklärte der Oberst. »Unser Kontakt in Schrinagar hat dafür gesorgt, dass der Dolpo-Pa Sie zum Kloster begleiten wird.«

»Auf welchem Weg?«

»Man wird Sie hinfliegen.«

»Glauben Sie, das wird von Kaschmir aus gehen? Das Ladakh-Gebirge ist verflucht hoch. Wer traut sich da rüber?«

Jetzt war es an Sheehy, Belustigung zu zeigen. »Ray Haan natürlich, der Waffenschmuggler. Er hat in der Nähe von Thilen eine Startbasis, wo seine Maschinen untergebracht sind. Von dort aus sind es nur noch hundertsechzig oder hundertachtzig Kilometer bis nach Tibet hinein. Wir haben ihm Zehntausend dafür geboten, dass er Sie in der Nähe des Klosters von Lhakpa absetzt, und weitere Zehntausend, wenn er Sie zu einem von Ihnen noch zu bestimmenden Zeitpunkt wieder abholt. Und die Rebellen werden Ihnen insofern vertrauen, weil der Dolpo-Pa bei Ihnen ist. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, er ist so etwas wie ein Adeliger unter den Tibetanern.«

»Dieser Haan. Ist er der Meinung, dass er es schaffen wird?«

Sheehy nickte. »Er sagt, dass es zu machen ist.«

»Und wo genau liegt Basis Alpha?«

»Noch einmal etwa fünfzig Kilometer weiter im Westen, in einem unzugänglichen Hochtal. Der einzige Pass, der hineinführt, wird von starken Einheiten der Chikoms abgeschirmt, wie wir von der Satellitenüberwachung wissen. Außerdem finden in der ganzen Gegend ständig Manöver statt, angeblich wegen der Rebellen. Natürlich dienen die nur zur bequemen Vertuschung des wahren Sachverhalts.«

»Kann ich die Basis mal sehen?«, bat Conroy.

Das Holo geriet erneut in Bewegung. Immer wieder hoben sich Vergrößerungen hervor, drehten sich, dehnten sich aus und wurden durch neue ersetzt. Es war wie eine Kamerafahrt aus dem Weltraum hinab in das Hochtal.

Dann war keine weitere Vergrößerung mehr möglich.

Conroy runzelte die Brauen.

Das Standbild zeigte ein Areal von etwa zwei mal zwei Kilometern, eingerahmt von hohen Bergen, die das schon über Alpengipfelniveau liegende Tal noch einmal um zwei- bis dreitausend Meter überragten.

Nachdenklich blickte er auf die Holographie.

Auf dem virtuellen Talgrund umrahmten mehrere konzentrische Energiezäune das Forschungslabor, vielmehr das, was davon an der Oberfläche zu sehen war.

»Schwierig, da reinzukommen. Die Berge scheinen unüberwindlich. Und es über den Pass zu versuchen, dazu müsste ich unsichtbar sein. Na, mal sehen. Wahrscheinlich werde ich eine gute Portion Glück mitbringen müssen«, murrte Conroy verdrossen, ohne es jedoch ernst zu meinen.

Sheehy nickte wieder. »So wird's wohl sein!« Er berührte mit dem Zeigefinger die linke obere Ecke der virtuellen Karte.

Der Computer zog das Holo wieder ein.

»Wann geht es los?«, fragte Conroy.

»Heute Abend noch bringt Sie ein Interkont-Shuttle nach Delhi. Von dort aus können Sie einen Hovercarrier nach Kaschmir bekommen. Damit wäre wohl alles besprochen.« Er stand auf und fuhr fort: »Halten Sie sich an den Major. Er hat alles für Ihre Legende vorbereitet. Lassen Sie sich die Unterlagen aushändigen und lernen Sie sie auswendig. Er wird sich auch um Ihre Ausrüstung kümmern. Viel Glück, Conroy. Und – enttäuschen Sie mich nicht.«

Morton verzichtete darauf, auf diese Floskel eine Antwort zu geben.

Es ist immer das gleiche, dachte er. Irgendwer baut Scheiße, und ein anderer bringt diese Scheiße wieder in Ordnung. So funktioniert die Welt! Ob diese Prämisse auch fürs übrige Universum zutrifft?

An der Tür wandte er sich noch einmal um.

»Eine letzte Frage, Sir! Wieviel weiß dieser Ray Haan über mich, über diese Aktion?«

Oberst Sheehy starrte für mehrere Sekunden ins Leere. »Nichts«, antwortete er dann. »Für ihn sind Sie nichts weiter als ein verrückter, weil offensichtlich lebensmüder Ethnologe, der sich für das archaische Leben der tibetanischen Bergmönche interessiert und sich den Teufel um die brisante Lage in dieser Region schert.«

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TEIL ZWEI: DAS TOR ZUR HÖLLE

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Ein Held ist jemand,

der sich zur falschen Zeit

am richtigen Ort befindet

und dumm genug ist,

dort zu bleiben...

SPRICHWORT DER MAORI

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6. Kapitel

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Der Hovercarrier senkte sich mit heulenden Hubtriebwerken auf das Flugfeld Schrinagars hinunter, setzte auf und federte tief durch.

Conroy löste den Gurt.

Die Leuchtschrift forderte die Insassen zum Verlassen der Maschine auf.

Conroy nahm sich Zeit.

Die knapp zwei Dutzend Passagiere waren überwiegend japanische Geschäftsleute und ein paar junge Chinesinnen. Ihre Bewegungen und das schnelle Plappern ihrer lackierten Münder verrieten die Zugehörigkeit zu einer Kategorie von Mädchen, deren Gewerbe zu einem der ältesten auf der Erde gehörte. Sie alle drängelten sich um den Ausgang, als gälte es, jede Sekunde des Aufenthaltes auszukosten. Sie warfen ihm herausfordernde Blicke zu, kicherten und wiegten sich in den geschlitzten Seidenkleidern wie Bambus im Wind.

Conroy grinste matt und verließ nach ihnen das Shuttle.

Sonnenlicht und Hitze trafen ihn wie ein Faustschlag.

Lautsprecher wehten ein undeutliches Willkommen herüber.

»Schrinagar heißt Sie willkommen. Ihre Ankunftszeit ist...«

Das Transportband trug ihn zusammen mit den anderen Passagieren der Sicherheitszone und deren Kontrollen entgegen.

»... bitte benutzen Sie Ausgang Zwei und leisten Sie den Anweisungen des Personals Folge...«

Noch bevor er die Halle erreichte, war das Shuttle bereits wieder in Richtung auf Delhi gestartet. Sekunden später verschmolz es mit dem klaren Himmel.

Morton Conroy trat vom Band herunter und ging durch den breiten Eingang. Er schrak etwas unter dem Strom kühler Luft zusammen, der aus den Gittern an der Decke kam, und ging tiefer in die Halle hinein. Fast reflexartig glitt sein Blick über die ihn umgebende Menge; es gab eigentlich keinen Grund dafür, aber in den Jahren beim Militär war es ihm zur Gewohnheit geworden, in Menschenansammlungen einzelne Gesichter zu betrachten. Man wusste ja nie, woher die Kugel oder die Klinge eines Attentäters kommen konnte. Aber die Leute in der Halle waren nur darauf aus, Reisende zu begrüßen oder zu verabschieden.

Plötzlich spürte er, wie sich seine Rückenmuskeln verhärteten.

Gefahr?

Er besaß keine telepathischen Fähigkeiten, aber ein ausgeprägtes Gespür für außergewöhnliche Stimmungen oder gefährliche Situationen. Mitunter war das recht hilfreich; in vielerlei Hinsicht. Suchend blickte er umher, als erwarte er jemanden, der ihn abholen kommen würde.

Das Gefühl wurde zur Gewissheit, als er vier in graugrünen, gepanzerten Uniformen steckende Soldaten des Pan-Pazifischen Blocks am Ausgang entdeckte. Eine unterschwellige Drohung ging von ihnen aus; die klobigen, schallgedämpften Maschinengewehre mit dem daruntergesetzten Rohr für panzerbrechende Lenkprojektile trugen sie feuerbereit in den Armbeugen, und eine gewisse Spannung war zu erkennen, als sich die kleine Gruppe der Reisenden vor der Passkontrolle aufreihte.

Der Beamte prüfte übertrieben sorgfältig die Dokumente.

Es ging nur schleppend voran.

Stimmen voller Ungeduld flogen hin und her.

»... wir suchen«, antwortete der Sicherheitsbeamte am Durchgang auf die Frage eines Passagiers, »nach ein paar flüchtigen Verbrechern.«

»Na, dann komme ich ja wohl nicht in Frage, oder?« Die dünne Stimme gehörte einer ebenso dünnen Frau mit spitzem Gesicht und wässrigen Augen. Neben den abstehenden Ohren war das Bemerkenswerteste an ihr ein riesiger Dutt aschblonder Haare. Jetzt lachte sie meckernd wie eine nepalesische Bergziege zu ihrer Bemerkung.

Stirnrunzelnd musterte sie der Beamte. Dann verzog er ärgerlich das Gesicht, warf ihr ihren Pass zu und schnappte: »Wohl kaum, Madam. Gehen Sie weiter!«

Als Conroy an der Reihe war, zückte er seinen ID-Chip und reichte ihn dem Mann. Obwohl keine Information auf dem Datenträger der Wahrheit entsprach, war Morton recht zuversichtlich, ohne Schwierigkeiten passieren zu dürfen.

Der Beamte warf einen kurzen Blick darauf und schob sie dann in das Lesegerät vor ihm.

»Was ist der Zweck Ihres Besuches in Schrinagar, Mister Conroy?«, fragte er und ließ den Monitor nicht aus den Augen.

Conroy wusste, was jetzt geschah.

Der Computer würde in einen Dialog mit dem Netzwerk des PPB treten, um die auf dem Chip gespeicherten Informationen in Relation zu den Suchkriterien der sicher bestehenden Fahndungslisten zu setzen. Auf allen größeren Shuttleports und Interkont-Flughäfen der Welt wurde es so gehandhabt.

Das übliche Verfahren eben.

Und nutzlos – in diesem Fall.

Denn die Antwort würde lauten: negativ.

SY.N.D.I.C.s diskrete Hacker-Unterstützung hatte für derlei Überprüfungen längst Vorsorge getroffen...

»Ich bin Ethnologe«, antwortete er, »und betreibe im Auftrag des Rimtec-Institutes ein paar Studien in Ihrem Land.«

»Und wie lange gedenken Sie zu bleiben?«

»Das hängt von meinem Sponsor ab, aber ich denke, so etwa zwei Wochen.«

Der Beamte tippte auf der Tastatur des Lesegeräts.

Mit leisem Klicken sprang die ID-Card Mortons aus dem Aufnahmeschlitz. »Ihre Aufenthaltsgenehmigung gilt für zwanzig Tage«, sagte der Beamte und reichte sie zurück. »Wenn Sie länger bleiben wollen, müssen Sie sie verlängern lassen.«

»Schönen Dank«, erwiderte Conroy.

Und schon war er durch.

Die kreisförmig angeordneten Sitzgruppen links liegenlassend, bewegte er sich rund vierzig Schritte nach rechts zur Information. Lehnte sich gegen die niedrige Barriere, stellte die abgenutzte Reisetasche auf die polierte Theke und schlug mit den Fingern einen kleinen Wirbel.

Die Angestellte wurde aufmerksam.

»Mein Name ist Conroy«, sagte er. »Dr. Morton Conroy. Rimtec hat einen Schließfachschlüssel für mich hinterlegt. Richtig?«

Die Nepalesin in ihrer farbenprächtigen Landestracht warf einen Blick auf Mortons Flugschein.

»Das ist richtig, Sir.«

Die Schließfächer befanden sich am anderen Ende des Gebäudes. In der Halle herrschte das übliche Tohuwabohu vor den Abflügen. Lautsprecherdurchsagen mischten sich mit dem babylonischen Sprachengewirr der wartenden Passagiere und den einzelnen Aufrufen zu den Starts planmäßiger Maschinen. Er benötigte zwei Minuten, bis er die Reihen der Schließfächer erreicht hatte.

Unauffällig blickte er in die Runde.

Auch jetzt verließ ihn die Vorsicht nicht.

Ein untersetzter, breitschultriger Mann mit einer Stirnglatze und einem Mantel über dem Arm bewegte sich am Beginn der Reihe und schien ein freies Fach zu suchen.

Etwas weiter bemühte sich eine junge nervöse Frau, eine Tasche von beträchtlichem Umfang in ein Schließfach zu stopfen und gleichzeitig auf drei kleine Gören aufzupassen, die ihr ständig davonliefen.

In der anderen Richtung war niemand zu sehen.

Morton öffnete das Fach, zu dem sein Schlüssel gehörte, und fand darin eine kleine, schwarze Reisetasche mit dem Aufdruck einer nicht existenten Fluggesellschaft. Die Tasche enthielt eine Ooni MDK, eine kompakte Waffe in einem Reeger-Gürtelholster. Der Lauf war mit einem daruntergesetzten Laserzielgeber versehen. Die Waffe arbeitete durch ein nanoprozessorgesteuertes Dämpfungssystem nahezu lautlos und zeigte keinerlei Mündungsfeuer. Alles Attribute, die in bestimmten Situationen von unschätzbarem Wert waren. Sie ließ sich vom Einzelschuss- in den Feuerstoß-Modus umschalten, wobei sie zwischen drei und sechs Kugeln ausstieß. Die miniaturisierten Hochgeschwindigkeitsprojektile durchschlugen mühelos Körperpanzer der Klasse III. Eine nahezu unschlagbare Waffe für den Nahkampf. Sie ließ sich außerdem mit mehreren Munitionsarten bestücken, darunter Brandsätze und Urankugeln gegen gepanzerte Roboter.

Neben der Waffe lag noch ein etwas größerer Umschlag in der Tasche. Morton öffnete ihn und entnahm ihm ein Fax mit seiner Hotelreservierung, die für das »Maniloa International« galt. Kurz überlegte er, dann ließ er beides in der Tasche und stopfte diese in seine eigene, wesentlich größere Reisetasche.

Zurückgekehrt zur Information, übergab er den Schlüssel der Angestellten und bedankte sich.

»Keine Ursache Sir«, antwortete die Nepalesin. »Übrigens, Sir – Sie werden erwartet.«

»Von wem?«

»Dort drüben, Sir.«

Morton warf einen Blick in die angegebene Richtung. Er vermutete, SY.N.D.I.C.s Kontaktmann in Schrinagar, Poul Devlin, zu sehen.

Er irrte sich.

Ein erfreulicher Irrtum, wie er feststellte.

Es handelte sich um eine junge Frau.

Sie saß in einer der mit weißem Kunstleder gepolsterten Fiberglasschalen unmittelbar neben dem Zeitschriftenkiosk und blätterte in einem Journal. Von ihrem Gesicht war nicht viel zu erkennen. Eine rote Haarflut entzog es Mortons Blicken.

Er ging hinüber. Stand jetzt vor der jungen Frau. Für einen Moment überlegte er, wie er sich bemerkbar machen sollte. Dann sagte er übertrieben freundlich: »Verzeihung, Miss! Haben wir uns nicht schon mal gesehen?»

Sie sah auf, musterte ihn schweigend und mit deutlich erkennbarer Zurückhaltung. Der Ausdruck in ihren grauen Augen tendierte zur Langeweile. Doch dann legte sie die Zeitschrift auf dem niedrigen Tisch ab und warf mit einer energischen Bewegung ihre Haare zurück; sie schimmerten im Licht der Halle wie poliertes Teakholz.

»Guten Tag, Mr. Conroy!«, sagte sie mit heller, weicher Stimme. »Lassen Sie dieses alberne Getue! Selten habe ich eine geistlosere Parodie dieses abgeschmackten Witzes gehört.«

»Bei der siebenundneunzigsten Sure«, entfuhr es Morton verblüfft. Seine Augen blitzten. »Sollte ich tatsächlich mal einer Frau mit Verstand begegnet sein?«

Ihr Blick hätte das Wasser des Flusses Dschilam einfrieren können.

»Mister!«, entgegnete sie scharf und akzentuiert. »Es entzieht sich meiner Kenntnis, in welcher Gesellschaft Sie sich für gewöhnlich bewegen. Ich möchte mich dazu auch nicht äußern. Nur dies: In den Kreisen, in denen ich meine Freunde suche und finde, benimmt man sich etwas höflicher einer Frau gegenüber. Falls Sie es noch nicht gemerkt haben: Sie verkehren hier unter zivilisierten Menschen.«

»Mit Ihnen zur Seite?«, erkundigte er sich lächelnd.

Sie stand auf. Ihre Figur war ohne Tadel; an genau den richtigen Stellen proportioniert, und das nicht zu wenig. Sie war ohne Zweifel das hübscheste Wesen, dem Morton seit langem begegnet war.

»Es wird Ihnen nichts anderes übrigbleiben«, antwortete sie kühl. »Man hat mich zu Ihrem Chauffeur bestimmt. Zumindest so lange, bis ich Sie abgeliefert habe.«

»Man...?«, dehnte Morton.

»Mr. Poul Devlin. Der Manager von Rimtec – und mein Boss.«

Morton Conroy nickte. »Wie umsichtig von ihm, Sie zu schicken. Sind Sie sicher, den Anforderungen einer Fahrt zu genügen?«

Ihr Lächeln wurde um eine Spur herablassender.

»Vertrauen Sie sich mir ruhig an. Ich kenne Schrinagar in- und auswendig. Bin ausgebildet in Kranken- und Säuglingspflege und verstehe mich auch darauf, einen Schraubenschlüssel richtig anzuwenden, falls es erforderlich sein sollte.«

»Letzteres spricht für Sie. Mit wem habe ich das – unbestreitbar reizende – Vergnügen?«

»Nomi McIrnerny. Ich bin Mister Devlins Assistentin.«

»Das geschieht mir recht.« Morton spielte den Zerknirschten. »Verzeihen Sie mir?«

»Wenn Sie damit meinen, ob ich Ihnen Ihre ungehörige Bemerkung über die weibliche Intelligenz verzeihe, ja.«

»Ich werde es nicht wieder tun«, versprach er. »Unterhalten wir uns zur Abwechslung einmal vernünftig.«

»Gerne. Worüber?«

»Zum Beispiel: Hotel und Bett...«

Sie runzelte die glatte Stirn.

»Sie müssen wissen«, sprach Morton Conroy rasch weiter, »dass es mir miserabel geht. Gestern war ich noch in Aden. Heute schon hier. Der plötzliche Ortswechsel war zuviel. Ich fühle mich etwas indisponiert...«

Sie stand schnell auf und griff nach seinem Arm, als befürchte sie, er könne jeden Moment umsinken.

Als sie sein Grinsen sah, hüstelte sie und zog ihre Hand zurück, als hätte sie heißes Eisen berührt.

»Kommen Sie, Sie schrecklicher Mensch«, sagte sie undeutlich und biss sich auf die Lippen. Sie schien verärgert, aber sie beherrschte sich schnell wieder. »Möchten Sie etwas essen? Ich kenne da ein paar ausgezeichnete Speiselokale...«

»Danke. Ich hab' schon im Hover gegessen. Wenn Sie nichts dagegenhaben, möchte ich so schnell wie möglich ins Hotel. Was ich am dringendsten brauche, ist eine kalte Dusche und eine Rasur.«

Sie sah ihn prüfend an. Dann nickte sie; um sein Kinn wucherte ein üppiger Stoppelbart.

»Mein Hover steht draußen. Ich bringe Sie ins Hotel.«

Sie hängte sich ihre Tasche um die Schulter. Ihre Augen verbarg sie hinter einer Sonnenbrille mit riesigen runden Gläsern und einem blauweiß geringelten Gestell. Sie ging voraus und fragte über die Schulter: »Haben Sie Gepäck?«

»Nur leichtes.« Er hielt seine Tasche hoch. »Hab' mich ganz darauf verlassen, dass Rimtec mich mit allem ausstattet, was ich hier für meine Arbeit brauche.«

Sie nickte bestätigend.

»Liegt schon alles im Hotel für Sie bereit.«

Beim Hinausgehen bemerkte Morton den Mann. So unauffällig wie ein Paradiesvogel zwischen einer Gruppe Pinguine lehnte er an einer Säule und starrte in ihre Richtung. Für einen Augenblick schien die Szene wie in einer Standbild-Sequenz erstarrt. Dann schob sich die Gruppe kichernder Chinesinnen zwischen Conroy und dem Mann. Als die Sicht wieder frei war, war von ihm nichts mehr zu sehen.

Conroy legte die Stirn in Falten. Während er seiner jungen Begleiterin folgte, beschäftigte ihn die Frage, weshalb jemand so großes Interesse an seiner Person zeigte? Oder lag er falsch mit seiner Vermutung, und die Neugierde des Mannes galt lediglich seiner Begleiterin?

Conroy zuckte die breiten Schultern und beeilte sich, seiner Führerin auf den Fersen zu bleiben.

Nomi McIrnernys Hover stand in einer Parkreihe; ein Honda Ramfire IIe. Die feuerrote Kunststoffschale des Renners war in der Reihe der behäbigeren Hovercrafts so fehl am Platz wie ein Hightech-Trimaran zwischen halbzerfallenen Dhaus.

Morton pfiff laut und anerkennend.

»Stopp, Mister!«, rief sie. »Ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse auf die Höhe meines Gehaltes. Es ist ein Wagen aus dem Fuhrpark von Rimtec. Möchten Sie vielleicht fahren?«

Er winkte ab.

»Ich ziehe von Zeit zu Zeit die Annehmlichkeiten des Beifahrersitzes vor. Außerdem kenne ich die Straßen Schrinagars nicht. Vermutlich hätte ich in allerkürzester Zeit mehr Strafmandate am Hals als Sie im ganzen Jahr.«

»Danke für das Vertrauen«, antwortete sie trocken. »Hoffentlich werden Sie jetzt nicht allzusehr von meinen Fahrkünsten enttäuscht.«

»Nur zu!«, sagte er leichthin und warf die Reisetasche auf den Rücksitz. »Ich bin hoch versichert.«

Er griff an ihr vorbei, berührte zufällig ihre Brust unter dem dünnen Stoff des Kleides und registrierte anerkennend, dass sie sich dem Druck seiner Hand kaum entzog. Als er ihr die Tür öffnete, nahm er den schwachen Duft von Sandelholz wahr. Danach ging er um den Wagen herum und warf sich in die kochend heiße schwarze Lederpolsterung des Schalensitzes.

Mit einem schwachen Fauchen erwachte das Aggregat.

Die junge Frau manövrierte den Gleiter gekonnt aus der Parkbucht heraus, wendete, beschleunigte mit der Kraft einer startenden Rakete und reihte sich in den schnellfließenden Verkehr auf der zweispurigen Straße ein, die vom Hoverport ins Stadtzentrum führte.

*

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Sie fuhren nach Schrinagar hinein.

Die Luft war vom schweren Duft blühender Jakaranda und Hibiskus erfüllt. Die jenseitigen Hänge trugen Teepflanzungen und Wälder, die sich fast bis zum Fluss zogen.

Morton Conroy betrachtete die dahinterliegenden, gewaltigen weißen Gipfel, die wie eine ausgezackte Silhouette vor dem leuchtendblauen Himmel standen.

»Das also ist das Tal von Kaschmir«, meinte er.

»Richtig. Enttäuscht?«

»Nicht die Spur«, beteuerte er. »Leben Sie schon länger hier?«

»Seit etwa drei Jahren.«

Sie verlangsamte die Geschwindigkeit des Hovers, um eine Reihe gelbgekleideter Mönche mit kahlgeschorenen Köpfen über die Straße zu lassen.

Danach beschleunigte sie wieder.

Conroy hielt die Hand in den Fahrtwind.

»Würden Sie mich über die Lage hier informieren, Miss McIrnerny?« Er musste fast schreien.

»Wie meinen Sie das? Politisch? Ökonomisch? Soziologisch?«, rief sie zurück und lächelte. Ihr Haar flatterte im Fahrtwind, trotz des Windabweisers. »Nennen Sie mich nicht dauernd Miss McIrnerny. Sagen Sie Nomi. Und wie darf ich Sie nennen?«

»Morton, natürlich. Wie ist es nun mit den Informationen – ganz allgemein?«

Sie fuhren an den düsteren, halbzerfallenen Mauern eines alten Klosters vorbei; es lag auf einem Felsgrat, der sich wie ein Messerrücken aus dem Boden erhob

Nomi verlangsamte etwas die Geschwindigkeit, so dass eine normale Unterhaltung möglich wurde, während sie in die Stadt hineinfuhren.

»Die Lage ist, wörtlich und politisch und ganz allgemein, hochexplosiv. China macht sich Sorgen über eine neue Rebellenbewegung, deren Führer die ständigen Kontroversen um die Nordostregionen beenden möchten – zu seinen Gunsten natürlich.«

»Das dürfte schwierig werden«, bemerkte Conroy. »Derartige Versuche hat es seit der Vertreibung des Dalai Lama vor über einem Jahrhundert immer wieder gegeben. Sie scheiterten alle.«

»Diesmal handelt es sich aber um mehr als nur eine Gruppe moralisierender Mönche. Die Bewegung umfasst weite Kreise der Bevölkerung. Die Rebellen kommen aus allen sozialen Schichten. Die Organisation hat mehrere prominente Namen im Briefkopf – Anwälte, Richter, Manager, Priester.«

»Und ihr Ziel?«

»Der Anschluss der Nordostregionen Ladak, Kaschmir, Karakorum, Rungmar Thok, Aksai Tschin und Lingsi Tang an Tibet...«

Conroy versuchte, nicht allzu überrascht zu wirken, während er dachte: Das könnte – wieder mal! – Krieg bedeuten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Neue Chinesische Kaiserhaus auf die Gold- und Uranfelder von Rungmar Thok verzichtet, ohne dass es zu einem mörderischen Kampf innerhalb des Pan-Pazifischen Blocks kommt.

»... und es halten sich hartnäckige Gerüchte, dass eine Rebelleninvasion bevorstünde«, erreichte ihn Nomis Stimme.

»Von welcher Seite?«

Sie zuckte die Schultern. »Das weiß man nie genau...« Sie schaute ihn von der Seite an. »Aber lassen wir das. Es würde im Augenblick zu weit führen, Morton, näher darauf einzugehen. Ich werde Ihnen gerne mehr darüber erzählen, nur nicht jetzt. Im Augenblick haben Pouls, ich meine Mister Devlins Anordnungen Vorrang.«

»Und wie lauten diese... hm... Anordnungen?«

Wieder erschien das merkwürdige Lächeln auf ihrem Gesicht.

»Dass ich Sie zunächst im Hotel abzuliefern und später dann mit diesem Ray Haan bekanntzumachen habe.«

»Und wann werde ich Mister Devlin zu Gesicht bekommen?«

Sie schwieg einige Sekunden und blickte konzentriert auf die Straße. Schließlich erwiderte sie: »Ich erwarte ihn nicht vor heute Nacht zurück. Er musste dringend nach Lhasa.«

»So. Wer kümmert sich zwischenzeitlich um die Geschäfte von Rimtec?«

»Wer schon? Ich natürlich.«

»Natürlich«, murmelte er. »Wie dumm von mir. Wie konnte ich etwas anderes annehmen.«

Sie steuerte den Hover vorsichtig durch eine enge Basarstraße. Conroy blickte hinaus auf die durcheinanderquirlende Menschenmenge. Foss ist sicher ein guter Agent gewesen, dachte er. Vielleicht sogar der beste, den SY.N.D.I.C. in seiner jungen Geschichte je hatte – bis er durch irgendeinen dummen Zufall aufflog. So etwas kann jedem passieren. Und wenn du noch so vorsichtig bist – irgendwann einmal wird auch deine Nummer in dieser Lotterie gezogen...

Er verscheuchte die trüben Gedanken.

Nachdem sie das Basarviertel mit seinem Gewirr von chinesischen Teestuben und mohammedanischen Gebetsstätten verlassen hatten und auf eine breite Straße kamen, befanden sie sich plötzlich und ohne Übergang im modernen Teil Schrinagars mit seinen Hochhäusern, den Banken, den Hotels ...

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