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Sechs Wochen Maßnahme

Anna Mende

Sechs Wochen Maßnahme


Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Mein besonderer Dank gilt meiner Tochter Simone. Sie hat sich die Zeit genommen, um an der Gestaltung des Buches zu arbeiten … wenn sie nicht gerade bei ihrem Pferd war.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Der Schock

Die Straße endete, aber die Nummer sieben hatte ich nicht gefunden. Ich muss daran vorbei gefahren sein, ohne es zu bemerken, denn hier war bereits Nummer vierzehn. Ein riesiges weißes Gebäude mit einer großen, in blauer Farbe auf weiße Wand gemalten vierzehn. Ich war ratlos. Hier war man nicht nach dem Zickzackprinzip vorgegangen, was die Suche erschwerte. Das hatte ich andernorts auch erlebt, dass Hausnummern schwer nachvollziehbar angeordnet waren. Ich selber wohne in so einer Gegend. Wie oft schon stand jemand bei mir an der Haustür und fragte nach einer Adresse, weil die Nummern irrgartenähnlich vergeben worden waren. Diese Erkenntnis nutzte mir momentan nichts, ich musste diese Adresse finden und zwar schnell. Mir stand nur ein bestimmter Zeitrahmen zur Verfügung, mich dort zu melden. Vielleicht hatte jemand schon längst angerufen und nachgefragt, ob ich eingetroffen sei. Wenn ich die eingeplante Zeit überschritt, gab es Ärger. In welcher Form würde sich noch herausstellen. Aber ich wollte es auf keinen Fall darauf ankommen lassen, also musste ich mich beeilen.

 Ich fuhr mit meinem Auto in den Wendekreis, drehte dort, und bog gleich links in einen großen Parkplatz ein. Es gab noch eine einzige Parklücke, die ich belegte, stieg aus und sah mich um. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Wo war ich hier nur gelandet? Genervt war ich und kam mir verloren vor. Das ist immer so, wenn ich in einer mir fremden Gegend etwas suche und es nicht auf Anhieb finde. Außerdem war ich überzeugt, dass sechs scheußliche Wochen vor mir lagen. Eingesperrt in einen Schulungsraum mit vielen fremden Menschen, die ich vielleicht nicht leiden konnte, aber ertragen musste. Da konnte alles dabei sein, Faulenzer mit schmutziger Kleidung, Alkoholiker mit Bierfahne oder weibliche Wesen mit billigem Parfum, das den Geruchssinn strapazierte. Meine Stimmung war auf dem Tiefpunkt und nicht nur das, ich hatte schreckliche Angst.

 Schuld war Olivia Schindler, meine Beraterin beim Arbeitsamt. Sie hatte mich noch während eines Termins, den ich heute morgen bei ihr hatte, zu dieser Maßnahme angemeldet, zu der ich jetzt auf dem Weg war. In ihrem Büro hing ein Plakat an der Wand, auf dem ein Netzwerk zwischen Firmen, Arbeitsämtern und händeringend nach Arbeit suchenden Personen vorgestellt wurde. Es klang alles sehr einleuchtend, sehr einfach und sehr Erfolg versprechend. Wer eine Arbeit verloren hatte, fand schnell wieder neue. Das jedenfalls versprach dieses Plakat. Warum hatte ich bislang die Realität nur anders erlebt?

“Der Einstieg in dieses Programm ist eine sechswöchige Maßnahme in einem unserer Schulungszentren,” erklärte mir Olivia.

„Ist es zwingend notwendig, dass ich daran teilnehme?”, versuchte ich das ganze mit einem letzten Versuch abzuwenden

„Auf jeden Fall sollten Sie das. Sie haben über einen längeren Zeitraum nicht mehr in einem Arbeitsverhältnis gestanden. Ich verspreche Ihnen eins, wenn Sie das durchgezogen haben, sind Sie fit und bewältigen den Arbeitsalltag und Ihre Aufgaben, egal in welcher Firma und in welchem Bereich. Niemand wird Ihnen nachweisen, dass Sie für längere Zeit draußen waren”, schwärmte Olivia.

Sie saß kerzengerade hinter ihrem Schreibtisch und lächelte. Sie lächelte meistens, aber jetzt merkte man ihr an, dass sie durchaus zufrieden war, mir einmal etwas anderes, ihrer Meinung nach sogar besonderes, anbieten zu können, nicht nur die übliche Durchsicht von Stellenangeboten. Abwechslung konnte nicht schaden, aber das Wort Maßnahme in diesem Zusammenhang gefiel mir nicht. Es klang nach Zwang und Gewalt und danach stand mir nicht der Sinn.

 Es war Ende Oktober und heute war der erste richtig kalte Morgen in diesem Herbst. Das Büro von Olivia Schindler lag im ersten Stock. Die Bäume vor dem Fenster hatten bereits den größten Teil ihres Laubes verloren und man sah durch die Äste hinweg auf die von Rauhreif überzogene Landschaft. Olivia Schindler schaute aus dem Fenster und wechselte plötzlich das Thema.

„Haben Sie heute morgen auch so gefroren, als Sie aus dem Haus kamen?”, fragte sie mich.

Ich bejahte und erzählte ihr, dass ich mit so einem frostigen Morgen noch nicht gerechnet hatte, und die Scheiben von meinem Auto erst frei kratzen musste, bevor ich losfuhr. Richtig warm wurde mir erst, als ich dieses Gebäude betrat. Die Räume hier waren eher überheizt. Deshalb trug Frau Schindler ein sommerliches Oberteil und hatte eine Jacke über die Stuhllehne gehangen, sicher für den Fall, dass die Heizung einmal nicht so funktionierte.

Sie war eine sympatische Person. Ich konnte sie gut leiden. Auch ihr verdankte ich es, dass ich die Hoffnung noch nicht verloren hatte, beruflich wieder Fuß zu fassen. Die Zuversicht, die sie ausstrahlte, übertrug sich auf andere. Das war in der Position, die sie innehatte, besonders wichtig. Ihre dunklen Haare hatten stets einen perfekten Schnitt, den ich immer bewundert hatte. Sie trug wenig, aber sehr geschmackvollen Schmuck. Bei einem früheren Besuch hier im Amt sprach ich sie einmal auf eine Brosche an, die sie trug.

“Ein Erbstück”, anwortete sie kurz, aber es war ihr anzumerken, dass sie sich freute, dass jemand die Besonderheit dieses Schmuckstücks erkannt hatte.

 Wir waren in den vergangenen Monaten immer gut miteinander ausgekommen. Obwohl halb so alt wie ich, zeigte sie Verständnis für meine Lage und konnte sich gut in die Situation hineinversetzen. Was zur Folge hatte, dass sie alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel wahrnahm, um mir aus der Misere herauszuhelfen. Dazu gehörten natürlich auch Maßnahmen von der Art, die sie mir soeben beschrieben hatte.

“Sie nehmen an dem Programm für Personen ab fünfzig teil. Gerade gestern hat ein neuer Kurs begonnen, da können Sie heute noch dazustoßen. Vorher kläre ich sicherheitshalber ab, ob noch ein Platz frei ist.”

Ich fühlte mich überrumpelt. Ehe ich etwas sagen konnte, griff sie zum Telefon, rief in dem Schulungszentrum an und meine Teilnahme war beschlossen.

Als das Telefonat beendet war, schaute sie mich zufrieden lächelnd an. Ich hatte schon längst kapituliert. Außerdem hatte ich keine andere Wahl. Ich mußte mich dem fügen. Nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen eine Teilnahme daran gehabt hätte, aber ich fühlte mich ins kalte Wasser geworfen. Auch mußte ich einiges an Terminen für die kommenden Tage verschieben. Etwas mehr Luft bis zum Beginn dieser Schulung wäre mir entgegen gekommen.

“Da haben wir Glück gehabt, Sie können noch teilnehmen.”

Sie erklärte mir den Weg und legte mir eindringlich nahe, mich unverzüglich dorthin zu begeben. Einkäufe oder sonstige Erledigungen waren unbedingt auf später zu verschieben. Ich hatte große Mühe, mir meinen Unmut nicht anmerken zu lassen. Dann verabschiedeten wir uns voneinander, und ich verließ das Büro. Trotz der Wegbeschreibung hatte ich nur eine vage Ahnung, wo ich jetzt hin sollte. Dazu kannte ich mich in Suhlingen zu wenig aus. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich eine stressige Sucherei vor mir hatte.

 Nachdem ich die letzte freie Parknische gefunden hatte, stieg ich aus und ging auf das riesige weiße Gebäude mit der Nummer vierzehn zu. Ausbildungszentrum für Bau war in großen Buchstaben, die das gleiche Blau wie die Hausnummer hatten, auf die Fassade gemalt. Vor dem Eingang standen Männer in mehreren Gruppen zusammen, die rauchten und schwatzten. Ich war sicher hier jemanden zu finden, der mir genau erklären konnte, wo das Gebäude mit der Nummer sieben lag, damit die Sucherei ein Ende hatte. Während ich noch überlegte, wen ich fragen könnte, vernahm ich, dass sich alle in polnisch oder russisch, jedenfalls in einer slawischen Sprache, unterhielten. Mein Mut, einen von ihnen anzusprechen, sank. Die waren hier zur Aus- oder Weiterbildung, um auf dem Bau arbeiten zu können, demnach in dieser Gegend so wenig heimisch wie ich selbst. Außerdem könnte es Verständigungsprobleme geben. Ich zwängte mich durch die Gruppen durch, betrat das Gebäude und stand in einer riesigen Empfangshalle, die menschenleer war. Hilfesuchend schaute ich mich um und lief einige Male ziellos hin und her. Ein Mann in einem grauen Kittel kam eine der Treppen hinunter. Ein Hausmeister, schoss es mir durch den Kopf. Der kennt die Gegend hier, der kann weiterhelfen. Erleichtert steuerte ich schnellen Schrittes auf ihn zu und sprach ihn an: “Tschuldigung, ich suche die Hausnummer sieben in dieser Straße.”

Abwartend sah ich ihn an, aber er wirkte abwesend.

“Da ist das Schulungszentrum von Dauner + Sohn”, setzte ich noch hinzu. Jetzt blieb er stehen und seine Antwort war niederschmetternd.

“Kenne ich nicht. Auch nicht die Nummer sieben. Kann Ihnen nicht sagen, wo das Haus liegt. Es ist alles hier zu weit verstreut. Dieses Zentrum ist nur für Leute aus dem Baugewerbe”, sagte er und sah mich prüfend an, “da wollen Sie wohl kaum hin.”

Schon lief er weiter.

“Das kann doch nicht sein, dass sie das nicht kennen, schließlich arbeiten Sie in der Gegend”, brüllte ich ihm hinterher. “Das muss doch hier ganz in der Nähe sein.”

Ich war überzeugt, dass er keine Lust hatte sich damit aufzuhalten, mir den Weg zu der von mir gesuchten Adresse zu erklären.

“Hornochse”, brach es aus mir heraus. Er musste es gehört haben, denn er drehte sich empört nach mir um. Das wiederum hatte ich nicht gewollt und begab mich schleunigst zum Ausgang.

 Mit dem Gefühl, keinen Schritt weitergekommen zu sein, verließ ich das Gebäude und zwängte mich wieder durch die schwatzenden, rauchenden Männergruppen. Es war zehn Uhr vormittags, wahrscheinlich hatten die jetzt Pause, um von der Weiterbildung ein wenig den Kopf wieder frei zu bekommen.

Ich beschloss, mein Auto auf dem Parkplatz stehen zu lassen und die Gegend zu Fuß zu erkunden. Links und rechts der Straße lagen mehrstöckige Häuser wie Würfel großzügig verteilt auf einer endlosen Rasenfläche, die hier und da durch Bepflanzung unterbrochen wurde. Ich lief eine Weile, als ich vor der Nummer elf stand. Ein mehrstöckiges Ärztehaus, wie man an der zahlreichen Beschilderung neben der Eingangstür erkennen konnte.

Eine ältere Frau verließ das Haus. Ich lief ihr entgegen und fragte auch sie, ob sie wüsste wo die Nummer sieben sei. Sie schüttelte den Kopf.

“ Tut mir leid. Hier kennt man nur die Adresse, wo man hin möchte. Die anderen Häuser hier interessieren nicht.”

Mittlerweile schwankte ich zwischen Wut und Verzweiflung. Tränen traten mir in die Augen. Das kann doch nicht so schwer sein, diese Adresse zu finden. Am liebsten wäre ich zu meinem Auto zurückgekehrt, um nach Hause zu fahren. Aber das konnte ich vergessen. Heute morgen hatte ich das Gespräch beim Arbeitsamt. Olivia Schindler hatte mich bei der sechswöchigen Weiterbildungsmaßnahme für Leute ab fünfzig angemeldet. Sie hatte mir die Adresse, den Namen des Anbieters genannt und den Weg beschrieben. Aber irgendwie kam ich damit nicht zurecht, vielleicht auch aus dem Grund, dass ich diese Maßnahme absolut nicht wollte.

Ich irrte suchend umher.und meine Nervosität stieg, zumal der Kurs gestern schon begonnen hatte, und ich heute noch dazu stoßen sollte. Jetzt war es bald halb elf, und ich wusste nicht, wann ich da noch hineinschneien sollte. Außerdem war ich gezwungen teilzunehmen, bei Nichterscheinen drohten Repressalien wie Kürzungen der Leistung. Das kam für mich schon gar nicht infrage. Also stapfte ich tapfer weiter.

Olivia Schindler hatte von einem grünen Haus gesprochen, wo ich hin sollte, und so eins entdeckte ich, umgeben von Büschen und Hecken, von der Straße aus. Man kam über einen längeren Plattenweg dorthin. Deswegen hatte ich es vorhin im Vorbeifahren nicht gesehen, man kam nicht unmittelbar mit dem Auto daran vorbei.

“Das muss es sein,” dachte ich hoffnungsvoll und war erleichtert, als ich kurz darauf das Schild 'Bildungszentrum Dauner + Sohn' entdeckte. Ich folgte dem Schild, ging an einer Gruppe von Bänken, die im Halbkreis um einen Brunnen aufgestellt waren, vorbei und tauchte kurz darauf auch hier in einer schwatzenden und rauchenden Menge unter. Diesmal waren es Männer und Frauen aller Altersklassen, die sich vor dem Haus die Beine vertraten, frische Luft schöpfen wollten oder den Rauch ihrer Zigarette in die Luft bliesen. Mir fiel auf, dass hier sehr viele sehr junge Leute darunter waren. Das hieß, dass auch sie ohne feste Anstellung waren und hier über mehrere Wochen so eine Art Job Jumping versuchten.

Der Weg wurde abschüssig und führte zu der Eingangstür im Untergeschoß.

“Also der Keller des Hauses, wo das Bildungszentrum seine Räumlichkeiten hat,” schoss es mir durch den Kopf.

 Ich zog die Glastür auf und betrat den Flur. Mit einem Schlag kamen mir starke Wärme und Mief entgegen, dass es mir für einen Moment den Atem verschlug. Vom Boden bis zur Decke machte alles einen schmuddeligen Eindruck. Die Wände waren mit Postern, selbstgebastelten Plakaten und Fotos von irgendwelchen Personen vollgeklebt. Und das wohl schon vor langer Zeit. Es sah abgewohnt, eingestaubt und daher nicht wirklich schön aus. Die kleine Küchenzeile rechts hinter der Eingangstür in einer Nische war mehr als renovierungsbedürftig. Die wenigen Möbel sahen richtig schäbig aus, die Spüle quoll über von benutztem Geschirr, hätte aber auch ohne die ungespülten Tassen und Teller, die sich da türmten, schlimm ausgesehen. Davor standen zwei bis über den Rand mit Abfall gefüllte Mülleimer, deren Deckel halb offen standen. Der Boden klebte.

Ich ging weiter durch den Flur und schlängelte mich auch hier zunächst durch eine Gruppe herumstehender Frauen. Eine junge Dunkelhaarige verlor das Gleichgewicht und torkelte auf mich zu, so als ob sie mein Anblick aus der Fassung gebracht hatte. Irgendwie konnte ich ihr in dem Gedränge noch rechtzeitig ausweichen, ohne dass sie mich anrempelte. Ich kam bei einem Tisch an, auf dem geöffnete Brotdosen und Kaffeepötte standen. Alle Stühle, die zu dem Tisch gehörten, waren besetzt. Die Geräuschkulisse war gewaltig. Hier wurde ausgiebig Frühstückspause auf engstem Raum gemacht, und trotzdem konnte man den Eindruck gewinnen, dass jeder der hier Anwesenden bereit war, aus der Situation das Beste zu machen.

Denn niemand war freiwillig hier, das stand fest. Für einige Wochen sollten die Teilnehmer wieder so etwas wie einen Arbeitsalltag erleben. Früh aufstehen, pünktlich um acht Uhr hier erscheinen, sich an die vorgegebenen Pausen halten, Feierabend um halb vier. Den Tag zusammengepfercht auf engstem Raum bewältigen. Mir schwirrte der Kopf. Das Stimmengewirr, die vielen Leute, die schlechte Luft im hinteren Teil des Flurs und das grelle Neonlicht machten mich fertig. Ich war todunglücklich darüber, dass ich das hier die kommenden sechs Wochen aushalten musste. In diesem Moment konnte ich noch nicht ahnen, dass diese sechs Wochen für mich die schönste Zeit der vergangenen Jahre sein wird. Wie benommen ging ich auf die einzige Tür zu, die offen stand. Ich blickte in einen Klassenraum. Tischreihen, Stühle, vorne die Tafel. Auch hier an den Wänden zahlreiche Plakate, die während früherer Schulungen entstanden waren. Wahrscheinlich hatte niemand der hier Anwesenden noch irgendeinen Bezug dazu. Die vier Frauen, die an einem Tisch nahe der Tür saßen, blickten mich erwartungsvoll an. Auch sie kauten auf ihren Pausenbroten. In ihren Gesichtern war etwas Abweisendes wie “Na, wer bist du denn noch” oder “ Du willst doch nicht etwa auch noch dazu?” Das ignorierte ich und brachte stattdessen artig mein Anliegen vor:

“Ich suche die Gruppe der über fünfzigjährigen, die schon seit zwei Tagen zusammen ist. Ich soll noch dazu.”

“Da sind Sie bei uns aber so etwas von richtig,” schlug mir die tiefe energische Stimme einer Grauhaarigen mit sehr kurzem Haarschnitt entgegen.

“Hier ist jetzt Pause. Der Dozent ist in seinem Büro. Sie müssen sich dort melden.”

“Und wo bitte ist das Büro?”, wollte ich wissen.

“Die Tür direkt hinter Ihnen”, bellte die gleiche Stimme zurück.

Ich drehte mich um, konnte aber keine Tür ausmachen, die sie meinen könnte. Als ich sie hilflos anblickte, so nach dem Motto, tut mir leid, aber .... Kam ein schroffes

“Da, hinter Ihnen, links.” Jetzt entdeckte ich, was sie meinte.

Als Tür zu einem Büro konnte man das, vor dem ich stand, auf Anhieb nicht erkennen. Vollgeklebt mit Zetteln, Plakaten und Mitteilungen entdeckte ich in Augenhöhe ein Foto, auf dem ein Herr und eine Dame sich an einem Schreibtisch gegenüber saßen und freundlich in die Kamera blickten. Das sind bestimmt die Insassen dieses Büros, kam mir der Gedanke. Ich klopfte an und wartete ab. Als ich kein “Ja, bitte?” oder “Herein” hörte, was durch den Lärm hier draußen gut möglich war, öffnete ich vorsichtig die Tür und blickte in den Raum. Am Schreibtisch saßen zwei Herren, ein jüngerer mit dunklen Haaren und ein älterer mit Glatze. Der mit der Glatze war auch der Herr auf dem Foto. Die Dame wurde durch den Herrn mit den dunklen Haaren ersetzt. Sie war in dem Raum gar nicht anwesend. Beide blickten von ihren Schreibarbeiten auf, als ich eintrat.

“Mein Name ist Isa Reiter”, stellte ich mich vor. “Frau Schindler vom Arbeitsamt hat mich vorhin in der Maßnahme für über Fünfzigjährige angemeldet. Ich soll an der Schulung teilnehmen.”

Der ältere Herr mit der Glatze stand auf und kam auf mich zu.

“Kommen Sie rein und nehmen bitte hier Platz.” Er zeigte auf einen kleinen Tisch mit zwei Stühlen in einer Ecke hinter der Tür.

“Mein Name ist Steinko, ich bin der Dozent in diesem Kurs.”

Er ging zu einem Regal und nahm aus einem der Fächer ein Formular. Er legte es vor mich auf den Tisch und sagte:

“Bitte füllen Sie das aus.”

Ich begann in meiner Tasche nach meinem Kugelschreiber zu kramen. Wie immer, wenn ich ihn schnell brauchte, fand ich ihn nicht auf Anhieb.

“Brauchen Sie etwas zum Schreiben? Ich hole Ihnen einen Kugelschreiber,” sagte der Herr mit der Glatze.

“Nein, danke, aber ich habe einen dabei.”

Endlich hielt ich meinen Kugelschreiber in der Hand und begann mit dem Ausfüllen des Formulars. Der Herr mit der Glatze setzte sich auf den zweiten Stuhl am Tisch und sah mir beim Ausfüllen zu. Als ich fertig war, schob ich ihm das Formular über den Tisch zu.

“Sie müssen aber noch unterschreiben,” forderte er mich auf und gab mir das Blatt zurück. Meine Unterschrift vergaß ich oft auf Formularen. Deswegen musste ich extra einmal dreißig Kilometer zum Finanzamt fahren, um meine Einkommensteuererklärung noch zu unterschreiben. Das hatte ich vor dem Abschicken einfach vergessen. Aber hier war ja jemand, der mich direkt daran erinnerte.

“Wir fangen morgens um acht Uhr an und um halb vier nachmittags ist Schluß. Dazwischen gibt es vier Pausen. Drei kürzere und eine lange Mittagspause,” erklärte er mir.

Die Pausen machen es auch nicht besser, dachte ich mir. Ich wollte einfach nicht hier bleiben.

“Fangen Sie morgen erst an,” schlug er mir vor. “Sie sind ja heute morgen aus dem Haus gegangen mit der Annahme, in einer Stunde oder so in etwa wieder zurück zu sein und sollen gleich den ganzen Tag fortbleiben.”

Ich war erleichtert, als ich das hörte. Obwohl ich bis jetzt nicht genau wusste, ob mir der Herr mit der Glatze sympathisch oder eher weniger sympathisch war, hatte er bei mir gewaltig gepunktet. Fast zu schnell stand ich von meinem Stuhl auf. Er hatte meine Erleichterung bestimmt bemerkt.

“Also gut, vielen Dank, dann komme ich morgen früh,” sagte ich schnell, bevor er es sich noch anders überlegte.”

“Aber bitte pünktlich sein, wie gesagt, wir beginnen um acht.”

Er stand vor mir wie ein Lehrer, der seinen Schüler darüber informiert, was er durfte und was nicht. Ich streckte ihm die Hand entgegen, um mich zu verabschieden.

“Sagen Sie mir bitte noch einmal ihren Namen,” bat ich ihn.

“Steinko”, sagte er unwirsch. Es klang fast beleidigt, dass ich seinen Namen nicht mehr wußte. Ich sagte schnell “Auf Wiedersehen” und verschwand durch die Tür auf den Flur.

 Hier draußen war es jetzt menschenleer und somit ruhiger geworden. Die Pause war wohl zu Ende und alle waren wieder in ihre jeweiligen Räume zurückgekehrt. Ich kam noch einmal an der schmuddeligen Küchenzeile vorbei, bevor ich endlich im Freien war. Schnell kehrte ich zu dem Parkplatz zurück, wo mein Auto stand. Jetzt mußte ich schauen, dass ich nach Hause kam.

Meine Tochter hatte Semesterferien und wartete zu Hause auf das Auto. Ich hatte ihr versprochen, dass sie es haben kann, wenn ich wieder zurück bin. Aber jetzt hatte sich das zeitlich so verzögert, und da ich kein Handy besaß, konnte ich sie auch nicht über den Stand der Dinge informieren. Als ich zu Hause ankam, wartete sie schon ungeduldig. Sie wollte zu ihrem Pferd in den Stall fahren. Ich erzählte ihr, was zwischenzeitlich passiert war, und dass die kommenden sechs Wochen für mich bereits verplant seien.

„Krass“, sagte sie nur und, „na, ich werd' dann mal.“

Weg war sie.

Der Einstieg

Am nächsten Morgen stand ich sehr früh auf, um auch wirklich pünktlich um acht Uhr dort zu erscheinen. Ich konnte noch nicht beurteilen, wie die Fahrt am Morgen dorthin aussehen wird. Am Haus Nummer sieben war direkt ein Parkplatz, auf dem ich mein Auto abstellte. An diesem Morgen konnte ich nicht verstehen, warum ich gestern so ein Problem hatte, diese Adresse zu finden, das war doch so einfach. Es war zehn Minuten vor acht, und es strömten schon einige auf das Gebäude zu, um wieder ihren Tag in einer vom Arbeitsamt vorgegebenen Maßnahme zu verbringen. Ich betrat den Raum, in dem gestern die vier Frauen mit ihren Pausenbroten saßen. Heute morgen waren bereits zwei Herren da. Sie standen zusammen an einem der Tische in der vorderen Reihe.

“Guten Morgen”, sagte ich und nannte meinen Namen. “Ab heute bin ich hier dabei.”

Sie stellten sich als Herbert und Walter vor. Zwei der drei großen Fenster waren weit geöffnet, und im Raum war es kalt. Ich behielt meine Jacke an.

“In der letzten Reihe auf der Ecke ist noch ein Platz frei,” sagte Herbert.

Ich begab mich dorthin und stellte meine Tasche auf den Tisch. Die Kaffeemaschine war schon in Betrieb.

“Kaffee gibt es auch?”, stellte ich fest. “Kann man später davon eine Tasse bekommen?”, wollte ich noch wissen.

“Der ist für uns alle,” klärte mich Herbert auf. “Die Kekse und der Zucker dort auch, Milch ist im Kühlschrank.”

“Wer hat diese Sachen bezahlt?”, fragte ich. “Oder sind die vom Haus?”

Beide lachten.

“Nein,” antwortete Herbert. “Wir waren gestern mit ein paar Leuten von uns beim Einkaufen. Jeder hat etwas beigesteuert..”

“Dann möchte ich auch noch etwas bezahlen,” bot ich an. Gleich am frühen Morgen Kaffee zu schnorren, war mir peinlich.

“Das kannst du beim nächsten Einkauf. Der Kaffee wird sowieso nicht lange reichen. Da müssen wir wieder los. Hol dir vorne in der Küchenecke einen Pott aus dem Schrank, der Kaffee ist gleich fertig.”

Ich schluckte schwer, wenn ich an diese Küche und den Inhalt in den Schränken dachte, aber die Gier nach einer Tasse Kaffee überwog, und so beschloss ich, mich zu überwinden und holte mir einen Pott aus dem Hängeschrank. Ich drehte den Wasserhahn auf und ließ vorsorglich heißes Wasser über den Pott laufen. So hatte ich einfach ein besseres Gefühl. Ich trocknete ihn nicht ab, da die Trockentücher, die herumlagen, eher an schmutzige Putzlappen erinnerten. Ansonsten sah es auch nicht sauberer und aufgeräumter auf als gestern. Schnell kehrte ich in unseren Raum zurück. Der Kaffee war fertig.

Herbert teilte ihn auf. In der Zwischenzeit waren noch andere Teilnehmer angekommen und jeder bestand auf seinen Morgenkaffee.

“Ich mach’ gleich noch eine zweite Kanne,” informierte Herbert uns.

“Wie war die Schulung denn bis jetzt?”, fragte ich Herbert und Walter. Beide grinsten.

“Das bringt uns doch gar nichts,” sagte Walter, “die wollen uns nur von der Straße haben. Die haben Angst, dass wir Schwarzarbeit machen.”

“Und du bist aus der Statistik draußen,” fügte eine kleine zierliche blonde Frau hinzu, die kurz vorher angekommen war.

“Wenn du hier bist, gibt es in dieser Zeit offiziell einen Arbeitslosen weniger.”

“Gibt es für euch eine Möglichkeit, Schwarzarbeit zu machen?”, wandte ich mich mit gedämpfter Stimme an Walter und Herbert..

“Also ich bin gelernter Anstreicher und Tapezierer,” antwortete Herbert und grinste. Mehr sagte er nicht. Er war der ideale Mann für den schwarzen Arbeitsmarkt. Ein Juwel, das jeder gerne in seiner Familie und seinem Freundeskreis hatte.

Im Gegensatz zu ihm konnte man sich Walter nicht gut bei der Arbeit vorstellen. Er war nicht besonders groß, schob aber eine gewaltige Kugel von Bauch vor sich her. Er machte den Eindruck, dass er gutes Essen und Trinken, und vor allem in großen Mengen, nicht ablehnte. Er hatte dichte graue Haare von einer Länge, wie sie in den sechziger Jahren unter den Beatfans Mode war.

 Ich ging mit dem Kaffeepott in der Hand zu meinem Platz zurück. Die letzte Reihe hatte sich gefüllt. Wir waren dort zu viert. An der anderen Ecke hatte die Grauhaarige Platz genommen,. die gestern auch in der Pause dort gesessen und mir den Weg zum Büro erklärt hatte. Sie begrüßte mich sehr freundlich und stellte sich vor. Sie hieß Gundi, die Abkürzung von Gundula. Neben ihr saß ein Mann namens Kurt. Er hatte seinen grünen Parka anbehalten. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen konnte war, dass er drinnen wie draußen die ganzen sechs Wochen den grünen Parka anbehalten sollte. Ob er seine Kleidung darunter zwischendurch gewechselt hat, weiß ich nicht. Direkt neben mich setzte sich ein Herr, hinter dem ich einen akademischen Grad vermutete. Seine ganze Erscheinung hatte die elitäre Ausstrahlung eines Akademikers. Er legte einen Stapel von Papieren vor sich auf den Tisch. Es waren auch Stellenanzeigen aus verschiedenen Zeitungen dabei. Er sagte kurz “Guten Morgen” in meine Richtung. Namentlich vorgestellt hatte er sich nicht.

Jetzt betrat Herr Steinko den Raum. Es war fast halb neun. Niemand hatte ein Problem damit, dass er noch nicht Punkt acht erschienen war, aber er entschuldigte sich. Es hatte in einer anderen Gruppe noch Klärungsbedarf für ihn gegeben. Er schaltete den Beamer ein und legte eine Folie darauf. Ein Lebenslauf wurde an die Wand geworfen. Die Person darin war ein Herr Bewerber.

“Sie sind ja hier, damit Sie sich über diese Zeit eine komplette Bewerbungsmappe erstellen,” sagte Herr Steinko.

Einige gelangweilte Seufzer waren zu hören. Jeder von den Anwesenden hier hatte bestimmt schon mehrere schriftliche Bewerbungen an potentielle Arbeitgeber verschickt, und das mehr oder weniger erfolgreich. Aber Neuland war das für niemanden hier. Trotzdem war ich gespannt. Vielleicht gab es ja etwas neues in diesem Bereich. Er wies nachdrücklich darauf hin, dass wir nicht, wie es in den vergangenen Jahren kurz üblich war, die jüngsten Daten an den Kopf setzten.

“Nein,” belehrte er uns, “Sie fangen bitte mit Ihrer Schulzeit an und enden mit dem jüngsten Datum. Und so weiter, und so weiter.

“Haben Sie verstanden, was ich gesagt habe?”, wandte er sich an den Herrn direkt vor mir. Er war der männliche Teil des russischen Ehepaares, das direkt vor mir saß.

“Herr Garonimov, wenn Sie nicht besser deutsch sprechen und verstehen, wird es für Sie schwer mit neuer Arbeit,” sprach Herr Steinko ihn an.

“Nehmen Sie sich ein Beispiel an ihrer Frau. Die spricht und versteht deutsch. Soll sie ewig Ihre Dolmetscherin bleiben?”

Herr Garonimov starrte vor sich auf den Tisch. Seine Frau flüsterte ihm etwas auf russisch zu. “Frau Garonimov,” fuhr Herr Steinko fort, “ihr Mann wird keine Arbeit finden, wenn er keine Deutschkenntnisse hat.”

“Hat er schon sieben Jahre gearbeitet,” verteidigte Frau Garonimov ihren Mann. “Auch ohne gut deutsch zu sprechen. Versteht er doch alles.”

“Aber das reicht nicht aus. Er kann ja kein Bewerbungsgespräch führen, oder Sie müssen als Übersetzerin mit. Wie sieht das denn aus?”, stichelte Herr Steinko weiter und lachte.

“In andere Firma, wo war sieben Jahre, hat niemand gestört, dass er nicht gut spricht. Aber leider gibt es Firma nicht mehr, deshalb jetzt arbeitslos.”

“Schauen Sie nicht zurück, Sie müssen in die Zukunft blicken. So wird ihn niemand mehr einstellen.”

Man konnte merken, dass dieses Gespräch Herrn Garonimov mehr als peinlich war. In mir kochte Wut auf Herrn Steinko hoch. Ich fand dieses Verhalten anmaßend. Natürlich konnte er auf mangelnde Sprachkenntnisse hinweisen, aber nicht auf diese Art und Weise.

“Möchte er vielleicht wieder zurück nach Rußland?” Diese Frage stellte er an Frau Garonimov.

“Nein, nein,” antwortete sie. “Ist hier ganze Familie, unsere beiden Kinder und jetzt schon zwei Enkel, was soll alleine in Russland?” Sie lachte krampfhaft.

“Ich dachte nur, weil er sich gar nicht bemüht, deutsch zu lernen. Immerhin sind Sie schon zehn Jahre hier.”

Herr Steinko hatte sich vor den beiden aufgebaut und schaute auf sie herab. Ich war fassungslos. Jetzt wusste ich, warum er mir gestern nicht so sympathisch war. Heute war er mir schon richtig unsympathisch wegen dieses Auftritts. Man hatte den Eindruck, er wollte unbedingt einen Keil zwischen das Ehepaar Garonimov schieben. Die beiden taten mir leid. Endlich wandte sich Herr Steinko ab und ging wieder nach vorne zu dem Beamer. Bevor er mit dem Lebenslauf weiterfahren konnte, klopfte es an die Tür. Ein Mitarbeiter des Schulungszentrums erschien und bat Herrn Steinko mit ihm zu kommen Sofort war eine heftige Unterhaltung im Gange. Nach einer Weile kam Herr Steinko wieder.

“Die Polizei ist hier,” informierte er uns. “Zwei Beamte, draußen auf dem Flur.”

Gespannt sahen wir Herrn Steinko an. Alle hätten gerne mehr gewusst, aber Herr Steinko redete nicht weiter. Stattdessen ließ er wortlos seinen Blick durch den Raum schweifen und sah jeden Einzelnen an.

“Verdächtig sind nur die Frauen,” sagte er plötzlich.

In unserer Gruppe waren sechs Frauen, die sich jetzt verständnislos ansahen. Es klopfte an die Tür. Ein Herr in Zivil trat ein. Er ging an den Tischreihen vorbei nach vorne und blieb neben Herrn Steinko stehen.

“Mein Name ist Mertens. Einige von Ihnen kennen mich. Ich bin der Geschäftsführer dieser Institution,” stellte er sich vor. “Leider komme ich in einer sehr unangenehmen Angelegenheit zu Ihnen,” fuhr er fort. “Wir haben die Polizei im Haus,” er räusperte sich. Dann sprach er weiter.

“Einer Dame hier im Haus ist gestern das Handy gestohlen worden.”

Er machte eine Pause und sah uns eindringlich an. Dann fuhr er fort.

“Die Dame hatte das Handy auf der Ablage über dem Handwaschbecken in der Damentoilette liegen gelassen. Als sie bemerkte, dass es fehlte, fiel ihr ein, dass sie kurz zuvor auf der Damentoilette war, und es auf der Ablage vergessen hatte. Sie hoffte, es dort wiederzufinden. Aber es war nicht mehr da.”

Wieder legte Herr Mertens eine Redepause ein und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen.

“Sofort fragte sie alle Frauen in ihrer Gruppe, ob sie vielleicht das Handy gesehen und im Sekretariat abgegeben hatten. Aber alle verneinten. Eine der Frauen wählte die Handynummer, aber es klingelte nirgendwo. Also meldete sie den Verlust im Büro, und wir sahen uns gezwungen, die Polizei zu verständigen.”

Nun war uns klar, warum nur Frauen verdächtigt wurden, da Herren weniger oder eher gar nicht die Damentoilette besuchen.

Herr Mertens berichtete weiter, dass die Polizei schon einige Damen verhört hatte, aber nichts herausbekommen konnte.

"Passen Sie bitte gut auf Ihre Sachen auf, vor allem auf Wertsachen wie Handys. Lassen Sie Ihre Taschen nie unbeaufsichtigt an Ihren Plätzen, während Sie in die Pause gehen,” riet uns Herr Mertens. “Es ist für Sie und uns unerfreulich, wenn Ihre Geldbörse fehlt. Ich bitte Sie noch einmal darum, auf Ihre persönlichen Sachen aufzupassen.”

Dann verabschiedete sich Herr Mertens und verließ den Raum. Die beiden Polizeibeamten haben wir in unserer Gruppe nicht gesehen. Von unseren weiblichen Teilnehmern wurde keine verhört. Wer das Handy von der Ablage genommen hatte, wurde nie aufgeklärt, es gab lediglich einen Verdacht.

 Herr Steinko wurde noch einmal hinausgebeten Während seiner Abwesenheit kam es zu einer lauten Unterhaltung. Es war unglaublich, dass eine von den Teilnehmerinnen hier im Haus ein Handy auf der Damentoilette findet und es nicht abgibt. Jedem ist klar, dass er in einem Umfeld, wo sich die meisten Menschen fremd sind, bestohlen werden kann. Aber wenn es wirklich passiert, schockiert das jeden.

 “Die Einheimischen hier sind schon komische Leute,” begann er.

“Wie kommen Sie jetzt darauf,” wollte Gundi wissen.

Sie war bei Ulm geboren und fühlte sich bei solchen Bemerkungen persönlich angesprochen. Auch ich war auf das gespannt, was jetzt kam. Ich dachte, er hätte, während er gerade draußen war, mit Einheimischen etwas Komisches erlebt. Aber es war eine ganz andere Geschichte.

“Vor einigen Wochen,” begann Herr Steinko, “ging ich in unserer Stadt mit einem großen Paket unter dem Arm zur Post. Mir kamen in Abständen drei Personen entgegen, die auch Pakete trugen, aber sich vom Postamt entfernten. Sie grüßten freundlich und gingen weiter. Als ich bei der Post ankam, war die Tür verschlossen. Das Postamt hatte wegen einer Betriebsversammlung zu.”

“Das ist ja traurig”, sagte Gundi, “Ihren Ärger verstehe ich, aber was hat das mit den Einheimischen zu tun?”

“Das werde ich Ihnen gleich sagen. In meiner Heimat hätte mir schon der Erste, der mir begegnet war, gesagt, dass die Post geschlossen ist. Man hätte mich nicht einfach weiterlaufen lassen so nach dem Motto, der wird es schon alleine merken. Die grüßen noch freundlich, aber informieren einen nicht.”

“Woher sollten die wissen, dass Sie auch zur Post wollten?”, bohrte Gundi weiter.

“Das haben die doch gesehen, ich hatte ja das Paket unter dem Arm.”

“Sie hätten ja auch sonst wohin damit gehen können. Aber, übrigens, wo genau ist denn Ihre Heimat? Das wollen wir doch jetzt alle einmal genau wissen.”

“Das hören Sie doch an meinem Tonfall.” Herr Steinko schaute in die Runde und wartete auf eine Reaktion. Aber niemand sagte etwas.

“In den neuen Bundesländern, genauer gesagt in der Nähe von Frankfurt, nicht am Main, an der Oder. Viele von Ihnen wissen nicht einmal, wo das liegt, da bin ich mir ganz sicher. Aber jetzt machen wir eine Pause. “

 Damit war das Thema beendet. Wir gingen durch den Flur und traten ins Freie. Wir stellten uns im Kreis zusammen und genossen die frische Luft. Ab und zu wehte eine Wolke von Zigarettenrauch in die Nase. Das Ehepaar Garonimov entfernte sich vom Gebäude und trat wohl einen längeren Spaziergang an.

„Das ist schon eine merkwürdige Veranstaltung,” sagte ich nachdenklich.

„Und dann noch mit so einem Luis,” bemerkte Walter. “Wenn das sechs Wochen so weiter geht.”

„Da müssen wir durch,” stellte Paula fest.

Sie war die kleine zierliche blonde Frau, die schräg vor mir saß. Sie war auffallend nett gekleidet. Alles paßte farblich gut zusammen und auch die Kette, die sie trug, war auf die Kleidung abgestimmt. Sie war bereits seit zwei Jahren ohne Arbeit und hatte auch, wie alle anderen hier, nichts in Aussicht. Gundi kannte Herrn Steinko, da sie bis vor einem Jahr bei einem anderen Unternehmen hier im Haus gearbeitet hatte. Dann war sie aus wirtschaftlichen Gründen entlassen worden. Es gab Schnittstellen zwischen ihrer Firma und der Firma, bei der wir die Schulung machten.

“Da lernt man die Leute kennen, kann ich euch sagen.” Sie spielte auf Herrn Steinko an. Ich hätte gerne mehr von ihr über Herr Steinko erfahren, doch in diesem Moment war die kurze Vormittagspause zu Ende. Wir begaben uns wieder hinein.

Der Herr, der neben mir saß, der in meinen Augen eine akademische Laufbahn hinter sich gebracht hatte, saß an einem der kleinen Tische an der Seite, auf denen Computer standen. Es waren drei Stück an der Zahl. Er scrollte und scrollte und schaute konzentriert auf den Bildschirm. Seinen Stapel Papier hatte er mit zu dem Tisch genommen. Wir alle hatten uns gleich geduzt und mit Vornamen angesprochen. Den Vornamen von dem Herrn kannten wir nicht. Wir wussten lediglich, dass er Herr mit Familiennamen hieß. Also war das der Herr Herr.

Unglaubliche Geschichten

Herr Steinko betrat wieder den Raum, aber Herr Herr beachtete ihn nicht. Er blieb weiterhin vor dem Computer sitzen und war dort in seiner Welt. Die Kritik an den Einheimischen dieser Gegend hatte Gundi anscheinend keine Ruhe gelassen. Sie sprach Herrn Steinko nochmal daraufhin an, indem sie ihn fragte, warum er hier seit Jahren lebe, wenn ihm die Menschen  nicht zusagten.

“Ich bin nicht freiwillig hierher gekommen,” sagte er entschuldigend.

“Sind Sie wegen Ihrer Frau hier?”, fragte ich ihn.

“Nein, meine Frau kannte ich zu der Zeit noch gar nicht. Ich bin in diese Gegend entführt worden.”

Einen Moment war es ganz ruhig im Raum, dann brach schallendes Gelächter los. Einige warfen sich vor Lachen auf die Tische vor ihnen. Herr Steinko hob die Hände, um zur Ruhe zu mahnen. Aber das Gelächter wollte nicht enden. Langsam ebbte es ab und es kehrte halbwegs Ruhe ein.

“Das wollen wir jetzt hören”, sagte Gundi immer noch lachend.

Herr Steinko erzählte gerne von sich, dass war nicht zu leugnen und so begann er über seine Entführung zu berichten.

 “Vor zwanzig Jahren bin ich mit einem Bus aus meiner Heimat in den neuen Bundesländern in den Westen gekommen. Es war kurz nach dem Mauerfall. Der Bus war bis auf den letzten Platz besetzt. Alle waren voller Hoffnung und wollten im Westen ein neuen Leben beginnen.

Unser Ziel war Mannheim. Wir hatten die Zusage, dort zunächst in einem Übergangsheim untergebracht zu werden und außerdem bot Mannheim wegen seinen großen Chemieunternehmen zu dieser Zeit noch genügend Arbeitsplätze. Mitten in der Nacht kamen wir in Mannheim an. Der Bus hielt direkt vor dem Heim, das uns aufnehmen sollte. Der Busfahrer stieg aus verschwand in dem Gebäude. Er kam und kam nicht wieder. Einige wurden langsam unruhig. Auch mir kam das seltsam vor. Nach einer ganzen Weile tauchte er endlich aus der Dunkelheit auf und stieg in den Bus. Er wandte sich uns zu und informierte uns, dass leider ein Versehen vorliege und dass wir hier nicht bleiben könnten. Das Heim sei voll belegt. Eine Alternative gäbe es nicht in dieser Gegend und wir müssten weiterfahren.

“Aber wohin denn?” wollte jemand wissen.

“Warten Sie’s ab,” sagte der Busfahrer nur und nahm wieder hinter dem Steuer Platz. Er startete den Motor und langsam fuhren wir Richtung Straße und dann aus der Stadt hinaus wieder auf die Autobahn. Da keiner der im Bus Anwesenden bereits einen Arbeitsplatz in der Tasche hatte, ergaben wir uns unserem Schicksal und waren gespannt, wohin uns die Reise noch führen sollte.

“Wie lange sind wir denn jetzt noch unterwegs,” wurde die Frage gestellt. Das war eine Mutter mit zwei kleineren Kindern, die völlig übermüdet waren.

“Warten Sie’s ab,” war wieder die Antwort. Mehr Informationen gab es nicht. Es ging über die Autobahn Richtung Stuttgart. Aber in Stuttgart fuhren wir nicht ab, wir blieben auf der Autobahn. Nach einer Weile kam ein Hinweisschild nach Ulm. Der Bus verließ die Autobahn und fuhr an Ulm vorbei Richtung Süden. Obwohl es draußen dunkel war, konnte man erkennen, dass wir durch eine ländliche Region fuhren. Wir waren irritiert, hatten uns aber in unser Schicksal ergeben. Es ging noch eine Weile über Land, die Straßen wurden enger und schließlich erreichten wir die kleine Stadt, in der ich jetzt lebe. Der Bus hielt vor einem großen Gebäude und der Fahrer stellte den Motor ab.

“Wir sind am Ziel, meine Herrschaften,” sagte er. “Ich gehe schon ‘mal vor und melde uns an.”

Er verschwand, kam aber kurze Zeit darauf wieder und öffnete die Kofferraumklappen. Total müde luden wir unser Gepäck aus. Der Fahrer half uns, so gut er konnte.

“Wer sein Gepäck hat, kann schon hinein gehen,” erklärte er uns.

Wir folgten seinen Anweisungen und betraten einen Vorraum. Wo wir uns genau befanden, wussten wir nicht. Das wollten wir am nächsten Tag, nachdem wir geschlafen hatten, erkunden. Ich hatte keine Ahnung, wo genau diese Stadt, in der wir gelandet waren, lag. Wir bekamen unsere Räume zugewiesen und hatten fürs erste eine Bleibe. Und dort bin ich bis heute noch, seit zwanzig Jahren.”

Herr Steinko schaute mich an.

“Und danach erst habe ich meine Frau kennen gelernt und bin in eine größere Wohnung gezogen.”

“Also geht es Ihnen doch gut,” stellte ich fest. “Und die Leute hier sind einfach nett, die meisten jedenfalls. Ich lebe seit 34 Jahren hier. Mir hat es immer gut gefallen.”

“Sind die anderen aus dem Bus auch in der Stadt geblieben?” fragte Gundi.

“Von einigen weiß ich es. Die treffe ich manchmal noch. Aber zu den meisten habe ich keinen Kontakt mehr. Ich denke, dass viele weitergezogen sind.”

“Sie hätten doch auch weiterziehen können, wenn Ihnen die Einheimischen hier so wenig zusagen,“ schlug ihm Gundi vor, “schließlich waren Sie ja nicht im Gefängnis.“

“Natürlich war ich im Gefängnis. Ich hatte ja schon bald meine jetzige Frau kennengelernt. Da hatte ich keinerlei Entscheidungsgewalt mehr.“

“Ein typischer Fall von selber schuld,“ lachte Gundi.

Herr Steinko schaltete den Beamer ein. Der Lebenslauf von Herrn Bewerber war wieder zu sehen.

“Jetzt ist Unterricht”, sagte Herr Steinko.

Alle schauten nach vorne auf den Lebenslauf. Herrn Herr schien das nicht zu interessieren. Er saß weiterhin am Computer. Herr Steinko forderte ihn auch nicht auf bei uns teilzunehmen. Ich fand das seltsam. Was wäre gewesen, wenn jeder gemacht hätte, was er wollte?

“Morgen gehen wir ab Mittag in den Computerraum nebenan,” informierte uns Herr Steinko. “Dann schreibt jeder seinen Lebenslauf am Computer und speichert ihn auf einen Stick.”

Ich bekam einen Schreck. Also musste man sich noch heute einen Stick besorgen, falls man keinen besaß. Wie sich sofort herausstellte, hatte niemand von den Teilnehmern hier einen Stick.

“Also kaufen Sie sich heute einen.” Herr Steinko erklärte noch, wo es Sticks gab.

Ich war sicher, dass meine Tochter einen Stick hatte und wollte ihn bei ihr ausleihen.

 Es war Mittag und wir hatten jetzt eine Stunde Pause. Wir standen zunächst planlos im Raum herum, als Gundi, Paula und ich beschlossen einen Spaziergang an die Donau zu machen. Schon machten wir uns auf den Weg. Katja, eine ebenfalls kleine zierliche Person mit dunklen kurzen Haaren, die von leichtem grau durchzogen waren, kam auch mit. Sie saß während der Schulung neben Paula. Zu viert liefen wir auf die andere Straßenseite und über eine Wiese an die Donau. Hier war der Fluss noch schmal. Durch wie viele Länder dieses Wasser noch fließen musste, und wie breit der Fluss am Ende war. Das Donaudelta war so weit verzweigt. Eine großflächige Region, die unter Naturschutz. stand. Sie wurde mittlerweile sogar zum Biosphärenreservat erklärt und im Jahr 1993 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.

Wir liefen ein Stück bis wir eine Bank fanden. Wir quetschten uns alle vier darauf und genossen die warme Herbstsonne. Katja sagte nie etwas von selbst, sie sprach nur, wenn sie gefragt wurde. Auf meine Frage hin, was sie in ihrem Leben so gemacht habe, erzählte sie mir, dass sie ledig sei und bei ihrer Mutter lebte. Nach der Schule hatte sie in Fabriken als Montiererin gearbeitet. Und das viele Jahre. Bis sie vor drei Jahren entlassen wurde. Das Werk hatte weniger Aufträge, und da hatte es sie auch getroffen. Sie erinnerte sich noch an Zeiten, wo Sonderschichten gefahren werden mußten. Wo auch nachts gearbeitet wurde und der Chef persönlich Mitarbeiter, die kein Auto besaßen abends um zweiundzwanzig Uhr abholte und morgens um sechs Uhr wieder nach Hause fuhr. Katja hatte nie ein Auto gehabt und hatte auch nie den Führerschein gemacht. Zur Schulung kam sie mit ihrem Roller oder mit dem Bus. Sie hatte immer an der gleichen Stelle gewohnt, dem Haus ihrer Eltern. Sie war nie weg gewesen, um einmal für eine gewisse Zeit festzustellen, wie es sich an anderen Plätzen dieser Welt leben läßt. Den Wunsch hatte sie nie gehabt und glaubte auch, dass ihr nichts entgangen war. Die Heimat und die Familie, sie hatte einige Geschwister, die vertraute Umgebung, waren ihr immer das Wichtigste gewesen. Auch bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz hatte sie sich einen engen Radius gesteckt. Obwohl sie wußte, dass sie die Chance, eine neue Arbeit zu finden, einschränkte, wollte sie nichts an ihrer Entscheidung ändern. Ein Umzug war für sie undenkbar, lieber blieb sie ohne Beschäftigung.

“Wie findet ihr die Veranstaltung,” fragte Gundi plötzlich.

“Sehr unterhaltsam,” gab ich zur Antwort. “Im Moment habe ich noch den Eindruck, dass ich mich mit guten Freunden zum Plaudern treffe. Ob das so bleibt, kann man nicht sagen.”

“Das bleibt so,” meinte Gundi, “so viel vorgegebenes Programm haben wir nicht, dass es die sechs Wochen über reichen könnte. Bewerbungen schreiben und das ganze am Computer bearbeiten. Das ist Stoff für höchstens eine Woche.”

“Soll mir recht sein,” war meine Antwort, “ dann liegt eine lustige Zeit vor uns.”

“Ich will endlich wieder arbeiten,” bemerkte Gundi.

Sie hatte einen Minijob und erhielt zusätzlich Geld vom Arbeitsamt. Eine kleine Katastrophe. Die große Katastrophe war nur vom Arbeitslosengeld leben zu müssen. Ihr Ziel war es, wie auch das der anderen, der meisten jedenfalls, wieder in Vollzeit beschäftigt zu sein und mit dem Gehalt gut über die Runden zu kommen. Gundi hatte einen Realschulabschluss und hatte danach eine Lehre als Chemielaborantin bei einem großen Pharmakonzern in der Nähe von Ulm absolviert. Sie hatte jung geheiratet. Vier Jahre hatten sie und ihr Mann noch in Süddeutschland gelebt, als ihr Mann durch einen guten Bekannten ein Jobangebot in Schleswig-Holstein bekam, dass er nicht ablehnen konnte. Ihr Mann war seit Jahren in der Futtermittelbranche tätig gewesen und jetzt hatte er die Möglichkeit, einen unglaublich lukratives Angebot anzunehmen. Was er auch tat. Gundi war das sehr recht. Sie freute sich auf einen Ortswechsel, vor allem, weil sie vorher nie in Norddeutschland gewesen war. Begeistert hatte sie ihren Mann darin bestärkt, auf jeden Fall diese Stelle anzunehmen. So wurde innerhalb von drei Monaten alles für den Umzug nach Norddeutschland vorbereitet und endlich war der Tag da, an dem sich Gundis Leben für viele Jahre komplett verändern sollte. Die neue Firma, in der ihr Mann als Gebietsleiter für eine riesige Region eingestellt worden war, hatte sich um eine Wohnung für die beiden gekümmert. Gundi hatte sich sofort in ihrer neuen Umgebung sehr wohl gefühlt.

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