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Sechs Jahre sind die Ewigkeit

Eduard Kotschergin

Sechs Jahre sind die Ewigkeit

Roman

Aus dem Russischen von Renate und Thomas Reschke und Ganna-Maria Braungardt

Aufbau Digital

Zum Gedenken an Matka Bronia, Bronisława Odynec

Inhaltsübersicht

O Matka Bronia, nimm mich mit zu den Spionen

Erster Teil
DAS KNIRPSENZIMMER

Ballade vom Holzflugzeug

Das staatliche Haus

Die Kröte und ihr Gesinde

Über einen Brillenträger

Tante Mascha und Onkel Themis

Mascha, Njuschka und die Buntstifte

Das Dampfbad

Über mich und über Spielzeug

Kinderheimspiele

Kakerlaken

DAS KNIRPSENZIMMER

Das Siegesbild

Was wir mampften, schlangen, spachtelten

Über Speiseeis und Jepton, den Gott des Winters

Der Feiertagspony

Berijas Geschenk

Zweiter Teil
FÜHRER IN DRAHT

Der Eherne Reiter

Bilder der Erinnerung

Die Gottesmutter

Die erste Ration

Der Miliz entwischt

Das Erbe des Diebs

Mein Kumpel Mitja

Unmenschen

Fledermäuse

Erlaubt – nicht erlaubt

Die Waldwölfe

Die Kasachen

Die Kinder der Artilleristen

Das Greiferrevier

Das Tscheljabinsker Kinderheim

Wissen ist Licht, Unwissen Finsternis

Die Schulleiterin

Das Hauptbuch

Die »russischen« Deutschen

Mitjas Tod

Dritter Teil
IM KNAST GESTÄHLT

Wieder auf der Flucht

Staatseigene Ware

Der Chinese

Molotow-Perm

Tylytsch und Grunz

Triefende Fahnen

Ihr Name ist Maria

Japonamat

Reingefallen

Die Diebsausbildung

Die Arbeitsbedingungen

Die Arbeit

Nach Norden

Lampi

Paraskewa

»Trinkt Bier aus der Schüssel und wischt euch den Rüssel«

Die Hauptstadt des Suffs

Jewdokia von Schangaly

»Steh still, Lokomotive, hört auf zu rattern, Räder …«

Die Wologdaer Bahndiebe

Das Kinderheim des Chorgesangs

Probleme in Tscherepowez

Die Reise auf Granaten

Die alte Tydruku

Die Arbeitskolonie

Der Urizki-Platz

Anmerkungen

Verzeichnis der Übersetzer und Lizenzgeber

Endnoten

O Matka Bronia, nimm mich mit zu den Spionen

Meine erste bewusste Erinnerung ist die an eine Zimmerdecke. Vielleicht war ich oft krank, oder wer weiß. Geboren wurde ich vor Schreck: Mein Vater Stepan wurde wegen Kybernetik* verhaftet, und meine Mutter bekam mich zwei Monate zu früh.

Ich lag gern auf dem Bett und ließ den Blick auf dem dreifachen Stuckfries unter der hohen Decke meines Zimmers umherwandern. Stundenlang konnte ich die phantastischen Schnörkel der seltsamen Blätter betrachten, in Gedanken in den gewundenen Freiräumen dazwischen umherlaufen wie in einem Labyrinth und mich bei einem Unwetter draußen unter dem größten Blatt verkriechen. Wenn es hell war, vor allem bei Sonnenschein, schwebte ich gern über die glatte Decke bis zur Mitte, zu der üppigen barocken Rosette, und dann über den alten Kronleuchter mit den drei Engeln, die jeder drei Leuchterarme mit Glühlampen hielten, müde hinunter auf mein Bett.

Meine zweite Erinnerung ist meine Taufe und die Kirche auf dem Newski-Prospekt. Ich erinnere mich vage an meine Empfindungen dabei. Das heißt, ich weiß nicht, was vorgeht, nehme aber alles begierig auf. Der Pater macht irgendetwas mit mir, Jungen in Weiß schwenken etwas Glänzendes aus Metall, das raucht und aussieht wie Weihnachtskugeln. Weiß, sehr viel Weiß – Kleidung, Blumen, Licht. Der Geruch des Rauchs ist neu und fern, und ich habe das Gefühl, dass alle es eilig haben, und das ist unnatürlich und beunruhigend. Ich, normalerweise ein stets freundlich lächelndes Kind, für meine Matka Bronia sogar verdächtig freundlich, ich lächle nicht.

Und außerdem erinnere ich mich an die Stufen zur Kirche. Die erste Prüfung in meinem Leben (die Verhaftung meines Vaters habe ich ja nicht miterlebt): Aus irgendeinem Grund musste ich diese Stufen allein bewältigen, mit gewaltiger Anstrengung und egal wie: auf den Beinen, auf den Knien, mit Hilfe der Hände, rollend … Ich war damals ja noch sehr klein.

Das war mein erster »öffentlicher Auftritt«, mein erstes Theater, mein erstes gesellschaftliches Erlebnis, meine erste Musik und meine erste, noch unbewusste Liebe.

Wäre das alles nicht in meinem Gedächtnis haftengeblieben, wäre mein Schicksal vermutlich anders verlaufen.

Erst 1939, da war ich bereits zwei Jahre alt, fing ich endlich an zu sprechen. Im Spätherbst, ausschließlich Polnisch. Denn meine Matka Bronia war Polin, und mein russischer Vater saß ja wegen Kybernetik und Spionage im Großen Haus*. Bis dahin hatte ich nur gelächelt, wenn man mich ansprach; überhaupt lächelte ich mehr als nötig. Saß da, über und über mit allem Möglichen beschmiert, und lächelte. Doch dann sprach ich auf einmal, und gleich sehr viel. Matka Bronia freute sich natürlich und gab zur Feier des Tages ein polnisches Essen mit Linsen, Möhren und – Gästen.

Am nächsten Morgen wurde sie abgeholt. Zuerst kam die Hauswartfrau Faina herein, eine Tatarin, hinter ihr ein höflicher Uniformierter mit einer Mappe in der Hand und dann noch andere, an die ich mich nicht erinnere. Der höfliche Uniformierte erkundigte sich nach dem Namen meiner Mutter und fragte mehrfach, ob sie Polin sei, und die anderen wühlten in unseren Sachen, in Schubfächern und Betten. Ich sagte ihnen, dass wir keine Wanzen hätten, aber auf Polnisch. Meine Mutter bat Faina, Janek aus dem Erdgeschoss zu holen, damit er mich zu sich nahm. Als Janek mich abholte, segnete Bronia mich im Namen der Matka Boska1 und küsste mich. Felja, mein älterer Bruder, saß die ganze Zeit auf einem Stuhl am Fenster und wiegte sich wortlos vor und zurück. Er war damals schon seltsam.

Faina, die Tatarin, bedauerte mich »arme Frühgeburt« und übergab mich den Polen im Erdgeschoss »zur Verwahrung«. Bald brachte sie auch Felja. Er war böse, weil die Männer ihn nicht mitgenommen hatten ins Große Haus. Sie hatten gesagt, wir seien noch zu klein, um Spione zu sein, aber wir würden bald in ein Heim geschafft.

Ja, ich war noch sehr klein. Bei Opa Janek, einem polnischen Kunsttischler, wanderte ich, nachdem meine Mutter abgeholt worden war, unter den zahlreichen tischen, Sofas und Liegen herum und kannte mich bald in den Gefilden unter den Tischen wie überhaupt in jeglichem »Unten« bestens aus. Eines Tages fand ich in einer Nische unter einem Tisch etwas sorgsam Verstecktes und wurde dafür bestraft.

Ich muss sagen, Janeks Tischlerhandwerk gefiel mir sehr. Am meisten liebte ich die Holzspäne. Sie waren wunderschön und rochen appetitlich. Ich kostete sogar davon.

Ich erinnere mich auch, dass Felja, als er schon krank war von den Schlägen in der Schule wegen seines Vaters, des Spions, lange vor Janeks großer Landkarte stand, mit dem Finger darüber fuhr und unentwegt nach dem Ort suchte, wo unser Vater und unsere Matka Bronia jetzt sein mochten. Von daher rührt meine lebenslange Abneigung gegen die Schule. Janek aber sagte, Vater und Mutter seien ins Große Haus gebracht worden.

Was war das für ein Haus? Und warum wurden Spione dorthin gebracht?

Ich stellte mir vor, dass in einem tiefen Wald mit riesigen Bäumen, wie in dem Märchen vom Däumling, ein großes Haus stand, in dem viele Brüder und Schwestern lebten, lauter Spione. Doch was Spione sind, wusste niemand außer ihnen. Das war ein großes Geheimnis. Darum war der Wald so dicht und das Haus so groß. Knirpse wie ich durften dort nicht hin, aber ich wollte es schrecklich gern. Ich war doch nun allein, denn mein Bruder Felja war schon bald im Irrenhaus an einer Lungenentzündung gestorben.

Ich kam in ein staatliches Heim, und fortan lag mein ganzes Leben in der Hand des Staates. Meine Unkenntnis des Russischen zwang mich erneut zum Verstummen, denn mein »Gezischel« ärgerte meine Altersgenossen und war gefährlich: Sie glaubten nämlich, ich wollte sie verspotten. Also wurde ich erneut für lange Zeit stumm. Wir wurden von Stadt zu Stadt gebracht, von Westen nach Osten, weg vom Krieg, und schließlich landete ich in Sibirien, in der Nähe der Stadt Omsk. Die sprechenden Jungen um mich herum schrien laut auf Russisch, fluchten sogar – damit ich wenigstens etwas verstand – und verprügelten mich manchmal. »Was zischelst du wie eine Schlange, sprich russisch!«

So lernte ich Russisch, sprach aber, bis ich viereinhalb war, kein Wort. Ich stimmte allen zu, redete aber nicht. Russisch zu sprechen begann ich zu meiner eigenen Überraschung erst im Krieg.

Wir bekamen unser Essen in Henkeltassen, Teller gab es nicht, nur Blechtassen und Löffel. Suppe, Hauptgericht, wenn es eines gab, und Tee – alles aus derselben Tasse. Das galt als völlig normal. Wir durften erst in den Speisesaal, wenn alle Blechtassen auf dem Tisch standen, bis dahin drängte sich die Horde hungriger Jungen vor der Tür. Sobald sie geöffnet wurde, stürzten wir uns wie kleine Tiere auf unsere Tassen. Eines Tages wurde unserem Tisch ein »Zugvogel« zugeteilt, ein Fremder, und dieser Bengel rannte an uns vorbei, leckte seinen schmutzigen Finger ab und steckte ihn nacheinander in alle unsere Tassen. Plötzlich sagte ich laut etwas auf Russisch – ich verstand selbst nicht recht, was, jedenfalls etwas mit »Mutter*«. Der schmutzige Junge erstarrte verblüfft, und die anderen erschraken. Ich konnte doch gar nicht sprechen, ich war doch taubstumm, und nun redete ich auf einmal, noch dazu auf diese Art! Seitdem sprach ich Russisch und vergaß allmählich meine Muttersprache.

Aber ich bin vom Wichtigsten abgekommen, davon, was uns Heimkinder damals beschäftigte, welche Fragen wir miteinander erörterten.

»Können Führer auch Menschen sein, oder sind sie nur Führer, und muss ein Führer unbedingt einen Schnurrbart haben?«

»Wer ist besser, ein Spion oder ein Volksfeind? Oder sind beide gleich? Wir sind hier ja alle zusammen.«

Beim Kennenlernen fragten wir einander: »Bist du Spion?«

»Nein, Volksfeind.«

»Vielleicht auch beides, wie ich zum Beispiel?« Oder: »Warum sagen wir zum Genossen Lenin Großvater? Er hatte doch gar keine Enkel. Vielleicht, weil er einen Bart hatte oder weil er tot ist?«

»Der Genosse Stalin ist der Freund aller Kinder. Also auch unser Freund?«

Der älteste Junge unter uns stellte die Frage nach Stalin sogar der Erzieherin. Sie erschrak zunächst furchtbar, dann packte sie ihn am Kragen und schleppte ihn zur Wache – wir hörten ihn dort heftig weinen. Und wir hatten noch viele, viele Fragen.

Ich für mein Teil fand, dass ein Spion bestimmt nichts Schlechtes war. Mein russischer Vater Stepan konnte doch nicht schlecht sein. Er war nämlich sehr gut und sah schön aus – das zeigte sein Foto. Und meine liebe Matka hatte mir immer Schlaflieder vorgesungen: »Schlaf, mein liebes Kind, schlaf ein, Gott wird dein Beschützer sein …« oder

Z popielnika na Edwasia

Iskiereczka mruga,

Chódź! Opowiem ci bajeczkę,

Bajka będzie długa.*

O matko Broniu, nimm mich mit zu den Spionen! Ich werde mit dir rozmawiać po polsku2.

Erster Teil

DAS KNIRPSENZIMMER

Bin nicht Mamas Sohn,

bin nicht Papas Sohn,

bin ein Tannenkind,

runtergeschüttelt hat mich

der Wind.

Lied der Waisenkinder

Ballade vom Holzflugzeug

Ich kann mich nicht erinnern, wie ich kurz vor dem Krieg ins Kinderheim kam. Mein Patenonkel Janek muss mich dort abgegeben haben. Oder sie haben mich ihm weggenommen. Ich erinnere mich auch nicht, wie der Krieg begann. Ich weiß nur, dass wir Krümel, wie die größeren Jungen uns nannten, plötzlich alle Krieg spielten. Mich, der ich polnisch zischelte und kaum Russisch sprach, und noch zwei Jungen, einen kleinen rothaarigen Tataren und einen großäugigen, schwarzhaarigen Krümel, Schwarzi genannt, erklärten alle anderen Jungen zu Deutschen. Sie griffen uns jeden Tag an, und wir ergaben uns. Danach mussten wir wie Feinde mit erhobenen Händen durch die Zimmer gehen, wurden anschließend einzeln erschossen und gezwungen, eine Ewigkeit auf dem Boden zu liegen. Ich mochte das Spiel nicht.

Ich erinnere mich, dass die Portionen zum Frühstück, Mittag und Abendbrot immer kleiner wurden. Als aber Frost einsetzte und Schnee fiel, hörten wir auf, Krieg zu spielen.

Dann geschah etwas Merkwürdiges. Im Winter kamen zwei riesige Onkel, gleichsam zwei Gulliver in Steppjacke und Ohrenklappenmütze, energischen Schritts ins Kinderheim und suchten in aller Eile unter den Jungen neun besonders ausgemergelte vier- bis fünfjährige Krümel aus. Sie stellten uns in einer Reihe auf, musterten uns eingehend und befahlen den Erziehern, uns so warm wie irgend möglich anzuziehen. Die Erzieher steckten uns rasch in bunt zusammengewürfelte, viel zu große Sachen und gaben jedem eine schwere Steppdecke. Dann wurden wir die Treppe hinunter auf die Straße geführt, wo vor dem Haus ein großer brummender Bus stand. In den hoben die beiden Onkel uns einen nach dem andern hinein. Im Bus waren noch etliche Erwachsene, die auch Steppjacken und Ohrenklappenmützen trugen. Auf die ersten beiden Sitze wurden sieben Jungen gesetzt, ich und Schielauge kamen als Nachhut zwischen zwei Onkel auf den Rücksitz. Rechts von mir saß der oberste Gulliver. Er kommandierte, und alle gehorchten ihm.

Der Winter war in jenem Jahr früh gekommen, mit viel Schnee und großer Kälte. Die ganze Stadt versank im Schnee. An den Straßenrändern türmte er sich zu Bergen, die dreimal so groß waren wie ich. Wohin der Bus fuhr, wusste keiner von uns. Einer der Jungen mit dem Spitznamen Stinker fragte, wohin man uns bringen würde.

»Ins Flugzeug«, antwortete der oberste Onkel.

»Ins Flugzeug? Toll! Dann fliegen wir in der Luft!«, freuten wir uns.

»Ja, natürlich fliegt ihr! Über den Ladogasee.« Wir fuhren lange durch die Stadt, langsam, ohne irgendwo zu halten, nicht einmal, als die Sirenen aufjaulten und Artilleriebeschuss einsetzte. Es dunkelte bereits, als wir aus der Stadt heraus waren und auf ein riesiges Schneefeld kamen, das nur von unserer Straße durchschnitten wurde. Plötzlich wurden die Männer unruhig – das Dröhnen eines Flugzeugs war zu hören. Der Fahrer gab Gas, und wir wurden durchgerüttelt und -geschüttelt, besonders auf dem hinteren Sitz. Die Straße unter dem Schnee war sehr holprig. Das Dröhnen kam näher.

»Eine Messerschmitt«, sagte der Fahrer. »Die wird uns beharken.«

»Schnell die Kinder auf den Boden, unter die Sitze!«, befahl mein Nachbar, und kaum waren wir unter den Sitzen, fegte eine MG-Garbe über den Bus. Wir werden die Schüsse kaum gehört haben bei dem Motorengedröhn, und nur an den Löchern im Dach sahen wir, dass wir beschossen worden waren.

Der erste Angriff forderte noch keine Opfer. Der Fahrer holte das Letzte aus dem Motor raus, um das verdammte Feld schneller hinter sich zu bringen. Die Messerschmitt kam zurück und griff uns im Tiefflug an. Ein Onkel, der neben dem Fahrer stand, fiel hin, und ein Junge begann schrecklich zu schreien. Ich schob den Kopf instinktiv unter dem Sitz hervor, da flog die Messerschmitt plötzlich zum dritten Mal von der Seite heran und feuerte von links eine Garbe auf die Fenster. Glassplitter prasselten auf uns herab. Einer bohrte sich in meine Augenbraue über der Nasenwurzel. Mein Nachbar hob mich sofort auf seine Knie und zog den Splitter heraus. Ich schluckte Blut und verlor das Bewusstsein.

Als ich zu mir kam, lag ich in einer Holzhütte auf der Bank. Durchs Fenster war ein großes weißes Feld zu sehen, von Wald gesäumt. Ich guckte mit einem Auge in die Welt, das andere war zusammen mit einem Großteil des Kopfes verbunden.

Damals verstand ich noch nicht alles, wenn Russisch geredet wurde. Der Onkel Natschalnik* mit der Pelzmütze hob mich von der Bank, setzte mich neben sich, näher zum geheizten Ofen, und sagte etwas Tröstendes. Rings um den Ofen drängten sich die Jungen und blickten mit ernsten Erwachsenenaugen ins prasselnde Feuer. Bald darauf kochte auf der Herdplatte in einem großen kupfernen Teekessel das Wasser, und wir bekamen jeder eine Blechtasse und ein Stück Brot mit Zucker. Den Tee schüttete der grimmige Onkel Karabas mit dem Vollbart direkt aus dem Päckchen in den Teekessel, rührte dann mit einem riesigen Messer um und goss jedem etwas in die Tasse. Nach dem Teetrinken wurde uns Liliputanern befohlen, die Jacken anzuziehen und zuzuknöpfen und draußen austreten zu gehen. Danach packten uns die Männer ein, wickelten uns in die volkseigenen Steppdecken wie in Steckkissen und verwandelten uns gleichsam in Wickelkinder, in Bündel. Es waren sieben Bündel. Warum nicht neun? Wo waren die anderen beiden Jungen? Ich wusste nicht, wie ich fragen sollte. Vielleicht waren sie schwer verwundet oder beim Beschuss des Busses umgekommen.

In der Dunkelheit nahmen die kräftigen Männer uns wie Säuglinge auf die Arme und trugen uns zu einem Flugzeug, das am Waldrand stand. Es war ein recht großes Flugzeug, wie mir damals schien. Zahlreiche Männer luden Kisten ein, die sie aus Lastautos einander zureichten. Wir vermummten Bündel wurden auch von Hand zu Hand weitergegeben, bis wir im Flugzeug waren.

Im Flugzeug setzten sie uns in unserer Watteverpackung auf Holzbänke, die längs der Bordwände befestigt waren, und banden uns mit Stricken an ihnen fest. Zwischen den Bänken befand sich ein Gerüst für den Schützen, das wie eine Trittleiter aussah: vier bis zur Decke reichende Pfosten, in der Mitte ein Bretterpodest mit Stufen. Darüber war eine Luke ins Flugzeugdach geschnitten, in die ein großes Maschinengewehr montiert war. Auf beiden Seiten dieses Kampfgerüsts standen vom Boden bis zur Decke und von vorn bis hinten Gestelle mit stabilen Kisten, die durch Seile gesichert waren. Sie füllten bis auf die Durchgänge den gesamten Raum. Wahrscheinlich war das Flugzeug eilig von einer Passagier- in eine Frachtmaschine umgebaut worden. Die rechteckigen Fenster mit den abgerundeten Ecken waren von innen mit Metallplatten abgedeckt. Die Kabine wurde von zwei trübflackernden Glühbirnen beleuchtet. Die Arbeiten befehligte der oberste Onkel, neben dem ich im Bus gesessen hatte. Alle anderen Männer, einschließlich der Piloten, befolgten seine Befehle.

Ich saß, an der Bank festgebunden, zu Füßen des Schützen und konnte von unten lediglich seine riesigen schwarzen Filzstiefel sehen.

An alles, was im Flugzeug geschah, erinnre ich mich nur bruchstückhaft. Entweder verlor ich wegen meiner Verletzung ab und zu das Bewusstsein, oder sie hatten uns Kindern Schnaps in den süßen Tee getan, damit wir nicht herumzappelten.

Wie unser Flugzeug abhob, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich war ich benebelt von dem Gesöff. Ich erwachte von einem furchtbaren Schaukeln und Schlingern; gut, dass wir alle festgebunden waren, sonst wären wir über den Boden gekullert.

Wie lange wir flogen, kann ich nicht sagen. Durch die MG-Luke drang schwaches Licht – wahrscheinlich wurde es schon Tag. Im Flugzeug ging etwas vor. Die Männer standen alle und hielten sich an dem Gerüst fest. Der Schütze auf seiner Leiter, direkt über mir, feuerte mit dem MG. Ich kapierte nicht gleich, dass er Feinde abwehrte, die unser Flugzeug verfolgten. Der Pilot versuchte den Angriffen auszuweichen, lavierte in der Luft, schwenkte mal nach links und mal nach rechts. In solchen Momenten hingen wir Bündel angeseilt in der Luft. Wie lange der ungleiche Kampf mit den Messerschmitts dauerte, weiß ich nicht. Ich tauchte wieder ab. Nach einer Weile sah ich mit meinem einen Auge, wie im Traum, dass sich die Treppe des Schützen dunkelrot färbte. Blut. Wo kommt das denn her?, dachte ich in meiner Entrücktheit. Da rutschte, dem Blut folgend, der Körper des Soldaten die Holzstufen herab. Sein Kopf war von einem Sprenggeschoss zerfetzt. Im Flugzeug begann es brandig zu riechen.

Es war der erste Tod, den ich aus nächster Nähe sah, in Großaufnahme. Vielleicht war ich durch meine Verletzung noch benommen, oder ich hatte mich in den zweieinhalb Blockade-Monaten an den Tod gewöhnt. Jedenfalls hatte ich keine Angst, weder um mich noch um die anderen. Den Tod des Soldaten nahm ich als Tatsache hin. Krieg stumpft ab. Nach dem Beschuss des Busses und dem vielen Blut wurde ich unempfindlich. Das Einzige, was ich fühlte, war Kälte. Meine in die Decke gewickelten Füße hatten sich in Eisklumpen verwandelt.

Unser Holzflugzeug hatte offensichtlich Treffer abbekommen. Es brannte vom Heck her. Die Männer versuchten mit Feuerlöschern die Flammen zu bekämpfen. Plötzlich durchfuhr ein grauenhafter Schmerz meine Ohren – wir sackten schnell ab. Ich verschwand wieder aus dieser Welt, verlor das Bewusstsein. Zu mir kam ich, als eine wilde Kraft an mir riss. Alle Männer, die eben noch den Brand zu löschen versucht hatten, stürzten zu Boden, wie gefällt. Das Flugzeug schnitt sich in den Schnee eines Seeufers und glitt mit dem Bauch darüber hin. Ich erinnere mich sogar an den merkwürdig knirschenden, zischenden Laut. Ich erinnere mich auch an Kommandorufe (einzelne Wörter verstand ich nicht) des obersten Onkels, die er, am Boden liegend, dem Piloten zurief, als das Flugzeug abbremste. Dann stand er auf, bekreuzigte sich, wie mir schien, und gab Weisungen. Den einen befahl er, die Fenster von den Metallplatten zu befreien, die Scheiben einzuschlagen, uns durch die Fensteröffnungen zu hieven und fünfzig Meter weit vom Flugzeug wegzutragen. Anderen befahl er, die Kisten in Sicherheit zu bringen, sie durch Fenster und Türen hinauszubefördern, den Dritten, das Feuer von draußen und drinnen niederzuhalten, bis die ganze Fracht geborgen war. Den Piloten befahl er, die Instrumente abzubauen und hinauszutragen, ebenso die Eisenplatten, die Marschverpflegung, den Sprit und alles Wertvolle, soweit sie es schafften. Die Menschen wuselten herum wie Ameisen vor einem Gewitter, schleppten Kisten, Instrumente, Lebensmittel und Sonstiges aus dem Bauch des Flugzeugs. Ich erinnere mich, dass sie die Stricke, mit denen wir an die Bänke gebunden waren, mit Beilen durchhackten und uns Deckenbündel durch die Fensteröffnungen hinausschoben. Ich erinnere mich, dass sie uns nebeneinander in den Schnee legten.

Kaum war die Fracht im Wesentlichen aus dem brennenden Flugzeug geholt und so weit wie möglich weggetragen, explodierte die Maschine. Ich verlor abermals für lange das Bewusstsein. Der scharfe Geruch von Sprit brachte mich wieder zu mir. In einem Gehäuse aus Kisten und Planen rieben die Erwachsenen unsere erfrorenen Füße, Hände und Gesichter mit Sprit ab. Zur inneren Erwärmung gaben sie uns heiße Medizin zu trinken – Wasser mit Sprit.

Den ganzen Tag, solange es hell war, bauten die Männer ein Lager in den Schnee, das einer runden Festung glich. In der Mitte des Kreises entzündeten sie ein Feuer, zu dem sich schon am nächsten Tag ein Öfchen gesellte, das die Männer mit ihren starken Händen aus Blechteilen des Flugzeugs gebaut hatten. Aus Metallresten machten sie Spaten und kleine Türen für die Erdhütten. Alles, was von dem Flugzeug übriggeblieben war, wurde verwertet. Rings um das Feuer und das Öfchen entstanden fünf Erdhütten mit Wänden aus Kisten und einem Boden aus Tannenzweigen, mit Segeltuch bedeckt. Ich erinnere mich, wie die Erwachsenen in die Erdhütten krochen. Die wärmste Hütte gehörte uns, den Krümeln. Unser Lager wurde mit jedem Tag besser, gemütlicher und wärmer. Wie viele Tage wir darin lebten, weiß ich nicht mehr, aber ziemlich lange. Wasser gewannen wir zuerst aus Schnee, später schlugen die Männer ein Eisloch in den Ladogasee. Für das Beschaffen von Brennholz wurde vom Lager zum Wald ein Weg durch den Schnee getrampelt. Unser oberster Onkel schickte die Piloten ins nächstgelegene Dorf. Sie waren wärmer gekleidet als die anderen und besaßen Karten. Mehr als zehn Kilometer mussten sie sich durch hohe Schneewehen kämpfen.

In den ersten beiden Tagen ernährten wir uns von den Resten der Marschverpflegung, aßen Brei aus Roggenmehl und Eipulver. Das schmeckte köstlich. Am dritten Tag kehrten die Piloten auf Skiern zurück und brachten auf Schlitten Kartoffeln, Weißkohl, Mohrrüben, Zwiebeln und andere gute Sachen mit. Zu ihren Ehren wurde ein Gelage veranstaltet. Wir nahmen auch daran teil – die Männer setzten uns auf Bänke, die sie aus einem Kiefernstamm gehauen hatten, gaben jedem von uns eine Tasse Kräutertee und dazu eine ganze Mohrrübe. Freilich wussten nicht alle Jungen, was sie damit anfangen sollten.

Erst nach mehreren Tagen kamen zwei große geschlossene Lastwagen auf Raupenketten uns abholen. Wir wurden wieder in die Decken gepackt und zusammen mit den verschnürten Kisten in einen Lastwagen gesetzt. In der Abenddämmerung fuhren wir los und erreichten am nächsten Tag gegen Mittag eine Eisenbahnstation. Ich weiß noch, dass die Männer sehr behutsam mit den Kisten umgingen.

Auf der Station, vielleicht auch erst im Zug, hörte ich, dass sich in den Kisten die Zeichnungen und Berechnungen für ein neues Kampfflugzeug befanden und dass unser oberster Onkel der Ingenieur und Schöpfer dieses Flugzeugs war. Er hieß Sergej, und sein Nachname war Jeroschewski oder Jaroschewski.

Aber warum hatte er gerade uns, Zöglinge eines staatlichen Kinderheims, und nicht ganz normale Kinder mit dem Flugzeug aus dem Blockade-Leningrad herausgebracht? Merkwürdig. Warum hat mich dieser gütige Gulliver aus allen anderen Liliputanern ausgewählt und mir sogar eigenhändig den Kopf verbunden? Weil ich ihm mit einem Auge zulächelte? Oder weil ich ein Kreuzchen um den Hals trug?

Der Zug brachte uns nach Kuibyschew, wo wir einem Kinderheim des NKWD* übergeben wurden. Dort nahmen mir die Erzieher das Kreuz weg, das Letzte, was mir von meiner Matka Bronia geblieben war.

Das staatliche Haus

Die Bilder vergangener Jahre, die uns einst alltäglich und uninteressant vorkamen, bohren sich mit der Zeit immer stärker in unser Gedächtnis und lassen alle möglichen unverhofften Einzelheiten aufblitzen.

In den bösen Zeiten, als wegen der beiden schnauzbärtigen Führer im europäischen Teil Russlands Millionen Erwachsene mörderisch aufeinander einschlugen, war bei uns im fernen Sibirien alles friedlich. Wir lebten, wie man so sagt, recht und schlecht in dem mustergültigen Kinderheim des NKWD, verborgen im Dorf Tschornyje Lutschi am Ufer des Irtysch, aber wenigstens im Warmen und unter dem Dach eines stabilen dreistöckigen Ziegelgebäudes, das freilich früher ein Durchgangsgefängnis gewesen und, nachdem es für die erwachsene Bevölkerung nicht mehr ausreichte, in ein Kinderheim umgewandelt worden war. Bei den Leuten hieß es »Kinderknast«. An den Türen der Schlafsäle waren noch die Spuren der Futterluken zu sehen, und einige Fenster waren nach wie vor vergittert. Aber das störte uns nicht, im Gegenteil, zwischen Rahmen und Gitter konnten wir dies und das verstecken. Der Tagesablauf war streng reglementiert, fast wie im Gefängnis: Wecken, Morgengymnastik, Fressewaschen, Frühstück, Unterricht oder Arbeit, Mittagessen, Schlafen, Gehirnwäsche, Abendessen, Klogang, wieder Schlafen, so wie es der letzte Kneiferträger der Sowjetunion, NKWD-Marschall Lawrenti Berija, angeordnet hatte. Aber dafür hatte jeder ein eigenes Bett mit Laken, und an den roten Feiertagen und zu Stalins Geburtstag, am 21. Dezember, bekamen wir zum Frühstück einen Riegel Brot mit Butter.

Bei uns lief alles wie am Schnürchen. Die Kinder der abgeurteilten Eltern hießen Zöglinge, die Aufseher und Aufseherinnen hießen Erzieher. Die Wächter mussten wir mit »Genosse Wachhabender« ansprechen, und der Karzer hatte den schönen Namen Isolator. Über allen prangte, wie der Stern an der Soldatenmütze, die Leiterin des Heims, genannt die Kröte, ein wahrer Drachen: »Von hinten greulich, von vorn abscheulich.«

Offiziell gliederten sich die Heimkinder in vier Gruppen: die Ältesten, die Zweitältesten, die Mittleren und die Jüngsten. Der Altersunterschied zwischen den Gruppen betrug zwei bis drei Jahre. Inoffiziell wurden die Ältesten Alte genannt, die Zweitältesten Dachse. Beide Gruppen wohnten im dritten Stock in mehreren Räumen. Wir, die Mittleren im Vorschulalter zwischen sechs und acht, hießen Knirpse und wohnten in zwei Zimmern im zweiten Stock. Uns gegenüber, auf der anderen Seite der Treppe, waren, ebenfalls in zwei Räumen, die Kleinsten unter sechs Jahren untergebracht, die wir Krümel nannten. Ihre Wohnhälfte wurde mit einem Vorhängeschloss zugesperrt, und wir sahen sie nur im Speisesaal oder im Hof, und auch das nur durch die vergitterten Fenster. An den Zimmertüren waren unsere Spitznamen eingeritzt: Alte, Dachse, Knirpse, Krümel.

In der linken Hälfte des ersten Stocks lagen der Speisesaal, von uns Fressschuppen oder Futterscheune genannt, und die Küche. In der rechten Hälfte, genau unter uns, befand sich die große Aula, die nach Dzierżyński* benannt war. An der Stirnwand hing ein Porträt des Volkskommissars. Unter dem Bild stand der lange Präsidiumstisch, mit rotem Tuch bedeckt, und davor waren die Bankreihen. Dieser Saal war fast immer leer. Nur an Feiertagen wurden wir hineingetrieben und mussten zu Ehren der Festlichkeit und der angereisten Natschalniks in Reih und Glied antreten. Hinter der Wand mit dem ziegenbärtigen Feliks Dzierżyński befand sich noch ein wichtiges Zimmer, dort hielten die Erzieher und Leitungskräfte des Kinderheims ihre Versammlungen ab. Keiner von uns war je drin, aber wir wussten, dass die Bewacher an Sonn- und Feiertagen hinter dem Rücken ihres legendären Feliks feierten und sich volllaufen ließen. An den Seitenwänden der Aula hingen zwei riesige gerahmte Bilder – »Stalin in der Region Turuchansk« und »Der junge Führer bei Bakuer Arbeitern« –, in unserer Sprache: »Diebsversammlung« oder »Machtgekungel«.

Auf dem Weg zum Speisesaal stand zwischen Erdgeschoss und erstem Stock auf einem Sperrholzsockel, der auf dunkelroten Marmor getrimmt war, eine weiße Gipsbüste von Väterchen Lenin, umstellt von Blumentöpfen, bei uns nur »Glatzkopf im Garten« genannt. Kurz vor dem Tag des Sieges wurde er plötzlich bronzefarben angestrichen, und sofort benannten unsere Alten ihn um in »Bronzemann auf Heimaturlaub«.

Das Erdgeschoss gehörte ganz und gar der Verwaltung und ihren Unterabteilungen. Rechts, am Haupteingang, befand sich die Pförtnerloge samt einer Kammer, wo die Wächter die von Spaziergängen oder von der Arbeit zurückkommenden Heiminsassen filzten. Doch wir hatten uns an die Durchsuchungen längst gewöhnt und schmuggelten die von draußen mitgebrachten Kostbarkeiten geschickt an der Wache vorbei, indem wir sie von Hand zu Hand weitergaben.

Hinter der Filzkammer war in einer ehemaligen Zelle die Desinfektion, wo die Neueingänge ein paar Tage in Quarantäne bleiben mussten und bearbeitet wurden, bevor sie in die oberen Zimmer durften.

In den nächsten beiden Zellen war die Krankenabteilung, eine der schlimmsten Einrichtungen des Kinderheims, die wir Dunkelkammer oder Kaputtka nannten. Kaum einer, der dorthin geriet, kam auf seine Etage zurück. Das Kommando führte eine Feldscherin, genannt die Schreckliche Kapa. Ihre Gehilfin, eine taubstumme Krankenpflegerin, von deren bestialischem Gestank die Fliegen krepierten, machte nicht sauber, sondern verschmierte nur den Dreck. Im Sommer mussten die Zöglinge auf den Feldern des Heims Unkraut jäten und stopften vor Hunger ungewaschenes Gemüse in sich hinein, wonach sie bei Kapa reihenweise an Darmkrankheiten starben. Als es einmal überdurchschnittlich viele Kinder hinwegraffte, kam eine Kommission mit Schulterklappen angefahren und donnerte unsere Bonzen zusammen. Nach Abfahrt der Schulterklappenträger sahen wir, wie unsere Heimleiterin unter unflätigen Weiberflüchen ihre fetten Fäuste der Feldscherin in die primitive Visage knallte.

Am Ende des Korridors lagen die beiden Karzer, die sogenannten Isolatoren.

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