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Schwesterherz

17. Mai

Von: Lilly Kleeberg

An: Charlotte Kleeberg; Luise Kleeberg

 

Geliebte Schwesterherzen!

 

Sitzt Ihr? Wenn nicht, dann setzt Euch jetzt hin und haltet Euch fest:

 

ICH HEIRATE!!! IN VIER MONATEN!!! JUCHUUUU!!!

 

Carlo und ich haben es gestern Nacht beschlossen, es war voll romantisch, wir saßen auf dem Forum Romanum und haben Wein getrunken, und alles fühlte sich perfekt an. Ich bin im siebten Himmel!!!!!

Jaja, ich weiß, was Ihr sagen werdet, und ich antworte Euch schon jetzt darauf:

 

  • Nein, ich bin nicht wahnsinnig geworden.

  • Ja, ich bin mir sicher, dass er der Richtige ist.

  • Nein, ich muss nicht noch einmal in Ruhe darüber nachdenken. Ich bin vierundzwanzig und alt genug, das zu entscheiden.

     

Ich bin überglücklich und drücke und knutsche Euch!

 

Eure Lilly-im-siebten-Himmel

27 Minuten später

Von: Charlotte

An: Lilly

cc: Luise

 

LILLY!

 

Mich trifft der Schlag! Bist Du völlig verrückt geworden???

 

Lass Dir mit dem Heiraten doch Zeit! Wenn Carlo in drei Jahren immer noch der Mann Deines Lebens ist, kannst Du ihn ja ehelichen, aber doch nicht nach einer so kurzen Beziehung! Und, Lilly, mein Herz, klar bist Du vierundzwanzig, aber Du warst auch schon dreiundzwanzig, als Du beschlossen hast, für Lukas Dein Studium zu schmeißen und ihm nach Thailand zu folgen, um Schmuckverkäuferin zu werden, entschuldige, dass ich Dich daran erinnern muss. Wie lange kennst Du Carlo? Sechs Monate? Als ich ihn in Rom kennengelernt habe, fand ich ihn ja echt entzückend, aber darum musst Du ihn doch nicht gleich heiraten. Mensch, Lilly! Tu Deiner weisen, ehegeprüften Schwester einen Gefallen und denk noch mal darüber nach, okay? Bitte!

 

Ich drücke und vermisse Dich! (Wann kommst Du endlich wieder nach Berlin? Kannst Deinen Schnucki ja mitbringen – Du fehlst mir!)

 

Deine erschütterte Charlotte

Eine Stunde später

Von: Lilly

An: Charlotte; Luise

 

Ciao Bellissime!

 

Innerhalb von fünf Minuten sind zwei E-Mails nahezu gleichen Inhalts von Euch hier eingetrudelt. Na ja, was soll man von Euch seelenverwandten eineiigen Zwillingen anderes erwarten? Aber gebt Euch keine Mühe, das ist mein letztes Wort: Ich bin nicht verrückt, und ich werde ihn heiraten – e basta!

Ich habe übrigens ganz vergessen zu erwähnen, dass ich Euch als meinen weisen älteren Schwestern die Hochzeitsvorbereitungen übertragen möchte! Ich kriege das ohne Eure Hilfe bestimmt nicht gebacken, und da habe ich mir gedacht, bevor ich mir monatelang Eure guten Tipps anhöre, könnt Ihr es doch auch gleich selbst organisieren. Ihr braucht mir auch nix zu schenken, okay? Macht Ihr das für Eure kleine Lilly? Bittebittebitte!!! Wir wollen unbedingt im Berliner Umland heiraten, wisst Ihr, ob es da irgendwo eine kleine Kirche gibt, wo das geht? Wir laden nur ganz wenige Leute ein, da ist eh nicht so viel zu tun, wir wollen nach der Kirche nur einen Sekt trinken und abends ein bisschen Party machen. Bekommt Ihr das hin?

 

Millionen Küsschen von Eurer verknallten Lilly

Am späten Abend

Von: Charlotte

An: Lilly

cc: Luise

 

Liebe Lilly,

 

Du lässt uns wohl keine andere Wahl. Wenn es unbedingt sein muss, kannst Du Dich natürlich auf uns verlassen. Ich hoffe nur, Du hast es Dir wirklich, wirklich gut überlegt.

 

Sei gedrückt von Deiner (immer noch schockierten)

Charlotte

 

PS: Habe ich Kirche gelesen? Bist Du auf einmal christlich geworden im katholischen Rom?

Eine Viertelstunde später

Von: Charlotte

An: Luise

 

Liebe Luise,

 

lange nichts von Dir gehört, ich hoffe, das ändert sich bald wieder. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, aber Lilly scheint es mit ihren Hochzeitsplänen ernst zu meinen. Wir können uns schlecht drücken, denke ich. Also würde ich vorschlagen, wir teilen uns die Vorbereitungen auf – ich organisiere den Part um die Trauung herum, Du die abendliche Feier. Bei Dir scheint es zeitlich momentan auch eng zu sein, aber wir können uns ja hin und wieder per E-Mail abstimmen. Außerdem hoffe ich, dass Lilly es sich bis dahin noch anders überlegt.

 

Ich hoffe, Dir geht es gut, Grüße und Küsse,

Charlotte

Am nächsten Abend

Von: Luise

An: Charlotte

 

Hallo Charlotte,

 

lange nichts gehört? Du bist ja echt witzig – ich weiß ehrlich nicht, wer von Euch beiden den Vogel abschießt, Du mit Deinem »Lange nichts von Dir gehört« oder Lilly mit ihrer neuesten Desaster-Mail. Mich kannst Du aus diesem Hochzeits-Familien-Harmonie-Ding jedenfalls komplett streichen. Wie stellst Du Dir vor, dass wir beide zusammen eine Hochzeit organisieren? Mein Maximalkompromiss: Ich frage Jule, ob sie für mich einspringt – die arbeitet doch in einer Event-Agentur und kennt sich aus mit Hochzeitsfeiern. Am besten wäre es aber wohl, wenn Lilly das Ganze einfach abbläst, weiß der Fuchs, was sie da gerade reitet …

 

Ich werde Mama bitten, dass sie ihr noch mal ins Gewissen redet.

 

Nacht.

L.

Am nächsten Morgen

Von: Charlotte

An: Luise

 

Hallo Luise,

 

es kommt überhaupt nicht in die Tüte, dass Du eine Event-Agentur beauftragst, die Hochzeit unserer kleinen Schwester zu organisieren! Was ist denn los mit Dir? Ich kann nicht glauben, dass Du das im Ernst vorgeschlagen hast. Lilly hat uns beide ausdrücklich darum gebeten, das können wir ihr doch nicht abschlagen!

Danke übrigens der Nachfrage, mir geht es nicht besonders gut. Emma befindet sich mitten in der Trotzphase und schmeißt sich bevorzugt im Supermarkt auf den Boden, strampelt mit den Beinen und weigert sich konsequent, irgendetwas zu tun, worum ihre gestresste Mutter sie bittet. Außerdem habe ich einen fürchterlichen und zeitintensiven Fall am Hals, ich arbeite praktisch Tag und Nacht, mit Ausnahme der Nachmittagsstunden, zwischen Emma-vom-Kindergarten-abholen und Emma-ins-Bett-bringen. Sobald sie schläft, setze ich mich an meinen »Home office«-Arbeitsplatz, den mir mein geschätzter Arbeitgeber eingerichtet hat, denn eine moderne Anwaltskanzlei tut was für seine jungen Anwaltsmütter! Dank der modernen Technologie kann ich auch in den Abend- und Nachtstunden noch wunderbar arbeiten und muss dafür nicht einmal einen Babysitter bezahlen. Herz, was willst du mehr? Meinen geliebten Gatten sehe ich täglich ungefähr 30 Minuten – 15 Minuten, nachdem ich aufgestanden bin und bevor er das Haus verlässt, um pünktlich in der Klinik zu sein, und 15 Minuten zwischen »Home office«-Arbeitsplatz, Zähneputzen und Komatiefschlaf. Das letzte Mal war ich mit Sven vor drei Monaten im Kino, an den Film erinnere ich mich nicht, wir sind beide eingeschlafen. Aber ansonsten kümmere ich mich natürlich liebend gerne um die Hochzeitsvorbereitungen in Zusammenarbeit mit einer von meiner Schwester beauftragten Event-Agentur.

 

C.

Einen Tag später, nachts

Von: Luise

An: Charlotte

 

Hallo Charlotte,

 

mir jetzt mit so einer Mitleidstour zu kommen, finde ich das Letzte.

Jaja, ich weiß, Ihr Mütter seid der am härtesten arbeitende Teil der Bevölkerung. Und besonders hart trifft es die jungen Mütter unter Euch: Was für ein furchtbares Schicksal, einen erfüllenden Beruf UND ein Kind zu haben, noch dazu womöglich einen attraktiven Ehemann, der über die Vergabe von Einkaufslisten und Reparaturaufträgen hinaus Aufmerksamkeit einfordert. Was eine junge Mutter so alles unter einen Hut bekommen muss – Mannmannmann, davon macht sich der kinderlose Laie ja keine Vorstellung!

Ich hingegen mache mir ein schönes Leben und befinde mich sozusagen in permanenter Latte-Macchiato-Stimmung. Gerade eben dachte ich wieder: Mensch, Luise, Du hast alles richtig gemacht!

Es ist gleich ein Uhr nachts, ich komme fix und fertig aus dem Theater, habe die zwei obligatorischen Striche auf der Armer-Irrer-Liste gemacht (die hab ich Hinz, unserem genialischen Intendanten, gewidmet; wenn sie voll ist, kündige ich, auch ohne neuen Job), im Kühlschrank herrscht gähnende Leere. Im Prinzip ein Tag wie jeder andere.

Mittags rief Hinz mich zu sich – ob ich wohl so gut wäre, ihm sein Steak zu braten? »Ja, nun starren Sie mich nicht so an, Frau Kleeberg. Da ist die Pfanne, dort die Herdplatte. Und bitte: schön zart.« Um 19 Uhr durfte ich den Meister zur Massage fahren – »Ich hoffe, Frau Kleeberg, Sie wissen es zu schätzen, dass ich Ihnen damit eine zusätzliche bezahlte Pause ermögliche … Und das misslungene Steak von heute Mittag, Schwamm drüber, wir arbeiten dran.« Ich hasse ihn. Schade, dass ich damals den Absprung nicht geschafft habe.

Du siehst, ein Highlight jagt das nächste, und dazu habe ich auch noch Heuschnupfen wie Hölle. Wie auch immer: Je öfter ich mir Deine herzallerliebsten Zeilen durchlese, desto mehr Geschmack finde ich an der Event-Agentur-Lösung. Habe ich den kreativen Gegenvorschlag Deinerseits überlesen?

 

Luise

Einen Tag später

Von: Charlotte

An: Luise

 

Hallo Luise,

 

das ist ungefähr die siebte E-Mail, die ich anfange. Die anderen habe ich verworfen, sie spiegelten immer nur einen Teil des emotionalen Kuddelmuddels wider, das in mir herrscht. Das ist mein letzter Versuch, es in Worte zu fassen. Ich bin so wütend und traurig, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Ich muss die ganze Zeit heulen, und das schreibe ich Dir nicht als »Mitleidstour«, sondern damit Du eine Vorstellung von meinem Gemütszustand bekommst.

Meine erste Reaktion auf Deine E-Mail war eine Mischung aus Schock und Wut. Ich habe sie morgens gelesen und den ganzen Tag daran herumgekaut. Was bildet Luise sich eigentlich ein? Warum ist sie so gemein? Mir fällt kein besseres Wort dafür ein, obwohl »gemein« eher nach Kindergarten denn nach zwei erwachsenen Frauen klingt. Aber so empfinde ich Deine E-Mail. Soll ich mich dafür entschuldigen, dass ich ein Kind und einen Mann und einen fordernden Beruf habe? Glaub mir, Luise, auch ich befinde mich nicht in einer permanenten Latte-Macchiato-Stimmung und hocke mit anderen Muttis plauschend in der Sonne, um ab und an dem Nachwuchs das Sonnenhütchen zurechtzurücken. Irgendwie klingt bei Dir durch, dass ich kein Recht habe, meinen Frust zu äußern, als ob nur Du Bekanntschaft mit dem knallharten Leben gemacht hättest. Das zeigt mir, dass Du überhaupt keine Ahnung von der emotionalen Achterbahnfahrt hast, die mein Leben in den letzten Monaten bestimmt hat. Klar, woher solltest Du auch? Du meldest Dich ja überhaupt nicht mehr, Du weißt nichts von mir, sonst würdest Du nicht so einen Quatsch schreiben. Aber ich kann nicht glauben, dass Du so harsch über mich urteilst, ohne mal nachzufragen, wie es mir eigentlich geht!

Nachdem ich Emma endlich im Bett hatte, habe ich mich an meinen Schreibtisch gesetzt und losgelegt. Aber als ich die fünfte zornige Erwiderung auf Deine E-Mail geschrieben und wieder verworfen hatte, war meine Wut verpufft. Zurück blieb ein dicker schwarzer Klumpen Traurigkeit. Ich vermisse Dich schrecklich, Luise! Warum zanken wir uns über so einen Quark wie die Organisation einer Hochzeit? Du warst immer der wichtigste Mensch in meinem Leben, Du hast mich wortlos verstanden, Du warst mein Fels in der Brandung. Momentan werde ich überflutet vom Leben, aber da ist kein Luise-Felsen, an dem ich mich festhalten kann. Stattdessen bekomme ich eine böse E-Mail mit lauter Vorwürfen.

Bist Du etwa immer noch verschnupft wegen dieser Vorstellungsgespräch-Geschichte? Das kann ich mir kaum vorstellen, aber etwas anderes fällt mir nicht ein. Glaub mir, Du hast garantiert nicht Deinen Traumjob verpasst, nur weil ich da nicht hingegangen bin. Es werden sich noch bessere Chancen für Dich ergeben, bei denen Du als Künstlerin gewürdigt wirst und nicht als Assistentin!

Oder ist irgendetwas anderes vorgefallen, was ich nicht mitbekommen habe? Ich muss an Mama mit ihren esoterischen Lebensweisheiten denken. Eine davon lautet: Wen man am meisten liebt, den kränkt man am ehesten. Kann es sein, dass ich Dich irgendwie sehr verletzt habe? Wenn ich meine (vielleicht selbstgerechte) Empörung beiseitelasse und Deine E-Mail nochmals lese, dann höre ich heraus, dass es Dir gar nicht gutgeht, dass Du auch unter dieser verdammten Jahreszeit mit ihren Milliarden fliegenden Pollen leidest, dass die Zusammenarbeit mit dem gestörten Intendanten noch schlimmer geworden ist, dass Du einsam bist und bestimmt nicht genug isst und dass Du vielleicht nur deswegen so wütend schreibst, weil es Dir viel schlechter geht, als Du jemals bereit wärest zuzugeben.

Gerade kam Sven ins Zimmer, er hatte Spätdienst im Krankenhaus, und fragte mich, ob mein Heuschnupfenspray alle sei, weil ich hier laut schniefend vor dem Computer sitze. Sehr sensibel, mein lieber Mann.

Ich bin fix und fertig und schließe jetzt. Ich hoffe sehr, dass ich bald wieder von Dir höre, lass mich nicht so lange hängen! Ich kenne Dein Schwanken zwischen Impulsivität und Zögern und bitte Dich inständig: Schreib auf, was Dir durch den Kopf geht! Die nächsten Tage bin ich nicht per E-Mail erreichbar, weil ich morgen ganz früh zu einem Prozess nach Bremen fahre. Wenn ich zurück bin, werde ich als Erstes den Computer anschmeißen und auf eine Nachricht von Dir hoffen.

Jetzt muss ich meinen Koffer packen und meine Business-Kluft bügeln, damit ich nicht aussehe wie Mutti auf Urlaub, sondern wie eine superseriöse Anwältin.

 

Gute Nacht, Luise,

Deine Charlotte

Tief in der Nacht

Von: Luise

An: Charlotte

 

Hallo Charlotte,

 

ich bin um Mitternacht völlig erschöpft nach Hause gekommen, habe Deine E-Mail gelesen, bin sofort ins Bett gegangen und wollte einfach nur schlafen – klappte nicht. Wärmflasche und Kakao haben auch nichts gebracht. Es hilft nichts, ich muss Dir jetzt noch antworten, auch wenn es mitten in der Nacht ist, sonst wälze ich mich bis zur Morgendämmerung in den Laken herum.

Ich bin, ehrlich gesagt, ziemlich überrascht – und das ist noch milde formuliert –, dass Du nicht weißt, warum ich mich zurückgezogen habe. NATÜRLICH ist das verpatzte Vorstellungsgespräch der Grund. Was glaubst Du denn? Und ich bin auch keinesfalls »verschnupft«, wie Du es formulierst, ich bin stinke-, stinke-, stinkesauer auf Dich!

Eigentlich.

Uneigentlich, weil der Wut-Vulkan in meinem Magen sich beim Lesen Deiner E-Mail urplötzlich in einen großen See aus Tränen verwandelte, die alle aus mir herausfließen wollten, und ich heulen musste wie ein Schlosshund. Dann habe ich mir das Heulen verboten, denn auch wenn ich Dich noch so sehr vermisse, bin ich immer noch wütend auf Dich. Und ich kapiere nicht, dass Du das nicht kapierst! Lotta, auch wenn Du über 13 Minuten mehr Welterfahrung verfügst als ich, muss ich Dir mal kurz auf die Sprünge helfen, wie sich gewisse Dinge zugetragen haben: Du tust so, als wäre diese Sache mit dem Vorstellungsgespräch eine winzige Kleinigkeit gewesen, die ich zum Jahrtausenddrama hochspiele. Lotta, es war ein Jahrtausenddrama! Du hattest mir VERSPROCHEN, hinzugehen und mich zu vertreten, weil ich hier auf meinem Sofa beinahe an der Vogel- oder Sonstwasdrecksgrippe verreckt wäre. Tom war auch nicht gerade hilfreich in dieser Situation. Er tönte bloß, ich solle mir keine Sorgen machen, ich hätte den Job so oder so in der Tasche, weil er – in seinen Augen ja der wichtigste Dramatiker Deutschlands – sich mit diesem Kunsthändler schon mal betrunken habe. Lotta, was zum Teufel war denn da los? Wir sind doch ein bewährtes Team! Genauso wie Du in der mündlichen Matheprüfung meinen Abi-Durchschnitt kolossal verbessert hast, hättest Du auch diesen Vorstellungstermin mit Bravour gemeistert. Und ich hätte eine Assistentinnenstelle bei einem der größten Kunsthändler Mitteleuropas in der Tasche gehabt. Das wäre mein Fuß in der Tür zur Kunstwelt gewesen, meine Chance, endlich eine größere Ausstellung zu bekommen!

Aber nein, verdammt. Du hast einfach eine halbe Stunde nach (!!!) dem vereinbarten Gesprächstermin angerufen, um mir mitzuteilen, dass Du das Ganze hast sausenlassen, weil Du Emma vom Kindergarten abholen musstest. Hallo? Erde an Charlotte! Begreifst Du die Dimension denn gar nicht? Mit dieser Nummer hast Du mir nicht mal mehr die Chance gelassen, das Vorstellungsgespräch abzusagen, so dass man sich eventuell das berühmte zweite Mal auf Augenhöhe hätte begegnen können. Stattdessen nur wieder so ein typischer Charlotte-Spruch: »Du findest schon etwas Besseres.« Wie konntest Du mir das antun? Hast Du eigentlich eine Vorstellung davon, wie es sich anfühlt, mich von Hinz 17 Stunden am Tag herumkommandieren zu lassen, während mein kleines Atelier zu Hause brachliegt? Ich habe das Gefühl, vollkommen abzustumpfen … Wie kannst Du nicht verstehen, dass ich verletzt, wütend, zu Tode gekränkt war? Und Du gehst darüber hinweg, als ob ich mich anstellen würde wie ein beleidigtes Kind, das einen Lolli nicht bekommen hat, und willst mit mir zusammen eine Hochzeit organisieren? Das begreife ich nicht. Und jetzt muss ich schon wieder heulen, und der Rotwein ist alle, und ich gehe jetzt ins Bett.

 

Gute Nacht.

Luise

Am nächsten Morgen

Von: Charlotte

An: Luise

 

Geliebte Luise, mein Schwesterherz,

 

ich habe es nicht ausgehalten, habe eben doch noch schnell meine E-Mails gecheckt, und bin so, so froh, dass Du mir geschrieben hast. Ich habe nur ein paar Minuten, muss meinen Zug erwischen. Nur das in Kürze:

Ja, ich verstehe, dass Du wütend bist.

Ja, ich verstehe, dass Du denkst, Du hättest eine Superchance verpasst.

Ja, es war total bescheuert von mir, dass ich nicht kapiert habe, wie wichtig Dir dieser Termin war.

Ich kann zu meiner Entschuldigung nur vorbringen: Ich stecke in einem schwierigen Prozess, bei dem ich einen superwiderlichen Typen verklage, habe eine massive Ehekrise und sehe meine Tochter kaum. Manchmal kann ich nicht mehr geradeaus denken, weil mir alles zu viel wird. Ich habe nicht mitbekommen, wie es momentan um uns bestellt ist. Verzeih mir.

Zum Thema »verpasste Chance« möchte ich gerne in Ruhe noch etwas sagen, jetzt muss ich los.

 

Ich vermisse Dich schrecklich.

Bitte, sei nicht mehr böse auf mich, das halte ich nicht auch noch aus.

 

Charlotte

Am späten Abend

Von: Luise

An: Charlotte

 

Mensch, Charlotte.

 

Du schaffst mich. Aber echt. Ich bin wütend, ich bin wütend, ich bin wütend auf Dich. Aber irgendwie zerschmilzt meine Wut, wenn Du mir solche E-Mails schreibst. Bitte hör auf damit und lass mich einmal im Leben zu Recht (!!!) wütend auf Dich sein! Warum musst Du immer der große, kluge Zwilling sein, der liebevollvernünftige Reden schwingt, so dass ich mir mit meiner völlig gerechtfertigten (!!!) Wut vorkomme wie die letzte kleinliche nachtragende Kröte? Das verrate mir mal. Dass Lilly nicht die Leidtragende meiner Wut sein sollte, sehe ich auch ein, also: Meinetwegen, organisieren wir beide die Hochzeit miteinander.

 

Warum ich um diese Uhrzeit schon so entspannt E-Mails schreibe? Ja, das hat Hinz mir eben erklärt, als ich um 19 Uhr 30 zusammenpacken wollte: »Ach, Frau Kleeberg, ich wusste gar nicht, dass Sie einen halben Tag Urlaub angemeldet haben?« Sagte es und streckte mir seine Regiebuch-Kladde hin. »Lesbar abtippen, bis morgen früh um zehn.«

Ich träume von einer Assistentinnenstelle bei einem der größten Kunsthändler Mitteleuropas. Aus. Vorbei.

 

GRRRRR!

Luise

Drei Tage später, am frühen Morgen

Von: Charlotte

An: Luise

 

Liebe Luise,

 

entschuldige, dass ich mich nicht früher gemeldet habe. Ich bin gestern erst spät nach Hause gekommen und musste dann ein total aufgeregtes Kind bändigen. Emma war außer sich vor Freude, dass ich wieder da war, kaum hatte ich die Tür geöffnet, flog sie mir in die Arme und wollte mich gar nicht wieder loslassen. Mir kamen fast die Tränen vor Rührung! Gleichzeitig meldete sich mein Daueruntermieter, das schlechte Gewissen, weil ich oft so ungeduldig mit Emma bin. Sie liebt mich bedingungslos und ist ein Goldengel, und ich arbeite momentan viel zu viel und bin viel zu wenig für sie da … Egal, jedenfalls dauerte es einige Zeit, bis ich sie ins Bett bringen konnte, und dann bin ich neben ihr eingeschlafen. Gegen Mitternacht weckte mich Sven (der derweil auf dem Sofa eingenickt war), und zusammen schleppten wir uns ins Bett. Du siehst, unsere Ehe ist ein steter Quell der Romantik.

Aber meine erste Tat heute Morgen war (ja, ich höre Deinen Einwurf, Du hast recht: Es war meine zweite Tat, die erste war der Kaffee …), den Computer anzuwerfen, und ich war so erleichtert, eine versöhnliche E-Mail von Dir vorzufinden! Lass uns unbedingt treffen und über alles sprechen. Mit den Hochzeitsvorbereitungen sollten wir zügig anfangen, es wird schwer genug, jetzt noch eine passende Location zu finden. Wie wäre es heute Abend um 19 Uhr bei Mario? Ich könnte direkt nach der Arbeit hinkommen. Sag doch kurz Bescheid, ob das passt. Und falls Dein Hinzelmännchen protestiert, sag ihm, Du hättest einen Termin mit Deiner Rechtsanwältin, es ginge um eine Arbeitnehmerklage wegen ausbeuterischer Arbeitsbedingungen.

 

Kuss, Charlotte

Drei Stunden später

Von: Luise

An: Charlotte

 

Hallo Charlotte,

 

bin gerade schwer in Eile, muss Hinz um zwölf Uhr im Theater abholen und ihn nach Leipzig kutschieren, vorher noch das Auto bei der Leihwagenfirma abholen … Treffen heute Abend geht, aber 19 Uhr schaffe ich auf keinen Fall, Hinz hat sich den Kalender mit Terminen in Leipzig vollgepackt, so dass wir erst am Abend zurückfahren werden. Aber er hat um 20 Uhr eine Verabredung mit dem Kulturstaatssekretär in Berlin, die wird er auf keinen Fall sausenlassen. Ich muss ihn dann dorthin fahren und eisenhart bleiben, dass ich nicht mit reingehe. Nicht dass Du jetzt denkst, er würde meine Teilnahme an solchen Terminen als sinnvoll erachten, damit auch ich auf dem neuesten Stand der Dinge bin und ihm nicht in mühevoller Kleinarbeit aus der Nase ziehen muss, was sie nun konkret besprochen haben, denn das Gesprächsprotokoll schreibt natürlich – Überraschung – die liebe Frau Kleeberg. Nein, nein, es ist eher so, dass Hinz Wert darauf legt, dass auch er ein Mr. Wichtig mit einer persönlichen Assistentin ist, und er dem Kulturstaatssekretär kurz vorführen muss, wie er mich schikaniert. Aber ich bleibe hart und schubse ihn im Notfall aus dem fahrenden Auto, ich schwör’s Dir! Was ist der langen Rede kurzer Sinn? Ich schaffe es erst um halb neun, tut mir leid! Und jetzt muss ich losdüsen.

 

L.

Am nächsten Morgen

Von: Charlotte

An: Luise

 

Luiselein,

 

es war so schön, endlich mal wieder in Ruhe mit Dir zu quatschen. Ich habe das die letzten Monate vermisst! Auch wenn wir über tausend Dinge gesprochen haben, nur nicht über den Grund unseres Zerwürfnisses (kann man das so nennen? Das hört sich für meine Ohren viel zu dramatisch an, klingt nach Zerrüttung, Zerreißen, Auseinanderdriften – und uns zwei beide kann letztlich nichts auseinanderbringen, das wurde mir gestern wieder klar wie Kloßbrühe). Es tut mir wahnsinnig leid, dass ich so abrupt aufgebrochen bin, aber unsere Babysitterin musste abgelöst werden. Ich kam ohnehin schon eine Stunde später als verabredet zurück – sie war ein bisschen sauer deswegen, weil sie heute eine wichtige Arbeit schreibt. Aaaaaaargh, siehst Du, schon wieder meldet sich mein Daueruntermieter, das schlechte Gewissen … Warum quält es am liebsten seine Wirtin Charlotte mit nagenden Vorwürfen? Warum zieht es nicht um zu Sven? Den lassen solche Sachen kalt wie eine Hundeschnauze.

Jedenfalls wollte ich Dir eigentlich noch eine ganze Reihe von Dingen sagen. Ich hole das nun schriftlich nach, denn ich gehe mal davon aus, dass Du einen Anruf von mir um diese Uhrzeit nicht allzu sehr schätzen würdest. Scheint mir einer der wenigen Vorteile am Theater zu sein, dass man nicht um acht Uhr dort aufschlagen muss.

 

Zunächst zum organisatorischen Teil – der Hochzeit. Im Prinzip haben wir die Aufgaben gestern schon verteilt: Du kümmerst Dich um die Location, das Essen und die Einladungskarten (bitte denk daran, Lilly zu schreiben, dass sie Dir zügig eine Adressenliste der Gäste schicken soll, und zwar eine vollständige, wo nicht alle Postleitzahlen fehlen und die Leute nur Spitznamen haben). Kennst Du eine Graphikerin, die das gestalten kann? Ich kümmere mich um die Planung des Junggesellinnenabschieds, den Blumenschmuck, den DJ für die Party und koordiniere die Hochzeitsspiele. Falls Dir für die Location nichts Passendes einfällt, kann ich das auch übernehmen, ich hätte da ein paar Ideen.

 

Zu Tom sage ich nur: Tritt ihm in den Hintern und sag ihm auf Nimmerwiedersehen, diese Napfsülze hat Dich doch überhaupt nicht verdient! So ein Dünnbrettbohrer! Ich lese regelmäßig seine Sonntagskolumne und fühle mich jedes Mal bestätigt, dass er ein Blender, Schwachkopf, Angeber und Nichtskönner ist und garantiert nicht der Richtige für Super-Luise. Schick ihm eine SMS, dass es aus und vorbei ist. Das ist ein gutgemeinter Rat von Deiner 13 Minuten älteren und damit weiseren Schwester!

 

Ein Blick auf die Uhr, und mein Adrenalinpegel schnellt nach oben – es ist gleich halb sieben, ich muss unter die Dusche springen, Emma wecken und in den Tag starten. Ich hole meine Ausführungen zum Thema Vorstellungsgespräch morgen früh nach, versprochen!

 

Fühl Dich geherzt von Deiner

Charlotte

Am späten Abend

Von: Luise

An: Charlotte

 

Liebe Lotta!

 

Ja, unser Abend bei Mario war schön.

Vorab: Du bist die beste und klügste Mutter der Welt. Emma platzt bestimmt vor Stolz und findet bloß keinen angemesseneren Ausdruck dafür, als im Supermarkt herumzukreischen. Sei also nicht immer so perfektionistisch – und schick Deinen lästigen Untermieter am besten auf direktem Weg zu Tom.

Ich fürchte nämlich, Du hast recht: Der Typ ist gestört bis nicht ganz dicht. Ich bin nach unserem Treffen noch zu ihm gefahren, da empfing er mich in dramatischer Pose in seinem Whirlpool und keuchte pathetisch, ich sei seine Muse und die Frau seines Lebens. Dagegen fiel der Morgen vergleichsweise karg aus. Mit der Ausrede, er habe gerade einen Kreativschub für Coffee & Flowers (sein neues Stück) schob er mich ohne Kaffee geschweige denn Blumen um sieben Uhr vor die Tür. Ist das zu fassen? Andererseits … die Nacht war so schön, so bunt, so auf- und anregend. Ich habe danach sogar das perfekte Bühnenbild für Coffee & Flowers geträumt. Davon hätte ich Tom gern erzählt. Aber nüscht. Könntest Du so taktvoll sein und mich nicht fragen, ob ich noch ganz dicht bin? Danke.

Der andere Mann in meinem Leben hat mich gestern mitten in der Nacht angerufen, um zwei Uhr. Glücklicherweise war ich so geistesgegenwärtig beziehungsweise verschlafen, dass ich ihn weggedrückt habe. Am Morgen, als ich ohne Kaffee vor Toms Haustür meine Mailbox abhörte, erlauschten meine Ohren folgende Nachricht: »Frau Kleeberg, wir müssen uns dringend um unsere Kooperation mit London kümmern. Kommen Sie morgen um zehn in mein Büro. Ich zähle auf Sie! Und nun genießen Sie Ihren wohlverdienten Feierabend, meine Beste!«

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