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Schwerter gegen Bestien: Fantasy Sammelband 1026 Seiten Sword & Sorcery

Schwerter gegen Bestien: Fantasy Sammelband 1026 Seiten Sword & Sorcery

Robert E. Howard

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Schwerter gegen Bestien: Fantasy Sammelband 1026 Seiten Sword & Sorcery | Robert E. Howard

Vorwort des Autors

Das verschwundene Volk

Die im Dunkeln wohnen ...

Herrscher der Nacht

Fragment

Würmer der Erde

INHALT

Auf dem Pfad der Rache

Das Skelett des Magiers

Der Moorgeist

Schatten des Todes

Der Ruf des Dschungels

Schritte in der Gruft

Die Hand des Rächers

Königreich des Schreckens

Schwarze Schwingen

Das Idol

Die Nacht der Schwerter

Die Rache der Pikten

HERR VON VALUSIEN | 1. „Meine Lieder sind die Nägel für den Sarg eines Königs!“

2. „Damals war ich der Befreier, jetzt ...“

3. „Ich habe Euch für einen Tiger in Menschengestalt gehalten!“

3. „Wer stirbt als erster?“

VERRAT AM KÖNIG | 1. „Hinter verschlossenen Türen werden Pläne geschmiedet“

2. Der Überfall

3. Das Siegel

4. „Ihr habt mich gestellt!“

5. Der Kampf auf der Treppe

DIE SPIEGEL DES TUZUN THUNE

EPILOG

-Das hyborische Zeitalter- | ROTATHS FLUCH

ÜBER ROBERT ERVIN HOWARD

DIE SCHWARZE AGNES

DEGEN FÜR FRANKREICH

HORDE AUS DEM MORGENLAND

Der Löwe von Tiberias | 1.

2.

3.

4.

5.

Die den Wind säen | 1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

Die Bestie von Bal-Sagoth | 1. Der Kampf im Sturm

2. Götter aus dem Schlund der Hölle

3. Der Sturz der Götter

4. Das Königreich

About the Publisher

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Vorwort des Autors

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Wie kann im grauen Alltag ich stehn,

Wie lauschen anderen Tönen,

Wenn in meiner Seele stets

Die Trommeln der Pikten dröhnen?

– Die Trommeln der Pikten –

––––––––

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ÜBER EINES MEINER STECKENPFERDE bin ich mir selbst heute noch nicht im klaren. Ich will ihm weder eine esoterische noch eine mystische Bedeutung zumessen, doch bleibt die Tatsache bestehen, daß ich es weder erklären noch verstehen kann. Es handelt sich um mein Interesse an einem Volk, das ich der Einfachheit halber stets als Pikten bezeichnet habe. Natürlich ist mir bewußt, daß die Richtigkeit des Begriffs diskutiert werden kann. Das Volk, das in der Geschichte unter dem Namen Pikten bekannt ist, wird verschiedentlich als Kelten, als Ureinwohner und selbst als Germanen bezeichnet. Einige Fachleute behaupten, sie wären nach den Briten, doch kurz vor den Galen nach Britannien gekommen. Die „Wilden Pikten von Galloway“ der frühen schottischen Geschichte und Legende waren zweifellos eine sehr gemischte Rasse, wahrscheinlich hauptsächlich keltischer Abstammung – sowohl cymrischer wie auch gälischer –, und sprachen eine Abart des Cymrischen, vermengt mit Elementen aus dem Gälischen und der Sprache der Ureinwohner sowie einigen Wörtern aus dem Germanischen und Skandinavischen. Wahrscheinlich wurde die Bezeichnung „Pikten“ nur für den wandernden Keltenstamm angewendet, der sich in Galloway angesiedelt hatte und dort die Urbevölkerung unterworfen hatte, worauf er von dieser absorbiert worden war.

Für mich ist der Pikte jedoch stets der kleine, dunkle Ureinwohner Britanniens mediterraner Abstammung. Dies ist nicht weiters verwunderlich, denn als ich zum erstenmal von dieser Rasse las, wurde sie als Pikten bezeichnet. Verwunderlich hingegen ist mein nie erlahmendes Interesse für sie. In schottischen Geschichten stieß ich zuerst auf sie. Da wurden sie nur gelegentlich erwähnt und zumeist in negativem Zusammenhang. Sie müssen wissen, daß meine Geschichtskenntnisse in meiner Kindheit lückenhaft und oberflächlich waren, darauf zurückzuführen, daß ich auf dem Lande wohnte, wo entsprechende Bücher selten waren. Ich war ein Enthusiast der schottischen Geschichte, weil ich aufgrund meiner Herkunft mich mit den Angehörigen der Clans verwandt fühlte. In den kurzen Abhandlungen, die ich las, wurden die Pikten nur selten erwähnt; so zum Beispiel, als sie von den Schotten besiegt wurden, oder in der englischen Geschichte, daß die Briten ihretwegen die Sachsen zu Hilfe gerufen hatten. Die beste Beschreibung, die ich zu dieser Zeit von ihnen hatte, bestand in einer Bemerkung eines englischen Historikers, daß die Pikten rohe Wilde waren, die in Lehmhütten hausten. Und den einzigen Hinweis auf ihr Aussehen, den mir die Legende gewährte, stammt aus einer Beschreibung, die Rob Roy der abnormen Länge seiner Arme wegen mit den Pikten vergleicht und kurz deren gedrungenes Aussehen und affenartige Erscheinung erwähnt. Sie werden erkennen, daß alles, was ich zu dieser Zeit über die Pikten gelesen hatte, nicht gerade dazu angetan war, Bewunderung zu erwecken.

Als Zwölfjähriger befand ich mich eine kurze Zeit in New Orleans und entdeckte in einer Bibliothek in der Canal Street ein Buch über die Geschichte Britanniens von prähistorischen Zeiten bis zur Eroberung durch die Normannen. Es war für Jugendliche geschrieben und in romantischem Stil abgefaßt. Wahrscheinlich enthielt es viele historische Unkorrektheiten, doch erfuhr ich dadurch zum erstenmal von dem kleinen, dunkelhäutigen Volk, das als erstes Britannien besiedelte und das als Pikten bezeichnet wurde. Ich habe stets ein eigenartiges Interesse für den Namen und das Volk gehabt, und danach wurde die Faszination noch stärker. Der Autor beschrieb die Ureinwohner auch nicht in besserem Licht, als es die anderen Historiker getan hatten: Sie waren verschlagen, hinterhältig, unkriegerisch und den nachfolgenden Völkern gänzlich unterlegen. Zweifellos entsprach dieses Bild der Wahrheit, und doch fühlte ich starke Sympathie für dieses Volk und machte sie damals zu meinem Bindeglied mit den alten Zeiten. Ich machte aus ihnen eine starke, kriegerische Rasse von Barbaren, gab ihnen eine ehrenhafte Geschichte vergangenen Ruhmes und erschuf einen großen König für sie: Bran Mak Morn. Ich muß gestehen, meine Phantasie hat mich bei der Namensgebung dieser Figur ziemlich im Stich gelassen, die plötzlich und völlig ausgereift in Gedanken vor mir stand. Viele Könige in den piktischen Chroniken haben gälische Namen, doch in Einklang mit meiner Vision der piktischen Rasse sollte ihr großer König einen nicht-arischen Namen haben. Aber ich nannte ihn Bran nach einer anderen meiner historischen Lieblingsgestalten, dem Gallier Brennus, der Rom einnahm. Das Mak Morn stammt von dem berühmten irischen Helden Gol Mac Morn. Ich veränderte die Schreibung des Wortes Mac, um ihm ein nicht-gälisches Aussehen zu verleihen, nachdem das gälische Alphabet kein k kennt und das c stets wie k ausgesprochen wird. Während also Bran Mac Morn „Der Rabe, Sohn des Morn“ auf gälisch heißt, hat Bran Mak Morn keine gälische Bedeutung, sondern eine rein piktische, deren Wurzeln sich im nebligen Labyrinth der Vergangenheit verlieren. Die Ähnlichkeit mit dem gälischen Ausdruck ist ganz einfach ein Zufall!

Bran Mak Morn hat sich im Laufe der Jahre nicht verändert; er sieht noch genauso aus, wie er mir plötzlich vor dem geistigen Auge erschien: ein Mann mittlerer Größe mit unergründlichen, schwarzen Augen, schwarzem Haar, dunkler Haut und pantherhaften Bewegungen. Als ich von den Pikten las, ergriff ich stets ihre Partei gegen die einwandernden Kelten und Germanen, die ja eigentlich meine Vorfahren sind. Meine Vorliebe für dieses fremdartige Steinzeitvolk war besonders in frühen Jahren so stark, daß ich mit meinem nordischen Aussehen unzufrieden war. Und wäre es nach meinen Kindheitsträumen gegangen, so wäre ich heute klein, untersetzt, besäße starke, gedrungene Glieder, kleine schwarze Augen, eine niedrige, fliehende Stirn und glattes, dickes, schwarzes Haar. So stellte ich mir den typischen Pikten vor. Ich vermag diese Vorliebe nicht mit Bewunderung für eine Person gleichen Aussehens aus meinem Bekanntenkreis zu erklären. Nein, sie erwuchs allein aus meinem Interesse an dieser mediterranen Rasse, die als erste Britannien besiedelte.

Mein Interesse an den Pikten war stets mit einem Fantasy-Element versehen. Damit will ich sagen, daß sie für mich nie so real waren wie die Iren oder die Schotten. Das heißt nicht, daß ich sie weniger deutlich vor mir sah, aber als ich über sie schrieb, geschah dies durch fremde Augen. So erzählte ich Die im Dunkeln wohnen, meine erste Bran-Mak-Morn-Geschichte, von der Warte eines gotischen Söldners der römischen Armee aus. In einem langen erzählenden Gedicht, das ich nie fertigstellte, war ein römischer Zenturio auf der Mauer des Hadrian die Hauptperson, in Das verschwundene Volk ein Brite und in Herrscher der Nacht ein gälischer Prinz. Nur in meiner letzten Bran-Erzählung, Würmer der Erde, sah ich durch piktische Augen, sprach ich die piktische Zunge!

In Beherrscher der Nacht beschreibe ich die Anstrengungen Roms, die wilden Völker Kaledoniens zu unterwerfen. Die Personen und die Handlungen sind fiktiv, der Hintergrund aber ist historisch. Wie Sie wissen, ist es den Römern nie gelungen, ihre Grenzen weit in die Heidelandschaften vorzutreiben, und sie zogen sich nach mehreren erfolglosen Unternehmungen hinter ihre große Mauer zurück. Ihre Niederlage muß durch eine kurzzeitige Allianz zustande gekommen sein, wie ich sie etwa beschrieben habe: ein Zusammengehen von gälischen, cymrischen, piktischen und eventuell germanischen Kräften. Ich bin mir ziemlich sicher, daß germanische Siedler bereits lange vor der Völkerwanderung Kaledonien infiltriert hatten.

In Würmer der Erde griff ich wiederum Brans ewigen Kampf gegen Rom auf. Ich kann ihn mir kaum in einem anderen Zusammenhang vorstellen. Manchmal glaube ich, Bran ist nur das Symbol meines eigenen Antagonismus gegen das Römische Reich –ein Antagonismus, der bei weitem nicht so leicht zu verstehen ist wie meine Vorliebe für die Pikten. Zum erstenmal las ich das Wort „Pikten“ auf Landkarten, und jedesmal außerhalb der weitgestreckten Grenzen des Römischen Imperiums. Diese Tatsache erregte mein besonderes Interesse, sie deutete heftige Kriege an, wilde Schlachten, erbitterten Widerstand, Ruhm, Heldentum und Erbarmungslosigkeit. Ich war ein instinktiver Feind Roms, und daraus ergab sich meine instinktive Vorliebe für die Feinde Roms und besonders diejenigen Feinde, die sich allen Unterwerfungsversuchen erfolgreich widersetzt hatten. Als ich in meinen Träumen –richtigen Träumen, nicht etwa Tagträumen – gegen die gepanzerten Legionen Roms focht und verwundet zurücktaumelte, erschien vor meinen Augen wie aus einer fernen Zeit das Bild einer Landkarte mit dem Römischen Reich und außerhalb dessen Grenzen der Unterwerfung die mystische Bezeichnung „Pikten und Schotten“. Und jedesmal verlieh mir ein Gedanke neue Kräfte, der Gedanke, bei den Pikten Zuflucht finden zu können, um nach der Verheilung meiner Wunden erneut den Kampf aufzunehmen.

Eines Tages werde ich einen Roman schreiben, der in diesem nebligen Zeitalter spielt. Mir die Freiheiten erlaubend, die dem Verfasser historischer Romane angeblich erlaubt sind, wird die Handlung etwa folgendermaßen aussehen: Gleichzeitig mit dem Nachlassen des römischen Druckes auf Britannien nimmt die Einwanderung der Germanen vom Osten her zu. Von der Küste Kaledoniens ausgehend, drängen diese weiter nach Westen, bis sie in heftigen Konflikt mit den älteren gälischen Siedlern geraten. Auf den Ruinen des uralten Königreichs der Pikten treten diese kriegerischen Stämme gegeneinander an, wenden sich dann jedoch einem gemeinsamen Feind zu, den einfallenden Sachsen. Ich plane die Erzählung als Geschichte von Nationen und Königen anstatt von Individuen. Zweifellos werde ich sie nie schreiben.

Robert E. Howard

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Das verschwundene Volk

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Cororuc spähte aufmerksam um sich und beschleunigte seinen Schritt. Er war kein Feigling, doch fühlte er sich unbehaglich. Rundum wuchsen mächtige Bäume gegen den Himmel, und ihre dichten Zweige verbargen die Sonne. Der kaum erkennbare Pfad wand sich zwischen den Stämmen hindurch und führte manchmal an den Rand einer Schlucht. Hin und wieder gewährte der Wald Cororuc einen Blick auf eine Hügelkette in der Ferne, die Ausläufer der Berge Cornwalls im Westen.

In jenen Bergen trieb angeblich Buruc der Grausame, der Anführer einer Räuberbande, sein Unwesen. Cororuc packte seinen Speer fester und beeilte sich noch mehr. Seine Eile war nicht nur mit der Gefahr durch die Gesetzlosen zu erklären, sondern auch mit seinem Wunsch, möglichst bald wieder seine Heimat zu erreichen. Er befand sich auf dem Rückweg von geheimen Verhandlungen mit den wilden Stämmen Cornwalls, und obwohl sein Auftrag mehr oder weniger von Erfolg gekrönt war, trachtete er dennoch, das ungastliche Land so rasch wie möglich zu verlassen. Noch mußte er fast ganz Britannien durchqueren. Voll Mißbehagen blickte er um sich. Er sehnte sich nach den lichten Wäldern seiner Heimat, die viel Wild und viele Vogelarten beherbergten. Er sehnte sich nach den weißen Klippen, gegen die die blaue See brandete. Der Urwald rings um ihn schien unbewohnt. Es gab kein Wild, keine Vögel, und nirgends war er auf Anzeichen menschlichen Lebens gestoßen.

Seine Gefährten verweilten immer noch am Hof des Königs in Cornwall, genossen seine Gastfreundschaft und hatten es mit dem Aufbruch nicht eilig. Cororuc jedoch war nicht zufrieden. Deswegen hatte er sie verlassen und war allein aufgebrochen.

Cororuc war ein gutaussehender Mann. Mit seinen sechs Fuß Länge, dem schlanken Körperbau und den grauen Augen vermittelte er das Bild eines Briten, wenngleich nicht das eines reinrassigen Kelten, denn sein langes, gelbes Haar verriet belgisches Erbe. Bekleidet war er mit kunstvoll genähtem Rehledergewand, denn die Kelten verstanden es noch nicht, feinere Gewebe herzustellen, und deshalb zogen die meisten Rehleder vor.

Cororuc war mit einem langen Bogen aus Eibenholz, einem langen Bronzeschwert mit Wildlederscheide, einem langen Bronzedolch und einem kleinen Rundschild bewaffnet, der mit Ochsenhaut bespannt und einem Bronzeband eingerahmt war. Den Kopf schützte ein einfacher Bronzehelm.

Seine Arme und Wangen waren leicht mit Waid, dem blauen Saft einer Pflanze, bemalt. Sein Gesicht war das eines typischen edlen Briten: bartlos und scharf geschnitten, mischten sich darin die schlaue Beharrlichkeit der Nordmänner mit dem tollkühnen Mut und der träumerischen Feinheit des Kelten.

So folgte Cororuc dem Pfad, vorsichtig, jederzeit zum Kampf oder zur Flucht bereit. Der Weg führte von der Schlucht weg und verschwand hinter einem riesigen Baum. Da hörte Cororuc von der anderen Seite der Biegung her Kampfeslärm. Vorsichtig schlich er weiter, und gefaßt darauf, Elfen oder Zwerge zu sehen, die in diesen Wäldern hausen sollten, spähte er um den mächtigen Stamm herum.

Wenige Fuß vor ihm bot sich ihm ein seltsamer Anblick. Mit dem Rücken gegen einen Baum gedrängt, machte sich ein großer Wolf bereit, sein Leben zu verteidigen. Aus tiefen Rissen an seiner Schulter troff Blut, und vor ihm duckte sich ein Panther zum Sprung. Cororuc fragte sich, was die beiden Herrscher der Wälder zum Kampf bewogen haben mochte. Und vor allem wunderte er sich über das Fauchen der Raubkatze. Es war wild und blutdürstig, enthielt jedoch einen Unterton der Furcht. Außerdem schien sie den Sprung hinauszuzögern.

Warum Cororuc Partei für den Wolf ergriff, hätte er wohl nicht zu sagen vermocht. Zweifellos war es auf die unbekümmerte Ritterlichkeit des Kelten in ihm zurückzuführen, auf seine Bewunderung für die Haltung des Wolfes gegenüber seinem viel mächtigeren Gegner. Jedenfalls zog er sein Schwert und stellte sich mit einem Satz dem Panther entgegen. Aber er kam nicht dazu, seine Waffe zu gebrauchen, denn die Raubkatze stieß ein erschrecktes Kreischen aus und verschwand so rasch zwischen den Bäumen, daß sich Cororuc fragte, ob er wirklich einen Panther gesehen hatte. Er wandte sich dem Wolf zu. Das Tier beobachtete ihn geduckt, machte einige Schritte rückwärts, drehte sich dann um und verschwand in sonderbarem Trott im Unterholz. Den Krieger beschlich ein unheimliches Gefühl. Er hatte schon viele Wölfe gesehen, er hatte sie gejagt und war von ihnen gejagt worden; einem solchen Wolf war er jedoch noch nie begegnet.

Er zögerte und folgte dann vorsichtig dem Tier. Die Spuren waren in dem weichen Lehmboden deutlich zu erkennen. Nach wenigen Schritten hielt er jäh an, und seine Nackenhaare schienen sich zu sträuben. Es waren nur noch die Abdrücke der Hinterpfoten zu sehen – der Wolf ging aufrecht!

Cororuc warf scheue Blicke um sich. Nichts war zu hören. Er verspürte den Drang, umzukehren und diesen Ort so rasch wie möglich weit hinter sich zu lassen, doch die Neugier hinderte ihn daran. Er folgte den Spuren. Unter einer mächtigen Eiche hörten sie unvermutet gänzlich auf. Cororuc fühlte kalten Schweiß auf der Stirn. In was für einen Wald war er da geraten? Versuchte irgendein unmenschliches Monstrum der Wälder ihn in die Irre zu führen? Cororuc zog sein Schwert und nahm den Weg zurück, den er gekommen war. Und nur sein Stolz hielt ihn davon ab, zu laufen. Endlich erreichte er den Baum, bei dem sich der Wolf gegen den Panther verteidigt hatte. Er schlug seinen alten Pfad wieder ein und beeilte sich, aus der Gegend zu verschwinden, in der ein Wolf zuerst auf zwei Beinen gegangen und dann gänzlich verschwunden war.

Der Weg machte mehr Windungen denn je zuvor, und das gereichte Cororuc zum Vorteil, denn so hörte er zuerst die Stimmen der Männer, die ihm entgegenkamen, bevor sie ihn sahen. Rasch erkletterte er einen Baum und schmiegte sich an einen Ast.

Drei Männer kamen den Pfad entlang. Einer war ein massiver Kerl, der weit über sechs Fuß maß, einen langen, roten Bart und einen wilden, roten Haarschopf hatte. Im Gegensatz dazu waren seine Augen klein und schwarz. Er war in Leder gekleidet und mit einem mächtigen Schwert bewaffnet.

Der zweite war ein hagerer, übel aussehender Schurke mit nur einem Auge, der dritte klein und runzlig und schielte auf beiden Augen.

Cororuc erkannte sie nach den Beschreibungen, die er von den Bewohnern von Cornwall erhalten hatte. In seinem Eifer, den berüchtigsten Mörder Britanniens genauer zu betrachten, verlor er den Halt und stürzte mitten unter die Räuber.

Augenblicklich sprang er auf und riß das Schwert aus der Scheide. Er konnte keine Gnade erwarten, denn der Rothaarige war Buruc der Grausame, der Schrecken von Cornwall.

Der Räuberhauptmann stieß einen schrecklichen Fluch aus und zog ebenfalls sein Schwert. Er entging dem wilden Stoß des Briten durch einen raschen Sprung rückwärts, und dann begann der Kampf. Buruc griff den Krieger unter Einsatz seines ganzen Gewichtes von vorn an, während der hagere, einäugige Kerl versuchte, Cororuc in den Rücken zu gelangen. Der dritte hatte sich zum Waldrand zurückgezogen. Die Kunst des Fechtens war diesen frühen Kämpfern unbekannt. Da regnete es bloß Hiebe und Stiche, und jedesmal lag die gesamte Kraft des Armes dahinter. Die fürchterlichen Hiebe, die Cororuc mit dem Schild auffing, ließen ihn in die Knie gehen, und der Einäugige sprang vor, um ihm den Rest zu geben. Cororuc wirbelte herum, ohne sich zu erheben, führte einen Streich gegen die Beine dieses Gegners, erstach ihn, als er fiel, warf sich zur Seite, um Burucs Hieb auszuweichen, und sprang wieder auf die Beine. Wiederum fing er einen Schlag des Banditen mit dem Schild auf, wirbelte seine Bronzewaffe mit aller Macht und schlug zu. Burucs Kopf sprang von seinen Schultern.

Cororuc wandte sich um und sah, wie der Kleine im Unterholz verschwand. Er verfolgte ihn einige Schritte, sah aber bald die Sinnlosigkeit dessen ein und rannte den Pfad entlang. Er wußte nicht, ob sich in dieser Richtung noch mehr Banditen befanden, wohl aber wußte er, daß er, wollte er den Wald lebend verlassen, dies rasch tun mußte. Zweifellos würde der Entflohene die übrigen Banditen alarmieren.

Nachdem er eine Zeitlang gelaufen war und kein Anzeichen des Feindes erkannt hatte, erklomm er den höchsten Baum in der Nähe. Auf allen Seiten war er von einem Blättermeer umgeben. Im Westen erkannte er die Hügel, denen er ausgewichen war. Im Norden erhöben sich weit weg andere Hügel, im Süden befand sich Wald, soweit das Auge reichte. Weit im Osten jedoch erspähte er die Linie, die den Übergang des Waldes in fruchtbare Weiden kennzeichnete. Dort würde er auf Dörfer stoßen, auf Angehörige seines Volkes. Er war überrascht, so weit sehen zu können, doch befand er sich auf einem wirklichen Riesen unter den Bäumen.

Ehe er hinabkletterte, betrachtete er seine nähere Umgebung. Er folgte mit den Blicken den Pfad, der sich nach Osten schlängelte. Da ließ ihn ein Aufblitzen aufmerksam werden. Eine Gruppe von Männern betrat soeben eine Lichtung, durch die der Weg führte. Nun bemerkte er rings umher, wie sich die Büsche bewegten, wie sich die Sonne in blankem Metall spiegelte. Der schielende Räuber hatte also bereits seine Genossen benachrichtigt. Cororuc befand sich mitten unter ihnen. Rasch glitt er den Baum hinab und floh in den Wald.

Dann begann die aufregendste Jagd, an der Cororuc jemals beteiligt gewesen war, denn er war das Wild, und die Räuber waren die Jäger. Von Busch zu Busch schleichend, von Baum zu Baum huschend, manchmal rennend, sich manchmal im Gesträuch versteckend, floh Cororuc stets ostwärts. Oft wurde er zu Umwegen gezwungen, doch gelang es ihm jedesmal wieder, weiter nach Osten vorzudringen.

Manchmal, wenn er sich im Unterholz verbarg oder sich auf einen Baum gegen einen Ast schmiegte, kamen die Verfolger so nahe an ihm vorbei, daß er sie hätte berühren können. Zweimal bekamen sie ihn zu Gesicht, und er floh Hals über Kopf, über gefällte Baumstämme und Sträucher springend, in Dickichten Haken schlagend.

Dann gelangte er in hügeliges Gelände, und als er einen Blick zurückwarf, stellte er fest, daß die Banditen angehalten hatten, obwohl sie ihn deutlich sehen mußten. Ohne lange über dieses seltsame Verhalten nachzudenken, hetzte er um einen Felsblock, spürte, wie er über eine Wurzel oder etwas Ähnliches stolperte, und fiel. Gleichzeitig schlug ihm etwas gegen den Kopf, und der junge Mann verlor das Bewußtsein.

Als Cororuc wieder zu sich kam, stellte er fest, daß er an Händen und Füßen gefesselt war und getragen wurde. Er öffnete die Augen und sah, daß er von einigen Männern auf den Schultern geschleppt wurde, doch waren es Männer, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Der größte maß kaum vier Fuß, alle besaßen eine dunkle Hautfarbe und schwarze Augen, und die meisten gingen vornübergebeugt, als hätten sie sich das ganze Leben lang geduckt, und spähten unruhig umher. Bewaffnet waren sie mit kleinen Bogen, Pfeilen,  Speeren und Dolchen, und die Spitzen und Schneiden bestanden nicht aus grober Bronze, sondern aus geschliffenem Feuerstein. Ihre Kleidung war aus den Häuten von Hasen und anderem Kleintier sowie grobem Stoff gefertigt, und viele waren von Kopf bis Fuß blau und gelb tätowiert. Insgesamt waren es vielleicht zwanzig Männer. Cororuc hatte ihresgleichen noch nie gesehen.

Sie kletterten in eine Schlucht hinab. Zu beiden Seiten erhoben sich steile Felswände. Nach einiger Zeit gelangten sie an eine glatte Mauer, die die Schlucht anscheinend begrenzte. Auf ein Kommando des Anführers hin legten sie den Briten auf die Erde, traten an einen riesigen Felsblock heran und wälzten ihn zur Seite. Dahinter wurde eine kleine Öffnung sichtbar, die in das Innere des Berges zu führen schien. Die seltsamen Männer luden sich den Briten wieder auf die Schultern und setzten sich in Bewegung.

Bei dem Gedanken, in die Höhle getragen zu werden, lief es Cororuc kalt über den Rücken. Was waren das für Männer? In ganz Britannien und Alba, in Cornwall und Irland hatte er noch nie ein solches Volk gesehen. Zwergenhafte Männer, die unter der Erdoberfläche hausten. Dem Jüngling brach kalter Schweiß aus. Sicherlich handelte es sich um die bösartigen Zwerge, von denen in Cornwall gesprochen wurde. Bei Tag sollten sie sich in ihren Höhlen aufhalten, während sie nächtens hervorkamen, um zu stehlen, Häuser anzuzünden und sogar zu morden, falls sich die Gelegenheit bot.

Cororuc wurde in die Höhle getragen, die übrigen folgten und rollten den Felsen wieder vor die Öffnung. Nach einigen Augenblicken der Dunkelheit flackerten in einiger Entfernung Fackeln auf. Die Fackelträger kamen ihnen entgegen.

Cororuc sah sich um. Das Licht war ziemlich schwach und erleuchtete abwechselnd die eine und die andere Wand der Höhle. Cororuc erkannte undeutlich einfache Malereien, die jedoch ein Geschick vermuten ließen, das dem der Briten überlegen war. Die Decke war in Dunkelheit gehüllt, woraus er schloß, daß sich die kleine Höhle zu einer überraschend hohen Grotte erweitert hatte. Im trügerischen Licht der Fackeln kamen und gingen die seltsamen Menschen, schweigend, wie Schatten aus einer fernen Vergangenheit.

Da fühlte er, wie ihm die Fesseln von den Füßen genommen wurden. Man stellte ihn zu Boden.

„Geh geradeaus!“ befahl eine Stimme in seiner Sprache, und er fühlte eine Lanzenspitze hinten am Hals.

Er gehorchte. Seine Sandalen schliffen über den steinernen Boden der Höhle, bis der Trupp eine Stelle erreichte, wo der Boden steil anstieg. Gleichzeitig wurde er so schlüpfrig, daß Cororuc ohne Hilfe nicht hätte hinaufgehen können. Seine Wächter zogen und schoben ihn jedoch, und er erblickte lange, kräftige Schlingpflanzen, die von irgendwoher herabhingen.

Die Männer ergriffen sie, stemmten die Füße gegen die glitschige Unterlage und klommen rasch empor. Kurz darauf ging der Boden wieder in die Waagerechte über, die Höhle machte eine Biegung, und Cororuc stolperte in hellen Feuerschein. Der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihn nach Luft schnappen.

Er befand sich in einer Grotte von fast unglaublichen Ausmaßen. Die mächtigen Wände wölbten sich zu einer riesigen Kuppel empor, die sich in der Dunkelheit verlor. Vor ihm erstreckte sich ziemlich eben der Boden, der von einem unterirdischen Fluß in zwei Teile geteilt wurde. Eine Steinbrücke, anscheinend natürlichen Ursprungs, spannte sich über das Wasser. Überall in den Wänden der Riesengrotte, die die Form eines Kreises hatte, befanden sich kleinere Höhlen, und vor jeder gloste ein Feuer. Die Höhlen befanden sich nicht nur am Boden, sondern waren in regelmäßigen Reihen auch übereinander angeordnet. Diese Stadt war sicherlich nicht von Menschen erbaut worden.

Leute gingen in den Höhlen aus und ein und verrichteten anscheinend alltägliche Arbeiten. Die Männer sprachen miteinander, besserten Waffen aus, einige fischten im Fluß; Frauen hüteten die Feuer oder nähten an Kleidungsstücken. Von ihrer Tätigkeit her zu schließen, hätte es sich um jedes beliebige Dorf in Britannien handeln können, die Umgebung vermittelte Cororuc jedoch ein völlig anderes Gefühl.

Da wurde man auf den Gefangenen aufmerksam und scharte sich um ihn. Niemand stieß Verwünschungen oder Flüche aus, wie es die Wilden sonst zu tun pflegten, – die kleinen Leute starrten ihn nur bösartig an. Cororuc überlief ein Schaudern.

Seine Wächter drängten ihn durch die Menge. Nahe des Flußufers hielten sie an und zogen sich in einem Kreis von ihm zurück.

Vor ihm loderten zwei Feuer, und dazwischen konnte er einen Gegenstand ausnehmen. Er konzentrierte seine Blicke darauf und erkannte einen thronartigen, steinernen Sitz und darauf einen alten Mann mit langem, weißem Bart. Er saß reglos, und nur die Augen funkelten wie die Lichter eines Wolfes.

Der Alte war in eine lange Robe gehüllt. Eine klauenartige Hand ruhte auf dem Sitz neben ihm, während die andere im Gewand verborgen war.

Die Flammen tanzten und flackerten; jetzt war der alte Mann deutlich zu sehen – die gekrümmte, schnabelartige Nase und der Bart traten reliefartig hervor –, dann wieder schien er eins mit der Dunkelheit zu werden, und Cororuc vermochte nur noch die glitzernden Augen auszumachen.

„Sprich, Brite!“ Die Wörter kamen klar, deutlich und ohne jedes Anzeichen von Alter. „Sprich, was du zu sagen hast!“

Cororuc wurde überrumpelt und fragte stammelnd: „Wieso ... was seid ihr für ein Volk? Warum habt ihr mich gefangengenommen? Seid ihr Zwerge?“

„Wir sind Pikten“, kam die ruhige Antwort.

„Pikten!“ Cororuc hatte von den gälischen Briten Geschichten über dieses uralte Volk gehört. Manche behaupteten, sie hausten immer noch in den Hügeln von Siluria.

„Ich habe in Kaledonien gegen Pikten gefochten“, erwiderte der Brite. „Sie sind klein, aber kräftig und mißgestaltet und gleichen euch nicht im mindesten!“

„Das sind keine echten Pikten“, erhielt er zur Antwort. „Sieh um dich, Brite!“ Der Alte machte eine umfassende Armbewegung. „Du siehst die Überreste einer verschwindenden Rasse, einer Rasse, die einst ganz Britannien von Küste zu Küste beherrschte.“

Der Brite schwieg verwirrt.

„Merke auf, Brite“, fuhr die Stimme fort. „Merke auf, Barbar, und lausche der Geschichte der verschwundenen Rasse!“

Das Feuer züngelte und tanzte und warf gespenstische Schatten gegen die mächtigen Wände und auf den dahineilenden Fluß.

Die Stimme des Alten hallte durch die riesige Kaverne.

„Unser Volk kam aus dem Süden. Über die Inseln, über das Binnenmeer. Über die schneebedeckten Berge, wo einige zurückblieben, um diejenigen Feinde aufzuhalten, die uns vielleicht zu verfolgen versuchten. Von den Bergen stießen wir in die fruchtbaren Täler vor. Über das ganze Land breiteten wir uns aus. Wir wurden reich. Da erhoben sich zwei Könige im Land, und der Sieger vertrieb den Besiegten. Also bauten sich viele von uns Boote und segelten gegen die weißen Klippen jenseits des trennenden Wassers. Wir fanden Land mit fruchtbaren Ebenen. Wir fanden eine Rasse von rothaarigen Barbaren, die in Höhlen lebten. Sie hatten große Leiber und kleine Gehirne.

Wir errichteten unsere Lehmhütten. Wir pflügten die Erde. Wir jagten die rothaarigen Riesen in die Wälder. Wir jagten sie noch weiter – bis sie endlich in die Berge im Westen und Norden flohen. Wir waren reich und glücklich.

Dann ...“, seine Stimme überschlug sich vor Wut und Haß und schien von allen Wänden der Höhle her zu erschallen, „dann kamen die Kelten. Von den Inseln im Westen her kamen sie in ihren Rindenbooten. Im Westen landeten sie, aber mit dem Westen gaben sie sich nicht zufrieden. Sie zogen ostwärts und eigneten sich die fruchtbaren Ebenen an. Wir kämpften. Sie waren stärker. Sie waren verwegene Krieger und waren mit Bronzewaffen ausgerüstet, während wir nur solche aus Stein besaßen.

Wir wurden vertrieben. Wir wurden versklavt. Sie jagten uns in die Wälder. Einige von uns flohen in die Berge im Westen. Viele flohen in die Berge im Norden. Dort vermischten sie sich mit den rothaarigen Riesen, die wir vor langer Zeit vertrieben hatten, und wurden zu einer Rasse monströser Zwerge, die sämtliche friedlichen Künste vergaß und nur noch für den Kampf lebte.

Einige von uns jedoch schworen, nie das Land zu verlassen, das wir uns erobert hatten. Aber die Kelten machten uns zu schaffen. Es waren viele, und noch mehr kamen. Und so suchten wir unsere Zuflucht in Schluchten, Höhlen und Grotten. Wir, die wir stets in lichten Hütten gewohnt hatten, die wir die Äcker bestellt hatten, wir lernten wie Tiere zu leben, in Höhlen, die nie das Sonnenlicht gesehen haben. Wir fanden Höhlen – diese hier ist die größte –, und wir gruben Höhlen.

Du Brite!“ Seine Stimme schnappte über, und er streckte anklagend seinen Arm aus. „Du und deine Rasse! Ihr habt ein freies, blühendes Volk zu einer Rasse von Erdratten gemacht! Wir, die wir nie geflohen waren, die an der Luft und in der Sonne gelebt haben, in der Nähe des Meeres, über das die Händler kamen, wir mußten wie gehetztes Wild fliehen und wie die Maulwürfe graben! Doch bei Nacht! Ah, welche Vergeltung! Da schwärmten wir mit Feuer und Dolch aus unseren Schlupfwinkeln! Sieh, Brite!“

Cororucs Blick folgte der ausgestreckten Hand und fiel auf einen Pfahl aus einem harten Holz, der in eine Spalte im Steinboden in der Nähe des Ufers gerammt war. Um den Pfahl war der Boden wie von alten Feuern angeschwärzt.

Cororuc starrte verständnislos darauf. In der Tat hatte er nur wenig von dem Gehörten verstanden. Er war sich gar nicht sicher, daß er es überhaupt mit Menschen zu tun hatte.

Der Alte fuhr fort: „Dort, Brite, wirst du bezahlen.“ Er wies auf den Pfahl. „Ein kleiner Teil der Schuld, die deine Rasse auf sich genommen hat, aber du wirst in vollem Umfang zahlen.“

Die Erregung des alten Mannes hätte als teuflisch bezeichnet werden können, wäre in seinem Gesicht nicht ein besonderer Ausdruck zu lesen gewesen. Er meinte es ernst. Er glaubte tatsächlich, nur gerechte Rache zu üben, und machte den Eindruck eines großen Patrioten, der für eine verlorene Sache streitet.

„Aber ich bin ein Brite!“ stammelte Cororuc. „Nicht mein Volk hat deine Rasse vertrieben! Es waren die Galen aus Irland. Ich bin Brite, und mein Volk kam vor erst hundert Jahren aus Gallien. Wir bezwangen die Galen und drängten sie nach Erin, Wales und Kaledonien ebenso, wie sie euch vertrieben.“

„Das tut nichts zur Sache!“ Der Alte sprang auf. „Ein Kelte ist ein Kelte – ob Brite oder Gäle spielt keine Rolle. Wären es nicht die Galen gewesen, so die Briten. Jeder Kelte, der uns in die Hände fällt, muß bezahlen, sei es Krieger oder Weib, Kind oder König. Ergreift ihn und bindet ihn an den Pfahl!“

Wenige Augenblicke später war Cororuc an den Pfosten gefesselt und bemerkte zu seinem Entsetzen, daß die Pikten Holzscheite um seine Füße häuften.

„Und wenn du genügend gebrannt hast, Brite“, krächzte der Alte, „wird dieser Dolch, der das Blut von Hunderten Briten getrunken hat, seinen Durst in deinem Blut stillen.“

„Aber niemals habe ich einem Pikten Leid zugefügt“, keuchte Cororuc und zerrte an seinen Fesseln.

„Du zahlst nicht für das, was du getan hast, sondern dafür was dein Volk getan hat“, antwortete der Alte ernst. „Wohl kann ich mich an die Taten der Kelten erinnern, als sie zum erstenmal in Britannien landeten, an das Heulen der Ermordeten, an die Schreie der Vergewaltigten, den Rauch brennender Dörfer, an das Plündern.“

Cororuc fühlte, wie sich ihm die Haare im Nacken aufstellten. Als die Kelten zum erstenmal in Britannien gelandet waren! Das war mehr als fünfhundert Jahre her!

Und die keltische Neugier ließ ihm keine Ruhe, selbst angesichts der Pikten, die sich daran machten, den Holzstoß anzuzünden. „Daran kannst du dich nicht erinnern. Das liegt Äonen zurück.“

Der Pikte sah ihm ruhig in die Augen. „Und ich bin Äonen alt. In meiner Jugend war ich ein Hexenjäger, und eine alte Hexe verfluchte mich, während sie sich am Pfahl wand. Sie sagte, ich müsse leben, bis das letzte Kind der Pikten gestorben sei; daß ich mitansehen würde, wie das mächtige Volk der Vergangenheit anheim fällt, und erst dann dürfte ich sterben. Sie belegte mich mit dem Fluch des ewigen Lebens.“

Die Stimme erfüllte wieder die ganze Höhle: „Und nun verschwindet die Rasse der Pikten wie Schnee an der Sonne. Und wenn der letzte gegangen ist, wird mich dieser Dolch von der irdischen Welt befreien.“ Er wechselte rasch den Tonfall: „Legt Feuer an!“

Cororucs Gedanken wirbelten durcheinander. Er hatte kaum etwas verstanden und glaubte verrückt zu werden. Und das, was er zu sehen bekam, überzeugte ihn davon.

Ein Wolf drängte sich durch die Menge. Er erkannte den Wolf wieder, den er vor dem Panther gerettet hatte!

Sonderbar, wie lange her ihm dies erschien! Und doch handelte es sich um denselben Wolf. Er besaß denselben sonderbaren Gang. Da richtete sich das Tier auf die Hinterbeine auf und führte die Vorderpfoten an den Kopf. Welcher Wahnsinn war das?

Da fiel der Wolfskopf zurück und gab das Gesicht eines Menschen frei, eines Pikten. Der Mann stieg aus dem Wolfspelz, kam heran und rief etwas. Der Pikte, der soeben eine Fackel an den Holzstoß legen wollte, hielt zögernd inne.

Der Wolf-Pikte wandte sich an den Häuptling und sprach mit Rücksicht auf den Gefangenen keltisch: „Was bedeutet das? Ein Mann wird verbrannt, der am Leben bleiben sollte!“

„Wie?“ rief der Alte ergrimmt und klammerte sich an seinen langen Bart. „Wer bist du, daß du dich gegen einen uralten Brauch auflehnst?“

„Ich begegnete einem Panther“, kam die Antwort, „und dieser Brite wagte sein Leben für das meine. Soll sich ein Pikte undankbar zeigen?“

Und als der Alte zögerte, offensichtlich hin und her gerissen von Rachsucht einerseits und Stolz andererseits, überschwemmte ihn der andere mit einem wilden Wortschwall in der eigenen Sprache. Zuletzt nickte der Häuptling.

„Ein Pikte hat stets seine Schuld beglichen“, stellte er mit beeindruckendem Großmut fest. „Ein Pikte vergißt niemals. Bindet ihn los! Kein Kelte soll sagen können, ein Pikte habe sich undankbar gezeigt.“

Cororuc wurde befreit, und als er seinen Dank stammeln wollte, winkte der Häuptling ab. „Niemals vergißt ein Pikte einen Feind, stets erinnert er sich an eine Freundestat.“

„Komm“, murmelte der piktische Freund und zog den Kelten am Arm. Er führte ihn auf einen Gang zu, der aus der Haupthöhle führte. Cororuc warf einen Blick über die Schulter und sah den uralten Häuptling auf seinem Thron aus Stein. Seine Augen glänzten, als sähen sie den verlorenen Glanz der Vergangenheit; zu beiden Seiten sprangen die Flammen. Eine beeindruckende Gestalt – der König einer verschwundenen Rasse.

Nach einiger Zeit gelangten sie an die Erdoberfläche, und der Brite sah den Sternenhimmel über sich.

„In dieser Richtung liegt ein Dorf deines Volkes“, sagte der Pikte und streckte einen Arm aus. „Dort wirst du aufgenommen werden, bis du deine Reise fortzusetzen gedenkst.“ Und er überhäufte den Kelten mit Geschenken: Kleider aus Stoff und Leder, bestickte Gürtel, einen Bogen und mit Obsidianspitzen versehene Pfeile, Nahrungsmittel. Außerdem erhielt er seine eigenen Waffen zurück.

Als sich der Pikte zum Gehen wandte, sagte der Brite fragend: „Eine kurze Strecke bin ich deinen Spuren im Wald gefolgt. Sie verschwanden.“

Der Pikte lachte leise. „Ich bin in das Geäst des Baumes gesprungen. Hättest du emporgeblickt, du hättest mich gesehen. Wenn du jemals einen Freund brauchst, so findest du ihn in Berula, einem Häuptling der Alba-Pikten.“

Er drehte sich um und verschwand. Und Cororuc schritt unter dem Licht des Mondes auf das keltische Dorf zu.

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Die im Dunkeln wohnen ...

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Schwert schlug klirrend gegen Schwert.

„Ailla! A-a-ailla!“ erklang es schrill aus den Kehlen hundert Wilder.

Von allen Seiten schwärmten sie gegen uns heran. Hundert gegen dreißig. Wir standen Rücken an Rücken, hielten die Schilde überlappt und die Klingen vorgestreckt. Die Waffen waren rot, und rot waren Helm und Harnisch. Einen Vorteil besaßen wir: zum Unterschied von unseren Gegnern waren wir gepanzert. Und dennoch warfen sie sich trotz ihrer Nacktheit auf uns, als wären sie in Stahl gekleidet.

Für einen Augenblick lang zogen sie sich zurück, Flüche keuchend, während das rinnende Blut seltsame Muster auf ihre blau bemalte Haut zeichnete.

Dreißig Mann! Der Überrest eines kleinen Heeres von fünfhundert, das so stolz von der Mauer des Hadrian aus gen Norden gezogen war. Bei Zeus, was für ein Plan! Fünfhundert Mann sollten sich durch ein Land schlagen, das von Barbaren aus einem anderen Zeitalter nur so wimmelte. Bei Tage marschierten wir und hieben uns einen roten Pfad durch die blutdürstigen Horden, bei Nacht schlugen wir Lager auf, die von knurrenden Unholden umschlichen wurden. Und immer wieder verloren Wachtposten ihr Leben unter dem raschen Dolch. Kampf, Blutvergießen, Schlächterei.

Und der Kaiser in seinem noblen Palast würde Kunde davon erhalten, daß wieder eine Expedition in den nebligen Bergen des mystischen Nordens verschwunden war.

Ich warf meinen Kameraden einen Blick zu. Es waren Römer aus Latium und aus Rom selbst, Briten, Germanen und ein feuerhaariger Hibernier. Ich blickte zu den Wölfen in Menschengestalt hinüber, die uns umringten: gnomenhafte Menschen, vornübergebeugt, mit langen, starken Armen und zottigem Haar über fliehenden Stirnen. Schwarzglühende Augen starrten uns bösartig an. Die Barbaren waren fast unbekleidet, trugen kleine Rundschilde, lange Speere und Schwerter mit ovalen Klingen. Kaum einer maß mehr als fünf Fuß, doch ihre unglaublich breiten Schultern zeugten von ungewöhnlicher Stärke. Und flink waren sie wie Katzen.

Da stürmten sie auch schon wieder heran. Die kurzen Schwerter der Angreifer prallten auf die römischen Kurzschwerter. Es war ein Kampf auf engstem Raum, denn es war sowohl die Taktik der Wilden wie auch die der römischen Legionäre. Der römische Schild stellte einen Nachteil dar, denn er war zu schwer für rasche Bewegungen, und die Barbaren stießen geduckt von unten herauf.

Wir standen Rücken an Rücken, und wenn einer von uns fiel, schlossen wir die Reihe wieder. Sie drängten gegen uns, so daß wir einander Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden und ihr säuerlicher Atem uns in die Nase stank. Wie Krieger aus Stahl hielten wir unsere Stellung. Die Heide, die Hügel, ja selbst die Zeit wurde bedeutungslos. Wir waren keine Männer mehr, sondern nur noch kämpfende Automaten. Die Schlacht ließ keinen Platz für Gedanken und Gefühle. Hauen und stechen. Eine Klinge zersplittert auf einem Schild. Ein tierhaftes Gesicht knurrt. Schlag zu! Das Gesicht verschwindet und wird durch eine andere Fratze ersetzt.

Die Jahre der römischen Kultur verschwanden wie Nebel unter den Strahlen der Sonne. Ich war wieder ein Wilder, der einem feindlichen Stamm gegenüberstand. Ich verfluchte die Kürze meines römischen Schwertes. Ein Speer brach an meinem Brustpanzer, ein Schwert zersprang auf meinem Helm, hämmerte mich zu Boden. Ich taumelte empor und tötete den Angreifer mit einem aufwärts geführten Hieb. Dann hielt ich mit erhobenem Schwert inne. Stille herrschte auf der Heide. Kein Feind stand mehr auf den Beinen. Nur noch Leichen lagen umher. Und von uns dreißig waren nur noch fünf übrig: zwei Römer, ein Brite, der Ire und ich. Das Römerschwert und der römische Panzer hatten den Sieg davongetragen.

Es blieb nur eines zu tun, den Marsch nach Süden fortzusetzen. Aber bevor wir uns daran machten, fand ich etwas auf dem Schlachtfeld, was mein Herz mit Freude erfüllte, einen Bihänder in der verkrampften Hand eines der Wilden. Das Langschwert eines Nordmanns, bei Thor! Der Tote hielt die Waffe so fest umklammert, daß ich gezwungen war, ihm die Hand abzuschlagen, um es mir anzueignen.

Nun fühlte ich mich wohler. Kurzschwert und Schild mochten für einen Mann mittlerer Größe genügen, reichten jedoch für einen Krieger, der sechseinhalb Fuß maß, nicht aus.

Wir überquerten die Berge, krochen wie Insekten eine Steilwand hoch und wurden oben fast vom Sturm weggeblasen, der wie ein Riese brüllte. Und dort warteten sie auf uns. Der Brite fiel mit einem Speer im Körper, taumelte hoch, umklammerte den Angreifer, und zusammen stürzten sie über den Rand des Abgrundes tausend Fuß hinunter. Nach einem kurzen, wütenden Gefecht war der Kampf auch schon zu Ende. Vier Feinde lagen bewegungslos zu unseren Füßen, während einer der Römer auf dem Boden hockte und das Blut zu stillen versuchte, das aus seinem Armstumpf hervorsprang.

Die Gefallenen rollten wir über den Rand der Schlucht, und den Arm des Römers umwanden wir fest mit Lederriemen. Dann setzten wir unseren Weg fort.

Weiter. Weiter. Zerklüftete Felsen rund um uns. Die Sonne senkte sich dem Horizont entgegen. Als wir, von Steinblöcken gedeckt, auf einem breiten Felsband hockten, zog eine Schar Eingeborener unter uns vorbei. Wild aufbrüllend sprang der Ire mitten unter sie. Sein rotes Haar schimmerte zwischen ihren schwarzen Schöpfen. Der erste, der ihn erreichte, fiel mit gespaltenem Schädel, und der zweite kreischte auf, als ihm der Arm von der Schulter getrennt wurde. Mit einem wilden Kampf schrei versenkte der Ire sein Schwert in einer haarigen Brust, riß es heraus und hieb einen Kopf ab. Dann waren sie über ihm wie Wölfe über einem Löwen, und einen Augenblick später zierte sein Haupt eine Speerspitze.

Der Trupp zog weiter, ohne unsere Anwesenheit zu ahnen, und wir setzten unseren Weg fort. Die Nacht fiel ein, und der Mond ging auf und warf gespenstische Schatten. Bis zum Morgengrauen taumelten wir weiter, verbargen uns bei Tagesanbruch in Felsnischen und machten uns des Nachts wieder auf den Weg.

Bei Einbruch der Morgendämmerung erreichten wir eine riesige Hochebene, die an drei Seiten von Bergen eingerahmt war. Nur gen Süden zu schien das Land flach zu sein, und so glaubte ich, daß wir endlich das Hügelland vor uns hatten, das in die fruchtbaren Ebenen des Südens überging.

An einem See hielten wir an. Kein Feind war zu sehen, und nirgends stieg Rauch auf. Aber als wir so standen, kippte der einarmige Römer lautlos vornüber. Ein Wurfspeer stak in seinem Körper.

Unsere Blicke suchten den See ab. Kein Boot war zu sehen und auch kein Gegner im spärlichen Schilf am Ufer. Wir wandten uns um und blickten forschend über die Heidelandschaft. Da brach der zweite Römer mit einem kurzen Speer zwischen den Schulterblättern zusammen.

Das Schwert gezückt, suchte ich mit den Blicken die Hänge ab. Die Heide erstreckte sich zwischen den Bergen, und nirgends war das Heidekraut hoch genug, um einen Mann zu verbergen – nicht einmal einen Kaledonier. Keine Welle kräuselte die Seeoberfläche. Wieso bewegte sich das eine Schilfrohr, während die übrigen still standen? Ich beugte mich vor und spähte ins Wasser. Neben dem Rohr stieg eine Luftblase hoch. Ich bückte mich noch mehr und blickte in ein tierhaftes Antlitz unter der Oberfläche! Erstaunen ließ mich einen Augenblick lang zögern, dann spaltete mein Schwert das haarige Gesicht und parierte im letzten Moment den Speer, der gegen meine Brust zuckte. Das Wasser schäumte auf, und kurz darauf trieb die Leiche des Wilden an die Oberfläche. Seine Hand hielt immer noch das Schilfrohr umklammert, durch das er geatmet hatte. Nun wußte ich, warum so viele Römer an den Seeufern auf geheimnisvolle Weise das Leben verloren hatten.

Ich warf meinen Schild weg und behielt nichts außer Schwert, Dolch und Rüstung. Ein wildes, erhebendes Gefühl durchströmte mich. Ich war allein in einem rauhen Land voller Feinde, die nach meinem Blut dürsteten. Bei Thor und Odin! Ich würde ihnen zeigen, wie ein Nordmann zu sterben vermochte! Mit jedem Atemzug verlor ich mehr von der Schale der römischen Kultur. Zuletzt blieb nur noch der primitive Mann übrig, und kalte Wut erfüllte mich, gepaart mit Verachtung für meine Feinde. Ich war nahe daran, zum Berserker zu werden. Die kämpferische Seele des Nordmanns regte sich in mir. Ich war kein Römer. Ich war ein gelbbärtiger Barbar. Und ich schritt über die Heide, als befände ich mich an Bord meines Langschiffs. Wer waren schon die Pikten? Verkrüppelte Zwerge, deren Tage gezählt waren. Sie entstammten aus einem anderen Zeitalter, ein Volk, das die Kelten und Nordleute vor sich her getrieben hatten. Und irgendwo in meinem Geist hauste die verschleierte Erinnerung an wilde, gnadenlose Kriege aus einer dunkleren Zeit.

Aber da war auch eine gewisse Scheu – nicht vor ihren kämpferischen Fähigkeiten, sondern vor der Zauberei, die sie beherrschen sollten. Ich hatte ihre Kromleche in ganz Britannien gesehen und auch den Wall, den sie unfern von Corinium erbaut hatten. Ich wußte, daß die keltischen Druiden sie in einem solchen Ausmaß haßten, das selbst für Priester erstaunlich war. Nicht einmal die Druiden vermochten zu erklären, wie das Steinzeitvolk die mächtigen Steinwälle zu errichten imstande gewesen war. Zauberei mußte im Spiel sein.

Ich begann mich zu fragen, zu welchem Zweck wir fünfhundert Männer eigentlich ausgeschickt worden waren. Einige behaupteten, um einen bestimmten Piktenpriester gefangenzunehmen, andere, um den Aufenthaltsort eines Piktenhäuptlings mit Namen Bran Mak Morn herauszufinden. Aber keiner wußte es, mit Ausnahme des Offiziers. Und dessen Kopf stak irgendwo auf der Spitze eines Piktenspeers. Ich wünschte, ich könnte diesem Bran Mak Morn begegnen. Man erzählte sich, es gäbe im Kampf nicht seinesgleichen – weder in einer Schlacht noch im Zweikampf. Vielleicht träfe ich auf ihn, und wenn er wirklich so tapfer war, wie man behauptete, so würde er mir sicher gegenübertreten.

Ich verbarg mich nicht länger. Ja, mehr noch: ich sang ein Lied im Gehen und schlug den Takt mit meinem Schwert. Sollten die Pikten doch kommen! Ich war bereit, den Tod eines Kriegers zu sterben.

Ich hatte viele Meilen zurückgelegt, als ich um einen Hügel bog und gute hundert von ihnen vor mir hatte. Falls sie erwarteten, daß ich floh, so täuschten sie sich. Ich unterbrach nicht einmal meinen Gesang, als ich ihnen entgegenschritt. Einer kam mir entgegen und griff an. Ich spaltete ihn von der linken Schulter bis zur rechten Hüfte. Ein zweiter sprang von der Seite heran und stieß nach meinem Kopf. Ich duckte mich und schnitt ihm den Bauch auf. Dann umringten sie mich. Ich hielt das Schwert mit beiden Händen, schwang es im Kreis herum und schaffte mir Platz. Mit dem Rücken stellte ich mich zu dem steilen Abhang des Hügels, um zu verhindern, daß sie mich wieder umzingelten. Meine Streiche waren so gewaltig, daß für jeden Feind einer genügte. Ein bärtiger Wilder unterlief mein Schwert und stach von unten herauf. Die Klinge glitt an meinem Harnisch ab, und ich streckte ihn mit meinem Schwertknauf bewußtlos zu Boden. Wie Wölfe belagerten sie mich und versuchten, mich mit ihren kurzen Klingen zu erreichen. Zwei fielen mit gespaltenen Schädeln, als sie zu nahkamen. Da beugte sich einer über die Schultern der vordersten und rannte mir seinen Speer durch die Hüfte. Vor Wut brüllend, spießte ich ihn auf. Bevor ich noch das Gleichgewicht wiedererlangen konnte, riß ein Schwert meinen rechten Arm auf, und ein zweites brach auf meinem Helm. Ich taumelte, ließ meine Waffe kreisen, um mir Platz zu verschaffen, doch eine Speerspitze grub sich in meine rechte Schulter. Ich stolperte, ging zu Boden und taumelte wieder hoch. Ich brüllte löwengleich auf, wurde zum Berserker und sprang mitten unter die Feinde. Ich hieb nach links und rechts und sah nur noch rot. Ich fiel zu Boden, sprang auf, stürzte wieder, der rechte Arm hing nutzlos herab, das Schwert wirbelte in der linken Hand. Der Kopf eines Feindes sprang von den Schultern, ein Arm verschwand am Ellbogen, und dann brach ich zusammen und versuchte vergeblich, die Schwerthand zu heben.

Augenblicklich befanden sich ein Dutzend Speerspitzen an meiner Brust, als jemand die Angreifer zurückwarf und eine befehlsgewohnte Stimme rief:

„Halt! Dieser Mann muß geschont werden!“

Wie durch einen Nebel hindurch erkannte ich ein schmales, dunkles Antlitz, als ich auf die Beine kam. Ich stand einem schlanken, dunkelhaarigen Mann gegenüber, der mir kaum bis zur Schulter reichte, aber der so geschmeidig und stark wie ein Panther wirkte. Er war mit eng anliegenden Kleidern angetan, und als einzige Waffe trug er ein langes Schwert. Im Aussehen glich er den Pikten ebensowenig wie ich, und doch deutete irgend etwas auf seine Verwandtschaft mit ihnen hin.

All dies stellte ich in meiner Benommenheit fest, kaum fähig, mich auf den Beinen zu halten.

„Ich habe dich gesehen“, sagte ich erstaunt. „Immer wieder habe ich dich in der vordersten Schlachtenreihe gesehen. Stets hast du die Pikten zum Angriff geführt, während sich die anderen Häuptlinge abseits hielten. Wer bist du?“

Dann verschwammen die Krieger, der Himmel und die Welt vor meinen Augen, und ich brach zusammen.

Undeutlich vernahm ich die Stimme des geheimnisvollen Kriegers: „Versorgt seine Wunden und gebt ihm Speise und Trank!“ Ich hatte die Sprache von den Pikten erlernt, die an die Mauer kamen, um Handel zu treiben.

Ich merkte, daß den Befehlen des Kriegers Folge geleistet wurde, und mit Hilfe des Weines, den die Pikten aus Heidekraut gären, erlangte ich bald wieder die Herrschaft über meine Sinne. Dann legte ich mich zu Boden und schlief.

Als ich erwachte, stand der Mond hoch am Himmel. Man hatte mir Waffen und Helm abgenommen, und einige Pikten bewachten mich. Als sie merkten, daß ich nicht länger schlief, bedeuteten sie mir, ihnen zu folgen, und wir schritten über die Heide. Nach kurzer Zeit gelangten wir zu einem hohen, nackten Hügel, auf dem ein Feuer brannte. Auf einem Felsblock neben dem Feuer saß der sonderbare Piktenführer, und um ihn in einem Kreis seine Krieger.

Man führte mich vor ihn, und ich betrachtete ihn weder trotzig noch furchtsam. Ich spürte, daß ich einem Mann gegenüberstand, wie ich noch nie einem begegnet war. Eine Kraft, eine Macht schien von ihm auszugehen, die ihn von gewöhnlichen Menschen unterschied. Es schien, als blicke er aus majestätischen Höhen auf die Männer herab, nachdenklich, unergründlich, voll von der Weisheit von Jahrhunderten. Er hielt das Kinn auf eine Hand gestützt, als er mich mit seinen dunklen Augen ansah.

„Wer bist du?“

„Ein Bürger Roms.“

„Ein römischer Legionär. Einer jener Wölfe, die bereits seit zu vielen Jahrhunderten die Welt verheeren.“

Unter den Kriegern erhob sich ein Gemurmel, gefährlich wie die Fänge eines Wolfes.

„Es gibt solche, die meinem Volk verhaßter sind als die Römer“, sagte er. „Du bist also ein Römer. Doch scheint mir, als wären die Römer größer, als ich dachte. Und dein Bart – was hat ihn so gelb werden lassen?“

Die Ironie in seinen Worten ließ mich den Kopf höher heben, und obwohl sich mir beim Gedanken an die –Schwerter in meinem Rücken die Haut zusammenzog, antwortete ich stolz:

„Von Geburt her bin ich ein Nordmann.“

Ein wilder Schrei ertönte in der Runde der kauernden Horde, und einige stürzten vor. Eine einzige Handbewegung des Häuptling sandte sie zurück. Seine Augen hatten mich nicht einen Augenblick lang unbeobachtet gelassen.

„Mein Stamm besteht aus Narren“, stellte er fest. „Denn sie hassen die Nordleute mehr als die Römer, weil die Nordmänner unaufhörlich unsere Küsten überfallen. Und dennoch sollten sie Rom hassen.“

„Aber du bist kein Pikte!“

„Ich bin Mediterraner.“

„Aus Kaledonien?“

„Ich gehöre der Welt an.“

„Wer bist du?“

„Bran Mak Morn.“

„Was?“ Ich hatte mir unter Bran Mak Morn ein Ungeheuer vorgestellt, einen unförmigen Riesen oder einen monströsen Zwerg von der Art der übrigen Angehörigen seiner Rasse.

„Du bist nicht wie die anderen.“

„Ich bin wie mein Volk einmal war“, gab er zur Antwort. „Das Geschlecht der Häuptlinge hat sich ihr Blut während all der Jahrhunderte rein erhalten und die Welt nach den Frauen der Alten Rasse abgesucht.“

„Warum haßt deine Rasse alle Menschen?“ fragte ich neugierig. „Eure Wildheit ist sprichwörtlich unter den anderen Völkern.“

„Warum sollten wir nicht hassen?“ In seinen Augen stand plötzlich ein Glitzern. „Wir wurden aus unseren fruchtbaren Ländern in die Einöden der Welt vertrieben und an Körper und Geist verkrüppelt. Sieh mich an! Ich bin, wie meine Rasse einmal war. Sieh dich um! Ein Volk von Affenmenschen – wir, die wir einst die vornehmsten unter den Menschen waren.“

Der Haß, der in seiner tiefen Stimme vibrierte, ließ mich erschauern.

Zwischen den Reihen der Krieger erschien ein Mädchen, das sich an die Seite des Häuptlings begab und eng an ihn geschmiegt niederließ. Eine schlanke, scheue Schönheit, nicht viel mehr als ein Kind. Mak Morns Gesicht verlor etwas von seiner Härte, als er einen Arm um ihre schmalen Schultern legte. Dann kehrte der brütende Ausdruck in seine Augen zurück.

„Meine Schwester, Nordmann“, sagte er. „Man hat mir gesagt, ein reicher Kaufmann in Corinium bietet jedem, der sie ihm bringt, tausend Goldstücke.“

Meine Kopfhaut prickelte, denn ich vermeinte, einen besonderen Ton in der Stimme des Kaledoniers zu entdecken. Der Mond sank unter den westlichen Horizont und verlieh der Heidelandschaft einen roten Schimmer, so daß sie in dem gespenstischen Licht wie ein Meer von geronnenem Blut aussah.

Die Stimme des Häuptlings unterbrach die Stille: „Der Kaufmann sandte einen Spion über die Mauer. Ich schickte ihm seinen Kopf.“

Ich fuhr zusammen. Ein Mann stand vor mir. Ich hatte ihn nicht kommen sehen. Es war ein sehr alter Mann, nur mit einem Lendenschurz bekleidet. Ein langer, weißer Bart fiel ihm bis zur Hüfte, und er war vom Scheitel bis zur Sohle tätowiert. Sein ledriges Antlitz lag in tausend Falten, und seine Haut war schuppig wie die einer Schlange. Unter weißen Augenbrauen brannten große, hektische Augen, als sähen sie unheimliche Visionen. Die Krieger bewegten sich unruhig, und das Mädchen drückte sich erschreckt in Mak Morns Arme.

„Die Götter des Krieges reiten den Nachtwind“, sprach der Zauberer plötzlich mit hoher, geisterhafter Stimme. „Die Sperber wittern Blut. Fremde Füße trampeln auf den Straßen von Alba. Fremde Ruder schlagen die Nordsee.“

„Hilf uns mit deiner Macht, Zauberer“, befahl Mak Morn herrisch.

„Du hast das Mißfallen der alten Götter erregt, Häuptling“, erhielt er zur Antwort. „Die Tempel der Schlange sind verlassen. Der weiße Gott des Mondes erhält nicht länger sein Menschenfleisch. Die Herren der Lüfte blicken von ihren Wällen herab und sind unzufrieden. Hai, hau Sie sagen, ein Häuptling ist vom richtigen Pfad abgewichen.“

„Genug!“ unterbrach Mak Morn rauh. „Die Macht der Schlange ist gebrochen. Die Neophyten opfern den dunklen Göttern keine Menschen mehr. Wenn ich die Nation der Pikten aus dem schwarzen Tal der Barbarei führe, dulde ich keinen Widerspruch – ob von einem Prinzen oder einem Priester. Bedenke meine Worte, Zauberer!“

Der alte Mann wandte seine seltsam leuchtenden Augen gegen mich.

„Ich sehe einen gelbhaarigen Barbaren“, wisperte er. „Ich sehe einen starken Körper, einen starken Geist. Ein Opfer für einen Häuptling.“

Mak Morn entfuhr ein ungeduldiger Ausruf.

Das Mädchen zog seinen Kopf gegen seine Lippen und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

„Die Pikten entbehrten noch nicht ganz jeglicher Menschlichkeit und Freundlichkeit“, sagte er, und ich merkte den feinen Spott in seiner Stimme. „Das Kind möchte, daß ich dich freilasse.“

Obwohl er die keltische Sprache verwendete, verstanden ihn die Krieger und murmelten unzufrieden.

„Nein!“ rief der Zauberer wild.

Der Widerspruch bestärkte den Häuptling in seinem Entschluß. Er erhob sich.

„Ich sage, der Nordmann geht bei Tagesanbruch frei.“

Mißbilligendes Schweigen herrschte.

„Wagt es jemand von euch, mir mit dem Schwert gegenüberzutreten?“ rief er herausfordernd.

Der Zauberer sprach: „Hör zu, o Häuptling. Ich habe mehr als hundert Jahre gelebt. Ich habe gesehen, wie Häuptlinge und Eroberer kamen und gingen. Im mitternächtlichen Wald habe ich gegen die Magie der Druiden gekämpft. Lange hast du meine Macht verhöhnt, Mann der Alten Rasse, und jetzt biete ich dir die Stirn. Ich fordere dich zum Zweikampf.“

Kein Wort mehr wurde gesprochen. Die beiden Männer traten einander im Schein des Feuers gegenüber.

„Wenn ich siege, ringelt sich wieder die Schlange, kreischt wieder die Wildkatze, und du bist auf ewig mein Sklave. Wenn du siegst, sind meine Künste dein, und ich werde dir dienen.“

Zauberer und Häuptling standen einander gegenüber. Die züngelnden Flammen erleuchteten ihre Gesichter. Ihre Blicke prallten aufeinander. Ja, der Kampf zwischen den Augen und den Seelen dahinter war so deutlich zu erkennen, als fochten sie mit Schwertern. Die Augen des Zauberers weiteten sich, die des Häuptlings wurden schmal. Gewaltige Kräfte schienen von beiden auszustrahlen, unsichtbare Mächte hüllten sie ein. Ich erahnte, daß es sich nur um einen Teil eines äonenalten Streits handelte, dem Kampf zwischen dem Alten und dem Neuen. Hinter dem Zauberer standen Tausende von Jahren voll dunkler Geheimnisse, unheilvoller Mysterien, erschreckende, nebulöse Gestalten, Monstren, halb verborgen in den Nebeln der Vergangenheit. Hinter dem Häuptling stand das klare, starke Licht des kommenden Tages, der erste Funke der Zivilisation, die reine Kraft eines Menschen mit einer neuen und mächtigen Botschaft. Der Zauberer war die personifizierte Steinzeit, der Häuptling die kommende Zivilisation. Vielleicht hing das Schicksal der Piktenrasse vom Ausgang des Kampfes ab.

Die Anstrengungen der beiden Männer waren ungeheuer. Auf der Stirn des Häuptlings traten die Adern hervor. Beider Augen funkelten und sprühten. Da drang ein Keuchen aus der Kehle des Zauberers. Kreischend griff er sich an die Augen und sank wie ein leerer Sack auf den Heideboden.

„Genug!“ keuchte er. „Du hast mich besiegt, Häuptling.“ Er erhob sich unterwürfig.

Die Spannung wich von den Reihen der Zuschauer, und sie richteten ihre Blicke auf den Anführer. Mak Morn machte eine Bewegung, als wolle er etwas Unangenehmes abschütteln. Er ging zum Felsblock, ließ sich darauf nieder, und das Mädchen schlang seine Arme um ihn und flüsterte ihm freudig erregt ins Ohr.

„Das Schwert der Pikten ist flink“, murmelte der Zauberer. „Der Arm der Pikten ist stark. Hai! Man sagt, ein Mächtiger hat sich unter den Männern des Westens erhoben.

Sieh in das uralte Feuer der Verschwundenen Rasse, o Wolf von der Heide! Hai, hau Man sagt, ein Häuptling sei uns entstanden, um die Rasse aufwärts zu führen.“

Der Zauberer beugte sich murmelnd über die Glut des Feuers, dessen Flammen verloschen waren. Er rührte in der Glut, während er einen seltsamen Gesang anstimmte, der sich kaum reimte und dessen Bedeutung schwer verständlich war, in dem jedoch ein wilder Rhythmus lag.

Hin und wieder stocherte er in der Glut oder warf merkwürdig geformte Gegenstände hinein, wobei seine Bewegungen auf den Gesang abgestimmt waren.

Über das verkohlte Holz begannen rote Flammen zu lecken. Einmal züngelten sie empor, dann verlöschten sie wieder, um gleich darauf wieder den Zunder zu entflammen, den der Zauberer darauf geworfen hatte. Es prasselte in der Stille, und Rauch begann emporzukräuseln und sich zu einer Wolke zu vereinigen.

Stärker wurde der Rauch und hüllte den Zauberer ein, bis nur noch seine gelben Augen durch den Nebel glühten. Seine Stimme kam wie aus weiter Ferne, als wäre sie körperlos, als wäre sie nicht die des Zauberers, sondern ein Ding für sich, als spräche nicht der Geist des Alten, sondern die vergangenen Jahrhunderte durch sie.

Selten habe ich mich in solch gespenstischer Umgebung befunden: Über uns herrschte die Dunkelheit, kaum ein Stern blinkte, und nur die wabernden Finger des Nordlichts malten bizarre Banner auf den toten Himmel. Die Hänge des Hügels verloren sich im Meer des wogenden Heidekrauts, und auf der unbewachsenen Spitze hockte die halb menschliche Horde wie Gestalten aus einer anderen Welt, deren Gesichter sich einmal mit den Schatten vermengten und dann wieder im Schein des Feuers blutrot hervortraten. Und Bran Mak Morn saß wie eine Bronzestatue, und die Flammen meißelten sein Profil aus der Dunkelheit, während von dem Alten kaum mehr als die sprühenden, gelben Augen und der lange, schneeweiße Bart zu sehen waren.

„Eine mächtige Rasse, das Volk vom Mittelmeer.“

In den Augen der Umsitzenden leuchtete es auf. Sie beugten sich vor. Kein Mensch vermochte diese urzeitlichen Wilden zu zivilisieren. Niemand vermochte sie zu zähmen, zu überwinden. Der ungestüme Geist der Steinzeit war in ihnen.

„Älter als die schneeigen Gipfel von Kaledonien.“

Die Krieger lehnten sich erwartungsvoll und begierig noch weiter vor. Ich merkte, daß die Erzählung sie stets fesselte, auch wenn sie sie zweifellos bereits Hunderte Male von Hunderten Anführern und alten Männern gehört hatten.

„Nordmann“, riß mich der Zauberer aus meinen Gedanken, „was kommt hinter dem Kanal im Westen?“

„Die Insel Hibernia.“

„Und danach?“

„Die Inseln, die von den Kelten Aran genannt werden.“

„Und danach?“

„Das weiß ich wahrlich nicht. Das Wissen der Menschen nimmt dort sein Ende. Kein Schiff hat je diese Wasser befahren. Die Weisen nennen es Thule. Das Unbekannte, das Land der Illusion, den Rand der Welt.“

„Hai, hau Jener mächtige Ozean bespült die Ufer unbekannter Kontinente und Inseln. Weit, weit jenseits der ungeheuren Wasserwüste liegen zwei große Kontinente, von denen selbst der kleinere ganz Europa bei weitem in den Schatten stellt. Es sind Erdteile von unglaublichem Alter, in deren Länder die Stämme von Menschen umherzogen, die die Geheimnisse jeden Handwerks kannten, während dieses Land, das du Europa nennst, nichts anderes war als ein von Reptilen bewohnter Sumpf, ein feuchter Urwald, in dem Affen hausten.

So gewaltig sind jene Erdteile, daß sie die Welt vom Eis des Nordens bis zum Eis des Südens umspannen. Und jenseits von ihnen liegt ein riesiger Ozean. In ihm befinden sich unzählige Inseln, und diese Inseln stellten einst die Gipfel der Berge eines großen Landes dar – das versunkene Land Lemuria.

Und die beiden Kontinente sind Zwillinge, verbunden durch einen schmalen Streifen Land. Die Westküste des nördlichen Kontinents ist rauh und zerrissen. Mächtige Gebirge türmen sich gegen den Himmel. Aber diese Gipfel waren einmal Inseln, und auf diese Inseln gelangte einst der namenlose Stamm von Norden her. Das war vor so vielen tausend Jahren, daß man müde wird, sie zu zählen. Tausend Meilen entfernt im Nordwesten war der Stamm in den fruchtbaren Ebenen entstanden, die in der Nähe der Meeresstraße liegen, die den nördlichen Kontinent von Asien trennt.“

„Asien!“ rief ich verwirrt.

Der Alte warf mir einen zornigen Blick zu und fuhr nach einem Augenblick wieder fort:

„Dort, im fernsten Nebel der Vergangenheit, hatte sich ein kriechendes Meereswesen zum Affen, vom Affen zum Affenmenschen und vom Affenmenschen zum Wilden entwickelt.

Und Wilde waren sie noch, als sie grausam und kriegslustig die Küste herabkamen. Sie waren geschickte Jäger, denn Jahrhunderte lang hatten sie sich von der Jagd ernährt. Sie waren kräftig gebaut, nicht besonders groß, jedoch zäh und muskulös wie der Leopard. Kein Volk könnte ihnen widerstehen. Und sie waren die ersten Menschen.

Sie kleideten sich in Tierfelle, und ihre Steinwerkzeuge waren grob behauen. Sie nahmen die westlichen Inseln in Besitz, über denen stets die Sonne lachte. Und da lebten sie Tausende von Jahren. Und die westlichen Inseln waren reich und fruchtbar und das Meer friedlich. Da legte der Stamm die Waffen beiseite und begann, die Künste des Friedens zu pflegen. Sie lernten, ihre Steingeräte zu polieren, Getreide und Früchte anzubauen, den Boden zu bestellen. Und sie waren zufrieden, und die Erntegötter lachten ihnen. Und sie lernten spinnen und weben und den Bau von Hütten. Und sie wurden Meister der Töpferei und in der Bearbeitung von Pelzen.

Weit im Westen, jenseits der Wogen, lag das große, düstere Land Lemuria. Und wiederum erschienen viele Boote am Horizont. In diesen befanden sich Angehörige des halbmenschlichen Volkes der See. Vielleicht waren sie aus fremdartigen Seeungeheuern entstanden, denn sie besaßen Schuppen wie der Hai und konnten stundenlang unter Wasser schwimmen. Immer wieder schlug sie der Stamm zurück, doch immer wieder kamen sie, denn Abtrünnige des Stammes flohen nach Lemuria. Im Osten und Süden erstreckten sich riesige Wälder, die von wilden Tieren und Affenmenschen bewohnt waren.

So glitten die Jahrhunderte unter den Schwingen der Zeit hinweg. Stärker und stärker wurde der namenlose Stamm, immer mehr bewandert in der Kunst des Handwerks, immer weniger bewandert in der Kunst des Krieges und der Jagd. Und langsam kletterten die Lemurier auf der Leiter der Entwicklung weiter.

Da erschütterte eines Tages ein ungeheures Beben die Welt. Der Himmel vermischte sich mit dem Wasser, und dazwischen erzitterte das Land. Donnernd, als kämpften Götter gegeneinander, erhoben sich die Inseln des Westens aus dem Meer und bildeten die neue Westküste des nördlichen Kontinents. Und Lemuria versank unter den Wellen. Übrig blieb nur noch eine große, gebirgige Insel, umgeben von einer Unzahl kleinerer, die zuvor die Gipfel der Gebirge gewesen waren.

Und an der Westküste erhoben sich brüllend Vulkane und spien feuriges Gestein, das jegliche Spur der Zivilisation am Ufer überdeckte. Aus fruchtbarem Land war Wüste entstanden.

Ostwärts floh der Stamm und trieb die Affenmenschen vor sich her, bis er die weiten, fruchtbaren Ebenen fern im Osten erreichte. Dort wohnten sie jahrhundertelang, bis die Eisfelder nach Süden vordrangen. Wieder floh der Stamm, und eine tausendjährige Wanderschaft begann.

Südwärts zogen sie und trieben stets die Tiermenschen vor sich her. In der großen Entscheidungsschlacht wurden diese vernichtend geschlagen, flohen weit in den Süden und gelangten über die sumpfigen Inseln, die damals dort das Meer übersäten, nach Afrika, von wo aus sie nach Europa vordrangen, wo es noch keine Menschen gab.

Die Lemurier, die Zweite Rasse, wanderten in den nördlichen Kontinent ein. Es waren kleine, untersetzte Menschen mit Augen, die an fremde Meere erinnerten. Sie wußten wenig vom Handwerk, errichteten jedoch sonderbare Bauten und hatten vom namenlosen Stamm gelernt, Werkzeuge aus poliertem Obsidian und Jade herzustellen.

Die mächtigen Eisfelder dehnten sich weiter aus und drängten den namenlosen Stamm südwärts. Zwar erreichte das Eis nie den südlichen Kontinent, doch bestand dieser bloß aus schlangenverseuchtem Sumpfland. Daher bauten die Namenlosen Boote und segelten zum meerumspülten Atlantis. Die Atlanter waren die Dritte Rasse. Groß und schlank von Gestalt, bewohnten sie Höhlen und lebten von der Jagd. Für das Handwerk besaßen sie kein Geschick, doch waren sie Künstler. Befanden sie sich nicht auf der Jagd oder im Krieg miteinander, so verbrachten sie die Zeit damit, die Wände ihrer Höhlen mit Zeichnungen und Gemälden von Menschen und Tieren zu versehen. Dem namenlosen Stamm waren sie nicht gewachsen, und so wurden sie vertrieben. Auch sie gelangten nach Europa und führten dort erbittert Krieg mit den vor ihnen eingewanderten Tiermenschen.

Dann brach Krieg aus unter den Stämmen der Namenlosen, und die Sieger vertrieben die Besiegten. Unter diesen befand sich ein uralter Zauberer, und der belegte Atlantis mit einem Fluch. Kein Mensch sollte von Atlantis wissen, kein Boot sollte jemals dort landen, noch eines von Atlantis andere Gestade erreichen. Unbekannt sollte Atlantis liegen, bis Schiffe mit Drachenköpfen aus der nördlichen See kämen, bis vier Heere auf der Insel der Seenebel einander zur Schlacht trafen, und bis ein großer Führer aus dem Volk des namenlosen Stammes hervorging.

Sodann ruderten sie von Insel zu Insel nach Afrika, folgten der Küste nach Norden und gelangten in die Mittlere See, die von sonnigen Ufern eingerahmt war.

Dort lebte der Stamm Jahrhunderte lang, wuchs, wurde stark und mächtig und breitete sich über die Länder aus. Von den Wüsten Afrikas bis zu den Wäldern des Nordens, vom Nil bis zu den Bergen Albas tummelten sie sich, bebauten ihre Felder, weideten ihr Vieh, webten ihre Stoffe. Sie bauten Pfahldörfer in den Seen der Alpen und errichteten Steintempel in den Ebenen Britanniens. Sie vertrieben die Atlanter und schlugen die rothaarigen Rentier-Leute.

Da brachen aus dem Norden die Kelten mit ihren Schwertern und Speeren aus Bronze hervor. Von den nebligen Ländern des allgewaltigen Schnees kamen sie, von den Ufern der fernen Nordsee. Und sie waren die Vierte Rasse. Die Pikten flohen vor ihnen, denn die Kelten waren groß und stark. Sie besaßen graue Augen und lohfarbenes Haar. Auf der ganzen Welt bekämpften Kelten und Pikten einander, und stets siegte der Kelte, denn die Stämme hatten in den langen Zeiten des Friedens die Kunst des Krieges verlernt. Sie flohen in die Einöden der Welt.

Und so flohen die Pikten von Alba nach Westen und Norden und vermischten sich dort mit den rothaarigen Riesen, die sie vor langen Zeiten aus den Ebenen vertrieben hatten.

So vergingen die Zeitalter, und die Rasse veränderte sich. Aus dem zierlichen, schwarzhaarigen Volk und den ungeschlachten, rothaarigen Wilden entstand eine neue Rasse, verkrüppelt an Körper und Geist. Sie wurden grausam und hinterlistig im Kampf, aber das alte Können war vergessen. Vergessen war der Webstuhl, der Töpferofen und die Mühle. Das Geschlecht der Häuptlinge jedoch erhielt sich rein. Und einer davon bist du, Bran Mak Morn, Wolf der Heideländer.“

Stille entstand. Der schweigende Ring der Zuhörer lauschte immer noch träumend, als vernahmen sie noch das Echo der Worte des Zauberers. Der Nachtwind flüsterte. Das Feuer griff auf neuen Zunder über, aus dem Flammen emporschossen, die wie Arme in die Dunkelheit griffen.

Die monotone Stimme fuhr fort:

„Der Ruhm des namenlosen Stammes schwand wie Schnee, der auf das Meer fällt, wie Rauch, der sich in der Luft auflöst. Er verschwand wie die vergangenen Ewigkeiten. Verschwunden ist der Glanz von Atlantis, verschwunden das düstere Reich der Lemurier. Die Völker der Steinzeit schmelzen dahin wie Frost in der Sonne. Aus der Nacht kamen wir, und in der Nacht gehen wir auf. Alle sind Schatten. Ein Volk der Schatten sind wir. Unsere Tage sind gezählt. Wölfe hausen in den Tempeln des Mondgotts. Wasserschlangen ringeln sich in unseren versunkenen Städten. Stille regiert in Lemuria. Über Atlantis liegt ein Fluch. Rothäutige Wilde bevölkern die Länder im Westen, wandern durch das Tal des Westflusses, entehren die Tempelwälle, die die Männer von Lemuria zu Ehren des Meeresgotts errichteten. Und im Süden zerbröckelt das Reich der Tolteken von Lemuria. So verschwinden die ersten Rassen. Und die Menschen des neuen Zeitalters werden mächtig.“

Der Alte nahm einen brennenden Ast aus dem Feuer und beschrieb mit unglaublich raschen Bewegungen den Kreis mit dem Dreieck in der Luft. Sonderbarerweise schien das mystische Symbol einige Augenblicke lang flammend zu bestehen.

„Der Kreis ohne Anfang“, leierte der Zauberer. „Der Kreis ohne Ende. Die Schlange mit dem Schwanz im Maul, das Universum umspannend. Und die mystische Drei. Anfang, Ruhe, Ende. Schöpfung, Erhaltung, Zerstörung. Der Frosch, das Ei und die Schlange. Zerstörung, Erhaltung, Schöpfung. Die Schlange, das Ei und der Frosch. Und die Elemente: Feuer, Luft und Wasser. Und das Phallussymbol. Der Feuergott lacht.“

Mit wilder Intensität starrten die Pikten ins Feuer. Die Flammen hüpften. Rauch quoll empor und verschwand, und an seine Stelle trat ein sonderbarer, gelber Dunst – weder Feuer, Rauch noch Nebel, sondern eine Mischung aus den drei Dingen. Die Umgebung und der Himmel schienen in den Flammen aufzugehen. Ich fühlte mich nicht länger als Mensch, sondern als ein Paar körperloser Augen.

Da begannen sich irgendwo in dem gelben Dunst undeutliche Bilder zu formen, die nacheinander auftauchten und wieder verschwanden. Ich wußte, daß es die Vergangenheit war, die da vorüberzog. Ich erkannte ein Schlachtfeld, und auf der einen Seite kämpften viele Krieger, die Bran Mak Morn glichen, bis auf die Tatsache, daß sie kampfunerfahren waren. Ihnen gegenüber stand eine Schar großer, hagerer Männer mit Bronzeschwertern und -Speeren. Galen!

Dann sah ich ein anderes Schlachtfeld, und ich wußte, daß Jahrhunderte vergangen waren. Wieder befanden sich die Galen mit ihren Bronzewaffen im Kampf, doch diesmal waren es sie, die in die Flucht geschlagen wurden. Die Angreifer waren ein Haufen riesiger, gelbhaariger Krieger, die ebenfalls Bronze verwendeten. Die Schlacht kennzeichnete die Ankunft der Briten, die der Insel den Namen Britannien verliehen.

Die darauf folgenden Bilder huschten so rasch vorbei, daß man nichts Genaues unterscheiden konnte. Man gewann den Eindruck von großen Taten und wichtigen Ereignissen, doch waren nur undeutliche Schatten zu erkennen. Einen Augenblick lang erschien ein kräftiges Gesicht mit stahlgrauen Augen und einem gelben Schnurrbart, der schmale Lippen einrahmte. Ich ahnte, daß es sich um einen anderen Bran handelte, den Kelten Brennus, dessen gallische Horden Rom geplündert hatten.

Dann trat ein anderes Gesicht an seine Stelle, das Gesicht eines jungen Mannes, hochmütig und arrogant, mit hoher Stirn, aber grausamen Zügen um den Mund. Das Antlitz eines Halbgotts, gleichzeitig jedoch das eines degenerierten Menschen.

Cäsar!

Ein Ufer im Schatten. Ein düsterer Wald. Kampfeslärm. Die Legionen zerstreuen die Horden des Caractacus.

Dann zogen rasch Bilder vom Pomp und Glanz Roms vorbei. Ihre Legionen kehrten im Triumph zurück und führten Hunderte von Gefangenen in Ketten mit sich. Man sah beleibte Senatoren und Adelige in den Bädern, bei Festen und Ausschweifungen. Weibische Kaufleute und Edelmänner gaben sich in Ostia, in Massilia, in Auqa Sulae dem süßen Leben hin.

Dann änderten sich die Bilder abrupt und zeigten, wie sich die Barbaren an den Grenzen sammelten: die grimmigen, gelbbärtigen Nordmänner, die Germanenstämme, die rothaarigen Wilden aus Wales und Damnonia und ihre Verbündeten, die piktischen Siluren. Die Vergangenheit war vorbei; Gegenwart und Zukunft hatten ihren Platz eingenommen!

Und dann unermeßliche Wirren, ganze Völker in Aufruhr, Armeen und Menschen lösten einander in rascher Folge ab.

„Rom fällt!“ Die jubelnde Stimme des Zauberers unterbrach die Stille. „Die Vandalen schwärmen über das Forum. Eine wilde Horde marschiert auf der Via Appia. Gelbhaarige Barbaren mißbrauchen die Vestalinnen. Und Rom fällt!“

Vielstimmiges Triumphgeschrei stieg zum Nachthimmel empor.

„Ich sehe Britannien unter dem Joch der nordischen Eroberer. Ich sehe die Pikten von den Bergen herabschwärmen. Ich sehe Raub, Brand und Krieg.“ Im feurigen Nebel erschien plötzlich das Antlitz Bran Mak Morns. „Heil dem Retter! Ich sehe das Piktenvolk neuem Glanz entgegengehen!

Der Wolf an der Macht

Spottet der Nacht.

Da drängt an das Licht

Von neuem ein Volk,

Ein Schatten von gestern,

Zu beständigem Ruhm.

Die Schwingen des Sturms

Verbreiten die Kunde

Rasch von der Rückkehr

Einer alten Nation.

Flieht, Wolf und Drache!

Der Pikte jetzt lacht.“

Im Osten stieg grau die Dämmerung hoch. Ihr geisterhaftes Licht erhellte Bran Mak Morns unbewegliches Gesicht. Seine dunklen Augen starrten reglos ins Feuer und sahen darin seine hochstrebenden Pläne, seine Träume von einem Reich in Rauch aufgehen.

„Was wir nicht im Kampf zu halten vermochten, haben wir Jahrhunderte hindurch mit List und Verschlagenheit gehalten. Aber die neuen Rassen erheben sich wie die Sturmflut, und das Alte muß vergehen. In den nebligen Bergen von Galloway wird sich die Nation zur letzten Schlacht sammeln. Und wenn Bran Mak Morn fällt, verschwindet das Verlorene Feuer – für immer. Aus den Jahrhunderten, aus den Äonen.“

Und bei diesen Worten bildete das Feuer eine einzige riesige Flamme, sprang hoch empor und verschwand mitten in der Luft.

Und über die östlichen Berge ergoß sich die Morgenröte.

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Herrscher der Nacht

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Cäsar saß auf goldenem Thron.

Seine ehernen Legionen kamen,

Zu vernichten einen Herrscher

Und eine Rasse ohne Namen.

- Das Lied des Bran –

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DER DOLCH ZUCKTE HERAB. Ein Aufschrei ging in ein Gurgeln über. Die Gestalt auf dem klobigen Altar ruckte noch ein paarmal und lag dann still. Die Feuersteinschneide drang in die Brust, und dünne Finger rissen das Herz heraus. Unter dichten, weißen Augenbrauen glühten scharfe Augen voll wilder Intensität.

Außer dem Opferpriester standen vier Männer um den Steinhaufen, der den Altar des Gottes der Schatten darstellte. Einer war von mittlerer Größe, schlank gebaut, spärlich bekleidet, und sein Haar wurde von einem schmalen Eisenreif gehalten, in dessen Mitte ein rotes Juwel glühte. Von den anderen glichen zwei dem ersten in der dunklen Farbe der Haut, doch waren sie untersetzt und mißgestalt, ihre Gliedmaßen verformt, und das strähnige Haar fiel wirr über die fliehende Stirn. Während sein Antlitz von Intelligenz und eisernem Willen zeugte, stand in ihren Gesichtern nur tierische Wildheit. Der vierte Mann hatte mit den übrigen wenig gemeinsam. Zwar war sein Haar schwarz wie das ihrige, doch überragte er sie um Haupteslänge, besaß eine relativ lichte Haut und graue Augen. Mißbilligend betrachtete er das Geschehen.

Ja, Cormac von Connacht fühlte sich unbehaglich. Gewiß huldigten die Druiden auf Erin, seiner Insel, dunklen Opferbräuchen, doch nicht so etwas. Düstere Bäume umgaben den Platz, der notdürftig von einer einzelnen Fackel erleuchtet wurde. Durch die Zweige wimmerte gespenstisch der Nachtwind. Cormac befand sich allein mitten unter den Angehörigen einer fremden Rasse und hatte soeben mit angesehen, wie einem Mann das Herz aus dem Körper gerissen worden war. Jetzt betrachtete der uralte Priester das pulsierende Ding. Cormac schauderte und warf dem mit dem Juwel einen Blick zu. Glaubte Bran Mak Morn, König der Pikten, tatsächlich, daß der weißbärtige Schlächter an einem blutenden Menschenherz die Zukunft vorauszusehen imstande war? Die dunklen Augen des Königs verrieten nichts. Die Seele dieses Mannes besaß Tiefen, die für Cormac ebenso wie für jeden anderen unergründlich waren.

„Die Zeichen sind günstig!“ rief der Priester wild und sprach mehr zu den beiden Häuptlingen als zu Bran. „Hier, im Herzen eines gefangenen Römers, lese ich –den Untergang des römischen Heeres! Triumph für die Söhne der Heideländer!“

Die beiden Wilden murmelten erregt, und ihre Augen glitzerten.

„Geht und bereitet eure Clans für den Kampf vor“, sagte der König, und die beiden gehorchten und entfernten sich in ihrem affenartigen Gang, den ihnen die verkrümmten Körper aufzwangen. Ohne dem Priester noch irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken, der die grausamen Überreste auf dem Altar untersuchte, winkte Bran Cormac zu. Der Gäle folgte ihm bereitwillig. Außerhalb des Opferplatzes, unter dem Licht der Sterne, atmete er erleichtert auf. Sie befanden sich auf einer Anhöhe und blickten über das Meer des wogenden Heidekrauts. In der Nähe brannten einige Feuer. Dahinter waren mehr Feuer und hinter diesen noch mehr, und die letzteren bezeichneten das Lager von Cormacs eigenen Leuten, verwegen reitende und kämpfende Galen. Sie bildeten einen Teil der Gruppe, die sich soeben an der Westküste von Kaledonien festzusetzen begann, dem Kern des Landes, aus dem sich das Königreich Dalriadia entwickeln sollte. Links von diesen glühten weitere Feuer.

Und weit im Süden gab es noch mehr Feuer – winzige Lichtpünktchen. Doch selbst auf die große Entfernung hin vermochten der Piktenkönig und sein keltischer Verbündeter zu erkennen, daß sie regelmäßiger angeordnet waren.

„Die Lagerfeuer der Legionen“, murmelte Bran. „Die Feuer, die einen Pfad um die Welt erleuchten. Die Männer, die diese Feuer entzündeten, haben die Völker unter ihre Füße getrampelt. Und jetzt, jetzt stehen wir von den Heideländern mit dem Rücken gegen die Wand. Was wird der Morgen bringen?“

„Unseren Sieg, sagt der Priester“, antwortete Cormac.

Bran machte eine ungeduldige Handbewegung. „Mondenschein auf dem Ozean. Wind in den Wipfeln der Föhren. Denkst du, ich glaube an solchen Mummenschanz? Oder daß mich das Hinschlachten eines gefangenen Legionärs erfreut? Ich muß meine Leute ermutigen; es war Gron und Bocahs wegen, daß ich den alten Gonar die Zeichen erforschen ließ. Die Krieger werden besser kämpfen.“

„Und Gonar?“

Bran lachte. „Gonar ist zu alt, um auch nur irgend etwas zu glauben. Er war bereits Jahre vor meiner Geburt Hoherpriester der Schatten und behauptet, direkt von jenem Gonar abzustammen, der in den Tagen Brules des Speeres, dem Begründer meines Geschlechtes, ein Zauberer war. Niemand weiß, wie alt er ist. Manchmal glaube ich, er ist der ursprüngliche Gonar selbst!“

„Zumindest habe ich eines gelernt“, sprach eine spöttische Stimme, und Cormac fuhr zusammen, als eine undeutliche Gestalt an seiner Seite auftauchte, „daß ein weiser Mann als Narr auftreten muß, um das Vertrauen und den Glauben der Menschen nicht zu verlieren. Ich kenne Geheimnisse, die selbst dir den Verstand rauben würden, Bran, würde ich sie dir verraten. Aber um mir den Glauben der Leute zu erhalten, bin ich zu solchen Dingen gezwungen, die sie für richtige Magie halten. Und deswegen hüpfe und schreie ich, raßle mit Schlangenhäuten und rühre in Menschenblut und Hühnerlebern.“

Cormac betrachtete den Alten mit neuem Interesse. Der Anschein des Halb-Irren war verschwunden. Er war nicht länger der Scharlatan, der Sprüche murmelnde Schamane. Das Sternenlicht verlieh ihm eine Würde, die ihn größer erscheinen ließ. Er wirkte wie ein Patriarch.

„Deine Zweifel liegen dort, Bran.“ Ein dürrer Arm wies auf den vierten Feuerring.

„Aye.“ Der König nickte düster. „Cormac, du weißt es ebenso wie ich. Der Ausgang der morgigen Schlacht hängt von jenem Lager ab. Mit den Streitwagen der Briten und deinen Reitern aus dem Westen wäre uns der Sieg gewiß – aber im Herzen eines jeden Nordmanns wohnt ein Teufel! Jetzt, da ihr Anführer, Rognar, tot ist, schwören sie, nur unter einem König ihrer Rasse zu kämpfen! Sonst brechen sie ihren Schwur und gehen zu den Römern über. Ohne sie sind wir verloren, denn wir können unseren Plan nicht ändern.“

„Fasse Mut, Bran“, sagte Gonar. „Greif an das Juwel in deiner Eisenkrone. Vielleicht bringt es dir Hilfe.“

Bran lachte bitter. „Jetzt sprichst du so, wie die Männer denken. Ich bin kein Narr, der an leere Worte glaubt. Was willst du mit dem Juwel? Es ist seltsam, richtig; und es hat mir bisher Glück gebracht. Aber jetzt benötige ich nicht Juwelen, sondern den Beistand von dreihundert launischen Nordmännern, die einzigen unter uns, die zu Fuß dem Anfall der Legion standzuhalten vermögen.“

„Aber das Juwel, Bran, das Juwel!“ beharrte Gonar.

„Ja, das Juwel!“ rief Bran ungeduldig. „Es ist älter als diese Welt. Es war alt, als Atlantis und Lemuria in der See versanken. Brule der Speer, der erste meiner Ahnen, erhielt es von dem Atlanter Kull, dem König von Valusien, als die Welt noch jung war. Aber hilft uns das jetzt?“

„Wer weiß?“ meinte der Zauberer ausweichend. „Zeit und Raum existieren nicht. Es gab keine Vergangenheit, und es wird keine Zukunft geben. Das Jetzt ist alles. Alles, was jemals war, ist oder sein wird, ereignet sich jetzt. Der Mensch befindet sich stets im Zentrum dessen, was wir Zeit und Raum nennen. Ich habe mich ins Gestern und ins Morgen begeben, und beides war so wirklich wie das Heute, das heißt wie die Träume von Geistern! Aber laß mich schlafen und mit Gonar sprechen. Vielleicht steht er uns bei.“

„Was meint er?“ fragte Cormac und schüttelte sich leicht, als der Priester in den Schatten verschwand.

„Er hat immer schon behauptet, der erste Gonar erscheine ihm in seinen Träumen und spräche mit ihm“, antwortete Bran. „Ich habe ihn Taten vollbringen sehen, die über das hinausgehen, wozu Menschen imstande sind. Ich weiß nicht. Ich bin nur ein kleiner König mit einer Eisenkrone, der versucht, eine Rasse von Wilden aus dem Sumpf zu führen, in den sie versunken ist. Sehen wir zu den Lagern.“

Als sie dahinschritten, versank Cormac in Gedanken. Welch seltsames Schicksal hatte bewirkt, daß solch ein Mann aus einem Volk von Wilden hervorgegangen war, aus den Überbleibseln eines dunkleren, grimmigeren Zeitalters? Sicherlich war er ein Atavismus, ein richtiger Vertreter der Pikten aus den Tagen, als sie über ganz Europa herrschten, ehe ihr primitives Reich unter den Bronzeschwertern der Gallier zugrunde ging. Cormac wußte, daß Bran sich aus eigenen Kräften von der unbedeutenden Stellung des Sohnes eines der Wolfs-Clan-Häuptlinge emporgearbeitet und bis zu einem gewissen Grad die Stämme der Heideländer geeinigt hatte und nun die Königswürde über ganz Kaledonien beanspruchte. Doch war seine Herrschaft nicht gesichert, und es mußte noch viel geschehen, ehe die Pikten die Fehden zwischen den Clans vergessen und dem Feind eine gemeinsame Front bieten würden. Von der morgigen Schlacht, der ersten regelrechten Schlacht zwischen den Pikten unter ihrem König und den Römern, hing die Zukunft des wachsenden piktischen Königreiches ab. Bran und sein Bundesgenosse schritten durch das Lager der Pikten, wo die Krieger um ihre kleinen Feuer lagen und schliefen oder an halbgarem Fleisch nagten. Cormag war beeindruckt von ihrer Stille. Tausend Männer lagerten hier, und doch war kaum hier und da ein gutturales Murmeln zu vernehmen. Die Stille der Steinzeit ruhte in den Seelen dieser Männer.

Alle waren sie klein, und die meisten besaßen verbogene Glieder. Bran Mak Morn überragte sie alle. Nur die älteren Männer trugen Barte, und diese waren schütter. Das schwarze Kopfhaar hing ihnen wirr über die Augen. Sie waren barfüßig und notdürftig in Wolfsfelle gehüllt. Ihre Waffen bestanden aus kurzen, gezackten Eisenschwertern, schweren Bögen, Pfeilen mit Spitzen aus Stein, Eisen und Kupfer sowie aus Steinhämmern. Zur Verteidigung besaßen sie grobe Schilde aus lederverkleidetem Holz; viele hatten Metallstücke in ihr Haar geflochten, die als geringfügiger Schutz gegen Schwertstreiche dienen sollten. Einige wenige, meist Söhne von Häuptlingen, besaßen so wie Bran gerade Glieder, doch in aller Augen glühte die unauslöschliche Wildheit des Urzeitmenschen.

Es sind Wilde durch und durch, dachte Cormac. Ärger als die Gallier, die Briten und die Germanen. Lag etwas in den alten Legenden, die besagten, daß sie zu einer Zeit herrschten, da fremdartige Städte dort standen, wo jetzt die Wogen des Meeres rollten? Und daß sie die Flut überlebten, die jene glanzvollen Imperien überschwemmte, und dann in die Barbarei zurückfielen, aus der sie sich einst erhoben hatten?

In der Nähe des Piktenlagers befanden sich die Feuer eines Trupps von Briten, Angehörige der Stämme, die südlich der Römischen Mauer in den Hügeln und Wäldern des Westens ihren Wohnsitz hatten und sich der Gewalt Roms widersetzten. Sie waren von kräftigem Körperbau, besaßen blitzende, blaue Augen und dichtes, gelbes Lockenhaar und gehörten demselben Volk an, das sich an der Ceanntischen Küste drängte, als Cäsar die römischen Adler auf die Inseln brachte. Ebenso wie die Pikten waren sie nicht gepanzert, sondern nur in grobes Leinen und Hirschhautsandalen gekleidet. Sie trugen kleine Rundschilde aus bronzeverstärktem Hartholz und lange, schwere Bronzeschwerter mit abgerundeten Spitzen. Einige hatten Bögen, waren jedoch keine Meister in deren Anwendung. Ihre Bögen waren kürzer als die der Pikten und nur auf kurze Entfernungen hin wirksam. Aber in der Nähe der Feuer standen die Waffen aufgereiht, die den Namen Brite zu einem Wort des Schreckens unter den Pikten, Römern und Nordmännern machten: Fünfzig Streitwagen aus Bronze schimmerten im Schein der Flammen. Die Achsen waren zu langen Klingen verlängert, die einem halben Dutzend Männer gleichzeitig die Beine abzutrennen vermochten. In der Nähe grasten unter den wachsamen Blicken der Posten die Zugpferde, gewaltige und rasche Tiere.

„Ich wollte, wir hätten mehr von diesen“, meinte Bran nachdenklich. „Mit tausend Streitwagen und meinen Bogenschützen könnte ich die Legionen in die See werfen.“

„Die unabhängigen Stämme der Briten müssen früher oder später ein Opfer der römischen Legionen werden“, prophezeite Cormac. „Man möchte annehmen, sie würden dich freudig in deinem Krieg unterstützen.“

Bran machte eine hilflose Geste. „Ha! Die Launenhaftigkeit des Kelten! Sie können ihre alten Fehden nicht vergessen. Unsere alten Männer berichteten uns, sie hätten sich nicht einmal gegen Cäsar zu einen vermocht, als die Römer zum erstenmal die Insel betraten. Sie kämpften niemals gemeinsam gegen einen äußeren Feind. Diese Männer stießen wegen irgendeiner Meinungsverschiedenheit mit ihrem Häuptling zu mir. Aber ich kann mich nicht auf sie verlassen, falls es nicht tatsächlich zum Kampf kommt.“

Cormac nickte. „Ich weiß. Cäsar eroberte Gallien, indem er einen Stamm gegen den anderen ausspielte. Mein eigenes Volk wechselt die Bündnisse mit dem Wechsel der Gezeiten. Aber von allen Kelten sind die Cymrier die launischsten. Vor nur wenigen Jahrhunderten nahmen meine gälischen Vorfahren Erin den cymrischen Danaanen ab, weil sie uns – obgleich in der Überzahl – stammweise entgegentraten anstatt als Nation.“

„Und nun stehen diese cymrischen Briten Rom gegenüber“, sagte Bran. „Morgen werden sie auf unserer Seite kämpfen – mehr kann ich nicht sagen. Aber wie kann ich von fremden Stämmen Treue erwarten, der ich mir nicht einmal meines eigenen Volkes sicher bin? Tausende lauern in den Hügeln und warten ab. Laß mich morgen siegen, und sie werden sich um meine Banner scharen; verliere ich, so zerstreuen sie sich wie Vögel vor einem kalten Sturm.“

Ein Chor von Begrüßungsworten tönte den beiden Anführern entgegen, als sie das Lager von Cormacs Galen betraten. Fünfhundert an der Zahl waren sie groß, schwarzhaarig und grauäugig und trugen das Gehabe von Männern zur Schau, deren Handwerk ausschließlich der Krieg ist. Wenngleich unter ihnen keine eiserne Disziplin herrschte, so gewann man doch den Eindruck größerer Ordnung, als sie in den Lagern der Pikten und Briten existierte. Sie waren zuletzt von den keltischen Völkern auf die Insel gekommen, und ihre barbarische Zivilisation stand viel höher als die ihrer cymrischen Verwandten. Die Vorfahren der Galen hatten das Kriegshandwerk an den weiten Steppen Skythiens und den Höfen der Pharaonen erlernt, wo sie als Söldner Ägyptens fochten, und vieles von dem Erlernten hatten sie nach Irland mitgebracht. Als Meister der Metallbearbeitung besaßen sie hochwertige Waffen aus Eisen.

Bekleidet waren sie mit feingewebten Kilts und ledernen Sandalen. Jeder trug ein leichtes Kettenhemd und einen offenen Helm, war ansonsten jedoch ungerüstet. Die Kelten, Galen wie auch Briten, pflegten den Mut eines Mannes am Ausmaß der Rüstung zu beurteilen, hinter der er sich verbarg. Die Briten, die gegen Cäsar kämpften, hielten die Römer für Feiglinge, weil sie sich in Metall kleideten, und viele Jahrhunderte später dachten die irischen Clans dasselbe von den gepanzerten normannischen Rittern.

Cormacs Krieger waren Reiter. Weder konnten sie mit dem Bogen umgehen, noch schätzten sie ihn. Sie trugen metallverstärkte Rundschilde, Dolche, lange, gerade Schwerter und leichte Äxte. Ihre Rösser grasten nicht weit entfernt. Sie waren nicht so kräftig wie die der Briten, dafür aber rascher.

Brans Augen leuchteten auf, als die beiden Männer durch das Lager schritten. „Deine Leute sind scharfschnäbelige Kampfvögel! Sieh nur, wie sie ihre Äxte glätten, horch, wie sie über das Morgen scherzen! Ich wünschte, die Räuber in dem Lager da drüben wären so zuverlässig wie deine Männer, Cormac! Dann würde ich die Legionen morgen mit Gelächter begrüßen, wenn sie aus dem Süden heranziehen.“

Sie traten in den Kreis der Feuer der Nordleute. Dreihundert Mann saßen umher, würfelten, schärften ihre Waffen und tranken vom Heidebier, das sie von den piktischen Verbündeten erhalten hatten. Sie betrachteten Bran und Cormac mit unfreundlichen Blicken. Der Unterschied zwischen ihnen und den Pikten und Kelten fiel sofort ins Auge: Er lag in den kalten Augen, den Gesichtszügen und in ihrer Haltung. In ihnen fand sich auch die Wildheit des Barbaren, aber sie glich nicht der plötzlichen Wut des Kelten. In ihnen war Grimm, Entschlossenheit und unerschütterliche Halsstarrigkeit. Der Anfall der britischen Clans war schrecklich, überwältigend. Aber sie hatten keine Geduld. War ihnen nicht sofortiger Sieg vergönnt, so neigten sie dazu, den Mut zu verlieren und sich zu zerstreuen. In diesen Seefahrern jedoch herrschte die Geduld des kalten, blauen Nordens – eine feste Entschlossenheit, die sie bis zum bitteren Ende ausharren ließ, wenn sie sich einmal für ein bestimmtes Ziel entschieden hatten.

Sie waren Riesen von Gestalt. Daß sie die Ansichten der Kelten, was Rüstung betraf, nicht teilten, ging aus der Tatsache hervor, daß sie in schwere Schuppenpanzer gehüllt waren, die fast bis zu den Knien reichten, daß sie massive, gehörnte Helme trugen, während die Beinkleider aus gehärtetem Leder ebenso wie die Schuhe mit Eisenplatten verstärkt waren. Ihre Schilde waren riesige Ovale aus Hartholz, Leder und Messing. Als Waffen trugen sie lange Speere mit Eisenspitzen, schwere eiserne Äxte und Dolche. Einige besaßen breite Langschwerter.

Cormac fühlte sich unter den kalten, durchdringenden Blicken der flachshaarigen Männer nicht wohl in seiner Haut. Sie waren seine Erbfeinde, auch wenn sie zur Zeit auf seiner Seite kämpften – aber taten sie das auch?

Ein Mann trat ihnen entgegen, ein langer, hagerer Krieger, in dessen narbiges Antlitz das flackernde Feuer tiefe Schatten warf. Den Mantel aus Wolfspelz über die breiten Schultern zurückgeworfen, die riesigen Hörner auf dem Helm, so stand er da in den schwankenden Schatten, ein drohendes Symbol der düsteren Barbarei, die bald die Welt überfluten sollte.

„Nun, Wulfhere“, begann der Piktenkönig, „ihr habt den Met der Beratung getrunken und an den Feuern gesprochen. Wie ist eure Entscheidung?“

Die Augen des Nordmanns blitzten im Halbdunkel. „Gib uns einen König unserer Rasse, dem wir folgen können, wenn du willst, daß wir für dich kämpfen.“

Bran streckte die Arme empor. „Verlange von mir die Sterne, auf daß sie eure Helme schmücken! Folgen dir deine Kameraden nicht?“

„Nicht gegen die Legionen“, antwortete Wulfhere störrisch. „Ein König hat uns auf den Pfad des Wikingers geführt – ein König muß uns gegen die Römer führen. Und Rognar ist tot.“

„Ich bin ein König“, sagte Bran. „Wollt ihr für mich kämpfen, wenn ich an der Spitze eures Keils stehe?“

„Ein König von unserem Blut“, erwiderte Wulfhere beharrlich. „Wir sind alle ausgesuchte Männer des Nordens. Wir kämpfen für niemand anderen als für einen König, und ein König muß uns gegen die Legionen führen.“

Cormac spürte eine leichte Drohung in der Wiederholung dieser Worte.

„Hier steht ein Prinz von Erin“, versuchte es Bran von neuem. „Wollt ihr für den Westmann kämpfen?“

„Wir fechten unter keinem Kelten – weder einem aus dem Westen noch aus dem Osten“, grollte der Wikinger, und die Umstehenden brummten zustimmend. „Es reicht schon, an ihrer Seite zu kämpfen.“

Das heiße, gälische Blut stieg Cormac in den Kopf und er trat vor Bran und griff das Schwert. „Wie meinst du das, Pirat?“

Ehe Wulfhere antworten konnte, fuhr Bran dazwischen: „Haltet ein! Wollt ihr Narren den Sieg vergeben, noch ehe die Schlacht begonnen hat? Denkt an euren Eid, Wulfhere!“

„Wir schworen ihn unter Rognar. Als er unter einem römischen Pfeil fiel, wurden wir von ihm enthoben. Gegen die Legionen folgen wir nur einem König.“

„Aber gegen das Volk der Heide folgen dir deinen Kameraden!“ schnappte Bran.

„Aye.“ Die Augen des Nordmannes begegneten kalt den seinen. „Gib uns einen König, oder wir schließen uns morgen der Römern an.“

Bran knurrte. In seiner Wut schien er die umstehenden Riesen zu überragen.

„Verräter! Lügner! Ich habe euer Leben in meiner Hand! Aye, zieht eure Schwerter, wenn ihr wollt! Cormac, du behältst deines in der Scheide. Diese Wölfe wagen es nicht, einen König zu beißen! Wulfhere, ich habe euer Leben geschont, als ich es hätte nehmen können. Ihr seid gekommen, um diese Länder zu verheeren. Ihr plündertet die Küsten, und der Rauch brennender Dörfer lag wie eine Wolke über den Ufer Kaledoniens. Ich hatte euch in der Falle, als ich eure Langschiffe verbrannte, während ihr im Landesinnern eure Hände mit dem Blut meines Volkes beflecktet. Ich lockte euch in einen Hinterhalt, als ihr zurückkehrtet Mit dreimal so vielen Bogenschützen hinter mir, wie ihr zähltet, die nach eurem Blut lechzten, verschonte ich euch, wenn wir euch wie gefangene Wölfe hätten abschießen können. Und weil ich euch verschonte, habt ihr geschworen, für mich zu kämpfen.“

„Und sollen wir sterben, weil die Pikten gegen Rom kämpfen?“ grollte einer der bärtigen Räuber.

„Euer Leben gehört mir. Ihr seid gekommen, um zu plündern. Ich habe nicht versprochen, euch alle mit Beute beladen in den Norden heimzuschicken. Ihr habt geschworen, unter meiner Fahne eine Schlacht gegen Rom zu schlagen. Dann werde ich den Überlebenden beim Schiffsbau helfen, und ihr könnt mit einem guten Anteil der Beute, die wir den Römern nehmen werden, ziehen, wohin ihr wollt. Rognar hätte seinen Schwur gehalten. Aber Rognar ist in einem Gefecht mit der römischen Vorhut gefallen, und jetzt verleitest du, Wulfhere der Zwietrachtsäer, deine Kameraden zu dem, was der Nordmann am meisten haßt: den Bruch des Schwert-Eides.“

„Wir brechen keinen Eid“, knurrte der Wikinger, und der König merkte den germanischen Eigensinn, der ungleich schwerer zu bekämpfen war als der Wankelmut der feurigen Kelten. „Gib uns einen König – weder Pikte, Gäle noch Brite – und wir sterben für dich. Wenn nicht, so kämpfen wir morgen für den größten aller Könige, den Imperator von Rom!“

Einen Augenblick lang dachte Cormac, der Piktenkönig würde sein Schwert ziehen und den Nordmann fällen. Wulfhere sah den unermeßlichen Zorn in Brans dunklen Augen, trat einen Schritt zurück und griff an den Gürtel.

„Narr!“ zischte Mak Morn mit seiner Stimme, die vor Wut vibrierte. „Ich könnte euch vom Angesicht der Erde tilgen, ehe noch die Römer nahe genug heran sind, um euer Todesgeheul zu vernehmen. Wählt! Kämpft morgen für mich oder sterbt heute nacht unter einer schwarzen Wolke von Pfeilen, einem roten Sturm von Schwertern, einer dunklen Welle von Streitwagen!“

Bei der Erwähnung der Streitwagen, der einzigen Waffe, die je den Schildwall der Nordleute durchbrochen hatte, veränderte sich der Ausdruck in Wulfheres Gesicht, aber er gab nicht nach.

„So sei Krieg“, beharrte er störrisch. „Oder du gibst uns einen König!“

Die Nordmänner bestätigten seine Worte mit einem kurzen, zustimmenden Ruf, während sie gleichzeitig die Schwerter gegen die Schilde schlugen. Blitzenden Auges wollte Bran eben zu sprechen anheben, als ein weißer Schatten lautlos in den Feuerring trat.

„Friede“, mahnte der alte Gonar beruhigend. „Spare deine Worte, König. Wulfhere, du und deine Leute werdet für uns kämpfen, falls ihr einen König habt, der euch führt?“

„Wir haben es geschworen.“

„So haltet den Frieden“, sprach der Zauberer, „denn bevor morgen die Schlacht beginnt, werde ich euch einen König schicken, wie ihn die Erde seit hunderttausend Jahren nicht gesehen hat! Ein König – weder Pikte, Gäle noch Brite – doch ein solcher, neben dem der Imperator von Rom wie ein Dorfältester wirkt!“

Während sie unentschlossen standen, nahm Gonar Cormac und Bran am Arm. „Kommt. Und ihr, Nordleute, gedenkt eures Schwures und meines Versprechens. Schlaft jetzt und versucht nicht, in der Dunkelheit das Lager der Römer zu suchen, denn selbst wenn ihr unseren Pfeilen entgehen solltet, so nicht meinem Fluch oder dem Mißtrauen der Legionäre.“

Als die drei sich entfernten, warf Cormac einen Blick über die Schulter und sah Wulfhere verwirrt am Feuer stehen und mit seinem Bart spielen.

Die drei gingen schweigend unter dem Sternenhimmel durch das wogende Heidekraut, während der gespenstische Nachtwind geisterhafte Geheimnisse flüsterte.

„Vor unzähligen Jahren“, unterbrach der Zauberer plötzlich das Schweigen, „in den Tagen, da die Welt noch jung war, erstreckten sich weite Länder dort, wo heute das Meer schäumt. In diesen Ländern wohnten mächtige Völker, bestanden große Königreiche. Unter diesen war Valusien, das Land der Magie, an Größe unerreicht. Rom ist ein Dorf im Vergleich zum Glanz der Städte von Valusien. Und der mächtigste König war Kull, der aus Atlantis gekommen und die Krone Valusiens einer degenerierten Dynastie entrissen hatte. Die Pikten, die die Inseln bewohnten, die heute die Gipfel eines Gebirges auf einem Erdteil im westlichen Ozean bilden, waren die Verbündeten von Valusien. Und der größte unter den piktischen Kriegshäuptlingen war Brule der Speer, der erste des Geschlechts, das die Menschen Mak Morn nennen.

Nach einer Schlacht in einem fernen Land gab Kull Brule das Juwel, das du nun in deiner Eisenkrone trägst, o König. Und seither war es alle Zeiten hindurch das Zeichen der Mak Morn, das Symbol früherer Größe. Als sich dann die Wasser erhoben und Valusien, Atlantis und Lemuria verschlangen, überlebten nur die Pikten in geringer Zahl und wurden zerstreut. Aber sie klommen erneut aus der Barbarei empor, und nachdem die Kunst der Metallbearbeitung verlorengegangen war, wurden sie Meister im Umgang mit dem Stein. Und sie herrschten über alle neuen Länder, die aus dem Meer aufgetaucht waren und jetzt Europa genannt werden, bis aus dem Norden jüngere Völker hervorbrachen, die sich zu den Glanzzeiten Valusiens kaum von Affen unterschieden hatten und die in ihren Eisländern nichts von der verlorenen Glorie der Sieben ..Imperien und kaum etwas von der Flut wußten, die die halbe Welt überschwemmt hatte.

Und die Arier, Kelten und Germanen schwärmten aus der Wiege ihrer Rasse hervor, die in der Nähe des Pols liegt. Und wieder wurde die Nation der Pikten in ihrer Entwicklung gehindert und erneut in die Barbarei zurückgeworfen. Überall vertrieben, befinden wir uns jetzt am Rande der Welt. Hier, in Kaledonien, ist die letzte Heimat einer einst mächtigen Rasse. Und wir haben uns verändert. Unsere Stämme haben sich mit den Wilden eines älteren Zeitalters vermischt, die wir in den Norden getrieben hatten, als wir die Inseln eroberten. Und jetzt stellt der Pikte mit Ausnahme von Häuptlingen wie du, Bran, einen abstoßenden Anblick, dar.“

„Richtig gesprochen“, stimmte der König ungeduldig zu, „aber was hat das mit ...“

„Kull, der König von Valusien“, fuhr der Zauberer unerschütterlich fort, „war zu seiner Zeit ein Barbar, wie du es in deiner Zeit bist, und doch regierte er mit Hilfe seines Schwertes ein mächtiges Reich. Gonar, der Freund von Brule, deinem ersten Ahnen, ist seit hunderttausend Jahren tot. Und doch habe ich vor kaum einer Stunde mit ihm gesprochen.“

„Du hast mit seinem Geist gesprochen ...“

„Oder er mit meinem? Bin ich hunderttausend Jahre zurückgegangen, oder ist er zu mir gekommen? Wenn er mich aus der Vergangenheit besucht hat, dann bin es nicht ich, der mit einem toten Mann gesprochen hat, sondern er mit einem Ungeborenen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind für den Weisen eins. Ich sprach mit Gonar, als er lebte; und gleicherweise lebte ich. Wir trafen einander in einem Land ohne Raum und Zeit, und er erzählte mir viele Dinge.“

Die aufkommende Dämmerung erhellte das Land. Das Heidekraut bog sich in langen Reihen im Morgenwind, und es schien, als neige es sich in Verehrung vor der aufgehenden Sonne.

„Das Juwel in deiner Krone ist ein Magnet, das die Äonen herbeizieht“, sagte Gonar. „Die Sonne steigt empor – und wer entsteigt dem Sonnenaufgang?“

Cormac und der König blieben wie angewurzelt stehen. Die Sonne bildete gerade einen roten Halbkreis über den Hügeln im Osten. Und vor ihrem Glanz zeichneten sich plötzlich deutlich die Umrisse eines Mannes ab. Sie hatten ihn nicht kommen sehen. Gegen den goldenen Tagesanbruch wirkte er kolossal, wie ein gigantischer Gott aus dem Zeitalter der Schöpfung. Als er ihnen entgegenschritt, bemerkten ihn die erwachenden Heerscharen, und Ausrufe der Verwunderung stiegen aus den Lagern hoch.

„Wer – oder was – ist das?“ rief Bran.

„Wir wollen ihm entgegengehen, Bran“, antwortete der Zauberer. „Er ist der König, den Gonar geschickt hat, um das Volk Brules zu retten.“

Die Armeen schwiegen, als Bran, Cormac und Gonar dem Fremden entgegengingen, der sich mit großen Schritten näherte. Die Illusion ungeheurer Größe schwand, doch sie sahen, daß sie es mit einem Mann von mächtiger Statur zur tun hatten. Zunächst hielt Cormac ihn für einen Nordmann, doch dann stellte er fest, daß er einem solchen Menschen noch nie begegnet war. Er hatte den Körperbau der Wikinger, massig und geschmeidig zugleich – wie ein Tiger. Aber seine Gesichtszüge waren anders, und die Farbe seiner kurzgeschnittenen, löwengleichen Mähne war schwarz wie die Brans. Unter buschigen Augenbrauen glitzerte es grau wie Stahl und kalt wie Eis. Sein kräftiges, bartloses Gesicht hatte die Farbe von Bronze, und die hohe Stirn zeugte von Intelligenz. Das kräftige Kinn und die dünnen Lippen wiesen auf Willensstärke und Mut hin. Aber vor allem die Haltung, der unbewußte löwengleiche Gang, wiesen ihn als König, als Herrscher aus.

An den Füßen trug er eigenartig geschnittene Sandalen, und bekleidet war er mit einem geschmeidigen Waffenrock aus sonderbar verflochtenem Metall, der ihm fast bis zu den Knien reichte. Ein breiter Gürtel mit einer goldenen Schnalle umschlang seine Hüften, und daran hing ein langes, gerades Schwert in einer Lederscheide. Seine Stirn schmückte ein breiter Goldreif.

Solchermaßen sah der Mann aus, der vor der schweigenden Gruppe anhielt. Er schien halb erstaunt, halb amüsiert. Da trat Erkennen in seine Augen. In eigenartigem, archaischem Piktisch, das Cormac kaum verstand, sagte er mit tiefer, hallender Stimme:

„Ha, Brule! Gonar hat mir nicht gesagt, daß ich von dir träumen würde!“

Zum ersten Mal sah Cormac den Piktenkönig völlig aus der Fassung. Wortlos starrte er den Fremden an, der seine Rede fortsetzte:

„Und du trägst den Edelstein, den ich dir gab, in einem Reif an deiner Stirn! Gestern abend hattest du ihn an einem Ring an deinem Finger.“

„Gestern abend?“ keuchte Bran.

„Gestern abend oder vor hunderttausend Jahren – es ist alles dasselbe!“ murmelte Gonar, der an der Situation Gefallen zu finden schien.

„Ich bin nicht Brule“, sagte Bran. „Ist dein Sinn verwirrt, so von einem Mann zu sprechen, der seit hunderttausend Jahren tot ist? Er war der erste meines Geschlechts.“

Der Fremde lachte unerwartet auf. „Nun, jetzt weiß ich, daß ich träume! Was für eine Geschichte ich Brule morgen nach meinem Erwachen erzählen kann! Daß ich mich in der Zukunft befand und einen Mann traf, der seine Abstammung vom Speer ableitet, der noch nicht einmal verheiratet ist. Nein, du bist nicht Brule; das sehe ich nun, obgleich du seine Augen und sein Gebaren hast. Aber er ist größer und besitzt breitere Schultern. Und doch trägst du sein Juwel ... Na schön, in einem Traum kann alles geschehen, und so will ich mich mit dir nicht streiten. Eine Zeitlang glaubte ich, im Schlaf in ein fremdes Land versetzt worden zu sein, in dem ich tatsächlich aufwachte, denn dies ist der deutlichste Traum, den ich jemals geträumt. Wer bist du?“

„Ich bin Bran Mak Morn, König der kaledonischen Pikten. Und dieser Weise ist Gonar, ein Zauberer vom Geschlecht des Gonar. Und dieser Krieger ist Cormac na Connacht, ein Edler der Insel Erin.“

Der Fremde schüttelte langsam sein Löwenhaupt. „Die Worte klingen mir seltsam mit Ausnahme von Gonar. Und jener ist nicht Gonar, wenn auch ebenso alt. Was ist das für ein Land?“

„Kaledonien, oder Alba, wie die Galen es nennen.“

„Und wer sind jene affengleichen Krieger dort drüben, die uns mit offenen Mündern anstarren?“

„Das sind die Pikten, über die ich herrsche.“

„Wie seltsam verformt die Menschen in meinen Träumen sind!“ murmelte der Fremde. „Und wer sind die Männer bei den Streitwagen?“

„Das sind Briten – Cymrier von südlich der Mauer.“

„Was für eine Mauer?“

„Die Mauer, die Rom errichtete, um die Völker des Heidelandes von Britannien fernzuhalten.“

„Britannien? Ich habe noch nie von dem Land vernommen. Und was ist Rom?“

„Was!“ rief Bran. „Du hast noch nie von Rom gehört, dem Imperium, das die Welt beherrscht?“

„Kein Imperium beherrscht die Welt“, gab der andere hochmütig zurück. „Das mächtigste Königreich auf der Erde ist das, in dem ich regiere.“

„Und wer bist du?“

„Kull von Atlantis, der König von Valusien!“

Cormac lief es kalt über den Rücken.

„Valusien!“ rief Bran. „Aber Mann! Seit unzähligen Jahrhunderten liegt Valusien unter den Wassern des Ozeans begraben!“

Kull lachte lauthals. „In welchem Alptraum ich mich befinde! Als mich Gonar gestern abend im geheimen Gemach des inneren Palastes mit einem Schlafzauber belegte, sagte er mir, ich würde sonderbare Dinge träumen; aber das ist phantastischer, als ich erwartet hatte. Und das Eigenartigste ist, ich weiß, daß ich träume!“

Als Bran etwas sagen wollte, kam ihm Gonar zuvor.

„Zweifle nicht an den Taten der Götter“, murmelte der Zauberer. „Du bist König, weil du bisher günstige Gelegenheiten erkannt und wahrgenommen hast. Die Götter oder der erste Gonar haben diesen Mann geschickt. Laß mich mit ihm verhandeln.“

Bran nickte, und während die Krieger in Hörweite die Geschehnisse mit schweigender Verwunderung verfolgten, sprach Gonar:

„O großer König, du träumst; aber ist nicht das ganze Leben ein Traum? Wie kannst du sicher sein, daß nicht dein bisheriges Leben ein Traum war, aus dem du soeben erwachtest? Nun, auch wir Traumvölker haben unsere Kriege, und gerade jetzt zieht ein großes Heer aus dem Süden heran, um Brules Volk zu vernichten. Willst du uns beistehen?“

Kull grinste voll Eifer. „Aye! Ich habe schon in früheren Träumen gefochten, habe getötet und bin getötet worden, und war stets erstaunt, als ich aus meinen Visionen erwachte. Und manchmal – ebenso wie jetzt –habe ich gewußt, daß ich träumte. Sieh, ich kneife mich und spüre es. Aber ich weiß, daß ich träume, denn ich habe bereits zuvor in Träumen den Schmerz schwerer Wunden gefühlt. Ja, Volk meines Traumes, ich werde mit euch gegen das andere Traumvolk kämpfen. Wo ist es?“

„Und damit du dich an dem Traum noch mehr erfreust“, setzte der Zauberer schlau fort, „vergiß, daß es sich um einen Traum handelt und stelle dir vor, daß du mit Hilfe von Gonars Magie und des Steines, den du Brule schenktest und der jetzt die Krone der Morni ziert, tatsächlich in ein anderes Zeitalter versetzt worden bist, in dem Brules Volk gegen einen übermächtigen Feind kämpft.“

Einen Augenblick lang schien der Mann, der sich König von Valusien nannte, verwirrt. Zweifel, ja fast so etwas wie Furcht, erschien kurz in seinen Augen. Dann lachte er.

„Gut! Sprich weiter, Zauberer!“

Aber es war Bran, der fortfuhr. Er hatte seine Fassung wiedergewonnen. Aber wenn er ebenso wie Cormac glaubte, Gonar habe das ganze Schauspiel inszeniert, so ließ er sich nichts davon anmerken.

„König Kull, siehst du die Männer dort drüben, die uns, auf ihre langschäftigen Äxte gestützt, beobachten?“

„Die großen Krieger mit den goldenen Haaren und Bärten?“

„Aye. Der Ausgang der bevorstehenden Schlacht hängt von ihnen ab. Sie schwören, zum Feind überzugehen, wenn wir ihnen keinen König geben, der sie führt, nachdem ihr eigener den Tod gefunden hat. Willst du sie in den Kampf führen?“

Kulls Augen leuchteten freudig. „Sie gleichen meinen Roten Reitern, meiner Leibgarde. Ich werde sie führen.“

„So komm.“

Die Gruppe ging den Abhang hinunter, und die Krieger, die sich herangedrängt hatten, um den Fremden besser sehen zu können, wichen vor ihnen zurück. Ein gespanntes Flüstern ging durch die Reihen.

Die Nordmänner standen in dichtem Haufen etwas abseits. Ihre kalten Augen maßen Kull, und er erwiderte jeden ihrer Blicke und betrachtete sie eingehend.

„Wulfhere“, begann Bran, „wir haben euch einen König gebracht. Ich erinnere dich an deinen Schwur.“

„Er soll reden“, sagte der Wikinger rauh.

„Er spricht nicht eure Zunge“, antwortete Bran. Er wußte, daß die Nordleute die Legenden seiner Rasse nicht kannten. „Er ist ein großer König des Südens ...“

„Er kommt aus der Vergangenheit“, unterbrach der Zauberer ruhig. „Er war vor langer Zeit der größte aller Könige.“

„Ein Toter!“ Die vorn stehenden bewegten sich unruhig, und die übrigen drängten vorwärts, um jedes Wort zu verstehen. Aber Wulfhere grollte: „Soll ein Geist Lebende anführen? Ihr bringt uns einen Mann, von dem ihr sagt, er sei tot. Wir folgen keinem Leichnam.“

„Wulfhere“, sagte Bran mit unterdrücktem Zorn, „du bist ein Lügner und Verräter. Du hast uns eine Aufgabe gestellt, von der du annahmst, sie sei unlösbar. Du gierst danach, unter den Adlern Roms zu kämpfen. Wir haben dir einen König gebracht, der weder Pikte, Gäle; noch Brite ist, und dennoch hältst du dich nicht an deinen Schwur!“

„So soll er gegen mich kämpfen!“ heulte Wulfhere wütend auf und schwang seine Axt in glitzerndem Bogen um seinen Kopf. „Wenn mich dein Toter besiegt, dann folgen dir meine Leute. Gewinne ich, dann laß uns in Frieden zum Lager der Legionen ziehen!“

„Gut!“ sagte der Zauberer. „Seid ihr einverstanden, Wölfe des Nordens?“

Ein wilder Aufschrei und gezückte Schwerter gaben ihm Antwort. Bran wandte sich an Kull, der das Geschehen schweigend beobachtet hatte. Die Augen des Atlanters glühten. Cormac fühlte, daß sie schon viele derartige Situationen gesehen hatten und daß Kull ahnte, worum es ging.

„Der Krieger hier sagt, du mußt mit ihm um die Führerschaft kämpfen“, erklärte Bran, und Kull nickte mit wachsender Kampfeslust. „Das habe ich erraten. Macht Raum.“

„Einen Schild und einen Helm!“ rief Bran, aber Kull schüttelte den Kopf.

„Ich brauche beides nicht“, grollte er. „Zurück, und gebt uns Platz, den Stahl zu schwingen!“

Rundum traten die Männer zurück und bildeten einen dichten Ring um die beiden Kämpfer, die wachsam aufeinander zugingen. Kull hatte sein Schwert gezückt, und die mächtige Waffe schimmerte wie ein lebendes Wesen in seiner Hand. Wulfhere schleuderte seinen Wolfsmantel beiseite und näherte sich vorsichtig, indem er über den Rand des vorgestreckten Schildes spähte und die Axt halb erhoben in der Rechten hielt.

Plötzlich, als die Kämpfer noch viele Fuß voneinander entfernt waren, sprang Kull. Sein Angriff entlockte den Kehlen der Zuseher einen Aufschrei, denn er sprang wie ein Tiger durch die Luft, und sein Schwert schmetterte gegen den rasch erhobenen Schild. Funken sprühten, und Wulfheres Axt beschrieb einen Bogen. Kull duckte sich, und als sie über seinen Kopf zischte, holte er aus und sprang von neuem. Kein Auge hatte seinen Bewegungen zu folgen vermocht, aber der obere Rand des Schildes wies eine tiefe Kerbe auf, und in Wulfheres Schuppenhemd befand sich ein langer Riß.

Cormac zitterte vor Spannung und fragte sich, wie das Schwert den Panzer hatte durchdringen können. Und der Hieb gegen den Schild hätte es zerbrechen müssen. Trotzdem fand sich nicht eine Scharte auf der valusischen Klinge! Die Waffe mußte tatsächlich von Menschen eines anderen Zeitalters geschmiedet worden sein!

Nun sprangen die beiden Giganten wieder gegeneinander an, und die Waffen zuckten wie zwei Blitze herab. Wulfheres Schild fiel zweigeteilt von seinem Arm, und Kull taumelte, als die Axt des Nordmannes, mit voller Wucht geführt, auf den Goldreif auf seiner Stirn traf. Der Hieb hätte das Gold wie Butter durchschneiden und den Kopf spalten müssen, doch die Axt prallte zurück und wies eine tiefe Scharte auf. Im nächsten Augenblick wurde der Nordmann von einem derartigen Wirbelwind von Stahl eingehüllt, daß er wie auf einer Wellenkrone zurückgetragen wurde. Sein ganzes Geschick zusammennehmend, versuchte er, den singenden Stahl mit seiner Axt zu parieren, doch vermochte er das Ende nur um einige Sekunden hinauszuzögern. Eines der Hörner flog vom Helm, dann fiel das Blatt der Axt selbst, und derselbe Hieb, der den Schaft teilte, biß durch den Helm des Wikingers in dessen Kopfhaut. Wulfhere brach in die Knie, und Blut begann ihm über das Gesicht zu rinnen.

Kull warf Cormac sein Schwert zu und stand dem benommenen Nordmann waffenlos gegenüber. Die Augen des Atlanters blitzten voll wilder Kampfeslust, und er brüllte etwas in einer unbekannten Sprache. Wie ein Wolf knurrend sprang Wulfhere auf die Beine. Ein Dolch blitzte in seiner Hand. Als die beiden Männer! aufeinander prallten, stieg von der Horde der Umstehenden ein Schrei empor, der den Himmel zu spalten drohte. Kulls zupackende Hand verfehlte das Gelenk j des Nordmannes, doch der vorzuckende Dolch brach an der Rüstung des Atlanters. Wulfhere ließ den nutzlosen Griff fahren und schlang seine Arme nach Bärenart um den Gegner. Kull grinste tigerhaft und erwiderte die Umklammerung. Einen Augenblick lang schwankten die beiden, dann bog der schwarzhaarige Krieger seinen Feind langsam rückwärts, bis das Rückgrat zu brechen drohte. Unmenschlich aufheulend krallte Wulfhere in Kulls Gesicht und versuchte, ihm die Augen auszukratzen. Dann wandte er den Kopf und schlug die Zähne in den Arm des Atlanters. Ein Aufschrei, als Blut zu fließen begann: „Er blutet! Er ist kein Geist, sondern ein Sterblicher!“

Wütend wechselte Kull den Griff, schob den schäumenden Wulfhere von sich und versetzte ihm mit der Rechten einen fürchterlichen Hieb unter das Ohr. Der Wikinger landete ein Dutzend Fuß weit auf dem Rücken. Er heulte wie ein Wahnsinniger, sprang mit einem Stein in der Hand auf und schleuderte ihn. Nur Kulls unerhörte Gewandtheit rettete ihm das Gesicht. Die scharfe Kante des Geschosses riß ihm nur die Wange auf und versetzte ihn in rasende Wut. Brüllend sprang er seinen Widersacher an, wirbelte ihn um den Kopf und schleuderte ihn ein Dutzend Fuß weit. Wulfhere landete auf dem Schädel und blieb tot liegen.

Einen Augenblick lang schwiegen die Zuseher betäubt. Dann stießen die Galen ein donnerndes Geschrei aus, das die Briten und Pikten aufnahmen, bis die Echos der Rufe und das Dröhnen der Schwerter gegen die Schilde an die Ohren der marschierenden Legionäre drangen, die Meilen im Süden heranzogen.

„Männer des grauen Nordens“, schrie Bran, „werdet ihr jetzt euren Schwur halten?“

Die ungestümen Seelen der Nordmänner standen in ihren Augen, als ihr Wortführer antwortete. Primitiv, abergläubisch und voll Legenden von kämpfenden Göttern und mythischen Helden, zweifelten sie nicht daran, daß die Schlachtengötter ihnen ein übernatürliches Wesen in Gestalt des schwarzhaarigen Kämpfers gesandt hatten. „Aye! Einem solchen Mann sind wir nie begegnet! Sei er ein Toter, ein Geist oder ein Troll, wir folgen ihm – möge der Pfad nach Rom oder Walhall führen!“

Kull verstand nicht die Worte, wohl aber deren Bedeutung. Mit einem Dankeswort nahm er sein Schwert von Cormac entgegen, wandte sich den wartenden Nordmännern zu und hob die Klinge mit beiden Händen schweigend hoch über den Kopf, ehe er sie in die Scheide schob.

„Komm“, sagte Bran und berührte den Atlanter am Arm. „Der Feind marschiert heran, und wir haben viel zu tun. Die Zeit reicht kaum aus, unser Heer zu ordnen. Folge mir jenen Abhang hinan.“

Vom Hügel aus hatten sie Ausblick auf ein Tal, das von Norden nach Süden verlief. Am nördlichen Ende war es nicht mehr als eine Schlucht, während es sich nach Süden zu verbreitete und in eine Ebene überging. Insgesamt war es kaum eine Meile lang.

„Der Feind wird dieses Tal entlangziehen“, erklärte der Pikte, „weil der Boden zu beiden Seiten für die Wagen des Trosses nicht befahrbar ist. Hier planen wir einen Hinterhalt.“

„Warum liegen deine Männer nicht schon längst auf der Lauer? Und wie willst du die Vorhut täuschen?“

„Meine Wilden hätten es nie so lange ausgehalten“, antwortete Bran bitter. „Und erst mußte ich mich der Nordmänner versichern. Selbst jetzt könnte es geschehen, daß sie vor einer ziehenden Wolke oder einem fallenden Blatt erschrecken und sich in alle Winde zerstreuen. König Kull, das Schicksal der piktischen Nation steht auf dem Spiel. Man nennt mich König der Pikten, aber meine Herrschaft ist keineswegs gesichert. Die Hügel sind voll von Clans, die sich weigern, mir zu folgen. Von den tausend Bogenschützen, die ich befehlige, sind mehr als die Hälfte aus meinem eigenen Clan. Etwa achtzehn Hundertschaften Römer marschieren gegen uns. Es handelt sich nicht um eine richtige Invasion, doch hängt viel davon ab. Es ist der Beginn eines Versuchs, die Grenze nach Norden zu verschieben. Ihr Plan ist, einen Tagesmarsch nördlich von hier eine Befestigung zu errichten. Gelingt ihnen das, so bauen sie weitere Befestigungen, ziehen stählerne Bänder um die Herzen der freien Völker. Gewinne ich diese Schlacht, so erringe ich einen zweifachen Sieg. Dann schließen sich die Stämme mir an, und dem nächsten Versuch der Römer vermag ich festen Widerstand zu bieten. Verliere ich, so zerstreuen sich die Clans, fliehen nordwärts, bis es nicht weitergeht, und kämpfen jeder für sich anstatt zur Nation vereint.

Ich befehlige tausend Bogenschützen, fünfhundert Reiter, fünfzig Streitwagen mit hundertfünfzig Mann Besatzung und – dank dir – dreihundert schwerbewaffnete nordische Seeräuber. Wie würdest du sie aufstellen?“

„Nun, ich hätte das Nordende des Tales verbarrikadiert – nein! Das sähe nach Falle aus. Aber ich würde es mit einem Trupp weniger Männer verstopfen, so wie du sie mir gegeben hast. Dreihundert könnten den Eingang zur Schlucht gegen jede Anzahl eine ziemliche Weile halten. Während der Feind gegen sie anrennt, würde ich von beiden Seiten Bogenschützenfeuer eröffnen. In die entstehende Verwirrung würde ich die Reiterei und die Kampfwagen schicken, die sich bisher verborgen gehalten hat, und den Feind vernichten.“

Brans Augen glühten. „Genau, König von Valusien. Genau so ist mein Plan.“

„Aber die römischen Späher?“

„Meine Krieger sind wie Panther. Sie verstecken sich unter den Nasen der Römer. Die in das Tal hineinreiten, werden nur das sehen, was sie sehen sollen. Und diejenigen, die über die Hügelkämme reiten, werden nicht zurückkehren. Ein Pfeil ist rasch und lautlos. Aber alles beruht auf den Männern, die die Schlucht halten. Sie müssen zu Fuß kämpfen und den Angriffen der schweren Legionen so lange standhalten können, bis sich die Falle geschlossen hat. Mit Ausnahme der Nordmänner verfüge ich nicht über solche Krieger. Meine nackten Pikten mit ihren kurzen Schwertern können den Angriff nicht einen Augenblick lang abwehren. Auch die Rüstung der Kelten ist dafür nicht geeignet. Außerdem sind sie keine Fußkämpfer, und ich benötige sie anderswo. Du siehst also, weshalb ich die Nordleute so notwendig brauchte. Willst du also mit ihnen vor der Schlucht stehen und die Römer aufhalten, bis ich die Falle geschlossen habe? Vergiß nicht, die meisten von euch werden sterben!“

Kull lächelte. „Mein ganzes Leben lang habe ich waghalsige Dinge getan, obwohl Tu, mein engster Berater, sagen würde, mein Leben gehöre Valusien, und ich hätte kein Recht, es zu riskieren.“ Ein Schatten huschte über sein Gesicht. „Bei Valka!“ Er lachte unsicher. „Manchmal vergesse ich, daß alles nur ein Traum ist. Alles ist so wirklich. Aber natürlich ist es ein Traum! Sollte ich sterben, so erwache ich einfach wie schon so oft zuvor. Ich bin bereit, König von Kaledonien!“

Auf dem Weg zu seinen Kriegern war Cormac tief in Gedanken versunken. Sicher war das ganze nur ein Schauspiel, und doch hatte er die Vermutungen der Männer gehört, als sie sich bewaffneten und auf ihre Aufgabe vorbereiteten: Der schwarzhaarige König wäre Neid selbst, der keltische Kriegsgott; er wäre ein König, der von Gonar aus der Zeit vor der Flut geholt worden war; er sei ein Kämpe aus Walhalla. Er wäre überhaupt kein Mensch, sondern ein Geist! Nein, er sei sterblich, denn er hatte geblutet. Aber selbst Götter bluteten, wenn sie auch nicht stürben. So waren die Meinungen aufeinandergeprallt. Aber selbst wenn es sich nur um ein Schauspiel handelte, um die Krieger zu beeindrucken, so hatte es seinen Zweck erfüllt. Der Glaube, daß Kull mehr war als ein gewöhnlicher Sterblicher, versetzte Kelten, Pikten und Wikinger in wilde Kampfeslust. Und was glaubte er selbst, fragte sich Cormac. Sicherlich stammte der Mann aus einem fernen Land, doch wies alles darauf hin, daß es sich um mehr als lediglich räumliche Entfernung handelte. Die gewaltigen Abgründe der Zeit selbst schienen zwischen dem schwarzhaarigen Fremden und den Männern zu liegen, unter denen er sich befand und mit denen er sprach.

Die Sonne senkte sich dem westlichen Horizont entgegen. Stille lag wie ein unsichtbarer Nebel über dem Tal. Cormac packte die Zügel fester und blickte die Abhänge links und rechts hoch. Nichts verriet die Anwesenheit von Hunderten wilder Krieger, die sich zwischen dem wogenden Heidekraut verbargen. Am Eingang zur Schlucht waren die einzigen Menschen zu sehen. Dort standen in Keilformation die dreihundert Nordmänner, und allen voran, wie die Spitze eines Speeres, der Mann, der sich Kull, König von Valusien, nannte. Er trug keinen Helm, nur das schwere Stirnband aus hartem Gold, jedoch den mächtigen Schild Rognars in der Linken, während er in der Rechten die schwere Eisenkeule des toten Seekönigs hielt. Die Wikinger betrachteten ihn mit Verwunderung und wilder Begeisterung. Sie verstanden nicht seine Sprache, und er nicht die ihre, doch waren keine weiteren Befehle nötig. Bran hatte sie angewiesen, sich im Eingang zur Schlucht aufzustellen, und ihr einziger Auftrag lautete: Haltet den Paß!

Bran Mak Morn stand vor Kull, und die beiden Männer sahen einander an. Des einen Königreich war noch nicht geboren, während das des anderen vor undenklichen Zeiten im Nebel der Vergangenheit verschwunden war. Beherrscher der Nacht, dachte Cormac, namenlose Könige der Dunkelheit, deren Reiche aus Abgründen und Schatten bestehen.

Der Piktenkönig streckte die Hand aus. „König Kull, du bist mehr als ein König: du bist ein Mann. Vielleicht sterben wir beide in der nächsten Stunde, doch sollten wir leben, verlange von mir, was du willst.“

Kull lächelte und ergriff die dargebotene Hand. „Auch du bist ein Mann meines Herzens, König der Schatten. Sicher bist du mehr als nur eine Laune meines schlafenden Geistes. Vielleicht treffen wir einander eines Tages in wachem Zustand.“

Bran schüttelte verwirrt den Kopf, schwang sich in den Sattel, ritt den östlichen Abhang hinan und verschwand über den Kamm des Hügels. Cormac fragte zögernd: „Fremder, bestehst du in der Tat aus Fleisch und Blut, oder bist du ein Geist?“

„Wenn wir träumen, sind wir alle Fleisch und Blut –solange wir träumen“, antwortete Kull. „Das ist der seltsamste Traum meines Lebens, aber du, der du bei meinem Erwachen ins Nichts verschwinden wirst, erscheinst mir jetzt ebenso real wie Brule oder Kananu oder Tu oder Kelkor.“

Cormac schüttelte den Kopf, wie es Bran getan hatte, und ritt mit einem letzten Salut, den Kull mit barbarischer Würde erwiderte, von dannen. Auf dem Kamm der westlichen Hügelkette hielt er sein Roß an. Weit im Süden erhob sich eine Staubwolke, und die Spitze der marschierenden Heersäule kam in Sicht. Bereits jetzt vermeinte er, den Boden unter dem gleichmäßigen Schritt von Tausenden gepanzerter Füße vibrieren zu spüren. Er stieg ab, und einer seiner Unterführer, Domnail, führte das Pferd auf der anderen Seite des Hügels hinab in einen dichten Wald. Nur hin und wieder verriet eine schwache Bewegung die Anwesenheit von fünfhundert Männern, die die Hände an den Köpfen ihrer Pferde hatten, um ein zufälliges Wiehern sofort zu unterdrücken.

Oh, dachte Cormac, die Götter selbst haben dieses Tal für Brans Hinterhalt geschaffen! Die Sohle war bar von Bäumen, und an den Wänden wuchs bloß hüfthohes Heidekraut, während sich außen am Fuß der Hügelketten im Lauf der Zeit genug Erdreich angesammelt hatte, um Bäumen Nahrung zu bieten, in denen sich fünfhundert Reiter oder fünfzig Streitwagen zu verbergen vermochten.

Im nördlichen Talausgang stand deutlich sichtbar Kull mit seinen dreihundert Wikingern, zu deren beiden Seiten je fünfzig Bogenschützen der Pikten Stellung bezogen hatten. Auf dem Westabhang der westlichen Hügelkette waren die Galen versteckt, während sich hundert Pikten mit aufgelegten Pfeilen zwischen den Sträuchern auf dem Kamm selbst verbargen. Der Rest der Pikten befand sich auf der anderen Seite des Tales versteckt, und hinter diesen lauerten die Briten mit ihren Streitwagen. Weder sie noch die Galen vermochten die Vorgänge im Tal selbst zu beobachten, doch hatte man Signale vereinbart.

Nun hatte die Spitze der Heersäule das offene Ende des Tales erreicht, und die Vorhut – leicht bewaffnete Reiter auf flinken Pferden – sprengte fast bis auf Bogenschußweite an den schweigenden Trupp heran, der den Paß versperrte. Einige rissen die Rösser herum und jagten zur Hauptmacht zurück, während der Rest ausschwärmte und die Abhänge hinanritt, um zu sehen, was sich dahinter befand. Von ihnen hing alles ab. Ahnten sie den Hinterhalt, dann war alles verloren. Cormac duckte sich in das Heidekraut und staunte über die Fähigkeit der Pikten, sich vollständig unsichtbar zu machen. Er sah, wie ein Reiter weniger als vier Fuß an einer Stelle vorüberritt, an der sich ein Bogenschütze verbarg, und doch merkte der Römer nichts.

Die Kundschafter hatten den Kamm erreicht, sahen sich um, und die meisten lenkten ihre Pferde wieder ins Tal hinunter. Cormac wunderte sich über die Nachlässigkeit. Er hatte noch nie gegen die Römer gekämpft und kannte nicht deren überhebliches Selbstvertrauen, deren unglaubliche Schlauheit, was gewisse Dinge betraf, und deren unglaubliche Dummheit auf anderen Gebieten. Diese Männer waren einfach überheblich –ein Gefühl, das bereits von ihren Offizieren ausging. Es war Jahre her, daß sich ein Heer von Kaledoniern den Legionen entgegengestellt hatte. Und die meisten Soldaten entstammten einer Legion, die in Ägypten stationiert gewesen war. Sie verachteten ihre Feinde und ahnten nichts.

Doch halt! Auf dem jenseitigen Hügel hatten drei Reiter gewendet und waren hinter dem Kamm verschwunden. Und hundert Klafter von Cormac entfernt starrte einer lange und angestrengt zu den Bäumen am Fuß des Abhangs. Cormac sah, wie sich das braune, falkengleiche Antlitz mit Verdacht überzog. Der Römer wandte sich halb um, als wolle er einen Kameraden rufen, lenkte dann jedoch sein Pferd den Abhang hinab und beugte sich weit im Sattel vor. Cormacs Herz hämmerte. Er erwartete jeden Augenblick, daß der Mann sein Reittier herumreißen und Alarm geben würde. Er widerstand dem Drang, aufzuspringen und den Römer zu Fuß anzugreifen. Mit Hunderten brennenden Blicken auf sich gerichtet, mußte der Reiter einfach die Spannung in der Luft fühlen. Nun war er halb den Abhang herunter und von der Talsohle aus nicht zu sehen. Da zerriß das Schwirren einer Bogensehne die schmerzende Stille. Mit einem erstickten Gurgeln warf der Römer die Arme hoch, von einem langen, schwarzen Pfeil durchbohrt, und als sich das Pferd aufbäumte, fiel er herab. Scheinbar aus dem Nichts sprang ein stämmiger Zwerg hervor, packte die Zügel, beruhigte das schnaubende Tier und führte es den Abhang hinab. Um den gefallenen Römer erhoben sich verkrüppelte Gestalten aus dem Gras, und Cormac sah ein Messer aufblitzen. Dann war alles vorbei. Weder Mörder noch Opfer waren zu sehen, und nur noch das schwankende Heidekraut wies auf die grimme Tat hin.

Der Gäle beobachtete wieder das Tal. Die drei, die über die östliche Hügelkette geritten waren, kamen nicht zum Vorschein, und Cormac wußte, daß sie dies auch nie wieder tun würden. Die übrigen Kundschafter hatten offenbar berichtet, daß nur ein kleiner Trupp von Kriegern sich dem Vormarsch der Legionäre in den Weg stellte. Nun befand sich die Spitze des Zuges fast unter ihm, und der Anblick der zum Untergang verurteilten, arroganten Soldaten erregte ihn. Ihre glänzenden Rüstungen, ihre falkengleichen Gesichter und die vollkommene Ordnung beeindruckten ihn sehr.

Zwölfhundert schwerbewaffnete Männer, die im Gleichschritt marschierten, so daß der Boden unter ihnen bebte! Die meisten von ihnen waren von mittlerer Größe, hatten mächtige Brustkörbe und Schultern und bronzene Gesichter. Es waren abgebrühte Veteranen, die Überlebenden vieler Schlachten. Cormac betrachtete die Wurfspieße, die scharfen Kurzschwerter und schweren Schilde, die schimmernden Harnische, die Helmbüsche, die Adler auf den Standarten. Das waren die Männer, unter derem Tritt die Welt bebte und Imperien zerfielen! Nicht alle waren Italiener; es befanden sich romanisierte Briten unter ihnen, und eine ganze Zenturie bestand aus riesigen, gelbhaarigen Kriegern, Galliern und Germanen, die ebenso grimmig wie die Bürger für Rom kämpften, ihre wilderen Verwandten jedoch noch mehr haßten.

An den Flanken befand sich Reiterei, und die beiden Seiten der Kolonne selbst bildeten Bogenschützen und Schleuderer. Eine Anzahl rumpelnder Karren war mit den Vorräten des Heeres beladen. Cormac sah auch den Kommandanten – ein stattlicher Mann mit einem scharfen, herrischen Antlitz, was selbst auf diese Entfernung hin zu erkennen war. Der Gäle kannte den Ruf des Marcus Sulius.

Die Legionäre stießen bei der Annäherung an ihre Feinde ein brausendes Gebrüll aus. Offenbar beabsichtigten sie, sich ohne Aufenthalt ihren Weg durch das Hindernis zu bahnen, denn das gesamte Heer setzte unerschütterlich seinen Weg fort. Wen die Götter strafen, den schlagen sie zuerst mit Wahnsinn. Cormac hatte den Satz noch nie gehört, aber er hielt den großen Sulius für einen Narren. Römische Arroganz! Marcus war an die Völker des dekadenten Ostens gewöhnt; wenig ahnte er vom eisernen Willen der westlichen Rassen.

Eine Reitergruppe löste sich von der Hauptmacht und sprengte zum Eingang der Schlucht, aber es war nur eine Geste. Unter höhnischen Rufen rissen sie drei Speerlängen entfernt ihre Pferde herum und warfen ihre Spieße, die harmlos an den überlappenden Schilden der schweigenden Nordmänner abprallten. Aber ihr Anführer wagte zuviel. Er beugte sich im Sattel vor und stieß mit der Lanze gegen Kulls Kopf. Der ließ die Spitze an seinem großen Schild abgleiten und schlug mit der Geschwindigkeit einer Schlange zu. Die schwere Keule zerschmetterte Helm und Schädel wie eine Eierschale, und selbst das Pferd ging unter dem schrecklichen Hieb in die Knie. Die Nordmänner stießen ein kurzes Brüllen aus, während die Pikten neben ihnen triumphierend heulten und ihre Pfeile gegen die sich zurückziehenden Reiter schickten. Das erste Blut für das Volk der Heideländer! Die anrückenden Römer beschleunigten ihren Schritt, als das erschreckte Pferd vorbeiraste und die Leiche im Steigbügel hinter sich herzog.

Nun prallte die erste Reihe der Legionäre, wegen der Enge der Schlucht dicht zusammengedrängt, gegen den Schildwall – und wurde zurückgeworfen. Die Schildmauer hatte nicht einen Fingerbreit nachgegeben. Es war das erstemal, daß die Römer mit dieser unüberwindlichen Formation Bekanntschaft machten, der ältesten aller arischen Schlachtreihen, dem Vorfahren der spartanischen Hoplit, der mazedonischen Phalanx, des englischen Karrees.

Schild donnerte gegen Schild, und die römischen Kurzschwerter suchten nach einer Öffnung in der Mauer. Von oben herab stachen die Speere der Wikinger, und ihre Spitzen färbten sich rot. Schwere Äxte fielen und schnitten durch Eisen, Fleisch und Gebein. Cormac sah Kull im dichtesten Getümmel. Er überragte die Römer und teilte Hiebe aus wie Donnerschläge. Ein stämmiger Zenturio drängte mit hoch erhobenem Schild heran und führte einen Stich aufwärts. Die Eisenkeule krachte herab, zersplitterte Schwert und Schild und zerschmetterte Helm und Schädel – alles mit einem einzigen Hieb.

Die vorderste Linie der Römer bog sich wie elastischer Stahl um den Keil, als die Legionäre versuchten, sich zu beiden Seiten in den Paß zu schieben und ihre Gegner einzuschließen. Aber der Eingang war zu schmal, und die Pikten, die sich dicht gegen die Wände drängten, schossen ganze Wolken schwarzer Pfeile ab. Auf die kurze Entfernung drangen die schweren Schäfte durch Schild und Panzer und durchbohrten die Körper dahinter. Die erste Reihe der Anstürmenden bestand nicht länger, und die Nordmänner schoben ihre wenigen Toten weg, die Löcher schließend, die durch die Gefallenen entstanden waren. Vor ihnen zog sich eine dünne Linie zerschlagener Gestalten – die rote Gischt der Welle, die vergeblich gegen sie angebrandet war.

Cormac sprang auf und winkte mit beiden Armen. Auf das Zeichen hin verließen Domnail und seine Männer ihr Versteck und galoppierten den Hang hinan. In einer Reihe säumten sie den Hügelkamm. Cormac bestieg das ihm mitgebrachte Pferd und spähte ungeduldig über das enge Tal. Die östlichen Hügel wiesen kein Anzeichen von Leben auf. Wo war Bran mit den Briten?

Unten im Tal formten die Römer, erbittert über den Widerstand, doch immer noch keine Falle vermutend, eine kompaktere Formation. Die Wagen, die angehalten hatten, rollten wieder voran, und das gesamte Heer setzte sich in Bewegung, als wollte es durch die Wucht allein durchbrechen. Mit der gallischen Zenturie an der Spitze nahmen die Legionäre den Angriff wieder auf. Diesmal, mit der vollen Kraft von zwölf hundert Soldaten hinter sich, würde der Anfall den Widerstand von Kulls Kriegern wie ein Rammbock brechen. Cormacs Männer zitterten vor Ungeduld. Plötzlich wandte Marcus Sulius den Blick westwärts, wo sich die Reiterlinie gegen den Himmel abhob. Sogar auf diese Entfernung hin sah Cormac, wie der Römer erbleichte. Endlich hatte er erkannt, daß er in eine Falle geraten war. Sicher sah er die Niederlage, die Entehrung vor seinem geistigen Auge!

Es war zu spät für den Rückzug, zu spät, die Karren zu einem Verteidigungsring zusammenzufahren. Es gab nur einen Ausweg, und Marcus, ein erfahrener General trotz seines begangenen Fehlers, erkannte ihn auch. Cormac vernahm, wie seine Stimme trompetengleich durch den Schlachtenlärm schmetterte, und obwohl er die Worte nicht verstand, wußte er, daß der Römer seinen Männern befahl, den Trupp der Nordmänner zu zerschlagen, noch ehe die Falle sich geschlossen hatte!

Nun erkannten auch die Legionäre die Lage und warfen sich in einem schrecklichen Ansturm gegen ihre Feinde. Der Schildwall schwankte, wich jedoch keinen Schritt. Über den gegeneinandergepreßten Schilden berührten die wilden Gesichter der Gallier und die braunen der Italier fast die blauäugigen des Nordens. Die Männer hieben, töteten und wurden getötet; wie ein Sturmwind wüteten die Äxte, Speere brachen ah schartigen Schwertern.

Wo in aller Welt blieb Bran mit den Streitwagen? In wenigen Minuten mußte der letzte Mann im Paß gefallen sein. In rascher Folge starb einer nach dem anderen, doch noch schlossen sie die Reihe stets von neuem und hielten sie eisern. Die verwegenen Barbaren des Nordens starben im Stehen, und zwischen ihren goldenen Häuptern glänzte die schwarze Löwenmähne Kulls wie ein Symbol der Schlacht, während seine Keule wütete.

Da hielt es Cormac nicht länger aus.

„Jene Männer sterben, während wir auf Brans Signal warten!“ schrie er. „Vorwärts! Folgt mir in die Hölle, ihr Kinder Gäls!“

Ein wilder Aufschrei antwortete ihm, und die Zügel freigebend sprengte er ins Tal hinab, gefolgt von fünfhundert brüllenden Reitern. Gleichzeitig regnete ein Pfeilhagel von beiden Seiten auf die Römer, und das schreckliche Geschrei der Pikten spaltete die Himmel. Da rollten auch endlich die Streitwagen donnernd über die Hügelkämme im Osten. Sie rumpelten den Abhang hinab, Schaum flockte von den Nüstern der Pferde, deren wirbelnde Beine kaum den Boden zu berühren schienen, und das hohe Heidekraut wurde niedergewalzt. Im ersten Wagen hockte mit blitzenden Augen Bran Mak Morn, während in den anderen die halbnackten Briten schrien und auf die Pferde einschlugen, als wären sie von Dämonen besessen. Hinter den dahinrasenden Wagen kamen die Pikten und heulten wie Wölfe, als sie rannten und ihre Pfeile verschossen. Die Heide schien sie wie eine dunkle Flut auszuspeien.

Das alles sah Cormac in den chaotischen Augenblicken, während er den Hang hinabpreschte. Ein Reitertrupp schob sich zwischen ihn und die Heeressäule. Drei große Sprünge vor seinen Männern begegnete der gälische Prinz den Speeren der römischen Reiter. Die erste Spitze lenkte er mit dem Schild ab, erhob sich in den Steigbügeln, hieb mit dem Schwert abwärts und spaltete den Mann von der Achsel bis zum Brustbein. Der nächste Römer schleuderte einen Wurfspieß, der Domnail tötete, doch im nächsten Augenblick rammte Cormacs Tier das leichtere des Römers, das den Reiter abwarf und zertrampelte.

Dann traf die ganze Wucht des gälischen Angriffs auf die römische Reiterei und zerschmetterte sie. Über die blutigen Überreste hinweg sprengten Cormacs heulende Dämonen, und unter ihrem Anprall schwankte die gesamte Flanke der schweren, römischen Fußtruppen. Schwerter und Äxte blitzten auf, und der Schwung trug die Galen bis tief in die dichten Reihen. Dort wurden sie aufgefangen und erbittert bekämpft. Spieße stachen, Schwerter zuckten aufwärts und brachten Pferd und Reiter zu Fall. An Zahl stark unterlegen und von allen Seiten eingeschlossen, wären die Galen inmitten der Feinde zugrundegegangen, wenn nicht in diesem Augenblick von der anderen Seite her die Streitwagen in die römischen Reihen gefahren wären. In einer langen Linie waren sie fast gleichzeitig heran, und im Augenblick der Begegnung wirbelten die Lenker die Pferde in einer Vierteldrehung herum und rasten parallel die Flanke entlang. Die Legionäre fielen wie Weizen unter der Sense. In diesem Augenblick starben Hunderte unter den gebogenen Klingen, und wie Wildkatzen kreischend, warfen sich die Schwertkämpfer der Briten von den Wagen auf die Speere der Legionäre und hieben mit ihren Zweihändern wild um sich. Aus allernächster Nähe ließen die Pikten ihre Pfeile von den Sehnen schnellen und sprangen dann mit den Schwertern in der Hand ins Getümmel. Berauscht von der Aussicht auf den Sieg, fochten diese Leute wie verwundete Tiger, fühlten keine Wunden und starben mit wütendem Knurren, noch ehe sie den Boden berührten.

Doch die Schlacht war noch nicht geschlagen. Ihre geordneten Reihen bestanden nicht mehr, sie waren benommen, und die Hälfte fast ihrer Anzahl gefallen –aber die Römer verteidigten sich mit dem Mut der Verzweiflung. Von allen Seiten umringt, kämpften sie einzeln, in kleinen Gruppen oder Rücken an Rücken. Bogenschützen, Schleuderer, Berittene und Fußvolk mischten sich in einem einzigen Chaos. Die Verwirrung war vollkommen, nicht aber der Sieg. Die vor dem Eingang zur Schlucht warfen sich immer noch gegen die Äxte, die ihnen den Weg versperrten, während hinter ihnen ein wildes Handgemenge tobte. Auf der einen Seite wüteten Cormacs Galen, auf der anderen rollten die Streitwagen, zogen sich zurück und kehrten wie ein eiserner Sturm wieder. Für die Legionäre gab es keinen Rückzug, denn die Pikten hatten quer über den Weg, den sie gekommen waren, eine Linie gezogen, die Troßknechte getötet und die Vorratswagen besetzt, von denen aus sie den gefiederten Tod ins Ende der zerbrochenen Heersäule sandten. Doch der Tod hielt nicht nur auf einer Seite reiche Ernte. Pikten starben unter blitzschnellen Stößen von Spießen und Kurzschwertern, Galen, die unter ihren gestürzten Pferden eingeklemmt lagen, wurden erschlagen, und über die Wagen, die der Zugpferde beraubt worden waren, ergoß sich das Blut der Lenker.

Und an der Schmalseite des Tales tobte immer noch 4er Kampf. Ihr großen Götter, dachte Cormac, als er fechtend einen Blick dorthin warf, halten diese Nordmänner tatsächlich noch die Schlucht? Aye! Sie hielten die Stellung! Auf ein Zehntel der ursprünglichen Anzahl zusammengeschmolzen, schlugen sie die verzweifelten Angriffe der Legionäre ab.

Ein ohrenbetäubender Lärm lag über dem Schlachtfeld. Raubvögel kreisten am Himmel. Cormac, der durch das Getümmel hindurch Marcus Sulius zu erreichen trachtete, sah, wie das Pferd des Römers unter diesem zusammenbrach und der Reiter sich allein inmitten von Feinden wieder erhob. Er sah, wie das Römerschwert dreimal aufblitzte und dabei jedesmal einem Gegner den Tod gab. Dann sprang aus dem dichtesten Gewühl eine schrecklich anzusehende Gestalt hervor. Es war Bran Mak Morn. Als er heranrannte, schleuderte er sein zerbrochenes Schwert von sich und riß den Dolch heraus. Der Römer stach zu, doch der Piktenkönig duckte unter dem Stoß hinweg, packte die Schwerthand und bohrte seinen Dolch durch den glänzenden Harnisch.

Als Marcus starb, stieg ein brüllender Aufschrei zum Himmel empor. Cormac sammelte die Reste seiner Streiter um sich, bohrte seinem Pferd die Sporen in die Weichen und hetzte durch die zerschlagenen Reihen zum anderen Ende des Tales.

Beim Heranreiten sah er, daß er zu spät kam. So wie sie gelebt hatten, so waren sie auch gestorben, jene grimmen Seewölfe: mit den Gesichtern zum Feind und den Waffen in den Händen. Reglos lagen sie da, und selbst im Tod war noch etwas von dem Schildwall erhalten, der keilförmig den Paß gesperrt hatte. Zwischen und vor ihnen türmten sich die Leichen derjenigen, die ihn vergeblich zu durchbrechen versucht hatten. Die Nordmänner waren nicht einen Fußbreit gewichen! Bis zum letzten Mann waren sie auf ihrem Platz gefallen. Doch gab es auch keinen, der über ihre Körper geklettert wäre: Die Römer, die den Wikingeräxten entgangen waren, hatten den Tod durch die Pfeile der Pikten und die Schwerter der Galen gefunden.

Und doch war dieser Teil der Schlacht noch nicht vorbei. Hoch oben, auf dem steilen Westabhang, ging das Drama zu Ende. Eine Gruppe von Galliern drang auf einen einzelnen Mann ein, einen schwarzhaarigen Riesen, auf dessen Haupt ein goldener Reif glänzte. Eiserner Wille war in den Angreifern, ebenso wie in ihrem Gegner, der ihren Untergang verursacht hatte. Ja, sie waren zum Untergang verurteilt, denn ihre Kameraden wurden hinter ihnen hingemetzelt, aber vor ihrem Tod gierten sie noch nach dem Leben des schwarzhaarigen Giganten, der die Männer des Nordens geführt hatte.

Von drei Seiten auf ihn eindrängend, hatten sie ihn langsam die Steilwand der Schlucht hochgetrieben, und die verkrümmten Körper, die seinen Rückzugsweg kennzeichneten, waren Beweis für die Grimmigkeit, mit der sie sich jeden Fußbreit erkämpften. Es war schon schwierig, in dem Gelände nicht den Halt zu verlieren, diese Männer aber kletterten und fochten gleichzeitig. Kulls Schild und Kriegskeule waren dahin, und das große Schwert in der Rechten war rot gefärbt. Sein kunstvoll geflochtenes Kettenhemd hing in Fetzen herab, und Blut rann aus Hunderten von Wunden. Seine Augen jedoch blitzten voll unverminderter Kampfeslust, und sein Arm lenkte das mächtige Schwert zu todbringenden Streichen.

Aber Cormac wußte, daß das Ende kommen würde, noch ehe er ihn zu erreichen vermochte. Auf dem Kamm des Hügels bedrohte ein Dutzend Schwertspitzen das Leben des fremden Königs, dessen Kräfte jetzt rasch schwanden. Soeben spaltete er das Haupt eines riesigen Angreifers und schnitt auf dem Rückschwung durch den Hals eines zweiten. Unter einem Regen von Schwerthieben taumelnd, hieb er wieder zu, und sein Opfer sank zu Boden. Und dann, als sich mehrere Schwerter über dem schwankenden Atlanter erhoben, um ihm den Todesstreich zu versetzen, geschah etwas Seltsames. Die Sonne versank hinter dem westlichen Horizont und tauchte die Heidelandschaft in blutrotes Licht. Kull stand vor der Sonnenscheibe, so wie er gekommen war, und hinter dem taumelnden König eröffnete sich ein wundersamer Anblick. Cormac sah einen kurzen Augenblick lang eine fremdartige Landschaft in fernen Sphären: Wie Spiegelbilder in den Sommerwolken gewahrte er anstelle der Heidelandschaft, die sich bis zur See erstreckte, undeutlich ein reiches Land mit blauen Bergen und schimmernden Seen und goldene, purpurne und saphierblaue Türme und gewaltige Mauern einer mächtigen Stadt, wie sie die Erde seit Äonen nicht mehr gekannt hatte.

Dann verging die Vision wie ein Traum, aber die Gallier auf dem Hügel hatten die Waffen sinken lassen und starrten wie betäubt, denn der Mann namens Kull war, ohne eine Spur zu hinterlassen, verschwunden!

Bestürzt wandte Cormac sein Pferd und ritt über das zertrampelte Schlachtfeld zurück. Siegesgeschrei dröhnte durch das Tal. Und doch war alles schattenhaft und sonderbar. Jemand schritt heran, und Cormac erkannte geistesabwesend Bran. Der Gäle schwang sich vom Pferd und trat dem König gegenüber. Bran war waffenlos. Aus Wunden an Stirn, Brust und Gliedern rann es rot, die leichte Rüstung, die er getragen hatte, war ihm vom Körper geschlagen worden, und ein Hieb war halb durch die Eisenkrone gedrungen. Nur das rote Juwel schimmerte fleckenlos wie ein Stern der Schlacht.

„Mein Sinn steht danach, dich zu töten“, sprach der Gäle schwerfällig und wie ein Mann unter einem Zauber, „denn du hast das Blut tapferer Männer auf dein Haupt geladen. Hättest du früher das Signal zum Angriff gegeben, so wäre mancher noch am Leben.“

Bran verschränkte die Arme. „Stoß zu, wenn du willst; ich bin des Schlachtens müde. Es ist ein bitteres Brot, König zu sein. Ein König muß mit Menschenleben und bloßen Schwertern als Einsatz spielen. Es ging um das Leben meines Volkes. Ich habe die Nordmänner geopfert, ja! Und mein Herz schmerzt mich in der Brust, denn es waren Männer! Aber hätte ich den Befehl gegeben, als du es für richtig hieltest, hätte alles schiefgehen können. Die Römer befanden sich noch nicht zur Gänze in der Talenge und hätten vielleicht Zeit und Platz gehabt, die Schlachtordnung umzustellen und uns abzuschlagen. Ich wartete bis zum letzten Augenblick – und die Seeräuber starben. Ein König gehört seinem Volk und darf sich nicht von eigenen Gefühlen und den Leben Fremder beeinflussen lassen. Jetzt ist mein Volk gerettet; aber das Herz ist kalt in meiner Brust.“

Müde stützte sich Cormac auf sein Schwert. „Du bist zum König geboren, Bran“, sagte der gälische Prinz.

Bran blickte über das Schlachtfeld.

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