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Die Herren der Unterwelt 7: Schwarzes Geheimnis

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New York Times und USA Today Bestseller-Autorin Gena Showalter gilt als neuer Shooting Star am romantischen Bücherhimmel des Übersinnlichen. Ihre Romane erobern nach Erscheinen die Herzen von Kritikern und Lesern gleichermaßen im Sturm. Die „Die Herren der Unterwelt“-Romane gelten als ihre bislang stärkste Serie.

Gena Showalter

Die Herren der Unterwelt 7:
Schwarzes Geheimnis

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Maike Müller

Widmung

Während ich dieses Buch schrieb, verstarb meine geliebte Freundin Donnell Epperson. Sie war eine Frau, die einen unerschütterlichen Glauben hatte und viel Liebe in sich trug. Und sie träumte davon, ein Buch zu veröffentlichen. Doch das Schicksal wollte es, dass sie starb, bevor sich ihr Traum erfüllen konnte.

Und das ist eine Schande (oder ein glorreiches Unglück, wie sie es mit einem hübschen, leicht verschmitzten Lächeln formuliert hätte). Sie war wirklich begabt und mit großer Leidenschaft bei der Sache, und ich stelle mir gerne vor, dass sie bei mir war, während ich diese Geschichte schrieb.

Deshalb ist das hier für dich, meine Freundin. Ich kann mir übrigens gut vorstellen, dass wir uns darum streiten werden, wer in welche Villa zieht, wenn Jill, Sheila und ich erst in den Himmel kommen. Die in der Mitte ist hiermit für mich reserviert. Wollte ich nur gesagt haben. Bis dahin werde ich dich mit ganzem Herzen vermissen. Heb eine Umarmung für mich auf und sag dem Großen Mann vielleicht schon mal, dass ich gar nicht so übel bin. Manchmal jedenfalls.

Ich werde dich immer lieben.

1. KAPITEL

Strider, Hüter des Dämons Niederlage, stürmte durch breite Tore in die Budapester Burg, die er mit einer stetig wachsenden Zahl von Freunden bewohnte – Brüder und Schwestern durch das gemeinsam Erlebte statt durch Herkunft, weshalb sie einander nur umso näherstanden –, und kämpfte gegen einen wahren Glücksrausch an.

Er hatte es verdammt noch mal getan. Es. Getan. Nachdem er seinen Feind quer über den Kontinent gejagt hatte; bei Verhandlungen eine von vier göttlichen Reliquien verloren hatte, die unentbehrlich waren, um die Büchse der Pandora zu finden und zu zerstören (dafür würde man ihm ordentlich den Hintern versohlen); nachdem er bei lebendigem Leib von Insekten aufgefressen worden und schließlich (hüstel) einer Frau ins Messer gerannt war (hüstel), hatte er endlich gewonnen. Und er war verdammt noch mal in Feierlaune.

„Ich bin der König der Welt, Leute. Kommt her und sonnt euch in meinem Ruhm.“ Erwartungsfroh und voller Eifer hallte seine Stimme im Foyer wider.

Doch niemand reagierte auf seine Begrüßung.

Egal. Grinsend brachte er die bewusstlose Frau, die über seiner Schulter hing, in eine bequemere Position. Bequemer für ihn. Sie war der Feind, den er gejagt hatte, und die Frau, die seine Bauchspeicheldrüse auf äußerst uncharmante Art mit ihrem Messer bekannt gemacht hatte. Er konnte es kaum erwarten, allen zu erzählen, dass er geschafft hatte, was sie nicht auf die Reihe gekriegt hatten. Er hatte sie eingesackt, Baby!

„Daddy ist zu Hause. Ist jemand da?“

Wieder keine Antwort. Sein Grinsen flaute leicht ab.

Verflucht. Bei der kleinsten Niederlage krümmte er sich tagelang vor Schmerzen. Aber wenn er gewann … Götter, das war wie ein Orgasmus. In seinen Adern pulsierte die Energie, machte ihn heiß, setzte ihn unter Hochspannung. Dieser Enthusiasmus verlangte danach, geteilt zu werden. Zum Teufel! In dieser Burg lebten zwölf Krieger samt ihren Gefährtinnen, und dennoch erwartete ihn niemand? Obwohl das Gelände inzwischen mit einem mörderischen Zaun abgeriegelt war und von Kameras überwacht wurde – und irgendwer vor nicht mal fünf Minuten den Summer für ihn hatte drücken müssen?

Das passte doch nicht zusammen.

Wahrscheinlich habe ich das verdient, dachte er. Sieben Tage waren vergangen, seit er zuletzt eine SMS geschickt oder angerufen hatte. Auch wenn das theoretisch nicht seine Schuld war. Er war einfach zu beschäftigt damit gewesen, sein kleines Mitbringsel unter Kontrolle zu kriegen. Und als sie ihm beim letzten Update mitgeteilt hatten, die Gefahr sei vorüber und alle könnten zur Burg zurückkehren, hatte er seine panischen Muss-wissen-ob-es-allen-gut-geht-Anrufe eingestellt.

Also: alles keine große Sache. Dass niemand mit ihm feiern wollte, kam ihm sogar ganz gelegen. Denn so konnte er ungestört eine kleine Aufgabe erledigen.

„Danke, Leute. Ihr seid die Besten. Wirklich.“ Und ihr könnt mich alle mal kreuzweise!

Strider marschierte weiter. Um sich aufzuheitern, stellte er sich das Gesicht seiner Gefangenen vor, wenn sie aufwachte und sich in einer winzigen Zelle wiederfände. Das wird ein Spaß. Dann blieb sein Blick an der Umgebung hängen, die ihm gänzlich unvertraut vorkam, und auch die letzten Überreste seines Lächelns erstarben. Abrupt blieb er stehen.

Er war nur ein paar Wochen weg gewesen, genau wie die anderen – jedenfalls hatte er das gedacht. Doch in dieser Zeit hatte irgendjemand das heruntergekommene Monstrum von Burg, das sie ihr Zuhause nannten, in eine wahre Villa verwandelt. Der Boden, der einst aus bröckelndem Gestein und Mörtel bestanden hatte, glänzte jetzt in weißem Marmor, durch den sich bernsteinfarbene Adern zogen. Und die ehemals genauso verwitterten Wände zeigten sich nun in einem Gewand aus sorgfältig poliertem Rosenholz.

Zuvor war die breit geschwungene Treppe an vielen Stellen abgenutzt und brüchig gewesen; jetzt erstrahlte sie förmlich in makelloser Schönheit, und ein goldener Handlauf wand sich von unten nach oben. In einer Ecke der Eingangshalle stand ein weißer, mit Samt bezogener Sessel vor einer verspiegelten Wand, und darüber thronten in Glaskästen diverse kostbare Antiquitäten: bunte Vasen, mit Juwelen besetzte Schmuckschatullen sowie alte Pfeilspitzen.

Nichts davon war vor seiner Abreise da gewesen.

So viele Veränderungen in weniger als einem Monat? Das schien unmöglich, selbst wenn andauernd irgendwelche Titanengötter unangekündigt bei ihnen hereinplatzten. Denn diese Götter beschäftigten sich eher mit Mord und Chaos als mit Innenarchitektur. Aber vielleicht … Vielleicht war Strider bei all der Selbstbeweihräucherung auch ins falsche Haus marschiert. War alles schon vorgekommen.

Wie um alles in der Welt sollte er erklären, warum er dieses zerschundene, rußverschmierte Bündel über der Schulter trug? Das würde er wohl kaum schaffen, ohne eine Weile ins Gefängnis zu wandern. Und auch die Blutspritzer auf seinen Klamotten glaubhaft zu erklären wäre eine echte Herausforderung.

Nein, dachte er im nächsten Moment. Hier bin ich auf jeden Fall richtig. Neben der Treppe hing ein Bild von Sabin, dem Hüter des Dämons Zweifel. Ein Aktbild. Es gab nur eine Person, die den Mumm hatte, einen knallharten Kerl wie Sabin derart durch den Kakao zu ziehen. Anya, Göttin der Anarchie und Quelle aller Unordnung, die zufälligerweise mit Lucien verlobt war, dem Hüter von Tod. Ein seltsames Paar, fand Strider. Doch solange ihn niemand nach seiner Meinung fragte, behielt er sie lieber für sich. Er wollte ja nicht riskieren, sein bestes Stück zu verlieren. Anya ging nämlich nicht gerade zimperlich mit denen um, die an ihr zweifelten.

„Jo, Tor-Tor“, rief er jetzt.

Torin, Hüter des Dämons Krankheit. Der Kerl verließ niemals die Burg. Er war immer hier, überwachte die Monitore und sorgte dafür, dass ihr Zuhause frei von Eindringlingen blieb. Nebenbei spielte er immerzu an seinen Computern herum und brachte ihrer Miniatur-Armee auf diese Weise haufenweise Zaster ein.

Zuerst kam auch diesmal keine Antwort, und abermals vernahm Strider nur das Echo seiner eigenen Stimme. Allmählich begann er, sich Sorgen zu machen. War irgendeine Katastrophe geschehen? Die Auslöschung aller Dämonen? Und wenn ja: Warum lebte er dann noch? Oder hatte Kane, Hüter Aller Möglichen Lästigkeiten, eine schlechte Woche gehabt und …

Endlich hörte er Schritte, die sich näherten. Erleichterung machte sich in ihm breit. Er schaute die Stufen hinauf und sah Torin, der auf einem Treppenläufer mit Zebramuster stand, an den Strider sich ebenfalls nicht erinnern konnte. Das weiße Haar fiel locker um das teuflisch gut aussehende Gesicht des Kriegers und ließ seine smaragdgrünen Augen leuchten.

„Willkommen zu Hause“, brummte Torin und fügte hinzu: „Du Arschloch.“

„Nette Begrüßung.“

„Du rufst nicht an, schreibst nicht mal eine SMS und erwartest hier großen Bahnhof, Gedichte und Blumen?“

„Genau.“

„Typisch.“

Torin war von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Sogar seine Hände waren in weiche schwarze Lederhandschuhe gehüllt. Vom modischen Standpunkt aus betrachtet waren die Handschuhe etwas zu viel des Guten. Aber um die Menschheit zu schützen, waren sie unumgänglich. Torin brauchte nur ein einziges Mal jemanden mit bloßer Haut zu berühren, und die Seuche nahm ihren Lauf. Sein Dämon pumpte irgendeine widerliche Krankheit durch seine Adern, mit der man sich schon durch die winzigste Berührung anstecken konnte. Auch Strider. Als Unsterblicher würde er zwar nicht an einem kleinen Husten/Fieber/blutigem Erbrechen sterben. Im Gegensatz zu den Menschen, die davon womöglich auf der ganzen Welt dahingerafft würden. Allerdings würde er die Krankheit wiederum auf jeden übertragen, den er berührte, und da er hin und wieder gerne mal eine Frau verführte, konnte er auf Körperkontakt nicht verzichten.

„Und, alles okay hier?“, erkundigte sich Strider. „Alle wohlauf?“

„Auf einmal interessiert dich das, ja?“

„Ja.“

„Auch typisch. Aber gut: Im Grunde ist alles in Ordnung. Viele sind unterwegs, verstecken die Artefakte oder sind auf der Suche nach dem letzten. Und der Rest jagt Galen.“ Torin kam herunter, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, und blieb am Fuß der Treppe stehen – außerhalb von Striders Reichweite. Wie immer. Er warf einen kurzen Blick auf die Frau, und in seinen Augen blitzte Belustigung auf. „Dann bist du wohl der Nächste, der sich verknallt, hm? Idiot! Ich dachte, du wärst klüger.“

„Vergiss es. Mit diesem Miststück will ich nichts zu tun haben.“ Eine Lüge. Während ihrer scheinbar endlosen Reise war sein Begehren immer größer geworden. Dafür hatte er sich gehasst. Sie mochte der Sex in Person sein – aber auch der Tod in Wartestellung.

Torin verzog seinen Mund, der für einen Mann außergewöhnlich sinnlich war, zu einem breiten Grinsen. „Dasselbe hat Maddox über Ashlyn gesagt, Lucien über Anya, Reyes über Danika, Sabin …“

„Schon gut. Ich hab’s kapiert.“ Strider verdrehte die Augen. „Du kannst jetzt die Klappe halten.“ Auch wenn er zugeben musste, dass der punkige Style dieser Frau ihn anmachte, wäre er niemals so dumm, etwas mit ihr anzufangen.

Er bevorzugte fügsame Frauen. Und zurechnungsfähige.

Lügner. Du stehst auf die hier. Und zwar genau so, wie sie ist. Er wünschte, er hätte diese Äußerung seinem Dämon in die Schuhe schieben können, aber … Selbst jetzt, beim bloßen Gedanken an sie, machte sich sein Körper bereit.

Torin verschränkte die Arme vor der Brust. „Was ist sie denn eigentlich? Ein Mensch mit übernatürlichen Fähigkeiten? Eine Göttin? Eine Harpyie?“

Die Männer, die hier lebten, neigten tatsächlich dazu, sich Frauen aus Mythen und Legenden auszusuchen. Frauen, die weitaus mächtiger waren als ihre Dämonen. Ashlyn hörte Stimmen aus der Vergangenheit, Anya konnte (unter anderem) mit der Kraft ihrer Gedanken Brände entfachen, Danika hatte Visionen aus dem Himmel und der Hölle, und Sabins Frau Gwen … Tja, sie besaß eine dunkle Seite, die man erst kennenlernte, kurz bevor man starb. Qualvoll.

„Mein lieber Freund, was ich hier habe, ist eine waschechte Jägerin.“ Strider schlug ihr fest auf den Hintern – als hätte dort eine Fliege gesessen, die er unbedingt hatte töten müssen. Das sollte demonstrieren, wie egal sie ihm war. Nur warum er seinem Freund nicht sagte, um welche Jägerin es sich handelte – wo er doch kurz zuvor noch so aufgeregt gewesen war –, wusste er nicht. Nein, eigentlich wusste er es genau. Die Müdigkeit. Ja, er war hundemüde, das war alles, und er wollte jetzt nicht mit Lob überhäuft werden. Morgen, nach einem ausgedehnten Schläfchen, würde er alles ausführlich erzählen.

Die Frau reagierte nicht auf seinen festen Klaps, aber das hatte er auch nicht erwartet. Schließlich hatte er sie wiederholt unter Drogen gesetzt, während er sie vom einen Ende der Welt ans andere geschleppt hatte. Von Rom über Griechenland nach New York, weiter nach L.A. und schließlich nach Budapest. Und alles nur, um ihre Gefolgschaft gehörig in die Irre zu führen. Die würden sie niemals retten.

Wir haben gewonnen!, jubelte sein Dämon lachend.

Allerdings. Er bebte vor Freude.

„Eine Jägerin?“ Jegliche Belustigung verschwand aus dem Gesicht seines Freundes. Das Leuchten in seinen Augen erstarb, und aus Smaragden wurde messerscharfer Stahl.

„Ich fürchte ja.“ Die Jäger. Ihre größten Feinde. Diese Fanatiker, die ihn und seine Freunde ein für alle Mal vernichten wollten. Die Bastarde, die in ihnen die Verkörperung des Bösen sahen. Die Arschlöcher, die sie für alles Übel der Welt verantwortlich machten. Das Beste an diesen Irren war, dass Strider sie in die heißesten Tiefen der Hölle schicken würde, einen Soldaten nach dem anderen. Oder, wenn gerade Granaten zur Hand waren, ein paar Hundert auf einmal. Je nach Laune.

„Du hättest sie einfach kaltmachen sollen“, tadelte Torin ihn. „Jetzt will Sabin bestimmt mit ihr reden.“

„Reden“ war in Sabins Vokabular gleichbedeutend mit Folter.

„Ich weiß. Deshalb ist sie ja noch am Leben.“ Sie hatte Informationen über die Götter, die die Herren der Unterwelt wie Marionetten benutzten. Und sie konnte Dinge tun, unmögliche Dinge. Wie zum Beispiel aus bloßer Luft Waffen hervorzaubern. Das konnten eigentlich nur Kriegerengel. Jedenfalls hatte er das angenommen. Das Ding war bloß: Sie war kein Engel. Und nicht nur, weil sie keine Flügel besaß. Das Weib hatte Feuer.

Strider wollte wissen, wie viel sie wusste und wie sie tat, was sie tat.

Aber von alldem mal abgesehen war er dummerweise einfach nicht in der Lage gewesen, seinen Job – auch bekannt als: Jägermüll entsorgen – zu erledigen. Jedes Mal, wenn er es versucht hatte, war sein Blick an ihrem hübschen Gesicht hängen geblieben, und er hatte gezögert. Das Zögern war nach kurzer Zeit einem brennenden Verlangen gewichen, und er hatte den Drang niederkämpfen müssen, sie zu küssen. Daran, sie „kaltzumachen“, hatte er keine Sekunde mehr gedacht.

Sabin würde ihm diesen Blödsinn nicht durchgehen lassen. Er würde Strider so lange triezen, bis er endlich handelte. Dann bliebe ihm nichts anderes übrig, als Anlauf zu nehmen und den Ball ins Tor zu zimmern. Denn … Er ballte die Fäuste. Denn diese Frau, diese wandelnde Abscheulichkeit …

Er biss so fest die Zähne zusammen, dass ihm der Schmerz bis in die Schläfen und weiter direkt ins Gehirn fuhr. Das geschah jedes Mal, wenn er daran dachte, was sie getan hatte.

Diese Frau hatte dabei geholfen, seinen Freund Baden zu enthaupten, den einstigen Hüter von Misstrauen.

Das würde Strider niemals vergessen, geschweige denn vergeben.

Die Enthauptung lag schon viele Tausend Jahre zurück, doch es tat noch immer so weh, als wäre es erst an diesem Morgen geschehen. An jenem Tag war zusammen mit seinem Freund auch ein Teil seiner Seele gestorben. Und wie die Frau auf dem Weg zur Burg hatte erfahren müssen, war auch ein großer Teil seines Herzens verkümmert.

Gnade war nicht gerade etwas, das ihn auszeichnete. Nicht mehr. Und schon gar nicht ihr gegenüber.

Er hatte gedacht, er hätte sie bereits vor Jahrhunderten aus Rache getötet. Er erinnerte sich an den Schlag seiner Klinge, an den tiefroten Strom ihres Blutes und an den metallischen Gestank des Todes in der Luft. An das Geräusch, mit dem ihr Körper auf den Steinboden gesackt war, an ihren letzten röchelnden Atemzug. Und dennoch war sie hier – quicklebendig und auf dem besten Weg, ihn um den Verstand zu bringen.

Vielleicht hatte er sie getötet. Vielleicht war sie wiedergeboren worden. Oder vielleicht hatte man ihre Seele in einen anderen Körper gesteckt. Womöglich war dieses Miststück aber auch noch viel unsterblicher als er und hatte sich nach der Enthauptung irgendwie wieder erholt. Er wusste es nicht, und es war ihm auch egal.

Es zählte nur eins: Sie war Hadiee aus dem antiken Griechenland. Okay, sie nannte sich inzwischen Haidee. Aus Hadiay war Haydi geworden. Offenbar hatte sie sich einen moderneren Namen verpasst. Aber das war ihm schnurz. Er nannte sie Ex – kurz für Dämonenexekutorin, und genau das war sie.

Der Beweis für ihre Verbrechen glimmte noch immer in ihren Augen. In diesen wintergrauen, kalten Augen. Er war in dem Stolz zu hören, der in ihrer Stimme lag, wenn sie von jener verhängnisvollen Nacht sprach – seinen Kopf rollen zu sehen war ein herrlicher Anblick, findest du nicht auch? –, und er sprach aus den Tätowierungen auf ihrem Rücken. Täto-wierungen, die den aktuellen Punktestand zeigten: Haidee I. Herren IIII.

Sie hatte alles verdient, was er und Sabin ihr antun würden.

„Ich bringe sie jetzt in den Kerker“, verkündete er. Noch nie zuvor hatte er diese Mischung aus Genuss und Bedauern in seiner eigenen Stimme vernommen. Erneut setzte er sich in Bewegung und rief über die Schulter: „Wenn du so lieb wärst und Zweifi-Popeifiinformierst, dass …“

„Geht nicht, Strideylein. Es gibt da nämlich etwas, das du dir unbedingt ansehen musst.“ Angst und düstere Erwartung klangen aus seinen Worten.

Den linken Fuß noch in der Luft blieb Strider abrupt stehen. Um ein Haar wäre ihm das immer noch bewusstlose Bündel Frau von der Schulter gerutscht. Langsam drehte er sich um, rückte Ex wieder zurecht und sah Torin ins Gesicht. Als er registrierte, wie blass sein Freund plötzlich war – unter der blassen Haut waren feine blaue Venen zu erkennen –, keimte auch in ihm Angst auf. „Du hast doch gesagt, es wäre alles in Ordnung. Was ist denn los?“

Torin schüttelte den Kopf. „Dafür gibt es keine Worte, das musst du sehen. Und außerdem habe ich gesagt, dass im Grunde alles in Ordnung ist. Aber jetzt komm.“

„Die Frau …“

„Nimm sie mit. Man wird sich schon um sie kümmern, du wirst sehen.“ Im nächsten Moment eilte er auch schon die Treppe hinauf, und wieder nahm er zwei Stufen auf einmal.

Mit wachsender Furcht folgte Strider ihm, wobei Ex im Rhythmus seiner Schritte auf seiner Schulter auf und ab hüpfte. Wäre sie bei Bewusstsein gewesen, hätte sie nur mühsam Luft bekommen und vor Schmerzen gestöhnt, so heftig rammten seine Knochen mit jeder Stufe in ihren Magen. Und sie hätte sich mit einer Kampferfahrenheit gewehrt, die ihresgleichen suchte.

Schade, dass die Medikamente so gut wirkten. Ein kleiner Kampf hätte jetzt sicher seine Nerven beruhigt.

Was war nur so wichtig, dass Torin ihm nicht mal die wenigen Minuten gewährte, die es brauchte, um eine beschissene Jägerin einzusperren?

Seine Gedanken zerfaserten in dem Moment, als er den oberen Treppenabsatz erreichte.

Ihm blieb die Luft weg. Engel. So viele Engel. Kein Wunder, dass die Burg neu dekoriert war. Von wegen göttliche Einmischung. Die Engel waren dafür verantwortlich. Die mochten schöne Dinge.

Sie standen an der Wand, Flügel an Flügel. Weiße, mit goldenen Federn durchwirkte Flügel. Die Flügel von Kriegerengeln. Sie sättigten die Luft mit einer Duftkomposition aus Orchideen, frischem Morgentau, Schokolade und Champagner. Bei unterschiedlichen Größen unterschritten sie doch nie die Einsneunzig-Marke, und die Muskeln unter den weißen, ziemlich mädchenhaften Roben machten denen von Strider Konkurrenz.

Die meisten waren Männer, aber sie alle waren Dämonenmörder. Dafür ausgebildet, zu jagen, zu zerstören und – sofern sie dazu bemächtigt waren – zu beschützen. Da sie nicht auf ihn zugestürmt kamen und Feuerschwerter aus der Luft hervorzauberten, ging er davon aus, dass Letzteres der Grund für ihren Besuch war.

Auf der Suche nach Antworten musterte er sie eindringlich. Insgesamt dreiundzwanzig, aber nicht einer sah in seine Richtung. Sie hielten den Blick stur geradeaus gerichtet, die Körperhaltung aufrecht und die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Kein Geräusch war zu hören. Nicht einmal ihr Atem.

Körperlich … bezauberten sie ihn. Und ja, es war ihm höllisch peinlich, sich das einzugestehen. Aber die Anziehung, die von ihnen ausging, war einfach faszinierend. Hypnotisierend. Sie waren eine Droge für seine Augen.

Ihre Haare hatten alle möglichen Schattierungen – von der schwärzesten Nacht bis zum weißesten Schnee. Am liebsten aber mochte er das Gold. So rein und so fließend wie ein Schatz, der eingeschmolzen und mit den Strahlen der Sommersonne vermischt worden war. Voll und dynamisch. Beinahe … lebendig. Aber natürlich würde er es niemals wagen, sie wegen ihrer weibischen Züge aufzuziehen.

Auch wenn sie ihn weder angriffen noch in seine Richtung sahen, strahlten sie etwas Tödliches aus.

Irgendjemand räusperte sich.

Strider blinzelte, und Torin rückte wieder in sein Sichtfeld. Sein Freund stand mitten im Flur. Wahrscheinlich stand er schon die ganze Zeit da, nur hatte Strider nichts anderes mehr wahrgenommen als die Engel. Jep. Peinlich.

„Warum?“, war alles, was er hervorbrachte.

Torin verstand ihn trotzdem. „Aeron und William haben Amun für eine Rettungsaktion in die Hölle mitgenommen. Sie konnten Legion auch tatsächlich befreien, und es geht ihr so weit gut. Aber Amun …“

Strider konnte sich den Rest denken und hätte am liebsten mit bloßer Faust ein Loch in die Wand geschlagen. Der Hüter von Geheimnisse hatte neue Stimmen in seinem Kopf.

Er kannte Amun schon seit Abertausenden von Jahren. Seit Ewigkeiten. Er wusste, dass der Dämon des Kriegers die dunkelsten Gedanken und die tiefsten Geheimnisse all derer aufsaugte, die in seiner Nähe waren. Längst vergrabene, entsetzliche Dinge. Grauenhafte Dinge, die die Seele veränderten. Und wenn Amun in der Hölle gewesen war, wo die Dämonen in ihrer reinsten Form umherstreiften, tobte nun ein Sturm des Bösen in seinem Kopf. Vermutlich ertränkten Unheil bringendes Geflüster und grausame Bilder sein eigentliches Ich.

„Die Engel?“, knurrte Strider. Ja, er wusste, wie unhöflich es war, über die Wesen zu sprechen, als wären sie nicht anwesend. Aber das interessierte ihn einen Scheißdreck. Es gab nicht viele, die er liebte, aber die anderen von Dämonen besessenen Bewohner dieser Burg gehörten dazu. Sie liebte er sogar mehr als sich selbst, und das bedeutete schon einiges.

„Sie wollten ihn töten, aber …“

„Scheiße, nein!“, brüllte er. Sobald sie seinen Freund auch nur berührten, würden sie ihre Hände verlieren – gefolgt von ihren Armen und Beinen, ihren inneren Organen und, wenn das Foltern ihm zu langweilig würde, ihrem Leben.

Er hob Ex von seiner Schulter, legte sie mehr oder weniger sanft auf dem Boden ab und ging auf Aerons Tür zu, wobei er mit einer Hand nach seinem Messer griff.

Niederlage spürte seinen Zerstörungsdrang und lachte glücklich auf. Gewinnen!

„Halt.“ Torin hob den Arm, um ihn abzuwehren. Gleichzeitig machte er ein paar Schritte zurück, um den Abstand zu wahren. „Lass mich ausreden, verdammt! Sie wollten und sollten ihn töten, aber sie haben es nicht getan. Und das werden sie auch nicht.“

Das Wort noch hing in der Luft wie eine Schlinge, die sich unaufhaltsam um seine Kehle legte. Strider beschloss, die Schlinge – für den Augenblick – zu ignorieren, und blieb stehen. Sein Atem ging schwer, und sein Gesicht war ganz heiß, so heftig war die Wut in seinem Inneren.

Gewinnen?, jammerte sein Dämon.

Das war keine Herausforderung. Und deshalb konnte er auch ohne Konsequenzen einen Rückzieher machen.

Ach so, hörte er eine enttäuschte Stimme in seinem Kopf. „Warum sind sie dann hier?“, fragte er fordernd.

Torins grüne Augen wurden dunkler, während er das Gewicht vom einen auf den anderen Fuß verlagerte. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Anscheinend fiel es ihm schwer, die Erklärung zu formulieren.

„Amun hat nicht nur neue Erinnerungen aufgenommen … sondern auch Dämonenlakaien. Und zwar Hunderte.“

„Wie das? Wie ist das möglich, verdammt? Ich lebe seit Jahrhunderten mit ihm zusammen, und meinen Dämon hat er nie in sich aufgenommen.“

„Meinen auch nicht. Allerdings sind unsere Dämonen auch keine Lakaien, sondern Hohe Herren, die sich an Menschen binden können. In der Hölle aber wimmelt es von diesen Maden, und wie du weißt, können die sich nur an wen binden? Genau, an Hohe Herren. Und genau das haben sie getan: Sie haben sich an Geheimnisse gebunden. Er ist jetzt … verseucht. Er stellt eine Gefahr dar, die weitaus schlimmer ist als der flüchtige Kontakt mit meiner Haut. Die Engel bewachen ihn, um sicherzugehen, dass er nicht abhaut und … Leid verbreitet. Damit er niemandem etwas antut – weder sich noch den Menschen.“

Strider blickte finster drein. Amun sprach nur selten. Die Geheimnisse, die er ungewollt stahl, behielt er für sich, damit sich kein anderer damit herumplagen oder davor Angst haben musste. Das war eine entsetzliche Bürde, die nur wenige zu tragen vermocht hätten. Dennoch tat Amun es, weil es niemanden gab, dem das Wohlergehen seiner Mitbewohner mehr am Herzen lag als ihm. Und dieser selbstlose Mann sollte auf einmal eine Gefahr darstellen? Nein. Das konnte Strider einfach nicht glauben.

„Erklär es mir besser“, befahl er Torin und gab ihm eine zweite Chance, ihn zu überzeugen.

Nach jahrhundertelanger Trennung hatten die Krieger erst vor wenigen Monaten wieder zusammengefunden, und so war Torin von Strider eigentlich nur Witze und dumme Sprüche gewohnt. Trotzdem erschrak Krankheit nicht, als sein Freund ihm nun so harsch entgegentrat.

„Das Böse sickert förmlich aus ihm heraus. Man braucht nur in sein Zimmer zu gehen, und schon spürt man diese klebrige Finsternis. Man fängt an, sich nach Dingen zu sehnen.“ Ihm schauderte. „Nach schrecklichen Dingen. Und man wird diese widerlichen Sehnsüchte auch nicht so einfach los. Das schwärt tagelang in einem.“ 

Auch das kümmerte Strider nicht, und er weigerte sich noch immer, es zu glauben.

„Ich will ihn sehen.“

Nach kurzem Zögern, als hätte er genau diese Reaktion erwartet, nickte Torin.

„Aber die Jägerin …“ Er brach mitten im Satz ab.

Hinter sich hörte Strider das Rascheln von Kleidung und das Stöhnen einer Frau. Er wirbelte herum und sah gerade noch, wie einer der Engel Ex auf die Arme nahm und sie zu dem leer stehenden Zimmer neben dem von Amun trug.

Beinahe wäre er auf sie zugestürzt und hätte sie dem himmlischen Wesen entrissen. Aber er hatte früher schon Bekanntschaft mit einem Engel gemacht – mit Lysander, dem Anführer dieser Krieger und dem schlimmsten aller Weltverbesserer – und wusste daher, dass sie den tiefen Hass, den er für diese Frau empfand, nicht nachvollziehen könnten. Sie betrachteten Haidee als unschuldigen Menschen, der Liebe und Fürsorge brauchte. Und da Amun bei Weitem wichtiger war als die – möglichst schlechte – Behandlung eines Jägers, hielt Strider sich zurück.

„Nur damit du es weißt: Sie ist schlimmer als ein Dämon“, warnte er den Engel mit einem scharfen Unterton in der Stimme. „Ihr wärt also gut beraten, sie genauso zu bewachen wie Amun. Aber tötet sie nicht“, fügte er hinzu, bevor er sich daran hindern konnte. Das hätten die Kriegerengel zwar ohnehin nicht getan, aber trotzdem. Ein Mann musste klare Ansagen machen, um jegliche Missverständnisse zu vermeiden. „Sie hat … Informationen, die wichtig für uns sind.“

Der Engel hielt inne und wandte seinen Kopf mit einer präzisen Bewegung zu Strider. Wie Torin hatte auch er grüne Augen. Doch anders als bei Torin waren seine Augen nicht durch Schatten getrübt. Nur klare, helle Flammen waren zu sehen, die bereit schienen, wie Blitze zuzuschlagen.

„Ich spüre ihre Infektion.“ Seine Stimme hatte ein tiefes und leicht rauchiges Timbre. „Ich werde dafür sorgen, dass sie die Burg nicht verlässt. Vorerst.“

Infektion? Strider wusste nichts von einer Infektion, aber auch das war ihm gerade egal.

„Danke.“ Zum Teufel noch mal – er hätte sich nie träumen lassen, dass er jemals einem Dämonenmörder für irgendetwas danken würde. Abgesehen von Aerons Olivia natürlich.

Mit einem Kopfschütteln fegte er Ex und alles andere aus seinen Gedanken und ging hinter Torin her.

Am Ende des Flurs blieb Torin vor der letzten Tür auf der rechten Seite stehen, atmete tief ein und drehte den Türknauf.

„Sei vorsichtig da drin.“ Dann trat er beiseite und machte Strider Platz.

Was Strider zuerst auffiel, war die Luft. Dick und dunkel war sie. Fast konnte er den Schwefel riechen … und die zu Asche verbrannten Körper. Und diese Geräusche, oh Götter … Schreie, die an seinen Trommelfellen kratzten, erstickt und dennoch unauslöschlich. Abertausende Dämonen tanzten umeinander und schufen einen schwindelerregenden Chor der Qual.

Am Fußende des Bettes blieb er stehen und sah nach unten. Amun krümmte sich auf der Matratze, hielt sich die Ohren zu und stöhnte. Nein, begriff Strider im nächsten Moment. Das Stöhnen kam nicht von seinem Freund, sondern von ihm selbst. Amun war vollkommen still, den Mund geöffnet zu einem endlosen Schrei, den er nicht auszustoßen vermochte.

Seine dunkle Haut hing in Fetzen, und was davon übrig war, lag bedeckt von verkrustetem und frischem Blut. Als unsterblicher Krieger heilte er schnell. Aber diese Wunden … Sie sahen aus, als würden sie nur verschorfen, um immer und immer wieder aufgerissen zu werden. Und sein Schmetterlingstattoo, das Zeichen seines Dämons, das sich einst um seine rechte Wade geschlungen hatte – es bewegte sich. Es wanderte sein Bein hinauf, flatterte über seinen Bauch, zersplitterte in Hunderte winzige Schmetterlinge, verschmolz wieder zu einem und verschwand dann hinter seinem Rücken.

Wie? Warum?

Zitternd musterte Strider das Gesicht seines Freundes. Amuns Wimpern lagen wie zusammengenäht aufeinander, und die Lider waren so geschwollen, als würde er Golfbälle in den Augenhöhlen schmuggeln. Oh Götter. Striders Magen brannte vor Übelkeit, und die Galle stieg ihm in die Kehle. Er wusste, woher diese Schwellung kam. Er erkannte die Ab-drücke von Fingernägeln.

Amun hatte versucht, sich die Augen auszureißen.

Damit sich nicht immer neue Bilder dahinter formten?

Das war der letzte zusammenhängende Gedanke, den Strider hatte. Der letzte Gedanke, den er kontrollieren konnte.

Die Finsternis hüllte ihn vollständig ein, grub sich in seinen Körper, füllte seinen Kopf, verzehrte ihn. Ihm fiel ein, dass er unzählige Messer an den Körper gebunden trug. Er sollte sie in die Hände nehmen, sie benutzen. Schneiden, oh ja, er würde etwas damit zerschneiden. Sich selbst. Amun. Die Engel vor dem Zimmer. Dann die ganze Welt. Blut würde fließen, ein reißender Strom von Blut. Haut würde verwittern, springen und sich abschälen wie getrocknete Farbe, und Knochen würden entzweibrechen und in winzigen Splittern zu Boden fallen – wie Staub, der einfach weggekehrt würde.

Er würde das Blut trinken und die Knochen verschlingen, doch das wäre es nicht, was ihm Kraft gäbe. Nein, er würde von den gequälten Schreien zehren, die durch seine Taten ausgelöst würden. Er würde in der Angst der anderen baden, und ihr Leid brächte ihn zum Jubeln. Und er würde lachen, aus vollem Halse lachen.

Auch jetzt lachte er, und das grausam kalte Geräusch war Musik in seinen Ohren.

Niederlage wusste nicht genau, wie er reagieren sollte. Der Dämon gackerte und wimmerte, bevor er sich in den hintersten Winkel von Striders Kopf zurückzog. Angst? Richtig so.

Irgendetwas Starkes und Hartes legte sich um seine Oberarme und riss ihn zurück, zog ihn, während er wild um sich trat und schrie, aus der Dunkelheit ins Licht. Helles Licht. Seine Augen tränten und brannten. Aber mit den Tränen und dem Brennen lichteten sich die Bilder in seinem Kopf und verbrannten zu Asche. Jedenfalls die meisten.

Strider blinzelte mehrmals. Er zitterte heftig und war schweißgebadet, und seine Handflächen bluteten, weil er tatsächlich nach seinen Messern gegriffen hatte. Er hielt sie noch immer in den Händen. Allerdings falsch herum, sodass sich die Klingen durch Haut und Sehnen bis auf seine Knochen bohrten. Der Schmerz war heftig, aber erträglich, als er die Finger öffnete und die Waffen klappernd zu Boden fielen.

Einer der Engel stand hinter ihm, ein anderer vor ihm. Sie leuchteten von innen heraus wie Zwillingssonnen, die soeben aus einer zu langen Finsternis befreit worden waren. Er zwang sich zu atmen und schaffte es irgendwie, Sauerstoff in seine Lungen zu saugen. Einmal, zweimal. Den Göttern sei Dank. Kein Schwefel, keine Asche. Nur der geliebte – und verhasste – Duft von Morgentau. Verhasst deshalb, weil der frische, reine Duft die Realität in all ihren Nuancen in sein Bewusstsein rückte.

Das war es also, was Amun durchlitt?

Strider hatte nur einen Vorgeschmack davon bekommen, sein Freund aber musste die Finsternis und die seelenzerstörenden Sehnsüchte den ganzen Tag und die ganze Nacht ertragen. Niemand konnte permanent einen solch grauenvollen Wahnsinn erleben, ohne schließlich den Verstand zu verlieren. Nicht einmal Amun.

„Krieger?“, fragte der Engel vor ihm eindringlich.

„Ich bin wieder ich selbst“, presste er atemlos hervor. Eine Lüge. Er würde vielleicht nie wieder der Alte sein.

Über die Schulter des Engels hinweg sah er Torin. Sie warfen einander einen kurzen Blick zu, in dem sich ihr Verständnis für die entsetzliche Lage ihres Freundes zeigte, ehe Strider seine Aufmerksamkeit wieder dem Engel und der augenblicklichen Situation widmete.

„Warum zur Hölle steht ihr einfach nur hier rum? Irgendjemand muss ihn festketten. Er zerfleischt sich ja selbst.“ Striders Kehle war so trocken, dass sich seine Worte darin anfühlten wie Glassplitter. „Und legt ihm eine Infusion, verdammt noch mal. Er braucht Flüssigkeit. Und Medikamente.“

Jetzt waren es die Engel, die sich einen vielsagenden Blick zuwarfen. Nur dass der ihre voller Wissen war. Wissen, wie man es nur durch unzählige Kämpfe und viel Herzschmerz erlangt. Erst dann kehrte der eine zu seinem Posten an der Wand zurück, und der andere betrat Amuns Zimmer.

Der Engel an der Wand sagte: „Wir haben ihm schon mehrfach Infusionen gelegt, aber sie halten nicht. Die Nadeln lockern sich immer wieder, ob er nachhilft oder nicht. Ketten können wir ihm natürlich anlegen. Und bevor du verlangst, dass wir ihn waschen und pflegen, lass dir gesagt sein, dass wir das bereits tun. Wir putzen ihm die Zähne. Wir baden ihn. Wir reinigen seine Wunden. Wir zwangsernähren ihn. Wir kümmern uns in jeder erdenklichen Art und Weise um ihn.“

„Was ihr tut, reicht nicht“, erwiderte Strider.

„Wir sind für jeden Vorschlag offen. Wenn du also eine bessere Idee hast …“

Natürlich hatte er das nicht. Er mochte seine Gedanken zwar wieder im Griff haben, aber wie Torin prophezeit hatte, war das Verlangen zu töten und unschuldige Wesen zu verletzen noch nicht vollständig abgeflaut. Es überzog ihn noch immer wie eine schleimige Hülle.

Und er hatte das ungute Gefühl, dass er sich nie wieder davon reinwaschen könnte, selbst wenn er sich jede Hautschicht einzeln abzöge.

Wie sollte Amun das nur überleben?

2. KAPITEL

In den kurzen lichten Momenten wusste Amun, wer er war, was er früher gewesen war und in welches Monstrum er sich verwandelt hatte. Dann wollte er sterben, wollte endlich das gesegnete Nichts. Aber niemand zeigte Gnade und gab ihm den Todesstoß. Und sosehr er sich auch bemühte – und er bemühte sich redlich –, er schaffte es einfach nicht, sich so stark zu verletzen, dass er sich selbst ins Jenseits beförderte.

Also kämpfte er. Er versuchte, die schwarzen Bilder und widerwärtigen Impulse, die unaufhörlich auf ihn einprasselten, auszumerzen – und sie gleichzeitig in seinem Innern gefangen zu halten. Eine unmögliche Herausforderung, die er bald verlieren würde. Das wusste er. Es waren zu viele, sie waren zu stark, und sie hatten bereits seine unsterbliche Seele weggeätzt. Hatten die letzte Fessel vernichtet, die sie an seinen Willen gebunden hatte. Auch wenn er nie wirklich die Kontrolle gehabt hatte.

Und trotzdem würde er mit jeder Faser seines Körpers kämpfen. Bis zum bitteren Ende. Wenn nämlich diese Bilder und Impulse, diese Dämonen, auf eine ahnungslose Menschheit losgelassen würden …

Ihn durchlief ein Schaudern. Er wusste, was dann geschähe. Er sah die Zerstörung vor seinem geistigen Auge. Schmeckte schon den süßen Geschmack der Verwüstung.

Süß … ja …

Und im Bruchteil einer Sekunde löste sich der jüngste Augenblick der Klarheit wie Nebel auf. Zahllose Bilder rauschten durch seinen Kopf, eine Flut von Erinnerungen, und er wusste nicht mehr, welche die seinen waren und welche von den Dämonen kamen – oder von deren Opfern. Schlägereien. Vergewaltigungen. Morde. Verzückung auf den Gesichtern. Schmerz. Schock. Tod. Lähmende Angst, die auffraß und zerstörte.

In diesem Moment wusste er nur noch, dass rings um ihn Flammen loderten, die seine Haut verbrannten und seine Kehle Blasen werfen ließen. Dass sich Tausende winziger, stechender Insekten in seine Adern gebohrt hatten und sich immer weiter in seine Eingeweide fraßen. Dass Verwesungsgeruch seine Nase verstopfte und bis in jede einzelne Zelle gedrungen war. Dass …

Plötzlich begriff er, dass sich tote Körper rings um ihn stapelten, auf ihm, ihn zerquetschten und begruben. Er war gefangen, er erstickte.

Hilfe!, schrie er in seinem Kopf. So hilf mir doch jemand!

Doch niemand kam. Stunden verstrichen, vielleicht Tage. Sein panisches Strampeln wurde immer schwächer, bis er sich gerade noch die Lippen lecken konnte. Er hatte Durst. Oh Götter, was hatte er für einen Durst. Er brauchte irgendetwas, um die Asche wegzuspülen, die ihm im Mund klebte.

Bitte! Helft mir!

Noch immer kam niemand. Das war seine Strafe. Er würde hier sterben. Bis er wieder zum Leben erwachte, um noch mehr zu leiden. Die Verzweiflung trieb ihn zu einem erneuten Befreiungskampf an – doch das machte alles nur noch schlimmer. Es waren zu viele Leichen. Ihr Gewicht drückte ihn nieder in ein endloses Meer aus Blut, Verwesung und Verzweiflung. Es gab keine Hoffnung auf ein Entkommen. Er würde wirklich hier sterben.

Doch dann veränderte sich seine Umgebung von Neuem, und er blickte auf diesen monströsen, verrottenden Haufen hinab, während er grinsend einen weiteren Körper in der Hand hielt, den er jeden Moment zu den anderen werfen würde.

Die hier ist viel zu schnell gestorben, dachte er mit einem Blick auf die reglose Frauenseele, die er in den geschuppten, knorrigen Klauen hielt. Seelen waren hier unten genauso real und körperlich, wie die Menschen es dort oben waren, und diese hier hatte er zweiundsiebzig Jahre lang in Ketten gehalten. Hilflos hatte sie über sich ergehen lassen müssen, wie er sie Stück für qualvolles Stück in Scheiben geschnitten hatte. Er hatte gelacht, als sie ihn um Gnade angefleht hatte. Als sie gedacht hatte, diese Gnade im ewigen Schlaf zu finden, hatte er sie wiederbelebt. Mit diebischer Freude hatte er sie gezwungen zuzusehen, wie er dasselbe mit ihrer geliebten Familie gemacht hatte – mit zwei Angehörigen, die ihm ebenfalls gehörten.

Das war so lustig

Noch nie hatten die Tränen einer Frau ihn so angemacht. Er hatte vorgehabt, sie mindestens für weitere siebzig Jahre leiden zu lassen. Doch an diesem Morgen hatte er sich gehen lassen und seine scharfen Krallen etwas zu tief in ihr Fleisch versenkt.

Na ja.

Er war Folter, und es gab noch Tausende andere Seelen, die darauf warteten, dass er ihnen seine Aufmerksamkeit schenkte. Warum also dieser einen nachweinen?

Mit einer achtlosen Handbewegung entledigte er sich der Seele, die mit einem satten, blutigen Klatschen auf den anderen Toten landete. Er wartete gespannt und wurde schon bald belohnt. Einer seiner Lakaien, seiner ach so hungrigen Lakaien, kroch zu der Leiche und begann mit dem Festschmaus, wobei er nach jeder anderen Kreatur schnappte, die versuchte, ihm sein köstliches Mahl zu stehlen. Sein Fauchen war furchterregend.

Sie gaben so ein hübsches Bild ab, der geschuppte, rotäugige Dämon und die dumme Menschenfrau, die es gewagt hatte zu sterben, ehe er mit ihr fertig war. Na ja, dachte er wieder. Ihre Seele würde schon bald vergehen, nur um sich wieder zu sammeln und sich irgendwo anders in dieser endlosen Höhle zu einem Körper zu verdichten. Und falls ich es bin, der sie findet, bekomme ich eine zweite Chance, sie zu quälen.

Leise vor sich hin pfeifend drehte er sich um und schlenderte davon.

Im nächsten Moment wurde Amun in einem grellen Sturm aus Wut und Kummer aus der Hölle gefegt. Er war nicht länger Folter, sondern ein Mensch. Ein Mädchen. Sie war höchstens zwölf Jahre alt, kauerte in einer Ecke, und der grobe Stoff, der ihren Körper bedeckte, sah aus wie ein historisches Kostüm. Tränen liefen ihr die Wangen hinab, und sie hatte furchtbare Angst. Sie war schmutzig und blass, und das Stroh, das sie umgab, war das Einzige, das ihr einen Hauch von Behaglichkeit schenkte.

„Hast du vergessen, wie ich dich gerettet habe?“, fragte ein Mann mit harter Stimme. Auf Griechisch. Altgriechisch.

Seine Stiefel klatschten wie Peitschenschläge auf den Boden, während er vor ihr auf und ab ging. Er war etwas kurz geraten, sein Gesicht war voller Pockennarben und sein Körper rundlich. Er hieß Marcus, aber sie nannte ihn den Schlimmen Mann. Ja, er hatte sie gerettet, aber er hatte sie auch geschlagen. Wenn ihre Worte seinen Geschmack trafen, bekam sie etwas zu essen und Unterschlupf. Wenn aber nicht, vergaß er sie einfach, sperrte sie weg und überließ sie der Angst, als Sklavin verscherbelt zu werden.

Sie wollte keine Angst mehr haben.

Er hatte sie aus der Hütte geholt, in der sie ihr gesamtes Leben verbracht hatte. Bis zu seiner Ankunft war sie viel zu verängstigt gewesen, als dass sie hätte gehen können, obwohl niemand mehr da gewesen war, der sich um sie hätte kümmern können. Irgendwie hatte er von dem Grauen gewusst, dessen Bilder Tag und Nacht ihre Träume erfüllten – Erinnerungen, die kein kleines Mädchen haben sollte –, und versprochen, ihr zu helfen.

Aus irgendeinem Grund hatte sie ihn von Anfang an gehasst. So wie sie angefangen hatte, alles zu hassen – sich selbst, ihre Hütte, die Welt. Doch in ihrer Verzweiflung hatte sie ihm geglaubt. Nun wünschte sie, sie wäre davongelaufen.

„Hast du. Vergessen. Dass ich. Dich. Gerettet. Habe. Dass der Böse deinen Tod wollte? Dass ich dich geholt habe, bevor er zurückkommen konnte? Ich werde dich nicht noch einmal fragen.“

„N…nein, ich habe es nicht vergessen“, erwiderte sie in derselben toten Sprache, mit zittriger Stimme und in panischer Hast.

„Gut. Dann wirst du auch nicht vergessen, dass der Böse dich infiziert hat. Oder was genau der Böse ist.“

Zwar verstand sie den Teil mit der Infektion nicht, aber der Rest war ihr gnadenlos eingebläut worden. „Er ist ein Herr.“

„Und wer hat deine Familie getötet?“

„Ein Herr.“ Ihr Ton war jetzt fester. In ihrem Kopf flackerten Bilder von verstümmelten Körpern auf.

Gleich darauf folgte eine Erinnerung, durch die der Schlimme Mann aus ihrem Blickfeld rückte. Eine Erinnerung, die erst drei Wochen alt war und dennoch bereits seit Ewigkeiten in ihrem Kopf zu wohnen schien.

„Du warst jemandem versprochen“, hatte der Mörder ihrer Eltern mit grauenhaft unnatürlicher Stimme gesagt, während er durch den dunkelroten Strom zwischen ihren Leichnamen gewatet war. Er war der Böse, und irgendetwas in seinem Tonfall hatte ausgelöst, dass sich eine dünne Schicht aus Eis um ihre Seele legte. Kein Gesicht war unter seiner Kapuze zu sehen, und seine Füße berührten den Boden nicht richtig. Er war groß und hager und von Kopf bis Fuß in ein schwarzes Gewand gehüllt, das sich fließend um seinen Körper legte und in einem Wind tanzte, den sie nicht spüren konnte. „Sie hätten ihr Versprechen halten sollen.“

„Wer bist du?“, fragte sie mit bebender Stimme. Sie hatte entsetzliche Angst – und war zugleich wie betäubt. Erst vor wenigen Minuten war sie hereingekommen, und noch hatte sie den Anblick, der sich ihr geboten hatte, nicht verarbeitet.

Jetzt, im Rückblick, die Warnungen des Schlimmen Mannes vor der Grausamkeit der Kreatur im Ohr, erzitterte sie. Und obwohl sie wusste, dass es nur eine Vision war, konnte sie die Bilder nicht abschütteln.

„Wer ich bin, spielt keine Rolle. Es zählt allein, wer du bist“, sagte das gesichtslose Wesen. Er hob sie hoch. Offensichtlich wollte er sie mitnehmen, doch sie wehrte sich mit all ihrer Kraft. Als der Böse sie nicht bändigen konnte, rammte er ihr ein Messer in die Seite – und verfehlte nur knapp lebenswichtige Organe.

Ein vernichtender Schmerz drohte sie zu verschlingen. Und dennoch erwachte mit dem Schmerz noch mehr von dieser unnatürlichen Kälte in ihrer Seele. Eine Kälte, die nicht nur betäubte. Eine Kälte, die wie ein Schneesturm in ihr tobte.

Dann formten sich wahrhaftig Eiskristalle auf ihrer Haut. Sie sickerten direkt aus ihren Poren. Das konnte nicht real sein. Unmöglich.

Als die Kreatur sie aus der Hütte zerrte, boxte das Mädchen nach oben und traf in das unsichtbare Gesicht. Haut berührte Haut. Der Böse heulte gequält auf. Seine Qual schien genauso groß wie ihre.

Mehrere Sekunden lang konnte sich keiner von beiden bewegen. Waren sie aneinander festgefroren? Dann ließ er sie fallen, und blutüberströmt kroch sie von ihm weg. Seine Schreie schienen niemals aufhören zu wollen – bis er von einem Moment auf den anderen verschwand. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie begriff nicht einmal ansatzweise, was geschehen war und wie sie getan hatte, was sie getan hatte.

„Wie wirst du dich an diesen Herren rächen, meine kleine Hadiee?“, fragte der Schlimme Mann und zog sie zurück in die Gegenwart. Sie mochte ihn nicht einen Deut lieber als den Bösen.

Noch eine Antwort, die man ihr eingehämmert hatte. Eine Antwort, die sie nicht vergessen würde. Eine Antwort, die genauso ein Teil von ihr war wie ihre Arme und Beine. Vielleicht sogar noch mehr, denn sie war ein Schutzschild, der ihr Sicherheit gab.

„Indem ich sie alle töte.“ Immerhin waren sie Mörder und verdienten es zu sterben.

Eine Pause, Stille. Dann wuschelte er ihr kurz mit blassen Fingern durchs Haar.

„Braves Mädchen. Vielleicht schaffe ich es doch noch, dich anständig auszubilden.“

Den Bruchteil einer Sekunde später veränderte sich das Bild in Amuns Kopf. Nun erlebte er nicht mehr die Erinnerung des Mädchens, sondern blickte auf sie hinab. Sie war in Sonnenlicht getaucht und inzwischen älter, eine Frau. Unschuldig wie ein Engel schlief sie in einem mit silberner Seide bezogenen Bett.

Irgendetwas an ihrem Namen kam ihm bekannt vor, obwohl er wusste, dass sie ihn geändert hatte. Damals Hadiee, heute Haidee. Auch ihre Umgebung kam ihm bekannt vor, aber sein Kopf wollte einfach nicht den Bogen zwischen Fragen und Antworten schlagen.

Das schulterlange Haar trug sie hellblond mit rosafarbenen Strähnen. Ihr Gesicht war sinnlich und feminin – trotz des silbernen Rings, mit dem sie eine Augenbraue gepierct hatte. Vielleicht weil die dunkelblonden Brauen so edel geschwungen waren, dass selbst Aphrodite neidisch wäre.

Ihre Wimpern waren dicht und schwarz wie Rabenflügel. Flügel, die allmählich zu flattern begannen. Im einen Moment lagen sie breit gefächert auf Haidees perfekt geformten Wangenknochen, im nächsten überschatteten sie perlgraue Augen, im übernächsten waren sie wieder Fächer. Sie schien sich zu bemühen, aufzuwachen, als spürte sie seinen prüfenden Blick, schaffte es aber nicht und erlaubte ihm damit, sie weiter zu beobachten.

Über ihre zierliche Nase wanderte sein Blick zu Lippen, die ihn an eine frisch erblühte Rose erinnerten. Auch ihre Haut wirkte rosig, als wäre sie in ständiger Erregung verloren, mit einem sonnengeküssten Schimmer darunter. Nein, dachte er dann. Nicht nur von der Sonne geküsst, sondern mit ihren Strahlen übergossen. Als würde sie von innen heraus leuchten. Als wäre ihre Haut mit Tausenden Diamanten besetzt. Nicht wie die Harpyien, deren leuchtende, perlmuttschimmernde Haut dem strahlendsten Regenbogen Konkurrenz machte. Diese Frau, diese Haidee, leuchtete nicht wirklich. Sie war einfach nur die personifizierte Schönheit.

Er hätte sie bis in alle Ewigkeit ansehen können. Sie war für ihn der erste Blick ins Paradies in einem offenbar endlosen Albtraum. Doch natürlich wurde ihm auch das wieder genommen.

Obwohl er dagegen ankämpfte, veränderte sich das Bild wieder, und er sah orangefarbene Flammen. Rauchfahnen zogen durch die beißende Luft wie der Atem eines Dämons.

Vor ihm brannte eine Stadt. Hütten knackten in dem Feuer, Balken fielen zu Boden, und Gras verdorrte. Mütter riefen nach ihren Kindern, und Väter lagen mit dem Gesicht nach unten in blutgetränktem Dreck. Aus ihren Rücken ragten Dolche. Alle trugen ähnliche Kleidung wie die kleine Hadiee. Jetzt heißt sie Haidee, rief er sich in Erinnerung. Kleidung aus dunklem, abgenutztem Leinen. Derb und schmutzig.

Er war nicht der Einzige, der sich die Verwüstung ansah. Elf Krieger standen neben ihm. Ihre Augen leuchteten glühend rot, und ihre Haut konnte die abscheulichen Ungeheuer nicht verbergen, die darunter lauerten. Ungeheuer, denen spitze Hörner aus den Schädeln und giftige Fangzähne aus den Mäulern ragten, und deren Körper mit rauen Schuppen bedeckt waren statt mit pfirsichfarbener Haut.

Ihre blutbespritzten Brustkörbe hoben und senkten sich unter ihrem schweren Atem, und ihre Nasenflügel bebten. Messer und Dolche hielten sie fest umklammert, während ihre Gedanken in seinen Kopf eindrangen.

Mehr. Sie brauchten mehr. Mehr Flammen, mehr Schreie, mehr Tod. Denn erst wenn die gesamte Welt mit dem Blut und den Knochen dieser kostbaren Sterblichen bedeckt wäre, wären sie zufrieden. Erfüllt.

Nur dass …

… Amun nicht töten wollte. Er wollte zu dem kleinen Mädchen zurückkehren. Er wollte es festhalten und ihm sagen, dass alles gut würde und dass er es vor dem Schlimmen Mann beschützen würde. Er wollte zu der Frau zurückkehren. Er wollte sich neben sie legen und hören, wie sie ihm sagte, dass alles gut würde und dass sie ihn vor den Dämonen beschützen würde.

Und das würde er auch. Er würde zu ihr zurückkehren.

Amun kämpfte mit aller Kraft, um zu ihr zu gelangen. Es war ihm egal, dass seine Haut aufplatzte und seine Knochen brachen. Er begrüßte den Schmerz sogar. Er mochte ihn. Vielleicht ein bisschen zu sehr. Und es war ihm auch egal, als die Flammen auf ihn zurasten und wie Hunderte stachlige, säuretriefende Zungen über seinen Körper leckten. Er hieß das Brennen willkommen, weil durch diese neuen Wunden endlich die Insekten entkommen konnten, die durch seine Adern wimmelten. Sie schwärmten in die Freiheit und krabbelten über seinen Körper, über das Bett.

Das Bett. Ja, ich liege auf einem Bett, dachte er benommen.

Plötzlich nahm er die zerfetzten Laken unter sich wahr, spürte jeden einzelnen Schnitt in den Muskeln. Der Schmerz war viel intensiver als zuvor und auf einmal gar nicht mehr so willkommen. Am schlimmsten aber war, dass ihm hartes Metall in die Hand- und Fußgelenke schnitt und ihn daran hinderte, den Blutverlust zu stoppen oder die Insekten zu verscheuchen.

Obwohl ihm sein Instinkt sagte, er müsse weiterkämpfen, zwang er sich, mit dem wilden Schlagen aufzuhören. Er atmete ein und aus. Die Luft war dick und roch nach Verwesung. Doch unter der Fäulnis nahm er noch etwas wahr … Etwas Frisches, wie Erde. Pulsierendes Leben.

Und unter den Flammen spürte er den süßen Kuss des kalten Winters, der seine Verbrennungen linderte und ihm Kraft einflößte. Was – wer – war dafür verantwortlich?

Er versuchte die Augen zu öffnen, aber seine Lider waren wie versiegelt. Er grübelte. Wieso waren seine Augenlider versiegelt? Und das Metall … Ketten, dachte er, als sich der Nebel zu lichten begann. Sie fesselten ihn, hielten ihn fest wie einen Gefangenen. Warum nur?

Ein verblüffender Moment der Klarheit.

Entsetzt zischend sog er den Atem ein. Er klammerte sich an jeden Gedanken, der nun in seinem Kopf Gestalt annahm, und betete, dass er sich an noch mehr erinnern würde. Er war Amun, Hüter des Dämons Geheimnisse. Er hatte geliebt, und er hatte verloren. Er hatte getötet, aber er hatte auch gerettet. Er war kein Tier, kein brutaler Killer – nicht mehr –, sondern ein Mann. Ein unsterblicher Krieger, der beschützte, was ihm gehörte.

Er hatte die Hölle betreten und war sich der Konsequenzen seines Handelns bewusst gewesen. Doch er hatte sie geflissentlich ignoriert. Denn er hatte es nicht ertragen können, seinen Freund Aeron so leiden zu sehen. Leiden und verzweifeln, weil seine Adoptivtochter in den grausamen Flammen der Hölle gefangen war. Deshalb war Amun hinabgestiegen und mit Hunderten weiterer Dämonen und Seelen zurückgekommen. Sie alle waren nun in ihm gefangen, wanden sich, schrien und versuchten verzweifelt zu entkommen.

Doch jetzt war er zu Hause, und er wollte sterben. Musste sterben. Viel zu groß war die Gefahr, die er für seine Freunde darstellte, und für die Welt. Er würde sterben.

Er würde weder Hadiee trösten können noch die Frau, zu der sie geworden war, weil er sich niemals gestatten könnte, dieses Zimmer zu verlassen. Seine Zuflucht. Seinen Sarg. Und das, so musste er feststellen, würde er am meisten bedauern. Ob er ihrer Seele in der Hölle begegnet war und ihre Erinnerungen dort in sich aufgenommen hatte, oder ob er ihr schon vor Jahren begegnet war und ihre Stimme sich bisher nur in dem dunklen, dornigen Morast seiner Gedanken versteckt hatte – er würde es nie erfahren. Das war’s für ihn.

Das war das Ende.

Flammen.

Schreie.

Das Böse.

Wieder buhlten sie um seine Aufmerksamkeit und drohten ihn zu überwältigen.

Amun wusste, dass er sie nicht mehr lange abwehren könnte. Sie waren zu fordernd, so unerbittlich … Er konzentrierte sich auf den erdigen Duft und die kühle Brise und wandte den Kopf automatisch nach links, von wo die unsichtbare Linderung kam. Die Spur führte von seinem Zimmer … ins Zimmer nebenan?

Kraft.

Frieden.

Erlösung.

Vielleicht kann ich mein Zimmer doch verlassen, dachte er. Vielleicht kann ich gerettet werden. Dieser kleine Schluck der Erlösung, bloß ein Mal kosten … eine geeiste Aprikose, süßer Saft, an dem sich seine Kehle für alle Zeiten weiden würde.

Er musste – Flammen, Schreie, das Böse – dorthin kommen. Musste … kämpfen. FLAMMEN. Während der schwarze Donner in seinem Kopf wieder lauter wurde, zerrte Amun an seinen Fesseln. SCHREIE. Die ohnehin schon zerrissene Haut gab nach, ohnehin schon gebrochene Knochen wurden zu Staub zermahlen. DAS BÖSE. Doch er konnte sich nicht befreien. Ich bin am Ende meiner Kräfte, begriff er. Ich kann nicht mehr.

FLAMMEN, SCHREIE, DAS BÖSE.

Stumm und verbittert lachte er innerlich auf, als er zurück auf die Matratze fiel. Er hatte verloren. Am Ende hatte er tatsächlich verloren. Er konnte nicht einmal nach seinen Freunden rufen. Wenn er auch nur ein Wort spräche oder ein Geräusch von sich gäbe, würde alles aus ihm herausbrechen und sein Kampf gegen das Böse wäre umsonst gewesen.

FLAMMENSCHREIEDASBÖSE.

Näher, immer näher.

Noch einmal keimte Hoffnung in ihm auf, und das Gefühl der Niederlage zerbarst.

Wenn er auch den oder diejenige im Nebenzimmer nicht erreichen konnte – vielleicht könnte er … könnte sie … ihn erreichen.

Als das Böse ihn von Neuem übermannte, schrie Amun genauso lautlos, wie er gelacht hatte. Komm zu mir!

3. KAPITEL

Komm zu mir! 

Die verzweifelte Stimme eines Mannes drang in Haidee Alexanders Geist. Wie gieriges Feuer in einem wütenden Schneesturm rissen die Worte sie aus einem unruhigen Schlaf mitten ins Hier und Jetzt. Keuchend fuhr sie hoch und blieb angespannt sitzen, während sie mit wildem Blick ihre Umgebung absuchte und binnen Sekunden analysierte, welche Möglichkeiten sich ihr boten – wie sie es sich seit der Entführung durch den Dämon antrainiert hatte. Unbekanntes Schlafzimmer mit einem Fenster und einer Tür, ergo: zwei Fluchtwege.

Die Tür: mit edler Lackfarbe gestrichen. Kratzer rings um die Klinke, ergo: häufige Nutzung. Wahrscheinlich abgeschlossen. Das Fenster: dickes Glas, ohne Fingerabdrücke oder Spuren von Vögeln. Also nicht zugenagelt.

Das Fenster bot die beste Chance.

Allein im Raum. Musste sofort handeln.

Hastig schwang Haidee die Beine über die Bettkante und stand auf. Sogleich gaben ihre Knie nach, viel zu schwach, um ihr Gewicht zu tragen. Nicht normal. Normalerweise war sie fünf Sekunden nach dem Aufwachen in der Lage, einen Marathon zu laufen. Einen Das-ist-die-einzige-Chance-zu-über-leben-Marathon.

Diese Kraftlosigkeit … Wie lange war sie diesmal bewusstlos gewesen?

Wacklig rappelte sie sich in den Stand hoch und versuchte, das Gleichgewicht wiederzufinden, während sie die Ereignisse der letzten Wochen im Kopf durchspielte. Sie war von Niederlage überwältigt worden, von dem Dämon, den sie gejagt hatte. Er hatte sie an gefühlt tausend verschiedene Orte geschleppt, um ihren Freund Micah und seine vier Gefährten abzuschütteln. Allesamt Jäger.

Denk jetzt nicht darüber nach. Du musst dich konzentrieren.

Fliehen. Nur darum ging es jetzt.

Sie tapste zum Fenster. Aber als sie gerade am Griff ruckeln wollte, verharrte sie in der Bewegung. In der ganzen Zeit, in der sie zusammen gewesen waren, war Niederlage ihr nicht ein Mal von der Seite gewichen. Er hatte sie nicht mal alleine auf die Toilette gehen oder duschen lassen. Und doch war sie hier plötzlich allein.

Wo war er?

Zwei Möglichkeiten: Entweder hatte der Dämon seinen Zielort erreicht und vertraute der Überwachungsanlage genügend, um sich zu verziehen, oder irgendjemand hatte Haidee aus seinen Fängen gestohlen.

Nächster Gedanke: Wäre sie aus seiner Gefangenschaft entführt worden, ließe man sie nicht unbeaufsichtigt. Der oder die Entführer würden wissen wollen, was ihre Absichten waren. Ob sie gut oder böse waren.

Niederlage hatte sie also genau da, wo er sie haben wollte. Tür und Fenster waren vermutlich verdrahtet, sodass sie einen Alarm auslösen würde, wenn sie sie berührte.

Käme dann eine Dämonenarmee, um sie zu erschießen?

Vermutlich. Doch das war ihr egal. Sie musste es versuchen. Aufgeben lag nicht in ihrer Natur.

Haidee fasste erneut nach dem Griff des Fensters und versuchte, es aufzuschieben. Verflucht. Nichts. Das Fenster bewegte sich keinen Millimeter. Nicht nur weil ihre Finger genauso schwach waren wie ihre Knie, sondern weil der Rahmen vernagelt war. Aha. Was die Sauberkeit der Fenster anging, hatte sie sich also geirrt. Aber das dürfte auch bedeuten, dass es doch keine Alarmsensoren gab. Wenigstens etwas.

Trotzdem. Sie musste einen anderen Weg nach draußen finden. Und das würde sie auch. Sie war schon in weitaus schlimmeren Situationen gefangen gewesen und hatte immer überlebt. Ach was – aufgeblüht war sie.

Um sich mental auf ihre Flucht vorzubereiten, lugte sie nach draußen. Sie wollte sehen, was sie erwartete, wenn sie es geschafft hätte, ihrem Gefängnis zu entkommen. Die Sonne schien hell, und ihre warmen Strahlen trieben Haidee die Tränen in die Augen. Sie wischte sich jeden Tropfen mit dem Handrücken weg. Anfälle von mädchenhafter Schwäche verboten.

Ihr Gefängnis lag hoch oben auf einem Berg. Ein mit Stacheldraht besetzter Stahlzaun – der unter Strom stand? – reichte bis in den Himmel und erstreckte sich so weit das Auge reichte. Sie hatte in der Vergangenheit schon häufiger Begegnung mit solchen Zäunen gemacht und wusste, dass sie diesen nicht überwinden könnte, ohne auf der anderen Seite ihren Verletzungen zu erliegen. Wenn sie es überhaupt bis nach drüben schaffte.

Trotzdem. Da draußen standen unzählige Bäume, einer üppiger und grüner als der andere, die ihre Äste einladend herüberstreckten. Diese Äste würden ihr Deckung geben, ihre Blätter würden sich schützend um sie legen und es ihr ermöglichen, irgendwie an diesem Zaun vorbeizukommen. Und wenn es keinen Weg gäbe, an ihm vorbeizukommen, würde sie eben darauf verzichten, einen Bogen um ihn zu machen. Mit anderen Worten: Der Tod war immer noch besser als hierzubleiben und von einem Dämon gefoltert zu werden.

Okay. Also. Neuer Plan. Das Glas zertrümmern und sich hinunterhangeln. Nichts leichter als das.

Ja. Genau. So viel Glück hatte ich noch nie. Haidee drehte sich um und wankte durch den Raum. Ihre Schritte wollten einfach nicht geschmeidiger werden. Welche Droge Niederlage ihr auch ein ums andere Mal injiziert hatte – sie floss noch immer durch ihre Adern.

Konzentrier dich, Frau. In dem geräumigen Zimmer stand ein Kingsize-Himmelbett, auf dem eine große Überdecke lag, die sich wie ein mit Feenstaub besprenkeltes Wolkenmeer bis auf den Boden ergoss. In einer winzigen Nische drängten sich ein Zweiersofa mit Blumenmuster und ein kleiner Glastisch zusammen. Darüber hing ein Kronleuchter, dessen Kristallschmuck im Sonnenlicht nur so gleißte. Nichts davon eignete sich zum Werfen.

Zu ihrer Linken stand ein frisch polierter Tisch mit passendem Stuhl. Weder Briefbeschwerer noch irgendwelcher Schnickschnack zierten die dunkle Oberfläche, und die leicht geöffneten Schubladen waren offensichtlich leer. Rechts hing ein riesiger Spiegel mit Ebenholzrahmen, der fest mit der Wand verschraubt war. Als Nächstes ging sie zur Tür. Wie vermutet war sie verschlossen.

Wütend trat sie gegen die Bank am Fußende des Bettes. Das schwere Holzmöbel bewegte sich keinen Millimeter. Dafür tat ihr Fuß jetzt weh, verdammt! Fluchend hüpfte sie wild herum und rieb sich den schmerzenden Zeh. Irgendwer hatte ihr die Schuhe ausgezogen, sodass sie barfuß war. Wäre schön gewesen, wenn sie das vorher bemerkt hätte.

Verflixt und zugenäht. Der Luxus, der sie hier umgab, stellte die Hütte, die sie sich vom Munde abgespart hatte, tief in den Schatten. Und dennoch gab es hier nicht einen einzigen Gegenstand, der ihr bei der Flucht geholfen hätte. Was zur Hölle sollte sie bloß tun?

Komm zu mir!

Die gequälte, schmerzerfüllte Stimme überwältigte ihre Sinne. Die Worte waren wie züngelnde Flammen, die sie wärmten. Eine Stimme? Die sie wärmte? Konnte natürlich Einbildung sein, aber sie hatte in ihrem zu langen Leben schon zu viele sonderbare Dinge gesehen und erfahren, als dass sie die Sache damit hätte abtun können.

„Wer hat das gesagt?“ Sie wirbelte herum, kämpfte einen Schwindelanfall nieder und griff automatisch nach den Messern, die sie um die Oberschenkel geschnallt trug.

Keine Antwort – und keine Waffen. Niederlage hatte ihr sämtliche Messer, Pistolen und Giftmischungen abgenommen und naiverweise gedacht, damit über sie zu triumphieren. Aber das war es, wozu er – es – existierte: jegliche Hoffnung auf einen Sieg zu zerstören und seinen Gegner mit allen erforderlichen Mitteln zu brechen.

Aber das war ihm nicht gelungen.

Das würde er noch lernen müssen: Niemand konnte Haidee brechen.

Komm … zu mir … Schwächer, verzweifelter, aber nicht weniger eindringlich.

Keine Einbildung, dachte sie. Unmöglich. Diese Wärme … Aber wer war er? Ein Gefangener wie sie? Irgendetwas an seiner Stimme war seltsam vertraut, als hätte sie sie schon einmal gehört und wäre davon fasziniert gewesen. Dennoch konnte sie sie nicht exakt einordnen. War er ein Jäger? Waren sie einander während der Ausbildung begegnet? Bei einer der Tausenden Nachbesprechungen, an denen sie teilgenommen hatte?

Komm …

Sie spitzte die Ohren und drehte sich um. Folgte dem Klang seiner Stimme, fest entschlossen, ihm zu helfen – nur für den Fall, dass er tatsächlich ein Jäger war.

Komm … bitte …

Da. Sie runzelte die Stirn. Eine Wand. War er auf der anderen Seite? Immerhin hörte sie ihn. Also musste er in der Nähe sein.

Langsam ging sie auf die Wand zu. Mit den Händen fuhr sie über die glatte, zarte Tapete, ohne jedoch eine Tür zu finden. Aber da … Haidee kniete sich hin und sah eine winzige Lücke zwischen Sockelleiste und Fußboden. Ein schwacher Lichtstrahl sickerte hindurch.

Nein, kein Licht. Nicht so richtig. In den Schimmer aus Licht und tanzenden Staubkörnern mischte sich ein schwarzer Dunst. Ein gespenstischer Rauchfetzen, der sich krümmte und langsam auf sie zubewegte.

Mit einem Aufschrei wich sie zurück. Das schwarze Etwas folgte ihr. Es ignorierte Hose und T-Shirt und steuerte direkt auf die nackte Haut ihres Handgelenks zu. Doch als es sie berührte, erfüllte ein Kreischen die Luft, und das … Ding wurde durch den Spalt zurück in das andere Zimmer gesaugt.

Was. Zum. Teufel. War. Das?

War sie soeben einem der Dämonen begegnet, der sich seiner menschlichen Hülle entledigt hatte? War es das, was den Mann, der sie rief, so quälte? Vermutlich.

Ihr Kampf-oder-Flucht-Instinkt schrie: Fliehen!

Haidee antwortete: Leck mich, Flucht! Ich werde doch keinen Menschen im Stich lassen.

Verbissen presste sie die Zähne aufeinander, während sie mit den Fingernägeln über die Tapete fuhr, bis sie eine Fuge ertastete. Sogleich begann sie, das Papier einzuritzen, abzureißen und die Fetzen über die Schulter fortzuwerfen. In fieberhafter Arbeit legte sie schließlich so viel von der Wand frei, dass sie den Umriss einer Tür erkennen konnte.

Keine Klinke. Natürlich nicht.

Die leichten Kratzspuren auf dem Boden verrieten ihr, dass die Tür von rechts aufgegangen war. Was bedeutete, dass es irgendwann einmal einen Türknauf gegeben hatte. Sie brauchte nur die Stelle zu finden, an der die Dämonen das Loch, das bei der Entfernung entstanden sein musste, zugespachtelt hatten …

An der rechten Seite kratzte sie über die Mitte der Tür und erzeugte dabei ein Geräusch, bei dem sich ihr die Nackenhaare aufstellten, bis weiße Kalkflocken unter ihren Fingernägeln hängen blieben. Bingo! Sie kratzte fester und grub sich durch die Spachtelmasse, so schnell es ging. Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie durchbrach, und mittlerweile war ihr gesamter Körper von Eis bedeckt.

Ihre Arme zitterten gefährlich, und das Gefühl der Dringlichkeit wurde immer intensiver. Sie war dabei, ihre Kraftreserven zu erschöpfen, und wusste, dass sie sich nicht viel länger auf den Beinen halten könnte.

Wenn sie zusammenbräche, wollte sie bei dem Mann auf der anderen Seite sein.

Haidee verhakte die Finger in dem Loch und zog. Die Tür öffnete sich nur wenige Millimeter. Sie rang die Enttäuschung nieder und zog erneut – nur um wieder mit ein paar mickrigen Millimetern belohnt zu werden. Mach weiter, Alexander. Du schaffst es. Tief einatmen, Luft anhalten, anhalten … Mit dem Ausatmen zog sie so fest, dass sie fürchtete, ihre Wirbelsäule würde jeden Augenblick durchbrechen. Endlich. Eine richtige Bewegung. Nicht viel, aber genug. Als die Tür stehen blieb, tat sie es ohne Vorwarnung. Haidee verlor den Halt und fiel auf den Hintern.

Orangefarbene und gelbe Sternchen tanzten ihr vor den Augen, doch als sie wieder klar sehen konnte, konzentrierte sie sich auf den Spalt, den sie geschaffen hatte. Ein süßes Gefühl des Sieges überkam sie, und sie sprang auf die Füße. Obwohl ihre Knie bei jedem Schritt rebellierten, blieb sie nicht stehen.

Sie quetschte sich durch die Öffnung, wobei ihr Shirt an einem scharfen Vorsprung hängen blieb und zerriss, als sie förmlich in das andere Zimmer fiel. Als sie das Gleichgewicht wiedergefunden hatte, nahm sie blitzschnell Bestand auf, für alles gewappnet. Wieder ein Schlafzimmer. Eine Mischung aus Licht und Dunkel. Auf dem einzigen Bett lag ein Mann, der sich wild hin und her warf. Düstere Schwaden wie aus Rauch stiegen von seinem Körper empor.

Ihr Blick blieb daran hängen, und ihr stockte der Atem. Das Schauspiel war gleichermaßen bezaubernd wie entsetzlich. Ein Meer aus winzigen Bruchstücken schwarzer Diamanten, unterbrochen vom gelegentlichen Funkeln von Rubinen, immer zwei nebeneinander – wie Augen, die sie mit tödlich gespannter Aufmerksamkeit beobachteten –, und dem Aufblitzen von etwas Weißem, Scharfem – wie Fangzähne.

Komm, komm. Die Zeit wird knapp. Aus einem unerfindlichen Grund tat es ihr regelrecht weh, wegzusehen. Ein heftiger Schmerz schoss ihr von den Schläfen bis in die Magengrube. Dennoch konzentrierte sie sich wieder auf den Mann und ging zu ihm hinüber. In dem Augenblick, als sie ihn erreichte, stieg ihr die Galle in die Kehle, und um ein Haar hätte sie ihre letzte Mahlzeit von sich gegeben. Obst und Brot, das Niederlage ihr widerwillig gegeben hatte. All diese Verletzungen …

Was hatte der Dämon ihm angetan? Hatte er ihn geschält? Ihn angezündet? Er war …

Oh Gott. Oh gütiger Gott. Sie riss die Augen auf und schlug die zittrigen Hände vor den Mund. Nein. Nein!

Trotz des geschundenen Körpers und des fast bis zur Unkenntlichkeit geschwollenen Gesichts wusste sie, wer sich da vor ihr krümmte. Micah. Ihr Freund. Dieselbe dunkle Haut – oder was davon übrig war – und dieselbe muskulöse Statur. Dieselben tiefschwarzen Haare, die er sich andauernd aus der Stirn strich. Kein Wunder, dass sie die gequälte Stimme erkannt hatte.

Oh Gott. Die Dämonen mussten ihn gefangen genommen haben, als er ihr in dem Versuch, sie zu retten, gefolgt war.

Tränen liefen ihr über die Wangen und verwandelten sich in Eiskristalle, als sie hinuntertropften. Beinahe hätte sie sich in ein schluchzendes Häufchen Elend verwandelt. Schon lange vor ihrer Begegnung hatte sie von diesem Mann geträumt. Schon lange vor ihrer Begegnung hatte sie ihn geliebt. Sie hatte ihn für eine Erinnerung gehalten, die nicht gänzlich ausgelöscht worden war nach …

Nein. Hör sofort auf damit. Diese Gedanken würden sie nur lähmen. Micah. Sie würde jetzt nur an Micah denken. Er brauchte sie.

Vor ungefähr sieben Monaten hatte sie herausgefunden, dass er mehr war als eine bloße Erinnerung oder das Produkt ihrer Einbildung. Er war real. Sie hatte gedacht: Das ist sicher ein Zeichen, dass wir füreinander bestimmt sind. Und diese Annahme hatte sich erhärtet, als sie für dieselbe Mission nach Rom beordert worden waren, und dann wieder, als er sie um ein Date gebeten hatte. Er fühlte sich genauso zu ihr hingezogen wie sie zu ihm. Ohne zu zögern hatte sie Ja gesagt.

Allerdings war der reale Mann ihrer Vorstellung nicht gerecht geworden.

Es gab keine tiefe Verbundenheit zwischen ihnen. Nichts, was den Erdboden zum Beben brachte. Sie gab sich die Schuld dafür – zu Recht – und versuchte, die Verbundenheit zu erzwingen. Wegen ihrer Visionen. Auf einer Ebene, die sie nicht verstand, hatte sie gewusst – und wusste noch immer –, dass er sie glücklich machen würde. Dass er ihre Zukunft war. Dass er endlich das unnatürliche Eis zum Schmelzen bringen könnte, das in ihr wohnte.

Deshalb war sie bei ihm geblieben und hatte die ganze Zeit gedacht, die Verbundenheit würde sich bald zeigen. Doch das war nie geschehen. Und obwohl sie ein Paar und einander absolut treu waren, hatte sie stets einen Teil von sich zurückgehalten. Sie hatte noch nicht einmal mit ihm geschlafen. Doch jetzt … Verbundenheit. Ein Knistern. Auf genau diese Gefühle hatte sie gewartet.

Hier und jetzt meinte sie, ohne ihn nie wieder ganz sein zu können. Als hätte sie endlich das letzte Teil eines Puzzles gefunden.

Plötzlich überkamen sie Schuldgefühle. Obwohl sie mit ihrer Zurückhaltung nicht gerade die beste Freundin gewesen war, hatte er nach ihr gesucht und ihretwegen einen Herrn der Unterwelt herausgefordert. Und jetzt würde er ihretwegen womöglich sogar sterben.

„Oh Baby“, krächzte sie. „Was hat er …“ – haben sie? – „dir nur angetan?“

Sie streckte die Hand aus, und fauchend zogen sich die Schatten zurück, weg von ihr, weg von ihm, als hätten sie Angst vor ihr. Haidee beachtete sie nicht. So vorsichtig wie möglich begann sie, Micahs zertrümmerte linke Hand durch die massiven Handschellen zu schieben, mit denen er gefesselt war. Das Blut und die gebrochenen Knochen waren der Aktion äußerst zuträglich, führten aber auch dazu, dass Haidee pausenlos gegen ihren Würgereiz anschlucken musste.

Ob er sich jemals davon erholen würde? Ob das überhaupt irgendjemand könnte?

Zum Glück schien ihre Berührung ihm nicht wehzutun, sondern ihn – im Gegenteil – zu beruhigen. Sein unkontrolliertes Zucken ebbte immer weiter ab, bis er schließlich ganz ruhig dalag. Haidee ging auf die andere Seite und befreite auch die zweite Hand. Als sie schließlich seine Fußgelenke aus den Ketten gelöst hatte, lag ein leises Lächeln auf seinen Lippen.

Vor Schmerz und Freude zog es ihr die Brust zusammen. Er war arg geschunden, doch er lebte. Aber wäre er dankbar dafür? Womöglich würde er nie wieder kämpfen können.

Das war egal. Sie musste ihn retten.

Das größte Problem: Sie konnte ihn nicht tragen. Er war zu schwer. Und ganz bestimmt konnte er nicht gehen. Zwar hatte sie kein Medizinstudium absolviert, aber sie hätte ein Ver-mögen darauf verwettet, dass die Hälfte seiner Knochen gebrochen war. Trotzdem. Hierlassen konnte sie ihn auch nicht.

Sie musterte ihn eingehender und betete, eine Lösung zu finden. Stattdessen fand sie etwas, das ihre Wut von Neuem anfachte. Diese Bastarde! Von allen Grausamkeiten, die sie ihm angetan hatten, war diese die schlimmste. Sie hatten ihn gezeichnet. Ihm einen Schmetterling mit scharfkantigen Flügeln – das Mal ihrer Dämonen – in die Wade tätowiert. Nur um ihn zu verhöhnen.

„Dafür werden sie bezahlen, Baby.“ Sie ballte die Hände zu Fäusten, bereit zuzuschlagen. „Das schwöre ich.“

Beim Klang ihrer Stimme veränderte er die Position und neigte sich zu ihr. Er schien sogar zu versuchen, den Arm auszustrecken, doch seine Muskeln spielten nicht mit. Offenbar war die Anstrengung zu viel gewesen, denn eine Sekunde später begann er von Neuem, sich hin und her zu wälzen.

Haidee sprach leise und beruhigend auf ihn ein und strich ihm die Haare aus der Stirn, genauso wie er es mochte. Der erste richtige Kontakt. Sie spürte einen Blitz aus purer Wärme. Das Eis, das ihr ständiger Begleiter war – das Eis, das ein Teil von ihr war –, knackte. Es begann zu schmelzen, und kleine Tropfen fielen von ihrer Haut. Sogleich beruhigte Micah sich wieder. Sein Schweiß trocknete, als hätte er ihre tiefe Kälte in sich aufgenommen.

Etwas Vergleichbares war nie zuvor geschehen, und das Gefühl beunruhigte sie. Vielleicht war es eine Nebenwirkung dessen, was man ihm angetan hatte?

Diese Bastarde, dachte sie wieder und biss fest die Zähne zusammen. In diesem oder im nächsten Leben – und sie bekam immer ein „nächstes“ – würde sie sie bestrafen.

Plötzlich sah sie feine Spinnweben vor ihren Augen schweben – Boten der Erschöpfung. Entschlossen wischte sie sie fort. Sie durfte jetzt nicht nachlassen. Micah brauchte sie.

Haidee?

Seine Stimme erschreckte sie, doch schnell fing sie sich wieder. „Ich bin hier, Baby. Ich bin hier.“

Ein leises, zufriedenes Seufzen ertönte. Das gehauchte Geräusch überlief sie wie ein Streicheln – und doch hatte sich sein Mund nicht bewegt, hatten seine Lippen sich nicht geöffnet. Unmöglich. Nicht wahr?

„Micah? Wie ist es möglich, dass du mit mir sprichst?“

Meine süße Haidee.

Wieder hatte sich sein Mund nicht bewegt, doch wieder hatte sie ihn gehört. Und sie wusste, dass sie sich seine Stimme nicht einbildete. Immerhin hatte sie ihn schon gehört, bevor sie das Zimmer betreten hatte.

Das konnte nur bedeuten … Verblüfft riss sie die Augen auf. Er sprach in ihren Gedanken. Hatte die ganze Zeit in ihrem Kopf gesprochen. Das war genauso neu für sie beide wie diese tiefe Verbundenheit und weitaus verwirrender für Haidee als die kribbelnde Hitze.

Wie machte er das nur? Wie hatten die Herren das geschafft?

Das kannst du später herausfinden. „Ich werde jetzt nach Waffen suchen, okay? Nach irgendetwas.“ Konnte sie überhaupt stehen? Ihre Muskeln zitterten, und das Blut gefror ihr wortwörtlich in den Adern. „Und dann werde ich einen Weg finden …“

Nein! Geh nicht. Eine Pause, von wortloser Panik durchtränkt. Ich brauche dich. Bitte.

„Ich werde den Raum nicht verlassen, das schwöre ich. Nicht ohne dich, aber ich muss …“

Nein! Nein, nein, nein! Nun plapperte er verzweifelt auf sie ein, und sein Körper verkrampfte. Du musst bleiben.

„Okay, Baby, okay. Ich bin hier. Ich bleibe.“ Das Versprechen kam ihr über die Lippen, ehe sie über die Konsequenzen nachdenken konnte. Nicht, dass das eine Rolle spielte. Lieber würde sie sich Niederlage ausliefern – hübsch eingepackt und auf dem Silbertablett serviert – als diesem Mann noch mehr Leid zufügen. „Ich werde mich nicht von der Stelle rühren. Versprochen.“

Ich brauche dich, wiederholte er, diesmal kaum noch hörbar.

„Ich bin für dich da. Immer.“ Ganz vorsichtig, ohne seine Wunden zu berühren, legte sie sich neben seinen geschundenen Körper, um ihn zu beruhigen. Sie wusste, wie es sich anfühlte, allein zu leiden. Und sie wollte nicht, dass er das durchmachen musste. Niemals.

Vielleicht war das Ganze ja auch Glück im Unglück. Wahrscheinlich würde Micah seine Verletzungen nicht überleben, wenn er das Bett in nächster Zeit verließe. Und so wäre sie hier, um sie beide zu verteidigen, wenn die Dämonen zurückkämen – und dass sie zurückkommen würden, dass sie sie nicht allzu lange allein lassen würden, war sicher. Dann wäre sie hier, um die Mistkerle davon abzuhalten, ihm noch mehr wehzutun.

Sicher, sie würden sich wehren und sie vermutlich töten. Und ja, bei dem Gedanken daran, was nach dem Tod mit ihr passieren würde, musste sie würgen. Denn was sie erwartete, war so viel schlimmer als erstochen, erschossen oder bei lebendigem Leib verbrannt zu werden. Was ihr alles schon widerfahren war.

Sie wollte sich zwingen, nicht darüber nachzudenken, was nach ihrem Ableben mit ihr geschehen würde, konnte sich dieses Mal ...

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