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Schwarz und weiß

Margarete Lenk

Schwarz und weiß

und andere Erzählungen





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Zum Buch

Dieses Buch der Schriftstellerin Margarete Lenk enthält die vier Erzählungen: Schwarz und weiß. Durch Nacht zum Licht. Schulmeisterlein. Paul und seine Brüder.

In neuer deutscher Rechtschreibung und Korrektur gelesen.

Schwarz und weiß

Es war der allerschönste Tag im Jahre, der Weihnachtstag. In dem sonst so heißen Indien weht um diese Zeit meist erquickende, kühle Luft; Gras und Bäume sind frisch und grün, Blumen blühen in bunter Pracht, und die von der Hitze und der ungesunden Regenzeit erschöpften Menschen fassen neuen Mut und halten sich gern im Freien auf. Darum hatte der Missionar beschlossen, die Weihnachtsfeier für die schwarzen Schulkinder auf der geräumigen Veranda zu halten, die weit mehr Raum bot als das Schulzimmer. Dort rüstete er nun eifrig alles zum sehnlich erwarteten Feste; seine Frau und zwei schwarze Diener halfen ihm. Seine eigenen, zarten, weißen Kindlein spielten indes mit ihrer Aja im Garten.

Einen Tannenbaum gab es freilich nicht, wohl aber ein ähnliches Bäumchen, das sich gut ausnahm und mit bunten Sternen, lieblichen Englein und vielen Lichtern geschmückt ward. Auf dem langen Tische darunter lagen eine Menge bunte Jacken, Röckchen und Hosen für die schwarzen Kinder, auch kleine Bilder, Bücher und Schreibgerät für die größeren, dazu für jedes eine Tüte mit Naschwerk, das sie ja so sehr liebten.

Das Allerschönste war aber die neue große Weihnachtskrippe, die gute Freunde des Missionars aus Deutschland geschickt hatten. Da war ein richtiger Stall mit einem Strohdach zu sehen, beschattet von kleinen Palmbäumen. Darin lag das Christkindlein gar lieblich in der Krippe auf Heu und Stroh; selig betrachteten es Maria und Joseph. Der Stern leuchtete oben über, wo das Kindlein war, und viele lichte Engel mit goldenen Flügeln umschwebten es. Hirten kamen gezogen, von Schafen und Lämmern umgeben, und im Hintergrunde nahte sich der glänzende Zug der Weisen aus dem Morgenlande.

Etwas so Herrliches hatten die Missionsleute kaum je gesehen, noch viel weniger die armen Schwarzen. Wie würden sie sich freuen!

Jetzt stand die ganze Schar der Schulkinder noch weit hinten im Gehöft vor dem Schulhause und übte unter Aufsicht des Lehrers noch einmal die Weihnachtslieder und das Marschieren. Denn sie sollten diesmal nicht, wie sie so gern taten, wild durcheinander laufen oder träge hinterherzotteln, einander schiebend und stoßend, sondern fein säuberlich, je drei und drei, singend anmarschiert kommen und sich in oft eingeübter Ordnung um den Weihnachtstisch aufstellen.

Wer das nicht tun würde, sollte ganz gewiss kein Geschenk bekommen. Diese schreckliche Drohung wiederholte der schwarze Lehrer noch einmal sehr nachdrücklich.

Jetzt tönte auch schon die kleine Glocke am Eingang der Veranda zum Zeichen, dass alles bereit sei.

Mehr als einen der kleinen schwarzen Gesellen zuckte es in den Füßen, blindlings vorwärts zu stürzen, um die Herrlichkeit zuerst zu sehen, doch bezwangen sie sich männlich, stimmten aus vollem Herzen an: „Vom Himmel hoch, da komm ich her“, und sowohl der Marsch als auch die Aufstellung gelangen vortrefflich.

Tiefe, ganz ungewohnte Stille herrschte diesmal während der kurzen Ansprache, die der Missionar an die Kinder hielt, denn alle die vielen hellen Augen in den dunklen Gesichtern waren strahlend auf die Weihnachtskrippe geheftet. Dicht vor ihr standen Otto und Hänschen, die Kinder des Missionars. Sie waren noch so klein, dass sie kaum über die Tischkante gucken konnten. Lilli, ihr Schwesterchen, saß auf dem Arm der Aja und langte mit den winzigen Händlein nach den vielen Lichtern; sie war erst ein halbes Jahr alt.

Als das Singen und Erzählen vorbei war, ging es ans Austeilen der Gaben, die das liebe Christkind gebracht.

O, welches Entzücken erregten sie bei den meist ganz, ganz armen Kindern! Manches konnte es sich nicht versagen, gleich hier die hässlichen Lumpen abzustreifen, die es trug, und das prächtige rote Kattunjäckchen oder das bunte Röcklein anzulegen.

In vollem Chor bedankte sich die kleine Schar und zog sehr vergnügt ab, den Inhalt der Zuckertüten prüfend.

Auch einige Erwachsene, die der Feier beigewohnt hatten, entfernten sich still.

Aber siehe, eine dunkle Gestalt war, ans Gitter der Veranda gelehnt, stehen geblieben. Es war eine noch sehr junge Frau, mit einem Kindlein auf dem Arm.

Auf die freundliche Frage der Missionarsfrau, was sie noch wolle, erwiderte sie schüchtern:

„Ich möchte Jesum gern sehen.“

„So komm und sieh ihn dir an! Da liegt er in der Krippe; auch für dich ist er vom Himmel gekommen, hat gelebt, gelitten und ist gestorben, damit auch du selig werden möchtest! Weißt du denn schon von ihm?“

„Sehr wenig“, war die Antwort. „Gern hätte ich mehr von ihm gehört, aber sie ließen mich nicht. Ich durfte nicht zum weißen Lehrer gehen, der in der Stadt wohnte. Sie schlugen mich, wenn ich es tat.

O, ich bin so müde, so hungrig; ich kann ja nicht mehr stehen!“

Sie wankte und wäre umgesunken, wenn die weiße Frau sie nicht gehalten und sanft auf den Boden niedergelassen hätte. Das nackte Kindlein hatte sie ihr vorher schon abgenommen.

Nun kam auch der Missionar aus dem Hause und sah bald, dass die arme Fremde nicht nur dem Verhungern nahe, sondern schwer krank sei.

Der schwarze Koch und seine Frau, die beide schon Christen waren, zeigten sich bereit, die Verlassene in ihre hinter dem Hause gelegene Wohnung aufzunehmen.

Man flößte ihr etwas Nahrung ein und reichte ihr Arznei; doch zeigte es sich bald, dass sie an einer zehrenden Krankheit litt, die wohl schnell zum Ende führen würde.

Nur selten fühlte sie sich kräftig genug, viel zu sprechen, sodass es sehr schwer war, etwas von ihrer Herkunft zu erfahren. Sie schien eine Witwe zu sein, die, wie es in jenem Lande so oft geschieht, von den Verwandten grausam behandelt worden war.

„Weit, weit komme ich her“, sprach sie im Fieber. „Freundliche Menschen suchte ich, die mir vom Heiland sagen. O, nun hab ich sie gefunden! Aber nun bin ich zu schwach zum Lernen.“

Dann bat sie wieder mit Tränen:

„Behaltet mein armes kleines Mädchen! Ach, niemand hat es lieb auf der Welt! O, dass es selig werden könnte! Für mich ist es wohl nun zu spät!“

Bald fragte der Missionar nicht mehr nach dem Schicksal der Armen, sondern benutzte ihre lichten Augenblicke, ihr zu zeigen, dass es noch nicht zu spät sei, dass der Heiland sie gern, o so gern, aufnähme, wenn sie nur bußfertig und gläubig zu ihm komme.

Sein Wort fiel auf sehr guten Boden, und wenige Wochen nach dem Weihnachtsfeste erlöste Gott die Kranke von allem Leid und nahm ihre müde, sehnende Seele auf ins Paradies.

Noch am Tage vor ihrem Tode hatte sie innig um die Taufe gebeten für sich und ihr Kindlein. Man hatte sie ihr gewährt und dem kleinen Mädchen den Namen Ruth gegeben.

Das arme Kindchen, das zuerst schrecklich abgemagert und elend gewesen war, hatte sich bei der guten Pflege der Kochfrau schnell erholt. Es war ein sehr hübsches Kind und machte wenig Mühe, da es freundlichen, geduldigen Gemütes war und ganz zufrieden mit ein paar Holzstöckchen oder einem blanken Löffel spielte.

Bald blickte es mit hellen, klugen Äuglein weiter um sich und machte erfolgreiche Versuche, überallhin zu kriechen.

Ebenso gedieh und wuchs die kleine Lilli im Vorderhause, die ungefähr in demselben Alter war. Nur geduldig war sie nicht, sondern konnte tüchtig schreien und strampeln, wenn etwas nicht nach ihrem Sinne ging. Tat man ihr aber den Willen, so war sie ein sehr liebreiches Kindchen, stets bereit, ein Küsschen oder Händchen zu geben.

Bald kam die Zeit, da sie herunter verlangte vom Arm der Aja oder heraus aus dem hübschen kleinen Wagen, in dem sie die Brüder umherfuhren.

Endlich gelang ihr das Stehen, aber das Laufen noch nicht, und sie wollte doch nicht still auf der Matte sitzen und spielen, sondern sich ein wenig in der Welt umsehen.

So konnte es eines Tages geschehen, dass sie unbemerkt um die Ecke des Hauses kroch, und da – o Wunder! – begegnete ihr ein ebenso kleines Wesen, das auch auf Händen und Knien rutschte, aber auf schwarzen.

Die beiden lachten und krähten einander lustig an, setzten sich dann zusammen in den Sand und wühlten seelenvergnügt darin.

Zufällig hatte jemand ein Gefäß mit Wasser dort stehen lassen, und Lilli und Ruth mussten doch notwendig wissen, was darin war. Mühsam krabbelten sie sich daran empor.

Bauz!, da fiel es um, und die kühle Flut ergoss sich über die kleinen Dinger, die alsbald in jämmerliches Geschrei ausbrachen.

Von vorn eilte die Aja, von hinten die Kochfrau herbei und fischten ihre Schützlinge aus der Sand- und Wasserpfütze heraus. Aber Freundschaft hatten die beiden nun doch geschlossen.

Die heiße Zeit war gekommen, da das kleine Volk erst gegen Abend ein wenig im Freien spielen durfte. Da ward Lilli nicht eher ruhig, als bis die kleine Ruth herbeigeholt wurde. Dann aber spielten die beiden so lustig und zufrieden miteinander, dass die Aja indes manch andere Arbeit tun konnte.

So bekam zum ersten Mal ein schwarzes Kind Heimatrecht im Garten, auf der Veranda, ja endlich sogar in der Kinderstube des Missionshauses.

Bisher hatte es die Mutter nicht gern gesehen, wenn ihre Kinder allzu viel mit dem kleinen schwarzen Volk verkehrten, da sie mit Recht fürchtete, sie würden wenig Gutes von ihm lernen. Ruth aber wurde nicht nur von der Kochfrau stets sauber gehalten, sondern zeigte auch bald ein freundliches, fügsames Gemüt.

Das weiße und das schwarze Mägdlein lernten bald zu gleicher Zeit laufen und sprechen, ja jedes lallte in zwei Sprachen, die sie voneinander lernten. Sie falteten die Händchen zum Gebet, sie stimmten ins Morgen- und Abendlied ein, sie pflegten Lillis Püppchen und betrachteten mit Staunen das wunderbare Bilderbuch, das der Onkel aus Deutschland geschickt hatte. Wirklich unartig waren sie nur selten, machten aber allerlei dumme Streiche, durch die sie sogar manchmal das ganze Haus in Angst versetzten.

 

Es war wieder einmal die schöne, kühlere Zeit, da man Ausfahrten und sogar Spaziergänge unternehmen konnte, zum Entzücken der Kinder. Auch Ruth durfte daran teilnehmen und sah im weißen Kittelchen ganz niedlich aus.

Die Mutter freute sich jetzt, dass ihr vierjähriges Töchterchen eine Gespielin hatte, da die Knaben anfingen männlicher zu werden und immer nur Pferd, Ochse oder Soldat spielen wollten, was dem kleinen Mädchen oft nicht behagte.

Eines Nachmittags hielten Lilli und Ruth große Puppenwäsche, ein Vergnügen, das ihnen zuweilen erlaubt wurde, seit die gute Tante zwei nette Lederschürzchen aus Deutschland geschickt hatte. Sooft man sie ihnen umband, jauchzten sie vor Freude; sie durften ja nun nach Herzenslust manschen!

Schon hatte die Sonne die sehr zweifelhaft gewaschenen winzigen Kleidchen und Hemdchen getrocknet, und die Aja hatte versprochen, sie morgen mit zu plätten. Aller Kleidung beraubt, lagen die drei Puppenkinder bis an den Hals zugedeckt im Wagen.

Die kleinen Wäscherinnen saßen unterdessen im Schatten und berieten, was man jetzt Ergötzliches vornehmen könne. Es war ganz still auf dem Spielplätzchen neben dem Hause. Die Knaben lernten beim Vater; Mutter und die Aja hatten im Hause zu tun. Da kam Lilli ein kühner Gedanke.

„Komm, Ruthi“, rief sie entschlossen, „spazieren gehen!“

„Im Garten und rings um die Schule?“, fragte Ruth.

„Nein, nein, weiter hinaus! Dahin, wo wir vorgestern die netten kleinen Affen sahen.“

„Dürfen wir nicht!“, warnte Ruth. „Ammal sagen: ‚Nicht aus dem Garten!‘“

„Das ist schon lange her; da waren wir klein. Jetzt sind wir groß! Papa sagte gestern: ‚Unsere Lilli wird ein großes Mädel.‘“

„Aber wenn wir nicht wieder heimfinden?“, entgegnete Ruth.

„O, wir finden wohl! Ich finde gewiss heim, denn ich bin weiß. Du bist schwarz; da musst du mir schön folgen!“

Ruth hatte eine gar hohe Meinung von der Klugheit der kleinen Freundin. So stülpten beide ihre alten Gartenhütchen auf den Kopf, fassten sich bei der Hand und trabten in ihren Lederschürzen und dünnen Kittelchen hinaus ins Freie. Da der nachlässige Gärtner wieder einmal das Gittertor offen gelassen hatte und sanft schlummernd unter einem Strauche lag, hinderte niemand das kühne Unternehmen.

Zuerst ging alles gut. Der Weg war eben und gerade, sodass sie, sooft sie sich umsahen, die traute Heimat hinter sich erblickten.

„So“, meinte Ruth, als sie am Fuße eines kleinen Hügels, der aber in ihren Augen ein Berg war, anlangten, „jetzt sehr, sehr weit gegangen; jetzt umkehren!“

„Nein, nein!“, rief Lilli sehr entschieden, „zu den kleinen Affen will ich! Wenn wir über den Berg steigen, sehen wir gleich die großen Bäume, auf denen sie wohnen. Ich hab zwei Biskuits in der Tasche, damit will ich sie füttern.“

Als aber Ruth immer noch Einwendungen machte, ließ sie ihre Hand los und strampelte mutig die steile Anhöhe hinan.

Was konnte die kleine treue Schwarze tun, als ihr nachfolgen?

Aber sie fanden die Affen nicht, denn es gab viele kleine Berge und viele Bäume ringsum. Sie liefen von einem zum andern, wurden endlich ganz müde und fingen beide an bitterlich zu weinen.

Mama hatte indes ihre Arbeit beendet und trat ins Freie, um die angenehme Kühle zu genießen. Sie rief nach den Kindern, aber nur Otto und Hänschen kamen mit ihrer Pferdeleine gesprungen.

„Wo sind Lilli und Ruth?“, fragte die Mutter.

„Wir haben sie gar nicht gesehen, als wir aus der Stunde kamen“, berichteten die Knaben. „Der Puppenwagen steht dort unter dem Oleanderbaum. Sie stecken gewiss bei der Kochfrau.“

„So lauft und holt sie!“

Aber die Kochfrau hatte weder Lilli noch Ruth gesehen; auch hinten bei der Schule waren sie nicht. Die Eltern wurden ängstlich und suchten im ganzen Gehöft herum, aber vergebens.

Da kam der Wasserträger, ein recht fauler, stumpfsinniger Geselle, herangebummelt und sagte ganz ruhig:

„Die hab ich aus dem Tor laufen sehen.“

„Wann denn?“, fragte der Vater.

„Schon lange.“

„Nach welcher Richtung?“

„Weiß nicht.“

„Dummkopf, warum hieltst du sie nicht zurück?“

„Bin keine Aja“, brummte der Kerl und zottelte weiter.

Nun wurde die ganze Dienerschaft ausgesandt, ringsum nach den Kindern zu suchen; auch der Vater machte sich auf den Weg, schnell, ...

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