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Schulle

Christof Tannert

Schulle

Ein Bühnenstück in neun Bildern.





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Überschrift

Schulle

Ein Bühnenstück in neun Bildern

 

nach dem Roman „Schulle im Gewöhnlichen Sozialismus“,

Forum-Verlag Leipzig, Februar 2009

 

von Christof Tannert

Bild 1 Nach einem Suizidversuch

Nacht. Ein Krankenzimmer.

Ein Patient(Schulle = S): Erwacht, tastet nach der Tischlampe. Stöhnt. Ein Lichtstreifen fällt durch den Türspalt. S bewegt sich und stöhnt wieder, befühlt den linken Arm. Der ist mit Mullbinden umwickelt. Srichtet sich im Bett auf. Die Tür geht auf, und zwei Ärztinnen, vielleicht auch Krankenschwestern, treten ein, flüsternd. Die eine trägt eine gelbliche Handlampe, die andere legte eine kühlende Hand auf seine Stirn und raunt:

Ärztin: Ruhig. Schiebt einen Ärmel hoch und gibt eine Injektion. Die Schmerzen lassen offensichtlich fast sofort nach, und S verfällt in einen schlafähnlichen Zustand.

Schlaflaute von drei anderen Insassen.

S (murmelt im Halbschlaf): Fünf-Mann-Zelle, wieso Fünfer? Wieso?

Betriebsamkeit an einem taghellen Morgen. Drei Männer sind zugange, der eine trägt ein Schlafhemd, das fast bis zum Knöchel reicht, und mag etwas über vierzig sein, die beiden anderen sind mit Pyjamas bekleidet und jünger. Sie gehen alle ähnlichen Beschäftigungen nach, waschen sich, putzen Zähne, rasieren sich. Keiner spricht, niemand beachtet S. Sie verlassen den Raum angekleidet, aber mit Hauspantoffeln und schlurfenden Füßen. Sie lassen die Tür offen. Alle drei nehmen den gleichen Weg.

S erwacht, bleibt liegen und betastet wieder seinen verbundenen Arm. Er hat stark geblutet, und geronnenes Blut ist sichtbar. Er stöhnt wieder.

Sein Bett steht zwischen zwei anderen, ein viertes an der Wand gegenüber. Die Fenster sind nicht vergittert und nur leicht geöffnet und in dieser Position mit Ketten so fixiert, dass sie nicht weiter aufzumachen gehen als eine Handbreit. Frische Luft strömt hinein. Munter tritt eine Krankenschwester ins Zimmer.Sie ruft mit verhaltener Stimme:

Krankenschwester: Na, ausgeschlafen?

Routiniert legt sie ihren rechten Arm um Schulles Schulter, richtet ihn auf und stützt die Sitzstellung mit einem Kopfkissen.

S:Was ist los, wo bin ich?

Krankenschwester: Ruhig, ruhig, es geht aufwärts.

S bewegt die Finger. Murmelt: Die Sehnen sind heil...

Krankenschwesterbringt ein Frühstückstablett und eine Medizin, die er unter ihrer Aufsicht schlucken muss. Er trinkt hastig aus einem weichen Becher. Er trinkt den Becher leer. Er isst ein Stück belegtes Brötchen und trinkt etwas Milch aus einem anderen Becher. Auch der ist aus Weichplaste. Ihm wird abermals schwindlig, er lässt sich tiefer sinken, bleibt aber sitzen.

Eine Ärztin (Ä, Mitte vierzig, betritt den Raum)

Ä: Herr Doktor Schulz, geht’s denn wieder?

S: Ich hab´ noch keinen klaren Gedanken fassen können...

Ich weiß, dass ich einen Suizid versucht habe. - Der war ernstgemeint.

Ä: Sehr ernst, Sie waren im Koma, der Notdienst hat Sie nur mit Mühe zurückholen können. Der Blutverlust war groß, Sie waren ziemlich lange bewusstlos, und wir haben das dann noch ein bisschen verlängert. Ihr Körper hat sich dadurch ziemlich schnell regeneriert und Ihr Blutvolumen ganz rasant wieder auf normal gefüllt. Immer wieder faszinierend, dieses Recovery. Sie sind jetzt von ganz jungem Blut, und das werden Sie spüren, das ist ein Jungbrunnen!

Na, es hat nicht viel gefehlt, und Sie wären uns Hopps gegangen, aber jetzt sind Sie über´n Berg, die Wunden sind zu. Sie werden schnell wieder zu Kräften kommen. Wir sind hier jetzt auf der geschlossenen Psychiatrie; vorerst geschlossen, für Sie geschlossen, damit Sie keine Dummheiten machen können. Wir sind schließlich dafür zuständig, dass Sie wieder gesund werden. Können Sie sagen, dass Sie das auch wollen?

S: Ich weiß nicht.

Ä: Es ist jetzt acht; wenn Sie wollen: um neun habe ich Zeit für Sie, da sind auch die anderen nicht da, da können wir ungestört reden.

Geht ab.

S bleibt halbsitzend liegen, betastet wieder seinen verbundenen Arm, grübelt, schläft wieder ein.

Ä betritt wieder das Zimmer: So, da wäre ich wieder. Wie geht’s Ihnen?

S: Ganz gut.

Ä: Das freut mich. Warum wollten Sie sich denn das Leben nehmen?

S (mit noch schwacher, aber schon entschlossener Stimme): Weiß ich nicht mehr genau. - Es war alles grau. - Ganz früher war ich Wissenschaftler, dann hat mich die Stasi rausgekantet und eingesperrt, weil ich mit dem Staat über Kreuz war und dies und jenes gemacht habe, was denen nicht gefallen hat. Ich war gar nicht pauschal gegen sie, ich wollte nur einen besseren Sozialismus. - Danach war ich Hausmeister, aber einen anderen Staat wollte ich immer noch. Dann kam 89, und am Umsturz war ich aktiv beteiligt. Aber das Ganze ging dann wieder in die falsche Richtung. Von Sozialismus keine Rede mehr. Da war ich dann wieder auf verlorenem Posten. Jetzt soll ich arbeitslos werden, zu alt für die Wissenschaft als Physik-Doktor, nicht qualifiziert genug für den Hausmeisterjob. Und politisch bin ich heimatlos.

Ä: Ich möchte eine Reha-Kur für Sie beantragen. Sobald Sie körperlich einigermaßen wiederhergestellt sind. Sind Sie einverstanden? Sechs Wochen fachkundige Begleitung. Ihre Seele braucht das. Sehr braucht sie das.

S (zögernd): Ich ... werd´s ... probieren.

Ä: Gut! Sehr gut!Ab.

S bleibt liegen.

Vorhang

Bild 2 Therapiestunde


2/1 Vorbereitungen zu einer Gruppentherapie

 

 

Ein leicht verwinkelter, aber großer Raum in einer psychotherapeutischen Klinik. Ein Kreis von 8 (individuellen) Stühlen, die alle den gleichen (Jugend)Stil haben. Das Haus selbst ist ein Schloss, klassizistisch, mit englischem Park dahinter. Hohe, große Fenster, hell. Hinter den Fenstern eine weite, flachwellige, sehr grüne Landschaft mit hohem Himmel. BühnenbildnerIn soll darauf Wert legen, dass die Zuschauer (Z) per Fenster(bild) die Illusion einer großzügigen, aber melancholischen Landschaft bekommen.

Entlang den Wänden Perkussionsinstrumente. Ein Plattenspieler aus den Siebzigern mit vier Ton-Boxen.

Im Raum: zunächst nur der Professor (P), hager, elastisch, Mitte 50, betont leger, sichtbar elegant (Markenklamotten).

P schlendert im Raum, rückt ein bisschen Stühle, legt groß beschriftete A-4-Blätter darauf, die für Z nicht lesbar sind, tauscht die Blätter ab und zu aus. Murmelt für Z Unverständliches, manchmal mag man etwas wie „Dyba“ oder „Schulz“ heraushören. Einmal legt P den Tonarm auf den altertümlichen Plattenspieler, und es erklingt ein Fetzen aus „Carmina Burana“

 

Drei StudentInnen (S) betreten zusammen den Raum. S I ist männlichen Geschlechts, S II III sind Frauen. Lässiger Austausch von Grußformeln mit P. Lässiges Lümmeln an den Fensterbrettern. Lässiges Outfit: bekenntnismäßig, aber sichtbar billiger als bei P.

 

P, scheinbar aus tiefen Gedanken auftauchend. Faselnd: Gut, gut. Gut! – Gut, dass Sie da sind. Ich werde Sie jetzt in mein Konzept für diese Gruppentherapie einführen. Sie sollen nämlich die Sitzungen begleiten. Wo es notwendig wird, werden Sie moderieren, stimulieren, Konflikte glätten, Mediatoren sein. Die Gruppe besteht aus Leuten in den Fünfzigern, alle manisch-depressiv, aber ohne akuten Krankheitsschub. Mein therapeutischer Diskurs zielt auf Ich-Stärkung und Standhalten-Können in Krisensituationen. Ich habe die Patienten selber dafür ausgesucht und gegeneinander tariert. Die Gespräche sollen selbstleitend werden, möglichst schnell – erstes Therapieziel!

Und setzen Sie Musik und Perkussion ein! – Ja, Wiersbinski?

 

S I (Wiersbinski): Zwei Fragen: Sollen wir wirklich immer alle Drei agieren? Und zweitens: Sollen die Leute nur eine Meinung durchhalten oder sollen sie auch einander aushalten?

P: Weitere Fragen?

S II: Können wir die Krankenbögen einsehen?

S III: Ist das Ihre Therapiegruppe? Oder ist unser fachlicher Ansprechpartner einer von Ihren Assistenten?

S II, leicht boshaft: Oder Assistentinnen, es soll hier auch weibliche Therapeuten geben!

 

P: Danke für die Fragen. Im Therapieraum soll immer nur einer oder (süffisant) eine von Ihnen sein, aber Sie bilden gemeinsam ein permanentes Team, sitzen also davor und vor allem auch danach zusammen und analysieren und kritisieren. Und bereiten die nächste Stunde vor! Mit Ihren zusammengefassten Aufzeichnungen kommen Sie dann direkt zu mir. Lassen Sie sich nicht abwimmeln in meinem Sekretariat, auch das will gelernt sein! Womit auch schon die Frage beantwortet wäre, wer für diese Therapie und für Sie als Studierende zuständig ist.

S I:Was ist mit Tondokumenten?

P:Manchmal wollen Sie vielleicht Tondokumente anlegen. Sie müssen aber die Einwilligung der Patienten und (süffisant) Patientinnen dafür haben, für so ein Aufzeichnen auf Tonträger. Informierte Einwilligung ist oberstes ethisches und auch oberstes pädagogisches Prinzip: Informed Consent, informierte Zustimmung! Vorsicht also! - Auch mit schriftlichen Protokollen: Vorsicht! Im Falle von Anzeichen für Unwillen sofort unterlassen!

S I: Zwischenfrage: Wie sollen wir denn dann „mit Aufzeichnungen“ zu Ihnen kommen?

P: Wichtiger sind mir, (ironisch) werterHerr Kollege Wiersbinski, und sind in der Sache Ihre (akademisch, näselnd) post festum aufnotierten und gemeinsam reflektierten Beobachtungen. Ihr sachliches Gedächtnis und Ihre Analyse sind also gefragt, aber nochmals (wieder näselnd): post festum! Sie wissen, was ich meine. Natürlich dürfen Sie auch die Krankenbögen unter Beachtung der üblichen Kautelen, vor allem der ...

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