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Schneetreiben

Impressum

ISBN 978-3-8412-0650-3

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Oktober 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin unter Verwendung von Esta/plainpicture

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

So unvermeidbar ein Geschick dir scheine,

neig ihm dein Haupt in frommer Demut nie.

Was heute sich des Schicksals Maske lieh,

war gestern vieler Möglichkeiten eine,

und wird heut ohne dich die Wahl gefällt –

morgen die ist dir anheimgestellt.

Arthur Schnitzler

Prolog

»Wach auf! Um Gottes willen, bitte, wach auf!«

Carla spürte, wie zwei Hände sich an ihren Schultern festkrallten und sie heftig schüttelten. Sie war sofort hellwach.

»Hanna, was …?«

»Pssst!« Hanna presste Carla augenblicklich die Hand auf den Mund. »Sei leise«, zischte sie kaum hörbar und blickte sich gehetzt um. Durch den Spalt der angelehnten Schlafzimmertür fiel nur ein schmaler Lichtkegel. Carla schlug das Herz bis zum Hals hinauf, und die Angst, die sie in den Augen ihrer Zwillingsschwester lesen konnte, schnürte ihr die Kehle zu. Für einen Moment lang regten sie sich beide nicht, sondern lauschten auf den Flur hinaus. Carla lief ein kalter Schauer über den Rücken, denn im fahlen Mondlicht, das durch das Schlafzimmerfenster schien, sah das Gesicht ihrer Schwester nahezu gespenstisch aus. Hannas ganzer Körper zitterte, und das Haar fiel ihr wirr und strähnig in die Stirn. Sie bot in ihrem offenen Bademantel, unter dem ein nur notdürftig zugeknöpftes rosa Nachthemd hervorlugte, ein so hilfloses Bild, dass sich Carlas Herz zusammenzog.

»Er ist im Haus«, wisperte Hanna, »ich schwör dir, er ist im Haus. Diesmal wird er mich umbringen. Vielleicht bringt er auch uns beide um, oder …«

Carla griff nach Hannas eiskalten Händen und umschloss sie fest. Seit Monaten war sie nur noch ein Schatten ihrer selbst.

»Das ist unmöglich, Hanna!« Carla versuchte, ihrer Stimme so viel Festigkeit wie möglich zu verleihen, und blickte Hanna direkt in die Augen. »Niemand ist im Haus. Hör doch, es ist ganz still.«

»Eben habe ich ihn gehört«, wisperte Hanna. »Er ist hier, ich spüre es.« Wieder schaute sie sich um, als erwarte sie jeden Moment ihre Hinrichtung.

Carla versuchte, die Geräusche der Nacht zu sondieren. Es hatte tagelang geschneit, und die Wiesen und Felder rund um das abgelegene Gehöft lagen unter einer weißen Decke aus Schnee begraben, die jeden Laut zu ersticken schien. Seit die Angst das Leben ihrer Schwester bestimmte, hatte sie es sich zur Gewohnheit gemacht, die schweren Vorhänge vor den Fenstern offenzulassen, und war jeden Morgen aufs Neue dankbar, wenn die Dämmerung hereinbrach und ein neuer Tag die Dämonen der Nacht vertrieb. Jetzt blickte sie hinaus auf die schweren Äste der gewaltigen Eiche, die sich unter dem Gewicht der Schneelast bogen und im grauen Licht des Mondes wie erstarrt wirkten.

»Wovon redest du?«, flüsterte Carla ganz leise. »Wie sollte jemand – wie sollte er denn hier ins Haus gekommen sein? Die Alarmanlage ist eingeschaltet, und Smilla schlägt auch nicht an. Du hast geträumt.«

»Ich irre mich nicht!« Hannas scharfe Fingernägel bohrten sich schmerzhaft in Carlas Handflächen, und ihre Stimme überschlug sich fast. »Warum sollte der Hund anschlagen? Smilla kennt ihn. Ich habe gehört, dass da unten jemand ist. Ich glaube, das waren sogar Schritte – Schritte, Carla.« Hanna begann, leise zu weinen. »Wir müssen sofort die Polizei rufen.«

Carla fasste Hanna jetzt bei den Schultern und zog sie so dicht zu sich heran, dass sich ihre Nasen fast berührten.

»Hanna, du kannst nicht schon wieder die Polizei rufen. Jedes Mal war es falscher Alarm.«

»Es war kein falscher Alarm«, zischte Hanna. »Uns ist doch beiden klar, dass er jeweils abgehauen ist, bevor sie ihn erwischt haben.« Ihr Atem ging stoßweise, und ihre Brust hob und senkte sich im schnellen Rhythmus der immer größer werdenden Angst.

»Wir haben gerade erst alle Schlösser ausgetauscht, Hanna. Niemand wird uns heute Nacht umbringen und er schon gar nicht, hörst du.« Carla fuhr mit den Fingerkuppen über Hannas Stirn, die im Gegensatz zu ihren Händen glühend heiß war.

»Lass uns ganz leise nach unten gehen und nachsehen. Ich bin sicher, du täuschst dich.«

Hanna schien zu zögern, doch dann fischte sie plötzlich hinter ihrem Rücken einen Gegenstand hervor und legte ihn auf die Decke, direkt in Carlas Schoß. Carla brauchte einen Moment, um zu begreifen, was dort im diffusen Nachtlicht vor ihr lag. Sie starrte eine Weile ungläubig auf den schwarzen glatten Lauf der Pistole.

»Hanna, bist du verrückt! Woher hast du die?«

Hanna sprach kein Wort, sondern schaute Carla einfach nur aus ihren verzweifelten Augen an, und Carla erstarrte angesichts der Entschlossenheit, die sie jetzt darin erblickte.

»Mein Gott!« Jetzt begann Carla, ihrerseits zu zittern.

»Ich bringe ihn um, Carla! Ich halte das nicht mehr aus. Ich bringe ihn um, bevor er mich umbringen kann.« Obwohl Hanna flüsterte, hallten ihre Worte dumpf und laut in Carlas Kopf wider. Erstmals wurde ihr bewusst, dass nicht nur Hannas Leben in Gefahr war.

»Die nehme ich«, sagte Carla, griff blitzschnell nach der Waffe und huschte, noch bevor Hanna protestieren konnte, aus ihrem Bett zur Tür hinüber. Es war empfindlich kalt in dieser Nacht, und Carla fröstelte. Zögerlich folgte ihr Hanna auf den nur schwach beleuchteten Flur.

»Ich gehe besser vor, du bist viel zu nervös!«, erklärte Carla und schlich ihrer Schwester voraus auf Zehenspitzen über den Pitchpineboden auf die breite Treppe des Gutshauses zu, die nach unten in die Halle führte. Hanna blieb ganz dicht hinter ihr und klammerte sich am Saum ihres Schlafanzuges fest. Jedes Mal, wenn eine der alten Dielen der Treppe unter ihren nackten Füßen knarrte, blieb Hanna wie angewurzelt stehen.

Smilla lag zusammengerollt und reglos in ihrem Hundekorb vor der Haustür.

»Siehst du, sie schläft, hier ist nichts«, stellte Carla fest.

»Vielleicht ist sie tot«, mutmaßte Hanna und fuhr gleichzeitig zusammen, als Smilla den Kopf hob und sie aus ihren treuen schwarzen Labradoraugen müde anblickte. Carla trat an die Haustür heran und drückte lautlos die Klinke herunter. Der Schließbolzen saß fest in seiner Verankerung.

»Siehst du, alles zu. Und Smilla geht es auch gut.« Sie gingen weiter zur Küche. Drinnen war es stockdunkel.

»Mach auf keinen Fall das große Licht an«, flüsterte Hanna. »Nimm die Taschenlampe.«

Carla setzte ihren Fuß über die Schwelle, und Hanna schrie laut auf, als etwas über den Boden der Fliesen schrammte und mit einem vernehmlichen »Klong« irgendwo im Raum von einem der Küchenschränke gebremst wurde.

»Nur Smillas Hundeknochen«, zischte Carla und rieb sich den schmerzenden großen Zeh, bevor sie sich zum Küchenschrank vortastete und die Taschenlampe herausfischte. Im zuckenden Schein der Lampe, die gespenstische Schatten an die Wände warf, schlichen sie weiter. Mit Ausnahme des monotonen Tickens der Wanduhr war kein Laut zu hören. Als der Lichtkegel den großen goldumrahmten Spiegel im Esszimmer streifte, fuhr auch Carla der Schreck in die Glieder. Denn für den Bruchteil einer Sekunde glaubte auch sie, jemand anderem als ihrem eigenen Spiegelbild gegenüberzustehen. Sie erreichten die Veranda, und Carla leuchtete das schneebedeckte Glasdach und die breite Terrassenfront ab. Nichts mit Ausnahme einiger winzig kleiner Abdrücke wies darauf hin, dass ein anderes Lebewesen als ein Vogel oder eine Maus sich hier vor der Tür aufgehalten und seine Spuren hinterlassen hatte.

»Es ist drei Uhr morgens, Hanna, bitte lass uns schlafen gehen«, sagte Carla gähnend, als sie ihren Rundgang im Erdgeschoss endlich beendet hatten. »Ich bin wirklich hundemüde.«

Sie war schon auf der Treppe, als Hanna sie am Saum ihres Schlafanzuges zurückzog. Beim Anblick der angstgeweiteten Augen ihrer Zwillingsschwester wurde Carla ganz schlecht. Ganz langsam hob Hanna ihren Arm und deutete mit ihrer zitternden Hand auf die Tür der Gästetoilette, die nur angelehnt war.

»Was ist?«

»Die Tür!«, hauchte Hanna. »Sie war vorhin nicht angelehnt, sie war zu.«

»Ach wirklich, Hanna, das bildest du dir nur ein. Wie sollte denn durch das kleine verriegelte Fenster überhaupt jemand ins Haus kommen?«

»Doch, er ist hier, ich kann es spüren. Er ist bestimmt da drin.«

Carla zögerte keinen Augenblick. Schnellen Schrittes lief sie zur Toilettentür hinüber, riss sie auf und schaltete das Oberlicht an.

»Siehst du, kein Mensch da drin«, sagte sie und knipste das Licht wieder aus.

»Ich möchte jetzt wirklich schlafen, Hanna.«

Hanna stand wie erstarrt am Treppenabsatz und presste sich eine Hand vor den Mund.

»Hast du nicht gehört, es ist alles in Ordnung.«

Wie in Zeitlupe löste Hanna ihre Hand von ihren Lippen. Es fiel ihr sichtlich schwer, einen Ton herauszubringen.

»Carla«, krächzte sie heiser, »Carla, er ist direkt hinter dir, und er hat ein Messer in der Hand.«

1

Anna stellte den Gebäckteller in der Mitte des Tisches neben dem Adventskranz ab, strich noch einmal die weiße Tischdecke auf dem massiven Holztisch glatt und begann, das bereitgestellte Kaffeegeschirr und Besteck zu verteilen. Das ganze Haus und der durch die Terrassenfront einsehbare Garten waren weihnachtlich geschmückt. Auf den Fensterbänken und dem alten Sekretär funkelten mit Lichterketten und Schmuck dekorierte Tannengirlanden, und auch die vielen kleinen Lichter auf den Buchsbaumsträuchern im rückseitigen Garten trugen nach Einbruch der Dunkelheit zur Wohnlichkeit des Hauses bei. Nichts in dem gemütlichen kleinen Haus erinnerte mehr an den Dreck und das Chaos der vergangenen zwei Monate. Hinter Anna, wo noch vor vier Wochen die Wand zwischen der alten Küche und dem Wohnzimmer gestanden hatte, fand sich jetzt eine moderne cremeweiße Küche im Apothekerstil, deren offener Kochtresen an das mit Holzdielen versehene kombinierte Ess- und Wohnzimmer angrenzte. Anna war hochzufrieden mit dem Ergebnis des Umbaus, der trotz der damit verbundenen Unannehmlichkeiten und der höher als gedacht ausgefallenen Kosten alle Mühe wert gewesen war. Jetzt war sie allerdings dankbar, sich in Zukunft neben ihrer Halbtagsstelle bei der Staatsanwaltschaft in der Hauptsache wieder voll auf ihre kleine Tochter Emily konzentrieren zu können.

Die Dreijährige kniete mit einigen Puppen und ihrem Buggy neben dem Sofa und schien ganz vertieft in ihr Spiel, nachdem sie Anna zuvor beim Kuchenbacken unterstützt und sich dabei in erster Linie hingebungsvoll dem rückstandlosen Auslöffeln der Rührschüssel gewidmet hatte. Während Anna den Tisch deckte, beobachtete sie ihre Tochter aus dem Augenwinkel und amüsierte sich über die von dem Mädchen mit ihren Puppen geführte rege Unterhaltung. Das Lächeln verging Anna allerdings in dem Moment, als ihr Freund ins Zimmer trat. Denn Bendt streifte gerade seine Daunenjacke über, hatte sich außerdem bereits einen dicken Schal um den Hals geschlungen, und aus seiner Jackentasche lugten seine braunen Lederhandschuhe hervor. Sie blickte zur Uhr.

»Es ist nicht dein Ernst, dass du jetzt noch einmal wegwillst. Meine Eltern kommen in spätestens einer halben Stunde.«

»Ich muss!«, entschuldigte sich Bendt, dem deutlich anzusehen war, dass er sich besser jetzt als gleich aus dem Staub machen wollte. Er zog den Reißverschluss seiner Jacke zu. »Ich muss zum Dienst.«

»Das glaub ich jetzt nicht.« Anna war so verärgert und enttäuscht, dass sie sich zusammenreißen musste, um nicht aus der Haut zu fahren. »Ich habe sogar gebacken.«

Anstatt Anna anzusehen, heftete Bendt seinen Blick an die Keksschale, angelte sich einen Zimtstern heraus und schob ihn in den Mund. »Und die schmecken auch echt lecker«, lobte er kauend.

Anna holte einmal tief Luft und stemmte ihre Hände in die Hüften.

»Der Keks war von Aldi«, fauchte sie wütend.

»Oh, die sind aber trotzdem sehr lecker.« Bendt lächelte etwas schief, wie er es immer tat, wenn er ein schlechtes Gewissen hatte, und langte ein weiteres Mal ins Gebäck, um diesmal ein paar Schokokekse herauszunehmen. »Teddy holt mich jeden Moment ab. Ich versuche aber, so schnell, wie es irgend geht, wieder hier zu sein.«

»Ich wusste gar nicht, dass du heute Bereitschaft hast. Wir haben den Termin mit meinen Eltern doch schon vor Wochen verabredet.«

»Oh«, sagte Bendt, kratzte sich am Kopf und setzte dazu einen überrascht wirkenden Gesichtsausdruck auf, der Anna an ein schlechtes Laienschauspiel erinnerte und sie verächtlich auflachen ließ. »Ich dachte, du wüsstest, dass ich vielleicht zum Dienst muss. Wir haben eine Leiche in der Innenstadt.«

»Du brauchst gar nicht so unschuldig zu tun«, schimpfte Anna. »Das hättest du mir doch früher sagen können oder nicht? Dann hätte sich ein anderes Wochenende für ein Kaffeetrinken mit meinen Eltern gefunden. Jetzt muss ich wieder erklären, weshalb du dich nicht blicken lässt.« Bendt wusste offenbar nichts zu entgegnen, zuckte mit den Schultern und blickte drein wie ein begossener Pudel.

»Da schmilzt übrigens gerade ein Schokokeks«, bemerkte Anna dann und deutete auf seine rechte Hand.

»Ach Mist!« Bendt eilte zur Spüle, legte die Kekse ab und riss ein Stück Haushaltspapier von dem dort abgestellten Chromständer ab, bevor er begann, umständlich seine Hand abzuwischen.

»Du nutzt jede auch nur erdenkliche Ausrede, um meinen Eltern aus dem Weg zu gehen, was ich ehrlich gesagt nicht mehr witzig finde«, motzte Anna weiter, während sie nach ihrem Kuchenmesser suchte. Dabei schloss sie die jeweils geöffneten Schubladen demonstrativ etwas schwungvoller als nötig.

»Das ist ein Notfall, ehrlich. Ich musste ganz spontan für einen Kollegen einspringen, der krank geworden ist.«

»Hattest du nicht eben noch gesagt, du hättest mir das mit dem Dienst schon gesagt?« Anna hatte das Messer inzwischen gefunden und ging jetzt, die Klinge auf Bendt gerichtet, auf ihn zu. Sie verzog ihre Augen zu schmalen Schlitzen und drehte das Messer bedrohlich in ihrer Hand hin und her, als sie ihn erreicht hatte. »Du bist ein erbärmlicher Lügner, weißt du das?«

»Du willst mich damit jetzt aber hoffentlich nicht ermorden, nur weil ich nicht mit euch Kaffee trinke, oder?« Bendt hob seine Hände in einer Geste der Kapitulation und wich einen Schritt zurück.

»Sagen wir mal so, ich denke gerade ernsthaft darüber nach.« Gegen ihren Willen musste Anna über die Grimasse, die Bendt zog, lachen.

»Gut, dann erinnere ich dich aber rein vorsorglich mal daran, dass du deine weitere Karriere als Staatsanwältin vergessen kannst, wenn du mir etwas antust, und deine Füße muss dann auch ein anderer massieren. Du solltest dir also ganz genau überlegen, ob das eine gute Idee ist, wenn du ausgerechnet mich umbringst.«

Anna fand sein Lächeln mal wieder so bestechend, dass ihr Ärger zu verrauchen drohte. Es war wohl Bendts Charme zu verdanken, dass sie ihm nie lange ernsthaft böse sein konnte. Beide mussten lachen, als er ihr das Messer aus der Hand nahm und augenzwinkernd sagte: »Ich nehme das vorsichtshalber mal an mich.« Dann schlang er seine Arme um ihre Taille und hauchte ihr einen Kuss auf die Nase.

»Nicht sauer sein«, bat er und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus dem lose gebundenen Zopf ihrer dunklen Locken gelöst hatte und ihr ins Gesicht gefallen war. Er zog sie noch ein Stück zu sich heran, und Anna wusste genau, dass er sie nur allzu gern geküsst hätte. Sie löste sich aber aus seiner Umarmung, denn allzu versöhnlich wollte sie sich ihm jetzt doch noch nicht präsentieren. Für ihren Geschmack grinste er dafür, dass er ein schlechtes Gewissen haben musste, schon wieder ganz schön frech.

Bendt streckte die Nase in die Luft und sog den verlockenden Duft des Apfelkuchens ein, den Anna in den Ofen geschoben hatte.

»Ach herrje, mein Kuchen«, rief Anna alarmiert. Es war allerhöchste Zeit, zum Ofen zu eilen, wenn sie kein Brikett zu backen gedachte. Sie streifte sofort ihre Backhandschuhe über und beeilte sich, das heiße Blech auf die Arbeitsplatte hinüberzujonglieren.

»Apropos Mord – wer ist überhaupt tot?«, erinnerte sie sich jetzt an den Grund für Bendts angekündigten Aufbruch und stieß ihn mit der Hüfte ein Stück zur Seite, weil er ihr im Weg stand.

»Eine Frau ist in der Königstraße von einem Balkon gestürzt: Die Spurensicherung wird schon vor Ort sein. Teddy holt mich jeden Moment hier ab, damit wir rüberfahren können.«

»In der Königstraße, mitten am Nachmittag?« Bei dem Gedanken an die schmale Einkaufsstraße, in der am Samstagnachmittag die Geschäfte geöffnet hatten und mit Sicherheit viele Leute unterwegs gewesen waren, lief Anna ein kalter Schauer über den Rücken. »Die muss den Passanten ja direkt vor die Füße gefallen sein.«

»Ist sie wohl auch«, bestätigte Bendt. »Wenn ich das richtig verstanden habe, dann liegt das Haus, von dem die Frau gestürzt ist, ganz in der Nähe vom Kohlmarkt. Stell dir vor, du hättest dir auf dem Weihnachtsmarkt gerade noch eine Bratwurst gekauft und läufst fröhlich kauend die Königstraße runter, und dann klatscht vor dir jemand aufs Pflaster.«

»Hör bitte auf!« Anna schüttelte sich angesichts der Bilder, die sich gerade vor ihrem inneren Auge abspielten, und verzog angewidert das Gesicht, zumal Bendt sich scheinbar gänzlich ungerührt einen Keks in den Mund schob. »Ich mag mir das gar nicht ausmalen, mit Emily unterwegs zu sein – und. …«

»Da hätte wirklich ernsthaft jemand zu Schaden kommen können«, sagte Bendt. »Also noch jemand außer ihr.«

»Schrecklich.« Anna versuchte die Bilder aus ihrem Kopf zu vertreiben. Sie holte die Sahneschüssel und das Rührgerät aus dem Schrank und kramte dann den Vanillezucker aus dem Vorratsschrank hervor. »Und – von wem wurde sie vom Balkon geworfen? Von ihrem Mann, stimmt’s?«

»Typisch! Bei dir war es natürlich gleich mal wieder der böse Ehemann und im Zweifel eine Beziehungstat.«

»Stimmt ja auch oft. Woran denkst du denn spontan, wenn eine Frau vom Balkon gestoßen wird?« Anna streifte Bendt mit einem ironischen Seitenblick. »An einen Mafiamord oder einen Bandenkrieg der Hells Angels vielleicht? Kommt ja in der Lübecker Innenstadt gerade in dieser Form total häufig vor.«

»Nee, ich denke vor allem mal anders als du nicht gleich an das Schlimmste.« Bendt hob die Brauen und sah Anna herausfordernd an. »Vielleicht auch schon mal an so etwas Harmloses wie einen Unfall oder einen Selbstmord gedacht, Frau Staatsanwältin?«

Anna guckte etwas verdutzt, denn sie hatte diese Möglichkeit tatsächlich nicht in Betracht gezogen. »Habe ich was verpasst, oder bist du nicht mehr bei der Mordkommission? Warum sollten die euch denn sonst gerufen haben?«

»Weil wir so unheimlich schlau sind. Mal im Ernst. Ich habe keine Ahnung. Mag sein, dass du recht hast, aber offenbar ist die Lage am Tatort nicht ganz so eindeutig. Auf jeden Fall hat Braun schon, nachdem er telefonisch von der Streife informiert worden war, die Spurensicherung veranlasst, und wir sind so spät dran, weil er selbst von einem anderen Tatort kommt. Kann gut sein, dass ich pünktlich zum Abendessen wieder hier sein werde.« Bendt stieß Anna freundschaftlich in die Seite. »Ich verspreche, dass ich mein Möglichstes tue.«

Anna maß ihn mit einem vorwurfsvollen Seitenblick. »Und wenn ich glaube dir kein Wort. Ich verstehe auch nicht, weshalb du wegen meiner Eltern immer so ein Theater machst. Sie sind doch wirklich ganz nett.«

»Sogar sehr nett«, sagte Bendt mit Nachdruck, »wenn man mal von der geringfügigen Kleinigkeit absieht, dass deine Mutter keine Gelegenheit auslässt, mich daran zu erinnern, dass ihre großartige Frau Tochter etwas Besseres verdient hätte als einen schlecht bezahlten Kommissar.«

Anna legte die Aufsätze des Rührgerätes, die sie gerade einsetzen wollte, noch einmal auf der Arbeitsfläche ab und atmete betont laut aus. Sie kannte ihren Freund gut genug, um in seiner Stimme neben der Ironie eine Verletzlichkeit auszumachen, für die sie nur bedingtes Verständnis aufbringen konnte. Zwar konnte sie einerseits nachfühlen, dass er sich über die eine oder andere Spitze ihrer Mutter ärgerte, die tatsächlich zumeist Annas höhere Bildung und bessere Stellung betraf. Auf der anderen Seite machte er es sich mit seinen ständigen Dienstausreden ein bisschen einfach. Denn bisher hatte Bendt ihren Eltern erdenklich wenig Gelegenheit gegeben, ihn richtig kennenzulernen. Und das, obwohl er inzwischen mehr bei ihr als in seiner eigenen Wohnung wohnte, in der das schlimmste Junggesellenchaos herrschte und die Anna deshalb nicht freiwillig betrat. Was ihre Eltern anging, stand er sich aus ihrer Sicht ein wenig selbst im Weg.

»Du darfst das, was meine Mutter sagt, nicht persönlich nehmen. Sie fände dich wahrscheinlich gerade dann mal gut genug für mich, wenn du der Fürst von Monaco wärest oder so …«

»Oder der fantastische Vater deiner Tochter, versteht sich.«

Anna verdrehte die Augen und seufzte genervt.

»O bitte, verschone mich damit. Georg ist nun einmal Emilys Vater, und ich bin froh darüber, dass er sich so viel um sie kümmert. Dass meine Eltern ihn mögen und sich gewünscht hätten, dass ich mit dem Vater ihres Enkelkindes auch zusammenlebe, ist doch nur normal. Denk doch mal daran, wie lange sie ihn schon kennen.«

Das Läuten an der Tür ersparte es Anna, sich weiter mit diesem leidigen Thema zu beschäftigen.

»Oma!«, schrie Emily aus dem Wohnzimmer, und das dann prompt wahrzunehmende Poltern, das von einem lauten Getrappel auf dem Flur abgelöst wurde, ließ Anna mehr als nur vermuten, dass ihre Tochter alles stehen und liegen gelassen hatte und zur Tür gerannt war. Bendt und Anna folgten ihr in kurzem Abstand, kamen aber trotzdem zu spät, um zu verhindern, dass Emily die Tür, kaum dass sie einen Blick über die Schwelle geworfen hatte, wieder zuschlug.

»Du hast Glück, es sind jedenfalls nicht meine Eltern«, sagte Anna trocken. »Eigentlich hätte ich es dir gegönnt, dass sie es sind.« Sie hob Emily hoch, die sich offenbar erschreckt und in ihre Arme geflüchtet hatte. Als Anna die Tür wieder aufmachte, vergrub Emily ihren Kopf an Annas Schulter. Wie erwartet, stand der regelmäßig etwas derangiert und zerzaust wirkende Hauptkommissar Braun vor der Tür, dessen untersetzte Statur seinem Spitznamen Teddy alle Ehre machte. Er war mit seinen knapp 1,75  Meter kaum größer als Anna, und man brauchte weder Kommissar noch sonst ein erfahrener Ermittler zu sein, um von Theodor Brauns Bäuchlein auf eine gewisse Leidenschaft für Currywurst und deftiges Essen zu schließen.

»Ich gebe zu, schon freundlicher begrüßt worden zu sein«, sagte der Hauptkommissar amüsiert und drückte Anna und Bendt nacheinander die Hand.

»Das Kind hat eben Menschenkenntnis«, bemerkte Bendt grinsend und kassierte dafür einen leichten Seitenhieb seines Vorgesetzten mit dem Ellbogen.

»Aua, das ist Körperverletzung«, rügte er und drückte erst Emily, die sich wie ein kleines Äffchen an ihrer Mutter festklammerte und offensichtlich schämte, und dann Anna zum Abschied einen Kuss auf die Wange.

Als Anna die Kommissare vor sich auf der Treppe stehen sah, stellte sie mal wieder fest, welch ungleiches Paar die beiden nebeneinander abgaben. Denn Bendt, der im Gegensatz zu Braun regelmäßig Sport trieb und zudem ungleich schlanker und jünger war als sein Chef, überragte ihn auch noch um eine gute Kopflänge.

»Ich hoffe, Sie sind mir nicht allzu böse, Frau Lorenz, dass ich Ihnen Ihren Freund heute am Samstag entführen muss, aber Sie kennen das ja. Ein Notfall.«

Anna maß Braun mit einem vorwurfsvollen Blick und versuchte, in seinen freundlichen Augen zu ergründen, ob er Bendt einen Gefallen getan und ganz bewusst durch seine Diensteinteilungen die unliebsame Verabredung mit ihren Eltern erspart hatte. Die Tatsache, dass der nette Hauptkommissar durch die Festlegung der Diensttage auch seiner Frau Gisela gern mal einen Strich durch die Rechnung machte, war jedenfalls ein Indiz dafür. Anna unterließ es für den Moment, ihrem Verdacht, Braun stecke mit Bendt unter einer Decke, auf den Grund zu gehen. Sie blickte ihnen nach, als sie zum Auto gingen, und war fast sicher, dass ihr Freund an diesem Abend erst sehr spät heimkommen würde.

2

Von Annas Haus in der gepflegten kleinen Wohnstraße in St. Gertrud war es nur ein Katzensprung zum Tatort. Braun nahm den kürzesten Weg, der sie über die Wakenitzbrücke die Wahnstraße hinauf, direkt in die belebte Innenstadt führte. Die Dunkelheit war bereits angebrochen, es schneite ein wenig, wodurch die Straßen angesichts der Kälte gefährlich glatt waren. Dennoch benötigte Braun keine fünf Minuten, bis er die Königstraße erreichte. Staatsanwältin Lorenz, die er dienstlich aus der Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft schon lange kannte und schätzte, hatte er deutlich ansehen können, dass sie über Bendts Diensteinsatz nicht eben begeistert gewesen war. Er unterließ es aber, seinen Kollegen darauf anzusprechen. Braun manövrierte den zivilen Einsatzwagen im Schritttempo durch die schmale Einbahnstraße auf den Absperrbereich vor der Unglücksstelle heran. Schon von weitem konnte er erkennen, dass sich vor dem Unglücksort eine dicke Traube von Menschen versammelt hatte, die in der Hoffnung, einen Blick auf das Opfer zu erhaschen, dicht gedrängt am Absperrgitter standen. Die Spurensicherung war bereits in vollem Gange.

»Das kann doch wirklich nicht wahr sein! Warum nehmen wir eigentlich keinen Eintritt?«, schnaubte Bendt, der auf dem Beifahrersitz saß und sich aufregte, weil die Passanten die Straße kreuzten, als handele es sich um den Gehweg. Die Tatsache, dass Braun das Blaulicht auf den zivilen Einsatzwagen aufgesetzt hatte, schien die Leute kaum zu beeindrucken. »Die können hier doch nicht in aller Ruhe auf der Straße rumlatschen.« Bendt hatte es kaum ausgesprochen, als Braun den Wagen auch schon abrupt abbremsen musste, weil ein Mann in Höhe des Beifahrerfensters beinahe in sein Auto gelaufen wäre.

»Vorsicht Mensch, und guck verdammt noch mal, wo du hinläufst«, rief Bendt und klopfte zugleich gegen das Fenster, durch das ihn ein mit einer roten Bommelmütze bekleideter Kerl mit weit aufgerissenen Augen und hochrotem Kopf anstarrte. Der Mann riss in einer entschuldigenden Geste die Arme hoch und suchte das Weite.

»Mach mal das Martinshorn an, Chef, und ein bisschen Alarm.«

»Reg dich doch nicht gleich so auf«, sagte Braun und blickte kopfschüttelnd zu seinem Kollegen hinüber. »Wir sind doch schon da.« Braun fuhr nur noch wenige Meter weiter und stellte den Wagen dann auch schon am Straßenrand ab. Der Tatort lag tatsächlich nicht weit vom Kohlmarkt entfernt, auf den die Königstraße mündete und wo der Lübecker Weihnachtsmarkt wie auch auf dem Koberg und dem Marktplatz stattfand. Braun atmete die kalte Winterluft ein und meinte sofort den Duft von Bratwurst, gebrannten Mandeln und Schmalzgebäck in der Nase zu haben.

»Wenn wir hier fertig sind, gehen wir gleich noch was essen, oder?«, fragte der Hauptkommissar, der sogleich einen Anflug von Appetit verspürte, den er sich generell durch kein Verbrechen der Welt verderben ließ.

»Dass du schon wieder ans Essen denken musst«, tadelte Bendt und schlug seinerseits die Autotür zu. Die Tatsache, dass heute mal wieder ziemlich viele Gaffer am Absperrgitter herumstanden, nervte ihn sichtlich. »Guck dir die Leute an«, schnaubte er und zog sich seine blaue Wollmütze über den Kopf, von der Braun fand, dass sie seinen Kollegen wie einen Einbrecher aussehen ließ. »Wir bieten unserem Publikum hier mal wieder das perfekte Alternativprogramm zum Weihnachtsmärchen.«

Braun zuckte ungerührt mit den Schultern, er trottete gelassen neben Bendt in Richtung des Absperrgitters und hörte geduldig zu, wie der sich mal wieder über die Gaffer echauffierte. An Braun perlte derartiger Ärger ab wie Wasser an einer schwimmenden Ente.

»Ich liebe es, wenn die Leute sich so brennend für unsere Arbeit interessieren«, zischte Bendt ironisch, als er sich durch die Menge von Passanten schob, die Schmalzgebäck oder gebrannte Mandeln kauten, während sie über das Geschehen am Tatort diskutierten und vor Kälte von einem Bein auf das andere traten.

»Ich frage mich, warum du so schlecht gelaunt bist. Du hast doch schon letzte Woche gesagt, dass du hoffst, einen Einsatz zu bekommen. Also hör auf, dich aufzuregen, und bedank dich artig bei der Leiche dafür, dass sie und nicht deine Schwiegereltern in spe den Nachmittag mit dir verbringt und …« Braun stockte, weil er sich daran zu erinnern versuchte, was Bendt über den bevorstehenden Adventskaffee geäußert hatte. »… und, ach ja, dir heute eine zwangsintellektuelle Unterhaltung mit Annas Eltern erspart bleibt.«

Bendt kommentierte die Spitze nicht, sondern warf Braun nur einen vorwurfsvollen Blick zu. Im Polizeiareal wurden sie bereits von den Kollegen von der Spurensicherung erwartet. Während Braun sofort zu dem Rechtsmediziner hinüberging, wandte sich sein Kollege zunächst einem abseits stehenden Beamten zu, um sich über den bisherigen Stand der Ermittlungen zu informieren.

Die Tote war mit einer Plane abgedeckt, und Karl Fischer von der Rechtsmedizin war dabei, seinen mit OP-Besteck und geheimnisvollen Tiegeln überfüllten Spurensicherungskoffer im grellen Licht der aufgestellten Polizeistrahler zu sortieren.

»Moin«, krächzte Fischer und blickte nur flüchtig auf. Er hatte die Kapuze seines weißen Schutzanzuges eng unter dem Kinn zusammengezogen und schniefte vernehmlich. Er hatte sich seinen Mundschutz auf die Stirn raufgezogen, und seine glasigen Augen und die knallrote Nase ließen ihn in dem weißen Ganzkörperkondom ein bisschen wie einen Außerirdischen aussehen.

»Hallo, Karl«, begrüßte der Hauptkommissar seinen langjährigen Freund von der Rechtsmedizin und ging zu ihm in die Knie. »Du hast dir ja richtig einen aufgesackt, was? Wenn ich das mal sagen darf, siehst du ziemlich beschissen aus.«

Fischer gab einen leidgeplagt klingenden Seufzer von sich. »Ich hätte mal auf die da drüben hören sollen.« Er deutete auf ein Plakat im Schaufenster des Hauses, aus dem die Tote gestürzt war. Eine hübsche und lebensgroß abgebildete Brünette im Rollkragenpullover, die eine dampfende Tasse Tee in der Hand hielt, lächelte ihnen freundlich zu. »Bitte erkälten Sie sich nicht«, lautete die gut gemeinte Empfehlung, die in großen gelben Lettern das Plakat der dort befindlichen Apotheke schmückte, welches zwischen zwei dekorativen roten Weihnachtssternen platziert war. »Ich huste mir die Seele aus dem Leib, und sie hat nichts Besseres zu tun, als mich anzugrinsen. Die sollte mir lieber auch mal einen Tee bringen.«

Braun lachte auf und blickte sich um, um sich einen groben Überblick über die Umgebung zu verschaffen. Er war sicher, dass zur Unglückszeit viele potenzielle Zeugen unterwegs gewesen waren. Schon die Apotheke war groß und der Publikumsverkehr mit Sicherheit entsprechend immens.

»Ich fühle mich sterbenskrank«, stöhnte Fischer. »Eigentlich könnte ich mich auch gleich danebenlegen.« Er deutete auf die Leiche, die keinen Meter von ihnen entfernt lag. Brauns Blick glitt flüchtig über die Plane, unter der sich der Körper der Toten deutlich abzeichnete. Er verspürte wenig Neigung, darunterzuschauen. Sturzopfer hatten immer etwas Marionettenhaftes, wie er fand. Ihm waren Opfer mit amtlichen Schuss- oder Stichverletzungen wesentlich sympathischer.

»Hast du Hinweise auf ein Fremdverschulden?«, fragte Braun und registrierte, dass die Kälte ihm unangenehm den Rücken hinaufkroch. Seine Jacke bedeckte, so wie er hier hockte, kaum seinen Allerwertesten, weshalb er vorerst wieder aufstand.

Fischer ließ sich Zeit mit einer Antwort. Er streifte erst seine Gummihandschuhe ab und warf sie neben den Koffer. Dann kramte er umständlich ein Taschentuch hervor und putzte sich lautstark und ausgiebig die Nase.

»Sagen wir mal so, sie hatte weder ein Messer im Rücken, als sie hier aufgeschlagen ist, noch war ihr Körper von Kugeln durchsiebt. Spricht also für den Moment einiges für ein Schädelhirntrauma infolge des Sturzes. Ob wir darüber hinaus Hinweise finden, dass ihr jemand behilflich war und ihr den kürzesten Weg nach unten gezeigt hat, weiß ich ohne verlässliche Untersuchung in der Rechtsmedizin noch nicht.« Braun lachte bitter auf. Ein gesunder Zynismus machte den Berufsalltag auch für ihn manchmal eine Spur erträglicher, allerdings verstand Fischer es immer wieder, ihn zu toppen.

»Abschiedsbrief oder Ähnliches?«, wollte Braun wissen.

»Fehlanzeige – jedenfalls nicht hier vor Ort.«

Braun maß die breite Fassade des Lübecker Stadthauses ab und musste ein paar Schneeflocken wegblinzeln, während sein Blick zu den oberen schmalen Balkonen wanderte. Das gepflegte Haus wurde ganz offenbar wie viele der Häuser in dieser Straße teilgewerblich genutzt. Denn die Dekoration in den Fenstern sowie die Beleuchtung der oberen Stockwerke ließen unzweifelhaft darauf schließen, dass sich dort Wohnungen befanden. Die Wohnung, die zu dem Balkon gehörte, von der die Tote ganz offenbar gesprungen war, schien Braun dagegen unbewohnt zu sein. Denn am Geländer, wo die Kollegen von der Spurensicherung gerade dabei waren, Fingerabdrücke zu sichern und nach weiteren Hinweisen für ein Verbrechen zu suchen, war weder eine Weihnachtsbeleuchtung angebracht worden noch fanden sich sonst irgendwelche Gardinen oder Accessoires in den Fenstern, die auf einen bewohnten Zustand hindeuteten. Er formte seine rechte Hand zu einem Schirm und legte sie an seine Brauen, um den für ihn wichtigen Balkon besser sehen zu können. Brauns Blick blieb im ersten Stockwerk an einer dreidimensionalen Weihnachtsmannfigur hängen, die aussah, als ob sie die Fassade hinaufklettern würde und an der das Opfer unmittelbar vorbeigestürzt sein musste.

»Schade«, sagte Braun. »Sieht nicht so aus, als ob dort oben jemand gewohnt hat. Dabei wäre mir das Liebste gewesen, sie wäre beim Anbringen ihrer Weihnachtsbeleuchtung oder Ähnlichem von der Leiter gefallen, und wir hätten es mit einem Unfall zu tun.«

»Glaub mir, wenn das so einfach wäre, dann läge ich jetzt schon wieder in meinem warmen Bett«, entgegnete Fischer und folgte Brauns Blick zum Balkon hinauf. Bendt, der sich nach oben begeben hatte, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen, lehnte inzwischen auch mit einem Schutzanzug bekleidet gefährlich weit über das Geländer.

»Weißt du von Zeugen?«, fragte Braun. Fischer schüttelte den Kopf.

»Für den baldigen Absturz deines geschätzten Kollegen schon«, sagte Fischer trocken. »Für meine Patientin da drüben bis dato nicht.«

Braun zog die Stirn in Falten und schaute die Straße entlang. Wie wahrscheinlich mochte es sein, dass sich dort oben ein Streit abgespielt hatte, der von den Passanten aufgrund des weihnachtlichen Trubels und Stimmengewirrs unbemerkt geblieben war? Besonders viel wusste Braun für den Moment nicht. Sicher ausschließen ließ sich bisher lediglich, dass sich dort oben beim Adventskaffeetrinken ein Familiendrama abgespielt hatte.

»Willst du sie dir jetzt mal ansehen?«, fragte Fischer.

»Muss ich wohl«, gab Braun wenig begeistert zurück und trat gleichzeitig mit Fischer an das Opfer heran, nachdem auch er sich Gummihandschuhe und einen Mundschutz übergezogen hatte. Bevor er die Plane hochhob, zögerte er einen Moment.

»Papiere hat sie dankenswerterweise bei sich gehabt, stimmt’s? Hat man mir jedenfalls telefonisch so mitgeteilt.«

»Ja, und das Passbild stimmt auch mit der Person hier unten überein«, bestätigte Fischer. »Sie hat übrigens insgesamt eine gut sortierte Handtasche bei sich getragen. Ihr Geld, ihre EC-Karte und alles, was einen Räuber sonst noch so interessieren könnte, liegen hier unten.«

Braun nickte und hob die Plane, während er sich vor das Opfer kniete, um besser sehen zu können. Der Hauptkommissar hatte schon viele Leichen gesehen und gelernt, das, was er vor sich hatte, sachlich zu betrachten und seine Emotionen zurückzudrängen. Das Opfer war seitlich auf den Asphalt aufgeschlagen, so dass die eine Hälfte ihres Gesichtes nahezu intakt aussah. Wenn man von dem blutdurchtränkten, klebrigen Haarschopf und der Tatsache absah, dass das leblose starre Auge, das ihn anblickte, auf sonderbare Weise direkt aus der vom Blut geschwärzten Gehplatte des Bürgersteigs zu ihm emporzustarren schien, sah sie für das, was passiert war, eigentlich noch ganz gut aus. Braun maß den bizarr verdrehten Körper ab, der ihn nach mehr als zwanzig Jahren Polizeidienst und über zehn Jahren Mordkommission ebenfalls nicht mehr zu schockieren vermochte. Die Tote trug einen dunkelblauen langen Daunenmantel, dazu einen Schal im Burberrymuster, braune Wollstrumpfhosen, einen knielangen Rock und Stiefel.

»Sie war gut situiert«, murmelte er nachdenklich und fragte sich gleichzeitig, in welchem Zustand wohl der Perlenohrring sein mochte, den die Tote an jenem Ohr getragen hatte, das er nicht wohlgeformt und unbeschadet betrachten konnte. Irgendwo in der Blutlache würde sich eine Antwort finden. Braun konzentrierte sich auf das, was er sah, und versuchte, jedes noch so unwichtig wirkende Detail aufzunehmen und abzuspeichern. Er ging davon aus, dass die Frau vor dem Absturz relativ frisch frisiert gewesen  war, denn in ihrem halbaufgelösten Zopf steckte eine Hornspange, und sie war geschminkt. Er nahm außerdem flüchtig den Duft eines Parfüms wahr. Um ihr Gesicht noch besser inspizieren zu können, lehnte er sich vor und registrierte, dass sie tatsächlich Make-up und Rouge aufgetragen hatte. Er kniff die Augen zusammen und kroch fast unter die Plane, denn ihr Mund, aus dem seitlich ein kleines Rinnsal Blut geflossen war, erregte seine Aufmerksamkeit.

Fischer erriet erneut seinen Gedanken. »Könnte tatsächlich ein bisschen Lippenstift sein, was du da siehst«, bestätigte er und blickte ebenfalls noch einmal in das Gesicht der zarten Person auf dem Gehsteig.

Braun kniete vor der Leiche und war so bei der Sache, dass er die Kälte vergaß. »Wer schminkt sich denn die Lippen, bevor er freiwillig aus einem Fenster springt?«, fragte er.

»Hanna Frombach«, antwortete Bendt, der den letzten Gesprächsfetzen aufgeschnappt hatte und nun, drei Kaffeebecher zwischen seinen dicken Handschuhen jonglierend, hinter seine Kollegen trat. Fischer nahm den vordersten Becher.

»Scheußlicher Anblick«, sagte Bendt und verzog das Gesicht.

»Nun stell dich mal nicht so an«, gab Braun ungerührt zurück, ohne sich von der Leiche abzuwenden.

Bendt stellte zunächst die Becher ab und ging dann ebenfalls in die Hocke, um sich die Leiche anzusehen.

Als die Kommissare genug gesehen hatten, standen sie auf. Sie entfernten sich einige Schritte von der Toten und prosteten einander zu. Braun und Fischer verzogen fast zeitgleich sichtlich angewidert ihre Gesichter.

»Der ist ja dünn wie Tee«, beschwerte sich Braun und inspizierte den Kaffee in seinem Becher so kritisch, als habe Bendt versucht, ihn zu vergiften.

»Ich habe nicht gesagt, dass der Kaffee auch gut ist«, verteidigte sich Bendt.

»Ist wie Medizin und immerhin heiß«, erklärte Fischer, der sich offenbar selbst Mut zusprechen musste.

»Du musst, glaube ich, wirklich dringend in dein Bett«, meinte Braun, der sich um seinen Freund langsam fast ein bisschen Sorgen machte. Denn der zitterte und schien Fieber zu haben.

»Du siehst wirklich total beschissen aus«, stellte jetzt auch Bendt fest. »Du solltest dich auskurieren.«

»Vielen Dank für das nette Kompliment, das ich heute übrigens schon einmal gehört habe. Ich nehme an, dass euer Mitleid mit mir nicht so weit geht, dass ihr ein paar Tage auf die Sektion eurer Leiche warten wollt – stimmt’s?«

»Morgen bist du doch wieder topfit.« Braun klopfte seinem Freund auf die Schulter. »Ich komme gern gleich morgen früh in der Rechtsmedizin vorbei und hole mir die ersten Ergebnisse von dir, wenn’s geht.«

»Wenn ich morgen noch lebe!«, stöhnte Fischer und unterstrich sein zur Schau getragenes Leiden mit einem lauten Husten.

»Ich bin da zuversichtlich, und mit einer schlechteren Ausrede, als dass du tot bist, darfst du mir morgen auch nicht kommen, falls ich dich nicht antreffe«, sagte Braun grinsend und sah dem Freund nach, der mit seinem Sektionskoffer unter dem Arm gebückt von dannen schlurfte.

»Lass uns drinnen weiterreden«, bat der Hauptkommissar, »das heißt, wenn du keine Neigung verspürst, noch einmal unter die Plane zu schauen, bevor sie abtransportiert wird.«

»Ich verzichte zugunsten anderer«, entgegnete Bendt und ging zur Tür des Hauses hinüber, aus dessen zweitem Stock Hanna Frombach gestürzt war.

3

Braun schlurfte über den gewaltigen grauen Schmutzfänger, der die marmorierten Fliesen hinter dem Eingangsportal im unteren Hausflur schützte. Linksseitig führte eine elektrische Schiebetür aus Glas in die im Erdgeschoss gelegene Apotheke und begleitete das Kommen und Gehen ihrer Besucher mit einem sonoren Surren. Geradeaus führten drei Stufen hinauf in den mit ausgetretenen Holzdielen versehenen Hauptflur, wo sich etwas weiter hinten die Treppe in die oberen Stockwerke befand. Braun verzog das Gesicht, als er das Streugranulat unter seinen Füßen quietschen hörte, als hätte man ein Stück Kreide über eine Tafel gezogen. Zwar sah dieser Teil des Gebäudes nicht so modern aus wie das Erdgeschoss, dafür roch es besser, wie Braun fand. Denn er konnte dem holzig muffigen Geruch des Treppenhauses weit mehr abgewinnen als der vor der Apotheke vorherrschenden Mischung aus Arznei, Reinigungsmitteln und vor allem zahlreichen Parfüms, deren influenzageschädigte Träger die Apotheke aufgesucht hatten.

»Und, was hast du für mich?«, erkundigte Braun sich gespannt, während sie die hohen Stufen des alten Gebäudes hinaufstiegen.

»Wenig«, gestand Bendt. »Offenbar hat keiner etwas auf dem Balkon gesehen oder gehört, bevor sie unten aufgeschlagen ist.« Er deutete zu einer der dunkel gebeizten massiven Wohnungstüren im ersten Stockwerk hinauf. »Das ist die Wohnung, die direkt unter der liegt, in der das Opfer sich aufgehalten hat. Hier war zur Tatzeit keiner der Eheleute zu Hause«, referierte er das, was er von den Kollegen erfahren hatte. Brauns Blick streifte das Türschild der hier beheimateten Schröders und deren Türkranz nur flüchtig. Denn die Weihnachtsdekoration der Familie Herrmanns von gegenüber zwang ihn, einige Sekunden innezuhalten. Herrmanns hatten ohne jeden Zweifel sehr viel mehr für Dekoration übrig als ihre Nachbarn. Neben einer übergroßen Weihnachtsmannfigur aus Plastik, die an der Wohnungstür hing und unentwegt blinkte, bewachte ein Bataillon aus rotgesichtigen Zwergen das Domizil, das man über eine »Happy Christmas«-Fußmatte betreten konnte.

»Die Leute waren zu Hause«, berichtete Bendt.

»Die scheint hier ja auch keiner mehr rauszulassen«, mutmaßte Braun. »Denen gehört wohl auch der Weihnachtsmann an der Fassade, der nichts unternommen hat, um Frau Frombach aufzufangen.« Braun wandte sich den Weihnachtszwergen zu. »Und ihr, Jungs?«

»Keiner will etwas Ungewöhnliches bemerkt haben«, fuhr Bendt fort. »Handwerker waren heute wohl keine da oben, was mitten im Winter am Samstag ja auch nicht wirklich verwundert. Diese Frau Herrmanns hat allerdings angegeben, dass irgendwann zwischen zwei und drei, als sie gerade in den Keller runterwollte, eine Frau an ihr vorbeigelaufen sei, auf die unsere Opferbeschreibung zutrifft.«

»Wahrscheinlich war Frau Herrmanns auf dem Weg, noch mehr Zwerge aus dem Keller zu holen«, witzelte Braun und setzte gemächlich seinen Weg nach oben fort. »Und, hat diese Frau Herrmanns registriert, ob die Frau, die ihr auf der Treppe entgegengekommen ist, auf sie einen verwirrten oder irgendwie sonst auffälligen Eindruck gemacht hat?«

»Die Zeugin hat gesagt, die Frau sei ganz schnell an ihr vorbeigerauscht und habe irgendwie gehetzt gewirkt. Sie selbst, also Frau Herrmanns, hätte das aber nicht besonders interessiert. Sie dachte, die Frau sei oben irgendwo eingeladen und zu spät dran.

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