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Schnee an der Riviera

Rosa Cerrato

Schnee an der Riviera

Nelly Rosso ermittelt

Kriminalroman

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull und Esther Hansen

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

Delitto al Paul Klee

erschien 2006 bei Fratelli Frilli Editori

ISBN 978-3-8412-0510-0

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Juli 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2009 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Delitto al Paul Klee © 2006 Fratelli Frilli Editori

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung © Mediabureau Di Stefano, Berlin unter Verwendung mehrerer Fotos von Marje Cannon, Roberta Casaliggi, Danny Smythe, Serghei Starus, Duncan Walker, Isabelle Zacher-Finet/iStockphoto

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

ERSTER TAG – Morgen

ERSTER TAG – Nachmittag

ERSTER TAG – Abend

ZWEITER TAG – Morgen

ZWEITER TAG – Nachmittag

ZWEITER TAG – Abend

DRITTER TAG – Morgen

DRITTER TAG – Nachmittag

DRITTER TAG – Abend

VIERTER TAG – Morgen

VIERTER TAG – Nachmittag

VIERTER TAG – Abend

FÜNFTER TAG – Morgen

FÜNFTER TAG – Nachmittag

FÜNFTER TAG – Abend

SECHSTER TAG – Morgen

SECHSTER TAG – Nachmittag

SECHSTER TAG – Abend

SIEBTER TAG – Morgen

ACHTER TAG – Morgen

ACHTER TAG – Nachmittag

ACHTER TAG – Abend

NEUNTER TAG – Morgen

NEUNTER TAG – Nachmittag

NEUNTER TAG – Abend

ZEHNTER TAG – Morgen

Zwei Wochen später

Auf der Terrasse

Woanders

ERSTER TAG
Morgen

Kommissarin Nelly Rosso öffnete die Augen nur, um sie sofort wieder zu schließen. O nein, nicht schon wieder ein Tag! Der Frühling ließ sich so mühsam an, so zäh, und sie war so müde. Der Wecker hatte noch nicht geklingelt, und ehe sein quälendes Piepen die letzten Überbleibsel ihres Traumes verdrängen konnte, tastete sie danach und schaltete ihn aus. Obwohl sie versuchte, an den Traumbildern festzuhalten, schlüpfte ihr alles Wesentliche durch die Finger und verlor sich bis auf einige Fetzen langsam im Nebel. Es war ein schöner Traum gewesen, ihre Mutter war darin vorgekommen, auch ihr Kater Negus, und sie war klein gewesen ... Es half nichts, der Traum verkroch sich wieder in die hintersten Winkel des Unterbewusstseins, aus denen er hervorgekommen war, und seufzend stand Nelly auf.

An der Wand gegenüber dem großen, schlichten, lediglich aus einem dunklen Holzrahmen bestehenden Ikea-Bett hing ein riesiger, rahmenloser Spiegel, aus dem ihr Bild sie allmorgendlich begrüßte, sofern sie Lust hatte, es sich anzusehen. An diesem Morgen hielt Nelly den Blick gesenkt, um ihre kräftige, für eine Frau recht muskulöse Gestalt mit den verwuschelten roten Haaren und dem müden Gesicht nicht sehen zu müssen, und tapste lustlos und mit halbgeschlossenen Lidern Richtung Bad. Vielleicht würde eine kalte Dusche ihr ein bisschen Schwung verpassen, aber erst mal musste sie Mau wecken.

Maurizio, genannt Mau, lag zusammengekauert wie ein Fötus, ohne Decke und nur mit einer Unterhose bekleidet da und schlief.

»Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als zusammengekauert zu schlafen«, dachte die Mutter, »das Bett ist schließlich viel zu kurz.« Dabei war es ein ganz normales Erwachsenenbett, nur dass Mau mit seinen siebzehn – Verzeihung – achtzehn Jahren und einem Monat einen Meter neunzig groß war. Nelly hoffte heimlich, er würde nicht noch mehr wachsen, denn er überragte jetzt schon seine Freunde, seine Lehrer und auch sie selbst, obwohl sie mit ihren eins achtundsiebzig alles andere als klein war.

»Mau, na los, aufstehen, mein Schatz.«

Sie rüttelte ihn sanft, bis er grunzte, dann schob sie eine CD in die Stereoanlage, drückte auf »on«, und softe Santana-Klänge erfüllten das kleine Zimmer. Der Junge drehte sich seufzend auf die andere Seite. Entschlossen betrat Nelly das Badezimmer.

Die Dusche brachte die entscheidende Wendung, und die Frau, die aus der Kabine trat, war um einiges lebendiger als die, die darin verschwunden war. Erstaunlicherweise war Mau bereits in der Küche, und ein verlockender Geruch nach Toast lag in der Luft. Der Tisch war sorgfältig gedeckt, Butter, Marmelade, Crostini, sogar gekochte Eier. Gurgelnd stieg der duftende Kaffee in der Espressomaschine hoch.

»Womit hab ich denn das verdient?«, fragte Nelly fröhlich und versuchte, ihren Jungen zu küssen. Doch der wich ihr sofort aus, was bei seiner Länge keine große Kunst war. Er ließ sich schon seit einer ganzen Weile nicht mehr küssen, und wenn, dann nur äußerst widerwillig.

»Du hast vor achtzehn Jahren den richtigen Typen rangelassen«, gab er heiser zurück.

Nelly sah ihn an und fragte sich, was wohl hinter dieser Schnoddrigkeit steckte. Maus Vater war gestorben, als er gerade zwei war, er erinnerte sich nicht an ihn, und womöglich litt er darunter.

»Vielleicht sollte ich ihm mehr von seinem Vater erzählen ... Wenn es nur nicht noch immer so weh täte ...«, dachte sie. Sie beschloss, die Sache nicht weiter zu vertiefen. Ihre bewährte Überlebensstrategie.

»Da hast du wohl recht, ich hab verdammtes Glück gehabt«, antwortete sie versöhnlich.

»Die Katzen haben schon was bekommen.« Mau zog es vor, das Thema zu wechseln. »Hätte ich den Biestern nichts gegeben, hätten die glatt mich gefressen«, fügte er hinzu und übertrieb wie immer maßlos.

Mau mochte Hunde, war aber von klein auf gezwungen gewesen, mit Generationen von Katzen zusammenzuleben. Die jetzigen drei, Pippo, Minni und Silvestro, Musterexemplare der in unterschiedlichen Nuancen grauschwarz getigerten europäischen Hauskatze, hockten mit der ihrer Spezies eigenen Eleganz vor drei farbigen Näpfen auf der Terrasse. Hastig schmierte sich Nelly einen Toast mit Butter und Bitterorangenmarmelade und trat hinaus. Wie immer überkam sie ein Glücksgefühl. Der großspurig »Terrasse« genannte Austritt bestand lediglich aus zwei insgesamt fünf Quadratmeter großen Ebenen mit einer winzigen Laube auf der ersten, doch der Ausblick war einfach atemberaubend. Das tiefblaue, ruhige Meer erstreckte sich bis zum Horizont; rechts zogen sich die Berge Richtung Frankreich, links konnte man die ganze Küste bis nach Portofino überblicken, dessen Kap an einen riesigen, im Wasser liegenden Dinosaurier erinnerte. Geradeaus der Hafen, der Leuchtturm, und direkt unter ihr das schiefergraue Dächermeer der Altstadt. Die von Mau liebevoll gepflegten Geranien, die Nellys schwarzen Daumen überlebt hatten, dufteten, und das vom Basilikum dominierte Aroma der Kräuter (um die sich ebenfalls Mau kümmerte, weil sie weder Zeit noch Lust dazu hatte) wehte ihr entgegen.

»Wir beide können uns echt glücklich schätzen, weißt du das, Mau?«

Mau hatte für Gefühlsduseleien nichts übrig und sie eigentlich ebenso wenig.

»Kommt drauf an«, gab er lakonisch zurück und schlüpfte in seine vorschriftsmäßig geflickte Jeansjacke.

Er hatte eine unglaubliche Menge Toasts und drei gekochte Eier verdrückt, doch sah man ihm das nicht an. Er war dünn wie ein Strich, und das rötlichbraune, schulterlange und zu Dreadlocks verfilzte Haar ließ sein Gesicht noch länger und hagerer erscheinen, kaschierte aber immerhin die pickelige Teenagerhaut ein wenig.

»Ciao, Ma.«

Noch ehe Nelly etwas antworten konnte, war er verschwunden. Kurz darauf verließ auch sie das Haus. Die kleine Piazza lag noch im Schatten, und nach und nach öffneten die Läden. Wie immer bog sie links in die erste Gasse ein und betrat Beppes Bar. Eigentlich war es weniger eine Bar, denn eine enoteca, ein Weinlokal alten Stils, von denen es selbst in der Altstadt nur noch wenige gab. Sonderlich sauber war es darin nicht, aber in dem sowieso ziemlich schummrigen Schankraum fiel das kaum auf. Abgesehen von dem relativ neuen Tresen (zwanzig Jahre alt?) hatte sich das Inventar seit der Eröffnung vor vierzig Jahren, als Beppe aus dem Piemont hierhergekommen war, nicht verändert. An den Wänden ringsum reihten sich die klassischen, einfachen Metallregale, deren rostige Stellen mit zahllosen Schichten grauer Farbe übertüncht worden waren. Allerdings sah man von den Regalen ohnehin nicht viel, waren sie doch vollgestopft mit den unglaublichsten Flaschen, von denen die obersten über und über mit Staub bedeckt waren. Es gab nichts, was es nicht gab: uralten Fernet Branca, Liquore Strega, Tausende Cordials – sogar den Cordial Campari, den Nellys Mutter so gern getrunken hatte – und Cynar, Stock 84, Vecchia Romagna sowie unzählige Grappas, sämtliche Grappas Italiens, dazu eine Weinauswahl, die selbst die Genueser Wein- und Spirituosenmesse blass aussehen ließ. Schon beim Betreten des Lokals ging Nelly das Herz auf. Beppes Geheimwaffe allerdings war sein Cappuccino (was jedoch nur die wenigen Stammkunden wussten): fraglos der beste der ganzen Stadt. Es war gewissermaßen ein doppelter Cappuccino. Mau wäre sicher beleidigt gewesen, hätte er gewusst, dass seine Mutter jeden Morgen einen (manchmal auch zwei) Cappuccino bei Beppe trank, nachdem er sich so viel Mühe mit dem Frühstück gemacht hatte. Es war wie ein geheimes Laster, ihre Art, gut in den Tag zu kommen, ein Ritual eben.

An diesem Morgen jedoch hatte Nelly es eilig und konnte sich nicht für ein Schwätzchen zu den üblichen, ihr wohlbekannten Stammgästen setzen, größtenteils Pensionäre, die bereits in aller Frühe über Sport und Politik diskutierten und einander das einzige, druckfrische Exemplar des Secolo aus den Händen rissen. Sie stürzte ihren Cappuccino hinunter, grüßte und hastete unter den verdutzten, fragenden Blicken der Rentner wieder hinaus. Beppe, graues Haar, bordeauxfarbenes Polohemd, stämmig, mit lebhaften Augen im braungebrannten, zerfurchten Gesicht, zuckte enttäuscht die Achseln, denn der kleine Plausch mit der Kommissarin gehörte nun einmal zum Tagesanfang. Mit ihr konnte man gut diskutieren. Und manchmal ließ es sich auch herrlich mit ihr streiten.

Eilig legte Nelly das Stück bis zum Tunnel neben dem Wolkenkratzer zurück (der erste Genuas, noch aus der Zeit des Faschismus, und deshalb bis heute »der Wolkenkratzer« genannt), während die bunte Menschenvielfalt in den Gassen nach und nach den Gesichtern der im Zentrum arbeitenden Angestellten wich. So schnell sie konnte und mit angehaltenem Atem durchquerte sie den Tunnel Richtung Meer. Der morgendliche Verkehr tobte, die Luft war zum Ersticken. Sie ging gern zu Fuß, doch wie jeden Morgen kam ihr in den Sinn, dass man eigentlich eine Gasmaske bräuchte, um den Tunnel, der das Stadtzentrum mit dem Foce-Viertel verband, unbeschadet zu durchqueren.

Kaum hatte man die Unterführung hinter sich, tauchte rechts das helle Gebäude des Liceo D’Oria auf, daneben die Kolumbus-Treppenanlage mit den drei aus Frühlingsrabatten gepflanzten Karavellen, und schließlich der mächtige Bau des Polizeipräsidiums. Links davon lagen die herrliche Piazza della Vittoria und dahinter die Gärten des Bahnhofs Genova Brignole.

Das Polizeipräsidium war zu Zeiten Mussolinis in schönstem faschistischen Stil erbaut worden, genau wie die angrenzende Piazza della Vittoria mit dem Gefallenendenkmal. Nelly mochte es dennoch. Sie mochte einfach alles an ihrem Arbeitsplatz. Für sie, die aus der tiefsten piemontesischen Provinz stammte, war Genua immer wieder eine Überraschung, ein Geschenk: Der selbst im Winter häufig blaue Himmel, das Meer unweit des Präsidiums und die immergrünen Parks machten ihr sofort gute Laune. Sie liebte diese Stadt, trotz der Abgase und des ständigen Verkehrschaos, dem man immer wieder mit ebenso abenteuerlichen wie sinnlosen Einbahnstraßenregelungen beizukommen versuchte, und trotz ihrer Bewohner, die oftmals alles taten, um die schlimmsten Vorurteile über ihresgleichen zu bestätigen. Genua hatte einen unschlagbaren Pluspunkt: Jeder scherte sich nur um seinen eigenen Kram, und so war man frei. Frei, nicht so elegant zu sein wie in Mailand und auf Klatsch oder erzwungene Geselligkeit zu pfeifen, die sowieso fast alle mieden. Frei, so zu leben, wie man wollte, ohne irgendjemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Wer wie Nelly in einem Dorf aufgewachsen war, in dem alle über alles und jeden informiert waren und nichts lieber taten, als ihre Nasen in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken, wusste diese bittersüße Freiheit zu schätzen.

Die Kehrseite der Medaille, die Einsamkeit, störte sie nicht: Sie hatte Mau, die Katzen, ihre Arbeit, einige wenige, gute und dauerhafte Freundschaften und hin und wieder ... Der höfliche Gruß des Wachbeamten riss sie aus ihren Gedanken: »Guten Tag, Dotto’.«

Das konnte Dottore oder Dottoressa heißen, in ihrem Job spielte das keine Rolle. Der Mann war blutjung und neu in Genua. Er hieß Nicola und kam aus Kalabrien. Nelly lächelte ihm zu.

»Ciao, Nicola. Ist Dottor Auteri schon da?«

»Nein, Dottoressa Rosso. Ich hab ihn noch nicht gesehen.«

Vizekommissar Marco Auteri war mit Nelly in einer Einheit. Normalerweise war er vor ihr da. Auch Nicola wusste das und schien erstaunt.

»Na gut, sag mir Bescheid, sobald er kommt.«

»Wird gemacht, Dotto’.«

Der junge Mann sah der Kommissarin nach. Sie war nett, freundlich und tat sich nicht wichtig wie viele ihrer männlichen Kollegen. Zwar war sie nicht sein Typ, zu groß und kräftig und dazu noch rothaarig, mit Locken und leicht sommersprossigem Teint, außerdem zu alt (für Nicola waren alle Frauen jenseits der dreißig alt), doch sie hatte schöne braune, leicht mandelförmige Augen, wach und »durchdringend«, das war das Adjektiv, das ihm in den Sinn kam. Und ihre Lippen waren voll und sexy. Wer weiß, ob sie einen Freund hatte, verheiratet war sie jedenfalls nicht, doch angeblich hatte sie einen Sohn. Plötzlich wurde es in der Warteschlange der Immigranten, die um ihre Aufenthaltsgenehmigung anstanden, unruhig, und Nicola rief einen Kollegen zur Verstärkung herbei. An die Dottoressa Rosso dachte er nicht mehr.

»Wieso muss dieser ganze beschissene Papierkram eigentlich immer bei mir landen?«, stöhnte Nelly.

Sie saß an ihrem Schreibtisch und starrte frustriert auf den Stapel Post und Akten, den ihr Valeria, die mit der Sekretariatsarbeit betraute Polizistin, hingelegt hatte. Valeria tauchte in der Tür zum Vorzimmer auf, lächelte entschuldigend und breitete wortlos die Arme aus. Wenn es um die Durchsicht von Unterlagen ging, war mit Kommissarin Rosso nicht zu spaßen. Sie hatte sich kaum wieder an ihren Platz gesetzt, da rauschte Lojacono herein, Nellys neapolitanischer Kollege im Morddezernat. Sie sah von den Papieren auf, die sie sich resigniert vorgenommen hatte, und blickte ihn argwöhnisch an. Der Kerl hatte die teuflische Gabe, ihr sämtliche kniffligen, nervigen Fälle mit verschwindend geringen Aussichten auf eine rasche Aufklärung, geschweige denn einen Hauch von Anerkennung überzuhelfen. Darüber hinaus neigte er zu verdächtig effektiven Methoden, um an Geständnisse zu kommen, die Nelly ganz und gar nicht gefielen. Er sah kein bisschen grob oder brutal aus, sondern wirkte eher schmächtig und umgänglich, doch etwas in seinem Blick verriet, dass man sich vor Commissario Carmine Lojacono besser in Acht nahm.

»Und, Nelly, was gibt’s Neues? Hast du schon gehört, was an der Schule deines Sohnes passiert ist?«

Nelly, die noch nicht einmal Gelegenheit gehabt hatte, einen Blick in die Zeitung zu werfen, sah ihn fragend an und spürte, wie sich ihr die Nackenhaare hochstellten. Alles, was direkt oder indirekt mit Maurizio zu tun hatte, versetzte sie in Alarmbereitschaft.

»Nein, was ist denn passiert?«

»Die Meldungen gehen auseinander. Angeblich sind zwei oder drei Schüler plötzlich durchgedreht, haben eine Lehrerin niedergeschlagen und sind aufs Schuldach geflohen. Vor Ort sind Nucci mit Mandelli und Sassu, aber es wurde Verstärkung angefordert ...«

Noch ehe der Kollege seinen Satz beenden konnte, war Nelly aufgesprungen.

»Weiß man, wie die Schüler heißen?«

»Nein, aber das wird wieder mal einer dieser typischen Jungenstreiche sein, heutzutage ticken die doch alle nicht mehr sauber, genau wie die Eltern.«

»Ich fahre hin. Ist Auteri inzwischen gekommen?«

Ein zufriedenes Grinsen darüber, ihr noch eine schlechte Nachricht überbringen zu können, huschte über Lojaconos Gesicht.

»Wir werden wohl ein paar Wochen ohne den lieben Marco auskommen müssen. Gerade hat mich seine Freundin angerufen. Heute früh hatte er auf dem Weg hierher einen Autounfall, zum Glück nichts Ernstes, sie haben ihn ins Galliera-Krankenhaus gebracht; wenn du willst, kann ich dir ...«

Noch ehe Lojacono ausreden und den Mund wieder zuklappen konnte, war Nelly bereits die Treppe hinuntergestürzt, hatte sich erkundigt, welcher Fahrer und welcher Wagen frei waren, sich ins Auto geschwungen und war mit heulenden Sirenen zur Schule ihres Sohnes aufgebrochen. Der verdatterte Lojacono stand in ihrem Büro und rang nach einer geistreichen Bemerkung.

»Ihr Frauen seid viel zu emotional«, sagte er kopfschüttelnd und sah Valeria herausfordernd an. »Das ist eure Schwäche: Kaum geht’s um eure Kinder, verliert ihr den Verstand.« Die stumme Verachtung der Sekretärin hielt ihn von weiteren Kommentaren ab, und er trollte sich.

Das musisch orientierte Paul-Klee-Gymnasium lag im Zentrum, auf halber Höhe des Hügels, auf dessen Kuppe die obere Altstadt thronte. Man erreichte es über die Salita Bertani und eine breite, ziegelgepflasterte creuza1, die rechts in einen Torbogen mündete. Trat man aus dessen Schatten wieder heraus, tat sich dahinter einer der zahllosen versteckten und verwunschenen Winkel Genuas auf, die man, selbst wenn man unmittelbar nebenan wohnte, womöglich erst nach dreißig Jahren per Zufall entdeckte. Es war ein abgeschiedener, grüner, stiller Ort, unerreichbar mit dem Auto: lediglich eine Art breiter Bürgersteig, von dem ein etwas schmalerer Weg zum Eingang des Gymnasiums führte. Wie viele Gebäude der Altstadt war es gleich den Rängen eines zum Meer hin geöffneten Amphitheaters an den Berghang gebaut. Während sich über dem Portal nur wenige Stockwerke erhoben, reichten sie auf der anderen Seite bis hinunter zum Fuß des Hügels. Auf der Rückseite führte die Standseilbahn entlang, die das Zentrum mit dem Corso Magenta im oberen Stadtteil verband.

Wie oft hatte Nelly diesen Weg in den letzten Jahren zurückgelegt, um mit dem Direktor zu sprechen! Die berufliche Routine ließ sie vollkommen gefasst erscheinen, doch eine dumpfe Unruhe erfüllte sie. Zwei Jungs, vielleicht drei. Was bedeutete das? Weshalb sollte ausgerechnet Mau ...? Doch die Unruhe blieb. »Gleich bin ich schlauer«, sagte sie sich.

Der Polizeiwagen hielt auf dem Platz vor dem Santuario del Padre Santo. Nelly machte dem Fahrer Marcello ein Zeichen, zu warten, und lief die steile Straße hinunter. Sie hätte den Wagen auch unten herum fahren lassen können, wo sich die einzige Zufahrt zum Gymnasium befand, doch das hätte länger gedauert, und sie hatte keine Zeit zu verlieren. Dass sie keinen Herzinfarkt bekam, war allein ihrem regelmäßigen Jogging am Righi zu verdanken. In wenigen Sätzen war sie vor der Schule. Nucci kam ihr sofort entgegen. Er war von ihrer Ankunft in Kenntnis gesetzt worden und hatte vor dem Eingang bereits auf sie gewartet.

»Dottoressa Rosso, es handelt sich um zwei Jungs aus der 12 a; es gab eine Routinedurchsuchung mit Drogenhunden, und plötzlich ist das Chaos ausgebrochen.«

»Eine Routinekontrolle in der Schule meines Sohnes, und ich arbeite im Polizeipräsidium und weiß nichts davon, verdammt!«, dachte Nelly. Allerdings fiel dies nicht in ihr Ressort, um so etwas kümmerte sich Santangelo, Nuccis Chef.

»Und? Was ist passiert? Was meinst du mit Chaos?«

»Als die Mathelehrerin die Polizisten und Drogenhunde ankündigte, hat offenbar einer versucht, auf die Toilette zu flüchten. Die Lehrerin wollte ihn zurückhalten, er hat sie geschubst, sie ist mit dem Kopf aufgeschlagen und bewusstlos liegen geblieben, und da hat der Junge wohl Panik gekriegt, ein anderer ist ihm gefolgt, weshalb, weiß man nicht, und die beiden sind aufs Dach geflohen. Beinahe hätte ich das SEK gerufen, zur Sicherheit ...«

»Das SEK, du tickst wohl nicht mehr richtig, das hier ist doch kein amerikanischer Actionstreifen! Wie ... wie heißen die Jungs denn?«

»Francesco Bagnasco und Maurizio Tondelli.«

Nelly hatte es geahnt, aber es war trotzdem ein Schock. Sie hatte vom ersten Moment an gewusst, dass Mau irgendwie in die Sache verwickelt war, auch wenn es überhaupt keinen Grund zu der Annahme gab. Oder doch? Gibt es heutzutage nicht immer und auf jeden Fall einen Grund? Doch es blieb keine Zeit, um in der jüngsten Vergangenheit nach irgendwelchen Auffälligkeiten oder Verdachtsmomenten herumzustochern.

»Der eine ist mein Sohn. Maurizio Tondelli, um genau zu sein.«

Ihre Stimme klang neutral und fest.

»Himmel!«, rutschte es Nucci heraus.

In dem Moment erblickte Nelly Professor Giacometti, den Direktor. Auch er hatte sie gesehen und wiedererkannt und kam sichtbar erschüttert auf sie zu.

»Commissario ... Dottoressa ... es ist unglaublich, nicht zu fassen, so etwas an einer Schule ... und dann auch noch Maurizio ...«

Sie unterbrach ihn mit einer Handbewegung; dies war nicht der richtige Moment, um den Kopf zu verlieren.

»Wir müssen die in den Klassen verbliebenen Schüler beruhigen, die sind bestimmt zu Tode erschreckt, kümmern Sie sich bitte darum, Herr Direktor. Welcher von den beiden hat die Lehrerin gestoßen?«

»Bagnasco«, sagte Nucci.

Maurizios bester Freund, verdammt noch mal, sein bester Freund, der bei ihnen zu Hause ein und aus ging, die beiden waren Kumpels seit der Grundschule, ein dunkler, hagerer Junge, der nur aus Augen, Nase und Brille bestand. Total nett, weltfremd und völlig harmlos. Wie war das möglich?

»Haben Sie mit den Jungs Kontakt aufgenommen?«

»Sie haben gesagt, sollten wir versuchen, uns zu nähern, würden sie sich vom Dach stürzen«, stieß Nucci hervor und sah sie besorgt an.

Entschlossen lief Nelly Richtung Treppe und war fast oben angekommen, als ein Schuss und ein markerschütternder Schrei ertönten, unmittelbar gefolgt von einem dumpfen Aufprall. Die Kommissarin begriff sofort, stürzte die Stufen wieder hinunter und rannte von Nucci und Professor Giacometti gefolgt hinaus. Sie mussten noch die seitliche Außentreppe hinab und halb um das Gebäude herum, begleitet von Sassus Schreien, der auf dem Dach stand und wie ein Wahnsinniger brüllte. Unten, zu Füßen des Gebäudes, auf dem von spärlichem Unkraut überwucherten Zement, lag wie ein Lumpensack ein zusammengekrümmter Körper. Darübergebeugt Gian, der Hausmeister der Schule, wie Nelly mechanisch registrierte.

»Fassen Sie ihn nicht an, nicht anfassen!«, rief Nelly mit einer ihr vollkommen fremden Stimme.

Mit völlig leerem Kopf erreichte sie den gestürzten Jungen und drehte ihn behutsam um. Francesco Bagnasco lag da wie eine kaputte Puppe. Er rührte sich nicht mehr. Offenbar war er sofort tot gewesen, der Sturz war aus fast dreißig Meter Höhe erfolgt. Einzig ihre Erfahrung und Selbstbeherrschung bewahrten die Kommissarin vor einer Ohnmacht. Sie riss sich zusammen, wies Nucci an, den Gerichtsmediziner und die Spurensicherung zu rufen und den Staatsanwalt zu informieren. Da war diese Detonation gewesen; merkwürdig, sie meinte, ein seltsames Echo gehört zu haben, als wären zwei Schüsse gefallen – wer zum Teufel hatte da geschossen? Und war Franci vor seinem Sturz getroffen worden? Auf den ersten Blick ließ sich nichts feststellen. Nelly bedeckte das Gesicht des Jungen mit ihrer Jacke, ließ Nucci neben dem Toten zurück und machte sich wieder in Richtung Schulgebäude auf.

In der Schule herrschte Chaos. Der von einer Nervenkrise erfasste Direktor lief händeringend hinter ihr her und stammelte zusammenhangloses Zeug, und die Schüler drängelten sich panisch schreiend an den Fenstern. Manche waren ohnmächtig geworden, die Drogenhunde jaulten.

»Herr Direktor«, zischte Nelly, »reißen Sie sich sofort zusammen, sehen Sie zu, dass Sie gemeinsam mit den Lehrern die Schüler beruhigen, statt Ihre Hände zu kneten, sonst stürzt womöglich noch einer aus dem Fenster.«

Der Mann atmete tief durch, rang mühsam um Fassung und setzte sich in Bewegung. Wie Christus auf dem Kreuzweg erklomm Nelly die Stufen des Gymnasiums, begleitet von den verzweifelten Schreien der geschockten Schüler, von den Klagen, Flüchen und dem entsetzlichen Vorwurf:

»Ihr habt ihn umgebracht, Mörder, Mörder!«

Mau kauerte auf dem Boden neben der Terrassentür, bewacht von Sassu, der ihm Handschellen angelegt hatte. Aschfahl und reglos stand Mandelli daneben und starrte auf den kleinen, teils von Unkraut, teils von Nellys blauer Jacke verdeckten Umriss hinunter. Seine Dienstwaffe lag neben ihm am Boden. Mau war noch blasser als der Polizist. Seine Augen waren weit aufgerissen, Nelly musterte seine Pupillen, die ebenfalls geweitet waren. War nur die Angst daran schuld? Immerhin hatte er soeben seinen besten Freund sterben sehen, kein Wunder, dass er außer sich war. »Mach jetzt bloß nicht auf Mutti«, sagte sie sich kalt.

»Was ist passiert, Mau?«

Mühsam wandte er ihr den Kopf zu. Ganz offensichtlich stand er unter Schock. Er strahlte eine seltsame, unnatürliche Ruhe aus, nur ab und zu zuckte er schaudernd zusammen.

»Du hast doch gesehen, was passiert ist. Deine Polizistenkollegen, diese Schweine, haben Franci umgebracht.«

Maus Stimme brach.

»Ich war nicht rechtzeitig hier, um zu sehen, was passiert ist. Vielleicht erzählst du’s mir?«

Der Junge stand kurz vor einem Kollaps, seine Lippen begannen zu beben.

»Er hatte ein bisschen Hasch und hat sich ins Hemd gemacht wegen der Drogenhunde, er wollte aufs Klo, um es wegzuschmeißen, doch die Galli, diese Hexe, hat ihn nicht rausgelassen, sie hat sich vor die Tür gestellt, und da ist ihm die Sicherung durchgebrannt, er hat sie geschubst, und sie ist gefallen. Franci dachte wohl, er hätte sie umgebracht und hat die Krise gekriegt, ich hab versucht, ihn zurückzuhalten, ihn zur Vernunft zu bringen, deshalb bin ich hinter ihm her, aber diese Drecksäcke«, er deutete mit dem Kinn auf die zwei Polizisten, »haben sofort angefangen zu brüllen und uns zu drohen, ergebt euch, macht keinen Scheiß, sonst rufen wir das SEK, da hat er einfach den Kopf verloren, wollte sich runterstürzen, ich hab versucht, ihm klarzumachen, dass es total bescheuert war, abzuhauen, dass die ihm wegen einem bisschen Gras überhaupt nix anhaben können, dass die Galli nicht gleich tot ist, nur weil sie hinfällt, aber er war völlig neben der Kappe. Ich hatte ihn fast überzeugt, da ist der da«, er zeigte auf Mandelli, »auf dem Dach aufgetaucht, und Franci hat sich aus lauter Angst ein Stück Ziegelstein gegriffen, es nach ihm geworfen, ist auf die Brüstung gesprungen, und der ... hat auf ihn geschossen! Er hat auf ihn geschossen, verstehst du? Die haben Franci umgebracht, ermordet, Franci, der keiner Fliege was zuleide tat, Franci ...«

Jetzt gingen Maus Nerven restlos mit ihm durch, und er brach in verzweifeltes Schluchzen aus. Von oben konnte Nelly sehen, dass der Gerichtsmediziner und die Spurensicherung eingetroffen waren. Sie rief nach Doktor Parodi. Der rundliche, glatzköpfige Mann mittleren Alters blickte zu ihr empor. Nachdem er festgestellt hatte, dass man für Francesco Bagnasco nichts mehr tun konnte, kam er eilends zu ihr nach oben, begriff sofort, was los war, und gab Maurizio eine Beruhigungsspritze, die das stärkste Pferd umgehauen hätte. Doch Mau war nicht der Einzige, der ein Beruhigungsmittel nötig hatte. Mandelli war kreidebleich und zitterte. Sassu stand neben ihm und musste ihn stützen.

»Das wollte ich nicht, das wollte ich nicht, ich glaub’s einfach nicht, ich bin gestolpert, und da hat sich der Schuss gelöst, ich hatte im Traum nicht vor, zu schießen, nur einschüchtern wollte ich sie, ich glaub’s einfach nicht, dass mir das passiert ist. Nach dreißig Jahren Dienst bringe ich einen Jungen um, der nicht älter ist als mein Jüngster, o Gott, o Gott ...«

Nelly tauschte sich kurz mit Doktor Parodi aus.

»Kann man schon etwas Genaueres über die Todesursache sagen, Dottore?«

Parodi warf ihr einen spöttischen Blick zu: »Ein Sturz aus dreißig Meter Höhe gehört nicht gerade zu den gesündesten Sportarten.«

»Sie wissen genau, was ich meine.«

»Klar weiß ich, was Sie meinen. Sein Schädel ist übel zugerichtet, der Rest ebenfalls. Wir werden sehen, ich möchte dazu noch nichts sagen. Das letzte Wort hat sowieso der unfehlbare Nardini.«

Nardini war Pathologe. Abgesehen davon verstanden Parodi und er sich nicht sonderlich gut. Es hieß also abwarten, bis man etwas Verbindliches wusste. Zwecklos, weiterzubohren.

Eine halbe Stunde später lag Mau im Krankenhaus und schlief tief und fest. Nelly hatte Mandelli in Sassus Obhut gelassen, der ihn vergeblich zu beruhigen versuchte, und tat automatisch genau das, was in solchen Fällen zu tun ist: auf den Staatsanwalt warten und versuchen, sich dem in der Schule und in ihrem Inneren herrschenden Chaos möglichst zu entziehen. Rund drei Stunden später, während die Spurensicherung noch auf der Dachterrasse und im Schulgebäude zugange war, brachte sie dem stellvertretenden Polizeichef Esposito den ersten Bericht.

Esposito war ziemlich jung und nicht minder attraktiv. Er sah nicht im Entferntesten wie ein Polizist, geschweige denn wie ein Süditaliener aus, doch genau wie Lojacono war auch er waschechter Neapolitaner. Obwohl er erst vor wenigen Monaten zur Genueser Kripo versetzt worden war und sie sich noch nicht besonders gut kannten, war er Nelly sympathisch und sie ihm ebenfalls. Das spielte jetzt allerdings keine Rolle.

»Dottoressa Rosso, was können Sie mir erzählen?«

Er hatte den Bericht gelesen und versuchte, seine Betroffenheit zu überspielen.

»Es gibt noch viele Ungereimtheiten, die geklärt werden müssen.«

Nelly wunderte sich über ihre feste, sichere Stimme.

»Verstehe ...« Nachdenklich blätterte er durch die soeben überflogenen Seiten. Dann gab er sich einen Ruck: »So wie es aussieht, ist Ihr Sohn nur aus Freundschaft zu diesem Francesco Bagnasco in die Sache hineingerutscht, er befand sich sozusagen als ... Vermittler auf dem Dach.«

»So ist es«, bestätigte Nelly.

»Angesichts der Tatsache, dass es momentan keinerlei Anlass gibt, gegen ihn zu ermitteln, spricht für mich nichts dagegen, dass Sie den Fall übernehmen. Sollte dabei etwas herauskommen, was Ihren Jungen belastet, ist das natürlich etwas anderes.«

»In Ordnung, danke, Dottor Esposito.«

»Aber der dickste Hund ist diese schreckliche Sache mit Mandelli. Wie kann ein derart erfahrener Beamter einen so eklatanten Fehler begehen? Dieser arme Junge, abgeknallt wie ein Köter, und jetzt wird sich die ganze Stadt auf uns stürzen. Als würde die Presse nur darauf warten, die Polizei in den Dreck zu ziehen. Wir sollen sie schützen, und wehe, wenn nicht, aber kaum macht einer von uns einen Fehler, dreschen alle auf uns ein ...«

Während Esposito sich weiter in Rage redete, saß Nelly schweigend daneben und versuchte, wieder Ordnung in ihre Gedanken und Gefühle zu bringen. Dauernd hatte sie Francis leblosen Körper vor Augen, der sich in den ihres Sohnes verwandelte. Und dass Mandelli auf Franci geschossen haben sollte, erschien ihr genauso absurd wie vieles andere an diesem irrwitzigen Tag: Ausgerechnet ein so nüchterner, bedachter Mann wie Mandelli, der alles andere als ein Rambo war. Die Ruhe in Person.

»Es ist noch nicht endgültig geklärt, ob der Junge durch Mandellis Schuss zu Tode gekommen oder vor Schreck vom Dach gestürzt ist. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich jetzt die Identifizierung von Fr... des Opfers durch dessen Eltern veranlassen, Mandelli befragen, sollte er sich inzwischen beruhigt haben, mir Mau... den anderen Jungen noch einmal vornehmen, außerdem ist die Spurensicherung noch am Tatort zugange. Wenn Sie mich also entschuldigen würden.«

»Solange nicht alles restlos aufgeklärt ist, ist Mandelli natürlich vom Dienst suspendiert und soll sich zur Verfügung halten. Und dass Sie mich bloß auf dem Laufenden halten, ich muss nämlich den Polizeichef informieren, der buchstäblich die Wände hochläuft. Und bitte, kein Sterbenswörtchen gegenüber der Presse.«

»Selbstverständlich«, versicherte Nelly und verließ das Büro.

Wie eine gequälte Seele saß Wachtmeister Mandelli in Nellys Büro und konnte sich nicht beruhigen. Seine Hände zitterten.

»Dottoressa Rosso, ich bin ein gebrochener Mann. Ich bin am Ende, das werde ich mir niemals verzeihen.«

Seine Augen waren gerötet. Nelly wusste, dass er ehrlich war.

»Die Ermittlungen stehen noch ganz am Anfang, Mandelli. Beruhige dich, dadurch wird die Sache auch nicht besser. Wir sind noch nicht einmal sicher, ob Francesco Bagnasco überhaupt getroffen wurde, ehe er vom Dach stürzte.«

»Und was soll das ändern? Ich habe einen Jungen umgebracht, ein halbes Kind ... selbst wenn ich ihn nicht getroffen habe und er vor Schreck hinuntergefallen ist.« Er vergrub das Gesicht in den Händen.

»Geh nach Hause, nimm ein Beruhigungsmittel, und morgen solltest du unsere Psychologin aufsuchen.«

Bei dem Wort »Psychologin« brach Mandelli in haltloses Schluchzen aus. Es war, als wäre er in einem Alptraum gelandet – und nicht nur er.

ERSTER TAG
Nachmittag

Schmächtig und verloren lag Francesco Bagnasco in der gerichtsmedizinischen Abteilung des San-Martino-Krankenhauses auf einem Tisch und sah höchstens wie dreizehn oder vierzehn aus. Der Kopf war zertrümmert, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Nelly musste all ihren Mut zusammennehmen. Draußen warteten die Eltern. Sie kannte sie, wie man Eltern von Freunden der Kinder eben kennt. Man traf sich vor der Schule, bei den Elternabenden, bei Geburtstagspartys und bei den Pfadfindern. Sogar bei den Pfadfindern waren Franci und Mau zusammen gewesen und vor zwei Jahren gemeinsam ausgetreten. Nelly und Francis Eltern duzten sich, schließlich saß man im selben Boot, war ungefähr gleich alt und in der gleichen Lage ... Doch jetzt waren sie nicht mehr in der gleichen Lage. Franci war gestorben, und unter welchen Umständen! Und Mau war am Leben. Obwohl sie wusste, wie abwegig solch ein Gedanke war, hatte Nelly fast ein schlechtes Gewissen. Wie würde sie sich an deren Stelle fühlen? Würde sie sie hassen, weil sie noch immer hätten, was sie selbst für immer verloren hätte? Und dazu nicht durch einen »normalen« Unfall, sondern auf derart tragische Weise, in die auch noch die Polizei verwickelt war, und sie war die Polizei.

Sie öffnete die Tür und trat auf die beiden zu. Die Verzweiflung, die ihr entgegenschlug, traf sie wie ein Fausthieb: Marina saß oder kauerte vielmehr auf der Bank, Alberto hatte ihr in einem sinnlosen Versuch, sie zu trösten, den Arm um die Schultern gelegt. Das Gesicht der Frau war nicht wiederzuerkennen, ihre Züge vom Schmerz entstellt. Sie konnte kaum sprechen, auch, weil sie offenbar unter dem Einfluss von Beruhigungsmitteln stand, und als sie Nelly sah, gab sie einen unartikulierten Laut von sich, wie ein tödlich verletztes Tier.

»Nelly!«

Alberto klammerte sich an seine Wut, um nicht in denselben Abgrund zu stürzen wie seine Frau.

»Die Polizei hat ihn umgebracht, stimmt das?«

»Die Ermittlungen sind noch ganz am Anfang. Es ist alles so absurd, ohne jegliche Logik.«

»Nur eines ist sicher: Franci ist tot. Wer ein Kind ... einen siebzehnjährigen, unbewaffneten Jungen in einer Schule umbringt, muss dafür bezahlen.«

Seine Stimme bebte unkontrolliert. Marina legte ihm eine Hand auf die Lippen.

»Es ist alles zu Ende, alles zwecklos, unser Leben ist zu Ende.«

Sie sprach wie Mandelli, mechanisch, in fast dem gleichen Wortlaut.

»Es gibt dafür keine Worte«, sagte Nelly und fühlte sich so unfähig und lächerlich wie noch nie in ihrem ganzen Leben. Doch es war genau das, was sie empfand. Nichts und niemand hätte sie jemals trösten können, wäre Mau an Francis Stelle gewesen. Wie hätte sie dieser am Boden zerstörten Frau also sagen können: »Du hast noch einen Sohn, für den du jetzt da sein musst«? Derlei Appelle an die Vernunft waren in einem solchen Moment vollkommen fehl am Platz. Jetzt war der Moment für Verzweiflung und Wut. Vielleicht später, sehr viel später ...

»Zeig ihn uns, wir wollen ihn sehen.«

Nelly hätte sich und ihnen diese Qual liebend gern erspart, doch die Vorschriften wollten es nun einmal so. Sie nickte und führte sie in den kalten, schummrigen Raum, in dem es nach Tod roch. Es war später Nachmittag, als Nelly endlich zu ihrem Sohn konnte. Mau saß angezogen auf dem Krankenbett. Er hatte seine Version des Tathergangs bereits zu Protokoll gegeben und unterschrieben. Er sah aus wie ein riesiges, mageres, verstrubbeltes Kind. Doch er weinte nicht. Schweigend und mit fragendem, eindringlichem Blick sah er sie an. Dann murmelte er wie zu sich selbst:

»Wie kann so etwas nur passieren?«

»Solche Sachen passieren jeden Tag irgendwo. Aber erst wenn sie uns selbst oder Leute, die uns nahestehen, betreffen, machen wir uns darüber Gedanken.«

»Das brauchst du mir nicht zu sagen!«

Mau blickte sie anklagend an. Sie wusste genau, wie sensibel ihr Sohn aufgrund seines Alters und Charakters für das Unglück der Welt war, und es tat ihr leid, ihm diese völlig unangebrachte Predigt gehalten zu haben.

»Du hast recht. Du fragst dich das auch so oft genug. Doch dieses Mal ist es besonders hart.«

»Hast du Marina und Alberto schon gesehen, Mama?«

»Ja.«

»Hassen sie uns jetzt?«

»Vielleicht ...«

»Können wir nach Hause fahren, Mama?«

»Zuerst will ich noch von dir hören, was genau passiert ist, ehe Franci vom Dach gestürzt ist.«

»Ehe dieses Dreckschwein von Polizist ihn umgebracht hat. Meine Zeugenaussage hab ich bereits gemacht.«

»Mandelli ist ein anständiger Kerl. Er wollte ihm bestimmt nichts antun. Ich suche nach einer Erklärung, verstehst du?«

»Na, ein Glück! Stell dir vor, er hätte ihm etwas antun wollen!«

Die Bitterkeit und der Schmerz verzerrten Maus Gesicht zu einer grimmigen Fratze.

Nelly beschloss, nicht darauf einzugehen.

»Wovor hatte Franci wirklich Angst?«

Mau wurde argwöhnisch wie eine streunende Katze, seine Augen verengten sich, und Nelly spürte, wie eine eisige Hand ihr Herz zusammendrückte. Etwas ganz Hässliches lauerte dort im Verborgenen, und Mau hatte irgendwie damit zu tun. Ihr schwante plötzlich, dass ihr Sohn ihr gleich eine Lüge auftischen würde.

»Wie oft soll ich es noch sagen, verdammt, er hatte ein bisschen Hasch und wollte nicht, das man’s bei ihm findet und seine Eltern davon erfahren, also wollte er’s wegschmeißen, aber die Galli hat ihn festgehalten, Franci ist so ... war so blöd, er wollte den Helden spielen und hat sich wegen nichts in die Hosen gemacht.«

Maus Augen füllten sich mit Tränen.

»Lass uns nach Hause fahren, Mau. Morgen reden wir weiter.«

Ohne dass Nelly es wollte, hatte ihre Stimme einen sachlichen und leicht drohenden Ton angenommen. Ihre Polizistennase hatte sofort gerochen, dass etwas nicht stimmte, und nicht einmal ihr Mutterherz konnte sie davon abbringen.

ERSTER TAG
Abend

Mau schlief so tief, wie nur Kinder und Teenager schlafen. Nachdem er schweigend und zur Verwunderung seiner Mutter mit gewohnt großem Appetit gegessen hatte, hatte er sich vor dem Schlafengehen einen doppelten Kamillentee gemacht – er war Vegetarier und hatte eine Schwäche für die seltsamsten Kräuter. Er kannte sie alle; auch indischen Hanf?, überlegte Nelly, während sie von ihrer Terrasse aus auf die flimmernden Lichter der Stadt hinaussah und auf den Strahl des Leuchtturmes, der kalt durch die Nacht strich wie der erbarmungslose Scheinwerfer eines Gefängnisses. Die düstere Altstadt mit ihren Gassen, den Dealern, den Immigranten und nach Abenteuern lechzenden Studenten erschien ihr plötzlich wie ein heimtückisch lauernder Feind. Nelly goss sich mit ruhiger Hand zwei Finger Whiskey, genauer gesagt, Four Roses ohne alles ein und fragte sich wie so viele andere Eltern, was sie wohl falsch gemacht, was sie nicht gesehen hatte, nicht hatte sehen wollen? »Ausgerechnet ich, verdammt noch mal, bei meiner eigenen Vergangenheit und meinem Job, der mich ständig mit allen nur denkbaren Scheußlichkeiten konfrontiert, ich hab geglaubt, in meinem privaten kleinen Paradiesgarten gäbe es keine Nattern und Schlangen. Vielleicht habe ich geglaubt, nach so viel Leid, Herzschmerz und quälender Selbstsuche hätte ich ein ruhiges Leben verdient. Hätte ich ein Recht darauf.«

Mau war ein derart unkompliziertes, an der Mutter hängendes Kind gewesen. Ein sensibler Welpe mit jähen Wutattacken, der am allerliebsten zeichnete. Ein normaler Junge, aber was heißt schon normal? Über Hasch und Marihuana hatten sie schon bis zum Abwinken gesprochen, da war er gerade mal zehn Jahre alt gewesen. Nelly hatte ihn ganz selbstverständlich auf die Gefahren hingewiesen und nicht damit hinterm Berg gehalten, dass sie als Studentin selbst geraucht und die unterschiedlichsten mehr oder weniger leichten Drogen ausprobiert hatte, die ihren gesunden Menschenverstand und ihre Unabhängigkeit in Gefahr gebracht hatten. Sie hatte ihm erzählt, wie sie mit seinem Vater aufgehört hatte, bei Problemen sofort zum Joint zu greifen. Mit diesem jungen und derart unorthodoxen Soziologiestudenten, der zur Polizei gehen wollte, um die Dinge von innen statt von außen zu ändern. Anfangs hatte Mau geduldig, dann immer genervter zugehört. Er wisse ganz genau, was er tue. Und seine Freunde seien allesamt Heilige, die nie etwas getan hätten oder tun würden, sagte er und hatte es auch in den folgenden Jahren immer wieder beteuert.

»Du hast mich richtig schön verarscht, Mau. Genau wie ich meine Eltern verarscht habe. Wie alle Kinder ihre Eltern verarschen, die glauben, ihres sei ein Unschuldsengel, die große Ausnahme, bis sie eines Besseren belehrt werden. Wie weit seid ihr gegangen, Franci und du? Wirklich nur wegen eines Krümelchens Hasch ... Schon möglich, in dem Alter, der Schiss, das schlechte Gewissen, aber irgendwas stimmt da nicht. Wieso stehen alle meine Antennen auf Empfang?«

Die Terrasse war abends noch schöner als sonst. Der Jasmin hatte angefangen zu blühen und verströmte nachts seinen Duft. Die kleine Glyzinie hatte dank Maus Fürsorge schon seit geraumer Zeit ihr Kletterabenteuer entlang der Mauer begonnen. Wer war ihr Sohn? Einer der fraglosesten und verlässlichsten Bestandteile ihres Lebens. Bis zu diesem Morgen. Ein langer, schlaksiger, pickeliger Junge, der gern Bob Marley und Santana, Rock und Blues hörte, der Poster von den Simpsons und von Che Guevara an den Wänden hatte, sich als no global bezeichnete und sich gegen das Dafürhalten seiner Mutter Dreadlocks hatte wachsen lassen. Der sich während des G8-Gipfels gegen sie gestellt, an den Friedensdemonstrationen teilgenommen und sie für das, was hinterher passiert war, mitverantwortlich gemacht hatte. Eine miese Zeit, an die Nelly stets mit Beklommenheit zurückdachte. Doch ihre Beziehung war unerschütterlich, und Mau hatte die Aufrichtigkeit der Mutter nie infrage gestellt. Ein bitterer Beigeschmack war jedoch beiden geblieben. Und jetzt das!

»Ich habe vergessen, wie ich war. Wie konnte mir das passieren? Bin ich von meiner Jugend wirklich so weit entfernt? Bin ich wirklich so geworden, wie meine eigenen Eltern, eine Erwachsene, die sich nicht mehr erinnert, jemals jung gewesen zu sein? Bin ich denn über den durchschnittlichen Konsum weicher und harter Drogen unter Jugendlichen nicht genauestens im Bilde? Nicht zu fassen! Ich bin genauso vor den Kopf geschlagen wie die biedere Hausfrau, die sich nur um Heim und Herd kümmert! Dabei hätte die Vorzeigemutti vielleicht viel eher etwas bemerkt als ich in meiner verblendeten Überzeugung, alles im Griff zu haben.«

Jetzt ging es darum, den Vorfall bis in die hintersten Ecken auszuleuchten und ihren Sohn neu zu entdecken.

»Ich habe Glück gehabt, dass nicht er dort im Gestrüpp lag. Nicht auszudenken, ich wäre gleich mit draufgegangen. O Roberto, unser Sohn ... vielleicht hat ihm der Vater gefehlt. Ach, hör doch auf, immer die gleiche Leier! Vielleicht dies, vielleicht das ... Tatsache ist, dass sie kiffen, ob mit oder ohne Väter, geliebt oder ungeliebt, geborgen oder nicht. Sie tun’s, und damit basta. Weil sie Bock drauf haben. Aber woher will ich denn wissen, dass Mau auch ...«

Klar weißt du’s, sagte ihr Verstand. Genau, pflichtete ihr Herz ihm bei. Jetzt war die Frage, was konkret Mau konsumiert hatte und wie weit er dabei gegangen war.

ZWEITER TAG
Morgen

Am nächsten Tag blieb Mau zu Hause. Die Schule würde für ein paar Tage schließen, und es war gut, nicht sofort wieder an den Ort zurückkehren zu müssen, an dem sich diese unfassbare Tragödie zugetragen hatte. Nelly war ehrlich erleichtert, Mau daheim zu wissen. Sie nahm sich abermals vor, noch einmal mit ihm zu sprechen. Oder besser, ihn zu vernehmen. Die Farben waren im wahrsten Sinne des Wortes aus ihrer Welt gewichen. Graue, regenschwere Wolken hingen über einem bleiernen Meer. Grau war die Farbe ihrer Gedanken, grau wie Maurizios schmaler, ausweichender Blick.

Nicht einmal Beppes Cappuccino konnte an diesem Morgen viel ausrichten. Wenn ihre Freunde aus der Enoteca Bescheid wussten, so verloren sie doch kein Wort darüber. Sie sahen sie kaum an und verkniffen sich sogar die üblichen Scherze. Also wussten sie Bescheid. Die Genueser Tageszeitung Il Secolo XIX lag aufgeschlagen auf dem Tisch, die Titelseite mit den Schlagzeilen über das »Blutvergießen am Klee-Gymnasium« (SIEBZEHNJÄHRIGER SCHÜLER KALTBLÜTIG VON POLIZIST GETÖTET) taktvoll umgedreht. Nelly kaufte sie auf dem Weg ins Präsidium, dazu noch ein paar überregionale Blätter. Auch in denen hatte Genua wie zu Zeiten des G8 die Top Ten gestürmt.

Nelly beschloss, den Seiteneingang am Corso Aurelio Saffi zu nehmen, doch selbst dort erblickte sie schon von weitem eine kleine Traube aufgekratzter Journalisten, die für eine noch so kleine Neuigkeit zu allem bereit waren. Einige kannten sie. Die Wachleute, denen sie ein Zeichen machte, verstanden den Wink sofort und schlugen blitzschnell eine Schneise in die Gruppe, um ihr den alles andere als triumphalen Einzug in das Präsidium zu ermöglichen. Unter dem aufgeregten Geschrei der Presseleute schlüpfte sie geduckt und von den beiden Polizisten geschützt durch den engen Durchlass.

»Das könnt ihr doch nicht machen!«

»Wir verlangen eine Erklärung!«

»Steht gefälligst zu dem, was ihr tut!«

»Die Wahrheit, wir wollen die Wahrheit wissen!«

»Nelly, Nelly!«

Das war die Stimme von Sandra, einer befreundeten Journalistin, die beim Secolo arbeitete.

»... wann wird man etwas erfahren?«

Doch Nelly war bereits im Gebäude verschwunden, mit gesenktem Kopf und starr zu Boden gerichtetem Blick. Sie merkte, dass die Beamten sie seltsam ansahen, todernst, geradezu finster, doch niemand sagte etwas. Was war los? Esposito rief sie sofort in sein Büro.

»Mandelli hat sich aufgehängt, verdammt noch mal, dieser Schwachkopf hat sich heute Morgen aufgehängt ... Herr im Himmel! Wir hätten ihn einliefern lassen, unter Beobachtung stellen sollen, das kommt einem Schuldeingeständnis gleich, der Chef will Sie sofort sehen, Dottoressa Rosso. Wann bekommen wir das Autopsieergebnis des Jungen? Und die Ballistik? Schläft die, oder was? Und was hat die Spurensicherung am Tatort gefunden? Das Haschisch, von dem Ihr Sohn gesprochen hat, wo ist das geblieben?«

Doch Nelly hörte nicht mehr zu. Mandelli hatte sich umgebracht. Ein Jahr vor der Pensionierung. Ein mustergültiger Polizist hatte einen winzigen Augenblick lang die Beherrschung verloren, ein flüchtiger, wild gewordener Dämon hatte ihm sein altes Leben entrissen, nachdem er Francis kleines, junges Leben mit einem teuflischen Grinsen hinweggerafft hatte.

»Die Autopsie wird heute Vormittag um zehn durchgeführt«, antwortete sie schließlich mechanisch. »Wer sagt denn, dass der Selbstmord ein Schuldeingeständnis ist?«

»In dem Brief, den er zurückgelassen hat, steht immerhin, dass er mit dieser Last auf dem Gewissen nicht leben könne. Er hat alles mit sich allein ausgemacht, Prozess, Urteil und Vollstreckung. Eine echte Profiarbeit, das Erhängen. Er hat seine Frau losgeschickt, Tabletten zu kaufen, und hat dann einen Knoten gemacht, der jeden Henker blass aussehen lässt. Wie ein blutjunger Anfänger, der den Kopf verliert wegen so einer ...«

Er kam nicht weiter, denn Nelly starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

»Wollten Sie vielleicht sagen ›wegen so einer Lappalie‹, Dottor Esposito?«, fragte sie tonlos.

»Die springt mir gleich ins Gesicht«, schoss es Esposito durch den Kopf.

»Aber ich bitte Sie, Dottoressa Rosso«, verteidigte er sich hilflos. »Ich wollte sagen, wegen so einer bedauerlichen Sache, die jedoch jedem hätte passieren können.«

»Er hat wohl gedacht, dass sie ihm nicht hätte passieren dürfen«, schnitt Nelly ihm das Wort ab und ließ ihn gerade noch einmal davonkommen.

Der Polizeichef war ein großer, beleibter Mann Mitte fünfzig mit dichtem, schwarzem, an den Schläfen leicht ergrautem Haar. Er war Römer und hieß Volponi, was gut zu seinen wachsamen, hellbraunen Fuchsaugen passte. Der Draht zwischen ihm und Nelly war denkbar schlecht, schlecht und verkappt. Kein Lobeswort konnte sein tiefempfundenes Misstrauen gegenüber dieser ihm unbegreiflichen Frau zerstreuen. Er gehörte zu der Sorte Mann, die gern alles unter Kontrolle hat und nach effektiven, durch jahrelange Erfahrung erprobten Rastern handelt. Nelly passte nicht in diese Raster und stellte somit eine Bedrohung für ihn dar. Gewiss: eine loyale, zuverlässige Beamtin, diese kräftige Frau mit dem ätherischen, romantischen Mädchennamen, wie hieß sie doch gleich richtig? Ach ja, Petronella; und fähig obendrein, mit einem beachtlichen Lebenslauf, eine der Besten, aber unberechenbar, kaum zu kontrollieren ... Mit diesen Haselnussaugen, die ihn ständig musterten, ständig kritisierten.

Als hätte sie die Gedanken des Vorgesetzten gelesen, wandte Nelly den Blick ab. Auch seine eleganten Krawatten und die stets maßgeschneiderten Anzüge konnten Romano Volponis Attraktivität nicht wesentlich steigern. Er war nicht hässlich, hatte aber etwas Vulgäres, das sich auch durch die Kleidung nicht übertünchen ließ.

»Was meinen Sie, Dottoressa? Möchten Sie wegen Befangenheit von dem Fall abgezogen werden? Eine für alle äußerst unerquickliche Angelegenheit. Auch wenn Mandellis Ende«, er machte eine Pause, »so unrühmlich und in menschlicher Hinsicht tragisch es auch sein mag, uns die Kastanien aus dem Feuer holt.«

»Schuld und Sühne«, sagte Nelly kalt.

»So ungefähr«, pflichtete Volponi bei, der in Literatur alles andere als beschlagen war, aber der Botschaft durchaus etwas abgewinnen konnte.

»Was wollen die machen, uns alle lynchen? Er hat sich umgebracht, der arme Kerl, mehr Buße geht wohl kaum ...«

»Wie dem auch sei, Herr Polizeipräsident, wenn Sie meinen, es bestünde Befangenheit wegen meines Sohnes, bin ich selbstverständlich bereit, den Fall abzugeben«, schob Nelly rasch nach, um ihm zuvorzukommen.

Sie war gespannt, nach außen hin ruhig, doch ihr Herz pochte wie das eines Pokerspielers beim Bluffen. Sie wollte ermitteln, der Sache auf den Grund gehen. Es ging immerhin um ihren Sohn, um sein Leben. Sie würde bestimmt nicht die Finger davon lassen, selbst wenn er sie von dem Fall abziehen würde. Doch der Bluff gelang. Von dieser seltsamen Frau abermals aus dem Konzept gebracht, kam der wankelmütige Volponi rasch zu dem Schluss, dass sie emotional nicht zu befangen war. Überdies schien der Fall, so tragisch er auch sein mochte, sowieso schon geklärt zu sein.

»Die Entscheidung liegt bei Ihnen. Wenn Sie meinen, die Ermittlungen zu Ende führen zu können, habe ich nichts dagegen. Wenn Sie angesichts von Auteris unseligem Autounfall jemand anderen zur Seite gestellt bekommen möchten, lassen Sie es mich wissen. Nehmen Sie sich so viele Leute, wie Sie brauchen. Ihre Kenntnis des Milieus, in dem sich der Fall zugetragen hat, kann sich möglicherweise als nützlich erweisen.«

Für Volponi war die Sache erledigt.

»Danke für Ihr Vertrauen, Herr Polizeichef. Fürs Erste komme ich wohl ohne einen Ersatz für Dottor Auteri aus. Ich werde Sie über den Stand der Dinge auf dem Laufenden halten.«

Sie hatte ganz normal geklungen, und Volponi hatte keine Ahnung, wie aufgewühlt sie innerlich war. Sie verabschiedete sich und ging.

Die Sekretärin des Polizeichefs, eine Matrone mittleren Alters mit einem dezent geschminkten, teigigen Gesicht, warf ihr einen herablassenden Blick zu. Wie ein Hund spürte sie das Befinden ihres Herrchens und war freundlich zu seinen Schützlingen und kühl, schnippisch oder zumindest gleichgültig gegenüber denen, die nicht in seiner Gunst standen.

»Mit Kindern hat man es heutzutage nicht leicht ...«, hob sie wichtigtuerisch an, doch Nellys Blick schnitt ihr das Wort ab.

»Dottoressa, ich wollte nicht ...«, stammelte sie verlegen. Doch Nelly hatte die Tür bereits hinter sich zugeschlagen.

»Unsympathisch, arrogant, unverheiratet und Mutter – wofür hält die sich eigentlich!«

In dem Moment rief Volponi nach ihr, und Signorina Cisa (als ledige Fünfundfünfzigjährige bestand sie auf das »Signorina«, schließlich war sie vom alten Schlag, nicht wie diese Flittchen heutzutage, zu denen fraglos auch Dottoressa Rosso mit ihrem drogenabhängigen Bastard gehörte) folgte sofort dem Ruf ihres Herrchens.

Die Stimme des Pathologen Nardini am Telefon klang beunruhigt. Und Nardini war keiner, der sich leicht aus der Ruhe bringen ließ. Nelly kannte ihn seit Jahren und merkte sofort, dass ihm etwas zu schaffen machte.

»Dottoressa Rosso?«

»Ja, Dottore?«

»Dieser arme Junge ist tatsächlich durch eine Kugel ums Leben gekommen. Der Kollege Parodi hatte diese Vermutung geäußert, und er hat ausnahmsweise mal ins Schwarze getroffen, trotz des zertrümmerten Schädels. Wie gesagt, ein gezielter Schuss in den Kopf. Er war auf der Stelle tot. Vor dem Aufschlag. Bei dem Zustand der Leiche ließ sich das nur nicht sofort mit Sicherheit feststellen ... Wie auch immer, es sieht wirklich so aus, als sei es dieser Polizist gewesen.«

»Mandelli. Er ist ebenfalls tot. Er hat sich erhängt. Das bedeutet noch mehr Arbeit für Sie, Dottore.«

Am anderen Ende der Leitung herrschte bleiernes Schweigen. Dann:

»Ich weiß. Sie haben ihn hierhergebracht. Er liegt bereits nebenan. Manchmal wäre ich wirklich gern arbeitslos. Aber irgendjemand sorgt immer dafür, dass ich was zu tun habe.«

Seine Stimme klang plötzlich bedrückt.

»Wie gesagt, es sieht so aus. Aber wie hat er ihn in den Kopf treffen können? Angeblich stand der Junge auf der Brüstung. Und hat der Polizist nicht gesagt, er sei gestolpert? Es erscheint mir ziemlich unwahrscheinlich, dass die Kugel eine derart flache Flugbahn nehmen konnte. Sie ist in einem schwachen Winkel eingedrungen, als wäre sie fast auf Kopfhöhe von Bagnasco abgefeuert worden. Ein präziser Schuss, von einem Profi. Wenn ich nicht wüsste, wie es gelaufen ist, sähe das für mich nach einer Hinrichtung aus.«

Nardini machte abermals eine Pause.

»Und dann ist da noch etwas sehr Merkwürdiges. Das Projektil ist in Francesco Bagnascos Hinterkopf eingedrungen.«

»Bitte wo?«

Das war unmöglich, Nardini musste sich irren.

»Sie haben richtig gehört. In den Hinterkopf, so absurd das auch klingen mag. Vielleicht hat der Junge sich umgedreht, wer weiß, aber sehr seltsam ist es trotzdem.«

Die Alarmglocke in Nellys Kopf schrillte ohrenbetäubend.

»Haben Sie die Kugel schon der Spurensicherung übergeben?«

»Das wollte ich gerade machen.«

»Gut.«

Mandelli hatte also auf Francis Hinterkopf geschossen, obwohl Franci höher als er gestanden und ihm nicht den Rücken zugewandt hatte. Oder vielleicht doch? Hatte Mandelli absichtlich von hinten auf ihn geschossen? Der Gedanke erfüllte sie mit Grauen und Unglaube zugleich. Der Unfall erschien immer merkwürdiger und unwahrscheinlicher. Immer verstörender. Mandelli hatte sich zu früh umgebracht. Es gab einen Haufen von Fragen, auf die er nicht mehr antworten konnte. Das Telefon riss Nelly aus ihren Grübeleien. Es war Marco, ihr Vize. Er rief aus dem Galliera-Krankenhaus an, in das er nach dem heftigen Auffahrunfall auf dem Weg ins Polizeipräsidium tags zuvor eingeliefert worden war. Er sprach schleppend und war wegen des Schleudertraumas, einer ausgerenkten Schulter und eines gebrochenen Armes vollkommen ruhiggestellt. Nelly wünschte sehnlichst, er wäre es nicht. Auteri hatte eine echte Spürnase und einen erstklassigen Teamgeist, er wusste, wie man eine Gruppe zusammenschweißte, und erleichterte ihr das Leben im Allgemeinen enorm.

»Meine rechte Hand ist also eingegipst«, witzelte sie. »Wie geht’s, Marco?«

Auteri fluchte in sich hinein. Es ärgerte ihn maßlos, ausgerechnet jetzt so kaltgestellt zu sein.

»Körperlich geht’s mir gar nicht so schlecht, aber es nervt mich kolossal, tatenlos rumliegen zu müssen. Ich hab von dem ganzen Irrsinn gehört, Nelly. Von dem armen Jungen und Mandelli. Von deinem Sohn. Wovon geht man aus? Ist wirklich alles so, wie es scheint, ein beschissener Unfall?«

E

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