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Schmetterlingsblut

Prolog

 

Mein Todestag war der 7. Oktober 1571, der Tag an dem die christliche Flotte in der Seeschlacht von Lepanto unverhofft über die Osmanen siegte.

Während die Menschen auf den Straßen feierten, lachten und sich betranken, sank mein sterblicher Körper auf den Grund des Meeres und mein Herz hörte auf, zu schlagen.

Vielleicht war es der schräge Humor Gottes oder der perfide Schachzug des Teufels, dass ich im größten Triumph der christlichen Flotte meinen Tod und gleichzeitig ein neues, bösartiges und unersättliches Leben fand. Frei von Schuld und Sünde.

An dem besagten Tag, befahl General Don Juan de Austria, allen Männern, die alt genug waren, eine Waffe zu halten, sich auf das nächstbeste Schiff zu begeben, denn die gegnerische Flotte der Osmanen ballte sich als schauriges Ungetüm am Horizont.

Die Kanonen der Schiffe spien unaufhörlich ihre tödliche Fracht aus und die Boote erzitterten unter dem Rückstoß des Mündungsfeuers. Salzwasser spritzte auf das Deck.

Die Schlachtrufe der Seemänner gingen in dem Tosen der Kanonen und der Gewehrschüsse unter. Das Meer brodelte unter den Schiffsleibern, die aufeinander zu segelten, sich ineinander verkeilten oder mit Schlagseite führungslos dahintrieben. Auf beiden Seiten sanken die ersten Schiffe. Bretter, Fässer und Segelstoffe trieben zusammen mit den Leichen auf dem Meer und tanzten auf den Wellen ein groteskes Ballett des Todes.

Zuerst schien die Übermacht der Osmanen unbesiegbar, doch die Reihen der Feinde lichteten sich im Laufe des Gefechts immens und schließlich drehten die letzten, feindlichen Boote ab.

Wir hatten gewonnen. Und wir hatten überlebt. 12 Schiffe und ihre Mannschaften konnten dieses Glück nicht mehr mit uns teilen.

Ein erleichtertes Raunen ging durch die Reihen der St. Maria. Ich selbst atmete befreit auf, reckte mein Kinn der untergehenden Sonne entgegen und verspürte große Dankbarkeit, am Leben zu sein.

Doch plötzlich ertönte ein ohrenbetäubender Knall, das Schiff ächzte unter uns auf und ein tiefes Grollen ging durch die Planken.

»Wir sind getroffen worden«, erscholl es von überall her. Panik brach aus. Die meisten Männer, mich eingeschlossen, konnten nicht schwimmen.

Das Dröhnen und Ächzen nahm zu und das Schiff neigte sich langsam. Balken brachen und unter dem Druck des einströmenden Wassers barsten die Bugbretter.

Jetzt ging alles rasend schnell und doch quälend langsam. Das Schiff kippte um, Pulverfässer rollten über Bord und rissen Matrosen mit, die sich verzweifelt an die Reling geklammert hatten.

Die Glückseligen, die einen raschen Tod fanden, schlugen mit dem Kopf auf herumtreibende Planken oder brachen sich bei dem Sturz ins Wasser das Genick. Die weniger Glücklicheren, zu denen auch ich zählte, tauchten mit vollem Bewusstsein in die eisige Kälte hinab und bestritten einen letzten, persönlichen Feldzug – den Todeskampf.

Mein Schiff war das 13te und letzte Bot der christlichen Flotte, welches in dieser Schlacht sank.

Mit mir zusammen ertranken tausende Menschen. Doch im Gegensatz zu diesen armen Kreaturen, lebte ich weiter, wenn auch kein menschliches Leben mehr.

Die Begegnung

 

 Gespenstisch ruhig lag der See mit seiner schwarz glitzernden Oberfläche vor mir. Enttäuscht über ihre Abwesenheit ließ ich mich auf einem glitschigen Felsen nieder und starrte auf die betörend schöne und gefährliche Brandung des Wassers. Irgendwo in diesen Wellen schwamm meine Göttin, meine düstere, immer hungrige Königin.

Müde, mit steifen Gliedern und salzverkrusteter Haut, erhob ich mich wieder. Wütend bugsierte ich meine Hand in mein Blickfeld, um auf meine Armbanduhr zu sehen. Es war jetzt zwei Uhr zehn. Der Mond stand beinahe senkrecht über dem dunkelschwarzen Meer. Sie würde nicht kommen, wieder einmal ließ sie mich in dieser trostlosen Welt alleine zurück. Verwehrte mir ihre Anwesenheit. Frustriert blickte ich auf die kleine, menschenleere Sandbucht, die inmitten der schroffen Felsen wie ein Eiland des Friedens wirkte.

Warum kam sie nicht? Wohin war sie verschwunden? Hatte sie mich vergessen? Mich, ihr dunkles, gefährlich schönes Geschöpf, welches sie an einem Oktobertag erschuf?

Ich wollte schreien, toben, verzweifeln, doch ich drehte dem Wasser nur meinen Rücken zu und ging den sandigen Trampelpfad hinauf. Fort von dem tosenden Meer und hinauf zu den Dünen mit ihren zerzausten Gräsern. Der salzige Wind peitschte über mein Haupt und mein schwarzes Haar wirbelte durch die Luft, als würde es tanzen wollen.

Früher hätte ich gelacht und meine übermenschlichen Kräfte genossen, wäre über die Dünen gesprungen und in das rabenschwarze Wasser getaucht, aber jetzt spürte ich nur eine unbändige Leere. Albträume, absurde Bilder suchten mich seit Tagen heim und doch fand ich keine Erklärung für meine Verwirrtheit. Wie ein bitterböses Omen lag eine unnatürliche Schwere auf meinen Gliedern, selbst die Lust am Töten war mir vergangen. Alles, was mich früher erfreute, schien nun eine Last.

Ich erklomm die letzten Meter und meine Schritte führten mich zu dem Mann, der dort ganz alleine an der Klippe stand und mich mit einem verzerrten Gesichtsausdruck musterte. Er erinnerte mich an einen Mann, der durch sein kultiviertes Auftreten seine wahre Herkunft verschleiern wollte. Die Krawatte war zu eng, der Hemdkragen zu weit und selbst die feine Anzugshose wirkte bei ihm wie ein plumpes Stück Stoff. Alles an ihm schien grau, unpassend und unordentlich.

Ich wandte meinen Blick von seiner Kleidung ab und sah in seine gebrochenen Augen. Entgeistert starrte er mich an.

Hielt er mich für einen Geist? Wahrscheinlich beunruhigten ihn das Glühen meiner goldgelben Augen, meine blasse Haut und das wilde, schwarze Haar, welches mein Gesicht umrahmte. Er sah in mir den Teufel und mit seiner Einschätzung lag er nicht besonders falsch.

Die arme Kreatur näherte sich mir mit langsamen Schritten. Sein Körper taumelte und der beißende Wind ließ seine Augen tränen. Sein Gesicht wirkte noch fahler, als er näherkam, und seine Lippen zitterten.

Ich konzentrierte mich auf seinen zerbrechlichen, menschlichen Geist, der wie Zuckerguss in der Sonne zu zerschmelzen drohte. Ich wob Bilder, die ihn lockten, riefen und ihm die Prächtigkeit des Paradieses vor Augen riefen.

Wie hypnotisiert bewegte er sich vorwärts. Quälend langsam näherte er sich dem Abgrund der Klippe.

Ich lächelte ihm auffordernd zu, legte meine Fingerspitzen auf seine bebende Brust und fühlte das Leben darin. Er hatte Angst. Angst vor dem Tod, der in einer dämonischen Gestalt vor ihm stand und ihn zum Abgrund trieb.

Ich streckte meinen Arm aus und deutete auf die Wellen, die an den spitzen Felsen zerschellten. Irgendwo in weiter Ferne hörte ich ein leises Kichern.

Ich horchte auf, nun war es mein Herz, welches aufgeregt in meiner Brust schlug. War es meine Königin? War sie nun doch gekommen, um mein Opfer entgegenzunehmen und mich in die Gnade ihrer Liebe kommen zu lassen?

Aber das Lachen verklang mit dem Rauschen der Wellen. Ich biss mir auf meine Lippen und senkte meinen Kopf hinab. Leere. Ich hatte plötzlich solche Schmerzen, dass ich kaum noch aufrecht stehen konnte. Übelkeit überfiel meinen Körper. Die geschenkten Kräfte des Meeres ließen nach und meine Beine zitterten. Nicht mehr lange und mein Körper würde beginnen, sich aufzulösen und sich in eine widerwärtige Pfütze zu verwandeln. Nichts würde von mir übrigbleiben als dreckiges, schmutziges Wasser. Meine Seele mitsamt meinen sterblichen Überresten fortgespült, soweit sie überhaupt noch existierten.

Ich musste mich zusammenreißen und endlich wieder essen!

Ich zwang meine dämonischen Kräfte, sich zu bündeln und bleckte meine Zähne. Knirschend erhob ich mich und brachte mich in eine aufrechte Position zurück.

Der Mann starrte mich immer noch aus trüben Augen an. Ganz langsam drehte er seinen Körper der Klippe zu. Sein rechter Fuß ragte schon über den Abgrund, jetzt verblieben ihm nur noch wenige Sekunden seines erbärmlichen Lebens. Schuld und Zweifel würden am Abgrund des Meeres verwesen.

»Papa, nicht!«

Erschrocken drehte ich mich um.

Da stand sie. Das Ebenbild einer vergangenen Liebe, die so tragisch endete.

Ihr Gesicht war im Mondlicht von einem matten Glanz umgeben, das helle Haar quoll unter einer weißen Mütze hervor und fiel in sanften Locken über ihre Schultern.

Ihre braunen Augen sahen durch mich hindurch und direkt zu der grauen Gestalt am Abgrund hin.

Flehentlich rief sie erneut, mit der Süße des Schmerzes angefüllt: »Papa, tu es nicht.«

Benommen von ihrer Schönheit und der zarten Stimme, in der so viel Schmerz lag, vergaß ich sogar für einen Moment mein Opfer – ihren Vater.

Sie rannte los, der Mantel flatterte im Wind, ihr Haar wehte und ihre Hände waren bittend ausgestreckt.

Mon chéri, sie sah in ihrem Leid wie die heilige Jungfrau Maria aus.

Hingebungsvoll und still betrachtete ich das Mädchen, das ihren Mund zu einem lautlosen Schrei geöffnet hatte.

Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass er gesprungen war, denn ihr gebrochener Gesichtsausdruck sprach Bände. Ein erstickter Schrei drang aus ihrer Kehle, mehr nicht. Sie blieb direkt neben mir stehen, ihr ganzer Leib zitterte. Niedergeschmettert starrte sie in die Dunkelheit des Wassers, wo ihr Vater verschwunden war.

Ich fuhr mit meinen Fingern durch ihr Haar und atmete den schweren Duft ihres Körpers ein. Ich taufte sie Rose. Dies war ein passender Name für meine Blume, die in entrückter Verzweiflung neben mir stand und mich dennoch nicht sehen konnte.

Meine kleine, verzagte Rose.

Tränen quollen aus ihren Augen hervor und benetzten ihre Wangen. Mit bebenden Händen riss sie sich den Mantel vom Leib.

Unter dem dichten Wollmantel verbarg sich ein kleiner, fester Körper. Sie trug ein hellgelbes Strickkleid und eine weiße Strumpfhose. Sie war wirklich wie eine Blume, die versuchte, dem grauen, stürmischen Wetter zu trotzen. Der Mantel fiel auf den nassen Boden. Wie unachtsam von ihr, sie würde sich noch erkälten.

Und dann sprang sie.

Erschrocken wirbelte ich herum. Ich hechtete ihrem Körper hinterher, der dem tödlichen Steinriff entgegenfiel. Das gelbe Kleid, im Mondlicht nicht mehr als ein fahles Leuchten, immer in meinem Blick, jagte ich ihrem fallenden Körper nach.

Es war keine bewusste Entscheidung von mir gewesen, denn ein Dämon kannte keine Gnade und schon gar kein Mitleid mit den Menschen, aber irgendwas in mir konnte sie nicht sterben lassen. Ich wollte nicht, dass ihr Körper von den Selkies im Wasser missbraucht, zerrissen und gefressen wird.

Ich streckte meinen Arm aus, beinahe konnte ich ihren Körper berühren, nur noch ein kleines Stück trennte uns.

Ich reckte und streckte mich.

Endlich! Ich fühlte den Stoff an meinen Fingerspitzen und meine Hand krallte sich in ihre Kleidung hinein. Ich zog ihren Leib dicht an meinen Körper heran und beugte mich schützend über sie. Mit beiden Händen drückte ich ihren Kopf gegen meine Brust und wappnete mich auf den Schmerz, der nun kommen würde. Auch wenn mein Körper übernatürlich stark war, gefühllos war er nicht.

Wir fielen der Dunkelheit des Wassers entgegen und das Meer schäumte auf, als wir zusammen darin eintauchten.

Die spitzen Kanten der Felsen schnitten in mein Fleisch, zerfetzten es und zertrümmerten meinen Brustkorb. Der Schmerz nahm mir fast das Bewusstsein. Kaltes Wasser umspülte meinen gebrochenen Körper und linderte die Qual. Ich neigte meinen Kopf und seufzte gelöst auf, als ich Rose immer noch in meinen Armen vorfand. Mein Körper hatte sie vor dem sicheren Tod bewahrt.

Erleichtert lauschte ich auf ihre Atemzüge, während ich sie beschützend festhielt.

Aber nun forderte meine waghalsige Rettung ihren Tribut, denn auch, wenn ich ein Dämon war, kannte meine Unsterblichkeit Grenzen. Meine Sinne schwanden und die Kälte des Wassers kroch über mich hinweg. Wir gingen unter.

Ich musste die drohende Ohnmacht besiegen, nur solange bis meine Regenerationskräfte einsetzten. Ich atmete aus. Ich atmete ein. Endlich lüftete sich der Schleier der Benommenheit und mit rudernden Armbewegungen kam ich zurück an die Wasseroberfläche.

In meinen Armen hing der leblose Körper meiner Rose. Aber sie lebte noch. Ich konnte das Senken und Heben ihres Brustkorps unter der nassen Wolle erkennen.

Salzwasser schwappte über ihren Körper hinweg und bedeckte ihn mit einem grünen Algenkleid. Oh, bitte lieber Gott, falls es dich gibt, lass sie nicht sterben.

Sie war es mir wert, dass ich zu einem Gott betete, für den ich nur noch Verachtung übrighatte, denn er hatte mich damals im Stich gelassen. Nun rächte ich mich auf meine Art an ihm, indem ich möglichst viele, arme Seelen verschlang. Je mehr ich einheimste, desto weniger blieb für ihn. Das war meine dämonische und blutrünstige Logik.

Ich hievte ihren Körper auf die kleine Sandbank. Die Wellen leckten gierig an ihren Füßen. Das Wasser wollte sein Opfer zurückhaben, was ich ihm entrissen hatte.

»Weg mit dir!«, schrie ich das Meer an.

Ein beleidigtes Rauschen erscholl und die Gischt spritzte hoch. Um mich herum türmten sich die Wellen auf und da war sie plötzlich: Die wispernde, verzaubernde Stimme meiner Herrin: »Kelpie, mein geliebter Wasserdämon. Sie gehört mir.«

Eine Welle traf mich hart am Rücken und schleuderte mich von Rose fort.

Ich wälzte mich im Sand herum, erhaschte für einen kurzen Augenblick eine weiße Hand mit grünen Fingernägeln, die nach dem Bein der jungen Frau griff.

Mit einem lauten Schrei rappelte ich mich auf und rannte zu dem bewusstlosen Mädchen, das dort so schutzlos lag.

»Kelpie!« Die Stimme meiner Herrin hatte einen frostigen Klang angenommen und kleine Eiskristalle bildeten sich auf der weißen Gischt. Als mich die Welle abermals traf, rissen die scharfen, feinen Kristalle blutige Wunden in meine Haut.

Aber ich ignorierte den Schmerz und kämpfte mich durch das Wasser und zu dem Mädchen hin, welches von der weißen Hand immer tiefer in die Fluten gezogen wurde.

»Sie gehört mir, nicht dir, Kelpie. Lass die Finger von ihr … sie ist …«, kreischte es über das Tosen hinweg.

Was für eine Wut, was für ein Hass. Selten hatte ich meine Göttin so erzürnt erlebt.

Ich blickte auf das menschliche Elend, was blass und regungslos vor mir im Wasser trieb. Was war an dieser Frau so besonders?

Eiskaltes Salzwasser zischte durch meine Beine und ein undurchdringlicher Nebel aus Gischt und Meerwasser legte sich über das kleine Eiland.

Ich blinzelte und wischte die brennende Feuchtigkeit von meiner Haut und aus meinem Gesicht.

Eine von Seetang bedeckte Silhouette trat aus dem Wasser hervor. Die meerblauen Augen, die im Mondlicht azurblau schimmerten, musterten mich anklagen. »Mein geliebter Kelpie, warum widersetzt du dich deiner Königin? Liebst du mich denn nicht mehr?« Ihre Füße verließen den feuchten, nassen Friedhof, in dem schon so viele Menschen ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten, und sie dribbelte zu mir hinüber. Achtlos, beinahe angeekelt, stieg sie über das Menschenwesen hinweg.

Sie spitzte ihre Lippen zu einem Kussmund, verführerisch zartrosa schimmerte ihre Haut. Ich schluckte mühsam. Wie lange hatte ich nun schon auf diesen Tag gewartet? Wie eine Ewigkeit war es mir vorgekommen und nun stand sie wieder vor mir. Und doch war ihr Kuss lustlos, falsch. Es fehlte die Innigkeit und die Gier.

Ihre Lippen fühlten sich wie raues Papier an. Trocken, geschmackslos und spröde.

Ich drückte ihren Körper weg. Ihre kugelrunden Augen blitzten mich erzürnt an, aber ihre Wut berührte mich nicht.

»Du hast mich allein gelassen. Ich habe jede Nacht auf dich gewartet, wo warst du?«, flüsterte ich heiser. Meine Kehle schmerzte. Ich hatte sie nicht fragen wollen, warum sie mich verlassen hatte. Ich wollte ihr nicht die Genugtuung meines Seelenschmerzes geben, aber nun waren die Worte ausgesprochen.

Wie eine Trophäe ihrer erfolgreichen Jagd begutachtete sie mich und wisperte, ohne auf meine Frage einzugehen: »Du siehst wunderschön aus, mein tödlicher Freund.«

Wieder legten sich ihre kalten Finger um meinen Unterarm und sie versuchte erneut, mich zu sich heranzuziehen, aber ich blieb stur stehen. Wäre sie etwas früher gekommen, ich hätte mich ihr mit Haut und Haaren hingegeben.

»Mein Dämon, mein süßer Dämon«, säuselte sie unbeirrt meines Widerstands. »Komm zu mir, komm in meine Arme. Nie wieder werde ich dich alleine lassen, wenn du mir jetzt das Mädchen überlässt.«

Sie konnte lügen, ohne zu erröten. Das kaltherzige Glitzern ihrer Augen verriet ihren Unmut, den sie hinter ihrem honigsüßen Lächeln verbarg. Sie wollte nicht mich, meinen Körper oder meine Zuneigung. Nein, sie wollte das Mädchen.

Schwermütig drehte ich ihr meinen Rücken zu, beugte mich zu dem Mädchen hinab, hob es in meine Arme und sprang die Klippen hinauf. Unter mir tobte ein Sturm aus Wasser und ein fauchendes, undefinierbares Geheul erhob sich.

Meine Königin stand am Rande der Sandbank. Sie hatte ihren Kopf in den Nacken gelegt und schrie ihren Zorn heraus.

Ich wusste, dass sie mir nicht folgen konnte, denn ihr Körper und ihre Unsterblichkeit waren an das Wasser gebunden.

»Komm zurück! Du verstehst nicht, was du da tust!«, brüllte sie und die Wellen schlugen mit solcher Wucht gegen den Felsen, dass der Boden unter meinen Füßen vibrierte.

Ich warf einen letzten Blick auf die vollkommene Schönheit ihres Körpers und legte dann vorsichtig das menschliche Wesen in den Sand, bevor die Heilung meines Körpers ihren Preis forderte und ich ohnmächtig wurde.

»Hallo?«

Undeutliche Worte drangen zu meinem Geist vor.

»Hallo?«

Eine Hand schob sich unter meinen Nacken und jemand hob meinen Kopf an.

Benommen drehte ich meinen schmerzenden Nacken und versuchte, meine Umgebung scharf zu stellen.

Wie ein Blitz durchzuckte mich der Schmerz. Stöhnend richtete ich mich auf, gerade soweit, dass ich beinahe saß, aber meinen Oberkörper noch nicht komplett aufrichten musste. Noch immer quälten mich die verheilenden Rippen.

Mein Blick fiel auf eine kleine Hand, die in meiner großen Handfläche unglaublich verloren wirkte.

Verwirrt folgte ich dem Verlauf des Arms, hin zu der Schulter und zu dem Gesicht, zu dem die Hand gehörte.

Das Atmen fiel mir schwer. Zwei rehbraune Augen, gerötet von den Tränen und dem Salzwasser, sahen mich besorgt an.

Ich durfte ihr nicht antworten, ich durfte nicht in ihren warmen Augen versinken, es war falsch, dennoch tat ich es und zerstörte somit die letzte Barriere, die zwischen dem Reich der Dämonen und der Menschen lag.

Jetzt war mein Körper materialisiert, in eine Welt hinein, in der er nichts mehr zu suchen hatte.

Ein wohliger Schauer durchfuhr meinen Körper und ich genoss die Zartheit ihrer Hände, die mich aufrecht hielten. Es war ein seltsames Gefühl, berührt und wahrgenommen zu werden, denn ich blieb den Menschen ansonsten verborgen. Nur meine Opfer konnten mich im Augenblick ihres Dahinscheidens sehen, was wohl einen allerletzten, höhnischen Gruß aus der Hölle gleichkam.

»Mir geht es gut«, log ich und meine Stimme hörte sich brüchig und fremd an. Lange hatte ich nicht mehr mit meiner menschlichen Stimme gesprochen. Sie war nach den Jahrhunderten des dämonischen Daseins eingerostet und rasselte fürchterlich.

Aber sie sah über diese Peinlichkeit hinweg und ließ sich nichts anmerken. Ich hatte befürchtet, dass sie mich auslachen würde, aber in ihrem Ausdruck lag nur pure Sorge.

Sie hustete qualvoll. Hatte sie sich verletzt?

Besorgt richtete ich mich nun vollends auf und wischte ihr die klebrigen Haarsträhnen aus ihrem Gesicht.

Beklommen fuhr ich mit den Fingern die tiefe Schramme nach, die sich von ihrer Wange bis hin zu ihrer Kinnspitze zog. Sie ließ es geschehen.

»Du … bist ... verletzt.« Mehr brachte ich nicht heraus. Ich war überwältigt von der Tatsache, dass mich endlich jemand sehen konnte und nicht durch mich hindurchblickte, als wäre ich Luft.

Aber die Freude währte nicht lange, denn eine ungeahnte Traurigkeit überkam mich. Ich war ein Monster, ein Kelpie, ein Wasserdämon, der Menschen in das Wasser lockte, um sein eigenes Leben und seine Unsterblichkeit zu verlängern. Ich opferte die armen Seelen meiner Königin.

Mitfühlend legte sie ihre Hand auf meine Stirn. Es war so, als könnte sie die Zweifel in meinen Augen lesen.

»Du hast mich gerettet«, hauchte sie und ihre Stimme vibrierte leicht.

Gerettet? Was für ein unschuldiges Mädchen sie doch war. Ich hatte sie nicht gerettet, ich hatte sie verdammt.

Von nun an würde uns ein unsichtbares Band aneinander fesseln und uns einschnüren, solange bis wir erstickten.

Ich sah zu dem trüben Morgenhimmel hinauf. Die Sterne verblassten zwischen den grauen Wolkenfetzen und vereinzelte Sonnenstrahlen brachen sich am Horizont.

Der Fluch von Triest

, hämmerte es in meinem Kopf und die Worte verursachten ein unangenehmes Stechen in meiner Brust.

Sorgenvoll musterte ich Rose, ob sich schon Spuren unserer Begegnung abzeichneten, aber ihre braunen Augen lagen dunkel und glänzend vor mir. Ich konnte nicht den Hauch eines verräterischen Goldtons erkennen.

»Ich habe Niemanden gerettet.«

Oh, wie hart die Worte über meine Lippen gekommen waren und wie verletzt sie plötzlich wirkte. Sie wich kaum merklich zurück, als ich aufstand. Wie ein kleines, begossenes Hündchen, verlassen und wehrlos saß sie vor mir. Die Knie an ihren bibbernden Leib gedrückt, die Arme um ihren Körper geschlungen.

Konnte ich wirklich so herzlos sein und sie in der Kälte, bei dem nassen Grab ihres Vaters zurücklassen?

Plötzlich wurde ihr Ausdruck entschlossen, beinahe hart und sie nickte: »Ich habe auch Niemanden gerettet. Ich bin nutzlos, schwach und eine schlechte Tochter.«

Wie ehrlich und ruhig die Worte über ihre Lippen gekommen waren. Sie meinte es so, wie sie es gesagt hatte. Sie gab sich die Schuld an dem Tod ihres Vaters. Meine Rose verwelkte vor meinen Augen. Der Kopf hing ihr auf die Brust, die Körperhaltung erschlaffte. Wohin war meine Kriegerin verschwunden, die sich mutig den Mantel heruntergerissen und ihrem Vater hinterher gesprungen war?

Hatte sie die grausame und dunkle Umarmung des Meeres genauso schnell gebrochen wie mich?

Ich konnte nicht anders und legte meine Hand auf ihren Kopf. Das nasse Haar war kalt und fühlte sich unwirklich an. Wie die Algen auf dem Grund des Meeres.

Bei der Berührung ihrer Haut überfluteten mich Bilder, die mich erschrocken aufstöhnen ließen. Die Visionen waren grausam, düster und blutig. Ich konnte keine Einzelheiten erkennen, denn die Bilder überlagerten sich, aber die Grundstimmung und der unheilvolle Unterton erzählten von Tod, Leid und Hass. War es die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft von Rose? Sollte ich der Mann sein, der ihr dieses Elend zufügte?

»Ich muss gehen«, flüsterte ich hastig in die Dunkelheit hinein und hoffte auf eine Reaktion von ihr, die mir erlaubte zu bleiben, aber sie blieb stumm.

Ich nahm die Hand von ihrem Haar, verweilte einen kurzen, unsinnigen Augenblick noch neben ihr, dann schlich ich mich davon.

Wie in Trance lief ich den sandigen Pfad an den Klippen entlang, bis ich zu der kleinen Böschung kam, die sanft abfiel. Benommen vor Kummer ließ ich mich auf die Knie fallen. Warum sehnte ich mich plötzlich nach der Nähe eines Menschen?

Ein leises Plätschern erscholl und erregte meine Aufmerksamkeit. Kurz hatte ich angenommen, dass Selkie zurückgekehrt sei, aber es war nur eine kleine Wassernixe, die sich vergnügt von den Wellen treiben ließ. Als sie mich entdeckte, winkte sie mir lächelnd zu, wohl wissend, wie verführerisch sie dabei wirkte, als sie ihren nackten Oberkörper aus dem Wasser reckte.

Mit fließenden Bewegungen schwamm sie zu meinem privaten Trauerplatz.

Ihr kleines Näschen zuckte, während sie nachdenklich fragte: »Kelpie? Was ist los? Hast du Keinen ins Wasser locken können? Soll ich dir helfen?«

Sie ließ sich mit der Welle vor meine Füße schwemmen und stützte ihre Ellenbogen in den matschigen Sand ab. Jetzt sah sie aus wie eine merkwürdig menschliche Robbe. Ihr Fischschwanz, der immer noch ins Wasser ragte, schlug aufgeregt hin und her.

»Nein, ich habe schon eine Seele ins Wasser getrieben. Einen gebrochenen Mann, vor ein paar Minuten erst. Du musst mir also nicht deine Hilfe anbieten, Silberfisch.«

Pikiert sah sie mich an. Sie hasste den Kosenamen, den ich ihr einst vor vielen Jahrzenten gab. Trotzdem klang ihre Stimme mitfühlend, als sie weiter fragte: »Warum bist du dann so traurig? Hat es dir keine Freude gemacht, ihn ertrinken zu sehen? Ging es vielleicht zu schnell?«

Sie schob ihren Körper weiter auf die Sandbank hinauf und plapperte weiter: »Mein letztes Opfer ist schon nach einigen Sekunden an einem Herzinfarkt gestorben. So etwas Blödes! Da kommt dieser Tattergreis zu mir ins Meer und stirbt, bevor er ertrinken kann. Kannst du dir das vorstellen? Unnützer, dämlicher, wertloser, alter Mann.«

Sie schnaufte aufgeregt.

Ich musste trotz meines Schwermuts schmunzeln. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie der arme Trottel ihren weiblichen Reizen erlegen und ihr ins Meer gefolgt war. Dabei musste seine Geilheit sein Lebenslicht ausgelöscht haben, bevor die Nixe es tun konnte.

»Mein armes Silberfischlein«, tröstete ich die Nixe und konnte mir ein schelmisches Zwinkern nicht verkneifen.

Auf einmal runzelte sich ihre makellos glatte Stirn und sie hob schnuppernd ihren Kopf. Entsetzt wich sie vor mir zurück. »Du riechst nach Mensch. Nach einem lebenden Menschen!«

Verwirrt runzelte ich nun ebenfalls meine Stirn und hob die Handflächen zu meiner Nase. Tatsächlich stieg ein blumiger Duft von meiner Haut auf. Sofort sah ich wieder das traurige Antlitz meiner kleinen Rose vor mir.

Silberfischs sehr bleiche Haut wurde noch eine Spur blasser. Sie schüttelte ihr nasses Haar hin und her: Oh, Kelpie, bitte sag mir nicht, dass du einen Bund eingegangen bist. Bitte, bitte, bitte … «

»Doch«, gab ich leise zur Antwort und dachte an das Mädchen zurück.

»Du dummer, dummer Dämon«, erwiderte sie mir und jegliches Mitgefühl verschwand aus ihren Augen. »Weißt du, was du damit getan hast?«

Es ärgerte mich, wie sie mit mir sprach, aber gleichzeitig beunruhigte es mich auch. Selten hatte ich die Nixe so aufgebracht gesehen wie jetzt. Ihr Fischschwanz teilte das Wasser und ihr schmaler Körper zuckte.

»Ja, es könnte sein, dass … «

Sie unterbrach mich ungehalten und zischte: »Könnte? Du weißt genau, was passieren wird! Meduris wird dich holen, du Narr!«

Sie rollte unheilvoll mit ihren Augen und ließ sich langsam wieder in das Wasser gleiten.

»Warte«, rief ich ihr hinterher. Die Nixe schüttelte ihren Kopf und ihr rotes Haar klatschte auf ihre Schultern. Sie wirkte wie die Fantasie eines Künstlers. Zart und doch robust, schön und gleichzeitig abartig fremd.

»Silberfisch, bleib doch hier!«, schrie ich ihr hinterher, aber die Nixe verschwand ohne ein weiteres Wort in den Wellen.

»Meduris«, wiederholte ich ihre Worte. Ich kannte den Fluch, der einst vor vielen Jahrhunderten über mich gesprochen worden war. Es war die Strafe für mein Versagen gewesen.

Inzwischen war aus dem dunklen Nachtgrau das trübe Hellgrau eines verregneten Herbsttages geworden und ich beschloss, mich erst einmal auszuruhen und zurückzuziehen. Völlig konfus lief ich durch die Dünen und zu dem kleinen Wäldchen, was neben den Klippen angrenzte. Die alten Bäume bogen sich im Wind und das Herbstlaub flatterte durch die Luft. Die kahlen und blanken Äste wirkten im schummrigen Morgenlicht trist und nur der kleine See inmitten dieser farblosen Einöde funkelte einladend im Nebel.

Meine Heimat, mein Refugium der Ruhe und Entspannung.

Ohne zu zögern, sprang ich hinein und ließ mich auf den Grund des Sees sinken. Im Schlamm des Bodens angekommen, verschränkte ich die Arme hinter meinem Nacken und starrte so lange zu der bewegten Wasseroberfläche hinauf, bis mich die Kälte wieder nach Oben zwang. Ich schleppte mich zum Ufer und ließ mich auf den matschigen Boden gleiten. Die Sterne verblassten in der heller werdenden Wintersonne und ich schlief ein.

Ich träumte abscheuliche Dinge. Ich träumte von einem Monster. Das Tier oder Wesen hatte mir seinen Rücken zugewandt, dennoch konnte ich das Schmatzen seiner Kiefer hören. Rechts und links aus seinem gefräßigen Maul ragten zwei menschliche Füße und zwei Arme. Langsam ging ich auf die dunkle Gestalt zu, und gerade als ich meine Hand nach seinem pelzigen Rücken ausstrecken und es zu mir herumdrehen wollte, löste es sich auf. Ein Kopf rollte aus dem Nichts zu meinen Füßen hin. Verflossene, zerquetschte, vom Speichel des Monsters bedeckte Augen starrten mich ausdruckslos an. Ich fuhr zurück. Es waren die Augen einer jungen Frau, die schon fast so lange Tod wie ich am Leben war. Elisabeth.

Erschrocken wachte ich auf. Eine feine Frostschicht hatte sich über den See gelegt und verlieh dem Wasser eine angenehme Stille. Kein Frosch quakte, kein Wasser plätscherte. Es war, als wäre nicht nur der See, sondern auch die Zeit eingefroren.

Genau wie die Oberfläche dieses Sees fühlte sich mein Herz an. Bedeckt von einer Schicht aus Kälte und Frost, verdammt zur Unbeweglichkeit.

Wann hatte ich zuletzt Freude, Liebe oder Wärme verspürt? Nie?

Doch, aber es war zu lange her, als dass ich mich an den Geschmack von Glück und Geborgenheit erinnern konnte. Als ich noch dazu fähig gewesen war, zu weinen und zu lachen, war ich ein Schiffsjunge auf einem christlichen Flottenschiff gewesen. Voller Hoffnung auf ein besseres, weniger ärmlicheres Leben hatte ich auf einem Kriegsschiff angeheuert und dafür mit meinem Leben bezahlt.

Selkie hatte sich in dieser Nacht meiner Seele erbarmt und alle Gefühle getilgt. Bis jetzt. Plötzlich konnte ich wieder erahnen, was es hieß zu lieben, zu leben und auch zu leiden. Dieses Mädchen hatte den Schlüssel zu meinem Herzen gefunden. Nur einer Frau war das zuvor gelungen, aber ihre Liebe zu mir hatte kein glückliches Ende genommen.

Beunruhigt von der Tatsache, dass ich nach knapp 300 Jahren wieder zu menschlichen Gefühlsregungen imstande war und sie auch noch genießen konnte, sprang ich auf die fragile Eisschicht, durchbrach sie und landete im eiskalten Wasser, welches mein hitziges Gemüt abkühlte. Erst als ich mich kaum noch bewegen konnte, schwamm ich zum Ufer und trat auf die Lichtung hinaus.

Mit meinen empfindlichen Sinnen tastete ich nach den wunden Seelen, die mich in ihren dunkelsten Stunden riefen. Wie Motten zum Licht flogen sie zu mir und verbrannten in meiner dämonischen Gier.

Ich legte meinen Kopf auf die Seite. Ich hörte das Schluchzen einer Mutter, die an ihren Kindern verzweifelte. Allein gelassen von den verschiedenen Vätern ihrer Kinder, ohne Familie und Hilfe, dem Alkohol verfallen, schrie ihr Herz nach Ruhe. Sanft wob ich die flüsternden Worte des Unheils und schickte sie mit dem Wind zu dem Geist der Frau. Die menschliche Rasse war schon immer von fragiler Gesundheit, dem Tod immer näher als dem Leben. Eingeschüchtert, verängstigt, mutlos. Erdrückt von der Last des Lebens, alleingelassen von ihren Gottheiten.

Es belustigte mich, wie sie ihre Seelen vergifteten und ihnen dabei den Geschmack verliehen, den ich so sehr an ihnen schätzte. Bittersüß. Lecker. Triefend.

Komm zu mir. Komm in meine Arme, trauriges Wesen. Komm her, ich erlöse dich.

Ich lehnte mich zurück und hörte das schaurige Echo ihres Schluchzens. Die Barrieren der Beherrschtheit brachen und das ganze angesammelte Leid ihres verkorksten Lebens strömte aus ihr heraus. Ich sah vor meinem geistigen Auge, wie sie mit zittrigen Händen eine Abschiedsnotiz hinterließ, sich in den Wagen setzte und zur Klippe fuhr. Entschlossen zu springen, ihrem Leid und ihrem Leben ein Ende zu setzten.

Ich lächelte versonnen, als ich mich nun ebenfalls zu dem dunklen Ort begab, an dem alles enden sollte. Ein neues Opfer. Ein neues Leben für mich. Und ich würde jeden einzelnen Tropfen ihrer Lebenskraft in mir aufnehmen und dann meine kleine Rose suchen. Irgendwo dort draußen wartete ihre Liebe darauf, mich zu umfangen. Ich musste nur zu ihr eilen.

Knirschende Schritte im Sand ertönten leise in meinen Ohren. Der Mond war von schweren Regenwolken bedeckt und feiner Nieselregen ließ den Sand schlammig werden.

Mein Herz frohlockte. War es sonst schwer und düster, jauchzte es nun in meiner Brust.

Ich drehte meinen sehnigen Körper der kranken Seele entgegen, aber vor mir stand nicht die Frau, die ich erwartet hatte.

Erschrocken fuhr ich zusammen. Rose stand vor mir.

Verdammt, was macht sie hier, mitten in der Nacht? Gleich würde mein Opfer auftauchen und sich die Klippen hinabstürzten. Würde Rose den Zusammenhang zwischen den Selbstmorden und mir herstellen können? Würde sie sehen, was für ein Tier ich war?

Schockiert darüber, sie könnte mein wahres Wesen erkennen, starrte ich sie nur wortlos an.

Das zarte Lächeln, was ihrem Gesicht einen entzückenden Glanz verlieh, erleuchtete die triste Nacht.

»Ich …«, begann sie, ob meines Schweigens, peinlich berührt und ihre Haut rötete sich.

Wie gebannt betrachtete ich mit meinen feinen Sinnen die Verfärbungen auf ihrer Haut.

Die hauchzarten Äderchen, für das menschliche Auge kaum sichtbar, füllten sich mit Blut und zauberten ihr einen sanften Rouge-Ton auf die Wangenknochen. Wie gerne hätte ich ihre Augen gesehen, aber sie hatte die Wollmütze tief in die Stirn gezogen, sodass mir nur der Anblick ihrer geröteten Wangen blieb.

»Ich habe mich gestern nicht bedankt. Jedenfalls nicht richtig.«

»Hmm. Ja«, erwiderte ich leise.

Ich richtete meinen Blick auf das dunkle Wasser. »Wann ist die Beerdigung?«

I

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