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Schlechte-Nacht-Geschichten

Vita

Ulrike Wolf, Jahrgang 1969, geboren und aufgewachsen in Thüringen, betreibt das Lesen seit früher Kindheit mit Leidenschaft und liest was ihr in die Hände fällt, bevorzugt Krimis und Horror. Zum selber Schreiben kommt sie erst viel später, es entstehen Kurzgeschichten und Gedichte, die in verschiedenen Verlagen in Anthologien erschienen sind.

Sie lebt mit ihrer Familie und Kater "Freddy Krüger" in Thüringen.

© 2017 Ulrike Wolf

Autor: Ulrike Wolf

Verlag: Westfälische Reihe, Münster

ISBN: 978-3-95627-654-5(Paperback)
978-3-95627-655-2 (Hardcover)
978-3-95627-658-3 (e-Book)

Das Titelbild wurde im Ebersdorfer Park nahe Bad Lobenstein, Thüringen, aufgenommen.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Die Lilie und das Monster

Als meine Schwester Anna und ich 1873 geboren wurden, neigte sich ein heißer und trockener Sommer dem Ende entgegen. Es hatte wochenlang nicht geregnet, das Getreide auf den Feldern war schon fast verdorrt und die Bäche der Umgebung führten seit langem kein Wasser mehr.

Am Abend vor unserer Geburt war das Wetter umgeschlagen und es begann endlich zu regnen.

Unser Vater Robert hatte unseren ältesten Bruder Jakob voller Sorge zur Hebamme geschickt, er selber wollte bei seiner Frau Annalena bleiben. Durch diese Umsicht war sie diesmal rechtzeitig da. Bei der Geburt unseres zweiten Bruders Herbert war sie fast zu spät gekommen. Bei ihm hatte sich die Nabelschnur um den Hals geschlungen und er war schon blau angelaufen als er endlich geboren war. Alle dachten, er würde es nicht schaffen, aber er erwies sich als erstaunlich widerstandsfähig und erholte sich sehr schnell.

Als wir geboren wurden, war er fünf und Jakob neun Jahre alt. Bei uns ging dann auch alles relativ komplikationslos von sich, aber es überraschte die Tatsache, dass es zwei Kinder waren. Meine Mutter allerdings hatte schon frühzeitig die Vermutung, dass sie Zwillinge erwartete.

Diesmal brauchte unsere Mutter bedeutend länger um wieder auf die Beine zu kommen und sie kränkelte seitdem öfter. Es kamen dann auch keine weiteren Geschwister hinzu, wir zwei Mädchen blieben die letzten Kinder.

Nachdem sie sich erholt hatte, war sie wieder so schön wie vorher. Mit ihrer hellen Haut und den langen rötlichen Haaren wirkte sie sehr mädchenhaft und zerbrechlich. Mein Vater vergötterte sie. Auch uns Kinder liebte er. Wir hatten eine sehr schöne Kindheit. Im Gegensatz zu vielen unserer Freunde gab es bei uns keine Strafen wie Hausarrest, kein Abendbrot oder gar Prügel für kleinste Vergehen. Oft sahen wir bei unseren Freunden blaue Flecken oder Striemen von der Peitsche.

Besonders schlimm war es bei der Nachbarsfamilie. Dort wurde viel geprügelt, besonders wenn der Vater wieder getrunken hatte. Anfangs hatte seine Frau Johanna noch versucht ihn zurück zu halten, dann war er auch auf sie losgegangen. Seitdem wagte sie es nicht mehr sich gegen ihn zu stellen. Thomas, der älteste Sohn, ließ sich das gefallen bis er fünfzehn war. Als der Vater wieder mal volltrunken aus der Spelunke um die Ecke gekommen war, eskalierte die Situation. „Mach dich ins Bett, damit du morgen früh aus geschlafen hast, um die Kühe zu melken und zu füttern!“ fuhr der Alte seinen Sohn grob an. „Lass mich in Ruhe, ich weiß selber, was ich zu tun habe“! gab Thomas missmutig zurück. Schon hatte der Alte den erstbesten Gegenstand, ein Holzscheit aus der Kiste am Ofen, in der Hand und schlug es dem Jungen ins Gesicht. Der starrte seinen Vater an, nahm sich dann den Ochsenziemer von der Wand und ging auf seinen Vater los. Der schaute erst ungläubig, dann begann er zu lachen. Das Lachen blieb ihm im Hals stecken als der Sohn begann, voller Wut auf den verhassten Vater einzuschlagen.

Durch den Tumult wurden alle anderen natürlich geweckt. Als Johanna sah was passierte, wollte sie Thomas zurückhalten. In seiner Angst machte der Vater einen Schritt rückwärts, stolperte über das Holzscheit das er fallengelassen hatte und schlug mit dem Kopf auf das kleine Holzbänkchen, auf dem das jüngste der Kinder immer saß. Dort blieb er reglos liegen. Ein dünnes Rinnsal Blut sickerte langsam aus seiner Nase. Alle standen wie erstarrt. Johanna erwies sich als die geistesgegenwärtigste und sagte zu ihrem zweitältesten Sohn Florian: „Schnell, lauf zum Arzt. Beeil dich!“

Wutentbrannt schrie Thomas: “Von mir aus kann der alte Säufer krepieren! Es wäre für uns alle das Beste!“

Als Florian mit dem Arzt kam, fragte der natürlich was passiert wäre; und alle erklärten übereinstimmend, dass der Vater wieder mal betrunken nach Hause gekommen und in seinem Suff gestolpert war. Da er als Säufer bekannt war, stellte der Arzt keine weiteren Fragen. Er untersuchte den Vater und erklärte, dass er sicher nur eine Gehirnerschütterung davongetragen habe. Daraufhin zog man ihn aus und schaffte ihn ins Bett.

Leider schien er wirklich keine ernsten Verletzungen zu haben und es dauerte nicht lange, da war er wieder auf den Beinen. Allerdings wagte er es nicht mehr, gegen Frau und Kinder die Hand zu erheben.

***

Meine Schwester und ich kannten diese Geschichten nur vom Hörensagen, und obwohl der Alte nicht mehr prügelte, hatte er das Saufen natürlich nicht aufgegeben. Sein Äußeres hatte schon sehr darunter gelitten. Die Nase war rot und geschwollen, im Gesicht waren kleine Adern zu sehen und er roch widerwärtig. Er war uns unheimlich wie er uns mit blutunterlaufenen Augen hinterher glotzte. Wir waren unserer Mutter sehr ähnlich und von ihr erfuhren wir später auch, dass eben jener Nachbar früher in sie verliebt war und sie heiraten wollte. Sie hatte unserem Vater den Vorzug gegeben, was der Nachbar nie verwinden konnte. Bald nach der Hochzeit unserer Eltern heiratete er ein Mädchen aus dem Nachbarort, das früher recht hübsch gewesen war. Die Ehe mit diesem Trunkenbold hatte sie jedoch frühzeitig altern lassen, und obwohl sie noch keine vierzig war, wirkte sie verhärmt und unglücklich. Die vielen Schwangerschaften und Geburten taten ein Übriges. Neun Kindern hatte sie das Leben geschenkt, weitere zwei waren kurz nach der Geburt gestorben.

All das hielt ihren Mann aber nicht davon ab, unserer Mutter weiterhin nachzusteigen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit sprach er sie an oder versuchte gar sie zu begrabschen. Wenn er getrunken hatte, wurde er ausfallend, beschimpfte sie als Hure die nicht wisse, was gut für sie sei, oder wurde handgreiflich. Unser Vater hatte ihm schon mehrmals mit recht schlagkräftigen Argumenten klarzumachen versucht, dass er seine Dreckpfoten von ihr lassen soll. Nach solchen Unterredungen herrschte kurzzeitig Ruhe, dann ging es wieder los.

Unsere Mutter hatte schon Angst, allein fort zugehen und nahm immer eines von uns Kindern mit, wenn sie Besorgungen machen musste.

***

An einem Freitag Ende September sagte unser Vater: „Morgen werde ich auf den Markt gehen und für uns eine Kuh kaufen.“ Das ganze Jahr hatte er nebenher zu seiner täglichen Arbeit auf dem Feld einen kleinen ordentlichen Stall gebaut; das Tier sollte es auch gut haben. „Wir wollen auch mit und die Kuh aussuchen!“ riefen alle durcheinander. „Ihr wollt alle mit? Was sagst du, Lenchen?“ fragte er seine Frau und sah sie erwartungsvoll an. Annalena lächelte und sagte: „Aber sicher dürft ihr mit. Macht euch einen schönen Tag.“ Wir waren so aufgeregt, dass wir am Abend lange nicht einschlafen konnten. Trotzdem waren wir am nächsten Tag früh munter. Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg. Mutter hatte uns genug zu essen mitgegeben; frische Wurst, duftendes Brot und Kuchen, weil wir Mädchen immer etwas süßes wollten.

Unsere Mutter blieb allein zu Hause. Sie stand in der Tür und winkte uns nach.

Bald erreichten wir den Markt. Was es da alles zu sehen gab! Da standen Frauen, die Gewürze und Kräuter feilboten, Andere Äpfel, Kartoffeln und Möhren, wieder Andere Käfige mit Hühnern, Enten und Gänsen. Weiter hinten auf dem Markt waren dann die Bauern, die Kühe, Schweine, Pferde und Schafe verkauften. Einer dieser Bauern hatte besonders schöne Tiere, und wir waren hellauf begeistert, als wir seine Kühe sahen. Unser Vater wurde mit dem Bauern schnell einig. Wir kauften eine wunderschöne braunweiße Kuh mit glänzendem Fell.

Spät am Abend kamen wir zurück, wir waren todmüde. Unsere Mutter freute sich sehr über das schöne Tier, war aber sonst recht einsilbig. Wir waren so müde, dass wir dem keine Bedeutung beimaßen.

***

Am nächsten Morgen kam Johanna zu uns gelaufen und war ganz aufgelöst. „Habt ihr meinen Mann gesehen?“ fragte sie.

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