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Schlafwandler

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BUCH EINS

EINS

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BUCH ZWEI

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ELF

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ZWEIUNDDREISSIG

EPILOG

NACHBEMERKUNG

Leseprobe aus "Kindersucher"

 

Ich gehe mit der Zuversicht eines Schlafwandlers den Weg, den die Vorsehung mir diktiert.

Adolf Hitler

BUCH EINS

Stadt ohne Morgen

EINS

Berlin, November 1932

Die Beine der Dietrich waren Zauberstäbe, schlanke, hypnotische Instrumente, die Millionen faszinierten. Kraus konnte sich ihren Charme bedauerlicherweise nur unter dem männlichen Hosenanzug vorstellen, den sie an diesem Nachmittag bei Fritz trug. Er war von den politischen Prophezeiungen gelangweilt, die sich dieser Tage in jedermanns Gespräche drängten, und er hatte schwer damit zu kämpfen, die Augen offen zu halten. Zu seinem Glück malträtierte der Bauhausstuhl aus Stahlrohr, auf dem er saß, seinen Hintern zu Tode.

»Und was möchten Sie, Herr Kriminalinspektor?«

Er griff nach einem weiteren Glas Champagner. Obwohl sein Gehirn zu fliegen schien, war diese Feier einfach nur deprimierend. Wo sonst hätte Marlene Dietrich auch auftauchen sollen, wenn nicht auf Fritz’ Einweihungsparty? Halb Berlin war mit diesem alten Kriegskumpel gut Freund. Und sie alle schienen herausgefahren zu sein, um sich seinen neuen Palast im Grunewald anzusehen. Schlanke, lange Glasscheiben bogen sich um ein gekrümmtes Wohnzimmer, das vor Gemälden von Klee und Modigliani überquoll. Das Haus war ein weiteres Meisterwerk Erich Mendelsohns, des Stararchitekten der Weimarer Republik, der sich vor den Komplimenten, die auf ihn herabprasselten, artig verbeugte.

»So leicht. So frei.« Die Dietrich betastete eine schimmernde Brancusi-Statuette. »So modern!« Was den Rest der Stadt anging – sie verzog ihr Gesicht zu einer Trauermiene – so fand sie, dass sie stank. In den zwei Jahren seit ihrem letzten Aufenthalt, so erklärte der große Star, sei Berlins berühmte, belebende Luft wirklich verfault.

»Ich verstehe gar nicht, wie Sie hier überhaupt atmen können.« Sie ließ mit einer eleganten Bewegung ein goldenes Zigarettenetui aufschnappen und setzte sich zu den anderen auf die mit Rohseide bezogene Couch. »Überall der Gestank von Braunhemden. Sie kauern wie Paviane vor den Kaufhäusern und schütteln einem diese verdammten Blechdosen vor der Nase herum.«

»Weil sie hoffnungslos verschuldet sind.« Der General, der ihr gegenübersaß, schob ein silbernes Monokel in sein Auge. Er trug sogar zu dieser legeren Nachmittagseinladung seine Ausgehuniform mitsamt dem kompletten Gehänge aus Bronzeorden. Wenn schon nicht seine Klugheit, so erlaubte ihm doch seine Position, gewisse Dinge glaubwürdig zu äußern. Kurt von Schleicher war Kriegsminister, Kommandeur der Armee und einer der berüchtigtsten Intriganten Berlins. »Die Nazis stehen vor dem Ruin, meine Teuerste«, verkündete er, »sowohl finanziell als auch anderweitig.«

Kraus’ Augen wurden langsam glasig.

»Sehen Sie sich doch nur die Wahlplakate dieses Monats an«, meinte von Schleicher lachend. »›Hitler über Deutschland‹, also wirklich! Der Mann ist in zehn Städten rausgeflogen und hat zwanzig Prozent seiner Reichstagssitze eingebüßt.«

»Seine Partei ist immer noch die stärkste Kraft«, ergänzte Fritz’ Exfrau Sylvie jammernd.

»Aber sie hat ihren Zenit überschritten.« Der General nahm sein Monokel aus dem Auge. »In einem Jahr, das versichere ich Ihnen, werden Sie sich nicht einmal mehr an Hitlers Namen erinnern.«

Es war eine ungeheuere Erleichterung, als sich Fritz’ Butler vorbeugte und flüsterte, es gebe einen Anruf für den Herrn Kriminalinspektor.

»Sie können ihn in der Bibliothek annehmen, wenn es Ihnen beliebt, mein Herr.«

»Bitte entschuldigen Sie mich.« Kraus erhob sich und schüttelte seine halb abgestorbenen Beine aus.

Dann humpelte er den langen, weißen Flur entlang und gelangte zu einem von Glaswänden umschlossenen Raum, der eher an ein Aquarium als an eine Bibliothek erinnerte. Gunther war am Telefon. Er rief vom Alexanderplatz aus an.

»Ist sie so schön wie auf der Leinwein? So sexy wie die verruchte Lola?«

»Wovon reden Sie, Gunther?«

»Entschuldigen Sie, Chef. Aber es ist wieder eine Wasserleiche aufgetaucht. Diesmal ist es ein Mädchen. In Spandau, unter der Zitadelle.«

Kraus schnürte es die Kehle zu. »Also gut. Ich bin unterwegs.«

»Ja, Chef. Ich sage Bescheid.«

»Ach, und Gunther?«

»Ja, Herr Inspektor?«

»Sie ist es. Jeder gottverdammte Zentimeter. Selbst in Männerhosen.«

»Ich wusste es! Eine Million Mal Dank, Chef.«

Will hängte den Hörer auf die Gabel zurück und blieb einen Augenblick stehen. Leichen in Flüssen waren in diesen Zeiten für Berlin keine große Sache. Aber er hatte noch nie gehört, dass eine in Alt-Spandau auftauchte. Und dann noch ein Mädchen.

Im Wohnzimmer machten sie ein großes Gewese um seinen abrupten Aufbruch. »Musst du weg, um einen anderen Feind zu fangen?« Sylvie sprang auf, um ihn zu eskortieren, und nahm seinen Arm.

»Sie sind ein ziemlicher Star geworden, nicht wahr, Kraus?« Die Dietrich musterte ihn, als wäre er ein kostbares Rennpferd. »Selbst in Amerika kennt man den großen Kriminalisten, der dieses Monster, den Kinderschänder von Berlin, dingfest gemacht hat. Sie sollten nach Hollywood kommen. Ich wette, man macht einen Film über Sie.«

»Ich glaube nicht, dass sie einen Schauspieler finden würden, der auch nur annähernd langweilig genug wäre, um mich spielen zu können.« Kraus zwang sich zu einem Lächeln.

Fritz lachte viel zu laut über diesen Scherz, und der lange, gezackte Schmiss auf seiner Wange lief knallrot an.

 

Kraus nahm die neue Schnellstraße nach Spandau. Im Sommer war sie eine Rennstrecke, ansonsten aber war die Avus für den Straßenverkehr geöffnet und für gewöhnlich leer. Die Kiefernwälder warfen einen unheilvollen Schatten, als er beschleunigte. Wie die Deutschen ihre Wälder lieben, dachte er, während er in den vierten Gang hochschaltete. Je dichter und dunkler, desto besser. Ihm persönlich war der Strand lieber. Und gleißender, strahlender Sonnenschein. Freies Gelände. Aber diese Straße war wirklich großartig. Ein weißer Streifen in der Wildnis. Er fuhr viel schneller, als er sollte, vor allem nach soviel Champagner. Doch der Adrenalinstoß war zu berauschend. Das silberfarbene BMW-Sportcoupé war der einzige Luxus, den er sich gönnte. Er sammelte keine Kunst, und er reiste auch nicht. Und er hielt keine Frauen aus. Er war einfach nur langweilig. Die sechs Zylinder des BMW 320 brachten den Wagen auf hundert Stundenkilometer. Er war gerade langweilig genug gewesen, um der berühmteste Polizeiinspektor Deutschlands zu werden. Das Fahrzeug lag auf der Straße, als würde es sich kaum bewegen, dabei fuhr er hundertzehn. Die Kiefernwälder verschwammen, als sie vorbeihuschten. Was für ein Idiot Fritz sein konnte, wenn er betrunken war! Kraus trat das Gaspedal durch und beschleunigte auf über einhundertzwanzig. Er schien über der Autobahn zu schweben.

Trotzdem würde Kraus ihm sein Leben anvertrauen.

Eine halbe Stunde später kroch er über die mittelalterlichen Straßen von Alt-Spandau, einer der wenigen Stadtteile Berlins mit authentischer Geschichte. Schmale Straßen, gesäumt von Fachwerkhäusern, führten zu der Zitadelle aus dem 15. Jahrhundert, deren massive Mauern sich immer noch an der Stelle erhoben, an welcher die Spree in die Havel mündete. Als er den Wagen parkte, ging die Sonne über dem grauen Wasser unter. Am Ufer erblickte er mehrere Uniformierte in ihren Ledermänteln und den glänzenden Helmen mit den schwarzen Schirmen.

»Inspektor.« Die Männer entdeckten ihn sofort und bildeten eine Gasse.

Selbst auf der Straße erkannten ihn die Menschen, baten um ein Autogramm und ließen sich mit ihm fotografieren. Der große Kinderschänder-Fänger. Eine Mischung aus Bewunderung und Neid schlug ihm entgegen, als die Polizisten ihn umringten. Etliche Kollegen aus der Abteilung interessierte sein Ruhm überhaupt nicht, und ihm selbst lag auch nichts daran. Sie waren alle Vertreter des Gesetzes. Ohne Gesetze waren die Schwachen wehrlos.

»Machen Sie sich auf eine Schweinerei gefasst«, sprach ein Beamter namens Schmidt ihn an.

Kraus hatte während seiner Dienstzeit bei der Mordkommission der Berliner Kriminalpolizei schon mehr als genug Leichen gesehen. Verstümmelte Leichen, enthauptete Leichen, Leichen, die man gekocht und in Wurstpellen gestopft hatte. Aber diesmal blieb ihm fast das Herz stehen. Dieses Berlin der Weimarer Republik, das von den Jahren des Krieges, der Niederlage, der Revolution, der Inflation und jetzt der Depression gebeutelt wurde, in dem fast eine Million Menschen arbeitslos waren, dessen Regierung wie paralysiert schien und in dem es vor Lasterhaftigkeit drunter und drüber ging … Sexverrückte, Serienkiller, Schlägertrupps der Rot- und Braunhemden, die sich um die Kontrolle auf den Straßen prügelten … diese Stadt, die das Ende der Fahnenstange erreicht hatte, die kein Morgen kannte, die am Rand des Abgrunds taumelte … der Diktatur … selbst in dieser Stadt war das ein Bild des blanken Horrors.

Am Rand des Wassers lag ein Mädchen mit dem Gesicht nach oben, von Schlamm und Schlingpflanzen eingehüllt wie Shakespeares Ophelia. Es war eine wunderschöne junge Frau um die fünfundzwanzig. Ihre alabasterfarbene Haut war aufgequollen, aber noch nicht so weit, dass es ihre Gesichtszüge entstellte. Sie wirkte jung, frisch und lebendig, selbst im Tod. Ihre glasigen Augen waren weit geöffnet, schienen warm und dunkel und reflektierten den kalten, deutschen Sonnenuntergang. Die Lippen waren zu einem ruhigen, beinahe triumphalen Lächeln gekräuselt. Als Kraus sich zu ihr hinunterbeugte, spürte er, wie ein alter, verkrusteter Hebel sich in seinem Herzen bewegte, und ihn überkam der Drang, die Arme auszustrecken und das arme Wesen hochzuheben. Um ihre Schultern lag wie eine Toga ein dünner, grauer Baumwollkittel, der ihre großen, runden Brüste entblößte. Kraus bemerkte sofort, dass ihr dunkles Haar viel zu kurz war … so als wäre sie vor nicht allzu langer Zeit geschoren worden.

Aber was ihm wirklich zusetzte, was ihn traf wie ein Hammerschlag, waren ihre Beine. Sie waren ausgestreckt wie im Schlaf und wirkten fast übernatürlich missgestaltet. Er hockte sich an den Rand des Wassers, das orangerot glühte. Es stank, und er hielt die Luft an. Ihre Füße waren normal, aber von den Knien abwärts bis zu den Knöcheln schienen die Knochen … nach hinten zu weisen. Als hätte jemand eine gigantische Zange angesetzt und ihr das Wadenbein herumgedreht.

»Wie eine Meerjungfrau, was?« Schmidt feixte.

»So haben wir sie genannt, Herr Inspektor.« Ein anderer Polizist stellte klar, dass der Witz nicht auf Schmidts Mist gewachsen war. »Fräulein Wassernixe.«

»Schon gut. Ist der Rechtsmediziner schon verständigt worden?«

»Jawohl, Herr Inspektor.« Schmidt salutierte. »Er sollte jeden Moment eintreffen.«

 

»Ich habe so etwas noch nie gesehen«, erklärte Dr. Ernst Hoffnung wenige Minuten später, nachdem Schmidt und die anderen Beamten das arme Mädchen auf die Trage der Ambulanz gehievt hatten.

Kraus sah zu, wie der leitende Rechtsmediziner die Leiche einer ersten, flüchtigen Untersuchung unterzog.

»Wundnähte«, erklärte Dr. Hoffnung entschieden. »Jemand hat sich an diesen Beinen zu schaffen gemacht. Es ist äußerst ungewöhnlich. Was das für ein Gefühl ist … Das will ich nicht einmal aussprechen. Ich muss sie aufmachen und einen Blick darauf werfen.« Dr. Hoffnung tastete mit seinen behandschuhten Fingern den ganzen Leichnam ab und schloss mit einer raschen Untersuchung der Mundhöhle. »Ich weiß noch nicht genau, was die Todesursache ist, aber eines kann ich Ihnen jetzt schon sagen: Sie ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine Deutsche.«

Kraus hatte schon oft genug mit Dr. Hoffnung zusammengearbeitet und unterschätzte die Fähigkeiten des Mannes nicht, aber das kam ihm wie Magie vor. »Wie kommen Sie darauf?«

»Alle Weisheitszähne wurden entfernt. Nicht einmal eines von tausend deutschen Mädchen könnte sich das leisten.«

»Haben Sie eine Vermutung, woher sie stammt?«

»Der einzige Ort, wo man regelmäßig solche Zahnbehandlungen durchführt, ist Amerika.«

Kraus blickte über die breite Wasserstraße, wo die beiden Flüsse ineinander mündeten. Vom Westen zog Regen heran, der wie ein silbernes Laken über das dichte Netzwerk aus Inseln und Flussarmen hinter dem gegenüberliegenden Ufer glitt. Irgendwo da draußen, dachte er, während ein Dutzend Blicke auf ihm ruhte, hat diese junge Frau ihren letzten Atemzug getan.

»Wer, sagten Sie, hat das hier gemeldet?« Er wandte sich an Schmidt.

»Eine Frau mit Namen Geschlecht. Sie lebt in dem Haus da drüben. Kroneburgstraße siebzehn.«

Er reichte Kraus den Bericht. Die Handschrift war verschwommen. Oder lag es an Kraus’ Augen?

Er konnte den Text nicht lesen und blickte über die Straße.

Das Haus war eher eine Art Hof. Hinter einer hohen, weißen Mauer drängten sich einige alte Gebäude. Er kniff die Augen zusammen und konnte ein Schild über der Tür entziffern. INSTITUT FÜR MODERNES LEBEN. Plötzlich dröhnte ein Donnerschlag durch seinen Schädel. Ein Gewitter. Die ersten Regentropfen prasselten herunter. Kraus warf einen Blick auf seine Uhr. Es war bereits nach sechs. Um sieben hatte er eine Einladung zum Essen, die er nicht absagen konnte. Er würde morgen früh hierher zurückkommen müssen.

 

Der Regen holte ihn ein, und als er den Kurfüstendamm erreichte – den Ku’damm, wie die Einheimischen ihn nannten, Berlins große Prachtstraße –, steckte sein BMW hoffnungslos im Verkehr fest. Noch in seiner Kindheit waren Motorfahrzeuge selten gewesen, selbst auf dem Ku’damm. Jetzt kam man trotz der Verkehrszeichen zwischen den Autos, Lastwagen, Straßenbahnen, Motorrädern und Doppeldeckerbussen zu Fuß schneller voran als mit einem Fahrzeug. An den Gebäuden hatte man die Putzornamente, die Schnörkel, Muscheln und Rosen der Vergangenheit, durch glattes Glas und Stahl ersetzt. Tausende von Neon-Werbetafeln blitzten an den Fassaden, ihr Blau und Rot verschwamm im Regen, leuchtete in Pfützen und faszinierte ihn, als er im Schneckentempo an den Bürgersteigen vorbeikroch, auf denen sich Menschen drängten, die aus den Kinopalästen strömten, an überquellenden Cafés vorbeirollte und an grell beleuchteten Kaufhausfenstern vorübertrieb. Menschenmassen. Neon. Lärm. Berlin machte weiter. Wider aller Vernunft.

Ihm schnürte sich wie immer die Kehle zu, als er am Joachimsthaler Platz vorbeifuhr, wo Vicki ums Leben gekommen war. Eines Morgens war ein Lastwagen über den Bürgersteig geschleudert und in das Fenster des Cafés gekracht, in dem sie gesessen hatte. Ein Glassplitter hatte ihre Hauptschlagader durchtrennt. Zwei Jahre war das her, und der Schmerz war kaum geringer geworden. Allein der Gedanke an Stefan und Erich, die ein paar Häuserzeilen weiter auf ihn warteten, heiterte ihn auf.

Er hatte sich eine gute halbe Stunde verspätet, als er schließlich das Café Strauß betrat. Es war ein kolossales Etablissement auf der Tauentzienstraße, in dem scheinbar Hunderte von weißbehandschuhten Kellnern herumliefen. Doch die Jungs erspähten ihn selbst durch den gut gefüllten Speisesaal und schrien sofort los: »Vati! Vati! Hier drüben!« Kraus sah, dass ihre matronenhafte, mit Hut und in schwarzem Kostüm gekleidete Großmutter, Frau Gottmann, den beiden einen finsteren Blick zuwarf, weil sie die Aufmerksamkeit der anderen Gäste auf sich zogen. Dann richtete sie ihren missbilligenden Blick auf ihn, weil er zu spät kam. Aber der achtjährige Stefan und der zehnjährige Erich ließen sich nie durch die Etikette einschüchtern, sprangen von ihren Stühlen auf, die Servietten noch in ihre Hemdkragen gesteckt, und stürzten sich in seine Arme.

Nach Vickis Tod waren er und die Gottmanns übereingekommen, dass es für die Jungs besser war, wenn sie nach Dahlem kamen und bei ihnen lebten. Sie besaßen eine geräumige Villa mit einem großen Garten, und Vickis jüngere Schwester Ava konnte sich um die beiden kümmern, während sie zu Ende studierte. Wundersamerweise hatte dieses Arrangement funktioniert. Die Jungs gediehen prächtig. Und die Zauberkünstlerin war Ava. Er sah, wie sie strahlend das Glück der Jungs beobachtete, als sie ihn umarmten. Er hatte schon immer gefunden, dass Ava Vicki sehr ähnlich sah, auch wenn sie eine etwas nüchternere Ausgabe von ihr war. Aber ihre Liebe zu den Kindern verstärkte diese Ähnlichkeit noch.

Als sich Kraus zwischen die Jungs setzte, die ihre kleinen Arme durch seine geschoben hatten, rückte Frau Gottmann ihren schwarzen, federgeschmückten Hut zurecht. Sie war eine Schönheit, eine ehemalige Schauspielerin aus Wien, und verfügte über ein umfassendes Repertoire von subtilen, gefühlsbetonten Ausdrucksformen. »Du wusstest natürlich, dass das Essen für sieben Uhr angesetzt war.« Schuldgefühle zu erzeugen war eine ihrer Spezialitäten.

Normalerweise fand das Sonntagsessen in ihrem Haus statt, und hin und wieder kam er zu spät. Gut, es war eine weite Fahrt von der Stadt dorthin. Sie vergaben ihm. Aber heute waren die Gottmanns mit den Jungs in die Stadt gekommen, um sich das Ischtar-Tor anzusehen. Also sah Frau Gottmann keinen Grund für Kraus’ Verspätung, da er nur ein paar Minuten Fußweg von dem Restaurant entfernt wohnte.

»Wenn du es unbedingt wissen musst«, erwiderte er gereizter, als er beabsichtigt hatte, »der Grund für meine Verspätung war Polizeiarbeit. Die Leiche einer jungen Frau in der Havel.«

Seine Schwiegermutter weitete entsetzt die Augen. Dass er so etwas vor den Kindern zu sagen wagte! Aber es waren nicht seine Kinder, die sich an seiner Arbeit störten, das wusste Kraus. Als sie anfing, mit ihrer Perlenkette herumzuspielen, griff er über den Tisch und drückte ihre Hand, was ihm ein schwaches Lächeln einbrachte. Immerhin hatten sie beide Vicki verloren. Und sie beide lebten in einem Deutschland, das für Menschen wie sie mit jeder Woche schlimmer wurde.

Für die Gottmanns wie für die meisten deutschen Juden, auch für seine eigenen Eltern, wenn sie lange genug gelebt hätten, war es vollkommen unverständlich, dass er Kriminalpolizist geworden war. Jahrhunderte der Unterdrückung machten die Tätigkeit bei den Gesetzeshütern für einen Juden zu einem Ding der Unmöglichkeit. Die Polizei war der Feind, das Werkzeug der Tyrannen. Warum war er nicht Anwalt geworden, wenn er wirklich so am Gesetz interessiert war? Stattdessen war er Polizist geworden. Und dazu auch noch ein berühmter. Aber für einen durch und durch pragmatischen Mann wie Max Gottmann, dem Begründer von Gottmann Moden, zählten keine bourgeoisen Empfindlichkeiten, sondern nur der Erfolg.

»Gott weiß, Bettie«, er warf seiner Frau einen finsteren Blick zu, »dass es allein die Polizei ist, die diesem Land eine gewisse Stabilität verleiht. Schließlich dient der Mann der Republik und nicht dem Zaren.« Er wandte sich Kraus zu und sah ihn besorgt an. »Wie geht es dir, mein Sohn? Was macht diese schreckliche Erkältung?«

Nachdem die Jungs eine Liste von Erfolgen in der Schule heruntergerattert hatten – Erich hatte die beste Note in einer Erdkundearbeit geschrieben, und Stefan spielte eine Rolle beim Winterfest seiner Grundschule –, fragte Kraus Ava, wie es an der Universität lief.

»Willi! Jetzt sag nicht, dass du es vergessen hast. Ich habe meinen Abschluss gemacht, vor anderthalb Jahren.«

Er lief rot an. »Ja, natürlich. Wie dumm von mir.« Er starrte auf seinen Teller, als stünde dort etwas geschrieben. »Und was machst du jetzt? Ich meine, außer die Jungs so phantastisch zu erziehen?«

Manchmal fiel es ihm wirklich schwer, Ava anzusehen, weil sie seiner toten Frau so ähnlich sah. Sie hatte die gleiche samtene Haut, die gleichen walnussbraunen Augen und den gleichen langen, geschwungenen Hals.

»Das habe ich dir schon ein Dutzend Mal erzählt. Ich habe einen Teilzeitjob.«

»Ja, entschuldige. Was arbeitest du noch gleich?«

»Ich bin Korrespondentin, Willi. Ich schicke Artikel von allem, was an der Universität so passiert, an eine der großen Zeitungen von Ullstein.«

»Das ist faszinierend. Dann kennst du sicher meinen alten Kriegskumpel Fritz …«

»Ja, den kenne ich, Dummerchen. Ich arbeitete für Fritz.«

Er bemerkte Avas amüsiertes Lächeln. Du lebst wirklich vollkommen in deiner eigenen kleinen Welt, schien es zu sagen.

Vicki hatte eine vollkommen natürliche, glamouröse Ausstrahlung gehabt. Wann immer Kraus sie angesehen hatte, hatte er gedacht, man sollte sie in dieser Pose auf einem Werbeplakat am Potsdamer Platz ausstellen. Sie war so perfekt, so voll unbewusster Anmut. Ava dagegen hätte seiner Meinung nach eher hinter die Kamera als vor sie gepasst. Nicht, dass sie weniger entzückend gewesen wäre, sie war einfach nur mit einer anderen Art von Eleganz gesegnet: mit der eines scharfen Intellekts und künstlerischer Begabung. Es freute ihn, zu hören, dass sie weiterhin schrieb. Was sie bei Fritz suchte, stand allerdings auf einem anderen Blatt.

»Also … wie stehen denn die Dinge an der Universität?«

Ihre Augen verdunkeln sich schlagartig. »Absolut schrecklich. Noch vor einem Jahr hätte ich es niemals geglaubt. Die gesamte Studentenschaft ist mit fliegenden Fahnen zu den Nazis übergelaufen. Gegen die Nazis eingestellte Fakultäten werden boykottiert. Jüdische Professoren und Studenten bekommen Hassbriefe, in denen ihnen nahegelegt wird, zu verschwinden. Auf den Gymnasien ist es nicht anders. Erich hat sich bis jetzt zwar noch nicht darüber beschwert, aber schließlich hole ich ihn selbst von der Volksschule ab und habe ja Augen im Kopf. Jede Woche tauchen mehr Schüler in den Uniformen der Hitlerjugend auf. Ich weiß nicht, wie lange es dort für ihn noch zu ertragen sein wird.«

Kraus kam sich vor wie ein Mann auf einem Ozeanriesen, der plötzlich Wasser unter seinen Füßen spürt. »Aber … was schlägst du dann vor, Ava?«

»Ich weiß es nicht.« Sie hob eine Braue, genau wie Vicki es immer getan hatte. »Vielleicht müssen wir ihn mit Stefan an die Schule Jung-Judäa zurückschicken.«

»Erich.« Kraus sah seinen älteren Sohn an. »Hast du Ärger an der Volksschule, weil du Jude bist?«

Erich wurde blass. Er schien antworten zu wollen, schwieg jedoch. Normalerweise war er kein Kind, dem die Worte fehlten.

Seine Reaktion sagte Kraus mehr als genug. »Kannst du dieses Schuljahr noch beenden?«, fragte er beunruhigt. »Es sind nur noch … wie lange dauert es? Noch zwei Wochen?«

Erich schüttelte den Kopf. »Es ist nicht so schlimm, Vati.«

»In den Ferien besprechen wir die Lage und ergreifen dann geeignete Maßnahmen. Wie klingt das?«

Erich nickte.

Kraus bemerkte, dass er sich hastig eine Träne aus den Augen wischte.

Nach dem Hauptgang empfahl Großvater den Jungs, sich etwas am Nachtischtresen auszusuchen. »Lasst euch Zeit. Seht euch alles genau an, bevor ihr euch entscheidet«, instruierte Max die beiden. Er wusste, dass Dutzende von Cremetorten und gefüllten Kuchen in den Schaukästen standen.

Sobald die beiden verschwunden waren, erlosch das joviale Lächeln auf seinem Gesicht. »Hör mir zu, Kraus.« Seine Stimme sank zu einem Flüstern herab. »Ich weiß, dass du nichts mit Politik zu tun hast und nur ein Kriminalinspektor bei der Polizei bist. Aber du dienst der Regierung, und ich weiß, dass du dort Freunde hast. Also bitte ich dich, ehrlich gesagt, ich flehe dich an, mir zu versprechen, dass du es mich wissen lässt, wenn du auch nur die Andeutung einer Information bekommst, was passieren wird. Es ist nämlich so, dass unser ganzes Geld in unserem Geschäft steckt. Wenn etwas passieren würde … also, ich denke dabei an die Jungen. An ihre Zukunft. Wenn die Zeit gekommen ist, sich zurückzuziehen, möchte ich es wissen, bevor es zu spät ist.«

»Sich zurückziehen? Was meinst du damit?«

»Die Firma zu verkaufen. Meinen Besitz zu liquidieren. Das Geld ins Ausland zu schaffen.«

»Warum um alles in der Welt solltest du das tun?« Kraus spürte einen Kloß im Hals. »Wir sitzen alle im selben Boot. England, Frankreich, ja selbst Amerika hat genauso viele Arbeitslose wie wir.«

»Aber sie haben keine Nazis.« Max öffnete weit die Augen. »Wenn es nun, was Gott verhüten möge, diesen Wahnsinnigen gelingt, die Macht an sich zu reißen? Denk an das, was sie versprechen! Wie soll man vernünftige Entscheidungen in einer solchen Atmosphäre wie dieser hier treffen, wo man nicht weiß, was der nächste Tag bringen wird?«

Kraus respektierte seinen Schwiegervater sehr, aber er explodierte innerlich vor Wut und hätte den Mann am liebsten am Revers gepackt und ihn geschüttelt, bis er wieder zu Verstand kam. Sich zurückziehen? Was redete er da? Hatte die Furcht jede Logik erstickt? Sie hatten immerhin noch eine Verfassung, richtig? Eine Armee. Gesetze. Hatte Max so wenig Vertrauen in Deutschland und in die Deutschen, seine Volksgenossen, dass er glaubte, sie würden sich einer Bande von Kriminellen ausliefern? Hatten Männer wie Kraus im Krieg nur dafür gekämpft, geblutet und ihr Leben verloren, ein Eisernes Kreuze für Tapferkeit hinter den französischen Linien verliehen bekommen, dass Männer wie Max alles einpackten und wegliefen?

ZWEI

Der Alexanderplatz – oder Alex – war der große Verkehrsknotenpunkt von Berlin-Mitte, ein ausgedehnter Platz, der von einem wirren Netz aus Straßenbahnenschienen durchzogen war, auf dem es von Fahrzeugen, Fahrrädern und Fußgängern wimmelte und der von zwei der größten Massenkonsumtempel Berlins eingerahmt wurde: dem Kaufhaus Wertheim und dem Kaufhaus Tietz. Unter all dem lag die neue U-Bahn-Haltestelle, an der die meistgenutzten Untergrundbahnen von Berlin zusammenliefen. Darüber lag die S-Bahn-Station, von der aus Hochbahnen in die entlegensten Ecken der Metropole fuhren. Außerdem befand sich am Alex auch das riesige, uralte Gebäude des Polizeipräsidiums, das eine ganze Ecke auf der südöstlichen Seite des Platzes in Beschlag nahm. Das rußbedeckte Ungetüm war in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts erbaut worden und wies sechs Stockwerke und mehrere kirchenartige Kuppeln auf. Mit Hut und Mantel bereits in der Hand betrat Kraus das Präsidium pünktlich um acht Uhr morgens durch Eingang sechs.

Als Kriminalinspektor war er der Leiter einer von zahllosen Einheiten der Mordkommission. Er hatte drei Kriminalbeamte und insgesamt fünfzehn weitere Beamte unter sich. Und als einziger Jude in der Abteilung – und praktisch im gesamten Gebäude – hielt er es für unabdingbar, eine gewisse Distanz zu ihnen allen zu wahren, mit Ausnahme seiner Sekretärin Ruta und seinem jüngsten Kriminalanwärter Gunther. Diese beiden behandelte er nicht wie Untergebene, sondern mehr wie Familienmitglieder.

»Was gibt’s Neues, Ruta?«, fragte er die attraktive Großmutter und Mutter von sechs Kindern, der es trotz der neuen, längeren Rockmode gelang, den größten Teil ihrer Beine zu zeigen. Sie behauptete, dass sie vor Jahren eine Tänzerin im Wintergarten gewesen sei.

»Alles ruhig an der Westfront, Chef«, antwortete sie und mahlte unbeirrt Kaffee in ihrer kleinen, hölzernen Kaffeemühle. Jeden Morgen bereitete sie das köstlichste frische Gebräu auf dem kleinen Gasofen zu, der jedem Kriminalinspektor zustand. Hatte sie gute Laune, gab es auch frische, warme Brötchen aus dem Café Rippa im Erdgeschoss. »Seit der Meerjungfrau gibt es keine neuen Opfer.«

Irgendwie war sie immer bestens über alles informiert, praktisch noch bevor es passierte.

»Oh, die Rechtsmedizin hat angerufen. Dr. Hoffnung möchte, dass Sie so schnell wie möglich bei ihm vorbeischauen.«

»Ausgezeichnet. Ist Gunther schon da?«

»Nein, noch nicht.«

»Schicken Sie ihn runter zu Hoffnung, sobald er auftaucht.«

Der Rechtsmediziner stand in seinem weißen Laborkittel am Fenster, starrte hinaus und rauchte Pfeife, als Kraus hereinkam. Als er sich umdrehte, fiel Kraus die finstere Besorgnis in seinen Augen auf.

»Ich habe hier wirklich etwas Außerordentliches gesehen.« Er bedeutete Kraus mit einer Handbewegung, sich zu setzen. »Hätten Sie mir das gestern erzählt, hätte ich es nicht für möglich gehalten. Aber jetzt …« Dr. Hoffnung zündete sich die erloschene Pfeife neu an.

Kraus sah, dass seine Hand heftig zitterte.

»Beginnen wir mit den Äußerlichkeiten.« Das Rauchen schien Dr. Hoffnung zu entspannen. »Dieser graue Kittel, den das Mädchen trug, gehört zum Standardinventar von Preußischen Nervenheilanstalten. Zahlreiche Schnittwunden auf ihrer Kopfhaut lassen darauf schließen, dass ihr der Kopf tatsächlich kahlgeschoren wurde. Etliche dieser Institutionen wenden diese Praxis an. Ansonsten gab es keine größeren inneren oder äußeren Verletzungen. Sie war noch sehr lebendig, als sie ins Wasser gegangen ist. Und sie ist nicht ertrunken. Es ist ihr gelungen, fünfzehn oder zwanzig Minuten über Wasser zu bleiben, bis sie an Unterkühlung gestorben ist. Sechs, möglicherweise sieben Stunden, bevor wir sie herausgezogen haben. Ich würde sagen, sie war eine sehr entschlossene junge Dame. Sie wollte unbedingt leben.«

»Diese Beine, Doktor …«

»Wie ich sagte, ich hätte so etwas niemals für möglich gehalten. Bei beiden Beinen ist das Wadenbein, der Knochen, der vom Knie zum Knöchel führt, chirurgisch entfernt und in das jeweils andere Bein verpflanzt worden. Das wurde mittels einer sehr fortschrittlichen Technik durchgeführt, mit der ich absolut nicht vertraut bin. Seit Jahren spekulieren Ärzte über die Möglichkeit von Knochentransplantationen, aber so weit ich weiß, wurde noch nie eine erfolgreich durchgeführt. Bis jetzt.«

»Knochentransplantation?« Kraus war wie vom Donner gerührt. Und dabei hatte er geglaubt, schon alles gehört zu haben. »Aber … warum?«

»Das weiß ich nicht. Vermutlich, um herauszufinden, ob es machbar ist. Ich kann nur beschreiben, was ich gesehen habe.«

»Wann könnte diese Transplantation durchgeführt worden sein?«

»Vor höchstens sechs Monaten. Die Transplantationsnarben waren vollkommen verheilt und die Beine vollkommen gesund. Abgesehen davon natürlich, dass sie damit nicht mehr laufen konnte. Sie hat höchstens noch humpeln können, auf Krücken.«

»Humpeln?« Kraus versuchte, das alles zu begreifen. »Sie meinen, die Operation hat sie verkrüppelt?«

»Ja.« Der Arzt senkte den Blick. »Genau das meine ich.«

Kraus zog sich die Kehle zusammen. »Das Mädchen ist gesund gewesen? Ihre Beine waren gesund? Und man hat an ihr … herumexperimentiert? Man hat sie absichtlich missgebildet?«

Dr. Hoffnung starrte aus dem Fenster. »Das ist kaum zu glauben, ich weiß. Wir alle betrachten Ärzte als Hüter des Lebens. Sie sind von vorneherein vertrauenswürdig. Selbst uralte Zivilisationen haben ihre Medizinmänner verehrt. Aber hier, im Berlin des Jahres 1932, haben wir einen Chirurgen, der offenbar keinerlei Bedenken zu haben scheint, einen Menschen als Versuchskaninchen zu missbrauchen.«

Er drehte sich zu Kraus herum. Auf seinem Gesicht malte sich schmerzlicher Ekel ab. »Inspektor, wer auch immer das gemacht hat, war ein Genie. Ein Wahnsinniger. Aber ein außerordentlich talentierter Wahnsinniger. Auf jeden Fall einer der besten lebenden orthopädischen Chirurgen.«

 

Kraus schloss die Tür zur Rechtsmedizin hinter sich und prallte fast mit Gunther zusammen. Die lange Bohnenstange von Mann war mindestens einen Kopf größer als Kraus, wahrscheinlich dafür nur halb so schwer, hatte eine lange Nase und ein ansteckendes Lächeln, und er war Kraus geradewegs aus den oberen Etagen der Polizeiakademie in Charlottenburg vor die Füße gefallen. Als Landei aus dem Norden war Berlin für ihn wie ein Märchen. Sicher, er trat häufiger ins Fettnäpfchen, was bei Schuhgröße 47 gar nicht so einfach war. Aber er war klug und effizient und verehrte Kraus aus tiefstem Herzen. Die beiden kamen großartig miteinander aus. Kraus hatte vorgehabt, den Jungen mit nach Spandau zu nehmen, aber der Autopsiebericht warf diesen Plan über den Haufen.

»Gunther …«

»Ja! Guten Morgen, Chef!«

»Was den gestrigen Fall angeht … ich brauche da ein paar Informationen.«

»Jawohl!« Gunther lächelte und zückte sofort sein Notizbuch.

»Ich brauche die Namen sämtlicher hervorragender orthopädischer Chirurgen in Deutschland, vor allem aus der Gegend von Berlin.«

»Orthopädische Chirurgen. Hab ich.«

»Die Namen sämtlicher im letzten Jahr in Berlin vermisst gemeldeter amerikanischer und kanadischer Frauen.«

»Klar.«

»Ich möchte, dass Sie sich bei jeder preußischen Nervenheilanstalt erkundigen, ob eine weibliche Patientin zwischen dreiundzwanzig und sechsundzwanzig Jahren im letzten Jahr verschwunden ist. Und finden Sie heraus, welche dieser Kliniken ihren Patienten die Köpfe kahl schert.«

»Kahle Köpfe, geht klar. Was noch, Chef?«

»Sie müssen alles über Knochentransplantationen ausgraben, was Sie finden können. Kontrollieren Sie, welche Ärzte etwas darüber geschrieben haben, wer Vorlesungen darüber gehalten hat oder was auch immer.«

»Knochentransplantationen. Ja, Chef. Was noch?«

»Das ist alles. Nein, warten Sie. Gehen Sie in Hoffnungs Büro und sagen Sie ihm, dass Sie sich das Mädchen ansehen sollen, auf meinen Wunsch hin.«

»Zu Hoffnung gehen, Mädchen ansehen.« Gunther kritzelte eifrig in seinen Block.

»Sehen Sie sich das Mädchen genau an, Junge. Und hören Sie sich an, was der Rechtsmediziner Ihnen sagt. Und dann, Gunther, dann fragen Sie sich, was das für eine Welt ist, in der wir hier leben.«

 

Kraus fuhr allein mit einem zivilen Polizeiwagen zu der Stelle, wo die Meerjungfrau aufgetaucht war. Der erste Halt war Kronebergstraße 17. Das Institut für Modernes Leben. Er trat durch ein mittelalterlich anmutendes, schmiedeeisernes Tor und näherte sich dem großen, weißen, mit Stuck verzierten Haus. Er drückte die Türklingel. Nach einer Weile näherten sich langsame, schwere Schritte. Als die dunkle Eichentür schließlich aufschwang, war Kraus froh, dass er Gunther nicht mitgenommen hatte.

Vor ihm stand eine nackte Frau von mindestens siebzig, von Kopf bis Fuß braun gebrannt und mit hängenden Brüsten.

»Guten Morgen«, sagte sie und sah ihn fragend an. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich … ich würde gern mit Frau Geschlecht sprechen, wenn das möglich ist.«

»Frau Geschlecht hält gerade ihre Gymnastikstunde ab. Vor halb zehn ist sie nicht fertig. Kann ich Ihnen vielleicht helfen? Ich bin Fräulein Meyer.«

»Ja. Guten Tag, Fräulein.«

»Sie dürfen natürlich hereinkommen. Hier sind alle willkommen, ungeachtet ihrer Rasse, ihres Einkommens, ihres Alters oder ihres körperlichen Zustands.«

»Wie schön.«

»Aber dann müssen Sie Ihre Garderobe ablegen. Voyeure, die sich weigern, abzulegen, sind nicht zugelassen.« Sie lächelte.

Kraus hörte ein merkwürdiges Trommeln aus dem Inneren des Hauses.

»Ich bin nicht hier, um zu glotzen, Fräulein, das versichere ich Ihnen.«

Er zeigte ihr seine Kripomarke.

Auf ihrem Gesicht zeigte sich die angemessene Beunruhigung. »Ach, du meine Güte. Ja, dann müssen Sie natürlich hereinkommen. Frau Geschle-hecht!«, sang sie in eine geöffnete Tür.

Kraus folgte ihr unaufgefordert und blieb wie erstarrt stehen bei dem Anblick, der sich ihm bot.

In dem großen, vollkommen leeren Raum mit einem Holzboden tanzten etwa zwölf zumeist ältere Frauen vollkommen nackt. Sie hatten ihr Haar zu »Gretchen«-Zöpfen geflochten und warfen Arme und Beine um sich wie Nymphen an einer verzauberten Quelle. Ein nackter Mann, der mindestens neunzig Jahre alt sein musste, schlug den Rhythmus auf einer Trommel.

»Schönheit! Gesundheit! Bewegung!«, sangen sie.

»Frau Geschlecht!« Fräulein Meyers schrille Stimme übertönte alles. »Hier ist ein Kriminalpolizist, der Sie sehen will, um Himmels willen! Ein Kriminalinspektor.«

Das Trommeln erstarb. Die Tänzer drehten sich gleichzeitig zur Tür herum. Eine der Frauen trat vor. Sie hatte ein Doppelkinn, hielt sich jedoch stolz und anmutig gerade, als sie zu ihnen trat.

Aus Magazinen wie der Berliner Illustrierten kannte Kraus die Nudistenbewegung. Von braven Mittelklasse-Bürgern bis zu sozialistischen Gesundheitsfanatikern schienen alle dem Kult des nackten Körpers verfallen zu sein. Heilgymnastik, Wassertherapie, Darmspülungen, Sonnenanbetung, Sauermilchdiäten, Elektroschocktherapien … all das sollte einen erhöhten Zustand der Ruhe, Gesundheit und Schönheit erzeugen, die neue Bewusstheit, dass der nackte Körper Perfektion ausstrahlte. Kraus schien es, als würde die gesamte deutsche Nation verzweifelt versuchen, sich ihrer Vergangenheit zu entledigen und praktisch bei null zu beginnen. Und was auch immer die Deutschen waren oder nicht waren, was sie machten, machten sie gründlich.

Auch wenn ihr Auftritt dramatisch gewesen sein mochte, Informationen, die noch nicht im Polizeibericht vermerkt waren, hatte Frau Geschlecht nicht zu bieten. Sie hatte im Solarium im zweiten Stock eine bestimmte Jogastellung eingenommen, berichtete sie ebenso ungerührt von ihrer Nacktheit wie Adam und Eva, als sie durch das Fenster etwas bemerkte, das ebenfalls wie ein nackter Körper aussah. Zuerst hatte sie angenommen, jemand aus dem Institut nehme ein Morgenbad im Fluss. Aber je länger sie in der Position verharrt sei, desto klarer sei ihr geworden, dass sich der Körper nicht bewege. Nachdem sie die Spandauer Polizei angerufen habe, seien Schmidt und die anderen aufgetaucht und sie habe ihnen die Stelle am Flussufer gezeigt, das sei alles gewesen.

»Sie waren sehr hilfreich.« Kraus lächelte und steckte sein Notizbuch ein.

»Bitte, kommen Sie doch wieder.« Sie hielt ihm die Hand zum Kuss hin. »Wir halten jeden Mittwoch und Sonntag um sieben Einführungskurse ab.«

Er zog sich aus dem Paradies der Nackten zurück und musste die unansehnlichen Bilder aus seinem Kopf vertreiben.

Die Sonne hatte sich durch die Morgenwolken gekämpft. Der hohe, runde Turm der Zitadelle erhob sich über die mittelalterliche Stadt. Rechts konnte er den S-Bahnhof sehen, gegenüber lag ein Café mit einem Biergarten. Er überlegte, ob er sich dort ein wenig umhören sollte, doch dann bemerkte er die rote Fahne mit dem weißen Kreis über der Tür, in dem das schwarze Hakenkreuz prangte. Angeblich hatte Hitler das Banner selbst entworfen. Kraus fiel wieder ein, dass Spandau eine Hochburg der Nazis war.

Also ging er zum Fluss. Ein langes, weißes Ausflugsboot kämpfte mühsam gegen die reißenden, grauen Fluten an. Plötzlich hatte er eine Erleuchtung. Natürlich! Die Meerjungfrau war genau in die entgegengesetzte Richtung geschwommen wie das Boot. Er lief rasch die wenigen Stufen zur Pier herunter und fragte dort nach, wann das nächste Boot abfuhr.

»Wohin wollen Sie denn, mein Herr? Wir haben zwei Boote«, erwiderte der Mann nicht besonders freundlich. »Hier steht es.« Er deutete auf ein Schild. »Die nördliche Route oder die südliche. Zum Wannsee oder zum Schloß Oranienburg. Beide Fahren kosten zehn Mark.«

Kraus warf einen Blick auf die Uhr. Oranienburg, am Mittag. Aber bevor er drei Stunden auf einer Bootsfahrt ermittelte, musste er sich noch im Büro melden.

Neben dem Zeitungskiosk stand eine gelbe Telefonzelle.

»Kommissar Horthstaler sagt, Sie sollen ihn sofort anrufen. Es sei dringend.«

»Dringend. Na gut. Dann seien Sie doch so gut und verbinden Sie mich mit dem Kommissar, meine Liebe.«

Durch die offene Tür der Telefonzelle fiel Kraus’ Blick auf die Schlagzeilen der Morgenzeitung. Die Regierung zerbricht! Von Papen zum Rücktritt gezwungen!

»Kommissar Horthstaler, hier spricht Kraus.«

»Kraus, melden Sie sich unverzüglich im Präsidentenpalais.«

»Jawohl, Herr Kommissar.« Kraus war erstaunt. »Darf ich fragen, warum?«

»Der Alte will Sie sprechen.«

»Mich?«

»Hindenburgs Büro war ausgesprochen hartnäckig. Sie sollen sich sofort dort melden.«

»Jawohl. Aber … warum sollte der Präsident mich sprechen wollen?«

»Woher zum Teufel soll ich das wissen? Vielleicht will er Sie zum Reichskanzler ernennen!«

Hätte Kraus nicht gerade die Schlagzeilen gelesen, hätte er die Bemerkung vielleicht amüsant gefunden.

DREI

General Paul von Hindenburg, von fast allen »Der Alte« genannt, war nicht nur der Reichspräsident, sondern auch der symbolische Vater des Landes. Mit seinen eins neunzig, seinen hundertfünfundzwanzig Kilo, der mächtigen tonnenförmigen Brust und dem riesigen Walrossschnauzbart hatte diese wahrhaftig gigantische, mittlerweile fünfundachtzig Jahre zählende Persönlichkeit das kaiserliche Deutschland zu seinen größten Siegen im Weltkrieg geführt. Er hatte in den dunklen Jahren nach dem Krieg als Wächter der nationalen Einheit fungiert, während der Roten Revolution, dem Kapp-Putsch, dem Hitler-Putsch, der Inflation und dem mörderischen Kampf zwischen der extremen Linken und der extremen Rechten. Kraus konnte sich absolut keinen Grund vorstellen, warum dieser Mann ausgerechnet ihn zu sehen wünschte.

Als Kraus darauf wartete, in das Büro des Alten auf der Wilhelmstraße gerufen zu werden, toste ein widerstreitender Sturm von Gefühlen in seiner Brust. Einerseits musste man einfach einen Mann respektieren, der Deutschland zusammenhalten konnte. Auf der anderen Seite hatte Hindenburg im November 1918 die vollkommen falsche Idee vom »Dolchstoß in den Rücken« propagiert, die diese ungeheure Verbitterung genährt hatte. Laut dieser Legende war die deutsche Armee im Krieg nicht besiegt, sondern 1918 wegen der kommunistischen Revolution in der Heimat zum Rückzug gezwungen worden. Das deutsche Volk hatte als Opfer strikter Zensur tatsächlich keine Ahnung gehabt, dass Deutschland den Krieg verloren hatte. Die Leute glaubten, dass mit den Alliierten eine Vereinbarung über einen Waffenstillstand getroffen worden wäre. Erst als die Bedingungen dieses Waffenstillstands bekannt wurden, fanden sie heraus, dass sie nicht nur verloren hatten, sondern dass sie auch die Schuld am Ausbruch dieses Krieges trugen. Folglich mussten sie ihren Feinden den Schaden ersetzen, den sie ihnen zugefügt hatten.

Von daher waren die Menschen für die Dolchstoßlegende durchaus offen.

Aber Kraus war dabei gewesen, bei den Voraustruppen der großen Frühlingsoffensive von 1918, als eine Million deutsche Soldaten ihre Schützengräben verlassen und einen Sturmangriff gestartet hatten. Er war dort im Herzen Frankreichs gewesen, weiter, als sie jemals zuvor gekommen waren, nur wenige Kilometer vor Paris, als deutlich wurde, dass die Armee sich übernommen hatte. Sie hatten ihre Nachschubverbindungen zu weit hinter sich gelassen. Der Angriff war verpufft. Und damit hatten sie sich anfällig gemacht für einen Gegenangriff. Genau das war dann auch passiert. Eine Dreiviertelmillion amerikanischer Soldaten war zu den britischen und französischen Truppen gestoßen, und die erschöpften Deutschen hatten ihnen keinen Widerstand leisten können. Es war eine Lüge, zu behaupten, dass die deutsche Armee keine Schlacht im Krieg verloren hatte. Die deutsche Armee war stattdessen in diesem Herbst 1918 in Frankreich vernichtend geschlagen worden. Kraus hatte es miterlebt.

Er sprang wie eine Marionette hoch, als sein Name gerufen wurde. Der Präsident würde ihn jetzt empfangen. Von Hindenburg saß hinter einem mit goldenen Schnitzereien verzierten Schreibtisch von der Größe eines Billardtisches und hatte den Kopf gesenkt. Kraus zögerte, sich bemerkbar zu machen, vor allem, als er registrierte, dass der Reichspräsident schlief. Er schnarchte. Da er nicht wusste, was er sonst tun sollte, knallte Kraus so laut er konnte die Hacken zusammen, räusperte sich und sagte: »Herr Präsident!«

Glücklicherweise öffnete der Alte die Augen.

»Kriminalinspektor Kraus, mit Verlaub.«

»Ja, ja, Kraus.« Der Präsident strich mit der Hand über seinen mächtigen Schnauzbart und warf einen Blick über die Schulter, als wartete er auf ein Wort seines Ratgebers. »Also, weshalb wollte ich Sie sprechen? Ach, ja! König Boris! Was für eine Schweinerei.« Der Alte faltete die Hände über seinem gewaltigen Bauch. »Die Tochter des Königs von Bulgarien ist verschwunden, Kraus. Ausgerechnet aus dem Adlon! Sie müssen sie sofort suchen.«

»Aber, Euer Exzellenz, darf ich Sie daran erinnern, dass ich in der Mordkommission diene. Wir haben eine ausgezeichnete Abteilung für vermisste Personen, in denen viele Experten für …«

»Quatsch!« Der Alte kniff die blauen Augen zusammen. »Diese Idioten würden nicht mal einen Elefanten am Pariser Platz finden. Nein, wir brauchen Sie, Kraus. Sie! Unseren berühmtesten Inspektor. König Boris ist ein Freund von mir. Ein Freund von Deutschland. Und Deutschland schätzt die Beziehung mit Bulgarien sehr, weil es von dort sehr viele seltene Rohstoffe bezieht, die es dringend benötigt. Habe ich mich deutlich ausgedrückt? Ich möchte König Boris versichern können, dass wir unseren besten Mann darangesetzt haben, seine Tochter zu finden. Und Sie sind unser Allerbester. Sagt man mir jedenfalls.«

»Jawohl, mein Präsident.«

»Mein Adjutant wird Ihnen alle relevanten Informationen zur Verfügung stellen. Sie werden die verschwundene bulgarische Prinzessin finden und dafür sorgen, dass Sie wohlbehalten in die Arme ihres wartenden Papas zurückkehrt.«

Kraus knallte erneut mit den Hacken und kehrte in das Büro des Adjutanten zurück.

»Prinzessin Magdelena Eugenia.«

Kraus fand sich in einem Vorzimmer wieder, zusammen mit einem rotäugigen Mann, der genauso alt war wie sein Chef. »Ihr Foto.«

Kraus war nicht sonderlich glücklich über diese Situation. Wieso forderte man ihn ausgerechnet jetzt auf, Emil und die Detektive zu spielen, während ein grausamer Mörder sein Unwesen trieb? Der Chirurg in dem Meerjungfrau-Fall kam ihm weit schlimmer vor als der Kinderschänder, der schließlich ein Psychopath gewesen war. Eine psychische Erkrankung, die einen Chirurgen befiel, der daraufhin ein gesundes Mädchen verkrüppelte, war eine vollkommen neue Kategorie. Etwas, das Kraus kaum begreifen konnte, geschweige denn, dass er gewusst hätte, wie er ihm beikommen sollte.

Aber das Foto von der verschwundenen bulgarischen Prinzessin erregte seine Aufmerksamkeit. Es war an einem Strand aufgenommen worden. Magdelena Eugenia, eine schlanke, athletische junge Frau von dreiundzwanzig oder vierundzwanzig Jahren, zeigte darauf ihre Beine in einem Badeanzug. Sie war zwar keine Schönheit, wirkte jedoch lebhaft mit ihren dunklen Augen und dem breiten, strahlenden Lächeln. Ihre Beine waren durchaus die gespielte Ehrfurcht des jungen Mannes auf dem Foto wert, der so tat, als verbeuge er sich davor.

»Das ist ihr Gemahl, Konstantin Kaparov«, erklärte der Adjutant rasselnd. »Er hat die Prinzessin als vermisst gemeldet, gestern Morgen.«

»Und diesen Herrn Kaparov finde ich wo? Logiert er noch im Adlon?«

»Nein. Ich glaube, Sie finden ihn heute beim Sechs-Tage-Rennen.«

Kraus sah ihn an. »Seine Frau ist verschwunden, und er besucht ein Radrennen?«

»Nein.« Der alte Mann gurgelte, als ränge er nach Luft. »Er besucht die Veranstaltung nicht. Er fährt mit.«

 

Da das Adlon um die Ecke lag, beschloss Kraus, zuerst dort vorbeizufahren. Es war das berühmteste Hotel der Stadt und lag an seinem prächtigsten Boulevard, Unter den Linden. Zu seinen Stammgästen zählte alles, was Rang und Namen hatte, von Charlie Chaplin bis zu den Rothschilds. Und Hans, der Chef-Concierge, war ein alter Freund von Kraus.

Die mit rotem Teppich ausgelegte Lobby funkelte im Licht der Kronleuchter.

»Ja, ja, ein großes Unglück.« Hans bedachte das Verschwinden der Prinzessin mit einem Kopfschütteln. »Alle Angestellten sind vollkommen aufgescheucht. Aber natürlich weißt du bereits, dass sie nicht einfach aus ihrem Zimmer verschwunden ist, Willi. Sie ist herausspaziert. Kurz nach Mitternacht.«

»Hat jemand mit ihr geredet?«

»Ja, ich denke schon. Rudy, der Türsteher. Bedauerlicherweise hat er heute frei. Aber ich könnte ihn herbeordern. Es dauert vielleicht zwei Stunden. Er wohnt im Norden Berlins.«

»Mach drei Stunden draus.« Kraus schlug Hans auf die Schulter. »Ich muss zum Sechs-Tage-Rennen.«

»Ach so.« Hans verstand sofort.

Am schnellsten kam man mit der Straßenbahn zum Sportpalast. Kraus nahm die überfüllte Linie 12. Über dem wogenden Meer aus gepolsterten Schultern und großen Fellhüten konnte er dennoch kaum die Nachmittagsschlagzeilen übersehen. Wer wird uns führen?

Er hielt sich an einem Lederriemen fest und las über jemandes Schulter hinweg die Berlin am Mittag. Es war schon schlimm genug, dass die Hälfte von dem, was die Zeitungen schrieben, reiner Müll war. Aber mittlerweile hatte die Presse es geschafft, die Deutschen süchtig danach zu machen, in einer ständigen Krise zu leben. In Berlin, wo es mehr Tageszeitungen gab als in jeder anderen Großstadt der Welt, lebte die Hälfte der Bevölkerung von den Adrenalinstößen, die ihnen von den reißerischen Schlagzeilen injiziert wurden.

»Was zum Teufel fällt dir ein, Jude?«

Alle Köpfe in der Straßenbahn drehten sich herum. Kraus sah sich ebenfalls um, weil er wissen wollte, wen der hagergesichtige Mann mit der schwarzen Melone vor ihm beschuldigte, dann begriff er. »Nimm deine dreckige Judennase aus meiner Zeitung!«

Kraus war einen Moment wie betäubt. Er machte sich im Allgemeinen kaum Gedanken über sein Judentum, außer an den hohen Feiertagen. Aber seine dunklen Augen und sein lockiges, schwarzes Haar verkündeten es ebenso klar wie eine Neonreklame auf dem Ku’damm. Die Deutschen wurden zunehmend kühner in ihren antisemitischen Ausbrüchen. Wenn das so weiterging, würden sie die Juden bald wieder zwingen, ihre gelben Narrenkappen aufzusetzen, wie in den dunklen Zeiten. Dieser Verrückte vor ihm brauchte jetzt nur noch zu behaupten, er hätte versucht, ihm seine Brieftasche zu stehlen, dann würde er richtig in der Klemme stecken. Kraus zückte jedoch seine Kripomarke. Die Veränderung in der Miene des Mannes wog die Beleidigung fast auf.

»Oh, entschuldigen Sie, Herr Kriminalinspektor.« Der Mann zog seine Melone und hielt sie mit zitternden Händen vor sich. »Ich hatte keine Ahnung, mit wem ich es zu tun habe. Ich meine, ich habe es nicht so gemeint. Verzeihen Sie mir bitte meine Dummheit. Wir alle kennen schließlich den großen Inspektor Kraus, den Kinderschänder-Fänger

Wie typisch deutsch es war, die Schwachen zu quälen und vor den Mächtigeren zu buckeln.

Kraus starrte den Mann so lange an, bis es ihm so unbehaglich wurde, dass er seine Melone aufsetzte und aus der Straßenbahn floh.

 

Der Berliner Sportpalast war die größte geschlossene Arena der Stadt. Dort wurden Boxkämpfe ausgetragen, große politische Veranstaltungen abgehalten und das ungeheuer populäre Sechs-Tage-Radrennen veranstaltet. Dieser grausame Wettbewerb wurde 1920 zum ersten Mal ausgetragen. Dabei wurden Mannschaften von Radrennfahrern in ein hochdotiertes Rennen geschickt, das sechs Tage lang rund um die Uhr lief. Nur ein Fahrer jeder Mannschaft musste auf der Bahn sein, so dass der zweite essen oder schlafen konnte.

Kraus ließ am Haupteingang seine Dienstmarke aufblitzen und wurde eingelassen. Eine Woge von Feuchtigkeit schlug ihm entgegen. Helle, weiße Flutlichter zeigten ihm im Inneren den Weg. Der ganze Platz vibrierte wie bei einem Erdbeben, die Luft schien von dem Geschrei von Tausenden zu explodieren, und die Tribünen dröhnten unter dem Trampeln der Füße. Ein Dutzend Rennfahrer raste gebeugt dahin. Sie traten wie verrückt in die Pedale und flogen durch das Oval. Jeder versuchte, an die Spitze zu fahren, einen Zentimeter weiter nach vorn zu kommen, und sie fegten in einem Nebel aus Farben an ihm vorbei. »Herum und herum und herum fahren sie!«, blökte es aus den Lautsprechern. »Wie lange können sie es noch durchhalten, meine Damen und Herren? Wie lange noch?«

Kraus fand heraus, dass Konstantin Kaparov, die Nummer 8, gerade im Rennen war. Zum Glück war seine Etappe jedoch gleich beendet, und Kaparov würde hereinkommen, damit sein Teamgefährte übernahm. Kraus hatte genau den richtigen Zeitpunkt erwischt.

Ein Glückstag, dachte er.

Bis er Kaparov sah, der nach sechs Stunden Rennen von der Bahn torkelte.

Der arme Kerl verdrehte die Augen. Mitglieder seines Teams wickelten ein Handtuch um ihn und führten ihn in den Ruhebereich. Der Mann sah aus, als ringe er mit dem Tod. Kraus gab ihm ein paar Minuten, damit er einigermaßen zu sich kam, bevor er ihm seine Dienstmarke zeigte. Kaparov nickte, leerte ein Glas Saft und schien dann seine letzten Kräfte zu sammeln. »Gott sei Dank, dass Sie hier sind.«

Unterbrochen von Anfällen von Benommenheit und Krämpfen, erzählte er Kraus seine Geschichte.

Sie waren vor zwei Tagen aus Sofia mit dem Zug in Berlin angekommen. Sie waren noch nie zuvor in Berlin gewesen. »Magdelena ist wegen des Radrennens mitgekommen.« Er sprach Deutsch mit einem starken Akzent. »Ich habe zwei Jahre dafür trainiert.«

Nachdem sie im Adlon abgestiegen waren, hatten sie nichts weiter unternommen, bis auf ein Abendessen in einem Nachtclub. Wo? Er konnte sich an den Namen nicht erinnern, weil er zu müde war, um sich zu konzentrieren. Irgendwo auf der Friedrichstraße. Wie sie es gefunden hatten? Keine Ahnung. Magdelena hatte wohl davon gehört. Nein, natürlich hatte niemand gewusst, dass sie eine Prinzessin war. Sie machten Reservierungen immer unter seinem Namen. Tanzen? Nein. Magdelena hatte an diesem Abend nicht tanzen können. Sie hatte sich zuvor im Zug den Knöchel verstaucht, und das machte ihr noch zu schaffen. Etwas Ungewöhnliches? Nein, nichts Ungewöhnliches, jedenfalls nichts, woran er sich hätte erinnern können. Nach dem Abendessen? Sie hatte sich vollkommen normal benommen. Sie waren direkt zum Hotel zurückgefahren. Mit dem Taxi. Er hatte am nächsten Morgen das Rennen fahren müssen und brauchte seinen Schlaf.

»Eine Stunde später lag ich im Bett und bemerkte, dass Magdelena ihren Mantel anzog. ›Wohin willst du?‹, frage ich sie. ›Ich will Zigaretten holen‹, sagt sie. ›Zigaretten? Warum gehst du dafür weg? Ruf den Zimmerservice.‹ ›Ich will frische Luft schnappen‹, sagt sie. ›Mir die Beine vertreten.‹ Ich denke noch, vorher hat der Knöchel sie fast umgebracht, und jetzt will sie spazieren gehen. Aber Magdelena ist sehr oft, wie sagen Sie das, ein bisschen verrückt? Also denke ich mir nichts dabei. Ich habe nur das Rennen im Kopf. Ich mache die Augen zu. Vielleicht schlafe ich ein bisschen, aber nicht tief. Dann sehe ich auf die Uhr. Sie zeigt drei Uhr morgens. Magdelena ist noch weg. Jetzt, sage ich mir, Konstantin, da stimmt etwas nicht.«

Kraus besaß einen sechsten Sinn dafür, wenn jemand ihn belog. Was auch immer der Prinzessin zugestoßen war, er war ziemlich sicher, dass ihr Ehemann nichts damit zu tun hatte.

»Finden Sie meine Frau bitte, Herr Inspektor. Meinetwegen.« Kaparov verdrehte bereits wieder die Augen. »Dieses verdammte Rennen interessiert mich nicht mehr. Ich will nur Magdelena zurückhaben.«

Als Kraus ins Adlon zurückkehrte, war Rudy, der Türsteher, noch nicht da. Also wurde er zu einem sechsgängigen Menü in einen prachtvollen Raum mit einem Grill gebeten. »Iss!«, befahl Hans, der ihm während der Mahlzeit Gesellschaft leistete. »Gott allein weiß, wo diese Stadt ohne Männer wie dich wäre. He, du wirst niemals erraten, wer bei uns logiert.«

Kraus dachte bei einem köstlichen, gefüllten Rebhuhn darüber nach. »Ich weiß nicht … Hitlers Hund?«

»Nein.« Hans lachte. »Aber sie ist genauso zickig, das kann ich dir sagen. Die große Marlene Dietrich. Was für eine Nervensäge! Das Problem bei diesen Stars ist, dass sie glauben, weil sie etwas Besonderes sind, müssten sie auch so behandelt werden. Sie beschweren sich ununterbrochen. In Amerika ist alles hundertmal besser. He, wenn das so ist, warum gehst du dann nicht nach Amerika?«

»Sie wird vielleicht genau das tun, Hans.« Kraus machte sich über die Terrine mit überbackenem Spargel her.

Er war bei der Sachertorte und einem Kaffee, so zufrieden wie den ganzen Tag noch nicht, als Hans ihm sagte, der Türsteher sei eingetroffen. Kraus traf ihn am Eingang des Hotels unter der langen, gestreiften Markise.

»Herr Kriminalinspektor.« Rudy trug bereits seine Uniform. »Wenn ich gewusst hätte, dass ich der Letzte war, der mit ihr sprach!« In seinen beflissenen Blick mischte sich ein Anflug echter Angst, wie es selbst dem unschuldigsten Bürger ging, wenn er von der Kripo verhört wurde. »Sie hat sich seltsam benommen, das stimmt. Aber es steht mir nicht zu, unsere Gäste zu kritisieren.«

»Entspannen Sie sich, Rudy. Niemand behauptet, dass Sie etwas falsch gemacht hätten. Erzählen Sie mir einfach genau, was passiert ist. Was meinen Sie damit, sie hätte sich seltsam benommen?«

»Es war kurz nach Mitternacht. Das ist unsere betriebsamste Zeit. Die Lady kam zu mir und sah sehr exotisch aus. Dunkles Haar, sehr dichtes Haar. Dunkle Augen. Sie trug einen Leopardenfellmantel, aber keinen Hut! Dann fragte sie mich ganz leise nach der nächsten S-Bahn-Station. Merkwürdig, denke ich, dass einer unserer Gäste ein öffentliches Verkehrsmittel benutzen will. Ganz zu schweigen davon, dass eine vornehme Dame so spät in der Nacht noch allein herumläuft. Aber richtig sonderbar war ihre Stimme … und der Blick in ihren Augen. Ich habe einen Jungen, wissen Sie. Er ist zehn. Er steht ziemlich häufig mitten in der Nacht auf, läuft herum und redet, aber im Schlaf. Er ist Schlafwandler. Man soll Schlafwandler nicht wecken, sondern sie nur einfach ins Bett zurückbringen. Das mache ich immer mit Tommy. Diese Lady hatte denselben Ausdruck im Gesicht, als wäre sie nicht wach. Ihre Augen waren geöffnet, aber sie war nicht wirklich anwesend. Ich hatte ein ganz starkes Bedürfnis, sie wieder nach drinnen zu bringen. Aber wie gesagt, es steht mir nicht zu, unsere Gäste zurechtzuweisen. Und in dem Moment kamen der italienische Außenminister und seine Gemahlin an. Ich musste mich um sie kümmern. Also habe ich der Dame gesagt, dass die nächste S-Bahnstation an der Friedrichstraße liegt. Ich fragte sie, ob ich ihr nicht ein Taxi rufen sollte. ›Nein, nein‹, meinte sie. ›Ich will zu Fuß gehen.‹ Und das war’s. Als ich dem Minister die Tür geöffnet habe, sah ich sie in Richtung S-Bahn gehen, allein, in diesem Leopardenmantel und ohne Hut.«

»Hat sie Ihnen gesagt, wohin sie mit der S-Bahn fahren wollte?« Kraus fand die Geschichte erstaunlich. »Denken Sie nach, Rudy. Das ist sehr wichtig.«

»Ja, tatsächlich.« Seine Augen weiteten sich, als er sich erinnerte. »Sie hat es mir gesagt. Sie sagte: ›Wo fährt die nächste S-Bahn nach Spandau?‹«

»Spandau?« Ein Frösteln durchlief Kraus. »Sind Sie sicher?«

»Ja, ziemlich sicher. Ich weiß noch, dass ich mich gefragt habe, ob die S-Bahn Friedrichstraße überhaupt nach Spandau fährt.«

Kraus erinnerte sich an die Station, die er am Morgen gesehen hatte.

Eine Sekunde lang war er sprachlos. Konnte das ein Zufall sein? Er warf einen Blick auf seine Uhr. Es war fast neun. Trotz seiner Erschöpfung gab es nur eines, was er tun konnte. Er würde wieder nach Spandau fahren. Diesmal mit der S-Bahn.

VIER

Obwohl er beinahe sechsunddreißig war und sein ganzes Leben hier verbracht hatte, kam es Kraus immer noch wie eine Fahrt auf einem fliegenden Teppich vor, mit der Hochbahn durch die Hauptstadt zu fahren. Die Landschaft war faszinierend. Dieses riesige Berlin, nach europäischen Maßstäben gemessen noch recht jung, kaum ein Jahrhundert alt, war das Chicago Europas; ehrgeizig, arrogant und immer unterwegs. Wohin unterwegs jedoch, davon hatten die vier Millionen Berliner und er selbst keine Ahnung.

Von der Friedrichstraße aus flogen sie an der Spree vorbei, an der großen Glaskuppel des Reichstags. Nachdem sie den Tiergarten passiert hatte – den großen Park der Metropole –, ratterte die Hochbahn an zahllosen hübschen Wohnblocks vorbei und bot ihren Passagieren unvergleichliche Einblicke in das Leben all der Bewohner, die ihre Vorhänge nicht zugezogen hatten. Szenen häuslichen Friedens flogen an Kraus’ Blicken vorbei. Familien, die Radio hörten, sich um Pianos versammelt hatten und Weihnachtsbäume schmückten.

Je weiter sie nach Nordwesten kamen, desto schäbiger wurden die Gebäude und desto trauriger auch die Bilder, die sie boten. Hagere Hausfrauen, die über Bügelbretter gebeugt standen. Väter in Unterhemden, die ihre Kinder ohrfeigten. Als der Zug in einer Kurve neben einem riesigen Kaufhaus langsamer wurde, sah Kraus durch die großen, von Rissen durchzogenen Fenster, dass man es zu einem Schlafsaal für Obdachlose umfunktioniert hatte. Hunderte von Männern lebten darin.

Als sie die neue Siedlung erreichten, die von Siemens gebaut worden war, leerte sich der Waggon. Vielleicht waren an einem Samstagabend mehr Passagiere im Zug, dachte Kraus. Aber alles in allem musste es eine recht einsame Fahrt für die Prinzessin gewesen sein. Warum hatte sie diese Fahrt unternommen? Was konnte sie dazu getrieben haben? Wohin war sie gegangen, als sie die Haltestelle erreicht hatte? Eine Dreiviertelstunde, nachdem die Hochbahn den Bahnhof Friedrichstraße verlassen hatte, kam sie quietschend in Alt-Spandau zum Stehen. Es war die Endhaltestelle.

Kraus ging die Treppe zur Straße herunter, Dunkelheit umfing ihn. Nach den Lichtern von Berlin-Mitte brauchten seine Augen stets eine Weile, bis sie sich auf die Dämmerung im Rest der Welt eingestellt hatten. Eine einzelne Lichtquelle erregte seine Aufmerksamkeit. Sie lag direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite. Es war die Gaststätte, die ihm schon am Morgen aufgefallen war, mit dem Biergarten und der Hakenkreuzfahne über der Tür. Sie nannte sich Zum Schwarzen Hirsch. Wenn nicht jemand an der Haltestelle gewartet und sie abgeholt hatte, war die Prinzessin vermutlich dorthin gegangen. Es gab sonst einfach nichts anderes. Also machte sich Kraus ebenfalls auf den Weg dorthin.

Er holte tief Luft, ging unter der Nazi-Fahne hindurch und betrat das Restaurant. Die etwa zwanzig Tische in dem großen, holzgetäfelten Schankraum waren etwa zu einem Drittel besetzt. An der Kasse saß die vollbusige Besitzerin, die wohl um die fünfzig Jahre alt sein mochte, und blätterte Rechnungen durch. Sie war blond, schielte leicht und fragte Kraus, was sie ihm bringen könne. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, wann und wie seine Kripomarke ihm nützlich sein konnte. Manchmal, so wie jetzt, ahnte er, dass es besser war, sie zurückzuhalten.

»Ich suche nach einer Freundin. Einer Frau. Ich frage mich, ob sie vielleicht gestern Nacht hier gewesen ist.«

Die schielenden Augen musterten ihn argwöhnisch.

»Was sind Sie denn? Ein Schauspieler aus den Babelsberger Studios, der eine Spionageszene übt? Woher soll ich wissen, wer Ihre Freundin ist und wer nicht?«

»Sie ist etwa vierundzwanzig. Dunkles Haar, dunkle Augen. Und sie trägt einen Leopardenpelzmantel.«

Jetzt lachte die Frau. »Einen Leopardenmantel, sagen Sie? Sieht dieses Restaurant aus, als würden die Frauen hier Leopardenpelzmäntel tragen?«

»Sie könnte von der S-Bahn-Haltestelle hierhergekommen sein. Es ist der einzige Ort, zu dem sie hätte gehen können.«

»Hören Sie, Herr …« Ihre Stimme wurde etwas schärfer, als zwei Männer in langen Wollmänteln hereinkamen. »Ich weiß nicht, was Sie glauben, aber das hier ist ein Familienrestaurant. Hier spazieren keine einsamen Frauen herein, mit oder ohne Leopardenpelzmantel. Nicht mal von der S-Bahn-Station aus.«

»Was ist denn los, Gretel?«, fragte einer der Männer. »Macht er Ärger?«

»Nein, nicht direkt.« Sie verzog verärgert das Gesicht. »Er belästigt mich nur mit dummen Fragen.«

»Was für Fragen?«

Kraus drehte sich zu ihnen herum. Beide Männer waren um die dreißig und sehr ordentlich gekleidet, mit Krawatte und Hut. Und beide hatten silberne Parteiabzeichen auf ihren Revers.

»Ich suche nach einer Freundin. Sie könnte Samstagnacht hier hereingekommen sein.«

»Wie die Dame schon sagte.« Einer der beiden trat vor und verzog aggressiv die Lippen, als er den Hut absetzte. Er war ein Arier von der nichtblonden Sorte. Sein dunkles, mit Brillantine geglättetes Haar hatte er straff aus der Stirn zurückgekämmt. Er grinste spöttisch und entblößte dabei einen auffallend großen Spalt zwischen seinen beiden vorderen Schneidezähnen. »Das ist kein Ort, an dem Frauen ohne Begleitung auftauchen. Es ist ein anständiges Lokal. Für anständige Deutsche.«

Kraus glaubte, einen Arztkittel unter dem Mantel des Mannes zu erkennen.

»Wo, glauben Sie, sind Sie, mein Herr?«, fragte der hellhäutigere der beiden verächtlich. Er hatte fast schwarze Augen. »Vielleicht sind Sie ja an der falschen Haltestelle ausgestiegen. Der Jud’damm liegt in der anderen Richtung.«

Bei seinen Worten brachen die Männer und die Frau in Gelächter aus.

»Jud’damm. Ha, ha, ha! Der ist gut. Den muss ich mir merken, Schumann«, sagte der erste Mann begeistert und richtete den Blick dann wieder auf Kraus, während das Lächeln auf seinem Gesicht erlosch. »Verschwinden Sie wieder auf Ihren Jud’damm. Und genießen Sie ihn, solange Sie noch können.«

Kraus hatte den Eindruck, jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, die Reserven in die Schlacht zu werfen.

Er zog seine Kripomarke.

Aber sie erzielte nicht die gewünschte Wirkung.

Die drei schienen der Staatsgewalt gegenüber recht unempfindlich zu sein.

»Sie glauben, Sie können uns damit Angst einjagen?« Der Dunkelhaarige lachte. »Ihre Judenrepublik mit Ihrer Judenverfassung. Darauf scheißen wir!«

»Alles in Ordnung, Josef?« Aus einer Hintertür trat ein Mann. Er trug schwarze Stiefel, eine SA-Uniform und ließ einen hölzernen Totschläger in seine Handfläche sausen.

Kraus schätzte, dass er noch etwa dreißig Sekunden Zeit hatte, seinen Kopf zu retten.

»Ich habe nur nach einer Freundin gesucht«, antwortete er mit seinem freundlichsten Lächeln. »Aber da sie niemand gesehen zu haben scheint … Mache ich mich weiter auf die Suche.«

Seine Bemerkung brach die Spannung gerade so lange, dass er einen taktischen Rückzug antreten konnte. Es nützte niemandem, wenn er wegen dieser Prinzessin umgebracht wurde, das diktierte die Logik. Eine Minute später bestieg er die S-Bahn in Richtung Berlin-Mitte.

Schumann war der eine genannt worden, und sein Freund mit den Hasenzähnen – Josef.

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