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Schiffbruch und Glücksfall

Inhaltsübersicht

Dramatis Personae

Im Angesicht des Todes

Unerwartetes Wiedersehen

Obdach im Blauen Meer

Skandalöses Frühstück

Veteranenfront

Katzensorgen

Scherbenhaufen

Gerümpel

Luc le Gamache

Katzenneugier

Rettung eines Schiffbrüchigen

Messen für die Schiffbrüchigen

Das Grab der Schiffbrüchigen

Keltische Knoten

Zahlenakrobatik

Ein Verdacht

Zeugen der Geschichte

Herkunftsgeschichten

Geschichtsforschung

Geschichtsschreibung

Zauberklänge

Zauberstückchen

Zauberwirken

Geständnis

A kind of Magic

Nachwort

Tipps und Empfehlungen

Leseprobe: Die keltische Schwester

2. Faden, 1. Knoten

1. Faden, 2. Knoten

2. Faden, 2. Knoten

3. Faden, 1. Knoten

Dramatis Personae:

KELDA – Dolmetscherin, die einen Traummann verliert und einen Traum gewinnt.

MARIE-CLAUDE – die die Crêperie Marée bleue an der Côte des Naufrages (Finistère) führt.

PAULETTE – Marie-Claudes Mutter, die ihr zur Hand geht.

SIMON JOHANNSEN – Architekt, der sich auf Altbausanierung versteht.

YVES KERJEAN – Antiquitätenhändler, der einen Freiluft-Handel führt und allerlei Schätze hortet.

MATT – ein Surfer, der Schiffbruch erleidet.

XAVIER – ein alter Kauz, der seltsame Dinge weiß. Vier alte Veteranen – Stammgäste im Marée bleue.

SOQUETTE – rote Katze mit weißen Pfoten, die sieht, was andere nicht sehen, und sich leider dabei wie ein Elefant im Porzellanladen benimmt.

GWENAËLLE – Korrigane, die das Bistro für sich beansprucht und mit Soquette in ständiger Fehde liegt.

 

Einst:

HERRI TROBIANT – Goëmonier und Schmuggler, der 1912 bei einem Schiffbruch umkommt.

LUKAZ – sein Sohn, der mit vierzehn den Schiffbruch überlebt, als Luc le Gamache bekannt wird.

JEANNE – Herris Witwe, die flugs Monsieur le Filou, Jerôme Bellard, heiratet.

JERÔME BELLARD – ein Filou aus Paris, der krumme Immobiliengeschäfte getätigt hat.

Im Angesicht des Todes

Mit einem abgrundtiefen Seufzer ließ Kelda den Rucksack von den Schultern gleiten und warf die Reisetasche neben dem Bett auf den Boden.

Ein richtiges Bett, breit, mit einem geschnitzten Kopfteil, einer weichen – na gut, zu weichen – Matratze und einer weißen, mit blauen Fischen bedruckten Decke. Viel besser als die schmale Pritsche in Matts Wohnmobil. Auch das Badezimmer, wenngleich im Stil des frühen zwanzigsten Jahrhunderts eingerichtet, war jetzt ihr Eigen – um Welten besser als die naturbelassenen Sanitäreinrichtungen in der Düne.

Sie trat zum Fenster und blickte zum Meer hinaus.

Bretagne – genauer Finistère. Noch genauer Brignogan. Noch einmal seufzte sie.

Glutrot versank die Sonne im Wasser – ein idyllischer Anblick, doch Kelda verursachte es noch immer ein Schaudern. Knapp, nur ganz knapp war sie vor einigen Stunden dem Tod durch Ertrinken entronnen. Die felsige Küste hier hieß nicht umsonst Côte des Naufrages – Küste der Schiffbrüche. Was Matt nicht als Warnung, sondern als Herausforderung betrachtet hatte. Er hatte sie zu einem Segelausflug überredet, besser gezwungen. Sicher war er ein geschickter Segler, Surfer und Kiteboarder, aber er war auch waghalsig und unbelehrbar.

Kurzum, das geliehene Boot geriet in eine der tückischen Strömungen vor den Felsen, kenterte, und nur durch die Hilfe eines beherzten Fischers wurden sie noch rechtzeitig aus dem Wasser gezogen, bevor sie die Brandung an den Felszacken zermalmte.

Matt lachte darüber.

Kelda nicht.

Er brüstete sich sogar damit vor der Surferclique, die sich unweigerlich um ihr Wohnmobil scharte, wo immer sie auftauchten.

Kelda packte währenddessen ihre Sachen zusammen und rief ihre Freundin Marie-Claude an, um ihr zu sagen, dass sie ihr Angebot annehmen würde und in das kleine Ferienhaus ziehen wollte. Weg von feuchten Handtüchern, nassen Neoprenanzügen, tropfenden Segeln, aufgewärmter Dosennahrung und lauwarmem Bier.

Weg von Matt.

Welche Konsequenz das nun haben würde, darüber wollte sie erst einmal nicht nachdenken.

Marie-Claude hatte sie abgeholt und zu diesem Häuschen am Ortsrand von Brignogan-Plage gebracht. Ein uraltes Gemäuer aus dem landestypischen grauen Stein, mit einem Schieferdach, auf dem sich allerlei gelbgrüne Flechten breitmachten. Die Tür und die Fensterläden waren dunkelblau gestrichen, doch blätterte die Farbe überall schon ab. Dafür aber rankte sich eine wunderschöne gelbe Rose üppig an den Mauern hoch und verströmte süßen Duft. Eine kleine Terrasse mit etwas morschen Planken belegt lud mit einem Grill und den obligatorischen weißen Plastikstühlen zum Verweilen ein, das Grundstück jedoch trotzte jeder gärtnerischen Verschönerung. Der Sandboden gab nichts als hartes Gras her.

Die Miete war erschwinglich, der Blick aus den kleinen Fenstern hinreißend.

Die Sonne war nun versunken und ließ einige Wolkenstreifen am Himmel aufglühen. Kelda wandte sich ab, holte sich einen Pullover aus der Tasche und ging die knarrenden Holzstiegen nach unten, wo sich der Wohnraum und eine altmodische Küche befanden. Marie-Claude war eine gute Freundin – und eine noch bessere Köchin. Sie hatte ihr einen Topf mit Suppe, Brot, Käse und eine Quiche in den Vorratsschrank gestellt. Eine Flasche Cidre stand ebenfalls bereit. Kelda richtete sich ihr Abendessen. Erst erwog sie, die Terrasse zu nutzen, aber vom Meer wehte ein kühler Wind heran, also setzte sie sich mit ihrem Mahl auf das breite Sofa vor dem Kamin, um es zu verzehren. Still war es hier, nur hin und wieder hörte man das Brummen eines Autos oder Motorrads auf der Küstenstraße, sonst blieben noch das Rauschen des Meeres und der Gesang eines unermüdlichen Abendvogels.

Kelda genoss die Ruhe. Sie war so ganz anders als auf dem Platz, wo das Wohnmobil stand. Das Meeresrauschen und der Vogelsang wurden leider dort von der Musik überdröhnt, zu der sich die Helden der Wellen lautstark mit ihren Taten brüsteten. Zumindest in Matts Umgebung war das immer so.

Es war dämmerig geworden, und aus der staubigen Deckenlampe sickerte sparsames Licht. Zum Lesen war es zu dunkel, ein Fernsehgerät gab es in diesem Haus nicht, und Radio mochte sie nicht hören. Also beschloss sie, sich auf dem plüschigen Sofa auszustrecken, um Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Sie nahm Teller und Bestecke, brachte sie in die Küche und goss sich noch einen Becher Cidre ein. Ihn stellte sie auf dem niedrigen Couchtisch ab und ließ sich schwungvoll auf das Sofa fallen.

Es gab einen Knacks, ein Knarren, ein empörtes Kreischen von Holz, und mit einem ungeheueren Krachen fuhr sie in die Tiefe.

 

Benommen schüttelte Kelda ihren Kopf. Das konnte nicht wahr sein, oder? Über ihr klaffte ein zackiges Loch, aus dem die Hälfte des roten Teppichs hing, auf dem das Sofa gestanden hatte. Die Deckenlampe schwankte leicht, und um sie herum tanzten Schatten. Vorsichtig fühlte sie in ihrem Körper nach. Tat etwas weh? Die linke Schulter schmerzte, die auf die Lehne geprallt war, das Steißbein ebenfalls, dessen Aufprall die marode Federung des Sofas nicht hatte dämpfen können, an ihrem Hinterkopf schien sich eine Beule zu entwickeln. Nichts aber blutete, und außer dass ihr Herz jagte und sie von dem aufgewirbelten Staub husten und niesen musste, war ihr nichts weiter passiert.

So weit, so gut.

Und jetzt?

Vorsichtig stand sie auf und besah das Trümmerfeld.

Dem Sofa ging es erheblich schlechter als ihr, stellte sie fest. Es hatte sich alle vier Beine gebrochen und lag wie ein gestrandetes Urtier auf dem festen, trockenen Steinboden. Zwei Meter waren sie beide hinabgestürzt. Nicht sehr tief, möchte man meinen, aber ohne Hilfsmittel kam sie nicht nach oben. Abgesehen davon schienen ihr die maroden Holzdielen, die den Boden bildeten, auch nicht vertrauenswürdig genug, daran ihre Klimmzüge versuchen zu wollen. Die Gefahr, dass der schwere Geschirrschrank bei einer solchen Übung ebenfalls über sie hereinbrechen würde, war ziemlich groß.

Aber aus einem Keller führte ja meist auch eine Treppe nach oben, vermutete Kelda. Also sollte sie sich nach einem Ausgang umschauen. Die Lampe oben hatte aufgehört zu pendeln und spendete ihr stetiges, wenn auch nicht eben helles Licht. Ihre Augen hatten sich inzwischen an das Halbdunkel gewöhnt, so dass sie ihr kleines Verlies genauer betrachten konnte. Ein rechteckiger Raum, die Wände an zwei Seiten aus dem Fels gehauen, die beiden anderen mit Mörtel verputzt – keine Tür, keine Treppe, kein Fenster. Nichts.

Das war seltsam. Ein Kellerraum ohne Zugang? Wozu sollte der gut sein?

Allerdings war an der Stelle, wo das Sofa gelandet war, der Putz von der Wand gebrochen. Sie zerrte an dem Möbel. Vielleicht war dahinter ein versteckter Ausgang. Man gab die Hoffnung ja nicht auf.

Einige Zentimeter hatte sie die Rückenlehne nach vorne bewegt, als weiterer Mörtel rieselte und einen Hohlraum freigab.

Kelda starrte drauf.

Der Bewohner starrte hohläugig zurück, und in dem trüben Lampenlicht entzückten zwei Goldzähne in seinem grausigen Grinsen, das er trotz des offensichtlichen Lochs in seiner Stirn beibehalten hatte.

L’Ankou, wie die Bretonen den Tod nannten, war in ihr Leben getreten.

Immerhin, das Skelett schien nicht neueren Datums zu sein, und vermutlich erklärte es die Tatsache, dass der Keller des Hauses nicht jedermann zugänglich war.

Kelda hatte sich inzwischen wieder soweit gefasst, dass sie konstruktive Überlegungen zu ihrer Situation anstellen konnte. Dieser Urlaub bot interessante Aspekte.

Ihre Uhr zeigte ihr, dass es auf Mitternacht zuging – mit einem leicht hysterischen Kichern verscheuchte sie den Gedanken an die Geisterstunde. Sie hatte ein reichliches Abendessen zu sich genommen, ein einigermaßen bequemes Sofa, um darauf zu liegen, etwas Beleuchtung und schweigsame Gesellschaft. Morgen um neun würde der Besitzer des Hauses vorbeikommen, um den Mietvertrag mit ihr abzuschließen. Das war der passende Zeitpunkt, um ihn – wenn nötig schreiend – um Hilfe zu bitten, beschloss sie. Jetzt wäre es nur Atemverschwendung und würde ihre Stimmbänder ramponieren.

Also setzte sie sich wieder auf das Sofa und tat das, was sie sich sowieso vorgenommen hatte: Sie dachte über ihre Situation – speziell ihr Liebesleben nach.

Angesichts des Todes – der Unbekannte hatte ein seltsam bannendes Grinsen – gestand sie sich ein, dass sie Schiffbruch erlitten hatte.

Kelda war zweiunddreißig, Matt ein Jahr jünger. Vor sechs Jahren hatte sie ihn kennengelernt – sie hatte gerade eine Stelle als Dolmetscherin für Französisch und Italienisch angenommen, Matt studierte noch. Sport, was sonst? Über seine Leidenschaft für das Surfen waren sie sich nähergekommen, und bei dieser Leidenschaft blieb es nicht. Daneben faszinierte sie auch seine Abenteuerlust, alleine hätte sie nie solche Reisen unternommen, nie solche Gestade kennengelernt, nie unter derart unmöglichen Bedingungen Urlaub gemacht wie mit ihm zusammen. Anfangs machte ihr diese Lagerfeuerromantik Spaß. Dann verlor es sich ein wenig, und als sie darum bat, endlich einmal mehr von einem Land zu erkunden als nur den Strand, stieß sie bei Matt auf Unverständnis. Nach langen Diskussionen hatten sie sich für diesen Sommerurlaub darauf geeinigt, einen zivilisierten Küstenabschnitt aufzusuchen, und Kelda hatte die Côte des Naufrages durchgesetzt, um mit der Reise einen Besuch bei ihrer Freundin Marie-Claude zu verbinden.

In ihrem Auslandsjahr, das sie während ihres Studiums in Nantes verbracht hatte, war Kelda ihr begegnet. Marie-Claude war ein paar Jahre älter und Köchin in einem Restaurant, aber sie freundeten sich an. Die Freundin weckte in ihr die Sehnsucht danach, die Bretagne besser kennenzulernen. Beide Frauen blieben über all die Jahre in Kontakt, und als Marie-Claude vor einigen Jahren zurück in ihren Heimatort zog, um das Resto ihrer Eltern zu übernehmen, sprach sie die Einladung aus, Kelda könne sie jederzeit besuchen.

Kelda und Matt waren auch gleich bei ihrem Eintreffen vor vier Tagen zu ihr gefahren, und sie beide hatten ein glückliches Wiedersehen gefeiert. Marie-Claude war inzwischen mit dem Kapitän eines großen Frachters verheiratet, der nur alle zwei Monate nach Hause kam, aber das schien ihr nichts auszumachen. Ihr Vater war verstorben, ihre Mutter Paulette zu ihrer Schwester nach Brignogan gezogen, half aber wenn nötig noch immer in der Crêperie mit aus. Das Restaurant lag ganz in der Nähe eines bretonischen Museumsdorfes Meneham, ein pittoreskes Feldsteinhaus mit allerlei Anbauten und einer wunderschönen Terrasse, auf der die Gäste einen herrlichen Blick über den Strand mit seinen bizarren Felsen und dem weißen Leuchtturm hatten.

Marie-Claude musste irgendwas an Keldas Schilderung des Wohnmobils und des nicht ganz legalen Stellplatzes in den Dünen gespürt haben, sie brachte ziemlich schnell das Gespräch auf das kleine Ferienhaus von Yves Kerjean, das noch immer leer stand und zu dem sie den Schlüssel verwaltete, sollte einer ihrer Gäste den Wunsch äußern, es zu mieten.

Daran hatte Kelda sich erinnert, als sie mit weichen Knien nach dem fatalen Segeltörn zum Wohnmobil schwankte. Bezogen auf ihre jetzige Lage wäre das Gefährt allerdings doch etwas gemütlicher.

Nicht jedoch in Bezug auf die Gesellschaft.

L’Ankou verschonte sie wenigstens mit dem Gerede über fantastische sportliche Leistungen, die bei Matt mit zunehmendem Cidre- oder Bierkonsum immer großartiger wurden, bis man glauben musste, dass er auf dem Kamm eines Tsunami surfen konnte. Mit ihrem jetzigen Begleiter brauchte Kelda auch nicht darüber zu streiten, dass es für einen Mann über dreißig vielleicht doch allmählich Zeit wurde, das Studium zu beenden. Matt fand nämlich immer wieder neue Ausreden, noch ein Semester zu verschlampern, noch einen weiteren Job als Sportanimateur anzunehmen, noch ein paar Wochen irgendwo in einem Surfparadies zu verbringen.

Ihr Unmut darüber war schon seit geraumer Zeit mehr und mehr gewachsen, aber Matt konnte leider überaus charmant und überzeugend sein, und so hatte sie ihm für diesen Urlaub noch mal eine Chance gegeben.

Matt hatte sie verspielt.

Wenn man sie morgen früh aus diesem Keller befreit hatte, würde sie sich ein Bahnticket kaufen und nach Hause fahren.

Mit diesem Gedanken schlief Kelda unter dem hohläugigen Blick von Monsieur L’Ankou ein und träumte vom Schiffbruch.

Unerwartetes Wiedersehen

»Okay, okay, ich komme mit.«

Simon warf einen Blick auf die aufgeschlagene Mauer, hinter der sich eine der sanierungsbedürftigen Wasserleitungen befand. Der Installateur, der sich darum kümmern sollte, hatte ihn im Stich gelassen. Ärgerlich. Dafür stand der Dachdecker vor der Tür, für den es derzeit aber nichts zu tun gab. Und dann wollte Yves auch noch, dass er sich um das Ferienhaus kümmerte, für das er gegen alle Erwartungen noch einen Mieter gefunden hatte.

Er gab den Handwerkern ein paar Anweisungen und stieg in seinen Wagen, dessen dunkelgrauer Lack unter einer Schicht aus Salz, Sand und Baustellenstaub fast verschwand. Solche Äußerlichkeiten hingegen kümmerten ihn wenig. Während er auf die Landstraße Richtung Kerlouan fuhr, rief er den Glaser an, wimmelte den Verwalter der Villa ab, gab seiner Sekretärin in Saint Pol Daten für ein neues Angebot durch, und als sein Blick auf die zigeunerhafte Ansammlung von Zelten, einem Wohnmobil, Surfbrettern und bunten Handtüchern fiel, knurrte er unwillig darüber, dass diese Gestalten in dem Naturschutzgebiet campten.

Als gäbe es nicht genug Campingplätze an der Küste.

Aber darum sollte sich die Municipal kümmern.

Der rote Doppeldeckerbus kam in Sicht, er hielt dahinter, und schon eilte Yves aus seinem eigenwilligen Heim. Er war einen Kopf kleiner als Simon, sichtlich der guten Küche zugeneigt, wenngleich er den Eindruck machte, als ob er die damit verbundenen Kalorien in schiere Muskelmasse umzusetzen pflegte. Er war braun gebrannt, eher gegerbt, und eine flache Schirmmütze saß schief auf seinen grauen Locken.

Simon war ihm aus vielerlei Gründen dankbar, weshalb er bei den seltenen Bitten, die Yves äußerte, sofort bereit war, ihm zu helfen.

»Hat es Beschwerden gegeben?«, fragte er, als Yves in den Offroader kletterte.

»Nein, ich will nur den Mietvertrag abschließen und sehen, ob alles in Ordnung ist.«

»Das Dach haben wir doch im Mai repariert.«

»Ja, aber die letzten Mieter haben gesagt, die Fenster seien undicht.«

»Hättest du mir schon früher Bescheid sagen können.«

»Hab nicht dran gedacht.«

Yves, Herr über einen großen Freiluft-Flohmarkt, Globetrotter und Busbewohner, kümmerte sich wenig um sein Eigentum, das alte Fischerhaus am Rande von Brignogan. Und schon gar nicht wünschte er, selbst darin zu wohnen. Hin und wieder fand er Mieter dafür, dann aber packte ihn das Verantwortungsgefühl – oder so eine Art von Gastfreundschaft, und er kümmerte sich um den Bau.

Es war nicht weit, nach wenigen Minuten bogen sie auf den sandigen Abstellplatz vor dem Haus ein und stiegen aus.

Yves klopfte an der Holztür und murmelte etwas von einem neuen Anstrich.

»In der Tat, den könnte das ganze Holzwerk vertragen.«

»Mhm. Keiner da?«

Er klopfte noch mal.

»M’aidez!«, rief eine Frauenstimme irgendwo drinnen im Haus. »M’aidez!«

»Mist, da ist was passiert!«, sagte Yves und fummelte den Schlüssel aus der Tasche. Mit einem unwilligen Knarren sprang sie auf.

Simon folgte ihm, und als er die Tür zu dem Salon öffnete, hielt er die Luft an.

Ein riesiges Loch klaffte vor dem Kamin, der rote Teppich war halb hineingerutscht, und eine schwere Geschirrvitrine lehnte schief an einer Zimmerecke.

Yves keuchte mit entsetzter Stimme: »Mon Dieu!«

»Hier unten, Monsieur. Vorsicht, die Dielen sind morsch.«

»Was nicht zu übersehen ist. Mann, Yves, was für Bruchbuden bietest du den Gästen eigentlich als Ferienhaus an? Die Dame kann mit gutem Recht auf Mietminderung klagen.«

»Ich werde ihr Schadensersatz zahlen. Madame, sind Sie verletzt?«

»Ein bisschen angeschlagen, aber Ihr Sofa braucht einen Notarzt. Für den anderen Mitbewohner hier unten kommt allerdings jede Hilfe zu spät.«

»Mitbewohner! Um Himmels willen! Simon, ruf die Ambulanz.«

»Nicht nötig, Messieurs, er ist bereits skelettiert.«

Eine unerschrockene Frau, da unten, dachte Simon und konnte sich ein trockenes Lachen nicht verkneifen.

»Yves, wir brauchen eine Leiter.«

»Im Schuppen. Ich hole sie. Madame, Rettung naht.«

Simon sah sich um. Die Mieterin hatte Glück im Unglück gehabt. Wenn der Schrank mit nach unten gekippt wäre, hätte sie schwer verletzt werden können.

Es rieselte weiter Mörtel und Holzsplitter, als sie beide die Leiter nach unten ließen. Eine staubige, zerzauste Gestalt in einem blauen Pullover und weiten Yogahosen erklomm sie, und als sie das Loch im Boden betrachtete, erschauderte sie sichtlich.

Simon fasste sie am Ellenbogen und führte sie von der Absturzstelle weg in die Küche. Dort stand auf dem Tisch eine angebrochene Flasche Cidre. Er goss ihr einen Becher voll ein und reichte ihn ihr.

»Trinken Sie! Sie sind ganz blass um die Nase.«

Die Frau nippte daran mit kleinen Schlucken, was ihr offensichtlich half, ihre Fassung wiederzufinden.

»Sie sind der Vermieter?«, fragte sie ihn.

»Nein, ich bin Architekt.«

»Ich hoffe, nicht von diesem Haus.«

Er grinste.

»Gewiss nicht. Yves – er ist der Vermieter, der jetzt da unten herumkraucht – wollte, dass ich mir das Haus auf mögliche Schäden ansehe. Ich mache Altbausanierungen.«

»Kleinere Schäden ist gut«, entfuhr es ihr. »Das Haus hier gehört abgerissen und nicht saniert.«

»Wahrscheinlich. Aber beides kostet Geld.«

»Und Geld hat der Vermieter nicht, denn die Mieter zahlen nichts.«

Es polterte nebenan, dann kam auch Yves in die Küche. Spinnweben hingen von seiner Mütze herunter.

»Madame, mir fehlen die Worte«, sagte er und hob entschuldigend die Hände. »Yves Kerjean, und das ist Simon Johannsen, ein Bleistiftstemmer.«

Sie hatten bisher Französisch gesprochen, aber die Frau redete ihn plötzlich auf Deutsch an.

»Simon? Simon Johannsen, der Junge von nebenan?«

Er starrte sie verblüfft an. Sie fuhr sich mit der Hand über die staubige Stirn.

»Kelda Achern«, stellte sie sich vor, und zu dem Vermieter gewandt, meinte sie: »Versuchen Sie es gar nicht erst, Monsieur Kerjean. Kelda reicht. Achern ist ein Name, der Franzosen nicht eben geschmeidig über die Lippen kommt.«

Yves nickte, und Simon konnte seine Überraschung nicht verbergen.

»Kelda? Du? Du hast dich – mhm – verändert.«

»Ja, Simon, du auch.«

»Kelda war meine Nachbarin«, erklärte Simon.

»Vor langer Zeit«, ergänzte Kelda.

Zehn Jahre, wenn nicht mehr, waren vergangen, seit ihre Wege sich gründlich getrennt hatten.

»Tja, am Ende der Welt trifft man sich wieder«, murmelte Simon.

»Unter dramatischen Umständen, nicht wahr?«

Auch Yves, der verhinderte Vermieter, hatte gerade eine Erleuchtung: »Sie sind die junge Dame, die Jan gestern aus dem Wasser gezogen hat.«

»Das hat sich leider auch schon rumgesprochen.«

Simon verzog angewidert sein Gesicht. »Du gehörst zu der Surferbande unten in der Düne?«

»Korrigiere deine Grammatik, dann stimmt es. Ich gehörte dazu.«

»Mhm.«

Kelda ignorierte ihn und fragte stattdessen: »Was haben Sie im Keller gefunden, Monsieur Kerjean?«

»Yves, der Monsieur passt nicht zu mir. Tja, da gibt es einen Toten. Und so wie es aussieht, hat man ihn schon vor vielen Jahren dort eingesargt. Schlechter Beton übrigens – aber es waren Kriegszeiten, da muss man wohl nachsichtig sein.«

»Kriegszeiten? Woraus schließen Sie das?«

»Weil er entweder ein Kollaborateur war und von der Résistance erschossen wurde oder bei der Résistance war und von Kollaborateuren erschossen wurde. Ein Lothringer Kreuz ist in die Wand eingeritzt.«

Simon sah ihn fragend an, und er erklärte: »Ein Kreuz mit Doppelbalken war hier das Zeichen der Résistance.«

»Nun, dann dürfte auf mich kein Verdacht fallen, das war vor meiner Zeit«, bemerkte Kelda trocken.

»In der Tat. Ich hoffe, es geht Ihnen gut, Madame Kelda. Sie haben starke Nerven bewiesen. Nicht nur dass Sie durch die Decke gebrochen sind, nein, Sie mussten auch noch die Nacht neben einem Toten verbringen. Ich stehe tief in Ihrer Schuld.«

»Ach, wissen Sie, meine Erfahrung mit der Endlichkeit des Lebens hatte ich bereits am gestrigen Nachmittag gemacht, als mich die Flut gegen die Felsen trieb.«

»Ein tollkühnes und leichtsinniges Unterfangen«, sagte Simon scharf.

»Ich wurde überredet. Und ich habe meine Konsequenzen daraus gezogen. Mit welchen Folgen, das siehst du ja hier.«

»Kein entspannter Urlaub.«

»Nein, und darum breche ich ihn jetzt ab. Wenn einer der Herren bitte mein Gepäck oben aus dem Schlafzimmer holen würde – ich habe keine große Lust mehr, mich noch einmal in diesem baufälligen Gemäuer zu bewegen.«

»Sofort, Madame Kelda!«

Yves stapfte die Treppe hoch, die seinem Gewicht standzuhalten geneigt war.

»Wohin können wir dich bringen, Kelda?«, fragte Simon.

»Zum Marée bleue. Es gehört meiner Freundin Marie-Claude.«

»Ich kenne es.«

Simon schnappte sich ihre Reisetasche, Yves trug ihren Rucksack, und sie geleiteten sie zu dem staubigen Offroader. Während der kurzen Fahrt schwieg Kelda, doch als sie ausstieg, reichte Yves ihr die Hand.

»Überlegen Sie sich, ob Sie wirklich abreisen wollen, Madame Kelda. Wo immer Sie Unterkunft finden – ich zahle sie.«

Simon hatte seinen Freund noch nie so zerknirscht gesehen. Er schloss sich seiner Einladung an.

»Das Wetter bleibt schön, sagt man. Du solltest dir die Gegend ein paar Tage ansehen.«

»Ich denke darüber nach.«

»Tun Sie das«, sagte Yves. »Wenn Sie irgendetwas brauchen, finden Sie mich auf dem ›Truc et Puces‹ Richtung Kerlouan. Können Sie nicht verfehlen, es steht dort ein roter Doppeldeckerbus.«

»D

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