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Schattenjuwel

Die Lieder der Fangaren

Vergangenheit

Im Nichts existiert kein Hier und Jetzt.

Keine Zeit, kein Verfall und keine Vergangenheit.

Wo das Nichts regiert,

wird es keine Zukunft geben.

Nichts wird geboren, nichts wird sterben.

Elowias Herz weint,

Elowias Herz ist in Dunkelheit getaucht.

Gegenwart

So reiße die Mauern

deiner Überheblichkeit nieder.

Und siehe, was von Dir übriggeblieben ist.

Am Ende wirst du weinen,

um das, was du verloren glaubst,

als hättest du nie gelebt, wird es dir sein.

Zu Asche zerfallen, verbrannt in der Nacht,

bleibt dir nur, den Staub zu lieben.

Zukunft

Ein Mädchen zwischen den Welten,

im Wandel der Steine,

aus Zorn gezeugt und in Wut geboren,

wird aus dem Schatten des Blutes treten.

Seine Kraft unberechenbar,

wird es der Völker Segen oder Untergang sein.

Der dunkle Prinz

wird im schwarzen Feuer verbrennen.

Alles wird sterben, um neu zu sein.

   

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Das Schicksal ist wie ein Schatten,

der uns überallhin folgt.

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Chronologie der Ereignisse I


Das Schicksal ist wie ein Schatten,
der uns überallhin folgt.

Sonnenjahr 4000:

Entstehung der Diamantaner. Der magische Stein „das Herz von Elowia“ zerschellt auf der Welt, direkt über dem Gebiet der Menschen. Die ersten Kinder mit Juwelen werden geboren.

Sonnenjahr 4100:

Die Diamantaner übernehmen die Herrschaft über Elowia. Es haben sich zwei Hauptsteinklassen durchgesetzt: Die Heil- und die Kriegersteine.

Sonnenjahr 4150:

Die alten Völker, wozu die Feen und Dämonen gehören, werden immer weiter von den Diamantanern zurückgedrängt und versklavt.

Sonnenjahr 4300:

Der Herrscher Persuar wird geboren. Sein Kriegerstein steigt zum Herrschaftsjuwel auf und schenkt ihm ein außergewöhnlich langes Leben.

Sonnenjahr 4500:

Das große Orakel von Iben kündet den Untergang der herrschenden Diamantaner mit folgenden Worten an: „Wenn sich der Nachthimmel spiegelt und die Drei, die das Gefüge der Welt erschüttern, sich gegenüberstehen, wird der Untergang gekommen sein.“

Überall auf der Welt entsteht das Gerücht eines gefährlichen „Schattenjuwels“.

Sonnenjahr 4501:

Ein Mischblut wird geboren, das in sich das Schattenjuwel trägt und die auserwählte Heilsbringerin der alten Völker sein soll. Der Herrscher lässt das Mädchen durch seine Elite-Truppe, die Sucher, aufspüren. Zu den Jägern gehört auch der steinlose Krieger Barrn, der ein tödlicher Killer ist, aber mit dem Makel der Steinlosigkeit behaftet ist und daher unter den Diamantanern als Missgeburt gilt.

Sonnenjahr 4502:

Geburt der Höllenfürstin Jen Melodie.

Sonnenjahr 4517:

Barrn und das Mischblut treffen aufeinander, doch anstatt sie zu töten, beschützt er Lilith und gerät somit ebenfalls ins Visier der Sucher.

Sonnenjahr 4518:

Der Nachthimmel, eine bestimmte Sorte von Kriegersteinen, die jeweils von zwei verfeindeten Parteien getragen werden, spiegeln sich, aber die große, befreiende Erschütterung bleibt aus. Die alten Völker sind enttäuscht, hatten sie doch auf das Ende der grausamen Herrschaft der Diamantaner gehofft.

Sonnenjahr 4518:

Stunde null: Das Mischblut fällt in die Scherbenhölle, viele Diamantaner sterben oder verlieren ihre Juwelen. Der Krieger Barrn und inzwischen Geliebter des Mädchens folgt ihr zusammen mit seinen Freunden in die Hölle, um sie zu finden.

Sonnenjahr 4518:

1. Stunde: Der schwer verletzte Herrscher wird durch seinen engsten Vertrauten, den Elite-Sucher Hanak, ermordet. Sein Herrschaftsjuwel geht in dem Stein des neuen Diktators auf.

Sonnenjahr 4518:

12. Stunde: Der neue Herrscher wird ausgerufen. Er ordnet die Bündelung der verbliebenen Streitmacht und Kriegersteine an, um die Rebellion der alten Völker im Keim zu ersticken.

Schattenjuwel: Das Herz von Elowia weint

Ein paar Sonnenjahre zuvor

»Dort drüben sind sie«, keifte eine Stimme aufgeregt. Die schwarz verhüllten Reiter wandten abrupt ihre Reittiere und stoben in die Richtung, in die der alte Mann deutete.

Durch die Stille der Nacht ging ein panischer Aufschrei, als die dunklen Gestalten die Flüchtenden eingeholt und umzingelt hatten.

Ein Teil der Reiter stieg ab, der andere blieb auf den Kenjas sitzen und versperrte den Gejagten mit ihren Tieren und Waffen den Fluchtweg.

Ein junger Mann stellte sich den Kriegern und preschte mit gezogenem Schwert nach vorne. Es war ein aussichtsloser Kampf, den er da focht, denn die Verfolger trugen alle dunkle Juwelen, während er nur ein blaues besaß, welches im fahlen Mondlicht grün changierte.

Hinter seinem Rücken verborgen stand eine junge Fee, die sich ängstlich an seine Schultern klammerte und bei jedem Hieb, den er abfing, aufschluchzte.

Mutig hob der Mann den Kopf und blickte der Übermacht mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck entgegen.

Hinter ihm ertönte nicht nur das Wimmern der Fee, sondern auch das kreischende Weinen eines Kindes, das ihn anspornte, nicht aufzugeben, auch wenn die Lage aussichtslos schien.

Die Sucher sollten nicht sein Kind bekommen, nicht sein kleines Mädchen!

»Ihr müsst fliehen, ich werde versuchen, sie solange aufzuhalten«, wisperte er leise, ohne sich umzudrehen, denn seine ganze Aufmerksamkeit galt den Suchern, die langsam den Kreis enger zogen. Er durfte keinen Fehler begehen, wenn er seine Familie retten wollte.

Die Krieger lachten höhnisch und ihre Juwelen, in den zahlreichen Schlachten durch Blut und Leid gestärkt, glitzerten lüstern auf.

»Haben wir dich, du Bastard«, schimpfte ein bärtiger Mann mit einem grauen Juwel und drehte sein Schwert in der Hand. »Dein Stein soll in der Scherbenhölle verrotten!«

Der junge Mann breitete seine Arme aus, um möglichst viel Angriffsfläche zu bieten. Jeder Hieb, der ihn traf, war einer weniger, der seine Tochter verletzen konnte.

»Lasst die Frauen gehen«, sagte er laut. »Ihr wollt nur mich.«

Ein abfälliges Schnalzen erscholl und ein schlanker Mann trat aus den Reihen der Sucher hervor. Seine Kleidung war aus einem feineren Stoff und das Schild, welches er am linken Arm trug, wies ihn als den Anführer der Sucher aus.

»Uns wurde befohlen, dich und deine Familie zu töten.«

»Aber warum denn auch das kleine Kind?«, fragte der Mann mit dem blauen Juwel und seine Stimme bebte.

»Weil es ein Befehl ist.« Mehr sagte der Anführer nicht, der zwischen den grobschlächtigen Männern eigenartig fremd wirkte. Es dauerte eine geraume Weile, bis der junge Mann begriff, dass dieser Krieger weder Aura noch Stein besaß.

»Was …?«, flüsterte er erschrocken und prallte zurück, als ihm diese Ungeheuerlichkeit bewusstwurde. Ein Diamantaner ohne Stein, noch dazu bei bester Gesundheit? Eine Unmöglichkeit … anderseits … Er senkte sein Kinn und starrte auf sein eigenes Juwel, welches ebenfalls von einer seltsamen Beschaffenheit war. Eine große, dunkle Perle mit einem grünen Licht bildete sich auf der Oberfläche seines blauen Diamanten und tropfte hinab.

Die umstehenden Krieger schnauften angewidert auf.

»Er ist es, er besitzt das weinende Juwel. Töten wir ihn«, forderte der Bärtige seine Kameraden auf und in seiner Stimme war die Abscheu deutlich herauszuhören.

Nur der Anführer schwieg. In seiner Miene lag ein schmerzlicher Ausdruck. Doch schließlich veränderte sich auch seine Mimik und aus dem anfänglichen Mitleid wurde Härte.

»Ja.«

»Und die zwei Frauen?«

Der junge Mann mit dem blauen Juwel sah den obersten Sucher bittend an, aber dieser schaute nur durch ihn hindurch und flüsterte: »Auch die.«

Das Schluchzen wurde lauter und der junge, bedrängte Mann spürte den Körper der Fee, wie er sich fester an ihn drückte. Zwischen ihren Leibern stand das kleine Kind, kaum fähig auf seinen eigenen, kurzen Beinchen zu stehen, so jung war es noch.

Das klägliche Schniefen seiner Tochter ließ ihn das Schwert fester und entschlossener in der Hand halten.

Zwei Krieger aus der Gruppe lösten sich, aber der Anführer der Sucher hob abwehrend seine Hand. »Ich werde diese Aufgabe erledigen. Er war ein ehemaliger Sucher, er verdient es, in einem fairen Kampf zu sterben.«

Mit einem Murren traten die Männer zurück und überließen ihm die Aufgabe des Massakers.

Der junge Mann umfasste mit seiner freien Hand das blaue Juwel, welches ihm, seit er es besaß, nur Kummer gebracht hatte, und mit der anderen vollführte er eine kunstvolle Bewegung nach vorne.

Die Klinge verfehlte den Sucher nur knapp, dafür machte jener eine halbe Drehung und stieß dann die Spitze des Schwertes in die Richtung der Fee.

Der junge Mann schnellte herum und positionierte sich wieder zwischen dem Krieger und seiner Familie. Aber darauf schien der Sucher gelauert zu haben, denn für diesen kurzen Moment war seine Deckung offen und der Krieger stieß ihm die Schwertspitze in den Unterleib.

Blaue und grüne Perlen fluteten den Boden und strömten zusammen mit dem roten Lebenssaft auf den Grund.

Die Fee und das kleine Kind schrien gellend auf, als ihr Vater und Mann in die Knie ging. Grüne Splitter wirbelten durch die Luft, vollführten über dem Gefallenen einen Todestanz und wurden von einem unsichtbaren Lufthauch erfasst und davongetragen. Nur ein Splitter, zu groß, um vom Wind bewegt zu werden, segelte auf die kleine Tochter hinab und grub sich unbemerkt in einem Farbspiel aus grünem und rotem Licht in die Haut des Kindes.

Der Sucher zog sein Schwert aus dem Körper des tödlich Verwundeten und ging auf die Frau zu, die sich schützend über die Kleine gekauert hatte.

Der Sucher beugte sich über sie, seine Schwerthand zitterte und die Waffe hing kraftlos darin. Die blaugrünen Perlen auf dem Boden summten auf, schossen als grüne Fontänen in die Luft und ein ohrenbetäubendes Kreischen erhob sich über die Landschaft.

»Totenflieger!«, brüllten die umstehenden Sucher entsetzt und deuteten mit ihren Händen zum Himmel. Die Krieger versuchten vergeblich, ihre Diamanten abzuschirmen, aber die gefräßigen Tiere hatten den verlockenden Duft einer Mahlzeit schon vernommen.

Mit einem furchterregenden Fauchen jagten sie im Sturzflug auf die Krieger zu. Ihre scharfen Krallen trafen die Männer, rissen sie von den Beinen und schleuderten sie in die Luft.

Die drachenähnlichen Kreaturen machten sich einen Spaß daraus, ihre Beute immer wieder hoch in die Luft zu schmeißen und kurz vor dem Boden aufzufangen. Den Glückseligen brach es das Genick, den weniger Glücklichen wurde der Schrecken zuteil, von den scharfen Zähnen der Tiere durchbohrt zu werden. Und während sie unter Qualen starben, saugten die Totenflieger ihre Diamanten aus.

Der Anführer der Sucher sah fasziniert zu den grotesken Wesen auf, schwang sich auf sein Kenja und machte sich in geduckter Haltung davon.

Er war sich sicher, dass das Auftauchen der Tiere kein Zufall gewesen war. Das weinende Juwel hatte sie gerufen.

Erleichterung durchflutete ihn, denn die Tiere hatten verhindert, dass erneut unschuldiges Blut an seinen Händen klebte. Er hatte seine Aufgabe schließlich erfolgreich beendet. Der Mann mit dem weinenden Juwel war tot und dieser seltsame Diamant mit ihm.

 

Im Sonnenjahr der Prophezeiung

Hereket jagte mit ihren Bluthunden durch den Wald. Sie hatte die Fährte eines Rehs aufgenommen und witterte das pulsierende Blut in den Adern des Tieres. Sie fletschte ihre Reißzähne und beschleunigte ihren Schritt. Das Moos unter ihren Sohlen kitzelte sie, als sie mit blanken Füßen über den duftenden Waldboden sprang.

Kurz konnte sie den Blick auf das Reh erhaschen, bevor es panisch weiter in das Dickicht stob.

Die Dämonin ließ die Bluthunde mit ihren dornigen Körpern von der Leine und hetzte nun zusammen mit ihnen um die Wette.

Die Hunde verschwanden in der Dunkelheit des Waldes und Hereket blieb kurz stehen, um zu lauschen. Sie hatte ein verdächtiges Geräusch gehört, aber das Bellen ihrer Hunde übertönte das leise Rascheln beinahe gänzlich. Das Grollen ihrer Hunde wurde lauter und endete schließlich in einem bösartigen Aufheulen. Nun war sie sicher, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie drückte ihr breites Kreuz durch und die Sehnen an ihren Armen traten hervor. Die Dämonenfürstin stieß ein leises Knurren aus und ließ ihre goldenen Augen über das dichte Gestrüpp gleiten.

Jetzt witterte sie den Gestank der Verwesung. Nur Juwelen rochen nach Tod und Verderben. Diamantaner mussten in der Nähe sein. Sie riss den Dolch, den sie zur Hirschjagd bei sich trug, aus dem Taillengurt und ging in eine lauernde Stellung. Sie konnte die Angreifer nicht sehen, aber deutlich riechen. Ein Mann mit einem dunklen Juwel und zwei junge Krieger mit hellen Steinen, die für sie keine Gefahr darstellten, lauerten dort in der Dunkelheit auf sie. Sie fragte sich, wie töricht diese Diamantaner sein mussten, in das Jagdgebiet der Dämonen einzudringen, ohne starke Juwelen zu besitzen.

Mit einem Fauchen stürzte sie nach vorne, durchbrach mit ihrem Körper das trockene Geäst und stand vor drei Diamantanern, die sich auf dem Boden zusammengekauert hatten. Mit ängstlichen Augen blickten sie zu ihr auf und ihre kleinen Körper zitterten heftig.

Hereket schreckte zurück und ließ den Dolch in ihrer Hand sinken. Es waren Kinder.

Niemand hatte hier auf sie gelauert, es war nicht wie damals gewesen, als man sie verschleppt und gedemütigt hatte. Sie steckte das Messer weg und ihre Muskeln entspannten sich langsam.

Verstohlen blickten die kleinen Kreaturen zu ihr auf und ihre verweinten Augen füllten sich erneut mit Tränen. Die Dämonin seufzte auf und ließ sich in die Hocke sinken, um den Kindern nicht noch mehr Angst einzujagen. Sie musste auf diese kleinen Wesen wie ein Ungeheuer wirken: wild, mit blitzenden Reißzähnen, lodernden Augen und von der Jagd blutverschmierter Haut.

Erstaunlicherweise trug der Jüngste von ihnen ein dunkles, mächtiges Juwel, welches wohl sogar einem Dämon gefährlich werden konnte, aber der Junge war des Kämpfens unerfahren. Seine schlaffen Ärmchen hingen hilflos um den Hals des größeren Mädchens geschlungen, welches der Ähnlichkeit nach wohl seine Schwester sein musste.

»Was macht ihr denn hier?«, fragte Hereket verwundert und betrachtete die kleinen Diamantaner genauer. Normalerweise hätte sie nicht gezögert, die Nachkommen des Feindes zu töten, aber seit dem Tod ihres eigenen Kindes war sie milder geworden.

Das Mädchen sah sich hastig um. Hereket vermutete, dass sie nach einem Fluchtweg Ausschau hielt. Sie besaß nur einen sehr hellen Kriegerstein und war somit eine niedere Kreatur. Dennoch bewunderte Hereket das Mädchen für ihre Kraft. Beinahe mühelos trug sie den Jungen mit dem dunklen Juwel auf ihren Schultern, während sie den anderen Knaben beschützend an der Hand hielt.

»Ich werde euch nichts tun. Also, was treibt euch in das Reich der Dämonen? Wisst ihr nicht, dass wir uns im Krieg befinden?«

Drei Köpfe nickten bedächtig.

»Also wisst ihr, dass ich eure Feindin bin?«

Wieder nickten die Kinder allesamt.

Herekets Augen verengten sich. Was die Kinder auch immer in ihr Reich getrieben haben mochte, es musste etwas sehr Bedrohliches sein, sonst wären sie kaum in das Gebiet ihres ärgsten Widersachers geflüchtet.

Das Mädchen sah sich um. Ihre Augen waren weit geöffnet und ihre Pupillen hüpften von einem Punkt zum nächsten. Sie suchte die Umgebung nach verräterischen Spuren ab.

»Wer verfolgt euch?«, fragte die Dämonin und schnupperte. Sie konnte keine weiteren Diamantaner riechen.

Das Mädchen umklammerte den Arm des Jungen fester und ihre Lippen bebten. »Sie wollen uns töten«, wisperte sie.

Hereket runzelte ihre Stirn. »Wer will euch töten und warum?«

Das Mädchen mit dem hellen Kriegerstein drehte hektisch ihren Kopf in alle Richtungen, dann ließ sie den Arm des Jungen los und nestelte an ihrem Stein. »Unsere Juwelen sind anders. Wir sind anders …«

 

Fayn

Hanak ging durch die stinkenden Gänge des Kerkers. Er war auf der Suche nach einer bestimmten Frau, die man vor wenigen Tagen zusammen mit einigen Rebellen nach der großen Erschütterung gefangen genommen und hierher gebracht hatte. Angewidert stieg er über das faulige Stroh hinweg und versuchte, möglichst wenig von der übel riechenden Luft einzuatmen. Seine Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit der Räume, die nur durch kleine Spalten im Mauerwerk erhellt wurden.

Überall lagen Diamantaner zusammengekauert in den Ecken, zu erschöpft, um ihre Köpfe zu heben und nachzusehen, wer da durch die Gänge eilte. Wenn sie gewusst hätten, wer da durch ihre Reihen ging, hätten sie sich wahrscheinlich noch tiefer in die Dunkelheit zurückgezogen. Aber so glotzten sie den neuen Herrscher Elowias nur aus dumpfen, regungslosen Augen an und Hanak schenkte diesen Kreaturen genauso wenig Beachtung, wie sie ihm zukommen ließen.

Er stapfte weiter, denn inzwischen spürte er die zarte Aura eines verletzten Heilsteins. Das klägliche Wimmern des sterbenden Juwels erfüllte sein Herz mit einer schaurig schönen Melodie und wie hypnotisiert folgte er der blutroten Auraspur durch den Kerker, bis er vor einer schmalen Gestalt stehen blieb.

Das Wehklagen des Juwels verstummte.

Regungslos lag die Frau auf dem Boden, das Gesicht zur Decke gedreht, die himmelblauen Augen ausdruckslos in die Luft gerichtet. Ihre Hautfarbe war blass, der Körper wie ihr Stein ausgezehrt. Man sah ihr die Strapazen der letzten Tage deutlich an.

Hanak ließ sich in die Hocke sinken und sog ihren lieblichen Duft ein, der sogar den bestialischen Gestank des Raumes übertünchen konnte und ihn mit einem Geruch von Blumenwiesen erfüllte.

Nur ihre Augenlider zuckten, während der Rest ihres Körpers regungslos blieb, als er seine Hand auf ihren Stein legte und ihn andächtig befühlte.

Die Erschütterung des Machtgefüges, welches durch das Dämonenmädchen Lilith auf Elowia verursacht worden war, hatte ihren Diamanten geschwächt, aber Hanak konnte noch etwas Anderes fühlen, ihr Stein war nicht nur beinahe zerstört worden, er hatte sich auch verändert. Ein dunkles, bösartiges Pulsieren drang an die Oberfläche ihres Juwels und fraß sich als schwarzer Fleck in das klare Rot hinein. Hanak lächelte und genoss das kühle Gefühl des Hasses, welches von ihrem Juwel über seine Hände in seinen Körper strömte und seine Sinne betörte.

Fayn, die Fee, existierte nicht mehr.

Er schob seine Hände unter ihren zarten Körper und hob sie hoch. Nur widerwillig und unendlich langsam bewegten sich ihre Pupillen und richteten sich auf sein Gesicht aus. Erst jetzt schien sie Notiz von ihm zu nehmen.

»Hanak«, flüsterte sie schwach. »Du hast das Inferno überlebt?«

Die offene Enttäuschung in ihrem Gesicht verärgerte ihn, aber er konnte ihren Missmut nachempfinden, schließlich waren sie schon immer Feinde gewesen, und wenn ihr Juwel nicht diese sonderbare Veränderung durchgemacht hätte, dann hätte er sie wohl auch getötet. Aber jetzt konnte sie ihm von großem Nutzen sein, er musste nur die Schale ihres Steins brechen und der Bestie im Inneren genug Nahrung geben, dann würde seinen Plänen nichts mehr im Wege stehen. Hanak seufzte auf. Höchstens Barrn konnte ihm noch gefährlich werden, aber dieser Bastard war an einen Ort geflüchtet, zu dem er keinen Zutritt hatte.

Der Herrscher lächelte verschlagen, als er mit seinen Händen sein dunkles Juwel umfasste. Er hatte für Barrn noch eine Überraschung, falls es dieser je wieder aus der Scherbenhölle schaffen würde.

 

Scherbenhölle

Funkelnde Splitter empfingen Barrn, als er in einer Welt zu sich kam, in der es keine Hoffnung gab. Er fröstelte. Langsam setzte er sich auf und drehte sich zu dem Dämon und seinem Diener um, die ihm an diesen unwirklichen Ort gefolgt waren.

Der Dämon war schon zu sich gekommen, während sein Diener Skat noch mit geschlossenen Augen neben ihm lag.

»Das ist also eure Scherbenhölle«, raunte der Dämonenfürst Dorn und beschattete mit der Hand seine goldenen Augen.

»Sieht so aus«, antwortete ihm Barrn knapp und stieß gleichzeitig seinen Diener an, der immer noch seelenruhig schlief.

»Nicht gerade sehr furchterregend hier. Wo sind das Geschrei, das Feuer und das Blut?«

Barrn warf dem Dämon einen verdrießlichen Blick zu und knuffte Skat fester in die Seite, worauf dieser nur ärgerlich knurrte.

»Verschrei es nicht, Fürst. Wir sind hier in der Scherbenhölle, dem Ort der unerfüllten Wünsche, und deine Sehnsüchte könnten schneller in Erfüllung gehen, als uns allen lieb ist.«

Dorn entblößte beim Lächeln eine Reihe spitzer Reißzähne. »Oh, mit einem Feuer wäre es gleich viel behaglicher, ich hätte nichts dagegen einzuwenden.«

Barrns Mundwinkel wanderten nach unten. »Dämon«, grollte er mahnend, während er Skat mit der Faust auf die Schulter klopfte. »Halt den Mund!«

Erbost starrte ihn sein Diener an, der endlich aufgewacht war und missmutig seine Schulter rieb.

»Ich soll den Mund halten?«, brummte er und setzte sich auf.

Barrn seufzte auf. »Nein, nicht du, sondern der Dämon.«

Skat massierte sich mit den Fingerspitzen die Schläfen, dann drehte er sich zu dem Fürsten um. »Gut, der darf seinen Mund halten.«

Der Dämon warf Skat einen vernichtenden Blick zu und erhob sich mit einem leisen Fluch, der wohl dem Diener galt. Barrn folgte ächzend seinem Beispiel und auch Skat stand auf, wobei er sein Umfeld wachsam musterte.

»Seltsamer Ort«, sagte er zu Barrn gewandt und seine Hand legte sich auf seinen Schwertknauf.

»Ja«, erwiderten ihm Barrn.

Es war wirklich ein ungewöhnlicher Ort. Die ganze Umgebung bestand nur aus Glas, jeder Stein, jeder Baum, selbst das Gras waren funkelnde Juwelensplitter.

In weiter Ferne ragte eine schillernde Festung aus weißem Glas in den Himmel und warf das Licht in einem atemberaubenden Farbspektrum zurück.

Barrn deutete mit dem Zeigefinger auf das Gebäude, welches nach seiner Schätzung einen Tagesmarsch entfernt stand. »Ich denke, wir sollten uns dahin begeben. Es sieht mir nach dem Zentrum der Scherbenhölle aus und ich hoffe, dass es Baia und Lilith ebenfalls dorthin verschlagen hat.«

Skats Miene verfinsterte sich. »Ich bin mir nicht so sicher, ob ich wirklich in das Zentrum der Hölle will.«

»Hast du eine bessere Idee? Dann sag sie mir. Irgendwo müssen wir doch anfangen, Lilith, Baia und den kleinen Harukan zu suchen, oder?«, erwiderte er seinem Freund gereizt.

»Ja, schon gut«, brummte Skat und sein Widerwille war deutlich in seinen Gesichtszügen zu lesen.

Barrn ignorierte Skats Schnauben, als sie sich in die angedeutete Richtung aufmachten, in welcher der gläserne Palast stand.

Schweigend und staunend liefen sie durch die eigenartige Welt, die sich aus Milliarden von Splittern zusammensetzte und formte. Bei genauerer Betrachtung bestand kein Teil dieser Gegend aus einer einzigen Glasscherbe, sondern aus vielen, winzigen Stücken.

Barrn erschauderte bei dem Gedanken, dass wohl jeder dieser Scherben für einen toten Diamantaner stand.

Nur mit Mühe konnte er seinen Blick von der funkelnden Fülle an Splittern abwenden und seine Augen auf das Ziel richten, welches sich glänzend dem Himmel entgegenreckte.

Der Weg aus poliertem Glas schlängelte sich an den scharfen Felskanten und dem tödlich scharfen Gras vorbei, dessen Spitzen mit Tautropfen bedeckt waren.

Barrn lauschte den Atemzügen von Dorn und Skat. Sein Diener war eigenartig still und er warf dem Krieger einen flüchtigen Seitenblick zu. Dieser hatte seine Hände auf den Schwertknauf gelegt, jederzeit bereit, die Waffe aus der Hülle zu ziehen. Er beobachtete die Umgebung aufmerksam, die angespannten Gesichtszüge verrieten seine Nervosität. Er traute dem Frieden nicht.

Die Pranke des Dämons legte sich auf die Schulter des Kriegers und Skat ächzte auf. Aber sein Gesicht blieb weiterhin eigenartig verschlossen. Selbst Dorns ruppige Art, die ihn sonst immer zur Weißglut trieb, konnte ihn nicht aus seiner Lethargie reißen.

»Skat?«, fragte Barrn zögerlich, der seinen Freund nicht so kannte, wie er sich jetzt gab.

»Hm?«, kam die lustlose Gegenfrage und Barrn bereute es, den Krieger überhaupt angesprochen zu haben.

»Wir werden deine Schwester retten. Mach dir keine Sorgen!«

Endlich reagierte der Mann mit dem dunkelgrauen Kriegerstein und hob seinen Blick. Seine stechenden Augen fraßen sich durch Barrns Brust und spießten ihn förmlich auf.

»Sicher. Wir drei Helden durchkämmen die kleine Scherbenhölle, retten nebenbei noch ein paar andere, verlorene Seelen und haben dabei alle furchtbar Spaß.«

Da war er wieder, der beißende Sarkasmus, den Barrn bereits vermisst hatte. Der Diener schüttelte despektierlich seinen Kopf und seufzte verächtlich auf, bevor er stehen blieb und angestrengt lauschte. »Aber, wenn wir mal die Größe der Scherbenhölle und unsere Unzulänglichkeit außer Acht lassen, was ist das für ein verdammtes Pfeifen? Es macht mich ganz wahnsinnig.«

Barrn und der Dämon wechselten einen flüchtigen Blick und hielten dann beide zeitgleich die Luft an, um ebenfalls zu lauschen.

Skat knurrte, als sie beide ratlos die Schultern hoben. »Taub seid ihr also auch noch.«

Barrn verkniff sich eine barsche Zurechtweisung seines Dieners und hielt stattdessen seine Hände an die Ohren, aber kein Geräusch drang zu ihm vor.

»Ich höre nichts«, sagte er und fing sich ein abwertendes Grunzen von Skat ein.

»Im Gegensatz zu euch beiden bin ich nicht der Irre, der annimmt, alles werde gut. Ich kann also ganz genau Realität von Halluzination unterscheiden! Und ich höre etwas.«

Dorns Fingerspitze streifte Skats Juwel, das still aufblitzte. »Es könnte daran liegen, dass nur du einen Stein trägst.«

Skat befühlte seinen Diamanten, der als dunkelgraues Kriegerjuwel schon viel Blut vergossen hatte, und konzentrierte sich. »Es ist, als würde mich etwas rufen«, erwiderte er nach einer kurzen Schweigepause.

Barrn biss sich auf seiner Unterlippe herum. Es war kein gutes Zeichen, wenn ihre Ankunft schon entdeckt worden war. Sie mussten herausfinden, woher dieser Ton kam, den nur Skat vernehmen konnte.

»Kannst du es mit deinem Stein verstärken, sodass wir es auch hören können?«, fragte er.

Skat zuckte ratlos mit seinen Schultern, aber er legte seine Fingerspitzen auf sein Juwel, bis es grau auf funkelte.

Und plötzlich erhob sich eine schaurige Melodie, die wie ein leises Wimmern über die gläserne Fläche getragen wurde. Dorn und Barrn zuckten zusammen, während Skats Juwel aufblitzte und einen klagenden Seufzer hervorbrachte.

»Bei den sieben Schwertern, was ist das?«, wollte Barrn wissen, der nun auch endlich die Melodie hören konnte.

Skat verzog sein Gesicht zu einer Grimasse und stieß einen leisen, zischenden Laut aus. »Wenn ich das nur wüsste, aber diese Melodie ruft meinen Diamanten und all die Juwelenträger, die sich in der Scherbenhölle befinden. Beinahe habe ich das Gefühl, jemand sammelt die Seelen der Überlebenden ein, die nicht schon bei ihrer Ankunft in der Hölle gestorben sind.«

Der Dämon sah sich voller Unbehagen um und Barrn, dem dieser Umstand nicht verborgen geblieben war, stemmte seine Hände in die Seite. »Nun Dämon? Jetzt zufrieden? Ist dir die Hölle nun Hölle genug?«

Bevor der Fürst etwas erwidern konnte, schlug ein greller Blitz neben ihm ein. Funken stoben aus dem Glasboden und Scherben flogen durch die Gegend. Ein Splitter traf Barrn an der Schläfe und riss eine Schramme in seine Haut.

Ein weiterer, grüner Blitz raste auf den Dämon zu, der sich gerade noch mit einem beherzten Sprung retten konnte. »Verflucht. Ja, es ist mir Hölle genug.«

Skat hatte sich inzwischen vor dem Dämon positioniert und sein Juwel hatte einen dunkelgrauen Schutzschild über ihn gelegt.

Mit gezogenem Schwert sah Barrn sich gemeinsam mit Skat suchend um, aber er konnte nicht erkennen, woher der Angriff kam.

Ein helles Pfeifen kündete von der nächsten Attacke und dunkelgrünes Feuer krachte auf Skats Schutzschild. Der Kriegerstein kreischte auf und der Diener wankte unter dem Feuersturm bedrohlich. Seine Beine knickten ein, während er all seine Kraft darauf verwendete, den Schutzschild aufrechtzuerhalten.

Eine weibliche, aber harte Stimme ertönte: »Was haben ein lebender Juwelenträger, ein Steinloser und ein Dämon in meiner Hölle zu suchen?«

Der grüne Feuersturm nahm an Intensität zu und fegte unerbittlich über die drei Gefährten hinweg, die sich inzwischen alle unter Skats Schutzschild gerettet hatten.

Barrn blinzelte gegen das grelle Leuchten an, aber das Licht stach so unangenehm in seinen Augen, dass er sie reflexartig wieder schloss, ohne überhaupt etwas gesehen zu haben.

»Wir suchen jemanden«, brüllte er über das Prasseln des grünen Feuers hinweg.

»Ihr seid Eindringlinge«, erscholl es böse, doch der Sturm versiegte langsam, bis er komplett verschwunden war.

Jetzt konnte man eine schlanke Gestalt erkennen, die auf einer silbernen Schlange ritt. Ihr bleiches Gesicht wirkte wie ein Gemälde, blass und zart, mit wenigen Sommersprossen. Rotes Haar umfloss die schmalen Gesichtspartien und fiel in feurigen Locken den Rücken hinab.

In ihrer Hand hielt sie ein grünes Juwel, das intensiv und abstoßend grell funkelte. Selbst ihre Kleidung war von dieser unerträglich intensiven Farbe.

»Sprecht, wen sucht ihr?!«, forderte die Frau sie barsch auf.

Dorn richtete sich langsam wieder auf und schob Skat ungehalten zur Seite. Barrn bemerkte, wie der Dämon sich nur mit Mühe zurückhalten konnte. Er wollte sich lieber nicht ausmalen, was passieren würde, wenn der Fürst die Beherrschung verlor. Die Frau sah nicht so aus, als würde sie einen Angriff auf ihre Person verzeihen.

Barrn blieb daher nicht viel Zeit, um nachzudenken, sodass er einfach wahrheitsgemäß antwortete: »Eine Kriegerin mit einem blauen Stein, einen jungen Heiler und ein Mischblut.«

Die Stirn der Frau mit dem grünen Stein umwölkte sich. »So so. Ein Mischblut, hm.«

Sie zog an einer Eisenkette und erst das leise Klirren des Metalls lenkte Barrns Aufmerksamkeit auf einen Mann, der neben der Schlange kauerte.

Sein Oberkörper war nackt, nur bedeckt von roten Striemen. Der schwere Eisenring um seinen Hals zwang ihn, seinen Kopf gesenkt zu halten.

»Sklave Hadeson«, herrschte sie ihn an und ihre Stimme überschlug sich vor Zorn. »Weißt du etwas davon?«

Barrn fragte sich, was diese Frau wohl so wütend gemacht hatte. Ihr dunkles Juwel funkelte mit ihren erhitzten Wangen um die Wette.

Der Mann reckte mit schmerzverzerrtem Gesicht seinen Kopf in die Höhe. Die Eisenkette klirrte.

»Nein«, sagte er leise.

Barrn erstarrte. Das Gesicht des Mannes! Er kannte es! Nur woher?

Er studierte den Sklaven eingehender. Die gebrochenen Augen glotzten ihn teilnahmslos an und doch konnte Barrn ein unheilvolles Glitzern in ihnen erkennen. Feindseligkeit. Hass. Irgendwas wütete in dem Sklaven, zwar noch im Verborgenen, aber es würde bald an die Oberfläche treten.

Barrn verengte seine Augen und trat einen Schritt näher an den Mann heran, der ihn weiterhin regungslos musterte. Ob er ihn überhaupt wahrnahm? Es war, als würde er durch ihn hindurchsehen.

Die Frau mit dem grünen Juwel zerrte an der Kette und der Mann wurde unsanft nach hinten gerissen.

Sie wandte sich Barrn zu: »Du hast es gehört, hier gibt es kein Mischblut. Verschwindet von hier!«

Barrn schluckte den Kloß in seinem Hals herunter. Lilith musste hier sein, die Fangarin würde sich in solchen Dingen sicher nicht irren. Oder etwa doch? Zweifel stiegen in ihm hoch und plötzlich befürchtete er, dass sie sich alle geirrt hatten, dass Lilith schon längst tot und zum Ursprung zurückgekehrt war.

»Sie ist hier, zusammen mit den anderen Diamantanern!«, erwiderte er. Seine Stimme hatte entschlossen und sicher geklungen, obwohl er innerlich selbst kaum Hoffnung hegte.

Die smaragdgrünen Augen der Frau wurden schmal und sie beugte sich über den Kopf der Schlange hinweg. »Nun ja, eine Kriegerin mit einem blauen Juwel ist mir untergekommen, aber sie gehört mir. Sie ist in die Scherbenhölle gefallen und ich bestimme jetzt über ihr Leben, Leiden und Sterben.«

»Du Hexe«, erklang es hinter Barrn und Skat trat mit gezogenem Schwert hervor. Wenn es um seine Schwester ging, war Barrns Diener ein wahrer Berserker.

»Höllenfürstin, Jen Melodie«, korrigierte sie ihn mit einem boshaften Schmunzeln und lehnte sich zurück.

»Also, was wollt ihr hier? Das Mischblut existiert nicht und die Diamantaner, die in Unfrieden gestorben und in die Hölle gefallen sind, gehören rechtmäßig mir. Ihr habt also keinen Grund, länger in der Scherbenhölle zu verweilen.«

»Wir entscheiden, wann wir gehen! Und ich verlasse dein erbärmliches Reich erst, wenn ich Baia gefunden habe!«, grollte Skat und Barrn befürchtete, dass sein Diener gleich einen folgenschweren Fehler begehen würde. Daher stellte er sich schnell vor Skat und drückte behutsam dessen Schwerthand hinunter.

»Beherrsch dich«, presste Barrn leise hervor und lächelte währenddessen die Höllenfürstin an, auch wenn ihm das schwerfiel. »Bitte, wir sind mit Erlaubnis einer Fangarin, einer Wächterin Elowias, in dein Reich gekommen, um drei Personen zu suchen, deren Zeit zum Sterben noch nicht gekommen ist. Wenn wir sie nicht finden, kehren wir zurück und verlassen die Scherbenhölle.«

Die Höllenfürstin wollte zu einer scharfen Gegenantwort ansetzen, denn sie hatte schon tief Luft geholt, doch plötzlich funkelte ihr grünes Juwel grell auf.

Verdutzt verstummte sie, nur um wenig später laut loszulachen.

»Ah, jetzt verstehe ich, Steinloser. Du willst das Juwel der Vergeltung haben. Das ist der wahre Grund, warum du hier bist.«

Der Kopf des Sklaven ruckte nach oben und seine Pupillen durchbohrten Barrn, der sich unbehaglich an seinen Kragen fasste. Der Sklave, den die Höllenfürstin Hadeson genannt hatte, wer war er? Diese Augen, dieser stechende Blick. Wo hatte er ihn schon einmal gesehen?

Er blinzelte und drehte seinen Kopf zu der Höllenfürstin hin. »Das Juwel der Vergeltung? Was soll das für ein Stein sein? Ich weiß nicht, wovon du redest!«

Er hörte das Schnauben von Skat. Er zweifelte wohl auch an seinen Worten. Aber schlimmer als das Gemurre seiner Freunde war das stumme Starren des Sklaven.

»Höllenfürstin … « Er räusperte sich und suchte nach den richtigen Worten. »Ich kann versichern, dass wir nur auf der Suche nach unseren Freunden sind.«

»Hmm«, sagte die Frau langgezogen. »Sicher.«

Der Sklave senkte endlich seinen Kopf, was an der schweren Kette lag, die ihm, wenn er seinen Nacken streckte, unglaubliche Schmerzen bereiten musste. Barrn atmete erleichtert auf. Irgendwie hatte er sich unter dem Blick des Mannes schuldig gefühlt.

Die Frau auf der Schlange fing an zu kichern. Verdattert sah Barrn sie an. Was bei den sieben Schwertern war so lustig?

»Oh. Du willst es, so wie du es damals wolltest. Gemordet hast du dafür.«

Barrn entging nicht, wie der Sklave bei ihren Worten zusammenzuckte. Er selbst blieb weiterhin ratlos. »Nein … «, fing er an, sich zu verteidigen, aber die Höllenfürstin unterbrach ihn, bevor er weitersprechen konnte: »Als Erschaffer des Juwels gewähre ich dir deinen Wunsch, du darfst nach deinen Kameraden suchen.« Sie machte eine einladende Handbewegung. »Aber deine Reise wird hoffnungslos sein. Am Ende wirst du zu mir gekrochen kommen und um Erlösung betteln.«

Sie lächelte kalt und mit einem Ruck zog sie den Sklaven an sich heran, sodass ihm die Kette seine Kehle zuschnürte. Sie beugte sich zu ihm herab und küsste seine Stirn, während er nach Atem rang.

»Als Steinloser dürstet es dich nach dem Juwel der Vergeltung, aber es wird dich verraten, so wie es jeden verrät, der es besitzen will.«

Sie zog den Sklaven mühelos hoch und schmiegte ihre Wange an sein knallrotes Gesicht. »Es bringt jedem Unglück, nicht wahr?«

Der Sklave keuchte, seine Augäpfel traten hervor und seine Gliedmaßen zuckten. Doch bevor er das Bewusstsein verlor, ließ sie ihn achtlos fallen und sein Körper schlug kraftlos auf dem Boden auf. Er würgte, rollte sich schnaufend auf die Seite und rang nach Luft.

Mitleidslos glitten ihre Augen über den gequälten Mann und fixierten anschließend Barrns Gesicht »Eine Schande, dass gerade ein wertloser Krieger, ohne Stein auf die Welt gekommen, der Erschaffer des Juwels der Vergeltung ist. Ein so großartiger Stein verdient etwas Besseres.«

Das Knurren hinter Barrn verhieß nichts Gutes, Barrn wirbelte herum und wollte seinen Diener zur Raison bringen, aber Skat war schon an ihm vorbeigeeilt und rannte auf Melodie zu.

»Wie kannst du es wagen, ihn zu beleidigen, weißt du nicht, wer er ist?«, brüllte er die Höllenfürstin an und stürmte mit dem Schwert in der Hand auf sie zu. Barrn hetzte hinter ihm her. Aber es war zu spät.

Ein harter Zug legte sich um den Mund der Frau, ein grünes Feuer flammte in ihren Handflächen auf, und ehe Skat reagieren konnte, wurde er von einer dunkelgrünen Schallwelle erfasst und zu Boden geschleudert. Mit einem qualvollen Keuchen drehte er sich auf die Seite, aber bevor er sich erheben konnte, war Melodie vom Rücken der Schlange geglitten und setzte ihm nach.

In ihrer Hand hielt sie das grüne Juwel, dessen Strahlen durch ihre Faust brachen und die Umgebung in ein vergiftetes Licht tauchten.

Barrn warf Dorn einen eiligen Blick zu und beide hasteten der Frau hinterher, die sich Skat rasend schnell näherte.

Barrn schnaufte und seine Fingerspitzen berührten ihre Schulter, endlich hatte er sie soweit eingeholt, dass er sie am Arm zu fassen bekam. Mit roher Gewalt riss er sie zurück. Sie taumelte und mehr aus einem Reflex heraus fing er ihren strauchelnden Körper auf. Als sie in seine Arme sank, durchfuhr ihn ein Gefühl der maßlosen Traurigkeit. Eine unendliche, schwarze und bittersüße Tristesse flutete seine Sinne und betäubte ihn. Und je länger er sie festhielt, desto vertrauter kam sie ihm vor.

»Wer bist du?«, hauchte er erstaunt.

Unergründliche Augen starrten ihn erschrocken an, während sich ihre Finger in seine Kleidung krallten. Der Moment der Melancholie schien nicht enden zu wollen. Er sah sie und sie sah ihn an. Traurigkeit. Hoffnungslosigkeit. Tränen.

Der Schmerz ihres grünen Feuers auf seiner Haut beendete schließlich die seltsame Verbindung. Das kalte Band, welches sie für einen Wimpernschlag vereint hatte, riss ab, als er, von dem Schmerz überwältigt, sie fallen ließ.

Benommen trat er einen Schritt zurück und hielt sich seinen Arm, der furchtbar brannte. Die Frau rappelte sich auf, und während sie noch nach vorne stolperte, stieß sie einen schrillen Pfiff aus. Barrn wurde unsanft zur Seite geschubst und ein glänzender Körper schlängelte sich an ihm vorbei.

Melodie schwang sich auf das Tier, und ohne sich umzudrehen, ritt sie auf der Schlange davon.

Mit Entsetzen musste Barrn mit ansehen, wie sie dabei Hadeson gnadenlos hinter sich herschleifte.

Die Schlange verschwand zusammen mit ihrer Herrin am Horizont.

Skat erhob sich mit einem langgezogenen Brummen und gesellte sich zu Barrn, der immer noch seinen Arm hielt und der Frau hinterherstarrte, obwohl sie schon längst nicht mehr zu sehen war.

Barrn spürte einen leichten Druck auf seiner Schulter. Skat hatte seine Hand daraufgelegt.

»Wir suchen wirklich unsere Freunde und nicht dieses Juwel, oder Barrn?«

Mürrisch machte Barrn einen Schritt zur Seite, sodass Skats Hand von seiner Schulter glitt.

»Natürlich! Ich kenne weder diese Frau noch das Juwel der Vergeltung.«

Sein Diener zog seine Hand zurück, die einen Moment regungslos in der Luft gebaumelt hatte, und legte sie auf den Schwertknauf ab.

»Ich vertraue dir.«

»Zu gütig«, erwiderte Barrn ungehalten und stapfte davon. Er ertrug den forschenden Ausdruck in Skats Miene nicht länger. Er hatte ihm nicht die Wahrheit gesagt und hatte das Gefühl, dass die Lüge aus all seinen Poren strömte. Er kannte diese Frau und ihren Sklaven, auch wenn er nicht wusste, wer sie waren. Irgendwas verband sie auf unheimliche Weise miteinander.

Grübelnd folgte er dem gläsernen Weg. Dorn und Skat gingen hinter ihm und hielten respektvoll Abstand. Niemand sagte ein Wort. Erst als sie viele Stunden gewandert waren, hielten sie an und machten Rast.

Die Hoffnung, ihre Freunde zu finden, schwand dahin, je länger sie sich in dieser unwirklichen Welt aufhielten.

Barrn streckte sich auf dem kalten Boden aus, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte zu dem dunklen Nachthimmel hinauf. Kein einziger Stern leuchtete dort, nur ein blutroter Mond tauchte die Landschaft in ein gespenstisches Licht.

Sie hielten ihr eisiges Schweigen auch jetzt aufrecht. Der Dämon breitete stumm seinen Mantel aus, legte sich darauf und schloss seine Augen, während Skat sich in einigem Abstand hinsetzte und auf seinem Schwert abstützte.

Barrn überlegte kurz, ob er etwas sagen sollte, aber er zog es dann vor zu schweigen. Skat war sauer, es war besser, ihn schmollen zu lassen.

So drehte Barrn ihm seinen Rücken zu und versuchte einzuschlafen, was ihm jedoch kaum gelang. Immer wieder tauchte das Bild des Sklaven vor seinem geistigen Auge auf, nur unterbrochen von Melodies Erscheinen. Es dauerte lange, bis er die nötige Ruhe fand und einschlafen konnte.

 

*Warum bist du nicht bei mir, Prinz? Hast du mich vergessen? Bleiben meine Schreie ungehört? Narrp*

 

Barrn wälzte sich unruhig hin und her. Lange hatte er diesen Namen nicht mehr gehört, der ihn an seine grausame Vergangenheit erinnerte. Die Stimme klang so klagend und weich zugleich.

 

*Ich flehe dich an, die Dunkelheit nimmt an Schwärze zu. Beeile dich, bevor alles verloren ist. Prinz Narrp, ich rufe dich.*

Barrn fühlte eine seltsame Leere, als er aufwachte. Die Stimme, die ihn in seinen Träumen heimgesucht hatte, verfolgte ihn auch im wachen Zustand. Sie hallte noch deutlich in seinen Ohren wider. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Müde rappelte er sich auf, tastete nach seinem Waffengurt und schnallte sich das Schwert um. Der Dämon lag schnarchend auf dem Boden, während Skat zusammengesunken dasaß. Sein Kopf war nach vorne gefallen, aber seine Hände umklammerten weiterhin die Waffe. Barrn musste über den Anblick schmunzeln. Sogar im Schlaf war sein Freund nicht gewillt, sein Schwert aus der Hand zu legen. Ein wahrer Krieger.

Barrn streckte sich und unterdrückte ein Gähnen. Auf leisen Sohlen schlich er davon. Er wollte die Umgebung erkunden und vor allem über seinen seltsamen Traum nachdenken. Er rieb sich mit dem Ärmel über seine Stirn. Jene Stimme hatte sich klar und deutlich angehört, aber trotzdem seltsam verzerrt, als würde sie aus weiter Ferne nach ihm rufen. Obwohl er keine Gestalt oder etwas Vergleichbares in seinem Traum gesehen hatte, waren seine bildlosen Visionen von einem grünen Leuchten erfüllt gewesen. Schwarz und Grün. Die einzigen Farben seines Traums und dazu die Stimme, die ihn anklagend gerufen hatte.

Sie hatte ihn bei seinem früheren Namen genannt. Narrp. Dieser Name war mit einer Vergangenheit verknüpft, die er lieber vergessen würde. Damals war er der schwarze Prinz und Anführer der Sucher gewesen. Unter seinem Befehl hatten unzählige Rebellen den Tod gefunden.

Narrp. Wie er diesen Namen verabscheute.

Und doch hatte die Stimme ihn beinahe zärtlich ausgesprochen, als sehnte sie sich nach diesem Mann, der einst jenen Namen getragen hatte.

Er hob seine Hände, drehte seine Handflächen nach oben und betrachtete die schwielige Haut, die ihre Rauheit den vielen Schwertkämpfen verdankte, die er geführt hatte.

Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als sich ein Arm um seinen Hals schlang und er mit einem harten Ruck nach hinten gerissen wurde. Bevor er reagieren konnte, spürte er schon das kalte Metall eines Dolchs an seiner Schlagader.

»Krieger«, flüsterte es heiser hinter ihm und ein sehniger Körper presste sich an seinen Rücken. »Du bist unvorsichtig geworden. Ich sollte dich mehr Achtsamkeit lehren.«

Nur eine weibliche Person, die er kannte, besaß diesen rauchigen Klang. Sein Herz machte einen freudigen Sprung und alles in ihm jubilierte.

Regungslos verharrte er in den Armen der Frau, die ihm das Messer an die Kehle hielt. Er wollte den Moment auskosten und fürchtete zugleich, alles könnte nur seiner Einbildung entsprungen sein, sobald er sich umblickte.

»Baia?«, flüsterte er atemlos.

Das Messer glitt von seiner Kehle und er drehte sich um. Sie stand wahrhaftig vor ihm. Ohne auf ihren Protest zu achten, drückte er sie an sich. Ihr lockiges, struppiges Haar kitzelte in seiner Nase. Er hatte seine Kameradin so sehr vermisst. Sie strampelte verzweifelt in seinen starken Armen, aber er ließ sie nicht los. Irgendwann erstarb ihre Gegenwehr und sie lehnte ihren Kopf gegen seine Brust.

»Baia«, wiederholte er ihren Namen und befühlte ihr Haar, um sicherzugehen, dass es sich nicht um ein Trugbild handelte. Sie fühlte sich real an und roch auch nach dem Mädchen, welches er wie eine Schwester liebte.

»Baia«, wiederholte er das einzige Wort, das er vor Überraschung herausbrachte. Er konnte sein Glück kaum fassen, sie lebte und er hatte sie gefunden. Na ja, eigentlich hatte sie ihn gefunden, auf ihre eigene, spezielle Art.

»Lass mich los«, brummte es gedämpft unter seinen Armen hervor. Sie drückte ihre Hände gegen seine Brust und kämpfte sich gegen seinen Willen frei.

Sofort stemmte sie ihre Fäuste in die Hüfte und fragte schroff: »Was tust du hier? Wie hast du es geschafft, als Steinloser in der Scherbenhölle zu landen? Ich hoffe, du hast eine gute Erklärung dafür. Ach ja, und Dummheit zählt nicht als Ausrede, klar?«

Barrn seufzte erleichtert auf. Keine Illusion konnte Baias loses Mundwerk auf diese Art und Weise kopieren.

Die Kriegerin sah sich prüfend um, bevor sie Barrn mit einem langen, vielsagenden Blick bedachte. Er wusste, was Baia umtrieb, daher entgegnete er schnell: »Keine Sorge, ich bin nicht tot.«

Baia kaute auf einer Haarsträhne herum, die ihr der Wind in den Mund geweht hatte. Ihre Stirn warf tiefe Furchen und das mädchenhafte Antlitz verschwand. »Ich möchte dir nicht widersprechen, aber verdammt noch mal, du bist in der Scherbenhölle. Einer von uns liegt falsch und ich habe das Gefühl, dass du es bist, der verdrängt, wo er sich befindet.«

Barrn lachte laut los. Das Gesicht der Kriegerin wechselte von einem ratlosen zu einem wütenden Ausdruck.

Versöhnlich reichte er ihr seine Hand und erklärte ihr die Situation: »Die Fangarin hat das Tor zur Scherbenhölle geöffnet, damit ich euch retten kann. Wie du siehst, bin ich also freiwillig hier.«

Sie zögerte, sie glaubte ihm seine Geschichte nicht. Er konnte das Misstrauen in ihren Augen lesen.

»Ich habe noch eine Überraschung für dich. Jemand ist auch noch hier, der dich sehr vermisst hat.«

Ihre Nasenspitze zitterte, als sie ahnte, wen Barrn gemeint haben könnte: »Mein Bruder etwa?«

Er nickte.

Doch anstatt in einen Freudenjubel auszubrechen, spuckte sie wortlos die Haarsträhne aus und presste ihre Lippen aufeinander.

Barrn schob ihr eigenartiges Verhalten mit einem Lächeln beiseite und nahm sie an der Hand. Sie stand sicherlich noch unter Schock, wenn sie ihren Bruder erst einmal sah, würde sie sich schon freuen.

Schweigend, aber glücklich, zog er sie hinter sich her und zu ihrer Raststätte hin.

Als sie zu dem Lager kamen, schliefen die beiden Krieger immer noch seelenruhig. Barrn wollte sich gerade zu Skat runterbeugen und ihn wecken, aber Baia drängte sich mit einem schmalen Lächeln vor.

»Darf ich?«, fragte sie und ihre Mundwinkel zuckten.

Barrn machte eine einladende Geste. »Ja, natürlich. Er wird es kaum glauben können.«

Die Kriegerin kniete sich zu ihrem Bruder, holte aus und schlug ihm ins Gesicht.

Barrn sog erschrocken die Luft ein. Damit hatte er nicht gerechnet, genauso wenig wie der arme Skat, der völlig orientierungslos hochschreckte.

Er begriff immer noch nicht, was geschehen war, da wurde er schon am Kragen gepackt und seine Schwester schüttelte ihn unsanft hin und her.

»Du Idiot«, schrie sie ihn an und Tränen benetzten ihre Wangen. »Was fällt dir ein, in die Scherbenhölle zu kommen? Reicht es nicht, dass ich hier bin? Musstest du mir folgen?!«

»Baia?«, stammelte Skat und seine Augen wurden groß. »Bist du’s wirklich?«

Willenlos ließ er sich weiterschütteln und blinzelte fassungslos seine Schwester an, die ihn immer noch anbrüllte: »Wie kannst du so dumm sein?!«

Während Skat sie immer noch perplex anstarrte, drehte sich der Dämonenfürst mit einem tiefen Knurren auf die Seite und machte im Halbschlaf einen folgenschweren Fehler.

»Ich will schlafen, Ruhe!«, fauchte er.

Baia ließ ihren Bruder abrupt los, ihre Aufmerksamkeit galt dem ahnungslosen Dorn, den sie bis jetzt noch nicht wahrgenommen hatte. Ihre Augen funkelten und sie knuffte dem Dämon so fest in die Seite, dass dieser vollends aufwachte und mit einem Schlag begriff, wen er da angeblafft hatte.

»Aha, der Herr Dämon ist also auch hier! Von dir hätte ich als Dämonenfürst mehr Verstand erwartet.«

Dorn sah sich Hilfe suchend nach Skat und Barrn um, die sich jedoch augenblicklich sehr intensiv mit ihren Fingernägeln beschäftigten. Keiner wollte Baias Wut erneut auf sich ziehen, insgeheim waren sie froh, dass ihr Zorn ein neues Ziel gefunden hatte. Das begriff jetzt auch der Dämon, der den zweiten Schlag klaglos einsteckte.

»Ich«, stotterte der stattliche Mann kleinlaut und wandte sich unter dem giftigen Blick der Kriegerin. »Ich … also wir haben … nach dir gesucht.«

Baia ließ von ihm ab. »Ihr seid alle Idioten. Furchtbare Idioten, wisst ihr das? Aus der Scherbenhölle gibt es kein Entkommen!«

Der Dämon rang um Contenance, was ihm nach ein paar tiefen Atemzügen gelang. Er packte Baias Hand und zog sie an sich heran. Mit einem spitzen Schrei fiel sie in seine Arme und er umfasste sie zärtlich.

Skat räusperte sich unbehaglich und drehte sich beschämt weg. Selbst Barrn musste sich erst an den Umstand gewöhnen, dass Dorn wohl Gefühle für Baia hegte.

Aber wenigstens herrschte für einen kurzen Augenblick Ruhe und die genoss Barrn in vollen Zügen. Baias Temperament war nicht jedermanns Sache, umso besser, dass sie in dem Dämon einen ebenbürtigen Partner gefunden hatte.

Doch es dauerte nicht lange und Baia befreite sich fluchend aus der Umklammerung des Fürsten. Ihr braunes Haar war jetzt noch zerzauster und stand ihr wild vom Kopf ab. Sie machte eine halbe Drehung und wandte sich wieder ihrem Bruder zu, der vorsichtshalber schon aufgestanden und ein paar Schritte zurückgewichen war.

»Also«, fragte sie herausfordernd und ihre Nasenspitze zuckte. »Was steht an?«

Skat, der wohl immer noch mit einer weiteren Attacke seiner Schwester rechnete, näherte sich ihr vorsichtig. Als sie jedoch keine Anstalten machte, ihn wieder zu anzufahren, legte er vorsichtig seine Hand auf ihre Schulter. Barrn konnte es in den Augen seines Dieners feucht schimmern sehen.

»Ich hatte solche Angst um dich«, raunte er. Baias angespannter Körper lockerte sich und plötzlich stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen. »Ich hab dich auch vermisst. Euch alle.«

Mit einer galanten Bewegung entzog sie sich ihrem Bruder und klopfte auf ihr Schwert.

»Lasst uns gehen!«

Wie schnell Baia umschalten konnte, verwunderte Barrn immer wieder. Kriegerin, kleines Mädchen, liebe Frau, brave Schwester, ungezogenes Gör; alle paar Augenblicke veränderte sich ihr Erscheinungsbild, zusammen mit ihrem Verhalten. Sie hatte die vielfältigen Facetten einer Kriegerin, die nicht leicht zu durchschauen war.

Sie drehte sich schwungvoll um und schritt voran. »Suchen wir die Anderen«, sagte sie entschlossen. Als sie direkt vor Barrn herging, konnte er eine tiefe Narbe sehen, die sich von ihrem Nacken bis zum Rückgrat unter ihrem zerfetzten Hemd abzeichnete. Sie war frisch, kaum verheilt und musste ihr erst kürzlich zugefügt worden sein.

Bekümmert betrachtete er den rötlichen Verlauf der Wunde.

»Du bist angegriffen worden?«, fragte er sanft nach und wollte den löchrigen und zerrissenen Stoff zur Seite schieben, um die Verletzung besser sehen zu können, aber sie entzog sich ihm, indem sie sich unwirsch umdrehte.

Wütend, als hätte er eine unmögliche und unangebrachte Frage gestellt, fuhr sie ihn an: »Das ist die Scherbenhölle, der Ort, an den ihr freiwillig gereist seid, hier passieren solche Sachen jeden Tag.«

Verdutzt über ihren Zorn, machte Barrn einen Schritt zurück. Seine Hände, die er ausgestreckt hatte, um die Wunde zu betasten, verharrten in der Luft.

»Baia … ich… «

Sie atmete aus.

»Es tut mir leid, Barrn. Verzeih mir, dieser Ort macht mich fertig. Ich fühle mich schutzlos ohne mein Juwel.«

Juwel. Barrn hätte seinen Kopf am liebsten gegen den nächsten Glasbaum geschlagen, wie hatte er das nur übersehen können? Sie hatte ihren Kriegerstein verloren.

Angst kroch in ihm hoch. Wahrscheinlich dieselbe Furcht, die sie zornig werden ließ.

Konnte sie die Scherbenhölle ohne Juwel je wieder verlassen? Diamantaner ohne Juwel waren normalerweise auf Elowia nicht lebensfähig.

 

Verrat

Der Spiegel, der zusammen mit der Weltenschlange das höchste Geschöpf Elowias darstellte, leuchtete auf, als sich ihm der Fangare Perl näherte.

Der schlaksige Wächter kam mit geduckten, schleichenden Schritten auf den Spiegel zugeeilt. Seine Flügel dicht an seinen Körper gepresst, wirkte er mehr wie ein geprügelter Hund als ein hochrangiger Würdenträger. Der Spiegel vermisste das stolze Auftreten seines Vorgängers, den er beseitigt hatte. Perl war nur eine billige Marionette und hatte nichts von einem edlen Fangaren. Er würde ihn ebenfalls verschwinden lassen, wenn die Zeit dafür gekommen sein würde. Aber noch brauchte er den Fangaren.

»Ihr habt mich rufen lassen?«, flüsterte der Wächter hastig und seine Lippen zitterten bei jedem Wort erbärmlich.

Der Spiegel konnte die Abscheu, die er gegen den obersten Wächter Elowias hegte, kaum verhehlen, als er antwortete: »Ja. Neue Juwelen sind auf Elowia entstanden. Sie stellen eine große Gefahr für das Gefüge dar. Wir müssen sie von Elowia tilgen, bevor sie noch größeres Unheil anrichten.«

»Aber«, kam es in einem sehr leisen Flüsterton. »Die Wächter dürfen sich nicht in die Belange der Welt einmischen.«

Der Spiegel summte ärgerlich auf. Nicht nur, dass Perl ein feiger Hund war, jetzt fing er auch noch an, die Befehle seines Herrn zu hinterfragen.

»Perl«, schmeichelte der Spiegel ihm. »Niemand außer dir kann Elowia retten. Wenn diese Steine an Macht gewinnen, könnte das die Weltenschlange umbringen. Du musst mir vertrauen. Ich bin der Spiegel, ich bin Elowia, ich sehe alles, was passiert ist und was passieren wird. Und ich sehe Dunkelheit, Schmerz und Leid, wenn wir jetzt nicht eingreifen.«

Perl wirkte zögerlich. Seine Augenlider flatterten nervös und seine Stimme klang unsicher: »Was soll ich tun?«

Der Spiegel lächelte innerlich. Einfältiger Perl.

»Fayn, die Tochter der Feenkönigin, ihr Juwel ist mit Dunkelheit infiziert. Es wird dir ein Leichtes sein, sie davon zu überzeugen, alle Kinder mit einem solchen Juwel töten zu lassen.«

Perl schluckte hörbar, unsicher sah er sich um, aber wie es der Spiegel erwartet hatte, erfolgte kein weiterer Einspruch.

Der Fangare nickte nur flüchtig und verschwand in der Dunkelheit.

Hinter dem Spiegel regte sich eine Gestalt mit schwarzen Flügeln. Zu ihren Füßen saß ein kleiner Drache, der Garant dafür, unentdeckt zu bleiben. Drachen, die Nachkommen der Weltenschlange, machten den Spiegel blind. Und so blieb die junge Fangarin Fanjolia vor seinem allwissenden Auge verborgen.

Mit brennendem Herzen drehte sie sich leise um und verließ nun ebenfalls die ehrwürdigen Hallen Elowias.

Sie verstand noch nicht alles, aber langsam begriff sie. Sie musste unbedingt zur Weltenschlange vordringen, bevor es zu spät sein würde, aber dafür brauchte sie Verbündete. Ihre mächtigsten Unterstützter hatte sie allerdings in die Scherbenhölle geschickt und es war ungewiss, ob die Krieger je wieder den Weg auf die Oberwelt fanden. Sie ahnte allmählich, dass der Spiegel dies ebenfalls geplant hatte.

 

Blutzoll

Fayn stand neben dem toten Mann, den sie ermordet hatte, und wischte sich das Blut aus ihrem schneeweißen Gesicht. Hanak stand von seinem Thron auf und kam auf sie zu. Liebevoll begann er, das Blut von ihrem Mund zu tupfen. Ihr Hunger war mit jedem Sonnenjahr größer geworden. Sie fand kaum noch Schlaf, denn das unstillbare Verlangen ihres Juwels quälte sie, wenn sie seine unersättliche Gier nicht befriedigte. Er hatte sie oft heimlich beobachtet, wie sie nachts durch die Kerker tigerte und die Gefangenen lüstern betrachtete.

»Fayn, ich weiß, dein Stein ist hungrig, aber meinst du nicht auch, dass es für heute reicht?«

Sie lächelte ihn an und eine Blutspur zog sich quer über ihr ganzes Gesicht. Gierig leckte sie auch die letzten Tropfen auf und kniete sich zu dem Leichnam, dessen Juwel langsam zu Staub zerfiel. »Ich will mehr.«

Hanak schnaufte auf und winkte einen Wachmann zu sich. »Bring den nächsten Rebellen rein.«

Das Kinn des Wachmanns begann zu zittern, als er mit leiser Stimme flüsterte: »Herr, das war der letzte Rebell, den wir in unserem Kerker hatten.«

Fayn hob enttäuscht den Kopf und ihr Juwel fiepte.

»Dann schaff neue Rebellen her oder du bist der Nächste!«, brüllte Hanak und ließ sich zurück auf seinen Thron sinken.

Der Wachmann nickte hastig und stolperte rücklings aus dem Zimmer.

Hanak sah auf Fayn hinab, die wie ein wildes Tier zwischen den ganzen Leichen saß und versonnen mit ihrem Juwel spielte. Ihr Stein hatte sich verändert, er funkelte nicht mehr in einem sanften Rot, sondern in einem dunkelbraunen Ton. Selbst das Himmelblau ihrer Augen war einem stumpfen Grau gewichen.

Als hätte sie seinen prüfenden Blick gespürt, sah sie ihn unvermittelt an und lächelte. Sie erhob sich geschmeidig und kam mit flinken Schritten auf ihn zu. Mit einer fließenden Bewegung ließ sie sich neben ihm auf den Thron nieder und warf einen langen Blick auf sein Juwel. Hanak legte unwillkürlich seine Hand auf seinen Diamanten und verbarg ihn somit.

»Die Dämonen haben Iben verwüstet«, sagte Fayn gedehnt und strich zärtlich über ihren Stein. »Es ist an der Zeit, Vergeltung zu üben. Sie sind stark geworden, weil unsere Juwelen schwach sind. Die Kinder mit den weinenden Juwelen entziehen unseren Steinen die Kraft, wir müssen sie töten. Die Berichte häufen sich, immer mehr Krieger erzählen von ganzen Dörfern, die ihre Krieger- und Heilsteine verlieren, weil dort Kinder mit weinenden Juwelen geboren werden. Wir sollten etwas dagegen tun, oder Herrscher?«

Hanak drehte seinen Kopf, um seine Königin besser sehen zu können. Sie saß kerzengerade da und ihre Augen funkelten kalt. Der Krieger runzelte seine Stirn und versuchte, den Geruch von geronnenem Blut zu ignorieren, der den ganzen Raum erfüllte. Angewidert stand er auf, ging zu einem Fenster und öffnete es. Frische Luft strömte herein und nahm den Gestank des Todes mit sich.

»Du willst also diese Kinder beseitigen?«, fragte er leise.

Er hörte sie kichern, während er angestrengt in die Dunkelheit der Nacht blinzelte.

»Ja. Sie sind eine Plage, die ausgerottet werden muss.«

Sie stand auf, er nahm das sanfte Rascheln ihres Seidenkleides wahr. Wenige Augenblicke später legten sich zarte Hände auf seinen Nacken und griffen in sein blondes Haar.

»Vielleicht solltest du zusammen mit den Suchern reiten und es selber in die Hand nehmen?«

Hanak schluckte und schloss das Fenster wieder. Die frische Luft passte nicht in den Raum des Todes.

Er drehte sich vom Fenster weg, in der Schwärze der Nacht sah die Burgfestung mit ihren dunklen Balken noch bedrohlicher aus. Er hätte gern Sterne oder den Mond gesehen, aber der Himmel präsentierte sich seit Tagen grau und verhangen.

»Das sollte ich tun, du hast wie immer recht, Königin. Ich werde mich persönlich darum kümmern.«

Fayn neigte ihren Kopf nach vorne, ihr dunkles Haar fiel ihr über die Brust und bedeckte das schlammbraune Juwel gänzlich. Ein wohltuender Anblick für Hanak.

»Eine weise Entscheidung, mein Herrscher«, säuselte sie und ihre Lippen verzogen sich zu einem abartigen Grinsen.

Hanak nickte ihr flüchtig zu und verließ den Raum. Auf dem Gang begegnete ihm der Wachmann, den er zuvor angeschrien hatte. Im Schlepptau seines kräftigen Armes hing eine abgemagerte Gestalt, die sich kaum noch bewegte. Hanak musterte den Rebellen mit dem hellen Kriegerstein missmutig: Fayn würde sehr unzufrieden sein. Aber die halbe Portion war wohl das Letzte, was der Kerker hergab.

Der Wachmann grüßte ihn nuschelnd, bevor er hastig an ihm vorbeieilte.

Hanak hielt geradewegs auf die Stallungen der Burg zu.

Er grübelte nach. Seit Tagen suchten ihn seltsame Albträume heim, sie handelten von diesem verfluchten Mischblut Lilith, welches beinahe alle Juwelen von Elowia getilgt hätte. Aber die Prophezeiung war nicht vollständig eingetreten. Ein paar Diamantaner hatten ihre Steine verloren und viele besaßen jetzt nur noch kraftlose Juwelen, aber die vollkommene Vernichtung der Diamantaner hatte sich nicht ereignet. Im Gegenteil, neue Steinträger waren auf die Welt gekommen - mit Juwelen, die weinten.

Er blieb stehen. Beinahe wäre er aufgrund seiner Grübelei an den Stallungen vorbeigelaufen.

Ein junger Krieger sprang eilig von dem Strohballen auf, als er Hanak bemerkte. Goldene Halme fielen aus seinem braunen Haar, während er sich bückte und das Sattelzeug vom Boden aufklaubte.

»Guten Abend, Herrscher«, wisperte er mit erstickter Stimme und rieb mit seinem Hemdsärmel über das Sattelleder, bis es glänzte.

Hanak warf einen kurzen Blick auf das Juwel des Kriegers. Dunkelblau. Er hatte also schon getötet.

»Ich brauche jemanden, der mit mir reitet, um die Kinder mit den weinenden Juwelen einzufangen, du siehst mir mehr wie ein Krieger als ein Stallbursche aus. Wenn du der gleichen Ansicht bist, schließe dich mir an.«

Der junge Mann wurde kalkweiß. Seine Stimme versagte ihm zweimal, bevor er beim dritten Anlauf ein gestammelt: »Ja. Äh. Ich bin ein Krieger … und …äh … ich würde gerne mit Euch reiten«, herausbrachte.

Hanak zog die Augenbrauen hoch. Er bereute seine Entscheidung beinahe, den jungen Burschen gefragt zu haben, aber als er ihm die Hand reichte, fühlte er eine kräftige, dunkle Aura, die intensiver war, als es das Blau seines Steins vermuten ließ.

Überrascht verharrte er einen Moment regungslos, was dem armen Jungen noch mehr Schweißperlen auf die Stirn trieb, und versuchte, das Gefühlte einzuordnen.

Die vollmundige Aura schmeckte nach … ja nach was eigentlich? Hinter dem Dunkelblau verbarg sich der Schatten einer anderen Aura, aber je stärker Hanak sich darauf konzentrierte, desto schneller verblasste das fremde Flackern, zurück blieb nur das unscheinbare Blau eines Kriegersteins und dessen gewöhnliche Aura.

Irritiert hielt er den Jungen fest.

»Sir?«, fragte der Junge eingeschüchtert.

Hanak blinzelte. Schließlich ließ er die Hand des jungen Kriegers los, räusperte sich verlegen und überspielte die unangenehme Situation mit einer Frage: »Wie heißt du?«

»Andrean Nementis, Sir.«

»Nementis ist dein Familienname?«

Der Junge nickte.

Hanak lehnte sich zurück. Nachdenklich musterte er das Gesicht des Jungen. Die braunen Augen passten zu seinem schmalen Gesicht und seiner langweiligen Erscheinung. Nichts an ihm stach besonders hervor. Seine Unscheinbarkeit wurde nur durch sein Juwel getrübt. Im Großen und Ganzen kein Krieger, an den man sich erinnern würde, falls man ihm schon mal begegnet wäre.

»Gut, Andrean. Wir reiten los.«

Der Angesprochene wippte als Zustimmung mit seinem Kopf und stob zu seinem Tier, um es zu satteln. Während des Weges musste ihm eingefallen sein, dass er den Herrscher samt Tier zurückgelassen hatte, denn er hielt plötzlich an, drehte sich mit einem verlegenen Lächeln um und tapste zurück.

»Sir, entschuldigt. Ich werde natürlich Eurer Tier zuerst aufzäumen.«

Hanak konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen und winkte ab. Er bückte sich selbst nach dem Zaumzeug und dem Sattel, schließlich war es gewohnt, sein Reittier selbst für den Kampf vorzubereiten.

Als er sich hinabbeugte, warf er noch einmal einen heimlichen Blick auf Andreans Stein, denn dessen Aura erzeugte ein eigenartiges Prickeln auf seiner Haut. Doch nichts deutete darauf hin, dass es kein normaler Stein war. Die dunkelblaue Farbe war für einen jungen Krieger ungewöhnlich, aber trotzdem nicht besonders auffallend. Es war ein Kriegerjuwel der mittleren Stufe, weder besonders gefährlich, noch übermäßig kräftig, aber schon wehrhaft genug, um in den Kampf zu ziehen.

Hanak hievte den schweren Sattel hoch und auf den Rücken seines Kenjas. Das reptilienähnliche Vieh zischte erbost auf und schlug mit seinem beschuppten Schwanz nach Hanak. Er bestrafte das Tier mit einem schwarzen Funken aus seinem Stein und es quiekte auf, bevor es sich ruhig und zahm verhielt.

Andreans Kenja hingegen schmiegte sich liebevoll an seinen Herrn, während er es sattelte. Es gefiel Hanak nicht, dass er mit dem Tier so sanft umging und seine grauen Augen wanderten zwischen dem jungen Mann und dem Tier hin und her. Kenjas konnten biestig sein, wenn man ihnen nicht zeigte, wem sie zu gehorchen hatten. Aber Andrean tätschelte seins, redete mit ihm und schwang sich äußerst behutsam auf dessen Rücken.

Hanak grummelte leise.

Der junge Krieger richtete sich im Sattel auf und lächelte ihn verlegen an.

»Ist was, Sir?«

Hanak fühlte sich plötzlich ertappt. Er benahm sich ja wie ein kleines Kind. Was sollte schon an diesem Burschen sein? Sein Juwel war nicht einmal besonders dunkel, und wie er sein Kenja führte, konnte ihm herzlich egal sein.

»Nichts, Andrean. Es ist nichts.« Er lächelte den Burschen an. »Einen schönen Stein hast du da!«

Bestürzung zeichnete sich auf dem kindlichen Gesicht des Kriegers ab.

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