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Schattengalaxis - Die letzten Tage

Daniel Isberner

Schattengalaxis - Die letzten Tage

Am Rande des Untergangs 1





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Bibliographie

Schattengalaxis – Die letzten Tage (Am Rande des Untergangs 1)

Schattengalaxis – Feuertod (Am Rande des Untergangs 2)

Schattengalaxis - Blutfall

Schattengalaxis – Das letzte Gefecht (Am Rande des Untergangs 3)

Schattengalaxis – Am Rande des Untergangs

Schattengalaxis – Projekt Wiederkehr

Schattengalaxis – Trügerischer Frieden (Alte Feinde 1)

Legenden der Elben – Verbannt

Battletech: Gejagt

Der Brand: Brandgefährliche Kurzgeschichten

Artefakte

Das Universum

Vor 200 Jahren baute die Menschheit ihre erste Kolonie auf einem fremden Planeten. Biosphären ermöglichten ihr so ein Leben auf dem Mars.

Um die lange Reisezeit zwischen den zwei Planeten zu reduzieren entwickelte die Menschheit vor 154 Jahren ein Sprungtor, das es ermöglichte weite Strecken in Nullzeit zurückzulegen. Mit den Jahren wurde die Technologie besser und besser, bis es vor einem Jahrhundert schließlich möglich wurde, ein Sprungtor für Reisen über Lichtjahre zu nutzen.

Getrieben vom Verfall der Erde und der Schwierigkeit, wachsende Bevölkerungsmengen unter den Biosphären auf dem Mars unterzubringen, wurden bewohnbare Planeten in anderen Sonnensystemen gesucht – und gefunden. Innerhalb weniger Jahre hatte sich die Terranische Republik auf über ein Dutzend Sonnensysteme verteilt.

Während die Kolonien wuchsen und gediehen, schritt der Verfall der Erde unaufhaltsam voran. Das ökologische Desaster war nicht mehr abzuwenden.

Da man die Wiege der Menschheit nicht für immer verlieren wollte, beschloss die Regierung, dass man alle verfügbaren Mittel in die Erforschung von Terraforming stecken würde. Unter strenger Geheimhaltung fand man eine Möglichkeit, die Erde in wenigen Tagen komplett zu restaurieren. Zumindest dachte man das.

Das Terraforming lief gut an. Die Erde wurde evakuiert und man startete am 14. März 2225 den Prozess. In den ersten Stunden waren die Wissenschaftler euphorisch. Es lief besser als erwartet und man wähnte sich auf einem guten Weg – doch nach sieben Stunden änderte sich alles.

Die Kommunikation mit den Satelliten und Beobachterstationen in der Erdumlaufbahn riss ab. Bevor der Mars ein Team durch das Sprungtor schicken konnte, brach auch die Verbindung zu ihm ab. Die Kolonien waren abgeschnitten vom Heimatsystem.

Versuche, das System über Sprungtore zu erreichen scheiterten; entweder konnte gar keine Verbindung hergestellt werden oder das Tor explodierte durch eine massive Überladung.

In den nächsten Wochen, Monaten und Jahren wurden mehr und mehr Systeme von dem eingehüllt, was man allgemein „den Schatten“ nannte.

Im Jahr 2270 war nur noch das Rateri-System übrig – und seine letzten Tage waren angebrochen.

Kapitel 1

25. Februar 2270

Kriegsschiff Hagner – Im Orbit von Rateri I

„Nein, nein, nein. Was zur Hölle habt ihr angestellt?“

„Wir haben…“

„Ihr habt was? Scheiße habt ihr gebaut!“

„Aber…“

„Kein ‚Aber‘. Aber hilft niemandem, wenn das gesamte Schiff explodiert, sobald jemand die Hauptbewaffnung abfeuert. Und genau das passiert, wenn ihr das Kühlsystem an die Hauptstromversorgung anschließt.“

Zetoras konnte es nicht fassen. Ihm war klar, dass man auch den letzten Trottel in den militärischen Aufbaudienst gesteckt hatte, um die Aufrüstung in Rekordzeit voranbringen zu können, aber warum mussten sie ausgerechnet alle bei ihm in der Crew landen?

Er baute seine vollen zwei Meter zehn vor den Arbeitern auf und sah sie wütend an. Durchtrainiert, mit militärisch kurzem Haarschnitt versetzte sie das in genug Angst, dass sie ihre Arbeit schnell fortsetzten und sich hüten würden, den Fehler zu wiederholen.

Immer noch rasend, stapfte er davon. Die Hagner, benannt nach dem letzten Präsidenten der Erde, Peter Hagner, sollte das Flaggschiff der Raumflotte des Rateri Protektorats werden, aber wenn es so weiterging, würde das Schiff niemals fertig werden. Und was dann?

Wir wissen ja noch nicht mal, ob es überhaupt ein militärisches Problem ist. Alle Aufklärungsmissionen sind verschollen und Teleskopaufnahmen brauchen noch Jahrhunderte, bis sie etwas Brauchbares liefern. Irgendwie habe ich meine Zweifel, dass wir noch so lange haben.

Wenn es sich um eine irgendwie geartete, sich ausbreitende Naturkatastrophe handelte, würde ihnen all ihre militärische Macht nichts helfen.

In seinem Büro angekommen nahm Zetoras sich die Unterlagen der Hagner vor und leitete damit sein tägliches Feierabendritual ein. Erst würde er sich die Baupläne des 500 Meter langen Kriegsschiffs ansehen, dann die Fortschrittsberichte, danach den Terminplan und schlussendlich würde er ausrechnen, wie viele Wochen sie hinter dem Terminplan lagen.

Mittlerweile lagen sie neun Wochen zurück, bei einer veranschlagten Gesamtbauzeit von fünfzehn Wochen war es ein Wunder, dass noch niemand eingeschritten war. Vermutlich war einfach kein Personal da, das seins ersetzen könnte – alle waren zu anderen Arbeiten eingeteilt.

Wir haben das das Problem mit der Arbeitslosigkeit gelöst. Hurra für uns…

Wenn das Problem mit der Kühlung und Energieversorgung gelöst wurde, würden sie morgen den ersten echten Waffentest durchführen können. Dann fehlten nur noch der Sprungantrieb und das Schildsystem und die Hagner wäre einsatzbereit.

Frustriert schlug er sein Notizbuch zu und legte sein Gesicht zwischen seine Hände. Vermutlich war er einer der letzten Menschen, der noch immer auf Papier schrieb, aber er mochte das Gefühl von etwas Greifbarem zwischen den Fingern einfach lieber als das kalte und tote Plastik von elektronischen Geräten.

Nachdem er ein paar Minuten so gesessen hatte, stand er auf und verließ sein Büro. Der Weg zum Sprungraum war nicht weit, aber auf dem Weg kam er an dutzenden von Stellen vorbei, an denen die Verkabelung noch offen lag - und jeden Tag schienen es mehr zu werden, statt weniger.

Nicht zum ersten Mal nahm er sich vor, den Weg am nächsten Tag mit geschlossenen Augen zurückzulegen – und nicht zum ersten Mal würde er das am nächsten Tag vergessen haben.

Im Sprungraum befanden sich zwei Sprungtore, ein kleines Tor für Personensprünge und ein großes, das sie für den Transport von Baumaterial nutzen konnten. Auf Planeten gab es selten eine solche Trennung, doch selbst auf einem Kriegsschiff von den Ausmaßen der Hagner mit ihrem Reaktor gab es nicht unbegrenzt Energie. Man sparte also, wo man konnte, vor allem, wenn der Reaktor sich noch im experimentellen Stadium befand.

Nach einer kurzen Entscheidungsphase entschied Zetoras, dass er den Abend in seiner Lieblingsbar ausklingen lassen würde und gab die Glückliche Ente als Ziel ein. Theoretisch konnte man auch ohne Empfangstor an einen Ort springen, aber ohne eins bestand die Gefahr eines Fehlsprungs von wenigen Zentimetern bis zu mehreren Kilometern (Millionen von Kilometern, wenn es zu Raumschiffen kam), und er hatte wenig Lust plötzlich in Rateri Is Kern aufzutauchen.

Eine Sauna voller hübscher nackter Frauen, das wäre doch mal ein Fehlsprung, aber so viel Glück habe ich nicht…

Mit einem Seufzen trat Zetoras durch das Tor.

Für einen Moment hatte er das Gefühl, dass er Eins mit dem gesamten Universum wäre, ein Gefühl von unendlicher Gemeinsamkeit. Hätte jemand ihn nach einer Formel für endlose Energie gefragt, er hätte sie gewusst. Er wusste, was der Schatten war, wusste, wie sie gegen ihn triumphieren könnten… Doch so schnell, wie es gekommen war, so schnell war das Gefühl vorbei, das Wissen verloren und er war allein im Sprungraum der Glücklichen Ente. Alles, was ihm geblieben war, war der leise Nachhall des Gefühls Eins zu sein.

Die Wände um ihn herum waren mit Hologrammen von diversen Bands und Filmen gefüllt, manche schon Jahrzehnte alt. Die Tür zum Raum öffnete sich und Sakera Goras kam herein.

„Willkommen in der Glücklich...“, sie stockte in ihrer Begrüßungsformel und ihr Gesicht nahm überraschte Züge an, „Zetoras? Was machst du denn hier? Ich habe erst morgen wieder mit dir gerechnet.“

Hastig zupfte sie an ihrem engen und wenig verhüllenden Oberteil und versuchte ihre hüftlangen braunen Haare in Ordnung zu bringen, bevor sie beschämt zu Boden schaute.

„Hi Sakera.“, Zetoras tat so, als hätte er ihr nervöses Verhalten nicht bemerkt, „Wie läuft der Abend?“

Seit er die Bar vor vier Monaten zum ersten Mal betreten hatte, spielten die beiden ein Spiel von flirten und beschämt zu Boden schauen, wobei keiner einen Schritt auf den Anderen zu machte.

„Es geht. Es ist nicht leer, aber wir haben auch nicht so viel zu tun, dass ich mir nicht ein paar Minuten für meinen Lieblingsgast nehmen könnte.“

„Befürchtest du nicht, dass dein Chef dich rauswirft, wenn du zu viel Zeit mit einem einzigen Gast verbringst?“

„Ich frage sie, Moment. Sakera darf ich zu viel Zeit mit Zetoras verbringen“ Ihre Miene wurde ernst, als sie ihren Kopf nach links drehte:

„Hm Ausnahmsweise… Aber lass es nicht zur Gewohnheit werden.“

Zetoras musste lachen.

„Du hast den besten Chef, den man sich vorstellen kann.“

„Ich weiß – und du glaubst gar nicht, was für ein gutes Trojanisches Pferd sie mixen kann.“

Lächelnd hakte sie sich bei Zetoras ein und führte ihn zu ihrem privaten Tisch in einer abgeschiedenen Ecke der Bar. Sie ließen sich auf dem schwarzen Ledersofa nieder, das hinter dem Tisch stand und blieben ein paar Minuten eng aneinandergeschmiegt sitzen, bevor Sakera aufstand und hinter die Theke ging, um die Drinks für sie beide zu mixen.

Mit zwei Trojanischen Pferden in der Hand kam sie zurück zum Tisch. Zetoras nahm einen Schluck und lehnte sich entspannt zurück.

„Verrätst du mir heute, was ich hier trinke?“

Sie lachte und streckte ihm ihre Zunge entgegen.

„Keine Chance.“

„Irgendwann krieg ich das schon aus dir raus.“

„Und dann kommst du nie wieder, weil du dir den Drink zu Hause selbst mixen kannst. Ich verliere doch nicht meinen Lieblingskunden.“

„Mach dir da mal keine Sorgen. Zu Hause müsste ich den Drink selber mischen und auch noch bezahlen.“

„Ach, du bist wegen der kostenlosen Getränke hier. Wenn das so ist…“

Ruckartig stand sie auf und drehte sich um, um zu gehen. Lachend griff Zetoras nach ihrem Arm und zog sie auf seinen Schoß.

„Danke.“

„Wofür?“

„Dass du mich nach so einem langen und stressigen Tag zum Lachen bringst.“

„Immer wieder gern. Und nutzt du jetzt endlich die Chance mich zu küssen oder muss ich noch ein paar Monate warten?“

Ohne weitere Worte küsste er sie und der restliche Abend flog nur so dahin.

Neu Berlin – Rateri II

Mit einem Sprung rettete sich Ranai hinter die Kasse, bevor ein Schwall an Kugeln dort einschlug, wo sie eine Sekunde zuvor noch gestanden hatte. Die Kassiererin hatte weniger Glück, eine Kugel traf sie am Kopf und sie fiel zu Boden.

Sie konnte nicht sehen, was die restlichen Kunden und Kassierer taten, konnte aber zumindest keine Schmerzensschreie hören.

Wütend zog Ranai ihre Pistole und gab ein paar kurze Feuerstöße in Richtung der Gruppe Maskierter ab, die den Supermarkt überfallen hatten.

Seit dem Schatten waren Unruhen in der Bevölkerung an der Tagesordnung. Zuerst hatte sich das nur durch Proteste bemerkbar gemacht, aber je mehr Systeme vom Schatten umhüllt wurden, desto schlimmer wurden die Ausschreitungen. Und seit Rateri das letzte verbliebene System war, verging kein Tag ohne zumindest zwei bewaffnete Überfälle auf Banken oder Lebensmittelhändler.

Und das an meinem freien Tag…

In ihrem Kopf spulte sie eine kurze Buchstaben-und-Zahlen-Kombination ab.

Ausgelöst von der Aktivierungssequenz fuhren die Implantate in ihrem Gehirn hoch und im nächsten Moment konnte sie die Überwachungskameras im Geschäft abfragen.

Aus dem Augenwinkel hatte sie zwei Maskierte den Laden betreten sehen, jetzt konnte sie sehen, dass die Zahl sich auf drei Männer im Eingangsbereich und zwei Frauen an den Kassen erhöht hatte. Während die Männer relativ wahllos um sich feuerten, leerten die Frauen die Kassen aus.

Noch war niemand an ihrer Kasse angekommen, aber es war nur eine Frage der Zeit, wenn es ihr nicht gelang, die Männer auszuschalten. Eine weitere Sequenz aktivierte die Implantate in ihren Muskeln und sie synchronisierte sie mit den Informationen, die die Kameras lieferten, um sie als Zielhilfe zu nutzen.

Ohne den Rest ihres Körpers zu bewegen schwang sie den Arm mit der Pistole über die Kasse und gab drei Schüsse auf den ersten der Männer ab. Alle drei trafen ihn direkt in die Brust – ohne Schaden anzurichten.

Die Kamerabilder in ihrem Kopf zeigten ihr kein Flimmern an den Stellen an denen die Kugeln eingeschlagen waren, was bedeutete, dass der Mann unter seiner Jacke zwar Panzerung, aber kein Personenschild trug.

Amateure…

Erneut schwang sie die Waffe über die Kasse, gab eine kurze Salve ab, worauf sie sich sofort wieder vollständig hinter der Kasse zurückzog. Alle drei Männer sackten mit einem Loch zwischen ihren Augen tot zu Boden.

Die Frauen stockten und griffen nach ihren Waffen, doch bevor die Waffen ihre Holster auch nur halb verlassen hatten, sackten sie genauso tot zu Boden, wie ihre Begleiter.

Als die ersten Polizisten in den Laden stürmten, saß sie auf der Kasse und aß genüsslich ein Eis, während sie mit der anderen Hand ihren Dienstausweis hochhielt.

Mit militärisch harter Stimme begrüßte sie die Polizisten: „Kapitän Tasos, Rateri Streitkräfte. Fünf Angreifer, alle tot. Ein ziviler Verlust in der Eröffnungssalve der Angreifer. Sechs Zivilisten stehen unter Schock.“

Mit einer flüssigen Bewegung sprang sie von der Kasse und ging auf den Eingang zu. Einer der Polizisten hob seine Hand.

„Ich kann Sie nicht einfach so gehen lassen. Das ist ein Tatort.“

„Paragraph 5, Absatz 2 des Notfallgesetzes zur Rettung der Menschheit. Ich kann gehen, wann und wohin ich will.“

Der Uniformierte unternahm keine weiteren Anstalten sie aufzuhalten, sondern drehte sich von ihr weg. Aber nicht schnell genug, als dass ihr die Wut auf seinem Gesicht entgangen wäre.

Draußen angekommen, sendete sie einen Löschbefehl über die Implantate an die Kameras im Geschäft und schaltete nach erfolgreicher Löschung die Implantate ab. Mit einem Seufzen steckte sie den gefälschten Dienstausweis weg.

Ein weiteres verbranntes Alias. Seit dem Ausbruch des Schattens hatte der Geheimdienst alle Hände voll zu tun, neue Identitäten für sie und die restlichen Agenten zu erschaffen. Mit nicht mal einem halben Dutzend Agenten auf Rateri I und II, war das keine allzu große Schwierigkeit. Aber wenn man bedachte, dass das Bisschen logistisches Personal, das ihnen geblieben war, die Aufgaben sämtlicher Abteilungen eines vollausgestatten Geheimdienstes erledigen musste, hatten sie trotzdem weitaus mehr zu tun als normal war.

Aber die Umstände waren nicht normal. Und würden es vermutlich auch nie wieder werden.

Der Zusammenbruch der Kommunikation mit der Erde hatte den Geheimdienst ins Chaos gestürzt. Sämtliche Versuche wieder Ordnung herzustellen, waren gescheitert als der Schatten anfing sich über die umliegenden Systeme auszubreiten und die Terranische Republik in ihre Einzelteile zerbrach.

Was oder wer auch immer für den Schatten verantwortlich war, konnte von den einzelnen Reichen nicht aufgehalten werden. Der Geheimdienst hatte versucht weiterhin als geschlossene Gruppe zu agieren, aber die Versuche waren gescheitert. Die Verordnung zur Rettung der Menschheit war der finale Sargnagel gewesen.

Aus unerfindlichen Gründen war die neugegründete Regierung des Rateri Protektorats der Meinung ein Gesetz, das die Kommunikation mit Systemen nahe am Schatten verbietet, wäre die Lösung. Stattdessen hatte es nur dafür gesorgt, dass die Informationen, die die anderen Reiche gesammelt hatten, nur schwer ihren Weg nach Rateri fanden. Wenn es irgendeinen Durchbruch gegeben hatte, der ihnen vielleicht allen das Leben gerettet hätte, dann war er unweigerlich verloren.

Rateri war die letzte Bastion der Menschheit und ihr Ende schien unaufhaltsam.

Im Geheimdiensthauptquartier knallte Ranai ihren gefälschten Militärausweis auf den Tisch ihres Chefs.

„Kapitän Tasos ist verbrannt. Oder wird es bald sein.“

„Ranai, schön dich zu sehen.“ Phlin Dormin hatte einen zuckersüßen Tonfall aufgelegt. „Ich dachte, du hättest heute frei gehabt?“

„Ja. Mein erster freier Tag seit Monaten und natürlich wird das Geschäft überfallen, als ich mir etwas zu essen und zu trinken für meinen Filmabend hole. An meinem einen freien Tag.“

„Und was denkst du, das ich für dich tun kann?“

„Ich weiß, du hast Polzer auf die Köpfe hinter den Überfällen angesetzt. Er ist seit Wochen an ihnen dran und hat nichts. Lass mich ihm helfen oder zieh ihn ab und lass mich allein ran, wenn du nicht zwei Leute an der gleichen Sache arbeiten lassen willst. Aber lass mich der Organisation auf den Grund gehen.“

„Ich überlege es mir und rede dann mit Polzer.“

„Danke.“

„Das war kein Ja.“

„Ach komm, wir wissen es beide besser.“

Mit einem Zwinkern verließ sie das Büro und setzte sich an einen der Computer. Ihr freier Abend war eh ruiniert, da konnte sie sich auch um Papierkram kümmern.

Kapitel 2

26. Februar 2270

 

Kriegsschiff Hagner – Im Orbit von Rateri I

 

Die Brücke der Hagner war für Zetoras immer wieder faszinierend. Sie war im Kern des Schiffs untergebracht, um sie bei Beschuss zu schützen. Sie war oval geformt und die Wände wurden von Computermonitoren geziert, auf denen die Daten der verschiedenen Systeme des Schiffs zu lesen waren. Die Mitte des Raumes wurde von einem Holoprojektor eingenommen, der den Bereich um das Schiff in einer detaillierten 3D Darstellung zeigte und die fehlenden Fenster in der Schiffsmitte mehr als ausglich.

Heute war die Hälfte der Monitore schwarz, weil die Geräte, die von ihnen gesteuert wurden noch nicht an das Schiffssystem angeschlossen waren. Aber der Holoprojektor strahlte in all seinem Glanz.

Zetoras saß im Kapitänssessel davor und studierte die Projektion. Das Schiff war von einem Gerüst eingerahmt und er konnte sehen, dass dort gearbeitet wurde. Ein Dröhnen ging durch das Schiff und die Verbindungen zwischen Gerüst und Schiff zogen sich zurück.

Er öffnete eine Sprechverbindung.

„Sehr verehrte Passagiere, ich begrüße Sie auf dem Kreuzfahrtschiff Hagner. In Kürze werden wir unsere Jungfernfahrt starten und ein paar Gesteinsbrocken streicheln…“

Die verwirrten und schockierten Blicke der Techniker auf der Brücke ließen ihn stocken. Mit einem Kopfschütteln wurde sein Tonfall ernster.

„Nachdem wir den humorigen Teil jetzt hinter uns haben, möchte ich die gesamte Besatzung daran erinnern, was wir heute tun. Sobald die Verbindungen zum Dock vollständig gelöst sind, werden wir uns auf einen zweistündigen Rundflug begeben, um das Antriebssystem zu testen. Wenn wir damit fertig sind, wird das Waffensystem getestet. Hierzu wurden auf der Rückseite des Mondes einige Ziele präpariert, die wir der Reihe nach unter Feuer nehmen werden.“

„Ich weiß, einige von euch hatten gehofft, dass wir heute ebenfalls das Schild- und Sprungsystem testen würden, aber da beide Systeme noch nicht vollständig eingebaut sind, wird dieser Test ausfallen müssen.“

„Dennoch denke ich, dass wir heute viel Spaß haben werden und wünsche uns allen viel Erfolg. Die Menschheit verlässt sich auf uns, lasst sie uns nicht enttäuschen.“

Er schloss die Verbindung und schaute zum Piloten.

„James, bring uns aus dem Dock.“

„Nichts lieber als das, Kapitän.“ Im letzten Wort schwang Ehrerbietung mit. Da sie zusammen gedient hatten, war James der einzige an Bord, der wusste, dass Zetoras beim Militär gewesen war, bevor er sich vor zwanzig Jahren in das zivile Leben zurückgezogen hatte.

Um das Schiff herum begann das Hologramm sich zu verschieben. Die Hagner blieb immer im Zentrum, aber das Dock war nun deutlich hinter Ihr zurückgefallen und fiel weiter zurück.

Zum ersten Mal konnte Zetoras die Hagner in all ihrem Glanz sehen, ohne das Gerüst. Raumschiffe wurden normalerweise länglich und schmal gebaut, damit sie keine riesigen Sprungtore benötigten. Aber die Hagner war anders. Sie hatte einen eigenen Sprungantrieb und war daher nicht auf Sprungtore angewiesen. Ihr Rumpf war zwar immer noch länglich, aber deutlich breiter als normal war. Hinzu kamen zwei Flügelstrukturen am Heck, die leicht nach vorne liefen, etwas Abstand vom Schiff hielten und es dadurch nochmal breiter machten. An ihnen befand sich die Sekundärbewaffnung, während das Hauptwaffensystem unter der „Nase“ angebracht war.

„James, dreh das Schiff neunzig Grad nach Links und dreißig Grad aufwärts. Dann beginn mit Ausweichmuster Alpha auf mein Zeichen.“

Er öffnete erneut die Sprechverbindung zum gesamten Schiff.

„Wer noch nicht angeschnallt auf einem Stuhl sitzt sollte das schleunigst ändern. Wir beginnen in wenigen Sekunden mit einem Stresstest des Antriebssystems und der Fliehkraftdämpfer. Zehn – Neun – Acht – Sieben – Sechs – Fünf – Vier – Drei – Zwei – Eins – Ausweichmuster Alpha, jetzt!“

Das Hologramm begann sich wild hin und her zu bewegen, aber Zetoras spürte nicht mehr als ein leichtes Druckgefühl im Magen. Die Dämpfer verrichteten ihre Arbeit.

„Statusbericht?“

Die Techniker an den Monitoren begannen wild durcheinander zu reden. Für einen Moment hatte er vergessen, dass er es hier, mit wenigen Ausnahmen, nicht mit erfahrenem militärischem Personal, sondern mit Leuten von der Straße zu tun hatte, die in den militärischen Aufbaudienst gezwungen worden waren.

„Stopp! Der Reihe nach im Uhrzeigersinn, beginnend mit… dir.“ Zetoras zeigte wahllos auf eine Frau zu seiner Linken.

„Lebenserhaltungssystem im grünen Bereich.“

Sein Finger wanderte weiter.

„Antriebssystem im grünen Bereich.“

Und weiter.

„Keine Störungen im Kühlsystem.“

Und weiter und weiter.

Mit Ausnahme der Dämpfer fünfzehn und siebenundzwanzig arbeiteten alle Systeme einwandfrei. Zetoras notierte sich auf seinem Block, dass die beiden Dämpfer später überprüft werden müssten, sah hier aber kein ernsthaftes Problem. Die Dämpfungssysteme waren extrem anfällig und Störungen waren auf allen Schiffen an der Tagesordnung. Aus gutem Grund verfügte die Hagner über zweihundert Dämpfer, obwohl sie lediglich siebenunddreißig brauchte, um selbst die plötzlichsten Bewegungen zu kompensieren.

„Ausweichmuster Beta, auf mein Signal.“

Die nächsten zwei Stunden verbrachten sie mit immer weiteren Tests des Antriebs- und Dämpfersystems. Es fielen sieben weitere Dämpfer aus, alle anderen Systeme arbeiteten weit über Zetoras‘ Erwartungen.

„James, es wird Zeit für den Waffentest.“

„Auf dem Weg.“

Erneut öffnete Zetoras die schiffweite Verbindung.

„Wir sind im Anflug auf den Mond. Alles bereitmachen für Waffentests. Überprüft eure Systeme und wenn alles bereit ist, gebt eine kurze Statusmeldung.“

Während der Anflugzeit trafen die Berichte der verschiedenen Teams ein, nur das Hauptwaffenteam hatte sich nicht gemeldet. Während James die Hagner in der Umlaufbahn des Mondes zum Stillstand brachte, musste Zetoras sich zurückhalten, nicht die Beherrschung zu verlieren.

Als er zu Schichtbeginn an Bord gekommen war, hatte er das Hauptwaffensystem noch selbst überprüft. Wenn jetzt etwas nicht stimmte, musste irgendjemand daran herumgespielt haben.

„Hauptwaffensystem, was ist euer Status?“

Keine Antwort.

Wütend schlug er auf die Kontrollkonsole des Holoprojektors und stand auf.

„James, du hast die Brücke.“

„Jawohl, Sir.“

Da die Fahrstühle noch nicht funktionsfähig waren, rannte Zetoras zur Steuerkonsole des Hauptwaffensystems. Was auch immer los war, er hatte das Gefühl, dass es besser war, wenn er sich der Sache selbst annahm – und in seiner Zeit beim Militär hatte er gelernt, sich auf sein Gefühl zu verlassen. Am Ziel angekommen blieb er erschrocken stehen.

Alle drei Mitglieder des Teams lagen tot am Boden, ihre Kehlen aufgeschlitzt, während sich unter ihnen drei Blutlachen bildeten, die dabei waren, sich zu einer einzigen zu vereinen.

„Was zur Hölle…?“

Weiter kam er nicht, bevor ihn etwas mit voller Wucht in den Nacken traf.

 

 

Neu Berlin – Rateri II

 

„Guten Morgen Polzer“

„Ranai… wie froh ich bin, dich zu sehen.“, die Stimme des kleinen, Glatzköpfigen Mannes triefte vor Sarkasmus.

„Oh ja, man sieht es dir förmlich an. Was haben wir über die Hintermänner der Unruhen?“

Wir? Du meinst, was habe ich. Das ist meine Operation und deine Einmischung…“

„Erspar mir dein angekratztes Ego. Du bist seit Wochen an der Gruppe dran, ohne nennenswerte Ergebnisse. Andernfalls hätte ich etwas gehört. Freu dich lieber, dass Phlin dich nicht komplett vom Fall abgezogen, sondern mich nur zu deiner Unterstützung abgestellt hat.“

„Und das war auch ganz bestimmt seine Idee… Was hast du ihm gegeben, damit er dich deine Finger in meine Operation stecken lässt? Wir wissen alle, dass da etwas zwischen euch läuft. Musstest du ihm seine Eier…?“

Bevor er den Satz vollenden konnte, hatte Ranai ihm ihre Faust an die Schläfe gejagt. Benommen sackte Polzer zu Boden.

„Hör mir ganz genau zu, du kleiner Wicht.“, das Feuer in ihrer Stimme konnte ganze Wälder zu Asche verbrennen, „Ich kriege meine Aufträge, weil ich die Beste bin. Niemand hat jemals oder wird jemals irgendwelche sexuellen Gefälligkeiten bekommen, um mich voranzubringen. Nur weil du deinen Job nicht auf die Reihe bekommst, heißt das nicht, dass alle anderen genauso inkompetent sind wie du.“

Das Feuer wich aus ihrer Stimme.

„Also, fangen wir nochmal von vorne an. Was haben wir über die Hintermänner?“

Polzer rappelte sich vom Boden auf, wagte es aber nicht, Ranai anzusehen.

„Es scheint sich um eine Gruppe reicher Personen zu handeln, die in der Krise Angst um ihren Reichtum haben. Sie haben große Teile ihres Vermögens mit den restlichen Kolonien verloren und wollen jetzt sichern, was auch immer sie können. Da Geld in ihren Augen eine unsichere Anlage ist, sind sie dazu übergegangen Lebensmittel und andere Verbrauchsgüter zu horten.“

„Und weil die Verteilung durch die Krise streng überwacht wird, nutzen sie Unruhestifter und andre Verbrecher, um an die Sachen heranzukommen.“

„Korrekt. Wenn du deinen Uplink einschaltest, kann ich dir die Dossiers überspielen.“

Zur Ausnahme folgte Ranai seinen Anweisungen und Polzer überspielte ihr die Dokumente.

Bei seinen Verdächtigen handelte es sich um fünf Familien, jedoch hatte er keine wirklichen Angaben, wer aus den Familien tatsächlich involviert war, oder ob überhaupt alle Familien etwas damit zu tun hatten.

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