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Schattendiebin, Band 1: Die verborgene Gabe

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Die Droschke überquert die Brücke am Cyrambel-Tempel und Jani hört sich sagen: »Hier steige ich aus.«

»Hier?«, fragt ihre Reisegefährtin, die immer noch das Kind auf ihrem Schoß schaukelt. »Auf keinen Fall. Ich kenne zwar Lord Snow nicht, aber hier wohnt er bestimmt nicht. Hier wohnt niemand.«

»Es ist nicht weit«, sagt Jani lachend, obwohl sie sich im Moment nicht daran erinnern kann, wo Lord Snow und seine Familie leben. Die Adresse ist in ihrer Handtasche; sie muss nur raus hier, sich konzentrieren. Sie weiß nicht, was sie drängt, und wird auch keine Zeit mehr haben, darüber nachzudenken. Es tut ihr leid, ihre Reisegefährtin und das schöne Kind zu verlassen. Sie haben die ganze Strecke aus dem Süden zusammen im Zug gesessen und sich dann eine Droschke geteilt, weil sie in dieselbe Gegend der Stadt wollten.

»Wirklich?«, fragt der Droschkenkutscher skeptisch. Hier gibt es nichts außer dem Tempel, dem Fluss und der menschenleeren Brücke.

»Ich möchte gern ein Stück zu Fuß gehen«, erklärt sie.

»Hier isses nich sicher, Fräulein«, sagt der Droschkenkutscher.

»Mir wird schon nichts passieren.« Jani wendet sich an ihre Reisegefährtin. »Danke, dass Sie mir Gesellschaft geleistet haben. Bitte geben Sie mir doch Ihre Adresse. Wir sind beide neu in der Stadt – wir könnten sie gemeinsam erkunden.«

»Natürlich.« Ihre Reisegefährtin schreibt schnell etwas auf ein Stück Papier, faltet das Blatt zusammen und drückt es Jani in die Hand. Der Geruch nach verwelkten Blumen zieht durch die Droschke. »Passen Sie auf sich auf«, sagt sie.

»Sie auch.« Jani beugt sich spontan vor und küsst die Frau auf die Wange. Auch dem Kind gibt sie einen Kuss.

»Sag Auf Wiedersehen, Theo«, sagt ihre Reisegefährtin und der kleine Theo winkt mit seinem dicken Händchen. »Wa sen.«

Die Droschke fährt in die Dunkelheit davon und Jani bleibt allein im Schatten des Tempels zurück. Jemand erwartet sie, so viel ist sicher. Sie hat Angst und doch ist sie hier. Sie faltet das Blatt auseinander, das ihre Reisegefährtin ihr gegeben hat. Die Worte lassen sich im Dunkeln gerade so entziffern:

Vergiss mich!

Verwirrt sieht sie der Droschke nach und versucht sich daran zu erinnern, wer ihr den Zettel gegeben hat. Lord Snows Haus in Forrestal ist weit weg und die Nacht ist kalt.

»Was mache ich hier?«, sagt sie laut.

Die weiche Hand an ihrem Hals ist wie eine Antwort auf diese Frage und erstickt ihren Schrei. Mit einem schnellen Schnitt trennt die Klinge sie von der dunklen Nacht und allem, was noch vor ihr lag.

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Der Boden ist kalt unter meinen nackten Füßen. Florence und Chloe atmen ruhig, rühren sich nicht. Es ist vermutlich eine Stunde nach Mitternacht oder noch später. Die rostigen Federn in meinem Bett quietschen, als ich mich erhebe, aber die beiden Schlafenden schreckt das nicht auf. Sie sind das Geräusch zweifellos gewohnt, denn die Betten kreischen bei jeder Drehung unsäglich. Ich schleiche an ihren Pritschen vorbei und lege die Hand an den Türknauf. Die Tür quietscht nicht – erst letzte Woche habe ich die Scharniere geölt und den Knauf abgeschraubt, gereinigt und wieder befestigt. Bei den Bettfedern war jedoch nichts zu machen. Mondlicht dringt zwischen den Vorhängen hindurch und erhellt die kleine Dachkammer, in der wir Hausmädchen schlafen, aber im Treppenhaus ist es dunkel. In einer Hand halte ich einen eisernen Kerzenständer mit einer unangezündeten Kerze. Mit der anderen Hand ziehe ich die Tür hinter mir zu.

Die eigentlichen Schlafzimmer liegen genau wie das Badezimmer im zweiten Stock. Die Standuhr auf dem Treppenabsatz zeigt fast zwei Uhr morgens an, aber unter Fredericks Tür dringt immer noch Licht hervor. Das beunruhigt mich nicht. Wahrscheinlich ist er über einem Buch eingeschlafen. Die Treppe zum ersten Stock ist breiter. Ich husche sie schnell hinunter, eine Hand an der Wand, um mich im Dunkeln zu orientieren. Ich kenne jede knarrende Diele und komme lautlos voran. Hier befinden sich die Bibliothek, das Musikzimmer, Frau Ochs Lesezimmer und mein heutiges Ziel: Professor Baranyis Arbeitszimmer. In diesem Zimmer machen wir nicht sauber, daher habe ich es noch nie betreten. Nachts ist es abgeschlossen.

Nicht, dass ein Schloss für mich ein großes Hindernis darstellen würde.

Unter der Tür ist kein Licht zu sehen, aber vorsichtshalber presse ich das Ohr dagegen und lausche. Mit der freien Hand ziehe ich mir eine Haarnadel aus dem Haar und biege sie gerade. Ich bin nicht übermäßig geübt im Schlösserknacken, aber die Grundlagen beherrsche ich, und in weniger als einer Minute ist das Schloss offen.

In den Saum meines Nachthemds habe ich ein Streichholz eingenäht. Nachdem ich die Tür hinter mir geschlossen habe, taste ich mich bis zum Kamin vor und ratsche das Streichholz über den Stein.

Sobald die Kerze brennt, wird das Zimmer um mich herum sichtbar, mit hoch aufragenden Bücherschränken und Möbeln, deren unheimliche Schatten sich nach mir ausstrecken. Aber ich bin niemand, der sich von Schatten einschüchtern lässt. Ich gehe direkt auf Professor Baranyis Schreibtisch zu.

Der Professor ist nicht sehr ordentlich, um es vorsichtig auszudrücken. Gewagte Türme aus Büchern und Dokumenten bedecken jeden Zentimeter des Tisches, drei Aschenbecher quellen vor Zigarettenkippen über, zwei halb volle Gläser thronen wacklig auf einem Stapel dicker Ledermappen, und das Tintenfass – die dazugehörige Feder liegt tropfend auf dem Löschpapier – ist offen.

Es wäre hilfreich zu wissen, wonach ich eigentlich suche.

Plötzlich raschelt es hinter mir – und ich erstarre.

»Huuu!«, ertönt ein sanftes Flöten. Beinahe lache ich vor Erleichterung laut auf. Auf einer Stange in der Ecke sitzt eine kleine braune Eule und blinzelt mich an.

»Entschuldige«, flüstere ich. »Schlaf weiter.«

»Huuu!«, flötet die Eule noch einmal, zuckt mit den Flügeln und macht es sich wieder bequem.

Ich wende mich erneut Professor Baranyis Schreibtisch zu, hebe die Kerze und werfe einen Blick auf die Bücher und Blätter, mit denen er sich beschäftigt hat, bevor er ins Bett gegangen ist. Esme hat mir das Lesen beigebracht und ich kann schnell und gut lesen, selbst das unbeholfenste, fehlerhafteste Gekritzel. Ich blättere die Papiere durch: ein alter Zeitungsausschnitt über irgendeinen See, der auf geheimnisvolle Weise ausgetrocknet ist; Namenslisten, auf denen einige Namen durchgestrichen sind; zusammenhanglose Zahlen; Listen mit Städten und Ländern. Ein eingekreister Name auf einer langen Liste: Jahara Sandor – Hostorak 15c. Das lässt mich innehalten. Hostorak ist das ausbruchsichere Gefängnis, in dem Hexen, praktizierende Folkloristen und andere, die Magie anwenden, auf ihre Hinrichtung warten. Es ist ein großer grauer Koloss hinter dem Parlament – das hässlichste Gebäude in ganz Spira, und das furchterregendste. Ich speichere den Namen Jahara Sandor und die Angabe 15c ab, ohne zu wissen, was sie zu bedeuten haben.

Im hinteren Teil des Arbeitszimmers steht eine lange Werkbank mit wissenschaftlichen Instrumenten, aber ich weiß nicht, wie sie funktionieren. Also wende ich mich stattdessen den Bücherregalen zu, die das gesamte Zimmer säumen. Unten in einem Regal entdecke ich eine verschlossene Glasvitrine voller Bücher. Na also. Alle Dinge mit einem Schloss davor sind zwangsläufig interessant. Ich stochere mit der Haarnadel darin herum, bis sich das Schloss öffnet, und schiebe die Vitrinentür auf. Kein Wunder, dass diese Bücher weggeschlossen sind, denn sie tragen Titel wie Wissenschaftliche Analyse der Naturgewalten und Legenden der Xianren I bis VII. Ich habe schon von den Xianren gehört – sagenhafte, geflügelte Wesen aus den alten Zeiten, angeblich mit magischen Fähigkeiten. Folklorekram. Mein Fund sollte mich nicht überraschen. Professor Baranyi hat wegen der Verbreitung ketzerischer Schriften einige Jahre im Gefängnis verbracht und allein für den Besitz solcher Bücher kann man bereits eingesperrt werden. Ich schnüffele also nicht in den Privaträumen ehrenwerter, rechtschaffener Bürger Fraynes herum. Verbrecher, wo man hinschaut.

Gerade, als ich Legenden der Xianren I aus dem Schrank ziehe, höre ich die Treppe knarren. Schnell stelle ich das Buch zurück und schiebe die Glastür zu, gleichzeitig puste ich die Kerze aus. Ich lasse das Vitrinenschloss wieder einrasten, schaffe es jedoch nicht mehr rechtzeitig bis zur Tür. Während ich leise das dunkle Zimmer durchquere, höre ich einen Schlüssel im Schloss. Ich pralle gegen einen Diwan, der mit Bücherstapeln beladen ist, und erstarre vor Angst, etwas umzustoßen. Wer immer sich da an der Tür zu schaffen macht, hat sie nun versehentlich wieder zugeschlossen, da ich sie offen gelassen hatte. Doch dann wird der Schlüssel abermals herumgedreht.

Ich atme langsam ein und wieder aus. Die Tür geht auf und Licht dringt ins Zimmer. Es ist Professor Baranyi mit einer Gaslaterne. Er trägt einen dicken Morgenmantel und Pantoffeln. Tagsüber ist er ein freundlicher, umgänglicher Mann, aber im Laternenlicht wirkt sein dunkles, bärtiges Gesicht unheimlich. Er steckt den Schlüssel in die Tasche seines Morgenmantels, sieht sich im Zimmer um und geht zu der Eule auf ihrer Stange. Während er sie unter dem Schnabel krault, knabbert die Eule an seinem Finger und dreht ihren Kopf in meine Richtung. Verräterisches kleines Ding! Aber Professor Baranyi sieht nicht zu mir herüber, sondern geht zu seinem Schreibtisch. Er stellt die Laterne auf einen Stapel Bücher und kramt in der Schublade nach einer Zigarette.

Ich schlucke meine Verwünschungen herunter. Das wird eine Weile dauern.

*

In den sechzehn Jahren meines Lebens habe ich so viel gesehen wie jemand, der fünfmal so alt ist wie ich – oder sogar noch mehr –, und ich habe eine Reihe ungewöhnlicher Fähigkeiten entwickelt. Einige dieser Fähigkeiten erforderten unermüdliches Training, während mir andere eher zugeflogen sind. Über eine besondere Fähigkeit verfüge ich schon immer. Ich weiß nicht genau, wie ich sie nennen soll – jedenfalls habe ich das Talent, nicht gesehen zu werden. Ich kann mich nicht vollkommen unsichtbar machen – das habe ich als Kind schmerzlich erfahren müssen. Aber es gibt einen Ort, den ich betreten kann, einen Ort zwischen meinem wirklichen Ich und ich weiß nicht was, an dem die Blicke der Menschen einfach über mich hinweggleiten, als wäre ich ein gewöhnliches Möbelstück, das sie kaum wahrnehmen. Seit ich angefangen habe, diese Fähigkeit bewusst einzusetzen, war nur ein einziger Mensch in der Lage, mich zu sehen, ohne dass ich es wollte.

Ich beobachte den Professor jetzt wie durch eine beschlagene Scheibe, alles ist leicht verschwommen. Nachdem er die Gläser mit dem undefinierbaren Inhalt zur Seite gestellt hat, greift er nach einer der Ledermappen. Ich beiße die Zähne zusammen, damit sie nicht klappern. Nachts ist es eiskalt hier im Haus und ich hoffe, er denkt daran, Feuer zu machen.

Professor Baranyi leckt einen Finger an und blättert um. Ich versuche mich durch Gedanken an Wyn aufzuwärmen. Wyn, der auf dem Dach Tauben füttert. Wyn, der seine Stiefel auszieht und sie lässig in die Ecke schleudert. Wyn, der vor dem Kamin die Hand nach mir ausstreckt. Wyns Mund. Immer wenn sein breites Lächeln aufblitzt oder er lachend den Kopf in den Nacken wirft, durchzuckt mich etwas. Dieses Lachen! Wie es mich jedes Mal ansteckt, wenn ich es höre. Ich denke an Wyns Finger, die über meine Arme streichen, an seine Hand, die bis zu meinem Rücken wandert, an seinen Atem, der nach Wein, Rauch und etwas anderem, etwas Süßem, riecht. Jetzt wird mir warm und eine Weile lang vergeht die Zeit wie im Flug.

Aber selbst die Gedanken an Wyn mit seinen geschickten Fingern und süßen Lippen können mich in Phantomgestalt nur durch einen Teil der Nacht bringen. Heftig zitternd, die Zehen auf dem eisigen Fußboden eingerollt, mit schmerzenden Fingern den Kerzenständer umklammernd, rufe ich mir lautlos jeden Fluch, den ich kenne, ins Gedächtnis. Professor Baranyi ist in seine Mappe vertieft und macht keine Anstalten, ins Bett zurückzukehren. Bald werden Florence und Chloe aufstehen, um mit der Arbeit zu beginnen. Ich stelle mir vor, dass sie aufwachen und mich weder im Bett noch sonst irgendwo im Haus antreffen. Was werden sie Frau Och sagen? Wie soll ich dann meine Abwesenheit erklären? Ich kann das Zimmer nicht verlassen, ohne entdeckt zu werden, aber ich kann auch nicht länger hierbleiben, ohne mir einen Haufen neuer Probleme einzuhandeln.

Als ich gerade die möglichen katastrophalen Folgen dieser Nacht abwäge, ertönt plötzlich ein lautes Krachen unter uns, gefolgt von einem langen, leisen Geheul. Der Professor hebt ruckartig den Kopf. Noch ein Krachen wie von Stahl auf Stein und ein Brüllen, das Tote zum Leben erwecken könnte. Es ist nicht das erste Mal, dass ich solche Geräusche aus dem Keller höre, aber sie haben noch nie so fürchterlich geklungen wie heute. Der Professor springt auf und geht geradewegs auf die Glasvitrine zu. Mein Herz macht einen Satz, als er das Schloss öffnet. Von oben ertönen Schritte und kurz darauf stolpert der schlaksige Frederick schlaftrunken ins Zimmer.

»Ist das eine Reaktion?«, fragt er.

Der Professor holt alle Bücher aus der Vitrine. Er greift hinein und schiebt offenbar ein Paneel zur Seite. Ich kann mich vor Freude kaum beherrschen – also war diese Nacht doch nicht umsonst. Er holt ein schwarzes Kästchen hervor. Das Geräusch splitternden Holzes lässt uns alle zusammenfahren. Der Professor flucht. Er nimmt etwas aus dem Kästchen und gibt es Frederick, aber sie haben mir den Rücken zugekehrt, deshalb kann ich nicht sehen, was es ist. Außerdem bin ich von einem Poltern auf der Treppe abgelenkt und dann von einem Knurren auf dem Flur, beängstigend nah.

Frederick und der Professor stürzen zur Tür, als ein großer dunkler Schatten vorbeihuscht. Frederick zielt mit einem etwa handbreiten dreieckigen Gerät. Ein Zischen ertönt, ein erstickter Schrei, dann ein Krachen, als etwas laut zu Boden stürzt. Die beiden Männer atmen auf. Frederick lehnt sich an den Türrahmen, Professor Baranyi nimmt ein Taschentuch aus der Tasche seines Morgenmantels und wischt sich damit über die Stirn.

»So viel zu den beruhigenden Eigenschaften von Amethyst, hm?«, sagt der Professor und Frederick lacht kurz auf. Ich glaube, er zittert, aber das ist von meinem Beobachtungsposten aus schwer zu sagen.

»Wir brauchen eine neue Tür«, sagt er. »Aus Stahl.«

»Ja. Das erledigen wir morgen.«

»Und dann? Wir haben doch schon alles probiert.«

»Nicht alles«, entgegnet der Professor. »Aber fast alles, das ist richtig.«

Sie schweigen einen Augenblick und starren auf das, was da im Flur liegt. Dann gibt Frederick dem Professor das seltsame Gerät zurück – ich erkenne jetzt eine Art Miniaturbogen – und sagt: »Ich kümmere mich darum.«

Der Professor nickt und Frederick schließt die Tür hinter sich, verdammt. Professor Baranyi wirkt wieder recht gefasst. Er murmelt leise vor sich hin, während er das schwarze Kästchen zurück in das Geheimfach stellt und die Sammlung verbotener Bücher davorräumt. Als er wieder am Schreibtisch sitzt, vertieft er sich noch intensiver als zuvor in seine Schriften. Ich weiß nicht, wie ich deuten soll, was ich gerade beobachtet habe, aber mein Herz hämmert und ich kann nicht länger still stehen. Vorsichtig durchquere ich das Zimmer.

Wenn ich mich inmitten einer Menschenmenge befinde, öffnen sich durch die Bewegung der anderen so etwas wie Falten im Raum, in denen ich verschwinden und mich fortbewegen kann. Mich in einem stillen Zimmer zu bewegen und gleichzeitig hinter dieser Membran des Sichtbaren verborgen zu bleiben, ist viel schwieriger – als würde man versuchen, mit beiden Händen gleichzeitig verschiedene Wörter zu schreiben. Aber der Professor sieht nicht auf. Ich warte, bis er ganz und gar in seine Unterlagen versunken zu sein scheint. Dann strecke ich die Hand nach dem Türknauf aus und öffne die Tür – zu schnell. Ich verliere die Balance. Alles wird plötzlich deutlich sichtbar.

Professor Baranyi zuckt zusammen und starrt mich an. Ertappt!

»Herr Professor!«, rufe ich und drehe mich schnell um, damit es so aussieht, als käme ich gerade erst herein. »Ich habe schreckliche Geräusche von unten gehört, Herr Professor!«

Professor Baranyi schiebt seine Brille hoch, um mich im schwächer werdenden Licht der Laterne anzusehen. »Fräulein …?« Er hat meinen Namen vergessen.

»Ella«, sage ich. »Ich war auf dem Weg zum Abort, Verzeihung, Herr Professor, und ich habe entsetzliche Schläge und Schreie gehört. Verzeihen Sie, Herr Professor, aber ich hatte Angst und habe Licht bei Ihnen gesehen.«

»Huu-huuuu!«, ruft die kleine braune Eule, die, begeistert von dem ganzen Tumult, von einem Fuß auf den anderen tritt.

»Ich höre nichts.« Der Professor steht auf. Ich sehe, wie die Verwirrung darüber, mich in seinem Zimmer anzutreffen, bereits nachlässt und er die einleuchtendere Erklärung akzeptiert: dass ich auf dem Weg herein war, nicht hinaus.

»Jetzt hat es aufgehört«, sage ich. »Ist da wohl irgendwas im Keller? Ob mit Herrn Darius da unten alles in Ordnung ist?«

Herr Darius ist der kränkliche adlige Hausgast, der ein Zimmer im Keller bewohnt und offensichtlich ein ziemlich unglückliches nachtaktives Haustier hält. Ich kann nur hoffen, dass nicht er der Grund für das Leid da unten ist. Der Gedanke daran jagt mir jedes Mal, wenn ich ihm Kaffee eingießen muss, einen Schauer über den Rücken.

»Du musst dir keine Sorgen machen, Edna«, sagt Professor Baranyi besänftigend.

»Ella«, verbessere ich ihn und wünschte sofort, ich hätte es nicht getan.

»Natürlich – entschuldige bitte. Da unten ist eine Tür, die repariert werden muss, weißt du? Manchmal fährt der Wind hinein und lässt sie fürchterlich knarren. Wir müssen uns darum kümmern, aber hab bitte keine Angst.«

Er ist kein schlechter Lügner, wenn auch nicht annähernd so gut wie ich.

Ich blicke auf meine nackten Füße. »Ich hätte hier nicht hereinplatzen dürfen. Ich hatte solche Angst. Aber ich hätte Sie nicht belästigen sollen. Es ist mir furchtbar unangenehm, Herr Professor.«

»Es braucht ja niemand zu erfahren«, sagt er tröstend und ich hoffe, er meint es auch so. Ich habe nämlich den Eindruck, dass Frau Och weniger geneigt wäre, mir so viel gutgläubiges Verständnis entgegenzubringen. »Aber jetzt solltest du vielleicht besser zurück ins Bett gehen.«

»Ja, Herr Professor. Verzeihung, Herr Professor.« Ich husche zur Tür hinaus.

Es ist eine enorme Erleichterung, mich wieder bewegen zu können. Ich fliege beinahe die Treppe hinauf und schleiche mich, so leise ich kann, zurück in die Mädchenkammer. Vorsichtig lasse ich mich auf das kalte Laken nieder. Das Bett gibt seinen üblichen Protestschrei von sich und Florence klappt die Augen auf.

»Wo warst du?«, fragt sie mit kalter und beängstigend wacher Stimme.

»Abort«, knurre ich und schlüpfe unter die Decke. Nach einer Weile gebe ich ein Schnarchen von mir, aber ich kann ihren wachsamen Blick weiter auf mir spüren.

Am nächsten Tag ist Tempeltag und wir Hausmädchen haben frei. Außer Florence und Chloe ist Frederick der einzige Hausbewohner, der mit gewisser Regelmäßigkeit den Tempel besucht. Ich fahre angeblich nach Hause, nach Jepta, eine unspektakuläre Stadt etwa eine Stunde nördlich von Spira. Gregor ist sogar einmal mit mir dort gewesen, damit ich mir die Gassen einprägen und mit Lebensmittelhändlern und Schustern plaudern konnte, um ihre Namen zu lernen, falls ich zufällig jemandem begegnen sollte, der den Ort kennt. Esme ihrerseits erfand eine beeindruckend langweilige Familie für mich; ich habe unendlich viele langweilige Einzelheiten über sie und ihre Langweiligkeit zu berichten, sollte sich jemand dafür interessieren, aber das ist nicht der Fall. Schließlich bin ich nur das neue Hausmädchen.

Was allerdings gar nicht stimmt.

Frau Och übernimmt großzügigerweise meine Fahrtkosten nach Jepta, und von dem Geld gönne ich mir ein warmes Frühstück auf dem Lirabon-Boulevard, wo ich Seite an Seite mit den Studenten, Künstlern und verarmten Adligen, die in diesem Viertel leben, am Tresen sitze. Frau Ochs Haus liegt in der Mikallstraße, einer gut situierten Gegend in der Nähe des geschäftigen Zentrums der Scola – dem Universitätsviertel am südlichen Ufer des Syne.

Das Twistviertel liegt direkt gegenüber am anderen Flussufer, gut zu Fuß zu erreichen, aber es fällt grauer Eisregen und ich bin voller Ungeduld, daher halte ich eine Motordroschke an. Es ist noch früh und die Straßen sind relativ ruhig. Ein paar klapprige Gäule ziehen altmodische Kutschen über das Kopfsteinpflaster und ich sehe ein Elektrotaxi, das lautlos an uns vorbeigleitet und in eine Seitenstraße einbiegt, die Insassen alle weiß gekleidet. Als wir uns dem Cyrambel-Tempel nähern, der direkt am Ufer des Syne finster zwischen der Scola und dem Twistviertel aufragt, werden die Straßen unpassierbar. Kutschen und Droschken müssen anhalten und Fußgänger in ihren besten Tempelkleidern gehen umher und unterhalten sich lebhaft mit Fremden, was nur eins bedeuten kann: ein Todesfall.

»Hier können Sie mich rauslassen«, sage ich zu dem Droschkenkutscher und bezahle ihn mit Frau Ochs Münzen. Wahrscheinlich komme ich zu Fuß schneller voran.

Ich dränge mich durch die Menge zur Anopine-Brücke, wo ich die blauen Mäntel und Federhüte der Soldaten erblicke. Dagegen wirken die Uniformen der Polizisten richtig trist. Im Zentrum des Getümmels wurde eine Decke ausgebreitet, unter der vermutlich eine Leiche liegt. Das Pflaster drum herum ist dunkel vom Blut.

»Zurück, Mädchen«, knurrt ein Soldat und streckt abwehrend die Hand nach mir aus, aber ich weiche seinem Arm geschickt aus und zwinkere ihm zu. Sein Mund zuckt und er wendet mir seinen breiten Rücken zu.

»Was ist los?«, frage ich ein schwatzhaft wirkendes altes Weib mit Schürze.

»Das issn Mädchen aus Nim!« Sie stürzt sich geradezu auf mich, erfreut, die Geschichte jemand Neuem erzählen zu können. »Hammse grade identifiziert! Sollte die Gouvernante von Lord Snows Kleinen werden!«

Das ist ein Schock. Man findet nicht oft Mädchen aus gutem Hause tot auf Brücken. Das alte Weib schiebt ihr Gesicht ganz nah an meins und ich kann ihr Frühstück aus salziger Brühe und dünnem Tee riechen. »Hammse von dem Bankier in Nim gehört, den sie erst gestern gefunden hamm? Und von der Revuetänzerin vorgestern?«

Ich schüttele den Kopf. Ich habe Frau Ochs Haus die ganze Woche nicht verlassen und achte generell nicht groß auf Nachrichten von weit her. Nim ist eine Hafenstadt im Süden Fraynes. Meine Mutter stammte aus einem Dorf nicht weit von dort. Ich selbst bin noch nie am Meer gewesen.

»Die Schädeldecke wurde ihnen aufgeschlitzt«, fährt die Alte munter fort. »Und dann wurde irgendwas mit ihrem Gehirn gemacht! Bei dem Mädel hier wars genau das Gleiche, und sie is gestern mit dem Zug aus Nim gekommen. Sie hamm die Fahrkarte in ihrer Handtasche gefunden!«

»Glauben Sie, dass es ein Nachahmungstäter ist, oder ist der Mörder mit ihr hergekommen?«, fragt jemand. Um uns herum bildet sich jetzt eine kleine Gruppe, die die Geschichte noch mal hören will.

»Oh, der Mörder is jetzt hier in Spira, daran hab ich kein Zweifel«, erklärt das Weib bestimmt. »Hab die Leiche selbst gesehn, bevor se sie zugedeckt hamm. Von dem Anblick erhol ich mich nie wieder, das sach ich Ihnen!« Sie zieht eine leidende Grimasse, aber mir ist klar, dass sie noch nie etwas so Aufregendes erlebt hat.

»Gehen Sie weiter, alle miteinander!«, ruft einer der Soldaten, aber die Menschenmasse rückt starrend und schwatzend immer näher, um einen Blick auf die Leiche zu erhaschen. Bald werden die Soldaten mit Gewalt drohen, dann wird sich die Menge zerstreuen.

Ich überquere die Brücke und betrete vertrautes Terrain. Enge Straßen winden sich zwischen den beengten Wohnungen, Lebensmittelgeschäften und Tabakläden hindurch. Streunende Katzen suchen Schutz vor dem Schnee, finstere Gesichter spähen durch beschlagene Scheiben. Trotz des Wetters sind die Marktstände auf dem Fitch-Platz bereits aufgebaut und breiten sich bis in die anliegenden Gassen aus. Aus der kaputten Statue einer Art Seeungeheuer plätschert etwas Wasser in den Brunnen mitten auf dem Platz. Esme besitzt mehrere Zimmer auf der Ostseite, meins und Deks eingeschlossen. Wir bekommen freie Kost und Logis und manchmal noch etwas obendrauf, je nach Auftrag.

Esme wurde am Tag der Krönung des alten Königs Zey als uneheliche Tochter einer Kurtisane geboren. Ihre Mutter starb im Kindbett und Esme wuchs unvorstellbarerweise im Bordell in der Obhut von siebzehn Huren auf. Jetzt hat sie bei jedem unlauteren Geschäft die Finger im Spiel außer bei diesem, da sie keinen Geschmack am Verkauf von Körpern findet, und sie herrscht über ihr eigenes kleines Reich im Twist. Verbrechen lohnt sich nicht mehr so wie früher, jetzt, da die Krone nördlich der Stadt immer mehr Gefängnisse errichtet und überall Menschen henkt, aber es lohnt sich immer noch mehr als ehrliche Arbeit. Seit die meisten einflussreichen Männer, die früher im Twist das Sagen hatten, tot oder im Gefängnis sind, arbeitet die Hälfte der Gauner hier in der Gegend für Esme, die sich bedeckt hält und kein Risiko eingeht.

Ich gehe direkt hinauf ins Wohnzimmer, das streng genommen zu Esmes Wohnung gehört, uns aber immer offen steht. Benedek, mein Bruder, bastelt an einem flachen Metallgegenstand herum und hebt abwesend eine Hand zur Begrüßung. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein auseinandergenommenes Schloss. Seit ein paar Wochen arbeitet er an einem magnetischen Dietrich, der ihm zufolge alles aufkriegen wird. Esme kniet am Kamin und bläst energisch ins Feuer. Sie steht auf, klopft sich die Asche von den Händen und lächelt mich warmherzig an. Ich bin wahrlich kein Zwerg, aber Esme überragt mich um Längen. Sie trägt Männerhosen, weil sie in kein Kleid passt und sich weigert, Geld für maßgeschneiderte auszugeben. Ihr kurzes Haar ist fast weiß, aber ihr Gesicht hat nur wenige Falten.

»Ich hole dir Kaffee, Liebes«, sagt sie und reicht mir ein Handtuch, mit dem ich mir die Haare abtrocknen kann. »Schön, dich zu sehen.«

»Gleichfalls.« Ich trockne mich ab und werfe das Handtuch dann auf Dek, damit er aufsieht. Er fängt es und lacht mich an. Ich schäle mich aus meinem nassen Mantel und lasse mich in einen Sessel fallen. Das Feuer brennt jetzt gut und ich drehe mich etwas, um meine Füße daran zu wärmen. Was für ein Segen, nicht den Boden schrubben, Wasser oder Kohle die Treppe hinaufschleppen, einen Rost oder noch einen verfluchten Kerzenleuchter polieren zu müssen. Zu Hause zu sein.

»Drüben auf der Brücke beim Cyrambel-Tempel liegt ein totes Mädchen«, erzähle ich und wiederhole, was das schwatzhafte alte Weib mir erzählt hat.

»Armes Ding«, sagt Esme und reicht mir einen Becher mit dampfendem Kaffee. »Diese Stadt ist ein gefährlicher Ort für ein Mädchen, das allein unterwegs ist. Sei vorsichtig, Julia. Ich will nicht eines Tages davon hören, dass du auf einer Brücke liegst.«

»Wird mir nicht passieren.« Ich klopfe auf meinen Stiefel, in dem ein Messer steckt.

»Es wird dir nicht passieren, weil du schlau bist und nachts zu Hause bleibst«, sagt Dek und wirft mir einen strengen Blick zu. »Nicht, weil du ein fünfzehn Zentimeter langes Messer so fest in deinem Stiefelfutter stecken hast, dass es Minuten dauern würde, bis du es da rausbekommst.«

»Zwanzig Zentimeter«, entgegne ich grinsend. »Und guck.«

Kaum habe ich die Klinge herausgezogen, hat er sich auch schon auf mich gestürzt und mir das Handgelenk verdreht, sodass das Messer klappernd zu Boden fällt und ich meinen Kaffee verschütte.

»Loderndes Kahge, Dek, ganz ruhig!«, rufe ich.

Er atmet schwer, sein krankes Bein verdreht. Esme nippt kichernd an ihrem Kaffee.

»Worauf ich hinauswill«, sagt er langsam, »sei schlau, Julia. Sei vernünftig.«

»Ich bin vernünftig«, erwidere ich und schubse ihn weg. Allerdings bin ich gar nicht allzu wütend. Ich weiß, dass er sich Sorgen um mich macht, und ehrlich gesagt gibt es mir ein Gefühl der Sicherheit, dass er sich um mich sorgt. Als könnte seine Liebe mich beschützen. Man sollte meinen, ich wüsste es besser; Liebe beschützt niemanden. Aber er ist mein großer Bruder und daher sorgt er sich nun mal um mich.

*

Dek und ich sind im Twist geboren. Als unsere Mutter umgebracht wurde und unser Vater verschwand, war ich sieben und er zehn. Er ging betteln und ich stahl, so wie es das Los wollte, das der Große Namenlose uns zugedacht hatte. Es war der Sommer, nachdem die Plage über Frayne hinweggefegt war und die Bevölkerung dezimiert hatte. Es war die schlimmste Plage seit Menschengedenken – Leichen verwesten in Gräben und die Leute verließen kaum das Haus. In unserer Familie traf es nur Benedek. Ich wurde zu einer Tante aufs Land geschickt, die mich schlug, und weinte täglich, nicht wegen der Schläge, sondern weil Dek sterben würde.

Aber das tat er nicht. Man hatte noch nie von einem Kind gehört, das die Plage überlebt hatte. Und Dek überlebte nicht nur, sondern er überlebte mit unversehrtem Selbst, anders als die zitternden, verunstalteten, schwachsinnigen Überlebenden, die man manchmal am Fluss betteln sieht. Ein Jahrzehnt später trägt er seine schwarzen Locken lang, um die Narben und die unverwechselbaren dunklen Male zu verbergen, die die rechte Seite seines Gesichts entstellen, sowie die leere Augenhöhle, die inzwischen zugenäht ist. Seine rechte Seite ist in Mitleidenschaft gezogen, der Arm und das Bein sind verkrüppelt und beinahe unbrauchbar. Es ist, als hätte die Plage in ihm gewütet, aber auf halbem Wege kehrtgemacht. Von links ist er richtig ansehnlich, er hat einen ausgeprägten Kiefer und eine gerade Nase. Mit einer Krücke kann er sich recht gut fortbewegen. An den meisten Tagen schätzt er sich glücklich, am Leben zu sein, aber ich weiß, dass es auch dunkle Tage gibt, an denen es sich für ihn nicht so sehr wie Glück anfühlt.

Die Leute haben Angst vor den Überlebenden der Plage, als wären sie immer noch ansteckend, aber Esme ist bei seinem Anblick nie zusammengezuckt. Sie hat ihren eigenen Sohn an die Plage verloren und ihren Mann an eine gescheiterte Revolution, und ich glaube, Esme hat vor gar nichts mehr Angst. Sie hat uns beide aufgenommen, uns das Lesen und eine ganze Menge anderer Dinge beigebracht. Sie wurden unsere neue Familie: Esme, ihre Partner Gregor und Csilla, und der schöne Wyn, ihr Adoptivsohn, damals ein schlaksiger Zehnjähriger. Ich verliebte mich auf den ersten Blick in ihn, als ich gerade mal acht Jahre alt war. Er zwinkerte mir zu und ich war verloren.

*

Gegen Mittag, nach dem Tempel, als ich gerade meinen Bericht schreibe, treffen Gregor und Csilla ein. Sie kommen hereingerauscht und plötzlich wirkt das gemütliche Wohnzimmer schäbig und klein. Die beiden sind frisch aus Ingle zurückgekehrt, wo sie einen größeren Schwindel aufgezogen haben – einen ihrer Klassiker. Csilla spielt die Dame in Nöten, eine Edle aus Frayne, die in Ingle von ihrem gewalttätigen Ehemann festgehalten wird, aber nicht über die finanziellen Mittel verfügt, um zu ihrer mächtigen Familie zu fliehen. Jedes Mal kommen ihr diverse reiche, vernarrte Kavaliere zu Hilfe und stellen das nötige Geld für die Heimreise zur Verfügung, damit sie sich von ihrem abscheulichen Ehemann befreien kann. Ich bin mir sicher, dass Gregor das Scheusal mit großem Vergnügen gespielt hat. Unnötig zu erwähnen, dass sie sicher beide deutlich mehr Spaß hatten als ich.

»Hallo zusammen!«, sagt Csilla, während sie sich die weißen Handschuhe auszieht. »Meine Güte, Julia, ich muss dir was gegen diese Augenringe geben. Schlafen Hausmädchen eigentlich gar nicht?«

»Dieses hier nicht«, knurre ich und strecke verlegen die Beine aus.

»Armes Ding.« Csilla setzt sich und holt ein silbernes Zigarettenetui hervor. »Wir gehen mit dir ins Varieté, wenn der Auftrag abgeschlossen ist, das wird bestimmt lustig. Ich kann dir ein Kleid borgen.«

Ich lache. Ich würde nie in ihre Kleider passen, für die man eine große Oberweite und eine schmale Taille braucht.

»Es scheint alles glattgegangen zu sein«, sagt Esme. »Keine wütenden inglesischen Adligen, die euch über den Kanal gejagt haben?«

»Hier kannst du sehen, wie glatt es gegangen ist.« Gregor wirft ihr ein dickes Bündel inglesischer Geldscheine zu. »Csilla hat sie wie immer mit ihrem Charme um den Verstand gebracht und ich war ein versoffenerer Rüpel denn je.«

»Wirklich?«, frage ich mit hochgezogenen Augenbrauen. »Kaum zu glauben.«

Dek wirft mir einen warnenden Blick zu.

Gregor war der widerspenstige Sohn eines Adligen, der wegen Hochverrats hingerichtet wurde. Nachdem man ihn, blutjung, wie er war, aus der Gesellschaft verstoßen hatte, wurde er zum Revolutionär, und als das nicht funktionierte, zum Dieb, Betrüger und hoffnungslosen Trinker. Allerdings hat er immer noch dieses Oberschichtgebaren an sich, diese Art, ein Zimmer zu betreten, als würde ihm das ganze verdammte Haus gehören, und wenn er einen anlächelt, blitzt ein Rest seines früheren Charmes auf, begraben unter Jahren voller Schnaps und Verzweiflung. Esmes Mann war sein bester Freund und trotz allem hat Esme Gregor nicht fallen lassen. Csilla ihrerseits war eine bekannte Schauspielerin, bevor sie Gregor geheiratet und der Bühne für immer den Rücken gekehrt hat. Was Csilla an Gregor findet, ist eins der großen Geheimnisse des Lebens. Sie ist mindestens zehn Jahre jünger als er und eine wahre nordische Schönheit mit einem Gesicht wie aus Porzellan und Gold, abgesehen von ihren Augen, die so dunkel und tiefgründig sind, dass man darin ertrinken könnte. Soweit ich weiß, hat sie keine Familie.

»Wir gehen mit unserem Anteil morgen zur Rennbahn«, sagt Gregor und ignoriert meinen Seitenhieb. »Belle Sofe ist eine sichere Bank und wird uns ein Vermögen bringen!« Er zwinkert Csilla zu, die ihn verträumt anlächelt. Sie sind beide verrückt nach Pferderennen, obwohl sie nie etwas gewinnen. »Und, was hast du für mich, meine liebe Julia? Heute Nachmittag treffe ich mich mit dem Kunden.«

Während Esme über die kriminelle Unterwelt herrscht, ist Gregor unser Kontaktmann zu Spiras Oberschicht. Er wird nicht zu Gesellschaften eingeladen, aber alle kennen ihn und über ihn kommen wir an manch gut bezahlten Fall von Erpressung oder Spionage.

»Ich könnte mitkommen«, schlage ich vor. »Ich habe den ganzen Tag frei.«

Gregor schüttelt den Kopf. »Wenn der Kunde dich sehen will, lasse ich es dich wissen.«

»Gut. Soll mir recht sein«, sage ich, aber ich kann meine Enttäuschung nicht verhehlen. Ich würde liebend gerne mehr über diesen geheimnisvollen Kunden erfahren.

Man hat mich mit einer Reihe eher vager Fragen in Frau Ochs Haus geschickt: Wer wohnt in dem Haus? Was tun sie dort? Worüber sprechen sie? Was lesen sie? Wo gehen sie hin? Jede Woche gebe ich Gregor einen Bericht, den er zu meinem Auftraggeber bringt. Es hat wenig mit dem zu tun, was ich sonst so mache – Unterlagen für eine Erpressung aufstöbern, treulosen Ehefrauen folgen, verborgene Tresore ausfindig machen –, aber mein geheimnisvoller Auftraggeber hat uns sechs Silberfreyn im Voraus gegeben und bietet weitere zwanzig bei Abschluss des Auftrags, was immer Abschluss in diesem Fall heißen mag.

Die sechs Silberfreyn sind bereits ausgegeben. Ein Dieb, der für Esme arbeitet, ist letzte Woche verhaftet worden, und mit der Hälfte des Geldes wurden Beamte bestochen, damit er ins Gefängnis kommt, anstatt gehenkt zu werden. Die andere Hälfte ging an seine Familie. Esme könnte reich sein, wenn sie sich nicht so gut um ihre Leute und deren Familien kümmern würde. Andererseits, wenn die Gauner ihr gegenüber nicht so loyal wären, säße sie womöglich längst selbst im Gefängnis. Ich habe hart mit Esme verhandelt, sodass nun ein Viertel der Abschlusszahlung an mich gehen wird. Mehr als genug für ein paar schicke Kleider und Abendessen zusammen mit Wyn in feinen Restaurants. Vielleicht mischen wir uns sogar unter die feinen Herrschaften in der Oper.

Ich gebe Gregor den Bericht, den ich gerade auf Esmes gutem Papier verfasst habe. Bei Frau Och wage ich nicht Papier und Feder aufzubewahren; ein Hausmädchen mit Feder könnte leicht für eine Hexe gehalten werden, und auch wenn ich meine Harmlosigkeit schnell beweisen könnte, will ich keinen Verdacht erregen.

»Letzte Nacht bin ich in das Arbeitszimmer des Professors eingebrochen«, erkläre ich. »Ich bin auf einen Namen gestoßen, der wichtig sein könnte: Jahara Sandor. Sie sitzt im Hostorak-Gefängnis, 15c ist möglicherweise eine Zellennummer.«

»Hostorak!«, ruft Dek. »Das sind also nicht einfach irgendwelche reichen Dummköpfe, oder?«

Gregor überfliegt meine ungelenke Handschrift und nimmt einen Schluck aus seinem Flachmann.

»Und dann ist da noch der Hausgast im Keller«, fahre ich fort. »Ich habe das ungute Gefühl, dass er mit Tieren experimentiert. Gestern Nacht haben sie im Flur auf etwas geschossen, vielleicht mit Betäubungsmittel, aber ich habe nicht gesehen, auf was.«

»Ja, den Hausgast habe ich dem Kunden gegenüber letzte Woche erwähnt. Herr Darius, nicht wahr? Du sollst herausfinden, wer er ist und was genau er da macht.«

»Moment mal, Gregor. Ich dachte, sie solle nur eine reiche alte Dame ausspähen. Aber das klingt ganz anders«, sagt Dek. »Wie gefährlich ist dieser Auftrag?«

»Julia wird nicht erwischt werden«, erwidert Gregor wenig hilfreich.

»Natürlich nicht«, sage ich, ohne zuzugeben, wie kurz davor ich schon war. »Und wann bin ich da fertig? Wenn ich herausgefunden habe, was Herr Darius im Keller macht? Oder welches Interesse sie an einer Gefangenen aus Hostorak haben?«

Gregor zuckt die Achseln.

»Sieh dir diese Schwielen an.« Ich zeige ihm meine Hände. »Ich habe einen verdammten Abort geschrubbt! So viel Gemüse geschält, dass ich keine Karotten mehr sehen kann. Hast du schon mal einen Fisch geschuppt? Anschließend stinken deine Hände tagelang!«

»Jetzt weißt du wenigstens, dass du dich glücklicher schätzen kannst als die Hälfte der Mädchen in Spira«, sagt Csilla und zeigt mit ihrer noch unangezündeten Zigarette auf mich. Ich lehne mich auf meinem Stuhl zurück.

Das Gespräch verlagert sich auf Klatsch über Marianne Deneuve, eine Schauspielerin, die Csilla von früher kennt und die jetzt als Hexe gesucht wird.

»Sie ist spurlos verschwunden!«, sagt Gregor, während Csilla den Kopf schüttelt und sagt: »Ich kann es nicht glauben, ich kann es einfach nicht glauben.«

»Du hattest also keine Ahnung?«, fragt Esme.

»Nicht die geringste!«, entgegnet Csilla. »Sie war damals, als ich neu war, sehr nett zu mir, hat mir das eine oder andere beigebracht.«

Ich höre kaum zu. Es ist fast zwölf und ich kann nicht länger warten. Ich schlüpfe zur Tür hinaus, springe die Treppe zum Zimmer ganz oben hinauf und klopfe an die Tür. Als niemand antwortet, schiebe ich meine Haarnadel ins Schloss und stochere unbeholfen und geräuschvoll darin herum, bis es nachgibt.

Es ist ein tristes kleines Zimmer, ähnlich wie die Dachkammer, in der ich bei Frau Och wohne, aber dieses hier liebe ich. Das kleine Fenster geht auf den Platz und die spitzen Dächer des Twistviertels hinaus, doch die Vorhänge sind zugezogen. Ein Rest Glut glimmt noch im Kamin, gestern muss es also spät geworden sein. Auf dem Tisch liegt eine Pistole neben einer halb fertigen Kohlezeichnung vom Fitch-Platz. Wyn hat den kaputten Brunnen eingefangen, die verrückte Taubenfrau mit den ganzen Vögeln auf sich. Selbst wenn Wyn etwas Hässliches zeichnet, wirkt es auf seinen Bildern schön.

Wyn liegt nur halb zugedeckt auf dem Bett. Sein brauner Rücken und ein behaartes Bein sind zu sehen, das Gesicht ist abgewandt. Mich überläuft ein Prickeln und meine Knie werden weich. Das Herz hämmert mir in der Brust, mein Blut dröhnt und rauscht.

»Wyn«, flüstere ich und er rührt sich. Ich streiche mit der Hand seine Wirbelsäule entlang und langsam dreht er sich um. Dunkle Haare auf der Brust, lange dichte Wimpern, leidenschaftliche grüne Augen und, oh, diese Lippen, die sich zu einem schläfrigen Lächeln verziehen.

»Hallo, Braunauge«, sagt er. »Wie bist du hier reingekommen?«

Ich halte die Haarnadel hoch.

»Man ist nirgendwo sicher vor Spiras furchterregenden Dieben«, sagt er salbungsvoll.

»Sperrt eure gut aussehenden jungen Männer ein!«, verkünde ich im selben Tonfall, während ich mich auf die Bettkante setze und mich herunterbeuge, um ihn zu küssen.

»Ich dachte, wir hätten uns gerade darauf geeinigt, dass Schlösser gegen diese furchterregenden Diebe nichts ausrichten können«, sagt er und erwidert meinen Kuss, allerdings nur leicht.

»Das soll ein Kuss sein?«, beklage ich mich. »Seit einer Woche leiste ich Fronarbeit – ich glaube, ich habe was Besseres verdient!«

Er lacht und richtet sich auf. »Heulende Hunde, Braunauge, ich habe doch noch nicht mal gefrühstückt.«

Ich stoße ihn zurück und sage mit gespielter Strenge: »Das Frühstück kann warten.«

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Ohne zu wissen, warum, verlässt der Droschkenkutscher die immer noch belebten nächtlichen Straßen der Scola und überquert die Ganmorel-Brücke in Richtung Edgeviertel, wo die Verarmten und Verzweifelten ihrer Wege ziehen. Er kommt an den billigen Bordellen und Opiumhöhlen vorbei und die Droschke erklimmt den Berg Richtung Limory-Friedhof.

Etwas folgt ihm auf schnellen dunklen Beinen, etwas, was er nicht kennt, was ihn aber vorwärtstreibt.

Er parkt die Motordroschke und steigt aus, zieht verwirrt seinen Mantel enger. Der Winter liegt bereits in der Luft und die Straße ist menschenleer. Unsicher tritt er durchs Friedhofstor, dann bleibt er stehen, dreht sich um und lässt den Blick schweifen.

»Hallo?«, sagt er. Sein Atem steigt in einer großen weißen Wolke vor ihm auf.

Er hört, wie sich etwas im Schatten seiner Motordroschke bewegt, oder sieht es vielleicht, aber dann ist da nichts, nur Stille.

»Loderndes Kahge«, murmelt er. Er greift in seine Tasche, um die Pfeife herauszuholen, dann überlegt er es sich anders. Geht weiter in den Friedhof hinein, bleibt wieder stehen. Sein Verstand ist benebelt. Warum ist er hergekommen?

Die Luft wird kälter und jetzt hört er überdeutlich etwas in der Nähe atmen.

»Wer ist da?«, ruft er. Angst steigt in ihm auf und macht seinen Verstand klar. Raus hier! Gefährlich! Im Laufschritt kehrt er zu seiner Droschke zurück, aber am Tor verstellt ihm etwas den Weg.

Der Mond ist hinter Wolken verborgen, deshalb kann er es nicht genau erkennen. Es steht aufrecht, aber das Gesicht ist nicht menschlich, der Körper zu groß und geschmeidig für einen Menschenkörper. Er stößt einen erstickten Schrei aus, dreht sich um und rennt los.

Eine Art Knurren ertönt, dann liegt er bäuchlings im Kies. Er denkt an seine Frau, die zu Hause auf ihn wartet, an ihr gemeinsames Kind, das jeden Moment zur Welt kommen wird, und seine Angst weicht einem entsetzlichen Gedanken: Wie sollen sie ohne ihn überleben? Eine Hand reißt seinen Kopf an den Haaren nach oben. Etwas Feuchtes an seiner Stirn, sich ausbreitende Finsternis. Er denkt daran sich zu wehren, aber nur flüchtig, wie aus großer Ferne – dieses plötzliche, gewaltsame Ende ist bereits Teil der Geschichte eines anderen geworden.

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Mein Magen knurrt, aber ich ignoriere es, denn es ist erst zehn Uhr morgens. Ich beiße die Zähne zusammen und klopfe die großen Wohnzimmerteppiche aus, dass es nur so staubt. Es ist kühl und sonnig, wahrscheinlich der letzte schöne Tag, bevor der Winter die Stadt in seinen Griff nimmt. Von der Terrasse aus sehe ich, wie Florence und Chloe unten am Teich, wo die Schildkröten herausgekrochen sind, um sich zu sonnen, Wäsche zum Trocknen aufhängen. Bald muss an Waschtagen die Spülküche herhalten, aber heute ist es draußen angenehm, der Himmel von einem klaren, wolkenlosen Blau. Amseln kreischen in den Bäumen, die ihre bunten, welken Blätter auf dem ganzen Rasen verteilen.

Frau Ochs weitläufiger, von einer Mauer umgebener Garten würde äußerst malerisch wirken, wäre da nicht der große Haufen Erde, der den Rasen zwischen der Terrasse und dem Teich verunstaltet. Mal, der Gärtner, hat mir erzählt, dass dort bis vor ein paar Monaten ein hoch aufragender alter Kirschbaum stand. Er war uralt und dann, eines Sommertages, verschwand er und nur der aufgerissene Rasen blieb zurück, als wäre jemand vorbeigekommen und hätte einfach einen gut zehn Meter hohen Baum aus der Erde gezerrt und mitgenommen. Als er mir das erzählte, schüttelte er ausgiebig den Kopf und kratzte sich am Ohr, und ich musste ihm beipflichten, dass dies das Seltsamste war, was ich je gehört hatte. Manchmal geht Frau Och hinaus, eine Decke wie ein Schultertuch umgelegt, kniet sich neben die Stelle und lässt die Erde durch die Hände rieseln. Das fand Eingang in meinen ersten Bericht, weckte aber seitens des Kunden, wer immer er sein mag, keinerlei Interesse.

Obwohl erst Vormittag ist, haben wir bereits allen Bewohnern Kaffee und das Frühstück serviert, Feuer in den Kaminen gemacht und Wasser für Frau Och nach oben ins Badezimmer gebracht (soweit ich weiß, ist sie die Einzige, die die riesige Wanne benutzt – wie gerne würde ich sie selbst mal ausprobieren), die Spülküche gewischt, für Frau Freeley, die Köchin, die Zutaten fürs Mittagessen vorbereitet, Frau Ochs Badewasser ausgeleert (das nach ihrem Bad immer bemerkenswert sauber ist und nach Apfelblüten riecht), das Silber geputzt, die Vorhänge gebürstet und die Wäsche eingeweicht, gewaschen, gespült, mit Wäscheblau versetzt und ausgewrungen. Meine Arme sind steif und schmerzen und ich sehne mich nach einer Tasse Kaffee und einer Cremeschnitte.

»Schöner Tag«, sagt eine Stimme hinter mir und mir stehen die Nackenhaare zu Berge. Ich höre auf, die Wohnzimmerteppiche zu traktieren, drehe mich um und mache einen kleinen Knicks.

»Ja, gnädiger Herr.«

»Entschuldige, dass ich dich unterbreche. Könntest du die für mich anzünden, bitte?« Herr Darius wedelt mit der Pfeife in seiner Hand. »Ich habe mich am Arm verletzt.«

In der Tat ist seine andere Hand vollständig verbunden und er hält den Arm leicht angewinkelt, als hätte er Schmerzen.

»Selbstverständlich, gnädiger Herr«, sage ich. »Geben Sie mir ein Streichholz.«

Er reicht mir eine Streichholzschachtel und beugt sich mit der Pfeife im Mund vor. Während ich das Streichholz an die Pfeife halte, schaue ich ihm ins Gesicht. Er sieht mich mit seinen schiefergrauen Augen direkt an. Hastig senke ich den Blick und konzentriere mich auf die Pfeife.

»Bitte sehr, gnädiger Herr.«

»Danke.« Er richtet sich auf und nimmt einen Zug. Herr Darius ist ein gut aussehender Mann zwischen vierzig und fünfzig, kräftig gebaut und aus vornehmem Hause. Die Art Mann, den ich möglicherweise bestehlen würde, wenn ich auf der Straße an ihm vorbeikäme. Ich habe keine Ahnung, welche Beziehung er zu Frau Och hat oder warum er im Keller wohnt. Einen Moment glaube ich, er wird noch bleiben und sich mit mir unterhalten, aber dann schickt er sich an zu gehen, daher wage ich die Frage: »Was ist mit Ihrem Arm geschehen, gnädiger Herr?«

Seine Miene drückt augenblicklich Missbilligung aus. Ich hätte keine persönliche Frage stellen dürfen. Ich lächele ihn unschuldig an, aber das macht keinen Eindruck auf ihn.

»Ein Unfall«, sagt er barsch.

»Haben Sie starke Schmerzen?«, frage ich. »Kann ich Ihnen etwas holen?«

Er schüttelt den Kopf und geht davon. Ich sehe ihm nach, wie er über den Rasen schreitet und die saubere Wäsche mit Rauch benebelt. Florence und Chloe knicksen linkisch, als er an ihnen vorbeigeht. Ich frage mich, ob sie die Geräusche aus dem Keller gehört haben. Letzte Nacht war es wieder schlimm, aber keine von beiden hat etwas erwähnt.

Ich versetze den Teppichen noch ein paar Schläge, dann zerre ich sie vom Terrassengeländer und schleppe sie eilig zurück in den Salon. Frau Och wird jetzt in ihrem Lesezimmer sitzen oder sich hingelegt haben, Professor Baranyi und Frederick sind vermutlich wie immer bei der Arbeit, Frau Freeley ist in der Küche. Ich hole einen Schrubber und einen Eimer Wasser aus der Spülküche und gehe auf die Kellertreppe zu.

Ich weiß nicht, wie lange Herr Darius durch den Garten spazieren wird, aber dies ist eine seltene Gelegenheit und ich will sie nicht verstreichen lassen.

Der Flur am Fuß der Kellertreppe ist unbeleuchtet, aber das hält mich nicht auf. Ich eile voran, wobei Wasser aus dem Eimer schwappt, und stehe plötzlich in einem großen Weinkeller. Ich berühre eine der Flaschen und bekomme einen ganz staubigen Finger. Dann kehre ich um und nehme den Korridor nach rechts.

Ich überlege gerade, ob ich nicht besser mein Messer hätte mitbringen sollen, als ich von Licht geblendet werde, weil jemand um die Ecke biegt und mit mir zusammenstößt. Ich schreie auf, der Eimer zuckt in meiner Hand und die untere Hälfte meines Kleides wird von Seifenwasser durchnässt.

»Heulende Hunde!«, ertönt ein Fluch. Ich erkenne die Stimme, bevor die Laterne aus dem Weg schwingt und ich Frederick sehen kann, mit nassen Füßen, die Bruchstücke eines Holzstuhls unter dem Arm. Augenblicklich ist meine Angst verflogen. Frederick ist nur ein paar Jahre älter als ich und nett, glaube ich, von daher wird er Frau Och wahrscheinlich nicht verraten, dass ich war, wo ich eigentlich nicht sein dürfte. Chloe hat mir erzählt, dass er ein vielversprechender Student an der Universität war, dann aber sein Studium an den Nagel gehängt hat, um für den Professor zu arbeiten. Seine Eltern waren am Boden zerstört, hat sie gesagt. Er hat blonde Haare und helle Haut, trägt einen recht ungepflegten Bart und wirkt immer leicht überrascht, was aber womöglich nur an seiner runden Brille liegt. Jetzt gerade ist er natürlich wirklich überrascht.

»Verzeihung, gnädiger Herr!«, sage ich.

»Hat man dir nicht gesagt, dass du hier unten nicht sauber machen musst?«, fragt er.

»Doch, gnädiger Herr«, antworte ich. »Aber ich habe gesehen, dass Herr Darius im Garten ist, und dachte, es wäre nett, ihn ausnahmsweise mit einem sauberen Zimmer zu überraschen. Bestimmt ist es schon ganz schmutzig.«

Frederick lacht unbehaglich auf. »Es ist besser, niemanden zu überraschen, Fräulein … Ella, nicht wahr?«

Ich bin jetzt seit drei Wochen hier und keiner kann sich meinen verdammten Namen merken. Es ist ein falscher Name, aber trotzdem.

»Ja, gnädiger Herr.«

»Nun, ganz im Ernst, niemand hier im Haus schätzt Überraschungen«, erklärt er. »Selbst, wenn die Überraschung ein gewischter Boden ist.«

»Verstehe, gnädiger Herr«, sage ich.

Er lächelt zaghaft.

»Du musst mich nicht gnädiger Herr nennen. Ich bin hier auch nur angestellt.«

Das ist natürlich Unsinn. Er nimmt zusammen mit Frau Och und den anderen die Mahlzeiten ein und wir bringen ihm jeden Morgen Kaffee und sein Frühstück. Er steht nicht auf einer Stufe mit einem Hausmädchen, aber ich sage: »In Ordnung«, weil ich dieses Ja-gnädiger-Herr-nein-gnädiger-Herr-Gerede sowieso langsam satthabe. Ich lächele ihn an, damit ich nicht zu forsch wirke. »Was ist mit dem Stuhl passiert?«, frage ich dann.

»Kaputtgegangen«, sagt er.

»Das ist mir auch schon aufgefallen«, entgegne ich und er lacht.

»Er war sowieso nicht mehr der Beste«, sagt er. »Wir verwenden ihn als Feuerholz. Komm, wir gehen nach oben.«

Ich habe keine andere Wahl, als vor ihm her die Treppe hinaufzugehen.

Oben steht Florence mit geblähten Nasenflügeln, die Hände in die Hüften gestemmt. Einige Haarsträhnen haben sich unter ihrer Haube gelöst. Florence ist ganz dürr und kantig, ihre Augen sind etwas zu groß, ihr Mund ist etwas zu klein. Chloe und sie sind Cousinen und ähneln sich sehr, nur dass Chloes Züge ebenmäßiger sind und sie deshalb ziemlich hübsch ist, während Florence immer ein wenig gruselig aussieht.

Sie senkt den Kopf vor Frederick, der sagt: »Hallo, Florence«, und mir einen bedauernden Blick über die Schulter zuwirft, als er weitergeht. Er weiß, dass ich Ärger bekommen werde.

»Du sollst dort nicht hinuntergehen«, sagt sie.

»Ich dachte, ich könnte Herrn Darius’ Zimmer sauber machen, während er draußen ist«, entgegne ich. »Es muss doch inzwischen in einem schlimmen Zustand sein, oder nicht?«

»Das weiß ich nicht. Ich gehe nirgendwohin, wo ich nicht hingehen soll.«

»Ich dachte … nun, es war mein Fehler«, räume ich zerknirscht ein.

Das beschwichtigt sie nicht sonderlich. Ich glaube, Florence spürt schneller als andere, wenn jemand die Unwahrheit sagt. Sie wirft mir einen missmutigen Blick zu. »Geh zu Frau Freeley, sie braucht eine von uns als Küchenmagd.«

Florence ist nur ein paar Jahre älter als ich, aber seit meine Vorgängerin das Haus verlassen hat, ist sie das älteste Hausmädchen und nimmt ihre Rolle sehr ernst. Ohne etwas vom Keller gesehen zu haben, außer dass er dunkel und staubig ist, gehe ich lustlos und widerwillig zur Küche, Florences misstrauischen Blick im Nacken. Frau Freeley, ein ausladender Schinken von einer Frau, nichts als rotes Fleisch mit wässrigen kleinen Augen und ein paar grauen Haaren, erwartet mich bereits.

»Ach, du«, sagt sie und seufzt. Sie ist die Einzige, der meine Unerfahrenheit aufgefallen ist; ich habe keine Ahnung von Küchenarbeit. »Wir machen Vanillecremetorte. Macht dir das Angst, Mädchen?«

»Die Vanillecremetorte sollte Angst haben, Frau Freeley«, entgegne ich. »Tortenmamas erzählen ihren kleinen Tortenbabys zur Abschreckung Geschichten von der entsetzlichen Ella, wissen Sie.«

Frau Freeley zum Lachen zu bringen ist etwas, das ich sehr ernst nehme, denn ich glaube, es ist der einzige Grund, warum sie mich überhaupt duldet. Ihr Schinkenkörper wackelt beim Lachen, dann zeigt sie auf die Arbeitsfläche und sagt fröhlich: »Knete den Teig, Mädchen, und keine weiteren Frechheiten.«

*

Beim Mittagessen steht immer ein Hausmädchen im Esszimmer, während Frau Och, Professor Baranyi, Herr Darius und Frederick essen. Es fällt mir immer wieder auf, wie dieser spezielle Aspekt der Dienstbarkeit mein eigenes Talent widerspiegelt. Man steht dort, aber man ist unsichtbar, zumindest so lange, bis ein Becher nachgefüllt oder ein Teller abgeräumt werden muss.

Professor Baranyi geleitet Frau Och ins Esszimmer. Die beiden sind ins Gespräch vertieft. Aufgrund der Zeit, die er im Gefängnis verbracht hat, und seines Rufs als Ketzer ist der Professor das Objekt ehrfürchtiger Missbilligung und Getratsches unter den Hausmädchen. Seine Verbindung zu Frau Och verleiht ihm allerdings einen respektablen Glanz, denn Frau Och ist so reich, dass sie immer respektabel ist, egal, wie exzentrisch sie sein mag oder mit wem sie sich abgibt. Chloe hat mir erzählt, dass der Professor für Frau Och arbeitet und jetzt schon seit über einem Jahrzehnt bei ihr wohnt, aber niemand scheint genau zu wissen, worin diese Arbeit besteht. »Hat irgendwas mit Übersetzen zu tun«, hat Florence unbestimmt gesagt. »Er restauriert alte Bücher«, hat Mal, der Gärtner, gesagt. »Geht dich nichts an, du naseweises Ding«, hat Frau Freeley gesagt. Der Professor schwingt beim Reden energisch eine Zeitung.

»Natürlich ist es beunruhigend, aber ich glaube nicht, dass es irgendetwas mit mir zu tun hat«, sagt Frau Och.

»Aber warum sollte er sonst ausgerechnet hier in Spira sein?«, wendet der Professor ein.

»Er sucht nach jemandem …«, sagt Frau Och leise.

»Das alles kann kein Zufall sein, erst die Sache mit dem Baum und jetzt dieses …«, sagt der Professor, aber Frau Och bringt ihn mit einer Kopfbewegung zu Herrn Darius zum Schweigen.

Als der Professor sich setzt, werfe ich einen Blick auf die Zeitung. Sie ist zusammengefaltet und ich kann die Titelseite nicht sehen, deshalb trete ich einen Schritt vor und sage: »Soll ich die für Sie wegräumen, Herr Professor?«

Florence wäre entsetzt und Frau Och wirkt überrascht, als ich nach der Zeitung greife.

»Du kannst sie liegen lassen«, sagt Professor Baranyi unbekümmert.

Aber ich habe die Seite bereits glatt gestrichen, sodass ich die Schlagzeile erkennen kann: Droschkenkutscher auf dem Limory-Friedhof ermordet. Weiter unten auf der Seite sehe ich in kleinerer Schrift eine Notiz über Marianne Deneuve, Csillas alte Freundin vom Theater. Ich komme nicht dazu, mehr zu lesen, aber wenn die Nachricht über einen toten Droschkenkutscher größer aufgemacht ist als die Enthüllung, dass eine glamouröse Schauspielerin eine Hexe ist, nehme ich an, dass es sich um denselben Mörder handelt, der die Gouvernante mit aufgeschlitztem Schädel auf der Brücke zurückgelassen hat. Um den, der aus Nim hergekommen ist. Ich schaudere innerlich. Warum glaubt Professor Baranyi, das könnte etwas mit Frau Och zu tun haben?

Die Hausherrin beobachtet mich aufmerksam. Ich ...

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