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Schafe im Schnee

Huldar Breiðfjörð

Titlei

Ein Färöer-Roman

Aus dem Isländischen
von Gisa Marehn

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Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

Faereyskur Dansur

erschien 2009 bei Bjartur, Reykjavík.

Die deutsche Übersetzung wurde finanziell gefördert von

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ISBN 978-3-8412-0636-7

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Juli 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Copyright © 2009 Huldar Breiðfjörð

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung hißmann, heilmann, Hamburg

unter Verwendung eines Motivs von plainpicture/Mira

Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

In den Färöern weilten wir einen ganzen Halbmonat, und wir lagerten in dem Handelsort Tórshavn. Das Schiff ankerte im Kaldbaksfjord. Nahe am Ufer draußen im Fjord lebte der Rechtskundige Mikael í Lambhaga. Seine Gäste, ich, einige von dem Admiralsschiff samt dem Admiral selbst und die Kapitäne von den vier Schiffen blieben zwei Nächte. Wir wurden prächtig mit allerlei Speisen bewirtet und mit mannigfaltigen Sorten von Bier. Nämlich Met von dreierlei Art, vielerlei Hamburger Bier, Libysch Bier, Rostocker Bier, Trondheimer Bier, Kopenhagener Bier von zweierlei Sorte, englisches Bier von dreierlei Sorte, und zwar Ale, Starkbier und Schiff-Bier. Wir hatten viele Freuden, und lustig war es mit all den Musikinstrumenten und dem Tanz mit Vers und Gesang im Kreise auf färöische Weise.

– Aus dem Reisetagebuch

von Jón Ólafsson Indíafari (1593–1679)

Das Land des Lebens ich bald schon sehen kann,
Mit Freuden erwarte ich diesen Ort,
Alle Nacht der Erde bleibt in Ferne sodann,
Kein Tag noch jemals dunkelte dort.
Das Land des Lebens ist voll von Herrlichkeit,
Längst haben wir das hier erkannt,
Kein einz’ges gleicht diesem Land erdenweit,
Es ist unsrer Seelenhoffnung Heimatland.

Óli Reinert (1887–1974)

I

part1

1

Das Flugzeug senkt sich aus den Wolken herab, und die erste Insel erscheint; ihre Farbe irgendwie vertraut, braun oder gelbbraun, in einem eher grauen als blauen, weiß schäumenden Ozean. Dann taucht eine nach der anderen auf. Ein wenig kahler und mehr gekrümmt und gewölbt als du erwartet hattest. Die scharfen Linien und das Schwarz fehlen; alles ist etwas weicher. Nach der sanften Landung wird geklatscht. Hinter den Fenstern des kleinen Lufthafens steht erwartungsvoll eine Ansammlung von Leuten, die erschienen sind, um ihre Verwandten abzuholen.

Während du auf dein Gepäck wartest, besiehst du dir die färöischen Gesichter genauer. Sie ähneln den isländischen, sind aber trotzdem nicht genau gleich. Einige Leute wirken heller und frischer und erinnern an Dänen. Andere sehen aus, als wären sie eher straight, und erinnern deshalb ebenfalls an Dänen. Auch treibt sich da ein gewisses keltisches Element herum zwischen den Anoraks und Fellmützen – lange Nasen – häufiger dabei in den Gesichtern von Frauen. Doch letztendlich findest du, das Bemerkenswerteste an dem Grüppchen ist, wie verloren die Menschen wirken, und deshalb könnten sie ebenso gut isländisch sein.

Nachdem du die Zollabfertigung passiert hast (wo niemand Dienst hatte), begibst du dich zum Infotresen und erkundigst dich verlegen auf Englisch, wann denn der nächste Bus nach Tórshavn fahre. Die Dame am Schalter reicht dir eine Broschüre, auf der Ferðaætlan – Fahrplan – steht, und antwortet bedächtig auf Englisch, dass der Bus abfahre, sobald alle aus dem Flieger ausgestiegen seien. Du überlegst, warum sie dir den Fahrplan gegeben hat, wenn doch etwas Anderes darüber bestimmt, wann der Bus abfährt. Dann gelobst du dir zu versuchen, in den nächsten vier Wochen ein bisschen Dänisch zu sprechen.

Du trittst nach draußen in ein mildes Wetter; Windstille und diese fünf Grad über Null, von denen deine Mutter der Meinung ist, sie herrschten mehr oder weniger das ganze Jahr über auf den Färöern. Vor dem Lufthafen wartet nur ein Bus, und auf dem steht Strandfaraskip Landsins, Landesküstenschifferei. Hinter dem Lenkrad sitzt der Fahrer und schwatzt in ein Mobiltelefon. Er trägt dieselbe angeklatschte Wasserfrisur wie viele seiner isländischen Kollegen.

Die Landschaft auf der Fahrt vom Lufthafen erinnert dich abwechselnd an die isländischen Westfjorde und Ostisland. Nur dass alles geschwungener, zurückhaltender ist und die Berge weniger hoch sind. Die Straße führt durch zwei neue Tunnel und ein paar nette Dörfer, in denen niemand draußen zu sehen ist. Du vertreibst dir die Zeit damit, die Schilder zu lesen und lernst die Wörter einvegis und útsøla, Einbahnstraße und Schlussverkauf. Knapp eine Stunde später rollt der Bus am Busbahnhof von Tórshavn auf ein paar andere Landesküstenschiffe zu.

Alles ist vertraut und fremd zugleich. Du kommst dir vor, als wärst du in Hafnarfjörður, im Einzugsgebiet von Reykjavík. Nur, dass auf dem Schild über der Verkaufsluke am Busbahnhof Kiosk steht. Du kaufst dir dort einen Kaffee und rufst dann die Nummer an, die du bekommen hattest. Andreas antwortet und erklärt in diesem Englisch, das er wahrscheinlich eher in einer Sprachschule als vom Fernseher gelernt hat, dass er in so um und bei fünf bis sieben Minuten da wäre. Der Kaffee ist gut.

Und sechs Minuten später fährt ein blauer Pkw auf dem Platz vor. Heraus steigt ein Mann in den Fünfzigern mit kurz geschnittenem Haar und Oberlippenbärtchen – Andreas. Er ist sehr bemüht und scheint sich gerade daran zu erinnern, dich zuerst einmal in Tórshavn willkommen zu heißen. Schaltet dann einen Gang runter und fragt in putzig akkuratem Englisch, ob du eine Bettdecke, Kopfkissen und derlei Zubehör mitgebracht hättest. Als du verneinst, nickt er und scheint eine Bestätigung für irgendetwas zu erhalten, das er schon vermutet hatte; fast so, als sei er erleichtert.

Andreas erlaubt sich eine kurze Pause, um zu Atem zu kommen, und beginnt dann, einen bestimmten Plan –  beziehungsweise Itinerary  – zu erläutern. Zuerst werdet ihr zu einem Geschäft fahren, welches Sjemman heißt, um Bettdecke, Kopfkissen und derlei Zubehör zu kaufen. Das muss sofort erledigt werden, damit daraus später keine Probleme entstünden. Und wenn das getan ist, dann wird er dir das Zimmer zeigen. Darauf schweigt er und wartet gespannt auf deine Reaktion auf diesen durchdachten Plan. Du nickst zustimmend. Und wieder ist er erleichtert.

Auf dem Weg zu Sjemman erklärt Andreas, dass zu dieser Zeit (kurz nach vier) viele Leute von der Arbeit kämen und auf dem Nachhauseweg sind. Daher sei so starker Verkehr. Der Autoverkehr ist tatsächlich auffallend dicht – gemessen daran, wie ruhig und beschaulich alles ringsum ist; kaum eine Person ist zu Fuß unterwegs. Tórshavn wirkt bald wie eine Mischung aus Hafnarfjörður und Akureyri mit den zahlreichen Steigungen. Andreas weist dich auf das Haus der Nordischen Länder und die Zentrale von Kringvarp, dem färöischen Staatsfernsehen, hin. Dann verzieht er das Gesicht und fügt hinzu, dass das färöische Fernsehen sehr schlecht sei und im Grunde nur eine Mischung aus dänischen und englischsprachigen Fernsehsendungen. Genau wie das isländische Fernsehen, denkst du, verziehst aber das Gesicht nicht.

Andreas erzählt dir, dass es auf den Inseln drei Radiosender gäbe: Rás 1, Rás 2 und den christlichen Sender Lindin. Während du ihm zuhörst, ziehst du in Erwägung, dass Andreas seiner Sprechweise nach zu urteilen wahrscheinlich jemand ist, der niemals die Hände in den Schoß legt. Du betrachtest ihn fortan als einen kunstfertigen Handwerker, für den die englische Sprache wie ein großer Baum ist. Jedes Mal, wenn er etwas sagt, hast du das Gefühl, er fälle zunächst den Baum und mache sich anschließend daran, Sätze und wunderschöne Wörter herauszuschnitzen, die er dann wie färöische Kostbarkeiten auf dem Armaturenbrett des Wagens arrangiert. Dort darfst du sie berühren, sie dir ansehen und versuchen, ihre Bedeutung zu erfassen.

Es stellt sich heraus, dass Sjemman Skemman heißt. Das Schild außen am Gebäude ist dir vertraut, und im Inneren empfängt uns derselbe Geruch wie im Dänischen Bettenlager. Andreas greift sich im Eingang ein Angebotsblättchen und geht alle Preise genau durch. Er findet heraus, dass eine bestimmte Andrik-Bettdecke sowie das passende Zubehör, ein besonderes Set of Proposals, am günstigsten ist. Doch so wie es hin und wieder im Dänischen Bettenlager vorkommt, hat er Schwierigkeiten dabei, die Decke in dem rumpeligen Geschäft zu finden. Daher ist Andreas, der immer noch das Blatt in den Händen hält und sorgfältig alle Preise durchgeht, kurz darauf von drei Verkäuferinnen umringt. In einem günstigen Moment flüstert er dir zu, dass nämlich der Preis in diesen Faltblättern oft besser sei als in der Realität selbst. Danach wendet er sich wieder den Verkäuferinnen zu, und eine von ihnen eilt flink ins Lager.

Die Decke und das passende Zubehör kommen zum Vorschein, so geht ihr zur Kasse, damit du bezahlen kannst. Dort steht eine desinteressierte Frau in einem weiten Sweatshirt mit dem Logo des Hauses. Andreas beobachtet alle Zahlen, die sie eingibt, genau und vergleicht sie umgehend mit den Preisen im Prospekt. Du stopfst deine Artikel in eine Tüte und sinnierst darüber, wie solch ein Mensch wohl erst wird, wenn er sich eine Wohnung kauft. Als ihr dann endlich nach draußen geht, bittet er dich, doch noch einen Moment im Eingang zu warten, während er zurück in den Laden springt und die Preise ein weiteres Mal vergleicht; um ganz und gar sicher zu sein. Du schaust ihm hinterher und sagst dir, dass Andreas nur eine einzelne Person sei und nicht eine ganze Nation. Jemand, der möglicherweise eine gewisse Zeit in Dänemark verbracht hat. Es sollte sich noch zeigen, dass es zutraf.

Auf dem Weg zum Auto erklärt Andreas, als Nächstes wäre der zweite Teil des Planes an der Reihe – das Zimmer. Ihr fahrt auf die Nördliche Ringstraße hinaus und steuert in westliche Richtung. Er erzählt, das Zimmer sei eines von acht weiteren in einem Communal Settlement mit Gemeinschaftsküche. In dem Haus wohne noch ein Isländer, und die anderen Mieter seien Färinger. Unter ihnen ein arbeitsloser Typ, vor dem er dich warnen möchte, weil er etwas viel Musik spiele und spät zu Bett ginge. Hoffentlich werde dich das nicht stören. Dieser Typ sei eine so genannte B-Person. Du nickst. Die Nördliche Ringstraße geht in den Marknagilsvegur über. Nach einer Weile sagt Andreas, dass er sich darauf freut, dir das Zimmer zu zeigen, da die Aussicht von dort ausgesprochen schön sei. Er denke selbst oft daran als a room with a view. Danach ist er eine Weile still und scheint gespannt zu sein. Ergänzt dann, dass er sich hin und wieder, wenn er nicht einschlafen könnte, vorstellt, wie er am Fenster dieses Zimmers stehe und hinausschaue. Da lächelst du. Und er ist erleichtert. Lacht, als wäre er damit ein Stückchen zu weit gegangen. Etwas später lenkt er den Wagen den Svalbarðsvegur hinunter, biegt in die Fagralíð – also Schöner Hang – und hält vor dem hässlichsten Haus von ganz Tórshavn.

2

Das Dach schien defekt und die schwarze Holzverkleidung sich bereits zu lösen. Am Giebel hing eine neuere Satellitenschüssel. In der oberen Etage befanden sich vier Schlafräume nebst Badezimmer  und zwei Waschmaschinen. Die untere Etage teilte sich in Küche, Toilette und vier weitere Räume  auf. Auf der Fußmatte im Eingang lag ein Haufen Schuhe, und das Handtuch in der Toilette war schwarz. Doch im Übrigen schienen die Mitglieder des Communal Settlement neben ihrer Arbeit keine weiteren Gemeinsamkeiten zu haben. Die meisten verließen das Haus frühmorgens. Dennoch war tagsüber manchmal irgendwo im Haus Musik zu hören, sodass – egal wann – irgendjemand scheinbar immer zu Hause war.

Mein Zimmer ging von der Küche ab, und die Aussicht war tatsächlich schön. Das Fenster ging nach Süden; über die bunten Dächer von Tórshavn und hinaus auf den graublauen Nólsoyar-Fjord. Unter dem Fenster stand ein Bett und in einer Ecke ein Kleiderschrank von Skemman. Andreas und ich  hatten uns gegenseitig dabei unterstützt, das Auto zu entladen und einen zusammenklappbaren Schreibtisch (Escritoire), zwei Stühle (Stacking Chairs), einen kleinen Couchtisch (A Minuscule Living Room Stand) und einen Fernseher (Idiot-Box) hineinzutragen. Danach hat er mir den Zugang zum Internet im Haus eingerichtet und erklärt, dass Alkoholmissbrauch nicht geduldet würde. Zum Schluss gab er mir eine Rolle Toilettenpapier und sagte, dass sich diesbezüglich alle selbst versorgten.

Dennoch blieb die Frage offen, ob sich in diesem Heim überhaupt jemand um etwas kümmerte. In der Küche konnte man kaum die Wände sehen vor lauter Verhaltensregeln mit immer mehr und mehr Ausrufezeichen, die mir trotzdem nicht befolgt zu werden schienen. Die Spüle war voller Nudelsuppe, auf der grünen Tischdecke lag etwas Seltsames, und der Kochherd wirkte geradezu ekelerregend. Über allem lag eine Fettschicht und auf dem Fußboden waren so viele Krümel, dass man vorsichtig herumtippeln musste  – so als ginge man barfüßig über Lava. Obwohl es sich um eine Gemeinschaftsküche handelte, bewahrten die Bewohner ihre Lebensmittel in den Zimmern auf. So bot der Kühlschrank einen Blick ins Leere.

Am Nachmittag trudelten die Leute zu Hause ein. In den Zimmern wurden Fernseher eingeschaltet und Computerspiele gestartet. Auch schienen unheimlich viele in diesem Haus Gitarre spielen zu lernen. Die Person, die direkt über mir wohnte – und der ich noch nicht begegnet war  –, rutschte regelmäßig auf einer E-Gitarre durch sämtliche Death-Metal-Titel. Aus einem anderen Zimmer konnte man hin und wieder einen viel empfindsameren Menschen sanft einen alten Schlager anrühren hören. Und vorne irgendwo hatte ein weiterer Bewohner die Neigung, eine Akustikgitarre zur Hand zu nehmen und von sich hören zu lassen.

Die Küche war in der Tat unwahrscheinlich dreckig, gemessen daran, dass sie hauptsächlich als Raucherecke und an den Abenden zum Yahtzee spielen genutzt wurde. Die Einzigen, die in der Küche kochten, waren ein Paar in den Zwanzigern – Húni und Katrín  –, das in einem Zimmer vorn am Eingang wohnte. Kurz nachdem sie von der Arbeit nach Hause kamen, setzten sie sich mit einem Notebook und einer norwegischen Pizza aus der Packung – von der Húni behauptete, sie sei die beste der Welt – an den Küchentisch und sahen sich etwas Lustiges auf YouTube an. Er war blond, fuhr einen Milchwagen und fand es bequem, nur in Unterhosen herumzulaufen, wenn er den Arbeitsoverall ausgezogen hatte. Sie arbeitete in einem Hotel und war so zurückhaltend, dass sie ihm ins Ohr flüsterte, wenn ich mich in der Küche aufhielt. Húni lachte ständig über das, was sie sich ansahen und erklärte ihr dazu, was da so lustig war, so wie es dem Mann gebührt, wenn er meint, die Frau verstünde nicht gut genug.

Der, der im Zimmer neben mir wohnte, hieß Beinir und nutzte die Küche zum Yahtzee spielen mit seinen Freunden, die zu Besuch hereinschauten. Er schien knapp über zwanzig zu sein, war durchtrainiert und erzählte mir, dass er in einem Lager arbeite. Ansonsten wirkte er ruhig und unsicher. Auch mit den Zigaretten, die er offensichtlich erst seit kurzem rauchte. Am besten war es daran zu erkennen, wie vorsichtig er sie im Aschenbecher abklopfte. Beinir neigte dazu, die Gitarre zur Hand zu nehmen, während sich seine Freunde eher über den Würfeln und der Punkteliste aufrieben. Ich hatte den Verdacht, er ist der Mann hinter der sentimentalen Schlagermelodie.

Ich war auch auf einen jungen Kerl mit struppigem Haar gestoßen, der wahrscheinlich mit im Haus wohnte, denn er war dabei, sich ein Mikrowellengericht aufzuwärmen. Und manchmal sah ich irgendwelche Typen vorbeischießen, wenn sie das Haus betraten und gleich zur oberen Etage hochliefen, oder umgekehrt. An diesen ersten Tagen hatte ich also andere Hausbewohner eher wahrgenommen als sie direkt getroffen. Die Leute hielten sich überwiegend in ihren Zimmern auf, und wenn sie in der Küche saßen, wenn man dort etwas holen wollte, war es schwierig zu erfassen, ob man vielleicht gerade störte. Obwohl genug Akustikgitarren vorhanden waren und einer gern halb nackt herumflitzte, war es keine Kommune dieser Art.

Der Einzige, zu dem ich eine Art Verbindung geknüpft hatte, hieß Daníel und wohnte in einem Zimmer in der unteren Etage. Er rauchte in der Küche, sodass wir uns hin und wieder über den Weg liefen, wenn ich nach vorn ging, um mir einen Kaffee aufzubrühen. Als ich ihn zuerst sah, kam mir eigentlich der Gedanke, er wäre jene arbeitslose B-Person. Er schien ein bisschen depressiv, wie er so gebeugt am Tisch saß mit einem roten Päckchen Prince vor sich. Doch Daníel erzählte, er arbeite als Asphaltierer und erläuterte, dass es möglich wäre, auf den Färöern beinah das ganze Jahr hindurch zu asphaltieren, weil es so wenig schneite. Als ich ihm erzählte, mich auf einer vierwöchigen Reise zu befinden, legte sich ein Ausdruck der Verwunderung auf Daníels Gesicht, und er fragte, warum ich beschlossen hätte, die Inseln im Februar zu bereisen. Da fiel mir keine andere Antwort ein, als dass ich einfach Lust dazu hatte. Er entgegnete, er hoffe, dass ich gutes Wetter bekäme.

An dem Abend begann es zu schneien. Während ich den Grønlandsvegur zur Innenstadt hinunterschlenderte – um zu versuchen, vielleicht eine Imbissstube zu finden  –, sah ich Daníels Miene vor mir und dachte darüber nach, was ich hier überhaupt tat. Was wollte ich hier den nächsten Monat lang tun? Ich fühlte mich eher so, als wäre ich schon einmal in Tórshavn gewesen und die freundliche Umgebung käme mir gerade wieder in Erinnerung, als dass ich sie zum ersten Mal erblickte. Die zusammengedrängte Siedlung war dann doch farbenfroher als ich erwartet hatte. Jedoch kaum irgendetwas verwies darauf, dass sie sich im Ausland befand. Zumindest schienen hier alle in ihren Autos genauso verwundert auf einen Fußgänger zu gucken wie zu Hause.

Der Schneefall wurde immer dichter. Ich bemerkte, dass einige Autobesitzer die Scheibenwischer von den Scheiben abgewinkelt hatten, sodass sie in die Luft ragten. Wahrscheinlich, damit die Blätter keinen Schaden nähmen, falls es Frost gäbe. Die Allervorsichtigsten hatten tatsächlich die Wischer ganz abmontiert. Und sie mit ins Haus genommen? Auch wenn ich fand, dass diese vorbeugende Maßnahme der Bewohner von Tórshavn etwas über sie aussagte, war es doch so, als hätte ich das schon einmal anderswo gesehen. Daheim? In Dänemark?

Als ich unten im Zentrum ankam, war der Schneefall zu einem undurchdringlichen Schneesturm angewachsen. Die Statuen hatten ihre Schultern bis zu den Ohren hochgezogen oder sich unter großen Bäumen zusammengekauert. Im Übrigen schien ich der Einzige zu sein, der in Tórshavn draußen war. Bestimmt waren alle zu Hause und wechselten sich dabei ab, die Wischerblätter warm zu halten. Obwohl ich eine Stunde suchte, entdeckte ich nirgendwo einen Imbissstand. Als ich endlich am Verkaufsfenster einer Pizzabäckerei vorbeikam, war dort schon geschlossen. Da zog ich den Kopf ein und ging wieder nach Hause.

3

Tórshavn liegt größtenteils in einer Art Senke und bot einen netten Anblick. Die Häuser waren überwiegend ein- oder zweistöckig und mit Holz verkleidet. Aus einigen Schornsteinen stieg Rauch auf. Im westlichen Teil konnte man sogar sehen, wo niedrige Blöcke und Reihenhäuser errichtet worden waren, die Vorzeichen auf ein neues Viertel bildeten. Dennoch ergab alles ein schönes Gesamtbild, und von der Stadt strahlte eine Wärme aus, die das unzuverlässige Wetter wieder aufwog. Das höchste Gebäude von Tórshavn schien der ungefähr fünfzig Meter hohe Kirchturm zu sein.

Die Innenstadt wird im Süden vom Hafengelände und im Norden von einer Verkehrsstraße begrenzt. In ihrer Mitte lagen die Tourismuszentrale und ein einladender Buchladen, in dem die meisten Titel allerdings auf Dänisch sind. Der Plattenladen, der sich an der nächsten Ecke befand, war schon interessanter, denn er hat sich auf färöische Musik spezialisiert. In den anliegenden Straßen waren auffällig viele Wollläden, Bars und Gemeindehäuser von Religionsgemeinschaften. Schließlich schienen diese drei Dinge wunderbar zusammenzupassen.

Es war erstaunlich, wie viel Verkehr auf den Straßen der Hauptstadt herrschte. Rote Busse und unheimlich viele Taxis, gemessen daran, dass dort bloß um die zwanzigtausend Leute leben. Es sei denn, ich habe immer wieder denselben Wagen gesehen? Fußgänger waren nur wenige unterwegs. Aber immerhin doch ein paar. Während ich Fish and Chips aß, die man an einem Fenster in der Stadt kaufen konnte, studierte ich die Gangweise der Tórshavner. Einige Jahre zuvor hatte ich – bei einem Würstchen am berühmtesten Hotdog-Stand der Stadt  – herausgefunden, dass die meisten Reykjavíker so gehen, als eilten sie gerade zur Bank. Daher war es amüsant, bei einem neuerlichen Imbiss zu entdecken, dass die Menschen in Tórshavn sich bewegten, als wären sie schuldenfrei. Sie wirkten entspannter und frei von jedweder Überheblichkeit; tänzelten dabei sogar ein wenig.

Zudem schienen die Räumlichkeiten von Intrum Justitia, gleich neben dem Plattenladen, leerzustehen. Durch die verstaubten Jalousien schimmerten ein Schreibtisch, leere Regale und Krempel auf dem Fußboden. Das Unternehmen war wohl pleite gegangen, da die Möbel noch hier standen. Keine Intrum? Das erfüllte mich mit einem Gefühl von Sicherheit und machte das Stadtzentrum noch liebenswerter. Es war zugleich so, als ob sich einige Passanten einen Spaß daraus machten, noch ein paar Tanzschritte mehr einzulegen, wenn sie an dem leeren Gebäude vorbeikamen. Und wenn man bedenkt, wie Andreas mit Geld umging, schien es wirklich hoffnungslos, auf den Färöern ein Inkassounternehmen zu betreiben.

Die Niels-Finsens-Straße führte von der Innenstadt zu einem großen öffentlichen Park mit dem Namen Viðarlundin. In dieser Straße befanden sich mehrere schöne Häuser, ein verlorener Döner-Stand und natürlich ein Büro von Amnesty International. Von dort war es nicht weit bis zum Einkaufscenter, in dass ich mich hin und wieder rettete, wenn das Wetter jeglichen Anstand verlor. Es war schwarz mit roten Giebeln und erinnerte an das Hotel und Restaurant Fjörukráin in Hafnarfjörður. Drinnen schlenderten Leute über den Marmorboden zwischen Läden, die Namen trugen wie zum Beispiel Skálkur, Gellan oder einfach Sportmaster. Hier, so wie anderswo auf der Welt, hatte die Jugend des Landes herausgefunden, dass nichts erbaulicher ist, als sich zwischen Geschäften und Imbissläden aufzuhalten. Und den Geruch von frittierten Pommes ringsum wahrzunehmen.

Selbst hing ich viel in dem großen Lebensmittelladen im Kellergeschoss herum. Dort gab es alles vom italienischen Käse bis zur isländischen Pita-Sauce, allerdings doch kein Grindwalfleisch. Eine etwas genervte Frau am Fleischtresen erklärte mehrere Male auf Färöisch, dass der Amtsarzt den Verkaufsstellen davon abgeraten hätte, getrockneten Grindwal anzubieten, weil er in dieser Saison außergewöhnlich stark quecksilberbelastet sei.

Hatte das Wetter sich aufgeheitert, verließ ich das Einkaufscenter wieder und bummelte zu dem öffentlichen Park. Dort konnte man wunderbar die Gehwege entlangziehen und darüber nachdenken, wie Tórshavn in dem Buch, das ich vorhatte zu verfassen, beschrieben werden könnte. Die Stadt war vielleicht altmodisch, aber auf keinen Fall direkt schäbig so wie Reykjavík. Die äußeren Einflüsse waren dänisch und nicht amerikanisch. Und im Grunde war es eine Frage, ob diese Einflüsse überhaupt als fremd gelten konnten. Ich hatte zudem immer noch dieses Gefühl, dass mich die ganze Zeit gar nichts überraschte. Wahrscheinlich wirkte Tórshavn auf ähnliche Weise auf mich, wie die Hauptstadt von Island auf die meisten Ausländer wirkte; als ein kleiner und freundlicher Ort. Nur ohne Intrum Justitia.

An den Abenden allerdings verdunkelte sich Tórshavn auffällig. Hinter den Wohnzimmerfenstern flimmerten Flachbildschirme im Dunkeln, und manchmal war der Schein eines Scheibenwischerheizers auszumachen. Die Färinger schienen in ihren Wohnungen sparsam mit dem Strom umzugehen. Die Straßenbeleuchtung war auch nur schwach und die Abstände zwischen den Laternen groß. Die Gehsteige entlangzuwandern war nicht viel anders, wie abwechselnd in ein Flutlicht hineinzutauchen und wieder herauszutreten. Das konnte einem seltsam den Körper bewusst machen. Man bekam sogar das Gefühl – wenn sich ein Auto näherte, während man unter eine Laterne kam –, es wäre ganz gut, sich jetzt ordentlich darzustellen! Zum Glück war an den Abenden wenig Verkehr, und oft war es mäuschenstill auf den Straßen.

Meist saßen an den Abenden ein paar Leute in den Kaffeehäusern, und zwar überwiegend in dem neuesten der Stadt. Es hieß Hvonn Brasserie und gehörte zum Hotel Tórshavn, welches am Hafen lag. Das war ein Laden mit dänischem Touch und unheimlich smart, verglichen mit fast allem anderen in Tórshavn. Über langen Tischen und schwarzen, lederbezogenen Bänken hingen Designerlampen. Zum Kaffee wurde dasselbe trockene Biscotti-Kekschen gereicht wie vielerorts in Kopenhagen. Manchmal wurde live Jassur – Jazz – gespielt, und dann füllte sich der Laden mit bebrillten Menschen.

Es war herrlich, da im Leder zu sitzen, Biscottis zu knabbern und die anderen Gäste an den Tischen zu beobachten; die Jungs mit strähnigem Haar und die Mädchen in den gleichen hohen Stiefeln, wie die zu Hause. Mir erschienen die Färinger schüchtern und freundlich, oder einfach nur sanft. Ansonsten sah ich keinen großen Unterschied zwischen ihnen und meinen übrigen Verwandten. Wenn ich versuchte, Gespräche zu belauschen, hatte ich immer den Eindruck, das Färöische zu verstehen, nur dass ich nicht deutlich genug gehört hätte, was die betreffende Person gerade gesagt hatte. Dazu fehlte immer nur ein ganz kleines bisschen.

Nachdem ich ein paar Stunden damit verbracht hatte, die Ohren zu spitzen, bei gedämpftem Jazz, war die abendliche Ruhe in Tórshavn mit nichts zu vergleichen. Es war ganz so, als bliese mir Gott selbst –  der in so vielen Häusern dort ringsum lebte – sanft in beide Ohren. Diese kitzelnde Stille trieb mir Tränen in die Augen. Hin und wieder musste ich geradezu aufschauen, damit ich nicht zu weinen anfing.

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