Logo weiterlesen.de
Saltimbocca

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

1

2

3

4

5

6

7

8

9

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne ...

Für Inhaber und Angestellte der Trattoria Pallotta,

die ihren Gästen seit 180 Jahren beste römische

Küche und ein unvergleichliches Ambiente bietet.

1

Ein ansehnliches und einladendes Lokal. Höchst erstaunt hat uns allerdings, daß (...) kaum eine Speise wirklich gelungen ist.

(Gambero Rosso – Restaurantführer Italien Nord und Rom)

Die italienische Flagge hing lasch vor dem Nachthimmel. Bruno Brunetti lehnte an der Mauer und starrte nach oben, während er sich ein paar Sonnenblumenkerne in den Mund rieseln ließ. Der Palast hinter ihm beherbergte die »Ständige Vertretung Italiens bei der Organisation der Vereinten Nationen«. Es genügte anscheinend nicht, daß jeder verdammte Staat der Erde gleich zwei Botschaften in Rom unterhalten mußte, eine bei der Italienischen Republik, die andere beim Heiligen Stuhl. Ganz zu schweigen von den Maltesern, den Rittern vom Heiligen Grab, dem Orden vom Goldenen Vlies und zig anderen dubiosen Gesellschaften.

Brunetti kaute Sonnenblumenkerne und zählte sich alle verdammten Staaten der Erde vor, die ihm einfielen. Er war bei Nummer 67, Sierra Leone, angekommen, als sich der Portone des Palazzo gegenüber öffnete und ein älterer Mann auf die Piazza Margana heraustrat. Er trug weiße Schuhe, einen weißen Leinenanzug und einen lächerlichen Borsalino. Es war 21.12 Uhr. Der Mann zog die schwere Tür hinter sich zu und verharrte einen Moment. Im Schein der Straßenlaterne konnte Brunetti seine Gesichtszüge klar erkennen. Der Mann schlenderte nach links.

Brunetti steckte die Tüte mit den Sonnenblumenkernen ein, zog das Porträtfoto aus seiner Hosentasche und warf einen Blick darauf. Kein Zweifel. Der Borsalino-Typ war Lorenzo Ferreri. Brunetti murmelte in sein Diktaphon: »25. Mai des Jahres 3 n. B. Z., 21.12 Uhr: ZP verläßt Wohnhaus Piazza Margana Nummer 39 in Richtung Teatro Marcello. ÜP folgt.«

Die überwachende Person war er selbst, Privatdetektiv Bruno Brunetti. Und an der Zielperson interessierte ihn lediglich die Frage, ob sie Ehebruch beging. Für dieses Interesse wurde Brunetti bezahlt. Von der Frau der ZP.

Brunetti wuchtete die Eisenkette durchs Hinterrad seiner Vespa und schloß beide Schlösser ab. Die Zielperson ging zu Fuß. Normalerweise konnte man Überwachungsaufgaben in Rom ohne ein Fahrzeug schlicht vergessen. Ein stautaugliches, fußgängerzonengeeignetes Fahrzeug wie Brunettis 125er Vespa zum Beispiel. Und ohne eine Eisenkette mit armdicken Gliedern blieb man in Rom nicht lange Besitzer einer Vespa. Brunetti hatte seine mal einem Schrotthändler an der Via Aurelia abgekauft. Er vermutete, daß sie von einem geklauten Abschleppwagen der Stadtpolizei stammte. Es war auf jeden Fall ein schönes Stück.

Brunetti warf sich seinen Rucksack um und trottete im

Abstand von etwa vierzig Metern hinter der ZP her. Er hielt sich nah an der Mauerfront, strich am abblätternden Putz der Palazzi in der Via dei Delfini entlang, die im Licht der römischen Straßenfunzeln schmutzig rot schimmerten. Brunetti überwachte gern fremdgehende Ehemänner. Oder auch Ehefrauen. Das war seine Spezialität. Es waren eigentlich die einzigen Aufträge, die er noch bekam, nachdem er sich ein paarmal geweigert hatte, ausgerissene Jugendliche wieder einzufangen und in die Hölle gutbürgerlicher Elternhäuser zurückzuschleppen, vor der sie geflohen waren. Seitensprünge nachzuweisen hielt er dagegen für moralisch vertretbar und persönlichkeitsbildend. Erstens schulten die stundenlangen Wartereien vor irgendwelchen verdammten Haustüren die Geduld, und zweitens bewies jeder Erfolg von neuem, daß Liebe und Treue einfach lachhaft waren, Ideechen, die blutleer durch Heftchenromane hirngespinsterten, in Wirklichkeit aber unerbittlich der Zeit zum Opfer fielen, auch wenn sich irgendwelche frisch verknallten Kinder tausendmal das Gegenteil schwören mochten.

Lorenzo Ferreri überquerte die Piazza Campitelli so gemächlich, als spaziere er mit einem Eis in der einen Hand und der rechtmäßig angetrauten Ehefrau am anderen Arm die Schaufenster der Via Condotti ab. Vor dem Strahlenkranzjesus am Ende der Via della Tribuna di Campitelli bog er nach rechts in eine krumme Gasse mit winkligen mittelalterlichen Häusern, vermauerten Türen, halben antiken Bögen, kleinen Balkonen, von denen der Duft wild wuchernder Oleanderbüsche in die Nacht strömte. Brunetti verkürzte den Abstand etwas, mußte Ferreri aber aus den Augen lassen, als dieser nach links in das Labyrinth von Passagen bog, die ins Herz des ehemaligen Ghettos führten. Als Brunetti neben der Kirche Sant’Angelo in Pescheria zwischen antiken Säulenstümpfen auf die Via Portico d’Ottavia hinaustrat, war die Zielperson wieder vor ihm. Genau im richtigen Abstand.

Die Luft war lau, ein kaum merklicher kühler Hauch kam vom Tiber herüber. Ein idealer Abend, um sich ein wenig die Beine zu vertreten, bevor man seine Frau betrog. Ferreri schlenderte an Deutschen und Amerikanern vorbei, die die Speisekarten der Restaurants studierten, auf denen echt jüdische Speisen versprochen wurden. Der Wirt des Giardino Romano lehnte an der Tür, von fern tönte Autoalarm, und Ferreri ging unbeirrt weiter, bog schließlich nach links zur Piazza Quattro Scole, schritt am friedlich plätschernden Brunnen vorbei und stieg vor der Kirche eine Gasse hoch, die sich zu einer kleinen Piazza erweiterte. Er stoppte vor einem Restaurant. Das Eisengitter vor der Tür war zugezogen, die Fenster dunkel. Wenn der Laden geöffnet gewesen wäre, wäre sicher der Schein warmen Kerzenlichts herausgedrungen. Es sah nach einem piekfeinen Restaurant aus.

Ferreri sperrte das Eisengitter auf und schob es zurück. Als er den Schlüssel ins Schloß steckte, ging Brunetti hinter seinem Rücken vorbei. Aus den Augenwinkeln sah er das Schild »Mittwoch Ruhetag« an der Tür. Heute war Mittwoch. Brunetti überquerte gemächlich den Platz und hörte die Tür des Restaurants zuschlagen. Er bog ums Eck, blieb auf der Piazza Cenci stehen, zählte bis zehn und machte kehrt. Aus den Fenstern des Restaurants fiel nun Licht. Kein Kerzenschein, aber doch gedämpftes Licht. Brunetti sah sich um. Die Rückfront des Palazzo Cenci war eingerüstet und bot Aussichtsplattformen in jeder gewünschten Höhe. Nur zwei alte Weiber, die ausgerechnet hier ein Schwätzchen hielten, störten. Brunetti grinste die beiden schief an und fragte, ob sie mal ein paar tausend Lire für ihn hätten. Die Alten schüttelten den Kopf und zogen brav ab. Brunetti erklomm das Gerüst, suchte sich einen geeigneten Platz und sagte ins Diktaphon: »25. Mai des Jahres 3 n. B. Z., 21.30 Uhr: ZP betritt Restaurant am Monte dei Cenci. ÜP beobachtet von draußen.«

Dann holte er den Fotoapparat mit dem hochempfindlichen Film und sein Sitzkissen aus dem Rucksack. Er machte es sich bequem. Die Gaststube war leer, soweit Brunetti sie überblicken konnte. Nur war für eine Person eingedeckt, mit Platzteller, zwei Weingläsern, einer weißen Serviette, einer imponierenden Batterie an Besteck, zwei Flaschen Wein und einem Korb mit Grissini und verschiedenem Brot.

Es dauerte zwei Minuten, bis Ferreri auftauchte und sich an den hergerichteten Tisch setzte. Es war nicht sehr wahrscheinlich, daß er inzwischen eine schnelle Nummer geschoben hatte. Eher schon hatte er den Antipasti-Teller bis zum Rand vollgehäuft. Das sah nach gefüllten Sardinen, überbackenen Tomaten, marinierten Auberginen und fritierten Zucchiniblüten aus. Ferreri schüttete sich Rotwein erst ins Glas und dann die Kehle hinab, bevor er die Leckereien mit einer Gier in sich hineinschaufelte, als ob sie ihm jemand neiden würde. Nicht einmal den Hut hatte er abgenommen.

Die beiden geizigen Weiber kamen zurück und setzten sich auf den Rand eines der Palmenkübel vor der Rückfront der Kirche. Sie schimpften auf einen gewissen Savio, der ihrer Beschreibung nach mal so nett wie Hitler gewesen sein mußte, aber im Alter zunehmend verbittert wurde. Brunetti lehnte sich an eine Metallstrebe des Baugerüsts und schaute zu, wie Ferreri den leergeleckten Teller aus dem Sichtfeld trug. Es dauerte, bis die Zielperson mit einem zweiten Teller zurückkehrte, der mit Suppe gefüllt zu sein schien. Der Tellerinhalt wenigstens sah cremig weiß aus, hätte Spargelsuppe sein können, vielleicht mit Hummerstückchen oder marchigianischen Trüffeln veredelt. Ferreri schien es zu schmecken.

Die Weiber vor der Kirche ließen durchblicken, daß Savio im Vergleich zu seiner anscheinend weit verzweigten Verwandtschaft ein Goldschatz war. An der Kirchenmauer lehnte eine verwitterte, kopflose Skulptur, die Paläste des ewigen Rom standen düster um die Piazza herum, verbeulte Autos parkten kreuz und quer, und Brunetti kramte die Tüte mit Sonnenblumenkernen hervor. Die Sonnenblumenkerne schmeckten nach gerösteten Sonnenblumenkernen. Nicht schlecht.

Als dritten Gang holte sich Ferreri Fisch. So wie er spachtelte, hatte er auf die Pasta nicht freiwillig verzichtet. Aus der Tatsache, daß er sie ausließ, schloß Brunetti messerscharf, daß das gesamte Menü vorbereitet war und keine Köchin im Hintergrund darauf wartete, vom Herd weg ins Ehebrecherbett zu hüpfen. Pasta mußte frisch aus dem kochenden Wasser auf den Teller kommen, nicht aber in Kräutermarinade eingelegte Fischfiletstückchen, die mit Minzblättern dekoriert waren. Brunetti tippte auf einen einfachen Fisch. Makrele zum Beispiel. Sgombri alla marinara. Das war gute alte Hausmannskost, wie sie auch Brunettis Großmutter auf den Tisch gebracht hatte. Mit einer köstlichen Sauce aus Weißwein, Knoblauch und einem Hauch Peperoncino. Brunetti kippte sich eine Handvoll Sonnenblumenkerne in den Mund.

Von der Piazza Cenci kommend, zitterte ein altes Männchen hinter seinem Stock her. Aus der freudigen Begrüßung der beiden alten Hexen schloß Brunetti, daß es sich um Savio handelte. Als die drei zusammen abzogen, machte sich Ferreri gerade über den Fleischgang her. Saltimbocca alla romana. Gierig ließ er sein Messer durch das dünne Kalbfleisch gleiten, schnitt viel zu große Stücke ab, die er kaum in den Mund brachte.

Brunetti sah auf die Uhr und murmelte in sein Diktaphon: »25. Mai des Jahres 3 n. B. Z., 21.30 Uhr bis 22.20 Uhr: ZP ißt gemischte Vorspeisen, Suppe, Fisch und Saltimbocca. ÜP beobachtet und ißt Sonnenblumenkerne.«

Das stimmte nicht ganz. Brunettis Tüte war leer, während Ferreri noch ein Ricotta-Eis mit Rum und Früchten sowie drei verschiedene Käsesorten hinunterschlang. Er fraß wie eine vollautomatische Schredderanlage. Brunetti verzichtete darauf, seinen Tätigkeitsbericht zu korrigieren. Die Wahrheit war relativ, und seine Auftraggeberin würden die Eßgewohnheiten der Zielperson sowieso nicht interessieren, solange kein verbotenes Früchtchen den Nachtisch darstellte.

Die Piazza war verlassen und schimmerte im Schein der Laternen. Ferreri ließ die letzten Teller stehen, knipste aber das Licht aus, bevor er das Restaurant verließ. In gebührendem Abstand begleitete Brunetti ihn nach Hause. Völlerei war zwar eine der sieben Todsünden, aber auch das kümmerte keine Ehefrau. Als Ferreri in seinem Palazzo verschwand, war es genau 23.21 Uhr. Brunetti vervollständigte seinen Tagesbericht, schloß die Vespa auf und hievte die Kette in den Koffer. Es gab solche Tage und solche. Meistens solche.

Aus unerfindlichen Gründen hatte er einen Mordshunger, als er nach Hause kam. Er steckte seine Bedürfnisliste um, die sich an der Tür zwischen Büro und kombiniertem Wohn-, Schlaf-, Eß- und Bibliothekszimmer befand. Der Zettel mit der Aufschrift »FRESSEN« wanderte ganz nach oben. Dann machte Brunetti den Kühlschrank auf. Und wieder zu. Er öffnete eine Flasche Colli Albani und steckte die Bedürfnisliste noch einmal um. Die Reihenfolge lautete jetzt:

SAUFEN

FUSSBALL GUCKEN

SCHLAFEN

FRESSEN

SEX

GERECHTIGKEIT

SINN DES LEBENS

WAHRE LIEBE

Das war so etwa in Ordnung.

Der Rost befand sich unter dem Altar in der ersten Seitenkapelle rechts. Ich stützte mich auf die Marmorbrüstung vor dem Kapelleneingang und starrte auf die durchbrochene eiserne Truhe. Sie hatte vergoldete Beschläge und stand auf geschwungenen Füßen. Es war nicht die Art von Grill, die ich mir auf die Terrasse gestellt hätte.

Der Zettel auf der Brüstung sprach von einem Reliquiar aus dem 17. Jahrhundert. Ob sich darin tatsächlich der Rost befand, auf dem San Lorenzo am 10. August 258 lebend gegrillt worden war, konnte ich nicht erkennen. Nicht einmal, ob sich überhaupt ein Rost darin befand. Meine Reisebibliothek half auch nicht weiter. Wie immer, wenn es interessant zu werden drohte, schwieg sich mein deutscher Reiseführer aus, aber auch der Ravaglioli brachte nur die bekannte Martyriumsgeschichte.

Das Türchen zur Kapelle war verschlossen. Über die Brüstung zu klettern und die Alarmanlage auszulösen war die Sache nicht wert. Ich warf noch einen Blick auf das Gemälde an der rechten Seitenwand, das San Lorenzos Martyrium zeigte. Ein künstlerisch völlig unerhebliches Bild aus dem 19. Jahrhundert, das nur insofern unterhaltsam war, als der Heilige um sein bestes Teil ein weißes Tuch trug, das mit klassischem Faltenwurf und völlig unversehrt über Rost und lustig lodernde Flammen nach unten fiel.

Ich ging im Hauptschiff nach vorn und legte mir mein Sprüchlein zurecht: Ich sei Schriftsteller, in meinem neuesten Roman spiele San Lorenzo eine wichtige Rolle, und nachdem ich schon sechs der sieben dem Heiligen in Rom geweihten Kirchen besucht hätte, fehle mir nur noch ein genauer Blick auf das Marterinstrument, den zu ermöglichen mir doch bitte schön der freundliche Sakristan, oder wen immer ich da vor mir hätte, erlauben solle.

Die Wahrheit war, daß ich mir durchaus Mühe gegeben hatte, doch San Lorenzo in Panisperna war nur ein paar Stunden am Wochenende geöffnet. San Lorenzo in Miranda gehörte dem Nobile Collegio chimico farmaceutico und war nach Auskunft der Pförtnerin eigentlich gar nicht, aber wenn, dann nur am Donnerstag von 10.00 Uhr bis 12.00 Uhr zu besichtigen. Zwar war zufälligerweise Donnerstag, aber leider hatte die Frau den Schlüssel nicht dabei. Das Gefängnis des Heiligen unter der Kirche San Lorenzo in Fonte hatte ich sehen können, weil ein polnischer Priester gerade eine Messe zu Ende gelesen hatte. Die restlichen Lorenzkirchen standen noch aus.

Die Wahrheit war auch, daß ich keine Ahnung hatte, ob ich das Motiv für meinen Krimi überhaupt brauchen konnte. Eigentlich hatte der Heilige mit dem Geschmackssinn, der ja im Mittelpunkt stehen sollte, nichts zu tun. Ich hatte nur ein Bild vor Augen, in dem Lorenzo Ferreri mit seinem albernen Borsalino im Rahmen einer eher tristen Gartenparty resch gegrillt würde. Um die Ecke bringen mußte ich ihn sowieso, und die Fakten, die ich dem Lokalteil der »Repubblica« entnommen hatte, eigneten sich nicht so recht. Der echte Ferreri, dessen Beruf mich auf meinen Plot gebracht hatte, war erstochen worden, als er zwei Gangster beim Einbruch in sein Haus überrascht hatte. Auf die heiße Szene, die mir vorschwebte, war ich über eine Assoziationskette gekommen, die von Barbecue als domestizierter Form des Feueropfers über den Rost des Heiligen zu den bläulich schimmernden Stechmückenexekutionsanlagen reichte, wie sie in einer römischen Trattoria stehen könnten, die wiederum auf Grillgerichte spezialisiert wäre.

Die Sakristei war sowieso verschlossen. Kein Mensch, der so aussah, als wäre er berechtigt, eine Seitenkapellentür zu öffnen, war zu finden. Am Hauptaltar hing die berühmte »Kreuzigung« von Guido Reni. Nur Jesus, ohne die Schächer, ohne Maria Magdalena, aus der Untenperspektive vor einem grauschwarzen Himmel gemalt, zu seinen Füßen ein Totenkopf und im Hintergrund das ferne Jerusalem in apokalyptischen Lichtblitzen. Das Gesicht des Gekreuzigten drückte unermeßlichen Schmerz aus, doch seine Körperhaltung ließ ihn entrückt wirken, als sei er im Begriff, sich vom Kreuz zu lösen und nach oben zu entschweben.

Wenn ich schon mit dem Krimi nicht vorankomme, solle ich wenigstens die Tage in Rom genießen, hatte Barbara am Telefon gesagt. Ein paar schöne Bilder ansehen, ein paarmal gut essen gehen. Gestern hatte ich mich mit Panini durchgeschlagen, und jetzt knurrte mir schon der Magen, obwohl es gerade mal 12.00 Uhr sein konnte. Halb eins höchstens. Heute mußte etwas Herzhaftes her. Ich beschloß, das Notwendige mit dem Nützlichen zu verbinden und noch einmal nach einer geeigneten Trattoria zu suchen, die als Fluchtpunkt für die verschiedenen Stränge des Geschmackskrimis dienen konnte. Daß es bisher nicht geklappt hatte, hieß ja nicht, daß die Idee falsch war.

Ich ließ den Rost Rost sein und verließ die Kirche. Die Sonne stach auf den Platz vor San Lorenzo in Lucina herab. Dort drüben hatte Giulio Andreotti jahrzehntelang sein Büro unterhalten. Zigmal war er Minister gewesen, hatte morgens nach der Frühmesse hier vorbeigeschaut, bevor er sich den täglichen Regierungsgeschäften und der Kungelei mit der Mafia widmete. Irgendwie sollte ich Andreotti in meinen Roman einbauen. In welcher anderen Figur verkörperte sich die italienische Misere so ideal? Andererseits interessierte sich heute keiner mehr für verjährte Skandale, schon gar nicht ein deutscher Krimileser. Nein, keine Politik diesmal. Und sowenig Religion, wie das in einer Stadt, in der jeder zweite Kleriker oder Wallfahrer ist, überhaupt möglich ist.

Am Corso pilgerten die Touristen Richtung Via Condotti und Spanische Treppe. Ich betrat einen Tabakladen und kaufte eine Telefonkarte für 10 000 Lire und zwei Schachteln MS. Draußen steckte ich mir eine Zigarette an und überprüfte meine Barschaft. Noch 25 000 Lire. Ich sparte selbst am Essen, doch das Geld zerlief wie Butter in der Mittagssonne. Ich schlurfte die Via del Corso Richtung Norden entlang. Auf beiden Straßenseiten gab es keine Spur von Schatten. Rechts stand das Goethehaus – Tach, Herr Geheimrat –, dann kamen die Doppelkirchen am Eingang zur Piazza. Einen Bankautomaten fand ich erst hinter der Porta del Popolo. Ich hob 150 000 Lire ab, um die letzten drei Nächte im Affittacamere bezahlen zu können. Wenn kein Wunder geschehen war, hatte ich das Konto damit wieder überzogen.

Ich rief den Verlag in Berlin an und fragte nach den Umsatzzahlen. Der Mexiko-Krimi war genau 321mal verkauft worden. Im letzten halben Jahr! Also hatte ich daran ungefähr das Doppelte der Summe verdient, die ich mit dreimal Schlafen in einem fensterlosen Zimmer auf den Kopf gehauen hatte. Cynybulk sprach mir gut zu, sagte, daß ihm das Manuskript von »Duftfallen« ausgezeichnet gefalle, fragte, ob ich den Roman nicht auf der Buchmesse präsentieren wolle, und schlug vor, die Covergestaltung noch einmal zu überdenken.

»Reißerischer?« fragte ich.

»Etwas weniger streng«, sagte er.

Also reißerischer. Na gut, warum nicht. Als ich auflegte, war noch ein Guthaben von 3200 Lire auf der Telefonkarte. Zu wenig, um Barbara in Mexiko anzurufen. Außerdem war es dort jetzt 6.00 Uhr morgens.

Erst mal etwas essen! Je weiter außerhalb, desto volkstümlicher, desto billiger – das war die Faustregel. Ich nahm die Tramlinie 225 längs der Via Flaminia. Das Ambiente meines Krimis war noch viel zu unbestimmt. Mir fehlte die Trattoria, und auch Brunettis Büro hatte ich noch nicht lokalisiert. Eigentlich konnte er sich als der Verlierer, der er war, keine zwei Zimmer im Zentrum leisten, so schön es auch wäre, ihn in ein historisches Ambiente zu stecken. Trastevere, das Ghetto, Campo de’ Fiori waren außerdem viel zu touristisch. Ich hatte ganze Stadtviertel abgelaufen und war schließlich zu dem Schluß gekommen, daß sich Bezugspunkte zur Antike auch anderswo finden lassen mußten. Hier zum Beispiel, an der Milvischen Brücke. Ich stieg aus der Straßenbahn und überquerte die breite Straße am Tiberufer.

Hier hatte sich Maxentius ertränkt, als ihn Konstantin 312 n. Chr. geschlagen hatte. Die Sache mit dem »In hoc signo vincis«. Kreuz hin oder her, wenn Maxentius auf der stadtrömischen Seite geblieben wäre oder seine Truppen wenigstens nicht so nah am Tiber zur Schlacht gestellt hätte, daß die Prätorianergarde buchstäblich bis zu den Knien im Wasser gestanden hätte, wären Schlacht, römische Geschichte und die Entwicklung des Christentums vielleicht ganz anders verlaufen.

Ich blickte über das linke Brückengeländer tiberabwärts. Ertränken war nie schlecht, und die Entscheidungsschlacht zwischen den Kaisern konnte ich vielleicht für den Showdown brauchen. Der Tiber sah eher harmlos aus. In den paar Strudeln und Stromschnellen vergnügten sich zwei Kajakfahrer. Links hingen die Zweige der Bäume bis fast aufs Wasser hinab, während rechts die zweistufigen Uferbefestigungen unter dem Grasbewuchs gut zu erkennen waren. Über dem nördlichen Brückenkopf ragte der klotzige Torturm von Valadier auf. Ein Fahrradfahrer fuhr langsam durch die Toröffnung.

Im gleißenden Sonnenlicht wirkte alles bieder, nach Vorstadtalltag. Doch wenn bei Nacht ein dunkler Schatten aus dem schwärzeren Schatten des Torbogens wie aus dem Schlund der Unterwelt träte, wenn er die menschenleere Brücke entlangzuschweben schiene, innehielte, zurückblickte auf die drohenden Uferböschungen, dem Wind lauschen würde, der durch schwarze Gräser und Zweige sänge, dem geheimnisvoll rauschenden Wasser, das durch den Geräuschbrei des fernen Verkehrs nur noch fremder klänge, wenn ein Rabe krächzend von der Fundamentinsel eines Brückenpfeilers aufflatterte, den Blick genau in dem Moment nach unten zöge, in dem die Wolkendecke vor dem Mond aufrisse und das milchige Licht eine dunkle Masse im Wasser zeigte, ungefähr von den Ausmaßen eines menschlichen Körpers, auf dessen nackter Haut man die dunklen Streifen erahnen konnte, die wie von einem Grillrost . . .

Ich blieb im Schatten des Torbogens stehen und zündete mir noch eine MS an. Im Grunde war es ja ziemlich egal, wen man wo vor sich hin dümpeln läßt. Ob der Ort detailgenau beschrieben oder frei erfunden war, interessierte niemanden. Mit zwei guten Reiseführern und einem Stadtplan von Rom auf meinem Schreibtisch in Mexiko-Stadt hätte ich jede Menge Kosten sparen können, und kaum einer hätte den Unterschied bemerkt. Es war mein persönlicher Tick, daß ich nicht entsprechend arbeitete. Dabei zählte weniger die Authentizität an sich als mein Gefühl, erst dann richtig schreiben zu können, wenn ich einen Schauplatz entdeckt hatte, an dem alles zusammenpaßte. Das zu sprengende Haus in »Sehschlachten« zum Beispiel.

Ein Plakat vor dem Turmeingang lud zu einer Ausstellung unter dem Titel »Ponte Milvio – porta di Roma«. Nachher, nach dem Essen. Jenseits des Lungotevere öffnete sich ein platanengesäumter Platz, an dessen Stirnseite, schon an den Hügel gebaut, eine Kuppelkirche thronte. Die Straße, die sich neben ihr hochwand, mußte die Via Cassia sein. Links im Hintergrund war der Mussoliniprotz des italienischen Außenministeriums zwischen den Bäumen zu erkennen, rechts vorn erstreckte sich ein Markt. Die Händler schlossen ihre Stände gerade, aber ich konnte noch erkennen, daß neben Kleidung auch Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch und Pasta fresca angeboten wurden. Weit und breit war kein ausländischer Tourist zu sehen. Wer vor der Bar am Eck aufeinander eingestikulierte, kannte sich schon seit Hosenscheißerzeiten.

Der Tiber, die historische Brücke, das Ministerium, eine typische Nachbarschaftspiazza, der Lebensmittelmarkt – fehlte nur noch eine traditionelle Trattoria, in der ein Mann wie Brunetti fressen, saufen und die Verbrechen aufklären konnte, die ich ihm vorsetzte. Und in der ich mir den Magen vollschlagen konnte. Ich wusch mir die Hände am Straßenbrunnen schräg vor dem Turm und überquerte die Fahrbahnen. Die Trattoria gleich hinter der Bar war gähnend leer. Das war noch nichts. Ich ging weiter, kreuzte den Platz, wurde fast unwiderstehlich von einem großen gemauerten Bogen angezogen, vom leckeren Duft dampfender Pasta, von Gebratenem und Gesottenem, gegrilltem Fisch und eingelegten Zwiebeln. »Trattoria Pallotta« stand auf dem Bogen. »Seit 1820« war steinern in den Boden eingelassen. Am Eingang hing keine Speisekarte. Zwischen zwei langgestreckten Gebäuden, die sich nach hinten einander näherten, befand sich der Wirtsgarten. Die Zweige dreier knorriger Bäume waren so in ein Drahtgeflecht gebunden, daß ein dichter Blätterbaldachin reichlich Schatten spendete. Nur an einigen Stellen flimmerten Lichtstrahlen auf die gut besetzten Tische. Rechts waren ein paar Tische zu einer langen Tafel zusammengeschoben. Gelächter, Plastikstühle, offener Wein in einfachen Karaffen. Sehr gut.

»He, Gianni!« rief jemand einem älteren Kellner zu, der Berge von Nudeln aus der Küche schleppte. Am Tisch rechts vorn kassierte eine junge Frau ab. Sie setzte sich zu den Gästen und zog einen Bleistift hinter dem Ohr hervor.

Trattoria Pallotta. Ich setzte die Sonnenbrille auf und kramte mein Manuskript aus dem Rucksack. Positiv denken, dachte ich. Du bist ein Erfolgsautor, und das hier ist eine römische Trattoria, wie es Tausende gibt. Die Trattoria Pallotta. In hoc signo vincis. Ich fühlte mich wie Kaiser Konstantin vor der Schlacht.

Trattoria Pallotta. Brunetti blieb am Eingang zum Garten stehen. Zuerst sah er Gianni. Das Haar des alten Kellners war ein wenig schütterer geworden, aber noch immer neigte er in derselben steifen Art den Kopf, wenn er eine Bestellung entgegennahm. Brunetti rechnete nach. Vor genau 831 Tagen hatte ihm Gianfranco Pallotta Hausverbot erteilt. Fünfzehn Tage nach Beginn von Brunettis Zeitrechnung, nach der Stunde Null, als ihm Barbara gesagt hatte, daß es für sie beide besser wäre, es in Zukunft allein zu versuchen. In diesen fünfzehn Tagen hatte Brunetti Barbara auf Schritt und Tritt verfolgt, sie angefleht, beschimpft, beschworen, ihm noch mal eine Chance zu geben. Nach dem Hausverbot hatte er ein paar Monate lang Mahnwache vor der Gelateria nebenan bezogen, täglich von 11.00 Uhr vormittags bis Mitternacht. Einmal pro Stunde hatte er »Barbara, ich liebe dich!« hinübergebrüllt. Von Gianfrancos Drohungen hatte er sich nicht provozieren lassen, und die herbeigerufenen Carabinieri hatte er mit dem Verweis auf verschiedene Grundsatzurteile davon überzeugt, daß Liebeserklärungen keineswegs kriminell seien und es sich bei ihm selbst nicht um eine unzulässige Zusammenrottung handle. Am 30. September des Jahres 1 n. B. Z. hatte ihm Barbara erklärt, wenn er nicht die Belagerung abbreche und aus ihrem Leben verschwinde, werde sie beginnen, mit den Gemüsehändlern des Tor-Quinto-Marktes ins Bett zu gehen. Jeden Tag mit einem anderen. Brunetti war sich sicher gewesen, daß sie keine leeren Sprüche machte. Er war den Markt am Lungotevere abgeschritten und hatte die Gemüsestände gezählt. Es waren fünfzehn gewesen. Brunetti hätte es nicht ausgehalten. Er wäre zum Mörder geworden. Da hatte er aufgegeben.

Seitdem zählte er die Tage, Monate, Jahre seit Beginn seiner Zeitrechnung, schulte seine Geduld vor fremden Haustüren und sprach Überwachungsprotokolle bezüglich fremder Ehebrechereien auf Diktaphon. Barbara hatte er nie mehr gesehen. Bis heute nicht. Bis zu diesem Moment. Sie sah unverändert aus. Zauberhaft. Hatte immer noch die gleiche Glut in den Augen, diese natürliche Eleganz in all ihren Bewegungen, die sie zugleich unwiderstehlich und unnahbar erscheinen ließ. Der sanfte Schwung, mit dem sie einen Teller Pasta servierte, die Art, wie sie auf die unzweifelhaft überflüssige Bemerkung eines schnöseligen Gastes lächelnd den Kopf zurückwarf – Brunetti spürte seine Knie weich werden. Er überlegte, ob er abhauen solle, doch sie hatte ihn soeben entdeckt. Es war zu spät.

»Tag, Bruno«, sagte sie. Sie wischte ihre Hand am Serviertuch ab, streckte sie ihm aber nicht entgegen.

»Du hast mich angerufen?« fragte Brunetti. Natürlich hatte sie ihn angerufen. Sonst wäre er ja nicht gekommen. Es war eine ausgesprochen blöde Frage.

»Komm rein!« sagte sie.

»Ich habe Hausverbot«, sagte Brunetti.

»Spiel nicht den Schwierigen«, sagte Barbara. »Ich habe genug Probleme.«

»Wer nicht?« fragte Brunetti, aber er folgte ihr und bemühte sich, sie dabei nicht anzustarren. Ihren Nacken, ihren Rücken, ihren Hintern, ihre Beine. Barbara setzte sich an einen freien Tisch neben dem Baumstamm, der dem Kücheneingang am nächsten war. Brunetti blieb stehen.

»Um 11.00 Uhr war ein Commissario mit zwei Polizisten da«, sagte Barbara. »Sie haben Papà mitgenommen. Wegen Mordverdacht.«

Sie war nie gut darin gewesen, lang um den heißen Brei herumzureden.

»Und? Wen hat er umgelegt?« fragte Brunetti. Er setzte sich jetzt doch. Ans Kopfende des Tisches, so daß er eine Chance hatte, Barbaras Profil zu betrachten.

»Du mußt ihn da herausholen«, sagte sie. »Beweisen, daß er unschuldig ist. Indizien sammeln. Zeugen ausfindig machen. Du weißt doch, wie man so etwas anpackt.«

»Ich muß . . .?« fragte Brunetti.

»Also gut. Ich bitte dich, ihn da herauszuholen. Zufrieden?« Ihre Augen blitzten.

»Das ist der Job der Kriminaler«, sagte Brunetti. »Selbst wenn sie hundertprozentig sicher wären, daß dein Alter jemanden umgebracht hat, müssen sie allen Spuren nachgehen, die ihn entlasten könnten. Dazu sind sie verpflichtet.«

»Seit wann traust du der Kriminalpolizei?« fragte Barbara.

Giancarlo Pallotta unter Mordverdacht? Das war lächerlich. Sicher, er war ein aufbrausender Typ, aber er hatte Brunetti damals nicht umgebracht, und ein besserer Anlaß für einen Mord würde sich ihm nie mehr bieten. Aber Barbara schien sich ernsthaft Sorgen zu machen.

»Frag doch mal, wie es mir geht!« sagte Brunetti.

Sie fuhr sich unwirsch mit der Hand durchs Haar, fragte aber doch: »Und, wie geht es dir?«

»Blendend«, sagte Brunetti. »Nur mit den Frauen habe ich Probleme. Die wollen alle nur Sex. Jetzt habe ich gerade eine mit irre dicken Titten, die ist so etwas von unersättlich, ich kann dir sagen . . .«

»Gut, ich suche mir jemand anderen.« Barbara drehte den Kopf weg. Endlich konnte Brunetti ihr Profil bewundern. Die Lippen zitterten ein wenig.

Er sagte: »Gut, ich nehme den Auftrag an. Gegen Bezahlung. Strikt auf geschäftlicher Basis. Ich will kein Geld, aber . . .«

»Ein anzügliches Wort, und du fliegst auf der Stelle raus!« sagte Barbara. Unglaublich, daß man ein antiquiertes Wort wie »anzüglich« so faszinierend aussprechen konnte. So elektrisch aufgeladen.

»Ich will ein Freiabo hier in der Trattoria Pallotta. Mittags und abends. Du wirst mich in deiner Nähe aushalten müssen.«

»Wenn du vorhast, zudringlich zu werden . . .«, sagte Barbara.

Brunetti hob die Arme, streckte ihr die Handflächen abwehrend entgegen.

»Bloß kein Sex! Ich habe dir doch gesagt, ich bin so weit, daß ich ins Kloster gehen könnte, wenn ich dazu nicht religiös werden müßte. Hör zu, Barbara . . .« Er schmeckte dem Klang des Namens nach. Er hatte ihn eine ganze Weile nicht über die Lippen gebracht. Außer vielleicht im Traum. ». . . Ich habe ein paar Jahre über uns nachgedacht und . . .«

»Strikt geschäftlich, in Ordnung«, sagte Barbara. »Drei Tage freies Essen, und du tust alles, um Papà herauszupauken.«

»Einen Monat«, sagte Brunetti, »dreißig Tage freie Kost! Vielleicht hat dein Alter den Präsidenten tranchiert. Da kann selbst ich in drei Tagen nicht . . .«

»Vier Tage«, sagte sie.

»Zwei Wochen?«

»Vier Tage.«

»Na gut: fünf.«

»Vier.«

Vier waren besser als gar nichts. Vier Tage mit ihr waren eine Ewigkeit im Vergleich zu der Zeit, die seit Anbeginn der Zeitrechnung vergangen war.

Brunetti nickte. »Vier. Und alles strikt geschäftlich. Was werfen sie dem Alten genau vor?«

»Vor ein paar Tagen schaute ein Restaurantkritiker vom Gambero Rosso vorbei. Gianni erkannte ihn sofort, da er früher mal für ihn gearbeitet hat. Ich habe die Bedienung übernommen, und in der Küche wurde so sorgfältig gearbeitet wie nie zuvor. Wir wären also sowieso nicht ins offene Messer gelaufen, aber der Kritiker hat sich überhaupt nicht bemüht, anonym zu bleiben. Von der ersten Minute an hat er sich mächtig aufgeplustert. Offensichtlich wollte er sowohl kostenlos bewirtet werden als auch eine fingierte Rechnung gestellt bekommen, die er dann bei seinem Verlag einreichen könnte.«

»Mächtig aufgeplustert« sollte wahrscheinlich andeuten, daß der Kerl sich an Barbara herangemacht hatte. Brunetti fragte sich, ob es so geschickt gewesen war, sich ebenfalls freie Bewirtung zusichern zu lassen.

»Papà hat anfangs nur gegrummelt, doch der Zorn hat sich in ihm aufgestaut, als der Kerl an jedem einzelnen Gang, den ich ihm vorsetzte, herumkritisierte. Das Secondo ließ er als praktisch ungenießbar zurückgehen, und da hat Papà ihn zur Rede gestellt. Zwei, drei Wortwechsel hätten noch als etwas hitzige Fachdiskussion gelten können, doch dann ist Papà hochgegangen. Er hat den Gambero-Rosso-Kerl als Anti-Gourmet bezeichnet, dem die Dummheit bis auf die Geschmacksnerven geschlagen sei, als einen, für den das Aroma deutscher Bockwürste noch zu komplex sei, als frankophilen Lackaffen, der ein Häufchen Scheiße delikat finde, wenn es nur übersichtlich angerichtet werde, als . . .«

»Ich kann es mir vorstellen«, sagte Brunetti.

»Der andere hielt dagegen, behauptete steif und fest, der Schinken auf den Saltimbocca schmecke nach Gummi und das Fleisch selbst sei nicht zart genug, wenn es überhaupt vom Kalb und nicht von einem an Altersschwäche verreckten Straßenköter stammen würde . . .«

»Ein kongenialer Charakter«, sagte Brunetti.

»Du kennst Papà. Wenn es ums Essen geht, versteht er keinen Spaß. Besonders dann nicht, wenn seine eigene Küche kritisiert wird. Er packt also den Kerl am Kragen und brüllt, er werde ihm die Saltimbocca höchstpersönlich so tief in den Hals stecken, daß er daran ersticke.«

»Das war alles?«

»Nein«, sagte Barbara. »Papà brüllt sich erst so richtig in Fahrt und wiederholt dabei mehrfach, er meine das wörtlich und er werde den Kerl mit seinen eigenen Händen umbringen. Der andere ist kreidebleich, und erst als Papà ihn nach ein wenig Hin- und Herschütteln endlich hinauswirft, schreit er vom Tor zurück, er werde dafür sorgen, daß Papà seine Lizenz verliere, und außerdem werde er ihn wegen Morddrohung, Körperverletzung und versuchten Mordes anzeigen. Papà ist ihm noch bis halb über den Ponte Milvio nachgerannt, hat ihn aber nicht erwischt. Damit hatte sich die Sache, dachte ich. Daß der Kerl Papà tatsächlich angezeigt hat, habe ich erst heute von den Polizisten erfahren, die Papà abholten.«

»Deshalb?« fragte Brunetti. »Nein, laß mich raten. Der Restaurantkritiker ist wirklich . . .«

»Tot.« Barbara nickte. »Er wurde gestern nacht umgebracht. Irgendwer bei der Kripo hat sich an die Anzeige erinnert, ist über das Wort ›Mordversuch‹ gestolpert und dabei auf die originelle Idee gekommen, daß Papà es ein zweites Mal, und diesmal mit Erfolg, probiert haben könnte. Dazu kam, daß wir mittwochs Ruhetag haben und Papà ausgerechnet gestern abend die Meisterfeier von Lazio im Olympiastadion besucht hat. Allein. Als die Polizisten hörten, daß er kein Alibi hat, war für sie klar, daß er diesen verdammten Ferreri auf dem Gewissen hat.«

»Wen?« fragte Brunetti.

»Den Restaurantkritiker. Könntest du vielleicht nebenbei zuhören, während du mich anstarrst?«

»Lorenzo Ferreri?«

»Lorenzo? Ja, ich glaube«, sagte Barbara. »Er testet für den Gambero Rosso, besitzt aber selbst auch ein Restaurant. Irgendeinen Nobelschuppen im Zentrum. Besaß, meine ich. Deshalb hat ihm Papà auch das mit den frankophilen Häppchen Scheiße aufs Brot geschmiert.«

Lorenzo Ferreri. Derselbe Ferreri, den Brunetti gestern überwacht hatte!

»Glaubst du, du bekommst Papà frei?« fragte Barbara.

Derselbe Ferreri, der sich einsam und allein mit einem sechsgängigen Menü vollgeschlagen hatte, statt seine Frau zu betrügen. Antipasti, Spargelsuppe, marinierte Makrele . . .

»Saltimbocca«, sagte Brunetti. »Saltimbocca alla romana.«

»Kriminalschriftsteller, so?« sagte Pallotta, der Wirt. Er war der lebende Beweis dafür, daß seine Küche an Kalorien nicht sparte. Nicht unbedingt fett, eher massig. Aus den Öffnungen seines kurzärmligen Hemds ragten ein Stiernacken und Oberarmmuskeln, die einem Superschwergewichtsringer zur Ehre gereicht hätten. Er schien mit der Masse von geschätzten hundert Kilo Lebendgewicht in sich zu ruhen, und obwohl er sich verständlicherweise etwas mißtrauisch gab, konnte ich keinen Hinweis auf einen aufbrausenden Charakter erkennen. Aber natürlich hatte ich auch nicht an der Qualität seiner Küche herumgemäkelt. Pallotta legte »Hörsturz« auf den Tisch zu meinen anderen Romanen.

»Ja«, sagte ich. »Der letzte Krimi der Serie spielt also in Rom und hat den Geschmackssinn zum Thema. Was läge näher, als eine typisch römische Trattoria als Schauplatz zu wählen? Ihre hier wäre ideal, und deswegen wollte ich Ihnen ein Geschäft vorschlagen.«

»Ein Geschäft?« fragte Pallotta. Er blickte kurz zu der Signorina, die ein paar Tische weiter eine Rechnung schrieb. Vielleicht war sie wirklich seine Tochter oder gehörte sonst irgendwie zur Familie. Zumindest war sie fürs Abkassieren zuständig. Der Kellner, Gianni, beschränkte sich darauf, Bestellungen aufzunehmen und die Gäste zu bedienen.

»Es ist nur ein Vorschlag«, sagte ich. »Sie brauchen bloß nein zu sagen, und die Sache hat sich. Aber hören Sie es sich erst mal an. Ich will in meinem neuen Krimi selbst auftreten. Als deutscher Krimischreiber, der seine Erlebnisse bei der Recherche in Rom beschreibt. Damit das interessant wird, muß ich mich natürlich ein wenig stilisieren. So soll mein Autor eine verkrachte Existenz sein, die kaum genug Lire hat, um sich ein Stück Brot leisten zu können. Dieses Ich plant einen Krimi mit dem römischen Privatdetektiv Bruno Brunetti und kommt auf die Idee, dadurch Kosten zu sparen, daß es sich in einer Trattoria ein paar Tage lang durchfüttern läßt. Im Gegenzug bietet der Schreiber dem Wirt an, dessen Trattoria zum Mittelpunkt seines neuen Krimis zu machen, seinen Privatdetektiv die Qualität des Essens lobend herausstellen zu lassen, die Lokalität attraktiv und auffindbar zu beschreiben, sowie das gesamte Buch dem Wirt und seiner Trattoria zu widmen, kurz: eine absolut ungewöhnliche Werbekampagne abzuliefern.«

Pallotta griff nach einer gefüllten grünen Olive in der Schale vor sich, warf sie wieder zurück und entschied sich für eine verrunzelte schwarze. Er steckte sie in den Mund.

»Sie wollen sich ein paar Tage hier durchfüttern lassen?« fragte er kauend.

»Ja«, sagte ich, »genau das will ich, aber verstehen Sie mich bitte recht: Ich kann es mir locker leisten, ein paarmal hier zu essen und dafür auch zu bezahlen. Es wäre nur nicht dasselbe. Ich sehe zum Beispiel nicht ein, wieso ich als zahlender Kunde für Ihre Trattoria werben sollte. Das würde ich aber gern, denn genau das muß mein Hauptfiguren-Ich auch tun, um seine kostenlosen Mahlzeiten zu bekommen. Und das stellt auch die Grundlage dar, auf der er seinen Krimi-Plot entwickelt. Außerdem will ich so authentisch wie möglich wiedergeben, was mein zweites Ich hier erlebt. Dafür genügt es nicht, das Aussehen der Trattoria zu beschreiben, die Gäste und ihre Beziehungen zueinander, Sie, Ihren Kellner, Ihre Tochter. Ist das Ihre Tochter?«

Pallotta nickte.

»Entscheidend ist, wie mein literarisches Ich, der verkrachte Krimischreiber, das alles erfährt«, sagte ich. »Und dafür wäre es äußerst vorteilhaft, wenn ich mich in der gleichen Lage befände. Sehen Sie, einer, der hier durchgefüttert wird, um für das Lokal zu werben, wird von Ihnen und Ihrer Tochter und Ihren Stammgästen doch sicher anders behandelt als ein x-beliebiger Kunde. Aber wie? Genau das möchte ich wissen, nein, selbst erfahren.«

Der Wirt spuckte den abgelutschten Olivenkern zur Seite. Er prallte gegen den knorrigen Baumstamm in der Mitte des Gartens und blieb im Kies liegen. Das Gespräch ging voll in den Graben. Ich theoretisierte viel zuviel. Zuerst hätte ich Vertrauen schaffen, ein, zwei witzige Bemerkungen machen, über seine lachen, Anekdoten erzählen, mir einen römischen Dialektausdruck erklären lassen müssen. Es lag nicht nur an mir. Normalerweise hören sich römische Gastwirte gern selbst reden, aber der hier bildete anscheinend eine Ausnahme. Jetzt war es zu spät, um die Strategie zu ändern. Ich mußte da durch. Es gab ja noch Tausende anderer römischer Trattorien.

»Das ist ein literarisches Experiment«, sagte ich, »eine Geschichte auf zwei Ebenen. Zum einen haben Sie einen Krimi um den Privatdetektiv Bruno Brunetti, also Phantasie, Spannung, Nervenkitzel, zum anderen einen Bericht über die Umstände, unter denen ein Krimiautor arbeitet, also Authentizität, Selbstreflexion und Hintergrundinformationen. Und im Mittelpunkt steht immer Ihre Trattoria. Dort verweben sich die Handlungsstränge, da beide Protagonisten – Brunetti und das Ich – von Ihnen kostenlos bewirtet werden. Das ist gut, das kann der ganz große Hit werden. Erst mal für mich. Doch je besser sich der Krimi verkauft, desto erfolgreicher fällt natürlich auch die Werbung für Ihre Trattoria aus.«

Pallotta nahm jetzt eine grüne Olive und zerquetschte sie zwischen den dicken Fingern. Die Paprikafüllung flutschte heraus.

»Na, was meinen Sie?« fragte ich, um der Sache ein Ende zu bereiten.

»Auf diese Tour hat noch keiner versucht, sich von mir aushalten zu lassen.«

»Schade«, sagte ich, »ich bin mir sicher, daß . . .«

»In Ordnung«, sagte Pallotta, »aber nur ein paar Tage.«

»In Ordnung?« fragte ich zur Sicherheit. Er meinte doch nicht, daß er sich auf das Geschäft einlassen wollte? Spätestens seit dem Olivenkernspucken war ich sicher gewesen, daß das Ganze genauso schiefgehen würde wie in der Trattoria im Testaccio. Sobald ich dort von literarischem Experiment gequasselt hatte, war der Rolladen endgültig heruntergegangen. Als handle es sich um Genmanipulation.

»Wann wollen Sie anfangen?« fragte Pallotta. Es hatte tatsächlich geklappt! Ich nahm mir eine schwarze Olive.

»Jetzt«, sagte ich. »Sofort. Wir sind schon mittendrin.«

»Sie wollen also etwas zu essen, nehme ich an?«

Es war unglaublich. Sie würden mich durchfüttern. Ich konnte es mir gutgehen lassen. Genußvoll essen, ein paar der Pallotta-Gerichte einarbeiten und nebenher das Brunetti-Zeug hinrotzen.

»Ein Teller Antipasti wäre . . . Und haben Sie vielleicht auch Saltimbocca alla romana?«

Der Wirt nickte. Er stand auf und winkte Kellner Gianni her. Zusätzlich bestellte ich einen halben Liter Hauswein und für nachher Tiramisù und Kaffee. Vor allem die Saltimbocca schmeckten unübertrefflich. Schon der Duft der Butter-Wein-Bratensauce ließ einen fast schwindlig werden. Über die Geschmacksnerven blies zuerst eine Kräuterduftbrise der römischen Campagna, auf die das Aroma des saftigen Schinkens wie Blitz und Donner herabfuhr. Das dünne Fleisch zerging auf der Zunge und hinterließ dabei einen Geschmack, der einen zum Mörder machen könnte. Ich fragte mich, welches Genie zum erstenmal auf die Idee gekommen war, Kalbsschnitzel, Parmaschinken und Salbeiblätter zu kombinieren.

Vielleicht lag es am Wein und am reichlichen Essen, vielleicht auch am unerwarteten Erfolg, auf jeden Fall ließ meine Lust, Brunetti auf vollen Touren ermitteln zu lassen, rapide nach. Ich machte mir noch Notizen zu ein paar Artikeln aus der »Repubblica«: Einer pries römisch-jüdische Süßspeisen namens Maaml und Pizzarella. Ersteres mußte eine Art Mandeltorte, letzteres ein frittiertes, in Honigsirup eingelegtes Schokoladennockerl mit Pinienkernen sein. Außerdem war in der Enoteca »Il Goccetto« beim Campo de’ Fiori nächtens eingebrochen worden. Die Diebe waren durch unterirdische Gänge gekommen, hatten den Boden durchbrochen und vierundsechzig Kisten Wein geklaut, nur Spitzenerzeugnisse aus ganz Italien. Im Cinema Farnese lief der Film »Die fünf Sinne«. Ich schrieb mir die Anfangszeiten auf. Genug. Ich fühlte mich sogar zu schlapp, die Gäste genau zu beobachten. Eher zufällig bekam ich mit, daß die Tochter des Wirts nicht Barbara, sondern Livia hieß. Sie war nicht häßlich, aber alles in allem konnte ich nicht nachvollziehen, wieso Brunetti so einen Narren an ihr gefressen hatte. Kein Vergleich mit meiner Barbara.

Den Rest des Nachmittags verbrachte Brunetti hauptsächlich am Telefon. Um 15.45 Uhr erfuhr er, daß ein Kommissar De Sanctis die Ermittlungen im Mordfall Ferreri leitete, aber an diesem Tag nicht mehr im Kommissariat anzutreffen sei. Die Privatnummer wollten sie ihm nicht geben. Er könne ja eine Nachricht hinterlassen. Um bei den weiteren Verhandlungen bessere Karten zu haben, telefonierte er im Kollegenkreis herum, bis er einen gemeinsamen Bekannten von De Sanctis und sich ausfindig gemacht hatte. Einen Exkriminaler namens Pierantonio Russo, der eine Zeitlang als Privatdetektiv dilettiert hatte, bevor er sich als Leibwächter Andreottis verdingte. Der war als Empfehlung sehr brauchbar, denn wer wollte es sich schon mit der Politik und der Mafia verscherzen?

Brunetti benötigte drei weitere Telefonate, bei denen er sich zweimal des Vergehens der Amtsanmaßung schuldig machte, bis er De Sanctis’ Handynummer hatte. Allerdings war das Handy abgeschaltet. Er beschloß, es später noch einmal zu versuchen und inzwischen Frau Ferreri, seine Auftraggeberin, anzurufen. Der Zeitpunkt war etwas heikel, aber vielleicht gereichte es der Witwe zum Trost, daß sie ihm kein Honorar mehr zu zahlen brauchte, um der ehelichen Treue ihres Verflossenen sicher zu sein.

Brunetti erreichte die Dame nicht. Die Handynummer, die er sich bei ihrem Besuch aufgeschrieben hatte, existierte nicht, und im Trauerhaus ging niemand an den Apparat. Das fand Brunetti ungewöhnlich. Er fuhr mit der Vespa zum Palazzo an der Piazza Margana. Die Wohnung der Ferreris war versiegelt. Immerhin wußte Brunetti nun, daß der Mord hier stattgefunden hatte. Kein Wunder, daß Frau Ferreri die Bleibe gewechselt hatte.

Ein wenig später erreichte Brunetti Kommissar De Sanctis, der allerdings auf einer Familienfeier weilte und ihn auf seine Bürozeiten verwies. Als Brunetti einen lieben Gruß von Pierantonio Russo ausrichtete und sich nicht abwimmeln lassen wollte, bewies De Sanctis, daß er kein übler Kerl war. Oder zumindest, daß er Humor besaß. Er lud Brunetti ein, am nächsten Morgen der Autopsie des Mordopfers beizuwohnen. Mehr war nicht zu machen.

Brunetti fuhr ins Pallotta zum Abendessen. Es war viel Betrieb, und Barbara war andauernd damit beschäftigt, anderen Männern Essen zu servieren. Na gut, ein paar Frauen auch. Brunetti bekam kaum einen Bissen herunter, weil er sich in einer Tour fragte, wie er die letzten zweieinhalb Jahre ohne diese Frau überlebt hatte. Er wog das Für und Wider ab und entschied sich schließlich, ihr vorzuschlagen, nachher mit zu ihm zu kommen. Das würde sensibler wirken, als hier zu schlafen und die Tatsache auszunutzen, daß ihr Vater im Untersuchungsgefängnis schmorte. Mit Mühe und zwei Gläsern Grappa kam er dann jedoch zu der Einsicht, daß er nichts überstürzen dürfe. Barbara brauchte Zeit, sich wieder an seine Nähe zu gewöhnen. Er würde bis morgen warten. Für sie war ihm kein Opfer groß genug.

Er fuhr allein nach Hause. Auf dem Anrufbeantworter war keine Nachricht. Brunetti legte sich angezogen aufs Bett und hörte das Beschattungsprotokoll vom vorigen Abend durch. Dann stand er noch einmal auf. Zum erstenmal seit Beginn seiner Zeitrechnung schien es ihm nötig, einschneidende Änderungen an der Bedürfnisliste vorzunehmen. Brunetti steckte um. Bei »WAHRE LIEBE« zögerte er. Eigentlich gehörte sie ganz nach oben, aber er wollte wirklich nichts überstürzen. Als er fertig war, öffnete er eine Flasche Colli Albani, legte sich wieder aufs Bett und überflog die Liste:

SEX

SINN DES LEBENS

WAHRE LIEBE

GERECHTIGKEIT

SAUFEN

SCHLAFEN

FUSSBALL GUCKEN

FRESSEN

Als er die halbe Flasche geleert hatte, stand er wieder auf und rückte »WAHRE LIEBE« an die erste Stelle. Dann steckte er noch »SAUFEN« vor »SINN DES LEBENS«. Hol’s der Teufel!

2

Schade, daß die frühere Raffinesse der einfachen Aromen verschwunden ist.

(Gambero Rosso – Restaurantführer Italien Nord und Rom)

Daß Speisen eine semiotische Qualität besitzen, ist allgemein bekannt. Beispiel: die Weißwurst. Wie nur noch das Bier verkörpert sie die regionale Identität der Altbayern bis hin zu ihren separatistischen Tendenzen. Nicht umsonst werden mit vielfältigen Geheimvorschriften darüber, wie, wann und mit welchem Senf eine Weißwurst zu verzehren sei, auswärtige Geschmacksinvasoren abzuwehren versucht. Weniger klar ist mir, warum sich bestimmte Bedeutungen gerade an bestimmte Bedeutungsträger klammern. Die Stammesidentität ist schließlich ein hehres Gut. Wie um Himmels willen kommt sie dazu, mit zermahlenen Fleischabfällen identifiziert zu werden, die in kränklich blasser Farbe lauwarm serviert werden und bestenfalls undefinierbar schmecken?

Ich starrte auf die Rigatoni con Pajata hinab, die vor mir im Teller dampften. Das Ragout wird aus dem vordersten Teil des Darms vom Milchkalb zubereitet, der in Stücke geschnitten, zu kleinen Kränzen gebunden und geschmort wird. Eine römische Spezialität, die wie viele traditionelle Fleischgerichte aus dem »fünften Viertel« besteht, das früher im Schlachthof aussortiert wurde. Nun gut. Ich hatte etwas Typisches verlangt, und Gianni hatte mir Rigatoni con Pajata gebracht. Ich trank einen Schluck Wein zur Stärkung und nahm die Gabel zur Hand.

»Buon appetito!« wünschte mein Tischnachbar. Er war knapp dreißig Jahre alt, hatte sein schwarzes Haar nach hinten gegelt, und seine Gesichtszüge erinnerten ein wenig an den jungen Celentano. Vielleicht lag es auch an der Sonnenbrille, die er trotz der einbrechenden Dunkelheit nicht absetzte. Über dem stahlgrauen Hemd, das aus einem Plastikmüllsack geschneidert zu sein schien, trug er eine ärmellose Tropenjacke mit zwei Dutzend Täschchen. Klein Celentano aß Miesmuscheln in Weißwein. Er tunkte kräftig Weißbrot in die Soße.

Drei weitere Personen saßen an meinem Tisch. Ich hatte gefragt, ob ich mich zu ihnen setzen dürfe. Aus der Art, wie sie zugestimmt hatten, hatte ich geschlossen, daß sie über meine Position in der Trattoria Pallotta informiert waren. Das war abzusehen gewesen und störte mich keineswegs. Mein Projekt ließ es sowieso nicht zu, ein völlig unbeteiligter Beobachter zu bleiben.

»Krimischriftsteller, was?« fragte der Celentano-Typ. Ich nickte und prostete ihm zu. Während ich die Ragoutstückchen unter die Rigatoni stocherte, stellte er sich und die anderen vor. Er hieß Andrea Boccioni. Neben ihm saß ein schüchtern wirkender Brillenträger namens Professor Navacchia.

»Und das sind Marta und Paolo Martello.« Boccioni deutete auf die beiden Weißhaarigen gegenüber. »Besser bekannt unter dem Namen ›Falce e Martello‹, Hammer und Sichel. Sie hat mal Berlinguer persönlich die Hand geschüttelt. Und wenn du jemanden brauchst, der dir erklärt, warum Stalins Säuberungen historisch notwendig waren, bist du bei ihm am richtigen Platz.«

»Vorsicht, Freundchen!« sagte die Alte.

»Wieso, laßt ihr mich sonst nach Sibirien abtransportieren?« Boccioni warf eine Muschelschale unter den Tisch.

Bei der ersten Gabel Rigatoni verzichtete ich auf ein Ragoutstückchen. Ich tunkte nur ein wenig Soße auf. Sie schmeckte fein würzig. Sahne, Speck, Pecorino und vielleicht etwas Wein.

»Der Kleine provoziert gern«, sagte Martello. »Hat sonst nicht viel im Leben, für das . . .«

»Keine Hoffnung auf den historisch notwendigen Sieg der Arbeiterklasse«, höhnte Boccioni.

». . . nicht einmal eine anständige Arbeit.«

Boccioni nahm die Finger aus den Muscheln und schleuderte Martello die Handbewegung entgegen, die mir vom gesamten Arsenal der italienischen Zeichensprache immer am besten gefallen hat. Die Was-willst-denn-du-schon-wissen-Geste. Mit mindestens drei Ausrufezeichen!

»Ich bin aus freien Stücken arbeitslos!« Boccioni wurde laut. »Drei Jahre war ich bei der ENEL angestellt, bis ich mich eines Tages gefragt habe: Habe ich je einen umgebracht? Warum soll ich dann fünfunddreißig Jahre im Büroknast absitzen? Hä?«

»Zum Beispiel, damit du dem Schriftsteller ruhigen Gewissens sagen kannst, woher das Geld kommt, mit dem du deine Muscheln bezahlst«, sagte Martello.

»Wenn er überhaupt bezahlt«, sagte Falce. Sie hatte knochige Finger und den Charme einer Märchenhexe. Ich steckte ein Stück des Darmragouts in den Mund. Es war zart, aber überhaupt nicht glibberig, wie ich aus irgendeinem Grund erwartet hatte. Es schmeckte nicht schlecht, vielleicht ein wenig nichtssagend, etwas fade, auf jeden Fall nicht so, daß ich in die Begeisterungsstürme ausbrechen hätte können, die ich dem Wirt versprochen hatte. Andererseits hatte ich auch klar gesagt, daß es mir um Authentizität ging. Schon die Widmung war eigentlich Werbung genug. Ich löffelte geriebenen Parmesan über die Rigatoni.

B

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Saltimbocca" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen