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STAR GATE – das Original: Die 5. Kompilation

Wilfried A. Hary (Hrsg.)

STAR GATE – das Original: Die 5. Kompilation

„Die Bände 41 bis 50 der laufenden Serie STAR GATE – das Original – zusammengefasst!“


Nähere Angaben zum Autor siehe hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Wilfried_A._Hary


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Vorwort


Die Serie STAR GATE – das Original existiert nun schon seit 1986(!). Einige Autoren sind daran beteiligt. Viele Leser genießen das Heftformat, in dem die Serie in erster Linie erscheint, aber es gibt nicht wenige Leser, die immer wieder auch nach einem umfangreichen Buchformat verlangen, vergleichbar etwa mit den Silberbänden der Perry-Rhodan-Serie.

Für diese haben wir nun nach den ersten vier die 5. Kompilation geschaffen, basierend auf den Bänden 41 bis 50 der laufenden Serie!

Die Autoren dieser 5. Kompilation sind (in der Reihenfolge ihrer Verwendung):

Miguel de Torres

Wilfried A. Hary

W. Berner


Die Kompilation beinhaltet die Romane:

41 »Katharsis« Miguel de Torres

42 »Das Schiff der Götter« Wilfried Hary

43 »Galaxis der Prupper« Wilfried Hary

44 »Wie das Jüngste Gericht« Wilfried Hary

45 »Die rote Sonne« Wilfried Hary

46 »Die goldenen Äpfel der Hesperiden« W. Berner

47 »Multiversum« Wilfried Hary

48 »Gedankenkontrolle« Wilfried Hary

49 »Welten im Krieg« Wilfried Hary

50 »Feindliche Übernahme« Wilfried Hary


Viel Freude beim Lesen dieser immerhin wieder ganze 10(!) Bände umfassenden Kompilation!

Euer Wilfried A. Hary (Hrsg.)


Einführung


In Hermann Schladts Roman ›Das MAFIA-Experiment‹ (Band 13) wird geschildert, wie der Konzern MAFIA bei dem Versuch, ein eigenes Star Gate zu konstruieren, zwar scheitert, dabei aber eine Möglichkeit entdeckt, Personen zu duplizieren. Obwohl die Angelegenheit eskaliert und sie nicht begreifen, was da wirklich geschieht und ob es vielleicht noch ungeahnte weitere Nebenwirkungen der negativsten Art gibt: Dies bringt Alfonso Volpone, den Konzernchef (›Paten‹) von MAFIA, auf die wahnsinnige Idee, sich des ungeliebten und erfolgreicheren Konkurrenten Mechanics Inc. zu bemächtigen, indem dessen Chef Frascati im MAFIA-SG dupliziert und dann durch das Double ersetzt wird.

Auf dem Höhepunkt der Geschehnisse passiert es: DIE INVASION DER KYPHORER (Band 17) erfolgt – und mit dem »verdoppelten« Frascati geschehen seltsame Dinge: Er »vereint« sich als Original mit seiner Kopie! Danach flüchtet er durch ein geheimes STAR GATE an einer Stelle, an der einst Troja stand – mit unbekanntem Ziel.

Am Ankunftsort schließlich...


Prolog


Während Lino Frascatis Körper sich zusammen mit Jackson »Jackie« Chan, Cengiz Ay und einer seltsamen schwarzen Katze namens Felicitas in einer unbekannten Star-Gate-Station befindet, bewegt sich sein Geist, losgelöst von seiner stofflichen Hülle durch die Mithilfe des Stationscomputers, der auf diese Weise Klarheit über Frascatis Status zu bekommen versucht, durch die Tiefen und Untiefen seiner eigenen Vergangenheit. Soeben durchlebte Frascati erneut die Ereignisse des Sommers 2043, die letztlich die jahrelangen und verlustreichen Konzernkriege auslösten. Als sein Geist zurückgeschleudert wird in die namenlose Finsternis des absoluten Nichts, nimmt er an, die Prüfung des Stationscomputers sei damit abgeschlossen, doch als es endlich wieder hell um ihn wird, befindet er sich nicht in jener Star-Gate-Station, sondern im…


Frühjahr 2058:

Der Kampf um Mechanics


Das Mechanics-Krankenhaus im Zentrum Detroits, ohne allen Zweifel die modernste und auch luxuriöseste Klinik des ganzen Kontinents, war ausschließlich Funktionären, Managern und leitenden Angestellten des Konzerns vorbehalten. Mehrere Hundert hochbezahlte Ärzte sowie Tausende von Assistenten, Schwestern und Pflegern sorgten dafür, dass es jenen Patienten an nichts mangelte, die von der Konzernführung für wichtig genug erachtet wurden, im Falle einer Krankheit oder eines Unfalls darin aufgenommen zu werden.

An diesem Abend des 4. Mai war ein nicht unbeträchtlicher Teil des Klinikpersonals damit beschäftigt, das Leben des wichtigsten Mannes des Konzern zu retten: Malcolm Agnew, siebzigjähriger Konzernchef, Bruder des zwei Jahre zuvor verstorbenen Frank Agnew, hatte am Nachmittag einen Bergunfall erlitten und war nach seiner Einlieferung sofort in ein künstliches Koma versetzt worden. Obwohl die Verletzungen sehr schwer waren – Agnew war mehr als zwanzig Meter tief auf ein felsbrockenübersätes Terrain abgestürzt –, waren die Ärzte zuversichtlich, sein Leben erhalten zu können.

In einem beinahe fürstlich eingerichteten Warteraum unfern der Intensivstation – alte chinesische Teppiche auf dem Boden, japanische Holzschnitte an den Wänden, französische Kristalllüster an der Decke und ein Mobiliar, das zum Teil der Werkstatt Thomas Chippendales entstammte – saßen und standen vier Männer, die in eine erregte Diskussion vertieft waren.

»Ich frage nochmals: Wie konnte das geschehen?«, ereiferte sich David Mogan, der einundfünfzigjährige Finanzvorstand des Konzerns und erste Stellvertreter des Aufsichtsratsvorsitzenden Agnew. Sein stechender Blick war dabei auf Hal Cook, den Sicherheitschef, gerichtet.

Cook, ein fünfundvierzig Jahre alter Mann mit grauen Schläfen, Stirnglatze und großen, wasserblauen Augen, sah sich in die Defensive gedrängt.

»Agnew selbst hat den Sicherheitsleuten befohlen zurückzubleiben.« Er zuckte in einer Geste, die seine ganze Hilflosigkeit ausdrückte, mit den Schultern. »Sie kennen ihn doch – wenn er in den Bergen unterwegs ist, will er stets allein sein. Nur der Führer ...« Cook verstummte und blickte von einem zum anderen.

»Den können wir ja nun nicht mehr fragen, was genau passiert ist«, stellte Lino Frascati, der dritte Anwesende, fest. Seit nunmehr drei Jahren war er Personalvorstand von Mechanics Inc.; im vergangenen Dezember war er zum zweiten stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden aufgerückt. Es war allgemein bekannt, dass er von Agnew, der große Stücke auf den eher unscheinbaren, untersetzten Mann mit dem oft väterlich wirkenden Verhalten hielt, protegiert wurde.

Der vierte Mann im Raum, der etwas abseits saß und bislang mit geistesabwesendem Ausdruck vor sich hingestarrt hatte, sah auf.

»War er sofort tot? Der Führer, meine ich?«, fragte Clint Fisher. Der dreiundvierzigjährige Überlebensspezialist hatte sich vor einigen Monaten aus dem aktiven Dienst zurückgezogen und den Posten des stellvertretenden Sicherheitschefs eingenommen. Man hatte ihn aus einem Karibikurlaub zurückbeordert, nachdem die schlimme Nachricht eingetroffen war.

Der hochgewachsene Mogan – er überragte Frascati beinahe um Haupteslänge – nickte. »Er hatte weniger Glück als Agnew; er stürzte mit dem Kopf voraus auf den Felsen. Muss ein unschöner Anblick gewesen sein...«

»Ich frage mich«, fiel Cook ein, »ob in Anbetracht der noch ungeklärten Umstände des Unfalls vielleicht Flibo ...« Er sah die anderen drei nacheinander mit vielsagendem Blick an.

Mogan schüttelte entschieden den Kopf. »Das kann ich mir nicht vorstellen! Schließlich war es Malcolm Agnew, der sich nach dem Tod seines Bruders um einen Ausgleich mit dem europäischen Konzern – und auch mit den anderen Konzernen – bemüht hat. Die Welt ist groß genug für alle; so etwas wie die Konzernkriege darf es nie wieder geben!«

»Möglicherweise«, sagte Fisher mit ruhiger Stimme, »denkt man in Rheinstadt anders über diese Dinge ...« Bei den nächsten Worten sah er Mogan direkt an. »Möglicherweise käme Agnews Tod Don Harris, dem Flibo-Konzernchef, sehr gelegen – schließlich war es Harris selbst, der vor fünfzehn Jahren die Konzernkriege vom Zaun gebrochen hat.«

Frascati starrte den ehemaligen Überlebensspezialisten und jetzigen stellvertretenden Sicherheitschef an. Sie beide – Fisher und er – wussten sehr gut, was damals, im Sommer 2043, wirklich geschehen war: dass nämlich Fisher selbst Harris in eine Situation gedrängt hatte, in der diesem kaum etwas anderes übrig geblieben war, als eine bewaffnete Auseinandersetzung zu eröffnen.

Laut sagte Frascati: »Noch ist Agnew nicht tot, und wie es im Augenblick aussieht, ist sein Zustand zwar ernst, aber nicht lebensbedrohlich. Die Ärzte hier gehören zu den besten der Welt, von der zur Verfügung stehenden Medizintechnik ganz zu schweigen!«

Mogan nickte und erhob sich. Die Kaffeetasse, die seit einer halben Stunde vor ihm stand, hatte er in der ganzen Zeit nicht einmal angerührt. »Ich will schnellstmöglich einen detaillierten Bericht über diesen Unfall«, trug er Cook auf. »Die wichtigsten Fakten, auch wenn sie nur vorläufig sind, spätestens um neun Uhr heute Abend!«

Der Sicherheitschef stand ebenfalls auf.

»Selbstverständlich«, versicherte er. »Ich mache mich sofort an die Arbeit!« Sekunden später fiel die Tür hinter ihm zu. Er war froh, die Besprechung verlassen zu können, denn er wusste, dass man letztlich ihn persönlich für Agnews Unfall verantwortlich machen würde.

Nachdem Cook den Raum verlassen hatte, sah David Mogan auf die Uhr. »Ich denke, wir können hier nichts mehr tun. Agnew ist bei den Ärzten in den besten Händen.« Er nickte Fisher und Frascati zu. »Alles Weitere besprechen wir bei der turnusmäßigen Aufsichtsratssitzung am Montag um neun Uhr. Bis dann also!«

Frascati, der bislang an der mit libanesischer Zeder getäfelten Wand gelehnt hatte, wollte dem stellvertretenden Konzernchef folgen, doch Fisher hielt ihn mit einer Handbewegung zurück.

»Was gibt es?«, fragte der Personalvorstand.

Fisher wartete, bis die Tür hinter Mogan ins Schloss gefallen war und sich dessen Schritte entfernt hatten, dann antwortete er mit gesenkter Stimme: »Ich wollte nur ... Nun, falls Malcolm Agnew wider Erwarten nicht überleben sollte, wird das daraufhin beginnende Rennen um den Aufsichtsratsvorsitz wohl auf ein Duell zwischen Ihnen und Mogan hinauslaufen. Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich dabei fest auf Ihrer Seite stehen werde!«

Der Personalvorstand starrte sein Gegenüber verblüfft an. Daran, dass er sich unversehens an der Spitze des wohl größten Konzerns der Welt wiederfinden könnte, hatte er noch gar nicht gedacht. Was ihn aber an der Äußerung des stellvertretenden Sicherheitschefs am meisten überraschte, war die Offenheit, mit der dieser das Thema angeschnitten hatte.

»Sie hörten ja, was Mr. Mogan, den Zustand Agnews betreffend, ausführte«, antwortete er kalt. »Die Frage einer Nachfolge stellt sich nicht.«

Er wandte sich brüsk ab und war bereits auf dem Weg zur Tür, als diese aufgestoßen wurde. Professor Lang, der Chefarzt der Mechanics-Klinik, stand im Eingang. Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn, und nicht nur seine Stimme zitterte, als er den beiden Männern eröffnete:

»Es tut mir sehr leid, aber Mr. Agnew ist soeben völlig überraschend verstorben!«

Der fassungslose Blick Lino Frascatis traf Clint Fisher.

Die grauen Augen des stellvertretenden Sicherheitschefs glitzerten kalt.


1


PROTOKOLL

AUFSICHTSRATSSITZUNG VOM 6. 5. 2058


ANWESENHEITSLISTE:

Malcolm Agnew, Aufsichtsratsvorsitzender – abwesend wg. Ableben (siehe Tagesordnung Punkt 1)

David Mogan, Finanzvorstand, 1. stellv. Aufsichtsratsvorsitzender – anwesend

Lino Frascati, Personalvorstand, 2. stellv. Aufsichtsratsvorsitzender – anwesend

Peter Resin, 1. stellv. Personalvorstand – abwesend wg. Gefängnisaufenthalt

Patrick Kirkpatrick, Produktvorstand – anwesend

Wolf Dietrich Seidlitz, Entwicklungsvorstand – anwesend

Willi Doors, Leiter Software-Entwicklung – abwesend wg. Fehlersuche in der neuen Bergrettungs-Koordinierungssoftware

Hal Cook, Sicherheitsvorstand – anwesend

Clint Fisher, 1. stellv. Sicherheitsvorstand – anwesend

Anton Leppke, Chefbuchhalter – abwesend wg. Geschäftsreise nach Vaduz

Mario Volpone, 1. stellv. Chefbuchhalter – abwesend, Grund unbekannt, Aufenthalt unbekannt, wurde zuletzt in Neapel gesichtet

Jan van der Heyden, Marketingleiter – anwesend

Walter Con, Rechtsvorstand – abwesend wg. Gerichtstermin

Luigi Sabaldi, Sonderbevollmächtigter für die Unterstützung Not leidender UNO-Politiker – abwesend wg. Geschäftsreise nach Genf


LEITUNG DER SITZUNG: David Mogan


TAGESORDNUNG:

Punkt 1: Bespr. der Situation nach dem Ableben von Malcolm Agnew.

(Keine weiteren Tagesordnungspunkte; der ursprünglich vorgesehene Punkt »Mysteriöse Abbuchung eines Milliardenbetrags« wird auf die nächste Sitzung verschoben.)


Die Luft im abhörsicheren Konferenzraum II/A im sogenannten »Mech-Tower«, der Konzernzentrale von Mechanics Inc. in Detroit, war mehr als nur geschwängert vom Qualm dicker Havannas und dünner Zigarillos. Sieben schwarzbefrackte Männer mit Leichenbittermienen saßen um einen runden Tisch mit Marmorplatte, der für die dreifache Anzahl gedacht war. Die Einrichtung des Konferenzraums war nüchtern, zweckmäßig und modern und in nichts vergleichbar mit dem protzigen Warteraum der Mechanics-Klinik. Einzig ein jetzt unbesetzter lederner Ohrensessel erschien wie ein Anachronismus.

Die erregte Diskussion schien bereits seit einiger Zeit in Gang zu sein, denn die auf dem Tisch stehenden Gläser, Flaschen und Aschenbecher befanden sich in unterschiedlichem Zustand der Befüllung.

»Sie bleiben also dabei«, sagte Kirkpatrick, der Produktvorstand, mit vor Erregung zitternder Stimme, »dass Sie die Abstimmung für Agnews Nachfolge erst in zwei oder drei Wochen durchführen wollen?«

Die Frage war an David Mogan gerichtet, der zur Rechten des leeren Ohrensessels saß. Der hochgewachsene Finanzvorstand, dessen Haare ein so tiefes Schwarz aufwiesen, dass sie nur gefärbt sein konnten, wechselte einen kurzen Blick mit dem auf der anderen Seite von Agnews vakantem Ehrenplatz sitzenden Frascati – einen Blick des schweigenden Einverständnisses.

»Davon abgesehen, dass der Aufsichtsrat heute gar nicht beschlussfähig ist«, begann Mogan, »und auch davon abgesehen, dass die Pietät ein solch überstürztes Vorgehen verbietet, ist die Entscheidung über den zukünftigen Vorsitzenden, vulgo Konzernchef, viel zu wichtig, um übers Knie gebrochen zu werden! Ich denke, eine Wartezeit von einigen Wochen ist für eine Meinungsbildung aller Beteiligten nicht nur sinnvoll, sondern sogar erforderlich!«

Beifälliges Gemurmel und Kopfnicken antwortete dem für die Übergangszeit geschäftsführenden Vorsitzenden. Lediglich der heißblütige Kirkpatrick, ein gebürtiger Ire mit rotem Haarschopf und ebensolchem Schnauzer, verzog das Gesicht und biss sich auf die Lippen, verzichtete jedoch auf eine Antwort. Allen Anwesenden war klar, was der Produktvorstand mit seinem durchsichtigen Vorstoß beabsichtigt hatte: Er hatte in seiner stets polternden Art gehofft, den Konzern in einem Handstreich, einer Überrumpelung, die einem Piratenüberfall glich, übernehmen zu können. Ebenso klar war, dass er mit dieser Niederlage aus dem Rennen um den künftigen Vorsitz ausgeschieden war.

Doch es gab noch genug andere, die sich Hoffnungen machten.

Mogan schlug den vor ihm liegenden Ordner, in den er während der ganzen Sitzung keinen Blick geworfen hatte, demonstrativ zu und trank sein Glas aus. Die anderen verstanden und erhoben sich – die Konferenz war vertagt. Während sie nach und nach den Raum verließen, überlegten sie bereits angestrengt, wie sie ihre Chancen auf den Sitz des Konzernchefs verbessern konnten.

Am Schluss befanden sich nur noch David Mogan und Clint Fisher im Raum. Der stellvertretende Sicherheitschef ging auf den Finanzvorstand zu, der ihm mit einem fragenden Blick entgegensah.

»Was...?«

»Sie sollten wissen«, begann Fisher mit ruhiger Stimme und blickte seinem Gegenüber dabei fest in die Augen, »dass ich der Ansicht bin, der erste Stellvertreter des alten Aufsichtsratsvorsitzenden sollte der neue Vorsitzende werden. Sie können sich auf meine unbedingte Loyalität verlassen!«

Dann verließ er mit raschen Schritten den Raum.

Mogan sah ihm verblüfft nach.


*


Clint Fisher war wohl der einzige der Sitzungsteilnehmer, der sich weder Hoffnungen auf den Chefsessel machte noch diesen anstrebte – zumindest vorläufig. Nicht einmal ein halbes Jahr zuvor hatte er sich nach einer außerordentlich erfolgreichen Karriere als Überlebensspezialist aus dem aktiven Dienst verabschiedet, um seinen derzeitigen Posten einzunehmen. Dass er nun bereits den Gipfel erklimmen könne, erschien ihm nicht nur ein vermessener, sondern auch völlig unsinniger Gedanke.

Natürlich war es sein Ziel, irgendwann Konzernchef von Mechanics Inc. zu werden. Aber er wusste, dass er dieses nur Schritt für Schritt erreichen konnte – und der nächste Schritt war für ihn klar: Wer auch immer die in einigen Wochen erfolgende Abstimmung gewinnen sollte, er musste felsenfest davon überzeugt sein, dass Fisher auf seiner Seite stand. Cook war nach dem »Bergunfall« Agnews – der von Fisher so geschickt inszeniert worden war, dass nicht einmal der Hauch eines Verdachts auf ihn fallen konnte – als Sicherheitschef untragbar geworden; Fisher als dessen Stellvertreter war die natürliche Wahl, wenn es darum ging, Cooks Nachfolger zu bestimmen. Der künftige Konzernchef – hieß er nun Mogan oder Frascati, kein anderer hatte in Fishers Augen realistische Chancen – würde Cook feuern und ihn, Fisher, zum Sicherheitschef machen. Alles andere kam später; mit seinen dreiundvierzig Jahren hatte er keinen Grund zur besonderen Eile.

Mogan oder Frascati...

Aus der jetzigen Sicht heraus, überlegte Fisher, war es völlig offen, wer von beiden das Rennen machen würde. Klar, Mogan war der erste Stellvertreter und Frascati nur der zweite, aber letztlich würde diese Rangfolge bei der alles entscheidenden Abstimmung so gut wie keine Rolle spielen, ebenso wenig wie die menschlichen oder die Führungsqualitäten eines Kandidaten. Entscheidend vielmehr würde sein, wer von beiden der versammelten Aktienmehrheit – faktisch also der Mehrheit der Aufsichtsratsmitglieder – mehr zukünftige persönliche Vorteile versprechen konnte als der andere. Natürlich spielten Führungsqualitäten dabei auch eine gewisse Rolle, denn wenn es dem Konzern gutging, dann auch seinen Aufsichtsratsmitgliedern. Aber Mechanics Inc. hatte mittlerweile eine Größe erreicht, die den Konzern zu einer Art »Selbstläufer« machten; alle in Reichweite befindlichen kleineren Konzerne waren aufgekauft, übernommen oder integriert worden. Die konkurrierenden Konzerne – allen voran Flibo in Rheinstadt – hatten ebenfalls eine Größe erreicht, die eine mehr oder weniger friedliche Übernahme beinahe unmöglich machte, so dass nun eine Art »Gleichgewicht der Macht« herrschte, wenn auch ein sehr fragiles. Nichtsdestoweniger musste der neue Konzernchef schon ein ausgemachter Trottel sein, um Mechanics in den Abgrund zu führen – und das waren weder David Mogan noch Lino Frascati.

Mogan oder Frascati...

Die Entscheidung, welchen von beiden Fisher – natürlich verdeckt – unterstützen sollte, fiel ihm nicht leicht. Frascati war eindeutig der stärkere Charakter; wenn Fisher sein Vertrauen gewinnen konnte und Frascati tatsächlich Konzernchef wurde, war Fishers Zukunft in den höchsten Führungskreisen gesichert. Andererseits war Mogan leichter lenkbar; Fisher wusste einige Dinge über ihn, die ihn erpressbar machten. Würde Mogan Konzernchef und setzte Fisher sein Wissen und seine Fähigkeiten richtig ein, wäre es fast ebenso, als führte er selbst den Konzern ... Frascati dagegen würde ihm zwar loyal verbunden sein – immer vorausgesetzt, Fisher verstünde es, das Vertrauen des derzeitigen Personalvorstands zu erwerben und zu behalten –, aber er würde sich in seinen Entscheidungen kaum von dem ehemaligen Überlebensspezialisten beeinflussen lassen.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit, schlussfolgerte Fisher schließlich, war es am besten, Mogan bei seiner Kandidatur zu unterstützen – selbstverständlich auf eine Art und Weise, dass Frascati dies nicht bemerkte.

Schließlich musste man sich stets eine Hintertür offenhalten...


*


An diesem Abend saß Lino Frascati in dem gigantischen Wohnzimmer seines neuen Landhauses, hielt ein volles Glas Pernod in der Hand und starrte auf die spiegelglatte, dunkle Fläche des Erie-Sees, hinter der soeben die Sonne verschwunden war. An einer kleinen Landzunge, etwa zweihundert Meter von der Villa entfernt, stand reglos eine weißgekleidete Gestalt.

Margret.

Beinahe gewaltsam riss er den Blick von seiner Frau und ließ ihn durch das Wohnzimmer schweifen, das einen Anblick bot, als habe eine Bombe in ein Museum eingeschlagen. Das Haus war nagelneu und noch lange nicht fertig eingerichtet. Viele geschlossene und einige geöffnete Umzugskisten prägten das Bild, dazwischen war etwa ein Dutzend lebensgroßer antiker Statuen verstreut. Ein gigantischer Spiegel mit vergoldetem Rahmen, der ursprünglich aus Versailles stammte, lehnte wenige Meter von Frascati entfernt an der Wand. Darin wurde ein Teil eines großen weißen Konzertflügels reflektiert – er war vor nunmehr beinahe fünfzehn Jahren Frascatis Hochzeitsgeschenk an Margret gewesen.

Margret...

Wieder schweifte sein Blick zu der kleinen Landzunge – Margrets Lieblingsplatz, seit sie gemeinsam dieses Grundstück ausgewählt hatten. Die weiße Gestalt war verschwunden; offensichtlich hatte sie seine Ankunft bemerkt und sich auf den Rückweg zu der Villa gemacht, die äußerlich einem hölzernen Ranchgebäude glich, innen jedoch mit ebenso moderner wie weitgehend unsichtbarer Hochtechnik ausgestattet war.

Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Er sah auf. In dem Spiegel ihm gegenüber sah er Margret neben dem Flügel stehen. Ihre Blicke begegneten sich in dem jahrhundertealten Glas.

»Hallo«, sagte sie nur. In ihrer Stimme lag keine Freude über seine Ankunft, aber auch kein Vorwurf, dass er mehr als achtundvierzig Stunden in seinem Büro in Detroit zugebracht hatte. Sie begrüßte ihn, wie man jemanden begrüßt, den man gut kennt und beinahe täglich sieht – jemanden, den man respektiert und achtet, aber nicht unbedingt liebt.

»Hallo«, antwortete er und nahm einen Schluck aus dem Glas. Er musterte Margrets Reflektion. Plötzlich fiel ihm auf, wie sehr sie in der letzten Zeit gealtert war. Sie trug kein Make-up, und die Falten um ihre Augen und erste graue Strähnen im blonden, einst beinahe goldenen Haar ließen sie aussehen wie fünfzig und nicht wie siebenunddreißig.

»Agnew ist tot. Ich weiß es aus den Nachrichten«, stellte sie sachlich fest.

Du hättest mich anrufen können.

Langsam nickte Frascati. »Ich hätte dich anrufen sollen, aber plötzlich ging wirklich alles drunter und drüber ...« Er stellte das Glas auf den kleinen Tisch neben ihm und sah wieder hinaus auf den See, dessen ruhige Oberfläche ein tiefes Purpur angenommen hatte.

»Vielleicht werde ich Konzernchef.«

Es sagte es in einem Tonfall, als ging es um die Planung des Abendessens.

»Ich wünsche dir viel Glück«, antwortete sie im gleichen Ton.

Überrascht sah er sie an – ihr Abbild im Spiegel. Sie hatte auf dem Klavierhocker Platz genommen und den rechten – nein, den linken – Arm auf die Abdeckung der Klaviatur gelegt.

»Weißt du, was das bedeutet? Konzernchef von Mechanics zu werden? Kannst du dir das vorstellen?«

Margret nickte langsam, bedächtig. »Ich kann mir vorstellen, was es dir bedeutet. Es war ja immer dein Ziel.«

Ihr Mann sprang aus dem Sessel auf und wandte sich um. Zum ersten Mal sah er sie nun direkt an. »Ein Traum war es, nichts weiter als ein Traum! Mit so einer Entwicklung konnte ich nicht rechnen!« Zwei schnelle Schritte brachten ihn zum Flügel. Er nahm ihre Hand. »Alle sagen, es läuft auf ein Duell zwischen David Mogan und mir hinaus!«

»Wer darf die Waffen wählen?«

Verärgert ließ er ihre Hand los. »Du weißt, wie ich es meine!« Er trat einen Schritt zurück und musterte sie. Ihre grünen Augen, fand er, sahen irgendwie ... stumpf aus. Das leuchtende Funkeln in ihnen, das ihn stets so fasziniert hatte, war erloschen.

»Du hast dich verändert«, erkannte er schließlich.

»Ich habe mich verändert, weil du dich verändert hast!« Sie schüttelte langsam den Kopf. »Seit du Personalchef geworden bist, gibt es für dich nur noch Mechanics; alles andere ist nicht mehr wichtig.« Margret schlug die Augen nieder. »Wir sind nicht mehr wichtig!«

Nun schüttelte auch Lino Frascati den Kopf, doch bei ihm drückte diese Geste Unverständnis, beinahe Fassungslosigkeit aus.

»Für wen, glaubst du, mache ich das alles? Für wen bleibe ich tagelang im Büro, für wen arbeite ich oft genug die Nacht durch? Für dich – für uns, für niemand anderen!« Er versuchte, ihr in die Augen zu sehen, doch sie wich seinem Blick aus. »Für unsere Zukunft! Und jetzt werde ich vielleicht Konzernchef von Mechanics! Mehr kann ein Mensch auf dieser Welt nicht erreichen! Du musst doch glücklich sein!«

Endlich sah sie ihn wieder an. »Ich bin glücklich, wirklich – für dich, weil ich weiß, wie viel dir das bedeutet!« Sie erhob sich und wandte sich ab. »Belassen wir es dabei.« Langsam schritt sie in Richtung des Eingangs.

»Wohin gehst du?«, rief er ihr nach.

Sie blieb in der geöffneten Tür stehen und wandte sich um. »Es ist Montagabend, und es ist schon spät. Ich sollte bereits in Detroit sein.«

»Wieder Projekt Suppenküche?« Frascati konnte ein spöttisches Lächeln nicht ganz unterdrücken.

Margret tat, als bemerkte sie es nicht. Sie nickte. »Du kannst es so nennen, ja. Es ist wichtig, diesen Leuten zu helfen; denjenigen, die Mechanics – die Personalabteilung von Mechanics! – ›aussortiert‹ hat, weil sie zu alt oder aus anderen Gründen nicht mehr produktiv genug sind. Meine Arbeit in der ›Suppenküche‹ ist wichtig für diese Menschen – und wichtig für mich.«

»Aber warum musst du selbst dort hingehen? Zwei- oder dreimal pro Woche bis Mitternacht? Geld spielt ja zum Glück kaum mehr eine Rolle für uns – du könntest jeden Monat zehntausend Verrechnungseinheiten spenden! Damit wäre den Leuten mehr geholfen als mit deinem Projekt Suppenküche

Margret biss sich auf die Lippen. »Sagen wir: Ich will mir mein Gewissen nicht abkaufen lassen. Ich will etwas tun

»Hältst du das für klug?«

»Klug?«, fragte sie, ehrlich verblüfft.

Er hob beide Hände. »In Anbetracht meiner Situation, meine ich. Es könnte negative Folgen für meine Kandidatur um den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden haben, wenn sich meine Frau nachts in den übelsten Gegenden von Detroit herumtreibt. Das passt einfach nicht zu meiner Position!«

Verärgert antwortete sie: »Aber es passt zu meiner Position – und wenn ich nicht gehe, könnte es negative Folgen für andere haben. Wusstest du, dass im letzten Winter mehr als vierhundert Menschen verhungert oder erfroren sind? In Detroit, einer der angeblich reichsten Städte der Welt?« Sie drehte sich abrupt um. »Bis später also.«

Sie verließ den Raum. Kurz darauf hörte Frascati die Tür ihres Gleiter zuschlagen. Das Aufheulen des normalerweise beinahe unhörbar leisen Motors verriet ihm, dass sie es eilig hatte wegzukommen.

Weg – von ihm? Oder von seiner Art zu leben, die sie nicht mehr teilen wollte, weil sie sie nicht mehr verstand, so wie er sie nicht mehr verstand?

Kopfschüttelnd ging er zurück zu seinem Sessel, ließ sich darin nieder und nahm das Glas mit dem Pernod zur Hand.

Die Landschaft jenseits des großen Panoramafensters versank in Dunkelheit.


*


Zwölf Stunden später saß Clint Fisher in seinem Büro und studierte einen kurzen dreidimensionalen Film, der von seinem Computer über den Schreibtisch projiziert wurde. Der Film, mit versteckter Mikrokamera gedreht, zeigte Margret Frascati bei ihrem sozialen Engagement – der von ihrem Mann so genannten »Suppenküche«, die in Wahrheit ein komplettes und gut ausgestattetes Heim für Obdachlose war, zum größten Teil von Margrets – und damit von Lino Frascatis – Geld finanziert.

Mit einer unwirschen Handbewegung schaltete Fisher die Projektion ab und lehnte sich in seinem Sessel zurück.

Das führte zu nichts.

Über seine Frau war Frascati nichts anzuhaben. Im Gegenteil – ihr soziales Engagement brachte dem Personalvorstand allenfalls Pluspunkte bei der Wahl zum CEO ein. Den anderen Aufsichtsratsmitgliedern – Fisher eingeschlossen – lag zwar nichts ferner, als sich selbst in welcher Form auch immer sozial zu engagieren, aber ihnen allen war klar, dass Margret Frascatis Verhalten bei der Bevölkerung gut ankam. Und die Meinung des »Mob«, wie Fisher die Masse des Volkes insgeheim nannte, durfte man trotz allem nicht außer Acht lassen.

Vielleicht, überlegte Fisher, war es doch besser, sich auf Mogan zu konzentrieren, der in jedem Fall eine größere Angriffsfläche bieten würde...

Ein Geräusch, das wie ein fernes Donnergrollen klang, schreckte den stellvertretenden Sicherheitschef aus seinen Gedanken. Er wandte sich um und sah aus dem großen Panoramafenster, das einen Ausblick auf halb Detroit bot. Weit hinten, in einer Entfernung von vielleicht zehn Kilometern und damit am nördlichen Rand des gigantischen Mechanics-Areals, stieg eine schwarze Rauchsäule mit beachtlicher Geschwindigkeit in den Himmel. Während der halben Sekunde, in der er wie gelähmt dasaß, erreichte sie bereits die Höhe des Mech-Towers – und sie stieg noch weiter.

Fisher fuhr herum und wollte eben mit der zuständigen Abteilung Kontakt aufnehmen, als diese ihm zuvorkam. Der Bildschirm flammte auf und übermittelte das zu Tode erschreckt wirkende Antlitz eines höchstens zwanzigjährigen, strohblonden Mannes.

»St... Steffens, Sir«, stotterte der junge Mann. Seine Augen zwinkerten nervös. »Explosion in einem der Teststände für Gleitertriebwerke! Es ... es sieht böse aus, Sir!«

»Das sehe ich bis hierher!«, knurrte Fisher. »Geht es nicht etwas konkreter?«

»Einen Moment, Sir!« Das Gesicht des Jungen verschwand. Fisher überlegte nicht lange, sondern schaltete das Gespräch auf Mogans Büro um und ging dann rasch, aber äußerlich völlig ruhig, hinüber.

Mogan stand am Fenster, das beinahe die ganze Rückseite seines Büros einnahm, und starrte mit weit aufgerissenen Augen hinaus. Als Fisher eintrat, wandte er nicht einmal den Kopf.

»Was ist passiert?«, flüsterte er.

Fishers fast blutleere Lippen verzogen sich für einen kurzen Augenblick zu einem verächtlichen Grinsen. Im nächsten Moment bereits hatte er sich wieder in der Gewalt, aber seine Zweifel, wen er im Kampf um den Stuhl des Konzernchefs unterstützen sollte, waren verflogen. Mogan fehlte Frascatis Entschlusskraft, und Fisher würde nicht das einzige Aufsichtsratsmitglied sein, das dies bemerkte.

Laut sagte er: »Die Meldung kommt eben rein«, und deutete auf den Bildschirm auf Mogans Schreibtisch, wo mittlerweile Steffens wieder erschienen war.

Der Junge hatte sich schnell gefasst und erstattete nun eine beinahe militärische Meldung: »Feuer in Teststand XIII nach Explosion, Sir! Kein Zugang mehr möglich; da müssen mehrere Tausend Grad herrschen.« Er blickte für einen Moment zur Seite, dann nickte er und sah wieder in die Kamera. »Zum Zeitpunkt der ... des Unglücks haben sich etwa zwanzig Leute im Teststand befunden – für sie besteht kaum Hoffnung. Das ist aber nicht das Schlimmste...«

»Sondern?«, fragte Mogan, immer noch flüsternd. Fisher, der ihn scharf beobachtete, bemerkte, dass der stellvertretende CEO kalkweiß war.

Im Hintergrund des Büros öffnete sich die Tür – Lino Frascati war ebenfalls von der Explosion aufgeschreckt worden.

»Das Feuer breitet sich weiter aus, Sir! Die Löschtrupps haben soeben mit der Arbeit begonnen, konnten aber noch keinen Erfolg erzielen.« Steffens begann wieder, nervös zu zwinkern. »Das ... das ist kein normales Feuer, Sir!«

»Natürlich nicht«, warf Fisher ein. »Ist ja auch kein normaler Treibstoff, der da erprobt wird!«

»Einen Moment, Sir!«

Steffens Gesicht verschwand, und die drei Männer sahen sich betroffen an. Mogan schüttelte fassungslos den Kopf.

»Dass das ausgerechnet jetzt passieren muss«, entfuhr es ihm. »Ausgerechnet jetzt!« Er zog ein Taschentuch heraus und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Fisher und Frascati warfen sich einen kurzen Blick zu. Obwohl sich beide bemühten, nicht allzu viel Bedeutung in diese flüchtige Geste zu legen, wurde damit doch eines klar: Beide hatten erkannt, dass der Finanzvorstand Mogan in dieser Situation überfordert war.

Der stellvertretende CEO hatte sich wieder dem Panoramafenster zugewandt, und die beiden anderen Männer folgten seinem Blick. Die Rauchsäule wurde stetig dicker, und nun konnte man – bei einer Entfernung von zehn Kilometern! – am Boden bereits erste grellorange Flammenzungen erkennen.

Eine aus dem Interkom dröhnende Stimme lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Schreibtisch zu. Auf dem Schirm war das verschwitzte und schmutzverkrustete Gesicht eines anderen, älteren Mannes zu sehen.

»Barnes, Leiter Noteinsatztrupp C«, stellte er sich vor.

Fisher nickte ihm kurz zu; der Mann war ihm als tatkräftig und überaus kompetent bekannt.

»Wie steht es?«, wollte der ehemalige Überlebensspezialist wissen. Erst in diesem Moment fiel ihm die Abwesenheit des Sicherheitschefs Hal Cook auf. Ein kurzer Gedanke der Befriedigung schoss durch seinen Kopf: Was auch immer Cook als Grund für seine Abwesenheit anführen würde – die Tatsache, dass er in diesen entscheidenden Minuten fehlte, würde ihn endgültig den Job kosten.

»Schlecht, Mr. Fisher«, gestand Barnes ohne Umschweife. Er wischte sich mit der Hand über sein Gesicht und zog dabei eine Schneise durch die Schicht aus Ruß und Staub, die es bedeckte.

»Der Brand ist nicht mit konventionellen Mitteln zu stoppen. Nicht mit den verschiedenen uns zur Verfügung stehenden Löschchemikalien, und mit Wasser sowieso nicht. Das Feuer breitet sich rasend schnell weiter aus.«

»Was schlagen Sie also vor?«, fragte Fisher knapp. Er wusste: Barnes war kein Mann, der schnell aufgab.

»Wir müssen eine Schneise um den Flammenherd herum freisprengen, mindestens fünfzig Meter breit nach allen Seiten. Und das muss schnell geschehen!«

Bevor Fisher antworten konnte, drängte sich David Mogan vor ihn. Er rang Atem um ebenso wie um Fassung.

»Voll ... vollständig ausgeschlossen!«, schnappte er. »Völlig undenkbar! Das würde Hunderte von Millionen, vielleicht sogar Milliarden kosten!«

Barnes starrte den stellvertretenden CEO an. »Für jede Minute, die wir warten, können Sie locker noch mal ein paar Hundert Millionen dazuaddieren«, sagte er kalt. »Ich sehe keine Alternative – aber die Anweisung zum Sprengen müssen Sie geben!«

Mogan schüttelte heftig den Kopf. »Unter keinen Umständen, hören Sie? Sie sprengen unter keinen Umständen! Andernfalls mache ich Sie persönlich für den Schaden haftbar!«

Barnes warf Fisher einen kurzen, aber vielsagenden Blick zu, dann zuckte er mit den Schultern. »Ist ja nicht mein Konzern. – Ich muss mich um die Evakuierung kümmern.« Grußlos verschwand er und machte Steffens’ bleichem Gesicht Platz. Der Junge enthielt sich jedoch jeden Kommentars, sondern starrte nur erwartungsvoll auf den Bildschirm vor ihm, der ihm einen Ausschnitt von Mogans Büro übermittelte.

Frascati legte dem Finanzchef eine Hand auf die Schulter. »David, Sie müssen den Befehl zur Sprengung geben!«, beschwor er ihn. »Barnes ist der erfahrenste Mann, den Mechanics auf diesem Gebiet beschäftigt! Wenn er sagt, er sehe keine andere Möglichkeit, dann gibt es keine andere Möglichkeit!«

Fisher nickte bekräftigend. »Ich kenne Barnes ebenfalls! Sie dürfen nicht länger zögern!«

Mogan fuhr zurück, als hätte ihn eine Schlange gebissen. Hasserfüllt starrte er die beiden anderen an.

»So ist das also«, zischte er. »Sie beide glauben, die günstige Gelegenheit nutzen zu können, um mich aus dem Rennen um den Vorsitz zu werfen! Sie denken, wenn Sie mich dazu bringen, eine Milliarden teure Fehlentscheidung zu treffen, wird mich der Aufsichtsrat fallen lassen! Aber da irren Sie sich, meine Herren, da irren Sie sich!«

Zitternd vor Erregung schritt er wieder zum Fenster, wo er mit auf dem Rücken verschränkten Händen stehen blieb und auf die schwarze Rauchsäule starrte. Die Flammen am Boden waren nun deutlich zu sehen; welche feurigen Gewalten dort unten tobten, war vom Tower aus nicht einmal zu erahnen.

Fisher machte einen Schritt auf Frascati zu. »Sie müssen handeln, bevor es zu spät ist!«, drängte er. »Sie sind der zweite Mann, geben Sie den Befehl! Barnes wird auf Sie hören.«

Mogan fuhr herum. »Sie brauchen nicht zu flüstern!«, schrie er unbeherrscht. »Meine Ohren sind noch gut genug! Das ist ... das ist...«

Wieder tauschte Frascati mit Fisher einen kurzen Blick des Einverständnisses, dann nickte er. Der stellvertretende Sicherheitschef ging auf Mogan zu, die Hände zu einer Geste der Beschwichtigung erhoben. Währenddessen gab Frascati Steffens einen Wink.

»Bringen Sie Barnes!«, befahl er. »Schnell!«

»Unterstehen Sie sich!« Mogan hatte drohend die Faust erhoben. Er machte Anstalten, sich auf den Personalvorstand zu stürzen, doch Fishers Hände schlossen sich wie stählerne Klammern um die Unterarme des geschäftsführenden Konzernchefs. Dem ehemaligen Überlebensspezialisten war Mogan körperlich weit unterlegen; er musste sich auf weitere Beschimpfungen beschränken.

Frascati ignorierte ihn, denn in diesem Moment war Barnes auf dem Bildschirm erschienen.

»Sprengen Sie!«, befahl der Personalchef knapp.

Mit einem Blick erkannte der Leiter des Noteinsatztrupps die Lage in dem Büro. »Ihre Verantwortung?«, fragte er knapp.

Frascati nickte ernst. »Meine Verantwortung als zweiter stellvertretender Vorstandsvorsitzender«, bestätigte er. »Der erste stellvertretende Vorstandsvorsitzende ist im Moment nicht Herr seiner Entschlüsse.«

Ein Aufschrei Mogans quittierte diesen Satz. Barnes nickte entschlossen. »Hoffentlich ist es noch nicht zu spät!« Dann verschwand sein Gesicht vom Schirm. Frascati wusste, dass er die nächsten Stunden, vielleicht sogar Tage, würde Übermenschliches leisten müssen, um die durch den Streit entstandene Verzögerung noch zu kompensieren.

Die drei Männer in Mogans Büro hingegen konnten im Moment nichts anderes tun als abzuwarten.

Der stellvertretende CEO massierte seine Arme, die Fisher aus dem Schraubstock entlassen hatte.

»Das wird Ihnen beiden noch leidtun«, stieß er wutentbrannt hervor. »Das wird Ihnen noch leidtun!«


2


Am Mittwochmorgen hingen schwere, schwarze Wolken über Detroit – und sinnbildlich auch über dem Konferenzraum II/A im Mech-Tower. Doch einige der Anwesenden vermochten ihre insgeheime Befriedigung oder gar Häme über Mogans durchgesickertes Fehlverhalten nur schwer unter ihren scheinbar betroffenen Mienen zu verbergen.

Soeben war die Anhörung von Wally Barnes, der mehr als vierundzwanzig Stunden im Einsatz gewesen war und sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte, zu Ende gegangen. Die vorläufige Bilanz des Unglücks war ein Schock: Insgesamt achtundvierzig Tote und – viel schlimmer für die versammelten Aufsichtsratsmitglieder – eine Schadenshöhe von mindestens vier Milliarden Verrechnungseinheiten. Ein solches Ausmaß war selbst für einen Großkonzern wie Mechanics spürbar, wenn auch durchaus verkraftbar.

Hatte Barnes´ Vernehmung in einer hitzigen Debatte geendet, so breitete sich, kaum dass sich die Tür hinter dem Einsatzleiter geschlossen hatte, drückendes Schweigen im Konferenzraum aus.

Endlich räusperte sich Lino Frascati. Er bemühte sich, die von teilweise ehrverletzenden persönlichen Angriffen auf den geschäftsführenden CEO Mogan vergiftete Atmosphäre durch eine Rückbesinnung auf technische Punkte zu läutern.

»Kommen wir nochmals zurück zu der Frage der Sicherheitsstandards, die Mr. Barnes kurz angesprochen hatte«, begann er und warf dabei Hal Cook, dem Sicherheitschef, einen betont sachlich-neutralen Blick zu. »Er meinte, in den letzten Jahren hätte es eine Lockerung der Standards für gefährliche Experimente bei gleichzeitiger Verschärfung des Kampfes gegen echte oder vermeintliche Spione anderer Konzerne gegeben...«

Cook war anzusehen, dass er sich nicht wohl in seiner Haut fühlte. Mehr als fünf Jahre hatte er seinen Posten ohne größere Probleme ausgefüllt, und nun geriet er zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage in schweres Fahrwasser.

Nervös kratzte er sich am Kinn. Seine großen Augen irrten von einem zum anderen, ehe er in der Lage war, sie auf Frascati zu fokussieren. »Diese, hm, Verlagerung des Schwerpunktes ist beileibe nicht auf meinem Mist gewachsen«, verteidigte er sich. »Sie stammt noch aus der Zeit, als Frank Agnew den Konzern führte. Zum einen verstärkte die Konkurrenz nach dem Ende der Konzernkriege ihre Spionage- und Infiltrationstätigkeit, und zum anderen legte der damalige CEO besonderen Wert auf neue, innovative Produkte und betrachtete dabei die damals gelten Sicherheitsstandards als hinderlich.« Wieder irrten seine Augen hin und her, bevor sie diesmal auf Mogan zur Ruhe kamen, der der Besprechung bislang mit versteinerter Miene gefolgt war.

»Das waren Agnews Worte, nicht meine«, rechtfertigte sich Cook. »Es gibt mit Sicherheit auch eine Aktennotiz über diese Besprechung damals; wenn Sie wollen, kann ich...«

»Apropos Sicherheit«, fiel ihm Jan van der Heyden, der Marketingleiter, ins Wort. Er beugte sich vor, und seine stechenden, dunklen Augen fixierten Cook wie eine Schlange eine Maus fixiert, bevor sie auf sie zuschnellt und sie verschlingt. »Ich habe etwas läuten hören, dass es bei diesem Endlosprojekt von Professor Holmes, bei dem es um Teleportationsexperimente geht, neulich ebenfalls einen Zwischenfall gegeben habe...«

Wolf Seidlitz, der Entwicklungsvorstand, hob beschwichtigend die Hand. Es war das erste Mal, dass er in dieser Sitzung das Wort ergriff.

»›Zwischenfall‹ ist heillos übertrieben«, beschwichtigte er. »Es gab da lediglich ein, hm, unschönes Vorkommnis mit einer Fliege, die versehentlich mit dem, äh, Versuchsobjekt zusammen transportiert wurde.« Er verzog das Gesicht. »Ersparen Sie mir die Details ... Aber es bestand, von dem Versuchsobjekt natürlich abgesehen, zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für Menschen, geschweige denn teurem Labormaterial!«

Mogan blickte auf. Er sah eine goldene Möglichkeit, das Thema zu wechseln. »Das heißt, Holmes macht endlich Fortschritte?«

Seidlitz nickte bedächtig, abwägend. Der Entwicklungsvorstand war für seine Vorsicht, Aussagen über künftige Techniken betreffend, berüchtigt. »Ich habe nach dem, hm, Vorkommnis mit ihm gesprochen – er war trotz allem regelrecht begeistert über das Ergebnis des Experiments.« Er betrachtete angelegentlich seine gespreizten Finger. »Natürlich gibt es noch eine Menge zu tun, bevor die Technik serienreif ist...«

»Und satte Stromrechnungen zu bezahlen!«, ereiferte sich Mogan. Er sah sich bereits als Sieger der Unterredung. Wenn er Seidlitz in die Enge treiben konnte...

Doch er hatte die Rechnung ohne Patrick Kirkpatrick, den irischen Produktvorstand, gemacht, der die Hoffnung, selbst Aufsichtsratsvorsitzender zu werden, noch nicht gänzlich zu den Akten gelegt hatte.

»Das ist genau der Punkt!«, rief der rothaarige Hüne und deutete mit der Rechten anklagend auf den geschäftsführenden CEO. »Sie sind ein Pfennigfuchser! Das war auch der Grund, warum Sie gestern zu lange mit der notwendigen Entscheidung, eine Schneise zu sprengen, gezögert haben! Eine Krämerseele mag einen brauchbaren Finanzvorstand abgeben, aber als Chef eines Weltkonzerns, der das große Ganze im Blick haben und auch in der Lage sein muss, visionäre Entwicklungen zu fördern, ist sie untragbar!« Er hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ich stelle hiermit den Antrag, dass sich bis zur Wahl des neuen CEO David Mogan und Lino Frascati die Verantwortung teilen – zu gleichen Teilen, wohlgemerkt! Ich stelle ferner den Antrag, dass die Wahl des neuen Vorsitzenden bereits nächste Woche stattfindet! Wie sich gezeigt hat, kann sich Mechanics ein langes Interregnum nicht leisten!«

Ein Stimmengewirr erhob sich, an dem sich lediglich Mogan und Frascati nicht beteiligten. Ersterer war sichtlich in seinem Stuhl zusammengesunken; er war sich der Tatsache bewusst, dass er sich durch sein zögerliches Agieren im Katastrophenfall die Sympathien der meisten Aufsichtsratsmitglieder verscherzt hatte. Frascati hingegen erkannte, dass seine Chancen auf den Konzernvorstand deutlich gestiegen waren. Dennoch war er nicht bereit, Mogan in den Rücken zu fallen; teils aus Berechnung, denn ein derartiges Verhalten konnte ihn – auch wenn es alle anderen Sitzungsteilnehmer nicht anders machen würden – wichtige Stimmenanteile kosten, und teils aus echter Loyalität gegenüber dem Mann, der in der natürlichen Rangfolge immer noch vor ihm stand.

Schließlich war es Walter Con, der Rechtsvorstand, der an diesem Tag auch als Sitzungsleiter agierte, der die Ruhe wiederherstellte.

»Zwei Anträge wurden gestellt und stehen zur Abstimmung«, sagte der fünfundsechzigjährige Mann mit dem weißen Haarkranz in seiner stets ruhigen Art. »Zunächst Antrag Nummer eins, Teilung der Verantwortung zwischen David Mogan und Lino Frascati. Wer befürwortet den Antrag?«

Nach und nach hoben sich die Hände.

Con nickte und zählte auf: »Mr. Kirkpatrick, Mr. van der Heyden, Mr. Seidlitz, Mr. Cook und« – er hob selbst die Rechte – »meine Wenigkeit. Wer ist gegen den Antrag? Niemand. Darf ich um die Gegenprobe bitten? Enthaltungen? Mr. Mogan, Mr. Frascati und« – Con zog überrascht eine Braue hoch – »Mr. Fisher. Damit ist die notwendige Mehrheit erreicht, der Antrag ist angenommen. Kommen wir nun zu Antrag Nummer zwei, Festlegung des Zeitpunkts der Wahl zu CEO.«

Dieser Antrag wurde kontroverser diskutiert; einige der Anwesenden machten sich nach wie vor Hoffnungen auf den Vorsitz und waren deshalb gegen eine zu schnelle Wahl. Schließlich wurde ein Kompromiss gefunden: Die Wahl sollte in der turnusgemäßen Aufsichtsratssitzung am Montag, dem 20. Mai, stattfinden – also in etwa anderthalb Wochen.

Damit war die Sitzung beendet.


*


Als Lino Frascati an diesem Nachmittag nach mehr als eintägiger Abwesenheit in die Tiefgarage seiner Villa am Erie-See einfuhr, sah er sofort, dass einer von Margrets Gleitern fehlte – der kleine »Maxwell«, mit dem sie in die Stadt zu fahren pflegte.

Geistesabwesend erwiderte er den Gruß des Vormanns des Bautrupps, der eben dabei war, die letzten Arbeiten in der bunkerähnlichen Tiefgarage abzuschließen, und fuhr dann mit dem Aufzug hinauf in das Untergeschoss der Villa. In dem gigantischen Wohnzimmer starrte er eine Weile sinnend auf das Chaos, dessen Ausmaß sich in seiner Abwesenheit nicht verringert hatte. Er hatte gehofft, Margret hier anzutreffen, hatte nach den geschäftlichen und auch persönlichen Aufregungen der letzten Tage einen intimen Abend zu zweit geplant, vielleicht beginnend mit einem Essen in einem ihrer Lieblingsrestaurants oder einem Picknick am See...

Ihm war durchaus bewusst, dass er seine Frau in der letzten Zeit – genauer gesagt: in den letzten Jahren – vernachlässigt hatte, was ihm leidtat. Dennoch fühlte er sich deshalb keinesfalls »schuldig«; er hatte dies ja nicht aus Egoismus oder nackter Arbeitswut getan, und schon gar nicht deshalb, weil er seine Frau nach fünfzehn gemeinsamen Jahren weniger liebte als zu Beginn. Nein, er hatte es getan um Margrets und seiner Zukunft willen – ihrer gesicherten Zukunft.

Zumindest redete er sich dies ein.

Und wenn Margret nun begann, deshalb auf ihm herumzuhacken, plötzlich ihre soziale Ader entdeckte und mit dieser Begründung eine beträchtliche Zahl von Abenden außer Haus verbrachte, so stieß sie damit bei ihm auf völliges Unverständnis. Es ziemte sich nicht für die Frau des Personalchefs – der vielleicht in weniger als zwei Wochen Konzernchef sein würde! –, sich in den übelsten Gegenden der Stadt herumzutreiben, auch wenn dies einem »guten Zweck« diente. Die Frauen der anderen Aufsichtsratsmitglieder, überlegte Frascati, würden nicht einmal in den schlimmsten Albträumen auf eine solche Freizeitbeschäftigung verfallen. Sie begnügten sich damit, das Geld ihrer Gatten auszugeben, teuersten Schmuck und manchmal auch erlesene Immobilien zu sammeln und zur Schau zu stellen – kurz, sie taten das, was jedermann von ihnen erwartete.

Im Gegensatz zu Margret, die sich in jenen Zirkeln nur blicken ließ, wenn es unumgänglich nötig war, und die dann ihr Unbehagen nur schwer verbergen konnte.

Um sich abzulenken begann Frascati, mit dem Hauscomputer verschiedene Variationen der Einrichtung zu simulieren. Würde die frisch erworbene Laokoon-Gruppe besser in die Mitte oder in eine Ecke des Raumes passen? Wie würde sich ein Barfach in ihrem Sockel machen? Wie sollte er die anderen Statuen platzieren, damit sie gut zur Geltung kamen? Würde das jüngst georderte steinerne Kreuz aus einem uralten Friedhof bei Cerveteri einen passablen Hutständer abgeben?

Über das virtuelle Hin- und Herschieben verging die Zeit. Frascati war so in seine Tätigkeit versunken, dass er Margret erst hörte, als sie hinter ihm stand und sich räusperte.

Er fuhr herum. Als er sie erblickte, lächelte er, doch dieses Lächeln war nicht ganz so gewinnend, wie er es geplant hatte. Ihre Abwesenheit bei seiner Ankunft hatte einen Schatten über seine Pläne für einen gemeinsamen Abend geworfen.

»Wo warst du?«, fragte er und legte seine Hand auf ihren Arm.

Mit einer scheinbar zufälligen Bewegung entzog sie sich ihm.

»Einkaufen«, antwortete sie und deutete auf die dreidimensionale Computerdarstellung. »Falls du es noch nicht erkannt hast: Zum Einrichten eines neuen Hauses gehört mehr als das dekorative Platzieren von zusammengewürfelten Antiquitäten. Beispielsweise fehlt noch immer ein großer Schlafzimmerschrank...«

»... und der Spiegel an der Decke«, fiel er ein. Wieder griff er nach ihr, und wieder entzog sie sich ihm.

»Ich habe von dem Unglück gehört.«

Ich habe mir Sorgen gemacht.

»Es tut mir leid, ich hatte keine Zeit...«

»Natürlich nicht.« Margrets Stimme klang weder ironisch noch anklagend – es war lediglich eine nüchterne Feststellung der Tatsachen.

»Ich dachte, zum Ausgleich könnten wir heute Abend...«

»Jetzt tut es mir leid, aber ich muss gleich wieder weg.«

»Was denn«, entfuhr es ihm verblüfft, »am Mittwoch? Doch nicht schon wieder die Suppenküche?«

»Doch. Zwei meiner Mitarbeiter sind erkrankt, da muss ich einspringen. Es gibt viel zu tun – die Vorbereitung für die Wohltätigkeitsveranstaltung am Freitagabend...«

»Mein erstes Wort!«

Margret verzog die Lippen. »Alle sogenannten ›Reichen und Mächtigen‹ haben eine Einladung erhalten! Wenn nur fünf Prozent davon kommen, ist es ein voller Erfolg. Du wurdest übrigens auch offiziell eingeladen...«

Nun war es Lino Frascati, der die Lippen verzog. »Meine Sekretärin sondert derlei Briefe aus.«

Unwirsch warf sie den Kopf zurück. »Wie dem auch sei!« Sie deutete auf die behelfsmäßige Bar im Hintergrund des großen Raumes. »Es ist genug Pernod da; du brauchst nicht auf mich zu warten.«

Diese Anspielung auf seine – niemals exzessiven – Trinkgewohnheiten war der Funke, der das Pulverfass zur Explosion brachte. Plötzlich überkam ihn die Wut über Margrets häufigen Abwesenheiten wie eine schwere Bebenwelle. Alles, was er in diesem Moment wollte, war sie zu verletzen.

»Ich glaube dir nicht mehr!«, rief er. »Du lügst mich an! Was ist der wahre Grund? Ein anderer Mann?«

Margret, die sich bereits zum Gehen gewandt hatte, wirbelte herum. Ihrem geröteten Gesicht war anzusehen, wie sehr sie Frascatis Worte getroffen hatten.

»Denkst du das?«, fragte sie leise, beinahe flüsternd, und dennoch mit zitternder Stimme. »Denkst du das wirklich?«

Der Dämon der Wut in Frascati, der ihn zu seinen Worten veranlasst hatte, trieb ihn weiter an: »Was soll ich deiner Ansicht nach wohl denken?« Er schrie jetzt beinahe. »Soll ich diesen ... sozialen Unsinn etwa glauben? Ich...«

Eine sonore und geschlechtsneutrale Stimme unterbrach ihn. »Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich Ihre Unterredung störe, aber es liegt ein Gespräch höchster Dringlichkeitsstufe von Mr. David Mogan für Mr. Lino Frascati an«, verkündete der Hauscomputer.

Frascati schnaubte unwillig, wandte sich aber dann doch der dreidimensionalen Abbildungszone zu, auf der seine Planspiele für die Wohnzimmergestaltung verschwunden waren. Während er dem Computer unwirsch befahl, das Gespräch anzunehmen, hörte er, wie im Hintergrund die Tür mit einem lauten Schlag ins Schloss fiel.

So viel zu dem intimen Abend zu zweit, dachte er ohne Selbstkritik.

Im nächsten Augenblick schwebte bereits Mogans sichtlich sorgenzerfurchtes Antlitz vor ihm im Raum.

»Mein lieber Lino«, begann der geschäftsführende Aufsichtsratsvorsitzende und brachte tatsächlich ein gewinnendes Lächeln zustande.

»Lieber David!«, antwortete Frascati mit einem nicht ganz so gelungenen Lächeln. »Welche Überraschung ... Ist etwas passiert?«

»Nein, nein«, wehrte Mogan hastig ab. »Keine Probleme; ich habe alles im Griff ...« Er zögerte einen Moment. »Ist die Verbindung wirklich gegen Lauschangriffe abgesichert?«

»Wenn diese Verbindung nicht sicher ist, gibt es in ganz Detroit keine sichere Verbindung«, antwortete Frascati im Brustton der Überzeugung.

Mogan atmete sichtlich auf. »Sehr gut ... Ich würde mich ja lieber mit Ihnen persönlich treffen, aber das fiele zu sehr auf – würde verschiedene Leute erst recht neugierig machen...«

»Sie können unbesorgt sprechen«, versicherte Frascati. »Meine Frau ist eben weggefahren; wir sind also ganz unter uns.«

Mogan räusperte sich. Frascati, der als Personalchef ein scharfer Beobachter und ausgezeichneter Menschenkenner war, bemerkte sofort, dass der andere sich nicht wohl in seiner Haut fühlte. Die Auswirkungen des Unglücks auf seine Wahlchancen hatten Mogan wohl noch mehr zugesetzt, als dieser in der Aufsichtsratssitzung am Vormittag ohnehin schon hatte erkennen lassen. Frascati war gespannt, was der geschäftsführende CEO zu sagen hatte.

Er musste nicht lange darauf warten; Mogan kam ohne weitere Umschweife zur Sache.

»Mein lieber Lino, Sie kennen ja die Haltung der anderen Aufsichtsratsmitglieder ebenso gut wie ich – vielleicht sogar noch besser«, begann er. »Ich denke, Sie werden mir beipflichten, dass eine aussichtsreiche Kandidatur der anderen Kollegen – sei es nun dieser polternde Ire, der übervorsichtige Entwicklungsvorstand, der unfähige Sicherheitschef oder der selbstverliebte Marketingleiter – unter allen Umständen verhindert werden muss.« Mogan senkte den Tonfall seiner Stimme und schaffte es, sie noch vertraulicher klingen zu lassen. »Es steht völlig außer Frage, dass nur wir beide – Sie und ich – in der Lage sind, einen Weltkonzern wie Mechanics Inc. zu führen. Ich möchte Ihnen deshalb ein Angebot machen, das den unschätzbaren Vorzug besitzt, uns beide zufriedenzustellen: Wir teilen uns den Vorsitz! Natürlich nicht gleichzeitig, sondern nacheinander. Konkret habe ich mir Folgendes vorgestellt: Ich werde für einen gewissen Zeitraum – sagen wir, fünf bis maximal sechs Jahre – Aufsichtsratsvorsitzender. Danach trete ich zurück und empfehle Sie als meinen Nachfolger! Bei Ihren Qualitäten – Sie wissen ja, ich habe immer große Stücke auf Sie gehalten – also, bei Ihren Qualitäten steht Ihre anschließende Wahl zum CEO gewiss vollständig außer Frage!« Nun strahlte er Frascati an. »Na, was sagen Sie dazu?«

Frascati zog eine Augenbraue hoch. »Ich bin ... überrascht!«

Mogan nickte heftig. »Das habe ich erwartet! Schließlich biete ich Ihnen hiermit den Konzernvorsitz an; was sind da schon ein paar Jahre Wartezeit?« Er schnippte demonstrativ mit den Fingern. »Nicht so viel! Wir können unsere Abmachung auch schriftlich fixieren, wenn Sie Wert darauf legen – nur streng geheim muss sie bleiben, das ist ja wohl selbstverständlich!«

»Natürlich«, nickte Frascati.

Wenn Mogan den leisen Nachhall des Sarkasmus in der Antwort des Personalvorstands vernommen hatte, so zog er es vor, ihn zu ignorieren.

»Was sagen Sie dazu?«, wiederholte er.

Frascatis Miene blieb verschlossen. »Ich denke, das ist ein höchst interessantes Angebot, wirklich! So interessant – und auch so überraschend –, dass ich Bedenkzeit brauche.«

Abermals nickte Mogan. Er hatte nicht erwartet, dass Frascati, dessen Chancen er mittlerweile deutlich höher als seine eigenen einschätzen musste, mit fliegenden Fahnen auf seine Seite überschwenken würde.

»Überlegen Sie«, ermunterte er den Personalchef. »Überlegen Sie es sich eingehend – aber nicht zu lange!«


*


Clint Fisher, der die ihm ohnehin zur Verfügung stehenden beachtlichen Abhörmöglichkeiten eigenmächtig und klammheimlich um einige erweitert hatte, starrte nach der Beendigung des Gesprächs zwischen Mogan und Frascati sinnend auf den leeren Bildschirm.

Diese Entwicklung gefiel ihm nicht.

David Mogans Angebot war letztlich keine Überraschung für den stellvertretenden Sicherheitschef. Mogan war angeschlagen, aber noch lange nicht besiegt, und befand sich somit im Zugzwang. Frascatis voraussichtliche Antwort auf diese Offerte war dagegen schwer vorauszusehen.

Während er vor sich hin grübelte, zündete sich Fisher einen neuen Zigarillo an. Geistesabwesend sah er den Rauchschlieren nach, wie sie auf die Ansaugöffnung der Klimaanlage zutanzten.

Frascati ... Obwohl Fisher den jetzigen Personalvorstand bereits seit fünfzehn Jahren kannte, war dieser für ihn immer noch schwer zu durchschauen. Dass der Italo-Amerikaner der vierten Generation Ambitionen auf den Sessel des Konzernchefs hegte, war klar. Weniger klar war, wie viel Zeit er für die Erreichung dieses Ziels eingeplant hatte. War er – wie Fisher selbst – ein Krokodil, das geduldig so lange reglos und beinahe unsichtbar im trüben Wasser lag, bis es seine Beute praktisch vor dem Maul hatte und mit hundertprozentiger Treffsicherheit zuschnappen konnte? Oder war er eine Schlange, die sich stets unruhig hin- und herbewegte, immer bereit, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zuzustoßen? Bislang hatte sich Frascati niemals so weit exponiert, dass Fisher diese Frage mit hinreichender Gewissheit beantworten konnte.

Für den Personalchef gab es, nach Fishers Überlegung, ebenso gute Gründe, Mogans Angebot anzunehmen, wie es abzulehnen. Für die Annahme sprach die Sicherheit, nach Mogan Konzernchef zu werden; dagegen die lange Wartezeit.

Ruhelos stand Fisher auf und trat an das Fenster. Über dem Norden von Detroit schwebte immer noch eine große Rauch- und Staubwolke; die Spuren des Großfeuers würden noch Monate, wenn nicht gar Jahre zu sehen sein.

Sollte Frascati das Angebot annehmen, so war dies das Schlimmste, was Fisher passieren konnte – dann war ihm nämlich der Stuhl des Konzernchefs auf unabsehbare Zeit verwehrt. Frascati würde Mogan nach fünf oder sechs Jahren ablösen, und er war jung genug, danach weitere fünf, zehn oder gar noch mehr Jahre an der Spitze bleiben zu können. Auch wenn Mogan vorher ein Unfall zustieß, so wie Malcolm Agnew – Fisher konnte ein wölfisches Grinsen nicht ganz unterdrücken –, würde Frascati »Gewehr bei Fuß« stehen und sofort den Vorsitz übernehmen, womit letztlich nichts gewonnen wäre...

Nein, Fisher musste unter allen Umständen verhindern, dass der Personalchef sich mit Mogan einigte. Er musste einen Keil zwischen die beiden treiben, natürlich so, dass niemand bemerkte, wer dahinter steckte. Das war Ziel Nummer eins.

Und da Mogan derzeit durch seine Fehlentscheidung vom Vortag angeschlagen war, lief alles auf Frascati hinaus, wenn dieser – und ein eventueller unsichtbarer Helfer – es richtig anpackte. Fisher musste sich bei ihm also unentbehrlich machen. Das war Ziel Nummer zwei.

Stellte sich nur die Frage, wie diese beiden Ziele zu erreichen waren.


3


Ein scharfer Wind wehte an diesem frühen Morgen des 10. Mai durch die weitgehend verlassenen Straßen im alten Zentrum von Detroit. Es war ohnehin kühler, als um diese Jahreszeit üblich, und der Wind senkte die Temperatur abermals um einige Grade. Mit sich trug er Papierfetzen, Verpackungsmaterial, Staub sowie Ruß aus den verloschenen Feuern in den Müllcontainern.

Vor dem mit schweren Holzbohlen verrammelten Eingang eines Hauses, das eher als Ruine bezeichnet werden musste, lag ein dunkles Bündel – auf den ersten Blick eine Ansammlung von Lumpen, die der launische Wind an dieser Stelle aufgehäuft zu haben schien. Erst bei näherem Hinsehen nahm ein scharfes Auge einen Stiefelabsatz wahr, der an einem Ende des Flickenhaufens herausragte, und zwei oder drei schmutzige Finger, die an anderer Stelle hervorlugten.

Der schlanke und hochgewachsene Polizist, der zu dieser frühen Stunde durch die Straße patrouillierte, hatte ein scharfes Auge. Da sein Partner erkrankt war und es ohnehin zu wenige Ordnungshüter gab, war er allein in dieser verrufenen Gegend unterwegs, aber er war noch jung und pflichtbewusst genug, um sich, wenn auch wachsam und mit der Hand an der Waffe, dem Lumpenbündel zu nähern.

»He, du!«, sagte er und stieß den Liegenden sachte mit der Stiefelspitze an. »Es ist verboten, sich hier zwischen zehn Uhr abends und sechs Uhr morgens auf der Straße aufzuhalten! Ausgangssperre! Schlaf deinen Rausch zu Hause aus, Alter!«

Das Bündel gab ein unwilliges Brummen von sich, das kaum imstande war, das Pfeifen des Windes zu übertönen.

Abermals berührte der Polizist den Liegenden mit seinem Fuß, diesmal etwas stärker. »Hast du nicht gehört? Geh nach Hause, oder ich muss dich einsperren!«

Diese Drohung war haltlos, und der junge Ordnungshüter befürchtete, dass dies dem anderen bewusst sein würde. Die Gefängnisse waren ohnehin überfüllt, und niemand kümmerte sich um Gestalten, die in den Straßen herumlungerten. Aber es war verboten, und deshalb fühlte sich der Polizist bemüßigt einzuschreiten.

Das Bündel gab ein erneutes Brummen von sich, dann regte es sich und begann, sich umzudrehen. Trotz seiner Jugend waren die Instinkte des Polizisten bereits gut ausgeprägt – andernfalls hätte er bereits einige Male sein Leben verloren. Er trat rasch zwei Schritte zurück und zog dabei die Waffe.

»Vorsicht, Alter! Es ist besser, wenn du...«

Er verstummte mitten im Satz, denn nun hatte sich ihm das Gesicht des Liegenden zugewandt. Es war das schrecklichste Antlitz, das der Junge in seinem bisherigen Leben gesehen hatte, und konnte, zumindest in seiner linken Hälfte, kaum noch menschlich genannt werden. Diese war nämlich eine einzige, feuerrote Kraterlandschaft – eine alte und niemals korrekt behandelte Brandwunde. Die linke Hälfte des Mundes hing nach unten herab; ein dünner Speichelfaden floss daraus hervor. Von der Nase existierte kaum mehr als die Wurzel, und das linke Auge starrte den Polizisten weiß und leblos an.

Doch was den Jungen mehr noch als alles andere an dieser erschütternden Ruine eines Gesichts erschreckte, war das andere, das rechte Auge: Sein hellwacher Blick bohrte sich in denjenigen des Störers seiner armseligen Ruhe; es war dunkel, fast schwarz, und schien doch eisig kalte Blitze zu schleudern – Blitze der ungezügelten Wut, des grenzenlosen Hasses.

Das Wort »Entsetzen« war nur unzureichend in der Lage, das Gefühl zu beschreiben, das in diesem Moment jede Faser des Körpers und jeden Winkel des Geistes des jungen Polizisten ausfüllte. Er taumelte rückwärts und öffnete den Mund, doch kein Laut drang daraus hervor. Lange Sekunden stand er so da, mitten in der Bewegung erstarrt. Dann, endlich, überwand er die Lähmung, die ihn ergriffen hatte, und stolperte halb rückwärts, halb seitwärts von der grauenerregenden Gestalt weg. Kurz darauf war er in einer Seitenstraße verschwunden.

Der in Lumpen gehüllte Mann – denn es war ein Mann, von undefinierbarem Alter – verharrte noch einige Augenblicke in seiner Position, dann richtete er sich ächzend auf. Sein Atem rasselte. Als sich sein fürchterliches Gesicht dem schneidenden Wind aussetzte, duckte er sich Schutz suchend zurück in die Deckung des Hauseingangs, wo er reglos wie eine Statue verharrte – eine Statue aus einem Museum der Abscheulichkeiten.

Eine unbestimmte Zeitspanne saß der Mann so da, reglos, und sah auf die leere Straße, während die ersten zaghaften Strahlen der Morgensonne hineinkrochen und Schmutz und Staub mit einem beschönigenden, goldenen Schimmer überzogen.

Ein langsam sich näherndes Klack-Klack zog schließlich die Aufmerksamkeit des Mannes auf sich. Es kam von einer metallenen Stange, die dem ersten Passanten dieses Morgens als Stock diente. Dieser Mann trug einen dunklen Mantel wie einen Überhang um die Schultern gelegt, der an einigen Stellen nur noch von Klebeband zusammengehalten wurde. Als der Wanderer des Mannes im Hauseingang ansichtig wurde, änderte er seine Richtung.

»Bruder«, grüßte er, als er ihn erreicht hatte.

Der Mann mit dem verbrannten Gesicht nickte leicht.

»John«, flüsterte er mit heiserer Stimme. Sein rechtes Auge, das den jungen Polizisten in die Flucht geschlagen hatte, ruhte nun beinahe wohlwollend auf dem anderen Mann, den er John genannt hatte und der nicht viel älter als dreißig Jahre sein konnte.

Wortlos ließ sich John in der anderen Ecke des Eingangs nieder. Der Wind hatte etwas nachgelassen, und sein unrasiertes und trotz seiner Jugend bereits faltiges Gesicht reckte sich der langsam aufsteigenden Sonne entgegen.

»Heute ist der Tag!«, sagte John schließlich und sah dabei den anderen an. Dessen Gesicht vermochte ihn nicht mehr zu erschrecken; er kannte es schon lange.

»Welcher Tag?«, flüsterte der Verunstaltete. John hatte ihn in all den Jahren niemals mit lauter Stimme sprechen hören; wahrscheinlich, dachte er, waren auch seine Stimmbänder schwer geschädigt worden bei jenem Unglück, über das er niemals sprach.

»Der Tag des großen Fressens!«, rief John vergnügt und hieb seinem Freund auf die Schulter. »In der Mission beim alten Bahnhof, heute Abend! Es heißt, jeder, der kommt, bekommt so viel zu essen, bis er nicht mehr kann! So gut und so reichlich hast du seit Jahren nicht mehr gegessen – diniert

Der andere wandte das verbrannte Gesicht ab.

»Menschen ... zu viele Menschen...«

Er zögerte einen Augenblick, dann richtete sich sein gesundes Auge auf John. Nun hatte es einen bittenden, beinahe flehenden Ausdruck angenommen.

»Aber vielleicht ... kannst du mir etwas mitbringen?« Erneut tropfte etwas Speichel aus seinem Mundwinkel. »Vielleicht ... ein Stück Fleisch? Ein kleines Stückchen wäre schon genug...«

Das Auge irrte wieder ab, blickte zu Boden, als schämte sich der Mann seiner Bitte.

Erneut schlug ihm John auf die Schulter. »Nichts da!«, rief er. »Du kommst mit, und wenn ich dich eigenhändig tragen müsste! Verflucht will ich sein, wenn ich zulasse, dass mein bester – nein, mein einziger Freund an dem besten Bankett seit Jahren nicht teilnimmt!«

»Verflucht ...«, flüsterte der andere. »Verflucht sind wir alle...«

»Aber nicht heute Abend, Bruder! Und das Essen ist nicht alles: Es hat sich ein Haufen Prominenz angekündigt! Es werden Reden geschwungen werden...«

Die Schultern des Verunstalteten begannen zu zucken. Es dauerte einen Moment, bis John erkannte, dass sein Freund lachte.

»Reden«, flüsterte er dann verächtlich. »Reden darüber, wie unendlich gut, wie schrecklich wohltätig man doch ist, dass man dem Auswurf, dem Abschaum dieser Stadt alle Jubeljahre einmal etwas zu essen gibt, nachdem man ihn aller Möglichkeiten beraubt hat, ein anständiges Leben zu führen! Nein, danke, das muss ich mir nicht anhören. Da würde mir das ganze schöne Essen wieder hochkommen...«

»Ist doch völlig egal, was sie reden, solange es nur gut zu essen gibt! Sogar das Fernsehen kommt; ich habe es von Henry, der in der Mission arbeitet! Klar, wenn die Spitze der Mechanics-Prominenz anrollt. Es heißt, sogar Mogan selbst, der im Moment geschäftsführender Konzernchef ist, wird erscheinen und...«

Ruckartig setzte sich die bislang kauernde Gestalt seines Freundes auf. Eine Hand schoss aus dem Lumpenbündel auf ihn zu und packte ihn am Kragen seines zerschlissenen Hemdes – eine schmutzige, aber sehnige Hand, der man immer noch ansah, dass sie es einst verstanden hatte zuzupacken.

»Was sagst du da?«, flüsterte der Verunstaltete. »Mogan? David Mogan?«

John schluckte erschrocken über den Ausbruch seines sonst stets ruhigen Freundes. Vorsichtig ergriff er dessen Hand und löste sie von seinem Kragen. Dann nickte er.

»Ja, David Mogan, der Finanzvorstand von Mechanics Inc.! Ihm werden gute Chancen auf den Posten des Konzernchefs nachgesagt, und da will er sich wohl nach allen Richtungen profilieren...«

Der andere Mann lehnte sich zurück. Sein gesundes Auge richtete sich gen Himmel, in unendliche Ferne – die Ferne einer Vergangenheit, die nur er selbst kannte.

Er selbst und möglicherweise ein einziger anderer Mensch.

»David Mogan!«, zischte es aus dem halb verbrannten Mund.

»Nun?«, fragte John. »Willst du nicht doch kommen?«

Langsam nickte der Verunstaltete.

»Ich komme – oh ja, David Mogan, ich komme...«


*


Als Lino Frascati sich an diesem Freitagmorgen in seinen Arbeitsplatzcomputer einloggte, fand er unter vielen anderen eine Nachricht vor, deren Absender unkenntlich gemacht worden war, was neben profunden Computerkenntnissen im Allgemeinen auch eine große Vertrautheit mit dem Mechanics-internen Netz im Besonderen verriet. Die Nachricht hatte folgenden Wortlaut:

»Mr. Frascati,

Sie sollten besser achtgeben, mit wem Ihre Frau ihre Freizeit verbringt, wenn Sie nicht wollen, dass Ihr Rivale – der ein doppelter ist – letztendlich obsiegt.

Ein Freund und Unterstützer.«

Mit einem unwilligen Knurren löschte Frascati die Nachricht, konnte aber nicht verhindern, dass eine Formulierung in seinen Gedanken ein Eigenleben begann.

... ein doppelter Rivale...


*


Wenn nur fünf Prozent der Eingeladenen kämen, hatte Margret Frascati in einem Anflug von bitterem Realismus behauptet, werde der Abend ein voller Erfolg.

Es kamen nicht einmal diese fünf Prozent – nicht annähernd.

Aber immerhin kam David Mogan, der, völlig überraschend für alle, die ihn näher kannten, plötzlich seine soziale Ader entdeckt hatte, und mit ihm natürlich ein großes Team von Reportern, Kameraleuten und Technikern des Mechanics-eigenen Fernsehsenders. Sie würden dafür sorgen, dass Mogans Segen spendender Auftritt nicht nur in Detroit, sondern auf dem gesamten Doppelkontinent verbreitet wurde – farbig, dreidimensional und kostenlos! Allein die Werbeeinnahmen würden Mogans vorbereiteten Spendenscheck um ein Vielfaches übertreffen.

Mit David Mogan kam aber nicht nur das Fernsehteam, sondern auch, unverzichtbar bei jedem öffentlichen Auftritt einer Mechanics-Größe, der Kopf der Sicherheitsabteilung und eine Unzahl seiner Leute. In diesem speziellen Fall handelte es sich dabei jedoch nicht um Hal Cook persönlich, sondern um seinen Stellvertreter Clint Fisher. Mogan hatte Fisher dem angeschlagenen Sicherheitschef vorgezogen, woraufhin dieser sich prompt krankgemeldet hatte. Gewöhnlich gut informierte Kreise in der Führungsetage des Mech-Towers betrachteten es als extrem unwahrscheinlich, dass Cook jemals wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren würde.

Bereits zwei Stunden vor dem offiziellen Beginn der Veranstaltung hatte sich draußen auf den Straßen eine unübersehbare Menge der unterschiedlichsten Gestalten versammelt, denen nur zwei Dinge gemeinsam waren: ihre zerfurchten, aber hoffnungsfrohen Gesichter sowie ihre für einen solchen Anlass mehr als unpassende Kleidung. In profunder Kenntnis der sozialen Situation im alten Stadtzentrum hatte Margret veranlasst, das »Bankett« in die große Halle des wuchtigen, grauen Klotzes der nahe gelegenen, bereits vor über siebzig Jahren geschlossenen Michigan Central Station, des einstigen Detroiter Hauptbahnhofs, zu verlegen.

Fisher hatte seine provisorische Überwachungszentrale im einstigen Stellwerk eingerichtet. Er war entschlossen, die Chance, die sich ihm durch Cooks Fehler bot, zu ergreifen und dabei nichts dem Zufall zu überlassen. Mehr als dreihundert der ihm unterstellten Agenten hatten sich verkleidet und unter die Menge gemischt; jeder von ihnen trug mindestens zwei Mikrokameras am Körper, die pausenlos eine Bild- und Tonflut an die Zentrale sendeten, wo sie von einem speziell für solche Aufgaben geschaffenen Computer vorgefiltert wurden – andernfalls hätten sich nicht zehn, sondern mindestens hundert Überwachungsspezialisten in der behelfsmäßigen Zentrale befinden müssen.

Dennoch verließ sich Fisher nicht hundertprozentig auf die automatische Vorauswahl. Er wusste nur zu gut, dass es verräterische Gesten oder gewisse Nuancen im Mienenspiel gab, die auf Gefahr hindeuten konnten und die dennoch nicht vom Computer erkannt wurden – oder zumindest nicht rechtzeitig. Aus diesem Grund hatte er veranlasst, dass einige der zur Verfügung stehenden Bildschirme jeweils für einige Sekunden nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Bilder der getarnten Agenten zeigten.

Nur selten warf der stellvertretende Sicherheitschef, der fest entschlossen war, das »stellvertretend« bereits in den nächsten Tagen zu streichen, einen Blick auf den großen Schirm, wo diejenigen Bilder zu sehen waren, die live auf dem ganzen Doppelkontinent ausgestrahlt wurden. Pünktlich um 20:00 Uhr Ortszeit hatte die Veranstaltung begonnen mit einer Rede des sich etwas zu großspurig aufführenden stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden – noch jemand, dachte Fisher nicht ohne Belustigung, der entschlossen war, das ungeliebte Attribut vor seinem Titel baldmöglichst zu entfernen, wenn auch mit deutlich geringeren Chancen als Fisher. Der ehemalige Überlebensspezialist hatte Mogans Vortrag nicht im Einzelnen verfolgt, aber dennoch mitbekommen, dass dieser mehr oder weniger bei Adam und Eva angefangen hatte. Mogans Bilanzpressekonferenzen waren berüchtigt; sie dauerten selten weniger als fünf Stunden, und er pflegte dabei stets erst in den letzten Minuten zur Sache zu kommen. Das war allerdings eine rhetorische Technik, mit der er bei den gut dreitausend halb verhungerten Gestalten, die an langen Tischreihen Platz genommen hatten, nicht weit kam. Bereits nach wenigen Minuten – Mogan hatte gerade begonnen, über seinen unaufhaltsamen Aufstieg als Chef einer kleinen Mittelstandsfirma vor fünfundzwanzig Jahren zu sprechen, wohl in dem Bestreben, den Versammelten ein glänzenden Beispiel vor Augen zu führen und zur Nachahmung zu empfehlen – bereits nach wenigen Minuten also unterbrach ihn zunächst vereinzeltes, dann immer stärker um sich greifendes Tellergeklapper, bis schließlich der ohrenbetäubende Lärm von dreitausend Löffeln und Gabeln auf Porzellantellern (ebenfalls eine Spende von Mechanics Inc. für diesen Anlass) den irritierten Sprecher zum Verstummen brachte.

Immerhin konnte man Mogan nicht nachsagen, dass er begriffsstutzig war: Er bemerkte sofort, dass er den falschen Ansatz gewählt hatte, hob beschwichtigend beide Hände und gab der neben ihm sitzenden Margret Frascati einen Wink, sich zu erheben.

Da Margret bei den meisten der Versammelten bekannt und auch beliebt war, ebbte der Geräuschorkan rasch ab und machte erwartungsvoller Stille Platz. Fisher beobachtete, wie Mogan mit gönnerhafter Miene einen Arm um Margret legte, was diese sich gefallen lassen musste, wenn sie den stellvertretenden Konzernchef nicht vor den Augen der Anwesenden im Saal und den vielen Millionen Zuschauern vor den Fernseh- und Computerschirmen blamieren wollte.

Fisher grinste diabolisch. Ein weiterer Fehler Mogans, den er für seine Pläne würde zu nutzen wissen...

Margret sprach nur kurz, aber der Mann in der Überwachungszentrale hörte nicht mehr hin – es war nicht von Belang für ihn. Viel wichtiger und auch interessanter waren für Clint Fisher die Bilder, die der Zufallsgenerator aus den Aufnahmen seiner Agenten zusammenstellte: Gesichter unterschiedlicher Altersstufen – es waren sogar einige Kinder dabei –, die meisten zerknittert, runzlig, geprägt von einem Leben, das fast ausschließlich aus Entbehrungen, Hunger und Krankheit bestand. Offensichtliche körperliche Gebrechen, die die moderne Medizin eigentlich längst ausgerottet hatte, waren nicht selten; in der Tat hatten Fishers Leute, die den Eingang zu dem alten Bahnhof streng kontrollierten, erhebliche Mühe damit gehabt, die vielen Krücken und anderen Hilfsmittel auf ihre Tauglichkeit als Waffen hin zu untersuchen.

Eines der gezeigten Bilder beeindruckte, nein, erschütterte Fisher so sehr, dass er mit einem raschen Tastendruck ein Weiterschalten des Computers verhinderte. Ein Gesicht, das zur Hälfte verbrannt war – ein Hohnschrei auf alle Errungenschaften der Transplantations- und Schönheitschirurgie. Damit nicht genug, bestand auch das linke Auge des Mannes aus einer leblosen, weißen Masse.

»Wenigstens eine Augenbinde hättest du aufsetzen können«, murmelte Fisher. »Das ist ja ekel...«

Er verstummte, denn in diesem Moment hatte der Mann, der hastig, beinahe gierig den Inhalt seines Tellers in den ebenfalls zur Hälfte verbrannten Mund schaufelte, auch die andere Gesichtshälfte der versteckten Kamera zugewandt. In dieser glühte ein gesundes, dunkles Auge in verzehrendem Feuer – einem Feuer des abgrundtiefen Hasses, wie Fisher, der ein hochbegabter, beinahe genial zu nennender Menschenkenner war, sofort bemerkte.

Mit einem kurzen Kommando veranlasste der stellvertretende Sicherheitschef die lückenlose Überwachung des entstellten Mannes. Während des Essens, das sich in mehreren Gängen über beinahe drei Stunden hinzog, kehrte Fishers Blick immer wieder zu diesem Mann zurück. Dabei bemerkte er, dass der Entstellte sehr oft zu der erhöhten Tafel hinübersah, an der die Prominenz speiste, und dass diese Blicke alles andere als freundlich waren – sie hatten etwas Lauerndes an sich. Als schließlich auch der letzte Gang von allen Teilnehmern restlos aufgegessen war und man sich über den – vorsichtshalber verdünnten – Wein hermachte, stellten Fishers scharfe Augen fest, dass das Messer, mit dem der Entstellte gegessen hatte, fehlte. Rasch ließ er das Bild zurücklaufen – er hatte zwischendurch andere Gäste überprüft –, und tatsächlich: Fisher wurde Zeuge, wie der Mann das Messer vermeintlich unbeobachtet in die rechte Tasche seines zerlumpten Mantels gleiten ließ. Der Blick, den er dabei in Richtung der Prominenztafel warf, sagte Fisher mehr als tausend Worte.

Über Funk befahl er den in der Nähe sitzenden Agenten erhöhte Alarmbereitschaft, schärfte ihnen aber gleichzeitig ein, mit dem Eingreifen unter allen Umständen auf seinen Befehl zu warten.

Der richtige Zeitpunkt des Zugriffs, das wusste Fisher, war von äußerster Wichtigkeit...

Es verstrich eine weitere Stunde, ohne dass irgendetwas geschah. Der verringerte Alkoholgehalt des Weins verhinderte, dass die Anwesenden schnell betrunken wurden. Endlich hob Margret die Tafel offiziell auf, bedankte sich bei Mogan für einen Scheck, der den Weiterbetrieb ihrer »Suppenküche« für mindestens ein Jahr garantierte, und sprach dann einen Satz, der Fisher beinahe das Blut in den Adern gefrieren ließ – aber nicht nur diesem, wie er auf den Monitoren unschwer erkennen konnte; auch David Mogan schrak sichtlich zusammen:

»Diejenigen unter Ihnen«, sagte Margret zu den versammelten Obdachlosen, »die einige Worte mit Mr. Mogan oder mir wechseln wollen, sind jetzt herzlich dazu eingeladen!«

Fisher erstarrte buchstäblich. Diese Aufforderung war nicht abgesprochen – hätte er vorher davon gewusst, hätte er noch erheblich mehr Leute in der Nähe der Prominenz platziert.

»Alarmstufe rot!«, rief er in das Feldmikrophon vor ihm, das seine Worte an alle Leibwächter und getarnten Agenten übertrug. »Gruppe A und B: Bei Mogan zusammenziehen, möglichst unauffällig, aber vor allem schnell! Gruppe F: Passt mir auf den Mann mit dem verbrannten Gesicht auf, er hat ein Messer in der Tasche. Wenn er versucht, sich Mogan oder Mrs. Frascati zu nähern: abblocken, aber nur im Notfall zugreifen!«

Er gab noch eine Reihe weiterer Befehle, dann lehnte er sich in seinem Sitz zurück, ohne sich jedoch zu entspannen. Er beobachtete, wie sich nach und nach etwa drei Dutzend der Obdachlosen sammelten und dann zögernd in die Richtung der Tafel der Prominenz schritten, während sich der Rest langsam aufmachte, die Halle zu verlassen. Dabei warf mehr als eine der zerlumpten Gestalten einen wehmütigen Blick zurück – die alte Bahnhofshalle hätte einen prächtigen, windgeschützten Schlafplatz abgegeben. Aber Fishers Leute wachten mit Argusaugen darüber, dass niemand hinter den gewaltigen Pfeilern verschwand oder sich gar zwischen den alten Geleisen versteckte.

Diejenigen, die mit Mogan oder Margret Frascati sprechen wollten, hatten die Tafel nun fast erreicht. Erleichtert bemerkte Fisher, dass beinahe die Hälfte von ihnen aus seinen eigenen Leuten bestand. Es war also, trotz Margrets überraschendem Angebot, nach wie vor alles unter Kontrolle, wenn nicht noch...

In diesem Augenblick entstand am hinteren Ende der kleinen Schlange, die sich vor der Tafel zu bilden begann, leichte Unruhe. Ohne Überraschung bemerkte Fisher, dass der Mann mit dem halb verbrannten Gesicht in eine Rangelei mit zwei getarnten Sicherheitsleuten verwickelt war, die ihn befehlsgemäß nicht an sich vorbeilassen wollten. Gespannt beobachtete Fisher, wie es dem Verunstalteten gelang, einen seiner Widersacher auszutricksen. Als sich ihm der andere in den Weg stellte und nach seinem Arm griff, zog der Obdachlose das Messer heraus und drang damit auf den getarnten Agenten ein.

Noch zögerte Fisher, den Befehl zum Zugriff zu geben. Mehrere Dinge bewogen ihn zu dieser Haltung: Zum einen war ein Speisemesser eine ziemlich unbrauchbare Waffe für ein Attentat. Der entstellte Obdachlose musste sehr verzweifelt sein oder einen außerordentlich großen Hass in sich tragen, wenn er tatsächlich versuchen sollte, damit auf Mogan loszugehen.

Der andere Grund, der Fisher zögern ließ, war ein rein persönlicher: Es war zwar seine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Ablauf der Veranstaltung nicht gestört wurde, aber wenn er zu früh eingriff, bestand die Möglichkeit, dass Mogan sich der Gefahr, in der er schwebte, gar nicht richtig bewusst wurde. Wenn Fisher quasi im letzten Moment als Retter in höchster Not eingriff, würde er sich der Dankbarkeit des stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden gewiss sein können – und die Dankbarkeit der Mächtigen, auch wenn ihre Macht bereits im Schwinden begriffen war, war etwas, von dem man niemals zu viel bekommen konnte. Zumal die Mächtigen der ganzen Welt für ihr kurzes Gedächtnis bekannt waren.

Die Rangelei unten in der Halle hatte nun ein Ausmaß erreicht, das auch Mogans und Margret Frascatis Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Der Obdachlose hatte es tatsächlich geschafft, dem verkleideten Sicherheitsmann mit dem Speisemesser eine stark blutende Wunde zuzufügen. Er sah sich gehetzt um – und kam wohl zu dem Schluss, dass ihm, wenn er sein Ziel noch erreichen wollte, nur das Überraschungsmoment helfen konnte. Fisher sah in der gestochen scharfen, dreidimensionalen Abbildung vor ihm ein verräterisches Aufblitzen in dem einen verbliebenen Auge des Mannes.

»Zugriff!«, befahl er.

Die Anordnung war keine Sekunde zu früh erfolgt, denn genau in diesem Moment sprang der Verunstaltete auf David Mogan zu, der sich vielleicht noch fünf Meter entfernt befand. Das blutverschmierte Messer blitzte in seiner zum Stoß erhobenen Rechten.

Doch bevor er den Finanzvorstand erreichte, warfen sich ihm zwei weitere getarnte Agenten in den Weg und brachten ihn zu Fall. Zwei schwarzuniformierte Leibwächter griffen ebenfalls ein, und nur Sekunden später hing der halb bewusstlose Attentäter in ihren Fäusten.

Er hatte nie eine realistische Chance gehabt, sein Ziel zu erreichen.


4


Zwei Stunden später saß der Mann mit dem verbrannten Gesicht gefesselt auf einem Stuhl, irgendwo im unterirdischen Hochsicherheitstrakt des Mech-Towers. Man hatte die Prellungen und Hautabschürfungen, die er bei der Keilerei im alten Bahnhof abbekommen hatte, behandelt und ihm Wasser zu trinken gegeben. Clint Fisher war kein Mann, der davor zurückschreckte, einen Wehrlosen zusammenschlagen oder foltern zu lassen, wenn es ihm nötig erschien, aber in diesem Fall sah er keinen Sinn in so einem Vorgehen. Der Obdachlose hatte nach seiner Festnahme alle Gegenwehr aufgegeben und starrte seither nur noch teilnahmslos vor sich hin – so, als hätte er jeglichen Lebenswillen verloren.

Fisher erhob sich von dem Schreibtisch und baute sich vor dem Mann auf, der trotz seiner Fesseln von zwei Sicherheitsleuten flankiert wurde.

»Woher haben Sie diesen Ausweis?«, fragte Fisher und wedelte mit einer kleinen Plastikkarte vor der Nase des Gefangenen herum.

Der hob langsam den Kopf und sah sein Gegenüber an. Sein Blick hatte nichts mehr von dem einstigen ungezügelten Hass – er spiegelte nur noch Desinteresse und Teilnahmslosigkeit wider. Fisher erkannte, dass sich dieser Mann aufgegeben hatte. Wenn er nicht sprechen wollte, würde es nicht einfach sein, ihn dazu zu veranlassen.

»Meiner«, flüsterte er mit rauer Stimme.

Fisher schüttelte den Kopf, dann las er laut: »Professor Dr. Curd Keir, geboren am 25. Mai 2008 in New York City, New York. Der Ausweis wurde vor über fünfzehn Jahren ausgestellt und ist längst abgelaufen.« Er deutete auf den Schreibtisch hinter sich, auf dem ein Computerterminal stand. »Professor Keir ist seit zwölf Jahren tot. Er starb bei einer Explosion in dem Labor, das an sein Wohnhaus angebaut war.« Fisher beugte sich so weit vor, bis sein Kopf nur noch zehn Zentimeter von dem schrecklichen Gesicht entfernt war. »Wer sind Sie also wirklich?«

»Überprüfen Sie doch die biometrischen Daten auf dem Ausweis«, antwortete der Gefangene mit einem verächtlichen Schulterzucken. »Dann werden Sie schon sehen.«

Fisher zuckte zurück. Er starrte auf das Foto, das in drei Dimensionen über dem Ausweis zu schweben schien. Es zeigte einen etwa fünfunddreißigjährigen Mann mit mittellangen, schwarzen Haaren. Das bartlose, runde Gesicht war zwar nicht gerade dasjenige eines Adonis, aber auch keinesfalls hässlich zu nennen. Die Augen waren dunkel, beinahe schwarz.

»Sie!«, stieß Fisher überrascht hervor. »Sie sind Keir!« Natürlich würde der Mann noch erkennungsdienstlich behandelt werden, aber an dem Ergebnis zweifelte der stellvertretende Sicherheitschef nicht mehr. »Sie haben die Explosion überlebt!«

»Ja«, stieß der andere bitter hervor, »ich habe überlebt – im Gegensatz zu meiner Familie!«

Fisher rekapitulierte in Gedanken das, was er im Computer gelesen hatte. »Richtig, das Wohnhaus wurde bei dem Unglück auch zerstört.«

»Unglück?« Keirs Kopf ruckte hoch, und zum ersten Mal, seit er verhaftet worden war, blitzte sein verbliebenes Auge auf und verriet, dass doch noch ein Funken Lebenswille in ihm steckte. »Glaubt man immer noch, es wäre ein Unglück gewesen?«

Fisher schaltete blitzschnell. Keirs offensichtlicher, verzehrender Hass, sein beinahe hilfloser Attentatsversuch auf Mogan, bei dem er keine Rücksicht auf sein eigenes Leben genommen hatte...

Er gab den beiden Sicherheitsleuten einen Wink. »Lassen Sie uns allein.«

Sie nickten und befolgten wortlos den Befehl. Es war bei Mechanics allgemein bekannt, dass Clint Fisher es nicht liebte, eine Anordnung zu wiederholen.

Er wartete, bis sich die Tür hinter den beiden geschlossen hatte, dann setzte er sich auf die Schreibtischkante und sah Keir lange an. Schließlich deutete er auf den Ausgang und sagte: »Wir sind unter uns. Es laufen auch keine Aufzeichnungsgeräte. Sie können also frei sprechen.«

Keir sah ihn lauernd an. »Was sollte ich zu sagen haben?«

»Nun ... Zum Beispiel, dass David Mogan etwas mit dem vermeintlichen Unglück zu tun hatte?«

Am erneuten Aufblitzen in dem gesunden Auge des ehemaligen Professors erkannte Fisher, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Er beugte sich vor und schlug einen vertraulichen Ton an.

»Ich bin auch kein Freund von Mogan«, bekannte er. »Sie kennen die derzeitige Situation in der Spitze von Mechanics? Der Kampf um Agnews Nachfolge?«

Keir nickte. Auch als Obdachloser entkam man nicht den überall in der Stadt prangenden Videowänden, die rund um die Uhr mehr oder weniger gut recherchierte Informationen ausstrahlten. »Was man eben so hört...«

»Wenn Sie offen zu mir sind«, drängte Fisher, »könnte es sein, dass Sie Ihre Rache doch noch bekommen – auf eine andere Weise zwar, als Sie geplant hatten, aber immerhin...«

Der andere starrte eine Weile stumm vor sich hin. Fisher wartete geduldig, dass die Saat, die er gepflanzt hatte, aufging. Schließlich fügte er hinzu: »Bedenken Sie: Es ist Ihre einzige Chance!« Er machte mit der Rechten eine umfassende Geste. »Sehen Sie sich um! Sie befinden sich hier mehr als dreißig Meter unter der Erde, praktisch im Fundament des Mech-Towers! Glauben Sie, Sie kämen hier ohne meine Hilfe wieder heraus?«

Langsam schüttelte Keir den Kopf. »Ich bin tot – so oder so. Wenn ich wenigstens noch verhindern kann, dass Mogan Konzernchef wird...«

»Das können Sie!«, versprach Fisher. »Und mehr! Aber dazu müssen Sie reden!«

»Also gut«, seufzte Keir. »Was wollen Sie wissen?«

»Alles! Die ganze Geschichte! Von Anfang an!«

Keir schloss das Auge und lehnte sich zurück. »Die ganze Geschichte ... Zwölf Jahre lang habe ich versucht, zu vergessen ... Ich wollte sterben, aber ich konnte nicht. Um mich herum sind die Leute erfroren in den Wintern, aber nicht ich ...« Das Auge öffnete sich wieder, doch es blickte Fisher nicht an; es sah in die Ferne, in die Vergangenheit – eine Vergangenheit, deren abgrundtiefe Schrecken es allein gesehen hatte.

»Erinnern Sie sich an anno ’46? Den Höhepunkt der Konzernkriege?«, fragte Keir schließlich nach längerem Schweigen.

Fisher nickte. Wie könnte er diese Jahre vergessen? Schließlich hatte er dabei selbst eine tragende Rolle gespielt.

»Einige Jahre zuvor hatte ich meinen Job an der Universität von Michigan an den Nagel gehängt und mich selbstständig gemacht. Das war nur ein paar Monate, bevor die Konzernkriege begannen. Wenn ich das vorher gewusst hätte ...« Keir zuckte mit den Schultern. »Wer weiß, was dann passiert wäre. Aber mit einiger Wahrscheinlichkeit lebten dann Crissy und die Kinder noch.« Er starrte sinnend vor sich hin, bevor er achselzuckend fortfuhr: »Ich war nie zufrieden gewesen mit dem, was ich erreicht hatte – ich wollte immer noch mehr. Als mich die Stellung als Professor nicht mehr ausfüllte, verließ ich die Universität. Mein Vater war gestorben und hatte mir ein kleines Vermögen hinterlassen, das es mir erlaubte, frei und unabhängig in der Richtung zu forschen, die mich schon immer am meisten interessiert hatte: die Teilchenphysik.«

Fisher zog eine Augenbraue hoch. »Das scheint mir nicht gerade ein Fachgebiet zu sein, in dem man auf sich allein gestellt weiterkommt. Ich meine, man braucht doch riesige und extrem teure Geräte dazu – Teilchenbeschleuniger und so.«

»Ich hatte nach wie vor Zugriff auf die Einrichtungen der Universität und anderer Forschungsstätten. Wir hatten ein Abkommen, nach dem ein gewisser Prozentsatz der Erlöse meiner zukünftigen Patente an sie gingen.« Er lachte bitter. »War ein schlechtes Geschäft für sie ... Na ja, nicht schlechter als für mich. – Nun, Konzernkriege hin oder her, ich arbeitete etwa zweieinhalb Jahre so vor mich hin, bis mir eine, sagen wir, interessante Entdeckung gelang, die ich aber nicht selbst fortentwickeln oder gar vermarkten konnte.«

Fisher nickte. »Sie brauchten einen Partner – einen Partner mit Geld und ... Möglichkeiten.«

»Exakt. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Konzernkriege beinahe ihren Höhepunkt erreicht; hier in den ehemaligen Vereinigten Staaten war Mechanics mit Abstand der größte Konzern, und er war dabei, die noch existierenden kleineren Firmen mit rasender Geschwindigkeit entweder zu übernehmen oder, wo dies uninteressant oder zu teuer schien, einfach kaputtzumachen. David Mogan war damals der Geschäftsführer und Mehrheitseigner einer solchen Firma, die sich auf Hochenergietechnik spezialisiert hatte und auf diesem Gebiet über eine Reihe von Patenten verfügte. Ihm war wohl klar, dass die Zeit, bis sein Unternehmen von Mechanics geschluckt würde, nur noch in Wochen oder allenfalls in Monaten gemessen wurde, weshalb er gedachte, der zwangsweisen Übernahme zuvorzukommen. Er wollte sich – das hat er mir damals selbst gesagt, wenn auch nicht in den Worten, die ich gebrauche – bei Frank Agnew interessant machen, um so nicht nur genug Geld für einen ruhigen Lebensabend herauszuschlagen, sondern nach Möglichkeit auch einen Posten in der Führungsspitze von Mechanics. Die Sache hatte nur einen Haken: Was er Mechanics anzubieten hatte, war nicht genug. Die Patente, die er besaß, waren veröffentlicht – was konnte Agnew in dem damaligen Tohuwabohu davon abhalten, sie sich einfach ohne Gegenleistung unter den Nagel zu reißen? Also brauchte Mogan so etwas wie einen Joker; eine Erfindung, von der sich Mechanics einerseits ein großes Potential versprechen würde, und die andererseits unveröffentlicht war. Nur so konnte er den größtmöglichen Nutzen für sich selbst herausschlagen.«

»Und dieser Joker waren Sie«, folgerte Fisher.

»Dieser Joker war ich«, bestätigte Keir, »beziehungsweise meine Entdeckung. Das wusste ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht; ich erfuhr es erst, als es bereits zu spät war. – Ich selbst war es damals gewesen, der sich an Mogan gewandt hatte. Ich habe den Großkonzernen noch nie getraut, weshalb ich mich nach einer kleineren Firma umgesehen habe. Ich dachte, bei denen sei die Gefahr, betrogen zu werden, geringer...«

»Mechanics hat sich immer großzügig gegenüber denen gezeigt, denen der Konzern etwas zu verdanken hat«, warf Fisher im Brustton der Überzeugung ein.

Keirs gesundes Auge blickte sein Gegenüber kalt an. »Ich habe auch anderes gehört ... Aber egal. Zu spät ...« Er schüttelte den Kopf, in Gedanken versunken. »Alles zu spät ... Könnten Sie mir noch mal ein Glas Wasser geben? Ich habe Durst.«

Fisher stand auf und goss Wasser aus einer bereitstehenden Flasche in das Glas, das Keir zuvor benutzt hatte. »Wenn Sie mir versprechen, keinen Unfug anzustellen, können Sie es selbst trinken.«

Keir schnaubte verächtlich. »Mir ist klar, dass ich jemandem wie Ihnen nichts entgegenzustellen habe. Und auch wenn ich Sie überwältigen würde – wie weit würde ich wohl kommen?«

Fisher band seinen Gefangenen also los. Mit zitternden Händen nahm dieser das Glas und leerte es in wenigen Zügen. Als Fisher nachschenken wollte, wehrte Keir ab. »Ich bin gleich fertig mit meiner Geschichte ... Wir, also Mogan und ich, haben uns schließlich auf einen Preis geeinigt. Ich sollte eine gewisse Summe erhalten, die mir ein sorgenfreies Leben garantierte, sowie einen geringen Prozentsatz aus den Patenterlösen. Alles in allem erschien mir das als ein reelles Geschäft; ich erhielt auch prompt eine Anzahlung. Daraufhin machten wir einen Termin aus für die Übergabe aller Unterlagen, in meinem Labor. Mogan bestand darauf, mitten in der Nacht zu kommen – aus Termingründen, wie er sagte. Ich dachte mir nichts dabei, war sowieso immer ein Nachtarbeiter ... Heute weiß ich, dass er nicht gesehen werden wollte.« Keir atmete langsam ein und wieder aus; das Auge war geschlossen – im Gegensatz zu dem Auge seiner Erinnerung. Endlich fuhr er fort: »Er brachte einen Aktenkoffer mit, den er die ganze Zeit über nicht öffnete. Als er wieder ging – mit den Datenträgern, auf denen alles, was es über meine Entdeckung zu sagen gab, in dreifacher Ausfertigung gespeichert war –, ›vergaß‹ er den Koffer im Labor, und ich war so aufgeregt, dass ich es nicht bemerkte.«

»Und in dem Koffer war eine Bombe«, nickte Clint Fisher.

»Offensichtlich ... Ich schloss das Labor ab und ging hinüber ins Haus. Meine Frau hatte gesagt, sie wolle wach bleiben, bis ich käme – wir hatten Champagner kaltgestellt –, aber als ich ins Wohnzimmer trat, lag sie auf der Couch und schlief. Noch während ich sie ansah – ich war schrecklich verliebt damals –, gab es einen Riesenknall und das Haus stürzte um uns herum zusammen.« Keirs Auge stand nun offen; eine einzelne Träne löste sich. Er zuckte hilflos mit den Schultern. »Ich verlor das Bewusstsein, aber wohl nur für kurze Zeit. Als ich erwachte, war mein Geist ... irgendwie leer. Warum ich überlebt habe?« Abermals zuckte er mit den Schultern. »Eine üble Laune des Schicksals, nehme ich an. Ich kroch aus den Trümmern und versteckte mich irgendwo. Ich stand unter ... nein, Schock wäre ein viel zu mildes Wort.«

Keir verstummte. »Das ist alles, was Sie zu wissen brauchen«, fügte er dann hinzu, flüsternd wie stets.

»Schrecklich«, heuchelte Fisher.

Der ehemalige Wissenschaftler antwortete nicht. Er spürte, dass die Betroffenheit des stellvertretenden Sicherheitschefs nur gespielt war, aber es war ihm egal – es war nicht wichtig.

Nichts war mehr wichtig.

Doch Fisher dachte naturgemäß anders.

»Bleibt nur noch eine Frage: Worum handelte es sich bei Ihrer Erfindung beziehungsweise Entdeckung?«

Keirs Auge sah nicht vom Fußboden auf, als er antwortete: »Sie würden es nicht verstehen.«

»Lassen Sie es darauf ankommen!«, ermunterte ihn Fisher. »Bevor ich diesen, nun ja, Schreibtischposten übernommen habe, war ich Überlebensspezialist. Dazu gehören nicht nur eine stahlharte Einzelkämpferausbildung, sondern auch fundierte wissenschaftliche Kenntnisse. Wenn Sie nicht gerade in Formeln sprechen, werde ich Sie schon verstehen!«

Keir seufzte. »Warum lassen Sie mich nicht in Frieden? – Na gut, es kann ja wohl nichts schaden, wenn Sie es erfahren; ich habe sowieso nie wieder etwas davon gehört. Wahrscheinlich ist alles in den Mechanics-Archiven verschwunden und niemand hat sich je wieder darum gekümmert. Mir war sowieso nie klar, ob die Entdeckung jemals einen praktischen Nutzen haben würde...«

Er setzte sich in dem Stuhl auf. Fisher deutete fragend auf die Wasserflasche, aber der Wissenschaftler lehnte mit einer Handbewegung ab. Fisher nahm wieder hinter seinem Schreibtisch Platz. Von Keir unbemerkt startete er ein Aufzeichnungsgerät.

»Wenn Sie, wie Sie sagen, eine wissenschaftliche Ausbildung haben, wird Ihnen bekannt sein, dass Strahlen – beispielsweise Lichtstrahlen – sowohl über Teilchen- als auch Welleneigenschaften verfügen.«

Fisher nickte.

»Die Betonung«, erläuterte Keir weiter, »liegt in diesem Fall auf dem Wort Eigenschaften. Wenn wir bei dem Lichtstrahl bleiben: Man kann ihn als Strom von Teilchen betrachten – jeder kennt ›harte Schatten‹ im hellen Sonnenlicht –, aber auch als Welle, weshalb es zu Interferenzen kommen kann. Beispiele für diese Interferenzen findet man in der Natur viele: das farbige Schimmern einer Seifenblase oder auch einer Öllache. Kurz: Strahlen haben verschiedene Eigenschaften, die wir mit den geeigneten Methoden messen können.«

Keir machte eine kurze Pause, und Fisher sah ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an; er hatte das Gefühl, dass er eine Eröffnung von unerhörter Tragweite hören würde.

Und er sollte nicht enttäuscht werden. »Bei meinen Experimenten mit den Teilchenbeschleunigern habe ich eine bis dahin unbekannte dritte Eigenschaft von Strahlen entdeckt – eine Eigenschaft, die weder mit dem Teilchen- noch dem Wellencharakter etwas zu tun hat und die ich Sprungcharakter genannt habe.«

Clint Fisher richtete sich kerzengerade auf. Seine Augen hefteten sich auf den verunstalteten Wissenschaftler, der von seiner Entdeckung in einem Ton berichtete, als trüge er aus einem Kochbuch vor.

Sprungcharakter!, durchzuckte es den ehemaligen Überlebensspezialisten. Sollte etwa...?

Keirs weitere Worte versetzten ihn in einen Zustand höchster Erregung, die er dennoch nicht nach außen hin zur Schau stellte:

»Manche Teilchen erschienen auf den Fotografien gewissermaßen an den falschen Stellen – so, als wären sie nicht geflogen, sondern gesprungen! Ich sprach mit Kollegen und stellte fest, dass dieser Effekt sporadisch auftrat und durchaus bekannt war – aber man hielt ihn für einen Fehler auf den Fotografien oder eine Ungenauigkeit, die durch den Beschleuniger selbst verursacht wurde. Das konnte ich mir aber ganz und gar nicht vorstellen ... Ich forschte also weiter – monatelang! Es gelang mir schließlich, diese Sprünge zu provozieren, und ich kam zu der Überzeugung, dass die ›Sprungfähigkeit‹ eine ebenso grundlegende Eigenschaft der Strahlung ist wie der Wellen- und der Teilchencharakter.«

Nun konnte sich Fisher doch nicht mehr zurückhalten und stellte eine Zwischenfrage: »Warum sind Sie damit nicht an die Öffentlichkeit gegangen?«

Keir blies verächtlich die gesunde Backe auf und stieß die Luft geräuschvoll wieder aus. »Wenn Sie eine Ahnung davon hätten, wie konservativ Wissenschaftler sind, würden Sie mich so etwas nicht fragen! Ich hätte mich zum Gespött der ganzen Welt gemacht, wenn ich diese Entdeckung ohne fundierte Beweise und sauber ausgearbeitete theoretische Grundlagen veröffentlicht hätte! Nein, ich musste weiterforschen. Und es dauerte lange ... Irgendwann kam ich auf die Idee, die Quarks mit viel Energie – sehr viel Energie – sozusagen ›aufzublasen‹, wodurch sie – Sie erinnern sich an die Energie-Materie-Äquivalenz? – an Masse gewannen. In einem bestimmten Stadium nahmen die Quarks einen Zustand ein, den sie unter Hinzufügung geringer zusätzlicher Energie beibehielten. Wenn man genügend Quarks – und genügend Energie! – nahm, konnte man dies sogar optisch beobachten: Es sah aus wie ein stark fluoreszierendes, waberndes Feld. Dem nicht unähnlich, wie man sich in früheren Zeiten Gespenster vorgestellt hatte – durchsichtig und schillernd. Dieses ... Feld hatte einige interessante Eigenschaften; zum Beispiel reagierte es abstoßend auf Schwerkraft, gleichsam ›antigrav‹. Es stieg also nach oben. Wenn es dort auf einen Widerstand stieß, beispielsweise auf die Labordecke, verteilte es sich – und löste sich wieder auf. Das geschah in Sekundenbruchteilen. Ich experimentierte mit verschiedenen Behälterformen, ohne Ergebnis – das Feld löste sich stets sofort wieder auf. Einen Monat verbrachte ich damit. Ich kam auf die Idee, es in eine Pyramide einzuschließen – es funktionierte nicht. Schließlich verwendete ich – ich weiß heute nicht mehr, wie ich auf diese Idee kam – eine dreiseitige Pyramide, und siehe da – das Feld blieb konstant! Nicht für Millisekunden, auch nicht nur für Sekunden, sondern es blieb einfach stehen, in der Spitze dieser dreiseitigen Pyramide!«

Fisher lief es kalt den Rücken hinunter, seine Nackenhaare stellten sich auf. Als stellvertretender Sicherheitschef war er über das Projekt von Professor Holmes natürlich informiert; er wusste, dass die dreiseitige Pyramide bei den Teleportationsexperimenten eine zentrale Rolle spielte, wenn er auch keine Ahnung von den theoretischen Grundlagen der Experimente hatte – die waren strengstes Firmengeheimnis. Dennoch zweifelte er keinen Augenblick daran, dass es Professor Keirs vor zwölf Jahren durchgeführte Forschungen waren, die Holmes und seine Mitarbeiter auf diejenige Fährte geführt hatten, der sie nun folgten.

»Wie ging es weiter?«, fragte Fisher mit heiserer Stimme.

Keir verzog das Gesicht, was dieses noch hässlicher erscheinen ließ – die Fratze eines Dämonen aus der Hölle, der sich bereitmachte, sich auf ein menschliches Opfer zu stürzen. Doch seine ruhige, flüsternde Stimme strafte diesen äußerlichen Eindruck Lügen.

»Experimentell passierte danach nicht mehr viel, aber in der Theorie machte ich noch einige Fortschritte, die Mogan meine Entdeckung immerhin so interessant erscheinen ließen, dass er dafür bereit war, vier Menschen zu töten.«

»Was für Fortschritte?«

»Sie werden mich auslachen«, flüsterte Keir.

»Riskieren Sie es!«

»Nun gut ... Ich überlegte folgendermaßen: Wenn der von mir so genannte Sprungcharakter eine Eigenschaft jeder Strahlung – und damit jedes Teilchens – ist, müsste es doch möglich sein, auch komplexere Materie zum ›Springen‹ anzuregen.«

»Einen Teleporter zu bauen!«

»Richtig, einen Teleporter«, nickte Keir. »Wenn man dieses ... fluoreszierende Feld über beliebige Gegenstände ausbreiten könnte, die sich in einem Behälter mit der dreieckigen Pyramidenform befinden, müsste es theoretisch möglich sein, mittels dieses Feldes alle Teilchen, aus denen diese Gegenstände bestehen, gleichzeitig zum ›Springen‹ anzuregen...«

»Gegenstände – oder Menschen«, sagte Fisher bedeutungsschwer.

Keir zuckte zusammen. »Kein ernsthafter Wissenschaftler würde jemals auf eine so abstruse Idee kommen!«, zischte er überzeugt.

»Nun, lassen wir das einmal beiseite ... Erzählen Sie weiter!«

»Es gibt nichts weiter zu erzählen – das ist alles. Die Leitung der Universität hat einen langen, erschrockenen Blick auf die Stromrechnung geworfen und mich dann vor die Tür gesetzt, Vertrag hin oder her. Sie meinten, ich hätte meinen Etat überschritten, und zwar um ein paar tausend Prozent. Ich musste mich also nach einem anderen Förderer meiner Experimente umsehen ...« Er zuckte mit den Schultern und verstummte.

Minutenlang sprach keiner der beiden ein Wort.

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