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SF Kurzgeschichten

Von Däumlingen und Monstern



Einstein hatte Unrecht. Das Licht ist doch nicht das Maß aller Dinge. Es geht auch noch schneller als das Licht.

Und endlich hatten auch wir Menschen herausgefunden, wie es geht.

Wir bauten unser erstes Überlichtraumschiff und starteten damit, die Unendlichkeit der Milchstraße zu erforschen.

Bald würden wir wissen, ob es fremdes Leben da draußen gibt. Wenn ja, wie würde es aussehen? Wäre es friedlich oder bedrohlich? Sieht es vielleicht doch so grausam und gewaltig aus, wie es uns die trivialen Science-Fiction Romane immer angedroht haben? Ist der Mensch tatsächlich nur das kleine schwache Würmchen, das im Weltall gegen die schauerlichsten und monströsesten Bestien kämpfen muss?

Woche um Woche und Monat um Monat erkundeten wir die Sterne.

Zuerst fanden wir Leben aber keine Intelligenz. Planeten mit riesigen Sauriern und voller Gigantismus. Dort zählte nur Größe, Kraft und Grausamkeit. Intelligenz war nicht gefragt und bisher auch nicht aufgetreten. Selbst eine Maus war klüger, als der gigantischste Saurier.

Dann fanden wir Planeten, mit Leben, fast wie auf der Erde. Die Säuger waren da, die klugen Mäuse waren da, aber mehr auch nicht. Oberhalb der Mausintelligenz war Schluss. Delphine, Affen, ja sogar Papageien wären hier die super Klügsten gewesen. Aber sie fehlten.

Bald fanden wir auch den ersten Planeten mit klügerem Leben. Der Planet war in der Evolution viel älter als die Erde. Er hatte sich schon viele Millionen Jahre länger als die Erde um seine Sonne gedreht. Die Spitzen der Berge waren längst abgetragen, die Tiefen der Meere verschüttet, das Wetter ruhig und die Winde hatten sich gelegt. Ein Paradies der Gleichmäßigkeit. Alles Leben war klein, zierlich, friedlich und sanft. Hier gab es erste Anzeichen von beginnender Intelligenz. Die Primaten waren da, kluge Meerestiere und Vögel ebenfalls. Aber die Spitze der Evolution fehlte immer noch.

So langsam erkannten wir, dass auf unserer Welt etwas schief gegangen war. Wir Menschen gehörten da eigentlich noch gar nicht hin. Wir waren viel zu früh in der Evolution aufgetreten. Die Erde eigentlich noch gar nicht reif für echte Intelligenz.

Dann trafen wir sie doch, die intelligente Spezies. Völlig friedlich, mit hochentwickelter Technik, viel höher, als die unsrige. Trotzdem endete der Erstkontakt in einer Katastrophe. Und Schuld daran natürlich wir Menschen, weil wir uns selber noch nicht richtig kannten.

Wie näherten uns einem neuen Sonnensystem und empfingen plötzlich Funkwellen von intelligenten Lebewesen. Wir funkten zurück. Formeln, Zeichen, und rhythmische Signale wurden ausgetauscht. Genau nach Lehrbuch baute sich zuerst eine einfache, auf Mathematik basierende Grundkommunikation auf. Dann kamen gegenseitiges Verstehen und Bilder dazu. Sie sahen so ähnlich aus wie wir, nur wesentlich zierlicher. Irgendwie wirkten sie zerbrechlich, wie Porzellanpuppen. Aber wir hatten einen Fehler gemacht. Eine Zehnerpotenz in der Übertragung passte nicht in unser Weltbild. Und was nicht passte, musste falsch sein und wurde berichtigt.

Dann der Kontakt. Sie schickten uns ein Raumschiff entgegen. Viel größer als unseres. Ein wahrer Gigant. Wir waren beeindruckt. Sie luden uns zu einem Besuch in diesen Giganten ein. Mit unserem kleinsten Shuttle flogen wir vorsichtig in ihren größten Hangar. Da ahnten wir schon, dass etwas nicht stimmte.

Unser bester Pilot legte ganz vorsichtig an ihrem Dock an. Im Shuttle nicht einmal der kleinste Ruck, aber bei ihnen riss alles auseinander. Wir sprangen heraus, um ihnen zu helfen und unter unseren Stiefeln brach alles zusammen. Egal, was wir anfassten, egal wohin wir traten, nur Vernichtung blieb zurück.

Dann sahen wir sie zum ersten Mal wirklich und begriffen die falsche Zehnerpotenz.

Sie waren nur so groß, wie unsere Daumen, oder besser so winzig wie unsere Daumen. Dabei so zart wie Federn, zerbrechlich wie Glas und empfindlich wie Schmetterlingsflügel. Alles, was sie bauten, natürlich genauso zart wie sie selber. Ihr Raumschiff, obwohl riesig und gewaltig, schien nur aus dünnstem Pergament zu bestehen. Durchaus stabil genug für Schmetterlingsflügel aber nicht für Menschenstiefel.

Als wir sie verließen, war von ihrem ehemals so stolzen Raumschiff nur noch ein Haufen auseinander flatternder Fetzen übrig. Viele hunderttausend Däumlinge tot, zertreten und zerquetscht vom größten Albtraum, der sie je heimgesucht hatte.

Endlich begriffen wir die Evolution. Sie funktionierte nach einem anderen Plan. Erst kamen die Großen und Starken, dann die Kleinen und Pfiffigen und erst ganz am Ende der Evolution standen die hohen Intelligenzen. Das waren dann aber auch die Kleinsten und Empfindlichsten. Je intelligenter, desto kleiner, so einfach war das Einmaleins der Evolution.

Menschen passten da nicht hin. Wir waren die entarteten Monster der Evolution.

Unsere Suche führte uns immer tiefer in die Galaxis zu immer weiteren Däumlingen. Die Galaxis war voll von ihnen und voll von unzählbaren Wundern und Schätzen.

Jetzt, da wir verstanden hatten, wurden wir vorsichtig, behutsam und bedächtig. Wir wollten keine Bestien sein und nicht zu den gefürchtetsten Monstern in einer Däumling Galaxis werden.

So fanden wir doch noch Freunde da draußen, lauter Däumlings Freunde.

Wir brachten die Kunde von den Däumlingen, den Wundern und den Schätzen der Galaxis zurück nach Hause.

Die Kunde verbreitete sich in Windeseile unter den Menschen. Auch unter Verbrechern, Dieben und Mördern. Schnell begriffen diese, dass Schätze, die von Däumlingen bewacht wurden, nur darauf warteten, eingesammelt zu werden.

Sie zogen in Scharen los, sich diese Schätze zu holen.

Jetzt sind wir doch noch die Bestien der Galaxis geworden. Genau die Bestien, die uns zu Einsteins Zeiten immer in unseren Albträumen aus dem Weltall bedroht hatten.

Hätte Einstein doch nur Recht gehabt.

Hätten wir ihm doch nur weiter geglaubt.

Hätten wir doch nie versucht, das Licht zu überholen.

Es ist nicht schön, eine Bestie zu sein.

Der Tyrann von Rott



Es passierte kurz hinter der Plutobahn. Ein greller Blitz, heller als alles, was Menschen erzeugen konnten. Als der Blitz verging, war da plötzlich etwas, was vorher noch nicht da war. So etwa achtzig Meter im Durchmesser und gute vierzig Meter hoch mit paar Ringen und Wülsten rundum. Es sah fast so aus, wie die früher bei Kindern so beliebten Brummkreisel. Zweifellos ein Raumschiff, und zwar ein Ogg Raumschiff.

Oggs sind ziemlich groß, sehen für menschliche Begriffe auch ziemlich furchterregend aus und können sich auch ziemlich furchterregend benehmen. Auf der Erde kannte man bisher weder Oggs noch deren Aussehen und schon gar nicht deren Benehmen. Das sollte sich aber bald drastisch ändern.

Lexa schaute mit den vorderen beiden Augen missmutig auf seine Anzeigen und Messwerte, während er mit dem hinteren Augenpaar den rückwärtigen Bildschirm betrachtete. Irgendwas musste schief gelaufen sein, aber auch seine beiden Seitenaugen fanden auf keinem Messgerät die Ursache dafür.

Hier wollte er ganz bestimmt nicht hin.

Er kratzte sich nachdenklich an seinem halbrunden und völlig haarlosen Schädel, der ohne jeglichen Hals auf dem massigen Oberkörper ruhte. Ohne Hals konnte er seinen Kopf nicht wie ein Mensch drehen und dadurch in verschiedene Richtungen blicken. Aber mit sechs gleichmäßig um den Kopf verteilten Augen wurde dieser Nachteil mehr als nur aufgehoben.

»So eine Kinderkacke«, grollte es aus seinem gewaltigen Brustkorb, obwohl niemand da war, der ihm zuhören konnte, außer vielleicht Pippi, sein Bordcomputer.

»Pippi, du hast mal wieder galaktische Wurmkotze vollbracht!«

Wütend hämmerte er mit den oberen beiden Fäusten seiner kleineren Handlungsarme auf die Instrumente ein. Die etwas tiefer sitzenden und wesentlich massiveren Fäuste der Laufarme zuckten ebenfalls bedenklich. Er hatte sich nur noch mühevoll unter Kontrolle. Jede seiner Fäuste bestand aus sechs Fingern und zwei Daumen. Das Hämmern half Lexa ganz enorm, seine Wut etwas zu mildern. Immer noch ziemlich restwütend, lies er zur Entspannung kräftig einen fahren. Aus Wut wurde prompt ein Heiterkeitsausbruch. Beim Lachen öffnete sich sein lippenloser Mund, der dicht unter den Augen über die gesamte Breite seines Schädels reichte. Dabei kamen zwei monströse Zahnreihen zum Vorschein, die irgendwie an die gewaltigen Betonbrecher der menschlichen Verwertungsmaschinen für Bauschutt erinnerten.

»Oh, Lexa ist der größte Stinker der Milchstraße«, gluckste er kindlich amüsiert. Das passte eigentlich so gar nicht zu seinem ziemlich gefährlichen Äußeren.

Neben Lexa gab es nur noch Pippi an Bord des Raumschiffes. Sein Raumschiff hatte er auf den verheißungsvollen Namen PIXECOTEZEBU getauft. In der Sprache der Oggs bedeutete das so viel wie Planetenzertrümmerer.

Die Sensoren zeigten ihm auf dem dritten Planeten die Existenz einer zumindest halbwegs intelligenten Spezies.

»Super Pippi, da werden wir doch noch unseren Spaß haben«, grollte Lexa voller Vorfreude.

»Lexa, bitte nicht. Das wird Ärger geben. Du weißt doch genau, was erlaubt ist und was nicht.« Pippi gab sich redlich Mühe, seine neutrale Computerstimme wenigstens etwas vorwurfsvoll klingen zu lassen.

»Papperlapapp, du feiger Quasarwurm spielst mit und damit basta. Ich bin der Boss hier und nicht du. Schieb mal draußen ein paar Waffentürme und Raketenwerfer raus. Lass alles möglichst bedrohlich glühen und blinken. Wir wollen doch Eindruck machen.«

»Oh, ich kann mir schon denken, was du wieder vorhast. Das ist gar nicht gut. Da muss ich wieder verdammt aufpassen, sonst bin ich es am Ende auch noch schuld gewesen«, kam es diesmal sogar leicht weinerlich von Pippi zurück.

»Ach Pippi, du machst das schon. Du bist schließlich nicht nur ein einfacher Computer, sondern eine künstliche Intelligenz der Spitzenklasse. Meine Familie hat für dich verdammt viel Kohle hingelegt. Also jammere nicht rum, sondern tu deine Arbeit. Ich geh mich inzwischen umziehen. Ich will ja fein aussehen, wenn wir unsere neuen Untertanen begrüßen.«

Das Ogg Raumschiff änderte jetzt sein Aussehen und sah nun tatsächlich so aus, wie ein aus der Playstation entlaufener Albtraum. Ein Albtraum, der dummerweise soeben mit unvorstellbaren Beschleunigungswerten Richtung Erde raste.

Kurze Zeit später schwenkte PIXECOTEZEBU in eine Erdumlaufbahn. Noch hatte niemand da unten auch nur irgendwas von dem Unheil da oben bemerkt.

Lexa thronte wieder inmitten seiner Kontrollen. Er hatte sich tatsächlich fein gemacht und seinen neuesten Kampfanzug angelegt. Mattschwarz und ohne jeglichen Lichtreflex wirkte der an sich schon recht beeindruckend. Ein paar kleinere Anbauten zusätzlich machten den Anzug endgültig zum optischen Albtraum. Auf der rechten Schulter saß ein Raketenwerfer, bestückt mit zwölf Raketen, deren rote Spitzen auffällig aus den dunklen Werferöffnungen ragten. Auf der linken Schulter eine doppelläufige Drehkanone und zwischen Handlungs- und Laufarm auf jeder Seite einen Kristalllaser. Allesamt neueste Messemodelle und erst vor kurzen von seiner Familie für ihn angeschafft worden.

»Na Pippi, wie seh ich aus?«, frage er und zielte mit Raketenwerfer und Drehkanone genau dahin, wo Pippi hinter einer Verkleidung steckte. »Jetzt machst du dir vor Angst bestimmt gleich ins Gehäuse!«

»Beeindruckend, wirklich beeindruckend. Die Primitiven werden einen gehörigen Schreck bekommen.«

»Dann wollen wir doch mal mit der Show beginnen«, lachte Lexa freudig auf. »Hast du inzwischen alle ihre Sprachen entschlüsselt und dich in alle Kommunikationssatelliten gehackt?«

»Natürlich Lexa, bei den primitiven Systemen ein Kinderspiel. Wir sind drinnen und ich kann mich jederzeit auf sämtliche Fernseh- und Rundfunkkanäle dieser primitiven Welt gleichzeitig schalten. Sie nennen sich selber übrigens Menschen.«

Auf der Erde saß gerade der amerikanische Präsident Samuel O’Hara in seinem Privatbüro und schaute die 8 Uhr Nachrichten. Hier störte ihn niemand, hier war sein Reich, hier konnte er es sich bequem machen. Er sonnte sich selbstzufrieden in dem Gefühl, wohl im Moment das mächtigste Wesen auf der Erde zu sein.

Plötzlich flackerte das vertraute Fernsehbild und zeigte übergangslos etwas völlig anderes, ja völlig unglaubliches. O’Hara sah zum ersten Mal in seinem Leben ein außerirdisches Lebewesen.

Starr vor Entsetzen betrachtete er das bedrohliche Wesen. Bisher hatte es aber noch kein Ton von sich gegeben. Das Wesen räusperte sich kurz, was eher an den Absturz einer Steinlawine in den Bergen erinnerte. Dann lächelte es in die Kamera und entblößte furchterregende Betonbrecherzähne.

»So liebe Menschen, nun habt ihr mich aber lange genug angeglotzt«, kam jetzt seine monströse Stimme wie Donnerhall aus allen Lautsprechern.

»Ich bin der Ogg Lexa. Man nennt mich auch der Tyrann von Rott. Mein kleines Raumschiff heißt PIXECOTEZEBU. Übersetzt in eure Sprache bedeutet das so viel wie Planetenzertrümmerer und diesen Namen trägt es völlig zu Recht.«

Er machte eine kleine bedeutungsvolle Pause und fuhr dann fort.

»Wenn ihr also irgendwie nicht spurt oder mich nervt, dann macht mein kleines Raumschiff Planetengehacktes aus eurer Erde …«

»… Kapiert?«

»Ja, ich denke schon, dass ihr das kapiert habt, war ja auch gar nicht so schwer.«

»Ihr seid jetzt übrigens meine Untertanen.«

»…. Auch kapiert?«

&

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