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SAMSARA - Das Vermächtnis, Band 3

Angela Scherer-Kern

SAMSARA - Das Vermächtnis, Band 3

Die Früchte des Weltenbaumes





BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

SAMSARA – Das Vermächtnis

Band III

Die Früchte des Weltenbaumes

Angela Scherer-Kern

  

Umschlaggestaltung: Angela Scherer-Kern

Das komplette Werk in drei Bänden ist urheberrechtlich geschützt.

Text und Cover Copyright © 2012 Angela Scherer-Kern

Alle Rechte vorbehalten, auch die der auszugsweisen Vervielfältigung, gleich durch welche Medien, sowie der Übersetzung.

Aufgrund der umfangreichen Recherchearbeiten für alle drei Bände kann es sein, dass unbeabsichtigt Rechte für Textpassagen übersehen wurden.

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samsara.das.vermaechtnis@web.de.

Vielen Dank.

[10I  Tawantinsuyu] Das Volk der Sonne lügt nicht, stiehlt nicht und ist nicht faul

 

[Salana] Salana – Tochter eines Palastmusikers

[Choi] Chay – Weberin in Qusqu

[Aleyna] Alayna – Goldschmied von Qusqu, zwangsumgesiedelt von Chimú, Sohn: Wanasqia; Pocken

[Burgon] Purqun – Bote des Inka

[Hanaskea] Wanasqia – Sohn des Goldschmiedes Alayna

[Kyr] Kir Ninan Quyochi – Sohn des Inka, stirbt an Pocken

[Gimra] Kimra Wayna Qhapaq – Inka, stirbt an Pocken

[Ushlaran] Uslaran – Schülerin bei der Töpferin Yaskula

[Elieanor] Illanar – Tochter von Rusuran, wird Inti, dem Sonnengott, in Notsituation geopfert

[Tanobakt] Tanupaq – Quya (Königin) Mama Rawa Uqllu

[Jaskula] Yaskula – Töpferin in Qusqu, Schülerin: Uslaran

[Rosuran] Rusuran – Bauer; jetzt Straßenbauer, arbeitet Schulden ab, stirbt an Pocken

 

Gottheiten

Wiraqucha der Uralte Schöpfergott, Wiraqucha bedeutet Schaum des Meeres

Inti Sonnengott

MamaQuilla Mondgöttin

Pachamama Erdgöttin

Illapa Gewitter- und Regengott

 

Orte

Tiawanaco / Qusqu (Cuzco/Nabel der Welt) / Titicaca-See

TawantinsuyuLand der vier Teile, Reich der Vier Himmelsrichtungen – so bezeichneten die Inka ihr Reich

 

Zeit

ca. 1527 n.u.Z. zurzeit von Huayna Cápac, hier Wayna Qhapaq geschrieben, dem 11. König der Inka, kurz vor dessen Tod

 

 

„Dicker Rauch biss erbarmungslos in meinen Augen. Ich hustete, rang nach Atem. Dann wurde es schwarz um mich. Ich konnte mich an nichts mehr erinnern, bis ich wieder aufwachte, draußen, auf dem Boden, und meine Mutter tränen- und rußverschmiert über mich gebeugt neben mir saß.

Pachamama, der großen Mutter Erde sei Dank! Du bist am Leben!’ Sie weinte bitterlich und streichelte mir unablässig das Gesicht. ‚Sie haben deinen Vater gefangen genommen! Wir müssen weg von hier. Wir werden umgesiedelt, in die Nähe des Inka, nach Qusqu. Der große Inka hat es selbst so bestimmt. Der Sapay Inka, der einzige Inka, ist unser neuer Herr. Wir tun, was er sagt. Dann wird es uns bald wieder gut gehen…’“

Alayna hält kurz inne mit seiner Erzählung, atmet tief ein und aus, den Kopf zur Seite gedreht, damit er die kleinen vor ihm liegenden Kügelchen nicht verweht, und hämmert dann weiter eines nach dem anderen mit dem kleinen Hammer zu hauchdünnen Plättchen. Sein Sohn Wanasqia nimmt die fertigen kleinen Blättchen behutsam zu sich, sticht in jedes ein winziges Loch und legt sie anschließend in eine hölzerne Schachtel, die mit einem dünnen Baumwolltuch ausgelegt ist. Die Schachtel ist fast voll.

Sein Vater sieht müde aus. Seine Haare kleben an seiner nassen Stirn und das Licht der Lampe lässt den rötlichen Glanz in seinen Haaren heute nur schwach erscheinen.

„Große Statuen, ja das ist meine Arbeit, aber diese kleine fummelige Arbeit, das ist nichts mehr für meine Augen und auch nichts für meine Finger. Außerdem fehlt das Licht der Sonne. Wie soll man aus Gold vernünftig etwas gestalten, wenn Vater Sonne nicht am Himmel steht und sein Gold zum Glänzen bringt? Bei Tag fällt alles gleich viel leichter. Diese fummelige Arbeit… Aber ablehnen darf man dem großen Inka nichts. Erst recht nicht, wenn sich das Land in solch einer schwieriger Lage befindet“, redet er vor sich hin.

„Du bist der beste Goldkünstler der Stadt, Yaya, Vater, und der schnellste, wenn es sein muss. Der Sapay Inka würde dich sonst nicht solch belanglose Arbeit machen lassen, wenn es nicht von herausragender Wichtigkeit wäre. Es heißt, es sei für einen neuen Umhang, den er dringend braucht… Für irgendein wichtiges Ritual“, rechtfertigt Wanasqia den Großen Inka.

„Einen neuen Umhang, hm… Der Große Herr bekommt jeden Tag einen neuen Umhang von den fleißigen 500 Jungfrauen des Sonnengottes Inti persönlich.“ Alayna macht auf einmal ein wichtiges Gesicht, blickt zur Tür und spricht mit leiser Stimme weiter. Wanasqia reckt seinen Kopf zu ihm, um nichts zu verpassen.

„Ein mit solchen Plättchen aus Gold bestickter Umhang ist ein ganz besonderer Umhang – der Umhang eines Toten! Und bei dieser Stückzahl handelt es sich nicht um den Umhang des großen Inka allein, sondern eher um zwei! Ein Umhang in der Größe eines erwachsenen hockenden Mannes und ein etwas kleinerer. Dass ein Herrscher in seinem Alter schon den Totenumhang fertig wissen will, ist nicht ungewöhnlich, aber gleich zweie! Und dann diese Eile! Ich hörte, dass sein Sohn die Fleckenkrankheit haben soll, der, der seine Nachfolge antreten soll. Das sieht nicht gut aus für unser Volk! Gar nicht gut. Er ist ein gescheiter Junge. Er wäre ein wertiger Nachfolger des Großen Inka.

Aber diese Krankheit… Möge der Große Inka uns noch lange erhalten bleiben und seine Erbfolge gütig klären, wenn sein zuerst auserwählter Sohn es jetzt nicht schafft, die Krankheit zu besiegen. So, wie es aussieht, muss Inka Kimra Wayna Qhapaq sich entscheiden, entweder für seinen weiteren Lieblingssohn, der allerdings von einer seiner Nebenfrauen aus Quito, weit aus dem Norden ist, oder den rechtmäßigen Thronfolger hier aus Qusqu. Egal wie, die beiden sind wie Kampfhähne. Es wird nicht einfach für das Volk der Inka, wenn es soweit kommen sollte. Dieses Fleckenfieber, es rafft unser Volk dahin. Ich kenne nur zwei, die es bisher überlebt haben: Unseren Nachbarn und weiter vorn die Frau des Perlenmachers. Jetzt haben sie überall Narben, aber es geht ihnen wieder gut. Es sind zu viele, die sterben, viel zu viele! Es schwächt unser Volk mehr und mehr!“

„Vater, wir haben es gleich geschafft. Die Sonne geht bald auf. Inti kommt zu uns zurück!“, redet sein Sohn ihm aufmunternd zu. Draußen vor der Tür schnarcht der wartende Bote.

„Erzähl mir von der Zeit, bevor ihr nach Qusqu umgesiedelt wurdet. Der große Inka war so angetan von dem handwerklichen Können der Chimú, deines Volkes. Deswegen verschonte er die meisten, obgleich sich alle sehr lange gegen ihn zur Wehr gesetzt hatten.

Ich habe gehört, dass es seine Strategie ist, die Gruppen umzusiedeln; die besonders begabten Handwerker einerseits und die Gruppen, die aufwieglerisch sind andererseits. Das ist strategisch sehr klug! Deswegen ist auch der Sapay Inka so erfolgreich.“

„Sprich nicht so laut! Auch wenn dieser Bote draußen schläft, du weißt nie, ob die Steine lauschen, naja oder die Lehmziegeln.“ Alayna sieht mit großen Augen zur Wand, dann zur Tür.

„Der große Inka würde uns nichts tun. Er ist der Intip Churin, der Sohn der Sonne, der Sohn von Inti. Unsere Türen stehen offen und jeder kann sehen, dass wir fleißig arbeiten. Zu jeder Zeit kann ein Aufseher des Inka hereinschauen. Er wird uns nie faul in der Ecke liegen sehen! So etwas Schlimmes würden wir niemals tun! Außerdem ist unsere Arbeit so gut, darauf würde er niemals verzichten wollen. Ich sage nur das, was jeder weiß.

Diese Umsiedelei ist eine sehr geschickte Idee und funktioniert, ehrlich gesagt, sehr gut. Der Inka versorgt alle mit Arbeit, Häusern, Nahrung und wenn man alles hat, was man zum Leben braucht, kommt man auch nicht mehr dazu, über Ungerechtigkeiten oder andere Bedürfnisse nachzudenken. Wenn man weit von seiner Heimat entfernt wohnt, kann man sich auch nicht mehr mit seinen Freunden austauschen. Warum sollte man auch? Es geht doch allen gut. Keiner sitzt nutzlos in der Ecke, was eigentlich fast das Schlimmste ist, das einem passieren kann. Aber da passt der Sapay Inka schon auf, dass ein jeder seine Aufgabe hat und dieser fleißig nachkommt.

Wiraqucha hätte uns nicht solch wunderbares Werkzeug wie unsere Hände gegeben, wenn wir sie nicht nutzen sollten und außerdem – das Wichtigste überhaupt – keiner braucht mehr zu hungern, auch wenn alle viel arbeiten müssen. Nichts zu essen zu haben, das wäre doch wahrhaft das Schlimmste. Selbst in Notzeiten wie vor zwei Jahren, als es einfach nicht regnen wollte und Quellen in den Bergen versiegten, die unsere Felder üblicherweise üppig versorgen, selbst dann halfen die Vorratslager über schwierige Zeiten hinweg. Es ist alles perfekt organisiert. Absolut perfekt!“

Alayna muss über die unverbrauchten Gedanken seines Sohnes lachen und kommt darüber in starkes Husten. Wanasqia eilt, um ihm Wasser zu holen. Trotz des Hustens schnickt sein Vater rasch mit einem kurz nach oben gerichteten Blick einen Tropfen Wasser in den Himmel, für Inti zum Dank, und trinkt, was ihm auch gleich Linderung verschafft.

„Was war denn das?“, schimpft Alayna zur Tür, als käme die Ursache von dort, und lacht auch gleich wieder. „Essen, du hast recht, das Essen haben wir die ganze Zeit über auch vergessen. Selbst du, mein Sohn, der du ohne einen guten Maisbrei oder ein schmackhaftes Kartoffelgericht gar nicht klar denken kannst, selbst du hast die ganze Nacht fleißig an meiner Seite durchgehalten. Ich bin stolz auf dich! Du darfst dich wahrlich mein Sohn nennen!“, freut sich Aleyna über Wanasqia, klopft ihm auf die Schulter und dreht sich Richtung Feuerstelle.

Wanasqia ist darüber etwas irritiert, denn sein Vater ist gewöhnlich ein eher in sich gekehrter Mann. Dabei war er nie missmutig, sondern stets freundlich und immer ruhig und ausgeglichen. Normalerweise war er mit stiller Freude bei seiner Arbeit. Alles geht ihm dabei leicht von der Hand, egal wie groß der Auftrag ist, den der Inka, und es sind ausschließlich Aufträge des Großen Inka, ihm überträgt. Es ist fast so, als würde er mit dem Gold verschmelzen, wenn er es bearbeitet und in Form bringt. Es verbindet ihn eine tiefe Liebe zum Gold, zum Schweiß des Sonnengottes. Er kann dabei alles um sich vergessen und scheint um die Skulpturen zu schweben, wenn er ihnen zärtlich die Muster einprägt, die der Gott ihm zuflüstert.

„Vater, Yaya, lass uns erst diese Plättchen zu Ende arbeiten, dann haben wir den ganzen Tag Zeit zu essen. Es ist nicht mehr viel. Der Bote wartet doch darauf“, wagt Wanasqia zu sagen und sieht zu Boden.

„Ja, mein Sohn, natürlich. Das hatte ich jetzt auch nicht so gemeint. Den Rest werden wir beide jetzt auch noch schaffen.“ Aleyna dreht sich wieder zu den kleinen goldenen Kügelchen, hustet wieder, fängt sich aber gleich, hämmert und erzählt dabei weiter:

„Von den Chimú will ich dir erzählen, von deinen Ahnen, deren erster König Tacaynamo einst mit einem Balsa-Floß übers Meer kam und sein Wissen den noch unwissenden Menschen dort überbracht hatte. Er baute ChanChan, das war einst unsere große Hauptstadt. Es sollen immer noch viele Menschen dort leben, aber die Stadt hat durch Qusqu natürlich an Bedeutung verloren. Auch wir lebten dort, als sie noch glanzvoll und mächtig war, meine Eltern und ich. Meine jüngere Schwester wurde dann hier geboren. Mein Vater war Künstler und arbeitete viel, manchmal auch bis tief in die Nacht, um die Auftragszeiten einzuhalten, die er für die Herstellung des Gold- und Silberschmuckes bekam, auch für seine Skulpturen und Verzierungen für die Räume des Palastes oder die Grabbeigaben.

Ähnlich, wie wir es auch hier tun, nur, dass der zeitliche Druck nicht mehr so groß ist, denn der Inka weiß, dass wir fleißig sind und gute Arbeit leisten und dazu gehört die entsprechende Ruhe des Nachts, wie üblicherweise immer. Wir wissen ja, die Lage ist bei Weitem nicht normal, wie sie momentan ist. Wenn es darum geht, die Götter milde zu stimmen oder ihnen Ehre zu erweisen, dann tut man sowieso alles, was man kann und noch mehr. Wir alle. Das ganze Volk.“ Wanasqia räuspert sich künstlich.

„Sprich ruhig, wenn du eine Frage hast. Du weißt, wenn ich erzähle, dann verrutsche ich gern einmal im Faden, wie ungeübte Quipu-Leser“, lächelt Alayna seinen Sohn von der Seite an.

Yaya, die Geschichte deiner Vorväter, den Chimú, klingt sehr ähnlich wie die des Volkes, das zum Beispiel um Tùcume gelebt hat, das dann von den Chimú erobert wurde. Das soll schon vor hundert Jahren und noch mehr gewesen sein, hat mir Großvater erzählt. Die Chimú wurden dann wiederum in das Reich des Großen Inka übernommen, mitsamt den unzähligen Pyramiden und den Opfergaben, die dort sein sollen, den Palästen, den Tempeln, den Feldern, den Menschen und Tieren.

Ich meine die Geschichte mit dem Fremden, der übers Meer kam. Kann es sein, dass alles irgendwie zusammenhängt – dieses Volk, wir, die Inka, und vielleicht auch frühere Völker?

Sie tun immer alle so, als hätte es die anderen davor nie gegeben. Dabei übernimmt doch einer von dem anderen, von den eigenen Vorfahren oder von denen, die sie erobern. Die Chimú haben von dem einstigen Volk aus der Nähe von Tùcume das Beste übernommen und die Inka haben nun das Beste von den Chimú übernommen. Uns zum Beispiel!“

Er lächelt seinen Vater aufmunternd zu, da er sieht, dass die letzten Kügelchen ihm sehr viel Mühe bereiten.

„So oder ähnlich wird es wohl gewesen sein, doch so genau kann man das nicht sagen“, brummelt der Vater, was so viel bedeutet wie, ‚eigentlich wollte ich nur von dem Glanz der Chimú erzählen und nicht von irgendwelchen Kulturen, von denen wir vielleicht einmal irgendein kleines Muster übernommen haben sollen. Vor denen lasse ich doch nicht unseren Glanz erblassen!’

„Ich weiß“, sagt daraufhin Wanasqia beschwichtigend, „ich weiß, dass du nicht von irgendwelchen anderen Kulturen erzählen wolltest, sondern von den stolzen Chimú und deren größten Stadt ChanChan aus luftgetrockneten Lehmziegeln, die größte, die man je gesehen hat.“

Alayna lächelt wieder. Er war nie lange missmutig. Wenn überhaupt, wie gesagt, sehr selten und von der Dauer eines Atemzugs. Das war jetzt nur, da er wohl sehr müde war und am Ende seiner Kräfte.

„Ja, Recht hast du, mein Sohn. So will ich der Ordnung halber bei den Lambayeque beginnen. Die Lambayeque, so nennen sie manche, weil sie dieses ganze Flusstal besiedelten – sie hätten dort weit über zweihundert Pyramiden gebaut, wo sie dann auch Tùcume errichtet haben. Mitten in der Stadt liegt die größte Tempelpyramide, umbaut von 26 Pyramiden. Sie war selbst von der unvorstellbaren Größe eines großen erhabenen Berges. Dort, fast den Göttern gleich, erhaben über ein weites Land und das Meer waren ihre Rituale von besonderer Kraft. Von weither soll diese Pyramide zu sehen sein, in ihrem vollen Glanz. Welch eine Macht!“

Er macht eine kurze Pause, um zu trinken.

„Bei diesen Mengen an Pyramiden haben sie unvorstellbare Mengen von Lehmziegeln trocknen müssen“, überlegt Wanasqia staunend.

„Ja, nicht nur trockenen, auch verbauen müssen. Gleich nach der Maisernte wurden die Pyramiden gebaut. Da kamen die Bauern von ihren Feldern und mussten helfen. Sie taten nichts anderes als Lehmziegeln anzufertigen. Wahrscheinlich haben sie wegen wiederholter Überschwemmungen ihre ursprüngliche Stadt verlassen, mit Feuer gereinigt und begraben, und haben dann diesen neuen Ort zur Besiedelung auserkoren. Daher bauten sie die nächste Stadt weiter vom Meer entfernt, mit noch mächtigeren Pyramiden und Tempeln für die Götter.

Jedenfalls sollen die Lambayeque sehr begnadete Goldkünstler gewesen sein. Schon vor langer Zeit sollen sie aus ebenso dünnen Goldblechen, wie wir sie jetzt hämmern, wunderschöne Masken und Schmuckstücke gearbeitet haben. Die Becher hatten schon die Form wie die heutigen Kerus des Großen Inka. Du weißt, das sind diese Becher mit der besonderen Form, die der Sapay Inka nun einheitlich für alle anfertigen lässt, unten schmaler, oben breiter, sehr handlich. Auch die Muster wählt er aus, die dann in Serie aufgemalt werden.

Nun, göttliche Gefäße und Statuen aus Gold und Silber, verziert mit Edelsteinen und wertvollen Muschelmosaiken sollen die Lambayeque geschaffen haben. Überall ist der Große Herr, der sie alles einst gelehrt hatte, abgebildet – mit ungewöhnlichen Augen, wie kleine Schlitze.

Ich muss fast neidlos zugeben, ich habe tatsächlich einige Ideen von ihnen übernommen oder mich von ihnen inspirieren lassen und arbeite sie in die Aufträge für den Sapay Inka mit ein. Gerade das schätzt er sehr.

Ich habe wunderschön gearbeitete Tumis gesehen, in Gold mit Edelsteinen besetzt, auf denen meist er abgebildet war, der Große Herr…“

Er macht eine kurze Pause, denn er wartet auf eine Frage von der Seite, die natürlich prompt kommt:

Yaya, ein Tumi, was ist das?“ Zufrieden lächelt Alayna und erklärt weiter:

„Ein Tumi ist ein halbrundes Messer, dessen Mittelgriff meist mit einem Gott oder einer starken Persönlichkeit verziert wurde, zum Beispiel mit diesem Großen Herrn, diesem Wissensbringer der Lambayeque, um dem Messer dessen Kraft zu verleihen. Es dient als Opfermesser, als Ritualmesser, aber auch zum Operieren, beispielsweise am Kopf. Das ist eine Technik, in der die Inka-Heiler auch sehr geschickt sind. In Kupfer habe ich auch schon Tumis gesehen.

Dort, so sagt man, sollen sie ihre Toten, ich meine natürlich die hohen Herren, auf sehr eigenartige Weise begraben haben: sehr tief in einer Erdgrube – mit angewinkelten Beinen. Die Hockstellung kennen wir, aber mit dem Kopf nach unten und das Gesicht wieder nach oben gedreht. Das Gesicht hätten sie dann mit einer Maske geschmückt. Und rate einmal, wie manche Umhänge gearbeitet waren?“

„So, wie diese hier werden sollen? Ich kann es kaum glauben!“, sagt Wanasqia mit roten Wangen, was bei ihm besonders auffällt, da seine Haut gegenüber den anderen sehr hell, fast weiß und sehr zart ist. Auch seine schwarzen Haare sind feiner und glatter als die der anderen. Er trägt schulterlange Haare wie die meisten ihres Standes und hat sie zu einem Zopf gebunden. Die Bauern tragen ihre Haare meist noch länger, denn sie alle sollen sich doch klar von den Adligen und besonders von der direkten Familie des Inka unterscheiden. Die Haare in der Kürze einer Fingerbreite zu tragen, das war nur den Adeligen vorbehalten. Dies, weil eben der große erste Vorfahre der Inka seine Haare kurz getragen haben soll. Obgleich sich die Haarvorschriften immer mal wieder ändern können.

Ebenso dürfen nur der Inka selbst und die Adeligen, welche alle irgendwie familiär verbunden sind, goldene Scheiben in den Ohrläppchen tragen. In den Stand des Inka-Adels kann man auch durch herausragende Leistungen erhoben werden. Bestimmte äußere Zeichen müssen allerdings zu erkennen geben, dass doch kleine Unterschiede zu den familiären Verbindungen zum Inka bestehen.

„Ja, so hat mein Vater es mir erzählt. Für einen einzigen derartigen Umhang hatte er einmal, so wie wir jetzt und die Lambayeque damals, Goldplättchen gehämmert und ich meine, auch viele Silberplättchen waren dabei. Natürlich wurden deren Herren reich bestattet, so wie wir es kennen, doch es soll noch üppiger gewesen sein, Perlenketten über Perlenketten und alle möglichen anderen Schmuckstücke, Gold, Silber, Kupfer, Bronze in unvorstellbaren Mengen und natürlich auch ein bis zwei Frauen und auch Kinder, die sie begleiteten. Danach hätten sie Pyramiden darüber errichtet und jedes Jahr seien die Bewohner gekommen, um dort mit ihren Ahnen zu feiern. Es traf sie allerdings schlecht, da Überschwemmungen und heftige Stürme das Volk immer wieder zum Umziehen zwangen, das kenne ich auch von den Erzählungen der Chimú.

Natürlich verbrannten sie dann wieder ihre Tempel, rituell, denn die Götter schienen diesen Ort nicht zu wollen. Auch das kenne ich. Oder die Tempel wurden eingegraben und verlassen. Der Zorn der Götter ist manches Mal einfach unerklärlich, wie auch jetzt wieder. Auch damals sollen schon viele Vorfahren durch ihren Zorn vertrieben und gar vernichtet worden sein. Ihr Zorn vernichtet all ihr Gut, aber spült es auch manches Mal wieder frei, sodass man plötzlich vor Mauern steht, die vor dem Sturm noch ein Berg oder Hügel zu sein schienen. Dadurch fanden viele von uns einiges, was Vorfahren gebaut und bearbeitet hatten. Die Gräber bleiben natürlich unberührt. Wenn sie freigelegt wurden, werden sie von uns wieder verschlossen. Aber raubende Halunken gibt es immer, doch die trifft irgendwann auch der Zorn der Götter oder zumindest der Toten.

Die Chimú haben zudem noch ganz andersartige Keramiken gefunden. Ich finde es erstaunlich, dass augenscheinlich sehr alte Kulturen all dieses Wissen hatten, Menschen, die vor König Tacaynamo und Naymlab gelebt haben, vor Manqu Qhapaq[3] und Mama Uqllu, den Urahnen der Inka, und wunderschöne Arbeiten gefertigt hatten. Sie hatten ganz offensichtlich mehr Wissen gehabt, als man es glauben mag und als es dem Volk allgemein durch die alten Geschichten vermittelt wird. Um diese feinen Keramiken zu arbeiten, müssen sie große Kenntnis darüber besessen, und dementsprechend auch in einer weit entwickelten Gemeinschaft und Gesellschaft gelebt haben.“

Wanasqia räuspert sich wieder.

„Ja, du hast recht, Yaya. Denn auch die Herkunftsgeschichte der Inka lautet so, dass über Wiraqucha, den Uralten Schöpfergott, der alles erschaffen hat, die Erde, Sonne, Mond, die Sterne, die Wolken, den Regenbogen, den Vorfahren der Inka indirekt das Wissen gebracht wurde. Also existierten auch unter ihnen bereits kluge Menschen, von deren Wissen wir lernen.

Da Wiraqucha unsichtbar ist, wirkte und wirkt er durch die anderen Götter. Inti, der Sonnengott, erkannte, dass die Menschen, die aus Stein geformt waren, noch nicht sehr viel wussten, und schickte daraufhin seine beiden Kinder Manqu Qhapaq und Mama Uqllu zur Erde, damit sie den Menschen das Wissen beibrachten. Manqu Qhapaq lehrte sie den Anbau von Pflanzen und das Züchten von Tieren und Mama Uqllu zeigte den Frauen die Kunst des Webens und des Haushaltens. Vater Sonne Inti trug den beiden auf, dass sie den Menschen Gesetz und Ordnung geben sollten, durch die sie in einer friedlichen Gemeinschaft und Miteinander leben könnten. Nicht durch Unterdrückung, sondern durch Freundlichkeit und Toleranz sollten sie regiert werden. Auch sie sollten stets daran arbeiten, durch Erkenntnisse ihr Wissen zu bereichern, um zu erleuchteten Wesen zu werden.“

„Eine wichtige Sache fehlt an der Geschichte noch“, gibt Alayna seinem Sohn weiter zu denken.

Manqu Qhapaq und Mama Uqllu erhielten von Vater Sonne Inti einen goldenen Stab. Er brachte die beiden auf der Sonneninsel im Titicacasee zur Erde hinab. Von dort aus sollten sie sich auf eine Reise begeben, um ein Land zu suchen, wo sie diesen Stab mühelos in die Erde stecken konnten. Sie zogen also gen Norden und fanden diesen Ort, an dem sie Qusqu gründeten, den Nabel der Welt!

Den einfachen Menschen, die zuvor schon hier gelebt hatten, lehrten sie das, was ihr großer Vater ihnen aufgetragen hatte. An dieser Stelle steht jetzt der wunderschöne goldene Sonnentempel des Inti.“

„Ganz genau. Je weiter man in die Welt hinauskommt, desto mehr entdeckt man und desto mehr sieht man die wahren Zusammenhänge. So ist es manchmal nicht verwunderlich, wenn manche Stämme darauf beharren, dass ihre eigene Geschichte die wahre Geschichte ist und sie sich niemandem unterordnen wollen, auch wenn es ihnen dadurch vielleicht besser erginge, wie jetzt uns. Vielen geht es jetzt besser, viel besser. Man lebt in einem geregelten Leben, wo für alles zentral gesorgt wird. Man selbst geht eben der Arbeit nach, zu der man am fähigsten ist, und hilft bei anderen Arbeiten, wenn es dort dringlicher ist. Der einfache Mann hat nun einmal von Natur aus nicht den großen Überblick. Er arbeitet von Tag zu Tag.

Es gibt eben manche, die wollen eher die absolute Freiheit und das Risiko in Kauf nehmen, dass sie eben in Notzeiten nicht versorgt werden, dass sie allein sind, wenn die Götter der Natur uns Streiche spielen. 

Der Große Inka hat den großen Überblick und die weite Voraussicht und schafft es, so viele Menschen an einem Guten Leben teilhaben zu lassen. Er bewältigt eine sehr hohe organisatorische Aufgabe. Eine wahrhaft gute Leistung! Die strengen Gesetze müssen bisweilen sein, da sonst kein reibungsloser Ablauf stattfinden kann. Wenn einer etwas vom Gemeingut stiehlt und er dabei erwischt wird, dann kennt der große Inka keine Gnade. Auch nicht für die ganze Familie des Unglückseligen. Wer einmal gesehen hat, wie dadurch eine ganze Familie ausgelöscht wurde, bleibt auf der rechtschaffenen Seite, denn wozu stehlen, wenn man satt ist und warm gekleidet und ein schützendes Haus hat?

Wenn er andere Völker erobert, dann versucht er immer, die Menschen am Leben zu erhalten. Jeder Mensch ist wichtig, denn er ist eine gute Arbeitskraft. Tote können zur gemeinschaftlichen Arbeit eben nichts beitragen. Deswegen sind wir am Leben geblieben. Auch wenn ich unser ChanChan schon gern einmal wiedersehen möchte, möchte ich dieses hier auf keinen Fall mehr missen und tauschen.

Bei welchem Thema waren wir noch – ja, bei den ungewöhnlich gut gearbeiteten Keramiken…“ Alayna reibt sich die Augen, nimmt seinen Becher, schnippt wie immer einen Tropfen mit kurzem Blick nach oben vor sich in die Luft und trinkt. Ihm ist heiß. Er ist müde.

Yaya, hast du solch ein Gefäß schon einmal selbst gesehen?“, will Wanasqia wissen und holt ihn aus seiner Müdigkeit heraus.

„Ja, mein Sohn, das habe ich. Aber ich habe kaum verstanden, was auf den sehr runden, bauchigen Gefäßen gemalt war. Oftmals waren es eine Art Pumas mit sehr angsteinflößenden Gesichtern. Sehr ausdrucksstark.“

„Es waren wohl Dämonen, die auch Angst einflößen sollten, damit sie nicht gestohlen werden.“

Alayna lächelt wieder über die Gedanken seines Sohnes.

„Ja, das ist gut möglich. Es ist auch schwierig, diese Bildsprache darauf zu verstehen, da man nicht weiß, wo der Anfang des Bildes ist. Wenn man sie genau betrachtet, erkennt man, dass es meistens mit Göttern zu tun haben muss, auch Priestern, Opferungen, Opfergaben, Eroberungen mit Gefangenen, fliegenden Schamanen, Mischwesen aus Tier und Mensch, die wohl Schamanen oder Priester sind, die in die Welt der Geister reisen, Tiere, Pflanzen. Wir wissen, dass jedes gemalte Teil eine Bedeutung hat, so, wie auch wir Bedeutungen für unsere einzelnen Bilder und Muster haben. Nur ist es schwierig, das Kunstwerk zu verstehen, wenn man die Bedeutung der einzelnen Elemente nicht kennt. Da kann es schnell zu Fehldeutungen kommen.

Schön sind sie, interessant in der Art der Farbzeichnungen und der Formsprache.

Nicht weit entfernt von Túcume soll der Tempel des Naymlab stehen. Du meinst mit deinen Andeutungen vorhin sicher die Geschichte von Naymlab, dem hohen Herrn, die der unseren, ich meine der Geschichte der Chimú gleicht, mein Sohn?“ Sie nicken sich zu.

„Kennst du die Geschichte des Naymlab? Magst du sie mir erzählen, Yaya?“ Wanasqia lässt nicht locker. Er merkt, dass sein Vater jetzt offener geworden ist und freut sich darüber. Es kommt selten vor, dass er so redselig ist.

 

„So soll Naymlab, ein großer Herr mit seiner Frau und vielen Nebenfrauen, alle prächtig gekleidet in großen bunt schillernden Federumhängen, mit einem großen Gefolge auf Booten aus Schilf von Norden über das Meer gekommen sein. Der Moment, an dem Naymlab an Land ging, muss sehr erhaben gewesen sein, denn Muschelhörner sollen weit über das Land zu hören gewesen sein und Muschelstaub der Meeresmuscheln wurde auf den Weg gestreut, den er betrat, denn er war der Wegbereiter.

Diesen Ritus behielten sie bei all seinen Auftritten bei. Nicht weit von dieser Stelle entfernt ließ einer seiner Nachfahren alsbald einen Tempel bauen, den Palast Chot, den Heiligtum-Palast. Sie haben eine große Statue aus grünem Stein darin errichtet, und zwar ihrem König Nymlab zu Ehren. Ein großes starkes Wak’a. Dieser Tempel, ich habe ihn nie gesehen, doch er steht noch immer dort. Ich weiß es, weil die Chimú ihr Reich bis dort und weiter bis in die Nähe von Túcume nach Norden hin erweitert haben und eben diesen Tempel nutzten, so, wie es jetzt auch die Inka tun.

Naymlab habe die Menschen, die zuvor sehr einfach gelebt haben, gelehrt, wie sie den Boden ertragreich nutzen können, indem er sie hat Bewässerungsanlagen bauen lassen. Es soll nicht lange gedauert haben, bis das Land fruchtbar war und es allen sehr gut ging. Dazu zeigte er ihnen, wie sie Gold und Silber bearbeiten konnten, zeigte ihnen die Zubereitung der schönsten Farben, um Gesicht und Masken zu bemalen. Er zeigte ihnen, wie sie Gefäße aus Ton herstellen konnten. Überall kann man seine Abbildungen sehen, selbst auf den Tumi, den Ritualmessern für Opferungen und Operationen, wie ich dir schon sagte. Sie schufen eine prächtige Kunst, von der auch wir gelernt haben und über uns dann wiederum die Inka. Denn nun sind wir hier, viele begabte Chimú, und dürfen jetzt mit unserem Wissen und Können für den großen Inka arbeiten.

Der Inka hat so manche Stätte untersuchen lassen. Vor allem Keramiken hat er mitgenommen und seltsam beschriftete Bohnen, die niemand von uns zuvor gesehen hatte und die sehr alt sein sollen, älter als die Chimú, und vielleicht sogar älter als die Lambayeque, so heißt es.

Ja, auch in ChanChan lebte einst eine andere Kultur, lange bevor wir dort wohnten, lange bevor die großen Palast- und Tempelanlagen gebaut waren. Dessen bin ich mir sicher. Darüber schwiegen alle offiziell, nur hinter den Hausmauern wurde manchmal getuschelt, wenn jemand etwas gefunden hatte oder Geister erschienen sein sollen.

Du bist mein Sohn und ich kann dir nicht zürnen. Doch eines muss ich dir sagen: Sei bei solchen Themen vorsichtig, wenn du dich mit anderen unterhältst. Ein Volk mag es nicht, wenn es hört, dass es nicht die eigenen Leistungen sind, die ihr Wissen ausmachen, sondern auf den Leistungen anderer Kulturen aufbauen oder sie gar ganz übernommen haben und sie nicht selbst die großen Erfinder sind. Sie mögen es gar nicht, wenn ihre Geschichte in Zweifel gestellt wird. Die Ursprungsgeschichten rechtfertigen meist das System, mit dem die Könige herrschen.

Jeder König schmückt sich gern mit eigenen großen Werken, Künsten, Bauwerken, Riten, Entdeckungen, Erfolgen, Land, Menschen, Wissen, und deutet es als Wohlwollen des Gottes oder der Götter, das nur ihm und seinem Volk vergönnt ist. Jeder König ist bemüht, größeres Ansehen als sein Vorgänger zu erlangen.

Doch es ist nun mal so, dass auch ein Großer Inka niemals in so kurzer Zeit solch ein großes blühendes Reich hätte führen können, wenn die vergangenen Kulturen ihm nicht mit viel Wissen und Vorarbeit den Weg geebnet hätten beziehungsweise wenn er und seine Vorväter sich von anderen nicht so viel angeeignet hätten. Das Kluge an einem Herrscher erkennt man daran, was er aus dem vorhandenen Wissen macht, wie er es in seine eigene Ordnung einbezieht. Die wahre Herkunft, mag sie in Wahrheit von der einen aus der anderen entstanden sein, durch Zornesausbrüche der Götter, durch Vertreibungen, lange Wanderungen auf der Suche nach einem neuen Ort zum Leben, kann man vielerorts gar nicht mehr genau herleiten.

Große Völker haben alle ihre höhere Herkunft, die ihre Größe und Macht unterstreicht und rechtfertigt. Das brauchen sie, denn dann ist auch das Volk zu großartigen Leistungen fähig. Solange es Tawantinsuysu, dem Reich der Vier Himmelsrichtungen, dem Reich der Inka, gut geht, bleiben die Riten um Herkunft und Götter beibehalten und zeigen allen, dass dieser Weg der richtige ist. Geht es dem Volk schlecht, dann haben diese Riten versagt, die Herrschenden versagt und die Götter sich abgewendet. Was bleibt, ist, dass sich das Volk eine neue Bleibe samt Göttern, Riten und Herrschenden suchen muss. Unser Land ist reich an göttlichen Wesen. Darum werden wir an keinem Ort wirklich verlassen sein, das glaube ich. Die Götter sind doch überall, es ist allein der Mensch, der sich von der Ordnung der Götter abwendet, durch was auch immer, auch wenn es nur aus Versehen oder Unwissenheit geschieht.

Unser großer Sapay Inka hat seine Herkunftsgeschichte von dem großen Gott der Sonne Inti und er ist größer und mächtiger als jeder König es bis jetzt war. Er steht über allen. Solange es allen gut geht, zweifelt keiner nur im Geringsten daran. Jetzt aber…“

Alayna wird wieder ganz leise.

„…Jetzt aber, wo das Volk an dieser furchtbaren Krankheit stirbt, jetzt kommen auch hier bei manchen Zweifel auf. Trotzdem hoffe ich, dass die Götter helfen werden. Sie blasen die Muscheln jeden Tag laut die Berge hinauf, um die Apu, die Berggötter, auf unser Leid aufmerksam zu machen und um Unterstützung zu bitten. Der große Sapay Inka, er liebt Tawantinsuyu, sein Reich, er wird es nicht im Stich lassen. Und du, mein Sohn, wirst über solche Dinge, von wem die Inka was übernommen haben könnten und Ähnliches, mit niemandem reden, keinen Zweifel äußern, keinen Unmut säen! Die Inka haben ihre Geschichte über ihre göttliche Herkunft. Dabei soll es bleiben. Ich denke, du verstehst mich.“

Er blickt seinen Sohn streng, aber freundlich direkt in die Augen. Wanasqia erwidert den Blick in die grünlichen Augen seines Vaters und nickt ebenso ernst.

„Glaube daran, dass unser Sapay Inka wahrhaft sapay ist, der einzig wahre Inka und ein echter Inka, der Strahlende, der die Lebensenergie von allem aufnehmen kann und an die verteilen kann, die sie benötigen. Er hat die höchste Stufe eines Priesters erreicht, das ist der Sapay Inka. Er leuchtet in einem heiligen Licht, das er von seinem Vater Sonne Inti erhalten hat. Er ist ein perfekter Führer in allen Bereichen von Kult, Reich und Menschen. Es gibt noch eine letzte Stufe, die 7. Stufe. Dann könnte er seinen toten Körper wieder auferstehen lassen. Das können wir also jetzt noch nicht wissen. Wir werden sehen. Aber wie gesagt, keine Zweifel!

Außerdem können wir tatsächlich nicht von der Hand streichen, dass unser Sapay Inka selbst ein ungeheuer großes organisatorisches Geschick besitzt, das ihm wohl im Blute liegt und das dann auch mit Recht durch die eigene Blutslinie bewahrt werden soll.“ Alayna trinkt einen Schluck Wasser aus dem ausgehöhlten Kürbisbecher.

Yaya, wie meinst du das mit der eigenen Blutslinie?“, fragt ihn sein Sohn, froh über die kurze Trinkpause, da es eigentlich unhöflich ist, seinen Vater ständig beim Erzählen zu unterbrechen. Eigentlich könnte er nach jedem Gedanken eine Frage stellen.

„Damit meine ich, dass ein Inka seine direkte Schwester zur Ehefrau nehmen muss. Das ist unsereins unter hoher Strafe verboten. Weder die Heirat unter Geschwistern noch ein Mann mit mehreren Frauen ist erlaubt. Das ist streng geregelt. Bei den Adeligen gibt es Ausnahmen, einige haben das Recht und die Pflicht, sich mehrere Frauen zu nehmen. Unser Inka, Inka Kimra Wayna Qhapaq, nur er allein darf seine eigene direkte Schwester zur Frau nehmen. Er muss sie sogar als erste Frau des Reiches heiraten und sich zusätzlich viele Nebenfrauen nehmen. Sein Großvater, Inka Pachakutiq Yupanki, der sich Pachakuti, die Zeitenwende genannt hat, weil er für viele Änderungen gesorgt hat. Er hat Qusqu umgebaut, die gemeinsame Sprache Qhichwa festgelegt, hat unter anderem auch diesen Brauch eingeführt, dass alle kommenden Inka ihre Vollschwestern heiraten sollen, um Nachfahren zu zeugen, die reinen Inka-Blutes sind.

Damit ist gewährleistet, dass das Blut der Sonne auch weiterhin durch alle Generationen fließt und es nicht verweichlicht. Sie entsprechen also voll dem Bild ihrer ersten Inka-Eltern Manqu Qhapaq und Mama Uqllu, die als Tochter und Sohn des Sonnengottes, als Bruder und Schwester zu Mann und Frau wurden. Somit ist sichergestellt, dass der große Gott der Sonne, Vater Sonne Inti, durch das Inka-Paar dem ganzen Volk des Inka stets wohlgesinnt ist.“

Alayna sieht seinen Sohn an, um zu sehen, ob er ihm folgen kann. Dieser nickt zufrieden:

„Ja, nun verstehe ich die Verbindung des Inka zur Sonne deutlich besser. Es ist nur verständlich, dass die direkte Abstammung von Vater Sonne gewahrt werden muss, und zwar durch diese strenge Erbfolge. Die Erfolge des Inka-Geschlechts beweisen, dass sie richtig daran tun. Sie sind ihrem Volk gegenüber zwar sehr streng, aber auch gerecht. Sie nehmen und geben dafür. Wir geben und bekommen dafür. Was will man mehr als Arbeit, ein Haus und zu essen, wie du schon sagst. Gold und Schmuck ist für den Inka und seine Familie, denn durch das Gold zeigt sich Vater Sonne hier auf der Erde. Da ist es nur recht, dass sein Sohn, der Sapay Inka, und alle Blutsverwandten sich mit Gold umgeben, vor allem aber seine Tempel. Der Große Inka behält es nicht für sich, er gibt es Inti, Vater Sonne. Er opfert es ihm, um ihm zu gefallen.“

„Mein Sohn, auch für mich ist es jedes Mal etwas Erhabenes, mit diesem Material zu arbeiten. Es verbindet tatsächlich mit der Kraft der Sonne, so, wie das Silber mit der Kraft des Mondes verbindet. Wir haben eine wundervolle Arbeit, die wir tun. Kannst du dies jetzt mehr verstehen? Auch wir haben dadurch eine enge Beziehung zu den Göttern, auch wenn wir keine Riten durchführen.

Für mich selbst ist das Schaffen eines Kunstwerks und das Arbeiten mit diesen edlen Metallen und edlen Steinen eine Art kultische Handlung, und wenn es manchmal nur das monotone Austreiben dieser kleinen Goldkügelchen zu Plättchen ist.

Die Priester und der höchste Priester, der Inka selbst, sie führen aus. Aber wir, wir erschaffen! Wir dienen den Göttern, wenn wir unsere Arbeit voller Aufrichtigkeit tun. Wir dürfen den Stoffen der Götter ihren Ausdruck verleihen, horchen, was sie uns flüstern und arbeiten es in das Kunstwerk ein. Das ist etwas ganz Besonderes, merke dir das und sei stets dankbar dafür!

Die Bauern oder die Straßenarbeiter, die Arbeiter in den Minen oder die Tempel-, Pyramiden- und Häuserbauer haben eine wesentlich schwerere Arbeit zu leisten. Auch ihnen sei Dank, denn durch sie sind die Vorratsspeicher des großen Reiches Tawantinsuyu voll und jeder Ort ist gut zu erreichen.

Nun bin ich wieder in ein anderes Band des Quipu gerutscht. Ich kann die Zeichen der Knotenschnüre nicht lesen und bewundere die Quipubewahrer, die aus diesen vielen Knoten, Knotenarten, Verbindungen, Schnüren in allen Längen und Farben, etwas entziffern können. Ein Quipu steckt für mich voller Geheimnisse. Ich kenne nur unsere Zeichen, die wir in unsere Kunst mit hineinarbeiten, damit die Götter die Botschaft des Inka an sie verstehen.

Ich liebe dieses Material, dieses Gold, wie es sich anfasst, diese Farbe, dieser Glanz! Es ist voller Liebe und Schönheit!

Nun, auch das Silber hat seine besondere Ausstrahlung und das Kupfer zudem noch besonders heilende Kräfte. Dennoch verbindet mich selbst mehr mit dem Gold, denn ich höre Inti, den Gott der Sonne, dadurch zu mir sprechen.

Dem Künstler bleibt bei allen Vorschriften, was, wo und wofür er stehen soll, doch noch eine gewisse Freiheit.

Inti wird bald den Himmel erhellen, dann wird auch meine Kraft zurückkehren. Nur noch diese Handvoll Plättchen, dann kehrt Ruhe ein.“

Er trinkt wieder einen Schluck und unterdrückt damit einen Hustenreiz.

 

„Ich wollte dir schon lange von deinen Vorfahren aus meiner Linie erzählen. Deine Mutter, das weißt du, wurde hier in Qusqu geboren. Sie wurde mir zur Frau gegeben, denn ein Ziel des Inka ist, die Menschen durch Heirat zu verbinden, damit Frieden ist im Land. Es ist zudem gut, dass viele mittlerweile eine ähnliche Sprache sprechen. Das Qhichwa[4] hatte, wie ich eben schon sagte, der Inka Pachakutiq Yupanki, der große Weltenveränderer, einst selbst übernommen, da diese Sprache hier in Qusqu als dem Nabel der Welt gesprochen wurde und viele andernorts ähnlich sprachen. Tawantinsuyu ist so groß, welch großer Aufwand wäre es, wenn man zu jeder Stadt einen neuen Übersetzer bei sich bräuchte. Die Zeichen der Quipus könnten nur schwer entziffert werden. Seit nun alle Qhichwa sprechen, können sich die meisten einigermaßen untereinander verständigen. Es kommt nicht mehr zu so vielen Missverständnissen wie zuvor.

Nun, und ich komme also aus ChanChan.

Qusqu ist eine wunderschöne und prächtige Stadt, ein immerwährendes Fest für die Augen des Sonnengottes, darin besteht nicht der geringste Zweifel. Aber ChanChan war unübertroffen die größte Stadt, die ich je gesehen habe, auch wenn ich noch ein Junge war, als wir von dort wegmussten.

Sie war der reinste Irrgarten, so verschachtelt waren die Straßen und Häuser im Innern des Palastbezirkes angelegt. Ein Fremder musste sich einfach darin verlaufen, wenn er keinen Führer an seiner Seite hatte. Genauso war es auch gedacht. Dieser Plan schützte vor unwillkommenen Besuchern.

Ganz anders als zum Beispiel Tucúme, das man von weit her sehen kann und auch soll, sind ChanChan und seine Heiligtümer geplant. Es ist nicht groß an Höhe, sondern an Fläche! Niemand kann von außen die Heiligtümer sehen. Nur die wenigsten haben Zugang ins Innere des Palastes und der Tempelanlage. Hohe Mauern versperren von außen die Sicht. Hinter der hohen Mauer ist zunächst der große Eingangsbereich, wo Gesandte anderer Städte erwartet wurden. Dahinter…“ Alayna sieht kurz zu seinem Sohn, der wieder einmal künstlich hüstelt. „Ja, du möchtest etwas fragen?“

Yaya, woher kannst du so genau sagen, wie es hinter der hohen Mauer ausgesehen hat, wo man doch von außen gar nicht darüber schauen konnte und durfte, so, wie du selbst gesagt hast?“, fragt Wanasqia erleichtert darüber, dass er seine Frage loswerden kann.

„Das kann ich dir deshalb erzählen, weil ich selbst schon dort gewesen bin. Nicht oft, aber jedes Mal, wenn ich einen Auftrag fertig hatte, dann brachte ich, manches Mal auch mit Trägern, die dann aber auf dem ersten Platz gleich hinter dem Tor von palasteigenen Trägern abgewechselt wurden, das Kunstwerk nach drinnen. Einmal sogar hatte unser König selbst sofort einen Blick darauf werfen wollen. Ich hatte die große und seltene Ehre, ihm meine Gedanken dazu zu erklären.“ Alayna sieht mit einem sehr wichtigen Gesichtsausdruck zu seinem Sohn. Er freut sich über dessen staunende Augen und respektvolles Nicken.

„Auch Riten und Festivitäten fanden bisweilen auf diesem großen Platz statt. Allein durfte ich dort natürlich nie hineingehen. Und darüber war ich auch froh, denn ich hätte mich wohl immer verlaufen. Selbst nach dem hundertsten Male.

Du kannst dir nicht vorstellen, wie verwirrend diese Straßen verliefen. Manchmal endeten sie einfach vor einer Mauer oder sie wurden so eng, dass keine zwei Personen aneinander vorbeigehen konnten. Da wusste man, dass man den falschen Weg genommen hatte.

Manchmal musste ich aber auch solch einen schmalen Gang gehen. Die Träger verschwanden dann im Haus daneben und tauchten auf der anderen Seite wieder auf. Dann wiederum öffneten sich die Straßen zu schönen Höfen mit Brunnen und blühenden Gärten mit Bäumen. Wir gingen vorbei an Vorratslagern, Küchen und vielen Räumen, dann wieder nur Mauern bis zu den nächsten lebendigen Innenhöfen.

Lange ging man und zum Schluss wusste man nicht, ob man nicht das eine oder andere schon einmal gesehen hatte. Dennoch war es nicht beengend, denn alle Mauern waren fein gearbeitet, besonders in Form gebracht, mit Lochmustern und Reliefs, mit Malereien von allerlei Tieren aus dem Meer, Pflanzen und Vögeln. Dies war die Palastanlage des lebenden Königs, der, wie seine Vorgänger in den ihrigen, auch in dieser Anlage seinem Stand entsprechend würdevoll und reich an Beigaben und Begleitungen ausgestattet, bestattet wurde. Der nächste König musste sich stets von Grund auf einen neuen Palastbereich bauen. Der verstorbene König behielt all seinen Besitz und wurde auch weiter geehrt. Die Verwaltungsbauten wurden natürlich weiter benutzt.

Ein neuer König musste seinen Anspruch auf den Thron natürlich erst einmal unter Beweis stellen. Er musste Riten und Opferungen abhalten, musste seinen Palast samt Tempel bauen, zudem brauchte er Land und Kunstgegenstände. So war sein Geschick gefragt und seine Verbindung zu den Göttern. Dieses Prinzip ist hier bei den Inka sehr ähnlich.

Vielleicht haben sie es ja von uns übernommen, nur dass der Kult um die toten Inka noch wesentlich stärker ist, denn ihre Kraft wird immer noch mit in bestimmte Handlungen, bei Festen, festlichen Umzügen oder Kämpfen mit einbezogen. Hast du die Inka-Ahnen schon einmal gesehen?“

„Ja, beim großen Inti Raymi, beim Sonnenwendfest, das wir alle feiern, damit auch das nächste Jahr ein fruchtbares Jahr werden wird. Ich habe sie gesehen, die Prozession durch die Stadt, wie die Ahnen, die alten Inka und ihre Frauen, hockend und prächtig angekleidet mit schönen Masken, auf den goldenen Sänften durch die Straßen getragen wurden und allen ihren Segen gaben. Sie nahmen auch Teil beim Festmahl. Das habe ich aber nicht gesehen.“

Jetzt hat Wanasqia den wichtigen Gesichtsausdruck, der Alayna erfreut.

„Genau, das ist ein gutes Beispiel. Es ist ein sehr kraftvoller Ritus, die hockenden Mumien dieser großen Herrscher so würdevoll gekleidet und geschmückt mitzunehmen, ob Fest oder Krieg. Sie haben alle zu dem Erfolg der Inka beigetragen und ihre Kraft hilft den Inka auch weiterhin. Ihre Seelen bleiben auf diese Weise bestimmt in der Nähe ihres Körpers. Deswegen werden sie mumifiziert, denn ohne dass der Körper wenigstens zum Teil erhalten ist, hat die Seele es schwer, in Erdnähe und bei der Wiederkehr in der Nähe der Familie zu bleiben. Allerdings erhält unser trockenes Klima in der Wüste und auf den Bergen die Toten auch sehr gut. Ich finde es schön, dass die alten Inka und deren Quyas so am Leben weiter teilhaben und ihnen die Ehre erteilt wird, die ihnen gebührt. Sie sind wahre Wak’as. Du weißt doch, was Wak’as sind, oder?“

Alayna hält mit dem Hämmern inne und sieht seinen Sohn an, der kurz mit dem Lochen der Plättchen aufgehört hat und nun etwas zögerlich sagt:

„Nicht ganz genau. Ich weiß nicht, ob ich es richtig verstehe. Ich weiß nur, dass ein Tempel ein Wak’a ist.“

„Du darfst gern meinen Redefluss unterbrechen, wenn du etwas nicht verstehst. Nur den hohen Jungen der Adligen ist es vergönnt, ihr Wissen im Haus des Wissens zu erweitern. Allen anderen bleibt die Ausbildung im elterlichen Haus oder in der Familie. Ich möchte dir weitergeben, was ich weiß, daher frage, mein Sohn, frage.

Wak’a – das bedeutet so viel wie heilig. Aber es ist noch mehr. Es ist die heilige Energie und das heilige Wesen, das etwas Heiliges umgibt, und ist es mit ihm zusammen. Heilig kann vieles sein – die Tempel, das ist richtig, aber auch die geweihten Statuen der Götter, Orte und Gegenstände können heilig sein. Heilig ist etwas, wenn es eine tiefe Verbindung zu einer Gottheit hat und zu einem für uns sehr hohen geistigen Wesen. Unser großer Sapay Inka, Inka Kimra Wayna Qhapaq, und seine Frau und Quya[5] Mama Tanupaq Rawa Uqllu sind lebende Wak’as. Du weißt, wenn sie vorüberziehen, getragen in ihren goldenen Sänften, hält das Volk respektvoll Abstand. Sie umgibt eine heilige Energie, der man sich nur auf Anfrage nähern darf. Und stets mit gesenktem Blick, nie direkt in die Augen sollte man schauen und auch immer eine Art Last mit sich tragen und…“

„…Und ein kleines Opfer für sie geben. Blumen oder eine Wimper, wenn man gar nichts hat, das genügt. Ich verstehe jetzt, wie es gemeint ist. Ich war mir nur nicht ganz sicher. Dann sind es auch die Berge, die Berge sind Wak’as!“, sagt Wanasqia, der zeigen will, dass er sich erinnert und es verstanden hat.

„Und warum?“, fragt Alayna nach.

„Weil die Kraft von Mutter Erde, von Pachamama, dort besonders zu spüren und immer gegenwärtig ist. Sie sind die Brüste von Mutter Erde. Und das Wasser der Quellen aus den Bergen ist die Milch, mit der sie die Erde nährt. Aber ich habe noch nie eine Statue von ihr gesehen, ich weiß gar nicht genau, wie sie aussieht“, überlegt Wanasquia weiter.

„Denke dies einfach weiter. Warum bilden wir sie nicht direkt ab?“

„Vielleicht, weil sie zu groß ist und das Gold für ihre Statue nicht ausreichen würde“, sagt Wanasqia, aber er merkt, dass das nicht die rechte Antwort ist.

„Denke nur weiter, mein Sohn. Es liegt nicht an der Menge des Goldes. Wo siehst du Pachamama? Denke einfach laut, du wirst es gleich finden“, versucht Alayna ihn auf die Spur zu bringen. Wanasqia überlegt weiter:

„Sie ist in der Erde, in den Bergen, im Wasser, in der Luft, in den Pflanzen, in den Tieren… Sie ist überall um uns herum und wir leben mitten in ihr, so groß ist sie.“ Wanasqia zuckt mit den Schultern.

Nun lüftet Alayna doch des Rätsels Lösung:

„Das ist alles sehr richtig. Eben weil sie überall zu sehen ist, ist ihre Skulptur überall gegenwärtig. Du brauchst keine Skulptur für sie, denn sie ist der Stein oder das Meerschweinchen oder das Llama, der Vogel, dieses Blatt dort! Sie ist überall und kann an jedem Ort geehrt werden! Dann gibt es natürlich die speziellen Götter, aber Pachamama verbindet alles, was auf der Erde ist. Die Kraft von Pachamama ist überall gegenwärtig und an machen Orten ist sie besonders stark zu spüren. Diese Orte kennen unsere Schamanen, daher wählen wir solche Orte aus, um zu opfern. Auf dem Land wird Pachamama noch mehr verehrt und ihr Rauch- und Trankopfer dargebracht. Hier in Qusqu ist es Inti, der Sonnengott, der mit jeder Handlung verehrt wird, weil er den Inka seine Kraft übertragen hat, um dieses große Land zu führen und Tawantinsuyu für den Sonnengott noch zu erweitern.

Es ist schlau, dass der Inka dem Volk erlaubt, seine eigenen Kulte weiter zu pflegen und ihren Göttern zu huldigen. Diese Kulte geben dem Volk ja auch die Kraft, die sie brauchen, denn ihre Tätigkeiten sind andere als die der adeligen Inka. Daher sind es andere Götter, die sie unterstützen, vor allem Pachamama und auch die Apus, die Herren Berge.

Zusätzlich schenkt der große Sapay Inka dem Volk auf dem Land und in den entfernten eroberten Städten und Gebieten die wunderschönen Tempel des Sonnengottes Inti. Damit ist klar, dass er die höchste Stellung im Reich hat und auch ihm geopfert werden soll. Er hält schließlich alles zusammen und gibt allem und allen seine Ordnung. Wenn die Menschen ihren gewohnten Riten nachgehen können und es ihnen gut geht, dann sind sie sehr schnell auch einem neuen Herrscher gewogen und seinem Gott. Die, die es nach wie vor nicht sind, werden, wie wir ja schon gesagt haben, einfach weit entfernt umgesiedelt, um an einem neuen Ort neu anzufangen, den es aus strategischen Gründen zu bewirtschaften gilt.

Auch Bäume können Wak’as sein, besonders die alten. Sie liebe ich besonders. Und Höhlen, Quellen. Schon so manch eines meiner Kunstwerke wurde zu einem Wak’a, da sie der Sapay Inka persönlich huldigt. Flüsse können Wak’as sein – und – die Ahnen! Wir ehren sie, damit sie weiter bei unserer Familie bleiben und sie unterstützen, um vielleicht irgendwann einmal wieder zu ihr zurückzukommen. Wir feiern mit ihnen und lassen sie an unserem Leben teilhaben. Deswegen werden ihre Mumien im Haus des Friedens aufbewahrt, welches zu unserer Ayllu, also unserer Gemeinschaft aus zehn Familien gehört.

Der hohe Sapay Inka nimmt sogar die männlichen Ahnen, meist seinen Vater und Großvater, mit auf Eroberungszüge. Nur mit ihrem Segen starten sie Angriffe. Die, die mit den Waka’s sprechen können, werden besonders geschätzt. Meist sind es unsere Schamanen, aber auch andere einzelne Leute können so manches Wak’a verstehen.“

Er macht eine kurze Pause, trinkt etwas und blickt seinen Sohn über den Kürbisbecher an.

Yaya, kannst du ein Wak’a verstehen?“ Alayna freut sich über diese Frage, denn er hatte noch nie mit jemandem darüber gesprochen und wollte es doch gern einmal loswerden.

„Ja, ich glaube, ein wenig. Hin und wieder passiert es, dass, wenn ich eine Skulptur zu einer Gottheit anfertige, dass ich ihr Wesen plötzlich verstehe. Der Inka hat einen goldenen Garten mit goldenen Bäumen und Pflanzen und mit goldenen Tieren. Auch mit silbernen. Doch ich arbeite meist nur mit Gold, weil dies der Schweiß des Sonnengottes Inti ist und der Inka dies besonders schätzt. Ich glaube allerdings auch, dass es daran liegt, dass die Silbervorkommen nicht so reich sind wie die Goldvorkommen. Und, der große Inti soll sich schließlich in jedem dieser Kunstwerke wiederfinden. So arbeitete ich bei meinem letzten Auftrag für den goldenen Garten des Inti, an einem fast lebensgroßen Usu, also diesem göttlichen Bären mit der dunklen Zeichnung um die Augen, die aussieht als würde er eine Maske tragen. Ich habe noch nie einen gesehen, also ging ich mit deinem Onkel, der vor einiger Zeit eine trächtige Bärin gesehen hatte, zu jener Stelle. Ihre Höhle konnte demzufolge nicht weit von diesem Ort entfernt sein. Wir fanden sie auch. Es war sehr gefährlich. Wir hatten eine Ledertasche voller Honig mitgebracht und auf dem Weg noch ein großes Stück Puja abgebrochen, das Bären so sehr lieben!“

Er wirft einen Blick zu seinem Sohn, der ihn fragend ansieht.

„Eine Puja hast du doch schon gesehen, mein Sohn! Das sind die Pflanzen, die noch weiter oben in den Bergen wachsen. Sie sind sehr schlank und hoch wenn sie blühen. Sie können bis zu 100 Jahre alt werden. Sie blühen nur einmal und sterben danach. Ohne Blüte sind sie schon riesig, fast zweimal so hoch wie ich und ihre Blätter sind sehr spitz. Mit der Blüte können sie siebenmal so hoch werden wie ich und sind wunderschön und sehr erhaben. Die Kolibris lieben ihren süßen Nektar – genauso wie eben diese Augenmaskenbären, die Usus.

Wir fanden die Höhle und warteten.

Schließlich kam sie heraus. Die Jungen waren anscheinend drinnen, denn sie schien sich nur kurz die Füße zu vertreten, schnupperte in alle Richtungen und schlüpfte alsbald wieder hinein. Ich hatte genug gesehen. Sie war einfach bezaubernd. Zum Dank, dass sie sich mir von allen Seiten gezeigt hatte, legte ich ihr von dem Honig auf einen Stein nahe bei ihrer Höhle und ich traute mich, jetzt würde ich das nie wieder tun – ich traute mich, das Stück Puja direkt vor ihre Höhle zu legen, damit sie den Duft der süßen Blüten nach drinnen riechen und diesen Leckerbissen gleich holen kann. Das würde ihr Kraft geben. Die Bärenmütter gehen nämlich sonst nicht auf Futtersuche, wenn sie sich um ihre Jungen kümmern.

Zu Hause fing ich an, an der Form zu arbeiten. Goss Gold und formte, bog, hämmerte bis eine grobe Form entstanden war. Doch auf einmal konnte ich mich an die kleinen Details nicht mehr erinnern. So stand ich ideenlos vor der fast lebensgroßen Bärin, da hörte ich eine Stimme, die da sagte, dass sie Hunger hätte. ‚Natürlich!’ dachte ich, denn sie würde eine Wak’a werden und Wak’as werden nunmal gefüttert, beziehungsweise es wird ihnen Essen dargeboten. Also besorgte ich Honig und stellte eine kleine Schale vor sie auf den Boden. Was glaubst du, was sie dazu sagte?“

Irritiert antwortet Wanasqia: „Ich weiß es nicht. Ich habe noch nie ein Wak’a sprechen hören“, und zuckt ratlos mit seinen Schultern.

„Sie sagte: ‚Leg den Honig bitte auf einen Stein, so, wie du es oben getan hast.’ Ich verstand. Ich holte keinen Stein, sondern ich goss und formte einen Stein aus Gold. Darauf stellte ich den echten Honig.

„Und nun arbeite mein Gesicht. Fang einfach an, ich führe deine Hände. Und so geschah es. Ich weiß bis heute nicht, wie ich sie fertig bekommen habe, so lebensecht, nur in Gold. Ich hatte ihr Wesen erkannt, ihre Liebe und ihre Aufgabe, weil ich aufrichtig und ehrlich war. Deswegen konnte ich sie hören. Leider habe ich keinen Zutritt zu dem Garten, um sie öfters zu besuchen und ihr Honig zu bringen, aber selbst jetzt, wo ich dir davon erzähle, scheint sie hier bei uns zu stehen. Ich weiß, dass sie jetzt nicht mehr in der Höhle ist, dass ihre drei Jungen wohlauf sind und ihre eigenen Wege gehen. Sie sagte mir, ich könne sie rufen, wenn ich in Not sei. Sie ist wie mein Schutztier. Die Schamanen haben Schutztiere. Aber ich… Du siehst, ein Künstler, der sich tief mit seiner Arbeit verbindet, kann bisweilen auch das Wesen erkennen.

Eigenartig ist das, aber sehr, sehr bewegend und sehr, sehr schön.

Die Usus, sie sind Göttertiere. Sie tragen Botschaften zu den Apus, den Berggöttern und gelten als Vermittler zwischen Gut und Böse, zwischen Leben und Tod. Ich hätte sie gern als kleine Skulptur bei mir, aber ich weiß, in dem Moment würde sie von mir verschwinden.

So bewahre ich sie tief in meinem Herzen.

 

Der Inka selbst kann natürlich als Priester des 6. Ranges, als Sapay Inka, mit den Wak’as reden. Das ist auch wichtig, da er für das Volk spricht und bittet und dankt. Dennoch ruft er bei all seinen Entscheidungen einen Schamanen um Rat oder seinen Bruder, den Hohepriester. Die Schamanen reisen vor allem in die Welt der Ahnen und die Welt der Seelen und können dort mit ihnen sprechen und sie um ihre Mithilfe oder um ihren sehr geschätzten Rat bitten, oder eben die Wak’as um Rat und Hilfe bitten.

Tiere können Wak’as sein, wie du eben gehört hast. So vor allem auch Schlange, Puma und Kondor – du weißt, was sie darstellen?“, fragt Alayna. Sein Hämmern wird immer langsamer, doch das Reden lenkt ihn etwas von seiner Erschöpfung ab und hält ihn wach.

„Der Kondor steht für Hanan Pacha, die obere Welt, die Welt der Sterne und Götter, eben dem Himmel.

Der Puma steht für die Welt, in der wir leben, Kay Pacha, die mittlere Welt, die Welt der Lebenden.

Also zählen die Orte, die diese heiligen Tiere symbolisieren, auch zu den Wak’as.

Die Schlange steht für die untere Welt oder das Innere der Welt, Ukhu Pacha.

Wir sind von Hanan Pacha und Ukhu Pacha umschlossen. Die Schamanen können die anderen Welten bereisen, wir nicht.

Wenn wir es aus der Sicht der Zeit sehen, dann bezeichnet die Schlange die Vergangenheit, das, was vor uns liegt, das was wir schon gesehen haben.“ Wanasqia macht eine Handbewegung nach vorn.

„Der Puma ist die jetzige Zeit und der Kondor bezeichnet die Zukunft, die noch hinter uns liegt, da wir sie noch nicht sehen können.“ Jetzt zeigt er mit dem Daumen nach hinten. Wanasqia ist stolz, so viel dazu beitragen zu können. Alayna sieht ihn irritiert an:

„Mein Sohn, wie kann es sein, dass du die Zeit so siehst wie die Aymara? Und du machst auch noch die gleichen Handbewegungen. Das ist mir bisher noch nie aufgefallen!“

„Das ist doch ganz einfach. Das, was gerade passiert ist, haben wir gerade gesehen und liegt daher noch ganz nah vor uns. Das, was wir schon vor langer Zeit gesehen haben, liegt weit vor uns, denn wir sehen es nur noch klein aus unserer Erinnerung. Und das, was wir bald sehen werden, ist direkt hinter uns und sobald wir es sehen, ist es im Jetzt und gleich darauf ist es geschehen und liegt vor uns. Der jetzige Zeitpunkt ist nur ein ganz kurzer Moment, denn entweder es ist etwas in meinem Blickfeld, weil etwas schon geschehen ist und ich kann es wahrnehmen oder eben nicht, dann ist es noch hinter mir und sehe es nicht, eben in der Zukunft“, erklärt Wanasqia wie selbstverständlich.

„Ich muss sagen, das überrascht mich wirklich! Wenn du dich mit den anderen verständigen kannst, warum nicht. Die Aymara leben auch damit.

Was mir da zu den Aymara einfällt. Sie wurden ja auch von den Inka mit in ihr Herrschaftsgebiet eingeschlossen. Sie erhoben den gleichen Anspruch auf Gebiete um den Titicacasee und die Sonneninsel wie die Inka, doch sie verloren. Ich glaube aber, dass gewisse Prinzipien sogar von ihnen übernommen wurden. Auch deren kleinste Form der Gesellschaft ist das Ayllu, eben der Familienverband bis hin zur Großfamilie in einem dörflichen Verband. Auch sie bewirtschaften gemeinsam ihre eigenen Felder und hüten gemeinsam die Tiere. Die Frauen weben zusammen und jeder sorgt dadurch für jeden. Sie waren allerdings nicht so gut von oben organisiert und oft kam es zu Streit unter den einzelnen Gruppen. Nun, das hat jetzt ein Ende und sie können weiterleben wie bisher, nur dass ein Teil der Arbeit auch an den Inka geht, der aber ja wiederum den Sonnenkult betreibt und in Notzeiten Essen und Kleidung austeilt. Mit dem Sonnenkult haben sie sich arrangiert, glaube ich, denn sie können, wie viele Landbewohner von uns auch, weiter Pachamama opfern, wie sie es seit Jahren gewohnt sind. Pachamama ist für sie die größte und wichtigste Göttin, die sie alle ernährt, sie ist Mutter Erde und der Ursprung allen Lebens.

Auch das kann ich sehr gut verstehen und ehre Pachamama ebenso.

Du hast also wie sie die Angewohnheit, die Zeit anders zu sehen. Das erste Mal, als ich mit einem Aymara sprach, war ich irritiert, aber nun kenne ich es. Ich muss eben nur einen Moment umdenken und es in meine Sichtweise rücken.“

„Ich habe noch etwas vergessen. Die Schlange drückt die Vergangenheit aus und damit auch das Wissen und die Weisheit. Der Puma steht für Mut und innere Stärke, die wir im jetzigen Leben brauchen.

Und der Kondor ist der Bote von Vater Sonne Inti. Er trägt unsere Seelen in die untere Welt, wenn wir gestorben sind, damit sie von den Wächtern der Erde neu über alles belehrt werden können. Der Kondor bringt die Seele danach in die obere Welt, wo sie darauf wartet, wieder auf der mittleren Welt geboren zu werden. Ganz wichtig ist, für diese Reise Fleisch mitzunehmen, wohlgenährte Meerschweinchen zum Beispiel, die schmecken auch mir am besten, um den Kondor während des Fluges zu füttern.

Außerdem erinnert der Kondor uns stets daran, das Gleichgewicht von oben und unten und überhaupt zwischen allem zu halten. Diese Aufgabe hat vor allem der Sapay Inka, der alles im Blick hat und von oben alles koordiniert und organisiert und dafür sorgt, dass der Ausgleich gewahrt bleibt. Der Kondor ist frei, er kann überall hinfliegen. Es muss schön sein, ein Kondor zu sein!“, schwärmt Wanasqia.

„Ja, das muss wahrhaft schön sein. Es gibt einem schon ein erhabenes Gefühl, wenn man diesen großen Vogel hoch über den Bergen gleiten sieht. Wenn du einmal die Reise auf dem Rücken eines Kondors antreten wirst, wird es dein Kondor sicher sehr gut haben, da er von dir bestimmt mit den schönsten Gaumenfreuden des Landes während eures Fluges versorgt wird.“ Alayna lacht, spürt aber schon wieder Husten und Hitze aufkommen und hält rasch inne. Sein Sohn sieht ihn besorgt an, doch er redet gleich weiter, um ihn und auch sich selbst abzulenken.

„Die Wak’as – auch der Regenbogen ist ein besonderes Wak’a und die wunderschöne rote Meeresmuschel von Mama Qucha, Mutter Meer. Du weißt, Naymlab ging stets über den Staub dieser Muscheln. Sie wird als sehr wertvolles Opfer verwendet. Auch der Sonnengott liebt diese kostbare Meeresmuschel.

Ich glaube, allein in Qusqu gibt es über dreihundert Wak’as und um alle muss sich gekümmert werden, ihnen durch Gebete und Opfergaben gedacht werden. Wenn einem Wak’a nicht direkt geopfert werden kann, denn wie soll man einem Regenbogen opfern, dann gibt es eben Tempel oder Statuen, in denen diese hohen Wesen wohnen und dort können sie geehrt und mit Speis und Trank versorgt werden.

Außerhalb der Stadt werden vor allem die Apus verehrt, die Berggottheiten. Die Waldgottheiten sind wichtig, denn sie sind in den Bäumen, den Flüssen und den Seen beheimatet. Sie halten dort das Gleichgewicht und sorgen für die Fruchtbarkeit des Bodens.

Welches wichtige Symbol fällt dir da noch ein, wenn wir über die drei Stufen oder Welten, von Hanan Pacha, von Ukhu Pacha und von Kay Pacha reden?“ Alayna lächelt seinen Sohn von der Seite an.

„Ein Symbol von Schlange, Puma und Kondor? Das kenne ich nicht.“ Wanasqia zuckt ratlos seine Schultern.

„Denke nicht direkt an die Tiere, sondern an ein schlichtes Symbol, das aber die drei Welten sehr gut ausdrückt“, hilft Alayna ihm auf die Spur.

„Natürlich, du meinst das Kreuz!“, ruft Wanasqia erfreut und Alayna mahnt ihn gleich:

„Nicht so laut, wir sind noch nicht fertig mit unserer Arbeit. Solange der Bote draußen schläft stehen wir nicht unter Druck.“ Wanasqia flüstert weiter:

„Verzeih, Yaya. Du meinst das Chakana!“ Er unterstreicht die Wichtigkeit jetzt mit einer bedeutsamen Mimik. „Das Chakana, das einen zackigen Berg nach unten zeigt, der Ukhu Pacha, der Unterwelt. Die Mitte, die Stufe, auf der wir leben, also Kay Pacha, eben die Erde, und der zackige Berg nach oben, Hanan Pacha, der den Himmel beschreibt. In der Mitte ist ein Loch. Das ist Qusqu, der Nabel der Welt inmitten von allem und alles verbindend. Für mich sieht es aus wie ein Berg, der sich in einem glatten See spiegelt. So ist der Berg sogleich die Verbindung nach oben und nach unten, denn der See führt in die Unterwelt. Es zeigt auch die Vier Himmelsrichtungen von Tawantinsuyu, dem Reich der Inka, und weist auf auf das Kreuz am südlichen Himmel.

Das Chakana hat zwölf Ecken, jede Ecke steht für einen Monat im Jahr. Alle zwölfe stehen für den Kreislauf des Jahres.“

„Es sind jeweils drei Ecken an einer Seite. Könnten diesen auch noch andere Bedeutungen zufallen?“, fragt sein Vater genauer.

„Ja, ich weiß, was du meinst. So kann man es auch sehen. Die ersten drei Ecken können für die drei Welten stehen,

Hanan Pacha,

Ukhu Pacha und

Kay Pacha. Die nächsten drei Ecken stehen dann für deren Tiersymbole

Kondor,

Schlange und

Puma. Dann kommen die drei wichtigsten Tugenden unseres Volkes:

Yachay, für Wissen und Weisheit,

Munay für Liebe und

Llankay für Dienst und Arbeit. Alles in Bezug auf die Gemeinschaft, auf die Gemeinschaft der Menschen untereinander, den Menschen mit den Göttern, den Menschen mit der Natur.

Die letzten drei Zacken stehen für die Gemeinschaft der Inka:

Ayni, das gegenseitige Geben und Nehmen,

Mita, der Arbeitsdienst für den Inka und

Minka, die Arbeit für die Dorfgemeinschaft.“ Zufrieden nickt Wanasqia sich selbst zu.

„Ja du hast es treffend beschrieben. Jetzt habe ich noch eine Frage an dich. Was ist es, das ein Wak’a ausmacht, das aber auch einen einfachen Stein ausmacht, ein Maiskorn, dich, mich, ein Meerschweinchen oder egal was?“ Alayna hält einen Augenblick inne und beobachtet seinen Sohn.

„Es ist Kawsay, die Energie des Lebens. Vielleicht ist es auch das Wesen, das alles umhüllt, das wir nicht sehen können. Meist können es nur die Schamanen sehen“, überlegt dieser laut.

„Das ist richtig. Die Schamanen arbeiten mit Kawsay. Sie können die Krankheit darin erkennen – eine Art Schatten, der den Sitz der Krankheit anzeigt. Es ist sozusagen eine Störung in unserem Energiefeld, das uns wie eine Blase umhüllt.

Solange diese Schatten in unserem Energiefeld sind, können wir nicht gesund werden, da der Körper durch die Schatten ständig wieder an die Krankheit erinnert wird. Kann der Schamane diesen Schatten entfernen, dann ist das Energiefeld wieder gesund und der Körper kann ebenso heilen, ohne dass er durch den Schatten wieder gestoppt wird. Ich habe gehört, dass Ängste diese Schatten verursachen können, die dann, wenn man sie nicht bewältigt, durch eine Krankheit auf den Körper übergehen. Deswegen sucht der Schamane bei seinen Reisen nach den Ursachen der Angst, damit er dem Menschen helfen kann, sich von diesem krank machenden Schatten zu befreien. Er kann zwar den Schatten auch manchmal so entfernen, doch wenn die Ursache, die Angst, nicht überwunden ist, dann wird der Schatten sich wieder neu bilden.“

„Ich habe einen Schamanen beobachtet, der nur mit seinen Händen gearbeitet hat und in tiefer geistiger Versenkung. Er konnte die Frau heilen. Er muss ein hoher Schamane gewesen sein.“

„Ja, das war er mit Sicherheit. Ein guter Schamane kann das. Er macht sich frei von allen Bindungen, um Antworten zu bekommen. Seine Arbeit ist manchmal auch sehr gefährlich. Er muss darauf achten, sich immer zu schützen. Aber das lernt er in den vielen Jahren seiner Ausbildung, wo er lernt, die Wesen zu verstehen, das zu verstehen, das wir nicht sehen können, eben das zu sehen, zu hören, zu fühlen, wahrzunehmen.

Bei den Priestern ist einer, der durch Handauflegen heilen kann, ein Inka Malluk, etwa die 5. Stufe. Der Bruder unseres Sapay Inka ist ein Inka Malluk. Die Priester und Schamanen arbeiten bisweilen sehr ähnlich, die einen dienen darüber hinaus den Göttern und die anderen gehen einer normalen Arbeit nach, hüten Llamas in den Bergen. Sie leben meist eher zurückgezogen auf dem Land in einer kleineren Gemeinschaft und ehren Pachamama und andere Wak’as.

Beides sind lange Wege der Ausbildung, auf welchen sie an sich arbeiten, bis sie mit der geistigen Welt sprechen können. So steigt der Rang eines Priesters langsam vom Lesen der Koka-Blätter und dem Bereiten der Opfergaben über seine Auseinandersetzung mit den Schatten, eben den Ängsten, Schwierigkeiten und Problemen über die Stufe, wo er diese Schatten bewältigt, indem er nun weiß, wie er mit ihnen ein harmonisches Leben führen kann, sodass er dann den Umgang mit dem Kokablattkauen und anderen Kräutern erlernen kann. Schließlich kann er über sich selbst hinauswachsen, sich selbst loslassen und durch einfaches Handauflegen Heilung bringen. Sie können ebenso mit Kawsay arbeiten, mit der Lebensenergie um den Körper herum, mit den Energiegürteln. Sie verstehen sich in der Technik, die schwere Energie von Angst, Wut, Neid und Ähnlichem zu essen und zu verdauen. Schwere Energie können nur die Menschen haben, Tiere nicht.

Ab einem gewissen Wissensstand können Schamanen wie Priester über das Verbinden ihrer Energieblasen ihr Wissen austauschen.

Das ist jetzt eine kurze Zusammenfassung. Die priesterliche und die schamanische Ausbildung sind ein harter, langer Weg. Sie halten die Verbindung vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, von Erde zum Himmel, vom Körperlichen zur Welt der Götter, zu den Wak’as, Geistern, Ahnen, Seelen und Kawsay, von der schweren zur feinen Energie.

Über allem steht das Gesetz von Ayni, von Geben und Nehmen. Dabei gehen die Welten des Sichtbaren und Unsichtbaren ineinander über. Es ist der heilige Ausgleich von Energien.

Auch du kannst deine Energieblase mit den Energieblasen der anderen vereinen. Wenn die Bauern auf dem Feld zusammen arbeiten und dabei singen, dann glaube ich, dass dadurch all ihre Energieblasen verschmelzen und ihnen das Arbeiten leichter fällt. Du kannst deine Energieblase mit einem Baum verbinden, mit einem See, einer Quelle, einer Blume, einem Tier…“

„…Oder einem Wak’a. Ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Du hattest deine Energieblase mit der Bärin verschmolzen, deswegen kannst du sie verstehen, auch wenn sie nicht direkt vor dir steht, sondern ihr Wak’a. Du hast ihr geholfen und so wird auch sie dir eines Tages helfen und dir Kraft geben, wenn du sie nötig brauchst.

Es muss sich so schön anfühlen, wenn alle Menschen glücklich sind und sich dann ihre Energiebasen verbinden. Welch ein erhabener Augenblick muss das sein!“

„Das ist Sumak Kawsay, Gutes Leben, das höchste Ziel! Du bist auf einem guten Weg, mein Sohn. Das merke dir stets, denn es ist das Wichtigste in unserer Gemeinschaft. Wenn sich alle Menschen daran halten, dann wird das Zusammenleben stets gerecht und für alle gut sein! Alle werden zufrieden sein mit ihrem Leben und einen starken Zusammenhalt fühlen!“

Wanasqia merkt auf einmal, dass seine tiefe Besorgnis um seinen Vater einem tiefen Vertrauen weicht, denn er weiß nun, dass, auch wenn er die unheilvolle Krankheit haben sollte, er durch die Kraft der Bärin überleben würde.

 

„Mir fällt gerade ein, welchen Kult die Inka nicht von den Chimú übernommen haben, jedenfalls nicht in der Hauptsächlichkeit – es ist unsere große Verehrung für Mama Qilla, Mutter Mond, die große Schwester und Frau von Tayta Inti, Vater Inti. Ich verehre sie immer noch wie zuvor, für mich. Beide, Sonne und Mond haben jede ihre besondere Kraft, die beide so unermesslich wichtig sind für das Leben hier auf der Erde, das habe ich hier gelernt. Doch die Chimú glauben, dass die bleiche Mutter Mond eben mächtiger und stärker ist als Vater Sonne, da sie Tag und Nacht am Himmel stehen und lediglich durch das stärkere Licht von Vater Sonne nicht immer gesehen werden kann. Vater Sonne taucht des Nachts im westlichen Meer unter und ist die ganze Nacht über nicht zu sehen. Erst zum Morgen steigt er hinter den Bergen wieder auf. Ich habe dir schon einmal davon erzählt…“

Er sieht prüfend zu seinem Sohn.

„Ja, du hast mir von dem großen Fest erzählt, welches ihr als Sieg von Mutter Mond gefeiert habt, als sie Vater Sonne verdeckte, so groß ist nämlich ihre Kraft. Sobald aber der Schatten der Erde auf sie fiel, begannen Klageweiber klagende Lieder zu singen. Bei einer Mondfinsternis habt ihr die Hunde geprügelt, damit sie mit ihrem Jaulen Mama Qilla wieder zurückriefen“, erinnert sich Wanasqia.

Mama Qilla ist eng mit dem Meer verbunden und der Zyklus der Frau ist eng mit ihr verbunden, also ist sie die Bringerin der Fruchtbarkeit und die heilige Lebensspenderin. Vater Sonne hingegen verbrennt die Erde und macht, dass man sich abmühen muss, die Felder zu bewässern, damit nichts vertrocknet.

Hier in Qusqu habe ich neu erkannt, dass seine Kraft auch das Licht ist, denn ohne sein Licht würden die Pflanzen auch nicht wachsen. Auch nicht ohne seine Wärme. Also brauchen wir beide für unser aller Leben. Dennoch…“, er fährt mit einer Hand an seinen Nacken und schiebt die Haare beiseite, „…dennoch habe ich allein durch dieses Zeichen, das ich seit meiner Geburt trage, eine engere Beziehung zu Mutter Mond.“

Er zeigt seinem Sohn das sichelförmige Mal unter seinem Haaransatz. Wanasqia staunt bewundernd.

„Wir haben Mondhäuser für sie errichtet, wo auch Kinder geopfert wurden. Das ist jetzt verboten. Die Mondhäuser haben sie aber stehen lassen, mit der Auflage, Tayta Inti als obersten Gott anzuerkennen und in den neu errichteten Tempeln zu ehren. Das ist ja kein Problem, denn, wie ich schon gesagt habe, hat Vater Sonne ebenso viel Kraft, die ich sehr schätze.

Wir haben viele Sterne verehrt, den Morgenstern und den Abendstern, der sich mal so, mal so am Himmel zeigt, in exakter Regelmäßigkeit, und den Sternenhaufen, der wie ein Spielplatz oder ein Tanzplatz der Sterne aussieht. Mit seinem Erscheinen begann bei uns das neue Jahr.

ChanChan war eine prächtige Stadt auf einer großen Fläche. Sie war von zwei großen Wehrmauern umgeben und in zehn Viertel eingeteilt, die auch wiederum von Mauern umschlossen waren. Sie war eine sehr sichere Stadt, bis die Inka kamen und uns, als sie anders nicht an uns rankamen, das Wasser nahmen. ChanChan war eine grüne Stadt, denn wir hatten alles bewässert mit langen Wasserleitungen aus den Bergen. Zwischen den einzelnen Stadtbezirken waren Felder, die wir zum Teil ausgehoben hatten. In den Stadtteilen waren viele Gärten und alle hatten ihre eigenen Tempel und mittendrin waren die beiden Tempel der Schlangen, die heiligsten aller Tiere. Die Stadt gehörte vorher einem anderen Volk, die ihre Könige Chimú nannten, daher heißt unser Volk nun auch Chimú. Sie kamen, so heißt es, aus dem Moche-Tal und haben die Küste nach und nach vereinnahmt. Es heißt, auch die Lambayeque hätten von diesen Moche-Menschen damals vieles übernommen, also auch wiederum wir. Sie sollen damals Fliegen verehrt haben, weil sie die Seele befreien würden, die sie vom verwesenden Fleisch der Toten abaßen und mitnahmen. Sie sollen viele Menschenopferungen vollzogen haben, bis fast keiner mehr von ihnen übrig geblieben war, was mich nicht verwundert. Aber die Leute reden auch viel, keiner weiß es wirklich, denn wer kann schon ihre merkwürdige Schrift auf den Bohnen entziffern? Vielleicht gelingt es dem Großen Inka.

Jedenfalls sollen sie schon mit Gold, Silber und Kupfer gearbeitet haben, deren Technik wir natürlich noch wesentlich verfeinert haben. Auch ihre Gefäße seien bunt und voller Malereien, die wie Bilder etwas mitteilen, ganz im Gegensatz zu unseren Keramiken, die schlicht und einfach schwarz und glänzend sind, ganz ohne Malerei. Uns kam es nicht auf Schönheit an, sondern auf schnelle Herstellung, denn es handelt sich um Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Wenn man etwas Besonderes brauchte, dann drückte man dies eben in der Form aus. So hat alles seine Vor- und Nachteile. Und jetzt, wo so viele Völker zu einem Volk vereint sind, kann sich der große Inka die besten Formen, Farben, Materialien, und die besten Künstler und Handwerker zusammensuchen, um allem einen gemeinsamen und verbindenden Ausdruck zu verleihen. Auch das hat Vor- und Nachteile. Ein Nachteil ist, dass so manch schöne Kunst dadurch verloren geht. Nun, immerhin können die Götter und die Kulte weiterleben.

Die Chimú – weit reichte das Reich der Chimú, wohl an die zweihundert Jahre lang hatte es seine große Blütezeit, bis die Inka gesiegt hatten, trotz der großen mächtigen Mauer der Chimú, die mit ihren vierzehn großen Bollwerken von den Bergen bis zum Meer reichte. Es existiert noch an vielen Stellen weiter, aber unter der neuen Organisation.

So, das ist das letzte Kügelchen… Das letzte Plättchen…“ Er seufzt erleichtert auf.

„Und das ist das letzte Loch ins letzte Plättchen“, ergänzt Wanasqia fröhlich und legt das letzte goldene Plättchen in die kleine Kiste, die jetzt ein gutes Gewicht angenommen hat.

 

Alayna geht vor die Tür und weckt den Boten:

Purqun, wach auf, wir sind fertig. Du kannst die Kiste alsgleich zur Weberin bringen.“

Ein stattlicher junger Mann im Alter von neunzehn Jahren, scharf blickenden Augen und einer stark gebogenen Nase ist sofort hellwach und schlägt seine Decke zurück.

„Du hast schnell gearbeitet, Goldkünstler. Das ist gut. Das wird den Sapay Inka erfreuen. Und ich freue mich, dass ich endlich etwas zu tun bekomme. Dieser Auftrag ist für mich ermüdend durch das Nichtstun und Warten. Untätigkeit ist kaum auszuhalten! Nun ja, wenn die Weberin die Goldplättchen alle angenäht hat, ist das Tuch auch fertig und ich kann es in den Palast bringen. Ich denke, ich werde dennoch dem großen Inka einen Zwischenbericht geben. Er wartet sicher darauf, außerdem habe ich dann mehr Bewegung“, sagt der Bote eher zu sich, dehnt sich und lockert seine Muskeln.

„Bist du es sonst gewohnt, lange Strecken zu laufen?“, fragt Alayna, der sich wünscht, ein wenig von dieser frischen Energie zu besitzen.

„Lange Strecken sind es eher nicht, die wir laufen, dafür laufen wir schnell. Wir laufen meist öfters am Tag. Je nachdem, an welchem Posten man an welcher Straße gerade steht hat man eine kürzere Bergstrecke oder etwas längere, flachere Strecke bis zum nächsten Übergabeposten.“

Er bindet die Kiste in seine Decke, die er sich wiederum mit gekonnten Handgriffen umbindet.

„Aber dies ist ein spezieller Auftrag, abseits der gewöhnlichen Wegstrecken“, ergänzt der Bote mit bedeutungsvollem Tonfall.

„Der Tag fängt gerade erst an. Vater Inti zeigt sich bald, es ist schon hell. Du wirst heute bestimmt genug Einsätze bekommen. Wärest du Hüter der Llama-Herden geworden, hättest du sicher lange nicht so viel Bewegung wie jetzt“, muntert Alayna den Botenläufer auf.

„Ja, das ist schon recht so. Sie haben mich im letzten Jahr dazu ausgewählt, da meine gute Kondition sie überzeugte. Sonst wäre ich tatsächlich Llama-Hirte geworden wie die meisten meiner Brüder. Sie waren auch schon glücklich, als wir, seit wir zwölf waren, die Herden hüten mussten, wie es der Arbeitsplan des Großen Inka vorschreibt. Ich selbst war wiederum davor glücklicher, als wir drei Jahre lang die Saatkrähen von den Feldern fernhalten sollten. Wir hatten viel zu laufen und ich lief meist mehr als notwendig, das kannst du dir vorstellen. Ich gab den Saatkrähen erst gar keine Gelegenheit, auf unseren Feldern zu landen.“ Purqun macht eine Geste ins Innere des Hauses.

„Dein Sohn, warum ist er nicht bei den Herden? Er ist doch schon bestimmt in dem Alter, wo es die Pflicht eines jungen Mannes ist. Will er danach auch zu den Botenläufern gehen oder eher zu den Hirten, wenn er achtzehn ist?“ Das war eine sehr direkte Frage und macht Alayna daher etwas stutzig, denn er weiß um dessen direkten Kontakt in den Palast. ‚Er hat Augen wie ein Kondor, ihm entgeht nichts’, denkt Alayna bei sich. Aber er ist sich keines Vergehens bewusst und antwortet ihm daher ruhig:

„Mein Sohn ist bei mir in der Lehre. Das hat der große Inka persönlich so angeordnet. Ich konnte mir aussuchen, welcher meiner Söhne der begabteste Goldkünstler ist. Das ist eindeutig Wanasqia. Er unterstützt mich jetzt schon sehr mit seinen äußerst geschickten Händen und wird eines Tages all meine Werkzeuge und Hab und Gut vermacht bekommen. Seine beiden Brüder sind draußen in den Bergen bei den Llama-Herden und gehen den üblichen Weg für junge Männer.

Er hat leider nur eine Schwester. Sie ist bei ihrer Mutter und erlernt jetzt im ersten Jahr das Weben. Ich bin froh, dass sie nicht zu den Jungfrauen des Sonnengottes ausgewählt wurde, da sie bis jetzt die einzige ist, die meiner Frau zur Seite stehen kann. Was wirst du machen, nachdem du die Pflicht des Botenlaufens erfüllt hast?“

„Wenn ich ehrlich bin, mag ich daran gar nicht denken. Ich könnte mir vorstellen, mein ganzes Leben zu laufen.

Vielleicht kann ich es um eins, zwei Jahre verlängern. Ich habe davon noch nicht gehört, aber vielleicht geht es, denn der große Inka kennt und schätzt meine Zuverlässigkeit, da ich viele Botenläufe für ihn vom Palast aus erledigen darf. Er weiß, dass ich sehr schnell bin und bei außerordentlich guter Kondition. Und – dass ich nicht geschwätzig bin.

Aber ich befürchte, dass sie mich auch gern bei den Kriegern des großen Inka sehen, eben wegen meiner Kondition. Wir werden sehen. Jetzt muss ich aber los.“

In dem Moment bekommt Alayna wieder einen Hustenanfall, Purqun stützt ihn rasch, Wanasqia kommt sofort mit Wasser und gibt ihm etwas Honig. Dann führt Wanasqia seinen Vater nach drinnen, dem wieder Schweißperlen auf der Stirn stehen.

Purqun macht sich auf den Weg.

 

Der Morgen ist frisch. Etwas Wind ist aufgekommen, aber es tut Purqun sichtlich gut zu laufen. Ohne das Laufen kann und will er sich sein Leben nicht mehr vorstellen.

Es ist nicht weit bis ins Viertel der Weberinnen. Alle Viertel der Stadt hat der Inka genau eingeteilt. Im Haus der ausgewählten Weberin ist es noch ruhig. Sie gehört zu den besten Weberinnen des Landes, denn sie versteht, mit der feinsten Wolle und Baumwolle umzugehen. 

Wie alle Weberinnen arbeitet sie den Stoff gleich in die richtige Form und Größe und verziert diese mit ihren wunderschönen Mustern, die sie mit einarbeitet, aufstickt oder aufmalt. Ihre Farb- und Musterzusammenstellungen entsprechen genau den Vorstellungen des Großen Inka. Er freute sich sehr, als er mit in der Wüste gefundenen Resten von Decken älterer Kulturen zu ihr kam und sie diese sofort in die gängigen Inka-Motive einarbeiten konnte. Diese bestehen meist aus Mustern mit geraden Linien, die natürlich auch alle ihre Bedeutungen hatten, wie die stufigen Zackenlinien für die verehrten Berge, die Schlangenlinien, den verschiedenen Symbolen für Quellen, Flüsse, für Felder jeder Art, vor allem dieses in zackige Linien umgewandelte Blumenmuster oder all den Tieren wie der doppelköpfigen Schlange, Puma, Fisch, Lama oder Hirsch. Alles, was dem Inka heilig ist, wird in eine Decke mit hineingearbeitet. Sie hat zudem großen Spaß daran, neue Farbtöne zum Färben, aus getrockneten Läusen und Samen, aus Gestein, Blättern, Blüten, und damit immer wieder neue Farbkombinationen zu finden. Wie alle Inka liebt sie die kräftigen Farben des Regenbogens.

Purqun ruft nach ihr:

Weberin Chay, ich komme im Auftrag des Sapay Inka!“ Nur kurze Zeit später erscheint eine zierliche dünne Frau, die mit sehr schlaksigen Bewegungen daherkommt. Als sie vor ihm steht, hat sie eine unerwartet edle Ausstrahlung trotz der zudem noch in allen Richtungen abstehenden Haare, über die sie lediglich rasch ein Stirnband gezogen hat ein kräftig buntes natürlich. Sie blickt den Botenläufer mit ihren liebevollen Augen einer Hirschkuh an und spricht:

Purqun! Schön, dass die Plättchen schon so früh fertig geworden sind. Ich habe an dem Tuch alles fertig gearbeitet und kann nun gleich damit anfangen, die restlichen Goldplättchen anzunähen. Es ist ja noch meine große Hoffnung, dass es jetzt noch nicht gebraucht wird…“

Auf die kleine Neugier, die durch ihre Worte schimmert, springt der Bote sogleich an:

„Das hoffen wir doch alle, die, die davon wissen. Mehr dürfen es auch nicht wissen, du weißt ob deiner Pflicht zur Verschwiegenheit! Wann, schätzt du, kann ich das Tuch wieder abholen? Ich will gleich zum Palast weiter, um die Nachricht zu übermitteln.“

„Komm, wenn die Sonne am höchsten steht“, sagt Chay, nimmt ihm das Kästchen ab und geht hinter ihr Haus zum Unterstand, wo sie ihre beiden Webarbeiten abgedeckt hat: Zwei Tücher, ein kleineres und ein größeres…

 

 

Es war ein langer und beschwerlicher Aufstieg tags zuvor. Doch die Apu meinten es gut mit ihnen, denn das Wetter hatte gehalten. Die Wolken auf der Rückseite des Berges, von wo der Aufstieg nur möglich war, waren bedrohlich dicht. Die Feuchtigkeit machte das Tragen der goldenen Sänfte des höchsten Opfers für den Sonnengott sehr anstrengend. Der Pfad war kaum zu erkennen, aber ihr Führer kannte sich aus, bei Tag, bei Nacht, bei jedem Wetter. Sie waren schon seit fünf Tagen unterwegs zu diesem Ort, der ein von den Schamanen für diese Zeremonie auserwählter Ort war. Zwei weitere Opferungen waren bereits zu früheren Zeiten hier oben durchgeführt worden, erfolgreich. In beiden anderen Fällen waren es auch Mädchen, die hier am Hang, kurz unter der Spitze, in einer kleinen Höhle mit der Öffnung nach Osten bestattet wurden.

Beim ersten Mal war es der kaum enden wollende verheerende Große Sturm, der an der Küste wütete und bis in die Berge zu kommen drohte. Viele Menschen mussten ihre Häuser verlassen und an einem anderen Ort wieder neu anfangen, wenn sie überlebt hatten. Dort, wo der Große Sturm einmal alles genommen und die Häuser unter Schlamm und Sand begraben hatte, da sollte man nicht noch einmal siedeln. Das wäre, als würde man die Knochen eines in der Erde bestatteten Toten wieder ausgraben und versuchen, diese zu ihrem alten Leben wieder zurückzuholen. Begraben ist begraben und so, wie eine Seele sich dann einen neuen Körper suchen kann, suchen sich auch die Menschen einen neuen Ort. Nur die mumifizierten Ahnen konnte man in Notzeiten hervorholen, sie neu ankleiden, sie verköstigen und sie um ihren Rat und Beistand bitten.

Alle Riten zur Abwendung des jetzigen Unheils hatten versagt. Nun blieb allein noch die letzte aller Möglichkeiten, das Opfer eines Kindes.

Ein reines, vollkommenes Mädchen wurde geopfert, damit Vater Inti, der Sonnengott, wieder zu seiner vollen Kraft kommen würde, um den Sturm und all das Wasser hinwegzunehmen.

Heil und Unheil, Leben und Tod, das wird alles von den Göttern bestimmt. Und es ist besser, sich ihrem Willen zu fügen.

Vor zwei Jahren gab es eine Zeit der Dürre, die zeitlich weit über die Kräfte und Essensvorräte der Menschen reichte. Dank der Essensarsenale, in die alle gemeinsam einwirtschaften, damit auch alle gemeinsam Notzeiten überstehen konnten, konnte diese Dürrezeit sehr lange überstanden werden. Doch dann ging selbst dieser üppige Vorrat zu Neige und der Regen war immer noch nicht in Sicht. Die Wolken blieben auf der Rückseite der Berge hängen und die Quellen, die die Bewässerungsanlagen um Dörfer und Städte speisten, stellten nach und nach alle den Fluss dieses lebenswichtigen Wassers ein. Zu der Dürre kam dann noch die große Sorge vor eventuell kommenden zu starken Regenfällen, die die Erde in kürzester Zeit in Schlammlawinen verwandeln konnte.

So wurde auch da, wieder zu einer Zeit größter Not, ein reines Mädchen geopfert, um den Sonnengott gütig zu stimmen, damit er etwas von seiner großen Kraft zurücknehmen würde, um den Wolken den Weg zur Küste wieder zu ermöglichen.

Beide Male hatten die Schamanen nach langen Orakelbefragungen und nachdem alle anderen Riten bereits erfolglos vollzogen waren, dieses letzte Mittel als einzige Hoffnung zur Wende ermittelt und – mit Erfolg.

Und so war es jetzt wieder. Die Menschen waren zum Teil wieder durch die lange Trockenzeit sehr geschwächt. Das allein wäre noch kein Grund gewesen, ein Kind zu opfern. Es waren noch nicht alle Vorräte aufgebraucht und einige wenige Quellen brachten noch Trinkwasser hinunter in Dörfer und Städte. Aber dieses Mal ist noch etwas viel Schlimmeres dazugekommen. Etwas, das selbst vor den alten Heilern, Schamanen und Priestern nicht halt macht.

Es ist ein Fleckenfieber, das die meisten Menschen nach ein paar Tagen schlimmer Krankheit elend dahinrafft. Fieberschübe, Schüttelfröste, starke Kreuzschmerzen, Halsinfekte, so beginnt es. Dann, nach fünf Tagen etwa, geht das Fieber zurück und man hofft. Doch meistens vergeblich. Denn am gleichen Tag noch steigt das Fieber wieder und schlagartig kommen die Hautveränderungen dazu. Erst sieht man überall nur Flecken, die sich erhöhen und kleine Bläschen bilden sich. Die werden dann mit einem Mal alle eitrig. Zu diesem Zeitpunkt ist es für die meisten schon zu spät. Fast jede Stelle des Körpers wird davon befallen, am Schlimmsten Hände, Füße und das Gesicht, dann am Körper. Aber nicht unter den Armen und den Knien. Überall eitrige Pusteln, die einen furchtbaren Geruch absondern.

Manche haben Glück… Was sie von den anderen unterscheidet, das weiß kein Heiler, kein Schamane, kein Priester. Alle sind vollkommen ratlos. Kein Kraut hilft, keine Beschwörung, kein Opfer, kein Gebet. Der Große Inka selbst hat viel Gold geopfert, an allen Opferstätten des Landes. Tag und Nacht brennen Opferfeuer, um diese elende Krankheit von dem Volk der Inka abzuwenden. Die Menschen, die gesund sind, ehren die Götter und alle Wak’as. Bei manchen verkrusten diese Pusteln tatsächlich und sie werden wieder gesund. Diese Krankheit erwischt sie kein zweites Mal, als seien sie für immer von ihr befreit. Einer von denen, die sie überlebt haben, ist aber seither blind. Das Fleckenfieber ist eine sehr schwere Krankheit mit sehr schweren Energien.

Bei den meisten helfen nur Kräuter, die Schmerzen und Angst nehmen, und die Vorsorge mit genügend Reiseproviant für den Kondor für den Flug in die Unterwelt, um vielleicht irgendwann in den Körper eines gesunden kommenden Familienmitglieds zurückzukommen.

Das vollkommen reine Mädchen hatte schon den ganzen Aufstieg über geschlafen. Sie hatte Kräutermittel bekommen, die sie schon in den Zustand des Übergangs versetzten. Sie würde jetzt nicht mehr aufwachen und langsam schlafend hinübergeleiten. Die Höhle war bereits vorbereitet worden. Ein Schamane, ein Priester und eine Priesterin des Sonnengottes hatten schon, seit der Festlegung von Ort und Zeitpunkt hier auf dem Berg, diesen Moment mit Helfern vorbereitet. Alles musste gut verlaufen, damit der Sonnengott das höchste Opfer mit seinen ersten Sonnenstrahlen annehmen und zu sich nehmen würde.

Damit er alle seine Kinder, den Inka, seine Familie und sein ganzes Volk von diesem furchtbaren Unglück befreien würde.

Damit er ihnen helfen würde in ihrer Not.

Speisen haben sie zubereiten lassen von einer auserwählten Frau. Diese stehen bereits in der Höhle, zusammen mit Aqha, dem Maisbier, Blüten, besonderen Kräutern, heiligen Meeresmuscheln, vielen Opfergaben in Gold und Silber, sowie Kokablättern. In der Mitte dieses Raumes haben sie ein Lager für das Mädchen errichtet, das dem Bett einer Prinzessin gleicht.

Die Höhle ist fast verschlossen und zu den beiden anderen Opferhöhlen mit einer Mauer abgegrenzt.

Das Mädchen ist die kleine Illianar, die Tochter von Rusuran, dem Bauern. Wie konnte das Mädchen eines Bauern zu solch einer herausragenden Rolle für ihr Land kommen?

Rusuran ist zwar Bauer, doch seit einem Jahr muss er hauptsächlich im Dienst des Großen Inka arbeiten. Er hatte Schulden, konnte seinen Teil an Abgaben nicht leisten, daher steht er in der Schuld des Sapay Inka. Also wurde er beim Straßenbau eingesetzt. Das Straßennetz der Inka ist mittlerweile ein sehr umfangreiches geworden. Das ganze Land, besonders in seiner großen Ausdehnung von Nord nach Süd, kann auf diesem Weg schnell durchschritten werden. Außerdem richten sie in regelmäßigen Abständen Raststätten ein. Zudem noch Wechselstellen für die Botenläufer des Sapay Inka, deren Posten in den kleinen Steinhäusern auch das ganze Land durchziehen und Tag wie Nacht besetzt sind. Außerdem liegen an den Straßen noch die Vorratshäuser, damit das Füllen und die Verteilung von dort gut und schnell organisiert werden können.

Dieses Netz – samt den Häusern – gilt es stets weiter und noch besser auszubauen, über zahlreiche Brücken hinweg und durch Berge hindurch. Dafür arbeiten zusätzlich eben diejenigen, die in Schulden wegen fehlender Abgaben stehen oder auch Sklaven, die man von Eroberungsfeldzügen mitgebracht hatte. Sie werden aber gerecht vom Gemeingut der Inka versorgt, das in den vielen Vorratslagern aufbewahrt wird, die wiederum von den Bauern als ihren Anteil an der Gemeinschaftsarbeit aufgefüllt werden.

Im ganzen Land wird dafür gesorgt, dass die Inka, die Kinder der Sonne, nicht Hunger leiden müssen. Es wird gleichermaßen auch darauf geachtet, bei aller Freizügigkeit, dass keine maßlose Völlerei stattfindet. Dies wird hart bestraft. Es gilt als Diebstahl am Gemeingut.

Rusuran war nun ein sehr ehrgeiziger Mann, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, aus dieser Schuldarbeit herauszukommen und ein angesehener Mann zu werden, zumal er nicht überwunden hatte, dass sein Vater alles Hab und Gut seiner Tochter vermacht hat, die die Frau des benachbarten Bauern wurde, und nicht ihm. Er hatte viele Ideen, zum einen dachte er durch sein Flötenspiel auf den unterschiedlichsten Flöten Aufmerksamkeit in Qusqu zu erlangen oder vielleicht sogar als Quipu-Bewahrer zu arbeiten. Er arbeitete gerade mit einem ehemaligen Quipu-Bewahrer zusammen, der aus irgendwelchen Gründen zu dieser Strafarbeit kam. Dieser erklärte ihm, was es mit der Knotentechnik auf sich hatte und wie gezählt wurde. Er war ein Meister der Zahlen. Das wäre genau das Richtige für ihn. Außerdem hatte er ein außerordentlich gutes Gedächtnis, was er stetig trainierte. Quipu-Bewahrer – das strebte er in seinen Träumen an.

In diesen ewigen Gedanken um Anerkennung beobachtete er genau im richtigem Moment, wie Beamte des Sapay Inka aus Qusqu durch ihren Ort schritten, um nach vollkommenen Mädchen zu suchen, die die Ehre haben sollten, nach einigen Jahren Unterricht in den Dienst als Jungfrau des Sonnengottes zu kommen und als Priesterin im Sonnentempel zu dienen.

Viele der Mädchen wünschten sich diesen Dienst.

Rusuran sah die Beamten, sah seine Tochter an, die gerade missmutig versuchte zu weben. Sie wollte eigentlich lieber mit den Tieren arbeiten. Sie war ein temperamentvolles Mädchen. Das erste, das sie gewebt hatte, war ein leuchtend blaues Stirnband. Ohne Muster. Wenn sie weiter weben sollte, dann wollte sie auch immer unbedingt blaue Wolle verweben, was nicht immer ging, denn die blaue Wolle war nicht immer vorrätig. Illianar war wie ein kleines wildes Llama. Ihre krausen schwarzen Löckchen wurden von dem blauen Stirnband gebändigt, so wie ihre Mutter es mit dem Webrahmen bei ihr versuchte.

Ja, er sah seine Tochter und ging kurz entschlossen zu den Beamten, pries ihnen seine wunderschöne, vollkommene Tochter, brachte sie dazu, mitzukommen und seine Tochter anzusehen. Als Illianar sah, dass dies hohe Herren aus Qusqu waren, benahm sie sich auf einmal sanft und ruhig. Innerlich aber war sie wie versteinert, denn sie spürte, dass irgendetwas passieren würde, konnte es aber noch nicht einordnen. Sie wusste daher auch nicht, ob sie dagegen sein sollte oder nicht. Sie spürte auch, dass sie, egal wie, keine Chance hatte auf eine eigene Entscheidung. Ihr Vater hatte einen unabwendbaren Weg für sie eingeleitet.

Die Herren Beamten sahen sie und tauschten ein paar unverständliche Worte aus.

„Du weißt, wenn du deine Tochter dem Sonnengott schenkst, dann wirst auch du dafür belohnt werden.“ Rusuran nickte. „Deine Schulden können von dir genommen werden und du wirst weitere Anerkennungen erhalten, wenn sie sich in der Lehrzeit für Priesterinnen gut einfügt, dem Sonnengott gefällt und von ihm übernommen wird.“ Rusuran nickte. Er wagte es nicht, weder seine Frau noch seine Tochter anzusehen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Illianar verfolgte atemlos das Geschehen.

„Mädchen, wie ist dein Name?“, fragte der eine hohe Herr aus Qusqu freundlich und beugte sich zu Illianar.

Illianar ist mein Name“, antwortete ihre Stimme ebenso freundlich.

„Möchtest du mit uns nach Qusqu kommen, um zu den 500 Jungfrauen zu gehören, die auserwählt sind, um unserem großen Vater Sonne Inti zu dienen?“, fragte er weiter und sah ihr dabei direkt in die Augen. Sie widerstand diesem prüfenden Blick und antwortete:

„Ja.“ Dann blickte sie zu Boden.

„Dann werden wir dich gleich mitnehmen, denn wir gehen heute noch zurück. Der Große Inka wird sich darüber sehr freuen, denn er ist der Sohn des großen Gottes der Sonne. Wir sind sicher, dass du bald zu den heiligen Jungfrauen und Dienerinnen des Sonnengottes zählen wirst. Das darf dich mit Stolz erfüllen, doch Bescheidenheit wird deine Schönheit für den Gott noch wertvoller machen.“ Sie nickte.

„Möchtest du noch etwas mitnehmen? Oder noch etwas sagen?“

„Nein.“ Sie blickte weiter zu Boden. Die beiden hohen Herren aus Qusqu nahmen sie bei der Hand in ihre Mitte, und sie gingen davon. Das war das letzte, was sie von ihren Eltern gesehen hatte. Sie hatte nicht gesehen, wie sehr ihre Mutter geweint hatte vor Traurigkeit um ihre fehlende Tochter. Sie hatte nicht gesehen, dass ihr Vater geweint hatte, vor Erleichterung und Freude. Doch das genau war es, was sie die ganze Zeit gespürt hatte. Deswegen wollte sie weggehen. Ihr Vater hatte sie verkauft, und zwar für seinen eigenen Vorteil. Ein Opfer zu sein für den Sonnengott, das ist eine große Ehre, aber von seinem eigenen Vater geopfert worden zu sein, das war für sie unerträglich. Das würde sie ihm nicht verzeihen können.

Wahrscheinlich hätte sie sowieso keine Wahl gehabt, denn wenn die hohen Beamten eine Entscheidung getroffen haben, dann gibt es keinen Widerspruch. Aber wäre er nicht zu den hohen Beamten gegangen, dann hätten sie in ihrem Haus nur ein kleines wildes Llama gesehen, aber kein sanftes Mädchen und hätten ihre Suche sicher fortsetzen müssen.

Sie hatte sich aber schnell an das neue Leben im Haus für die Sonnenmädchen gewöhnt. Der Umgang untereinander war sehr liebvoll unter den Priesterinnen und ihren vielen Schülerinnen. Ihre Mutter wäre stolz auf sie, denn sie war eine geschickte Weberin und Spinnerin geworden. Schöne Tänze hatte sie gelernt, schöne Lieder und auch das Flötespielen. Sie stellten mittlerweile zusammen das Maisbier her und überhaupt sämtliche Speisen und Getränke für die großen Feste.

Ihr Vater hätte sich über ihre Begabungen gewundert. Der würde nun mittlerweile sicher seinen Träumen nachgehen können. Und jetzt erst recht, denn dass sie als Opfer auserwählt wurde, würde natürlich auch ihm zugute kommen. Er würde noch mehr Ansehen erhalten. So hatte das alles doch etwas Gutes bewirkt. Vielleicht konnte sie den Sonnengott dazu bewegen, dem ganzen Volk der Inka zu helfen, damit diese furchtbare Krankheit von ihnen ginge. Sie hatte gesehen, wie auch ihre liebgewonnenen Freundinnen im Sonnentempel furchtbar litten, furchtbar aussahen und furchtbar sterben mussten. Wahrscheinlich würde sie sowieso auch bald auf diese furchtbare Weise sterben, dann war diese Wahl wahrhaftig ein heiliger sanfter Übergang zu dem hohen Gott der Sonne. Die Einzige, die ihr immerzu fehlte, war ihre Mutter.

Da die Höhle über einen Pfad nicht zu erreichen ist, müssen sie von oben abgeseilt werden. Das letzte Ritual über der Höhle, das die ganze Nacht über angedauert hatte, ist jetzt abgeschlossen. Der östliche Himmel wird langsam hell und Vater Inti kündigt sein Erscheinen an. Das Mädchen schläft tief, sein Herzschlag ist sehr langsam und nur noch schwach zu spüren. Es wird nicht mehr aufwachen.

Der Schamane nickt und die Priesterin gibt das Zeichen, das Mädchen in ihre Decke einzuhüllen und festzubinden. Mit einer Geste Richtung aufgehende Sonne segnet sie das Mädchen. Gleichzeitig wird ein priesterlicher Helfer und der Priester mit ihr an Seilen das kleine Stück hinabgelassen. Der Helfer steigt in die Höhle und zieht das heilige Mädchen hinüber. Er bindet das Seil von ihr und lässt sich und das leere Seil wieder hinaufziehen. Der Priester legt sie in die endgültige Position und vollzieht nun den letzten Ritus des Verschließens dieser Höhle, die, bis auf ein kleines Fenster, von außen kaum zu erkennen ist. Durch dieses Fenster wird der erste Sonnenstrahl auf das Mädchen treffen, auf sein Gesicht und sein leuchtend blaues Stirnband, und der große Gott der Inka wird es in seine Arme nehmen.

 

Yaya, großer Sapay Inka, bitte, kann ich Musik hören?“, kommt eine schwache Stimme von hinter dem Vorhang. Das Feuer ist zu einer kleinen Nachtflamme heruntergebrannt und das Bett des Sohnes des Sohnes der Sonne liegt in einem zarten Licht gehüllt. Doch unverkennbar ist sein mit Pusteln übersätes Gesicht, als der große Sapay Inka hinter den Vorhang zu seinem schwerkranken Sohn geht. Unverkennbar seine umwickelten Hände, Arme, der Oberkörper. Die Beine sind verhüllt durch eine Decke. Der Große Inka hatte die ganze Nacht über gewacht, hatte Riten in dem großen Raum abgehalten, von dem Hohepriester, seinem Bruder, begleitet, um die unheilvolle Krankheit von seinem Sohn, dem künftigen Sapay Inka des großen Reiches Tawantinsuyu, dem Reich der Vier Himmelsrichtungen, abzuwenden.

Der jetzige Sapay Inka Kimra Wayna Qhapaq lässt sich seine tiefe Erschütterung nicht anmerken und beugt sich zu seinem Sohn:

„Ich wünsche dem Sohn des Sohnes der Sonne ein Gutes Leben, gute Gesundheit, Frieden und möge dein Leben im Gleichgewicht sein. Sumaq kawsay, mein geliebter Sohn! Du hast einen weiteren Tag geschafft! Du bist stark! Wer wären wir Inka, wenn wir nicht kämpfen würden? Die Kraft der Sonne liegt seit Generationen in unserem Blut und wurde stärker vom Vater zum Sohne und zur Tochter. Ihr beide werdet stärker sein wiederum als meine Schwester und ich, denn das Reich der Tawantinsuyu ist groß geworden seit meines Großvaters Herrschaft, größer seit meines Vaters Herrschaft und war noch nie so groß wie jetzt zu meiner Herrschaft. Dir, mein Sohn Kir Ninan Quyochi, obliegt eine noch größere Aufgabe. Du wirst Tawantinsuyu festigen und…“

Yaya, ich habe Durst… Und… Flötenspiel möchte ich hören… Und dann, großer Yaya, Großer Inka, kannst du mir dann von unseren Vorfahren erzählen?“, unterbricht er den Redefluss seines Vaters mit schwacher Stimme. Unter anderen Umständen wäre dies absolut unmöglich gewesen. Auch als Sohn durfte niemand die Rede des höchsten Inka unterbrechen! Doch in seinem erbärmlichen Zustand merkt der junge Prinz nicht, dass er den Großen Inka nach den gültigen Regeln beleidigt hat. Sein Vater hatte sich seit den letzten zwei Tagen völlig anders ihm gegenüber gezeigt, ganz anders, als er den großen Herrscher sonst kannte. Er war ihm mit einem Mal ganz nah, als gäbe es keine Regeln mehr zwischen ihnen außer Vater und Sohn, Lehrer und Schüler. Er war bei ihm geblieben. Ein Mann, der höchste überhaupt, bleibt bei seinem Sohn am Krankenbett, wo ein ganzes Reich wartet, das seiner Führung bedarf! Doch der Sapay Inka sagt, es sei alles organisiert und das glaubt er ihm, denn ein Großer Inka besitzt das große Talent des Organisierens. So manches scheint er auch aus diesem Zimmer zu organisieren, während sein Sohn schläft.

„Wir brauchen Wasser und den Heiler – rasch – hier!“, ruft Inka Kimra Wayna Qhapaq. Mit hier war eindeutig gemeint, dass diese Person sich hinter den großen Vorhang begeben darf, der den Bereich des Bettes vom Rest des großen Raumes abtrennt.

Inti zeigt seine ersten Strahlen des Tages, unverhüllt und schön. Hier, starker Sohn unseres Sapay Inka, trink dies zuerst. Es ist sehr bitter, aber es wird dir helfen“, sagt mit sanfter Stimme der ältere Qallawaya-Heiler und tritt neben das Bett des Jungen. Er gehört zu den wenigen, die auch ohne Ankündigung direkt an den kranken Sohn herantreten dürfen, ohne die sonst üblichen langen Formalitäten einzuhalten.

Er ruft eine Helferin und weist sie an, den Oberkörper des Jungen etwas anzuheben. Er führt den Becher mit dem starken Trunk an dessen Mund. Trotz des mit eitrigen Pusteln übersäten Gesichtes verzieht er bei dem Geschmack des Getränkes den Mund. Der Arzt ist hartnäckig und wartet geduldig, bis er die Medizin ausgetrunken hat.

„Was ist da alles drin? Es schmeckt nach einem Gebräu aus der Unterwelt Ukhu Pacha mit allem, was es so unter der Erde zu finden gibt an Wurzeln, Käfern und Maden.“

Der Heiler lächelt:

„Deine Reaktion verrät mir, dass die Kraft in deinem Körper zurückkommt. Das ist gut so. Nimm es so hin und lass die leichten Energien arbeiten.

Wir werden die Binden wechseln und ich werde dir eine neue Salbe auftragen, die den Eiter aus den Pusteln ziehen soll. Die Medizin wird dir Fieber und Schmerzen nehmen. Gleich habe ich noch einen Schluck K'atú für dich, und alles wird dann viel angenehmer und schöner sein.“

Er blickt zu dem Großen Inka, zum Zeichen, dass er jetzt mit seiner Behandlung beginnt. Dieser steht auf und sagt:

„Ich werde mich um Musik kümmern und bin gleich wieder hier. Mein Bruder, der Inka Malluk, kann in der Zeit meinen Platz einnehmen“, nickt dem Arzt zu und geht hinaus. Der Hohepriester erscheint hinter dem Vorhang mit einer weiteren Helferin. Indes kümmert der Qallawaya-Heiler sich zusammen mit der Helferin um den Kranken. Die neue Helferin beginnt mit der Räucherung von neuen Kräutern. Der Junge hält die Augen geschlossen und lässt sie an sich arbeiten. Binde für Binde wird abgewickelt, die Stelle gewaschen, was zu waschen geht, gereinigt, was zu reinigen geht, eingesalbt und wieder mit frischen Binden umwickelt. Der Priester begleitet die Prozedur mit gesungenen Beschwörungen. Auch der Heiler selbst gibt beim neuen Anlegen der Binden Worte aus der geheimen Sprache der Qallawaya-Heiler mit hinein unter die frischen Binden. Dieser monotone Singsang und die fremden Worte bringen eine Art Frieden in den jungen kranken Körper.

Er hält die Augen noch geschlossen, als die Heilungszeremonie leise ausklingt und sein Vater zurückkommt. Dieser wartet einen Augenblick ab, da der Heiler gerade daran arbeitet, die Energien seines Sohnes wieder zu stärken, besonders seinen Energiegürtel, der durch die Krankheit wohl besonders angegriffen ist. Der Energiegürtel ist lebenswichtig. Als der Heiler fertig ist, sieht er auf und blickt den zurückgekehrten Großen Inka kurz mit einem Zeichen an, dass er ihn noch zu sprechen wünscht.

„Ich habe dir eine junge Musikerin mitgebracht, großer Sohn des Sohnes des Sonnengottes“, spricht sein Vater in einem fast mürrischen Tonfall, ohne darauf zu achten, dass sein Sohn seinen frisch verbunden Zustand genießt, dank der Wirkung der Medizin. Wahrscheinlich ist sein Vater entrüstet darüber, dass der Musiker, den er erwartet hatte, nicht gekommen war.

„Ein Mädchen, das ist schön“, sagt der Sohn des Sapay Inka schlaftrunken und öffnet seine verquollenen Augen zu kleinen Schlitzen. Ein Lächeln zieht sich über das Pustelgesicht. Als sein Vater das sieht, wird er entspannter.

„Sie ist Salana, die Tochter unseres besten Flötenspielers. Ihr Vater ist an der gleichen Krankheit erkrankt wie du und kann daher nicht kommen, um uns mit seiner großen Kunst zu erfreuen. Sie hat ihren ältesten Bruder auch schon verloren, aber ihre älteste Schwester hat diese Krankheit überwunden. Sie trägt nun Narben in ihrem hübschen Gesicht, aber sie lebt und fühlt sich wieder gut. Du siehst, die Krankheit kann überwunden werden, selbst von Menschen aus dem Volk. Ihre Mutter und sie hat es nicht erwischt. Sie hat sofort ihre Hilfe angeboten, denn sie sagt, ihr Vater hätte ihr sein Können vermacht. Sie könne fast so gefühlvoll wie er die unterschiedlichsten Flöten spielen.

So setz dich dort an die Seite, hübsche Salana, und spiele für unseren kranken kommenden Großen Inka.“

Das einfach gekleidete schlanke Mädchen mit den schulterlangen zum Zopf gebundenen Haaren hält einen angemessenen Abstand zu den hohen Herren der Inka, ihren Blick zu Boden gerichtet. Sie antwortet ohne Worte mit einem kurzen Nicken, das in eine Art Kopfwiegen übergeht und geht an die besagte Stelle. Dort holt sie eine kleine Rohrflöte hervor und beginnt mit zarten Tönen.

Der Hohepriester, der auch einen unguten Eindruckt machte, und die Helferinnen haben sich schon zurückgezogen. Der Qallawaya-Heiler wartet hinter dem Vorhang auf den Sapay Inka.

„Ich habe all meine Kenntnisse an dem jungen Thronfolger angewandt. Ich will ehrlich sein, auch wenn es mein Leben kostet.“ Er macht eine kleine Pause.

„Natürlich werde ich dich nicht bestrafen. Bei dieser Lage unseres Landes brauchen wir jeden Heiler und erst recht die hohen und von mir sehr geschätzten Heiler von Qallawaya. Ohne dich und deinesgleichen wäre ich jetzt schon nicht mehr am Leben. Ich habe euch viele Leben der Kinder der Sonne zu verdanken. Ich weiß selbst, wenn es von den Göttern nicht gewollt ist, dass ein Leben fortgeführt werden soll, dann versagen sie jegliche Unterstützung, selbst dem von ihnen begnadeten Heilkünstler. Da trifft dein Können keine Schuld. Nun sprich die Wahrheit. Wie steht es um unseren großen Sohn?“

„Die Wahrheit ist, es steht sehr schlecht um ihn. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit auf der Erde. Du hast gut daran getan, das heilige Totentuch anfertigen zu lassen. Das einzige, das mir heute blieb zu tun, war, seine Schmerzen zu lindern und seinen Gemütszustand zu heben. Dieser Ausschlag frisst ihn auf, es tut mir so leid! Es ist schlimm für unser Land! Es ist eine schlimme Zeit! Keiner von uns Heilern hat jemals Derartiges erlebt. Wir sind mit unserem Wissen und Können an unseren Grenzen, die wir bis vor kurzem noch nicht in diesem Umfang kennengelernt haben.

Wie du schon gesagt hast, es ist eine höhere Kraft, die hier im Spiel ist, die mächtiger ist als jede Medizin, als jede Behandlung, als jedes Opfer und jedes Gebet. Es tut mir aufrichtig leid! Ich komme morgen früh wieder, wenn du es wünschst. Wann immer du wünschst, komme ich. Die Musik tut ihm gut, es lenkt ihn ab. Das Mädchen trifft genau die richtigen Töne für seine Seele. Die Musik, das Mädchen, sein heiliger Vater an seiner Seite, das tut ihm gut. Er darf alles, was ihm gut tut. Er ist ein überaus tapferer großer Sohn des Sohnes unseres Großen Vaters Tayta Inti. Er trägt sein Los mit so viel Würde! Ich senke mein Haupt vor diesem höchsten Jungen der Inka!“ Er senkt seinen Kopf.

„Danke. Ich lass dich rufen. Spätestens morgen früh.“

Tief erschüttert und ebenso irritiert sieht der große Inka dem Heiler hinterher. Auch er befindet sich anscheinend nicht bei bester Gesundheit. Schweißperlen standen eben auf dessen Stirn, ähnlich, wie es ihm selbst soeben kurz ergangen war, ähnlich, wie es mit seinem Sohn anfing…

„Sie ist barfuß! Sie hat noch keinen Mann“, sagt der junge Inka-Sohn, als sein Vater sich wieder zu ihm setzt. Der höchste Inka hält kurz die Luft an. Er möchte das Mädchen mit ihren wertvollen Diensten vor seinem Sohn nicht kränken, da dieser offensichtlich Gefallen an ihr zeigt.
„Es kann verschiedene Gründe haben, dass sie barfuß ist. Vielleicht zeigt sie uns damit auch ihren Respekt. Sie ist noch nie zuvor im Palast gewesen. Verbieten kann ich es dir nicht, wenn du auch solch eine Verbindung eingehen willst. Doch bedenke, dass an erster Stelle deine Schwester auf dich wartet, dann kommen strategische Verbindungen. Dann erst, wenn du dann noch Zeit und Muße findest, dann kommen die Mädchen, die du wirklich magst.“

„Ich finde es strategisch, wenn ich solch ein begabtes Mädchen zur Frau nehme, da ihre Kinder das Blut der Inka in sich tragen werden, verbunden mit diesem göttlichen Können“, antwortet ihm sein Sohn unbeirrt. Er scheint sich mit dem ersten Blick in sie verliebt zu haben. Der große Sapay Inka seufzt, denn was kann er diesem kranken Jungen abschlagen? Wenn der Gedanke an eine Verbindung mit diesem Mädchen ihn heilt, wie kann er ihm das verwehren?

Sie lauschen ein wenig dem Flötenspiel.

 

Yaya, Großer Inka, ich sehe, ich habe ein kupfernes und ein goldenes Chakana auf meiner Brust liegen. Das hat mir sicher der Qallawaya-Heiler aufgelegt; seine Medizin schmeckt scheußlich, aber ich vertraue seinem Wissen und seiner Kraft und seinen unverständlichen Worten. Jetzt fühle ich mich eingehüllt wie in die Arme der großen Quya, als ich noch klein war. Ich hatte eben auch solche Träume, alles war hell und freundlich. Ich wurde gewiegt wie ein kleines Kind. Alles ist schön!“

Er lächelt genießend und sein hoher Vater atmet auf. Sein Sohn hat wieder eine deutlich wachere Stimme. Jetzt kann er wieder normal mit ihm sprechen.

„Das Chakana, eines in Gold, damit du die Kraft des Sonnengottes und des ganzen Volkes erhältst und eines in Kupfer, denn die Heilwirkung des Kupfers auf die Energien um den Menschen sind sehr stark und ausgleichend. Doch, mein hoher Sohn, was ist es für uns, die höchsten Inka des ganzen Reiches, was ist das Wichtigste an diesem göttlichen Symbol?“

Sein Sohn überlegt einen Augenblick und antwortet:

„Wichtig ist alles gleichermaßen. Doch ich meine, das Wichtigste ist Ayni, das Prinzip des Gebens und Nehmens, das sich durch alle Ebenen zieht.“

„Kannst du mir das näher erklären, hoher Sohn?“, fragt der Große Inka Kimra Wayna Qhapaq nach. Er will seinen Sohn durch Gespräche im Leben halten.

Geben und Nehmen sollten stets ausgeglichen sein. Wenn die Last auf der einen Seite zu hoch wird, da sie nur gibt, dann entsteht ein Ungleichgewicht und damit auch Ungerechtigkeit mit der Folge von Unmut, Gefühlen des sich ausgenutzt Fühlens, Neid, Haltlosigkeit. Das kann zu weiteren Extremen führen wie Wut und Hass.“

„Das ist richtig, mein erhabener Sohn. Das Geben und Nehmen fängt damit an, dass wir dafür sorgen, dass jeder eine Arbeit hat und dieser Arbeit auch nachkommt. Diese Arbeit muss Sinn machen, das heißt, sie muss der Gemeinschaft von Nutzen sein. So arbeitet das Volk einerseits für sich, um sich selbst ernähren zu können und immer satt zu sein. Diese Arbeit führen sie gemeinschaftlich durch, damit effektiver gearbeitet werden kann und jeder weiß, wer an der Gemeinschaftsarbeit teilnimmt. So empfinden und tragen die Menschen füreinander Verantwortung. Der, der teilnimmt, weiß, dass damit Auskommen und Ernährung seiner Familie gesichert sind. Außerdem arbeiten sie gemeinschaftlich für die Gemeinschaft, für den hohen Stand, eben für die hohen Inka, und ebenso für den Sonnengott und sein Besitztum und für die anderen Götter, für die vielen Wak’as und deren Besitztümer. Alle müssen mit Nahrung, Kleidung und Häusern versorgt werden.

Wir, die Herrschenden, kümmern uns um das Land, um die Organisation, um die Einteilung und die Verteilung, damit es allen gut geht. Wir kümmern uns darum, das Land zu einen, durch Sprache und durch die Sicherung der Grenzen, durch das Errichten von Tempelanlagen und durch das Hüten der Kulte an den höchsten Gott der Inka und an die anderen wichtigen Gottheiten. Dies tun wir, damit uns der Erfolg unseres Handelns gewogen bleibt. Das erreichen wir durch unsere Opferungen und Huldigungen an die Götter, durch den Dienst der zahlreichen Priesterinnen und Priester. Diese, die Krieger und wir müssen ebenso alle ernährt werden. Das tun die Bauern für uns. Wir kümmern uns darum, dass alles reibungslos funktioniert, überall, und die Nahrung über das ganze Land verteilt wird. Wir kümmern uns, dass die Götter uns gewogen bleiben. Vor allem, dass uns Tayta Inti, der große Sonnengott aller Inka verbunden bleibt, und die anderen Götter ebenso, damit alle wohlauf sind und alle im rechten Maße für alles Wachstum sorgen. Wir geben und nehmen. Das ist Ayni. Die Bauern geben und nehmen. Nach harter, getaner Arbeit folgen Feste, Essen, Aqha, Musik und Tanz.

Das ist der Ausgleich zur Arbeit, jeden Monat. In Notzeiten können sie sicher sein, dass sie ihren Teil von den Reserven, die wir in guten Zeiten bilden können, erhalten, um auch solche Zeiten überstehen zu können. Wie oft hatten wir schon Dürren und dadurch schlechte Erträge. Da ist die Abwicklung über die Versorgungslager, die überall im ganzen Land an den Straßen errichtet wurden und stets erweitert werden, wahrhaftig ein Segen für ganz Tawantinsuyu.

Selbst von denen, die wir erobern, nehmen wir nicht nur. Sie bekommen sogar reichliche Geschenke, wenn sie akzeptieren, dass wir das Oberhaupt des Reiches sind und Vater Sonne der höchste Gott des Reiches, dann können alle weiterhin im Amt bleiben, ihren Aufgaben nachgehen und ihren Göttern dienen. Natürlich kontrollieren wir deren Führungsordnung und Organisation und helfen bei den Optimierungen. Ihre Söhne kommen nach Qusqu in das Haus des Wissens und bekommen hier eine sehr gute, fundierte Ausbildung. Dieses Wissen nehmen sie mit in ihre Stadt, was für sie und indirekt für uns von Nutzen ist. Sie haben unsere strategische Art zu organisieren und zu arbeiten kennengelernt und können diese effektiv einsetzen, vom Höchsten zum Niedrigsten. So werden sie zu Verbündeten, ohne dass Blut vergossen werden muss.

Jeder soll seiner Arbeit nachgehen. Zu den höchsten Vergehen zählt Faulheit, sich am Gemeingut zu bedienen, Völlerei und Lüge. Diebstahl am Gemeingut wird hart bestraft, damit es zu solchen Vergehen nicht oder eben nur wenig kommt.

Wenn jemand krank ist, schwach, alt, ein Kind ohne Eltern, dann ist es selbstverständlich, dass die Gemeinschaft diese Personen unterstützt. Doch selbst die Jüngsten bis zu den Ältesten können ihrem Können entsprechend eben durch leichte Tätigkeiten zur Arbeit der Gemeinschaft beisteuern.

Jeder unterstützt jeden auf allen Ebenen. Jede Form von Arbeit für die Gemeinschaft wird gebraucht und unterstützt.

Nur die, die es nicht akzeptieren, dass fortan alles von Qusqu aus gelenkt wird, diese bekommen Schwierigkeiten. Wenn alle friedliche Überzeugungsarbeit mit reichlichen Geschenken bis hin zum gegenseitigen Verheiraten unter den Städten, vor allem mit Söhnen und Töchtern von Qusqu, nicht fruchten, und Widerstand hartnäckig ist, wird mit Methoden wie Aushungern und Trennen von der Wasserzufuhr gearbeitet. Erst dann lassen wir unsere Krieger direkt sprechen. Bei allen anderen, die sich freiwillig unter die Führung des Inka-Reiches Tawantinsuyu stellen, sorgen wir für Frieden und Gerechtigkeit und ein ebenso gutes Wohlergehen wie allen anderen Menschen unseres Reiches.

Die Volksnaturen sind unterschiedlich, die einen sind eher friedlich gesinnt und andere, da brodelt es, auch wenn man sie trennt und Tagesmärsche voneinander entfernt siedelt.

Zu diesem heiligen Zeichen der Inka möchte ich dir noch etwas mitgeben. Unsere Inka-Vorfahren haben es von älteren Kulturen, vielleicht sogar sehr alten Kulturen übernommen, die einst in dieser Gegend lebten. Wir fanden dieses heilige Zeichen auf Tongefäßen und auf Tüchern, die in der Trockenheit der Wüste, bedeckt von Sand, Jahrzehnte, Jahrhunderte, vielleicht sogar Jahrtausende überstanden haben.

Wir wissen, dass das Klima der Wüste und das Klima auf den Bergspitzen der hohen Berge das Überdauern von Vielem ermöglicht, und das über hunderte von Jahren.

Ich vermute unter vielen Bergen von Sand noch viele Relikte unserer Vorfahren. Der Sturm deckt viele Gebäude, ja, sogar ganze Städte zu, aber ebenso offenbart so manch ein Sturm wieder Pyramiden, Tempelanlagen, Häuser, sogar Gräber haben wir gesehen. Einiges haben wir schon finden können.“

„Es kann doch auch sein, dass sie, nach allzu viel Unglück rituell begraben wurden, um mit den Überlebenden an einem anderen Ort neu zu beginnen“, überlegt Kir Ninan Quyochi, der Sohn des Sapay Inka.

„Oftmals müssen Gruppen lange umherziehen, um endlich wieder Fuß fassen zu können, ohne sich einer fremden Stadt unterordnen zu müssen. Vielleicht hatte damals unser heiliger Vater Sonne, Tayta Inti, den Sonnenstab einer solchen Gruppe übergeben, an der er besonderen Gefallen fand.

Vielleicht waren Manqu Qhapaq und Mama Uqllu eben genau diese unermüdlich suchende Gruppe. Unser Vater Sonne Inti hatte den überaus starken Willen in diesen Brüdern und Schwestern erkannt und unterstützte sie, indem er sie durch den Sonnenstab, den er Manqu Qhapaq überreichte, bis zu diesem kraftvollen Ort mit guten Energien führte. Hier konnte er den Sonnenstab in die Erde stecken, hier entstand das Zentrum der Welt, der Nabel der Welt, Qusqu. Aus einer kleinen Siedlung baute er zunächst den Sonnentempel und den Sonnenstein als Dank für Vater Sonne. Und dann bauten sie die Stadt. Unsere heilige Stadt.“

„Aber Yaya, war Manqu Qhapaq denn nicht der Sohn von Vater Sonne?“, fragt der junge Prinz irritiert und schnell erklärt sein Vater, um ihn nicht unnötig weiter zu beunruhigen:

„Natürlich war Manqu Qhapaq der Sohn des Sonnengottes. Nur, der Sonnengott ist der Sonnengott und kein Mensch. Manqu Qhapaq war ein Mensch aus Fleisch und Blut und der große Sonnengott hat ihn zu seinem Sohn auserwählt, weil er die Kraft und Energie in sich trug, die dem Sonnengott gefiel, sodass er ihn unterstützte, indem er ihn zu seinem Sohn erklärte.

Damit wir diese Kraft und die Energie so rein wie möglich durch unsere Adern fließen lassen können, vererben wir den Thron des Sapay Inka jetzt von Generation zu Generation in der direkten Blutslinie.

Damit bleibt uns der große Sonnengott weiter so gewogen wie seinem ersten Sohn Manqu Qhapaq und seiner ersten Tochter Mama Uqllo, die eben Geschwister waren.

Damit aber so viele Menschen wie möglich wenigstens einen Teil des Inkablutes in sich tragen, ist es dem höchsten Inka und einigen ihm nahestehenden Verwandten erlaubt, mehr als eine Frau zu haben. Das ist allen anderen natürlich aufs Strengste untersagt!“

Großer Inka, was glaubst du, von wo unsere Vorfahren gekommen sind? Glaubst du, dass sie von der Sonneninsel im Titicacasee kamen?“, fragt der Sohn des Sapay Inka weiter. Er kann sich zwar kaum bewegen, aber sein Gemütszustand ist wieder hell und seine Gedanken klar und er ist wissensdurstig wie zuvor. Zwischendurch blickt er immer verstohlen zu dem leise flötenden Mädchen.

„Ja, so heißt die alte Geschichte unserer ersten von dem Sonnengott gesandten Ahnen Inka Manqu Qhapaq und seiner Quya Mama Uqllu und ihren Geschwistern, die auf der Sonneninsel zur Welt gebracht wurden, um ein Reich zu errichten, das sie mit Weisheit und Güte regieren sollten. Sie erhielten direkt vom großen Sonnenvater die Weisungen, wie sie dies mit einer heiligen Ordnung in die Wege leiten sollten…“

„Aber, Großer Inka, es konnte doch tatsächlich so geschehen sein, dass unsere Vorfahren Manqu Qhapaq und Mama Uqllu und ihre Geschwister auf ihrer Suche nach einem neuen Ort zum Sesshaftwerden waren und auf der Sonneninsel rasteten, wo ihnen dann der Sonnengott erschien und ihnen die Weisungen gab, da er sie als seine Kinder angenommen hatte. Sicher, so denke ich, kamen sie einst von einem ganz anderen Ort“, ergründet der Inkasohn weiter.

„Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie mit dem Ort Tiwanaco, den wir verlassen vorfanden, als wir ihn entdeckten, in Verbindung standen. Tiwanaco war bestimmt einst ein zentraler Ort von höchster Wichtigkeit, denn seine Lage ist atemberaubend und sehr kraftvoll. Du hast die Stadt, die wir verlassen vorfanden, auch schon einmal gesehen. Erinnerst du dich an das riesige Tor mit den schönen Meißelarbeiten?“, fragt ihn sein Inkavater.

„Ja, es ist wunderschön, aber leider hatten wir nur sehr wenig Zeit. Das wunderschöne Tor mit dem Sonnengott und zwei Schlangenzeptern, von dem eines ein Ende mit zwei Kondor-Köpfen hat. Dem Gott laufen Tränen die Wangen hinunter, das wohl heißen soll, dass er Regen bringt und damit Fruchtbarkeit und Leben für die Erde. Vogelmotive sind als Muster über das riesige Tor verteilt und unten waren Menschenreihen zu erkennen. Vielleicht war das eine Art Kalender. Dieses Tor allein ist aus einem Stück eines Felsen gearbeitet. Sie waren ebenso begnadete Steinkünstler wie die Inka!“

Er überlegt kurz. „Es könnte auch so gewesen sein, dass die Inka-Vorfahren einst dort gesiedelt haben und wegen Dürrekatastrophen, Überflutungen des Sees, Erdbeben oder ähnlichem dann umsiedeln mussten. Das würde erklären, dass sie, wie auch wir, die hohe Kunst des Steinebearbeitens beherrschten. Das ist doch ein eindeutiges Zeichen – welches Volk sonst kann mit dem Stein so liebevoll umgehen wie wir?“

„Ja, das ist durchaus möglich. Nur ist ihr Sonnenkult nicht zu erkennen, vielmehr dass sie vor allem einen Regen spendenden Gott verehrten, so denke ich dabei eher an Wiraqucha.

„Was durchaus sein kann. Aber später, als sie auf der Suche waren, erschien ihnen der Sonnengott und sie folgten seinen Weisungen. Es ist verständlich, dass sie ihm nun dienen wollten, wenn es immer wieder zu Überschwemmungen kam, weil der Regengott zu mächtig war. Der Sonnengott bot ihnen seine Hilfe in der Not an, wenn man ihn nur gebührend ehrte, so wechselten sie eines Tages ihren Hauptgott.

Als sie schließlich dem Sonnengott ihren Glauben schenkten und dieser sie unterstützte, erhoben sie ihn natürlich über alle anderen Götter. Nun, ich meine als höchsten Gott unter Wiraqucha, der ja unsichtbar über allen steht. Seither gibt es die Inka, die Kinder der Sonne.“

Kir Ninan Quyochi sieht sehr zufrieden aus mit seinen neuen Überlegungen und Erkenntnissen trotz seines entstellten Gesichts.

„Ja, möglich ist es, allein wenn wir uns nur die Steine ansehen. Aber die Anlage selbst unterscheidet sich schon von unserem Baustil. Sie gibt viele Rätsel auf. Eine siebenstufige blaue Pyramide, mit einem Tempel aus rotem Stein. Diese riesigen Mauern mit sonderbaren Vertiefungen, vielleicht für Holzbalken, andere wiederum, um Wasser zu leiten, oder Opferblut. Wunderschön die riesigen Felssäulen als Stützsäulen für die Seitenwände. Wasserleitungen, wohin man sieht. Sonderbar die Tierabbildungen, die ich noch nie gesehen habe und die Steinköpfe, die herausragen, vielleicht Gesichter von Geopferten zur Abschreckung?“ Der höchste Inka denkt nach.

Tiwanaco, ich habe gehört, dass die hohen, runden Grabtürme dort schon lange standen, bevor die Inka hierher kamen. Diese waren bestimmt nur für die hohen Adeligen errichtet worden. Unsere Grabtürme sind eckig, aber das könnte sicher eine Idee sein, deren Prinzip wir auch von ihnen übernommen hatten.“

„Du meinst sicher die Aymara, mit denen wir lange um das Gebiet am Titicacasee gekämpft haben, und die wir schließlich besiegt haben. Sie meinten, so wie wir einen Anspruch auf die Sonneninsel zu haben. Mit ihnen haben wir einiges gemeinsam, bis auf die Sprache. Mein Großvater Inka Pachakutiq Yupanki hatte bestimmt, dass die Sprache Qusqus, das Qhichwa, von allen als gemeinsame Sprache gelten sollte, denn Qusqu ist der Nabel der Welt und die Qhichwa-Sprachvarianten sind weiter vertreten als die Aymara-Sprache. Aber das ist ein anderes Thema.

Zurück zu Tiwanaco.

Die Abbildungen des Gottes könnten wahrhaftig Wiraqucha sein. Dass wir ihn nicht abbilden, heißt nicht, dass andere ihn vielleicht als Gott so sahen. Denn er stieg einst aus den Wassern des Titicacasees und gründete Tiwanaco und schuf dort alle Götter, Vater Sonne, Mutter Mond und all die anderen Gestirne. Er schuf aus steinernen Skulpturen die ersten Menschen und hauchte ihnen mit seinem Atem Leben ein. Später sorgte er dafür, dass Vater Sonne den Menschen auch das Wissen überbrachte, eben über Manqu Qhapaq und Mama Uqllu.“

Yaya…“, beginnt der Sohn des Sapay Inka.

„Ja, mein göttlicher Sohn?“ Inka Kimra Wayna Qhapaq muss unwillkürlich lächeln.

„Jemand hat mir aber einmal erzählt, dass unter dem See einst eine Stadt gewesen sein soll. Das Wasser hätte sich nach einer riesigen Überschwemmung dort gesammelt und die Stadt sei als Folge im See ertrunken. Wiraqucha soll einst ein Mensch gewesen sein, Kon-Tiki Wiraqucha. Dieser soll ganz anders ausgesehen haben. Ebenso sein Volk. Seine Haut und seine Haare sollen heller als die aller anderen gewesen sein. Er sei ein weiser und friedliebender Herrscher gewesen. Er wurde von anderen vertrieben, vielleicht von den Aymara oder unseren Inka-Vorfahren, und flüchtete auf das Meer, wo er vielleicht eine neue Heimat auf irgendwelchen Inseln gefunden hat. Er hätte den Menschen einst den Ackerbau, die Baukunst, die Kunst des Töpferns und Webens und die Tierzucht beigebracht. Und, es kann doch wirklich sein, dass unsere Vorfahren dann diese Menschen von der Sonneninsel vertrieben haben. Der Sonnengott könnte dann dort zu den ersten Inka gesprochen haben, um sie zu einem guten Handeln und Guten Leben zu leiten. Das klingt etwas anders, als die Geschichte unserer Inka-Vorfahren“, sagt er langsam und vorsichtig, denn er will seinen Vater nicht mit neuen Gedanken erzürnen. Dieser lässt ihn ruhig ausreden und erklärt ihm dann:

„Mein Sohn, es gibt auf der Welt viele verschiedene Schöpfergeschichten, viele verschiedene Herkunftsgeschichten und ebenso viele Götter – gerade weil es auch viele Völker gibt. Unter der Herrschaft der Inka haben wir natürlich unsere eigene Herkunftsgeschichte, denn sie verbindet das Reich der Vier Himmelsrichtungen und sie unterstreicht unsere Stärke, die vom Großen Gott der Sonne auf uns übertragen wurde. Was die anderen so sagen, ist zwar interessant, aber es ändert nichts an unserem Stand, der gottgewollt ist, sonst wären wir nicht so erfolgreich.“

 

Großer Inka, Yaya, was ist das eigentlich für ein Volk, das sich auf Schilfinseln auf dem Titicacasee zurückgezogen hat?“, will Kir Ninan Quyochi nicht weiter seine Überlegungen vertiefen, obwohl er schon dachte, dass er der Wahrheit vielleicht ein bisschen näher gekommen ist. Vielleicht war es tatsächlich einfach nur die Folge einer Überschwemmung, dass Kon-Tiki Wiraqucha sozusagen aus dem See auf die Sonneninsel gestiegen war. Er war wahrhaftig möglicherweise derjenige, der den Menschen all sein Wissen übermittelt hat und dann vertrieben wurde und schließlich über das Meer nach Westen verschwand. Dann war es auch klar, dass dieser  weise Mann zu einem Gott wurde, da er den Menschen so viel geschenkt und so viel bedeutet hatte.

Er würde ein anderes Mal weiter darüber nachdenken.

„Du meinst die Kot-Sun[6], die Seebewohner. – Ja, sie sind sehr sonderbar, denn sie verhalten sich anders als alle anderen und wir. Sie wollen zu niemandem dazugehören. ‚Mensch’ scheint für sie fast ein Schimpfwort zu sein, denn sie selbst wollen sich auf keinen Fall zu den Menschen gezählt wissen. Sie sagen, sie hätten schwarzes Blut… Und sie sagen, sie seien schon dagewesen, bevor wir und alle anderen Menschen geschaffen wurden… Und sie sagen, sie würden keine Kälte spüren… Und sie sagen, sie seien schon sehr, sehr alt… Und sie sagen, sie wären von Tiwanaco verbannt worden, auf den See, der damals viel größer gewesen sei… Und sie sagen, darauf seien sie stolz, weil all das bewiese, dass sie anders seien als die Menschen… Denn sie seien die Kot-Sun – die Seebewohner. So leben sie auf ihren Schilfinseln mit ihren kleinen Schilfbooten, leben von Fischen und Vögeln und von den Tatora-Schilfstengeln und brauchen kein Land. So können sie gut leben. Sie sagen, sie seien einst solche Wesen mit den Fischköpfen, den Puma- und Kondorköpfen gewesen, wie sie in den Steinen von Tiwanaco abgebildet sind, und hätten sich dann nach und nach in die Gestalt von Menschen entwickelt. Das Äußere sei alles, so sagen sie, was sie mit den Menschen verbindet, sonst nichts.

Sie sagen, sie hätten sogar Tiwanaco erbaut – nur, wie kann das sein, dass ein Volk sich in seiner Schaffenskraft zurück entwickelt?

Sie sind wirklich anders, daher sollen sie ruhig im See auf ihren Inseln bleiben.“

„Diese unbeugsame Grundeinstellung wie die Kot-Sun, sich nicht fügen zu wollen und lieber ein einfaches zurückgezogenes Leben zu führen als sich weiterzuentwickeln, so wie wir es tun, das kenne ich auch noch von einem anderen sehr widerspenstigen Volk, den Mapuche[7]. Ich muss zugeben, dass ich vor diesem Volk wahrhaft Achtung habe. Sie halten zusammen und leben den gemeinschaftlichen Gedanken, wie wir ihn auch kennen, aber eben auf eine andere Art und Weise. Ich vermute, dass ihre Verbundenheit sogar tiefer geht und sie daher, wenn es wirklich einmal sehr bedrohlich für sie werden sollte, sehr stark sein und unerschütterlich kämpfen würden.

Die Mapuche, Menschen der Erde, so nennen sie sich, sie sehen sich als Volkseinheit, die sich aus vielen kleinen Familienverbänden zusammensetzt. Sie kennen keine Grenzen, bis auf die zum Reich der Inka, Tawantinsuyu. Weder Ländergrenzen noch Standesgrenzen. Es gibt bei ihnen keine Standesunterschiede, keine Herrscher. Alles Land gehört allen und so ziehen sie mit ihren Viehherden durch Berge und Täler, bauen Mais und Kartoffeln an und alles gehört immer allen. Ich kann nicht glauben, dass das funktioniert, obwohl niemand da ist, der alles regelt und gerecht für alle einteilt. Ich finde es schier unfassbar!“

Der Sapay Inka schüttelt den Kopf.

Yaya, ich glaube, es kommt daher, dass ihr Volk nicht sehr groß ist. Es ist anders, wenn viele Menschen an einem Ort leben, wie es in den Städten nun mal der Fall ist. Dort muss das Zusammenleben organisiert werden, sonst gäbe es das reinste Durcheinander. Wenn es aber wenige sind und das grüne Land groß ist, die Familien sich so besser verteilen und sie sich überall durch Ackerbau und Viehzucht ernähren können, dann kann ich es mir sehr schön vorstellen, auch so zu leben. Dann gelten unausgesprochene Gesetze der Gemeinschaft und das höchste Maß an gegenseitigem Vertrauen! Die ist eine andere Art von hoher Gesellschaftsform! Wenn die ganze Welt so denken würde, gäbe es keine Kriege und man könnte sich mehr auf die Künste konzentrieren, auf Musik zum Beispiel.“ Er blickt zu der versunken spielenden Salana.

„Nur, dass sie gänzlich ohne hohes Wesen auskommen, ohne Gott und ohne Herrscher, ist mir ein Rätsel und wäre für mich undenkbar!“

Yaya, ich glaube, sie leben dieses hohe Wesen. Wie gesagt, wenn wir dies jetzt hier so einführen würden, wären die Menschen orientierungslos. Das würde unweigerlich zum heillosen Durcheinander führen. Mit so vielen Menschen ist es ein Problem. Ich glaube, je mehr Menschen auf einem Haufen leben, desto schwieriger sind sie zu lenken, da sie in der Masse irgendwie aufhören zu denken. Wir haben das schon ganz richtig gemacht, jedem von klein auf seine Verantwortung für die Gemeinschaft zu übertragen. Und Gesetze sind wichtig, denn sie halten die Masse in ihren Grenzen.

Grenzen braucht man nicht, wenn jeder einzelne das hohe Gesetz des höchsten Wesens verinnerlicht hat und dementsprechend lebt, einfach so. Wenn es nach mir ginge, ich würde die Mapuche so leben lassen. Sie sind keine Feinde. Im Gegenteil!“

„Recht hast du, mein kluger Sohn. Ihr Drang nach dieser besonderen Form von Freiheit steht bei ihnen über allem. Freiheit ist für sie eine Art Gott, für die sie hartnäckig und tapfer kämpfen. Ihr kühner Geist ist wahrhaft stark! Mit Erfolg, denn sie konnten wir nicht unterwerfen und daher ist unsere südlichste Grenze die Grenze zu ihrem Land. So soll es auch erst einmal bleiben“, bemerkt der Sapay Inka mit einem gewissen respektvollen Unterton.

 

Yaya, Großer Inka, wir sprechen gerade von sonderbaren Menschen – sonderbar sind doch auch die Nebelkrieger.“

„Sie sind, obwohl wir sie besiegt haben, immer noch recht widerspenstig. Sie sammeln immer noch die Köpfe ihrer Feinde und sind nach wie vor unberechenbar. Dies verursachen allein schon die Orte, an denen sie leben, oben in den immerfeuchten Wolken, aber dennoch an strategisch sehr günstigen Punkten zwischen Hochland, Tiefland und Küste. Hinter ihrer riesigen Bollmauer – wenn man direkt davor steht, kann man kein Ende nach oben erkennen – haben sie sich verbissen geschlagen und bestimmt vor uns schon viele Angreifer abwehren können. Von ihrem Turm haben sie einen unglaublichen Ausblick auf das Umland und niemand kann sich unbemerkt ihrem Bergnest anschleichen. Aber hinter der Mauer sind eigenwillige runde Häuser mit hübschen Steinreliefen in Zickzackmustern, viele Vorratslager, ähnlich den unseren. Viele Treppen, gepflasterte Wege und terrassierte Hänge. Also müssen auch sie sehr gut organisiert gewesen sein. Überall an den Berghängen und auf den Bergen sind ihre Nester zu finden. Und an den östlichen Steilhängen kann man ihre Totenhäuser entdecken. Das Merkwürdigste sind aber die riesigen Skulpturen, die auch in den Felswänden stehen und in die sie ihre Mumien mit eingearbeitet haben.“

„So etwas habe ich noch nie gehört. Wie haben die Figuren ausgesehen?“, will Kir Ninan Quyochi genauer wissen.

„Das kann ich dir tatsächlich genauer sagen, da wir eine heruntergefallene Totenskulptur gefunden haben, sonst hätten wir niemals gedacht, dass es sich bei diesen um eine Art Totenbehältnis handelt, das aufrecht steht und einer Menschenfigur ähnlich sieht. Fast doppelt so hoch wie ich ist wohl so manche Skulptur und aus Ton und Steinen gearbeitet. Die Figur ist schlicht und der Kopf wurde in der Art einer Maske aus Holz gearbeitet und sitzt etwas schief, sodass das Kinn weit hervorragt. Totenschädel krönen so manchen spitzen Hut. Eigenwillig sind sie. Es wundert mich so manches Mal, wie unterschiedlich die einzelnen Stämme sich doch entwickelt haben und so ist es gut, dass wir sie wieder zu einer großen Ordnung zusammenfügen.“

„Großer Sapay Inka, Sohn des großen Sonnengottes Inti. Ein Bote bringt eine wichtige Nachricht“, kündigt ein Wächter an der Tür an.

„Er soll sprechen.“ Eine leise Verärgerung ist in der Stimme des großen Herrschers zu vernehmen, der sich in dem beide so bereichernden Gespräch zwischen dem Sohn der Sonne und dem Sohn des Sohnes der Sonne gestört fühlt. Derartige Gespräche haben die beiden noch nie führen können und dem großen Herrscher scheint es ein tiefes Anliegen zu sein, dies jetzt nachzuholen.

„Großer Sapay Inka, Sohn des großen Sonnengottes Inti, das Mädchen Illianor wurde wie geplant zu Sonnenaufgang am Hang des verabredeten Berges bestattet. Der erste Sonnenstrahl des großen Vaters traf auf ihr Gesicht und der Große Vater Inti schloss sie in seine Arme“, spricht der Bote und wirft sich atemlos zu Boden.

„Lauf sofort weiter zu dem Vater des tapferen Mädchens, dem wir dieses reine Opfer an den Sonnengott zu verdanken haben, und bringe ihm die Gaben, die wir für ihn vorbereitet haben. Des Weiteren übermittle ihm die Nachricht, dass er fortan in den Palastdienst eintreten darf, um Quipus für unsere täglichen Bestandszählungen anzufertigen. Die fortgeschrittene Knüpftechnik zur Nachrichtenübermittlung wird ihm nach einiger Zeit des Einarbeitens beigebracht. Er zeigte eine große Begabung und ein gut trainiertes Gedächtnis. Möge von nun an die Krankheit von unserem Volk weichen. Geh!“, gibt Inka Kimra Wayna Qhapaq seine Anweisungen.

Der Bote steht rasch auf und entfernt sich im Laufschritt.

Salana wechselt die Flöte und spielt nun alte Melodien auf einer kurzen Siku mit sieben Flöten nebeneinander.

„Das, Yaya, Großer Inka, ist auch eine Form des Gebens und Nehmens, von Ayni. Die Tochter ist das Opfer, der Vater wird belohnt. Das Mädchen opfert sein Leben und kann dafür direkt mit dem Kondor in die Obere Welt fliegen, um von dort aus wieder zur Erde zurückzukommen. Der Sonnengott erhält ein Opfer, als Dank hilft er uns. Alles von uns aus gesteuert.“

„Der große Gott der Sonne steuert und wir führen aus! Das ist ein feiner, aber großer Unterschied, geliebter Sohn des Inka. Dies merke dir! Nur von uns Menschen aus, das ist zu wenig, aber von dem großen Gott gelenkt, das stärkt den Glauben an unsere Kraft und unsere besondere Stellung, die dem Gott sehr nahe kommt.“

„Ich verstehe. Das macht, dass alle dich als lebendes Wak’a sehen…“

„…Und bald bist du das wichtigste Wak’a des Reiches. Die Menschen werden dir zeigen, dass sie bereit sind, schwer für dich zu arbeiten und selbst der einfachste Bauer wird dir als kleines, anerkennendes Opfer eine ausgezupfte Wimper entgegenpusten.“

Auch wenn sein Gesicht keine Lücke mit gesunder Haut aufweist, erkennt man den Hauch eines Lächelns darin. Auch sein Vater lächelt ihm zu, steht auf, nimmt eine Amphore mit Wasser, hebt sie auf seine Schulter, steht etwas gebeugt, zupft mit der anderen Hand eine Wimper aus und bläst sie sanft in die Richtung seines Sohnes. Dieser lacht laut, denn er hat seinen Vater, den höchsten aller Inka, noch nie die demütige Geste eines einfachen Mannes aus dem Volk ausführen sehen.

„Danke. Ich fühle mich sehr geehrt, mein göttlicher Vater“, sagt Kir Ninan Quyochi mit einer würdevoll dankenden Bewegung seiner umwickelten Hand. Sein Vater setzt sich wieder neben ihn.

 

Yaya, von den Vorfahren unserer Vorfahren über unsere Vorfahren bis zu uns, das war ein mächtiger Weg! Das Zentrum, also der wahrhaftige Nabel der Welt ist für die Inka unsere Stadt Qusqu. Hier fingen einstmals unsere Ahnen an, und sie werden heute noch zum Fest Inti Raymi durch ihre Straßen getragen. Wie hat sich das alles genau zugetragen?“, will der Sohn weiter wissen. Inka Kimra Wayna Qhapaq freut sich sehr über den Wissensdurst seines Sohnes und wertet dies als gutes Zeichen. Erleichtert erzählt er ihm gern:

„Zunächst ging es den ersten Inka darum, diese Stadt zu errichten und das angrenzende Land nutzbar zu machen. Die ersten Ausdehnungen reichten noch nicht sehr weit, da es den ersten Herrschern nicht so sehr um Eroberungen ging wie den späteren. Es hat sich alles nach und nach erst so entwickelt, da jeder Herrscher nach seinem Tod bei uns bekanntlich in seinem eigenen Palast bestattet wird, nach der Mumifizierung. Er behält all seinen Besitz, der weiterhin von Bediensteten gepflegt wird. Daneben baut der nächste Herrscher seinen neuen Palast. Also muss sich der neue Herrscher von Grund auf seinen eigenen Besitz anschaffen. Da unser Land ganz zu Anfang nicht sehr groß war und nicht sehr viele Menschen darin wohnten und wohl die Organisation noch nicht so optimal lief, geschah dies vor allem durch Eroberungsfeldzüge. Zunächst reichte die Ausdehnung unseres Reiches bis zum Titicacasee, dann bis zur Küste und bis zum nördlichen Hochland. Dabei gab es immer mal wieder Völker, die sich nur schwer einnehmen ließen, wie die Chanka, die Chimú und oben im Norden Quito.

Doch jetzt haben wir anscheinend vorerst die von den Göttern gedachte Größe erreicht. Die Grenzen müssen lediglich durch gute Bündnisse stabilisiert werden. Somit können wir uns jetzt wieder mehr um die inneren Angelegenheiten kümmern. Diese unheilvolle Krankheit zwingt uns derzeit dazu.“

Yaya, Großer Sapay Inka, werden den Göttertieren auch genug Opfer dargebracht, genauso wie unseren Ahnen? Wir brauchen ihre Kraft in dieser Zeit“, bemerkt der Sohn des Inka und ergänzt, wieder etwas kraftlos:

„Du solltest sie gemeinsam, die goldenen Statuen der Göttertiere und die hockenden, festlich geschmückten Mumien unserer Inka-Ahnen, auf ihren goldenen Sänften durch die Stadt ziehen lassen, damit sie das Volk segnen können und ihnen ihre Stärke verleihen, um gegen die Krankheit zu siegen.“

„Ja, genau das werden wir auch tun. Ich werde mit dem Kronrat darüber sprechen, denn in drei Tagen, so sagten die Orakel-Priester, könnten wir diesen Ritus vollziehen, damit er Erfolg verspricht. Wie beim Bestimmen des richtigen Zeitpunkts der Aussaat haben sie gemeinsam mit den Himmelskundigen über Orakelbefragung von Koka-Blättern und Innereien diesen Termin bestimmt. Heute und auch morgen noch seien ungünstige Tage, so sagen sie.

Wie beim Inti Raymi ist es auch dann meine Aufgabe, vor der Zeremonie alle vier Himmelsrichtungen in denen die vier Teile des Inkareiches Tawantinsuyu liegen mit Aqha[8] zu segnen.“

Yaya, hoher Inka, wenn ich wieder gesund bin, dann möchte ich auch einmal Aqha selbst herstellen. Es wird doch aus Mais erzeugt?“      

‚Manchmal hat er so ganz andere Gedanken als ich es mir wünsche’, denkt der hohe Inka bei sich.

„Aber warum nicht? Ich werde jemanden kommen lassen, der es dir zeigt“, denkt er weiter laut, da er in diesem Moment seinem Sohn alles erlauben würde, würde er nur gesund werden.

„Unser Aqha wird von den Jungfrauen des großen Sonnengottes Inti zubereitet. Für diese Zeremonie stellen die Jungfrauen des Sonnentempels des Inti besonders kräftiges Aqha her. Nur bei den eroberten Chimú sind immernoch zumeist die Männer die Aqha-Verantwortlichen

Aqha, mein Sohn, ist sehr wichtig bei unseren Zeremonien und darf auf keinen Fall fehlen! Du kennst die Trinkzeremonie, bei welcher wir mit dem Volk anstoßen – sie bringt die Menschen zusammen und einer ist einmal mehr für den anderen da. Damit fühlen sie sich stärker mit uns und dem Sonnengott verbunden. Dies wiederum festigt unsere Beziehung und das Leben in der Gemeinschaft.

Und zum großen Fest Inti Raymi trinke ich meinem Vater Inti zu, mit dem Keru aus dem Holz des Chachacomo-Baumes, und bald, mein Sohn, gebe ich dir den Becher und auch du wirst ihm zutrinken. Also werde bald gesund! Aqha ist ein von den Göttern sehr begehrtes Trankopfer.“

„Wie wird es genau hergestellt?“  

„Hergestellt wird es ganz einfach, das kann ich dir schon einmal vorab erklären: Du musst Rohmais lange durchkauen – wie die Sonnentempeljungfrauen – und diesen in ein spezielles Gefäß spucken. Manchmal sind es auch Maisfladen, die sie durchkauen. In dem Gefäß gärt die Masse. Man kann auch Quinoa oder Maniok nehmen und andere Pflanzen und sie für den Geschmack hinzufügen.

Es ist sehr gesund. Es gibt dem Körper viel Energie und macht ihn stark, was du an meinen vielen Kindern erkennen kannst.“ Der Sapay Inti lächelt.

„Das liegt an dem Aqha?“, fragt Kir Ninan Quyochi beeindruckt und neugierig zugleich.

„Nein, natürlich nicht! Oder vielleicht doch, es kommt allerdings wohl noch auf die zugesetzten Kräuter an. Da fühlt man sich bisweilen wie der kleine Nasenbär, dessen Penis ständig steif ist. Aber auch einfach so vertreibt es die Sorgen. Man nimmt das Leben leichter samt seinen Vorzügen“, lächelt ihm sein Vater verschwörerisch zu. „Es wird nicht lange dauern, dann kommst auch du in den Genuss des Aqha.“

„Ich möchte jetzt von dem Aqha probieren! Wenn es dem Körper Energie gibt, dann ist es genau das, was ich jetzt brauche“, sagt er plötzlich und beharrlich.

„Jetzt, aber…“ Der Inka stutzt kurz, besinnt sich der Worte, die der Heiler zu ihm gesprochen hatte und ruft zur Tür:

„Bringt uns Aqha!“

Sein Sohn, überglücklich über diese besondere Erlaubnis seines Vaters, nimmt zunächst einen vorsichtigen Schluck des gebrachten gefüllten Bechers. „Hm“, sagt er etwas enttäuscht. „Es schmeckt anders, als ich dachte.“

„Nach den ersten drei Bechern wirst du es lieben“, ermutigt der Große Inka ihn weiter zu trinken. „Nach nur einem Schluck kann es wahrhaft noch keine Wirkung zeigen.“

Mutig trinkt der Junge weiter. Nach einem halben Becher legt er sich erschöpft zurück, lächelt selig und schließt die Augen.

‚Wenn diese Pusteln nicht wären, würde er sogar fast glücklich aussehen’, denkt der hohe Inka bei sich, doch es scheint kein freier Platz in seinem Gesicht mehr zu sein, keine normale, gesunde Haut. Sein Blick fällt auch auf die Binden um seine Hände. Er sieht, dass sie schon wieder durchnässt sind. Besorgt ruft er zur Tür:

„Wir brauchen noch einmal den Heiler, schnell! Und wo sind die beiden Seher-Schamanen aus den Bergen, die ich habe rufen lassen?“

„Der Heiler, oh Großer Inka, Sohn der Sonne, er ist vor deinem Palast mit starken Rückenschmerzen, schweißnasser Haut, Halsschmerzen, und einzelnen roten Stellen auf den Händen zusammengebrochen. Wächter fanden ihn und brachten ihn gleich fort, aus dem Palast heraus. Nach den Schamanen lassen wir suchen.“

„Das darf nicht wahr sein! Was sollen wir tun? Wir brauchen jetzt jemanden, der ihm diese Tücher wechselt!“, fragt er ratlos zu sich und holt schon tief Luft, um zu rufen. In demütiger Haltung erhebt sich Salana und bietet ihre Hilfe an. Da sie erst vor kurzer Zeit ihren Bruder gepflegt hatte und nun auch ihren Vater, wisse sie, wie die wunden Stellen zu pflegen seien… Der Inka macht eine erleichterte Handbewegung und Aufforderung zugleich, sofort damit anzufangen.

Sie lässt sich von den Bediensteten neue, saubere Baumwolltücher bringen. In goldenen Krügen wird kaltes, warmes und heißes Wasser bereitgestellt sowie goldene Schalen. Der Sapay Inka verstärkt unterdessen die Räucherungen. Salana beginnt, an der linken Hand den Verband sanft abzuwickeln. Es scheint dem kranken Prinzen keine Schmerzen zu bereiten. Wie es ihre Art ist, begleitet sie ihre Handlungen mit einem leichten unmerklichen Wiegen des Kopfes. Kir Ninan Quyochi liegt ganz still und lässt sich von Salana behandeln. Nach kurzer Zeit scheint er fest zu schlafen. Als Salana den ersten Verband abnimmt, steigt ein fauler Geruch kurzzeitig in die Nase des Herrschers, trotz der starken Räucherungen, die neben dem Bett des Kranken stehen. Sofort springt der Sapay Inka wieder auf und ruft in einem Ton, der das Schlimmste erahnen lässt für den, der jetzt als Nächster in seine Nähe kommt und keine freudige Nachricht bringt:

„Die Schamanen – wo sind sie?“

„Sofort, hoher Herr, sie kommen sofort! Der Bote sagte uns, sie hätten bereits die Stadt erreicht. Sie werden bald im Palast eintreffen.

„Wie kann es sein, dass das so lange dauert? Ich hatte vor vier Tagen einen Boten geschickt, sie umgehend zu holen!“

Wütend geht Inka Kimra Wayna Qhapaq im Raum auf und ab. Ihm ist heiß, furchtbar heiß, und er muss sich einen Augenblick stützen und hält sich sein Kreuz, das ihn mehr und mehr schmerzt.

‚Nicht ich, nein, nicht ich!’ denkt er bei sich und wehrt den Gedanken ab, der sich nicht abwehren lässt.

 

Großer Inka, Inka Kimra Wayna Qhapaq, die beiden Schamanen sind schon alt. Sie kommen aus den Bergen weit oben. Es ist ein Wunder, dass sie jetzt schon hier in der Nähe sind!“, hört er die kräftige Stimme seiner Quya[9] Mama Tanupaq Rawa Uqllu und Mutter seines Sohnes. Die stolze Frau und Schwester des Sapay Inka erscheint hinter dem Vorhang. Sie ist die einzige, die es wagen darf, jederzeit ungefragt sofort hinter den Vorhang zu ihm treten zu dürfen. Sie hat die ungewöhnlich glatten, fast hellen Haare mit einem Pflanzensaft dunkler gefärbt. Sie haben nun einen bläulich-silbrigen Schimmer. Hinten sind die Haare kunstvoll zusammengebunden, mit Federn geschmückt und um die Stirn trägt sie ein Stirnband aus Türkisen. Ihr Gesicht hat sie verschönt durch die edle Farbe von Zinnober. Auch wenn jetzt kein öffentlicher Auftritt ist, so hat sie dennoch die vornehme, würdevolle Ausstrahlung der Quya.

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