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SAMSARA - Das Vermächtnis, Band 2

Angela Scherer-Kern

SAMSARA - Das Vermächtnis, Band 2

Möge dein Leben reich an Seehunden sein





BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

SAMSARA – Das Vermächtnis

Band II

Möge dein Leben reich an Seehunden sein

Angela Scherer-Kern

  

Umschlaggestaltung: Angela Scherer-Kern

Das komplette Werk in drei Bänden ist urheberrechtlich geschützt.

Text und Cover Copyright © 2012 Angela Scherer-Kern

Überarbeitet im September 2013

Alle Rechte vorbehalten, auch die der auszugsweisen Vervielfältigung, gleich durch welche Medien, sowie der Übersetzung.

Aufgrund der umfangreichen Recherchearbeiten für alle drei Bände kann es sein, dass unbeabsichtigt Rechte für Textpassagen übersehen wurden.

Wenden Sie sich bitte mit berechtigten Ansprüchen an:

samsara.das.vermaechtnis@web.de.

Vielen Dank.

[6T  Tibet] Berggeister und Sturmdämonen

  

[Salana]Salana– Frau aus Pataliputra (Indien), Frau von Jaskula

[Choi]Meister Choi– Meister der Schule der Gelehrten (Konfuzius) in Han (China), Vater von Hanaskea

[Aleyna]Aleyna– Jina-Asketh aus dem Maurya-Reich (Indien)

[Burgon]Burgon-Ashoka– Kaiser des Maurya-Reiches (Indien)

[Hanaskea]Hanaskea– junger Mann aus Han (China), Sohn von Meister Choi

[Kyr]gKyr– alter Mann aus ZhangZhung, Mann von gTanobakt, Vater von dGimra, Nomade (Tibet)

[Gimra]dGimra– junge Frau aus ZhangZhung, Tochter  von gTanobakt und gKyr (Tibet)

[Ushlaran]Ushlaran– Bön-Priester am Kailash

[Elieanor]Elieanor– Prinz von Tâmraparnî (Sri Lanka), Sohn von Rosurana

[Tanobakt]gTanobakt– alte Frau aus ZhangZhung (Tibet), Frau von gKyr und Mutter von dGimra

[Jaskula]Jaskula– Brahmane aus Pataliputra (Indien), Mann von Salana

[Rosuran]Rosurana– Königin von Tâmraparnî (Sri Lanka), Mutter von Elieanor

Gottheiten

Brahman Weltseele, das Höchste

Brahma die Schöpfung

Vishnu die Erhaltung

Krishna der achte Avatar von Vishnu

Shiva die Kraft der Zerstörung und der Erneuerung/seine Gattin: Parvati

Khyung mythischer Vogel mit Stierkopf (Bön)

Garuda mythischer Vogel mit Menschenkörper (Indien)  u.v.v.v.m.

Orte

Kang Tise = Kailash, im jetzigen Autonomen Gebiet Tibet der Volksrepublik China

ZhangZhung Land im Westen von Tibet

Schneeland = Tibet

Tâmraparnî = Sri Lanka

Maurya-Reich = Indien

Zeit

ca. 240 v.u.Z. zurzeit von Ashoka, König des Maurya-Reiches, am heiligen Berg Kang Tise

„Rauch sehe ich unten aufsteigen, mitten am Tag – ein Zeichen von bald eintreffenden Pilgern. Dort unten steht der südliche Herbergstempel mit Mauern aus übereinander gestapelten, flachen, großen Steinen und einem Dach aus Holzstangen mit darüber flach aufgeschichteten Steinen. Vor den kleinen Fenstern und vor den Türen hängen Decken von gewebtem Yakhaar als Schutz vor Wind und Kälte. Nördlich und südlich am Fuße des mächtigen und heiligen Berges Kang Tise stehen bescheidene Herbergstempel, die durch Anbauten im Laufe der Zeiten an Größe gewinnen. Sie sind nahe an einen Felsen gebaut, mit einem Felsen als schützender Rückwand oder als Verlängerung zu einer Höhle. Geplant ist der Bau von zwei weiteren Herbergen, so dass die Pilger bald in allen vier Himmelsrichtungen einen Unterschlupf finden können. An hohen Stangen vor den Herbergen haben die Pilger Stofffahnen angebunden, um Gesundheit, Glück und Wohlstand für sich und die Gemeinschaft zu sichern. Viele haben ihre Stofffähnchen mit ihrer Bitte um Unterstützung für einen sicheren Weg und ein gesundes und glückliches Leben oder sogar für einen geführten inneren Weg bis zur Offenbarung des Göttlichen besprochen.

Um die Götter, Geister und Dämonen von ZhangZhung milde zu stimmen, hängen sie die Fähnchen in den Wind, auf dass die Windpferde sie in alle Richtungen verteilen und sie erhört werden, für ihren langen, anstrengenden und zum Teil sehr beschwerlichen inneren und äußeren Weg.

Der Bön-Priester[1], Bön-po Ushlaran, ein älterer, doch unter seinem dicken Mantelumhang muskulöser und kräftiger Mann mit kahlrasiertem Kopf unter seinem Hut, kümmert sich schon seit vielen Jahren um die Herbergstempel am heiligen Berg Kang Tise. Ebenso um die sieben kleinen Herbergen, die an den beiden Seen, dem Mapham Yutsho[2]und seiner Partnerin Lag-ngar-mtsho[3], zu Füßen des Kang Tise errichtet wurden. Sieben, da jeweils drei an den Ufern der heiligen Seen liegen und einer zwischen den beiden als Verbindung neben dem beide direkt verbindenden Kanal Ganga Chu. Es ist ein großes Gebiet, für das er Sorge trägt, doch mittlerweile leben fast in allen Herbergstempeln seine Schüler, die sich darum kümmern, dass die Hauptfeuerstelle niemals ausgeht und dass auch mindestens eine Butterlampe ständig durch Nachfüllen von neuer Butter am Brennen gehalten wird.

Auch die beiden Seen werden von den Pilgern umrundet und reinigende Bäder in den kristallklaren Seen werden genommen. Die Kora, die Umrundung, um die beiden Seen, führt um den auf der rechten Seite liegenden großen fast runden See Mapham Yutsho, dem See aus göttlichem Atem, in dem sie die Kraft der Sonne sehen, und danach um den auf der linken Seite liegenden halbrunden, dem Sichelmond gleichenden See Lag-ngar-mtsho, in dem sie folglich die Kraft des Mondes sehen. Dieser See soll später fast gemieden werden, habe ich gehört, doch warum, das kann ich nicht erklären. Lag-ngar-mtsho ist zwar eindeutig kälter, denn er friert im Winter zu. Aber zu ihm strömt das Wasser des heiligen Kang Tise! Das Klima ist an seinen Ufern allgemein etwas rauer, doch ihn umgibt ein wunderschöner und tiefgründiger Reiz, eben der Reiz der Mondeskraft.

Mapham Yutsho friert nicht zu, da er heiße Quellen besitzt, was natürlich die Pilger sehr lieben. Jetzt noch wird an beiden Ufern heiliger Sand gesammelt, goldener Sand und bunter Sand, der heilende Kräfte besitzt. Und sie sammeln Kräuter, die nur hier zu finden sind. Überglücklich sind Pilger, wenn sie einen versehentlich an Land gesprungenen, schon getrockneten Fisch finden, die mächtige heilende Kräfte besitzen und ein langes gesundes Leben schenken.

Einst gehörten beide Seen zusammen, waren ein einziger wunderschöner See, dann schob sich langsam ein Hügel auf, der die beiden trennte. Sie sind überirdisch noch durch einen kleinen Flusslauf verbunden, der in manchen Jahren im Erdreich verschwindet, welches alle für ein schlechtes Omen halten. Dementsprechend geschah bisher auch immer etwas: Es fiel entweder zu wenig Regen oder es folgte Regen im Übermaß oder lang andauernde Kälte im Winter oder es gab Kämpfe und Streit um das umliegende Land. So beten die Pilger besonders an diesem Verbindungsfluss, an dem eben die eine verbindende Herberge steht und natürlich ein Mast mit vielen Fähnchen.

Seit jeher kommen die Menschen von ZhangZhung und so manch einer von entfernteren Landen aus allen Richtungen zu den beiden heiligen Bergen Kang Tise und Gurla Mandhata und zu den beiden Seen. Ihre heilige Kraft wird allerorts weitergetragen von denen, die einmal hiergewesen sind. Weitergetragen auch durch die Mythen, die man sich erzählt, die sich einst in diesen Regionen zugetragen haben. Gurla Mandhata ist die Partnerin des Kang Tise und liegt genau auf der anderen Seite der beiden Seen. Schon an ihren speziellen Formen kann man die beiden Berge erkennen: der eindeutig männlichen Form des Kang Tise und der weiten weiblichen Form des Gurla Mandhata. Um den Gurla Mandhata und die beiden Herbergstempel dortkümmert sich eine ehemalige Schülerein des Bön-po Ushlaran, die jetzt ebenfalls Schüler in das alte heilige Wissen, das diesen Berg umgibt, einweist.

So fliege ich in meinem heiligen Reich umher, sehe nach dem Rechten und lausche hier und horche da. Es kommen Menschen aus den hohen Bergen des großen Schneelandes und von noch viel weiter her.

Für die Menschen aus ZhangZhung ist es stets eine Bereicherung, die fremden Pilger und Händler anzutreffen und die anderen Gedanken zu hören. Hin und wieder findet sich etwas Interessantes, dass sie in ihrer eigenen Welt der Ideen noch unterbringen können. Es findet oft ein Verschmelzen in irgendeine Richtung statt und wenn es nur kleine Symbole sind. Es waren schon Menschen aus dem Land der Maurya hier, aus dem Reich der Gelben Erde nur wenige, auch aus Khotan, aus dem Industal und ich hörte von den Gedanken und Kulturen der fernen Hellenen und Skythen.

Heute ist ein besonderer Tag, denn es werden sich, wie ich das von hier oben so erkennen kann, in der südlichen Herberge des heiligen Berges Kang Tise viele verschiedene Kulturen treffen. Für mich bedeutet das, dass ich wunderbar an diesem einen Ort verweilen kann, um zu lauschen. Das ist einfacher für mich. Wenn sie an unterschiedlichen Stellen sind, wie zurzeit noch, kann ich nicht überall gleichzeitig sein, um sie zu beobachten und ihre Gespräche zu hören – wenn es denn Gespräche gibt und sie sich durch Meditation nicht in tiefes, lang anhaltendes Schweigen hüllen.

Meist ist es so, dass sie die schweren Bergpassagen schweigend gehen, in sich versunken. Es ist anstrengend in der Höhe während des Gehens zu reden, besonders für die, die es nicht gewohnt sind, weil sie nicht wie die Menschen aus ZhangZhung und dem Schneeland in diesen Höhen beheimatet sind. Doch heute Morgen wachte ich durch das rege Schnattern zweier Männer aus dem fernen Staate von Han aus dem Reich der Gelben Erde auf, die mir gestern schon aufgefallen waren. Gestern war ich bei den beiden Seen und kam erst gegen Abend wieder zum Kang Tise zurück geflogen. Die Menschen von Zhang-Zhung, aus dem Schneeland und aus dem Maurya-Reich, sie alle gehen in sich gekehrt oder leise betend, Mantren summend oder leise singend den Weg um den Berg. Doch die beiden Männer redeten die ganze erste Hälfte des Weges! Die andere Hälfte schwiegen sie, aber nur, weil der eine über die Gedanken des anderen nachdachte… Die beiden werden, so hoffe ich bald, noch vor dem Unwetter mit ihren beiden Pferden und zwei Lasteseln auch in der südlichen Herberge eintreffen. Die Lastesel haben wahrhaft schwer zu tragen, aber sie tun es sehr tapfer und für Esel bemerkenswert gelassen. Das Reden der beiden Männer scheint auch die Tiere von dem beschwerlichen, langen Weg, den sie schon hinter sich haben, auf eine beruhigende und einlullende Art abzulenken. So trotten auch sie in einer Art meditativem Gang hinter den anderen her.“

Um die beiden Männer zu zeigen, fliegt der riesenhafte Khyung von der Kristallspitze des heiligen Berges Kang Tise hinunter und landet unten und weiter östlich auf einem Felsvorsprung, unter welchem die beiden Männer gerade schweigend entlanggehen. Sie sind noch so in sich versunken, dass sie die dunklen Wolken nicht bemerken, die sie kurz gesehen hätten, hätten sie sich gerade in diesem Moment umgedreht.

Der Jüngere der beiden, Hanaskea, der Sohn des Älteren, hat es, seit sie in der nördlichen Herberge eingekehrt sind, um die Nacht dort zu verbringen, aufgegeben, aus der Mimik des Älteren irgendetwas abzulesen. Es ist eben eine Eigenart seines Vaters und Meisters Choi, bei neuen Gedanken erst einmal so lange in sich zu gehen, bis er seinen Standpunkt dazu gefunden hat. Dies tut er vor allem bei solchen Gedanken, die er noch nicht so recht einzuordnen weiß, weil sie nicht ganz in sein Weltbild hineinpassen, dennoch aber sein Interesse finden. Was er aber nicht gleich zugeben kann. Zum frühen Morgen war er zunächst wieder offen für neue Gedanken, bis zu jenem Zeitpunkt, seit er sich in tiefes Schweigen hüllte.

Als Kind hatte Hanaskea seine Schwierigkeiten mit dieser Art. Er dachte lange, es sei sein eigener Fehler gewesen. Er dachte, er hätte etwas Falsches gesagt, getan, wie auch immer. Hanaskea war kein Kind von Traurigkeit und so konnte es schon passieren, dass eine lockere Redensart oder ein unbedacht dahingesagter Nebensatz seinen Vater zum Schweigen und Grübeln brachte. Manchmal hätte er sich gewünscht, er wäre zornig geworden, hätte ihn angeschrien, vielleicht sogar eine Tracht Prügel verpasst. Hauptsache, er hätte irgendwie reagiert. Das Warten auf ein Wort von ihm kam ihm schlimmer vor als eine handfeste Strafe. Er fühlte sich einfach immer schuldig und versuchte, seine Unsicherheit mit seinem Humor zu überspielen. Im Innern jedoch verschlug es ihm sofort den Appetit. Der Vater schwieg und der Sohn fühlte prompt keinen Hunger mehr.

Er war ein recht sensibles Kind. Daher ist sein starkes Mitleids-Empfinden nicht verwunderlich, das noch dazu kam, wenn seine Mutter Hühner köpfte oder Lämmer, Schafe, Schweine, Rinder oder welches Tier auch immer getötet wurde. Wenn er bei der Tötung dabei gewesen war, konnte er später das Essen auf dem Tisch nicht herunterbekommen. Anfangs wurde er gezwungen, denn gegen die Eltern durfte niemand aufbegehren. Doch nach zwei Bissen spie er jedes Mal alles wieder aus und wurde prompt mit hohem Fieber krank. Daraufhin ließen seine Eltern ihm seine Eigenart. Mit zwölf Jahren, nach dem Tod seiner Mutter, verweigerte er das Essen von Fleisch komplett. Er kennt bis heute nicht den Grund ihres plötzlichen Todes.

Seitdem war er näher an seinem Vater herangewachsen, hörte bei Gesprächen zu, die sein Vater mit Freunden führte, über Kaiser, Könige, Herzöge und das einfache Volk. Über das Leben und den Sinn, und er fing an, sich selbst Gedanken darum zu machen. Er lernte viel von seinem Vater, Meister Choi, der aus der Schule der Gelehrten, der Schule des Meisters Kong Fū Zi, des Meisters Kong, stammte und welche auch er besuchte. Er verstand seinen Vater gut und schätzte ihn sehr. In manchen Dingen hatten sie jedoch eine andere Herangehensweise oder Sichtweise. Dann kam es eben zu solchen Verstimmungen. Je älter er wurde, desto öfter kam es dazu. Jetzt wusste er natürlich, dass es für seinen Vater ein Denken in Stille war. Es gab hierfür keinen Schuldigen, nur einen Gedanken, der es auslöste. Nie war sein Vater ihm wirklich böse gewesen. Seine kindliche Angst war unbegründet gewesen. Das hatte er irgendwann erkannt und war auch seitdem freier in seinen Gedanken, jedoch seinem Vater gegenüber immer höflich und nie aufbegehrend.

Khyung, der mächtige Vogel mit einem Stierkopf und dem Schnabel eines Adlers, der Schlangentöter, die größte Schutzgottheit der Lehre des Bön, schätzt mit einem zugekniffenen Auge den Weg ab, den die beiden noch bis zur südlichen Herberge vor sich haben. Er nickt zu sich, als würde er damit signalisieren, dass die Chancen gut stehen, dass sie es noch vor dem Unwetter schaffen. Am liebsten würde er zu ihnen fliegen und sie ein wenig von hinten zur Eile drängen. Doch die Mühe ist vergebens, denn die Männer aus dem weit entfernten Han sehen ihn nicht, weil sie ihn nicht kennen. Sie glauben an andere Gottheiten, wohl auch an andere Geister und Dämonen und, wie er schon mitbekommen hatte, auch an alte große edle Könige und Himmelssöhne.

Khyung kann es sich nicht erklären, aber ab und an sieht er sogar einen kleinen roten Drachen aufflackern, der den jüngeren Mann zu begleiten scheint und auch den älteren immer mal umkreist. Irritiert war Khyung, als er versuchte, ihn mit seinen doch sehr scharfen Augen genauer anzusehen und dieser ihm kurz zuzwinkerte. Frech. Khyung war überrascht, obgleich er es gewohnt war, dass um den heiligen Berg Kang Tise mittlerweile viele Geister, Götter und Dämonen von anderen Kulturen schwebten. Es kam auch schon zu Kämpfen, denn es ging immerhin um sein Reich, das Reich des Bön! Sind alle einfach nur da, so kann es ihm gleich sein. Überschreitet man aber seine große Toleranz und will ihn verdrängen, dann kann auch er seine mächtigen und tödlichen Krallen zeigen! Er ist zu vielen friedlichen Lösungen bereit, die Hauptsache ist, dass sein Name gewahrt bleibt, und die, die ihn ehren, ebenso gewahrt bleiben.

   

Khyung beobachtet die beiden Männer aus Luoyang aus dem Staate Hanaus der Nähe des Gelben Flusses, der wahrhaftig gelb sein soll.

„Diese beiden Männer, interessante Gedanken haben sie. Wie sie, so kommen auch ihre Ideen von einer ganz anderen Seite. Doch ich habe das Gefühl, dass sie alle in ihrem Ziel ähneln. Auf der Suche nach Antworten auf ihre Fragen, auf der Suche nach Erlösung, auf der Suche nach Höherem pilgern sie zu und um den heiligen Weltenberg Kang Tise, den die meisten in ihm sehen, und pilgern um die beiden heiligen Seen und ebenso um den schönen Gurla Mandhata. Gleich heute Morgen begleitete ich die beiden Männer aus Han, um keines ihrer weisen Worte zu verpassen. Der ältere Mann der beiden, wohl ein Meister seines Fachs, wie ich vernahm, erzählte bedruckendes Interessantes aus ihrem Reich der Gelben Erde:

Meister Choi sprach:

„Diese ewigen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den fast 200 kleinen Reichen, die eben einfach keinen Frieden aus sich heraus halten konnten, waren auf Dauer keine Lösung. Die kleinste Entwicklung wurde sofort im Keime wieder vernichtet. Eine Einigung war schon an der Zeit, sodass die Zeit der Streitenden Reiche ein Ende finden würde. Doch das, was folgte, lässt mich des Nachts immer noch schlecht schlafen. Eine große, blutige Einigung. Mit so viel Blut. Die große, blutige Mauer ließ Qin Shihuáng, der erste Gottkaiser von Qin, wie er sich selbst betitelte, durch die Verbindung bereits bestehender Mauern der sieben Reiche bauen. Nur, um den neuen Staat Qin gegen die Barbaren zu schützen.

Sein Wahnsinns-Mausoleum! Man sagt, die Konstrukteure der Anlage und alle Arbeiter wurden lebendig begraben! Man stelle sich das vor, nur, damit sie nichts vom Aufbau der Anlage verraten konnten! Diese blutigen Mittel, die zehntausenden Menschen das Leben kosteten, so dachte ich, das sind Mittel der Barbaren und nicht von Männern, die wahre Herrscher sein wollen! Herrscher der Menschen, die, die des Volkes Willen vertreten und Frieden haben wollen!

Weit weg waren diese von den Werten eines Edlen! Für Qin war der Mensch nichts von Bedeutung, ebenso wenig waren es Recht, Sitte, das tugendhafte Verhalten und die Riten. Zwangsarbeiten ließ er fast alle Männer zwischen 17 und 60 verrichten. Ich war sehr krank zu dieser Zeit, daher hatte ich Glück, sonst hätten wir jetzt nicht diese beglückende Reise zusammen antreten können. Du warst damals gerade erst geboren. Ganze Landstriche waren nur von Frauen, Kindern und Alten bewohnt und der Handel kam nahezu zum Stillstand, da die Männer zu seinen persönlichen Wahnsinnszielen abgefordert waren. Wer aufbegehrte, wurde getötet.

Selbst beim Krieg, der an sich nichts Gutes hat, doch nach den Prinzipien der Ehre und Gnade wenigstens ein Mindestmaß an Menschlichkeit aufweist, selbst dort setzte er alles außer Kraft, was je zuvor Geltung besaß. Er ließ alle Gefangenen einfach hinrichten. Seine eigenen Soldaten hatte er unter totaler Kontrolle. Er ließ jeweils fünf Männer eine Gruppe bilden. Wenn einer aus der Gruppe floh oder anderen angeblichen Schaden anrichtete, wurde eben die ganze Gruppe hingerichtet… Unzähliges kann man über ihn berichten. Schändliches.“

Meister Choi schüttelte den Kopf. Er konnte es wohl immer noch nicht fassen, was sich abgespielt hatte, und fuhr fort:

„Die Bücherverbrennung dieses ersten Gottkaisers von Qin war einer seiner unermesslich großen Fehler. Verbranntes Wissen kann man nur selten wieder herstellen!“ Er schüttelte wieder traurig den Kopf.

Der Schüler und Sohn Hanaskea meinte dazu: „Ist es nicht so, dass er nur Bücher über Medizin, Orakelkunde und Landwirtschaft unbeschadet ließ, doch alle Lieder, Urkunden und alle Schriften der Hundert Schulen, die irgendjemand im Reich aufzubewahren gewagt hatte, wurden verbrannt, damit keiner sich mehr traute, gegen ihn zu debattieren?“

Meister Choi sagte: „Ja, so traurig das Ganze ist. Sogar über 450 Gelehrte, die sich dagegen auflehnten, ließ er auf dem Marktplatz hinrichten. Unzählige ließ er hinrichten, die es wagten, über den Inhalt der verbotenen Bücher zu sprechen. Seine grausame Macht reichte bis ins kleinste Dorf. Wie hieß es noch: Wer einen Schuldigen nicht denunziert, wird in zwei Teile gehackt; derjenige, der einen Schuldigen denunziert, erhält die gleiche Belohnung wie der, der einen Feind in der Schlacht köpft.[4]Was hatten die Menschen da noch für eine Wahl? Besonders die einfacheren Menschen, die keine Bildung besaßen? Ich hörte, dass Qin Shihuáng wohl mehr als 2.000.000 Menschen hat hinrichten lassen. Oder sie sind durch die Zwangsarbeit gestorben. Ich kann nur hoffen, dass alle zukünftigen Herrscher unseres Volkes dieses brutale staatliche Vorgehen als grausames Mahnmal sehen! Ich kann nur hoffen…“

Der Schüler und Sohn Hanaskea meinte: „Das rücksichtslose Streben der Qin führte zum schnellen Untergang. Die Qin-Dynastie hat ja nun glücklicherweise ein Ende gefunden. Krank war Qin Shihuáng und verrückt! Attentaten entging er knapp. Das steigerte seine Angst vor dem Tode und vor bösen Geistern, die ihn verfolgten. Er opferte und betete auf allen hohen heiligen Bergen, um die Geister gütig zu stimmen. Ich hörte, dass er versuchte, ein Elixier der Unsterblichkeit von einer fernen Insel zu bekommen. Als die Schiffexpedition nicht wiederkam, er hätte sie garantiert alle getötet, befehligte er Heiler, ihn unsterblich zu machen. Dabei führte gerade das zu seinem Ende.“

Meister Choi sagte: „Das einzige, von dem ich sagen kann, das sich bei der Einigung als sinnvoll erwies und das Zusammenleben nun vereinfacht, sind die neuen Straßen, die einheitlichen Münzen mit dem Loch zum Umhängen, die Vereinheitlichung der Gewichte sowie der Längen- und Hohlmaße und die einheitliche Schrift. Doch all dies diente dem Gottkaiser nur dazu, vollkommene Kontrolle auszuüben. Er sah es nicht als guten und sinnvollen Dienst am Volke. Das Volk behandelte er wie ein Stück Dreck ohne Gefühle. Bei Vergehen wurden einfach Körperteile abgehackt…“

Hanaskea schüttelte sich. Er merkte, wie ihm bei diesem Thema übel wurde und sagte:

„Vater, Meister Choi, lasst uns über ein erfreulicheres Thema sprechen, wir sind weit weg von Staat, Politik und Ungerechtigkeiten.“

Meister Choi sagte: „Ja, Recht hast du. Möge der jetzige Staat von Han das ausführen, was er verspricht. Jetzt hat Han die Ideen der Anhänger der Schule der Gelehrten staatlich anerkannt. Diese Ideen eines gut funktionierenden Staates des hohen und von mir so geschätzten Meister Kong[5] werden dafür sorgen, dass die Grundlage einer Regierung auf der Unterstützung durch die Bevölkerung und das rechtschaffene Handeln des Herrschers beruht… Mögen sie auch wirklich die Menschen rechtschaffenes Handeln lehren, damit diese nicht in materielle Verstrickungen geraten und die Ungerechtigkeit von neuem ihren Lauf nimmt!“

„Ich war erschüttert von diesen Worten. Jetzt verstand ich, dass sie von dort aufgebrochen sind in diese Richtung, denn sie hörten von der reinigenden Wirkung dieses heiligen Berges im Lande ZhangZhung, um sich zu sammeln, um wieder zurück zu sich zu finden, zur inneren Ruhe. So, wie ich hörte, war es allerdings der alte Meister Choi, der diesen Weg gehen wollte und sein Sohn konnte und durfte ihn nicht allein ziehen lassen. Um sicherzugehen, befragte Meister Choi dasYi Jing[6], das große Weisheitsbuch der Wandlungen, und zählte die Schafgarbenstengel nach dem vorgegebenen Ritual. Es sandte gute Zeichen mit 49, Feuer unter dem See, für sein Vorhaben. Entschlossenes Handeln würde zu neuer Ordnung führen, eben auch eine örtliche Veränderung, eine Reise. Auf dieser Wanderschaft würde er das finden, wonach er suchte. Einen rechten Partner des Vertrauens sollte er noch suchen, doch die Entscheidung war in diesem Moment schon gefallen, dass dies kein anderer als sein Sohn sein sollte. Und den rechten Zeitpunkt solle er wählen und dann mutig und entschlossen tun, was getan werden muss, um eine neue Ordnung zu finden. Der rechte Zeitpunkt war gekommen, denn sein Sohn hatte weder Frau noch Kinder und war daher frei, mit ihm die Reise, die sich über einen längeren Zeitraum ziehen würde, anzutreten.

Ich flog rasch eine Runde, damit auch ich wieder Luft holen konnte. Von oben sah ich Ushlaran, den Bön-Priester, vom südlichen Herbergstempel zwei Mönche verabschieden, die Richtung Süden weiterzogen. Gleich darauf sah ich ihn mit einem Yak-Nomaden sprechen, der sich mit seiner kleinen Herde auch nur kurz dort aufhielt, um dann weiterzuziehen.

Ich sah dieGruppe der zwei Frauen und dem Jungenmit den fünf Pferden, die aus der Richtung des Maurya-Reiches kamen, über den Gurla La-Pass, wo sich ein schreckliches Ereignis abgespielt hatte, von dem ich später berichten werde. Auch sie müssten es schaffen, vor dem Unwetter den südlichen Herbergstempel zu erreichen.

Ich sah von der anderen Seite kommend, und bei ihnen könnte es sehr, sehr knapp werden mit dem Unwetter, die Familie aus Khyung Lung aus ZhangZhung. Die Alte, gTanobakt, die ich schon kenne, mit ihrer Tochter dGimra und deren kleinen Tochter auf dem Rücken, mit einem Yak und einem Kiang, einem Wildesel, im Schlepptau.

Ich sah den Jina[7]-Asketen in der Höhle sitzen und meditieren und sah noch eine Strecke vor ihnen den Mann der Alten gTanobakt, gKyr, der den Kang Tise nach Körperlängen umrundet. Ihn kenne ich auch schon seit vielen Jahren, doch ich sehe ihn das erste Mal den Kang Tise auf diese beschwerliche, aber sehr verdienstvolle Art umrunden.

Wenn sich die Wetterdämonen noch etwas Zeit ließen, könnte die Familie ihren Vater einholen und zusammen mit ihm den schützenden Herbergstempel erreichen. Aber das sieht alles sehr, sehr knapp aus. Noch ist für alle etwas Zeit. Noch sehe ich die dunklen, drohenden Sturmdämonen weit hinten.

Noch habe ich die Hoffnung, dass sie alle nun bald in der südlichen Herberge eintreffen werden. Rechtzeitig, so alle Götter, Geister und Dämonen und ich es wollen.

Mir bleibt also noch etwas Zeit, von den beiden Männern aus Luoyang aus dem Staate Han weiterzuerzählen. Jetzt wurde nämlich das Thema richtig spannend. Fast alles war neu für mich, noch nie gehörte Worte, sodass auch ich alles um mich herum vergaß. Ich begleitete also wieder die beiden Männer. Dank ihrer intensiven Unterhaltung nahmen sie den beschwerlichen Weg und den doch recht kalten Wind nicht so recht wahr. So hörte ich, wie der Schüler und Sohn Hanaskea, der junge Mann mit sehr weißer Haut und einem langen schwarzen Zopf unter seinem Hut, meinte:

„Auch wenn ich es schon mehrere Male gehört habe, sei es von dir, sei es an der Schule der Gelehrten, so gibt es doch immer etwas Neues für mich. Etwas, das wieder eine Erkenntnis reifen lässt, wenn du mir von den Lehren des großen Meisters Kong erzählst. Als besonders weiß ich zu schätzen, dass du mir nie einen Vorwurf gemacht hast, dass ich zur Schule des Tao gewechselt bin, um die Lehre des großen Meisters Laozi zu studieren. Ich bin von beiden zutiefst beeindruckt. Von jedem auf seine Art.

Mein Interesse am Staat hält sich doch in Grenzen, dafür findet das Interesse am Volk, am Menschen an sich bei mir noch mehr Beachtung und, wenn ich ehrlich bin, auch das Wesen in mir selbst.

Dennoch, Meister Kong hatte sehr umfassende, interessante, präzise Ansichten, ich nenne es eine menschliche Strategie, was den Staat betraf. Sein Ziel war ein sattes Volk, das durch seinen gesättigten Bauch zufrieden war und von sich aus dann dem Herrscher folgt. War es nicht so, ganz vereinfacht gesprochen?“

Meister Choi sagte: „Im Prinzip ist es so. Doch erschrick nicht, wenn ich es bin, der dir von jetzt an ein paar Fragen stellen wird. Ich werde in die Rolle des Schülers schlüpfen. Du wirst dir den Mantel des Meisters umhängen. Wir sind hier an einem sehr kraftvollen Ort. So will ich dein Verständnis zu dem Erlernten durchleuchten. Wir holen das an die Oberfläche, was du wirklich weißt. Durch bloßes Auswendiglernen wird dein Glanz nur für kurze Zeit aufblitzen. Tiefes Wissen jedoch wird dich fortwährend in einem weisen Licht erstrahlen lassen!“

Hanaskea holte gerade tief Luft, um einen Versuch des Protests zu starten, doch eine Handbewegung seines Vaters und Meisters duldete keine Widerrede, sodass er sich seiner neuen Rolle widerspruchslos fügte.

„Wenn hier durch das Beschreiten dieser Kora, der Umrundung dieses heiligen Berges, die innere Reinigung möglich ist, wie der Mönch uns erklärte, so will ich erkunden, ob du bereit bist und den Weg und den Sinn oder das Tao, im Leben erfahren wirst oder erfahren kannst. Und ob du nach den vielen gegangenen Schritten nicht vergessen hast, wie es sich um Recht und Sitte verhält.

Bevor wir mit dem großen Meister Kong beginnen, will ich dich fragen, warum eigentlich verläuft unsere Reise in diese Richtung?“

Der Schüler Hanaskea schluckte einmal, atmete kurz durch, lächelte und antwortete:

„Wir waren auf der Suche nach dem paradiesischen Ort, den unsere Vorfahren im Kunlun-Shan, dem Kunlun-Gebirge sahen. König Mu Wang aus der Zhou-Dynastie reiste vor achthundert Jahren dorthin und entdeckte im Kunlun-Shan den Jade-Palast, in dem Huáng Di, der große Gelbe Kaiser vor 2.500 Jahren residiert hatte. Wir haben erkannt, dass dieser Ort, nachdem wir ihn gesehen hatten, wohl kein irdischer Ort gewesen war, vielleicht aber einfach auch jetzt nicht mehr zu sehen und einfach verschwunden war, da die Zeiten sich änderten. Nicht eine einzige wahre Spur konnten wir finden. Nicht einmal einen Stein. So erkannten wir, dass es sich wohl eher um ein goldenes mythisches Reich unserer mythischen Vorfahren gehandelt haben muss, deren großer Geist die Herrscher auch heutzutage wieder erhellen lassen sollte. Im Staate Han ist man ja bemüht.“

Meister Choi fragte: „Was war wohl das Wichtigste im Leben aus der Sicht des großen Meisters Kong?“

Hanaskea antwortete: „Es war die Bildung. Die Bildung ist die Wurzel der Persönlichkeit. Dazu zählen die Tugenden Sittlichkeit, Rechtschaffenheit, die Weisheit, die Aufrichtigkeit und die gegenseitige Liebe. Ganz den deinigen hohen Werten, geschätzter Vater und Meister. Zudem Gleichmut und das Streben nach Harmonie. Als das Wesen der Sittlichkeit seien die Würde, die Wahrhaftigkeit, die Weitherzigkeit, die Tüchtigkeit und die Güte noch von großer Bedeutung. Meister Kong besaß eine große Menschenkenntnis. Sein oberstes Ziel von allem war die Ausbildung zu einem moralisch einwandfreien Menschen, den er als den Edlen schätzte. Edel könne jeder werden. Jeder, der im Einklang mit der Harmonie des Weltganzen lebte. Meister Kong stieß mit seinen Ideen in der Politik oft auf Interesse, doch scheiterte es an der Fähigkeit der Verantwortlichen, dies umzusetzen. Daher setzte er all seine Energie in die Ausbildung, in die Errichtung der Schule der Gelehrten. Er übte sich in Geduld, indem er meinte, allzu schnellen Ruhm und Erfolg solle man nicht suchen, sondern eine Basis schaffen für alle nachfolgenden Generationen – und dies mit großer Sorgfältigkeit. Das rechte Verhalten stelle sich ein, wenn der Mensch bescheiden, ehrfurchtsvoll und bestrebt sei, tüchtig zu sein.“

Meister Choi ließ sich bei all seinen Antworten nichts anmerken, weder, ob etwas fehlte, noch, ob ihm etwas besonders gut gefiel. Hanaskea ließ sich darauf ein.

Meister Choi fragte: „Was genau darf ich unter seiner Lehre verstehen?“

Hanaskea antwortete: „Der Himmel, Gott, bestimmt die Ordnung, die die Natur hervorbringt. Der Mensch ist Teil der Natur. Des Menschen Aufgabe ist es, nach dieser Ordnung zu streben, welches den Menschen zu einem edlen Menschen werden lässt.

Entsprechend des Himmels Ordnung ist die Sitte die Ordnung auf Erden, damit die Menschen zur Ordnung des Himmels und damit zu Glück und Frieden finden.

Der Weg über die Bildung führt zur Einsicht in die höhere Ordnung und die Sitte ist das Gesetz des Himmels auf Erden. Dieses Gesetz, das jedes Verhalten eines jeden Menschen an jedem Standort zu jeder Gelegenheit festlegt, hat Meister Kong seinen Schülern weitergegeben. Womit seine Schüler natürlich auch in die große Ordnung eingewiesen wurden. Damit die Schüler dies verstanden, gab er sich alle Mühe. Doch so manches Mal war er gar verzweifelt, da er erkennen musste, dass nur die wenigsten Menschen dazu in der Lage waren, dies zu verstehen und dies in der Folge auch anzuwenden. Die einen waren zu töricht, die anderen zu klug oder zu tüchtig. Die Sitte hilft jedoch, den Menschen zu erziehen, auf dass er sich von den Tieren unterscheidet…

Meister Choi unterbrach: „Welche darf man als die fünf Sitten der Gesellschaft bezeichnen?“

Hanaskea antwortete: „Die Festsitten, die Trauersitten, die Gastsitten, sie Heeressitten und die Glückwunschsitten.“

Meister Choi fragte: „Die Sitte – was gibt es weiteres zu berichten, um sie zu verstehen?“

Hanaskea antwortete: „Die Sitte ordnet das ganze Leben wie die Natur es vorgibt. Unsere weisen Urkaiser hatten uns dies vorgelebt. Deren Wissen hat Meister Kong aus alten Schriften erneut zusammengetragen, damit es in seiner Zeit und in allen kommenden Zeiten als Grundlage dienen kann. Auch nach seinem Tod haben seine Schüler diese Klassiker ergänzt oder eben seine weisen Worte schriftlich festgehalten…“

Meister Choi unterbrach: „Ich will dich nicht verwirren, Meister, aber es kommen stets neue Fragen auf. Aus einer Antwort entstehen viele neue Fragen. Von welchen Werken sprichst du, die man als die „fünf Klassiker“ bezeichnen darf?“

Hanaskea antwortete: „Es ist das Yi Jing, das Buch der Wandlungen, das große und sehr alte Buch der Weisheit, das zu Orakelzwecken benutzt werden kann, da es die Welt in vielen Facetten beschreibt. Es sieht die Veränderungen als gegeben an, ebenso wie die Ausgewogenheit der Gegensätze, die durch Yin und Yang, dem weiblichen und männlichen Prinzip, durch Erde und Himmel eingeteilt sind.

Es ist das Shu Jing, das Buch der Urkunden, einer Sammlung aus Gesetzen und Erlassen, aus Ansprachen, Dialogen, Ratschlägen, Unterweisungen, Erklärungen, Reden, Ernennungen, Befehlen von König und hohen Beamten an die Untergebenen und natürlich vielen Kommentierungen.

Es ist dasLi Ji [8], das Buch der Riten, der Sitten und Gebräuche, das das Verhalten bei Hofe und das Verhalten eines Menschen auf dem Weg zu einem edlen Menschen festhält, so, wie es Meister Kong gelehrt hatte. Sowie alle Regeln eines menschlichen Lebens überhaupt bis hin zum rituellen Kult, um die Ahnen zu ehren. Dieses Buch ist erst aus neuerer Zeit und wird noch immer ergänzt.

Es ist das Chunqiu, die Frühlings- und Herbstannalen, eine Chronik des Herzogtums Lu über einen Zeitraum von über 350 Jahren, die er von seinem Standpunkt der Sitte und Gerechtigkeit kommentierte. Mit großem Geschick versteckte er darin eine Anleitung zu gutem Regieren. Besonders dieses Buch übt zurzeit großen Einfluss auf unseren Staate Han aus, was Hoffnung keimen lässt, doch…“

Meister Choi unterbrach: „Die eigene Meinung ist keine Antwort auf eine Frage nach Gegebenheiten!“

Hanaskea antwortete: „Das ist richtig. Es bliebe noch das Buch der Lieder, das Shi Jing, eine Sammlung von sehr alten Volksliedern, Festliedern, Kriegsliedern, Liebesliedern, Weihegesängen und Staatshymnen.“

Meister Choi fragte: „Das Buch der Lieder – was hat es mit der Musik auf sich? Welche Rolle spielt sie für Meister Kongs Lehre über die Sitte?“

Hanaskea antwortete: „Musik war für Meister Kong etwas ganz Erhabenes. Die alte Musik – nicht die neue! Die war ihm ein Gräuel und ein sicheres Zeichen für den Verfall der Sitten. Er sah in Musik den Zugang zum Höheren, zur Harmonie des Kosmos. Musik besänftigt die Leidenschaften und trägt allein dadurch zur Vervollkommnung eines sittlich einwandfreien Menschen bei. Musik bringt Zusammenhang in gesellschaftliche Beziehungen.

Durch Sitte und Musik kann das Menschenleben rhythmisch gegliedert werden. Die Musik verbindet und fördert die Liebe, die Sitte trennt und fördert die gegenseitige Achtung! Die Aufgabe von Sitte und Musik ist es, die Gefühle der Menschen in Einklang und seine Äußerungen zur Schönheit zu bringen. Die Musik stammt aus dem Himmel, die Sitte formt sich nach der Erde. Wenn beides im Einklang ist, kann jedes Menschherz erblühen!

Auch jetzt bemüht sich der Kaiser aus Han, diese alte Musik durch das neue kaiserliche Musikamt wieder fest in die Gesellschaft und bei Hofe zu integrieren. Die wahre Tiefe der alten Musik erreichen sie jedoch nicht oder nur ansatzweise. Diese erzielte einst wohl kaum nachvollziehbare Klänge durch verschiedenste Schlag-, Blas- und Zupfinstrumente in Verbindung mit Tanz und Darbietung, mit Bühnenbild, Stimme, Gestik und Mimik, mit dem Hintergrund der Natur, sodass der Zuhörer mittels dieser Musik mit der harmonischen Ordnung der Natur verschmolz.

Meister Choi lächelte für den Hauch eines Augenblicks versonnen und fragte weiter: „Du scheinst die Musik zu hören, obwohl kein Ton zu vernehmen ist.“

Hanaskea sprach: „Ich fühle die bescheidenen Mittel, die dem Menschen zu Verfügung stehen, um all dies um uns herum darin auszudrücken. Doch all dies spielt sich in meinem Kopfe ab. Ich stelle mir einen Ton vor, vor meinem inneren Ohr, und sehe das Bild eines Sterns vor mir oder ich höre mehrere Klänge und sehe den Ablauf einer ganzen Zeremonie. Das versteckt sich hinter der hohen Kraft der Musik. All dies jedoch befindet sich nur in meinem Kopf. Ich kann mich nicht einmal einen Schüler einer Guqin nennen, so wenig kann ich…“

Meister Choi winkte ab undfragte: „Nun fahre fort, was gibt es noch zur Sitte zu sagen?“

Hanaskea antwortete: „Die Sitte hat ihre Wurzel im Himmel, und auf der Erde erfüllt sie sich durch das Werk eines Heiligen.“

Meister Choi fragte: „Was ist wohl das Werk eines Heiligen?“

Hanaskea antwortete: „Ein wahrhaft Heiliger kann sich nennen, der als König auf Erden Frieden schafft. Dieser offenbart die Sitte auf der Erde und bringt damit die Welt, den Staat und die Familie in Ordnung. Er kann durch die Sitte Recht erkennen und Recht sprechen lassen, kann Götter und Geister als Gäste empfangen, Güte und Gerechtigkeit walten lassen und Willkür unterbinden. Arbeitet er zudem zusammen mit den Tüchtigsten und Fähigsten des Landes und hält er die Regierung stets in Ordnung, ist seine Stellung durch Respekt gesichert. In der Verehrung der Ahnen im Ahnentempel zeigt er seine Menschlichkeit und Gerechtigkeit. In Gegenwart der Ahnen waren alle Beziehungen der menschlichen Gesellschaft geheiligt.

Durch die Opfer an die Erde waren ihm Gedeihen und reicher Segen sicher.

Für die Ordnung der Regierung wirkte er im Einklang mit den Göttern und Geistern, gestaltete schöpferisch wie Himmel und Erde und bildete somit die Dreifaltigkeit mit Himmel und Erde.

Es heißt: ‚Ein gütiger und milder Fürst ist Vater und Mutter des Volks.’ Und die ganze Welt sieht der Heilige als seine Familie, wo er selbst den Staat als seine Person sieht. Er muss die Menschen verstehen, ihre Gefühle kennen und sie entsprechend lenken, auf dass auch sie ihre Pflichten kennen. Er muss auf ihre Belange eingehen, Streit schlichten, die Wahrhaftigkeit fördern und Eintracht untereinander pflegen. Und er geht die neun Pfade, um ein Weltreich zu führen durch die Pflege der Person, die Ehrung der Würdigen, die Liebe zu den Nächsten, Achtung vor den höheren Würdenträgern, Verständnis für die Menge der Beamten, väterliche Liebe zum geringen Volk, Heranziehung der verschiedenen Arbeiter, Milde gegen die Fremden und das liebevolle Gedenken an die Lehensfürsten. Er fördert und belohnt das Gute und schreckt durch Bußen und Strafen das Böse ab. Das Böse vertilgt er, noch bevor es sich zeigt, und stärkt somit die Ehrfurcht des Volkes. Der Heilige hat die Wahrheit gefunden und erkannt.“

Meister Choi fragte: „Wie steht es um die Wahrheit?“

Hanaskea antwortete: „Der Heilige, der die Wahrheit hat, trifft das Rechte ohne Mühe, erlangt Erfolg ohne Nachdenken, wandelt mit selbstverständlicher Leichtigkeit auf dem Weg von Maß und Mitte.

Des Himmels ist die Wahrheit, des Menschen die Suche nach der Wahrheit. Nach der Wahrheit forschen heißt beharrlich sein. Dann wird er an Stärke gewinnen und mit Klarheit alles erkennen. Er beginnt beim Kleinsten, dies mit der Wahrheit zu durchdringen, das heißt, seinen wahren Kern zu ergründen. Über das Erkennen der Wirklichkeit folgen Sichtbarkeit und Klarheit und aus dieser heraus kann Bewegung und Veränderung erfolgen, eine Wandlung, ein Umgestalten. Daher kann nur einer, der die höchste Wahrheit erfahren hat, wahrhaft etwas umgestalten, denn er tut dies im Sinne der Unerschöpflichkeit des Himmels. Dieser Heilige kann aus seinem Wissen heraus die Zukunft deuten und die Vorzeichen bei Orakeln erkennen.

Der Heilige, der nicht nur sich selbst vollkommen macht durch vollkommene Menschlichkeit, denn er vereint selbstlos alle Tugenden in sich, sondern auch die Außendinge durch ihre Weisheit, besitzt alle Geisteskräfte des Wesens, um das Äußere und Innere zu vereinigen. So vereint er Himmel und Erde zur Unendlichkeit.“

Sie gingen ein paar Schritte schweigend, dennoch schienen sie nichts um sich herum wahrzunehmen.

Meister Choi fragte: „Wie verhielt es sich mit der Gerechtigkeit?“

Hanaskea antwortete: „Mit seiner Lehre von Maß und Mitte wollte Meister Kong die bestehenden Missstände im Staat verbessern. Ja, man kann sogar sagen, er wollte die Welt verbessern! Er vertrat eine eigene Form von Gerechtigkeit…“ Hanaskea merkte, wie Meister Choi eine Augenbraue hob, also beließ er es von nun an auf wertende Bemerkungen seinerseits und versuchte, wertfreie oder eben die Lehre des von seinem Vater zuhöchst geschätzten Meisters Kong vertretenen Antworten zu geben: „Gerechtigkeit war ihm ein großes Anliegen. Er sagte, dass, wenn es um Bildung ginge, die Stammesherkunft nicht zählen würde. Also nahm er auch Niedergestelltere in seine Schule auf sowie Fremde und Unbekannte. Damit stellte er den Grundsatz auf, dass alle Menschen gleich wären, was natürlich im korrupten Hofstaat der Könige und Fürsten nicht umzusetzen war. Dazu fehlte allein schon der entsprechende Herrscher, der die Fähigkeiten eines Edlen bereits mitbrachte oder zumindest starken Willens war, dies zu erfüllen.“

Die Augenbraue senkte sich wieder zugunsten eines kurzen Nickens. Das war das Zeichen, dass derlei Bemerkungen wiederum vollste Zustimmung fanden. Nun gut.

Hanaskea fuhr fort: „Meister Kong ordnete alles, denn um die Ordnung, die menschliche Ordnung als Abbild der göttlichen Ordnung drehte sich bei ihm einfach alles. So sah er es auch beispielsweise bei den Beziehungen unter den Menschen. Der Sohn war dem Vater untergeordnet, das Volk dem Herrscher und die Frau dem Manne.“ Hanaskea hüstelte. Wahrscheinlich dachte er gerade an die eben erwähnte eigene Form von Gerechtigkeit des Meisters Kong, nach deren Vorbild auch sein Vater die Rolle seiner Mutter gesehen hatte. Es war eben nicht alles wirklich gerecht „An der Schule des Meisters Kong bildete er seine Schüler zu Hofbeamten aus, auf dass sie die gelernten Werte in ihrem Amt zum Einsatz bringen würden oder entsprechende Ratschläge erteilen könnten. Das Verhältnis zu seinen Schülern war ein außerordentlich gutes. Er selbst wollte unbedingt korrigiert werden, wenn ihm einmal gedanklich Fehler unterliefen. Er sagte, auch er könne dadurch stets weiterlernen. Diese Regel übertrug er auch ins Familienleben, wo der Sohn an seinem Vater mit freundlichen Worten unbedingt Kritik üben sollte, wenn es erforderlich war.

Er stellte also Regeln für das Verhalten in der Familie auf und für das Verhalten der Herrschenden zum Volke.“

Meister Choi unterbrach: „Kann ich von diesen Regeln etwas wissen? Nur ein paar Beispiele, damit ich mir eine Vorstellung davon machen kann. Erzähle mir etwas von den Regeln der Herrschenden.“

Hanaskea antwortete: „Ich beginne bei der Erziehung des Himmelssohnes, wie wir den Kaiser auch nennen. Gerade da war es wichtig, früh mit dem Einstudieren der Regeln bei Hofe zu beginnen, damit diese gefestigt waren. Unterricht und Aufgaben hatten Vorrang vor Lieblingsspeisen und Lieblingsbeschäftigungen. Er hatte nur rechte Männer um sich versammelt. Seine Schulen standen in den vier Himmelsrichtungen, die er nacheinander besuchen musste, um alle gesellschaftlichen Regeln zu erlernen: Über die Unterschiede von Alter und Jugend, die Abstufung zu den Verwandten, das rechte Einsetzen von Gnade, Tüchtigkeit und Tugenden, die unterschiedlichen Stufen des Adels und der Geringeren und das entsprechende Verhalten, um Achtung und Respekt zu erlangen. Danach folgte die Unterweisung in dem rechten Weg über die rechte Ordnung durch einen Meister. Wurde ihm dann der Hut zum Manne verliehen, bekam er einen Aufpasser an seine Seite, der alle Fehler aufzeichnen musste, unter Todesstrafe für dessen Unterlassen. Ich meine natürlich Todesstrafe für den Aufpasser.

Mit dem Tode wurde dieser auch bestraft, wenn er versäumte, den Thronfolger durch Essensreduzierung zu bestrafen.

An einer Flagge, an einer Stange, einer Trommel konnten Ratschläge, Verbesserungsvorschläge und Kritik seitens der Regierung abgegeben werden. Ein Beamter überbrachte regelmäßig Worte und Gewohnheiten des Volkes. So konnte der Thronfolger die Entwicklung der Herrschaft seines Vaters verfolgen.

Als Herrscher zeigte er allein schon durch die Begrüßung der Frühlingsmorgensonne und des Herbstabendmondes, dass es Unterschiede gibt, die zu beachten sind. Und um zu zeigen, dass alles seinen Rhythmus hat, wurde jeder Schritt, den er fuhr oder ging, durch Glöckchen oder klingende Jade-Anhänger begleitet. Musik ertönte auch, wenn das Essen abgeräumt wurde oder wenn er über das Maß gegessen hatte. Da kam ein Schreiber, schrieb es auf, ein Sänger trug es vor und drei Herzöge lasen es nochmals vor, sodass das Essen künftig reduziert werden würde und der Himmelssohn ein weiteres Mal von Unrecht verschont bliebe.

Er hatte stets Beamte hohen Ranges um sich, die jeden Schritt kontrollierten und die vier Berater in den vier Himmelsrichtungen: den Rat, den Stärker, den Helfer und den Warner. Ein Himmelssohn kannte also die Sitten und Rechte, die Regeln der Würde und des Anstandes, er kannte die Urkunden, Lieder und die gehobene Musik, natürlich nach den klassischen Schriften. Er war stets freundlich zu seinen Eltern und kannte das rechte Verhalten bei Beerdigungen und die rechte Ehrergiebigkeit beim Opfer. Er war zuverlässig und stets vorsichtig im Handeln, wahrhaft bei Lohn und Strafe, reich an Geisteskraft und stark im Wandel. Großmeister, Großlehrer und Großschützer waren verantwortlich für sein Verhalten. Niemals durfte er sich gehen lassen, niemals nachlässig sein, sich ewig würdig verhalten und seine Frau unter den Ehrfürchtigen und Liebevollen auswählen. Auch ihr Verhalten stand für jede Zeit ihres Atmens…“, Hanaskea hüstelte, „…unter einer vorgeschriebenen Ordnung. Ebenso die Melodien, die sie hören durfte oder das Essen. Besonders als werdende Mutter galten zusätzlich besondere Regeln zur Erziehung bereits im Mutterleib…“

Meister Choi unterbrach: „Welche Opfer sind von großer Bedeutung?“

Hanaskea antwortete: „Es sind vor allem die königlichen Ahnenopfer und die Ahnenopfer der entferntesten Ahnen der Dynastie im Ahnentempel östlich des Palastes. Westlich des Palastes wurden die Land- und Kornopfer dargebracht. Auf dem runden Altar im Süden vor der Hauptstadt wurden die Opfer für den Himmel vollzogen. Im Norden wurden auf dem Landesaltar durch Opfer der Erde gedacht.

Im Frühling wurde ein Widder geopfert, im Sommer ein Hahn, in der Jahresmitte ein Stier, im Herbst ein Hund und im Winter ein Schwein.

Die Geister der himmlischen und irdischen Naturordnungen wurden durch das von der Musik erregte Gefühl herbeigerufen als Zeichen, dass Frieden auf Erden herrscht und die Verbindung zum Himmel besteht.“

Meister Choi fragte: „In welche Richtung blickt der Lebende?“

Hanaskea sprach: „Er blickt nach Süden, Meister… Vater. So hat der König auch stets seinen Thron im Norden stehen, damit er gen Süden auf das Volk blicken kann.“

Meister Choi fragte: „Wo liegt das Haupt eines Toten?“

Hanaskea sprach: „Das Haupt liegt nach Norden gerichtet.“

Meister Choi fragte: „Die Summe dessen, was dir jetzt zu Meister Kongs Lehre einfällt, kannst du mir diese nennen?“

Hanaskea antwortete: „Von dem Willen des Himmels, hängt alles auf Erden ab. Also muss ein Edler auch diesen Willen aufs Genaueste kennen und diesen in sich verinnerlicht haben, damit er sich in seinem Tun und NichtTun danach richten kann. Er muss die Schönheit verstehen, deren Rhythmus das Leben bestimmt, und der Erscheinung Halt geben durch die Form deren Vergänglichkeit. Somit zeigt er, dass er die Natur der Dinge akzeptiert und versteht. Und so versteht er den Menschen und sein Verhalten und kann diesen durch sein Wort entsprechend führen.

Die Grundgesinnungen der Sitte sind Liebe und Ehrfurcht. Die Harmonie der Seelenstimmung, ein tiefes, wohlgestimmtes Gemüt, Maß und Mitte in allen Äußerungen und stets dem Rechten folgen, sind nach Meister Kong die Regeln des Anstandes, die moralisch binden, so, wie auch die Kreisläufe in der Natur durch Bindungen und Abhängigkeiten ihren dauerhaften Bestand haben. Und er sah sich als der vom Himmel Berufene, wie lange zuvor die großen Kaiser der Vorzeit, die ihre Ideale ebenfalls vom Himmel erhielten, um dieses Erbe der Vergangenheit über einen tugendhaften, moralisch und sittlich einwandfreien Menschen, auf die Erde unter die Menschen und die Nachwelt zu bringen. Die Spitze dieses Gebildes war der Herrscher, der dem Taiji, dem Nordstern, glich, der Kraft seines wahren Wesens an stets der gleichen Stelle weilt, während alle Sterne ihn umkreisen.“

Meister Choi fragte: „Was nennst du selbst die Summe seiner Lehren, kannst du mir dies sagen?“

Hanaskea antwortete: „Wer gegen den Himmel sündigt, in welcher Form auch immer, der hat niemand, zu dem er beten kann.“

Meister Choi fragte: „Auf was muss ein König achten, wenn er einen Beamten einstellt. Kann ich davon etwas wissen?“

Hanaskea antwortete: „Er muss auf äußere Merkmale achten und auf die innere Gesinnung. Bei der Auswahl sei er sehr vorsichtig und gewissenhaft. So beachte er dessen Wahrhaftigkeit, prüfe dessen Gesinnung nach Substanz, nach Gleichmut, Gedanken, Bestechlichkeit, seiner Ruhe und dessen geordneten Sinn. Dann schaue er über das Äußere auf seine Mitte, um aus dem Sichtbaren auf das Verborgene zu schließen und betrachte dessen Erscheinung durch den rechten Blick hinter die Gefühle. Daher beachte er aufmerksam das Verborgene und suche die Heuchlerei. Schließlich prüfe er seine Geisteskräfte. Wenn der Beamte ein gütiges Herz hat, einen weiträumigen Willen, er bescheiden ist und echt, fügsam und zuverlässig, er sich wahrt, er auf dem rechten Weg ist, gewissenhaft, ehrerbietig und ein aufrichtiger Freund, so ist er von wahrhaft edler Gesinnung. So prüfe er dessen Auge, denn dieses ist der Ausdruck der Gesinnung und er prüfe das Wort, welches seine Handlungen andeutet.

Meister Choi fragte: „Du sprachst den Edlen schon an – woran kann man einen solchen noch erkennen, darf ich das wissen?“

Hanaskea antwortete: „Der Edle ist ein Mensch mit vornehmen Charakter. Der Edle ist ein Mensch, der alles von sich fordert, nicht so wie der Geringe, der alles von den anderen fordert. Die Harmonie ist ihm wichtig, und nicht die Gleichheit. Der Geringe strebt nach Gleichheit und nicht nach Harmonie. Der Edle ist vor allem ehrfürchtig, am meisten vor sich selbst, da er weiß, dass er von seinen Eltern abstammt und diese ehrt er.

Die Ehrfurcht vor sich selbst zeigt sich darin, dass der Edle stets die richtige Ausdrucksweise hat, auf dass alle ihn genau verstehen, und seine Handlungen das rechte Maß haben. Dann nämlich braucht er keine Befehle zu erteilen, denn das Volk wird vor ihm ehrfürchtig sein. Damit erfüllt er die Kindespflicht und hilft seinen Eltern zur großen Vollkommenheit, indem er ihnen durch sein Wesen alle Ehre gibt.

Der Edle weiß sehr gut zu unterscheiden, ob ein Mensch in seinem Wesen mit den Worten übereinstimmt, die er spricht. Er lässt sich durch schöne Worte nicht täuschen und erkennt dahinter stets dessen wirkliche Fähigkeiten. Ebenso verhält es sich, wenn ein Geringer ein gutes Wort spricht, so erkennt er auch dieses und nimmt es an. Der Edle kann sehr gut in anderer Menschen Gesellschaft verweilen und weiß sich dort angemessen zu benehmen; weder wird er zu gemein noch übertreibt er oder drängt seine Meinung anderen auf und hat dennoch ein selbstbewusstes und umgängliches Auftreten.

Der Edle vertraut stets auf das Gute im Menschen. Er erwartet nicht zuviel von ihnen. Er fördert die Menschen nach ihren Vorzügen und redet nicht über ihre Fehler.

Dies, so sagte Meister Kong, gehöre zum Pfad eines Edlen: Sittlichkeit macht frei von Leid, Weisheit macht ihn frei von Zweifeln, Entschlossenheit macht ihn frei von Furcht.[9]

Der Edle zeichnet sich aus durch sein Pflichtbewusstsein, seine Selbstlosigkeit, seine Gewissenhaftigkeit, seine Treue, seine Anmut und seine Bescheidenheit. Sein Herz ist nicht käuflich.

Er ist vollkommen, aber nicht engherzig. Er zeichnet sich aus in all seinem Sein und Tun durch seinen Weg der goldenen Mitte. Im Geiste unterscheidet er sich von einem Heiligen, denn er kann in Weiten reichen, die selbst der Heilige nicht erkennt. Wie ein Falke fliegt er in den Himmel, weiter als alle anderen, und wie ein Fisch taucht er zum Grund, tiefer als alle anderen. Somit erforscht er den Weg in allen Höhen und allen Tiefen.

Wie sagte doch Meister Kong: ‚Lieber Armut mit Anstand als Reichtum mit Gemeinheit. Lieber sterben in Ehren als leben in Schande. Wenn sich die Schande vermeiden lässt, so vermeide man sie. Wenn man sie nicht vermeiden kann, so sieht der Edle im Tod die Heimkehr.’ [10]Hanaskea hüstelte.

Meister Choi fragte lächelnd: „Was unterscheidet den Gelehrten von anderen?“

Hanaskea antwortete: „Der Gelehrte ist der Sanftmütige, der mit seinem Geist versucht, die Dinge zu ändern statt mit Gewalt.“

Meister Choi fragte: „Das Naturgesetz, was hat es mit diesem auf sich?“

Hanaskea antwortete: „Der Weg ist das Ziel und das Ziel ist die höchste Übereinstimmung mit dem Naturgesetz. Dann ist die Sitte erfüllt, dann ist Frieden. Das Naturgesetz stellt von sich aus den ewigen Kreislauf dar, dass alles sich im steten Wandel befindet, wie die Jahreszeiten, wie die Wandelzustände von Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser, Licht und Schatten, der Zyklus von Sonne und Mond, der Jahreszyklus, Tag und Nacht, die Zeiten und aus diesen resultieren alle Abläufe des Menschen.

Die Sitte wurzelt ursprünglich im Großen Einen, welches sich in Himmel und Erde teilt. Sein Wirken ist im Himmel über die Götter und Geister. Seine Offenbarung ist die Bestimmung auf Erden und der Mensch richtet sich mithilfe der Sitte nach seinen Offenbarungen in all den Kreisläufen der Natur.

Dadurch wird eine dauernde Versorgung mit allem zum Leben notwendigen gewährleistet, die Toten bestattet und geehrt und den Geistern und Göttern gedient.

Beispielsweise sollte ein Bergbewohner nach dem Gesetz der Natur daher nie an der See wohnen, denn seine Erfahrungen sind am Berg von Nutzen. Meister Kong selbst fing die Fische mit der Angel und nicht mit dem Netz, um nicht mehr zu fangen als er brauchte. Wenn er jagte, dann auch nie, wenn die Vögel noch im Nest saßen. Was zeigt, dass das eigene Verhalten sich stets im Einklang und Respekt der Natur gegenüber zeigen soll und man sich niemals über sie erheben sollte, denn dieses widerspräche der himmlischen Ordnung aufs Härteste!

Der Gebrauch von Feuer, Wasser, Metall, Holz, Speise und Trank richtet sich daher ebenfalls stets nach der Jahreszeit. Die Aufgaben für Männer und Frauen werden entsprechend verteilt, ebenso die Einteilung in die Ämter. Höchste Übereinstimmung wird auch durch die Verbindung von Musik und Sitte erzielt.

Der Natur fällt es nicht schwer, das zu tun, wozu sie gedacht ist. Himmel und Erde haben ihren Lauf und alles geht stets ineinander über und wechselt sich ab. Ein ewiger vollkommener Kreislauf. Der Mensch der in diesem Kreislauf die Verbindung von Himmel und Erde ist, ist umso mehr auch ein Teil dieses vollkommenen Kreislaufes.

Der Himmel ist das Schöpferische, die Erde das Empfangende. Der Himmel ist rund, die Erde ein Quadrat, denn das Runde steht für die Zeit und das Eckige für den Raum, um die Welt zu ordnen. Der Himmel selbst ist eine Hohlkugel und die Erde selbst ist rund. Die Menschen werden durch die Himmelskugel, Luft und Äther, auf der Erde festgehalten. Die Sonne legt täglich einen Grad am Himmelskörper zurück…“

Meister Choi unterbrach: „Ich merke, du könntest endlos weiter erzählen. Wenn ich all dieses höre, wird mir fast wehmütig ums Herz, so weit von unserer Heimat entfernt, doch noch nicht weit genug, um wieder zurückzukehren. Ich kann das bittere Erkennen des großen Meisters selbst nachfühlen. Es ist eine Schande, dass seine Ideen nicht mehr wirklich voll und ganz umgesetzt werden können. Nur eine sehr kurze Zeit fand er Gehör. Jetzt versucht man es wieder, nach der schlimmen Zeit des Qin. Ich kann nicht einschätzen, ob es ihnen gelingen wird, die großen Lücken, die durch Korruption und Machtmissbrauch entstanden sind, zu schließen. Diese Mächte sind zu stark und unser Land zu groß, so groß wie mein Misstrauen.“

Hanaskea antwortete: „Ja, Vater und Meister, die Lehre des Meisters Kong ist zu erhaben, als dass sie komplett in das System des Hofstaates und die Gemeinschaft des Volkes übertragen werden könnte. Doch sie ist so umfassend, dass sicher seine Ideen auch weiter in der Zukunft Anwendung finden und großen Einfluss haben werden. Für den gewöhnlichen Menschen ist es einfach zu anstrengend und schwer, sich Tag und Nacht nach allen Regeln der Riten, Sitten und Gebräuche zu richten. Es ist schwierig, selbst für einen Herrscher, der belesen und klug sein sollte, da es erfordert, dass er sich vollkommen in das höhere Gesetz, das Meister Kong über die weisen Urkaiser zusammengetragen hat, einlässt. Dieser Mensch müsste wahrhaft eine göttliche Erscheinung sein, um nicht nur selbst nach den Gesetzen zu leben, sondern auch alle anderen dazu zu bewegen, sich diesem Gesetz vollkommen hinzugeben. Den Nutzen sehen die meisten nur, wenn ihre Münzkette ordentlich klimpert, denn der Gewöhnliche sieht sein Eigentum, der sittliche Mensch hingegen liebt seine Seele.“

Meister Choi leitete auf ein neues Thema um: „Ich sehe, dass du wahrhaft zu trennen weißt. Deine Gedanken hältst du fein säuberlich heraus oder lässt sie so mit einfließen, dass sie mit dem Gesagten verschmelzen und ich es nicht zu fassen bekomme. So verhältst du dich schon selbst wie das Wasser. Wenn es auf einen Felsen stößt, versucht es, diesen zu umfließen, ohne jedoch sich selbst dabei zu verlieren.

Meister, darf ich nun wissen, was genau es mit dem Fluss des Wassers auf sich hat, damit auch ich mich besser zurechtfinde und mich leichter im Fluss der Zeit treiben lassen kann. Einerseits habe ich das Gefühl, nicht so recht vorwärts zu kommen und andererseits meine ich, selbst ein Felsbrocken im Fluss des Lebens zu sein.“

Hanaskea antwortete und ließ seine Überraschung unbemerkt. Dieser ungewohnte Rollentausch und nun die als offen zu bezeichnenden Worte seines Vaters verhießen eine spannende Umrundung dieses Berges. Dessen Energien schienen offensichtlich zu diesen neuen Wandlungen beizutragen und ebenso offensichtlich auch zu Hanaskeas eigener Ausstrahlung. Dieser kleine freche Drachen, der sich die ganze Zeit auf seiner Schulter tragen ließ und weder flog, noch sich auf die Lasttiere setzte, damit er auch ja nichts verpasste; dieser kleine rote Drache jedenfalls fing plötzlich an zu leuchten von seinem Hals aus, so etwas habe ich noch nicht gesehen! Drache, ha… ja… viele kenne ich…! Alle Farben, Größen und Formen, aber leuchtend… nein! Das gab es hier noch nie! Das musste eine ganz neue Art sein, sehr modern… Das könnte mir auch gefallen, so leuchend über die hohen Schneeberge zu segeln und das, bei meiner Größe…

„Das Wasser ist das Weichste auf Erden und es überwindet das Härteste. Sieht man das Harte, ist das Wasser sanft, weich, schwach, niedrig, biegsam. Es kann aber dennoch das Harte besiegen. Es fließt hinab durch Täler, um sich mit dem Meer zu verbinden. Das Fließen des Wassers beschreibt als Bild am besten das Tao. Es ist das, das allem innewohnt und alles durchfließt. Es ist nicht die Energie – doch – es ist die Energie, aber auch das, das diese Energie, ohne dass man sie jemals sehen kann, lenkt. Es ist die Bewegung und es ist der Stillstand. Es ist so, wie es ursprünglich für jedes Ding gedacht ist. Egal, ob es das Feuer ist, die Luft, die Steine, die Pflanzen, die Tiere oder der Mensch, alle sind sie inmitten eines Kreislaufes, der scheinbar gesteuert wird, doch ohne bevormundende Kontrolle. 

Es entspringt einer Ordnung, die unvorstellbar groß ist, dass sie einen verwirren kann. Doch diese verwirrenden Abläufe zu verstehen, darum geht es nicht. Es geht um das Sein, das tatsächliche Sein, das sich hinter allem verbirgt. Es ist das höchste Gesetz ohne ein Gesetz zu sein. Wie das Wasser des Flusses ist es stets in Wandlung und nicht einen Augenblick gleich, doch bleibt dies immer das Wasser, so, wie das Tao stets das Tao bleibt. Es fließt, weil alles aus sich heraus fließt, durch seine Anlagen.

Unsere Flüsse spiegeln am besten unser Leben wider: Je mehr sie eingeengt werden, je mehr sie umgeleitet werden, je mehr sie begradigt werden, je mehr sie den eigenen egoistischen Ansprüchen angepasst werden, desto weniger haben sie Raum, um sich auszudehen, desto weniger können sie sich wehren, desto weniger können sie sich selbst reinigen, desto kranker werden sie. So, wie sie mit den Flüssen umgehen, gehen sie auch mit den Menschen um und dem Leben an sich.“

Meister Choi fragte: „Das scheint mir vom Tao weit entfernt, sehe ich das recht?“

Hanaskea antwortete: „Das ist wahrhaft weit vom Tao entfernt! Doch gehen wir vom besten Zustand aus:

Alles ist so, dass es in einem Miteinander, Nebeneinander, Umeinander existieren kann, stets im rechten Maße und stets in der rechten Mitte. Das Tao ist der Weg zurück, zurück zur rechten, von der Natur zugesprochenen Mitte, und von dort ist es das Tor zum Himmel, zum Höchsten Sein.

Mitte und Maß sind der innere Leitfaden in jedem Ding, und natürlich auch in jedem Lebewesen, damit es in der Welt des Sichtbaren und der Welt des Unsichtbaren existieren kann. Dieser innere Leitfaden ist das Kleine und es ist die Verbindung zum Höchsten, zum großen, unsichtbaren, unfassbaren Leitfaden der Welt; vom kleinsten inneren Wesen zum höchsten äußeren Wesen. 

Es ist der Mittelpunkt des Kosmos, der Mittelpunkt des Seins und es ist inmitten von uns. Es ist die Hülle des Kosmos, die Hülle des Seins, die Hülle von uns. Es füllt den Raum des Kosmos, den Raum des Seins, unseren Raum. Doch wenn man es sehen will, so kann man es nicht direkt sehen, man kann nur die Erscheinungen wahrnehmen. Es ist für sich leer, nicht wandelbar. Es ist als Einziges unzerstörbar. Raum und Zeit sind unendlich, sich stets wandelnd im Kreislauf des Yin und Yang, im Kreislauf der Natur und des Lebens.

Wenn man die Erscheinungen wegdenkt und nichts mehr ist, das man wahrnehmen kann, dann kann man es, das Tao, in seiner Wahrhaftigkeit wahrnehmen.“

Meister Choi fragte: „Das Leben, wenn es so schön ist, kann man es wahren?“

Hanaskea antwortete: „Tod und Vergänglichkeit gehören zum Kreislauf der Natur, zum Kreislauf des Lebens. Wer sein Ende verhindern will, der kennt das Gesetz des Kreislaufes der Natur nicht. Es ist gegeben, dass Leben und Tod einander abwechseln. Tod ist eine Art Heimkehren. Das Körperliche geht zurück zur Erde, denn es ist ein Teil der Erde und das Geistige geht zurück zum Himmel, denn es ist ein Teil des großen Himmelsgeistes. Erde und Himmel sind die wahren Wesen des Menschen. Wie sagte Liezi, Meister Lie:

Der Geist geht ein zu seinen Toren,

Der Leib kehrt heim zu seiner Wurzel,

Wie soll ich das dauern können?“ [11]

Lebt man im Einklang mit der Natur, innen wie außen, wird man sicher sein Leben nicht vor seiner Zeit beenden. Alles hat damit seinen Platz in dieser höchsten Ordnung der Natur, die in ihrer Gesamtheit nie gleich ist, obwohl sie doch die höchste Ordnung ist, alles umfasst und in allem enthalten ist.

Alles hat damit seinen Sinn, seine Bestimmung, sein Wesen, und dadurch seine Aufgabe in der Welt des Himmlischen und in der Welt des Irdischen. Das Tao offenbart sich durch das Wesen der Natur.

Alles fügt sich ineinander. Alles Leben, alles Sein, alles NichtSein, alles ist verbunden durch das Tao. Es ist eine Kraft, die keine Kraft ist, da sie auch ohne Kraft einfach IST. Auch im NichtSein IST es, das Tao. Überall. Es ist aber nicht der Stuhl, sondern es ist das, was den Stuhl ausmacht, und sich dann letztendlich in seinem Aussehen und Wirken offenbart.“

Meister Choi fragte: „Es offenbart sich auch im Menschen, ist es so?“

Hanaskea antwortete: „Es offenbart sich im Menschen, und es offenbart sich durch den Menschen – durch sein Wesen, durch sein Aussehen, durch seine Gedanken, durch seine Gefühle, durch sein Handeln und durch sein NichtHandeln, durch seine Ausstrahlung – und – eben durch seine Liebe, sein Glück und seinen Frieden offenbart sich seine innere Harmonie.

Vollkommene Harmonie, vollkommenes Glück, vollkommener Friede, vollkommene Liebe, das alles sind Ausdrucksformen des Tao, denn dann schwingt alles sanft durch den Leitfaden der Mitte. Der Mensch ist glücklich, wenn er in Harmonie mit allem lebt. Er erfährt höchstes Glück, wenn er alles in Liebe und Vertrauen loslässt.

Nicht das ewige Streben macht diesen Zustand aus, sondern das NichtStreben, das NichtEingreifen, das NichtFesthalten, das NichtWollen, eben einfach das NichtTun.“

Meister Choi fragte: „Was hat es mit dem NichtTun auf sich, darf ich das genauer wissen?“

Hanaskea antwortete: „Wu wei, das NichtTun, das Gegenteil vom Tun, was so viel bedeut wie NichtEingreifen. Wie Laozi auch einst feststellte, und darin waren er und Meister Kong sich einig, gibt es eine größte Ordnung, die allem innewohnt, im Himmel und in dessen Entsprechung auf Erden. 

Das NichtTun heißt nicht, dass ich faul und entschlusslos auf meiner Matte liege und alles um mich herum geschehen lasse. Es ist nicht die Trägheit, es ist nicht die Bequemlichkeit.

Im NichtTun tu ich, indem ich mich hingebe in tiefstem Vertrauen, in mein inneres Gespür, in meine Mitte, die mein Weg ist, eben in das Tao in mir. In dessen Einklang lebe ich und nicht dagegen.

Jedem Menschen wohnt ein eigener für ihn zugeschnittener Weg inne, sein eigenes Tao. Es ist eine Macht in uns, die unser Leben steuert, auf eben diesem Weg. Diese Macht kennt ihn haargenau und darauf vertraue ich, lasse mich durch nichts beirren und überlasse es dieser Macht, mich zu führen. Ich gebe mich dem Tao hin. Indem ich dies tue, tue ich nicht, denn ich überlasse das Tun der höchsten Macht, die mit meinem Inneren verbunden ist, die mein Innerstes ausmacht.

Indem ich mich diesem hingebe, vollkommen, bin ich eins mit meinem Inneren und mit dem Äußeren und ich bin mitten im Tao. Der Augenblick oder die Augenblicke werden zur Ewigkeit

Das ist das rechte Leben in seiner Ganzheit.“

Meister Choi fragte: „So kann ich das für die Zukunft planen und lebe im Tao, ist es so?“

Hanaskea antwortete: „Nicht in der Zukunft und nicht in der Vergangenheit, sondern im Jetzt ist das Tao, mit all meinen Sinnen, mit all meinem Sein, mit allem Sein der Erde und mit allem Sein des Himmels. Diese Augenblicke des Jetzt sind die Gegenwart und sind zugleich die Ewigkeit. Das Leben im Tao bedeutet das Sehen der Ewigkeit im Jetzt.

Das Wu wei, das Tun im NichtTun, sich mit dem Wasser fließen lassen, das Wasser selbst sein, alles seinen Lauf nehmen lassen, ohne es ständig zu bewerten, mit stiller Gelassenheit, ist die große Kunst des Lebens im Geist des Tao. Der Fluss des Wassers wird zum Fluss des Lebens. Der Fluss unseres Lebens, wenn wir uns dem Tao hingeben und von allen Bewertungen und Bindungen loslassen.“

Meister Choi fragte: „Kann man das schon frei sein nennen?“

Hanaskea antwortete: „Genau, frei ist der richtige Ausdruck dafür. Im Tao sind wir frei, denn es handelt und wir sind. Wir lassen geschehen. Wir beobachten, ohne zu werten. Wir beobachten die Steine, die Wolken, die Vögel…“

Da schreckte ich auf, denn er deutete tatsächlich in meine Richtung, entspannte mich aber gleich wieder, da ich sah, dass seine Augen durch mich durchsahen und kein Vogel weit und breit zu sehen war. Etwas in mir wünschte schon, wohl meine nicht zu leugnende Eitelkeit, wenigstens ein bisschen bemerkt und bestaunt zu werden. Doch das kam ja glücklicherweise noch, nur, dass ich dann abgelenkt sein würde und es mir dadurch nicht mehr wichtig war. Egal. Ich beobachtete jedenfalls die beiden Männer und den Drachen… Ohne Bewertung… Ob ich das schaffe… Ich bin ein Khyung…

„…Die Bäume – alles um uns herum beobachten wir – ohne Bewertung, einfach so, wie alles IST. Wir sehen den Wind in den Bäumen, sehen, wie die Natur sich stets verändert, Knospen, Blüten, Früchte, Ruhe, alles wandelt sich, nass, trocken, heiß, kalt, Familien, Liebe. Alles sehen wir, ohne Bewertung, ohne Anstrengung, in vollkommener Ruhe des Geistes. So ist es gut, das entspricht dem Tao.“

Meister Choi fragte: „Was ist mit den Gedanken, kann ich das Tao mit meinen Gedanken erreichen? Darf ich das erfahren?“

Hanaskea antwortete: „Die große Kunst des Tao ist die Leere. Es ist ohne Zeit, ohne Raum und – ohne Denken. Leere ist der Urzustand des Kosmos, in dem jedoch von Anfang an alles enthalten ist. In dem Augenblick, in dem wir die Gedanken hinausschicken und wir einfach SIND, überschreiten wir eine unsichtbare, hauchdünne Grenze und unser Geist ist ruhig, ganz ruhig. Es ist still, ganz still. Er ist leer, ganz leer – und voll. Denn – in dieser Leere des Geistes kann man hören, in dieser Leere kann man wieder sehen, wahrnehmen. Das ist der Zustand des wahren SEINs. Das ist der Zustand des Tao.

Zhuangzi beschreibt es sehr anschaulich mit der verlorenen Zauberperle: Zhuangzi, dessen Sprache ich gleich einer Blume sehe. Zunächst, einer Knospe gleich, verhüllt, um sich dann Blütenblatt um Blütenblatt dem Leser oder Zuhörer zu öffnen in Zeichen, in Wort und in Bild. Er hat es geschafft, in der Sprache der Blumen zu sprechen und sein Wissen und seine Weisheit mittels dieser uns zu offenbaren:

Der Herr der gelben Erde wandelte einst jenseits der Grenzen der Welt. Er kam auf einen sehr hohen Berg und schaute den Kreislauf der Wiederkehr. Da verlor er seine Zauberperle. Er sandte Erkenntnis aus, sie zu suchen, und bekam sie nicht wieder. Er sandte Scharfblick aus, sie zu suchen, und bekam sie nicht wieder. Er sandte Denken aus, sie zu suchen, und bekam sie nicht wieder. Da sandte er Selbstvergessen aus. Selbstvergessen fand sie. Der Herr der gelben Erde sprach: „Seltsam fürwahr, dass gerade Selbstvergessen fähig war, sie zu finden!“ [12]

Meister Choi fragte: „Wenn ich denke, dann befinde ich mich doch im Jetzt, verhält es sich nicht so?“

Hanaskea antwortete: „Die Eigenart der Gedanken ist, dass sie stets einen winzig kleinen Augenblick hinterherhinken, daher sind sie bereits Vergangenheit. Um im Jetzt zu sein, gilt es wie in der Meditation, mittels welcher man das Bewusstsein verändern kann, sich von Gedanken frei zu machen. Dies ist möglich, indem man sich auf die Leere konzentriert. Durch Meditation kann man den Strom der Gedanken unterbrechen und den Geist lenken. Erst, wenn kein Gedanke mehr zu sehen ist, auch nicht der Gedanke der Leere, schwebt man in dem schwerelosen Raum des Geistes, im Tao. Dann ist man frei. Im täglichen Leben kann man dem Tao begegnen, wenn man ohne Absicht und Willen einfach IST.“

Meister Choi fragte: „Ohne Vertrauen ist es undenkbar, sich vollkommen dem Tao zu überlassen. Das verstehe ich. Doch wie ist es mit dem gemeinen Volk? Wie ist es mit dem Herrscher? Ohne ein Gesetz – wie soll da das Tao möglich sein?“

Hanaskea antwortete: „Wenn das Tao überall gelebt wird, dann sind Gesetze nicht nötig, denn jeder ist fleißig aus sich selbst heraus, jeder arbeitet aus sich selbst heraus, jeder lernt oder ruht aus sich selbst heraus. Niemand übertreibt und niemand lebt unter seinen Fähigkeiten. Jeder genügt sich selbst und braucht weder sich noch anderen etwas zu beweisen. Selbst Räubern wird das Rauben keinen Spaß mehr machen, denn der Obere zeigt ihm, dass jeder Verantwortung aus sich selbst heraus trägt. Daher wird auch dieser sich rasch seiner wahren Fähigkeiten bewusst werden und denen nachgehen, statt sich selbst mit Räuberei zu betrügen. Freude und Leid tragen und sich nicht ihnen hingeben, das ist die Kunst im Leben. Verlust und Sieg tragen, das ist die Kunst im Leben und nicht, sich diesen hinzugeben. So hält man den Sieg, weil man den Verlust überwindet. So hält man die Freude, weil man das Leid überwindet.

Nicht die Vollkommenheit in anderen Dingen suchen ist das Höchste, sondern Genüge im eigenen Selbst zu finden, das, so sagte schon Liezi, Meister Lie, der es selbst so weit gebracht hat, dass er sich mit seinem Körper von der Erde erheben konnte. Liezi, ja auch er war wie Laozi und Zhuangzi ein Zhenren, ein wahrer Mensch.“ Hanaskea lächelte seinen Vater von der Seite an und fügte hinzu: „Wie Meister Kong.“

Meister Choi sagte und fragte: „Zhenren, āi, āi, jaja. Doch was ist mit dem Besitz, denn Besitz mehrt der Mensch, wenn er fleißig ist?“

Hanaskea antwortete: „Der Mensch kann sich durchaus des Besitzes erfreuen. Der Unterschied ist, dass der Besitz ihn nicht besitzt. Er kann mit Freude geben und mit Freude nehmen, doch er zielt es nicht darauf ab und er erfüllt damit nicht einen Selbstzweck. Sieht er einmal, dass er einen Fehler gemacht hat, so schaut er sich diesen an. Doch dann verstrickt er sich nicht in endlose Grübelei, sondern belässt es so, wie es ist und wird durch sein stilles Erkennen, diesen Fehler nicht wieder tun. Indem er von diesem Fehler ablässt – ihn nicht einfach verdrängt. Das ist wichtig. Ihn ansehen, ganz genau – und ihn dann loszulassen. So findet das innere Selbst rascher eine Lösung. Denn er bewertet es nicht, auf dass es sich festsetzen kann. Nichts lässt er an sich festsetzen, auch keine Gedanken, die er für seinen Besitz hält, von keiner Richtung, so hält er sich frei und beweglich.

Meister Choi fragte: „Was ist mit Freude, ohne Gedanken, wie ist das möglich?“

Hanaskea antwortete: „Es ist etwas, das du einfach einmal ausprobieren kannst. Und du kannst es, denn es gibt viele Überschneidungen in unserem Denken. Tu es dem Edlen gleich. Wende dich dem Gesetz des Höchsten zu, und wenn du dich ihm zuwendest, lässt du in diesem Moment alle Gedanken an Recht und Sitte los. Dann kommst du auf den Weg, der dich frei macht, frei und ebenso edel – doch – ob du edel bist oder nicht, ist dir gleich, denn du siehst alles ohne Bewertung. Alles fällt von dir ab, alle Pflicht, alle Regeln, alle Etikette, jeder Anstand, alle Bindungen jeglicher Art, die dich auf der Erde festhalten. Dann erfährst du das Raumlose, Zeitlose, Gedankenlose – Freiheit, Leichtigkeit und unsagbares, grenzenloses Glück – und bist voller Lebensfreude und alles kann geschehen, wie es geschehen soll.

Meister Choi fragte: „Wie gut, dass ich die Gefühle noch behalten darf, wenn die Gedanken schon verbannt werden müssen; Liebe wäre doch sonst nicht möglich?“

Hanaskea antwortete: „Liebe ist möglicher denn je, denn Liebe ist bedingungslos. Liebe ist kein Besitz, kein Ding, das man tauschen kann. Du kannst dich ihrer erfreuen, aufs Tiefste, einfach, weil sie IST. Liebe kann nicht erzwungen werden, durch nichts und niemanden. Liebe kann erst wahrhaft wachsen durch loslassen. Ohne Abhängigkeiten. Gefühle sind wichtig, denn durch ihr Erkennen, kann der Mensch sich dem Tao nähern. Leugnet er sie, lässt er sich hinreißen, entfernt er sich. Der Mensch sieht sich die eigenen Sonnenseiten an wie die eigenen Schattenseiten. Die Ängste werden an die Oberfläche geholt, um sie dann loszulassen, damit der Weg zur eigenen Mitte wieder frei wird und damit der Weg zum Tao. Wie gesagt, aber auch dies, ohne es anzustreben, denn es wird kommen, einfach weil dies der Weg des Tao IST. Das vollkommene Loslassen, die vollkommene Hingabe, das Erfahren des Tao ist ein Gefühl des höchsten Glücks, der höchsten Liebe: schwerelos, hell, leuchtend, frei.“

Meister Choi fragte: „Für mich kann ich es mir vorstellen, für das Volk jedoch nur schwer. Aber es ist möglich, wenn es geleitet wird, denn woher sollten sie es sonst kennen?“

Hanaskea antwortete: „Die äußere und innere Unabhängigkeit ermöglicht es, im Tao zu leben. So gilt es loszukommen von jeglichem Besitz und von jeglicher Macht, um sich einzulassen in das tiefe Vertrauen der Natur gegenüber und das, was die Natur sich wandeln lässt, eben das Tao. Die Herrschenden zeigen dies dem Volk im NichtHandeln, damit das Volk sich wandelt. Sie zeigen es dem Volk in Stille, damit das Volk gerecht wird, ohne Gewalt, damit das Volk reich wird und ohne Begierden, damit das Volk einfach wird.

Oder wie sagte es einst Zhuangzi, dass es keinen Unterschied gäbe zwischen dem Pferdehüten und dem Regieren der Welt – man müsse einfach festhalten, was den Pferden schade.“

Meister Choi sagte: „Wenn das Volk erst edel ist, ist es wahrhaft leicht zu regieren. Doch was kann man tun, wenn die Zeiten und die Umstände einfach nicht die rechten sind?“

Hanaskea antwortete: „Wenn solche Zeiten und Umstände sind, und das Wirken des Tao auf breiter Ebene gänzlich unmöglich ist, dann verbleibt, dass man die Wurzeln tiefer treibt, um sie zu wahren, um zu warten in vollkommener Stille.“

„Meister, du bist wie ein wandelndes beschriebenes Bambusblatt, nein, wie eine ganze Sammlung Bambus-Faltbücher, so fest bist du in deinem Wissen, dass es mir ein Freude macht, dich weiterzufragen“, sagte Meister Choi anerkennend.

Hanaskea nahm es gelassen hin, weder mit Freude über diese erste Anerkennung seines Vaters und Meisters überhaupt noch mit einem eventuellen Unmut über das lange Frage-Antwort-Spiel, das wohl einer Prüfung glich. Er beantwortete ihm weiter und weiter jede Frage.

So gingen sie und sahen fast nichts von dem, was um sie herum war. Sie bemerkten nicht die plötzliche Kälte, den scharfen, eisigen Wind, bemerkten nicht den Sonnenschein, der eine Hitze brachte, dass sie eigentlich nur so hätten dahinschmelzen müssen. Sie bemerkten nicht die vorüberziehende Yak-Herde und den Mastiff, den Hirtenhund, der die Herde zusammenhielt und alles anbellte, das Gefahr für die Herde darstellen konnte. Normalerweise war mit diesen Hunden nicht zu spaßen, denn sie bissen ohne vorzuwarnen, doch durch ihren unbeirrten Gleichmut schienen sie die beiden Wanderer mit ihren Tieren nicht als potentielle Gefahr zu erkennen und ließen alsbald von ihnen ab. Jeden anderen, der sich so nah an die Herde gewagt hätte, hätte dieses bissige Tier sofort angefallen.

Sie sahen nicht die Horde Ye-Affen mit ihren langen Schwänzen an den Felswänden klettern, nicht die flinken Gazellen und nicht den in der Ferne vorüberziehenden Schneeleoparden. Sie nahmen keine Gefahr wahr und auch nicht die Schönheit und Tiefe dieser Kora. Solche Menschen habe ich hier in meinem ganzen Dasein noch nicht gesehen!

Dann schließlich sagte der Schüler Hanaskea seinen letzten Satz: „Nun ist all mein Wissen erzählt, ich habe es beim Laufen an die weiße Schneepyramide dort oben abgegeben. Ich fühle eine Leere in mir, die schöner nicht sein kann und ich weiß nun, dass alles, was ich in die Leere gebe, sie nicht füllen sondern die Leere nur noch vergrößern wird. Es fließt durch mich! Ich fühle mich wohl, mein Vater und Meister. Eigentlich bedarf es keiner Worte, um zu lernen, wenn wir nur unsere Augen öffnen!“

Meister Choi sagte: „Ich habe keine weiteren Fragen.“

Und seit diesem Zeitpunkt schwieg der Meister der Gelehrten.

Sein Sohn ging ebenso schweigend neben ihm. Der erste Moment war wie immer befremdend, da wartete er ein wenig ab, ob sich doch nach kurzer Zeit eine sprachliche Regung zeigen würde. Doch dann merkte er, dass sein Vater und Lehrer schon ganz in der Welt der Gedanken versunken war. Er bewunderte seine Fähigkeit, im Gehen in eine tiefe Meditation zu verfallen, wobei der Berg, die Höhe des Berges und die damit verbundene Nähe zum Himmel dies hier sicher unterstützten.

Hanaskea, der junge Mann mit sehr weißer Haut und schwarzen langen, zum Zopf gebundenen Haaren, ging daher auch seinen restlichen Gedanken nach. Vielmehr, er schaute sich diese Gedanken an und verabschiedete sich von ihnen. Einen Gedanken nach dem anderen schwebten sie davon, lösten sie sich auf, um so die volle Kraft dieses Ortes in sich aufnehmen zu können. Anfangs kamen noch Gedanken wieder hoch über das Gesagte, über ihren Weg, und über das, was wohl kommen würde.

Immer mehr gelang es ihm, einfach so, alle Gedanken davonfliegen zu lassen, als seien sie Vögel, die lange in einem Käfig eingesperrt waren und nun endlich in die lang ersehnte Freiheit fliegen konnten.

Als sie alle frei waren, spürte er, dass die Leere leicht war, leicht und weit und hell. 

Und so kam die Leere über ihn.

Das Gefühl für ihn war, als würde er auf einmal nicht mehr selbst gehen, als würde er getragen.

Er ging lächelnd und fühlte das Lächeln der Gegend um sich herum, fühlte sich verbunden mit ihr, mit jedem Stein und jedem Sandkorn, mit jeder Pflanze und jeder Ameise, mit den Yaks und den Wolken, mit allen Geistern, Göttern und Dämonen, mit der Weite des Himmels – und mit der kristallenen Spitze dieses heiligen Berges.

Er sah mich. Im selben Augenblickt löste mein Bild sich wieder auf, mit allem, was mich umgab.

Er hatte sich selbst aufgelöst.

Er hatte alles um sich herum aufgelöst.

Er war tief beglückt und ein paar Tränen offenbarten ihm das Unfassbare als fassbar, das Unbegreifliche als begreiflich, das Unsichtbare als sichtbar, das Unerkenntliche als erkenntlich und das Nicht-Wahrzunehmende als wahrnehmbar, wahrer denn je.

Geborgenheit, Glückseligkeit und tiefe Wonne breiteten sich in ihm aus.

Er fühlte, dass er IST.

Früher, gestern noch, rief er bei den kleinsten Anzeichen dieses Gefühls sofort: ‚Meister, Vater, Meister, Meister! Das ist es! Ich verstehe jetzt!’ und sein Meister und Vater antwortete stets ‚Wenn du verstehst, warum schreist du so?’“

Der Khyung nickte zufrieden: „Jetzt versteht Hanaskea, er ist die tiefe Ruhe selbst, er ist angekommen und braucht keine Bestätigung mehr.

Das sehe ich ihm an – welch ein schönes Gesicht. Welch eine schöne Erscheinung geht dort unten! Auch für mich sind solche Menschen ein wunderschöner Anblick und Wohltat für die eigene Geisterseele.

So sind sie unterwegs, ohne ein Wort zu wechseln. Meister Choi, in sich gekehrt, weil er nachdachte, Hanaskea, ohne ein Wort zu denken, denn es war so, wie es war. Es gehörte zum Fluss des Seins. So denken sie, die Männer aus dem fernen Staate Han.

Doch ich bin sicher, sie werden die Kora, die Umrundung dieses Berges, irgendwann noch einmal beschreiten. Dann, wenn sie auch deren tiefen Sinn verstehen möchten und sich von Anfang an auf diese Art der inneren Reise einlassen. Obwohl ich sehe, dass es auf der Erde wohl unzählige Möglichkeiten gibt, den tieferen Sinn des Lebens zu ergründen und darin aufzugehen, wie ich es soeben bei Hanaskea beobachten durfte. Und es beweist die Kraft des Berges, dass dies eben, auch nachdem sie diesen Pass überstiegen hatten, geschehen konnte.

Die Überquerung des Dölma La war die schwierigste und wichtigste Stelle bei der Umrundung des Berges, da es die höchste Stelle der Kora ist. Ein beschwerlicher, steiler Aufstieg führt zu diesem Pass, mit immer kalten Temperaturen und oft mit Schneestürmen und schmerzenden Winden. Die beiden Männer aus Han schienen die Geländestufen hinaufzusteigen und den Pass zu überqueren, ohne ihn wirklich wahrzunehmen. Das ist bemerkenswert! Einige schon haben an diesem Ort ihr Leben gelassen, denn das Wetter, die Höhe und die Klu kennen hier kein Erbarmen.

Hier, bei der Überquerung dieses Passes, wacht die weibliche Gottheit Dölma oder Tara.  Sie entstand einst aus den Tränen des Bodhisattvas Avalokiteshvara, die dieser aus Mitgefühl mit dem Leid aller Wesen vergoss. Bodhisattvas sind diese wundervollen selbstlosen Wesen, die, bevor sie selbst ins Nirvana eingehen, immer wieder zur Erde wiederkehren, um auch anderen Wesenheiten zu helfen, aus dem Kreislauf des Leides, aus dem ewigen Kreislauf des Lebens, den endlosen Reinkarnationen, eben aus dem Kreislauf des Samsara auszusteigen.

Avalokiteshvara, der große Bodhisattva des universellen Mitgefühls, beschützt langsam aber sicher das ganze Schneeland. Avalokiteshvara im Aspekt der Tara, sie ist die beim Überqueren Helfende, die Retterin, die Befreierin und es geht nicht nur darum, diesen Pass zu überwinden, sondern vielmehr darum, zur anderen Seite des Pfades der Erkenntnis zu gelangen. Sie ist es, die die Neugeborenen empfängt. Sie geleitet sie hinüber zu ihrer Wiedergeburt, durch das Überschreiten des Passes. 

Auch zuvor legten Meister Choi und sein Schüler sich unten beim Leichenacker Shiva-tsal nicht regungslos hin und starben einen symbolischen Tod, um ihr altes Leben hinter sich zu lassen und legten daher auch kein äußeres Zeichen auf den Leichenacker, eine Haarlocke, ein Stück Stoff oder einen Tropfen Blut.

Sie drängten sich nicht durch den Fels mit seinem tunnelartigen Durchgang, dem Dikpa Karnak, die Prüfung des Karmas, die Prüfsteine der Seele, das Maß der Sünden. Denn nur ein Mensch frei von Sünden passt durch diese Höhle. Ein sündiger Mensch bleibt stecken, egal wie dick oder dünn er ist.

Sie verehrten den Felsen der Dölma auch nicht, denn sie kannten ihn nicht und nahmen die Fähnchen und zugeschneiten Opfergaben auch nicht wahr.

Sie hatten kein Problem, den schmalen Pfad, der in kürzester Zeit zugeschneit war, zu finden.

Sie gingen einfach, und gingen.

Sie sahen beim Abstieg nach dem Pass nicht einen der vier unveränderlichen Nägel, die Buddha, als er den Berg mit seinen 500 Arhats, den Heiligen oder Würdigen, die nach dem Erreichen des Nirvana nicht mehr wiedergeboren werden, im Boden verankerte, damit der Berg nicht wegfliegen konnte. Der Berg ist nämlich eigentlich federleicht. Zudem wollte er ein für alle Mal verhindern, dass Dämonen den Berg wegtragen konnten, wie sie es schon versucht hatten. Von ihren Seilen entstanden tiefe Rillen im Felsgestein an der Nordwand des heiligen Berges. Welch ein Glück, dass Buddha das abwenden konnte!

Sie sahen auch nicht die völlig andere Landschaft, die sich danach vor ihnen aufgetan hatte: das kräftige Grün der Wiesen und den Berg des Medizin-Buddha, an dessen Felswänden heilkräftige Steine zu finden waren und vor ihnen die verschiedensten Heilkräuter.

Sie sahen nicht die Regenbogenstrecke und nahmen sich auch keine kleinen farbigen Felsbrocken mit.

Selbst als sie den Weg begonnen hatten, hatten sie den besonderen goldgelben Farbton des Sandes nicht in sich aufnehmen können, natürlich weil sie währenddessen unaufhörlich gerdet hatten.

Sie waren nicht einmal niedergefallen, als sie den heiligen Berg hinter den ganzen Felsvorsprüngen sichteten. Meister Choi nahm einfach nichts um sich herum wahr, redend oder schweigend. Ich könnte sie als hoffnungslosen Fall bezeichnen, doch die letzte Strecke schien sein Sohn seine Augen wieder für die Schönheit auch im Äußeren zu öffnen. Er fand sie über den Weg durch sein Inneres.

So begeht jeder Mensch auf seine eigene Art diesen Pfad um diesen Weltenberg.

Die Gruppe mit den beiden Frauen und dem Jungen gehen die Kora um den Berg Kang Tise, den sie als Berg Meru sehen, das Zentrum des Universums, das Zentrum eines Welt-Mandalas, der Nabel der Welt, Quelle des Lebens. Ihm entspringen vier Flüsse, die Fruchtbarkeit und Leben im Überfluss bringen, überall dort, wo sie hinfließen. So steht es schon in den alten heiligen Schriften des Wissens, den Veden, geschrieben. Der Indus, der im Norden des Kailash aus dem Löwenmaul entspringt, der Sutlej im Westen aus dem Elefantenmaul, im Osten der Yarlung Tsangpo aus dem Pferdemaul und im Süden der Karnali aus dem Pfauenmaul.

Die drei aus dem Land der Maurya und einem noch entfernteren Land gehen in tiefer Verbundenheit mit den Göttern und mit Buddha. Sie befinden sich in einer ganz andersartigen Welt als die Männer aus Han. Beide Frauen sind Buddha zugewandt, doch wie auch dieser einst, so leben sie in den gesellschaftlichen Strukturen, die einst von dem alten Kult der Brahmanen, der Priester, geprägt wurde. Und dieser wiederum wurzelt in dem großen Wissen der vedischen Schriften der Weisen der Vorzeit. Veda, das bedeutet soviel wie Wissen.

Der Berg Meru vereint Himmel und Erde und ist der Thron von Shiva und Parvati, die diese große Vereinigung symbolisieren. Parvati ist die Tochter des Himavats, der Verkörperung des unvorstellbar großen Gebirges um den heiligen Berg Kang Tise und des ganzen Schneelandes. Shiva, der Gott der Zerstörung und Erneuerung, gehört zu der Dreiheit der Götter, den Drei Gestalten, zusammen mit Brahma, dem Schöpfergott und Vishnu, dem Erhalter. Alle drei ergänzen einander. Sowohl Shiva als auch Vishnu tragen jeder ihre gegensätzlichen Aspekte in sich. Shiva trägt also ebenso den erhaltenden und Vishnu ebenso den zerstörenden Aspekt. Shiva, Vishnu und Brahma stehen mit den fundamentalen Prinzipien des Kosmos in Verbindung. Sie drücken die kosmische Kraft aus, Brahman. In ihrer Einheit werden sie zu einem Gott mit drei Köpfen und sechs Armen. Die Hände tragen jeweils einen Wasserkrug und eine Gebetskette des Brahma, Wurfscheibe und Muschel des Vishnu sowie Dreizack und die kleine Doppeltrommel des Shiva.

Doch alle drei Götter können nur in ihre volle Kraft gehen, wenn sie in Verbindung mit ihren göttlichen Gemahlinnen sind, so wie Shiva die Göttin Partvati, die mütterliche Gottheit in ihrem sanften, lebensspendenden Aspekt oder auch mit Durga, ihrem kriegerischen und zerstörenden Aspekt, hat Brahma die Göttin Sarasvati als weibliche Seite, die Göttin der Kunst und Wissenschaft, und Vishnu die Göttin Lakshmi als Göttin des Glücks, des Reichtums und der Schönheit. Die weiblichen Gottheiten verkörpern die göttliche Energie, die Shakti, ohne die die Götter ihre Funktion nicht erfüllen können.

Shiva und Parvati in ihrer Vereinigung werden zu Ardhanarishvara, welche die Einheit von beiden ausdrückt.

Dazu fällt mir ein kurzes Gespräch ein, das ich zur Erklärung noch hier einfügen möchte.

Der Bön-po Ushlaran fragte Salana aus dem Reich der Maurya:

„Wenn ich eben unterbrechen darf, ich möchte nur einmal des Verständnisses halber nachfragen: Shiva tritt, wie du eben sagtest, in sehr gegensätzlichen Aspekten auf. Zudem gilt er als Meister von Entsagung und Askese. Auf der anderen Seite sieht man ihn oft in Vereinigung mit seiner göttlichen Partnerin Parvati. Dies ist an sich ein Widerspruch. Sicher ist dieses nicht so zu bewerten?“ Salana erklärte ihm daraufhin:

„Es ist das Zeichen seiner hohen Göttlichkeit, denn er schafft es, das für uns Menschen widersprüchliche Verhalten weise aufzunehmen und über den Bereich der Welt in den Bereich des Himmels zu übertragen, vor allem in der Vereinigung mit Parvati, mit ihrem Aspekt vereint als Einheit durch die Verschmelzung.

Auf dem Berg Meru und damit hier auf diesem Berg Kang Tise sieht man oft auch die ganze Götterfamilie sitzen: Shiva und Partvati zusammen mit ihren Kindern Ganesha, einem elefantenköpfigen Kind, und Karttikeya. Karttikeya wurde aus dem Ganges geboren, als Shivas Samen in den Fluss fiel, da die Götter die äonenlange Liebesverbindung zwischen Siva und Parvati unterbrachen. Karttikeya wurde der Kriegsgott, der die Welt vor dämonischen himmlischen Wesen retten sollte, die die Welt tyrannisierten. Man sieht ihn oben mit seiner ganzen Ausrüstung auf einem Pfau reitend, mit Pfeil und Bogen und seinem heiligen Speer, der aus Teilen der Sonne gefertigt wurde. Mit diesem Licht-Speer vernichtet er die Feinde der Unwissenheit und kämpft für die Erlangung der Erlösung, Moksha.

Ganesha, einst ein kleiner Junge, von Parvati aus eigener Kraft erschaffen, wurde als Wächter vor die Tür seiner Mutter gesetzt. Er versperrte daher Shiva die Tür, als er eintreten wollte, doch dieser schlug dem Kind den Kopf ab. Als er merkte, dass es sich um Parvatis Sohn handelte, ließ er sofort von seinen Dienern einen Kopf des ersten Lebewesens, das sie sahen, bringen und setzte diesen dem Kind wieder auf. Seitdem hatte Ganesha einen Elefantenkopf. Er gilt als Herr der Scharen und Entferner der Hindernisse. Viele lieben ihn, denn er symbolisiert auch Weisheit und Intelligenz und bietet Schutz. In den Pujas, den Gottesdiensten, beten viele ihn an, wenn sie für ihren Weg oder eine Unternehmung Glück brauchen. Das erste, das in ein neues Haus kommt, ist eine kleine Statue von Ganesha, denn er segnet das Haus, segnet den Neuanfang und bringt Glück.“

So teile ich meinen Berg mit vielen, mit allen Göttern, Geistern und Dämonen, die die Menschen sehen. Es ist zu manchen Zeiten ein reges Kommen und Gehen. Ein Reich für sich allein zu haben ist auch schön, aber langweilig. Wenn Frieden ist unter den Menschen, ist auch Frieden in der geistigen Welt und jeder kann seine ihm angedachte Funktion ausüben, wie und wann er mag.

Die kleine Gruppe mit den beiden Frauen und dem Jungen umwandern ihren Berg Meru, diesen heiligen Berg Kang Tise, in welchem sie wegen dessen Form den ShivaLingam sehen, den Phallus des Shiva. Shiva, der Gott der Zerstörung und Erneuerung, der die unerschütterliche und absolute Bewusstseinskraft des Universums symbolisiert und stets in Form eines Lingam verehrt wird. Die Umrundung selbst sehen sie als Zeichen der Yoni, des weiblichen Geschlechtsorgans und versinnbildlicht die Vereinigung mit der weiblichen Kraft der Shakti, der göttlichen Kraft oder Energie.

Sie erhoffen, durch diese rituelle Umwanderung große religiöse Verdienste zu erlangen, die ihnen in diesem Leben und im nächsten Leben mehr Glück im Sinne der Lehre des Buddha verspricht.

Die Familie aus ZhangZhung, die momentan ebenso die Kora beschreitet, kennt diesen Pfad. Es ist der Pfad, den bereits ihre Ahnen gegangen sind. Sie kennen die Götter, die Geister, die Dämonen, die hier wohnen und gehen, um sie zu ehren und sie für sich und ihre Familie wohlzustimmen. Für sie ist der Berg das Zentrum von ZhangZhung und damit der heilige Thron ihrer Gottheiten. Sie gehen seit Anbeginn links um den Berg herum, alle anderen entgegengesetzt. Sie nennen den Berg auch Yundrung Gutseg oder seit noch nicht langer Zeit Kang Rinpocheköstliches Schneejuwel.

GShen-rab mi-bo [13], ursprünglich aus dem Land Olmo Lungring, auch Shambhala oder das weite Land der Überlieferung genannt, hatte die Lehren des Yungdrung-Bön vor vielen tausend Jahren auf die Erde gebracht. Vor etwa 1.600 Jahren stieg er ein einziges Mal aus seinem himmlischen Reich auf die Erde hinab, hier auf den Weltenberg Meru, den Kang Tise. Hier zu seinen Füßen manifestierte er sich in dem Körper eines jungen Prinzen von ZhangZhung. Er untersagte alle blutigen Tieropfer und lehrte die Menschen die Lehre des rDzogs-chen, die über den Weg des Mitgefühls mit allen Wesen den direkten Weg zum Urgrund des Seins eröffnet. Unter ihnen sind wahre Meister im Umgang mit den sichtbaren und unsichtbaren Bereichen, mit Himmel und Erde.

Der Jina-Asket, der jetzt in der Höhle nahe der südlichen Herberge sitzt und meditiert, hat auch den heiligen Kang Tise umwandert, für ihn der heilige Ashtapada, und erhält dafür großen spirituellen Lohn. Er hatte sich schon lange vor Beginn seiner Pilgerreise intensiv durch fasten und meditieren darauf vorbereitet. Er isst nur einmal täglich und hat kein Pferd oder ein anderes Lastentier zur Hilfe. Er ging von seinem Heimatdorf aus zu Fuß und schlief stets direkt auf dem nackten Boden. Sein Essen besteht aus Brennnesselsuppe, die ihm alle wichtigen Stoffe zur Erhaltung seines Lebens liefert. Es ist immer wieder ein Wunder, wie diese Asketen, nur mit einer dünnen weißen Kleidung vor Kälte geschützt, und meist nicht mehr als noch einer Decke, diese Kora, ohne Schaden zu nehmen, überstehen! Welch hohe geistige Einstellung! Ich schwanke stets zwischen Sorge, einem Kopfschütteln und aufrichtiger Bewunderung.

Rishabha, der erste spirituelle Führer der Anhänger des Jina, hatte einst vor langer Zeit auf dem Ashtapada geistige Befreiung erlangt. Rishabha war der erste Tirtankara oder Furtbereiter, wie die Jina die Mittler zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt, zwischen Himmel und Erde, nennen.

Mahavira, der 24. Furtbereiter, begründete wie Buddha fast zur gleichen Zeit eine eigene Lehre. Auch er verließ seine Familie im Alter von fast 30 Jahren und zog sich zurück in Berge und Wälder, um zu meditieren. Nach zwölf Jahren kehrte er zurück und verkündete seine Lehre, um das bestehende System zu Gunsten aller Lebewesen zu verändern. Durch seine Erleuchtung wurde er fortan als Jina, als Sieger, benannt, und so nannten sich ebenso seine Anhänger. Sie fallen durch ihre weiße Kleidung auf oder eben auch durch ihre Nacktheit, denn manche von ihnen entsagen sogar der ganzen Kleidung. Sie sind einfach in Luft gekleidet.

Sie halten die Götter für nicht unsterblich und diese hätten auch nicht das Universum erschaffen, so sagen sie. Die Götter seien lediglich Lebewesen, die auf einen höheren Bewusstseinsstand gelangt sind. Für sie zählen allein die Worte und Taten ihrer Heiligen, den Tirtankaras.

Sie kennen zwei Prinzipien, das Geistige und das Ungeistige. Bewegung, Ruhe, Raum, Stoff und Zeit zählen zum Ungeistigen. Die unzählig vielen Seelen zählen zu dem Geistigen. Alles aus Stoff ist beseelt, Menschen, Tiere, Pflanzen, Wasser… Ursprünglich ist jede Seele rein und wird durch das Karma verunreinigt. Dadurch kommt es zu dem Kreislauf der Wiedergeburten. Ziel ist es, das Karma zu reinigen, um so geistige Erlösung, also Moksha, zu erlangen, in den Himmel aufzusteigen und dort in Ruhe zu verharren, was so viel bedeutet wie das Nirvana zu erreichen.

Dies schaffen sie durch eine sittliche Lebensweise, durch Enthaltsamkeit, Meditation, Selbstdisziplin und Askese. Dabei müssen sie die Einflüsse alles Ungeistigen überwinden, welches auf die Seele einwirken könnte.

Das Wichtigste ist ihnen, gegenüber keinem Lebewesen – nicht einmal einer Ameise gegenüber – Gewalt anzuwenden. Daher kehren sie oft den Weg vor jedem Schritt, den sie tun, und manche tragen ein Tuch vor dem Mund, um kein Insekt versehentlich zu verschlucken und damit zu töten. Sie leben das Prinzip von Ahimsa – von Gewaltlosigkeit, von Barmherzigkeit und der Wertschätzung des Lebens und Achtung vor dem Leben in jeder Form. Ahimsa ist die oberste Regel der Jina. Die Gewaltlosigkeit bezieht sich auf alles, auf Gedanken, auf Worte und auf alle Handlungen. Niemand wird zu Gewalt ermutigt, in welcher Form auch immer. Fürsorge und Liebe sind die obersten Werte.

Wenn ein Anhänger der Jina in ZhangZhung ist und in einer unserer unzähligen Höhlen meditiert, geselle ich mich gern in seine Nähe. Für jedes Wesen, egal welches, ist es ein Segen, neben solch einem Menschen zu sitzen!

Diese Kora um diesen von so vielen Menschen unterschiedlichen Glaubens verehrten Berg zu gehen, ist nach alledem auch für jedes mitgehende Tier, ob Yak, Pferd, Kiang oder Esel, ein Segen, denn sie können sicher sein, dass ihnen nun eine Wiedergeburt in einer höheren Lebensform sicher ist.

Für die beiden Männer aus dem fernen Han und ihre Tiere ist es nun nicht mehr weit bis zum südlichen Herbergstempel.

Sie begegnen keinem Menschen, kommen an niemandem vorbei, an keinen Yakherden und keinem Askethen, der in irgendeiner Höhle sitzt und meditiert. Die Höhlen erkennt man nicht immer von weitem, doch vor manchen stehen kleine aufgeschichtete Steinpyramiden als kleine Abbilder dieses mächtigen und heiligen Berges Kang Tise. Höhlen gibt es hier unzählige.

Die Region vonZhangZhung ist von Höhlen durchzogen, in denen die Menschen hier leben. Manche dieser Höhlen geben Nomaden für eine Zeit Schutz, die sie je nach Jahreszeit nutzen, um dann weiterzuziehen. Weiter im Westen gibt es ganze Höhlensiedlungen, große, kleine, an den Berghängen, die sich hinunterziehen bis zu einem Fluss oder Bach. Dort befindet sich sogar ein Höhlenschloss, dem überaus prächtigen Silberpalast des Khyung, mir zu Ehren, Khyunglung Ngulkar Karpo, die große Festung so mancher ZhangZhung-Könige mit einer riesigen Höhlenstadt. Dort haben viele Höhlen noch Vorbauten aus Holz mit schönen Holzschnitzereien und Malereien. Die Täler zu den Bächen oder Flüssen hin sind grün und durch Bewässerungsanlagen mit Reis und Getreide, Gemüse und Früchten bewirtschaftet. Wie abgeschottet von der Welt liegen diese Höhlen allein, um vor Übergriffen geschützter zu sein als an anderen Stellen in ZhangZhung und im ganzen Schneeland. Nicht nur die Erde selbst scheint hier die dort lebenden Menschen zu schützen, sondern auch die Wälder ringsum, die einen Blick von weitem verhindern und auch von nahem ist so mancher an den steilen Abhängen umgekehrt, da er diese Gegend für unbewohnbar hielt.

Doch wie es mit der Zeit ist, ewig halten solche Flecken der Harmonie und des Friedens auf der Erde leider nicht, denn der Mensch bewegt sich in einem fort und früher oder später wird auch die letzte Idylle ausfindig gemacht – und zerstört.

Ich werde alles geben, um diese Orte hier zu bewahren! Wenn eine Zeit der Unruhe kommt und gar Zerstörung droht und es scheint, als sei nichts von der glanzvollen Zeit mehr übrig, dann werde ich trotzdem da sein! Ich werde in einer Höhle im Verborgenen warten und erst wieder herauskommen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Denn ich bin immer. Ich, der Khyung!

Nun wird es Zeit, denn das Unwetter naht. Wer wohl hat die Klu erzürnt, dass sie die Menschen mit einem Unwetter bestrafen und sie mit Wolkenknochen bewerfen wollen? Wenn sie Glück haben, die Menschen hier unten, haben sie niemanden erzürnt und die Götter und Dämonen bekämpfen sich nur wieder gegenseitig. Sie beschießen sich gern schon bei den kleinsten Streitigkeiten mit Wolkenknochen, oder Steinregen, wie manche diese starken Wurfgeschosse auch nennen, und können sich heftigen Schaden zufügen. Den Menschen nebenbei dann allerdings auch, wenn sie sich zufällig gerade in ihrer Nähe aufhalten.

Wenn ich mir dieses nahende Unwetter so ansehe, dann könnte nur noch ein Wettermacher helfen. Leider kann ich keinen richtigen Wettermacher hier in der Nähe ausfindig machen, obgleich ich die weiten und schweren Wege um den Berg mit den wenigen Pilgern kritisch beäuge… Es sind auch nur zwei Yakherden in meinem Sichtbereich unterwegs, deren Yak-Hirten sich sicher nicht mit Wetterbeschwörungen auskennen. Das könnte für alle unangenehm werden, wenn nicht sogar gefährlich! Die beiden Männer aus Han kennen sich darin ganz bestimmt ebenfalls nicht aus. Diese Männer würden es eher geschehen lassen, weil ein Unwetter für sie zum Fluss des Wassers dazugehört und ein Eingreifen nur noch mehr Schaden zur Folge haben würde.

Doch! Da sehe ich die alte Bön-Schamanin gTanobak! Sie müsste eigentlich das Wetter ein wenig beschwören können… Sie ist eine mächtige Frau, denn ein Schneeleopard hat seine Kraft auf sie übertragen. Sie trägt sein Fell. Sie kennt sich bestens aus mit den Kräften des Wassers in welcher Form auch immer. Sie haben die dunklen Wolken hinter den hohen Bergkämmen immer noch nicht bemerkt, denn sie gehen tief unten im Tal. Wenn sich die dunklen Wolken drohend über die Bergspitzen stülpen, dann werden sie sich beeilen müssen, um den nächsten Schutz zu erreichen, die südliche Herberge. Dort müsste sie dann sofort mit der Beschwörung beginnen. Einen spitzen Stab hat sie mit, den sie bei dem schweren Weg als Stütze benutzt, das sehe ich. Das ist das wichtigste Werkzeug beim Wetterbeschwören.

Auch wenn die bedrohliche Wolkenfront noch etwas entfernt ist, sorge ich mich dennoch um die Menschen, die in meiner Sichtweite noch vor dem Unwetter ungesichert sind. Nichtsahnend und in sich versunken pilgern sie weiter gemächlich um den Berg. Das ist die wahre Ruhe vor dem Sturm. In diesen hohen Bergen wird das Wetter rasch zu einem nicht zu bändigenden Dämon, der sie in kürzester Zeit verschlingen kann!“

Khyung, der große Vogel mit einem Stierkopf, der mächtige Schlangentöter, die größte Schutzgottheit der Lehre des Bön, fliegt hinauf auf die kristallene Spitze des heiligen Berges Kang Tise und beobachtet von dort unruhig das Geschehen in allen Richtungen.

„Die Unruhe liegt in der Luft. Irgendetwas ist, das auch mich beunruhigt. Seltsam, das Unwetter allein kann es doch nicht sein? Mögen sie streiten, die Dämonen, die Geister, die Götter, sich gegenseitig bekämpfen – solange die Menschen in ZhangZhung in Frieden leben können, sei es mir gleich. Das Wetter ist oft in Kampfeslaune und kann wie ein Gebetsfähnchen im Wind von einem Blick zum anderen die Richtung des Gemüts wechseln. So sind die Launen der Götter, der Geister und besonders der Dämonen. Doch was kommt heute auf mich zu? Sind es die Pilger, die mich kümmern sollen? Warum solllte ich mich heute mehr um Menschen sorgen, die mich nicht kennen und mich daher nicht sehen können? Bis auf die Menschen von ZhangZhung und dem Schneeland natürlich.

Bislang kam es allerdings noch nicht vor, dass solch eine überaus bunte Volkesmischung im Kleinen hier unten gleichzeitig unterwegs ist. Aber ich freue mich, dass sie alle hier sind und fühle mich schon irgendwie für sie verantwortlich.“

Der Khyung schwankt mit seinem Kopf unruhig hin und her, die Augen auf die Menschen hier und dort fixiert.

„Ja, gut, so ist es, sie alle hier zu sehen, auch wenn sie mich nicht sehen können. Sie und die Fremden kommen alle in Frieden, tragen gute Gedanken in sich, das erkenne ich bis hier oben. Es ist wahrhaft ein besonderer Tag!

Vielleicht sollte ich ein Auge auf die dMu haben, damit sie die Menschen nicht erschrecken, denn das lieben sie. Hier in diesen Höhen sind solche Spielchen gefährlich. Es gibt Abschnitte, da kann ein falscher Schritt in den tiefen Tod führen. Die dMu scheren sich nicht darum. Geschehen ist es schon des Öfteren. Sie sehen auch zum Fürchten aus, für Menschen, versteht sich, diese boshaften Himmelsgeister: schwarz in Gestalt, mit schwarzem Mantel, mit ihrem schwarzen Banner und der Schlinge, die sie schwenken. Zum Verdursten haben die dMu auch schon einige gebracht. So sind sie eben, wenn kein Schutzgott dieser Menschen ihnen entgegensteht. Die Schutzgötter sind die Kinder der Göttin des Lebens, die wiederum eine der neun Töchter des Weltengottes Sangs po 'bum khri ist. Nicht zu vergessen, der Sohn der Schwester der Göttin des Lebens ist ebenso eine Schutzgottheit der Menschen. Und eine solche sollte jeder haben, egal ob im Haus oder unterwegs. Nun, es gibt hier eine stattliche Anzahl von Dämonen, aber auch eine stattliche Anzahl von guten Geistern und Göttern. Das Leben in ZhangZhung und im ganzen Schneeland ist meist sehr wild und gefährlich. 

Ich habe mich entschlossen, hier zu leben, in den Lüften um den heiligen Berg Kang Tise, den großen Weltenberg mit seiner weithin strahlenden Kristallspitze, zu der es verboten ist – bei Tode verboten ist – hinaufzuklettern! Dies ist mein Reich! Ich teile es auf keinen Fall mit menschlichen Wesen! Höchstens mit anderen Geistwesen, die von den Menschen als hohe Wesen verehrt werden. Solange sie friedlich gestimmt sind. Alle fühlen die hohen Mächte, die sich um diesen Berg und auf dessen Spitze niederlassen. So bleiben die Menschen unten und umwandern den Berg in sicherer Entfernung, links herum, rechts herum, und die höchsten Götter und Geister verweilen hier. Nur wenige Eingeweihte dürfen unten nah bis an seinen inneren Ring herankommen. Weiter hoch dürfen sie jedoch nicht! So soll es auch für immer bleiben!

Viele Eingeweihte gibt es noch nicht; die Menschen sind noch nicht soweit. Erstaunt war ich, den jungen Mann aus dem fernen Staate Han zu sehen, der nach nicht ganz einer Runde zu wahrer Erkenntnis gekommen ist.

Er scheint wohl schon sein schlechtes Karma gereinigt oder in seinem Vorleben gute Arbeit geleistet zu haben. Wirklich bemerkenswert! Für einen kurzen Augenblick hatte er mich sogar wahrgenommen…

Viele Runden müssen sie gewöhnlich gehen, die meisten, und innere Wandlungen durchleben, innere Erkenntnis erlangen. Lange in sich gehen müssen sie, in den Höhlen an und um diesen Berg oder den angrenzenden Tälern. Doch auf dem Weg sind sie, die, die in friedlichen Absichten hierherkommen, alle…

Ich hörte vom Reich der Maurya, als ich die Gespräche belauschte, denn ich beobachte neben den Männern aus dem Staate Han auch schon seit mehreren Tagen, wie zwei Frauen und ein Junge, alle viel zu dünn bekleidet, den schon zum Teil recht beschwerlichen Weg um den Kang Tise wandern. Was haben sie schon an Leid erfahren! Besonders betraf es die Frau aus Pataliputra am heiligen Fluss Ganges aus dem Reich der Maurya. Es sind nur ein paar Flügelschläge bis dorthin, doch für die Menschen sind die Berge und die Launen eines harten Klimas zu überwinden.

Die kleinere Frau mit einem auffällig federnden Gang und ihr dreizehnjähriger Sohn sind schon seit mehreren Wochen auf Elefanten und Pferden unterwegs. Sie kommen ganz aus dem Süden des Maurya-Reiches. Sie mussten sogar noch mit einem Boot von ihrer Insel Tâmraparnî[14] auf das Festland übersetzen. Auch diese drei, die, als sie in Pataliputra loszogen, noch vier waren, haben mein Herz gewonnen. Wenn es ansonsten nicht meine Art ist, so habe ich die Heerscharen der Berggeister gerufen, um ihnen Schutz zu gewährleisten, sie zu begleiten, damit wenigstens ihre weitere Reise in meinem Gebiet ohne weitere Zwischenfälle und Sorgen verläuft. Voller Übermut haben sie den dreien regelrecht das Essen vor die Nase getrieben, schöne Antilopen, Hasen, sodass der Dreizehnjährige mit jedem Pfeilschuss sicher traf und auch stets das richtige Kraut in ihrer Nähe wuchs. Sie wunderten sich schon ob des großen Reichtums an Nahrung in diesen Höhen. Ich hielt mich natürlich versteckt.

Dieser Junge ist wahrhaft ein sehr guter Schütze und auch Beschützer der beiden Frauen. Er nimmt seine plötzliche neue Rolle sehr ernst. Auch wenn er ein Prinz ist und es für ihn ein Leichtes sein sollte, wenigstens zwei Frauen zu beschützen, so hatte er das Leben bisher doch nur von seiner angenehmen Seite im wohlbehüteten Palast erfahren dürfen. Die Strapazen dieser langen Reise, die vielen neuen Eindrücke und die Begegnung mit dem Tod haben ihn reifen lassen. Dank seiner ausgezeichneten Treffsicherheit hatten sie stets ausreichend zu essen und Felle, die sie bitter benötigen, hier am Kang Tise.

Ich weiß von ihrem schweren Weg, den sie gegangen sind, da ich sie so manches Mal beobachtet hatte. Seit ihrem Unglück weichen meine Augen auch nicht mehr von ihrer Seite. Und dabei muss ich wohl einmal etwas unvorsichtig gewesen sein. Zugegeben, hierin liegt die Ursache meiner Verwirrung…

Doch jetzt – welch Freude – sie haben soeben den südlichen Herbergstempel erreicht. Der Bön-po ist gerade dabei, eine neue Schnur für Gebetsfähnchen zu spannen. Er hört sie kommen und hilft ihnen, die fünf Pferde abzusatteln, die Pferde in einem Seitenraum anzubinden, mit frischem Futter zu versorgen und das schwere Gepäck zu verstauen. Die Hilfe nehmen die drei sehr dankbar an.

Das Feuer, dessen Rauch ich anfangs wahrgenommen habe, hatte der Bön-Priester, der Bön-po Ushlaran entfacht, um Tee zuzubereiten, den er immer den Neuankömmlingen zum Aufwärmen reicht. Dazu stellt er jetzt noch Butter und in einer Holzkiste geröstetes Gerstenmehl neben sie, damit sie sich daraus zusammen mit dem Tee einen nahrhaften Brei mischen können. Auf diese Weise kommen die meist sehr ausgezehrten Pilger oft sehr schnell wieder zu körperlichen Kräften.

Bön-poUshlaran stammt ursprünglich aus dem Norden des Schneelandes. Schon seit vielen Jahren ist er hier und kümmert sich um alle Herbergstempel. Einmal im Jahr ist er in seinem Höhlenhaus nahe dem mir zu Ehren errichteten Silberpalast, in einem der wunderschönen Täler von ZhangZhung westlich des Kang Tise, das, wie gesagt, auch zu meinem Beobachtungsgebiet gehört. Das versteht sich von selbst. Den glanzvollen Silberpalast erwähnte ich schon, auf dessen höchsten Türmen ich oft verweile. Mal bin ich hier, mal dort. So gefällt mir mein Dasein außerordentlich gut!

Ich hätte auch den Weltengott Sangs po 'bum khri begleiten können, doch dies übernimmt jetzt mein Bruder, der weiße Khyung mit den grünen Flügeln.“

Stolz über seinen Bruder und stolz über sich selbst schüttelt der große Khyung seinen Körper und schwingt seine riesigen Flügel. Das grelle Licht der Mittagssonne lässt sein Gefieder in den schönsten Farben leuchten, dort oben auf der heiligen Spitze des heiligen Berges Kang Tise. Wenige kleine weiße Wölkchen schweben am Himmel. Nur von dort oben kann man hinter den Bergmassiven des Schneelandes die dunklen Wolken heranziehen sehen. Der Khyung scheint diesen Moment zu genießen. Völlig selbstvergessen schwelgt er in schönen Erinnerungen. Er hätte wohl ewig dort verweilen können, hörte er nicht plötzlich den Ruf des Jungen:

„Seht dort oben, auf der Bergspitze des Tise, dort sitzt wieder der Garuda!“

Beide Frauen drehen sich um und sehen hinauf auf den Berg.

„Oh ja! Wie schön! So hatte ich ihn doch schon gesehen, oben am Pass Gurla La, kurz nach der Verbrennung… Doch wo ist Vishnu, wieder sehe ich ihn nur allein und irgendetwas an ihm ist anders als sonst“, ruft die etwas größere der beiden Frauen.

Erschrocken, schon wieder von den Fremden aus dem Maurya-Reich gesehen, und dann noch mit einem fremden Namen bezeichnet zu werden, fliegt der Khyung auf.

„Nein, nein, nicht der Garuda, es ist der starke Khyung“, ruft Bön-po Ushlaran, der Bön-Priester aus ZhangZhung. Erleichtert lässt sich der Khyung wieder auf der Bergspitze nieder.

„Er sieht aber aus wie der Garuda!“, beharrt der Junge. In diesem Augenblick steigt von hinter dem Berg ein zweiter Riesenvogel auf. Wahrhaftig! Sie sehen sich sehr, sehr ähnlich, doch der Garuda mit seinem roten Federkleid, dem Kopf und den Schwingen eines Adlers hat einen kräftigen menschlichen Körper.

„Das ist unglaublich!“, rufen alle gleichzeitig, auch der Khyung auf dem Berg. Den Garuda scheint das nicht zu überraschen. Er oder sie lässt sich auf einem vorstehenden Felsen an der Seite des Berges nieder und schüttelt ebenso stolz seine Federpracht zurecht.

„Woher kommt der Garuda?“, fragt der Bön-po.

„Er entsprang dem dritten Ei aus der Verbindung des Schöpfergottes der Kreaturen, Kashyapa, dem Schildkröten-Mann mit Vinata, dem Himmel. Garudas Geschwister sind der Blitz und Aruna, die Morgendämmerung. Aus der Verbindung mit seiner zweiten Frau Kadru, der Erde, entstanden aus unzähligen Eiern Nagas, die Schlangengottheiten. Die Nagas und Garudas können sich nicht ausstehen“, erklärt der Junge.

„Das hat mir alles Salana erzählt, auf unserem gemeinsamen Weg hierher.“

Der Junge lächelt Salana zu, der größeren der beiden Frauen. Als groß kann man sie eigentlich nicht bezeichnen, so zart ist sie gebaut. Sie schlägt den Stoff ihres Sari nach hinten, ordnet die Felle um Hüfte und Schultern und hockt sich wieder neben das Feuer. Beiden Frauen sieht man die Strapazen ihrer langen Reisen nicht an – weder die Trauer über den Verlust des Mannes der größeren Frau mit dem Namen Salana, noch die sehr lange und beschwerliche Reise aus dem Süden des Maurya-Reiches der anderen. Beide strahlen sie, denn sie haben soeben ihr Ziel erreicht und sind überglücklich.

„Unser Khyung ist auch mit dem Himmel verbunden, sehr stark mit der Sonne und den Gewitterwolken.“

Die Gewitterwolken konnten sie von unten immer noch nicht sehen. Alle schauen hinauf zu den beiden Gottesvögeln, die sich noch kein einziges Mal direkt in die Augen geschaut haben. Wenn man nicht wüsste, dass dies große, mächtige Wesen sind, könnte man glauben, sie studieren aus Verlegenheit die jeweils andere Seite des Berges. Nur der Garuda scheint hier und da nach oben zu blinzeln. Der Kyung ist vollkommen von seiner Verwirrung vereinnahmt, was ihn noch mehr verwirrt…

Salana seufzt und starrt in die Flammen. „Wenn nur mein Mann Jaskula es noch bis hier hin geschafft hätte…“

„Es war ein höherer Wille, dass er früher gehen musste. Vielleicht hatte er seine Aufgabe in diesem Leben schon erfüllt… Er war bereits dreizehnmal zuvor hiergewesen, habe ich das richtig verstanden?“, versucht die kleine, noch feingliedriger gebaute Frau, Salana zu trösten und legt ihr die Hand auf die Schulter.

„Dreizehnmal hat er den Berg bisher umrundet. Er war viermal hier und ist jedes Mal drei Umrundungen gegangen, einmal sogar vier. Er wollte dieses Mal die innere Kora gehen, den inneren Pilgerweg, den nur Eingeweihte gehen dürfen. Er war soweit, sagte er immer wieder. Er sei bereit, er sei die vier Pforten so oft schon durchschritten, dass die Kora ihm schon seit dem letzten Mal eine weiße Leere ist und er fast eine heilige Ausstrahlung hatte. Ich bewunderte ihn immer und ich war überglücklich, dass ich dieses Mal mit ihm zusammengehen durfte, nun, da unsere Mütter auf unsere Kinder aufpassen. Er wollte den Berg noch so oft umrunden. Einhundertachtmal insgesamt! Er sagte, wenn man den Berg einhundertachtmal umkreist, wird man nach der Vollendung der zehn Zeichen und acht Vorzügen ein Leben der Buddhaschaft erlangen. Er wollte noch in diesem Leben aus dem Leidenskreislauf des Samsara erlöst werden.“

Sie atmet tief ein und wieder aus.

„Was ist mit deinem Mann geschehen?“, fragt der Bön-po anteilnehmend.

„Es lief die ganze Zeit sehr gut, der Aufstieg in die Berge, die dünnere Luft, die aufkommende Kälte. Viele Pausen machten wir, um uns an die Höhen zu gewöhnen und an das harte Klima, das wir nicht gewohnt sind. Jaskula kannte das alles bestens, er leitete uns an. Am Pass Gurla La kam alles dann ganz unerwartet und schnell. An dieser Stelle sahen wir das erste Mal den heiligen Berg Kang Tise, sahen den Götterberg von Shiva und Parvati, den Berg Buddhas, Meru, den Weltenberg. Wir sahen die beiden kristallenen Seen, den Mapham Yutsho mit seiner Partnerin, den See Lag-ngar-mtsho, zu den Füßen des heiligen Berges. Und wir sahen die wunderschöne erhabene Partnerin des Kang Tise, auf unserer Seite, die noch höher als er zu sein scheint und weiter, den Gurla Mandhata [15], wo Lhamo Yang Tschen, die Göttin der Bauern, ihre Wohnstatt hat. Sie sorgt für gute Ernten und ein Auskommen der Menschen dieses Landes. Sie haben wir stets in unserer Nähe gespürt, denn ihr Land ist sehr fruchtbar. Wir statteten ihr einen Besuch ab, indem wir durch ihr Land reisten und konnten ihrem Essen, das stets fertig zubereitet scheint, nie widerstehen. Es war, als schiene ihre größte Freude ein glückliches und gesättigtes Wesen, ob Mensch, ob Gott, ob Geist, ob Dämon. Ich bin froh, dass Pilger uns von ihr erzählten. Wir konnten sie daher ehren und ihr danken.

Ich habe gehört, dass auch zu ihr eines Tages viele Menschen kommen werden, um die große Kraft dieses schönen Berges zu erfahren, der umwachsen ist von vielen kraftvollen und geheimnisvollen Kräutern, die die Geheimnisse dieses Berges hüten.

Das waren Momente des größten Glücks. In diesem Moment also, als wir unser Ziel schon sahen und mein Mann Jaskula mir dies alles zeigen konnte, überfiel ihn plötzlich die große Schwäche. Er rang nach Luft, kämpfte, als würde ihm eine unsichtbare Hand den Hals zudrücken. Er stürzte, schlug mit dem Kopf auf und war auf der Stelle tot. Es war wohl die Luft. Er konnte die Höhe mit einem Mal nicht mehr verkraften. Nichts konnte ich für ihn tun – er ging einfach, in diesem feierlichen Moment.

Viermal war er schon hier, ging diese Wege. Ausgerechnet jetzt haben ihn seine Schutzgeister verlassen. Er wollte immer in die Berge, nie ans Meer, er mied das Wasser bis auf die rituellen Reinigungen im Ganges. Er hatte solch einen starken Bezug zur Erde – er hat sich um unsere Pflanzen gekümmert, gesät, die Erde gelockert, geschnitten, geerntet – immer war er mit der Erde zugange. Es schien als könnte er aus trockener Erde Pflanzen wachsen und blühen lassen. Ich nannte ihn immer liebevoll Erd-Brahmane, Priester der Erde. Das sah man ihm sofort im Gesicht an, weil er immer irgendwo Erde hängen hatte. Auch auf der Reise – immer wieder stieg er vom Pferd, um an der Erde zu riechen. Dabei lächelte er jedes Mal glückselig. Anhand des Geruchs der Erde konnte er uns sagen, wie weit es noch war.

Eigentümlich an ihm war, das fällt mir gerade ein, dass er seit ich ihn kenne, einmal jährlich eine Puja, ein Feueropfer für den Buddha Dipamakara zelebrierte. Man könnte meinen, er sei Seefahrer gewesen, obwohl er, wie ich sagte, eigentlich das Wasser mied…“, sie denkt kurz nach, „…vielleicht in einem seiner letzten Leben… Buddha Dipamakara war ja der letzte Buddha vor Buddha Siddharta Gautama, der von den Seefahrern als Beruhiger der Wellen verehrt wird. Auf dem Altar meines Mannes steht noch eine kleine Statue von ihm. Er hatte mir nie mehr darüber erzählt.

Er war ein sehr zufriedener Mann. Schlangen liebte er über alles. Er sagte, sie würden die Erde schützen. Alle anderen haben Angst vor ihnen… Er sagte immer, die Nagas würden ihn schon beschützen, die mächtigen Schlangengötter. Doch in den Bergen herrschen andere Geister, das haben wir gemerkt. Je weiter man von seinem Heim wegkommt, desto schwächer werden die eigenen Geister und desto stärker werden die, die dort wohnen. Mögen meine Schutzgeister mich nicht verlassen und ich den Weg für uns beide weitergehen können.“ Sie seufzt tief.

„Wenn dein Glaube an deinen Gott, deine Götter oder Geister stark ist, dann ist er es überall, egal wo du bist und egal, welche Götter woanders leben. Dich verunsichert wahrscheinlich nur der Gedanke, dass an anderen Stellen der Erde an andere Geister geglaubt wird und sie darum stärker sein könnten. Wir haben selbst soeben mit eigenen Augen gesehen, dass sich die Geister oft sehr ähnlich sind oder die Götter oder die Dämonen. Das siehst du hier an den beiden mächtigen Vogelgottheiten Khyung und Garuda.

Mir gefallen die Ähnlichkeiten, das verbindet…“, sagt Bön-po Ushlaran und schaut hinauf zum Kang Tise, wo sich der Khyung so langsam von seinem Schrecken zu erholen scheint. Er dreht sich so langsam wieder in diese Richtung und schielt mit dem einen Auge fast völlig unauffällig zu der neuen gefiederten Besucherin. Sein Interesse ist offensichtlich. Der Bön-po lächelt in sich und kommt mitfühlend gleich wieder zu dem traurigen Thema der Maurya-Frau zurück.

Noch in Gedanken sagt Salana: „Ich wollte zuerst zurückgehen, doch ich bin froh, dass Rosurana, die Königin von der fernen Insel Tâmraparnî, und ihr Sohn, Prinz Elieanor, bei mir waren. Sie überzeugten mich davon, dass mein Mann Jaskula es sicher wollte, dass ich den Weg weitergehe. Und so tu ich es für uns beide.“

„Es scheint mir fast so, dass er sein Ende geahnt hatte und dich deswegen mit auf dem Weg nahm, damit du das weiterführst, was er für sich und letztendlich auch für seine Familie angefangen hat“, sagt der Bön-po einfühlsam.

„Dein Mann hat es weit gebracht in seinem Leben und wird es im nächsten Leben leichter haben und gewiss als Buddha zu vollkommenem Erwachen gelangen. Dein Mann hat dich viel gelehrt, hast du uns erzählt. Hast du die Absicht, es ihm gleichzutun? Sicher bist du in deinem Wissen nicht weit davon entfernt?“, fragt die Königin von Tâmraparnî. Salana blickt verlegen zu Boden, denkt ein wenig über die Frage nach, blickt wieder auf und spricht:

„Ich habe mir tatsächlich Gedanken darüber gemacht. Buddha Siddharta Gautama selbst machte keinen Unterschied, ob Mann oder Frau, ob König oder Bhikkhu, so nannte er seine Schüler, seine Mönche. Egal ob Bauer oder Brahmane, Priester, wie mein Mann es war, egal ob Bettler oder Heiliger. Egal welcher Varna, Klasse, oder welcher Jati, Geburtsgruppe, man angehörte, für Buddha machte es keinen Unterschied. Jeder könne von seinem Standpunkt aus das Erwachen oder die Erleuchtung erlangen.“

„Woher stammt diese Unterteilung in Varna und Jati?“, will Bön-po Ushlaran wissen. Da es dunkler draußen wird, gehen sie, bevor Salana weitererklärt, nach drinnen. Dort stellen oder setzen sie sich um das Feuer in der Mitte und der Bön-po entzündet weitere Butterlampen.

„Die grobe Unterteilung kann man sich so vorstellen: Wenn wir die Volksgemeinschaft, die Gesellschaft als Körper sehen, dann werden die Brahmanen als der Kopf betrachtet. Sie sind es, die die heiligen Schriften, die Veden, studieren und lehren und die Riten vollziehen, die Priester.

Die Arme sind die Kshatriyas, die Krieger. Zu ihnen gehören auch die Fürsten und höhere Beamte, sie führen das Volk, kämpfen und beschützen es.

Die Vaishyas stellen den Bauch dar, welcher die Händler sind, die Kaufleute, die, die Land besitzen und Ackerbau und Viehzucht betreiben. Sie versorgen das Volk mit Nahrungsmitteln und allem, was sie zum täglichen Leben brauchen.

Die Beine dieses Körpers schließlich sind die Shudras, die Handwerker, die Arbeiter und Angestellten.

Und dann gibt es noch die Dalits, die Unberührbaren, die hier schon wohnten, bevor die hellhäutigen Einwanderer über die Berge kamen. Da sie oft unreine Arbeiten erledigen, werden sie meist von den anderen gemieden.

Das ist in meinen Augen nicht recht, denn es gäbe keinen Menschen auf der Erde ohne die Hebammen. Egal ob Wäscher, Landarbeiter oder die, die die Latrinen säubern und den Müll beseitigen. Es ist doch jeder Mensch wichtig, mit dem, was er für die Gemeinschaft tut, oder? Bei uns schimpfen die Höheren, allein wenn sie von deren Schatten berührt werden. Das ist doch unglaublich! Es ist menschenverachtend! Sie dürfen sie nicht direkt ansehen. Sie dürfen nicht einmal auf die Erde spucken. Wo bleibt da das Mitgefühl?

Die Varnas, also die Klassen unserer Gesellschaft, sind noch weiter unterteilt in unzählige Jatis, die Geburtsgruppen. Das ist die Gruppe, in die man geboren wird und in welcher man sein ganzes Leben bleibt. Buddha Siddharta Gautama nahm diese Unterteilung hin, denn er meinte, es sei nicht wichtig. Ihm ging es um mehr und zum Beschreiten seines Weges seien all diese Äußerlichkeiten unwesentlich. Um Erkenntnis zu erlangen bedarf es keines bestimmten Ranges im Volk und keiner Geburtsgruppe.

Somit nahm er den Brahmanen, den Priestern, ihr alleiniges Recht, das heilige Wissen zu studieren, um dann Erleuchtung zu erlangen. Deswegen kann ich ihm folgen, deswegen versuche ich, so wie er, die alten Schriften zu verstehen, sie zu ergründen und zu leben.“

„Dein Mann war doch Brahmane. Gab es da keine Konflikte zwischen euch, denn so, wie ich dich verstanden habe, folgst du eher der Lehre Buddhas?“, will Rosurana wissen.

Salana lächelt und wiegt ihren Kopf eine Weile in Gedanken. „Es kam schon hin und wieder zu Meinungsverschiedenheiten. Buddhas Erwachen ist nun auch schon viele Jahre her. Die meisten Brahmanen haben sich mit der neuen Lehre mittlerweile arrangiert. Die Religion der Brahmanen und des Shiva, auch die Jina und die, die der Lehre des Buddha folgen, leben durch Burgon-Ashoka miteinander. Vorher war es schwieriger, denn die Brahmanen hatten schon eine sehr starke Macht im Land. Jetzt, durch die Aufklärungsarbeit, die Burgon-Ashoka geleistet hat, ist die Lehre allgemein akzeptiert. Wer weiß, das kann auch schnell wieder kippen, wenn die Herrschenden wechseln.

Meinem Mann ging es glücklicherweise nicht so sehr um Macht, sondern eher um das tiefe Studium der vedischen Schriften und die Durchführung der Riten. Wir hatten das große Glück, in die oberste Varna geboren zu sein und fühlen uns verantwortlich, diesem gerecht zu werden. Jeder auf seine Weise.

Ich möchte, wenn ich das große Wissen erreicht habe, dies an möglichst viele Menschen weitergeben, auch in meinen nächsten Leben, bis der letzte Mensch… Ooh!“ Salana, die mit Blick auf die Tür am Feuer steht, hat gerade in dem Moment zur Tür gesehen, als eine starke Windböe die schweren Schutzdecken bewegte, sodass sie für einen kurzen Augenblick einen Blick nach draußen werfen konnte.

Alle stehen auf und schauen hinaus. Bön-po Ushlaran sieht als Erstes hinauf zur Bergspitze des Kang Tise. Sie ist umhüllt von dunklen Wolken und weder der Khyang noch der Garuda sind zu sehen.

Da – beide fliegen aus den Wolken nach unten heraus und der Khyung, der sich natürlich bestens hier auskennt, steuert eine große Höhle an. Er scheint zu beobachten, wo der Garuda hinfliegt, denn er fühlt sich wohl ein wenig für ihn, besser gesagt sie, verantwortlich. Auch wenn er das in seiner Position niemals zugeben würde. Da er sie nicht sieht, dreht er vor der Höhle ein paar Warteschleifen. Genau in dem Moment, als ein noch warnender, gedämpfter Donnerschlag hinter dem Berg kracht, schießt sie hinter dem Berg hervor, an ihm vorbei, sodass er fast ins Taumeln gerät, und fliegt direkt in die Höhle. Er fühlt sich glatt überrumpelt, doch das Wetter lässt kein Zögern zu. So landet auch er in der Höhle auf der möglichst anderen Seite. Sie steht links, geschützt und schaut hinaus. Er auf der rechten Seite. Der Bön-po schüttelt innerlich den Kopf. Die Wolken gleiten tiefer und die beiden sind nicht mehr zu sehen. Der Wind gewinnt deutlich an Schärfe.

Da erblicken sie zwei Männer, einen älteren, der die letzte Strecke auf seinem Pferd sitzt, an welches noch ein vollbeladener Esel gebunden ist, und einen jüngeren, der sein Pferd mit dem Lastesel dahinter an der Leine führt und versucht, dabei zu laufen. Es wirkt eher etwas komisch, denn am anderen Ende des Pferdes versucht der Esel, der sich offensichtlich mehr erschrocken hatte als der andere, in die andere Richtung zu ziehen. Er lässt sich dann doch vom Gegenteil überzeugen, als er merkt, dass der andere Esel ruhig hinter dem anderen Pferd hertrottet. Ein Glück, dass die Pferde nicht scheuten. Der Bön-pound der Junge, obwohl er ein Prinz ist, laufen den Männern entgegen. Zu dritt können sie die Tiere gut halten und rasch zum Herbergstempel führen.

In diesem Moment gibt es einen ohrenbetäubenden Donnerschlag direkt über ihnen. Alle zucken erschrocken zusammen. Ohne Vorwarnung war das Gewitter nun über den Bergkamm gezogen. Nahtlos geht der Donner in Regen über, der ohne langsame Steigerung gleich wie aus Eimern gegossen auf die Erde niederprasselt. Das eine Pferd will aufbocken, doch der Bön-Priester summt ruhige, gleichtönende Silben, sodass es sich schnell wieder fängt. Ohne Worte stellen sie die beiden Pferde rasch in einem Nebenraum unter, binden sie fest. Die beiden Esel jedoch stehen seit dem Donnerschlag wie versteinert vor der Tür, sodass sie mit mehreren zusammen in den Raum geschoben und angebunden werden müssen. Die Tiere werden abgeladen, die Lasten in einem weiteren Raum nebenan verstaut und den Tieren frisches Futter und Wasser gegeben. Dann gehen sie alle in den großen, mit Butterlampen erleuchteten Raum mit der Feuerstelle in der Mitte. Alle Männer setzen sich zum Trocknen nah ans Feuer und auch die beiden Neuankömmlinge werden mit Tee, Butter und gerösteter Gerste versorgt.

 

„Welch ein Glück, wir haben es geschafft! Du hast Recht, mein Sohn Hanaskea. Vertrauen ist die Basis, Vertrauen in alles, Vertrauen in sich, Vertrauen in Gott, Vertrauen in das Sein und Vertrauen in den Fluss des Lebens. Und in dem Moment, wenn man nicht mehr darüber nachdenkt, sondern es einfach IST, dieses Vertrauen, dann kann es wirken – und es wirkt und nun sind wir hier. So IST ES. Āi, āi, jaja.“

Der alte Mann lacht laut und klopft dem jüngeren auf die Schultern, der ihn ansieht, die eine Augenbraue hebt und lächelt.

„Oh, Verzeihung! Wir sind unfreundlich dieser rettenden Herberge gegenüber. Es geziemt sich nicht, einfach in ein fremdes und zudem rettendes Haus einzutreten, ohne nicht dreimal gefragt zu haben. Bitte entschuldigt unsere Unhöflichkeit. Der Wind scheint mir die Sitte für eine kurze Zeit aus dem Kopf geweht zu haben. Doch im Hinblick auf das Wetter draußen und ein Blick in eure freundlichen Augen verrät mir, dass wir bei Freunden sind, die uns dies verzeihen mögen.“ Meister Choi steht rasch wieder auf, macht drei Verbeugungen in die Runde, bleibt stehen und wartet ab.

Seine Irritation kaum merklich sagt Bön-po Ushlaran: „Natürlich seid ihr willkommen in diesem Herbergstempel!“ Während der Bön-po weiter erzählt, setzt sich Meister Choi wieder ans wärmende Feuer. „Dem südlichen Herbergstempel vor dem heiligen Berg KangTise, dem Kang Rinpoche, wie wir ihn hier nennen, das köstliche Schneejuwel, dem Seelenberg des weißen Schnees mit all seinen beschützenden Berggottheiten. Der grimmige und kriegerische Berggott mit seinem bedrohlichen Haupt und seinem finsteren Gesicht, das von Schleiern umgeben ist, ist Tise Lhatsen oder Tise. Ge kohd ist derweiße Yak der Existenz. Aber auch gNam phi gun rgal, unsere Göttin des Himmelsraumes, und all den anderen Tsen, die himmlischen Wesen, die auf dem Berg wohnen, und natürlich unser Khyung, alle heißen euch willkommen. Sie haben dafür gesorgt, dass ihr unbeschadet hier angekommen seid und eurem Aussehen zu urteilen schon eine überaus lange Reise hinter euch habt.“

Weich und liebevoll klingt seine Stimme. Alle merken ihm seine tiefe und ergebene Liebe zu dieser Gegend an.

„Menschen von fernen Landen bringen stets neue Gedanken mit sich, die die eigenen oftmals auf wundersame Weise ergänzen. Wer möchte, kann an dem allabendlichen Abendopfer teilnehmen. Zuvor werde ich meditieren und dazu eine kleine Räucherung in einem Raum nebenan machen. Wer Ähnliches praktiziert oder einfach so zur Ruhe kommen möchte, dem kann ich gern etwas zum Räuchern zur Unterstützung geben. Ich habe immer genügend Räucherwerk vorrätig, wie ihr sicher auch schon in den anderen Herbergstempeln feststellen konntet. Bei mir trage ich stets schönes Harz der königlichen Zedern.  

D

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