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Runen

Inhaltsübersicht

DAS SCHWARZE ERBE

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WOLFSFREUND

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ADLERHORST

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DIE SCHÄTZE DER GÖTTER

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ENDLICH GERECHTIGKEIT?

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Ein kurzer Einblick in die Runenkunde

Zur Aussprache des Isländischen

 

|5|Vorbemerkung des Übersetzers

 

In Island ist die Anrede mit »du« üblich. Sie ist in der Übersetzung an den relevanten Stellen beibehalten worden. Aus Gründen der Konsequenz wurden bei den Namen aus der nordischen Mythologie die isländischen Formen i. d. R. beibehalten:

Ásgarður

Asgard, Wohnort des Göttergeschlechts der Asen

Gormur

Gorm der Alte († 958), dänischer König

Iðavöllur

Idafeld, die Ebene in der Mitte Asgards

Iðunn

Idun(a), nordische Göttin der Jugend

Mímirsbrunnur

Mímirs Brunnen

Mjölnir, Mjöllnir

Thors Hammer

Óðinn

Odin, Wotan, Gott der Dichter und der Runen

Þór

Thor, Donar, der Blitzeschleuderer

Urðarbrunnur

Schicksalsbrunnen

Valhöll

Walhall, Ort der im Kampf gefallenen Krieger

Yggdrasill

Yggdrasil, die Weltenesche

|7|ERSTER TEIL

DAS SCHWARZE ERBE

Die Runen waren heilig,

ihnen wohnte eine Macht inne, die das Verständnis überstieg,

und sie waren nur einigen wenigen Auserwählten anvertraut.

Sie waren die Kraft zum Guten und Üblen,

und nur wenige wussten mit ihnen umzugehen.

– Prof. Magnús Olsen

1

Freitag, 20. April 2007

Höskuldur Steingrímsson hob langsam das bauchige Glas an die Lippen und atmete dreimal tief das Bouquet des alten französischen Cognacs ein. Dabei ließ er seinen Blick aus dem Fenster des Speisesaals im Hótel Borg schweifen, schaute über die Pósthússtræti zum Austurvöllur-Platz, wo er seinerzeit die Gelegenheit gehabt hatte, gegen die isländischen Stalinisten zu kämpfen. Am 30. März 1949 waren er und seine Kameraden mit Holzprügeln aus dem Parlamentsgebäude gestürmt. Er hatte jedem Bolschewiken, den er zwischen den grauen Tränengasschwaden ausmachen konnte, eins über den Schädel gezogen. Der säuerlich-süßliche |8|Geruch des Gases, der fast sechs Jahrzehnte lang in seiner Erinnerung geschlummert hatte, vermengte sich in seinen Gedanken mit dem Geruch des Baron de Sigognac, der etwa zehn Jahre jünger war. Wieder schloss er die Augen und spürte, dass der gegenwärtige Augenblick vollkommen war.

Aber was der Geist auch immer wahrnimmt, es ist nichts als ein flüchtiger Moment in der Ewigkeit; ein bunter Schmetterling, der sich für einen winzigen Augenblick niederlässt, bevor die Erinnerung davonflattert.

Höskuldur seufzte wehmütig, öffnete die Augen wieder, leerte das Glas, stand bedächtig auf und ging langsam zur Tür und zum Aufzug in der Empfangshalle. Das Zimmer, das er am Vortag für zwei Nächte gemietet hatte, lag im zweiten Stock des Hotels.

Er zog die Schuhe aus, legte den dunklen Anzug, das weiße Hemd und die schwarze Fliege auf das gemachte Bett, öffnete eine kleine Reisetasche, zog seine alte Uniform und die schwarzen Stiefel ein letztes Mal an. Eine ganze Weile betrachtete er sich in dem großen Badspiegel. Sie saß noch immer ausgezeichnet. Sein Körper war durch das Alter unvermeidlicherweise ausgemergelt. Er hatte keinen Apfel ewiger Jugend von der nordischen Göttin Iðunn bekommen, der die Gebrechlichkeit in Schach hätte halten können, wie die ihm so vertrauten altnordischen Mythen erzählten. Trotzdem hatte er schon viele überrascht, wenn sie sein wahres Alter erfuhren; trotz seines von tiefen Falten zerfurchten Gesichts und des hellgrauen, kurzgeschnittenen Haars wirkte er noch unglaublich jung.

Er war mit dem Flugzeug von den Westmännerinseln, dem kleinen Archipel vor der Südwestküste Islands, in die |9|Hauptstadt Reykjavík gekommen. Er wohnte seit langem auf Heimaey, der einzigen dauerhaft bewohnten Insel. Höskuldur hatte seine Enkelin zum Abendessen ins Hótel Borg eingeladen, um die Tatsache zu feiern, dass er am heutigen 20. April das neunzigste Lebensjahr vollendet hatte. Dieses letzte gemeinsame Abendessen war allerdings recht kurz ausgefallen, da Melkorka Steingrímsdóttir spät ankam und schon früh wieder verschwand. Sie hatte etwas in der Nachrichtenredaktion des isländischen Fernsehens zu erledigen. Aber es war ihm eigentlich auch egal. Immerhin hatte er die Möglichkeit gehabt, sie in seine Arme zu nehmen und sich von ihr zu verabschieden.

Höskuldur zog einen dicken, langen Wintermantel an und knöpfte ihn bis zum Hals zu. Dann holte er eine schwarze Aktenmappe aus einem Schrank, öffnete sie, überprüfte ihren Inhalt ein letztes Mal und schloss sie wieder. Einen Moment lang stand er ruhig mitten im Zimmer, blickte sich um, um sicherzugehen, dass alles seine Ordnung hatte, bevor er es für immer verließ.

Dieser Aprilabend in Reykjavík war mild und trocken. Hinter dem Gletscher Snæfellsjökull ging gerade die Frühlingssonne unter. Sonnenstrahlen brachen sich auf der Glaskuppel über der Aussichtsplattform von Perlan, einem der Wahrzeichen der Stadt: Auf dem Öskjuhlíð standen vier massige Heißwassertanks, die Ende der Achtziger zum Aussichtspunkt umfunktioniert worden waren. Diesen Hügel fuhr er im Taxi hinauf und auf der stadtabgewandten Seite wieder hinunter – nach Osten. Dort lag der Friedhof von Fossvogur. Höskuldur fand es passend, den Sonnenuntergang im Rücken zu haben, so wie in alten Zeiten auf dem finnischen Eis. Oder später, als er sich abends |10|vor den bolschewistischen Partisanen in den Ruinen einer uralten gotischen Höhlenstadt am Schwarzen Meer versteckt hatte.

Er öffnete eines der zahlreichen Eisentore des Friedhofs, trat ein und schloss es hinter sich. Es kreischte in den Angeln.

Das nächste Tor würde Valgrind sein, das Tor zur nordisch-heidnischen Anderwelt.

Der feine Kies knirschte unter den robusten Stiefeln bei jedem seiner Schritte den Friedhofsweg entlang. Zu beiden Seiten waren alte Grabsteine und verwitterte Holzkreuze ordentlich über den Köpfen derjenigen aufgereiht, die Krankheiten oder dem Alter anheimgefallen waren; Gräber von Dahingesiechten, für die Óðinn in seiner Heerschar der Auserwählten keine Verwendung hatte.

Höskuldur blieb vor einem blumengeschmückten Grab deutscher Soldaten stehen, an dem drei Kreuze aus isländischem Basalt die meisten anderen Grabsteine oder Denkmäler des Friedhofs überragten. Er hatte die drei Steinkreuze noch nie als christliche Symbole angesehen. Ganz im Gegenteil waren diese grauen Steinriesen in seinen Augen immer Symbole für Þórs Hammer gewesen, des grimmigen Gottes, der seinen Feinden Angst und Schrecken mit seinen Donnerschlägen einjagte, bevor er sie mit Feuer und Schwefel vernichtete. Entsetzen. Auflösung. Tod. Die heilige Dreiheit des großen Kriegsherren.

 

HIER RUHEN 17 DEUTSCHE SOLDATEN

DES KRIEGES 1939–1945

 

|11|Höskuldur vergewisserte sich, dass er allein am deutschen Soldatengrab stand. Er zog den Wintermantel aus, breitete ihn über die Blumen und den beschrifteten Basaltblock in der Mitte des Grabes vor der höchsten Steinsäule, legte die Aktenmappe rechts auf den Mantel, zog die Uniformmütze aus der Tasche und setzte sie sich auf den Kopf.

Eine Weile stand er bewegungslos vor den drei Gedenksteinen, blickte mit durchgestrecktem Rücken in den Himmel, streckte dann den rechten Arm vor und hob ihn zum Gruß dessen, der am selben Tag wie er Geburtstag hatte: »Heil Hitler!«

Höskuldur kletterte auf den Basaltblock und rutschte mühsam auf den Knien vorwärts, bis er mit dem Rücken dicht an den größten Stein gelehnt sitzen konnte. Er atmete kurz und stoßweise wegen der Anstrengung, die sein Körper nur mehr widerwillig verkraftete. Aber es machte nichts, wenn das Fleisch jetzt schwach war: Der Wille war noch stark wie Stahl.

Er zog die offene Aktentasche zu sich heran, griff nach einem silbergrauen Flachmann, schloss die Augen und atmete den Duft des Cognacs ein.

Der letzte Duft seines irdischen Daseins.

Höskuldur nahm einen ausgiebigen Schluck, steckte den Flachmann wieder in die Aktentasche zurück, zog eine abgegriffene Luger P08 aus dem schwarzen Halfter, schloss die Tasche, presste den Lauf gegen den Adamsapfel und drückte ab, ohne zu zögern.

Der Knall zerriss den Abendfrieden des Friedhofes, wurde weit hinaus auf die stille Bucht Fossvogur getragen. Aber er schreckte nur ein paar Stare auf, die sich in einem Baum niedergelassen hatten.

|12|2

Samstag, 21. April

Lange nach Mitternacht legte sich Melkorka Steingrímsdóttir neben ihren schlafenden Ehemann ins Bett, ohne die geringste Ahnung von dem schrecklichen Ereignis zu haben, das ihr so harmonisches Leben in den nächsten Tagen und Wochen von Grund auf umstürzen sollte.

Die letzten beiden Stunden hatte sie mit dem Laptop auf den Knien in dem grünen Sessel im Wohnzimmer verbracht und ein Interview überarbeitet, das ein Journalist der Zeitschrift Neues Leben vor einigen Tagen mit ihr geführt hatte.

»Erzähl unseren Lesern, wie es ist, eine der verhältnismäßig wenigen Frauen in Island zu sein, die all das erreicht haben, was der Gesellschaft des einundzwanzigsten Jahrhunderts am erstrebenswertesten erscheint: Prominenz, Karriere und ein glückliches Familienleben mit einem der beliebtesten Sportidole unseres Landes«, schmeichelte der Journalist. »Es gibt viele Frauen mit einem gewissen Bekanntheitsgrad. Einige sind durch ihre Karriere in künstlerischen oder sonstigen Berufen berühmt geworden. Andere finden ihr Glück im Schoß der Familie. Aber nur den wenigsten gelingt es, diese drei Dinge so spielerisch zu verbinden wie dir. Welches Geheimnis steckt dahinter?«

»Das Einzige, was man dazu braucht, ist ein entschlossener Wille!«

|13|Melkorka ließ ihre etwas schroff hingeworfene Antwort im Raum stehen, obwohl es eigentlich nur die halbe Wahrheit war.

»Das Leben ist wie dieser Marathonlauf«, hatte ihr Vater Steingrímur Höskuldsson gesagt, als Melkorka im Sommer 1992 als Elfjährige eine Fernsehübertragung von den Olympischen Spielen in Barcelona sah. »Wenn du im Leben ganz nach oben kommen willst, musst du dir das Ziel hoch genug setzen und alles Notwendige tun, um es auch zu erreichen. Du musst nicht nur jede einzelne Gelegenheit ergreifen. Du musst dir die Chancen selbst erschaffen. Wenn du Erfolg haben willst, brauchst du einen eisernen Willen, besonders dann, wenn dir der Wind ins Gesicht bläst.«

Melkorka vergaß diese Worte ihres Vaters nie. Zwei Jahre später war Steingrímur bei einem Unfall ums Leben gekommen, als sein Motorschlitten auf den Gletscherweiten des Vatnajökull in eine Eisspalte gestürzt war. Melkorka begann, sich einen starken und konzentrierten Willen anzutrainieren, um vorwärtszukommen und Anerkennung zu erhalten. Mit allem, was sie tat, wollte sie die Karriereleiter Sprosse um Sprosse nach oben steigen und ihre Präsenz pflegen.

Bevor sie sich schlafen legte, warf sie noch einen kritischen Blick auf die Fotos, die das Interview im Neuen Leben begleiten sollten. Die meisten waren so weit in Ordnung, da sie ihre Kleidung selbst ausgesucht hatte. Ebenso den Visagisten, der ihr selbstbewusstes Gesicht mit Make-up unterstrichen und das lange, rubinrote Haar frisiert hatte. Auf den Familienbildern hielt sie ihren Sohn Höskuldur Darri im Arm. Ihr Mann, der Speerwerfer und Privattrainer |14|Kári Sigurvinsson, der vor ein paar Jahren zwei Mal zum Sexiest Man Islands gewählt worden war, hatte ihr den Arm liebevoll um die nackten Schultern gelegt, und seine blauen Augen lächelten direkt in die Kamera.

Sie waren das Traumpaar der Fernsehprominenz.

Am folgenden Morgen war Kári mit ihrem knapp einjährigen Sohn gerade zur Tagesmutter im Stadtteil Kópavogur aufgebrochen, als es an der Tür läutete.

Melkorka hatte die Kaffeetasse auf dem Küchentisch abgestellt und hielt das Morgunblaðið noch in der Hand, als sie die Wohnungstür öffnete.

Vor ihr stand ein schlanker Mann mittleren Alters und mit naturgewelltem Haar, der sie aufmerksam musterte. Und ein wenig dahinter eine blonde Frau, schätzungsweise um die dreißig.

»Wir sind von der Polizei«, sagte der Mann mit gewichtigem Unterton. »Kriminalhauptkommissar Guðjón Andreas Baldvinsson und Kriminalkommissarin Erna Sól Hafsteinsdóttir. Dürfen wir reinkommen?«

»Wozu?«

»Ich schätze, es ist für uns alle angenehmer, die Angelegenheit drinnen zu besprechen.«

»Also gut«, antwortete Melkorka. Sie warf einen Blick auf ihre feingearbeitete goldene Uhr. »Ich muss aber in ein paar Minuten aus dem Haus.«

Sie bat die Besucher in den großen, hellen Vorraum.

»Wir haben heute morgen diesen Brief gefunden«, fuhr Guðjón fort und zeigte ihr einen länglichen weißen Umschlag. »|15|Er ist an dich adressiert. Erkennst du die Handschrift?«

Melkorka nahm den zugeklebten Umschlag entgegen. Ihr Name und ihre Adresse waren handschriftlich darauf vermerkt.

»Woher hast du den?«, fragte sie verwundert.

»Kennst du die Handschrift?«, wiederholte der Polizeibeamte.

»Ja. Das ist die meines Großvaters. Er wohnt auf Heimaey.«

»Wie heißt er?«

»Höskuldur Steingrímsson.«

»Wann hast du ihn zum letzten Mal gesehen?«

»Gestern Abend. Wir haben uns zum Essen getroffen. Er hat seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert.«

»Wo war das?«

»Großvater übernachtet immer im Hótel Borg, wenn er nach Reykjavík kommt. Er ist nur auf einen Sprung rübergekommen. Er wollte vor heute Abend wieder dort zurück sein.«

Erna hörte Melkorka aufmerksam zu und beobachtete ihr Mienenspiel. Melkorka wiederum fand ihren forschenden Blick seltsam.

»Was ist los?«, fragte sie besorgt.

Guðjón räusperte sich.

»Willst du dich nicht lieber setzen? Ich glaube, das wäre günstiger.«

Melkorka blickte die beiden abwechselnd an. Allmählich formte sich in ihr die Überzeugung, dass ihr die Polizisten eine schlechte Nachricht überbringen wollten. Mit der Zeitung in der einen und dem Brief in der anderen |16|Hand ging sie, gefolgt von den beiden Polizisten, in die Küche zurück und setzte sich an den Tisch. Der Kaffee war mittlerweile kalt geworden.

»Opa ist doch wohl nicht tot?«

»Leider ist es so«, antwortete Guðjón ruhig. »Vermutlich erklärt Höskuldur in dem Brief an dich genauer, was passiert ist.«

Melkorka sah den Beamten an. Das Unbehagen in ihrem Magen wurde immer bohrender.

»Soll das etwa heißen, Opa hätte sich umgebracht?«

»Es weist einiges darauf hin. Willst du den Umschlag nicht vor uns öffnen?«

Melkorka legte die Zeitung auf den Tisch, drehte den Brief um und schlitzte ihn mit dem sorgfältig rosa lackierten Daumennagel auf.

Höskuldur Steingrímsson hatte eine kurze Notiz auf Briefpapier des Hotel Borg geschrieben. Datiert auf den Vortag:

 

Jetzt bin ich also nach Walhalla gegangen, meine liebe Melkorka. Sei Deinem Opa nicht böse. Denn so ist es am besten für uns beide. Der Krebs sitzt überall, auch in der Bauchspeicheldrüse, und in meinem Fall gibt es keine Hoffnung mehr. Der Arzt hat mir fünf oder sechs Wochen Qual und Schmerzen vorhergesagt. Man kann sie zwar mit Morphium lindern. Aber das ist nichts für mich.

Als junger Mann wollte ich immer wie ein Wikinger leben und sterben. Lass mich nach nordischheidnischer Sitte verbrennen und meine Asche |17|am südlichen Ende Heimaeys bei Stórhöfði in Ægirs Wogen streuen. Ich lege das Geheimnis meines Lebens vertrauensvoll in Deine Hände.

|18|3

Einige Blutstropfen waren auf die schwarze Aktentasche gespritzt, in der Kriminalhauptkommissar Guðjón den Abschiedsbrief gefunden hatte. Ein kurz vor dem Rentenalter stehender Friedhofswärter hatte frühmorgens die Leiche entdeckt und die Polizei verständigt.

In seiner Karriere als Polizist, die mittlerweile ein gutes Vierteljahrhundert umfasste, hatte Guðjón schon viele Tote zu Gesicht bekommen. Einige davon waren bei Verkehrsunfällen mehr oder weniger zerfetzt worden. Eine Leiche in einer solchen Uniform hatte er jedoch noch nie gesehen. Aus der roten Armbinde mit dem schwarzen Hakenkreuz auf weißem Grund und den blutbespritzten Runenzeichen auf dem Kragen des schwarzen Hemdes schloss er sofort, dass der Tote eine SS-Uniform aus Nazideutschland trug. Das Gesicht der Leiche war von der Pistolenkugel übel zugerichtet worden. Sie hatte den Schädel durchschlagen, war unter der Mütze ausgetreten und im oberen Teil des Steinkreuzes steckengeblieben.

Da der an Melkorka gerichtete Brief eindeutig und eigenhändig von dem Verstorbenen verfasst worden war, hatte Guðjón jetzt die Bestätigung dessen, was ihm schon am Schauplatz des Geschehens so offensichtlich erschienen war: Höskuldur Steingrímsson hatte Selbstmord begangen. Der Fall an sich war für die Polizei damit abgeschlossen. |19|Nur der Papierkram blieb noch zu erledigen. Aber warum hatte der Mann diese Art und Weise gewählt, um aus dem Leben zu scheiden? Und warum in dieser Uniform?

Guðjón wusste, dass das für die weitere Aufklärung kaum noch eine Rolle spielte. Aber er ertrug es schwer, wenn Fragen zurückblieben, auf die er keine Antwort hatte. Sie pflegten ihm gerne tage- und wochen-, manchmal sogar monatelang im Kopf herumzuspuken, bis er endlich eine befriedigende Antwort fand. Oder wenigstens eine plausible Erklärung.

Er räusperte sich erneut höflich.

»Die nicht gerade alltägliche Kleidung, die dein Großvater bei seinem Tod trug, ist uns besonders aufgefallen«, erklärte er.

»Ja«, antwortete Melkorka in Gedanken, ohne aufzublicken. »Opa hat immer Fliege getragen.«

»Nein, diesmal nicht. Er trug eine Uniform der SS.«

Melkorka lehnte sich zurück, wie sie es bei ihrer Arbeit für das Fernsehen gewohnt war, wenn sie die Antwort eines Befragten nicht ganz verstanden hatte. Dabei hob sie ihre üppigen Brüste etwas an, die beständig einen Weg durch den tiefen Ausschnitt ihrer engen Bluse zu suchen schienen.

»SS-Uniform?«, wiederholte sie unsicher. »Meinst du so wie die Würstchenverkäufer in der Werbung für Schlachthaus Südislands

Guðjón sah sie mit unbewegter Miene an, blickte in die tiefen, blaugrünen Augen und auf den Busen, der Umfragen zufolge den Anteil von Männern mittleren Alters unter den Zuschauern der abendlichen Zehnuhrnachrichten |20|um mindestens zwölf Prozent gesteigert hatte. Wie weit eigentlich ging die Ahnungslosigkeit der jüngeren Generation, die vor dem verflixten Fernseher aufgewachsen war?

»Nein«, versetzte er trocken. »Dein Großvater trug eine Uniform der deutschen nationalsozialistischen SS …«

»Nazis?«, rief Melkorka.

»… als er sich am Kriegerdenkmal für die deutschen Soldaten erschoss, die im Zweiten Weltkrieg in den isländischen Hoheitsgewässern gefallen waren. Es steht auf dem Friedhof in Fossvogur.«

»Das kann ich nicht glauben.«

»Hast du irgendeine Erklärung, warum dein Großvater sich diesen Aufzug ausgesucht hat?«

»Nein, natürlich nicht.«

»Das ist ja auch in Ordnung«, mischte sich Erna in das Gespräch ein, bevor der Hauptkommissar weitere Fragen stellen konnte. »Weswegen sich Höskuldur so angezogen hat, spielt für die Untersuchung des Falles keine Rolle mehr. In dem Brief an dich bestätigt er ja den Suizid, und nach den isländischen Gesetzen ist es keine Straftat, sich das Leben zu nehmen.«

Guðjón schnaubte unwillig. Was erlaubte sich diese freche Person wieder einmal, ihrem Vorgesetzten auf diese Art das Heft aus der Hand zu nehmen?

»Das ist doch alles kompletter Unsinn«, ereiferte sich Melkorka.

»Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie unvorbereitet dich dieser schreckliche Vorfall trifft.«

»Es ist völlig absurd, das Ganze.«

»Natürlich hast du mein vollstes Mitgefühl.«

»Willst du am Ende behaupten, mein Opa warein Nazi?«

|21|»Nein, nein. Ich suche nur nach Erklärungen für die ungewöhnlichen Umstände, auf die wir heute früh gestoßen sind«, erklärte der Hauptkommissar und steckte Höskuldur Steingrímssons Schreiben wieder in den Umschlag zurück.

Er gab seiner Kollegin ein Zeichen, ihm voraus zur Wohnungstür zu gehen.

»Den Abschiedsbrief muss ich leider noch eine Weile behalten, da er ein Beweisstück ist«, fügte er hinzu. »Auf Wiedersehen.«

In den nächsten Minuten fiel es Melkorka schwer, logisch klar zu denken. Sie versuchte Kári zu erreichen. Aber es meldete sich nur die Mailbox seines Handys.

»Bitte ruf mich sofort zurück!«, bat sie, legte auf und begann, nach einer Antwort auf die Frage zu suchen, die sie am schmerzlichsten bedrängte: Warum hatte Höskuldur ihr am gestrigen Abend nicht die Wahrheit über seine Krankheit gesagt?

Zwar hatte sie es durchaus eilig gehabt, ins Funkhaus zu kommen. Dennoch wäre genügend Zeit gewesen, ihr anzuvertrauen, dass er nicht mehr leben wollte. Natürlich hätte sie sich im Funkhaus abgemeldet und ihn von diesem grauenhaften Schritt abzubringen versucht.

Am allerwenigsten verstand sie jedoch, weswegen er sich ausgerechnet in so einer lächerlichen Verkleidung hatte erschießen müssen.

Melkorka hatte nie auch nur die geringste Andeutung gehört, dass ihr Opa früher ein Nationalsozialist gewesen sein könnte. Ihre Mutter und ihr Stiefvater hatten so etwas nie erwähnt. Er selbst hatte mit ihr immer über alles andere als seine Jugendjahre oder über Politik gesprochen, |22|obwohl er ihr durchaus seine Anerkennung für ihre steile Karriere in der Jugendsektion der Unabhängigkeitspartei vermittelt hatte, bevor sie als Nachrichtenjournalistin zum Fernsehen gekommen war.

Wie hatte Opa ihr das antun können?

|23|4

Die wildesten Gerüchte über den Selbstmord verbreiteten sich wie ein Lauffeuer in den isländischen Medien. In den Fluren des Rundfunkhauses wurde über die Verbindungen zwischen dem Verstorbenen und Melkorka getuschelt, ohne dass jemand so viel Mut aufgebracht hätte, mit ihr selbst über die Gerüchte zu sprechen. Gegen Mittag rief sie der Leiter der Nachrichtenredaktion zu sich und fragte ohne Umschweife: »Dein Großvater ist gestorben?«

»Ja. Woher weißt du das?«

»Das pfeifen die Spatzen von allen Dächern. Willst du dir nicht ein paar Tage freinehmen?«

»Brauche ich nicht, mir geht’s gut.«

»Aber es muss für dich doch ein großer Verlust sein.«

Melkorka nickte.

»Nimm dir einfach eine Auszeit!«

»Nicht nötig«, wiederholte sie.

»Etwas anderes kommt aber nicht in Frage.« Die Miene ihres Vorgesetzten gab deutlich zu verstehen, dass seine Entscheidung keinen Widerspruch mehr duldete.

Also räumte Melkorka ihren Schreibtisch auf, verließ hocherhobenen Hauptes das Rundfunkhaus und setzte sich ans Steuer ihres Range Rover Sport. Noch auf dem Parkplatz prüfte sie ihr Handy. Kári hatte noch immer nicht reagiert.

|24|In sportlicher Fahrweise fädelte sie sich durch den Verkehr auf der Schnellstraße Miklabraut zur Ártúnsbrekka im Osten Reykjavíks. Auf dem Heimweg zu ihrem schicken Haus im Nobelviertel Grafarholt gingen ihr Erinnerungen an angenehme Besuche bei ihrem Opa durch den Kopf. Als ihr Vater noch lebte, hatten sie sich jedes Jahr im August zu dritt auf dem großen Volksfest im Tal Herjólfsdalur auf Heimaey amüsiert. Anschließend hatten sie immer noch etwa eine Woche bei Höskuldur auf der Insel verbracht. Während ihrer Studienzeit hatte sie dann zwei Sommer lang im Büro einer Reederei auf Heimaey gearbeitet, an der Höskuldur beteiligt war. Oft waren sie auch zusammen auf See gewesen. Höskuldur war mit ihr in seinem Boot um die Westmännerinseln getuckert und hatte ihr das Bootfahren beigebracht, das Tauchen mit Froschmannausrüstung, das Klettern in den steil abfallenden Inselfelsen und wie man die Papageientaucher hoch oben in den Felswänden mit dem Vogelkescher erwischte.

Sie hatte immer geglaubt, ihren Großvater gut zu kennen. Der Mann, an den sie sich erinnerte, konnte kein widerlicher Nazi sein. Das war absolut ausgeschlossen.

Eigentlich wusste sie recht wenig über die deutsche SS, außer dass sich unter ihnen die Massenmörder befunden hatten, die für die schlimmsten Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs verantwortlich waren.

Als sie mit dem Jeep in die Einfahrt vor ihrem neuen Einfamilienhaus einbog, drängte sich der letzte Satz im Brief ihres Großvaters in ihre Gedanken:

 

Ich lege das Geheimnis meines Lebens vertrauensvoll in Deine Hände.

 

|25|Das unangenehm ziehende Gefühl im Bauch wurde plötzlich um einiges stärker. Sollte der Selbstmord vielleicht erst der Anfang von weiteren, bestürzenden Enthüllungen alter Familiengeheimnisse sein?

|26|5

Dienstag, 24. April

Melkorkas Alptraum nahm an jenem Morgen neue Gestalt an, als das Boulevardblatt DV auf der Titelseite in großer Aufmachung den Tod ihres Großvaters in die Welt posaunte. Zuoberst prangte in großen Lettern die Schlagzeile vom »Selbstmord eines isländischen SS-Mitglieds«. Darunter war die Bildmontage eines Mannes in schwarzer SS-Uniform mit dem hineinkopierten Gesicht von Höskuldur Steingrímsson zu sehen.

»Dürfen die das?«, fragte Melkorka erbost und feuerte das Blatt auf den Küchentisch.

Ihr Mann zog die DV zu sich, betrachtete die erste Seite und blätterte auf die nächste um, auf der ausführlicher über den Suizid berichtet wurde. Melkorka blickte ihm von einem Foto aus entgegen.

Kári verfügte über die besondere Fähigkeit, sein Temperament zu zügeln, wenn ihn etwas ärgerte. Er verlor nie die Kontrolle über sich. Stattdessen schwoll ihm die Zornesader an, und er runzelte die Stirn.

»Unglaublich geschmacklos«, befand er düster.

Melkorka befiel ein Schwindel, als sie ihr Bild und ein weiteres von ihrem Großvater erblickte, beide in ein riesiges Foto des deutschen Soldatengrabs auf dem Friedhof von Fossvogur montiert. Die Buchstaben unter den Bildern flimmerten vor ihren Augen:

 

|27|Der ehemalige Lehrer Höskuldur Steingrímsson aus Heimaey und Großvater des Fernsehstars Melkorka Steingrímsdóttir trug eine Uniform der berüchtigten deutschen SS-Verbände und brachte sich mit einem Kopfschuss am Grab von Hitlers Soldaten in Fossvogur um.

 

»DV. Drecksblatt, verdammtes«, knurrte Kári.

Den ganzen Vormittag hingen sie beide am Telefon, um abwechselnd mit ihren Verwandten, Freunden oder Kollegen zu reden oder Fragen von Journalisten zu beantworten. Obwohl sich viele ihrer Bekannten an diesem Morgen hinreißen ließen, die DV wüst zu beschimpfen, kamen sie nicht an der Tatsache vorbei, dass der Kern der Nachricht stimmte. Melkorka und Kári wurde auch klar, dass Höskuldurs Selbstmord nicht nur Verwunderung bei Freunden und Bekannten hervorrief, sondern auch Neugier erregte. Melkorka konnte das nicht nur nicht nachvollziehen, sie hatte noch viel weniger Lust, diese Neugier zu befriedigen.

Sie spürte, wie Ohnmacht, Trauer und Zorn in ihr miteinander rangen. In ihrer verzweifelten Ratlosigkeit rief sie ihre Mutter Helga Arnórsdóttir an, die in ihrem Büro in der Stadtbücherei im nordisländischen Akureyri saß. Schweigend hörte Helga der aufgeregten Erzählung ihrer Tochter von dem Artikel zu, der ohne Vorwarnung das Leben der Familie auf den Kopf gestellt hatte.

»Soll ich zu dir kommen?«, fragte sie dann.

»Nein«, wehrte Melkorka ab. »Ich muss nur mal mit wem reden, um nicht vollends den Verstand zu verlieren.«

»Ich könnte die Nachmittagsmaschine nehmen.«

|28|»Hast du gewusst, dass Opa so eine Nazi-Uniform besaß?«

Helga zögerte.

»Wusstest du das?«, wiederholte Melkorka.

»Ich hab sie nie an ihm gesehen«, gab Helga zur Antwort.

»Aber?«

»Ich erinnere mich, dass dein Vater mir irgendwann mal erzählt hat, dass Höskuldur eine deutsche Uniform besaß. Er hat sie angezogen, wenn er mit der Flasche allein war.«

»Mein Gott!« Melkorka atmete einige Male tief ein, um ihre Nerven zu beruhigen.

»War er denn ein Nazi?«

»Ich wüsste nicht, dass irgendwer so etwas in meiner Anwesenheit behauptet hätte.«

»Aber was bedeutet das dann?«, rief Melkorka. »Warum tut er uns das an?«

»Ich nehme jetzt doch die nächste Maschine nach Reykjavík«, verkündete Helga entschlossen.

|29|6

Aðalsteinn Indriðason, seit vielen Jahren Höskuldur Steingrímssons Rechtsanwalt, war einer von denen, die kurz vor Mittag bei Melkorka anriefen. Der Anlass war jedoch ein ganz anderer. Er behauptete, auf Veranlassung des Verstorbenen eine dringende Angelegenheit mit ihr besprechen zu müssen.

Melkorka hatte den Rechtsanwalt während ihrer politischen Tätigkeit für die Unabhängigkeitspartei flüchtig kennengelernt, für die er als einflussreicher Geldbeschaffer gearbeitet hatte. Sie verabredeten ein Treffen in Aðalsteinns Büro für den Nachmittag. Die Kanzlei befand sich im dritten Stock eines neu errichteten Glasturmes an der Borgartún, der isländischen Miniausgabe der Wall Street, an der während des größenwahnsinnigen Aktienbooms einige der bedeutendsten isländischen Finanzunternehmen ihre Niederlassung unterhalten hatten.

Aðalsteinn warvon kleiner Statur, aber dafür um so mehr in die Breite gewachsen. Er begrüßte Melkorka, indem er ihre beiden Hände in seine nahm und ihr sein tiefempfundenes Beileid aussprach. Dann bot er ihr einen Platz auf dem dunkelbraunen Ledersofa an. Das geräumige Büro war mit einem großen Gemälde des isländischen Malers Jóhannes S. Kjarval geschmückt. Es zeigte die Ebene Þingvellir, diesen für die isländische Geschichte so bedeutsamen |30|Ort. Daneben gab es die gebundenen Ausgaben von Urteilen des höchsten isländischen Gerichts sowie des Staatsanzeigers, die die Wand hinter einem umfänglichen Eichenschreibtisch bedeckten. Der Schreibtisch selbst war nahezu leer.

»Vor mir war mein Vater der Anwalt deines Großvaters«, begann er, als sie sich auf dem Sofa niedergelassen hatten. »Soweit ich weiß, lernten sie sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs kennen und waren eng befreundet. Kurz vor dem Tod meines Vaters übernahm ich die Kanzlei und dabei unter anderem die juristische Vertretung Höskuldurs, und auch wir waren eng befreundet. Zu hören, wie sich sein Tod ereignet hat, überrascht mich nun sehr.«

»Ich bin auch völlig schockiert«, sagte Melkorka.

»Das kann ich gut nachvollziehen. Er hat dir, ebenso wie mir, keine Andeutung gemacht, was er vorhatte, oder?«

»Nein, das brach wie ein Blitz aus heiterem Himmel über uns herein.«

Aðalsteinn nickte nachdenklich. »Die Sache ist die, dass Höskuldur am Tag vor seinem Tod zu mir kam, um mir seine Verfügungen für die Abwicklung der letzten Dinge nach seinem Ableben zu übergeben.«

»Heißt das, er hat ein Testament gemacht?«

»Nein, das nicht. Er sagte, du und dein Sohn seien seine einzigen lebenden Nachkommen und deshalb sei das nicht notwendig.«

»Was dann?«

»Voreinigen Jahrzehnten hatte Höskuldur meinem Vater eine Aktentasche zur Aufbewahrung anvertraut. Es muss um 1950 gewesen sein«, berichtete der Rechtsanwalt. »Bei |31|unserer letzten Begegnung bat er mich, dir diese Tasche nach seinem Tod zu übergeben.«

»Was ist in der Tasche?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Aðalsteinn. »Die Aktentasche ist fest verschlossen, wie all die Jahre zuvor auch. Es gibt aber in einem versiegelten Umschlag einen Schlüssel dazu.«

»Wenn ich sie aber nicht haben will?«

»Dann bin ich verpflichtet, sie zu verbrennen, und zwar mitsamt ihrem Inhalt.«

Melkorka konnte eine gewisse Scheu vor dem Geheimnis, das ihr Großvater jahrzehntelang vor der Familie versteckt hatte, nicht leugnen. Schließlich gewann aber doch die Hoffnung auf Antworten die Oberhand über ihr Widerstreben. Sein schrecklicher Tod hatte zu viele Fragen aufgeworfen.

»Also gut«, beschloss sie. »Ich muss die Tasche annehmen, wenn Großvater es so wollte.«

»Gut.«

Aðalsteinn stand auf und gab einige telefonische Anweisungen. Kurz darauf erschien eine Frau mittleren Alters, brachte eine schwarze Aktentasche und legte sie auf den Schreibtisch. An der Tasche war ein kleiner, aber dicker Umschlag befestigt.

»Bitte sehr«, sagte Aðalsteinn.

Melkorka beeilte sich, in ihren Sportjeep zu kommen. Sie schloss die Tür, legte die schwarze Tasche auf den Beifahrersitz, nahm hastig den Umschlag an sich, brach das rote Siegel, fand den Schlüssel und steckte ihn ins Schloss.

|32|7

Helga Arnórsdóttir hatte vorgehabt, einen kurzen Abstecher ins Reykjavíker Einkaufszentrum Kringlan zu machen, solange ihre Tochter bei Höskuldur Steingrímssons Anwalt war. Nicht, weil sie irgendetwas gebraucht hätte, was sie zu Hause nicht auch bekommen hätte. Es schien ihr schlichtweg eine angenehme Abwechslung, in aller Ruhe in einem der Cafés des überdachten Zentrums zu sitzen, eine Zeitschrift in Griffweite, und den Leuten um sich herum bei Arbeit und Vergnügen zuzusehen.

An der Haltestelle Kringlan blieb sie dann aber im Bus sitzen, bis er in der Stadtmitte bei Lækjargata hielt. Dort schlenderte sie an Restaurants und Geschäften vorbei, machte kurz am Kolaportið halt und nahm dann die Vesturgata Richtung Stadtrand.

Helga hatte Steingrímur Höskuldsson, Melkorkas Vater, auf einer Kneipentour kennengelernt, in ihrem dritten Jahr des Bibliothekarsstudiums an der Universität Islands. Er studierte Geologie und erklärte ihr das isländische Hochland, die Vulkane, Gletscher und die weiten Landschaften mit einer Begeisterung, der sie nichts entgegenzusetzen hatte. Im darauffolgenden Frühjahr, als sie sich nach abgeschlossenem Studium exmatrikulierte und in der Stadtbücherei Reykjavík eine Stelle antrat, bezogen sie zusammen eine Mietwohnung nahe am Hafen. Sie genossen die |33|Freiheit, waren jung und gesund. Ehe sie sich’s versah, fand sie sich wieder in einer ihr vorher unbekannten Welt, in der man die Konfrontation mit der ungebändigten Natur suchte und den entfesselten Wetterhexen in monströsen Geländewagen und kraftvollen Motorschlitten die Stirn bot. Das Dasein nahm jetzt oftmals Züge einer wilden Achterbahnfahrt an, in der gelegentlich das Leben selbst auf dem Spiel stand.

Doch niemand kann die Naturgewalten dauerhaft herausfordern, ohne irgendwann dafür zu bezahlen. Sie war auf einer schicksalhaften Expedition auf dem Gletscher Vatnajökull dabei gewesen, als ein eiskalter Nordsturm mit mörderischem Frost und dichtem Schneetreiben über die Gruppe hereinbrach. Sie sahen die Hand vor Augen nicht mehr, und Steingrímurs Motorschlitten stürzte in eine tiefe Gletscherspalte. Als sie ihn nach mehrstündigen Bergungsversuchen in heftigem Sturm endlich aus dem eiskalten Schlund heraufholen konnten, war er tot. Das war vor dreizehn Jahren passiert.

Helga war mit Melkorka zu ihren Eltern nach Akureyri gezogen, wo das Leben wieder eine neue Richtung einschlug, als sie den Bankdirektor Guðbrandur Hjaltason kennenlernte, ihren jetzigen Ehemann und Melkorkas Stiefvater. Er hatte mehr Interesse an den Pferden in der Umgebung der Stadt, als mit Motorschlitten über das Hochland zu jagen. So hatte Helgas Leben allmählich in eine andere, langsamere Gangart geschaltet.

Als sie Steingrímur das erste Mal traf, hatte er zu seinem Vater Höskuldur wenig Kontakt gehalten, eigentlich fast nur zu großen Festen. Steingrímur fuhr zu diesen Gelegenheiten mit der Fähre Herjólfur hinaus nach Heimaey und |34|blieb einige Tage lang beim Meister, wie er seinen Vater zu nennen pflegte. Tatsächlich hatte Helga ihren zukünftigen Schwiegervater zuerst über das Telefon kennengelernt. Sie war allein zu Hause gewesen, als Höskuldur seinen Sohn hatte sprechen wollen. Sie hatten einige Höflichkeiten ausgetauscht. In dem Sommer aber, als sie schwanger wurde, war Höskuldur unerwartet zu Besuch gekommen und hatte sich liebevoll um sie gekümmert. Danach war Helga ein selbstverständliches Mitglied der Familie gewesen und hatte jedes Jahr im August mit Steingrímur und Melkorka das Sommerfest auf den Westmännerinseln besucht und war manchmal auch im Dezember mitgekommen, um Weihnachten auf Heimaey zu feiern.

Steingrímur hatte seine Mutter nur selten erwähnt. Er erzählte lediglich davon, dass sie sofort nach der Geburt verstorben und er bei seinem Vater Höskuldur und dessen Haushaltshilfen aufgewachsen war. Diese Frauen hausten in einem bescheidenen Kellerzimmer, kümmerten sich um die Kindererziehung und erledigten für Höskuldur die tägliche Hausarbeit. Höskuldur unterrichtete in der Grundschule, bis er mit etwa siebzig aus Altersgründen den Dienst quittiert hatte. Im Sommer war er mit seinem Fischerboot regelmäßig aufs Meer hinausgefahren.

Wehmütige Trauer und Nostalgie rangen in Helgas Brust miteinander, als sie an dem alten grauweißen Wohnhaus vorbeiging, in dem sie das Leben und die Liebe mit leidenschaftlicher Hingabe und tieferer Freude als jemals danach genossen hatte.

|35|8

Eine Weile saß Melkorka regungslos auf dem Fahrersitz ihres Sportjeeps an der Borgartún und betrachtete den Inhalt der Tasche: zwei Päckchen und ein zugeklebter weißer Umschlag. Die Päckchen waren in dunkelbraunes Packpapier gewickelt und mit einer starken, über Kreuz gelegten Schnur zugebunden. Das eine hatte die Größe eines Taschenbuchs. Das andere war viel kleiner.

Sie schloss die Tasche wieder, ließ den Motor an und fuhr rasch nach Hause. Dort genehmigte sie sich einen starken Kaffee, setzte sich an den Küchentisch und riss das Couvert auf. Ein kleiner Zettel fiel heraus. Zwei Zeilen in der Handschrift ihres Großvaters waren dort zu lesen:

 

Zur Entfesselung aus Læðingur:

324136

 

Was war denn das für ein Unsinn?

Nach einigem Überlegen löste sie die Schnur um das kleinere Päckchen, entfernte das Packpapier und öffnete eine kleine Schachtel.

Melkorka stockte der Atem. Darin lag ein grobschlächtiger Silberring, von dem sie ein Totenschädel angrinste.

Das widerwärtige Schmuckstück erregte ihren heftigsten Widerwillen. Trotzdem begann sie, den Ring genauer |36|zu untersuchen. Zu beiden Seiten des Totenkopfs gab es eine stilisierte Variante des Buchstabens S, dahinter ein Hakenkreuz und weitere Zeichen, die sie bei der ersten Betrachtung nicht erkannte.

Mit spitzen Fingern fischte sie das Ding aus der Schachtel, um die Gravur an der Innenseite zu entziffern. Dort standen die Namen H. Himmler und H. Steingrim neben dem Datum 18. August 1943.

H. Steingrim?

Voller Abscheu und Verunsicherung wich Melkorka zurück und legte den Ring hastig zur Seite. Schließlich nahm sie das andere Päckchen aus der Tasche und durchtrennte die schwarze Schnur.

Aus dem Packpapier kam ein Notizbuch in bräunlichem Ledereinband zum Vorschein, das von einer bronzefarbenen Spange zusammengehalten wurde. Mittig auf den Umschlag war ein reliefartiges ovales Zeichen geprägt, das sie noch nie gesehen hatte: ein Schwert mit plumpen Kugeln an beiden Enden der Parierstange bildete die Mittelachse. Drum herum wand sich eine Art Ehrenschleife. In einem äußeren Oval um das Symbol war eine Inschrift in ebenfalls reliefartig erhöhten Lettern angebracht.

Melkorka entzifferte die abgeschabten Buchstaben einen nach dem anderen:

DEUTSCHES AHNENERBE

Sie hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte.

Viele Seiten des Buches waren dicht und mit klarer Handschrift beschrieben. Die Buchstaben schienen aber in einer fortlaufenden Reihe ohne Zwischenräume aufeinanderzufolgen und waren außerdem meistens unkenntlich. Wenn das überhaupt ein Notizbuch sein sollte, dann hatte |37|ihr Großvater seine Gedanken in einer seltsamen Geheimschrift niedergeschrieben, die sie nicht enträtseln konnte.

Auf manchen Seiten waren Schwarzweißfotos in das Buch eingeklebt.

Melkorka betrachtete die Bilder nur oberflächlich, da ihr die Motive nichts sagten. Einige Fotos zeigten Gebäude, unter anderem Steingebäude, die wie Trutzburgen wirkten. Auf anderen wiederum waren Landschaften: Felsen, Seen, Hügel und Höhlen abgebildet. Und auf zweien waren Männer in Uniform zu sehen. Das erste zeigte eine Gruppe Soldaten, die mit vorgestreckten Händen unter bizarren, klobigen Felstürmen standen. Neben ihnen waren viele brennende Fackeln und Flaggen mit zwei der berüchtigsten Symbole des Nazi-Reiches: dem Hakenkreuz und der doppelten Sig-Rune der SS-Verbände. Auf dem anderen Foto posierten zwei Soldaten vor einem großen U-Boot.

Schaudernd schloss Melkorka das Notizbuch und schob es in die schwarze Tasche zurück.

|38|9

Helga Arnórsdóttir hatte sich während ihrer Studienzeit an der Universität Islands mit vielen Gebieten der Buchherstellung beschäftigt und sich so einiges Fachwissen angeeignet. Deshalb erkannte sie schnell, welche Schrift in dem Notizbuch verwendet worden war, das ihre Tochter unerwartet geerbt hatte.

»Das sind zweifellos nordische Runen«, sagte sie. »Für Runen hatte sich Höskuldur in der Tat besonders interessiert. Ich erinnere mich, dass Steingrímur seinen Vater manchmal den großen Runenmeister nannte. Und er meinte das noch nicht mal spöttisch.«

Sie blätterte durch die insgesamt sechsundvierzig sorgfältig nummerierten Seiten der Kladde. Gelegentlich betrachtete sie einen Eintrag genauer.

»Zu den Wikingerzeiten waren in Nordeuropa verschiedene Runenreihen in Gebrauch«, fuhr sie fort. »Wissenschaftler nennen die Runenalphabete nach den ersten fünf Buchstaben das ›Futhark‹. Ich glaube, eines davon hatte sechzehn Buchstaben, ein anderes vierundzwanzig. Dazu gab es noch verschiedene Varianten einzelner Buchstaben. Jedenfalls bedeutet das, dass es insgesamt wesentlich weniger Runenzeichen gibt, als das heutige isländische Alphabet mit seinen zweiunddreißig bereitstellt. Immerhin stammt unser þ aus dem Runenalphabet.«

|39|»Und was schreibt Opa da?«, fragte Melkorka.

»Das sind ganz offensichtlich einzelne Wörter und Sätze«, antwortete Helga. »Man sieht deutlich, dass Höskuldur einen Doppelpunkt auf mittlerer Zeilenhöhe gesetzt hat, um die einzelnen Wörter voneinander abzutrennen. Aber ich weiß nicht, welches Alphabet er verwendet hat oder ob er gar sein eigenes erfunden hat. Und ich weiß auch nicht, in welche Richtung er geschrieben hat. Runen zu lesen kann ganz schön schwierig werden. Es sei denn, du weißt, wie der Verfasser genau vorgegangen ist.«

»Opa hat mit mir nie über Runen gesprochen.«

»Möglicherweise sind Hinweise auf Höskuldurs Ansatz in seinem Arbeitszimmer zu finden.«

»Ja, auf Heimaey drüben«, stimmte Kári mit einem Blick auf seine Frau zu. »Wir müssen vermutlich ohnehin bei Gelegenheit mal rüber, um nach seinem Haus zu sehen.«

Melkorka hatte bis zu diesem Augenblick noch keinen Gedanken daran verschwendet, dass sie mit dem Tod ihres Großvaters auch ein Wohnhaus und seine übrigen Besitztümer geerbt hatte.

»Das denke ich auch«, antwortete sie. »Ich habe aber keine Schlüssel zu dem Haus.«

»Höskuldur muss Hausschlüssel bei sich gehabt haben, als er nach Reykjavík flog«, warf Helga ein.

»Dann liegen die wahrscheinlich noch bei der Polizei«, setzte Kári hinzu.

Melkorka blickte ihre Mutter an.

»Traust du dir zu, diesen Runentext für mich in modernes Isländisch zu übersetzen?«

»Kaum. Ich denke, es ist das Vernünftigste, für diese Aufgabe einen Runenspezialisten hinzuzuziehen.«

|40|»An wen denkst du da?«

Helga überlegte eine Weile.

»Tja, der versierteste Fachmann, dem ich bisher begegnet bin, ist zweifellos der Dichter von Hvíthöfði«, meinte sie schließlich.

Melkorka hatte von dem Mann noch nie gehört.

»Beinteinn ist zwar schon hoch in den Siebzigern, aber er ist rüstiger als so mancher Jüngere. Er gab erst letztes Jahr vor Weihnachten immerhin noch einen neuen Gedichtband heraus.«

»Glaubst du, er kann Opas Runen entziffern?«

»Wenn es überhaupt jemand fertigbringt, dann am ehesten noch er. Es kann jedenfalls nicht schaden, ihm mal die Kopie einer Seite aus dem Notizbuch zu zeigen.«

Melkorka nickte. Wieder spürte sie diesen unangenehmen Schauder ihren Rücken hinabrieseln, wenn sie an den grinsenden Totenkopf in der Aktentasche dachte.

»Weißt du, was das für ein scheußlicher Ring ist?«

»Nein. Aber nach den Symbolen auf dem Ding zu schließen, muss er auf irgendeine Weise mit den deutschen Nazis zu tun haben, und über die weiß dein ehemaliger Dozent Njáll hierzulande am meisten.«

»Ich werde ihn anrufen«, sagte Melkorka.

|41|10

Donnerstag, 26. April

Njáll Gunnarsson, Historiker und Professor an der Universität in Reykjavík, hatte schon zu seinen Studienzeiten vor knapp vier Jahrzehnten mit seinen sorgfältigen Arbeiten über die politische Geschichte Islands zwischen beiden Weltkriegen auf sich aufmerksam gemacht. Durch seine Dissertation über den Einfluss des Engey-Familienclans auf die isländische Politik war er schließlich landesweit bekannt geworden.

Als er am Nachmittag des folgenden Tages das Ehepaar besuchte, war er zuvor noch kurz die Namenslisten isländischer Geschichtswerke über die Aktivitäten der nationalsozialistischen Bewegung in Island durchgegangen. Außerdem hatte er auf einigen ausländischen Internetseiten weitere Informationen über Angehörige der deutschen SS-Verbände recherchiert. Auf den Namen Höskuldur Steingrímsson war er dabei jedoch nicht gestoßen. Er wurde nirgends im Zusammenhang mit der Tätigkeit der isländischen Nationalbewegung oder anderer Organisationen isländischer Nationalsozialisten erwähnt, die in den Vierzigern und Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts aktiv waren. Der Name fand sich auch weder in ausländischen Datenbanken zur Geschichte des Dritten Reiches noch in solchen über Heinrich Himmler und jene Soldaten, die einst Europas erbarmungslose Kriegsherren waren.

|42|»Nach so einer kurzen und unsystematischen Durchsicht kann ich natürlich noch nichts ausschließen. Schon deshalb nicht, weil die Mitgliederliste der isländischen Nazis während des Krieges draußen auf der Halbinsel Álftanes verbrannt wurde«, sagte er und blickte Melkorka, Helga und Kári abwechselnd an. »Andererseits ist nicht abzustreiten, dass Höskuldur offenbar nirgends erwähnt ist. Weder in Papieren oder sonstigen Schriftstücken der Nazis oder ihrer Gegner noch in Büchern, die in den letzten Jahrzehnten über isländische Nazis verfasst wurden. Von daher ist es eher unwahrscheinlich, dass er in der isländischen Bewegung mitgemischt hat. Aber noch mal, ich kann es nicht definitiv ausschließen.«

»Aber er könnte sich die Uniform doch auch als Devotionalie gekauft haben, oder?«, erkundigte sich Melkorka.

»Natürlich, das schon. Aber das erklärt keineswegs, weswegen er sich dazu entschlossen hat, in der Uniform zu sterben«, gab Njáll zu bedenken. Er war von kleiner Statur, untersetzt und hatte ein breites Gesicht, das Melkorka immer an die Zwerge in »Schneewittchen« erinnerte. »Mir scheint viel wahrscheinlicher, dass hier etwas ganz anderes dahintersteckt.«

»Jeder Mensch wird zwei Mal zum Kind«, bemerkte Helga.

»Meinst du damit, Höskuldur war dement?«, fragte Kári.

»Opa schien ganz normal, als ich ihn im Hótel Borg traf«, widersprach Melkorka.

»Trotzdem konnte er dir verheimlichen, dass er schwerkrank war und fest entschlossen, sich auf diese furchtbare Art umzubringen«, entgegnete ihre Mutter gelassen.

»Ich hatte es leider ziemlich eilig, in die Nachrichtenredaktion |43|zu kommen«, verteidigte sich Melkorka. »Sonst hätte er mir vielleicht mehr erzählt und wäre noch am Leben.«

»Ich glaube, dass ich seine mutmaßlichen Verbindungen zur SS in Deutschland noch genauer untersuchen sollte«, nahm Njáll den Faden wieder auf. »Die SS hatte mehrere Unterabteilungen. Von der berüchtigten Gestapo in der Allgemeinen SS bis zu den bewaffneten Mitgliedern der Waffen-SS, in denen unterschiedliche Nationalitäten vertreten waren. Es ist bekannt, dass sich während des Krieges einige Isländer diesen Gruppierungen angeschlossen haben. Die Namen der meisten von ihnen liegen vor. Einige haben sogar in Gesprächen oder Büchern von ihren Erfahrungen berichtet. Keiner von ihnen scheint aber jemals einen Höskuldur erwähnt zu haben, und das reduziert meiner Meinung nach die Wahrscheinlichkeit, dass er SS-Mitglied war. Ohne weitere Untersuchungen ist es aber wie gesagt nicht möglich, es völlig auszuschließen.«

»Und der Ring?«, fragte Melkorka. »Hast du so einen schon früher mal gesehen?«

»Ja, habe ich«, bestätigte Njáll. »Das ist ein Totenkopfring oder SS-Ehrenring. Der Reichsführer-SS Himmler ließ ihn anfertigen, um damit SS-Angehörige zu ehren, die in seiner ganz besonderen Gunst standen. Ich vermute, dass er viele Tausende solcher Ringe herstellen ließ.«

»Viele Tausende?« Helga konnte es kaum glauben.

»Ja. Du musst bedenken, die SS war kein kleiner Milchladen. Himmler hatte auf dem Höhepunkt seiner Macht knapp zwei Millionen bewaffneter Leute unter sich. Die SS war so etwas wie ein eigener Staat im Dritten Reich.«

»Ein SS-Ehrenring also«, wiederholte Melkorka mit fragendem |44|Blick auf den Professor. »Könnte Großvater ihn nicht auch einfach irgendwo gekauft haben?«

Njáll überlegte.

»Wie heißt es so schön: Alles ist möglich. Und es ist nicht abzustreiten, dass diese Totenkopfringe nach dem Krieg gehandelt wurden. Aber ich halte es dennoch für ziemlich unwahrscheinlich. Der Name des Empfängers war immer zusammen mit dem Datum der Verleihung in den Ring graviert. Hier steht, dass dieser Ring einem H. Steingrim gehört. Das wird wohl die Abkürzung für Höskuldur Steingrímsson sein.«

»Du glaubst also doch, Großvater war Angehöriger der Waffen-SS?«

»Aller guten Dinge sind drei, wie das Sprichwort sagt.«

»Was für drei Dinge?«

»Der Ring, die Uniform, das Buch.«

»Was hat das Buch mit der SS zu tun?«, fragte Helga.

Njáll schloss das Notizbuch und strich vorsichtig mit den Fingern über das reliefartig erhöhte Symbol auf der Vorderseite des braunen Ledereinbands.

»Hier steht es klar und deutlich«, antwortete er und las ihnen die Worte vor, die im Kreis um das blankgezogene Schwert geschrieben waren:

DEUTSCHES AHNENERBE

»Was ist das?«, fragte Melkorka, die kein Deutsch verstand.

»Ahnenerbe bedeutet in etwa das Erbe der Vorfahren. Es war eine Einheit innerhalb der SS mit zahlreichen Mitarbeitern. Himmlers bevorzugte Abteilung, wenn ich mich recht erinnere.«

»Was haben die denn gemacht?«

|45|»Alles Mögliche«, antwortete der Historiker. »Sie hatten außerordentlich vielfältige und unterschiedliche Aufgaben.«

»Welche zum Beispiel?«

»Beispielsweise intensive Runenforschung.«

»So wie Großvater«, bemerkte Melkorka.

Njáll nickte zustimmend.

»Aber vieles andere, was die so getrieben haben, war nicht so harmlos.«

»Was meinst du damit?«

»Du hast doch sicher von den grauenhaften Menschenversuchen an Juden und Kriegsgefangenen in den Konzentrationslagern der Nazis gelesen? Furchtbare Untaten von Psychopathen wie Dr. Mengele.«

Melkorka bejahte stumm.

»Viele dieser Verbrechen wurden auf Veranlassung von Ahnenerbe ausgeführt. Der Leiter dieser Institution wurde nach der deutschen Kapitulation verhaftet, wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt und hingerichtet.«

An diesem Abend war Melkorka jeglicher Appetit vergangen. Sie zog sich in einen der Sessel im Wohnzimmer wie in ein Nest zurück, verfolgte halb abwesend die Abendnachrichten, nahm gelegentlich einen Schluck grünen Tee und versuchte, sich das Verhalten ihres Großvaters bei ihrem Treffen im Hotel Borg zu vergegenwärtigen. Was er gesagt und wie er sich verhalten hatte. Sie erinnerte sich undeutlich daran, dass Höskuldur sie die ganze Zeit angestarrt hatte, ohne dass ihr das seltsam vorgekommen wäre: |46|Die Leute sahen sie immer an, wo sie sich auch aufhielt. Im Nachhinein aber erschien ihr sein Blick ungewöhnlich nahegehend. So als hätte er versucht, ein genaues Abbild von ihr mit in die Ewigkeit zu nehmen.

|47|11

Freitag, 27. April

Helga unternahm mehrere Versuche, dem Geheimnis des Runentextes im Notizbuch auf die Spur zu kommen. Aber alle ihre Bemühungen blieben erfolglos.

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