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Ruf! Mich! An!

Inhaltsübersicht

1. Invasion der Körperfresser

2. Schöntachnoch

3. Dietrich oder die Banalität der Mösen

4. Alles Schlampen außer Mutti

5. Man steckt nicht drin

6. Fangfrische Ömchen

7. Tschüssi

8. Sogar die Queen trägt ihre Handtasche selber

9. Nie wieder Concorde

10. Mengele zum Kennenlernpreis

11. Always Ultra

12. Hassliste – Auswahl

13. Popvolumen

14. Mitsubishi

15. Herrschaftswissen

16. Fräulein Fötzchen

17. Ruf! Mich! An!

18. Samba in der Pluderhose

19. Mein zweiter Vorname ist Edelmut

20. Hoppi Galoppi

21. Wie krank ist Saddam?

22. Muschilein

23. Dietrich aufs Maul geschaut (alphabetisch)

24. Die zügellosen Zeiten des Rokoko

25. Dienstbereit und fix und fertig

26. Kriegt man vom Spermaschlucken Karies?

27. Is it a pistol in your pocket or are you just glad to see me?

28. Uuups, what boobs!

29. Die letzte Bastion der Keuschheit wankt

30. Überall Schamhaare!

31. MenschInnen

32. Platon, der Scheißkerl

33. Eine gottverdammte Knutschoper

34. Zug nach Irgendwo

35. Fleischwurst mit Gesicht

36. Mein Biogut-Berater

37. Eros und Thanatos

38. Füße nach Mekka

39. Hotdog

40. Barfuß durch Trüffel

41. Wie das Gemüse

42. Clever bluffen

43. Speckgürtel

44. Kind kein Hindernis

45. Top Fifty Bärbel

46. Hallo, du kleine Mahnmaldebatte

47. Ich war jung und brauchte das Geld

48. Trommelfeuer der Sinnlichkeit

49. Sex mit einem Alien

50. Perpetuum urine

51. Immer mit der Rute

52. Vertane Schangse, irgendwie

53. Pärchen knacken

54. Tom »das Pupgesicht« Hanks

55. Nostradamus hatte recht

56. Rettich im Rektum?

 

»Was tun?, sprach Zeus. Die Götter sind besoffen, der Olymp ist vollgekotzt …«

 

Thomas Gottschalk, Die Supernasen

1. Invasion der Körperfresser

Ich bin eine stinknormale Großstädterin. Ich wohne in einem dieser anonymen Apartmenthäuser in Daimler-City. Man kann dort vollkommen ungestört leben. Niemand nimmt Notiz, keiner regt sich auf, lauter Autisten, Wand an Wand. Meine Nachbarn kennen mich nicht. Ich kenne meine Nachbarn nicht. Wir wollen uns auch ums Verrecken nicht kennenlernen. Ein ungeschriebenes Gesetz, sich untereinander weder ein Ei noch Mehl zu borgen. Wenn es hinter den naturnahen Terracottafassaden unseres Apartmentkomplexes an der Wohnungstür klingelt, ist es mit Sicherheit kein Nachbar, sondern ein Briefbote, ein Vertreter oder der Hausmeister. Schlimm genug, dass man sich ab und zu im Lift begegnet. In stiller Übereinkunft grüßt man dann nur knapp, ohne direkten Augenkontakt – oder überhaupt nicht. Ja kein Gespräch! Bloß keine Namen!

Deswegen muss ich ein überaus erstauntes Gesicht gemacht haben, als es am vergangenen Montag klingelte, mittags, eben als ich aus der Wanne stieg. Ich lief zur Tür, Turban um den Kopf, Frottiertuch um den Rest, und öffnete einen Spaltbreit.

Zwei Hände streckten sich mir entgegen. »Gudn Dog«, sagte ein Mann im schönsten Broiler-Deutsch. »Mior sinn Maik mit ›ai‹ …« Und eine Frau piepste: »… unn Mändy!« Dann beide zweistimmig: »Die Neuen!« Unsinniges Kichern. »… gomm jetzt öftors …«

Wie erstarrt stand ich im Türrahmen. Ein Traum? Ein Höllenspuk meines nervösen Gehirns? Aus meinem Turban hatte sich eine Haarsträhne gelöst und tropfte zielgenau in Maiks und Mändys Sprechpausen: Plop. Ärscht. Plop. Gestorn. Plop. Eingezogen.

Es gibt viele Möglichkeiten, einem Händedruck auszuweichen. Das Wie hängt davon ab, mit welcher Vehemenz sich der Grüßwillige nähert. Streckt er die Hand schon von weitem aus? Textet er sein Vorhaben hörbar Dritten gegenüber an (Ich muss mal rasch XY die Hand schütteln)? Ist er gar stadtweit als notorischer Händeschüttler bekannt?

Als unhöflich gilt, die Arme trotzig vor der Brust zu verschränken. Verbreitet ist die Schutzvariante »Ich habe nasse/schmutzige Hände.« Leider nutzt der haptisch veranlagte Grüßer diese Warnung oft dafür, sein Nichtvorhandensein von Ekel unter Beweis zu stellen. Er schüttelt trotzdem und ruft gönnerhaft: Aber das macht doch nichts!

Etwas wirkungsvoller ist die Begrüßungsformel »Bin total erkältet«, begleitet von einem raschen Wegziehen oder Auf-den-Rücken-Legen der potentiellen Grüßhand. Nur besonders aufdringliche Zeitgenossen zeigen, wie furchtlos sie selbst Bazillen und Viren gegenüberstehen, und schütteln trotzdem – oder erst recht.

Angetäuschtes Winken sowie ein hingeworfenes »Nachher!« und »Ich muss erst noch schnell …« schieben die leidige Angelegenheit nur auf. Trifft man den so Vertrösteten wenig später wieder, dann sagt er todsicher mit demonstrativ hingestreckter Hand: Jetzt erst mal richtig Guten Tag!

Ein reiner Akt der Verzweiflung ist es, sich mit einem endogenen Ekzem, Hepatitis A oder Aids rauszureden. Das hieße, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Außerdem führt es erfahrungsgemäß zu kompletter gesellschaftlicher Isolation, einem zwar reizvollen, aber der Karriere einer Geschäftsfrau eher abträglichen Zustand.

Räumlichen Schutz bietet es, spontan eine Mauer aufzubauen. So kann man etwa einen sperrigen Gegenstand – Schuhkarton, Papierkorb, Blumentopf – in die Hand nehmen. Leider gibt es immer Hardliner, die einen durch unbeirrtes Hinstrecken des Grüßarms zwingen, besagten Gegenstand wieder abzulegen.

Ein geschickter Winkelzug ist das als besonders herzlich geltende seitliche Klopfen beider Oberarme des Grüßwilligen. So schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen beugt man dem hochinfektiösen Händedruck vor, zum anderen kann man die Ellenbogen fest durchdrücken, um es nicht zum Äußersten kommen zu lassen, zur Umarmung, dem Supergau für uns Sozialphobiker. Wer hat diesen Satz nicht schon gehört und lebenslang mit in seine Alpträume genommen: Lass dich erst mal richtig knuddeln, du!

Was Maik und Mändy betraf, so ließ ich in dieser speziellen Situation alle Etikette außer Betracht. Offen gestanden war ich einfach überrumpelt. Also murmelte ich irgendetwas, das alles und nichts heißen konnte: »Es zieht!« oder »Keine Zeit!« oder »Guten Appetit!« oder »Fick dich ins Knie!«, ignorierte ihre immer noch hingestreckten Hände und knallte die Tür ins Schloss.

War das ein schlechter Film? Ein B-Movie? Die Invasion der Körperfresser? Ich hatte nur noch einen Gedanken im Kopf: Broiler! Meine neuen Nachbarn sind Broiler!

2. Schöntachnoch

Der Zuzug von Broilern kann meine Vorfreude nicht dauerhaft trüben. Ich habe Geburtstag. Von jeher lasse ich nichts unversucht, das vor anderen zu verbergen – ein fortlebender Ehrenkodex aus meiner Jugendzeit. Es geht weniger um das Älterwerden (noch bin ich ein Thirty-Something), es geht ums Prinzip. Weder habe ich einen Anteil an der Tatsache, geboren worden zu sein, noch fühle ich mich zu irgendeiner Form von Geselligkeit verpflichtet. Ich verbitte mir Gratulationen, Geschenke, Händedrücken und Umarmungen – jegliche Form von demonstrativer Zuneigung. Was nicht bedeutet, dass ich meinen Geburtstag nicht feiere.

Nur eben im engsten Kreise. Schön, dass ich da bin, sage ich mittags nach dem Aufstehen und begrüße auf diese Weise traditionell meinen einzigen Geburtstagsgast: mich. Und dann singe ich »Happy Birthday to Me«. Ich habe allen Grund zur Egozentrik, denn ich kenne niemanden, der meine Aufmerksamkeit mehr verdient hätte als ich. Ich bin die Königin meines Schlosses, die Herrscherin meines Kontinents.

Diesmal wird die Torte vom Kranzler geliefert. Ich trage sie vorsichtig ins Zimmer und stelle sie auf den Tisch neben drei Dutzend blassgelbe Rosen, die ich gestern Nacht einem verfrorenen Tamilen abhandeln konnte. Ein Postbote bringt mir das klingende Telegramm, das ich vorhin telefonisch an mich aufgegeben habe. Ich packe das neue Parfüm von Vivian Westwood aus, das man mir vor einigen Tagen bei Douglas als Geschenk verpackt hat. Dann reiße ich wie ein hungriger Tiger mein seidenes Geschenkpapier auf, bin überrascht, hoch erfreut, verlegen, die ganze Skala.

Jahrelang habe ich nach diesem Rot gesucht, viele Morgenmäntel in die engere Wahl gezogen, aber nie den einen gefunden, der dem aufs Haar ähnelt, den Angie Dickinson in Rio Bravo trägt, als sie John Wayne rumkriegt. Erst in der vergangenen Woche entdeckte ich in der Stoffabteilung des KaDeWe einen samtweichen, leicht changierenden Samtfrottee von genau jenem Rot. Blutrot wäre zutreffend. Herzblutrot, wenn es nicht so widerlich kitschig klänge.

Den Morgenmantel habe ich sofort bei meinem Schneider Wong in Auftrag gegeben. Wong ist ein Meister seines Fachs, aber auch ein Penibelchen. Er zickt wie ein menstruierendes Weib, wenn seine künstlerische Vorstellung mit meiner kollidiert. Was praktisch jedes Mal der Fall ist. So musste ich mir den Morgenmantel mit seinem Schalkragen und den runden Schultern mit Hilfe von Videoprints aus dem Film Stück für Stück hart erkämpfen. In der Knopffrage war Wongs freundliches flaches Pfannkuchengesicht (»Knopfe mussen sein! Lund und gloss«) den Tränen nahe. Schließlich war der Mantel doch noch rechtzeitig fertig geworden. Ohne Knöpfe, nur mit Bindegürtel, genau wie im Film. Und wenn ich mal sterbe, ganz egal wie, würde ich gern diesen roten Morgenmantel tragen. Aus rein ästhetischen Gründen.

Anziehen kann ich ihn noch nicht, denn heute ist Sonntag. Sonntags gehe ich immer zum Zeitungsladen am Bahnhof Zoo: all you can read. Dort arbeiten zwei so nette Jungs aus Ghana, die stört das nicht, wenn ich da stehe und lese und mir Schlagzeilen abschreibe (MANN SCHNITT BEI KARSTADT DIE HODEN AB, RHESUSAFFE ÜBERFIEL FRAU – FESTGENOMMEN). Die Ghanesen oder Ghanaer sprechen besser Pidgin-Englisch als Deutsch. Wenn also einer reinkommt und fragt: Wie geht’s?, dann lächeln sie und rufen unisono »Mussja!«. Das finde ich großartig. Die sind praktisch Freiwild für jeden, der ihnen ein bisschen Deutsch beibringt. Und sie denken, es gehört sich, dass man »Mussja« sagt. Ich habe das mal gezählt, und als ich zwei Stunden im Laden gewesen war, hatten sie beide insgesamt 47-mal »Mussja« gesagt. Hätten sie die 50 vollgekriegt, dann hätte ich ihnen zur Belohnung das SpiegelExtra-Heft »Moloch Großstadt« abgekauft.

Heute ist ihr Wortschatz um eine Vokabel gewachsen, die ziemlich weit oben auf meiner Hassliste steht: »Schöntachnoch.« Ausländer soll man nicht beschimpfen und schon gar nicht solche netten. Aber der nächste, der zu mir »Schöntachnoch« sagt, Neger oder nicht, kriegt was auf die Mütze! Ich weiß nicht, wann wer diese widerliche Parole ausgegeben hat, aber jeder Wursttheken-Fritze, jede bräsige Kassiererin, jeder Obdachlosenzeitungs-Verkäufer ruft zum Abschied launig »Schöntachnoch«, und es klingt ein bisschen wie »Heilhitler« oder »Mahlzeit« - Grußformel mit Antwortschein.

Ich hab ja eine Antwort: »Dito.« Dito passt immer. Aber man kann genauso gut »Schnauze« sagen. Merkt sowieso keiner. Ich will das gleich mal nebenan im Knack & Back-Shop testen.

»Tachschön«, knurrt die Verkäuferin abgetörnt. Ihre Frisur, eine Ruhrpott-Palme, steht himmelwärts wie eine Fontäne.

»Guten Tag. Ich hätte gern zwei Brötchen.«

»Drei wat?«

»Ähm … Schrippen. Zwei.«

»Noch wat außa Schrüppm?«

»Danke. Das ist alles.«

»Macht sechzig Pfennje. Schöntachnoch!«

»Schnauze!«

»Dankeschön! Wiedasehn!«

3. Dietrich oder die Banalität der Mösen

Kurz vor Mitternacht auf dem Weg zu Dietrich kaufe ich die Zeitung von morgen – neben der Erfindung der Polaroid und des halterlosen Strumpfes ein Mysterium, das mich immer wieder zum Staunen bringt: Heute schon die Zeitung von morgen lesen!

Dietrich steht jeden Abend mit verächtlichem Gesicht hinterm Tresen einer Kudamm-Bar. Eine sterile Touri-Bar, die allein seinetwegen meine Stammkneipe geworden ist. Er begrüßt mich mit Dabistduja! Egal, ob wir uns erst gestern oder schon drei Jahre nicht gesehen haben. Egal, ob ich Geburtstag habe oder nicht. Dietrich ist das lebende Beispiel dafür, dass zu viel Intelligenz ein Gesicht genauso zerstören kann wie zu viel Dummheit. Er sieht aus wie eine Mischung aus Woody Allen, Max Schautzer und dem Buchbinder Wanninger, was er natürlich bestreitet. Seit ich ihn kenne, liest er sich in Bibliotheken das Weltwissen an. Das hat ihn hart gemacht. Er mustert ausgiebig meinen Anzug, meinen Borsalino und die Hermès-Krawatte.

»Du siehst fast aus wie ein Mann«, stellt er fest. Ich grinse: »Du auch!«

Er zieht sich mit einem Flunsch in die Schmollecke zurück. Nach angemessenen fünf Minuten frage ich ihn, ob er mich auf meine Aids-Gala begleiten wolle. Er wirft das Geschirrtuch über die Schulter und kratzt sich am Kopf. Ganz Opfer seiner intellektuellen Überheblichkeit, findet er fast alles, was in der Welt vorgeht, würdelos. Außer Sex. Seit er über Sade promoviert, den er stets ehrfürchtig den »Göttlichen Marquis« nennt, hat sein Liebesleben bizarre Formen angenommen.

»Aids-Gala? Is da was Fickbares?«

Es ist mir wirklich schleierhaft, wie man sich so fürs Rammeln begeistern kann! Ich halte es da eher mit Woody Allen: Masturbation ist wenigstens Sex mit jemandem, den man mag.

Ein Gast mit Prinz-Heinrich-Mütze winkt ungeduldig von der anderen Seite des Tresens.

»Mooment mal!«, ruft Dietrich unwirsch. Das kann er ja nun gar nicht leiden, wenn ein Gast stört.

Ich versuche, ihn zu ködern. »Du weißt doch: Unter dem Firnis der Gesellschaftsregeln brodelt es gewaltig. Außerdem gibt es ein Büfett …«

»Büffeeeh? Ach nö! Da geh ich lieber in den Puff.«

Er weist mit dem Kopf auf eine hübsche Kellnerin, die eben vorbeigeht. »Wie findest du diesen Arsch?«

Der Restaurantchef nähert sich: »Herr von Müller«, sagt er, sieht Dietrich scharf an und betont das »von«, als sei ihm eben zu Ohren gekommen, dass es durch Adoption erschlichen ist. »Würden Sie sich bütte um Ihre Gäste kümmern?« Er nickt in Prinz Heinrichs Richtung.

Das macht mich irgendwie wütend. »Mal schön den Ball flach halten, Sie Komiker«, rufe ich dem Restaurantchef zu, »ich gebe eben eine Bestellung auf!« Er sieht mich jetzt erst und errötet. Immerhin gelte ich als Garant für pompöse Geschäftsessen. Sogar mein Schirm wird hier extra gestellt. »Oh! Verzeihen Sie, Frau Kramer, ich habe … ich bin …« Und zieht Leine.

»Warum rennst du eigentlich dauernd in den Puff?«

Dietrich macht große Nasenlöcher: »Sade sagt: Wenn man keine Moral besitzt, frisst sich die Verderbtheit wie Wundbrand ins Herz.«

»Ja, der! Und du?«

»Vielleicht studiere ich die Banalität der Mösen?«

»Du bist ein Idiot!«

»Das hat doch damit nichts zu tun!«

Dietrich schnaubt wie ein Pferd und zuckelt gen Tresenende. Jetzt ist erst mal Prinz Heinrich dran. Der will ein Schultheiss vom Fass. Ich überlege, ob ich die Wohnungstür abgeschlossen und die Kaffeemaschine ausgemacht habe.

»Waren die beiden Sachsen noch mal bei dir? Die … wie hießen die noch?«, ruft Dietrich vom Zapfhahn aus.

»Maik mit ›ai‹ und Mändy mit ›ä‹. Gott bewahre! Die sind erst mal gewarnt.«

Ich rufe einige SMS von meinem Handy ab. SMSen ist meine liebste Kommunikationsform. Man kann sich unterhalten, ohne sprechen zu müssen.

Leider nicht, ohne gestört zu werden: »Hallo! Sie!« Ein dicker Mann mit Herren-Handgelenktasche tippt mich an und zeigt auf den Barhocker neben mir: »Sitzt hier jemand?« Das ist nun wirklich eine saudämliche Frage! Sitzt hier jemand? Die ist fast noch dämlicher als: Ist hier noch frei? Das sieht er doch, dieser rollende Arsch, dass da keiner sitzt!

Ehe ich antworten kann, hat er sich schon draufgeastet und bestellt einen Dschuß = Juice = Saft. Ein Broiler also! Wie alle Adipösen riecht er leicht ranzig. Erst kürzlich habe ich gelesen, dass Fette nicht lange sitzen können. Sonst reiben sich die Schwarten wund. Mein Magen drückt von unten gegen mein Zäpfchen, aber ich bleibe höflich und frage, ob er nicht einen Stuhl weiter nach rechts rücken könne.

»Warum?«

»Ich brauche etwas mehr Platz!«

»Aber hier war doch frei!«

»Aber ich erwarte noch jemanden!«

»Ach so! Na, sagen Sie das doch gleich, Jungefrau!«

»Selber dumme Sau!«

Schnaufend wechselt der Fette den Platz.

Dietrich, der gerade ein Glas mit einem Geschirrtuch bearbeitet, wirft mir einen Blick zu.

»Ich bin eben feinnervig«, flüstere ich entschuldigend. Dietrich lacht nicht. »Feun-Nervüg! Unfreundlich bist du! Vergraulst mir die Kundschaft! Das ist ein Geschäftsmann aus Rostock. Sehr solvent!«

Wenn’s weiter nichts ist! Ich muss zwar jede Million zweimal umdrehen, aber solvent bin ich auch! Um Dietrich zu beschämen und weil ich eh schon lange kein Kleingeld mehr habe, schiebe ich ihm einen knisternden Hunderter hin. »Stimmt so!«, sage ich leutselig.

»Hau bloß ab, doooh!«, ruft er mir nach, starrt den Schein an und murmelt: »Die Rückseite der Banknoten sollte man als Werbeflächen vermieten. Das entmystifiziert.«

4. Alles Schlampen außer Mutti

Wochentags schlafe ich aus, rufe dann Fred an und bitte ihn, alle Termine abzusagen und die wichtigen Anrufe zu mir nach Hause umzuleiten. Es ist oft schon Mittag, wenn ich mit einem großen Topf schwarzen Kaffees und einem Headset in die Badewanne steige. Ich ziehe das Baden dem Duschen vor. Wie Winston Churchill schon sagte: Warum stehen, wenn man auch sitzen kann? Unter anderthalb Stunden fange ich gar nicht erst an. Das Headset, ein Kopfhörer mit angeschlossenem Mikrofon, ermöglicht das Telefonieren ohne Hände. Das ist der Kick: Nackt im Badeschaum sitzen, bis man verschrumpelt – und Millionendeals machen!

Heute klingelt das Telefon ausnahmsweise nicht. Stattdessen erweist sich die Lektüre der BILD-Zeitung als sehr erbaulich: SACHSE IN LOS ANGELES ERSCHOSSEN – ER KONNTE KEIN ENGLISCH. Selber schuld, der Broiler! Warum fährt er nicht nach Limbach-Oberfrohna! Ich frottiere mich schlampig ab, schmeiße mich in meinen neuen Morgenmantel, reiße die Zeile raus und pinne sie an meine Kaminzimmerwand. Genau zwischen: ZU LAUT GESUNGEN – IMBISSBESUCHER MIT KEULE ERSCHLAGEN und DU SOLLST NICHT STINKEN IN DER S-BAHN: DAS 6. GEBOT SPALTET BERLIN. Dann aufs Bett und Fernseher an. Am liebsten bin ich zu Hause. Schließlich muss ja auch die 6000-Mark-Miete abgewohnt werden! Dann ist Seinfeld-Zeit. Seinfeld ist ein absolutes Muss. Ich bin hardcore addicted. Jerry Seinfeld findet ein Fungizid im Apothekenschrank seiner neuen Flamme und biegt im letzten Moment den Geschlechtsverkehr ab. Thema bei Bärbel Schäfer: »Hausfrauen fragen – Schwule antworten.« Ich verschlinge zirka 50 in Salzwasser gekochte Hühnerherzen aus der Gefriertruhe von Rewe. Dann simse ich Fred, dass ich später ins Büro komme.

Höchstwahrscheinlich werde ich überhaupt nicht hingehen.

Von der Straße dringt monströser Lärm nach oben. Berlin-Marathon oder so. Dietrich, der vor hundert Jahren zwei Semester Psychologie studiert hat, sagt, ich sei asozial, ich solle mal wieder unter Leute, »sonst wird das böse enden«. Ich habe mal drei Semester Medizin studiert und seither eine Keimphobie, die sich gewaschen hat. Unter! Leute! Das klingt schon so eklig! Misstrauisch werfe ich einen Blick vom Balkon. Unten herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Menschenmassen, Lautsprecher, überall Absperrungen. Polizei. Egal! Was soll’s! Ich lebe in einer großen Stadt. Und Ereignisse wie dieses gehören einfach dazu! Sicherheitshalber greife ich nach meinem Sagrotan-Spray und stecke es in die rechte Jackentasche. In der linken ist das Handy, denn ich gehe nie ohne Handy, nicht mal zum Briefkasten. Im Holster baumelt die Walther, zur Sicherheit. Derart gerüstet betrete ich den Lift.

Für die Ouvertüre jedenfalls hat das Schicksal, die Sau, schon gesorgt. Als die Tür bereits beginnt, sich zu schließen, schießt jemand mit gellendem Schrei um die Ecke.

»Haldn auf!«

Rums! Eine Sandale mit weißer Frotteesocke setzt hart auf. Ich weiche zurück, mit dem Rücken an die Wand, und sehe Mändy, meine neue Nachbarin, feindselig an. Inzwischen ist auch Maik zugestiegen. »Ogidogi«, japst er – eine Redewendung, die schon auf Hochdeutsch eine Aufforderung zur Gewalt ist. Maik sieht aus wie Homer Simpson: Stirnglatze, Überbiss, große Nasenlöcher, fliehende Stirn, kein Hinterkopf, schielt nach außen. Mändy schielt nach innen, praktisch als Korrektiv. Eine graue Ostmaus, erschlagen von ihren grellbunten Klamotten. Frisur wie Rudi Völler. Das Haar sehr blond. Das Gesicht sehr braun. Sieht aus wie ein Farbnegativ.

»Geschafft«, keucht Maik und fügt unnötigerweise in meine Richtung hinzu: »Lieb von dir!«

Ich bleibe stumm und starre. Duzt mich der Arsch?

Die Sprache ist die höchste Form des sozialen Umgangs. Sie beinhaltet im Deutschen die Möglichkeit, zwischen »Sie« und »Du« zu unterscheiden. Der Klassiker »Ich kann mich nicht erinnern, Ihnen das Du angeboten zu haben« ist langweilig und aus der Mode …

»Na, auch zum Maradon?«, fragt Maik aufgeräumt, wackelt mit dem Kopf und tippt mit dem Zeigefinger auf eine Olympus, die an einer schwarzen Kordel vor der Aufschrift ALLES SCHLAMPEN AUSSER MUTTI hin und her baumelt. Er hat eine Broiler-Physiognomie, derentwegen man umgehend den Klageweg beschreiten sollte. Fehlt nur noch, dass er sagt: Gudn Dog! Isch hätte gärne mein Begrüßungsgeld!

Eine besonders gelungene Replik auf die Frage »Wollen wir Du sagen oder Sie?« fiel mir neulich ein: »Ganz wie Sie wollen!« Diese Antwort ist sowohl höflich als auch unmissverständlich. Denkt man. Aber der Broiler braucht es deutlicher. Ich könnte es versuchen mit »Ich würde Ihnen ganz gern das Sie anbieten!« Oder, um ganz sicherzugehen: »Noch ein Du, und ich reiß Ihnen die Eier ab und steck sie Ihnen in die Ohren …«

»Ärschtma hallo«, mümmelt Mändy und streckt mir fünf Wurstfinger mit langen falschen Nägeln hin. Mir ist übel von den Hühnerherzen. Ich muss mal. Und wenn ich noch länger lächle, kriege ich einen Kaumuskelkrampf. Was sagt der Etagen-Anzeiger? Vierter Stock! Nach meinen Berechnungen müsste der Lift, wenn keiner zusteigt, in siebzehn Sekunden im Erdgeschoss sein. Ein-und-zwanzig. Zwei-und-zwanzig. Drei-und-zwanzig. Ich verschränke die Arme auf dem Rücken und knacke mit den Daumengelenken.

»Ganz schön gald gewordn die letzten Tage«, treibt Maik forsch die Konversation voran. »Tja«, sage ich heiser, krame angestrengt in meinem Phrasenschatz, finde aber nur eine, die nicht wirklich passt. »Da beißt die Maus kein Faden ab«, sage ich und entwische durch die sich eben öffnende Tür. »Bis die Tage«, rufe ich tolldreist im Weglaufen und: »Man sieht sich!«

Mein Übermut ist schnell verflogen. Direkt vor meiner Tür, dort wo Touri-Bälger sonst immer über die Steinquader des Bassins am Debis-Haus hüpfen, falle ich in einen Sumpf aus Currywurst mampfenden, majonäseverklebten Menschenleibern. Sehe nichts als Gesichter. Kann keins von ihnen ertragen.

»Sie gestatten?«, murmele ich, versuche mir eine Schneise zu bahnen und springe im allerletzten Moment über einen Kotzhaufen.

»Mutti, kiek mal!«, ruft ein Broiler-Kind mit Igelfrisur und einem langen dünnen Haarschwänzchen im Nacken, zeigt Richtung Straße und schubst mich dabei.

Unsere Welt ist so gewalttätig geworden, denke ich, stelle meinen Pfennigabsatz auf seine Zehen und drehe.

Das Kind fängt an zu brüllen, und Rotzblasen quellen aus seiner Nase.

Enttäuschenderweise erfüllt mich das nicht im Geringsten mit Befriedigung. Ich überlege, wann mich überhaupt zum letzten Mal irgendetwas mit Befriedigung erfüllt hat. Ich kann mich nicht erinnern. Ein Mann mit Halbglasbrille vom Hertie-Ständer stört meine Überlegungen. Drängeln, ja, det kann er ooch! Mein Mundwinkel sticht. Ich kriege Herpes!

»Ich muss dringend ins Büro«, stammle ich und trete ins Weiche. Ein Pinscher jault auf.

»Entschuldigung«, fragt einer und zupft mich am Ärmel. »Sind Sie nicht Iris Berben?«

»Nee, wirklich nicht! Provozieren Sie mich nicht! Ich beiße! Fassen Sie mich nicht an! Ich warne Sie! Ich habe eine Nahkampfausbildung gemacht! Gehen Sie weg! Weckweckweck!«

Es riecht zum Übelwerden indezent. Ein Cocktail aus Achselschweiß, Zuckerwatte, Gebissgeruch, Babykacke, Senf und Tosca. Ich sprühe taumelnd mit Sagrotan-Spray um mich. Gemurmel. Vor meinen Augen flattern graue Gardinen. Ich verteile wahllos Kopfnüsse und Nasenstüber, treffe stark behaarte Polinnen, ein Basecap (verkehrtrum), ballonseidene Jogginghosen, lilaschwarzgrün. Lautstarker Protest. Die sind doch alle verrückt! Ich möchte töten, komme aber nicht an meine Walther ran. Ich hocke mich hin, das Gesicht gen Himmel, und schütze meinen Kopf mit den Händen. Ich muss mal! Ganz dringend! Mein Handy! Wo verdammt ist mein Handy? Da greifen Arme nach mir, orangefarbene Arme, Sanitäterarme, die mich packen und rausziehen, obwohl ich auf sie einschlage.

5. Man steckt nicht drin

Wenn ich was nicht leiden kann, dann sind es Leute, die fragen, ob ich okay bin. Und ob ich sicher bin, dass ich okay bin. Und ob ich drüber reden will. Und ob ich sicher bin, dass ich nicht drüber reden will. Ich bin privatversichert! Einzelzimmer. Chefarztbehandlung. Muss ich mir das antun? Um mich von dem Verhör in der Rotkreuzstelle zu erholen und ein wenig hofieren zu lassen, gehe ich in meine Kommandozentrale.

The Wild Bunch. Ich habe meine Firma nach dem großen Film von Sam Peckinpah benannt. Wir sind die Werbeagentur in Berlin, inzwischen die innovativste in Deutschland. Seit unserer bahnbrechenden Kampagne für die städtische Müllabfuhr »We kehr for you« ist Berlin in den Vereinigten Staaten bekannter als Heidelberg. Selbst wenn wir ab sofort nur noch Scheiße bauen – wir würden weiter mehrstellige Millionenumsätze machen, allein unseres legendären Rufes wegen. Das beruhigt ungemein.

Liz Taylor, dieser Pansen, hat recht: Das beste Parfüm ist Erfolg. Gibt es irgendetwas, das mehr Prestige bringt? Ich bin kein Workaholic! Ich lebe nicht, um zu arbeiten. Mein Laden läuft praktisch von allein. Fred hat alles im Griff. Fred ist ein Narziss erster Sorte. Selten habe ich jemanden getroffen, der eine so hohe Meinung von sich hat. Früher war er Sockenmodell für den Otto-Katalog. Seit über fünf Jahren ist er mein persönlicher Assistent. Ich verfüge über ein gut funktionierendes Informationssystem und bin über sein Verhalten während meiner Abwesenheit bestens unterrichtet. Er thront in meinem Büro in der unteren Kuppelhälfte des Fernsehturms wie eine Bienenkönigin. Wenn ich nicht da bin, was meistens der Fall ist, sitzt er auf meinem Stuhl, die Füße auf meinem Schreibtisch, und triezt die Angestellten. Überliefert ist eine seiner Lieblingsbemerkungen den Kollegen gegenüber: »Sie sind gefeuert! War nur ein Scherz!« Das alles stört mich nicht, schließlich sollen die Biester ja arbeiten, und einer muss ihnen halt auf die Finger gucken. Mir gegenüber ist Fred absolut loyal. Wenn er sagt, ich sei die gütigste aller Chefinnen und es sei ein Privileg, für mich zu arbeiten, dann meint er es auch so. Er liebt mich abgöttisch und hat keinerlei Ambitionen aufzusteigen. Der einzige wirkliche Kündigungsgrund ist, dass er beim Atmen aus der Nase pfeift. Das stört schon enorm. Aber seine Vorteile überwiegen.

Im Lift des Fernsehturms läuft ein Broiler-Schlager:

 

Wie ein Stern in einer Sommernacht

ist die Liebe, wenn sie strahalend erwacht.

 

Der Liftführer trällert mit. Vermutlich ist er ein ehemaliger Stasi-Offizier oder, wie er es nennt: »gelernter DDR-Bürger«. Mich begrüßt er immer relativ mürrisch. Für ihn bin ich die Inkarnation des westdeutschen Besatzers. Womit er auch recht hat. Zwischen uns verläuft die Berliner Mauer. Mitten durch den Lift. Sein missionarischer Eifer, mir den Broiler als solchen nahezubringen (»Bei uns war nicht alles schlecht«), ist manchmal unterhaltsam, meist jedoch recht anstrengend. Er schafft es, die 40 Sekunden, die der Lift nach oben braucht – 240 Meter, sechs Meter pro Sekunde – komplett zuzutexten. Er war es, der mich mit ostdeutschen Resignationsstandards wie »uns kannte ja keiner«, »zwischen den Zeilen lesen« und »nach der Wende fiel ich in ein tiefes Loch« vertraut gemacht hat. Von ihm erfuhr ich auch, dass es in der DDR keinen Führerschein gab, sondern eine »Fahrerlaubnis«, wegen Hitler. Geschichten, die die Welt nicht braucht. Alle Themen, egal ob soziale Ungerechtigkeit, grüner Pfeil oder Leipziger Allerlei, pflegt er abzuschließen mit dem sibyllinischen Satz: »Man steckt nicht drin.«

»Na, ihr Hühner, alles im Lot?«, rufe ich eine Spur zu aufgeräumt, den Marathon-Schock noch in den Knochen, und betrete die Agentur.

Mein weibliches Personal, die Chicken-Combo, läuft wispernd auseinander. Fred macht Stretching-Übungen auf meinem Schreibtisch. Ich werfe den Aktenkoffer daneben.

»Grüß Gott!«

»Wenndn triffst!« Ein Brüller! Fred trägt Dockers von Levi Strauss, ein Button-down-Hemd von Eddie Bauer und College-Schuhe, 99 Mark bei Karstadt. Seine Augenbrauen sind keilförmig gezupft wie die des frühen Sean Connery. Sein Gesicht langweilt durch die vollkommen uninteressante Zusammenstellung von Augen, Mund und Nase. Sein Haupthaar ist so akkurat auf Volumen gefönt, dass unser Runner ihm den Spitznamen Königspudel gegeben hat. Zudem schmückt ihn ein Mösenbart, aber diese Umschreibung der Handvoll Bart um den Mund kommt nicht vom Runner, sondern von Dietrich.

Als Fred bemerkt, dass ich seine Replik nicht lustig finde, springt er wie von der Tarantel gestochen von meinem Stuhl auf und sagt diensteifrig »Guten Morgen, Frau Kramer«, obwohl schon längst Nachmittag ist. Dann sieht er schelmisch auf seine Armbanduhr. Besser: Er sieht dahin, wo eine wäre, wenn er eine hätte, und ergänzt: »Je später der Morgen, desto schöner die Gäste.«

Er braucht einen Dämpfer. »Schmeicheleien langweilen mich. Entweder Sie überzeugen mich mit Ihrer Arbeit oder gar nicht.«

Fred lächelt. Er ist wie immer widerlich gut drauf: naturstoned. Und seine Scherze bewegen sich wie immer auf dem Niveau von Furzkissen.

Um dem nächsten Kalauer zuvorzukommen, erzähle ich ihm rasch einen Witz aus der Harald-Schmidt-Show. Fred ist ein zuverlässiger Lacher. Allerdings lacht er meist leicht über seinem Niveau und weit unter meinem. »Was sagt Charles zu Camilla, wenn im Radio ›Candle in the Wind‹ kommt?«, frage ich. Er macht ein gespanntes Gesicht, nimmt einen Bleistift vom Tisch und klopft damit an seine Zähne. Ich löse: »Er sagt: Hör mal! Sie spielen unser Lied!«

Fred wartet.

»Das war ’s!«, sage ich. »Können Sie mir folgen, Fred, oder denke ich zu rasch?«

Nun fällt er in eine Art Ganzkörperkrampf, weil er die Pointe allzu gern verstünde, aber vergebens.

»Das Lied, Fred!«, mahne ich geduldig. »Elton John hat es nach Dianas Tod geschrieben! Ein Totenlied! Unser Lied!!«

Über sein vom Selbstbräuner leicht gelbliches Gesicht huscht Verstehen. Aber sein Lachen klingt irgendwie bedrückt. Da fällt mir ein, dass er ein bekennender Di-Fan ist und erst kürzlich nach Paris zur Todesstätte der Prinzessin pilgerte. Was soll’s! Lieber einen guten Assistenten verlieren als einen guten Witz.

6. Fangfrische Ömchen

Robert und ich auf dem Weg ins Kino. »The Killer« von John Woo. »Die nächste rechts«, rufe ich, während ich eine SMS an einen Kunden schicke, und Robert fährt links, weil er inzwischen weiß, dass ich links meine, wenn ich rechts sage. Natürlich schleppt mich dieser bekloppte Cineast in die Originalfassung, kantonesisch mit englischen Untertiteln.

Nebenan schiebt sich ein Hyundai mit Potsdamer Nummer auf unsere Höhe. Hinterm Steuer eine Frau, graue Schüttelfrisur, Busen weggebuckelt, packt das Lenkrad an, als wolle sie es mit der Wurzel ausreißen. Plötzlich schwenkt der Hyundai auf unsere Spur, ohne zu blinken. »Der hamse wohl ins Hirn jeschissen!«, brüllt Robert und haut auf die Hupe. »Los!«, sage ich. »Fahr den Broiler platt!«

»Broiler! Hmmm!« Roberts Adamsapfel hüpft. »Du liebe Güte! Du bist ja dermaßen krass mit deiner Meinung unterwegs!«

Jetzt erst fällt mir ein, dass Robert selbst ein Broiler ist, allerdings ein ausgewanderter, ein nach fast 20 Jahren in der westlichen Welt einigermaßen brauchbar gewordener Mensch. Er selbst hat es mal euphemistisch formuliert, als er sagte, er sei »noch nicht hundertprozentig in dieser Gesellschaft angekommen«. An seiner Frisur kann man es noch sehen, an diesem pelzmützenartigen Haarbesatz mit Seitenscheitel, der im Zusammenspiel mit der dicken 70er-Jahre-Hornbrille an den frühen Wim Wenders erinnert. Und an seinem pastell gemusterten Hemd. Und daran, dass er wie ein Bekloppter an jeder roten Ampel die Handbremse hochreißt. Und dass er bei Gelb immer erst bremst und dann doch noch mal anzieht und rüberfährt. Kein Wunder, dass er außerstande ist, meine bahnbrechenden Studien zu honorieren.

»Guck doch mal, wie die hinterm Steuer sitzt!« Ich beuge mich nach vorn und fotografiere die Hyundai-Fahrerin. Sie sieht tatsächlich aus wie eines dieser eingeschnurrten ostdeutschen Grillhähnchen und guckt fies in meine Richtung. Man steckt nicht drin. »Der Broiler, Robert, das ist das Sinnbild für den Verfall der zeitgenössischen Kultur.« Robert schüttelt den Kopf und findet das »unzulässig verkürzt«. Er ist eben ein Fatzke. Festgefahren in seinen Gewohnheiten und vollkommen humorlos. Witze prallen an ihm ab wie an Supermans Cape. Frauen übrigens auch. In seine Wohnung lässt er mich nie rein, auch sonst keinen, und ich habe mit Dietrich zusammen schon oft gerätselt, warum. Irgendwo muss sie ja hin, Roberts Libido. Dietrich und ich haben die Theorie, dass Robert Krawollke, Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, nach Feierabend ein gefährlicher Killer ist.

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