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Rügensommer

 

Für meine große Schwester, mit der ich Tränen lachen und über Gott und die Welt philosophieren kann.

Tausend Dank für die italienische Übersetzung!

1.

»Rügen? Was um Himmels willen soll ich denn auf Rügen?« Deike sprang auf und lief zum Fenster.

»Arbeiten«, antwortete ihr Chef ruhig, obwohl sie sehr laut geworden war.

»Aber ich hasse Wattwandern! Das glitscht zwischen den Zehen, und man zerschneidet sich an den Muscheln die Füße.« Verzweifelt ließ sie den Blick über Frankfurts Dächer wandern.

»Rügen liegt in der Ost- und nicht in der Nordsee. Das weißt du genau.«

»Ach, und da gibt es kein Watt?«

»Netter Versuch, aber dumm stellen hilft nicht. Du bist die Einzige ohne Mann und Kind. Du bist ideal für den Job!« Das klang endgültig. »Außerdem warst du neulich noch ganz begeistert, als ich dir die Redaktionsleitung auf einer der beliebtesten Ferieninseln der Deutschen in Aussicht gestellt habe.«

Deike seufzte tief. Konnte sie Hartmann wirklich so falsch verstanden haben, oder war das ein ganz gemeiner Trick? »Ich dachte doch, du sprichst von Ibiza oder Gran Canaria. Oder wenigstens von Mallorca, aber doch nicht von Rügen.«

»Rügen ist absolut trendy.« Sie konnte hören, dass er allmählich die Geduld verlor.

»Verstehe. Nur weiß das außer uns noch niemand, und ich soll dafür sorgen, dass es sich herumspricht.«

Zwei Monate lag das Gespräch inzwischen zurück, und Deike erinnerte sich an jedes Wort. Sie hätte sich länger wehren müssen. Sie hätte ihm das Gefühl geben sollen, dass sie nur Unheil anrichten würde, wenn sie als Redaktionsleiterin die Vorzüge einer Insel anpreisen musste, die sie in Wirklichkeit nicht leiden konnte. Aber Hartmann wäre nicht Hartmann, wenn er mit sanften Bandagen gekämpft hätte. Eine saftige Gehaltserhöhung, die Aussicht, die Redaktion auf Ibiza übernehmen zu dürfen, wenn sie hier ein Jahr durchhielt, schon hatte er sie gehabt. Und nun war sie hier auf dem Weg nach Rügen. Deike konnte noch immer nicht glauben, dass sie sich das antat. Zwei Jahre hatte sie in Berlin gearbeitet und vier in Frankfurt. Hartmann brachte in allen großen Städten Szene-Magazine heraus, in denen die neuesten Restaurants und Clubs vorgestellt wurden. Zu Deikes Job gehörte es auch, die Spielpläne der Theater und Kleinkunstbühnen zu präsentieren, sich die Generalproben neuer Inszenierungen oder auch Kinofilme vorab anzusehen sowie Ausstellungen der Museen zu besuchen. Kunst, Kultur und Unterhaltung, das war ihre Welt, damit kannte sie sich aus. Die Urlauberzeitschriften, die Hartmann ebenfalls herausgab, waren ähnlich aufgebaut. Nur gab es auf den meisten Ferieninseln natürlich mehr über Musik-Clubs und Bars zu berichten als über Kunstausstellungen. Das war Deike nur recht. Sie hätte es auch völlig in Ordnung gefunden, die typischen Sehenswürdigkeiten kennenzulernen, wenn es sich denn um riesige Badelandschaften mit extralangen Wasserrutschen oder spanische Folkloretempel gehandelt hätte. Auf Rügen erwarteten sie so spannende Attraktionen wie ein Jagdschloss mit den Köpfen toter Tiere an der Wand und eine altersschwache Eisenbahn. Das war jedenfalls das, was sie bisher von der Insel wusste.

Deike seufzte. »Komm schon«, sagte sie sich, »so schlimm wird es schon nicht werden.«

Nathalie war immerhin vollkommen begeistert gewesen, als sie von den Umzugsplänen ihrer Schwester erfahren hatte.

»Rügen? Du Glückspilz«, hatte sie ins Telefon gequiekt. »Binz ist im Moment total angesagt. Da soll man unheimlich gut shoppen können. Und in Sellin steht diese süße Seebrücke. Da wollte ich schon immer mal hin!«

Natty war zwei Jahre älter als Deike und ihr großes Vorbild. Da sie in München arbeitete, sahen die beiden Schwestern sich nicht sehr oft. Hinzu kam, dass Natty ihren Urlaub um keinen Preis in Berlin oder Frankfurt verbracht hätte. Sie liebte das Meer. Zu mehr als einem langen Wochenende hatte es darum nie gereicht. Und wenn Deike für eine Woche zu ihrer Schwester nach München gefahren war, dann hatte die immer arbeiten müssen, und sie hatten auch nur die Abende für sich. Das würde jetzt anders werden. Bestimmt würde Natty ihre gesamten Ferien bei Deike verbringen. Dank Rügen!

 

Sie steuerte den bis unter das Dach vollgestopften Kastenwagen über die Rügenbrücke. Da war plötzlich ein Kribbeln in ihrem Bauch, das konnte sie nicht leugnen. Der Anblick der mächtigen Pylone und der starken Seile, an denen die Brücke aufgehängt war, war ziemlich beeindruckend. Auch die Aussicht auf eine Werft, auf rote Backsteingebäude und die Silhouette von Stralsund mit den vielen Türmen, auf das Wasser und das viele Grün war wirklich hübsch. Sehr viel hübscher als Frankfurt, so viel stand fest.

Kaum auf der Insel angekommen, geriet Norbert, wie Deike ihr Navigationsgerät nannte, völlig durcheinander.

»Bitte wenden Sie, wenn möglich«, tönte es schnarrend aus dem kleinen Lautsprecher.

»Blödsinn«, widersprach sie. »Bergen war doch eben noch ausgeschildert. Das kann ja wohl nicht falsch sein.«

Ihr Vater hatte für sie eine Doppelhaushälfte in Streu – wie kann man einen Ort Streu nennen? – gemietet. Es war sehr praktisch, einen Immobilienmakler in der Familie zu haben! Vor allem, wenn man so oft den Wohnort wechselte wie Deike.

»Es wird dir gefallen«, hatte ihr Vater versprochen. »Gute Ausstattung und eine zentrale Lage direkt am Bodden, aber auch nicht weit vom Zentrum Bergens entfernt.«

Bisher waren die Wohnungen, die ihr Vater ihr besorgt hatte, immer Volltreffer gewesen. Deike war zuversichtlich, dass es dieses Mal nicht anders sein würde.

Auf Höhe von Samtens forderte Norbert sie auf, links abzubiegen.

»Das kann doch gar nicht sein«, schimpfte Deike. Noch immer war Bergen geradeaus angeschrieben, und Streu gehörte quasi zu Bergen, das hatte ihr Vater gesagt. Sie ignorierte die Ansagen, und irgendwann resignierte Norbert offenbar. Das konnte ja heiter werden, wenn ihr Navigationsgerät sich auf dieser Insel nicht zurechtfand.

»Herrschaften«, stöhnte sie, nachdem sie schon über eine halbe Stunde auf Rügen unterwegs war, »könnte man der größten deutschen Insel nicht wenigstens ein kleines Stückchen Autobahn gönnen?« Auf dieser Landstraße kam man nur im Schneckentempo voran. Sie musste sich in Geduld üben, und das war nicht gerade ihre Stärke. Schließlich hatte sie Bergen erreicht.

»In vierhundert Metern links abbiegen«, forderte Norbert sie erneut auf. Deike stutzte. Sollte dieses Kaff nicht östlich von der Stadt liegen? Wahrscheinlich machte die Straße nur einen Bogen. Sie setzte den Blinker und bog links ab.

»Fahren Sie zehn Kilometer.«

So weit noch? Deike zog genervt die Augenbrauen hoch und schüttelte den Kopf. Die Straßen wurden nicht gerade besser. Geflickter Asphalt, Schlaglöcher, hier und da fuhr sie an Plattenbauten und grauen Siedlungshäusern vorbei. Ziemlich trostlos. Dann wieder sah sie links und rechts nur Felder, über der Straße reichten sich die Zweige großer alter Bäume die Hand. Noch fiel Licht zwischen den Ästen hindurch auf die Fahrbahn, im Sommer, wenn das Laub dicht und dunkelgrün war, würde es hier ziemlich düster sein.

Auch nach zehn Kilometern hatte Deike ihr Ziel noch nicht erreicht. Norbert lotste sie unbekümmert weiter. Immerhin entdeckte sie auf dem kleinen Bildschirm blaue Flächen, die Wasser anzeigten, und las das Wort »Bodden«. Vielleicht war sie doch nicht so falsch, wie sie meinte. Womöglich hatte ihr Vater geschummelt, und die Haushälfte lag nicht so stadtnah, sondern mitten in der Pampa.

»Streu« stand schwarz auf gelb auf dem Ortsschild. Nun musste sie sich durchfragen. Einen Straßennamen gab es nämlich nicht, und sie hatte Norbert Ortsmitte eingeben müssen. Vor einem prächtigen weißen Gutshaus arbeitete ein Mann in blauer Latzhose und Gummistiefeln trotz der Kälte und des Windes im Garten. Deike hielt an, stieg aus und ging zu ihm. Sie balancierte fast auf Zehenspitzen, um sich die Absätze ihrer teuren Stiefel nicht in dem feinen Kies der Auffahrt zu ruinieren.

»Entschuldigung«, rief sie so freundlich, wie es ihr eben noch gelingen wollte.

Der Mann richtete sich auf, drehte sich um und sah sie fragend an.

»Ich suche das Haus Nummer fünf. Können Sie mir wohl sagen, wo ich das finde?«

»Wenn Sie mir sagen, in welcher Straße das sein soll«, gab er zurück.

»Es gibt hier keine Straßennamen«, klärte sie ihn auf.

»Ach, gibt es nicht?« War das Ironie in seiner Stimme, oder war der Typ wirklich so dämlich?

»Sie sind wohl auch noch neu hier, was?« Deike lächelte ihn verständnisvoll an. Offenbar hatte sie ins Schwarze getroffen, denn auch er brachte endlich ein Lächeln zustande.

»Nee«, sagte er gedehnt. »Ich bin hier aufgewachsen.«

Sie stutzte. Dann musste er doch wissen …

»Und ich verwette Haus und Hof, dass Sie hier gar nicht sein wollen.«

»Sieht man mir das tatsächlich an?«, fragte sie verwundert.

»Nee«, sagte er wieder. »Aber wenn Sie keinen Straßennamen, sondern nur eine Hausnummer haben, dann wollten Sie jetzt eigentlich im Bergener Ortsteil Streu sein, im Osten der Insel.«

»Ja, genau«, stimmte sie zu, und ihr wurde flau im Magen.

Er lachte. »Sie sind aber im Westen, Fräulein, in Streu bei Schaprode.«

»Das darf doch nicht wahr sein. Sie wollen mir weismachen, dass es zwei Orte mit diesem albernen Namen gibt?«

»Jo!«

»Ich muss also wieder zurück bis nach Bergen?«

»So isses!«

Deike ließ den Kopf hängen.

»Trösten Sie sich, Fräulein, Sie sind nicht die Erste, der das passiert.« Er strahlte sie an. »Früher, als es diese Navigationsdinger noch nicht gab, da war selten einer so dusselig, sich zu verfahren. Aber jetzt haben wir das hier andauernd.«

Deike murmelte einen Abschiedsgruß und balancierte durch den Kies zurück. Getröstet fühlte sie sich ganz und gar nicht. Zu allem Überfluss fing es auch noch zu nieseln an.

 

Nach noch einmal vierzig Minuten und zwei Stopps, bei denen sie nach dem Weg hatte fragen müssen, erreichte sie einen holprigen Sandweg. Während sie im Schritttempo zwischen den Schlaglöchern Slalom fuhr, fürchtete sie ständig, dass der schwer beladene Kastenwagen jeden Moment aufsetzen würde.

»Die Doppelhaushälfte ist top in Schuss. Die wird dir gefallen«, hatte ihr Vater gesagt. Jetzt stand Deike vor Haus Nummer fünf, einem reetgedeckten Gebäude mitten im Nichts. Acht Häuser gab es in diesem Nest, acht! Sie musste dringend ein Wörtchen mit ihrem Vater reden. Hätte er ihr nichts in Bergens Zentrum besorgen können, direkt bei der Redaktion? Sie konnte nicht fassen, dass sie in völliger Einsamkeit und dann auch noch in so einer alten Kate wohnen sollte. Kein Wunder, dass die Miete billig ist, schoss es ihr durch den Kopf.

Das L-förmige Haus hatte zwei Eingänge, der rechte gehörte zu ihrer Haushälfte. Sie fingerte blind an der Innenseite der Reetenden über der Tür herum, wo der Vermieter den Schlüssel hinterlegt haben sollte. Plötzlich spürte sie einen kleinen Knubbel, der sich löste und in ihren Ärmel fiel. Der Knubbel hatte es offenbar sehr eilig, den Ausgang zu suchen. Deike spürte etwas krabbeln und schrie auf. Sie griff mit spitzen Fingern nach ihrem Ärmel, schüttelte ihn und ihren ganzen Körper, bis eine Spinne zu Boden fiel und das Weite suchte.

»Wie eklig!«, stieß Deike aus und atmete schwer.

Nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatte, sah sie sich um. Hoffentlich hatte sie niemand gesehen. Hektisch herumhopsend dürfte sie ein ziemlich komisches Bild abgegeben haben. Nein, die Vorhänge der anderen Haushälfte waren alle zugezogen, und auch sonst war da niemand weit und breit. Deike lugte unter das Dach, entdeckte den Schlüssel und betrat ihr neues Zuhause.

 

Der Anblick des Innenlebens versöhnte sie ein wenig: dunkelrote Fliesen, helle grob verputzte Wände, eine helle Küche und ein rot-weiß gefliestes Bad, alles modern und gemütlich. Auch die Möbel gefielen ihr. Sie hatte nur ihr eigenes Bett, die Truhe ihrer Urgroßmutter, die bisher jeden Umzug mitgemacht hatte, und ihren Schreibtisch mitgebracht.

»Dann wollen wir mal«, murmelte sie, zupfte die kurzen blond gesträhnten Haare vor dem Spiegel zurecht und zog ihre Lippen nach. Sie schnappte sich eine Flasche Champagner, die sie in der großen Umhängetasche parat hatte, ging zur Tür ihrer direkten Nachbarn und klingelte. Keine zwei Atemzüge später ging die Tür auf, als hätte der Bewohner schon dahinter gelauert. Deike sah an dem großen Mann mit dem blonden, schon etwas schütteren Haar herunter. Er trug ein verwaschenes Shirt, das einmal kräftig blau gewesen sein mochte, eine schlabberige Trainingshose und derbe Wollsocken. Ein hinterwäldlerischer Inselschlumpf, wie er im Buche steht!

»Hallo, ich bin Deike und wohne jetzt hier.« Sie setzte ihr schönstes Lächeln auf.

»Moin!« Er sah sie aus ernsten grauen Augen an. Wenn man mal von dem ausgeblichenen Shirt und den aus der Form geratenen Beinkleidern absah, war der Typ eigentlich ganz attraktiv.

»Also, genau genommen wohne ich noch nicht hier, sondern bin gerade erst im Begriff einzuziehen.« Ihr Lächeln wurde zu einem umwerfenden Strahlen. »Ich habe ein kleines Begrüßungsgeschenk mitgebracht.« Sie wedelte mit dem Schampus. »Und ich wollte Sie um den winzigen Gefallen bitten, mir eben beim Ausladen zu helfen«, flötete sie und deutete auf den Kastenwagen, der direkt vor dem Grundstück stand. Diese Masche hatte in Berlin und Frankfurt wunderbar funktioniert. Warum sollte das hier anders sein? »Es ist nicht viel, der Rest kommt mit einem Umzugsunternehmen nach.«

Der Mann ignorierte die ausgestreckte Hand mit der teuren Flasche. »Das passt mir eigentlich gar nicht«, knurrte er und blickte unsicher hinter sich, als ob dort gleich eine keifende Ehefrau auftauchen könnte. Oder vielleicht wohnte er noch mit seinen Eltern zusammen, unter deren Pantoffel er stand.

»Okay, wenn es nicht viel ist, packe ich kurz mit an. Ich ziehe mich nur eben um.« Damit schloss er die Tür vor Deikes Nase. Völlig perplex stellte sie den Champagner neben einem Blumenkübel ab und ging zum Auto.

 

Der Inselschlumpf war schnell zur Stelle. Er trug jetzt Jeans und Turnschuhe zum T-Shirt und sah schon viel besser aus.

»Wollen Sie sich keine anderen Schuhe anziehen?«, fragte er und betrachtete skeptisch Deikes hochhackige Stiefel.

»Nein, nein, die sind total bequem.« Als sie seinen zweifelnden Blick sah, fügte sie schnell hinzu: »Und sehr robust!«

Kein Kommentar. Er schnappte sich den ersten Karton, nahm die beiden Stufen vor dem Haus mit einem Schritt und verschwand in ihrer Haushälfte. Deike hatte gerade erst einen der Kartons von der Ladefläche gewuchtet, da war er schon zurück. Sie hatte Mühe, das Gewicht allein zu schleppen. Auf der feuchten Treppe rutschte sie aus und knickte auch noch um. Glücklicherweise konnte sie sich abfangen, ohne die Umzugskiste fallen zu lassen. Ihre Blicke trafen sich, doch er ersparte ihr eine Bemerkung.

Es dauerte keine halbe Stunde, bis der Wagen leer war.

»Brauchen Sie Hilfe beim Aufbauen der Möbel? Ein paar Minuten Zeit hätte ich wohl noch.«

»Das wäre toll. Danke!« Damit hatte sie gar nicht gerechnet.

»Okay, bin gleich wieder da.« Er verschwand wieder in seiner Haushälfte und schloss die Tür hinter sich. Die Flasche Champagner, die noch immer am Blumenkübel stand, ignorierte er. Komischer Kauz.

Diesmal dauerte es länger, bis er zurück war. Er hatte einen kleinen Werkzeugkoffer dabei.

»Zuerst das Bett«, verkündete Deike fröhlich. »Ich bin todmüde von der langen Fahrt. Ich dachte schon, ich komme gar nicht mehr an. Und dann bin ich auch noch falsch gefahren«, plapperte sie unbekümmert gegen seine Schweigsamkeit an. »Wussten Sie, dass es zwei Orte auf der Insel gibt, die Streu heißen?«

»Ja.«

»Natürlich, Sie wohnen ja hier.« Meine Güte, der Mann hatte entweder schrecklich schlechte Laune oder war ein Griesgram erster Güte.

Während sie redete, machte er sich an die Arbeit.

»Halten Sie mal hier fest.« Sein Akku-Schrauber surrte. Plötzlich war von nebenan ein hoher Ton zu hören. Er horchte kurz auf, sein Gesicht wurde noch ernster.

»Was war das?«, wollte Deike wissen.

Er antwortete nicht, sondern arbeitete noch ein wenig schneller weiter. In null Komma nichts war das Bett aufgebaut.

 

Der Ton von drüben wurde lauter, es klang fast wie ein Jammern. Ob er eine junge Katze oder einen kleinen Hund hatte?

»Ich muss los«, sagte er und packte auch schon sein Werkzeug zusammen.

»Klar, kein Problem, den Rest schaffe ich allein. Vielen Dank für die Hilfe!« Sie streckte ihm die Hand hin.

Er zögerte, dann griff er sie und drückte sie kurz und kräftig.

»Wenn ich mich irgendwie revanchieren kann …«, setzte Deike noch hinzu, als er schon fast zur Tür hinaus war.

Er blieb stehen, drehte sich noch einmal um und sah sie von oben bis unten an.

Sie merkte, dass sie verlegen wurde, und das passierte ihr wirklich nicht oft. Aber dieser Typ brachte sie irgendwie durcheinander.

»Wie heißen Sie überhaupt?«, fragte sie hastig.

»Hannes.« Damit war er an seiner Haustür.

»Ich bin Deike«, rief sie und ärgerte sich im nächsten Moment. Sie hatte sich schließlich schon vorgestellt, wie es sich unter zivilisierten Menschen gehörte.

»Fahren Sie das Auto da weg«, kommandierte er, bevor er wieder hinter seiner Tür verschwand, und deutete mit dem Kopf auf ein kleines Rasenstück, das an drei Seiten von einem Jägerzaun eingefasst wurde. »Ihr Stellplatz ist der rechte.« Ohne einen Gruß schlüpfte er rasch ins Haus.

2.

Als Deike am übernächsten Morgen zum ersten Mal ins Büro nach Bergen fuhr, hatte sie sich mit ihrem Wohnort bereits angefreundet. Der Nieselregen, der ihr die Laune bei ihrer Ankunft verhagelt hatte, war einer milden Aprilsonne gewichen. Deike hatte alle Fenster geöffnet und laut Musik gehört, während sie ihren Schreibtisch montiert, die Bücher und ihre Kleidung eingeräumt hatte. Ihr Optimismus war tatsächlich wieder zurückgekehrt, nur unterbrochen von einer unschönen Begegnung mit Schlabberhosen-Hannes – er schien diese Trainingshose täglich zu tragen! Er hatte geklingelt, um sie mit gewohnt ernster Miene aufzufordern, die Musik leiser zu stellen. Zwar hatte er dabei irgendwie zerknirscht gewirkt, als sei es ihm unangenehm, sie darum zu bitten, aber das machte es auch nicht besser. Er sollte sich bloß nicht einbilden, er könne sie nach seiner Pfeife tanzen lassen.

Am Nachmittag hatte sie das schöne Wetter für einen ersten Erkundungsspaziergang genutzt. Gleich hinter dem Grundstück erreichte sie den Schilfgürtel des Kleinen Jasmunder Boddens. Es ging kaum ein Wind, so dass die Halme nur selten ein flüsterndes Rascheln hören ließen. Das Wasser lag glatt wie ein Spiegel und glitzerte, dass es in den Augen wehtat. Deike war einen kleinen Sandweg entlanggeschlendert. Einmal war sie stehen geblieben und hatte ganz tief eingeatmet. Herrlich, das war Ferienluft! In Berlin und Frankfurt roch es immer ein bisschen nach Abgasen. So klare Luft wie hier kannte sie nur noch aus dem Urlaub.

 

»Guten Morgen, herzlich willkommen auf Rügen!« Andrea, eine große schlanke Frau, deren gewölbter Bauch auf den ersten Blick verriet, warum sie die Redaktionsleitung demnächst für längere Zeit aufgeben würde, begrüßte Deike zu ihrem ersten Arbeitstag. »Hast du dich schon ein bisschen eingelebt?«

»Na ja, ich bin ja vorgestern erst angekommen. Das wird wohl noch ein Weilchen dauern.«

»Klar. Am besten liest du erst mal ganz in Ruhe unsere letzten Ausgaben. So erfährst du einiges über die Insel und siehst gleich, wo in unserem Heft die Schwerpunkte liegen und welche Anzeigenkunden für uns wichtig sind. Apropos Anzeigenkunde: Du hast nachher eine Verabredung mit M.«

»M.?«

»Alle nennen ihn so. Frag mich nicht, warum. Er hat ein Hotel und betreibt eine Therme mit Heilquellen. Und er schaltet in jeder Ausgabe ganzseitige Anzeigen.« Andrea warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu. »In zwei Wochen nimmt er ein neues Salzwasserbecken in Betrieb, das sollst du vor der Eröffnung schon mal kennenlernen.«

»Ich soll baden gehen?«

»Klar, sonst kannst du schließlich nicht darüber schreiben.«

»Super!« Deike strahlte. Gut, nach einer riesigen Badelandschaft hörte sich das nicht gerade an, aber doch nach einem netten Termin.

»Anschließend werdet ihr zusammen essen. Dann kannst du M. Fragen stellen. Wenn du zu Wort kommst«, fügte sie hinzu und rollte grinsend mit den Augen. »Er kennt die Insel besser als seine Westentasche und wird dir bestimmt jede Menge erzählen.«

Deikes Laune hätte nicht besser sein können. Während der bezahlten Arbeitszeit im Wasser dümpeln, bis die Haut ganz runzelig wird, und dann eine Einladung zum Essen, das war nicht übel für den ersten Tag.

 

Die Stunden flogen nur so dahin. Deike arbeitete die letzten vier Ausgaben von Rügen aktuell durch, ließ sich die Büroordnung erklären, und dann musste sie auch schon los, um ihre Badesachen zu holen und pünktlich in der Therme zu sein. Die lag nur wenige Schritte vom breiten Strand der Prorer Wiek entfernt. Sie war ein paar Minuten zu früh und nutzte die Zeit, um sich umzusehen. Alle Achtung, mit einem solchen Strand hatte sie nicht gerechnet. Er war ungeheuer lang und feinsandig. Unzählige Muscheln knirschten unter ihren Schuhen. Sie blieb stehen und betrachtete die Steilküste der Frankenberge. Dahinter musste Sellin mit seiner Seebrücke liegen, von der Natty so geschwärmt hatte. Deike war fasziniert. Sie dachte an die langen Strände im Süden von Fuerteventura, die sie sehr mochte. Einzig die fiesen Hotelklötze hatten sie dort schwer gestört, die einem den ganzen herrlichen Blick verdarben. Hier gab es auf der einen Seite die Ostsee, die an diesem kühlen windigen Tag kraftvoll auf den Sand klatschte, und auf der anderen Seite hohe Kiefern, hinter denen sich sämtliche Gebäude verstecken konnten. Genau das würde sie in ihrem ersten Artikel für Rügen aktuell schreiben, beschloss sie, während sie sich beeilte, pünktlich zu ihrem Termin zu kommen.

 

Wenig später ließ sie sich auf dem Rücken durch das runde Solebecken, das Herzstück eines gläsernen Pavillons, treiben. Das warme Wasser war herrlich. In dem dünnen Blazer, den sie im Hinblick auf das Abendessen mit M. gewählt hatte, war es am Strand ziemlich kalt gewesen. Sie schloss die Augen und freute sich darüber, dass sie nach dem Gespräch mit Hartmann, in dem er ihr zum ersten Mal eine leitende Position auf einer Insel in Aussicht gestellt hatte, in einem Anfall völlig verfrühter Euphorie diese sündhaft teure wasserfeste Wimperntusche gekauft hatte. So brauchte sie sich keine Sorgen zu machen, wenn ihr Make-up einige Spritzer Wasser abbekam. Sie hatte den Gedanken noch gar nicht zu Ende geführt, da plumpste neben ihr etwas ins Wasser und löste eine Welle aus, die Deikes Gesicht einmal komplett überspülte. Sie versuchte sich hinzustellen, bekam die Füße aber wegen des hohen Salzgehalts und der dadurch bedingten Tragfähigkeit des Wassers nicht so leicht auf den Boden und musste ordentlich mit den Armen rudern, bis sie schließlich stand. Sie würgte und hustete. Gegen gutgewürztes Essen hatte sie nichts einzuwenden, aber dieser Salzgeschmack war entsetzlich.

»D

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