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Rückkehr der Schmetterlinge

Susan Mennings

Rückkehr der Schmetterlinge

2. Teil der Schmetterlings-Trilogie





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Inhalt

Prolog

Kapitel 1: Leben

Kapitel 2: Großmutter

Kapitel 3: Stein des Otium

Kapitel 4: Schatz

Kapitel 5: Fragen

Kapitel 6: Motiv

Kapitel 7: Strafe

Kapitel 8: Verbannung

Kapitel 9: Hochzeit

Kapitel 10: Wiedergeburt

Kapitel 11: Entscheidung

Kapitel 12: Flucht

Kapitel 13: Danielle

Kapitel 14: Pflicht

Kapitel 15: Rache

Kapitel 16: Sonnenwelt

Kapitel 17: Labyrinth

Kapitel 18: Gerichtsverhandlung

Kapitel 19: Begegnung

Kapitel 20: Pakt

Kapitel 21: Mittwoch; Ankunft

Kapitel 22: Donnerstag; Gefängnis

Kapitel 23: Donnerstag; Reise

Kapitel 24: Donnerstag; Freiheit

Kapitel 25: Donnerstag; zu Hause

Kapitel 26: Freitag; Unruhe

Kapitel 27: Freitag; Neuigkeiten

Kapitel 28: Chauffeur

Kapitel 29: Freitag; Ankunft

Kapitel 30: Freitag; Wut

Kapitel 31: Freitag; Dunkelheit

Kapitel 32: Freitag; Befreit

Kapitel 33: Freitag; Geburt

Kapitel 34: Freitag; Wendung

Kapitel 35: Kampf

Kapitel 36: Farletti

Kapitel 37: Suche

Kapitel 38: Erkenntnis

Kapitel 39: Rache

Kapitel 40: Wandlung

Kapitel 41: Liebe

Kapitel 42: Mist-Kerl

Kapitel 43: Ausgetrickst

Kapitel 44: Überraschungsmoment

Kapitel 45: Licht

Kapitel 46: Klagen

Kapitel 47: Geburtshilfe

Kapitel 48: Freiheit

Kapitel 49: Ersticken

Kapitel 50: Entscheidung

Prolog

 Sein gehetzter Atem erfüllte die Stille. Tief sog er Luft in seine Lungen. Obwohl er keine Ahnung hatte, warum er unterwegs war, rannte er den steilen Abhang hinunter. Sein Puls schien sich überschlagen zu wollen. Kalte Luft drang ungehindert durch den offenen Mund in die Bronchien. Doch er spürte keinen Schmerz. In schnellen Abständen presste er die verbrauchte Luft aus seinem Körper, die sich in feinen Nebel vor seinem Gesicht verwandelte.

Trotz des unwegsamen Geländes rannte er immer weiter, stolperte über eine Baumwurzel, überschlug sich, stürzte einige Meter den Abhang hinunter, wodurch sich sein Körper beschleunigte und er sich schneller dem Tal näherte. Unsanft wurde er von einem Strauch gebremst. Mit einem lauten Ächzen knallte er gegen das Geäst, das seinen Aufprall etwas milderte, aber ihn dennoch verletzte. Ohne weiter nachzudenken, rappelte er sich auf und rannte weiter.

Er wusste nicht wer er war und warum er so eilig hinunter ins Tal wollte. Er hatte sich dafür entschieden querfeldein zu laufen, anstatt den längeren, aber deutlich angenehmeren Weg einzuschlagen. Der Hang war derart steil, dass er streckenweise auf seinen Füßen hinunterrutschte, darauf bedacht, nicht das Gleichgewicht zu verlieren und erneut zu stürzen.

Er spürte die starke Beanspruchung seiner Muskeln. Jeder andere hätte sich für einen Moment ausgeruht, er aber rannte immer weiter. Aus einigen Wunden trat Blut hervor. Hätte er sich gestattet, sie zu untersuchen, ihm wäre aufgefallen, dass diese Wunden keinesfalls von den Stürzen des Abstiegs herrühren konnten. Da er jedoch keine Zeit verschwenden wollte, bemerkte er nicht, wie schwer mitgenommen sein Körper im Grunde war.

Sein einziger Antrieb war der tiefe Hass, der ihn zu zerfressen drohte.

Sein Herz zog sich krampfhaft zusammen und pochte doch dabei so wild, als ob es seinen Brustkorb sprengen wollte. In seinem Inneren zerrte etwas an ihm. Es bestimmte sein gesamtes Handeln und trieb ihn zur Eile. Er musste etwas unternehmen, um sich Erleichterung zu verschaffen. Nur wie er das anstellen sollte, davon hatte er keine Ahnung.

Während er immer weiter und dabei immer schneller rannte, kreisten seine Gedanken um die letzten Stunden. Wie war er hierher geraten und warum war er zu Fuß auf dem Weg ins Tal?

Er war nicht in der Lage, die letzten Stunden zu rekonstruieren. Was gestern und am Tag davor passierte, war aus seinem Gedächtnis gelöscht worden. Wie bei der Festplatte eines Computers. Er hoffte, dass die Erinnerungen in den tiefen Windungen seines Gehirns schlummerten und er nur herausfinden musste, wie man diese Informationen wieder herstellen konnte.

Alles, was ihn in diesem Augenblick antrieb, war jedoch Hass, der ihn vollkommen auszufüllen schien. Das war etwas, was er begreifen konnte. Dabei hatte er keine Idee, wem dieser Hass gelten könnte.

Endlich, nach Stunden des Abstiegs, erreichte er eine ausgebaute Straße, die sich durch ein enges Tal schlängelte. Steil ragten die Berge links und rechts der Straße hoch in den Himmel. Der Tag war fortgeschritten und die Sonne beinah hinter dem Horizont verschwunden.

Er blieb stehen und sah sich um. Niemand war auf der Straße. Angestrengt dachte er darüber nach, ob ihm etwas bekannt vorkam. Er wusste, dass er hier schon einmal gewesen sein musste. Aber sein Kopf blieb leer. Langsam bekam er Kopfschmerzen.

Ihm wurde kalt. Der Abstieg war beschwerlich gewesen und die Kleidung nun feucht von Schweiß. Er sah auf seine Hände. Das Rot des Blutes seiner Wunden strahlte auf der makellos weißen Haut. Unter den Fingernägeln hatte sich Dreck gesammelt, ebenso auf den Handinnenseiten. Unwillkürlich strich er sie an der Hose ab und spürte, dass sie zu großen Teilen zerrissen war.

Erst jetzt bemerkte er, was er trug. Was hatte er sich dabei gedacht? Das konnte unmöglich ein Teil seiner Persönlichkeit sein. Obwohl er nicht einmal sagen konnte, was diese ausmachte. Vielleicht war er ja der Typ, der in grobgestrickten Rollkragenpullovern mit einer Jeans und derben Wanderstiefeln herumlief?

Er fühlte den Stoff der durch die Stürze arg mitgenommen Hose. Er gab angenehm weich nach. Nichts daran war ihm vertraut, das konnte unmöglich zu ihm gehören. Instinktiv griff er in die Gesäßtasche seiner Hose und fand dort eine Brieftasche mit einem Ausweis und mehreren Plastikkarten. Auf allen Dokumenten stand der gleiche Name: Enzo Rossi. Er sah sich das Bild des Ausweises an. Ein extrem bleicher Mann sah ihn an, mit akkurat geschnittenen blonden Haaren, der ebenso weiße Haut hatte wie er.

Keine Erkenntnis drang zu ihm. Obwohl ihm gefiel, dass der Mann auf dem Ausweis einen Anzug, ein weißes Hemd und eine feine Krawatte trug. Das schien ihm eine bessere Wahl zu sein, als das Ensemble, was er trug. Dennoch erkannte er sich nicht wieder. Da er keinen Spiegel zur Hand hatte, konnte er nicht überprüfen, ob er tatsächlich Enzo Rossi war.

Er steckte alles wieder in die Brieftasche und diese zurück in die Hose. Es wurde Zeit, dass er von hier verschwand. Auch wenn er nicht wusste, wer er war, so war doch tief in ihm der Drang vorhanden, jemandem Leid anzutun. Irgendetwas musste er unternehmen, um endlich etwas Ruhe zu finden und vielleicht fiel ihm ein, wer er war, wenn das Blut eines anderen Menschen an den Fingern klebte.

Leben

Inzwischen wusste Marisa, dass sie nicht träumte. Obwohl ihr diese Vorstellung angenehmer gewesen wäre. An die Realität, in der sie nun schon seit drei Monaten lebte, konnte und wollte sie sich nicht gewöhnen. Sie vermisste ihr altes Leben. Sollte sie je zurückkehren, nie wieder würde sie sich darüber beschweren, wie einsam die Nächte seien, oder dass ihr Chef sie in den Wahnsinn trieb. Ständig hatte sie mit ihrem Dasein gehadert, nun aber wusste sie es besser. Aus der Perspektive ihres jetzigen Lebens wirkte alles lächerlich, worüber sie sich früher beschwerte.

Sie war für dieses Leben einfach nicht geschaffen, das sie nun bis ans Ende ihrer Tage führen musste. Auch wenn es für die Pleberosso das Paradies war, für Marisa war es die Hölle. Ein fortwährender Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab. Sie hatte Angst, nachts einzuschlafen, da sie wusste, am nächsten Tag würde eine Realität auf sie warten, die sie nicht ertragen konnte.

Je mehr Zeit verging, desto mehr verblassten die Erinnerungen. Nichts, was an ihr altes Leben erinnern konnte, durfte sie mitnehmen. Bis auf ein paar Fotografien, die sie heimlich geschmuggelt hatte und auf denen sie als Kind mit ihrem Vater zu sehen war. Wenn sie diese hervorholte, darauf bedacht, dass sie keiner beobachten konnte, sah sie ein kleines Mädchen, das in diesem Moment glücklich wirkte.

Das alles war so verdammt lange her und ihr Vater, der viel zu früh gestorben war, sah auf den Bildern noch so jung aus. Sie schaffte es nicht, um ihn zu trauern, denn diese neue Umgebung war derart absurd, dass sie im Grunde gar nicht real sein konnte. Daher fiel es ihr schwer, zu glauben, dass ihr Vater tatsächlich tot war. Zumal sie sich nicht von ihm verabschieden konnte.

Sie stellte sich vor, dass er weiterhin in der Sonnenwelt lebte, so wie alle anderen auch, die sie zurücklassen musste. Nichts war ihr geblieben. Es kam ihr vor, als wäre sie selbst gestorben und in einer anderen Dimension auferstanden. Das Leben konnte verdammt hinterlistig sein. Was hatte sie nur angestellt, dass sie sich in so einer unwirklichen Umgebung wiederfand?

Sie spürte, wie langsam ihr Hirn aufweichte und sie anfing zu verblöden. Dazu verurteilt, nichts zu tun, war eine größere Strafe, als sie sich hätte vorstellen können. Dabei war ihr Status alles andere als eine Bestrafung, sondern vielmehr ein Privileg, um dass sie in dieser Welt anerkannt wurde. Nur wenigen Pleberosso war es vorbehalten über andere zu verfügen und sich bedienen zu lassen.

Aber für Marisa war es der Abgrund eines tiefen Tales ihrer Seele, die nur dann geheilt werden konnte, wenn sie beschäftigt war. Sie fragte sich, warum sie überhaupt das Nachtlager verlassen sollte, denn es gab für sie keine Abwechslung, nichts, was ihre Tage füllte.

An einer Felswand in ihrem Abteil hatte sie mit einer Art Kreide einen Kalender angelegt. Es gab hier nicht einmal Papier oder gar etwas, womit man dieses hätte beschreiben können. Daher kannte man auch keine Bücher. Alles, was es zu lernen gab, wurde von Pleberosso erzählt und musste als Unterricht ausreichen.

Viel gab es ohnehin nicht, was es wert gewesen wäre, langfristig zu wissen und an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Jeder hatte seine Aufgabe und führte diese nach bestem Gewissen aus. Die Pflichten wurden an die Nachkommen weitergegeben, quasi vererbt. Niemand hatte einen freien Willen bei dem, was er sich für sein Leben vorstellte. Das Schlimmste aber war, dass es den Pleberosso nichts auszumachen schien. Ganz im Gegenteil erfreuten sie sich an ihren Schicksal. Sie strahlten vor Glück und Zufriedenheit.

Grundsätzlich lag ein Lächeln in den Gesichtern, ihre gute Laune unterstrichen sie mit Gesängen und teilweise sogar mit Tanz. So etwas wie Stress war unvorstellbar. Es gab keinen Druck, einen Termin einzuhalten oder Angst davor, etwas falsch zu machen. Fehler kannte hier niemand. Selbst das Wort war den Bewohnern fremd.

Die Tage vergingen im endlosen Müßiggang. Selbst denen, die eine Aufgabe zu erledigen hatten, blieb genügend Zeit sich zu amüsieren. Wobei das Amüsement ein vollkommen anderes war, als es Marisa aus der Sonnenwelt kannte.

Es gab keinen Strom, dadurch natürlich keine Fernseher oder Radios. Keine Bücher, um in andere Welten einzutauchen oder sich abzulenken. Man saß am Ufer eines Sees, der herrlich warm war, badete darin, unterhielt sich, sang gemeinsam oder ließ sich von Älteren Geschichten erzählen.

Gern hätte Marisa ihre Geschichten aus der Sonnenwelt weitergegeben. Aber ihr war es nicht erlaubt, über ihr altes Leben zu erzählen. Nichts sollte den Pleberosso Anlass geben, ihre Welt in Frage zu stellen. Denn eines war mehr als alles andere nicht gestattet: Antworten auf eine Frage zu erwarten.

Wenn sie am Morgen einen weiteren Strich ihrem Kalender an der Wand hinzufügte, um irgendwie den Kontakt zur Sonnenwelt aufrecht zu halten, dachte sie darüber nach, wie das Wetter wohl oberhalb der Höhle inzwischen war. Jetzt müsste Sommer sein. Anfang Juni, die Sonne sollte am höchsten Punkt stehen und die Nächte sollten lang und hell sein. Jedenfalls in ihrer Heimat Hamburg wäre es bald soweit, dass der längste Tag die Sonnenwende ankündigte. Eine Zeit, die Marisa immer schon sehr genossen hatte.

Bereits als Kind liebte sie die langen Nächte, in denen es nie richtig dunkel wurde. Und nun lebte sie in einer Welt ohne Wetter, es gab nicht einmal Jahreszeiten. Jeder Tag war wie der andere, nichts Unvorhergesehenes passierte. Niemand sprach darüber, was sie am nächsten Tag erwarten würde. Und niemand regte sich über etwas auf, das man ohnehin nicht ändern konnte, wie beispielsweise das Wetter. Es regte sich überhaupt niemand über irgendetwas auf. Harmonie lag wie ein klebriger Film über Allem und Jedem und ließ alles zuckersüß erscheinen. Dabei kannte man weder das Wort Zucker noch dessen Bedeutung. Auch das war etwas, was in diesem Leben keinen Platz hatte. Ebenso wie Alkohol und jede Form von Rauschmittel.

Dabei kam es Marisa oft so vor, als hätten die Bewohner von etwas genascht, das ihre Sinne und den Verstand komplett vernebelten. Anders konnte sie es sich nicht erklären, weshalb alle tatsächlich taten, was ihre Pflichte war und niemand auf die Idee kam, etwas in Frage zu stellen, oder zu sehen, was es außerhalb der Höhlen zu entdecken gab.

Tagein tag aus wurden zur gleichen Zeit die Steine zum Leuchten gebracht und am Abend quasi wieder ausgeschaltet. Lediglich ein kleines Nachtlicht erhellte die Höhlen. Nichts passierte, an dem man eine Uhrzeit, beispielsweise wie durch den Stand der Sonne, feststellen konnte.

Aber an allem, was dieses Leben an Entbehrungen aufwies, was natürlich außer Marisa niemand so empfand, war nichts so schlimm wie das Fehlen der Sonne. Inzwischen hatte Marisa gelernt, dass man diese zum Überleben nicht benötigte. Die Steine des Otium gaben den Bewohnern alles, was sie brauchten, um gesund zu bleiben. Daher kannte auch niemand Krankheiten, abgesehen von der Phase, in der Marisa noch nicht ihre Pflicht erfüllen konnte, da sie keine Ahnung von all dem hatte und ein unbeschwertes Leben in der Sonnenwelt führte.

Dennoch, das Gefühl auf der Haut, wenn Sonnenstrahlen einen wärmen und die Pigmente zum Bräunen animieren, vermisste sie sehr und sie würde eingehen, sollte sie sich nicht bald einem Sonnenbad hingeben, ganz egal, ob man ihr erzählte, dass sie es zum Überleben nicht brauchte.

Obwohl ihre Haut von Natur aus eher dunkel war, da ihr verstorbener Vater griechischer Abstammung war, konnte sie sehen, wie sie langsam immer heller wurde. So wie all die anderen Bewohner würde sie nie aussehen, das wusste sie, und es machte sie zu einem noch außergewöhnlicheren Menschen als ohnehin schon. Jeden Tag kamen aus anderen abgelegenen Höhlen Bewohner, um die neue Farletti, die Retterin der Pleberosso, zu bestaunen. Es hätte zwar durchaus eine Abwechslung sein können, aber Marisa verabscheute es, begutachtet zu werden wie ein Tier in einem Zoo. Nicht nur das, man verlangte sie anfassen zu dürfen. Einige waren sogar so dreist und baten Marisa, ihnen die Hand aufzulegen, was sie selbstverständlich nie tat.

Langsam erhellte sich die Höhle. Geradezu vorsichtig drang Licht in das Abteil in dem Marisa mit ihrem Mann Tomasio lebte.

„Hast du gut geschlafen?“, fragte Tomasio und schmiegte sich eng an Marisa.

Seine Arme umschlossen ihren Körper, eine Hand ruhte auf ihrem inzwischen leicht angewachsenen Bauch. Sie war nun im dritten Monat schwanger und langsam konnte jeder erkennen, dass sie in guter Hoffnung war, was die Bevölkerung über alle Maßen erfreute.

„Nein“, wollte sie sagen, behielt ihre Worte jedoch für sich. Was würde es nützen, wenn sie Tomasio die Wahrheit sagte? Er schien unendlich glücklich zu sein und sich auf den Nachwuchs zu freuen wie nichts anderes auf der Welt. In dieser Welt, der Welt der Pleberosso, die Marisa noch immer so fremd war.

Stattdessen fing sie an zu weinen, wie so oft in letzter Zeit. Anfänglich war sie in der Lage, ihre Fassung und die damit verbundenen Tränen zu kontrollieren, aber wenn sie geschlafen und von ihrem alten Leben geträumt hatte, war sie dazu nicht mehr fähig.

„Wein doch bitte nicht schon wieder“, sagte Tomasio. „Du wirst dich schon noch daran gewöhnen, glaube mir, so schlimm ist es doch gar nicht.“

„Doch“, sagte Marisa und hatte sich aus seiner Umklammerung gelöst, um ihn ansehen zu können, „es ist schlimm. Ich kann das nicht, ich bin nicht dafür geschaffen.“

„Red’ keinen Unsinn, wenn jemand dazu geboren wurde, eine Farletti zu sein, dann doch wohl du. Das weißt du.“

Marisa war es leid, schon wieder darüber zu diskutieren, dass sie tief in ihrem Inneren spürte, nicht hierher zu gehören und eben keine geborene Auserwählte zu sein, auch wenn dies ihre Bestimmung zu sein hatte.

Vor noch nicht einmal drei Monaten hatte sie keine Ahnung, wer sie war. Hatte ein Leben geführt, was ihr bis dahin langweilig und vor allem traurig erschienen war, weil sie in endlosem Liebeskummer um einem Mann trauerte, der es nicht wert gewesen war.

Nun hätte sie alles dafür gegeben, um wieder in ihr altes Leben zurückzukehren. Zumal sie wusste, dass dieser Mann, den sie so sehr liebte, ihr ebenso Gefühle entgegenbrachte. Sie konnte ihn nicht vergessen und wollte es auch gar nicht. Sie war darum bemüht, sich das Gesicht von Steve in ihr Gedächtnis zu holen, ihn nicht aus der Erinnerung zu verlieren. Manches Mal dachte sie daran, Tomasio zu bitten, ihre Empfindungen und Bilder an ihr altes Leben zurückzuholen, aber sie wusste, dass er es nicht tun würde und sie ihn damit in Bedrängnis brachte.

Das war schließlich etwas, was nicht sein durfte und damit nicht existent war. Aber tief in ihrem Inneren spürte sie, wie etwas an ihr zerrte. Eine Sehnsucht, die sie in dieser Form noch nie wahrgenommen hatte und die drohte, sie zu ersticken. Die imaginäre Schlinge legte sich eng um ihren Hals, wenn sie an Steve dachte und an das, was er ihr zum Abschied gesagt hatte.

--

Ruhig war es in dem Zimmer. Die Hektik, die zuvor die Personen ergriffen hatte, war verschwunden. Steves Schwester, Alex, lag noch immer wie schlafend auf ihrem Bett. Tiefschwarze Nacht lag über Hamburg. Obwohl der Himmel klar war, spendete der abnehmende Mond kaum Licht.

„Marisa“, sagte Steve, kniete sich neben sie und legte einen Arm um ihre Schulter, „dafür ist jetzt keine Zeit. Ihr müsst verschwinden, bevor Enzo wieder zu sich kommt.“

„Ich weiß.“

Tränen rannen über ihr Gesicht, aber sie verzog dabei keine Mine. Starr saß sie neben Benny, dem treuen Gefährten von Enzo, der seinem Schicksal nicht entkommen konnte, und sah, wie sich unter ihm ein See aus Blut gebildet hatte.

„Marisa, ich bitte dich“, sagte Steve, „du darfst hier keine Spuren hinterlassen. Ich weiß ohnehin noch nicht, wie ich das alles der Polizei erklären soll. Aber darüber musst du dir keine Gedanken machen. Viel wichtiger ist, dass ihr nun geht.“

Ihr war bewusst, dass die Zeit drängte und dass dieser Vorfall mit dem Zwillingsbruder von Tomasio einige Fragen aufwerfen würde. Sie selbst schien noch nicht begriffen zu haben, was sich ereignet hatte und dass Benny leblos am Boden lag. Neben ihm Enzo, der von Steve mit einem Briefbeschwerer zur Strecke gebracht worden war.

„Ja, ich weiß“, sagte sie erneut und war doch unfähig sich zu bewegen.

Sie hörte, wie sich Tomasio in Schmerzen auf dem Boden wand.

„Was war da eben los, als er den Stein nahm, der dann so unglaublich hell leuchtete?“, wollte Steve wissen.

„Das kann ich dir nicht sagen und du würdest es auch nicht verstehen.“

„Dann ist es auch besser, wenn ich es nicht weiß. Kannst du Tomasio nicht helfen?“

„Doch, sicher.“

Jetzt endlich schien in ihr Bewusstsein zu gelangen, was passiert war. Mit einem Ruck riss sie sich vom Boden hoch, darauf bedacht, so wie Steve gesagt hatte, keine Spuren im frischen Blut zu hinterlassen, dass noch immer aus Benny herauslief und den Boden überschwemmte.

Kaum dass sie stand, kniete sie sich erneut nieder, einen halben Meter von Benny entfernt. Vorsichtig legte sie eine Hand auf Tomasios Stirn und schloss die Augen.

Steve hatte sich zu seiner Schwester Alex auf das Bett gesetzt, die von all dem nichts mitbekam.

Es dauerte nur wenige Sekunden und Tomasio ging es besser. Sein Körper entspannte sich, der zuvor vollkommen verkrampft war. Seine Muskeln wurden schlaff und es wirkte, als wäre er gestorben. Doch im nächsten Augenblick öffnete er seine Augen.

„Du hast mich gerettet“, sagte er, „ich danke dir. Das war unvorstellbar. Ich hatte keine Ahnung, wozu Enzo inzwischen fähig ist. Wo ist er überhaupt?“

Marisa deutete mit dem Kopf neben ihn. Wenn man es nicht besser gewusst hätte, man würde annehmen, dass Enzo sich zum Schlafen auf den Boden gelegt hatte. Seine Gesichtszüge waren geradezu friedlich.

Dennoch schreckte Tomasio hoch, als er ihn neben sich sah. Dann sah er zur anderen Seite und bemerkte, dass Benny nicht mehr am Leben war. Schnell zog er seine Hand vom Boden, denn die Blutlache bahnte sich unaufhörlich ihren Weg und hätte ihn jeden Moment erreicht.

„Was ist denn hier in der Zwischenzeit passiert?“, wollte er wissen.

„Du hast nicht viel verpasst“, sagte Steve und hielt die Hand seiner Schwester, „aber vielleicht könnte sich einer von euch noch mit Alex beschäftigen, bevor ihr abreist.“

„Ja, natürlich“, sagte Tomasio und trat ans Bett

Steve war aufgestanden, um ihm Platz zu machen. Tomasio setzte sich und legte Alex eine Hand auf den Arm, während er die andere in seiner Hosentasche verschwinden ließ.

„Warum kannst du das, ohne diesen komischen Stein?“, fragte Steve leise, der neben Marisa getreten war.

„Ich weiß es nicht. Ich kann es eben.“

Sie sah Steve an. Er wirkte geradezu unbeteiligt, als machte ihm das alles nichts aus. Dabei erinnerte sie sich, dass er ihr seine Liebe gestanden hatte. Davon war in diesem Moment jedoch nichts zu spüren. Er war wieder der Mensch, den sie immer kannte, eher ein Bruder als ein Liebhaber. Sie war sich nicht sicher, wie sie damit umgehen und wie sie sich von ihm verabschieden sollte. Es war klar, dass sie ihn für immer verließ.

Bei diesem Gedanken zog sich ihr Inneres schmerzhaft zusammen. Als würde sich ihr Darm um ihren Magen wickeln und ihn qualvoll zerquetschen wollen. Ihr Herz schlug nicht mehr im regelmäßigen Rhythmus, dafür aber viel zu schnell. Ihr wurde schwindelig und sie spürte, dass sie das alles nicht wollte. Trotzdem wusste sie, tief in ihrem Inneren, dass sie keine Wahl hatte.

„Geht es dir nicht gut?“, fragte Steve, der sie seitlich angesehen hatte.

„Nein, mir geht es nicht gut“, sagte sie und die Worte fielen ihr schwer, „sag mal, macht dir das alles nichts aus?“

„Doch, sehr, ich sterbe, weil ich weiß, dass du gehst und ich nichts tun kann, um dich zu halten. Ich habe dich für immer verloren.“

Während er sprach, sah er stumpf dabei zu, wie Tomasio seine Hand von Alex löste und ihr sanft über das Gesicht strich, ohne dass sie davon aufwachte.

„Wie kannst du dann so ruhig sein?“

„Das ist nichts weiter als Fassade. Ich versuche, mich zu beherrschen und den Schein zu wahren, um es dir nicht noch schwerer zu machen. Ich weiß doch, wie sehr du mich liebst.“

Ein leichtes Zucken war in seinem Augenwinkel zu erkennen.

„Steve, sieh mich bitte an.“

„Nein, das schaffe ich nicht, bitte, geht einfach. Ich kümmere mich hier um alles. Ihr seid nun in Sicherheit und könnt in aller Ruhe nach Italien fahren.“

Das Zucken in seinem Auge wurde stärker.

„Steve, ich möchte mich gern von dir verabschieden.“

„Marisa, ich bitte dich zum letzten Mal, tu mir das nicht an.“

Marisa stellte sich direkt vor ihn, sodass er keine Chance hatte, ihrem Anblick auszuweichen. In dem Moment verlor er seine Fassung.

„Siehst du, genau das wollte ich nicht, es tut mir leid“, sagte er.

Marisa legte ihre Arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn. Es fühlte sich gut und richtig an. Sie spürte seine Wärme, die Nähe, die sie so sehr vermisst hatte. Er könnte ihr für immer gehören und all ihre Träume würden damit in Erfüllung gehen. Stattdessen musste sie ihn verlassen, um mit einem anderen in eine ungewisse Zukunft zu gehen.

Steve legte ebenfalls seine Arme um sie und drückte sie derart fest an sich, dass ihr die Luft wegblieb. Er klammerte sich an sie, als ob er damit vom Gehen abbringen konnte.

„Ich liebe dich so sehr“, sagte er, „es tut mir wahnsinnig leid, dass ich erst jetzt den Mut fand, es dir zu sagen und nicht schon viel früher zu dir stand. Ich war ein Idiot und werde das nun für den Rest meines Lebens bezahlen müssen.“

Er küsste sie auf den Mund. Es war keine Leidenschaft zu spüren. Eher tiefe Zuneigung und Liebe, gepaart mit unendlicher Verzweiflung.

Kurz darauf verschwand sie mit Tomasio nicht nur aus ihrer Heimat, sondern aus ihrem gesamten bisherigen Leben.

--

Noch immer spürte Marisa die Gefühle, die ihr Steve entgegengebracht hatte, auch wenn alles andere langsam aus ihrem Gedächtnis zu verschwinden drohte. Es war , als ob er nach ihr rufen würde und sie, selbst hier in den Tiefen der Höhle, sein Flehen hören konnte. Er brauchte sie, aber vor allem hatte sie den Eindruck, er sei in Gefahr.

„Marisa.“ Tomasios Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Ich mache mir langsam Sorgen um dich.“

„Das tut mir leid, ehrlich“, sagte Marisa, „aber ich kann es nicht ändern. Ich gehöre nicht hierher.“

„Lass uns doch bitte nicht schon wieder darüber streiten.“

„Ach, wir streiten? Dürfen wir das denn?“

„Marisa, ich bitte dich, lass das sein, wenn uns jemand hört, dann bekommen wir ernsthafte Schwierigkeiten.“

„Und dann?“

„Wir könnten in die Verbannung geschickt werden.“

„So ein Blödsinn. Du weißt selbst, dass das nie passieren wird so lange ich schwanger bin und nicht sichergestellt ist, dass ich ein Mädchen zur Welt bringe und es in ein Alter kommt, in der es nützlich wäre. Wer sollte denn wohl sonst die Steine des Otium bergen?“

Großmutter

Nachdem die Frau, die Marisa aus ihren Träumen kannte und die als ihre Großmutter vorgestellt worden war, eine Hand nach ihr ausgestreckt und Marisa am Bauch berührt hatte, sagte sie mit einem gütigen Lächeln: „Du bist in guter Hoffnung“.

Fragend hatte sich Marisa zu Tomasio umgesehen, der sie ebenfalls mit einem Lächeln ansah. Es war vielmehr ein Grinsen, dass sein Gesicht einer Fratze gleichen ließ. Er hatte sich neben sie gekniet, einen Arm um ihre Taille gelegt und sie eng an sich gezogen. Mit einer Hand hatte er ebenfalls ihren Bauch berührt. Sie erinnerte sich, dass sie hoffte zu träumen. Doch seine Worte katapultierten sie in eine Realität, in der sie seither gefangen war.

„Jetzt gehörst du für immer zu mir“, hatte Tomasio gesagt und sie auf die Stirn geküsst.

Diese Worte hatten sie in Angst versetzt, denn zu dieser Zeit, als sie gerade in den Höhlen angekommen waren, war sich Marisa noch immer nicht sicher, wer von den Brüdern sie begleitet hatte. Beide waren nach dem Kampf, den eigentlich keiner überlebt haben konnte den Abhang hinunter gestürzt. Und doch hatte einer vor ihr gestanden und behauptet, er sei Tomasio. Sie konnte sich nicht erinnern, welche Farbe sein Pullover hatte. Aber was wäre, wenn er die Kleidung mit seinem Bruder getauscht hatte?

Sie war sich eigentlich sicher, Tomasio anhand seines Wesens identifizieren zu können. Aber vielleicht war Enzo ein verdammt guter Schauspieler. Immerhin waren sie Brüder, da wäre es doch sicher kein Problem den anderen zu imitieren. Zumal sie hier keine Chance hatte, die Brüder anhand ihrer Kleidung zu unterscheiden. Enzo trug maßgeschneiderte Anzüge und sie hatte ihn nie anders gesehen. Während Tomasio eher bequemere Kleidung bevorzugte. Aber hier trugen alle Farletti das Gleiche.

Die weißen Hosen und Oberteile waren wie eine Uniform. So sollten sie sich vom Rest der Pleberosso unterscheiden und ihnen Respekt einflößen.

Ein letzter Funke Zweifel blieb immer zurück, was Marisa verunsicherte und das Leben zusätzlich erschwerte. Doch was blieb ihr anderes übrig, als sich in ihr Schicksal zu fügen. Ganz egal, wer auch immer ihr Ehemann war, sie wusste, sie würde ihm nicht entkommen. Ebenso wenig wie dem schrecklichen Gefängnis, das ihr Leben darstellte.

Anfänglich war sie Allem gegenüber aufgeschlossen. Nichts deutete daraufhin, wie furchtbar sich alles entwickeln würde. Schließlich war alles neu und anders. Die Pleberosso waren freundlich im Umgang mit ihr. Damit Marisa sich schnell an die Umstände gewöhnte, wurde sie gleich am zweiten Tag nach ihrer Ankunft zu ihrer Großmutter gebracht.

--

Die Älteste des Rats war noch immer so schwach, dass sie das Nachtlager nicht verlassen konnte. Tomasio begleitete Marisa bis zu ihrem Abteil. Er war ehrfürchtig vor dem Eingang stehengeblieben, senkte den Kopf und schob Marisa ins Innere.

Es war dunkel. Marisa war kaum in der Lage, ihre Großmutter auf den Decken am Boden zu erkennen. Die Flammen des Feuers in einer Ecke waren kurz davor zu erlöschen. Feuchte Kühle breitete sich aus. Alles war irgendwie klamm. Die Zeit drängte. Ihr war durchaus bewusst, dass sie die Retterin der Pleberosso war. Nur wie sie das bewerkstelligen sollte, davon hatte sie keine Ahnung.

„Setz dich zu mir“, sagte Carmella mit schwacher Stimme.

Bevor Marisa zu ihr kam, legte sie ein frisches Stück Holz auf das Feuer, in der Hoffnung, dass es nicht nur heller, sondern auch ein bisschen wärmer werden würde. Marisa fror furchtbar in der dünnen Kleidung, die man ihr gleich nach ihrer Ankunft gegeben hatte. Nichts sollte an die Sonnenwelt erinnern und so verbrannte man alles, was sie mitgebracht hatte.

In Panik hatte Marisa darum gebeten, sich allein ausziehen zu dürfen, da sie die geschmuggelten Fotos nicht hergeben wollte. Die Vorstellung, dass man ihr den letzten Rest ihrer Erinnerung nehmen konnte, hätte sie niemals ertragen.

„Komm, mein Kind“, sagte Carmella, „gib mir deine Hand.“

Carmella legte Marisa eine Hand auf ihren Unterarm und hielt mit der anderen ihre Hand. Beide schlossen ihre Augen. Marisa wiegte ihren Körper wie in Trance vor und zurück. Manchmal stöhnte sie leise. Nach kaum zwei Minuten löste sich ihre Großmutter von ihr.

Marisa öffnete ihre Augen und wusste nun alles über die Pleberosso. Doch was sie gesehen hatte, beruhigte sie viel weniger, als dass es sie erschreckte. Die Angst vor dem Leben, dass sie hier erwartete, wurde unerträglich. Das konnte unmöglich erstrebenswert sein. Marisa verstand nicht, dass sich bisher niemand gegen dieses Leben aufgelehnt hatte, sondern es ganz im Gegenteil zu genießen schien.

Alles, was Marisa wissen musste, hatte ihre Großmutter ihr gezeigt. Nur eines hatte sie vergessen.

„Ich habe nicht gesehen, wie ich die Steine bergen kann. Warum hast du mir ausgerechnet das nicht gezeigt?“

„Du musst noch lernen, anders zu formulieren. Ich werde dir keine Antworten geben.“

„Das ist etwas, was ich nicht verstehe. Was ist so schlimm daran Fragen zu stellen?“

„Es ist besser so, für uns alle. So machen wir es seit Jahrhunderten. Wir haben nicht gelernt, etwas zu hinterfragen, weil es keine Fragen gibt.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Du bist ein Mensch. Es ist nicht leicht für dich, das verstehe ich, dennoch: du wirst dich fügen und tun, was ich sage.“

„Wie dem auch sei, ich muss ja nicht alles verstehen. Aber du hast vergessen mir zu zeigen, wie ich die Steine berge.“

„Nein, das habe ich nicht vergessen.“

„Aber wie soll ich sie finden?“

„Mein Kind, ich vergebe dir, weil du noch neu bist und dich erst an alles gewöhnen musst, aber ich kann es nicht erlauben, dass du Fragen stellst. Bitte formuliere es anders, wenn du mit mir sprechen möchtest.“

Ratlos sah Marisa ihre Großmutter an. In ihren Träumen war sie ihr gütig und besonders fürsorglich vorgekommen, nun aber hatte Marisa den Eindruck, einer gefühlskalten Frau die Hand zu halten. Angewidert ließ sie Carmella los und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Du musst mir sagen, was ich machen muss, um die Steine zu finden.“

„Das kann ich nicht.“

Marisa war sich nicht sicher, was genau ihre Großmutter damit meinte. Es war doch viel eher zu vermuten, dass ihre Großmutter ihr nicht helfe wollte, als dass sie es tatsächlich nicht konnte.

„Dann kann ich auch keine Steine finden. Ganz wie du willst. Ich dachte, dass Leben der Pleberosso sei dir wichtig.“

„Ich habe dir alles gezeigt, was du wissen musst.“

„Aber ich habe keine Ahnung, wo ich nach den Steinen suchen soll, wenn ihr mir nicht sagt, wo ich sie finden werde.“

„Das kann und wird dir niemand sagen können.“

„Es tut mir leid, aber so geht das nicht“, sagte Marisa.

„Doch mein Kind, genauso geht das. Du wirst dich noch heute auf den Weg machen und deine Pflicht erfüllen, so, wie alle anderen weiblichen Farletti vor dir.“

„Aber ich bin nicht wie die anderen. Ich bin ein Mensch, ihr könnt mich nicht so hängen lassen. Ohne dass mir jemand sagt, was ich tun muss, kann ich nichts machen. Du hast doch auch schon Steine gefunden, du wirst doch wissen, wie das geht.“

„Ja, das weiß ich. Aber auch mir hat niemand gesagt, was ich tun muss.“

„Wie könnt ihr sicher sein, dass ich erfolgreich zurückkehren werde? Ich bin doch nur zu fünfzig Prozent eine von euch.“

„Das macht mir auch ein wenig Sorge, aber du wirst es schon schaffen.“

„Und wenn nicht?“

„Diese Option gibt es nicht. Du wirst es schaffen. Du musst es schaffen.“

„Und wenn ich den Weg ebenso wenig zurück finde, wie all die männlichen Farletti, die ihr in den sicheren Tod geschickt habt?“

„Mein Kind, du weißt, ich kann dir darauf nichts sagen. Auch wenn es mich schockiert, dass du davon weißt und ich mir nicht vorstellen kann, wie dieses Wissen zu dir kam.“

Carmella schien auf einmal zu Kräften gekommen zu sein, denn sie setzte sich etwas aufrechter und betrachtete eindringlich ihre Enkelin.

„Dieses Wissen kam von Bernardo.“

„Das ist unmöglich. Er ist nicht mehr am Leben.“

„Oh doch, er lebt. Er hat sich offensichtlich geweigert zu sterben.“

„Dann seid ihr ihm auf eurer Reise also begegnet.“

„Ja, wir trafen ihn im Versorgungsraum.“

„Ich hoffe, ihr habt ihn dort zurückgelassen.“

„Natürlich nicht. Das wäre sein sicherer Tod gewesen.“

„Damit habt ihr dem Rat widersprochen. Du hast ja keine Ahnung, was du angerichtet hast.“

Während Marisa, Tomasio und sein Bruder Bernardo auf den Weg in die Höhlen waren, hatte Bernardo immer wieder davon gesprochen, wie gefährlich es sei, ihn mitzunehmen. Er sei für den Tod bestimmt oder würde in die Verbannung geschickt, was ebenso sein Ableben zur Folge hätte. So oder so, er musste sterben. Er würde alle in Gefahr bringen, wenn er sie weiterhin begleitete.

Marisa aber fand seine Worte geradezu lächerlich. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Großmutter derart kaltherzig war. In ihren Träumen hatte Marisa sie anders kennengelernt und war davon überzeugt, mit ihr über alles reden zu können.

„Darüber müssen wir ohnehin reden …“

„Schweig still.“

Im Gesicht ihrer Großmutter hatte sich etwas verändert. Sah sie zuvor gütig und liebevoll aus, lag nun ein harter Schatten auf ihm, der ihre Falten unterstrich und sie unnachgiebig wirken ließ. Alles andere als gnädig.

„Ich denke, ich habe das Recht, zu sprechen“, sagte Marisa.

„Nein, du hast absolut keine Rechte. Du bist nichts weiter als ein Mensch.“

„Jetzt unterschätzt du die Lage. Ja, ich bin ein Mensch, aber ich bin auch eine Farletti. Ich bin die Farletti, die euch allen das Leben retten wird.“

„Du musst noch sehr viel lernen.“

„Ich weiß, dass ihr mich braucht. Ohne meine Hilfe werdet ihr alle über kurz oder lang sterben. Und wenn ich ehrlich bin, dann sieht es eher so aus, als wäre der Zeitpunkt nicht mehr weit.“

„Du bist nichts. Auch wenn du mein Fleisch und Blut bist, du musst erst lernen, deinen Platz zu finden. Und so lange wirst du tun, was ich dir sage und nicht widersprechen.“

„Das sehe ich aber ganz anders. Vergiss nicht, wenn es mir gefällt, dann kehre ich einfach zurück in die Sonnenwelt. Was geht es mich an, was mit euch passiert?“

„Was hat Sofia da nur für einen Bastard geboren? Niemand wusste, wie schlimm es in der Sonnenwelt tatsächlich ist, aber du bist ein Produkt aus ihr und es zeigt, dass wir recht hatten, uns gegen euch zu schützen.“

„Carmella …“

„Für dich bin ich noch immer die Älteste des Rats und so hast du mich anzureden. Zeige den Respekt, den ich verdiene.“

„Nein, jetzt hörst du mir zu“, Marisa griff nach der Hand ihrer Großmutter und drückte sie fest, dass ihre Knöchel weiß wurden, „ich werde euch helfen und ich werde euch schützen, euch Kinder gebären und damit den Fortbestand sichern. So lange du am leben bist, werde ich mich nach außen hin fügen, aber das wird dich einiges kosten. Wir werden jetzt einige Veränderungen vornehmen, haben wir uns verstanden?“

Die Älteste des Rates nickte. Ihr Gesicht hatte sich nun zu einer vollkommenen Fratze entwickelt, in ihm lag nichts Liebevolles mehr, vielmehr glaubte Marisa, darin so etwas wie Hass zu sehen.

Einige Stunden später fand Marisa sich in einem Gewirr aus Gängen und Verzweigungen der Höhle wieder. Ihre Großmutter hatte ihr nicht sagen wollen, was zu tun war, um die Steine des Otium zu finden, aber sie musste Marisa versprechen, dass sich Bernardo in Sicherheit befand, so lange Marisa unterwegs war und auch danach würde er nicht in die Verbannung geschickt werden. Sollte Marisa zurückkehren und feststellen, dass Bernardo fort war, würde sie keine Sekunde warten, um die Pleberosso ihrem Schicksal zu überlassen und für immer zu verschwinden.

Obwohl man von Marisa verlangte, das Gewand einer weiblichen Farletti zu tragen, dass vielmehr nach einer Abendrobe aussah, als nach einem praktischen Kleidungsstück, mit dem man sich auf einen schwierigen Weg hinab in die Höhlen machte, nahm sich Marisa eine Hose von Tomasio ebenso wie ein Hemd. Sie wusste, was es für einen Aufruhr geben würde, sobald man sie sah, denn noch nie hatte es jemand gewagt, sich gegen den Rat aufzulehnen und die Traditionen zu brechen.

Das alles war Marisa jedoch gleichgültig. Sie sah nicht ein, sich mit einem schweren Gewand, in dem sie kaum in der Lage war, die leichten Wege in der Höhle zu überwinden, ohne über den langen Saum zu stolpern, auf eine Expedition zu machen, von der sie nicht wusste, wohin es sie führte.

Dabei war ihr eigenes Gewand nur halb so schwer wie das der Farletti des Rates, deren Kleidung sicher einige Kilo wogen. Es war Tradition, bei der Geburt einer weiblichen Farletti mit dem Besticken des Gewandes zu beginnen. Mit jedem Jahr wurde die Stickerei erweitert. Das Gewand wurde ihr erst dann überreicht, wenn die erste Periode einsetzte. Gleichzeitig diente es als Hochzeitskleid. Sobald eine Farletti geschlechtsreif wurde, wartete bereits ein ausgewählter männlicher Farletti darauf, endlich in den Genuss zu kommen, mit einer Frau intim zu werden und diese seine Frau zu nennen.

Kaum dass Marisa mit Tomasio angekommen war, überreichte man ihr das Gewand ihrer Mutter, das inzwischen reich bestickt war. Man hatte es vorsorglich weiterhin bearbeitet, auch wenn nicht sicher war, ob das Kind tatsächlich ein Mädchen war.

Dennoch war noch sehr viel weißer Stoff unter den Perlen sichtbar. Wenn kein einziger Flecken mehr frei war, um bestickt zu werden, erst dann wurde die Farletti in den Rat aufgenommen. Meist waren die Farletti dann schon sehr alt.

Marisa hatte sich ihre Hochzeit ganz anders vorgestellt. Vor allem mit einem Bräutigam, den sie sich ausgesucht hatte und den sie liebte. Auf gewisse Weise fühlte sie sich durchaus zu Tomasio, oder wer auch immer er war, hingezogen. Dennoch war es nicht ihr freier Wille. Aber sie sah ein, dass es notwendig war. Schließlich erwartete sie sein Kind.

Die Trauzeremonie verlief schlicht und sehr einfach. Man erzählte ihr, dass diese Anlässe durchaus Grund zum Feiern gäben und ein ausgelassenes Fest abgehalten würde. Da die Bewohner jedoch von Krankheit und Hunger geprägt waren, sah man davon ab. Das alles würde nachgeholt werden, wenn Marisa erfolgreich zurückkehrte.

Stein des Otium

Wie lange sie sich bereits durch teilweise enge Gänge quetschte, hinauf und hinab immer tiefer in den Berg eindrang, sie wusste es nicht. Jedes Zeitgefühl war ihr abhanden gekommen. Ob es Stunden, Tage oder gar Wochen waren, sie hätte es nicht sagen können. Alles was sie auf ihrer Reise sah, waren Felsen. Anfänglich war sie beunruhigt, wie sie je wieder hinaus und zurück zur Haupthöhle finden sollte. Aber irgendwann ignorierte sie ihre innere Stimme, die ihr Angst machte und ihr sagte, sie sei vollkommen verrückt geworden, sich dieser Aufgabe zu stellen.

Viel sinnvoller wäre es, einen Weg hinaus aus diesem Labyrinth zu finden und zurück in die Sonnenwelt zu kehren. Ganz egal, dass es den Tod vieler unschuldiger Pleberosso zur Folge haben würde. Was gingen sie diese schon an?

Trotz aller Bedenken hatte sie sich von Tomasio verabschiedet, der sie auf die Stirn geküsst hatte, und sich auf den Weg ins Ungewisse gemacht. Es schien ihr, als würde sie von einem unsichtbaren Band gezogen werden, und je tiefer sie die Gänge hinabstieg, desto mehr hatte sie den Eindruck, als wäre ihr Körper aus Metall und ein starker Magnet würde sie quer durch alle Höhlen ziehen, bis sie ihr Ziel erreicht haben würde.

Sie dachte nicht darüber nach, welchen Gang sie nehmen musste, selbst wenn dieser sich gabelte oder sie an eine Kreuzung stieß. Manchmal durchquerte sie eine große Höhle, nicht so groß, wie die, in der die Pleberosso wohnten, aber doch mit Ausmaßen, dass ein Einfamilienhaus darin Platz gefunden hätte.

Das alles kam ihr bekannt vor. Sie kannte es aus ihren Träumen. Alles lag in vollkommener Dunkelheit, ausschließlich ein Kegel aus Licht umgab sie und leuchtete die nähere Umgebung aus. Wenn sie vor einer Abzweigung stand und einen Schritt nach vorn tat, erhellte sich der Gang, den sie nehmen sollte. Die Höhlen und Gänge selbst schienen sie zu leiten und sie vertraute darauf, dass alles gut gehen würde, ebenso wie sie es in ihren Träumen gewesen war.

An besonders schönen Orten verharrte sie einen Moment, ruhte sich aus und ließ die Eindrücke auf sich wirken. Manchmal sah sie Tiere, die sich erschreckt zurückzogen, wenn der Schein, der Marisa umgab, sie traf.

Auf ihrer gesamten Reise spürte sie keine Angst. Tiefe Gelassenheit hatte sich über sie gelegt, die sich zu einer Zufriedenheit entwickelte, sodass Marisas Herz sich mit Glück füllte. Ein Glücksgefühl, das unbeschreiblich schön war und ihr Inneres komplett ausfüllte. Manchmal kam es ihr vor, als hätte sie eine Droge genommen, denn alles was sie sah, war so wunderschön. Sie freute sich an Allem, was ihr begegnete. In diesem Moment war alles gut. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es je anders sein würde.

Während sie sich durch den Berg arbeitete, dachte sie an nichts. Ihre Gedanken waren vollkommen frei. Bis sie in einer kleineren Höhle an einen See trat, der augenblicklich in schillernden Farben leuchtete. Sie setzte sich ans Ufer und ließ eine Hand über die glatte Wasseroberfläche gleiten. Mit kleinen Ringen, die sich stetig ausbreiteten, bedankte sich das Element für die Berührung. Langsam entzog sie dem Wasser ihre Hand. Leuchtende Tropfen hingen an ihren Fingern. Wie flüssig gewordene Glut tropfte es von ihrer Hand zurück in den See. Jeder Tropfen, der auf der Wasseroberfläche aufkam, explodierte wie ein kleines Feuerwerk. In winzig kleine Tropfen, die mit dem bloßen Auge kaum sichtbar waren, hätten sie nicht in den schönsten Farben geleuchtet, zerbarst das Wasser, was von ihrer Hand glitt.

Wärme durchfloss Marisa. Aufgrund der Anstrengung hatte sie stark geschwitzt und ihre Kleidung war feucht geworden. Daher hätte sie eigentlich frieren müssen, denn die Umgebung war zudem eher kühl. Diese Wärme erfüllte ihren Körper mit Wohlbehagen. Sie beschloss, sich auszuruhen und legte sich zur Seite. Obwohl der Fels alles andere als ein bequemes Nachtlager bot, spürte Marisa davon nichts. Für sie war es angenehm. Müde schloss sie ihre Augen und sah sofort Steve vor sich.

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Er war ihr so nah, als würde er direkt neben ihr liegen. Sie meinte, seinen Geruch wahrzunehmen. Er streckte eine Hand nach ihr aus, sie kam ihm mit ihrer entgegen, wollte nach ihm greifen, aber plötzlich war er weit weg, sie sah ihn, aber sie konnte ihn nicht mehr erreichen, egal wie sehr sie sich streckte.

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich, es sah schmerzlich aus. Nicht unbedingt nach körperlichen Schmerzen, aber doch solchen, dass sie erkannte, dass etwas nicht stimmte. Dann war er verschwunden.

Erschrocken setzte sie sich und riss ihre Augen auf, konnte jedoch nichts sehen. Absolute Dunkelheit umgab sie. Hatte sie zuvor ein Gefühl der Sicherheit ausgefüllt, machte sich nun Angst in ihr breit. Plötzlich meinte sie zu schweben. Um sicher zu gehen, dass dem nicht so war, griff sie neben sich und fühlte den kalten Felsen, der ihr nun nicht mehr angenehm vorkam, sondern als das, was er zu sein hatte: hart und alles andere als gemütlich.

Sie hob ihre Hände, weil sie den Eindruck hatte, dass die Wände enger an sie heranrückten, obwohl sie diese gar nicht sehen konnte. Das Atmen fiel ihr schwer und ihr Herz pochte wild in ihrem Brustkorb. Mit ausgestreckten Armen tastete sie sich langsam voran, dabei aber noch immer sitzend, denn sie fürchtete, sollte sie aufstehen, würde sie den Kontakt zum Untergrund verlieren und einfach davonschweben.

Verängstigt rückte sie Stück für Stück den Felsen entlang, damit rechnend, dass sie jeden Moment ins Wasser fallen musste. Dann endlich fühlte sie einen Widerstand an einer Wand und es wurde hell. Strahlend leuchtete der Stein, den sie berührte, dass sie geblendet war und die Augen zusammenkniff. Sie löste ihre Hand von der Wand, aber der Stein leuchtete noch immer. Leicht pulsierend bildete er die Form eines Schmetterlings. Das hatte sie schon einmal gesehen. Sie kannte es aus ihren Träumen.

Mutig griff sie erneut nach dem Stein, der sich leicht aus der Wand lösen lies. Immer noch pulsierend, als sei er ein Herz, dass weiterhin pumpte, obwohl es seinem Besitzer längst aus dem Körper entfernt wurde. Interessiert sah sich Marisa den Stein an und tiefe Ruhe legte sich über sie. Jede Form von Angst war verschwunden. Sie brauchte sich vor nichts zu fürchten, denn sie war die Herrscherin über die Höhle. Sie war die Auserwählte. In diesem Moment war ihr klar, wie nie zuvor, wer sie wirklich war. Sie würde ihre Pflicht erfüllen, so wie es von ihr verlangt wurde. Aber sie wusste auch, dass sie nun eine Macht besaß, die so unbeschreiblich groß war, dass es ihr Herz mit Stolz füllte.

Sie öffnete den Beutel, der ihr zum Transport dienen sollte und legte den Stein hinein, der noch immer leuchtete. Nun war sie bereit, weitere Steine zu bergen und sie würde erst zurückkehren, wenn der Beutel gefüllt war.

--

„Sie kommt zurück“, schrie jemand aufgebracht.

In der Höhle war es noch immer kühl. Die letzten Steine verloren ihre Kraft, lange hätten es die Pleberosso nicht mehr ausgehalten. Alle Hoffnung lag in Marisas Rückkehr, gepaart mit der Angst, dass sie keine echte Farletti war und die Steine des Otium nicht in der Lage war zu finden. Als nun jemand geradezu hektisch durch die Höhle rannte, etwas, was es noch nie zuvor gegeben hatte, schien es, als ob ein kollektives Aufatmen durch die Pleberosso ging.

Tomasio blieb gelassen, wusste er doch, wozu seine Frau fähig war. Dennoch war auch er erleichtert. Das Leben in den Höhlen war anstrengend geworden. Es hatte nichts mehr mit dem zu tun, woran er sich erinnerte, als er die Pleberosso verlassen hatte, um in der Sonnenwelt nach Marisa zu suchen. In der Zeit, in der sie unterwegs war, hatte er Gelegenheit, über alles nachzudenken. Aufgrund der widrigen Lebensumstände war er dazu verurteilt, in seinem Abteil zu bleiben, sich in Decken zu hüllen und an einem kleinen Feuer zu wärmen.

Auf der einen Seite war er glücklich, wieder in seiner Heimat zu sein, andererseits aber konnte er die Erfahrungen, die er in der Sonnenwelt machen durfte, nicht vergessen. Er ertappte sich dabei, dass er Sehnsucht empfand, die drohte, ihn von innen zu zerfressen. Es zerrte an ihm und sein Herz wurde ihm schwer. Einmal, als er meinte, es nicht länger ertragen zu können, verlor er seine Fassung und weinte hemmungslos. Froh darüber, allein zu sein und seinen Gefühlen freien Lauf lassen zu können.

Das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm, davon war er überzeugt. Keine Frage, Marisa war eine gute Frau, die zudem gut aussah. Jeder der männlichen Pleberosso und erst recht der Rest der männlichen Farletti beneideten ihn um seine Frau, die so anders war, als alles, was man sich hätte vorstellen können. Ihre dunkle Haut und wilden schwarzen Locken, die sich nicht bändigen lassen wollten. Im Gegensatz zu dem Aussehen der Pleberosso, die durch ihre helle Haut und blonden Haare im ersten Moment alle gleich aussahen. Erst wenn man genau hinsah, erkannte man geringe Unterschiede in der Physiognomie.

Einzig an ihrem Mal auf ihrer linken Brust, dass die Form eines Steins des Otiums hatte, und an Marisa Augen erkannte man, dass sie eine Farletti war. Das Grün leuchtete ebenso wie geschliffene Edelsteine. Wenn Tomasio sie ansah, sah er ein Stück von sich. Er fühlte sich zu ihr hingezogen. Es war eine schöne Erfahrung, sich nun jede Nacht mit ihr vereinen zu dürfen. Dennoch liebte er sie nicht.

Tomasio war davon überzeugt, dass sich das Gefühl der Liebe eines Tages einstellen würde, ganz sicher, wenn sie erst das Kind geboren hatte. Außerdem hatten sie bisher keine Gelegenheit, sich richtig kennenzulernen. Kaum dass sie angekommen waren, musste sich Marisa auf den Weg machen, um ihre Pflicht zu erfüllen, so wie es der Vorsehung entsprach.

Ohne große Widerrede hatte sie sich der Aufgabe gestellt, war zu ihrer Großmutter gegangen und hatte sich Instruktionen geben lassen. Dass es der Ältesten des Rates danach sehr schlecht ging, führte man auf die verbliebenen Steine zurück, die nach und nach ihre lebenserhaltende Kraft verloren.

So, wie es Tomasio gelernt hatte, hinterfragte er nichts. Fand sich mit dem ab, wie es war und zu sein hatte. Aber wenn er allein, gehüllt in dicke Decken, vor dem Feuer saß, übermannten ihn seine Gefühle. Was war daran schlecht, Fragen zu stellen? Waren die Antworten derart grausam? Oder gab es gar keine Antworten?

Er zumindest wusste die Antwort auf die Frage nach der Sehnsucht, die an ihm zerrte. Wenn er die Augen schloss, war die Erinnerung derart präsent, als wäre es eben erst passiert. Er sah Alex vor sich, wie sie ihn angelächelt hatte. Ihre geradezu schüchterne Art, ihm zu gestehen, wie sehr sie ihn liebte, was sein Herz beinah zum Platzen brachte, denn er fühlte ebenso für sie. Von derlei Dingen hatte er keine Ahnung. Niemand hatte ihn je darüber aufgeklärt. Das war nicht vorgesehen. Er war dafür bestimmt, mit der Farletti zu leben. Ihr musste er die Treue schwören. Aber das wollte er nicht. Sein Leben gehörte Alex und er wusste, er würde niemals glücklich ohne sie werden.

Je mehr Zeit verstrich, desto mehr vergrub sich Tomasio in seine Decken und der Erinnerung an Alex und die Sonnenwelt.

Als er den Ausruf gehört hatte, dass Marisa endlich zurück sei, riss es ihn aus seinen unendlich düsteren Gedanken. Er musste sich zusammenreißen, seiner Pflicht nachkommen, so wie sie es getan und damit alle gerettet hatte. Allein deshalb war er es ihr schuldig, ihr Respekt und Anerkennung entgegen zu bringen und wenigstens so zu tun, als würde er sie lieben.

Die gesamte Bevölkerung der Pleberosso, oder zumindest die, die noch in der Lage waren, ihr Lager zu verlassen und so viel Kraft hatten, den Weg zum Zentrum der Höhle zu schaffen, hatte sich versammelt, um Marisa in Empfang zu nehmen. Tomasio bahnte sich ebenso einen Weg durch die Menge wie Marisa, die auf der anderen Seite der Höhle die steile Treppe herunterkam. Sie sah mitgenommen und ausgemergelt aus. Ganz sicher hatte sie einiges an Gewicht verloren, was keinesfalls gut für sie war, immerhin war sie schwanger.

Die weiße Kleidung, die noch mehr als zuvor an ihr herunter hing, war stark verschmutzt und wirkte eher grau. Es dauerte eine Weile, bis Marisa es schaffte, sich an allen Bewohnern vorbei einen Durchgang zu bahnen. Jeder wollte sie berühren, so wie bei ihrer Ankunft in den Höhlen. Dann endlich stand sie vor Tomasio. Erst jetzt bemerkte er, dass sie tiefe Ringe unter den Augen hatte und um Jahre gealtert aussah. Noch bevor er sie in seine Arme nehmen konnte, griff sie nach dem Beutel und hielt in wie eine Trophäe in die Höhe.

Augenblicklich leuchteten die darin befindlichen Steine. Ein Strahlen zog über die Köpfen der Menschen durch die Höhle. Ohne dass jemand etwas gesagt hatte, zogen sich plötzlich alle Bewohner zurück und hinterließen einen großen Platz, auf dem nun nur noch Marisa und Tomasio standen. Von Weitem sah man die fünf Gestalten des Rates zum Zentrum kommen. Mit gesenkten Köpfen schwebten sie geradezu über den Boden. Es schien unmöglich, eine Bewegung zu erkennen. Endlich glitzerten ihre perlenbestickten Gewänder wieder im Schein der Steine.

„Gib sie mir“, sagte Marisas Großmutter und lächelte sie gütig an, als ob es nie Unstimmigkeiten zwischen ihnen gegeben hatte.

„Du hattest nun viel Zeit, um über das nachzudenken, worüber wir sprachen. Du wirst mich jetzt anders behandeln“, sagte Marisa und hatte ihre Arme gesenkt. Aber anstatt ihrer Großmutter den Beutel zu überreichen, hielt sie ihn eng an sich gedrückt, als ob sie ihn beschützen wollte.

„Wir werden sehen“, sagte die Älteste des Rates, „gib mir nun die Steine.“

„Nein, erst wirst du mir versprechen, dass sich hier einiges ändern wird.“

„Du kannst mich nicht erpressen.“

Marisas Großmutter war so eng an sie herangetreten, dass außer Marisa sie niemand verstehen konnte.

„Ach nein, das werden wir sehen“, sagte Marisa.

„Gib mir bitte die Steine“, in der Stimme lag plötzlich ein Flehen. „Du bist eine von uns, du wirst das Richtige tun, davon bin ich überzeugt.“

Ohne dass es Marisa bewusst war, hatte ihre Großmutter eine Hand auf ihren Arm gelegt, woraufhin Marisa ihr den Beutel ohne weitere Widerrede überließ.

Tomasio nahm Marisa bei der Hand und zog sie vom Zentrum fort, damit der Rat endlich die Höhle in einen erträglichen Ort des Überlebens zurückverwandeln konnte. Während sich die fünf Farletti des Rates um den See drapierten, jede einen Stein in ihrer Hand, schmiegte sich Marisa an Tomasio, der sich mit ihr in einer kleineren Nische zurückgezogen hatte, um sich die Arbeit des Rates in Ruhe ansehen zu können.

„Es ist viel Zeit verstrichen. Sag du mir, wie lange ich fort war“, sagte Marisa und sah Tomasio an, der seinen Blick starr auf den See gerichtet hatte.

„Lange.“

„Würdest du das bitte konkreter ausdrücken. “

„Das spielt keine Rolle, nun bist du wieder hier bei mir.“

„Ich habe jedes Gefühl von Zeit verloren, ich muss wissen, wie lange ich weg war.“

„Du wirst langsam eine von uns, Zeit spielt keine Rolle, du bist gerade dabei, das zu lernen.“

Noch immer sah Tomasio sie nicht an, sondern dabei zu, wie sich die Steine in den Händen des Rates erhellten und langsam die Höhle mit Licht und angenehmer Wärme füllte.

„Nein, ich will wissen, wie lange meine Reise gedauert hat. Sag es mir, bitte.“

„Genau kann ich das gar nicht sagen, es gibt hier keine Zeit.“

„Du weißt es doch, das sehe ich dir an.“

Jetzt sah Tomasio zu Marisa und sie lächelte ihn an.

„Du warst einige Wochen unterwegs.“

Kaum hatte er es ausgesprochen, begann der See zu leuchten und die Steine an der Decke der Höhle strahlten derart hell, dass sich die gesamte Höhle mit Licht füllte, als wäre in der Sonnenwelt ein schöner sonniger Tag.

Schatz

 

„Schatz, ich bin wieder da.“

Eine freundlich klingende Frauenstimme erfüllte das Innere des Hauses. Er hasste es, wenn sie ihn so nannte. Tief in seinem Inneren zog sich alles zusammen und der Drang, ihr unermessliche Schmerzen zuzufügen, die unwiederbringlich zu ihrem Ableben führen mussten, machte sich in ihm breit. Einzige die Vorstellung, wie er sie langsam und äußerst qualvoll würde sterben lassen, ließ ihn das alles ertragen.

Dummerweise litt er noch immer an Amnesie, daher war es ein großes Glück, von dieser Frau aufgenommen worden zu sein, die ebenso wie er keine Ahnung hatte, wer er war. Seitdem er aus den Bergen kam, waren seine Erinnerungen präsent. Warum also wollte sich alles, was davor geschehen war, und vor allem sein Bewusstsein an seine Person, nicht wieder in sein Gedächtnis bringen?

Das machte ihn wahnsinnig. Er war dazu verurteilt, sein Leben mit einer Frau zu verbringen die ihn ‚Schatz‘ nannte und die er nicht ausstehen konnte. Zudem musste er noch immer Kleidung tragen, die einfach nicht zu ihm passen wollte. Auch wenn er nicht wusste, wer er war, so war er sich aber doch sicher, dass er in seinem früheren Leben mehr Stil hatte und nicht mit einer zweckmäßigen Hose und mit Hemden im Karomuster herumlief.

„Schatz, wo bist du?“

Wenn er noch ein einziges Mal dieses Wort hören musste, würde er sie einfach erwürgen.

„Ach hier bist du, Schatz. Warum antwortest du mir nicht, mein Schatz.“

Sie hatte es gleich zwei Mal hintereinander getan. Das war ein Grund, sie nicht nur zu erwürgen, sondern ihr danach das Herz herauszureißen. Er sah sie an, ohne ihr zu antworten. Wenn sie so mit ihm sprach, gab es für ihn keinen Grund auf sie zu reagieren.

Ein Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Er war sich absolut sicher, dass in seinem früheren Leben alles einem angemessen Lebensstil entsprach, zudem wusste er, dass er sich niemals mit einer Frau eingelassen hätte, die so aussah.

Ihre Kleidung war, ebenso wie seine, praktischer Natur und ihrer Arbeit in einem landwirtschaftlichen Betrieb geschuldet. Die übergroßen Hemden, die ebenso kariert waren wie seine, sollten die Unzulänglichkeiten ihrer Figur kaschieren. Ihre Haare hätten schon sehr lange einen Friseur gebraucht, denn sie hingen wie schlaffe Spaghetti trostlos von ihrem Kopf herunter. Im Grunde hatte sie schöne Augen, aus denen unendlich Güte strahlte, er aber fand, dass sie einfältig und dumm aussahen. Selbst Makeup hätte das seiner Meinung nach nicht überdecken können.

Unter ihren Fingernägeln hatte sich so viel Dreck gesammelt, dass es sich selbst nach gründlicher Reinigung nicht verleugnen ließ, dass sie körperlich arbeitete. Alles an ihr widerte ihn an, er ekelte sich vor ihr und doch legte er sich nachts neben sie und schlief sogar mit ihr, damit sie ihm wohlgesonnen blieb, so lange er nicht wusste, wo er hätte sonst hingehen können.

„Schatz?“

„Ja.“

„Was ist mit dir?“

„Nichts, was soll schon sein?“

„Bist du böse?“

„Warum sollte ich?“

„Weiß ich nicht, aber du hast gar nicht reagiert, als ich nach dir rief.“

„Ich weiß.“

„Aber warum nicht?“

„Du weißt wie sehr ich es hasse, wenn du dieses Wort zu mir sagst.“

„Welches? Schatz?“

Er zuckte merklich zusammen.

„Ja, genau das.“

„Aber das soll dir zeigen, wie sehr ich dich liebe.“

„Schön, aber kannst du ein anderes Wort dafür finden?“

„Aber warum? Außerdem weiß ich deinen Namen nicht, so ist es doch unverfänglich und alle denken, wir sind ein richtiges Paar.“

„Ja, das denken sie.“

„Und das ist echt wundervoll. Weißt du, niemand hat mir zugetraut, dass ich einen Mann finden werde.“

„Das kann ich mir denken.“

Ihm war es vollkommen gleichgültig, dass er die Worte, die er dachte, augenblicklich aussprach, ohne darüber nachzudenken, ob es ihre Gefühle verletzen konnte.

„Ach, weißt du was, Schatz, reden wir nicht mehr drüber. Was soll ich dir kochen?“

Sie wollte den Raum verlassen und in die Küche gehen, blieb dann aber in der Tür stehen und strahlte ihn an.

„Was ist?“ Er fragte aus einem Reflex heraus, denn im Grunde interessierte es ihn nicht.

„Weißt du, dass wir heute eine Art Jubiläum haben?“

„Ach, ist das so?“

„Ja, mein Schatz , heute vor drei Monaten bist du mir quasi vor die Füße gefallen, erinnerst du dich noch?“

„Wie könnte ich das vergessen.“

 

--

 

Ohne anzuhalten war er immer weiter die Straße entlang gerannt. Noch immer erhoben sich links und rechts des Weges hohe Berge, dennoch spürte er, dass er sich bergab bewegte, was seine Geschwindigkeit erhöhte. Beflügelt von dem Gedanken, jemandem Schmerzen zuzufügen, rannte er immer weiter. Aber es begegnete ihm niemand. Kein Auto kam ihm entgegen und erst recht kein einsamer Fußgänger. Es wäre ihm vollkommen gleichgültig gewesen, wem er Schmerzen zufügte, Hauptsache er konnte sich endlich erleichtern und den tiefen Hass, den er in sich spürte, für einen Moment nachgeben.

Irgendwann durchquerte er einen kleinen Ort und sein Herz fing an, heftig zu schlagen. Hier würde er ganz sicher jemanden finden, der den Tod verdiente. Noch immer rennend, sah er sich um, blieb nicht stehen, wenn er versuchte, einen Blick in Fenster zu werfen, um zu sehen, ob sich eine Frau darin befand, der er behilflich sein konnte, sich von den Beschwerlichkeiten des Lebens zu befreien.

Bald hatte er das Dort durchlaufen, er sah bereits das Ortsschild. Seine Laune und das damit zusammenhängende Wohlbefinden hatten ihren Tiefpunkt erreicht. Wenn er nicht bald etwas unternahm, würde es ihn innerlich zerreißen. Sein Atem wurde schwer und sein Lauf verlangsamte sich. Was sich für ihn als großes Glück herausstellte, denn sonst hätte er nicht die junge Frau gesehen, die in einem kleinen Garten Unkraut zupfte.

Abrupt blieb er stehen und sah sie an.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte die Frau und war aufgestanden, um auf ihn zuzugehen. „Geht es Ihnen nicht gut? Sie sehen so blass aus.“

„Schon gut, bleiben Sie wo Sie sind, damit helfen sie mir am meisten.“

„Wie, ich verstehe nicht? Wie meinen Sie das?“

Er war über den kleinen Zaun gestiegen und ging auf direktem Weg auf sie zu.

„Was wollen Sie?“

„Sie sind genau die Frau, nach der ich mein ganzes Leben gesucht habe.“

„Ach wirklich?“

Die junge Frau sah ihn geringschätzig an und prüfte ihn von oben bis unten.

„Du meine Güte, Sie brauchen dringend Hilfe, Sie sind ja verletzt. Hatten Sie einen Unfall?“

„Ja, das auch, aber das spielt keine Rolle, jetzt wo ich sie gefunden habe.“

Verlegen sah die junge Frau zu Boden.

„Sie sind ein Charmeur, lassen Sie das, sonst glaube ich Ihnen das noch.“

„Glauben Sie es ruhig.“

Jetzt stand er direkt vor ihr, legte seine Arme um sie, drückte sie an sich und küsste sie. Sofort erlag sie ihm. Er hatte leichtes Spiel und es sich nicht derart einfach vorgestellt, was ihn ein wenig enttäuschte, aber er war seinem Ziel verdammt nah. Sein Herz war erfüllt vom Hass. Es schlug immer schneller, je mehr er daran dachte, dass die Frau in seinen Armen jeden Moment sterben würde. Gern hätte er diesen Moment etwas länger ausgekostet, wusste aber instinktiv, wie gefährlich es war, sich nicht zu beeilen.

Er drehte ihre Arme auf den Rücken und fühlte, dass sie in einer Hand ein Messer hielt, mit dem sie dem Unkraut zu Leibe gerückt war. Ohne dass sie es bemerkte, nahm er es an sich, sie dabei weiterhin leidenschaftlich küssend. Kurz überlegte er, ob er sich an ihr vergehen sollte, bevor er sie tötete, aber das wäre kein Spaß, da sie sich ihm freiwillig ergeben würde, das wäre nichts weiter als die Befriedigung seiner Bedürfnisse und das brauchte er in dieser Form nicht.

Noch während er sie küsste – sie fing bereits an, leicht zu stöhnen – stieß er ihr das Messer in den Hals. Erschrocken löste sie sich von ihm und griff mit einer Hand an die klaffende Wunde, aus der das Blut heraussprudelte. Er trat einen Schritt zurück, um sich besser dieses Schauspiel ansehen zu können. Ein Lächeln legte sich in sein Gesicht und tiefe Zufriedenheit erfüllte sein Herz. Sein Hass durchzog jede Faser seines Körpers und mit einem Schauer der Erregung stellten sich ihm die Nackenhaare auf.

Mit weit geöffneten Augen sah sie ihn an, unfähig zu schreien. Den Mund hatte sie geöffnet, aber es kam kein Laut heraus. Wie in Trance schaute sie auf ihre Hand, an der das Blut heruntertropfte.

Er fing an zu lachen. Das war besser, als er es sich vorgestellt hatte. Langsam, wie in Zeitlupe, sackte sie auf ihre Knie, ihn dabei noch immer sprachlos ansehend. Zu warten, bis sie endlich starb, dauerte ihm zu lange. Sein Hunger war gestillt und der Hass gab für diesen Moment Ruhe. Daher stieß er beherzt noch einmal zu, dieses Mal in ihren Bauch, was ihr unendliche Schmerzen verursachen sollte.

Dann kippte sie einfach zur Seite. Sie hatte keine Zeit mehr, ihre Augen zu schließen, so schnell rann alles Leben aus ihr. Er kniete sich zu ihr und steckte seine Hände in ihr warmes Blut. Es sah wundervoll aus, wie es langsam über seine makellos weiße Haut lief.

Er hörte eine Tür klappen, für ihn das Zeichen, diesen Ort schnell zu verlassen. Kaum war er aufgesprungen, rannte er aus dem Garten auf die Straße und aus dem Dorf.

 

Ein erhabenes Glücksgefühl legte sich über ihn. Das war eine gute Entscheidung gewesen, ganz sicher würden seine Erinnerungen zurückkehren und er wissen, ...

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