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Rote Spur

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Inhaltsübersicht

1. BUCH: MILLA

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2. BUCH: LEMMER

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3. BUCH: MILLA

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4. BUCH: MAT JOUBERT

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EPILOG

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Danksagungen

Glossar mit Erklärungen der afrikaanssprachigen Wörter und anderer Begriffe

Antje Deistler: Deon Meyer – Bure mit Mission

Fußnote

 

|5|Zum Gedenken an Madeleine van Biljon (1928 – 2010)

|7|1. BUCH: MILLA

(Komplott)

Juli bis September 2009

 

… manche Tage hinterlassen keine Spuren.

Sie gehen vorbei, als hätten sie nie existiert, sogleich vergessen im Stumpfsinn des täglichen Einerleis. Die Abdrücke anderer bleiben manchmal für eine Woche oder länger erhalten, bis die Winde des Gedächtnisses sie mit dem Sand neuer Erfahrungen überdecken.

Tagebuch Milla Strachan, 27. September 2009

 

Das U.S.-Finanzministerium hat heute die südafrikanischen Staatsbürger Farhad Ahmed Dockrat und Junaid Ismail Dockrat sowie eine weitere Person der Finanzierung und Unterstützung der al-Qaida gemäß Durchführungsverordnung 13224 für schuldig befunden. Demzufolge werden sämtliche unter U.S.-Rechtssprechung fallende Vermögenswerte der genannten Personen eingefroren und Transaktionen zwischen Staatsbürgern der U.S.A. sowie den genannten Personen unter Strafe gestellt.

Presseerklärung des U.S.-Finanzministeriums,
26. Januar 2007 (verbatim)

|9|1

(31. Juli 2009. Freitag.)

Ismail Mohammed rannte die steil abfallende Heiligerlaan hinunter. Seine weiße Galabija mit dem modernen, offenen Mandarin-Kragen bauscht»Kommt«, sagte er ruhig. »Alles hat siche sich bei jedem seiner Schritte auf. Er ruderte hektisch mit den Armen, aus Angst und um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Die gehäkelte Kufi fiel ihm vom Kopf und blieb auf den Pflastersteinen neben der Kreuzung zurück. Seine Augen waren starr auf die Stadt dort unten gerichtet, wo er einigermaßen in Sicherheit sein würde.

Hinter ihm flog die Tür des weißen, eingeschossigen Hauses neben der Schotsekloof-Moschee oben im Bo-Kaap ein zweites Mal auf. Sechs Männer, ebenfalls in traditionellen muslimischen Gewändern, stürmten auf die Straße und blickten alle instinktiv bergab. Einer hielt eine Pistole in der Hand. Hastig zielte er auf den flüchtenden Ismail Mohammed, der bereits sechzig Meter weit entfernt war, und schoss zwei Mal auf gut Glück, bis der ältere Mann hinter ihm von unten gegen seinen Arm schlug und rief: »Nein! Los, ihm nach!«

Die drei Jüngeren nahmen die Verfolgung auf. Die Älteren blieben zurück, besorgt über Ismails Vorsprung.

»Du hättest auf ihn schießen lassen sollen, Scheich«, sagte einer.

»Nein, Shahid. Er hat uns belauscht.«

»Genau. Und dann ist er geflohen. Das sagt doch alles.«

»Aber nicht, für wen er arbeitet.«

»Er? Ismail? Du glaubst doch wohl nicht …«

»Man kann nie wissen.«

|10|»Nein. Er ist zu … ungeschickt. Höchstens für einen der nationalen Geheimdienste. Die NIA vielleicht.«

»Ich hoffe, du hast recht.« Der Scheich sah den Verfolgern
nach, die über die Kreuzung Chiappinistraat sprinteten, und versuchte, die Tragweite des Zwischenfalls zu ermessen. Plötzlich heulte knapp unter ihnen, in Buitengracht, eine Sirene auf.

»Kommt«, sagte er ruhig. »Alles hat sich geändert.«

Er eilte ihnen voraus zum Volvo.

Eine weitere Sirene setzte ein, unten im Herzen der Stadt.

 

Sie wusste, was die zielstrebigen, eiligen Schritte an einem Freitagnachmittag
um fünf bedeuteten. Erfüllt von einer lähmenden, bedrückenden Vorahnung, versuchte sie schweren Herzens, sich zu wappnen.

Barend stürmte herein, umweht von einem Duft nach Shampoo und übermäßig viel Deodorant. Sie sah ihn nicht an. Sie wusste, dass er sich für den Abend gestylt und mit seiner neuen, ungewohnten Frisur herumexperimentiert hatte. Er setzte sich an die Küchentheke. »Na, wie geht’s dir, Mama? Was machst du so?« Richtig jovial.

»Abendessen«, erwiderte Milla gelassen.

»Ach so. Ich esse aber nicht mit.«

Sie hatte es geahnt. Christo würde sicher auch nicht kommen. »Du brauchst doch bestimmt heute Abend dein Auto nicht, oder, Mama?«, fragte er in einem Tonfall, den er bis zur Perfektion vervollkommnet hatte: eine raffinierte Mischung von vorausschauender Gekränktheit und implizitem Vorwurf.

»Wo wollt ihr denn hin?«

»In die Stadt. Jacques kommt mit. Er hat einen Führerschein.«

»Wohin in der Stadt?«

»Wissen wir noch nicht genau.«

»Ich will es aber wissen, Barend«, erwiderte sie so sanft wie
möglich.

|11|»Okay, Mama, ich sag dir dann Bescheid.« Die ersten verärgerten Untertöne.

»Wann seid ihr wieder da?«

»Mama, ich bin achtzehn. In meinem Alter war Papa schon in der Armee.«

»Ja, aber auch da gab es Regeln.«

Er seufzte gereizt. »Okay, okay. Sagen wir … wir machen uns um zwölf auf den Heimweg.«

»Das hast du letzte Woche auch versprochen und bist dann erst nach zwei nach Hause gekommen. Du musst dich auf dein Examen vorbereiten, die Klausuren sind …«

»Mein Gott, Mama, musst du mir das immer wieder aufs Butterbrot schmieren? Gönnst du mir denn gar nichts?«

»Doch, ich gönne dir alles. Aber innerhalb gewisser Grenzen.«

Er antwortete mit gedämpftem Hohngelächter, das ausdrückte, was sie doch für eine blöde Kuh sei und dass er sie kaum ertrage. Sie zwang sich, nicht darauf einzugehen.

»Wie gesagt: Wir fahren um zwölf Uhr los.«

»Und bitte trinkt keinen Alkohol.«

»Was machst du dir denn darüber Sorgen?«

Weil ich eine halbe Flasche Brandy in deinem Kleiderschrank gefunden habe, ungeschickt hinter den Unterhosen versteckt, und dazu eine Schachtel Marlboro, dachte sie bei sich. »Es ist meine Aufgabe, mir Sorgen zu machen. Du bist mein Sohn.«

Schweigen. Das schien er zu akzeptieren. Sie fühlte sich erleichtert. Er hatte also bekommen, was er wollte. Bis hierher hatten sie es ohne Auseinandersetzung geschafft. Dann hörte sie das rhythmische Klopfen seines wippenden Beins gegen die Theke und sah, wie er mit dem Deckel der Zuckerdose spielte. Da wusste sie, dass es noch nicht genug war. Er wollte auch noch Geld von ihr.

»Mama, ich möchte nicht, dass Jacques und die anderen für mich bezahlen.«

|12|Er wählte seine Worte derart mit Bedacht, steigerte seine Forderungen so geschickt, pirschte sich mit einer Strategie aus Anschuldigungen und Vorwürfen an sie heran. Er spinnt sein Netz planvoll wie ein Erwachsener, dachte sie. Er stellte seine Fallen auf, und sie tappte jedes Mal hinein, nur weil sie um jeden Preis Konflikte vermeiden wollte. Ihre Stimme verriet, dass sie bereits in die Defensive ging. »Hast du nichts mehr von deinem Taschengeld übrig?«

»Willst du, dass ich wie ein Schmarotzer dastehe?«

Das »Du« und die Aggressivität waren die Auslöser – sie ahnte das vertraute Streitmuster voraus. Sie sollte ihm einfach das Geld geben, ihr Portemonnaie in die Hand drücken und sagen: Hier! Nimm alles! So viel du willst!

Sie atmete tief durch. »Ich möchte, dass du dir dein Taschengeld besser einteilst. Achthundert Rand im Monat sind doch wirklich …«

»Weißt du, wie viel Jacques bekommt?«

»Das spielt keine Rolle, Barend. Wenn du mehr haben möchtest, musst du …«

»Willst du, dass ich alle meine Freunde verliere? Du gönnst mir auch überhaupt nichts, verdammte Scheiße!« Der Fluch und der Knall des Zuckerdosendeckels, den er gegen den Schrank warf, ließen sie zusammenzucken.

»Barend«, sagte sie entsetzt. Schon oft war er explodiert, hatte die Hände in die Luft geworfen, vor sich hin geflucht und feige, knapp außer Hörweite, etwas unsagbar Ordinäres gemurmelt, doch diesmal nicht. Diesmal beugte er den Oberkörper über die Theke, das Gesicht vor Verachtung verzerrt, und sagte: »Du machst mich krank.«

Sie wich zurück, als hätte er sie körperlich angegriffen, und musste sich am Schrank festhalten. Sie wollte nicht weinen, aber die Tränen liefen ihr übers Gesicht, dort am Ofen, mit dem Kochlöffel in der Hand, den Duft von warmem Olivenöl in der Nase. Wieder stammelte sie den Namen ihres Sohnes, beruhigend und sanft.

|13|Voller Bosheit und Verachtung und in der vollen Absicht, sie zu verletzen, mit der Stimme, dem Tonfall und der demütigenden Art seines Vaters sank Barend zurück auf den Hocker und stieß hervor: »Mein Gott, bist du armselig. Kein Wunder, dass dein Mann mit anderen bumst.«

 

Das Mitglied des Kontrollausschusses, ein Glas in der Hand, winkte Janina Mentz zu. Sie blieb stehen und wartete, bis der Mann sich zu ihr durchgedrängt hatte. »Frau Direktor«, begrüßte er sie, neigte sich zu ihr und näherte seinen Mund verschwörerisch dicht ihrem Ohr. »Haben Sie schon gehört?«

Sie standen in der Mitte des Bankettsaals, umgeben von vierhundert Gästen. Sie schüttelte den Kopf, in Erwartung des Skandälchens der Woche.

»Der Minister erwägt eine Fusion.«

»Welcher Minister?«

»Ihr Minister.«

»Eine Fusion?«

»Die Gründung einer Dachorganisation. Sie, der Nationale Nachrichtendienst NIA, der Geheimdienst, alle gemeinsam. Eine Vereinigung, eine Zusammenlegung. Allgemeine Integration.«

Sie sah ihn an und untersuchte sein vom Alkohol gerötetes Vollmondgesicht auf Zeichen von Humor. Vergeblich.

»Ach was«, sagte sie. Der war doch nicht mehr ganz nüchtern?

»So geht das Gerücht. Ein ziemlich hartnäckiges.«

»Wie viel haben Sie getrunken?«

»Janina, das ist mein voller Ernst.«

Sie wusste, dass er stets gut informiert war und man sich bisher immer auf ihn verlassen konnte. Wie gewohnt verbarg sie ihre Besorgnis. »Besagt das Gerücht auch, wann?«

»Der offizielle Beschluss wird in drei, vier Wochen erwartet. Aber das ist noch nicht alles.«

»Nein?«

|14|»Der Präsident will Mo haben. Als Chef.«

Sie sah ihn nur stirnrunzelnd an.

»Mo Shaik«, präzisierte er.

Sie lachte, kurz und skeptisch.

»Man hört es immer wieder«, beharrte er voller Ernst.

Sie lächelte und wollte ihn gerade nach seiner Quelle fragen, als das Handy in ihrer schwarzen Abendhandtasche klingelte. »Entschuldigen Sie«, sagte sie, öffnete die Handtasche, holte das Telefon heraus und sah, dass es der Anwalt war.

»Tau?«, fragte sie.

»Ismail Mohammed hat kalte Füße bekommen.«

 

Milla lag in der Dunkelheit, auf der Seite, mit angezogenen Beinen. Nachdem sie sich ausgeweint hatte, musste sie widerwillig einigen schmerzlichen Wahrheiten ins Gesicht sehen. Es war, als sei das Rauchglas, die getönte Scheibe zwischen ihr und der Realität, plötzlich zerbrochen, so dass sie ihr jetziges Dasein im hellen Licht betrachten musste und nicht mehr wegsehen konnte.

Als sie ihren eigenen Anblick nicht mehr ertrug, begann sie, ihren Zustand zu analysieren. Rückblickend versuchte sie nachzuvollziehen, wie sie an diesen Punkt gekommen war. Wie hatte sie derart abstumpfen und so tief sinken können? Wann? Wie hatte diese Lüge, dieses Phantasiegebilde, sie derart täuschen können? Und jede Antwort brachte größere Angst vor dem Unabwendbaren, der Gewissheit, was sie tun musste. Doch sie besaß weder den Mut noch die Kraft dazu. Ja, nicht einmal die Worte. Sie, die nie um Worte verlegen war, im Kopf, in ihrem Tagebuch, immer und überall.

So lag sie da, bis Christo hereinkam, mitten in der Nacht.

Er versuchte gar nicht erst, leise zu sein. Seine unsicheren Schritte wurden vom Teppich gedämpft. Er schaltete das Badezimmerlicht ein, kehrte dann zurück und ließ sich schwer auf der Bettkante nieder.

Mucksmäuschenstill lag sie da, mit dem Rücken zu ihm, die |15|Augen geschlossen. Sie hörte, wie er die Schuhe auszog, sie beiseite warf, aufstand, ins Bad ging, pinkelte, furzte.

Bitte geh duschen. Wasch deine Schweinereien ab.

Der Wasserhahn am Waschbecken lief. Dann ging das Licht aus, und er stieg ins Bett. Knurrte, müde und zufrieden. Kurz bevor er die Decke über sich zog, roch sie ihn. Den Alkohol. Zigarrenrauch, Schweiß. Und den anderen, primitiveren Geruch.

Und in diesem Moment fand sie den Mut.

2

(1. August 2009. Samstag.)

Mitschrift: Vernehmung von Ismail Mohammed, durchgeführt von A.J.M. Williams. Konspirative Wohnung, Tuine, Kapstadt.

Datum und Uhrzeit: 1. August 2009, 17:52

M: Ich will in das Schutzprogramm aufgenommen werden, Williams. Und zwar sofort.

W: Ich verstehe, Ismail, aber …

M: Kein aber. Diese Scheißkerle wollten mich erschießen. Und sie werden nicht lockerlassen, bis sie mich erwischen.

W: Keine Angst, Ismail. Sobald wir sämtliche Informationen von Ihnen haben …

M: Wie lange wird das dauern?

W: Je eher Sie sich beruhigen und mit mir reden, desto eher kann es losgehen.

M: Dann komme ich ins Zeugenschutzprogramm?

W: Sie wissen, dass wir uns um unsere Leute kümmern. Wir sollten jetzt anfangen, Ismail. Wie ist das passiert?

M: Ich habe sie reden hören …

W: Nein, wie haben sie herausgefunden, dass Sie für uns arbeiten?

M: Ich weiß nicht.

|16|W: Aber Sie müssen doch eine Ahnung haben!

M: Nein, ich … wissen Sie … Nachdem ich meinen letzten Bericht hinterlassen hatte, dachte ich … Ich weiß nicht … Kann sein, dass mich jemand gesehen hat. Aber dann … W: Einer von ihnen?

M: Könnte sein. Vielleicht.

W: Warum haben sie Sie verdächtigt?

M: Wie meinen Sie das?

W: Gehen wir mal davon aus, dass sie Sie beschattet haben. Das muss doch einen Grund gehabt haben. Sie müssen irgendetwas getan haben. Vielleicht zu viele Fragen gestellt? Oder Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort?

M: Das ist Ihre Schuld! Wenn ich über Handy hätte berichten können, wäre ich jetzt noch dort.

W: Handys sind gefährlich, Ismail, das wissen Sie doch.

M: Aber die können doch nicht alle verdammten Handys am ganzen Kap abhören!

W: Nein, Ismail, nur die wichtigen. Aber was hat das Handy damit zu tun?

M: Weil ich mich jedes Mal wegschleichen musste, wenn ich einen Bericht in dem toten Briefkasten hinterlassen wollte.

W: Was ist nach diesem letzten Bericht passiert?

M: Der Bericht war am Montag. Am Dienstag hat dann die Scheiße angefangen, die haben sich immer so komisch angeschaut, aber nichts gesagt. Erst dachte ich, die Spannungen hätten nichts mit mir zu tun, sondern vielleicht mit der Schiffsladung. Aber gestern ist mir aufgefallen, dass sie sich nur so benommen haben, wenn ich in der Nähe war. Sie haben versucht, sich nichts anmerken zu lassen, aber ich hab’s trotzdem bemerkt. Da habe ich mir allmählich Sorgen gemacht und gedacht: Halt lieber die Ohren offen, da stimmt was nicht. Und dann hat gestern Suleiman am Rat teilgenommen, und ich sollte mit Rayan zusammen in der Küche warten …

W: Suleiman Dolly. Der Scheich.

M: Genau.

|17|W: Und wer ist Rayan?

M: Baboo Rayan. Ein Handlanger, ein Fahrer. Genau wie ich. Wir haben zusammen gearbeitet. Na, jedenfalls hat Rayan kein Wort mit mir geredet, was sehr merkwürdig war. Und dann haben sie Rayan auch reingerufen, zum allerersten Mal, ich meine, er ist ein Kerl für die Drecksarbeit, genau wie ich, wir werden nie dazugeholt. Da dachte ich, ich horche mal lieber an der Tür, denn mir schwante nichts Gutes. Ich bin also raus auf den Flur gegangen, und da habe ich gehört, wie der Scheich – also Suleiman – gesagt hat: »Wir können kein Risiko eingehen, es steht zu viel auf dem Spiel.«

W: »Es steht zu viel auf dem Spiel.«

M: Genau. Dann sagte der Scheich zu Rayan: »Erzähl dem Rat, wie Ismail sich regelmäßig wegschleicht.«

W: Weiter.

M: Weiter weiß ich nicht, denn danach haben sie mich geschnappt.

W: Wie?

M: Der Imam hat mich vor der Tür erwischt. Ich dachte, er wäre drinnen. Sie hätten alle drin sein müssen.

W: Und dann sind Sie weggerannt.

M: Ja, dann bin ich weggerannt, und die Scheißkerle haben auf mich geschossen. Ich sag Ihnen, diese Leute sind skrupellos. Extrem.

W: Okay, kommen wir also noch einmal auf den Montag zurück. In diesem Bericht haben Sie »viele plötzliche Aktivitäten« erwähnt …

M: Ja, in den letzten zwei Wochen. Da braut sich etwas zusammen.

W: Wie kommen Sie darauf?

M: Monatelang hat sich der Rat einmal pro Woche getroffen. Und jetzt plötzlich drei, vier Mal. Was würden Sie daraus schließen?

W: Sie wissen aber nicht, warum.

M: Muss mit der Schiffsfracht zusammenhängen.

|18|W: Erzählen Sie noch einmal von dem Anruf. Suleiman und Macki.

M: Das war letzten Freitag. Macki hat den Scheich angerufen. Aber der Scheich ist aufgestanden und raus in den Flur gegangen, deshalb konnte ich nicht alles verstehen.

W: Woher wussten Sie, dass es Macki war?

M: Weil der Scheich sagte: »Hallo, Sayyid.«

W: Sayyid Khalid bin Alawi Macki.

M: Das ist er. Und im Rausgehen hat der Scheich Macki gefragt: »Irgendwelche Neuigkeiten über die Schiffsladung?« Und dann sagte er: »September.« Wie zur Bestätigung.

W: Ist das alles?

M: Das war alles, was ich von ihrer Unterhaltung gehört habe. Als der Scheich wieder hereinkam, sagte er zu den anderen: »Schlechte Nachrichten.«

W: »Schlechte Nachrichten.« Was hat das zu bedeuten?

M: Woher soll ich das wissen? Es könnte heißen, dass die Ladung unvollständig ist. Oder der Zeitplan ungünstig. Es konnte sonstwas sein.

W: Und dann?

M: Dann sind sie gegangen, der Scheich und die beiden Mitglieder des Höchsten Rats. Sie gingen runter in den Keller. Das bedeutet: top secret.

W: Die Schiffsladung trifft also im September ein? Diese Schlussfolgerung haben Sie gezogen?

M: Mehr kann man sich nicht zusammenreimen.

W: Heißt das ja?

M: Ich glaube es jedenfalls.

W: Und diese Fracht. Haben Sie eine Ahnung, was das sein könnte?

M: Wissen Sie, wenn Macki damit zu tun hat, sind es garantiert Diamanten.

W: Was will der Rat mit Diamanten, Ismail?

M: Das weiß nur der Höchste Rat.

W: Und niemand sonst hat etwas erwähnt?

|19|M: Natürlich wurde darüber geredet, unter den gewöhnlichen Mitgliedern. Aber nur hinter vorgehaltener Hand.

W: Wo Rauch ist … Was haben diese gewöhnlichen Mitglieder gesagt?

M: Sie haben behauptet, es ginge um Waffen. Für Anschläge vor Ort.

W: Was soll das heißen?

M: So lautete das Gerücht. Dass sie Waffen einschmuggeln wollten. Für einen Anschlag, hier. Zum ersten Mal.

W: Ein islamistischer Anschlag? In Südafrika?

M: Ja. Hier. In Kapstadt. An unserem schönen Kap.

3

(2. August 2009. Sonntag.)

Im sechsten Stockwerk der Wale Street Chambers, im Direktionsbüro des Präsidentiellen Nachrichtendienstes, kurz 9,5 studierte Janina Mentz die Mitschrift äußerst aufmerksam. Nachdem sie fertig war, setzte sie die Brille ab, legte sie auf den Schreibtisch und rieb sich die Augen.

Sie hatte nicht gut geschlafen. Die Neuigkeit des gestrigen Abends nagte an ihr, dieses Gerücht über eine Fusion. Abstrus genug, um wahr zu sein.

Doch was sollte dann aus ihr werden?

Sie galt nämlich als Protegé Mbekis, des vorherigen Präsidenten und Gründers der PIA. Und obwohl Mentz im Streit um die Führung des Landes keine Position bezogen hatte und ihre Leute ausgezeichnete Arbeit leisteten, blieb dieses Stigma an ihr haften. Außerdem war sie neu, noch keine dreizehn Monate im Amt, und ihr fehlte der notwendige Erfolgsnachweis, um auf eine neue Stelle pochen zu können. Und nicht zuletzt war sie weiß.

Was stimmte an dem Gerücht? Mo Shaik als Chef der Dachorganisation? Mo, der Bruder Schabirs. Schabir, dieser wegen |20|Korruption verhaftete Halunke und ehemalige Freund des neuen Präsidenten.

Nichts schien unmöglich.

So viele Jahre im Dienst. So viele Kämpfe und zäher Eifer, so viel harte Arbeit, um es so weit zu bringen. Nur, um alles wieder zu verlieren?

Nein.

Janina Mentz ließ die Hände sinken und setzte die Brille auf.

Erneut zog sie die Ismail-Mohammed-Vernehmung heran. Was sie, was die PIA zum Überleben brauchte, war eine extreme Erschütterung. Eine große Bedrohung. Eine heikle Angelegenheit. Und hier war sie, vom Himmel gesandt. Jetzt lag es an ihr, sie geschickt zu nutzen.

Sie drehte sich zu ihrem Computer um und suchte die einschlägigen Artikel aus der Datenbank heraus.

 

Bericht: Islamischer Extremismus in Südafrika, eine Neubewertung

Datum: 14. Februar 2007

Zusammengestellt von: Velma du Plessis und Donald MacFarland

Qibla in neuem Gewand

Die Qibla wurde 1980 von dem radikalen Imam Achmed Cassiem gegründet, um nach dem Vorbild der iranischen Revolution die Gründung eines islamischen Staates in Südafrika voranzutreiben. In den 1980er Jahren schickte die Qibla Mitglieder zur militärischen Ausbildung nach Libyen und in den Neunzigern kämpften in Pakistan geschulte Terroristen an der Seite der Hisbollah im Südlibanon. Nach den Anschlägen des 9. September wurden auch Kämpfer für den Einsatz in Afghanistan rekrutiert.

Aufgrund des scharfen Vorgehens gegen die verwandte Organisation People Against Gangsterism and Drugs (PAGAD) zwischen 1998 und 2000 sowie der Verhaftung von über hundert Qibla-Anhängern wegen schwerer Verbrechen, darunter Mord, |21|verschwand die Qibla nahezu von der Bildfläche. An ihrer Stelle wurde eine wesentlich geheimere Organisation gegründet. Sie nennt sich »Der Höchste Rat«.

 

(3. August 2009. Montag.)

Milla Strachan zog den Schlüssel aus dem Schloss, stieß die Haustür auf, ging aber nicht sofort hinein. Zunächst blieb sie reglos stehen, einen ratlosen Blick in den dunklen Augen. Die Zimmer der Wohnung jenseits der offenen Tür waren leer. Keine Gardinen, keine Möbel, nur ein verschlissener Teppichboden in fast gänzlich verblasstem Beige.

Noch immer stand sie zögernd vor der Tür, als hielte ein großes Gewicht sie zurück, als warte sie auf irgendetwas.

Bis sie sich plötzlich energisch bückte, die beiden großen Reisetaschen rechts und links aufhob und durch die Tür trat.

Sie stellte ihr Gepäck im Schlafzimmer ab, sich deutlich der beklemmenden Leere bewusst. Bei der Wohnungsbesichtigung am Samstag hatten noch die Möbel der früheren Bewohnerin den Raum ausgefüllt, Umzugskartons stapelten sich, bereit für den übereilten Rücktransport nach Deutschland, nachdem die Frau kurzfristig in den Hauptsitz der Hilfsorganisation zurückbeordert worden war. »Ich bin so dankbar, dass jemand die Anzeige gelesen hat, es musste alles so schnell gehen. Sie werden es nicht bereuen, sehen Sie mal, diese Aussicht!« Die Frau hatte auf das Fenster gezeigt. Es lag zur Davenpoortstraat in Vredehoek hin und bot einen Blick auf einen schmalen Ausschnitt der Stadt und des Meeres, eingerahmt von den Häusern auf der anderen Straßenseite.

Milla sagte, sie wolle die Wohnung haben und werde den Mietvertrag übernehmen.

»Woher kommen Sie?«, hatte die Frau gefragt.

»Aus einer anderen Welt«, hatte Milla leise geantwortet.

 

Die drei, die sich um den runden Tisch in Mentz’ Büro versammelt hatten, hätten unterschiedlicher kaum sein können. Die |22|Direktorin besaß ein strenges Gesicht, trotz ihres vollen, breiten, jedoch stets ungeschminkten Mundes. Dazu trug sie eine nüchterne Brille mit Metallgestell, die Haare stets straff nach hinten gekämmt und konservative Kleidung, locker sitzend, grau-weiß, als wolle sie ihre Weiblichkeit verhüllen. Die alten Aknenarben auf ihren Wangen überdeckte sie mit Fond de Teint, die schlanken Finger schmückten weder Ringe noch Nagellack. Ihr Gesichtsausdruck war meist undurchdringlich.

Dann war da Rechtsanwalt Tau Masilo, der stellvertretende Direktor, zuständig für Einsatz und Strategie. Dreiundvierzig, straffer Bauch, helle Hosenträger, passende Krawatte, ein klein wenig geckenhaft. Ausgeprägte, gravitätische Gesichtszüge, eindringliche Augen, die Haare kurz und gepflegt. Masilos Mitarbeiter nannten ihn »Nobody« – eine Anspielung auf »nobody is perfect«. Denn Tau Masilo, phlegmatisch und kompetent, war in ihren Augen perfekt. Er war ein SeSotho, sprach aber fließend fünf weitere südafrikanische Sprachen. Mentz hatte ihn sorgfältig ausgewählt.

Der dritte im Bunde war Rajkumar, ebenfalls stellvertretender Direktor, zuständig für Nachrichtentechnik. Seine langen schwarzen Haare reichten ihm bis zum Hintern. Ihn hatte Mentz geerbt.

Rajkumars Vorteile bestanden in seinem phänomenalen Intellekt und seinem breiten Wissen über elektronische und digitale Kommunikation. Er verkörperte in allem ein Extrem: feinfühlig, aber sozial unbeholfen. Er hatte die Unterarme auf den Tisch gelegt, die dicken Finger verschränkt und starrte intensiv seine Hände an, als sei er vollkommen davon gefesselt.

Mentz hob langsam den Blick. »Haben wir sonst noch irgendwelche Beweise?«

Rajkumar, stets eifrig zur Stelle, antwortete: »Der E-Mail-Verkehr des Höchsten Rats ist erheblich reger geworden. Ich glaube, Ismail hat recht, da braut sich etwas zusammen. Aber was die Gründe angeht, bin ich mir nicht so sicher …«

»Tau?«

|23|»Mich stören die Nachrichten aus Zimbabwe. Macki besitzt keinen Einfluss mehr – er und Mugabe haben sich überworfen.«

»Also kommt die Ware vielleicht gar nicht aus Zimbabwe?«

»Möglicherweise nicht. Sie könnte auch direkt aus Oman kommen oder aus einer ganz anderen Richtung. Angola wäre eine Möglichkeit.«

»Und die Vermutung, dass sie Anschläge am Kap planen?«, fragte Mentz.

»Da bin ich mit Raj einer Meinung. Erstens würden Terroranschläge hierzulande ihre Verbündeten verärgern. Die Hamas und die Hisbollah sind äußerst dankbar für die Sympathie und Unterstützung seitens unserer Regierung. Zweitens: Welchen Nutzen zögen sie daraus? Welches Ziel sollten sie angreifen? Mir fällt nichts ein, was sie damit erreichen könnten. Und drittens: Welches Motiv könnten sie haben? – Afghanistan«, fuhr der Anwalt fort, »das ist ihr neuer Brennpunkt. Die Mudschaheddin brauchen Waffen und Vorräte, aber woher sollen sie sie beziehen? Pakistan hat sich mit den USA verbündet und schottet seine Grenzen ab, die Transporte aus dem Mittleren Osten stehen unter strenger Beobachtung der NATO. Somalia kommt wegen der Seeräuber nicht mehr in Frage.«

»Der Opiumpreis ist ebenfalls am Boden«, ergänzte Rajkumar. »Die Taliban sind nicht mehr so gut bei Kasse wie früher.«

»Von wo aus transportieren sie also ihre Ladung?«, fragte Masilo und gab auch gleich die Antwort: »Von hier aus.«

»Wie denn?«

»Keine Ahnung. Per Schiff?«

»Warum nicht?«, sagte Rajkumar. »Afghanistan hat keine Küste, aber der Iran.«

»Dann könnte man die Waffen auch von Indonesien aus verschiffen. Dort gibt es viele radikale Muslime.«

»Gute Idee. Aber so weit denken sicher auch die Amerikaner, die in diesem Gebiet zahlreiche Kriegsschiffe stationiert haben.«

Sie sahen Mentz an. Die Direktorin nickte und schob die Akten |24|zu einem ordentlichen Stapel zusammen. »Trotz allem hat Ismail von einem Anschlag hier bei uns gesprochen.«

»Das war doch nur ein Gerücht unter den einfachen Mitgliedern.«

»Wie Sie wissen, verbreiten sich Informationen von oben nach unten, Raj.« Mentz sah Masilo an. »Wie schnell können wir Ismail Mohammed ersetzen?«

»Das wird nicht einfach. Die Sache mit Ismail hat sie misstrauisch gemacht. Sie versammeln sich nicht mehr in dem Haus an der Schotsekloof. Wir müssen erst ihren neuen Treffpunkt ermitteln. Wenn es einen gibt.«

»Das hat absolute Priorität, Tau. Spür sie auf. Und ich will einen Ersatz für Ismail.«

»Das wird aber eine Weile dauern.«

»Sie haben weniger als einen Monat.«

Tau schüttelte den Kopf. »Mevrou, wir haben uns in den letzten drei, vier Jahren kaum noch für diese Gruppe interessiert. Es ist eine geschlossene Gesellschaft. Ismail hatte es gerade so geschafft, sich einzuschleusen.«

»Wir brauchen aber einen zweiten Informanten.«

»Ich werde eine Liste zusammenstellen.«

»Raj, warum können Sie ihre E-Mails nicht lesen?«

»Weil sie eine Verschlüsselungstechnik benutzen, die wir noch nie gesehen haben. Es könnte eine Variante des 128-Bit-Codes sein, aber Tatsache ist, dass wir ihn bisher nicht knacken konnten. Wir bleiben am Ball und untersuchen jede einzelne Sendung. Früher oder später wird ihnen ein Fehler unterlaufen, indem sie vergessen, eine Nachricht zu kodieren. So etwas passiert immer irgendwann.«

Mentz dachte einen Augenblick nach und sagte dann: »Hier ist etwas im Busch, meine Herren. Alle Zeichen deuten darauf hin. Der E-Mail-Verkehr, das plötzliche Vorgehen gegen Ismail, die Gerüchte, die angebliche Schiffsladung, und das nach zwei Jahren Funkstille. Ich will wissen, was da los ist. Wenn Sie noch Leute oder Mittel benötigen, wenden Sie sich an mich. |25|Tau, verdoppeln Sie die Observation. Ich will einen Ersatz für Ismail, ich will wöchentliche Berichte über unsere Fortschritte, ich will Konzentration und Einsatzbereitschaft. Danke, dass Sie heute früher gekommen sind.«

 

Sie holte zwei weitere Taschen und dann den Schlafsack und die Luftmatratze aus ihrem weißen Renault Clio, den sie draußen am Straßenrand geparkt hatte. Was wohl zufällige Beobachter denken mochten, wenn sie sie sahen: eine Frau um die vierzig, die allein hier einzog. Dazu brütete in ihr diese vage, undefinierbare Angst wie ein dösendes Krokodil unter der Wasseroberfläche.

Sie räumte ihre Kleider in die Einbauschränke aus billigem weißen Melamin. Im Spiegelschrank über dem Waschbecken im Badezimmer war nicht genug Platz für ihre Kosmetika. Als sie die Tür zuklappte, fiel ihr Blick auf ihr Spiegelbild, und sie erkannte sich kaum wieder. Schwarze, halblange Haare ohne vernünftigen Schnitt, graumelierter Ansatz, der dringend nachgefärbt werden musste. Olivfarbene, mediterrane Haut, Krähenfüße in den Augenwinkeln, tiefe Nasolabialfalten, ungeschminkt, leblos, müde. Es war ein Schock. Mein Gott, Milla, hast du dich gehen lassen, kein Wunder, welcher Mann würde schon bei dir bleiben wollen?

Sie drehte sich hastig weg, denn als Nächstes wollte sie die Matratze aufblasen.

Im Schlafzimmer setzte sie sich auf den Boden, rollte die Matratze aus und setzte das Ventil an die Lippen. Pustete. Worte gingen ihr durch den Kopf. Wie immer viel zu viele.

Einige würde sie heute Abend in ihr Tagebuch schreiben: Ich bin hier, weil die Frau im Spiegel versagt hat, Tag für Tag. Als hielte ich ein Seil in den Händen, an dessen anderem Ende ein Gewicht in einen Abgrund hinunterhängt, gerade schwer genug, um mir nach und nach durch die Finger zu rutschen, bis mir das Ende entschlüpft. Die Ursache, so weiß ich inzwischen, liegt ausschließlich bei mir. In der Beschaffenheit meines Körpers, in der Struktur |26|meiner DNS. So erschaffen, nie verändert. Unfähig. Unfähig trotz meiner angestrengten Versuche und guten Vorsätze. Unfähig wegen meiner Versuche und Vorsätze. Eine inhärente, unentrinnbare, vollkommene, frustrierende, jämmerliche Unfähigkeit: Ich kann diesem Mann keine gute Frau sein. Ich kann diesem Kind keine gute Mutter sein. Höchstwahrscheinlich würde ich für niemanden eine gute Frau abgeben, ja, bin ich ganz allgemein unfähig, eine gute Ehefrau und Mutter zu sein.

Das Handy in ihrer Handtasche klingelte. Vorsichtig und ohne Eile drückte sie den Verschluss in das Ventil, denn sie vermutete, dass es Christo war. Ihr Exmann. In jeder Hinsicht.

Er hatte den Umschlag erhalten.

Sie holte das Handy aus ihrer Handtasche und warf einen Blick auf das Display. Christos Firmennummer.

Wahrscheinlich saß er in seinem Büro, ihren Brief auf dem Schreibtisch vor sich, dazu die Unterlagen ihres Anwalts, die sie am Samstag rasch aufgesetzt hatten. Vorher hatte er sicher die Tür geschlossen, mit einem wütenden Gesichtsausdruck in der Variante: Du-blödes-armseliges-dämliches-Weib! Demütigende Beschimpfungen mussten sich in ihm aufgestaut haben. Wenn sie jetzt dranginge, würde er mit einem »Mein Gott, Milla!« beginnen und dann alle Schleusen öffnen.

Mit klopfendem Herzen und zittrigen Händen starrte sie die Nummer an. Sie ließ die Hand mit dem Handy sinken und verstaute es wieder in der Handtasche. Unheilvoll leuchtete das Display in der dunklen Öffnung.

Endlich verstummte das Klingeln, und die Mailbox schaltete sich ein. Das Licht erlosch. Sie wusste, dass er ihr eine Nachricht hinterließe. Gespickt mit Flüchen.

Sie wandte sich von der Tasche ab und fasste einen Entschluss: Sie würde sich eine neue Nummer zulegen.

Noch ehe sie sich wieder neben die Matratze setzte, ertönte das Signal, dass sie eine neue Nachricht erhalten habe.

 

|27|(5. August 2009. Mittwoch.)

Am späten Nachmittag wurde der Ardo-Kühlschrank geliefert. Nachdem die Männer gegangen waren, stellte sich Milla davor und lauschte dem beruhigenden Brummen, betrachtete das wuchtige Gerät und fand, es böte ihr irgendwie Halt. Die erste klobige Barrikade gegen die Rückkehr, gegen den Untergang, gegen die Angst vor einer ungewissen Zukunft. Dazu kam eine ganz neue Sorge, nämlich um Geld. Ein Bett, ein Sofa, ein Tisch, Stühle, ein Schreibtisch, Gardinen, alles war bestellt und würde ein kleines Vermögen kosten.

Ihr Notgroschen, ihr bescheidenes Erbe, war beträchtlich geschrumpft.

Sie würde eine Arbeit finden müssen. Dringend. Weil sie Geld brauchte. Aber auch, weil sie frei sein wollte.

4

(6. August 2009. Donnerstag.)

Morgens fuhr sie gegen zehn Uhr zurück nach Durbanville, weil sie wusste, dass um diese Zeit niemand zu Hause sein würde. Sie wollte den Schlafsack und die Luftmatratze in die Garage bringen, weil sie Christo gehörten, und ihre Schlüssel endgültig zurücklassen.

Herta Ernastraat.

Christo hatte sie ausgelacht, als sie gesagt hatte, sie wolle nicht in einer Straße dieses Namens wohnen.

Er arbeitete mit Zahlen und hatte ihre Beziehung zu Worten nie verstanden. Ihm war unbegreiflich, dass Worte Rhythmus, Gefühl und Dynamik besaßen. Dass die Art, wie Mund und Zunge sie formten, untrennbar mit ihrem Klang, ihrer Bedeutung und den Gefühlen, die sie auslösten, verbunden war.

Die Lombards aus der Herta Ernastraat. Beim Einzug war es ihr kalt den Rücken hinuntergelaufen.

 

|28|Sie wartete ungeduldig, während das Eingangstor langsam aufschwang. Hinter den Garagen ragte das große, zweistöckige Haus empor. Ein Architekt hatte den Baustil in einer Zeitschrift als »Bauunternehmers Sahneschnittchen« bezeichnet. »Man könnte auch sagen: transvaal-toskanisch. Mit etwas Wohlwollen vielleicht: Vorstadtmoderne.«

Sie hatten es damals zusammen besichtigt. Zwei Monate lang hatten sie in dieser Gegend etwas gesucht, denn Christo wollte auf Biegen und Brechen hierherziehen. Aus dem einzigen Grund: »Weil wir es uns leisten können.« Was im Grunde bedeutete: Wir sind jetzt zu wohlhabend für Stellenberg.

Ein Durbanville-Haus nach dem anderen. Sie hatte sie gewogen und für zu leicht befunden. Luxuriöse, kalte, unpersönliche Behausungen. Und nicht eines enthielt Bücherregale. Daran erinnerte sie sich am deutlichsten, all diese reichen Weißen, aber nicht ein Buch im Haus. Bars, ja, wuchtige, teure Monstrositäten aus Holz, ob aus alten Eisenbahnschwellen oder poliertem hellem Weichholz im Schwedenstil, die indirekte Beleuchtung oft mit peinlicher Sorgfalt, fachmännisch und teuer installiert. Auf Knopfdruck erwachte, erschien, erstrahlte vor einem: ein heiliger Ort, eine Kathedrale des Alkohols.

Dann hatten sie dieses Haus gesehen, und Christo erklärte: »Das hier will ich haben.« Denn es sah nach Reichtum aus. Sie hatte sich dagegen gewehrt, gegen diesen ganzen Ort, auch gegen den Straßennamen. Er hatte alles lachend abgetan und den Vertrag unterzeichnet.

Milla fuhr die Auffahrt hinauf bis vor die drei Garagentore. Eine Garage war für Christos Audi Q7, eine für ihren Renault und eine für Christos Spielsachen bestimmt.

Sie betätigte die Fernbedienung, und das Garagentür öffnete sich. Sie nahm den Schlafsack und die Luftmatratze, beide ordentlich aufgerollt, stieg aus und betrat die Garage.

Der Platz des Q7 war leer.

Ein Glück.

Hastig ging sie nach hinten durch, wo Christo seine Sachen |29|akribisch geordnet aufbewahrte, und legte das Bettzeug zurück an seinen Platz. Sie hielt inne. Die Tür links von ihr führte ins Haus. Sie wusste, dass sie nicht hindurchtreten durfte. Sie würde Barends vertrauten Geruch wahrnehmen. Sie würde sehen, wie sie jetzt lebten. Sie würde die Schwerkraft ihres hiesigen Lebens spüren.

Hunde kläfften in der Straße. Die schwere Hand der Depression legte sich auf ihre Schulter.

In diesem Viertel bellten tagsüber unaufhörlich die Hunde. Dogville. So hatte sie Durbanville bezeichnet, als sie es eines Tages wieder einmal gewagt hatte, sich Christo gegenüber zu beklagen.

»Mein Gott, Milla, musst du denn an allem herummeckern?«

Hastig verließ sie die Garage und kehrte zu ihrem Auto zurück.

 

Vor dem Palm Grove Centre im Zentrum von Durbanville bog sie in den nächstbesten freien Parkplatz ein, in der Absicht, sich bei Woolworth etwas zum Mittagessen zu kaufen. Als sie ausstieg, fiel ihr Blick auf das Aushängeschild von Arthur Murrays Tanzstudio, ganz kurz nur. Sie hatte ganz vergessen, dass es das hier gab – noch ein Beweis für die Blase, in der sie gelebt hatte. Beim Betreten des Supermarktes nahm sie den Duft der Blumen wahr und betrachtete die leuchtenden Farben, als sähe sie sie zum ersten Mal. Sie dachte an die Worte, die sie gestern Abend in ihr Tagebuch geschrieben hatte. Wie kann ich wieder die werden, die ich war, v. Chr.? (vor Christo)

Zurück bei ihrem Renault blickte sie wieder zu dem Aushängeschild auf.

Tanzen. Christo hatte sich immer geweigert zu tanzen. Schon auf der Universität. Warum hatte sie all das so gelassen hingenommen, seine Entscheidungen, seine Vorlieben? Es hatte ihr so viel Spaß gemacht, damals, bevor sich alles veränderte.

Sie schloss das Auto auf, stieg ein und legte die Blumen und |30|die Plastiktüte mit den Zutaten für das Mittagessen auf den Beifahrersitz.

Sie war frei von Christo.

Sie stieg aus, schloss die Tür und machte sich auf den Weg zum Studio.

 

Auf der Tanzfläche sah sie in dem hellen Licht, das durch die Fenster fiel, einen Mann und eine Frau. Jung. Er trug eine schwarze Hose, ein weißes Hemd und eine schwarze Weste, sie ein kurzes, weinrotes Kleid. Ihre Beine waren lang und wohlgeformt. Ein Tango ertönte aus den Lautsprechern, und die beiden schwebten mühelos und graziös über das Parkett.

Milla starrte sie an, gefesselt von der Schönheit dieser Szene, den flüssigen, harmonischen Bewegungen, der sichtlichen Freude des Paares. Eine plötzliche Sehnsucht erfüllte sie – irgendetwas auch so virtuos zu beherrschen, etwas Schönes, in dem man ganz aufgehen konnte, ein Erlebnis für die Sinne, ein Geben und Nehmen zugleich.

Wenn sie nur so tanzen könnte! So frei.

Schließlich ging sie zum Empfang. Eine Frau blickte auf und lächelte.

»Ich möchte mich zu einem Kurs anmelden«, sagte Milla.

 

(7. August 2009. Freitag.)

Sie hatte sich die Haare schneiden und färben lassen. Ihre Kleidung sorgfältig ausgewählt. Ihr Ziel war lässiger Schick, beiläufige Eleganz, indem sie Stiefel und einen schwarzen Rollkragenpulli zu einer langen Hose trug und mit einem roten Schal kombinierte. Doch während sie im Café des Pressegebäudes Media24 auf eine Freundin wartete, fühlte sie sich unsicher – das Make-up erschien ihr zu hell, der Schal zu leuchtend. Insgesamt wirkte sie zu förmlich, zu übertrieben zurechtgemacht.

Doch als ihre Freundin erschien, sagte sie: »Milla! Du siehst ja toll aus!«

|31|»Findest du?«

»Du weißt, dass du schön bist.«

Nein, das wusste sie nicht.

Die Freundin hatte vor fast zwanzig Jahren mit ihr zusammen studiert und Karriere als Journalistin gemacht. Die Freundin hatte eine Topfigur und war inzwischen zur stellvertretenden Chefredakteurin einer bekannten Frauenzeitschrift aufgestiegen. Sie sprach oft in Anführungs- und mit Ausrufezeichen.

»Wie geht es dir denn?«

»Gut.« Etwas unsicher fügte Milla hinzu: »Ich will anfangen zu arbeiten.«

»Dein Buch schreiben? Endlich!«

»Nein, ich suche eine Stelle als Journalistin …«

»Nein! Milla! Warum denn? Hast du Probleme?«

Sie konnte noch nicht über alles reden. Deswegen zuckte sie nur mit den Schultern und sagte: »Barend ist erwachsen, ich muss seinetwegen nicht mehr zu Hause bleiben.«

»Milla! Das wird aber schwierig werden. Du hast die falsche Hautfarbe. Du hast keine Berufserfahrung – was willst du denn in deinen Lebenslauf schreiben? Dein Abschluss nützt dir gar nichts, nicht in unserem Alter. Du musst mit Scharen junger, ehrgeiziger, hochqualifizierter Leute konkurrieren, die bereit sind, umsonst zu arbeiten. Sie kennen sich mit den digitalen Medien aus, Milla, sie leben damit! Und die Wirtschaftskrise! Weißt du, wie viele Zeitschriften in Konkurs gegangen sind? Überall gilt Einstellungsstopp, Abbau von Arbeitsplätzen. Einen ungünstigeren Zeitpunkt hättest du dir nicht aussuchen können. Sag Christo, du willst eine Boutique aufmachen. Oder ein Café. Als Journalistin arbeiten? Vergiss es!«

 

(9. August 2009. Sonntag.)

Sie saß auf ihrem neuen Sofa im Wohnzimmer. Vor ihr auf dem Wohnzimmertisch lag der Stellenteil der Sunday Times. Ängstlich wanderte ihr Blick über die Stellenanzeigen aus der Medienbranche – die Firmen suchten eCommerce Operations |32|Manager, WordPress /PHP Developer, Webdesigner und Web-Editoren (Internet / Mobilerfahrung vorausges.)

Erneut wuchs ihre Beklemmung. Verzweiflung übermannte sie. Sie würde es nicht schaffen, sie würde nicht allein zurechtkommen. Die Freundin hatte recht. Und der Berater in der Arbeitsvermittlung hatte am Freitagnachmittag dasselbe gesagt, wenn auch politisch korrekter und mit Berufseuphemismen verbrämt: Sie hatte keine Chance.

Sie wollte das nicht akzeptieren. Erst hatte sie die Zeitschriften angerufen, persönlich, eine nach der anderen. Bei ihren Lieblingszeitschriften angefangen bis hin zu den Tageszeitungen, sowohl den afrikaans- als auch den englischsprachigen Publikationen. Danach hatte sie es bei den Lokalzeitungen, der Boulevardpresse und den Wochenblättchen versucht. Endlich hatte sie sogar versucht, die Herausgeber der Klatschpresse zu erreichen.

Ohne Erfolg. Immer dieselbe Antwort: Wir haben keine freien Stellen zu besetzen. Aber schicken Sie uns doch Ihre Bewerbung und Ihren Lebenslauf.

Ganz unten auf einer Innenseite entdeckte sie schließlich das Kästchen mit der Kleinanzeige: JournalistIn. Festanstellung in Kapstadt. Berufserfahrung wünschenswert. Überdurchschnittliche Fähigkeiten im Recherchieren und Verfassen von Texten erforderlich. Freude an Teamarbeit wird vorausgesetzt. Abgeschlossenes Studium erforderlich. Branchenübliches Gehalt. Bewerbungen bis 31. 08. 2009. Telefonische Auskünfte: Mrs. Nkosi.

Es war das »wünschenswert«, was ihr ein wenig Mut einflößte, so dass sie sich aufrichtete, die Zeitung so faltete, dass die Anzeige deutlich sichtbar war und nach ihrer Tasse Rooibostee griff.

|33|5

(11. August 2009. Dienstag.)

Um 12:55 Uhr schob der Bergie mit der linken Hand einen Einkaufswagen die Coronationstraat hinunter, vorbei an der Reihe parkender Autos vor der Moschee. Er torkelte. In der rechten Hand hielt er eine in braunes Packpapier gewickelte Flasche.

Die Straße lag verlassen da. Die Besitzer der Autos saßen beim Dhuhr-Gebet in der Moschee.

Neben einem weißen Hyundai Elantra, Baujahr 1998, stolperte der Stadtstreicher und stürzte. Er hielt die Flasche hoch, um sie zu schützen. Einen Augenblick lang blieb er benommen liegen. Er versuchte aufzustehen, schaffte es aber nicht. Er rutschte mit dem Kopf unter das Auto, neben dem Hinterrad, als suche er Schatten. Dann zog er auch die Flasche unter den Wagen, um einen Schluck zu nehmen, aber seine Hände waren nicht mehr sichtbar. Einen Augenblick blieb er so liegen und hantierte herum, ehe er langsam wieder hervorrutschte.

Er stellte die Flasche auf den Asphalt, stützte sich mit einer Hand am Rand des Radkastens ab und versuchte aufzustehen. Er musste die Hand nach weiter oben versetzen, ehe er es schaffte.

Er klopfte sich imaginären Staub von den lumpigen Kleidern, sammelte die Flasche ein, noch immer unsicher auf den Beinen, und zog schwankend mit seinem Einkaufswagen ab.

 

In der Leitstelle des Präsidentiellen Nachrichtendienstes saß Rajhev Rajkumar neben einem Operator. An ihrer Seite stand Quinn, der Einsatzleiter. Alle drei blickten starr auf den Monitor, der einen Stadtplan von Kapstadt zeigte.

Quinn warf einen raschen Blick auf seine Armbanduhr, dann schaute er wieder auf den Bildschirm.

Plötzlich unterbrach ein elektronisches Geräusch die Stille. Ein kleines rotes Dreieck erschien auf dem Monitor.

|34|»Geh näher ran«, sagte Rajkumar.

Der Operator klickte das Vergrößerungsglas-Icon an, dann das kleine Dreieck, drei Mal, bis man den Straßennamen deutlich lesen konnte: Coronation.

»Ich glaube, wir sind im Spiel«, sagte Rajkumar.

»Ich warte noch Terrys Bericht ab«, sagte Quinn. »Aber sieht doch schon ganz gut aus.«

 

Quinn erstattete Anwalt Tau Masilo, dem stellvertretenden Direktor für Planung und Einsatzleitung, persönlich Bericht. Am späten Nachmittag erklärte er seinem Chef in dessen Büro, der Peilsender sei erfolgreich an Baboo Rayans weißem Hyundai Elantra befestigt worden. Er parke jetzt schon seit über einer Stunde vor einem bisher unbekannten Haus, Adresse: Chamberlainstraat 15 in Bo-Woodstock.

»Wir sollten mal vorbeischauen«, meinte Masilo.

»Mit dem Apotheken-Moped?«

»Das müsste reichen.«

»Bin schon unterwegs.«

 

Fotokopie: Tagebuch von Milla Strachan

Datum des Eintrags: 11. August 2009

Der Swing. Eins-zwei-drei, eins-zwei-drei, Rückwärtsschritt. Der Foxtrott. Langsam, langsam. Schnell, schnell.

Der Tango. Langsam … Langsam … Langsam … Schnell, schnell. Der Morsecode des Tanzens. »Schulfiguren« nennt Arthur Murray sie, erste unsichere Schritte, die ich einüben muss. Wie weit ich damit von der Kunst der Frau entfernt bin, die ich letzten Donnerstag tanzen sah! Dennoch liegt etwas Beruhigendes darin: Wenn man dorthin gelangen will, muss man hier anfangen. Ganz unten. Und dann eine Stufe nach der anderen erklimmen. Seltsam, wie das die Angst lindert, die Unsicherheit nimmt.

 

|35|(14. August 2009. Freitag.)

Am runden Tisch in ihrem Büro erzählte Janina Mentz Rajkumar und Masilo von dem Vorhaben des Präsidenten, die Nachrichtendienste zusammenzulegen. Masilo reagierte nicht. Rajkumar betrachtete bekümmert ein loses Stück Haut neben seinem Daumennagel.

»Unsere Karriere steht auf dem Spiel«, betonte die Direktorin.

Rajkumar begann, an dem Hautstück zu kauen.

»Sind wir die Einzigen, die die Vorgänge rund um den Höchsten Rat untersuchen?«, fragte sie.

»Natürlich«, antwortete Tau Masilo.

»Dann müssen wir uns das zunutze machen.«

»Wollen Sie damit sagen …«

»Richtig, Raj. Das ist unser Ass im Ärmel. Unsere letzte Chance. Es sei denn, Sie haben noch einen anderen Fall, in dem wir exklusiv ermitteln.«

»Nein.«

»Dann ziehen wir besser unseren Nutzen daraus, oder wir werden in den Hinterzimmern eines Super-Mega-Nachrichtendienstkonglomerates enden, wie es der Plan des Präsidenten vorsieht, und uns fragen, warum wir nicht zur rechten Zeit ein bisschen härter und schneller gearbeitet haben.«

»Aber angenommen, wir haben recht, und es geht gar nicht um einen geplanten Anschlag am Kap, sondern um einen letzten Versuch der al-Qaida, ein paar AKs nach Afghanistan zu schaffen?«

»Dann werden wir einen anderen Weg finden müssen, aus dieser Geschichte Profit zu schlagen, Raj.«

 

Milla Strachan saß auf dem Sofa und las, als ihr Handy klingelte. Es war halb vier.

UNBEKANNTER ANRUFER.

»Hallo?«

»Spreche ich mit Milla Strachan?«

|36|»Ja.«

»Ich bin Mrs. Nkosi. Von der Agentur. Ich habe eine gute Nachricht. Wir möchten Sie gerne zu einem Bewerbungsgespräch einladen.«

»Oh!«, stieß Milla erleichtert, überrascht und dankbar hervor.

»Sind Sie noch interessiert?«

»Ja.«

»Könnten Sie nächste Woche vorbeikommen?«

»Ja. Ja, das könnte ich.«

»Am Mittwoch?«

»Mittwoch passt mir gut.« Beinahe hätte sie geantwortet: »Das wäre wunderbar«, doch sie zwang sich, nicht zu begeistert zu reagieren.

»Sehr schön. Um zwölf Uhr?«

 

Angst, Angst, Angst. Warum fürchtete sie sich so vor allem? So war sie früher nicht gewesen – vor Christo. Früher war sie mutig und abenteuerlustig. Das war fast zwanzig Jahre her. Wo war diese Milla? Zu schüchtern, um zum geselligen Abend in die Tanzschule zu gehen. Warum? Wovor hatte sie Angst?

Schließlich ging sie doch, aber nur, weil sie es ihrem Tanzlehrer versprochen hatte. Hastig machte sie sich zurecht, fuhr auf dem Weg dorthin zu schnell und trat mit klopfendem Herzen ein. Zu ihrer Erleichterung waren alle bereits auf der Tanzfläche, es waren mehr Frauen als Männer gekommen, viele davon jünger als sie, und ihr Lehrer aus dem Schnupperkurs forderte sie gleich zum nächsten Tanz auf.

6

(18. August 2009. Dienstag.)

Tau Masilo klappte einen Ordner auf seinem Schoß auf, nahm ein Foto heraus und legte es vor Mentz auf den Schreibtisch. »|37|Gestern am späten Nachmittag, mit dem Apotheken-Motorrad aufgenommen in der Chamberlainstraat 15 in Woodstock.«

Auf dem Foto sah man den Scheich, Suleiman Dolly, Vorsitzender des Höchsten Rates, um die Kühlerfront eines Autos herumgehen.

»Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ihr neuer Treffpunkt«, fuhr Masilo fort.

Mentz betrachtete die Fotos. »Geschickt gewählt.«

»In der Tat. Und das hat etwas zu bedeuten. Sehen Sie sich dieses Foto an. Dolly fährt nicht mehr seinen Volvo, was bedeutet, dass er plötzlich vorsichtig geworden ist. Der neue Treffpunkt ist inklusive Personenschutz, denn heute Morgen haben wir festgestellt, dass Baboo ein Zimmer im Erdgeschoss bezogen hat. Auch die Art des Hauses ist bezeichnend. Ein Reihenhaus in einer Mittelschichtswohngegend. Die meisten Anwohner sind tagsüber bei der Arbeit. Das bedeutet: wenig neugierige Augen, ruhige Straßen. Fremde Fahrzeuge sind leicht zu erkennen. Zweistöckige Bauweise; von dem Fenster dort oben kann man die ganze Straße überblicken.«

»Sie haben sich viel Mühe gegeben«, bemerkte Mentz.

»Sehr viel Mühe. Und dafür muss es einen Grund geben.«

»Was haben sie vor?«

»Unsere einzige Möglichkeit, das herauszufinden, besteht darin, Bewohner aus den vier Häusern gegenüber anzuwerben. Wir sind gerade dabei, die Akten einzusehen. Ideal wäre natürlich, wenn eines der Häuser zu vermieten wäre.«

»Wird uns das etwas nützen, Tau?«

»Wie bitte?«

»Wird es uns etwas nützen, jemanden aus einem dieser Häuser anzuwerben? Das bringt doch nur ein paar weitere Fotos von Leuten, die rein und raus gehen. Aber nichts Neues. Wir müssen wissen, worüber sie reden.«

»Mevrou, wir planen, weit mehr als nur eine Kamera zu installieren.«

|38|»Ach ja?«

»Ja, wir werden Mobilfunkantennen aufstellen, Richtmikrofone …«

Mentz winkte ärgerlich ab.

Aber Masilo ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. »Sehen Sie zum Beispiel mal hier, an der Fassade. Wenn wir eine dieser Schrauben durch ein elektro-akustisches Mikrofon ersetzen könnten …«

»Wenn?«

»Mevrou, Sie wissen doch, dass wir sie erst observieren müssen.«

»Tau, manchmal habe ich den Eindruck, wir spielen nur herum. Mit dieser ganzen Technik, diesem Spionage-Gehabe. Ein bisschen wie im Film, es macht Spaß und ist aufregend. Aber die Resultate fallen meist mager aus.«

»Dem muss ich energisch …«

»Sie können so viel protestieren, wie Sie wollen, aber sagen Sie mir doch mal, wo die Resultate bleiben? Wir haben Ismail Mohammed in den inneren Kreis eingeschleust, wir haben versucht, sie mit technischen Geräten abzuhören, von denen ich nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt, und trotzdem tappen wir immer noch im Dunkeln.«

»Nicht ganz.«

Janina Mentz verzog kopfschüttelnd das Gesicht. »Bringen Sie mir Resultate, Tau.«

Lächelnd antwortete er: »Das werden wir.«

 

(19. August 2009. Mittwoch.)

»Würden Sie sich als ehrgeizig bezeichnen?«, fragte Mevrou Nkosi, eine mütterliche Frau mittleren Alters.

Milla dachte einen Augenblick lang nach, bevor sie antwortete, weil sie befürchtete, es sei eine Fangfrage. »Ich glaube, wenn man hart arbeitet und seine Pflichten verantwortungsbewusst und nach bestem Vermögen erfüllt, kann man auch etwas erreichen.«

|39|Wieder brummte Mevrou Nkosi zufrieden »hm-hm« und machte sich eine Notiz. Dann blickte sie auf. »Erzählen Sie ein wenig von sich und Ihrer Herkunft.«

Damit hatte Milla gerechnet und sich darauf vorbereitet. »Ich bin in Wellington geboren und aufgewachsen und habe dort die höhere Schule besucht. Meine Mutter war Hausfrau …«

»Hausfrau und Mutter«, unterbrach sie Mevrou Nkosi, als sei es der edelste Beruf der Welt.

»Ja«, bestätigte Milla. »Mein Vater war Geschäftsmann, wenn man so sagen darf …«

 

Operation Shawwal

Mitschrift: Abgehörtes Gespräch, M. Strachan. Daven Court Nr. 14, Davenpoortstraat, Vredehoek

Datum und Uhrzeit: 7. Oktober 2009, 23:09

MS: Sie waren zwei Landhippies, er und meine Mutter. Ziemlich exzentrisch, vollkommen anders als die Eltern anderer Kinder. Ich weiß bis heute nicht, ob das … welchen Einfluss das auf mich gehabt hat. Es gab eine Zeit, in der ich mich sehr für sie geschämt habe … Meine Mutter war … Sie ist manchmal nackt im Haus herumgelaufen, wenn wir allein waren. Mein Vater hat hin und wieder Dagga geraucht. Im Wohnzimmer. Er hat von zu Hause aus gearbeitet. Die Garage diente ihm als Werkstatt. Anfangs hat er Registrierkassen repariert, später Computer. Er war … nicht nur exzentrisch, sondern auch sehr klug. Er hat viel gelesen, alles Mögliche, wissenschaftliche, historische, philosophische Werke. Er war ein großer Fan von Bertrand Russell und betrachtete sich wie er als gemäßigten Pazifisten. Sein Lieblingszitat war: Der freie Geist ist der wichtigste Motor menschlichen Fortschritts.

 

»In dem Jahr, in dem ich mein Journalistik-Studium abgeschlossen habe, habe ich geheiratet. Dann bin ich schwanger geworden und wurde Hausfrau und Mutter.« Dabei lächelte sie verlegen, weil sie den Ausdruck von Mevrou Nkosi benutzt |40|hatte. »Siebzehn Jahre lang. Jetzt bin ich wieder alleinstehend. Dazu muss ich sagen, dass ich noch nicht offiziell wieder Strachan heiße. Es ist mein Geburtsname, aber ich bin noch nicht geschieden.«

»Schon gut«, sagte Mevrou Nkosi. »Wie lange sind Sie schon von Ihrem Mann getrennt?«

»Seit ein paar Monaten.« Eine Notlüge.

»Gut«, sagte Mevrou Nkosi. Milla hatte keine Ahnung, warum. Die ganze Situation besaß etwas Surreales. Die Personalagentur war eine Enttäuschung. Sie befand sich im fünften Stockwerk eines nichtssagenden Gebäudes in der Waalstraat hinter einer Tür mit kleiner, phantasieloser Aufschrift. Bessere Berufschancen. Private Arbeitsvermittlung. Möbel und Ausstattung waren unpersönlich, fast ein wenig deprimierend. Noch immer fragte sie sich, bei welchem Medium die Stelle sein könnte. Einer kleinen Firmenzeitschrift? Einer neuen, kostenlosen Vorstadtzeitung?

Über anderthalb Stunden lang unterhielten sie sich und schweiften in fast apologetische Tiefen ihrer Herkunft, ihrer Persönlichkeit, ihrer Ansichten und Überzeugungen ab, wobei Millas Antworten sämtlich mit einem »Gut«, einem faszinierten »Hm-hm« und manchmal einem »Wunderbar« quittiert wurden, als seien sie perfekt und hundertprozentig passend.

Endlich hieß es: »Haben Sie noch irgendwelche Fragen an mich?«

»Ich wüsste gern, für welches Medium ich arbeiten würde.«

»Um ehrlich zu sein, handelt es sich im Grunde nicht um ein Medium. Meine Kunden suchen hauptsächlich deswegen Journalisten, weil sie deren Fachkenntnisse in der Aufbereitung von Informationen benötigen. Und natürlich im Verfassen guter Texte.« Mevrou Nkosi zog ihre Notizen zu Rate. »Die erfolgreiche Bewerberin wird für die Assimilierung und Strukturierung von Informationen sowie das Verfassen knapper, übersichtlicher und gut lesbarer Berichte verantwortlich sein. Die von ihr ausgearbeiteten Artikel tragen wesentlich |41|zu den Entscheidungsprozessen der betreffenden Institution bei.«

»Ach so.« Die Enttäuschung war ihr anzuhören.

»Es ist ein wichtiger Posten«, korrigierte sie Mevrou Nkosi.

Milla nickte, in Gedanken versunken.

»Sie werden genau dasselbe verdienen wie Ihre Kollegen in der Medienbranche. Ein wenig mehr sogar.«

»Um welche Institution handelt es sich?«

»Ich bin nicht befugt, Ihnen dies zum jetzigen Zeitpunkt mitzuteilen.«

7

Fotokopie: Tagbuch von Milla Strachan

Datum des Eintrags: 20. August 2009

Die ersten sechs Tanzstunden des Schnupperkurses liegen hinter mir, und ich wurde offiziell einem festen Lehrer zuteilt, Meneer Soderstrom. Wie er mit Vornamen heißt, weiß ich nicht. Bei Arthur Murray ist es üblich, die alten Höflichkeitsanreden Meneer, Mevrou und Juffrou zu benutzen, galant und respektvoll. Mnr. Soderstrom ist schmal und ein unglaublich guter Tänzer. Nach einer Stunde, in der wir ordentlich geschwitzt und uns abgeplagt hatten, habe ich ihn gefragt, ob er glaube, dass ich es jemals richtig lernen würde. »Oh, natürlich«, antwortete er strahlend. »Aus Ihnen wird einmal eine gute Tänzerin!«

Bestimmt sagt er das zu allen seinen Schülerinnen.

Habe drei Stunden lang am Computer gesessen und versucht, an meinem Buch zu schreiben. Vergeblich. Gibt es Schrittfolgen für das Schreiben? Kann man das Gerüst eines Romans auf einen Eins-zwei-drei-Rückwärtsschritt für Anfänger reduzieren? Ich konnte mich nicht konzentrieren und habe über merkwürdige Dinge nachgedacht. Das Wesen der Freiheit und ihre Relativität. Freiheit, beschränkt durch Verantwortungsgefühl, Leidenschaft, Schuld oder die Abhängigkeit |42|von Geld, Bestätigung, Struktur, Talent oder Zielen. Und über Mut. Den habe ich verloren, irgendwo in den nördlichen Vorstädten, schon vor Jahren.

 

(24. August 2009. Montag.)

Milla war gerade im Pick ’n Pay im Tuinesentrum einkaufen, als Kemp, ihr Anwalt anrief.

»Zwei Dinge. Ich habe hier einen Brief von Ihrem Sohn für Sie. Und Christo hat angerufen, völlig aufgebracht. Er sagte, zu ihm seien Leute in die Firma gekommen, um sich über Sie zu erkundigen.«

»Über mich?«, fragte sie zutiefst verblüfft.

»Sie haben sich offenbar irgendwo um eine Stelle beworben.«

Sie versuchte, sich einen Reim darauf zu machen.

»Und, haben Sie?«

»Ja, habe ich.«

»Er sagte, man hätte sich über Ihre politische Meinung erkundigt.«

»Meine politische Meinung?«

»Darf ich fragen, wo Sie sich beworben haben?«

»Ich … ich … die Arbeitsvermittlung konnte mir nicht viel sagen. Es ist eine journalistische Arbeit … Was hat Christo den Leuten geantwortet?«

»Wollen Sie’s genau wissen?«

»Ja.«

»Sie seien eine Scheißkommunistin, genau wie Ihr Vater. Und genauso verrückt wie Ihre Mutter. Er war offenbar ganz außer sich. Sie hätten ihn sehr in Verlegenheit gebracht und ihn wenigstens vorher warnen können.«

»Woher hätte ich denn wissen sollen …?« Sie hörte, dass ein weiterer Anrufer anklopfte. »Gus, ich muss jetzt leider Schluss machen.«

»Ich schicke den Brief mit unserem Boten.«

»Danke, Gus.«

|43|Er verabschiedete sich und sie sah auf das Display. UNBEKANNTE NUMMER.

»Hallo?«

»Hallo, Milla, hier spricht Mevrou Nkosi.«

Milla wollte wegen der Überprüfung nachfragen und sich höflich darüber beschweren, aber bevor sie etwas sagen konnte, fuhr die Anruferin bereits fort: »Ich habe sehr gute Neuigkeiten für Sie. Sie wurden in die engere Wahl gezogen. Können Sie morgen noch einmal zu einem Gespräch kommen?«

Das kam so unerwartet, dass Milla fragte: »Morgen?«

»Wenn es Ihnen passt.«

»Natürlich.« Sie bestätigte die Zeit und verabschiedete sich. Sie stand mit ihrem Einkaufswagen mitten im Supermarkt und musste das alles erst einmal verarbeiten. Offenbar hatte Christos Bemerkung über ihren Vater, den Kommunisten, nicht allzu großen Schaden angerichtet.

Nachdem Milla bezahlt hatte, ging sie nach vorn zum Kiosk und kaufte sich ein Päckchen Zigaretten und ein BIC-Feuerzeug. Zum ersten Mal nach achtzehn Jahren.

 

In der Leitstelle der PIA war auf dem großen Bildschirm das Foto eines farbigen Mannes im dunklen Anzug zu sehen, der aus einem Wagen stieg. Seine Kleidung war geschmackvoll; zum Anzug trug er ein weißes Hemd und eine graue Krawatte. Über seiner Schulter hing eine schwarze Reisetasche. Das Bild war grobkörnig und wies wenig Tiefenschärfe auf, was auf eine Aufnahme mit Teleobjektiv hinwies.

Janina Mentz und Tau Masilo betrachteten das Bild. Neben ihnen stand Masilos rechte Hand, Quinn, der Einsatzleiter. Er deutete auf den Monitor.

»Das ist ein Mitglied des Höchsten Rates, Shahid Latif Osman«, erklärte Quinn. »Man sieht ihn nicht oft im Anzug, normalerweise trägt er ein traditionelles muslimisches Gewand. Das Foto ist am Sonntag gegen halb eins vor einem kleinen Fünf-Sterne-Hotel in Morningside, Johannesburg, aufgenommen |44|worden. Dort hat Osman am Samstag unter dem Namen Abdul Gallie ein Zimmer gemietet. Hier ist er auf dem Weg zurück zum Flughafen. Zwanzig Minuten vor ihm hat dieser Mann …« Quinn klickte mit der Maus seines Laptops und ein weiteres Foto erschien. »… ebenfalls das Gebäude verlassen.« Ein Schwarzer, groß, elegant in dunkelblauem Sakko und grauer Hose, stieg vor dem Gästehaus auf der Beifahrerseite eines schwarzen BMW X5 aus.

»Wir haben ihn heute Morgen anhand des Kennzeichens identifiziert. Sein Name ist Julius Nhlakanipho Shabangu. Er nennt sich ›Inkunzi‹, was auf Zulu ›Bulle‹ bedeutet. Die meisten Informationen über ihn findet man in der Datenbank der Kripo, wo er in Verbindung mit dem organisierten Verbrechen im Gauteng-Gebiet geführt wird. Er hat ein Strafregister, zwei Freiheitsstrafen wegen bewaffnetem Raubüberfall. Man verdächtigt ihn, der Kopf einer Bande von gewalttätigen Autodieben zu sein und hinter mehreren Straßenraubüberfällen der letzten Jahre zu stecken. Weitere Informationen befinden sich in den alten Skerpioen-Akten, aber es wird eine Weile dauern, an sie heranzukommen.«

»Einem Mitglied des Küchenpersonals zufolge haben sich Shabangu und Osman in der Bibliothek getroffen, hinter verschlossenen Türen«, sagte der Anwalt.

Quinn bestätigte dies, auf den Bildschirm zeigend: »Shabangu ist am selben Morgen um zehn Uhr vor dem Hotel erschienen. Seinen Chauffeur ließ er draußen warten. Zwei Stunden später ist er wieder herausgekommen, dicht gefolgt von Osman. Seit dem Abend zuvor hatte Osman das Hotel nicht verlassen.«

»Interessant«, bemerkte Janina Mentz.

»Es gibt keine Berichte über ein früheres Treffen der beiden«, fuhr Quinn fort. »Osman reist häufig nach Johannesburg, aber dann hauptsächlich zu Moscheen in Newton, Lenasia, Mayfair und Laudium. Shabangu wurde noch nie an einem dieser Orte gesehen.«

|45|»Ein neues Bündnis«, stellte Janina Mentz erfreut fest. Tatsächlich ein Fortschritt.

»Seltsame Bettgenossen«, bemerkte Tau Masilo.

»Ich nehme an, dass wir Shabangu von jetzt an observieren?« »In der Tat.«

 

Sie wollte sich eine Zigarette anzünden, bevor sie den Brief öffnete. Dann wurde ihr klar, dass sie keinen Aschenbecher besaß. Sie ging in die Küche, holte eine Untertasse, hielt das Feuerzeug an das Ende der Zigarette und inhalierte tief. Sie musste husten.

Sie rauchte die Zigarette ganz zu Ende und starrte dabei den Brief auf dem Wohnzimmertisch an. Widerstrebend griff sie schließlich danach und riss ihn auf.

Liebe Mama,

es tut mir sehr leid. Ich habe häsliche Sachen zu Dir gesagt und mich nicht entschuldigt. Ich habe Dich nicht respektiert, erst, als es schon zu spät war. Mama, ich habe meine Lektion gelernt, das verspreche ich Dir. Wenn Du mir verzeihen kannst, mache ich alles wieder gut. Das schwöre ich. Papa sagt, wenn ihr miteinander reden könntet, könnte sich alles wieder einrenken. Bitte, Mama, ich brauche Dich doch. Ich weiß nicht, was ich meinen Freunden sagen soll.

Ruf mich an, Mama.

Barend

Normalerweise war seine Handschrift schlampig, teilweise fast unleserlich. Doch hier, auf dem Papier, das er weiß Gott woher hatte, teuer und dünn, erkannte sie, dass er sich große Mühe gegeben hatte. Trotz des Orthographiefehlers.

Milla schob den Brief von sich weg, denn die Schuld und die Sehnsucht brannten in ihr.

 

Spätabends lag sie im Bett, starrte zerknirscht zur Decke und wehrte sich gegen die Schuldgefühle, indem sie eine imaginäre Antwort an Barend aufsetzte.

|46|Ich will Dir die ganze Wahrheit sagen: Es wird nichts nutzen, wenn Dein Vater und ich miteinander reden, weil ich ihn nicht mehr liebe. Und zu meiner Schande weiß ich nicht, ob ich es je getan habe. Ich hasse ihn auch nicht, darüber bin ich schon lange hinweg. Ich empfinde gar nichts für ihn.

Dich habe ich lieb, denn Du bist mein Kind.

Aber Liebe ist wie eine Botschaft: Sie existiert nur, wenn es einen Empfänger gibt. Und ich musste mir eingestehen, dass meine Liebe schon lange nicht mehr bei Dir ankommt. Du hast sie nicht angenommen, Barend, auch wenn Du jetzt flehst und bittest und Dich voller Reue zeigst. Wo war das alles, als ich mich immer wieder mit Dir zusammengesetzt habe, liebevoll und zugewandt, und Dich gebeten habe: Bitte rede nicht mehr so mit mir, sei respektvoller, liebevoller. Denn die Art, in der ein Mann mit einer Frau umgeht, definiert ihn auch. Du bist größer und stärker als ich, körperlich habe ich Angst vor Dir. Ich will gar nicht Deine Verfehlungen auflisten, denn ich sehe schon Dein Gesicht vor mir, wenn Du dies hier liest, die unbedeutenden vorstädtischen, häuslichen Sünden eines Teenagers: dass Dein Zimmer aussieht wie ein Schweinestall, dass Du trotz meiner ständigen Bitten Deine schmutzige Wäsche immer im Badezimmer auf den Boden wirfst. Deine Grobheit, Deine Distanziertheit, Deine Arroganz, als sei ich Dreck und als könntest Du mich kaum ertragen. Dein völliger Mangel an Rücksichtnahme, Dein egozentrisches Wesen, Deine ständigen Forderungen nach noch mehr Geld, noch mehr Besitz, noch mehr Privilegien. Deine Reaktionen, wenn ich nein sage, die Wutanfälle, die Flüche. Deine bitteren, ungerechten Vorwürfe, Deine Manipulationen und Lügen. Du bist ein Grobian und ein Betrüger, und ich liebe Dich trotzdem, aber das bedeutet nicht, dass ich ewig mit Dir unter einem Dach leben muss.

So schrieb sie in Gedanken, mit dem Wissen, dass sie davon nie etwas zu Papier bringen würde.

Morgen früh würde sie Barend einen richtigen Brief schreiben. Sie würde ihm sagen, dass sie ihn vorerst nicht anrufen wolle. Er |47|solle ihr bitte Zeit lassen, damit sie erst einmal zu sich kommen könne. Aber sie könnten sich schreiben. Sie würde ihm auf jeden Brief antworten.

Und sie würde ihm sagen, dass sie ihm bereits verziehen habe. Und ihn unendlich liebe.

8

(25. August 2009. Dienstag.)

Dasselbe charakterlose, leicht deprimierende Sprechzimmer. Diesmal waren vier Personen anwesend: die fröhliche Mevrou Nkosi, ein Schwarzer, der sich nur als »Ben« vorstellte, und hinten an der Wand zwei namenlose Zuschauer, ein sehr dicker Inder und eine Frau in den Fünfzigern.

»Ich muss sagen, dass die Überprüfung ein wenig überraschend kam«, wandte sich Milla zaghaft an die leutselige Mevrou Nkosi.

»Verstehen wir«, sagte Ben, der Milla an Shakespeare erinnerte, an einen der »mageren and hungrigen Männer« Julius Cäsars. »Ist aber unerlässlich. Vorwarnung wäre nicht zweckdienlich. Brächte unglaubwürdige Aussagen.« Sätze in Reih und Glied wie Soldaten.

»Doch die gute Nachricht ist, dass Sie in die engere Auswahl gekommen sind«, fuhr Mevrou Nkosi fort. »Den Tätigkeitsbereich habe ich Ihnen ja bereits beschrieben, aber diesmal können wir Ihnen schon ein bisschen mehr verraten.«

»Sie würden für eine Regierungsbehörde arbeiten. Eine sehr wichtige. Wären Sie bereit, dem Staat zu dienen?«, fragte Ben.

»Ja, ich … Darf ich fragen, bei wem Sie sich noch über mich erkundigt haben?«

»Normalerweise hätten wir Ihr berufliches Umfeld überprüft und uns an ehemalige Arbeitgeber und Kollegen gewandt. Ihr Fall lag anders. Wir haben Ihren Exmann befragt. Einen ehemaligen Lehrer. Einen ehemaligen Dozenten. Sie haben unsere Anforderungen erfüllt, voll und ganz.«

|48|Sie hätte gerne gewusst, mit welchem Lehrer sie geredet hatten, denn an der Schule in Wellington hatte es konservative Mitglieder des Broederbonds gegeben …

»Und jetzt zu Ihrem zukünftigen Aufgabenbereich. Sie arbeiten für eine Regierungsorganisation. Geheimhaltung ist oberste Pflicht. Das Hauptproblem: Sie dürfen niemandem von Ihrer Arbeit erzählen. Ihrer wahren Arbeit. Sie werden lügen müssen. Ihren Freunden, Ihrer Familie gegenüber. Die ganze Zeit. Das kann zur Belastung werden.«

»Am Anfang, eigentlich nur am Anfang«, sagte Mevrou Nkosi beschwichtigend. »Man gewöhnt sich daran.«

»Natürlich wird man Sie darauf vorbereiten. Damit umzugehen. Doch vielleicht entspricht das alles gar nicht Ihren Vorstellungen.«

»Es ist … Ich hatte ja keine Ahnung …«

»Wir verstehen, dass das für Sie sehr plötzlich und unerwartet kommt. Keine Sorge, wir lassen Ihnen genügend Zeit, es sich zu überlegen. Wenn Sie aber jetzt schon das Gefühl haben, das ist nichts für Sie …«

»Doch«, erwiderte Milla Strachan. »Ich … Es klingt … aufregend.«

 

(27. August 2009. Donnerstag.)

Rajhev Rajkumar kannte Janina Mentz gut. Er wusste, wie er sie überzeugen konnte.

»Wegen der Stelle beim Info-Team …«

»Ja?«

»Ich glaube, diese Kandidatin hier wäre am besten geeignet«, sagte er und tippte mit dem Fingernagel auf eine Akte.

»Warum?«

»Sie ist intelligent, ein bisschen unsicher vielleicht, aber Ben kann auch etwas schroff wirken. Sie ist politisch fast neutral, mit liberalem Hintergrund. Lebt allein. Und sie kann am Ersten anfangen, was natürlich ein Pluspunkt ist.«

»Aber sie hat keinerlei Berufserfahrung.«

|49|»Die hatte keiner der Bewerber. Aber Sie wissen ja, dass das im Grunde ein Vorteil ist. Ein unbeschriebenes Blatt, nicht durch die Arbeit in der Medienbranche beeinflusst.«

»Hmm …«

Rajkumar wartete geduldig, denn er wusste, dass Mentz alle Mitschriften gelesen hatte. Ihm war klar, welche Absätze den Ausschlag geben würden.

 

Bewerbungsgespräch: zu besetzende Stelle in der Abteilung Informationsgewinnung und -aufbereitung

Mitschrift: M. Strachan, Bewerberin, im Gespräch mit B.B. und J.N.

Datum und Uhrzeit: 25. August 2009, 10:30

BB: Werden Sie von Ihrem Exmann Unterhaltszahlungen erhalten?

MS: Nein.

BB: Warum nicht? Sie hätten doch sicher ein Anrecht darauf. Und Ihr Mann ist sehr wohlhabend.

MS: Wenn ich Geld von ihm annähme, würde ich mich wieder von ihm abhängig machen. Es wäre ein Zeichen der Unterwürfigkeit. Und der Schwäche. Ich bin nicht schwach.

 

»Gut«, sagte Janina Mentz schließlich, »stellen Sie die Frau ein.«

 

(1. September 2009. Dienstag.)

Im Unterrichtsraum standen vierzehn Stühle vor einem Pult, doch sie und der Mitarbeiter, der ihr die Einweisung gab, saßen nebeneinander. Er sprach mit schleppender Stimme und ernster Miene. »Ihre wichtigste Tarnung ist die sogenannte Legende, die Sie Ihrer Familie und Ihren Freunden gegenüber aufbauen. In Ihrem Fall heißt diese Tarnung News This Week. Diese Publikation existiert tatsächlich. Sie wird von der Regierungsstelle für Öffentlichkeitsarbeit herausgegeben und an die Minister, die Generaldirektoren und ihre Mitarbeiter verteilt. Sie werden |50|also erzählen, dass Sie für diesen Newsletter täglich aus den elektronischen und den Printmedien grundlegende Informationen über Limpopo und Mpumalanga herausfiltern. Für diese Gebiete sind Sie zuständig und schreiben jede Woche eine Seite in dem Newsletter über sie. Dabei müssen Sie wissen, dass die Regierung solche Informationen wirklich benötigt. Sie sollten auch jede Woche den echten Newsletter lesen, damit Sie wissen, was er enthält. Ebenfalls wichtig für Ihre Tarnung ist, dass Sie mit Aufstiegschancen rechnen. Sie können den Leuten also erzählen, dass Sie hoffen, eines Tages in eine größere Abteilung versetzt zu werden, zum Beispiel als Verantwortliche für das Westkap, und vielleicht in ein paar Jahren zur stellvertretenden Chefredakteurin aufzusteigen.«

Milla fragte sich, warum sie nicht fiktiv nach Höherem streben konnte, etwa dem Chefredakteursposten.

 

Kurz vor dem Mittagessen traf sie ihre neue Chefin, Mevrou Killian, die Leiterin der Abteilung für Informationsgewinnung und -aufbereitung, kurz: Info-Team, wie der Mann ihr erklärt hatte, der ihr die Einführung gab. Milla erkannte die Frau wieder. Sie war diejenige, die bei dem letzten Gespräch wortlos an der Wand gesessen hatte und aussah wie eine gütige Großmutter. Anschließend blieb nur noch Zeit, den neuen Kollegen rasch die Hand zu schütteln – der spektakulären Jessica mit ihren wilden roten Haaren und dem wohlgeformten Busen sowie zwei älteren, glatzköpfigen Männern, deren Namen ihr sofort entfielen.

Sie begriff, dass sie zu schick angezogen war, denn Jessica trug einen alten, übergroßen Pullover über einer Jeans und einer der Glatzköpfe eine Krawatte zu einem karierten Pullover mit kurzen Ärmeln.

 

(2. September 2009. Mittwoch.)

Janina Mentz starrte den Artikel in Die Burger mit der Überschrift: Brisante Fragen zu Waffenverkäufen lange an.

|51|Dann zog sie leise lächelnd ihre Schreibtischschublade auf, nahm eine Schere heraus und schnitt den Artikel aus.

Bevor sie ihn ordentlich in einer neuen Akte abheftete, las sie ihn noch einmal durch. Vor allem der fünfte Absatz interessierte sie. Es war ein Zitat von David Maynier, einem Parlamentsmitglied der Demokratischen Partei: Was hier geschieht, muss scharf verurteilt werden. Wir stehen kurz davor, Schutzanzüge für Piloten an das iranische Staatsoberhaupt Mohammed Ahmadinedschad zu liefern und haben bereits Granatwerfer und Gleitbomben, die Kernwaffen abfeuern können, an Oberst Gaddafi in Libyen sowie Gewehre an Präsident Hugo Chavez in Venezuela verkauft. Die Regierung muss sich die Frage gefallen lassen, warum sie Waffen an eine Reihe von Hochrisikoländern verkauft – und zwar illegal.

 

Um 10:14 Uhr an diesem Mittwochmorgen, dem zweiten September, hielt ein roter Toyota Corolla mit Ostkap-Kennzeichen vor der Chamberlainstraat Nummer 16A. Es war eines von sechs zweistöckigen Reihenhäusern, von denen jedes in einer anderen leuchtenden Farbe gestrichen war.

Nummer 16A war von einem undefinierbaren Rosaviolett, rote Spitzen krönten die kleinen Säulen neben dem ebenfalls roten Eingangstor. Ein farbiges Paar etwa Mitte dreißig stieg langsam aus dem Fahrzeug, reckte sich, als sei die Reise lang und anstrengend gewesen, trat durch das rote Zauntor und ging auf die Eingangstür zu. Der junge Mann holte einen Schlüssel aus der Hosentasche und schloss die Tür auf. Beide verschwanden in dem Haus, das seit dem gestrigen Tag leer stand.

Kaum eine Viertelstunde später traf vor dem Haus ein Lkw mit der Aufschrift: Afriworld Removals, Port Elizabeth ein.

Das farbige Paar kam zur offenen Tür heraus, begrüßte den Fahrer und zeigte auf das Haus.

Schräg gegenüber, aus dem obersten Fenster von Nummer 15, beobachtete Baboo Rayan, der Handlanger des Höchsten |52|Rats, sehr genau, wie die Türen des Umzugswagens geöffnet und das einfache Mittelklasse-Mobiliar hineingetragen wurden.

 

Während des Meetings am späten Nachmittag berichtete Masilo seiner Vorgesetzten, dass die beiden Undercover-Agenten erfolgreich das Haus gegenüber des Höchsten Rates bezogen hätten. »Die Agenten werden sich in der kommenden Woche oder noch länger bedeckt halten. Er wird morgen bei einem Autoersatzteil-Lieferanten in der Victoriastraat anfangen, sie wird zunächst einmal Hausfrau spielen und mit der fotografischen Observierung der Chamberlainstraat Nummer 15 beginnen. Die Stimmen- und Mobilfunküberwachungsgeräte haben wir in den Möbeln verborgen. Er wird sie heute Abend aufstellen, ab morgen müssten sie einsatzbereit sein. Dann müssen wir noch das elektro-akustische Mikrofon anbringen, aber das können wir erst, wenn wir ihre Gewohnheiten ganz genau studiert haben.«

»Gute Arbeit, Tau.«

»Danke, Mevrou.«

Mentz sah Rajkumar an. Sie wusste, dass der Inder gute Neuigkeiten hatte, weil er schon seit Beginn des Meetings mit selbstzufriedenem Lächeln dasaß. »Raj?«

»Julius Shabangu, unser Drahtzieher in Jo’burg. Wir haben sehr interessante neue Erkenntnisse.«

Mentz zog die Augenbrauen hoch.

»Wir haben zwei Fahrzeuge, getarnt als Patrouillenfahrzeuge des privaten Sicherheitsdienstes Eagle Eye Company, die ganze letzte Woche in der Nähe von Shabangus Haus postiert«, sagte Rajkumar und wartete auf ein Lob seiner Vorgesetzten für diesen klugen und ironischen Schachzug.

Doch sie nickte nur.

»Wir haben den Mobilfunk abgehört, und die gute Nachricht ist, dass wir zwei Handynummern herausgefiltert haben, die wahrscheinlich ihm oder seinen Leuten gehören.«

»Wahrscheinlich?«

|53|»Tja, das Areal umfasst ungefähr zwanzig Häuser, da ist der Mobilfunkverkehr sehr rege. Doch die fraglichen Anrufe fanden zu einer Zeit statt, in der Shabangu und seine Leute zu Hause waren. Wir haben die Telefone jetzt isoliert und werden sie von heute Abend an abhören. Aber jetzt kommt das Interessante. Shabangu und seine Leute haben mit Harare telefoniert. Es gab zwei Anrufe von verschiedenen Handys aus nach Simbabwe.«

»Aha«, bemerkte der Anwalt.

»Aber wir wissen nicht, zu wem die Nummer in Harare gehört«, warf Mentz ein.

»Nein, die Infrastruktur in Simbabwe ist uns nicht zugänglich. Aber wir werden ab sofort alle weiteren Anrufe mit diesen Handys abhören.«

Mentz lächelte über das ganze Gesicht. »Raj, das war gute Arbeit.«

»Ich weiß«, sagte der Inder.

 

Fotokopie: Tagebuch von Milla Strachan

Datum des Eintrags: 2. September 2009

Erschöpft. Müde. Was für ein Tag! Neun Stunden Ausbildung – Computer, Internet, Recherchetechniken, Berichterstattung, Schreibstil, alles in einem Raum, vor ein- und demselben Computer, mit vier verschiedenen, stinklangweiligen Lehrern.

 

Fotokopie: Tagebuch von Milla Strachan

Datum des Eintrags: 3. September 2009

Höhepunkt des Tages: Ich sehe zum ersten Mal die Worte: »Das eiserne Pferd braucht Futter«. Sie wanderten langsam über den Monitor von Oom Theunie, meinem Glatzkopfkollegen. Sein Bildschirmschoner. Ich fragte ihn, was das zu bedeuten habe. Er lächelte und antwortete, die Direktorin hätte immer so einen Heißhunger nach Informationen …

Er riecht nach Pfeife, wie mein Vater.

|54|9

(3. September 2009. Donnerstag.)

Sie saßen im Bizerca Bistro, der elegante schwarze Anwalt, Tau Masilo, und die integere weiße Frau, Janina Mentz. Sie hatten die Köpfe zusammengesteckt wie ein Liebespaar, eine Insel des Ernstes inmitten der lockeren Mittagspausenatmosphäre.

Masilo sprach leise: »Mein Informant sagt, unser Minister habe empfohlen, uns von der Zusammenlegung auszunehmen, aber andere Kabinettsmitglieder sind dagegen.«

»Wer?«

»Der Verteidigungsminister, wie es scheint, und auch der Innenminister.«

Einflussreiche Kabinettsmitglieder. Janina Mentz verarbeitete die Information und fragte dann: »Wer unterstützt uns sonst noch?«

»Der Vizepräsident.«

»Sonst niemand?«

»Wissen Sie, die Informationen stammen aus zweiter Hand, und ich halte sie für einigermaßen spekulativ. Entscheidend ist aber doch, dass der Präsident noch zögert, uns ebenfalls mit einzubeziehen.«

Sie aßen schweigend, Masilo mit sichtlichem Genuss. Schließlich legte er Messer und Gabel nieder. »Kein Wunder, dass der Finanzminister hier auch gerne speist. – Mevrou, darf ich einen Vorschlag machen?«

»Bitte, Tau.«

»Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, sich zur Wehr zu setzen und den Präsidenten davon zu überzeugen …«

»Aber wie?«

»Mit dem, was wir haben. Ich weiß, objektiv gesehen ist es nicht viel. Aber ein kurzer Bericht, geschickt formuliert …«

»Zu gefährlich.«

»Warum denn?«

|55|»Tau, wie viel Glaubwürdigkeit würden wir einbüßen, wenn wir uns in der Muslim-Sache gründlich irren?«

»Wird das in ein oder zwei Monaten noch eine Rolle spielen?«

»Wir haben einfach noch nicht genug«, sagte sie mit unterdrücktem Tadel.

»Ich weiß nicht, ob wir noch viel länger warten können, Mevrou. Das ist unsere Chance, die wir nicht verspielen dürfen. Wir müssen tagtäglich damit rechnen, dass der Präsident eine Entscheidung trifft.«

Janina Mentz rückte ihre Brille zurecht. Sie war noch nicht ganz überzeugt.

Masilos Handy klingelte. Er meldete sich, hörte zu und sagte dann: »Woher?« Dann: »Ich bin gleich da.«

Er steckte das Handy ein. »Das war Quinn. Ich glaube, die Abhöraktion in Gauteng hat die ersten Ergebnisse gebracht.«

 

Quinn, in schwarzem Rollkragenpullover und Khaki-Chinos, nahm mit seiner sanften Stimme den Informationen die Brisanz: »Inkunzi Shabangu und seine Leute sind gerissen, wie man es von Mitgliedern des organisierten Verbrechens erwarten kann. Sie wechseln jede Woche die SIM-Karten. Raj und seine Leute brauchen jedes Mal drei bis vier Tage, bis sie die neuen Nummern isoliert haben, denn wir können nur Shabangus Haus überwachen, es ist unser einziger Fixpunkt. Anschließend bleiben uns nur drei Tage, um sie abzuhören, bevor wir wieder von vorne anfangen müssen. Dabei benutzen sie nie dieselbe SIM-Karte zwei Mal, und wir vermuten, dass jeden Sonntagabend die neuen Nummern per Textnachricht an die wichtigsten Kontaktpersonen weitergegeben werden. Dieses Gespräch wurde heute Morgen aufgezeichnet. Shabangu spricht mit einer Person in Harare, man hört es am typisch simbabwischen Akzent.«

Mit einem Mausklick startete Quinn die Aufnahme. Über die beeindruckende Anlage konnte man das Gespräch klar und deutlich mitverfolgen.

|56|»Hallo.«

»Mhoroi, Inkunzi, wie geht’s dir?«

»Mir geht es gut, mein Freund, und dir?«

»Nicht besonders, Inkunzi, das Leben ist hart hier drüben.«

»Ich weiß, mein Freund, ich weiß, man liest es jeden Tag in der Zeitung.«

»Was soll man machen.«

»Und, mein Freund, ndeipi?«

»Ich kann dir sagen, dass du recht hattest, Inkunzi. Chitepo arbeitet an einer neuen Route, und sie führt durch Südafrika.«

Quinn hielt die Aufnahme für einen Augenblick an. »Wahrscheinlich geht es um Johnson Chitepo, Chef des Einsatzführungskommandos von Simbabwe und Mugabes rechte Hand. Aber hören Sie sich mal das hier an …« Erneut startete er die Aufnahme.

»Bist du sicher?«, ertönte die Stimme Shabangus über die Lautsprecher.

»So gut wie. Zu neunundneunzig Prozent. Sieht aber so aus, als ließe er Genosse Bob im Ungewissen.«

»Chitepo?«

»Yebo.«

»Er bestiehlt jetzt Mugabe?«

»Er sorgt für sein eigenes Wohl.«

»Okay. Wann geht es los?«

»Bald, glaube ich. Aber wir versuchen noch, Näheres in Erfahrung zu bringen.«

»Und die Route? Wie verläuft sie?«

»Ich weiß nur, dass er mit einem Südafrikaner zusammenarbeitet. Jemandem beim Naturschutz. Sie könnte also durch den Kruger Park führen, der ist grenzübergreifend. Der Gonarezhou und der Kruger Park sind ja inzwischen verbunden. Wir nehmen an, dass der Transport über diesen Weg abgewickelt wird.«

»Gut, mein Freund, das ist sehr gut. Aber wir brauchen Einzelheiten.«

»Ich weiß, Inkunzi. Ich werde mich weiter umhören.«

|57|»Tatenda, mein Freund. Fambai zvakanaka.«

»Fambai zvakanaka, Inkunzi.«

Wieder hielt Quinn die Aufnahme an. »Letzteres bedeutet nur ›Lass es dir gut gehen‹ auf Shona. Das Gespräch ist ziemlich typisch. Sie fassen sich kurz, genau wie bei dem nächsten. Diesmal hat Shabangu angerufen, eine Nummer, die zu einer Adresse hier am Kap gehört, in Rondebosch-Oos. Wir werden das Haus natürlich von jetzt an observieren. Es gehört einem gewissen Meneer Abdallah Hendricks, der uns bisher noch nicht aufgefallen ist.« Er öffnete eine neue Sprachdatei.

»Hendricks.«

Inkunzis Stimme, tief und respekteinflößend: »Ich habe eine Nachricht für Inkabi.«

»Inka…? Ach ja, Inkabi. Wie lautet die Nachricht?«

»Sagen Sie ihm, er hatte recht. Unser Freund in Simbabwe ist wieder im Exportgeschäft, hat aber neue Partner und möchte nach Südafrika exportieren. Richten Sie ihm aus, das sei zu neunundneunzig Prozent sicher, aber mehr wüssten wir nicht. Wir werden versuchen, mehr in Erfahrung zu bringen.«

»Ich werde es ihm ausrichten.«

»Danke. Das war alles.«

»Khuda hafiz.«

»Okay.«

Aufgelegt. Quinn wandte sich vom Bildschirm ab und Mentz und Masilo zu. »›Inkabi‹ bedeutet auf Zulu ›Ochse‹, afrikaans ›os‹, wie in ›Osman‹. Diesen Code könnten Shabangu und Osman bei ihrem Treffen vereinbart haben. Shabangu scheint einen Sinn für Humor zu haben.«

Nur Masilo lächelte.

Quinn fuhr fort: »Man merkt auch, dass Hendricks ziemlich überrascht auf den Anruf reagiert. Er hat den Code offenbar nicht sofort erkannt. Wir nehmen an, dass es Shabangus erster Anruf war, bei dem er auch zum ersten Mal den Code benutzte, um Osman Bericht zu erstatten, nachdem sie sich in Johannesburg getroffen hatten.«

|58|»Was bedeutet ›khuda hafiz‹?«, fragte Mentz.

»Das ist ein muslimischer Gruß, etwa ›Gott schütze dich‹. Shabangu wusste das offenbar auch nicht.«

»Wissen wir, wer die Kontaktperson Shabangus in Harare ist?«

»Nein, Mevrou. Aber wir wissen ein paar andere Dinge. Zum Beispiel, warum sich Osman mit Shabangu getroffen hat.«

»Klären Sie uns auf.«

»Das Bild ist noch ein wenig unvollständig …«

»Ich weiß, Quinn. Und für mich ziemlich verwirrend.«

»Fangen Sie ganz von vorne an«, bat Masilo. »Es ist entscheidend, dass wir alle ganz genau verstehen, was hier gespielt wird.«

Quinn nickte, dachte einen Augenblick lang nach und nahm dann ihnen gegenüber Platz.

»Na schön«, begann er. »Betrachten Sie es als ein Drama mit zwei Haupt- und zwei Nebendarstellern. Hauptdarsteller Nummer eins ist Johnson Chitepo, Leiter des Einsatzführungskommandos von Simbabwe. Er war Mugabes rechte Hand und hat damals die Vereinbarung über die Konzessionen für die Diamantminen im Kongo eingefädelt. Er war auch derjenige, der die Diamanten in den Jahren verkauft hat, als das noch ohne weiteres möglich war. Er und Genosse Bob haben damals ihre Schäfchen ins Trockene gebracht und nach und nach ein immenses Vermögen angehäuft. Die Zeiten sind jedoch vorbei, heute sieht alles ganz anders aus. Mugabe und Chitepo verlieren langsam aber sicher die Macht in Simbabwe. Durch Sanktionen und internationale Vereinbarungen ist der Diamantenmarkt eingebrochen, und ihre Auslandskonten wurden eingefroren, womit sie praktisch ihr Vermögen verloren haben. Chitepos Hauptanliegen ist es momentan, sich vor dem endgültigen Kollaps schnellstmöglich wieder ein Polster zuzulegen. Denn der Zusammenbruch wird kommen, es ist nur eine Frage der Zeit. Er sitzt auf Diamanten im Wert von mindestens hundert Millionen Dollar, hat allerdings keine Möglichkeit, sie zu veräußern. |59|Nun hat er aber offensichtlich neue Geschäftspartner gefunden. Jemand beim Naturschutz, jemand, der die Steine durch den erweiterten Kruger-Park herausschmuggeln kann. Klingt das plausibel?«

Mentz nickte.

»Unser zweiter Hauptdarsteller ist Sayyid Khalid bin Alawi Macki. Er hat damals Chitepo beim Diamantenabsatz geholfen, er hat die Kongo-Diamanten zu Barem gemacht, das Geld gewaschen und auf die Schweizer Konten des Mugabe-Clans transferiert. Als seine Kanäle jedoch blockiert wurden, zerbrach seine Freundschaft mit Chitepo. Eine Zwischenbemerkung: Wenn es um Macki geht, müssen wir viele Faktoren beachten. Erstens: Seine Hauptaktivität ist die Geldwäsche, und er arbeitet für ganz Afrika. Wir wissen, dass er für die Seeräuber in Somalia tätig ist, aber auch für Betrugs- und Drogenbanden in Nigeria und die Autodiebstahlsyndikate in Mosambik. Zweitens: Die internationale Wirtschaftskrise hat ihm schwer zugesetzt. Er hat hohe Kapitaleinlagen in Dubai verloren, seine Umsätze sind um über sechzig Prozent zurückgegangen, und momentan hat er zu kämpfen. Drittens: Er ist ein militanter Muslim aus Oman, dem zurzeit größten Wachstumsgebiet der al-Qaida. Und viertens: Macki hat eine Schwäche für die al-Qaida. Sein Erfolg, sein Reichtum und seine Großzügigkeit haben ihm in diesen Kreisen großes Ansehen verschafft. Ein Ansehen, das er jetzt gern wiederherstellen möchte.«

Quinn ließ Mentz Zeit, alles zu verarbeiten.

»Die Hauptintrige in unserem Drama entsteht durch Chitepos Drang, seine Diamanten zu verkaufen, und Mackis Überzeugung, dass die Steine im Grunde ihm gehören oder dass ihm, wie ursprünglich vereinbart, zumindest fünfzig Prozent anteilig zustehen. Macki hat auf irgendeine Weise von Chitepos Plänen erfahren und hatte vor, die Sendung abzufangen – die sogenannte ›Schiffsladung‹. Sein Problem ist jedoch, dass er in Simbabwe keine Freunde mehr hat und oben in Oman sitzt. Was kann er also unternehmen? Die einzige Lösung ist, mit denjenigen |60|von seinen Kontaktpersonen zu reden, die Simbabwe am nächsten sind – seinen Muslim-Brüdern.«

»Der Höchste Rat«, sagte Janina Mentz.

»Hier unten am schönen Kap«, ergänzte Masilo.

»Genau«, sagte Quinn. »Deswegen hat Macki einen unserer Nebendarsteller angerufen. Suleiman Dolly, den Vorsitzenden des Höchsten Rates.«

»Der Anruf, den unser Maulwurf Ismail Mohammed mitgehört hat.«

»Richtig. Macki weiß, dass Dolly und der Höchste Rat dringend eine Finanzspritze für ihr derzeitiges Projekt benötigen.«

»Das lokale Projekt, das nach Ismail Mohammeds Meinung im Einschmuggeln von Waffen besteht.«

»Und hier betritt unser zweiter Nebendarsteller die Bühne, Julius ›Inkunzi‹ Shabangu. Ich vermute, dass Macki Shabangu empfohlen hat. Erinnern wir uns daran, dass Macki ein Geldwäscher ist, und durch die Autodiebstahlsyndikate in Mosambik muss er zumindest von ihm gewusst haben. Wahrscheinlich hat er aber sogar selbst direkt oder indirekt Geschäfte mit ihm gemacht.«

»Wir wissen auch«, fiel Tau Masilo ein, »dass oben in Gauteng eine Gruppe von Simbabwern für ihn arbeitet. Sie kapern die Autos regelrecht, indem sie die Insassen brutal überfallen, zurücklassen und das Fahrzeug mitnehmen.«

»Richtig«, bestätigte Quinn. »Laut der Akten der Skerpioene verdächtigt man ihn ebenfalls, Simbabwern und Nigerianern falsche Ausweispapiere zu beschaffen. Er müsste daher gute Kontakte nach Harare haben … Ich wette jedenfalls, dass Macki in seinem Gespräch mit Suleiman Dolly Inkunzi als möglichen Geschäftspartner bei dem ganzen Plan empfohlen hat. Daraufhin entsandte Dolly ein Mitglied des Höchsten Rats zu einer Beratung mit Inkunzi – Osman, in dem Johannesburger Hotel. Inkunzi möchte sich bei Macki lieb Kind machen, ist aber in erster Linie Geschäftsmann. Er wird einen Anteil an dem Gewinn |61|einstreichen. Osman scheint ihm ein akzeptables Angebot unterbreitet zu haben.«

»Hmm«, machte Janina Mentz.

»Inkunzi und sein ungewöhnlicher neuer Partner, der Höchste Rat, planen, Chitepos Diamanten-Sendung abzufangen«, spekulierte Tau Masilo.

»Die Schiffsladung«, ergänzte Quinn.

»Und Inkunzi soll herausfinden, welchen Weg sie wählen und welche Südafrikaner beteiligt sind.«

Die beiden Männer sahen Janina Mentz an. Sie schob ihre Brille auf die Nase und stand auf.

»Ich glaube, damit können wir einen sehr interessanten Bericht zusammenstellen«, sagte Tau Masilo. »Für den Präsidenten.«

Mentz zögerte. Die beiden Männer warteten gespannt.

»In Ihrem Entwurf steckt ein entscheidender Fehler«, sagte sie. »Und zwar bei der Rollenverteilung. Der Bericht wird seine Wirkung vollkommen verfehlen, wenn Sie Chitepo und Macki als Hauptdarsteller präsentieren.«

Masilo verstand sofort. »Für unsere Zwecke werden wir den Höchsten Rat und die Waffentransaktion in den Mittelpunkt stellen.«

10

(7. September 2009. Montag.)

Milla trug ein schwarzes Kleid, darüber eine kurze Jeansjacke und dazu Stiefel. Sie fühlte sich wohl mit ihrem eigenen Stil, einem Büro-Outfit, wie es zur lockeren Atmosphäre des Info-Teams passte. Um Viertel vor neun saß sie an ihrem Computer und las ihre erste Ausgabe von News This Week, den Teil über Limpopo und Mpumalanga. Im Büro herrschte eine erwartungsvolle Spannung. Oom Theunie, einer der kahlköpfigen Mitarbeiter, hatte behauptet, etwas Großes sei im Anzug, denn Bigfoot hätte Mutter hereingerufen – ein sicheres Anzeichen.

|62|Oom Theunie und seine Spitznamen. »Mutter« war Mevrou Killian, »Bigfoot« bezeichnete den untersetzten Inder, den er auch »Z. Y.« nannte, den zotteligen Yeti, und manchmal »König Dickbauch«.

Milla nannte er »Carmen«, Jessica »Freia« (oder auch »die Göttin«, wenn er in der dritten Person von ihr sprach) und Don MacFarland, den anderen Glatzkopf im Team, »Donatella«.

»Warum »Donatella?«, wollte Milla wissen.

»Weil ich schwul bin, Schätzchen«, beantwortete Don ihre Frage.

Um Viertel nach neun eilte Mevrou Killian ins Büro, einen Stapel Akten unterm Arm, und rief alle zusammen.

»König Dickbauch hat gesprochen«, bemerkte Oom Theunie.

»Theunie, Sie werden den Kernbericht verfassen, alle anderen die ergänzenden Beiträge.« Sie reichte Milla eine Akte. »Sie übernehmen Johnson Chitepo. Schauen Sie sich die Akte an und versuchen Sie, aktuellere Informationen im Internet zu finden. Theunie soll Ihnen erklären, wie Sie Ihren Text formatieren. Jess, Sie kümmern sich um Sayyid Khalid bin Alawi Macki …«

»Wen?«

»Steht alles hier drin, aber unvollständig datiert. Ein interessanter Mann. Don, Ihnen vertraue ich das Wichtigste an.«

»Natürlich.«

»Qibla, der Höchste Rat, al-Qaida und ein unbeschriebenes Blatt – einen Mister Julius Nhlakanipho Shabangu, alias ›der Bulle‹.«

»Weil er so ein großes Horn hat?«

Sie lachte nicht. »Es ist wichtig, und es ist dringend. An die Arbeit.«

 

Zu Hause auf ihrem Sofa, noch immer mit einem hohen Adrenalinspiegel von diesem Tag voller Kollegialität, intensiver Konzentration und Büroscherze, beschloss sie spontan, sich bei ihrem Sohn zu melden.

|63|»Hallo?«, sagte er mit dem Misstrauen des Teenagers gegenüber einem unbekannten Anrufer.

»Barend, ich bin’s.«

»Mama?«, fragte er erstaunt.

»Ich wollte nur deine Stimme hören.«

»Wo bist du, Mama?«

»In meiner neuen Wohnung. Wie geht es dir?«

»Mama … Weißt du, Mama …«

»Barend …« Schon bereute sie den Anruf, weil sie erkannte, dass er ihre Euphorie nicht teilte.

»Du hast eine Wohnung?«

»Ja, eine ganz kleine. Können wir uns ein bisschen unterhalten?«

Ihr Sohn zögerte einen Augenblick und sagte dann skeptisch: »Okay.«

»Wie geht es dir?«

»Möchtest du das wirklich wissen?«

»Ja, Barend, ich will es wirklich wissen. Du weißt, dass ich dich sehr lieb habe.«

»Warum bist du dann weggelaufen?«

Weggelaufen. »Hast du meine Briefe bekommen?«

»Sind wir denn so schlimm, Mama?«

Etwas in seiner Stimme ließ sie vermuten, dass die Formulierung von Christo stammte. Auf einmal hatte sie keine Lust mehr, mit ihm zu reden, aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie setzte sich aufrecht hin und konzentrierte sich. »Ich habe doch so klar und deutlich auszudrücken versucht, dass es nicht an euch liegt …«

»Mama …«

»Gib mir bitte eine Chance. Ich musste raus, gerade, weil ich dich lieb habe, Barend, obwohl du das vielleicht nicht verstehst.«

Er sagte nichts.

»Ich möchte dir gerne etwas erzählen. Ich habe eine Arbeit gefunden und hatte heute einen ganz besonderen Tag. Ich habe das Gefühl, eine wichtige Aufgabe zu erfüllen …«

|64|»Aber du hättest doch auch arbeiten können, wenn du hiergeblieben wärst. Warum bist du weggelaufen?«

Sie war kurz davor, wieder in ihr altes Muster zu verfallen, riss sich aber rechtzeitig zusammen. »Wie läuft es in der Schule?«

»Was glaubst du denn? Wir haben jetzt eine Haushälterin, wenn ich nach Hause kommen, werde ich von einer Schwar…«

»Barend!«

Er murmelte etwas.

»Woher hast du so etwas?« Dabei wusste sie es ganz genau. Christo, der verkappte Rassist. Christo, der bestimmt seinem Sohn sein Leid klagte: »Jetzt müssen wir uns mit einer Haushälterin begnügen, wenn wir nach Hause kommen. Das hat uns deine Mutter angetan.« Ohne sich auch nur einen Augenblick zu fragen, inwieweit er Schuld daran hatte.

»Was interessiert dich das?«

Milla zog ihre Zigaretten heran. Sie musste sich zwingen, ruhig zu bleiben. »Ich habe gehofft, wir könnten uns unterhalten. Ohne gegenseitige Vorwürfe. Ich habe gedacht, dass wir wieder zueinanderfinden könnten, wenn wir regelmäßig miteinander reden.«

»Also bin ich derjenige, der dich vertrieben hat.«

»Barend, unser Verhältnis war vollkommen verkorkst. Ich bin aber bereit, es wieder zu kitten. Wenn du es auch bist.«

»Kommst du dann zurück?«

»Vielleicht sollten wir lieber nicht jetzt schon über die Zukunft reden, sondern lieber von einem Tag zum anderen schauen. Zuerst sollten wir uns wieder versöhnen. Was meinst du?«

Er schwieg für einen Moment. »Okay«, sagte er dann.

|65|11

(8. September 2009. Dienstag.)

In Rajkumars Büro legte Janina Mentz dem untersetzten Inder den Bericht des Info-Teams auf den Schreibtisch und sagte: »Das ist nicht gut genug.«

Anschließend erklärte sie ihm, welche Änderungen sie wünschte, vor allem die stärkere Betonung der möglichen Waffentransporte. Ohne Raj über die Quelle ihrer Inspiration zu unterrichten. Doch sie hatte eine Stunde zuvor einen Artikel in der neuesten Ausgabe von Die Burger gelesen, in dem ein parlamentarischer Sturm der Entrüstung losgebrochen war, weil die DA-LP behauptet hatte, die ANC-Regierung verkaufe Waffen an sogenannte Schurkenstaaten. »Die nationale Sicherheit steht auf dem Spiel. Für Maynier wird das ein juristisches Nachspiel haben«, hatte ein Mitglied der Regierungspartei gedroht.

Janina Mentz war erfreut über diese Wendung, die Tatsache, dass das Thema Waffenhandel wieder einmal auf der Tagesordnung stand. Sie wusste, dass das das Letzte war, was der Präsident sich wünschte, angesichts des Stigmas, das auch an dem designierten Leiter des neuen Supergeheimdienstes, Mo Shaik, haftete. Zwar hatte es nur mit seinem kriminellen Bruder zu tun, aber dennoch.

Vielleicht war das der neuralgische Punkt, an dem sie geschickt den Hebel ansetzen konnte.

 

(9. September 2009. Mittwoch.)

Der entscheidende Tag für die Operation EAM. Quinn saß mit dem Headset vor den drei Monitoren. Er allein, denn es sollte keine anderen Zeugen geben, falls die Sache schieflief. Er war angespannt, denn der Einsatz war seine Idee, und er war riskant. Einen kleinen Patzer würden sie noch vertuschen oder als vorübergehenden Rückschlag tarnen können. Bei einem richtigen Reinfall aber konnten sie das ganze Projekt rund um den Höchsten Rat vergessen.

|66|Ihr Ziel war es, ein elektro-akustisches Mikrofon (EAM) in der Mauer des Hauses in der Chamberlainstraat zu platzieren. Das Gerät war auch unter dem Namen »Betonmikrofon« bekannt und wurde manchmal von Installateuren benutzt, um nach Rohrbrüchen in der Wand zu suchen.

Er selbst war vor einer Woche auf die Idee gekommen, die vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen, um das Mikrofon tief in der Betonfassade von Nummer 15 zu versenken – die Satellitenschüssel, die der frühere Besitzer an der Außenwand verschraubt hatte, links oberhalb der Haustür.

Der zweite Schritt galt der Vorbereitung. Die Techniker der PIA, unter der Leitung des erfinderischen Rajkumar, hatten anhand von Fotos, die aus dem Fenster gegenüber aufgenommen worden waren, eine identische Kopie der Schüssel und des Trägers angefertigt. Eine der vier Schrauben enthielt jetzt das Mikrofon, und in dem hohlen Träger waren Sender und Batterie eingebaut. Das Empfangsgerät war bereits in der Chamberlainstraat 16A installiert worden.

Der dritte Schritt, der die größten Risiken barg, sollte jetzt in Angriff genommen werden. Sie mussten die alte Schüssel durch die neue ersetzen und hatten dafür nur neun Minuten Zeit.

Neun Minuten, denn so lange ließ Baboo Rayan, der Handlanger und Wächter des Höchsten Rats, das Haus jeden Morgen unbewacht, um in einem kleinen Laden an der Victoriastraat Milch und eine Zeitung zu kaufen. Manchmal brauchte er etwas länger, je nach Verkehrslage, aber weniger als neun Minuten war er noch nie ausgeblieben.

Auf den drei Monitoren vor sich sah Quinn drei verschiedene Bilder. Das in der Mitte stammte aus Nummer 16A und zeigte das Haus des Höchsten Rates gegenüber, vor dem derzeit noch Baboo Rayans weißer Hyundai Elantra, Baujahr 1998 stand. Der zweite Monitor links zeigte die Aufnahme aus dem Lieferwagen um die Ecke und gab die Sicht des Fahrers auf die Straße wieder. Und auf dem dritten, dem rechten, erschien die Vorderfront des kleinen Ladens, in dem Rayan jeden Morgen seine Einkäufe erledigte.

|67|In dem alten, klapprigen Pick-up an der Ecke zwischen Chamberlain- und Mountainstraat befand sich keine Videokamera. Quinn hatte den Wagen für den Notfall dort postiert, falls Plan B in Kraft trat – im Zweifelsfall sollte er die Straße blockieren und Rayan aufhalten. Er hoffte, ihn nicht einsetzen zu müssen, weil die Gefahr bestand, dass die Extremisten misstrauisch wurden. In den letzten Wochen waren sie ohnehin schon äußerst wachsam und übervorsichtig gewesen. In jeder Hinsicht.

Auf dem mittleren Bildschirm sah man, wie die Haustür von Nummer 15 geöffnet wurde und Rayan auftauchte.

»Haltet euch bereit«, sagte Quinn in das kleine Mikrofon vor seinem Mund.

Er beobachtete, wie Rayan wie jeden Morgen auf dem Bürgersteig stehen blieb und rechts und links die Straße entlangblickte. Dann schloss er die Tür des Elantras auf, stieg ein, drehte am Radio herum, startete dann erst den Motor und legte den ersten Gang ein.

Er fuhr los.

Quinn drückte auf die Stoppuhr und sagte. »Okay, Handwerker, an die Arbeit.«

Der Lieferwagen mit dem Logo einer fiktiven Radio- und Fernsehinstallationsfirma setzte sich in Bewegung.

Rayans Elantra verschwand vom mittleren Monitor.

Quinn blickte auf das Bild ganz links. Der Lieferwagen bog in die Chamberlainstraat ein. Rayans Auto kam ihm entgegen. Rayan achtete nicht auf den Lieferwagen und fuhr vorbei.

»Gebt Gas!«

Der mittlere Monitor. Chamberlainstraat Nummer 15. Quinn wartete auf das Erscheinen des Lieferwagens. Die Sekunden tickten vorbei.

»Zeit: minus acht«, las Quinn von der Stoppuhr ab.

Der Lieferwagen wendete vor Nummer 15 und parkte so, dass die Kamera zur Straße hin zeigte und die Satellitenschüssel von Nummer 16A aus sichtbar war.

|68|Der Techniker und sein Helfer sprangen heraus und eilten zur Heckklappe.

»Langsamer. Nicht so hastig. Verhaltet euch normal.«

Sie verlangsamten ihre Bewegungen. Öffneten die Hecktüren, holten die erste Leiter und die Werkzeugkiste heraus.

Quinn warf einen nervösen Blick auf das Videobild von dem Laden, obwohl es noch zu früh für Rayans Ankunft war.

Sein Team trug die Leiter und die Kiste bis zum Zauntor von Nummer 15. Einer öffnete es. Sie gingen hindurch. Klappten die Leiter auf, weil die Schüssel weit oben hing. Der Techniker kletterte hinauf, inspizierte aufmerksam die Befestigungen und sagte dann zu seinem Kollegen unten: »Dreizehnerschlüssel.«

Rayan war noch nicht beim Laden angekommen.

Der Techniker löste das Fernsehkabel, begann, die Muttern loszuschrauben, und der Helfer lief zurück zum Lieferwagen, um die neue Schüssel und den Aufsatz zu holen.

»Zeit: minus sieben.«

Rayans Elantra hielt vor dem Laden.

»Er ist dem Zeitplan ein bisschen voraus. Konzentriert euch«, sagte Quinn.

»Die Muttern sind eingerostet«, sagte der Techniker auf der Leiter. »Gib mir das Q20.«

Quinn sagte nichts. Er sah nur zu. Der Helfer war wieder auf dem Weg zurück zum Lieferwagen, um die zweite Leiter zu holen. Alles verlief nach Plan.

Rayan stieg aus und ging zum Laden.

Hoffentlich sind noch andere Kunden drin, dachte Quinn.

»Die Muttern wollen nicht«, sagte der Techniker.

»Wie bitte?«

»Zwei sind eingerostet. Ich kriege sie nicht los.«

Rayan verschwand im Laden. Quinn sah auf die Stoppuhr. »Du hast eine Minute, dann müssen wir die Aktion abblasen.«

»Roger.« Quinn beobachtete, ...

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