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Robert, der Schiffsjunge

1. Zu Hause

In dem holsteinischen Flecken Pinneberg stand vor Jahren am Ufer der Pinnau das kleine einstöckige Häuschen des alten Schneidermeisters Kroll. Ein Gemüsegarten erstreckte sich vom Hof bis zum Wasser herab, und mehrere baufällige Scheunen beherbergten unter ihren moosbewachsenen Ziegeldächern allerlei solche Tiere, welche auf dem Lande die meisten Leute selbst zu halten und zu schlachten pflegen, nämlich Schweine, Hühner und Tauben; außerdem aber auch noch zu anderweitigen Wirtschaftszwecken eine Kuh und zwei Ziegen. Daneben fand sich ein Holzstall, ein Heuboden, eine Geschirrkammer und ein kleiner ausgemauerter Raum, den einige zehn bis zwölf Kaninchen bewohnten.

Diese Letzteren gehörten Robert, dem fünfzehnjährigen Sohn des Meisters, der überhaupt als Oberaufseher und Proviantmeister für die sämtlichen Bewohner des Hofes von seinem Vater angestellt worden war, obgleich er freilich dies Amt nicht immer zur Zufriedenheit des Alten verwaltete.

Manches Mal, besonders an Sommerabenden, brüllte, grunzte und piepste es in den Ställen jämmerlich durcheinander, bis denn der Meister mit der Brille auf der Nase herauskam und in all die leeren Futtertröge schaute.

»Dass Gott erbarm, wo steckt wieder der Junge? Auf und davon, sobald die Feierabendglocke geschlagen hat, anstatt sich noch in Haus und Hof nützlich zu machen, noch einen Schilling extra zu verdienen, oder wenigstens ein gutes Buch zu lesen. Der schwimmt irgendwo auf der Aue oder auf dem Mühlteich, das ist nur allzu gewiss, und wenn es mir nicht gelingt, ihn zahm zu machen, so wird er ein Vagabund, ein Taugenichts. Dass Gott erbarm!«

Und kopfschüttelnd versorgte der Alte die Tiere, kopfschüttelnd nähte er wieder Fleck nach Fleck auf die beschädigten Kleidungsstücke der Ortsbewohner und überlegte zum hundertsten Male, womit er seinen einzigen Sohn zur Vernunft bringen solle.

Robert war ein so kluger Junge, konnte alles spielend vollenden, was andern die größte Mühe verursachte, aber er hatte »seinen eigenen Kopf«, wie der Vater seufzend dachte, und er verachtete heimlich das Schneiderhandwerk, zu dem er doch auf jeden Fall erzogen werden sollte. Ja, er verachtete es, er warf Schere und Bügeleisen in den Winkel, sobald das irgend möglich war, und lief – dass Gott erbarm!, dachte der Alte – lieber mit einem Loch im Ärmel herum, als dass er sich's fein säuberlich zugenäht hätte.

Meister Kroll ließ die Hand mit der Nähnadel in den Schoß sinken und schaute vom Tisch herab ganz trübsinnig auf die Straße hinaus.

»Könnte es so schön haben«, murmelte er vor sich hin, »könnte so warm sitzen und will durchaus in die weite Welt laufen, um sich erst einmal mürbe machen zu lassen und auszuprobieren, wie fremder Leute Brot schmeckt. Soll aber nichts daraus werden, so wahr ich Hans Fürchtegott Kroll heiße. Den einen Jungen besitze ich nur, das Häuschen ist schuldenfreies Eigentum und die Kundschaft nährt ihren Mann, also was will der Robert weiter? Nicht dem hundertsten wird's so aufgeschüsselt, dass er nur den Löffel hineinzutauchen braucht. Was sagst du dazu, Mutter?«

Die alte Frau fuhr mit der Schürze über die Augen. »Es kommt nichts danach, Vater, du kannst ihn nur halten, bis er ausgelernt hat, dann geht er zur See.«

Der Alte nickte vor sich hin. »Hat dir's wohl schon alles anvertraut, nicht wahr, Frau?«, brummte er, »aber daraus wird nichts. Einen Zunftzwang gibt es nicht mehr, zu wandern braucht er nicht und damit basta.«

Die Mutter schwieg klüglich, um nicht ihren Mann nur noch mehr aufzubringen und dadurch dem Jungen zu schaden. Sie machte diesem vielmehr, wenn er spät nach Hause kam, allerlei heimliche Zeichen, dass er nur ganz still ins Bett kriechen und sich gar nichts merken lassen solle.

»Der Junge muss sich doch am Abend ein bisschen austoben«, dachte sie. »Er ist ja noch ein Kind, das vergisst der Alte nur.«

Sie nahm sich auch, wenn es irgend möglich war, der Tiere an und verschwieg es dem Vater, wenn Robert heimlich fortgelaufen war.

»Er mag einmal durchaus nicht sitzen«, überredete sie sich, »und den einzigen Jungen habe ich nur. Warum soll er beständig arbeiten, als wären wir arme Leute, die das Brot trocken essen müssen? Lass ihn nur laufen.«

Das war aber eine törichte Liebe, und die schlimmen Folgen zeigten sich bald. Der Vater schlug den Jungen mehr als er verdiente, die Mutter dagegen half ihm, sich durch fortwährende kleine Lügen diesen Bestrafungen zu entziehen, und Robert selbst wurde immer trotziger, immer ungehorsamer.

»Ich will kein Schneider werden«, erklärte er eines Tages dem Alten rund heraus, »ich habe dazu keine Lust. Das Schifferhandwerk ist auch ein ehrliches Gewerbe, nicht schlechter als sonst eines, und gerade danach steht mein Sinn. Ich möchte mehr von der Welt sehen als nur das kleine Pinneberg.«

Der Meister schüttelte den Kopf. »Ist alles dummes Zeug«, versetzte er. »Sollst in die Kundschaft hereinwachsen, dies Häuschen übernehmen und – beliebt's Gott! eines Tages von hier aus begraben werden, wie schon mein Großvater selig und mein Vater von hier aus begraben worden sind. Sie waren Schneider vom Vater auf den Sohn, und du wirst's auch, du bekommst den Platz auf diesem Tisch, sobald ich einmal unterm Grünen liege. Dabei bleibt's, verstanden?«

Robert weinte bitterlich. »Ich seh's aber gar nicht ein!«, schluchzte er.

»Ich desto besser. Bleibe im Lande und nähre dich redlich!, heißt der alte Spruch. Wer's nicht getan hat, der musste es bitter zu seinem Schaden erfahren.«

Robert hob plötzlich den Kopf. »Wenn aber jeder in seinem Lande geblieben wäre, dann sähe doch die Welt ganz anders aus!«, rief er. »Christoph Columbus und –«

»Ach lass doch die gräulichen Heiden. Es hilft dir alles nichts, die Krolls sind von jeher Schneider gewesen und du wirst's auch. Da, diese Naht nähst du mir mit einem sauberen Steppstich. Finde ich einen Tadel daran, so schmeckst du den Stock, und nun den Mund gehalten, wenn ich bitten darf. Lehrjungen plappern nicht während der Arbeitsstunden.«

Robert musste sich fügen, aber in seiner Seele wuchs das Verlangen nach Erlösung aus diesen Verhältnissen immer stärker. Hier bleiben fürs ganze Leben, nie etwas anderes sehen als den engen Hof und die enge Straße, das war schrecklich. Der Vater erlaubte gar kein Vergnügen, keine Erholung, er gestattete ihm nicht ein einziges Mal, mit der Eisenbahn nach Hamburg zu fahren oder in Gesellschaft anderer Knaben eine Fußreise zu machen. »Das alles kostet Geld und Zeit«, war die Antwort, welche er seinem Sohne gab. »Was willst du in Hamburg? Da stehen Häuser und laufen Menschen wie hier. Der Taler wäre ganz umsonst ausgegeben.«

Robert senkte mutlos den Kopf. »Und die Schiffe und die Elbe?«, fragte er kleinlaut. »Das ist doch sehenswert.«

Der Alte wich und wankte nicht. »War mir allezeit ein Gräuel, das Matrosenwesen«, antwortete er. »Die Kerle fluchen und trinken und sind Verschwender von Profession. Hat so einer seine Heuer empfangen, dann geht es darauf los, als könnte die Geschichte gar kein Ende nehmen. In die Sparkasse wandert kein Schilling.«

So endete jeder Versuch, etwas mehr Freiheit zu erringen, und Robert wurde endlich ganz stumm. Er grollte seinem Vater, daher sprach er nicht mit ihm.

Um diese Zeit machte er eine Bekanntschaft, die für seine ganze Zukunft von schwerwiegender Bedeutung werden sollte. Der Seilermeister, dessen Bahn an den Krollschen Garten stieß, hatte einen neuen Gesellen in Arbeit genommen, und Georg, so hieß er, suchte sehr bald den Umgang des verdrießlichen Schneiderlehrlings.

Nur um wenige Jahre älter als Robert, hatte er von der Welt schon ein gutes Stück gesehen, war als Schiffsjunge in fremden Ländern gewesen und kannte alles, was zum Seewesen und -unwesen gehört, auf das Allergenaueste. Kein Wunder also, dass sich Robert auf das Beste mit ihm befreundete.

Zuerst sprachen die beiden nur über den Zaun hinweg, dann aber schlüpfte Georg hindurch, und auf dem Heuboden entspann sich die lebhafteste Unterhaltung.

Robert horchte dem, was ihm der Seiler erzählte, wie einer Verkündigung. Endlich, endlich hatte er gefunden, was er suchte, endlich durfte er alle diese Dinge kennen lernen, nach denen seine Seele dürstete. Selbst an die Bootsfahrten auf dem Mühlenteich dachte er nicht mehr, sondern verbrachte jede freie Stunde neben dem neuen Kameraden auf dem Heuboden oder im Holzstall. Georg musste fortwährend erzählen.

Der schlaue Bursche wusste sehr bald seinen Vorteil wahrzunehmen. »Willst du eine Zigarre?«, fragte er einmal. »Oder ist dir eine Pfeife lieber?«

Robert errötete. »Ich – ich habe noch nie geraucht!«, stammelte er.

»Was? nicht geraucht?«, lachte der andere. »Darfst's wohl nicht, kleiner Junge, was? Gibt dir der Alte noch Schläge?«

Robert sah zur Seite. »Oh nicht doch«, versetzte er, »wohin denkst du? Und das Rauchen verbietet der Vater auch nicht, ich – habe schon manche Zigarre verdampft, aber –«

»Ha, ha, ha, und vor zwei Minuten sagtest du das Gegenteil, Bürschchen. Dich haben sie aber schön in der Zucht.«

»Gib her!«, rief Robert, gereizt durch den Spott des anderen. »Gib her! Und verböte es meinetwegen der Vater, so würde ich mich doch nicht daran kehren.«

»Das meine ich aber auch. Wie alt bist du eigentlich, Junge?«

»Bald sechzehn«, versetzte Robert. »Du brauchst mich übrigens gar nicht ›Junge‹ zu nennen, Georg. Ich bin fast so alt wie du selbst.«

Der Seiler lächelte überlegen. »Wirst ja noch wie ein kleines Kind behandelt, mein Bester«, sagte er, »daher kommt's wohl. Ich glaube, du musst um Erlaubnis fragen, wenn du niesen willst. Na, da war ich dir ein anderer Kerl!«

»So«, fragte Robert, mannhaft gegen den Tabaksdampf kämpfend, »und wie fingst du die Geschichte an? Warst du bereits Schiffsjunge?«

»Natürlich. Ach, das ist ein Herrenleben, sage ich dir. Es geht nichts über die See. Sollte ich so wie du auf dem Tisch sitzen und immer mit der Nadel in die Lappen hineinbohren, das wäre mir was Rechtes. Weiberarbeit und weiter nichts – ich danke dafür!«

Robert hatte große Lust zu weinen. Die Beschäftigung, welche ihm von seinem Vater aufgedrängt wurde, erschien ihm in diesem Augenblick wie eine Art Schande.

»Ja, du hast gut reden«, seufzte er. »Aber was soll ich machen? Mein Alter lässt mich nicht los, so oft ich ihn auch bitte.«

»So musst du einfach fortlaufen«, sagte gleichgültig der Seiler.

Robert erschrak heftig. Noch war er nicht verdorben genug, um einen solchen Gedanken in seiner Seele Wurzel fassen zu lassen. »Das wäre ja Sünde!«, stammelte er.

Der Seiler lachte spöttisch. »So bleib hier«, gab er zurück, »und bete das Vaterunser, ehe du einschläfst. Ich würd's auch tun.«

Robert verbiss das Unwohlsein, welches ihm die Zigarre verursachte. Um keinen Preis hätte er dem anderen eingestanden, dass ihn dies männliche Vergnügen jämmerlich über den Haufen zu werfen drohte. »Warum verspottest du mich immer?«, fragte er. »Lieber erzähle mir von deinen Reisen.«

Der Seiler gähnte. »Die Kehle wird einem trocken dabei«, antwortete er. »Hat dein Alter nirgends einen Schluck hinter seinen Flicken und Lappen verborgen?«

»Branntwein?«, fragte Robert. »Den trinkt er nie.«

»Gott, welch ein Muster von einem Manne. Ihr seid ja die reinen Mucker!«

Robert erhob sich, etwas schwankend, aus dem Heu. »Bier haben wir«, sagte er. »Ich will dir eine Flasche holen.«

»Du!«, rief ihm Georg nach. »Bring auch einen Bissen Brot mit und ein Stück Speck oder Dergleichen. Deine Alte hat ja natürlich die Speisekammer voll.«

Robert winkte ihm. »Pst – lass es doch niemand hören.«

Dann aber schlich er fort und gelangte durch eine zerbrochene Scheibe in den kleinen Vorratskeller. Sein Herz klopfte zum Zerspringen, als er eine Bierflasche und ein tüchtiges Stück Schinken an sich nahm. Das war gestohlen, sein Gewissen sagte es ihm laut genug.

Jeden Augenblick glaubte er den schlürfenden Schritt des Vaters zu hören. Und nannte nicht dort jemand seinen Namen – »Robert!«

Er horchte. So bestimmt hatte er's geglaubt.

Aber alles blieb still. Leise wie ein Dieb kroch Robert wieder durch das Fenster in den Hof hinauf und brachte seinem Freunde das Verlangte. »Da, nun iss«, sagte er, »und dann erzähle. Warum bist du überhaupt vom Seewesen abgegangen?«

Der Seiler setzte die Flasche erst wieder auf den Fußboden, als sich kein Tropfen mehr darin befand. »Warum?«, wiederholte er. »Hm, ich habe einmal das Bein gebrochen – bin aus dem Mast gefallen und kann daher nicht mehr klettern.«

Robert zertrat heimlich die Zigarre mit dem Fuß. Er konnte es nicht ertragen, länger zu rauchen, aber dennoch empörte sich sein falscher Stolz gegen das Eingeständnis dieser Schwäche. »Aus dem Mast gefallen?«, wiederholte er. »Binden sich denn die Seeleute nicht fest da oben?«

Der Seiler wollte sich ausschütten vor Lachen. »Festbinden!«, rief er. »Das ist köstlich. Nein, du, sie machen sich's noch bequemer, will ich dir sagen, die Mutter muss mit an Bord und auf dem Verdeck die Schürze ausbreiten, dahinein fällt der Junge, wenn er das Gleichgewicht verliert.«

Robert errötete. Das und so vieles andere waren Anspielungen auf seine abhängige Lage und auf den strengen Gehorsam, welchen der Vater von ihm forderte; er fühlte es mit dem ganzen Groll, der so leicht ein junges Herz erfasst, wenn seine ersten unreifen Freiheitsbestrebungen keine Geltung erlangen können.

»Du bist glücklich«, sagte er, »kannst tun und lassen, was dir beliebt. Aber ich muss ein Schneider werden, weil es der Vater durchaus will. Wenn er nur erfährt, dass ich einmal auf dem Mühlenteich gefahren bin, so gibt es schon –«

»Kopfnüsse!«, ergänzte gleichmütig der andere. »Kann ich mir genau denken, du kleine Unschuld. Aber warum fährst du nicht in der Nacht? Eben jetzt haben wir die günstigste Jahreszeit dazu. Wahrhaftig, ich möchte einmal an des Müllers Segelboot meine Kunst wieder üben.«

Roberts Herz klopfte ungestüm. Wie dreist war Georg, wie leicht schien das alles, wenn man ihn so sprechen hörte. An das Segelboot des reichen Müllers hatte er selbst noch nicht einmal zu denken gewagt. Das lag ja mit einer Kette und einem Hängeschloss befestigt an dem zierlichen, über das Wasser hinausgebauten Gartenhaus, es war das Eigentum fremder Leute, wie konnte man also davon sprechen, als dürfe nur der erste Beste hingehen und es zu seinem Vergnügen besteigen?

»Ja«, sagte er ganz verwirrt, »aber das ist nicht erlaubt!«

»Ach, dummes Zeug. Was schadet es den Planken, wenn wir einmal ein wenig darauf herumtrampeln? Du glaubst gar nicht, wie angenehm es ist, bei stillem Wetter im Boot zu liegen und sich von den Wellen schaukeln zu lassen.«

»Das weiß ich!«, rief mit glänzenden Augen der Knabe. »O es ist ein Vergnügen wie kein anderes. Der Kahn des Holzhändlers da oben an der Eisenbahn ist mir von den Leuten erlaubt worden, weil ich ihnen kleine Gefälligkeiten leiste, und da fahre ich denn häufig nach Feierabend quer über den Teich. Freilich, der Vater darf's nicht wissen.«

Georg kaute noch an dem mitgebrachten Schinken. »Der platte, schwerfällige Kahn«, sagte er verächtlich »der Klotz, an welchem man sich die Arme lahm rudern muss. Nein, mein Junge, was erst große Anstrengung kostet, das ist kein Vergnügen mehr. Ein Segelboot steigt wie eine Möwe über das Wasser, aber dein Kahn gleicht einem Schubkarren, der dir Schweiß und Flüche auspresst. Versuch erst einmal den Unterschied.«

Robert war bereits halb besiegt. »Meinst du, dass es ginge?«, fragte er. »Das Boot ist angeschlossen, glaube ich.«

»Nun, dafür hat man krumme Nägel. Wir wollen ja nicht stehlen.«

»Freilich, freilich«, murmelte Robert. »Wie komme ich nur aus dem Hause, dass es die Eltern nicht merken? Den Schlüssel darf ich auf keinen Fall nehmen.«

»Ist ja auch gar nicht nötig, du Hasenherz. Die Hoftür hat jedenfalls einen Riegel, und den zieht man leise zurück, das ist das Ganze. Die Alten schnarchen ruhig weiter.«

»Ja«, rief Robert, »aber dann stände das Haus offen!«

»Nun, und was schadet das weiter? Schätze werden in dem alten Rumpelkasten nicht verborgen sein, denke ich.«

Robert lächelte. »Schätze wohl nicht, du, aber ein Paar hundert Taler hat der Alte doch im Schrank. Er bringt es immer erst zur Sparkasse, wenn das Tausend voll ist, so alle zwei oder drei Jahre.«

Georg hatte aufmerksam zugehört. »Sieh, sieh«, versetzte er, »also ein Krösus im Kleinen. Ja, die Schneider sind kluge Leute und sparsam dazu: Es tranken ihrer neunzig, und neunmalhundertneunzig – aus einem Fingerhut!«

Robert seufzte. »Die Schneider sind doch überall verachtet«, sagte er. »Ich mag keiner werden, und wenn es auch noch so viel Geld abwirft.«

Georg nickte. »Wäre auch schade um einen so strammen, kräftigen Burschen wie du bist«, meinte er. »Gott, wenn ich dich als Leichtmatrosen denke – du könntest es in ein paar Jahren zum Kapitän bringen. Und ein solcher ist ein König im Kleinen.«

Robert fuhr mit der Rückseite der Hand über die Augen. »Es hilft mir ja doch zu nichts«, stammelte er. »Ich darf nicht fort.«

»Ach, Unsinn. Komm nur erst einmal mit mir auf den Mühlenteich hinaus, dann wird dir der Mut schon wachsen. Wie wäre es, wenn wir morgen die Geschichte versuchten? Du legst dich um neun Uhr in deine Koje und schnarchst wie ein Bär, bis du merkst, dass die Alten ihr Vaterunser heruntergeleiert haben und sanftselig von ihren Sparkassenbüchern träumen, dann schlüpfst du zur Hoftür hinaus, aber nicht ohne ein wenig Mundvorrat, das sage ich dir. Gute Kost ist immer die Hauptsache.«

Robert fühlte, wie mächtig ihn die Versuchung ergriff. Was wäre es denn auch weiter? Die Söhne des Müllers durften nach getaner Arbeit im Boot fahren, so viel sie wollten, er hatte es oft gesehen und auch dem Vater vorgehalten, wenn ihm dieser jedes Vergnügen versagte; dann schüttelte der Alte ärgerlich den Kopf. »Der Müller ist ein reicher Mann«, antwortete er, »hat Geld und Gut die Fülle, da kann er es schon treiben, wie es ihm gefällt. Du aber bist armer Leute Kind und musst Pfennig auf Pfennig legen. Ich hab's auch so gemacht.«

Es war dem Knaben, als höre er die warnende Stimme des alten Vaters, aber doch konnte sein Herz nicht widerstehen. »Ich komme, Georg«, flüsterte er, unwillkürlich leise sprechend, als fürchte er sich vor dem Verbotenen. »Wo treffen wir uns?«

»Hm, ich denke am Mühlenteich. Du kennst ja jedenfalls im Garten des Müllers die Gelegenheit, nicht wahr? Hast da manchen Apfel und manche Pflaume erwischt.«

Robert schüttelte den Kopf. »Ich bin dort gewesen«, antwortete er, »aber mit den Söhnen des Müllers. Früchte gestohlen habe ich nie.«

Georg lachte. »Dann weißt du noch gar nicht, wie sie schmecken«, sagte er in leichtfertigem Tone. »Aber komm nur hin, kleiner Tugendprinz, und bring mir von demselben Schinken ein tüchtiges Stück mit. Deine würdige Frau Mutter hat dies verstorbene Borstvieh außerordentlich schmackhaft zubereitet.«

Robert versprach es, und dann trennten sich die beiden Genossen. Während der Seiler zufrieden lächelnd seine Herberge aufsuchte, kroch unser junger Freund, an allen Gliedern wie gelähmt, mit brennender Zunge und schwerem Kopf zunächst wieder in den Vorratskeller hinunter, um dort die leere Flasche an ihren Ort zu stellen, und dann ging er schleunigst zu Bett. So unwohl hatte er sich noch nie im Leben gefühlt. Es war ihm als wolle die Stirn zerspringen vor Schmerz.

Am folgenden Morgen hatte er Ränder um die Augen und sah ganz blass aus. Das Essen flößte ihm Widerwillen ein. Dennoch aber arbeitete er den Tag über mit besonderem Fleiß, um nur keinen Verdacht auf sich zu lenken, und ging früh wieder in sein Bett.

O wie lang wurde dieser Abend! Der Vater hatte noch spät eine fertige Arbeit auszutragen, und die Mutter knetete das Brot, Gott weiß wie lange. Es schien dem ungeduldigen Robert, als sei ein Jahr vergangen, seit er sich unter die heißen Federn legte. Zehnmal war er im Begriff wieder aufzustehen, aber immer hinderte ihn die Furcht, sich dadurch verdächtig zu machen. Sein böses Gewissen ließ ihn vor jedem Geräusch erzittern.

Aber alles nimmt ein Ende, auch der längste und der langweiligste Abend. Endlich war der Teig fertig und der Vater wieder nach Hause gekommen, endlich das Licht ausgelöscht und in der anstoßenden Kammer die Eltern zur Ruhe gegangen. Nur noch wenige Worte wurden gewechselt, dann schliefen die arbeitsmüden Menschen, dann regte sich im ganzen kleinen Räume kein Laut mehr. Robert konnte geräuschlos aus dem Bett und in die Kleider schlüpfen.

Seine Stiefeln behielt er in der Hand. Nur noch geschwinde wieder den Keller aufgesucht – heute schon viel gleichgültiger als gestern – dann zog er den Riegel von der Hoftür. Auf seinen Wangen brannte das Rot der Furcht und der Beschämung. Sollte er wirklich fortgehen, die ahnungslosen schlafenden Eltern keck betrügen, ihr Hab und Gut preisgeben, ihr Verbot übertreten? – Noch auf der Schwelle zögerte er. »Kein guter Sohn tut das!«, flüsterte die Stimme des Gewissens.

Ja, aber wie wird Georg lachen, wie wird er mich morgen verspotten, dachte der Knabe. Ich hör's schon, dass er sich lustig macht. »Bist kein Kerl, du kleiner Schneider, hast keinen Mut. Geh, nähe zahme Stiche und lass dir von den Alten die Lehren der Weisheit und Tugend vorpredigen, bis du ganz dumm geworden bist. Die Schafsköpfe leben am längsten.«

Er murmelte eine Entschuldigung, als stände Georg mit seinem mageren, blassen Gesicht und dem höhnischen Blick im Mondlicht unmittelbar vor ihm. Nein, nein, so feige und unzuverlässig konnte er sich nicht zeigen. Hingehen musste er.

Mit drei Sätzen war die Hecke des Nachbargartens überklettert, Flaschen und Mundvorrat hindurchgeschoben, und nun ging's in eiligem Laufe weiter. Der schlurfende Schritt des einzigen alten Nachtwächters, sein Stolpern über das schlechte, unebene Pflaster waren schon von Weitem zu hören – er konnte einer Begegnung leicht ausweichen. In weniger als einer Viertelstunde hatte er die Gruppe hoher alter Linden erreicht, unter deren Schatten der Eingang zum Garten des Müllers sich befand.

Georg trat ihm plötzlich von der Seite entgegen, sodass er erschrak.

»Ach – du bist's«, flüsterte er. »Ich dachte schon der Müller –«

»Passte hier auf, um mich gottlosen Sünder ans Messer zu liefern, nicht wahr?«, lachte der Seiler. »Bist du aber ein Hasenfuß, Prinz vom Bügeleisen. Na, komm nur; im Garten ist niemand, ich habe ihn schon ausgekundschaftet.«

Die beiden durchschritten den langen Kiesgang und kamen an ein kleines chinesisches Gartenhaus, dessen Tür verschlossen war. Robert wandte sich bedauernd zu seinem Gefährten. »Was nun?«, fragte er.

Der Seiler suchte in allen Taschen. »Wirst's gleich sehen«, versetzte er. »So musst du die Sache anfassen! – Das ist keine Hexerei.«

Er hatte ohne viele Mühe das Schloss geöffnet, noch ehe Robert eine Einwendung erheben konnte. Mit pochendem Herzen folgte ihm dieser in den kleinen offenen Raum, an dessen Treppe das Segelboot auf dem Wasser lag. Heller Mondschein überflutete den breiten Teich und seine hübschen, von grünen Wiesen umrahmten Ufer; weiße Schwäne segelten langsam vorüber.

Georg wandte sich blinzelnd zu seinem jüngeren Gefährten. »Wie angenehm ist es doch, ein reicher Mann zu sein, nicht wahr, Robert?«, fragte er. »Aber der Einfältige, der Schüchterne wird es nie im Leben. Sieh, wie oft hast du schon im Stillen die Söhne des Müllers um ihr hübsches Segelboot beneidet, aber hingehen und dir's nehmen, das wagtest du nicht. Jetzt fahren wir und kehren uns nicht daran, wer das Ding bezahlte – so macht es der Kluge überall.«

»Aha, ein hübsches Fahrzeug«, fuhr er fort, »verteufelt nett. Alles so fein gemalt und sauber gehalten, man sollte meinen, dass es richtige Teerjacken wären, die es unter Händen haben. Wahrhaftig, auch ein Flaschenkorb! Prosit, Müller!«

Er trank ein paar Schluck von dem Branntwein, der sich vorfand, und öffnete dann das Schloss des kleinen Bootes, alles mit einer Sicherheit, als sei er der rechtmäßige Eigentümer dieser Dinge.

Robert folgte ihm, und dann stießen sie ab, nachdem der Seiler vorerst das aufgerollt Segel »gesetzt«, das heißt es an dem einzigen Mast des Fahrzeuges »aufgehisst« hatte. Er schien so recht in seinem Elemente zu sein; das Vergnügen lachte aus seinen Gesichtszügen.

»Schau her, Landratte«, rief er, »lerne ein Boot bedienen. Da oben sitzt die ›Rolle‹ oder ›Scheibe‹ und an dieser ist das Tau befestigt, worauf unser Großsegel ›fährt‹. Es heißt ›Fall‹, dies Stückchen Seilerarbeit, und der höchste Punkt des Mastes heißt ›Topp‹. Die Stange, welche in der oberen, dem Maste gegenüberstehenden Ecke des Segels in einer Tauöse, ›Kausche‹, befestigt ist, und welche unten am Mast in einem beweglichen Tauring steht, heißt das ›Spriet‹ und dient dazu, das Segel straff zu ziehen, damit es den Wind besser aufzufangen vermag. Hast du deinen Herrn und Meister begriffen, kleiner Gelbschnabel?«

Robert horchte fast andächtig. Sein Herz hüpfte vor Freude, wie man zu sagen pflegt. Unter sich den blauen Spiegel des Teiches und über sich das weiße bauschende Segel – er glaubte, dass es auf der Welt kein größeres Vergnügen geben könne. Vergessen war der Ungehorsam, das Verbrechen, fremder Leute Schlösser gewaltsam geöffnet zu haben und die Gefahr einer etwaigen Entdeckung. Robert empfand nur die Seligkeit, in einem wirklichen Schiff, wie er es nannte, fahren zu dürfen. Langsam glitt das Boot über die Wellen dahin.

»Du bist ja ganz stumm geworden«, lachte der Seiler. »Hast am Ende noch gar nie die Planken eines Schiffes betreten?«

»Ach«, seufzte Robert, »nie eins gesehen sogar.«

»Unmöglich! du bist doch gewiss oft in Hamburg gewesen?«

»Noch nie. Vater gibt keinen Pfennig unnötig aus.«

Georg zog verächtlich die Schultern empor. »Dein Alter ist ein Narr«, sagte er, »aber du bist ein dreifacher, mein Söhnchen. Pass nur auf, die Gelegenheit zu einem Abstecher nach Hamburg soll sehr bald kommen. – Hast du etwas zu leben mitgebracht?«

Robert reichte dem Freunde das Bier und die Speisen. »Sind alle Boote so eingerichtet wie dieses?«, fragte er. »Ach, das Segeln ist doch ganz etwas anderes als das Rudern.«

»Habe ich dir's nicht gleich gesagt, Däumling? Aber das Ei will immer klüger sein als die Henne. Was wirst du erst für Augen machen, wenn wir uns einmal auf einem Dampfer befinden.«

»Wie sind die eingerichtet?«, fragte begierig der Knabe.

Georg lachte laut. »Wie tief ist das Meer bei Grönland, mein Junge? Ebenso gut könnte ich das auf Stecknadelbreite angeben als ohne Weiteres beantworten, wie Dampfschiffe eingerichtet sind. Sehr verschieden, das ist vorerst alles, was du zu wissen brauchst. Immer langsam voran, dass der Pinneberger Schneider nachfolgen kann.

Wollen jetzt einmal bei den Booten stehen bleiben und ihre Unterschiede kennen lernen. Da gibt es zum Beispiel solche, welche kein Spriet haben, sondern an deren oberem Rande eine Stange befestigt ist, die man ›Rah‹ nennt. Die Leine heißt in diesem Fall ›Lissleine‹ und jedes Segel ist mit dicken Tauen umsäumt, hier ›Segellicke‹ genannt. So gibt es ein ›Oberlick‹, ›Unterlick‹, ›Meßlick‹ und ›Achterlick‹. Wo ihrer zweie eine Ecke bilden, ist eine eiserne oder messingene Kausche eingenäht.

Die untere Ecke am Mast heißt der ›Hals‹ des Segels, die andere, gegenüberstehende, die ›Schoote‹. Bei sehr großen Segeln werden in den Kauschen dieser Ecken Flaschenzüge, ›Blöcke‹ genannt, befestigt und Taue in dieselben hineingeleitet. Letztere heißen ›Läufer‹.

Die Blöcke sind entweder einscheibige, zwei- oder dreischeibige Flaschenzüge, je nachdem sie weniger oder mehr die Last vermindern oder die Zugkraft erhöhen sollen. Sie werden immer nur paarweise verwendet und heißen dann ›Taljen‹ – nach ihrer bestimmten Stelle ›Halstalje‹, ›Schootentalje‹ usw.«

»Mein Gott«, unterbrach der Knabe, als Georg einen Augenblick schwieg, »wie kannst du das alles im Kopfe behalten?«

Der Seiler zog aus der Brusttasche seiner Jacke eine kleine Flasche hervor und tat einen tüchtigen Zug. Dann reichte er Robert den Rest. »Trink's aus, mein Junge«, sagte er.

Unser Freund hielt verlegen das Fläschchen in der Hand. »Branntwein?«, fragte er.

»Natürlich, es ist kein Gift, du kleine Unschuld. Hast wohl gar noch niemals ein Paar Tropfen über die Zunge laufen lassen?«

Robert umging die Antwort, indem er das gebotene Getränk eilends verschluckte. Es schmeckte ihm schlecht, aber er fühlte sehr bald eine angenehme Wirkung, so etwas wie ein Wachsen und Dehnen aller Kräfte, eine Unternehmungslust, die ihn nie vorher in dem Maße beseelt hatte.

»Ich möchte, dass das Amerika wäre oder Afrika,«, sagte er, auf die bewaldeten Ufer deutend, »und dass dort Wilde hausten, die wir bekämpfen oder überlisten würden. Hast du wohl schon wirkliche Schwarze gesehen, Georg?«

»Gesehen?«, lachte dieser. »Das ist nicht schlecht, wahrhaftig. Ich bin dir über ein Jahr lang als Feuermann auf den Red-River-Dampfern gefahren, mit lauter Negern als Schiffsmannschaft.«

Roberts Augen glänzten. »Habt ihr da Abenteuer erlebt, du?«

»Mit den Schwarzen? Das sind urgemütliche Kerle, sage ich dir. Wenn ihre Arbeit getan ist, so balgen sie sich wie die Kinder und stoßen mit den eisenharten Köpfen zum Spaß wie die Ziegenböcke gegeneinander.

Einmal, als bei einer großen Überschwemmung alle Holzlager weggespült waren und auch in den durchnässten Wäldern kein brauchbares Feuerungsmaterial aufgetrieben werden konnte, nahmen wir zum Ersatz desselben die Fenzriegel (Staketpfähle) der Farmen, und unsere Neger mussten, so oft der Vorrat zur Neige ging, ans Land, um wieder Nachschub herbeizuschaffen. Das war überaus komisch.

Denke zum Beispiel, dass unser harmloses kleines Gehölz der Urwald wäre, von himmelhohen Stämmen gebildet, von Unterholz und Schlingpflanzen in eine grüne, unentwirrbare Wildnis verwandelt und von zahlreichen Tieren bevölkert. Affen und Papageien in den Wipfeln, zuweilen ein brauner Bär mit seiner Familie am Ufer, zuweilen ein schwerfälliger Alligator, der so schnell es ihm seine kurzen, unbehilflichen Beine erlauben, die Flucht ergreift; dazu alle Arten von kleineren Tierchen, alle möglichen Stimmen, alles erdenkliche Geräusch.

An passenden Stellen entzündeten wir riesige Feuer, um das Gesindel aus unserer Nähe zu vertreiben, und dann mussten die Neger in das Wasser hinein, an einzelnen Punkten sogar bis unter die Arme. Sie jauchzten dabei vor Vergnügen und trugen auf ihren Schultern größere Lasten, als sie ein Weißer auf ebener Erde fortbringen könnte.«

Robert legte den Arm über die Augen. Er weinte glühende Tränen.

»Erzähle mir lieber gar nichts mehr, Georg«, schluchzte er. »Solche Abenteuer möchte ich erleben, die ganze weite Welt sehen, namentlich wilde Tiere und wilde Menschen – aber ich soll ja ein Schneider werden, der nur an Sparpfennige denkt und der immer die langweiligen Stiche machen muss. Am liebsten möchte ich sterben, Georg.«

Der Seiler pfiff spöttisch durch die Zähne. »Dass du ein Narr wärest, Kamerad, dir den blassen Tod herbeizuwünschen. Lieber halte dich doch an das warme Leben und erobere es mit Gewalt, wenn andere dir's mit Gewalt aus den Händen reißen wollen.

In Hamburg gibt es Kapitäne genug, die einen solchen Jungen, wie du bist, an Bord nehmen, ohne viel nach Papieren oder der Erlaubnis des Herrn Vaters zu fragen. Weil sich so ein alter Schneidermeister in den Kopf gesetzt hat, dass sein Sohn notwendig auch mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch sitzen und allerlei Flicken zusammenstoppeln müsse, darum ist die Welt noch nirgends mit Brettern vernagelt. Lass du mich nur machen.«

Robert fühlte sehr wohl, dass es unkindlich und unzart von ihm war, Reden, die seinen Vater beleidigten, mit anzuhören, aber er leugnete sich selbst diese Empfindung. Georg hatte ja recht, der Alte misshandelte sein eigenes Kind.

»Es sind schon viele Jungen auf- und davongegangen, weil es ihnen in der Heimat nicht mehr gefiel«, fuhr der Seiler fort. »Ich selbst hab's ja so gemacht!«

Robert fuhr auf. »Du?«, fragte er ganz erstaunt.

»Natürlich, ich und kein anderer. Meine Mutter war eine Milchhändlerin, die mich an jedem Morgen vor ihren Karren spannte, bis mir das Ding nicht mehr gefiel. Da ging ich durch die Lappen – wer wollte mir's verdenken? Zum Hund fühlte ich mich nicht geschaffen.«

Robert saß da mit heißer Stirn und unruhigen Gedanken. Seine Blicke schweiften sehnsüchtig über das Wasser und den dunklen Wald dahin; es war ihm, als ob aus dem wehenden Schilf und dem Dickicht zu seiner Linken leise, flüsternde Stimmen ihn lockten. »Weiter, weiter hinaus in die schöne freie Welt, in die Ferne, wo sich Wunder vollziehen, während hier alles im Schneckengang kriecht und ohne Abwechselung langweilig dahinschleppt.«

»Lass uns umbiegen, Georg«, seufzte er, »wieder unter der Eisenbahnbrücke dahinfahren und dann die Ufer links vom Mühlteich berühren. Da sind kleine Inseln, wo wir Schuljungen oft Krieg spielten und denen wir Namen gaben. Ich war immer der König.«

Georg musterte die Umgebung. »Vor allen Dingen müssen sich Eure Majestät die Landratten-Bezeichnungen abgewöhnen«, versetzte er. »Vom Umbiegen weiß der Seemann nichts, und mit einem Segelboote so ohne Weiteres einen andern Kurs einschlagen, das kann er auch nicht.

Die verschiedenen Arten der Fortbewegung nennt man erstens, wie wir es bisher taten, ›vor dem Wind segeln‹, wenn dieser nämlich ganz von hinten, zweitens ›bei dem Winde‹, wenn dieser von der Seite weht, ›mit halbem Wind‹ oder ›Backstagswind‹, wenn er halb von hinten, halb von der Seite kommt, und ›kreuzen‹ oder ›lavieren‹, wenn er entgegenweht, wobei man sein Ziel natürlich auf geradem Wege nicht erreichen kann, sondern unter Beschreibung stumpfer oder mindestens doch rechter Winkel von einem Ufer zum andern fahren muss.

Bei dem Verfahren, welches du soeben in richtiger Fuhrmannssprache ›umbiegen‹ genannt, heißt es: ›Das Boot geht über Stag‹ oder ›wendet‹, und das Kommando lautet: ›Klar zum Wenden!‹ dann, wenn alle Schoten bedient sind: ›Wenden!‹«

Er hatte während dieser Auseinandersetzung die erforderlichen Handgriffe kunstgerecht ausgeführt, und jetzt tanzte das schlanke Fahrzeug wie ein Schwan auf den Fluten.

Robert verfolgte mit fast zärtlichen Blicken jede Bewegung seines Freundes. »Wie heißt diese Stange mit den beiden Eisenringen, Georg?«, fragte er.

»Das Bugspriet, mein Junge. Das Segel, welches zuweilen an demselben befestigt wird, ist dreieckig, während unser Großsegel viereckig ist. Das Erstere nennt man ›Klüver‹, dessen untere Ecke, der Hals, ist auf dem Bugspriet befestigt, und die obere Ecke enthält das ›Fall‹«.

Robert beobachtete sorgfältig die veränderte Stellung des Segels. »Georg«, rief er, »jetzt fahren wir ›bei dem Wind‹, nicht wahr?«

»All right, Sir«, lachte der Seiler. »Wahrhaftig, du bist zum Seemann geboren. Gib doch noch einmal die Flasche da aus dem Kasten herüber. Der Müller wird ja nicht arm werden, wenn ich in seinem Kognak dein Wohl trinke.«

Robert gehorchte widerstrebend, nur um in seines Freundes Augen als ein ganzer Mann dazustehen. Georg machte sich ja aus solchen Kleinigkeiten nichts, also durfte er nicht weniger mutig erscheinen als dieser.

Der Seiler hielt die Flasche gegen das Licht. »Wird gar nicht bemerkt«, sagte er, »und darauf kommt im Leben alles an. Auf die Kapitänsepauletten für dich, Kleiner.«

Robert verbarg aufatmend die Flasche, nachdem der andere getrunken. Obwohl niemand zugegen war, so schien es ihm doch, als sähen tausend Augen den Diebstahl.

Jetzt hatte das Boot den eigentlichen Mühlenteich wieder erreicht, und Georg hielt sich links, wo verschiedene kleine Inseln, grünen Punkten gleich, im ruhigen Wasser lagen.

Durch alle diese einzelnen Arme des Teiches kreuzte und schwamm das Fahrzeug wie ein leichter Vogel, während der Seiler fortwährend von seinen Reisen erzählte und den lauschenden Knaben so gut zu fesseln wusste, dass dieser tief seufzte, als der Garten des Müllers wieder erreicht war.

»Du fährst noch manches Mal mit mir, nicht wahr, Georg?«, fragte er.

»So oft du willst, mein Junge. Bin ja selbst eine ebenso eingefleischte Amphibie wie du. Aber für heute müssen wir es genug sein lassen, glaube ich. Mitternacht ist vorüber, und bald wird's heller Tag werden.«

Die beiden brachten nun das Segel wieder in seine vorige Lage, schlossen das Boot an den Eisenring der Treppe und versperrten auch die vordere Tür. Dann schlichen sie durch den Garten auf die Straße hinaus.

»Geh du allein«, flüsterte Georg, »und ich auch. Wenn dann einer gesehen wird, so ist doch wenigstens der andere geborgen. Gute Nacht.«

»Gute Nacht!«, gab Robert zurück. »Und tausend Dank, Georg.«

»Hat nichts zu sagen«, lachte dieser. »Aber du, hör doch, wenn einmal deine Alte ein bisschen zu essen im Küchenschranke hat, dann denk an mich. Was Warmes bekomme ich nie.«

Robert stand vor Erstaunen still. »Nie ein Mittagsessen?«, wiederholte er. »Aber du verdienst ja doch wöchentlich dein bestimmtes Geld.«

Der andere zuckte die Achseln, »Fürs Verhungern zu viel und fürs Sattessen zu wenig«, antwortete er. »Ich bin ja noch ein Anfänger bei dem edlen Krebshandwerk, musst du wissen. Es tut eben alles der gebrochene Fuß, sonst wäre ich längst Steuermann.«

»Du Armer!«, rief gerührt der Knabe. »Ich will gewiss für dich tun, was ich kann und werde dir auch in Zukunft deine Kleider sticken. Der ›Schneider‹ soll doch zu etwas nützen.«

»Es tranken ihrer neunzig und neunmalhundert neunundneunzig aus einem Fingerhut!«, summte Georg, und dann winkte er im Halbdunkel der Linden noch einen lachenden Abschiedsgruß.

Robert war jetzt allein. Schnell die Flaschen aufgerafft, einen letzten Blick zum Teich hinüber, eine Rundschau, ob auch alles im tiefen Schlafe liege, und nun Fersengeld gegeben. Husch, husch, über den Bahnkörper, vorbei am hohen alten Gefängnis, auf leichten Sohlen durch die Straße, an deren fernem Ende erst der Nachtwächter daherklapperte, und dann in des Seilers Garten gekrochen.

Gottlob, gottlob, nichts regte sich. Jetzt stand er auf dem Hofplatz seines elterlichen Hauses und probierte die Tür – sie war offen. Pikas, der Spitz, kroch ihm wedelnd entgegen, alles atmete so tiefen Frieden, war so ganz ungestört, ganz wie immer, dass es dem Knaben mit jeder Minute leichter ums Herz wurde. Er warf Stiefel, Mütze und Jacke von sich, dann schlich er an die angelehnte Tür zur Schlafkammer seiner Eltern und sah hinein. Die beiden alten Leute schliefen fest.

Robert lächelte, als er jetzt den Riegel der Hoftür vorlegte. Welche unnötigen Sorgen hatte er sich gemacht, wie viele »Wenn« und »Aber« in seinem Kopfe herumgewälzt, bevor er es zum ersten Mal wagte, wie ein freier selbstständiger Mensch nach Belieben zu kommen und zu gehen.

Georg verspottete ihn wirklich nicht mit Unrecht, das begriff er erst in diesem Augenblick, aber mit gleicher Sicherheit beschloss er auch, dass das fernerhin nicht mehr so bleiben dürfe.

»Ich will kein ›Mucker‹ werden, wie Georg sagt, keiner, der Branntwein und Zigarren nur dem Namen nach kennt. Andere Lehrjungen haben auch ihre freien Stunden; ich nehme also nur, was mir als mein gutes Recht zusteht.«

Er kroch in sein Bett und träumte in verworrenem Durcheinander von Segeln und Booten, von erbrochenen Schlössern und leeren Flaschen.

Am folgenden Morgen hatte er zwar so eine Art von unheimlichem Gefühl, als müsste das Geheimnis der Nacht auf seiner Stirn zu lesen sein, aber das verzog sich auch bald wieder. Robert sollte es erfahren, dass der erste Schritt auf dem Wege des Unrechtes zu immer weiterem Fortgehen zwingt und dass man nicht stillstehen kann, ohne zu fallen, wenn die Bahn einmal schlüpfrig geworden ist.

Gegen Mittag schaute Georg verstohlen durch die Lücke im Zaun. »Hast du etwas zu essen, mein Kleiner?«

Robert schob hindurch, was er unbemerkt beiseite hatte bringen können, und so ging es fort während der folgenden Tage. Er bestahl seine Mutter, um sich die Freundschaft des ehemaligen Matrosen zu erhalten und um namentlich mit demselben bei jedem günstigen Wetter auf dem Wasser zu fahren. Der Gedanke, dass das Boot dem Müller gehörte, dass die Benutzung desselben ein Unrecht sei – war längst vergessen.

Die beiden Kameraden sprachen nur noch darüber, wie es einzurichten sei, hinter dem Rücken des alten Schneiders einen Abstecher nach Hamburg machen zu können. Robert brannte vor Begierde, wirkliche Schiffe und Schiffswerften zu sehen. »Wenn ich nur Geld hätte!«, seufzte er.

Der Seiler schien diesen Ausruf erwartet zu haben. »Besitzst du keinen ›Spartopf‹, Kleiner?«, fragte er. »Alle wohlerzogenen Kinder führen einen solchen.«

Dieser Ton reizte jedes Mal den ganzen Trotz des Knaben, Er wollte nicht wie ein kleines Kind behandelt sein.

»Ich habe Geld«, antwortete er, »aber den Schlüssel zum Spartopf gibt mir der Vater nicht. An jedem Weihnachten wird der Inhalt auf die Sparkasse getragen und für mich angelegt.«

Georg lachte. »Dass dich!«, rief er. »Also bist du ein reicher Mann trotz Rothschild. Weißt du aber, dass ich es von deinem Alten mindestens sonderbar finde, dir die Verfügung über dein Eigentum zu entziehen? Ich wenigstens ließe es mir nicht gefallen.«

Robert errötete. »Aber was soll ich dabei tun?«, fragte er kleinlaut.

»Hm, Notwehr ist erlaubt. Hat er deine Sparbüchse, so halte du dich an seinen Geldkasten. Wo er steckt, das wirst du ja wissen.«

Roberts Herz pochte schneller. »Freilich weiß ich das«, antwortete er, »aber –«

»Nun, und das kleine Instrument, welches über eigensinnige Schlösser hinweghilft, kennst du ja, Freund. Hier ist's.«

Robert wehrte mit erhobenen Händen. »Du«, stammelte er, »das kann ich doch nicht tun. Es ist ja des Vaters Geld, und nähme ich's, so wäre es gestohlen.«

Der Seiler steckte gelassen den Dietrich wieder in die Tasche. »Bleib bei deinen Ansichten, Kleiner«, sagte er, »ich habe nichts dagegen. Aber sag doch einmal, für wen spart und geizt denn eigentlich dein Alter? Wem wird künftig alles gehören, was er zusammenstichelt?«

Robert machte bei dieser Frage seines Freundes ein sehr vergnügliches Gesicht. »Mir natürlich«, antwortete er. »Ich bin ja das einzige Kind meiner Eltern,«

Georg nickte leicht. »Siehst du«, sagte er, »es ist alles dein rechtmäßiges Eigentum, aber trotzdem bist du zu verschüchtert, noch zu sehr unmündiges Kind, um dir darauf den richtigen Vers machen zu können. Du lässt dich willig knechten, es ist einmal deine Natur so.«

Und nachdem er achselzuckend das gesagt hatte, sprach er von etwas anderem, um den Stachel in der Wunde fortwühlen zu lassen. Er wusste, dass Robert an seiner empfindlichsten Stelle getroffen worden war.

Wirklich vergingen auch nur wenige Tage, bis der Sohn des alten Schneiders auf allerlei Umwegen wieder zu dem Geldkasten seines Vaters zurückkehrte.

»Höre mal, du, sollte es keine so große Sünde sein, wenn ich's täte?«

Der Seiler sah ihn mit dem unschuldigsten Gesichte an. »Was, mein Bürschchen?«

Robert wandte sich errötend ab. »Nun, du weißt doch – mit dem Gelde!«, stammelte er.

»Ach! – Das hatte ich längst vergessen. Du meintest ja, es sei ein Diebstahl, also tu's um des Himmels willen nicht.«

Robert zerzupfte unmutig die Halme, auf welchen er lag. »Aber man kann doch davon sprechen«, versetzte er. »Du sagtest, es sei mein gutes Recht, aus dem Geldkasten des Vaters das herauszunehmen, was er mir vorenthält, indem ich nie zu dem Inhalt der Sparbüchse gelangen kann. Glaubst du das wirklich, Georg, oder hast du es nur so hingeworfen?«

Der Seiler lächelte. »Kleine Unschuld«, versetzte er halb spöttisch, »das ist eine komische Frage – ob dein Eigentum in der Tat dein Eigentum ist. Sechs oder acht Taler wirst du wohl im Spartopf haben, und über die musst du allezeit frei verfügen können, denke ich. Ob es nun gerade dieselben Münzen find oder andere, was verschlägt das? Es handelt sich ja um den Wert, nicht um das Geldstück; und mehr als jene acht Taler brauchst du ja immerhin nicht aus dem Kasten zu nehmen.«

Robert warf stolz den Kopf zurück. »Oho, du – so etwa sechsundzwanzig habe ich ganz gewiss drin« sagte er. »Ich bekomme immer das neue, blanke Geld, was sich hier und da vorfindet, außerdem zum Geburtstag, und wenn ich den herrschaftlichen Kunden das Zeug bringe, auch wohl hier und da ein Trinkgeld. Das wandert alles in die Sparbüchse.«

»Ha, ha, ha«, lachte der Seiler, »und mittlerweile hast du keinen Pfennig, über den dir das Verfügungsrecht zustände. Weshalb, in des Himmels Namen, lieferst du denn die Trinkgelder an den Alten ab, du dummer Geselle?«

Robert stutzte. Er hatte immer gefühlt und angenommen, dass das so sein müsse, sich aber über das »Warum« nie Rechenschaft abgelegt. Jetzt, unter dem Einfluss von Georgs Blicken, hielt er sein früheres kindliches Betragen für albern.

»Du hast recht!«, sagte er zögernd. »Wahrhaftig, ich glaube, dass es kein so großes Verbrechen wäre, aus dem Geldkasten einige Taler herauszunehmen. Wir brauchen ja nur wenig.«

Der Seiler zog die Stirn in krause Falten. »Hm«, machte er, »wie man's nehmen will. Die Groschen fliegen nur so, kann ich dir sagen.«

»So lass uns denn einen ganzen Taler verbrauchen!«, rief ungestüm der Knabe.

»Einen? – Unter fünf ist nicht daran zu denken.«

Robert erschrak, aber das Verlangen, die Elbe und wirkliche Schiffe zu sehen, ließ sich nicht mehr unterdrücken.

»So nehme ich fünf«, entschied er nach kurzem Bedenken. »Aber wie fangen wir es denn überhaupt an, unbemerkt von hier fortzukommen?«

»Das ist kinderleicht, mein guter Junge. Dein Vater reist in ein paar Tagen zum Elmshörner Jahrmarkt, um dort seinen Bruder zu treffen, der mit Schusterwaren aus dem Oldenburgischen herüberkommt. Ist er erst einmal fort, so haben wir freie Hand. Deine Mutter verrät nichts.«

Roberts Augen leuchteten. »Wie du dir alles ausdenken kannst«, rief er. »Das wäre mir, glaube ich, gar nicht eingefallen.«

»Weil du dir die strenge Herrschaft deines Alten so gutmütig gefallen lässt, Junge. Einen eigenen Willen kennst du ja im Grunde nicht einmal.«

Robert wechselte schnell den Gegenstand des Gespräches. »Du, wollen wir nach Hamburg fahren oder zu Fuß gehen?«, fragte er.

»Natürlich fahren. Der Böse hole ein Vergnügen, wobei man sich müde und lahm laufen muss. Überdies hätte ich dazu keine Stiefel. Ach, es ist ein jämmerliches Leben so auf dem Trocknen, wo man bald dieses und bald jenes Kleidungsstück anschaffen muss – mit leeren Händen natürlich. An Bord braucht der Seemann das blaue Wollenzeug und ein wenig Leinenwäsche, damit Punktum.«

Robert sah mitleidig auf das blasse, kränkliche Gesicht seines Freundes und auf die zerfetzten Schuhe, welche derselbe trug. »Ob ich fünf Taler aus dem Kasten nehme oder acht«, dachte er, »das bleibt sich im Grunde ganz gleich. Zurückerstatten werde ich dem Vater alles und zwar von meinen Trinkgeldern. Georg hat ganz recht – ich bin früher ein dummer Junge gewesen.«

Er sprach nicht weiter von der Sache, aber er beschloss, für seinen Freund ein Paar neue Stiefel zu kaufen, und fühlte sich in diesem Gedanken ganz glücklich. Georg war ja doch, wie er glaubte, der einzige Mensch, welcher es wirklich gut mit ihm meinte.

»Du verrätst aber nichts!«, bat er ihn, »darauf muss ich mich verlassen können.«

»Wie auf das Amen in der Kirche!«, nickte Georg. »Obwohl die Geschichte gar nichts auf sich hat. Ich sollte nur in deiner Stelle sein, Wetter noch einmal, der Alte würde Mores lernen. Kein Meister darf seinen Lehrjungen prügeln, also auch deiner nicht!«

Robert errötete. »Aber er ist ja mein Vater, Georg, nicht allein mein Meister!«

»Das ist gleichviel. Du bist konfirmiert und in der Lehre, gerade so gut wie irgendein anderer. Er kann dich ja nur fortschicken, sich von dir lossagen, Besseres verlangst du nicht, glaube ich.«

Robert seufzte tief. »Ach, wenn er das tun wollte!«

»Siehst du, Kleiner! Lass dir alle Gewissensbisse vergehen, sie sind wirklich unnötig. Nähe und stopfe mit wahrer Andacht, bis der Alte nach Elmshorn unter Segel geht, sei recht freundlich und gehorsam, damit er keinen Verdacht fasst, und wir werden einen angenehmen Tag verleben, das verspreche ich dir. Du sollst es nicht bereuen, ein paar Taler geopfert zu haben.«

»Wann ist Elmshörner Markt?«, fragte begierig der Knabe.

»Nächsten Mittwoch. Ich weiß, dass dein Alter am Dienstag abreist und am Donnerstag zurückkommt, also haben wir den ganzen Mittwoch für uns.«

»Noch vier Tage!«, seufzte Robert. »Ach, wäre es erst so weit.«

»Das kommt alles, eines nach dem anderen«, tröstete Georg. »Bleib du nur recht fleißig, und lass uns lieber während der ganzen Zeit nicht mehr miteinander sprechen, außer wenn du mir mittags ein paar Bissen durch den Zaun schiebst. Dann fährt der Alte ab und hält das heilige Grab für wohl verwahrt, indes wir uns gütlich tun. Gar zu gestrenge Herren werden betrogen, das ist der Welt Lauf.«

Robert sah ein, dass sein geschmeidiger Freund einen klugen Rat gegeben hatte, und obgleich es ihm sehr schwer wurde, hielt er sich doch bis zur Abreise des Alten ganz von dem Seiler fern und arbeitete auch tapfer darauf los, sodass ihn der Vater sogar lobte, was selten oder nie geschah.

»Bist doch richtiges Schneiderblut!«, murmelte er, mit innigem Vergnügen eine Naht betrachtend, welche sein Sohn und Lehrjunge soeben vollendet hatte, »kannst es noch weit bringen in der Welt, wenn du nur keine Raupen im Kopfe duldest. Vielleicht erleb ich's ja gar, dass der Herr Branddirektor oder der Herr Bürgermeister, Gestrengen, bei dir ihre neuen Kleider bestellen, und das wäre eine Auszeichnung, welcher die Krolls bis jetzt nicht würdig befunden worden.

Vor allen Dingen lass dich nur nie verleiten, irgendeinem Verein beizutreten oder gar das neuerfundene Ding, die Nähmaschine, im Hause zu dulden. Als ob der liebe Herrgott an den zwei Händen nicht ›Maschine‹ genug geschenkt hätte, wenn einer sie nur richtig brauchen will. All solcher moderner Firlefanz und Dudeldum ist mir ein Gräuel, hat auch nie zum Segen geführt, das weiß ich gewiss. Wie es mein Großvater und mein Vater gemacht haben, so mache ich's wieder und damit basta,«

Der brave alte Mann sah nicht, wie sein Sohn errötete, als er ihn lobte. Robert fühlte jedes Wort gleich einer Beschämung, einem bitteren Vorwurf. Er war fast im Begriff, dem Vater um den Hals zu fallen, ihm alles zu gestehen und ihn um Gotteswillen zu bitten »Vergib mir!« – aber dann musste er ja zugleich den Freund verraten und musste den Ausflug nach Hamburg aufgeben!

Nein, nein, das konnte er nicht. Die weichere Regung, das letzte Mahnen seines guten Engels wurde gewaltsam erstickt, und der Alte traf alle Vorbereitungen zur Abreise, ohne zu ahnen, welche Pläne sein Sohn im Kopfe wälzte. Er bestellte und ordnete alles, wie wenn er mindestens ein Jahr lang ausbleiben wolle. »Mutter, vergiss das nicht, Mutter, behalte, was ich sage, und Mutter, hier auf diesen Kasten gib Acht, du weißt, was darin steckt!«, so klang es den ganzen Tag. Der Vater verdarb sich selbst die Freude der kleinen Reise, weil er Berge von Sorgen vorsätzlich erschaffte und alles von der schwersten Seite ansah.

Robert hätte lachen mögen, als er den dicken Winterrock und das ungeheure Bündel sah, welches der Alte für die beiden Tage im schönsten Oktoberwetter mit sich herumschleppte. Er dachte an die Spottlieder seines Freundes und errötete für seinen Vater. Nein, unmöglich konnte er das Leben so auffassen, wie es dieser tat; er wollte frei sein und genießen, aber nicht wie ein Sklave an der Kette nur immer gewisse vorsichtige Schritte gehn und einmal sterben, ohne je gelebt zu haben.

Endlich war der Alte nach Gott weiß wie vielen Ermahnungen und dreimaligem Umkehren glücklich zum Bahnhof gelangt, und Robert sah mit erleichtertem Herzen dem Zuge nach, wie er am Mühlenteich vorüber ins Weite dampfte.

Der Vater hatte davon keinen Genuss, weil er, anstatt sich der selten vergönnten Muße zu freuen, vielmehr seiner ganzen Natur nach die schwärzesten Bilder entwerfen und die schlimmsten Möglichkeiten als wahrscheinlich ansehen würde. Ob Mutter auch die Schweine gehörig versorgen, ob der Junge keinen Unfug machen, und ob das Haus nicht niederbrennen wird! – Man hat es zwar versichert, aber die Police könnte doch auch in den Flammen verloren gehen, und dann gäbe es ungeheure Weitläufigkeiten!

Robert hüpfte durch das Gehölz nach Haufe. Mochte sich sein Vater mit Grillen plagen so viel er wollte, das konnte ihn selbst nicht hindern, das eigene Schicksal nach Belieben einzurichten. Er wusste gewiss, mit welchem Entzücken er morgen nach der anderen Seite davon fahren würde.

Ach, hätte doch Georg zu Fuß gehen wollen, dann brauchte man nicht bis um halb neun Uhr früh zu warten, sondern konnte um fünf schon unterwegs sein. Aber das ließ sich nun nicht mehr ändern, und die Hauptsache musste überhaupt erst getan werden, bevor der ganze Plan einen sichern Boden besaß. Noch steckte das Geld im wohlverschlossenen Kasten.

Robert besah pochenden Herzens den kleinen Dietrich, welchen ihm Georg neulich ohne weitere Bemerkungen überreicht hatte. Ein Ruck und jeder Widerstand war besiegt.

»Mein ist alles«, dachte der verführte Knabe, »ich nehme nur, was mir gehört.«

Er wartete, bis die Mutter in den Stall hinausging, um die Kuh zu melken. Dann öffnete er mit schnellem Griff den altmodischen Eckschrank, welcher des Vaters Blechkasten mit Geld und Papieren enthielt. Jetzt nur noch der letzte Schritt – dann war die Reise gesichert.

Er schlich zum Küchenfenster und blickte, vorsichtig hinter dem Vorhang versteckt, hinaus in den offenen Stall. Die Mutter begann erst ihr Geschäft, nachdem sie das wohlgepflegte Tier mit frischem Futter versorgt hatte; sie rückte gerade jetzt den kleinen, kreiselförmigen Bock zurecht. Warum hätte sie sich auch beeilen, wie hätte sie denken sollen, dass ihr einziges Kind im Begriff war, mit dem Diebsinstrument die Kasse des Vaters zu erbrechen!

Durch den Zaun sah im letzten Tagesschimmer das blasse Gesicht des Seilers. Georg winkte leicht mit der Rechten.

Robert nickte heiß errötend. Es war ihm, als sähe der andere sein Zaudern. Schnell entschlossen eilte er in das Wohnzimmer, öffnete den Kasten und griff hinein. Seine Sparbüchse stand auch darin – wie schwer fühlte sie sich an! – aber das war zu weitläufig, er hatte keine Zeit zu verlieren. »Ob ich diese Taler nehme oder jene«, dachte er, »das ist ja gleichviel.« Eins – zwei – drei –

Die Münzen klirrten in seiner zitternden Hand, er gab daher das Zählen auf und griff nur noch einmal hinein, dann schloss er den Kasten. Das Geraubte war schnell in der Tasche verborgen worden.

Robert hatte nur halbes Bewusstsein; er handelte wie im Traum ohne viel zu überlegen. Pfeifend schlenderte er in den Hof, wo immer noch der Seiler am Zaune stand, und winkte hinüber. »Komm!«, flüsterte er.

Georg verschwand und erschien in der nächsten Minute an einer Lücke hinter dem Hühnerstall. »Schnell,« raunte Robert, ihm die gestohlenen Taler zusteckend, »da verbirg es, bei mir könnte es gefunden werden.«

Der Seiler versteckte mit der größten Geschwindigkeit, was ihm sein junger Freund darbot. »Wie viel ist es?«, fragte er.

»Das weiß ich nicht, aber genug wird's sein, auch zu Stiefeln für dich. Kaufe dir welche und komme später wieder hierher.«

Der Seiler nickte nur, dann verschwand er geräuschlos, während Robert sich am Hühnerstall zu schaffen machte. Als nach einiger Zeit die Mutter zu ihm kam, erschreckte sie sein blasses Gesicht. »Fehlt dir etwas?«, war die bange Frage.

Robert wusste kaum, was er antwortete. »Ich habe Kopfschmerz«, sagte er.

»Nun, so leg dich ins Bett, Kind«, ermahnte die besorgte Frau. »Der Vater lässt dich zu viel sitzen«, fuhr sie fort, »du hast nicht Bewegung, nicht Luft genug.«

Robert ergriff begierig die gute Gelegenheit. »Das ist es ja gerade, Mutter«, schmeichelte er, »und darum fühle ich mich auch nicht mehr so wohl wie früher. Ach, wenn du mir einen rechten Gefallen tun wolltest –«

Er zögerte absichtlich und sah nur mit seinen fieberhaft glänzenden Augen in das Gesicht der Mutter. »Aber du erlaubst es doch nicht«, fügte er bei.

»Nun«, lächelte die alte Frau, »erst lass einmal hören, was du auf dem Herzen hast.«

»Nur ganz wenig«, bat der Knabe, »einen einzigen freien Tag – morgen. Was mir der Vater zu tun hingelegt hat, das mache ich fertig, du kannst es mir glauben.«

Die Alte schüttelte den Kopf. »Wieder den ganzen Tag auf dem Wasser liegen, nicht wahr? Das geht nimmer, Junge. Was sollte ich dem Vater sagen, wenn ein Unglück geschähe?«

»Ich denke nicht an den Mühlenteich«, rief hastig der Knabe. »Nur ein bisschen herumstreifen wollte ich, weiter nichts.«

»Auch nicht den Kahn des Holzhändlers besteigen?«, forschte die Mutter.

»Ganz gewiss nicht.«

»Nun, dann lauf. Musst aber vor Nacht zurück sein, das sage ich dir.«

Wer war froher als Robert? Kaum ließ er sich Zeit, dem Seiler noch durch die Hecke ein paar Worte zuzuflüstern, dann ging es an die Vorbereitungen zur Reise. Die Stiefel blank gebürstet, den Konfirmationsanzug von jedem Stäubchen gesäubert und das weißeste Hemde hervorgesucht – auch das Taschentuch durfte nicht vergessen werden.

Aber einen Stich durchs Herz gab es ihm doch, als er die Mutter an dem geringen Wirtschaftsgelde zählen und rechnen sah, bis sie ihm endlich vier Groschen in die Hand drückte.

»Da, nimm's hin, mein Junge«, sagte sie gutmütig lächelnd, »und kaufe dir einen guten Bissen dafür. Ich komme schon zurecht, bis der Vater wieder hier ist.«

Robert wurde dunkelrot vor Scham, dennoch aber drängte es ihn unwiderstehlich, gerade jetzt von dem Geldkasten des Vaters zu sprechen. Er wusste nicht weshalb, aber er musste es tun.

»Du hast ja die ganze Kasse zu Gebote«, sagte er mit möglichst sorglosem Tone, »wie könntest du also in Verlegenheit kommen, Mutter?«

Die alte Frau nahm ihre Brille ab und sah ihn voll Erstaunen an. »Du meinst das Geld des Vaters, Robert? – Wie dürfte ich das ohne seine Einwilligung berühren!«

»O«, murmelte etwas fassungslos der Knabe, »warum denn nicht? Was dem Vater gehört, das ist ja auch dein Eigentum, Mutter.«

»Freilich«, nickte die Alte, »aber Vater ist doch der Herr im Hause, und was er mir anvertraut, das muss ich heilig halten. Billige Wünsche versagt er mir nie.«

Robert seufzte. »Mir versagt er alle, Mutter. Ich wollte, dass mit ihm so gut umzugehen wäre wie mit dir, dann –«

Er stockte. Das, was er im Begriff war, hinzuzufügen, durfte ja niemand wissen, aber er gab seiner Mutter einen herzhaften Kuss und schlich sich dann zu Bette um heimlich zu weinen. Er wusste selbst nicht weshalb, aber die Tränen kamen so von ungefähr, und das Vergnügen des andern Tages schien ihm, nun er dicht davor stand, nicht mehr halb so verlockend wie früher.

Am andern Morgen gingen er und Georg in aller Frühe fort, um erst auf der nächsten Station, dem benachbarten Testorf, den Eisenbahnzug zu besteigen. Da war denn freilich im hellen Sonnenlicht und während der Fahrt nach Altona aller Kleinmut des vergangenen Abends total vergessen.

Robert hatte nie eine Reise gemacht, sich nie in einem Eisenbahnwagen befunden und überhaupt vom Leben noch nichts gesehen als nur das kleine Pinneberg; er war daher vor Entzücken ganz außer sich. Seine Fragen nahmen kein Ende, besonders als man sich der Stadt näherte. Er wollte alles sehen, alles wissen.

»Du, Georg, wo ist denn hier die Elbe? Wo sind die Schiffe?«, fragte er.

Der Seiler zog den Geschwätzigen so schnell wie möglich in die nächste Straße hinein. »Erst will ich mir einmal Stiefel kaufen«, antwortete er. »Und höre, Junge, du darfst hier nicht so laut sprechen, alle Menschen sehen nach dir.«

Robert stolperte jeden Augenblick über seine eigenen Füße. Er konnte sich an all dem Ungewohnten, Großartigen gar nicht satt sehen. Jeder Omnibus, jedes Schaufenster erregte seine Neugier im höchsten Maße.

Als Georg die neuen Stiefel gekauft hatte, ging es hinab zur Hafengegend. Der Seiler spielte immer den Kassenmeister. »Du, es waren im ganzen neun Taler«, sagte er mit einem prüfenden Blick auf Roberts glühendes Gesicht, »kannst du dich dessen erinnern?«

Der Knabe schüttelte den Kopf. »Das ist ja gleichgültig, Georg«, antwortete er, »wenn nur genug übrig bleibt, um uns für diesen Tag zu sättigen. Ach – da sehe ich die Elbe!«

Georg nickte. »Wir haben Glück, mein Junge. Gestern ist das preußische Kanonenboot ›Blitz‹ bei Neumühlen vor Anker gegangen – dahin wollen wir zuerst.«

Robert jubelte laut. »Der ›Blitz‹ – ach Georg, der ›Blitz‹!, welcher damals bei der Insel Föhr den Dänen die ganze kleine Flottille wegnahm, an dessen Bord sich Kapitän Hammer als Gefangener stellte? Und dieses Schiff sollen wir besehen dürfen? Unmöglich.«

Georg lachte. »Er ist derselbe ›Blitz‹«, sagte er, »und wir werden an Bord gelangen, verlass dich darauf. Das Ding ist sehenswert.«

Robert antwortete nicht mehr, aber er hatte die größte Lust, in den belebten Straßen der Hafengegend einen echt dörflichen Trab anzuschlagen, um nur desto eher das Wasser zu erreichen.

Der Seiler hielt ihn lachend am Arm. »Du, du, wir müssen uns vorerst einen Mann von der Besatzung des Kanonenbootes aufpicken«, sagte er. »So ohne Weiteres an Bord kommen, das geht nicht.«

Robert stand vor Schreck plötzlich still. »Aber wenn wir keinen finden, Georg!«

»Ach, dummes Zeug! Was keinen Dienst hat, das nimmt Urlaub und besieht sich die Stadt«, sagte er. »Hab's ja selbst überall so gemacht.«

Die beiden wanderten weiter, und wirklich sollte sich Georgs Prophezeiung schon sehr bald erfüllen. Vor der offenen Tür eines Wirtshauses mit dem Schilde »Zur Seemannsheimat« saßen zwei Matrosen in Marineuniform mit den blanken Knöpfen auf ihren blauen Jacken und den keck in den Nacken geschobenen Mützen, deren flatternde Seidenbänder die goldenen Buchstaben »Königliche Marine« trugen. Die viereckigen, weißumsäumten Kragen und der halbentblößte Hals dieser jungen Leute gefielen Robert ganz außerordentlich.

»Du«, flüsterte er, »du – was sind das für ein Paar?«

Der Seiler sah hinüber. »Aha, da wäre ja, was wir suchen«, rief er. »Komm, lass uns einstweilen Anker werfen; durstig bin ich auch schon.«

Er zog seinen jüngeren Gefährten mit sich in die offene Tür des Wirtshauses hinein und bestellte zwei Gläser Bier.

Es war dem Knaben wie ein Traum, besonders als ihn der Kellner mit »Herr« anredete. Er in einem Wirtshause – das schien ja unerhört.

Die Bekanntschaft mit den beiden Matrosen war bald gemacht, und einer derselben erklärte sich bereit, die neuen Freunde an Bord zu führen.

»Unser Leutnant ist auf Urlaub«, fügte er hinzu, »aber der Obersteuermann erlaubt schon, dass ich euch das Ding zeige. Die feine Welt von Hamburg-Altona kommt ja doch späterhin in Schwärmen an Bord, also warum solltet ihr's nicht tun?«

Er schob das Priemchen von einer Backe in die andere und musterte halb lachend unseren jungen Freund.

»Du bist ja verflucht fein getakelt«, sagte er, »ordentlich in Kneifzange, Schraube und mit Leesegeln auf beiden Seiten!«

Robert errötete wie ein Mädchen. Obwohl er nur ahnen konnte, dass der Matrose mit diesen Kunstausdrücken den schwarzen Rock, den Hut und die Vatermörder zu bezeichnen beliebte, so fühlte er doch den Spott und antwortete keck, dass er auch Seemannskleider tragen werde, wenn erst für ihn ein Schiff gefunden sei.

Der Matrose lachte. »Hast's Maul an der rechten Stelle«, sagte er gutmütig. »Na, komm nur mit, ich will dir den ›Blitz‹ zeigen.«

Die drei wanderten also zum Fischmarkt hinab, und hier nahm der Matrose eine Jolle, die bald zwischen Milchewern, Schuten mit Früchten und Gemüsen sowie Kohlenschiffen und Booten aller Art den Weg nach Neumühlen hinaus einschlug.

Robert war ganz Auge und Ohr. Sobald eines der vielen Elbdampfschiffe, wie sie diese Gegend fast unausgesetzt passieren, an der Jolle vorüberkam, jubelte er laut vor Vergnügen, sehr zum Ergötzen des Matrosen, der über seine naiven Ausrufungen nicht genug lachen konnte. Die Jolle tanzte im Wellenschlage der Dampfschiffe, die Oktobersonne sandte auf all das bunte, bewegte Treiben des Stromes ihre hellsten Strahlen herab, und das Herz des Knaben schlug in grenzenloser Freude.

Hier ein Blankeneser Dampfer, der eine Gesellschaft hinausbeförderte in die Lust und die Freiheit des Herbsttages. An Bord Gesang und Musik, Grüßen mit Taschentüchern und Hüten – dort eines der großen Hamburg-Amerikanischen Postdampfschiffe, die »Hammonia«.

Hier bot sich ein ganz anderes Bild dem Auge dar. Die sich über die Schanzkleidung des Schiffes herabneigten, lachten und sangen nicht, sondern sahen aus abgehärmten, sonnenbraunen Gesichtern unruhig und zweifelnd zur Küste hinüber – Auswanderer, denen in Amerika die letzten Hoffnungen zerschellt waren, und die nun wieder nach Deutschland zurückkamen, verarmt an allem, selbst an Mut und Kräften. Das Schiff kroch langsam durch die blauen Fluten dahin.

Ihm entgegen kam aus dem Hafen ein anderes, und – »O Himmel, was ist das?« – zwei Schiffe mittels eines langen, starken Taues aneinander gebunden und noch dazu das kleinere voran. Wie unsinnig! Sollen die so zusammen das Weltmeer durchsegeln?«

Der Matrose wollte sich ausschütten vor Lachen. »Junge, du bist Geld wert!«, rief er. »Wahrhaftig, ich glaube, du hast dein Klößedorf noch niemals verlassen.«

Robert behielt immer jene beiden Schiffe im Auge. »Das habe ich auch nicht«, versetzte er, »aber einmal muss das erste Mal sein; und anstatt mich zu verspotten, könnten Sie mir wohl sagen, was das da bedeutet.«

Der Matrose nickte. »Na, dann pass auf, Landratte«, sagte er. »Der Kleine ist ein sogenannter Schlepper, welcher die aussegelnden Kauffahrteischiffe aus der Elbe herausbringt oder ›bugsiert‹ – dergleichen kannst du zehnmal an einem Tage sehen. Dort kommt schon wieder ein Gespann und dort das dritte!«

Roberts Blicke flogen von einem zum andern. Wie schwimmende Häuser erschienen ihm diese großen Schiffe, wie bevorzugte Geschöpfe die Matrosen, welche er im Segelwerk herumklettern sah. »Georg«, fragte er halblaut, »hast du auch so – da ganz oben gesessen?«

»Natürlich, Kleiner. Auch Seine Königliche Hoheit Prinz Adalbert von Preußen hat das getan, ehe er Admiral wurde. Praktisch lernen muss jeder.«

Robert seufzte tief. »Ach, du sagst ›muss‹, Georg, und ich denke es mir als das schönste Vergnügen von der Welt. Sich so oben im Segelwerk zu schaukeln, alles sehen zu können und auf seine eigenen Kräfte angewiesen zu sein, das ist doch ganz etwas anderes, als –«

»Den Ziegenbock zu reiten«, ergänzte äußerst ernsthaft der Matrose, indem er aus einem Augenwinkel dem Seiler vertraulich zublinzelte. »Du hast ja doch jedenfalls deinen Rock selbst genäht, nicht wahr, junges Deutschland?«

Robert errötete tief. »Woher wissen Sie –«

»Ach, das sieht man an den Füßen«, kicherte der Matrose, »sie legen sich immer übereinander, weißt du. Na und warum wolltest du denn von der Nähnadel zur Ruderpinne übergehen, mein Kleiner? Wird dir nicht bange bei dem Gedanken an die See?«

Robert lächelte verächtlich. »Bange?«, wiederholte er. »Was ist das?«

»Schau, wie der junge Hahn kräht! – Na, du wirst der Teerjacke nicht entgehen, mein Junge, scheinst gerade für das Salzwasser geboren zu sein. Und nun sieh einmal dorthin – das ist der ›Blitz‹!«

Robert folgte der ausgestreckten Hand des Matrosen und konnte dann einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken. »Das da?«, rief er. »Aber es ist ja ein kleines, unscheinbares Ding!«

Der Matrose lächelte wohlgefällig. »Unscheinbar!«, wiederholte er. »Unscheinbar, du kleiner Gelbschnabel? Und doch hat sich das ›Ding‹ in den flachen Gewässern bei der Insel Föhr einmal fast dreihundert Fuß weit mit voller Maschinenkraft durch den Sand gewühlt, um Anno 64 im dänischen Krieg den Kapitän Hammer zu fangen; doch ist es so solide gebaut, dass kein Splitter davonfliegt, wenn es in voller Fahrt auf den Grund läuft. Hätte es das nicht gekonnt, so würde sich Kapitän Hammer niemals ergeben haben, weil ja schon am folgenden Tage die Waffenruhe begann. Aber unser Kapitänleutnant wusste, was sein Fahrzeug wert war.«

Die Jolle hatte sich mittlerweile dem ankernden Kanonenboot so weit genähert, dass der Matrose die Treppe desselben ergreifen und dem Führer andeuten konnte, wie er die kleine tanzende Nussschale einstweilen befestigen solle. Dann stiegen alle an Bord.

Robert berührte Georgs Arm. »Du«, flüsterte er, etwas eingeschüchtert durch die letzte Zurechtweisung des Matrosen, »du, zeige mir alles und nenne die Namen.«

Georg nickte. »Du kannst es doch nicht im Kopf behalten, Kleiner.«

»Dann schreib' ich mir's auf«, versetzte hartnäckig der Knabe. »Ein Kriegsschiff sehe ich ja sobald nicht wieder.«

Der Matrose war inzwischen fortgegangen, um die Erlaubnis des den Befehl führenden Obersteuermannes einzuholen, und als er nach bereitwilliger Erteilung derselben zurückkam, begann die Wanderung durch das Schiff.

Wie weiß und sauber waren alle Fußböden gewaschen, wie schön das Holzwerk in Farbe gehalten – Robert konnte es nicht genug bewundern. Nach außen hin glänzten die Wände im tiefsten Schwarz, während nur ein weißer breiter Streif um das ganze Fahrzeug herumlief und die fein gebogene Form der »Reling« scharf begrenzte. Die Innenseite, in der Seemannssprache das »Schanzkleid« genannt, war schneeweiß, die Kanonenpforten feuerrot und alles auf das Feinste lackiert.

Es befanden sich zwei Vierundzwanzigpfünder an Bord, und der Matrose erklärte dem lautlos horchenden Knaben, dass diese recht wohl imstande seien, eine Panzerplatte von fünf bis sechs Zoll zu durchschlagen. »Es braucht freilich zwölf Pfund Pulver«, setzte er hinzu, »aber dann geht's auch wie geschmiert. Die Dänen haben's bei Helgoland empfinden müssen, denke ich.«

Roberts Augen leuchteten. »Waren Sie mit dort?«, fragte er.

»Will ich meinen! – Was die Hannemänner dem ›Radetzky‹ zufügten, das haben wir an dem ›Niels Juel‹ redlich wieder abgetragen. Immer so: Haust du meinen Juden, hau ich deinen Juden! Zuletzt konnten wir einander vor Pulverdampf kaum noch sehen.«

Der Knabe drängte sich immer näher an seinen freundlichen Lehrmeister heran. »Dürfen Sie mir auch zeigen, wie eine Kanone bedient wird?«, fragte er verlegen.

»Natürlich!«, lachte der gutmütige Bursche. »Schau her, so wird's gemacht.«

Er zog eine Kanone, sie an der Lafette ergreifend, mit Aufbietung aller seiner Kräfte zurück, nahm den »Wischer« – eine Stange, an deren einem Ende eine von Borsten angefertigte runde Bürste sich befand, während das andere einen hölzernen Kolben zum Hineinstoßen der Granate aufwies – und fuhr damit in das Rohr hinein, brachte zum Schein die »Kartusche« – in der Sprache der Artilleristen die Patrone – an ihren Ort, stieß mit dem Ladestock nach, zog das Geschütz mit den »Seitentaljen«, wie die Flaschenzüge an beiden Seiten der Lafette genannt werden, wieder nahe an die Pforte heran, richtete das Rohr vermittelst der »Richtschraube«, steckte eine »Schlagröhre« in das Zündloch, befahl sich selber »Feuer«, und zog ab.

Robert hatte mit einem fast andächtigen Gefühl zugesehen. »Ich will auf die Marine«, sagte er unwillkürlich, »ich will Seemann und Soldat zugleich werden, wenn ich auch vorerst auf einem Handelsschiff anfangen muss – zur Marine will ich doch.«

Der Matrose schlug ihn ermunternd auf die Schulter. »Bleib dabei, mein Junge«, antwortete er. »Der Seemann muss geboren werden; lernen lässt sich die Vorliebe für das Wasser einmal nicht und vergessen auch nicht. Ich halt es keine vier Wochen am Lande aus, ohne ganz verflucht trübsinnig zu werden. Wenn so der richtige Nordost die Häuser umheult, dann kriegt man ja allemal die Angst, dass das alte Gemäuer mit der ganzen Takelage herunterkommt und einem Nase und Ohren zerschlägt. Auf See ist man doch sicher.«

Robert fand trotz aller Vorliebe für das nasse Element diese letztere Logik etwas sehr stark, aber er widersprach nicht, sondern bat, ihm auch die übrigen Einrichtungen zu zeigen und namentlich die verschiedenen Benennungen der Masten und Segel klar zu machen. »Ich möchte heut schon alles lernen«, gestand er, »am liebsten gleich hier bleiben.«

Der Matrose sah nach Georg, welcher inzwischen mit mehreren anderen Leuten von der Besatzung ein Gespräch angeknüpft hatte. »Du«, sagte er, »ich glaube, es wäre für dich wahrhaftig das Beste, wenn du hier bleiben könntest. Das Galgengesicht da will mir durchaus nicht gefallen.«

Robert errötete stark. Der ehrliche Pommer mit seinen blauen, treuherzigen Augen und dem gutmütigen Gesicht sah freilich ganz anders aus, als der schmächtige, blasse Georg, aber dafür lebte jener auch einen guten, bequemen Tag, während dieser kaum das trockene Brot besaß. Robert musste doch den unglücklichen Freund in Schutz nehmen.

»Georg ist ein ehrlicher Mensch«, sagte er, »nur geht's ihm schlecht, und daher sieht er verkommen aus.«

Der Matrose schüttelte den Kopf. »Hm, hm«, brummte er, »seine Flagge deutet aber auf nichts Gutes, mein Junge – ist eine wahre Piratenflagge, kann ich dir sagen. Wissen deine Eltern, dass du mit ihm unterwegs bist?«

Robert sah zur Seite. »Die kennen ihn gar nicht«, stammelte er.

»Das dachte ich mir schon. Na, lass du dich von ihm in kein unrechtes Fahrwasser steuern, kleiner Kerl, darauf kommt's allein an. Hast ja den Kompass da drinnen in der Brust, und der weist allemal auf den richtigen Kurs, wenn du nur genau Acht gibst. Jetzt geh mit mir, ich werde dir ein wenig von diesen Masten und Segeln erzählen.«

Robert folgte nur zu gern der Aufforderung seines neuen Bekannten.

Das Gespräch war ihm bereits äußerst peinlich geworden, umso mehr, da er recht wohl wusste, zu wie vielem Ungehorsam ihn Georg schon verleitet hatte. Was würde dieser ehrliche, gutmütige Schiffer gesagt haben, wenn er ihm die Geschichte von des Vaters Geldkasten erzählt hätte!

Sein Herz klopfte lebhaft, als der Matrose den Unterricht begann. Er hörte nur halb, was derselbe ihm vortrug.

»Siehst du«, erläuterte der Pommer, »das da ist der Fock- oder Vormast, der mittlere der Großmast und der dritte der Kreuz- oder Besanmast. Alle drei sind auf gleiche Weise getakelt und alle Einzelteile tragen die Bezeichnung desjenigen Mastes, zu welchem sie gehören. Dadurch wird die Sache ungemein erleichtert.

Bis zum ersten Absatz, den du da oben siehst, den wir den Mars nennen – bei euch Landratten der Mastkorb! – heißt jeder Mast der Untermast, dann folgt die Marsstenge und darauf die Bramstenge.

Die starken Taue, welche auf beiden Seiten der Untermasten herabreichen, sich unten auseinander spreizen und an den Wänden des Schiffes befestigt sind, heißen Wanten, diejenigen aber, welche von den Masten nach vorne hin gespannt sind, nennt man Stage.

Die Querstangen, woran die Segel befestigt werden, heißen Rahen. Jede derselben hat ihr besonderes Tauwerk. Worin die Rah hängt, ist der Hanger, womit sie an dem betreffenden Mast oder der Stenge gehalten wird, das Reck, womit sie auf- und herabgezogen wird, das Fall.

Die Taue, wodurch sie schräg, ein Ende nach unten, das andere nach oben, geheißt wird, nennt man Topwanten, diejenige, wodurch sie in waagerechter Lage gedreht wird, aber die Brassen.

Wanten und Stage nennt man das stehende, die Takelage der Rahen und Segel das laufende Gut.

Das vordere Rundholz am Buge des Schiffes heißt das Bugspriet und das darauf liegende der Klüverbaum.

Von Letzterem gehen nach beiden Seiten die Klüverbackstage und nach oben bis zu den Stengen das Bram- und Stengenstag sowie die Klüverleiter, woran die dreieckig geformten Klüversegel fahren.«

Es brauste vor Roberts Ohren. »Das ist sinnverwirrend«, gestand er.

Der Matrose lachte. »Hast du genug, Kleiner, soll ich aufhören?«, fragte er.

»Nein, nein – es kehrt mir später alles ins Gedächtnis zurück. Nur für den Augenblick wollte es mich verwirren! Bitte, fahren Sie fort.«

»Na, dann wollen wir das Garn weiter spinnen, mein Junge. Also die unteren, größten Segel heißen Untersegel, die darauf folgenden Marssegel und die noch höheren Bramsegel, während die letzten hoch oben in der Spitze oder vielmehr an den Stengen die Oberbramsegel genannt werden.

Die Takelage jedes Mastes erhält nach ihm die Vorbezeichnung Groß, Vor und Kreuz.

Was nun noch die beiden Seiten des Schiffes anbetrifft, so heißt diejenige, von welcher der Wind kommt, die Luvseite, während die entgegengesetzte die Leeseite genannt wird.

An den Marssegeln von oben nach unten befinden sich vier Querabteilungen, jede mit einer Reihe dicht nebeneinander hängender Bindfaden versehen, welche die Reffbändsel heißen und dazu dienen, bei starkem Winde die Marssegel zu verkleinern. Das nennt man reffen oder Reffe einstecken. Sind alle vier eingesteckt, so sagt man, das Schiff liegt mit gerefften Marssegeln.

Zum Aufholen oder Wegnehmen der Segel dienen die Geitaue, das sind Bocktaljen, welche von den Schoten bis unter die Mitte der Rahen reichen. Den gleichen Dienst versehen auch die Bauch- und Stockgordinge.

So, mein kleiner Mann, da hätten wir nun alles. Jetzt brummt es im Kopfe wie ein Bienenschwarm, nicht wahr? Aber ich will dir sagen, dass du die Geschichte leichter im Gedächtnis behältst, nachdem du sie schon einmal gehört, und dass darum dieser kleine Vorschmack dir in der Stunde des wirklichen Lernens zugute kommen wird. Steht dein Entschluss, ein Seemann zu werden, schon ganz fest, Junge?«

Robert seufzte. »Ach, wenn mich der Vater nur fortließe?«, quoll es zaghaft über seine Lippen. »Aber er tut es nicht.«

Der Matrose schob die Mütze in den Nacken und die Hände in die Taschen. »Das tut er nicht, dein Alter? Warum denn nicht?«

»Weil die Krolls alle Schneider gewesen sind!«

Der Seemann machte ein äußerst bedenkliches Gesicht. »Du«, sagte er, »das ist schlimm. Das ist eine richtige Klippe, woran der beste Segler scheitern kann. Siehst du, mein Vater war ein Schiffer und mein Großvater auch – ich glaube bis zu Adams Zeiten; wenigstens bis hinauf zu dem ersten Mann, der sich in seiner Großmutter Backtrog hinauswagte auf das Wasser, haben sie alle die blaue See gepflügt, und es wäre ja gar nicht menschenmöglich, dass einer von ihnen eine Landratte würde. Fünf Brüder habe ich, aber alle sind Seeleute.«

Roberts Augen füllten sich mit Tränen. »Ach«, seufzte er, »wie traurig.«

Der Matrose spuckte mit großer Kraft sein Priemchen über Bord. »Aber da sollen doch hunderttausend Teufel dreinschlagen«, rief er, »wenn das nicht zu ändern wäre. Meine Brüder und ich, wir wollten Seeleute werden, während du die Nähnadel und das Bügeleisen verabscheust! Sieh, das musst du deinem Alten nur richtig einlöffeln, dann wird er schon klein beigeben, denke ich.«

Robert schüttelte den Kopf. »Ich hab's oft versucht«, antwortete er, »aber nichts ausgerichtet. Was fange ich nur an, um meinen Lieblingswunsch in Erfüllung gehen zu sehen?«

Der Matrose heftete auf den Knaben einen langen, ernsten Blick. »Lauf nicht bei Nacht und Nebel davon, Junge«, sagte er, »das bringt kein Glück. Der zähe alte Kerl ist immer dein Vater, musst du bedenken, aber schlag einmal vor ihm auf den Tisch, dass die Schere aus Angst zusammenklappt und sag: ›Ich will kein solcher Stichelant und Lappenbohrer werden, solch ein richtiges altes Weib, das den ganzen Tag in der Stube hockt und einen krummen Buckel kriegt von all dem Nähen, ich bin ein Kerl und will hinaus auf die See!‹ – Was denkst du, würde er dir wohl antworten?«

Robert sah zur Seite. Er kannte genau die Art und Weise, in welcher sein Vater auf unziemliche Reden des Sohnes zu erwidern pflegte, aber er wollte davon lieber nicht sprechen, sondern schüttelte nur stumm den Kopf.

Der Matrose Pfiff durch die Zähne. »Hat am Ende gar noch ein ›Endje‹ in Bereitschaft, dieser wütende Schneide,,« sagte er. »Na, heule nur nicht, du; was kommen soll, das kommt doch, und wenn einer keinen Wagen kriegen kann, so nimmt er mit der Speiche fürlieb, wie sie bei mir zu Lande sagen. Du musst deine drei Lehrjahre herunternähen, und dann gehst du auf und davon. Offen am hellen Mittag nimmst du Abschied, das kann dir der Alte nicht wehren.«

Robert wechselte erschreckend die Farbe. »Noch drei Jahre«, stammelte er.

»Die vergehen auch, mein Söhnchen. Und ich will dir was sagen, du kannst dich schon während derselben für deinen zukünftigen Beruf ausbilden, wenn dir's wirklich Ernst ist mit dem Seewesen. Komm, ich hab ein Spielzeug für dich!«

»Ein Spielzeug?«

Ungläubig folgte der Knabe dem Voranschreitenden in das Logis, das heißt die Kammer, welche als Schlafstelle der Matrosen dient, und wo jeder seine Schiffskiste besitzt. Er sah sich vorher noch flüchtig nach Georg um, aber dieser war in so lebhafter Unterhaltung begriffen, dass er ihn gar nicht bemerkte. Er konnte ohne Unfreundlichkeit seinen Gönner begleiten.

Unter Deck setzte sich der Matrose auf eine Schiffskiste und öffnete dann die andere mittels eines Schlüssels, den er aus der Tasche nahm. »Nun sieh einmal her«, sagte er, »was ist das? Hallo Junge, kannst du auch Dergleichen schnitzen?«

Er hob mit spitzen Fingern aus einem Blechkasten ein ganz kleines Schiffchen hervor, das bei voller Takelage etwa nur acht Zoll lang und von der entsprechenden Höhe war. »Das habe ich gemacht«, setzte er voll Stolz hinzu.

»Sie? – Aber wie denn? Womit?«

Der Pommer klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers auf den Blechkasten. »Darin ist das Gerät«, sagte er »und auch das Buch, woraus ich die Geschichte gelernt habe. Willst du's einmal sehen?«

Robert faltete vor lauter Entzücken die Hände. »O bitte«, sagte er, »bitte! Sind denn in dem Buch auch Bilder?«

»Natürlich. Sehen muss der Mensch, was er begreifen soll. Das Lesen allein macht ja rappelköpfisch. Na, komm nur her und schau hinein.«

Robert setzte sich zu ihm auf die Kiste, wo dann beide andächtig in das Buch blickten. Zeichnungen aller Schiffsteile waren hier zu finden, und je weiter der Matrose Blatt um Blatt entfaltete, desto freudiger glänzte Roberts Auge.

Zuerst nur mittels einiger Grundstriche die ungefähre Form des Fahrzeuges angedeutet, hier als Längen-, dort als Querdurchschnitt, oder »Spantenriss«, wie der Pommer sagte, dann weiter bis zum deutlich erkennbaren gediegenen Kiel, auf dem sich nur allmählich der Rumpf erhob.

Immer verwickelter wurde das Ganze, immer mehr Einzelbilder folgten; in alle Balkenlagen, alle Verbindungen und Fugen des Schiffes konnte man sehen, alles, was dem Knaben unverständlich blieb, erläuterte ihm in seiner derben, aber klargefassten Redeweise der Seemann.

Wie lachte er, wenn Robert eine plötzliche Bemerkung dazwischenwarf, oder, wie er sich ausdrückte, »seinen Senf dazugab«, in welch harmlosem Vergnügen verstrich da unten den beiden die Zeit.

»Nun sieht's aus wie ein Fisch«, rief einmal der Knabe, und sein Freund versetzte ganz ernsthaft: »Gewiss tut's das, junges Deutschland! Von der Gestalt des Fisches hat der Mensch die Bauart seiner schwimmenden Fahrzeuge entlehnt. Alle Weisheit stammt aus der Natur!«

»Weiter!«, drängte Robert. »Da sind noch mehr Bilder. Wenn mich Georg rufen sollte, muss ich ja fort.«

Der Pommer sah herausfordernd nach der Gegend der Treppe hinüber. »Wenn Georg kommt, so gebe ich ihm eins hinter die Ohren«, sagte er. »Mag den Nussknacker nicht leiden!«

Und dann ging es wieder an das Buch. Abbildung neunundzwanzig zeigte schon einen hübschen Fortschritt.

»Nun ist's eine Wiege!«, rief Robert. »Aha und hier gibt es die Abbildungen ganz fertiger Schiffe: Fregatte, Dreimaster, Brigg, Schoner und Kutter. Was ist nun das, welches Sie nachgemacht haben?«, setzte er hinzu.

»Modelliert heißt es, mein Bürschchen. Sieh her, worauf passt das Ding?«

Robert verglich Schiffchen und Bild, aber nur einen Augenblick fast. Dann hatte er es herausgefunden. »Eine Fregatte!«, rief er. »Ein Vollschiff unter allen Segeln!«

»Bravo!«, rief der Pommer. »Hat's gut gemacht, hat's gut gemacht, drum wird er auch nicht ausgelacht!

Sieh, das Buch und das Gerät will ich dir schenken, Kerlchen. Einen Klotz von Ellern- oder Lindenholz wird dir ja leicht jeder Tischler geben und ein paar Leinwandfetzen deine Frau Mutter, dann aber kannst du dir mit Hilfe dieser Anweisungen ein ganzes Schiff von Grund aus selbst herstellen, jeden Namen, jede Einzelheit und jede, auch die geringste Kleinigkeit genau kennen lernen, bevor du Kajütsjunge wirst.

Das nennen die Leute theoretisch gebildet, und es taugt den Teufel nichts, wenn einer damit auf seiner Bodenkammer sitzen bleibt, ohne die Sache auch praktisch auf dem blauen Meer zu studieren, aber es kann ganz prächtig für die Seemannslaufbahn vorbereiten und auch an und für sich angenehm unterhalten. In New York kannte ich ganze Gesellschaften von jungen Leuten, die sich ihre kleinen Boote von Grund auf selbst zimmerten und dann Wettfahrten damit anstellten. Na – willst du's haben?«

Robert war stumm vor Vergnügen. Er sah nur in das gutmütige Gesicht des Matrosen, und dieser lachte zufrieden.

»Nimm's hin«, sagte er, »und lerne daraus, so gut du kannst. Wenn die Feierabendglocke schlägt, so wird dir dein Alter nicht wehren, dass du ein bisschen Schiffsbaukunst betreibst, denke ich. Fließt denn in dem verwünschten Dorf, wo du wohnst, gar kein Gewässer für das zukünftige Fahrzeug?«

Jetzt lachte Robert und erzählte nun seinem Kameraden von den kleinen Reisen im Segelboot und von Georgs früheren Seefahrten, die ihm dieser so verlockend geschildert. Er gestand auch, dass der Abstecher nach Hamburg ein heimlicher sei, und erwartete mit Herzklopfen, was der Matrose dazu sagen werde. Merkwürdig genug wünschte er lebhaft, von diesem Manne nicht getadelt zu sein – das war so ganz etwas anderes als mit Georg.

Um den breiten Mund des Pommern zuckte ein Lächeln. »Recht ist's nicht«, sagte er, sich hinter den Ohren kratzend, »durchaus nicht, aber einmal ist keinmal, wollen wir denken. Was hast du denn für den Rest des Tages noch vor?«

Robert dachte plötzlich wieder an den Freund, welchen er so treulos verlassen. »Ja – was Georg meint«, versetzte er. »Ich bin noch nie hier gewesen.«

»Hm, dann halte dich nur von der Flasche fern, und wenn du Geld bei dir hast, so lass dich zu keinem Würfel- oder Kartenspiel verleiten. Geh auch nicht mit in die Hamburger Matrosenschenken, ich rate es dir.«

Robert sah mit seinen hellen Augen fragend empor. »Warum denn nicht?«, meinte er.

»Weil du noch ein dummer Junge bist, und weil mancher von diesen Schlafbasen oder Wirten ein ganz geriebener Kerl ist, der –

Aber das verstehst du nicht«, brach er ab. »Willst du einmal eine Stelle als Kajütsjunge haben, so wendest du dich an den Kapitän selbst, aber nicht an solche Zwischenhändler, die zuweilen freilich sehr brave Geschäftsleute sind, zuweilen aber auch Spitzbuben, die man kielholen müsste, bis sie das Luftschnappen vergessen hätten. Davon brauchst du deinem liebenswürdigen Kumpan mit den Eulenaugen nichts zu sagen, Bürschchen, aber glaub es mir, dass ich's aus Erfahrung weiß.«

Robert steckte seufzend Buch und Kasten in die Tasche. »Ach«, sagte er, »bis dahin ist's weit. Wer kann wissen, ob es jemals geschieht?

Aber jetzt muss ich mich beeilen«, setzte er hinzu. »Georg wird nicht begreifen, wo ich bleibe.«

Er dankte noch herzlich dem Matrosen für das schöne Geschenk und dann gingen die beiden wieder hinauf an Deck, wo inzwischen der wachhabende Unteroffizier mehrere Segel hatte »anschlagen« das heißt an den Rahen hatte befestigen lassen, um sie bei dem schönen Wetter zu lüften.

Für unsern jungen Freund war dies Manöver wieder ein Gegenstand seiner höchsten Neugier. Er sah sofort, dass jedes Segel am oberen Rande kleine Ösen von starkem Bindfaden mit Leder besetzt aufzuweisen hatte und erfuhr auf seine leise Frage auch von dem Matrosen den Namen derselben nämlich »Gaten«. Durch diese Löcher werden dünne Seile gezogen, und vermittelst derer das Segel an einer auf der Vorderseite der Rahen befestigten Eisenstange angebunden. Die Letztere hieß, wie Robert hörte, das »Hücksteg«.

Er blickte um sich und gewahrte den Seiler, welcher schon ungeduldig wartete. Georg winkte ihm, aber ohne näher heranzukommen; es schien, als teile er den Widerwillen des Matrosen, wenigstens wartete er ruhig, bis Robert zu ihm kam.

Diesem wurde der Abschied von dem redlichen Pommer schwer genug. Er gab ihm wohl dreimal nacheinander die Hand und dankte immer wieder für das lehrreiche Buch und das zierliche, allerliebste Arbeitsgerät. »Ich will's recht in Ehren halten«, versprach er, »und tüchtig daraus lernen.«

»Bravo, mein Junge«, versetzte der Matrose. »Wer weiß, wo wir uns noch einmal im Leben begegnen. Vielleicht bin ich dein Bootsmann, wenn du für den Flottendienst eingezogen wirst. Und nun leb wohl! Trau aber nicht zu viel dem Schuhu da – ich mag ihn nicht.«

Er winkte verstohlen mit den Augen zu Georg hinüber und entließ mit mehrmaligem herzlichen Händedruck den Knaben, der jetzt neben seinem Begleiter in der Jolle Platz nahm.

Der Pommer sah vom Bord des »Blitz« den beiden nach. »Davonlaufen wird er doch«, dachte er, »und in eine schwere Schule rennt er blindlings hinein. Hm, hm, Bürschchen, dir steht noch manches Ach und Weh bevor, aber das ist einmal dein Schicksal und nichts daran zu ändern.«

Die beiden im Boote sprachen mittlerweile leise miteinander. »Na, was hattest du denn so Geheimnisvolles unter Deck zu schaffen?«, fragte etwas ärgerlich der Seiler. »Bliebst ja eine halbe Ewigkeit da unten – und was ist denn das hier?«

Robert zeigte ihm Buch und Kasten. Georg besah es mit prüfendem Blick. »Das leidet ja dein Alter nimmer«, sagte er, »du erlebst höchstens, dass er dir's vor der Nase wegnimmt und dass du einmal wieder so recht den kleinen Jungen spielst, das Kind, welches Schläge bekommt. Gib den Trödelkram her, ich will's für dich verkaufen.«

Aber Robert schüttelte den Kopf. »Lass mich's behalten, Georg«, antwortete er, »der freundliche Matrose würde es sehr undankbar finden, wollte ich sein Geschenk für wenige Groschen verkaufen – meinst du nicht auch?«

»Ach dummes Zeug, er sieht's ja nicht.«

»Das ist gleichviel, Georg, ich – ich müsste doch immer denken, er sähe es. Was soll ich auch mit dem Gelde?«

Der Seiler antwortete nicht. Diese Frage klang ihm offenbar ärgerlich. »Wollen wir nun eine Schiffswerft befahren?«, änderte er ohne Übergang das Gespräch.

Robert jubelte laut. »Gewiss, gewiss – ach Georg, welch ein schöner Tag ist das!«

»Weil wir Geld haben!«, konnte sich dieser nicht enthalten, mit Beziehung zu antworten. »Nach Steinwärder!«, befahl er dem Jollenführer, und schon sehr bald landete man an der kleinen angebauten Elbinsel, welche, dem Hafen gegenüber liegend, einen so großartigen Anblick darbietet, wie derselbe übereinstimmenden Urteilen nach nur in Amerika wiederzufinden ist und zwar in New York, dessen Hafen ähnliche Verhältnisse zeigt.

Die Schiffe aller Völker, die Gesichter aller Rassen, vom kohlschwarzen Sohne Äthiopiens durch alle Schattierungen von braun und gelb des Malaien, Mulatten, Chinesen und Mongolen, bis herab zu dem blonden Engländer oder Schweden – die Fahnen und Wimpel in jeder erdenklichen Farbe, zahllos die Luft erfüllend, das Rufen und Sprechen in fremder Mundart, der Anblick dieser unübersehbaren Reihen ankernder Schiffe, alles zusammen überwältigte den Knaben, sodass er stumm dasaß.

Welche wunderlichen Namen trugen die verschiedenen Fahrzeuge, wie seltsam und geheimnisvoll erschienen die geschnitzten Figuren am Bug derselben. Hier ein Greis mit Krone und Dreizack und lang herab wallendem weißen Barte, dort der Oberkörper einer Frau in den Fischschweif auslaufend, und hier gar ein gräulicher Götze, dort wieder ein Tierbild –

Es glitt vorüber an der Seele, an den Sinnen des Knaben, nur einen Gesamteindruck zurücklassend, den des Entzückens. Hier begann mit mächtigem Zauber für ihn das Leben, hier öffnete ihm die Welt, von der er bisher nur geträumt, ihre winkenden Arme, hier hörte er den Pulsschlag ihres Herzens.

Das war es, was er ersehnte, dem jeder Gedanke zustrebte, was er nicht vergessen konnte, so oft auch die Eltern, die Vettern und Basen daheim in Pinneberg ihm eindringlich vorgestellt, dass das Schifferwesen ein Gräuel sei, nur ausgedacht, um Mütter zu ängstigen und Söhne von Türken oder Menschenfressern elendiglich auffressen und umbringen zu lassen.

Er verschlang mit den Augen jeden neuen Gegenstand, er schwieg im Gefühl einer grenzenlosen Seligkeit, und als ihn Georg aufforderte aus dem Boot zu steigen, da tat er es wie im Traume. Seine Sinne waren berauscht.

»Komm«, lächelte der Seiler, »du zeigst ja ganz den Neuling, Junge, das Dorfkind, welches noch nie etwas anderes gesehen hat, als seine heimischen Gänseweiden. Hier ist die Seemannsschule, und hier die Werft der Hamburg-Amerikanischen Dampfschifffahrts-Aktiengesellschaft, wo freilich im Augenblick kein neuer Bau stattzufinden scheint. Aber weiter hinauf kommt die weltbekannte Firma Godeffroy mit ihrer großartigen Werft für Handelsschiffe. Aha, da liegt ein neuer prächtiger Dreimaster, dessen Stapellauf wohl nächster Tage vor sich gehen wird. Wollen doch versuchen, ob man für Geld und gute Worte das Ding besehen kann.«

Die beiden gingen an den verschiedenen offenen Arbeitsschuppen vorüber, und Robert sah in natürlicher Größe eine Menge solcher halbvollendeter Einzelteile von Schiffen, solcher Modelle und Anfänge, wie sie das Buch des Matrosen aufwies.

Besonders ein halbfertiger kleiner Kutter zog ihn lebhaft an. Das Ding sah aus wie ein Gerippe von Holz, und die in seinem Innern arbeitenden Zimmerleute klopften im Takte des lustigen Liedes, das sie bei ihrer Arbeit sangen.

Er wäre schon gern hier geblieben, um zu beobachten und zu bewundern, aber Georg hatte mittlerweile den Parlier der Werft gebeten, das neue Schiff besehen zu dürfen, und so kletterten denn beide junge Leute die Leiter hinauf, um an Bord zu gelangen.

Alle Türen, alle Luken waren geöffnet, um die Sonnenstrahlen recht hereindringen und den frischen Lack trocknen zu lassen. Das Fahrzeug sollte schon binnen vierzehn Tagen seine erste Reise über das Weltmeer antreten.

»Das hier ist die Kapitänskajüte«, erläuterte der Parlier, auf ein mäßig großes Zimmer deutend, dessen Decke sehr niedrig schien und durch dessen am Fußboden befestigten Tisch der Mast in schräger Stellung mitten hindurch lief.

Der war aber hier nicht bloß mit Ölfarbe gestrichen, wie draußen an Deck, sondern hübsch mit Mahagoni belegt und als Träger einiger schwebender Blumengestelle eingerichtet. Dazu gab es ein behagliches Sofa und an beiden Seiten des Tisches gepolsterte Bänke, wohingegen sämtliche Wände aus beweglichem Fachwerk bestanden und große Schränke hinter ihren Türen verbargen.

Den Boden bedeckte ein Strohteppich in bunten Farben, sodass das Ganze wohnlich und nett aussah, wie die Häuslichkeit eines gutgestellten Mannes. Robert hatte sich nicht träumen lassen, welche Behaglichkeit eine solche Schiffskajüte entwickeln könne.

»Das hier ist die Schlafstelle«, fuhr der Parlier fort, »denn ein Zimmer kann man's wohl kaum noch nennen. Aber der Raum muss eben gespart werden. Nur das Bett, an der Wand befestigt, mit hoher Seitenlehne (die Koje), ein Tisch und ein Bücherschrank mehr findet sich hier nicht vor; gegenüber von demselben, ganz ähnlich eingerichtet, liegt die Steuermannskajüte, und das Ganze wird mittels dieser Tür vollständig abgeschlossen.

Willst doch wohl am Ende auch Schiffer werden?«, lächelte der Parlier. »Sieh, mein Söhnchen, dort ist das ›Logis‹. Wollen's gleich näher besehen.«

Er führte seine Gäste am großen Mast vorüber nach dem Vorderteil des Schiffes, und hier sah Robert den wenig einladenden Raum, in welchem die Matrosen ihre freien Stunden verbringen.

Eine enge schmale Koje, so niedrig, dass der darin sitzende Mann kaum Platz behielt sich ganz auszustrecken und doch nicht mit der Stirn an die Decke zu stoßen, die Schiffskiste als Stuhl und ein tannener Tisch – das ist alles, was »Jan Maat« (die scherzhafte Bezeichnung für alle Matrosen) an Freiheit und Eigentum besitzt, so lange er das blaue Meer durchschifft.

Aber Robert fand es schön, er sehnte sich immer mehr nach dem Seeleben, je genauer er es kennen lernte. Auf dem Tisch sitzen und nähen, auch nach gemessenen Stunden, und als Schlafplatz das Bett im Winkel der Vordiele – war denn das nicht noch viel schrecklicher als die halbe Gefangenschaft eines Schiffes?

O, er wäre am liebsten gleich hier geblieben, hatte sich als Kajütsjunge »anmustern« lassen und die erste Reise des jungen Fahrzeuges mitgemacht. Sein Herz klopfte ungestüm, als der Parlier in eine andere Tür hineindeutete.

»Das da ist die Kombüse (Küche)«, sagte er, »und diese eisernen Kräne, welche ihr hier seht, die Pumpen. Wollen wir nun auch in den ›Raum‹ hinabsteigen?«

Das geschah, und Robert meinte, es sei unten so ziemlich wie in einem Grabe. Er freute sich, als ihm die goldene Sonne wieder ins Gesicht schien.

»Aber wenn das alles ganz mit Ladung gefüllt ist«, fragte er, »wie untersucht man denn, ob auch das Schiff etwa einen Leck bekommen hat?«

Georg und der Parlier lächelten.

»Die Decksluken werden vor der Abreise ›kalfatert‹, erläuterte Ersterer, »das heißt womöglich wasserdicht verschlossen und während der ganzen Fahrt nicht wieder geöffnet. Erst in dem betreffenden Hafen kommt ein Angestellter der Reederei mit dem Wasserschout an Bord, und beide bezeugen schriftlich dem Kapitän den Zustand, in welchem sie die Luken vorgefunden.

Nur wenn dieser ein ganz vorschriftsmäßiger ist, trifft den Führer des Schiffes für die etwaige Beschädigung der Kaufmannsgüter im Raum keinerlei Verantwortung. Den Wasserstand dagegen untersucht man täglich zweimal mittels der Pumpen, wobei sich bis auf einige Linien feststellen lässt, wie viel von dem nassen Elemente unbefugterweise in das Schiff eingedrungen ist. Man nennt dies Verfahren ›Peilen‹«.

Der Zimmermann sah sinnend über das Flussbett dahin. »Es ist schrecklich, wenn so ein Leck in das Schiff kommt«, sagte er, »unheimlich über die Maßen, weil man den Feind nicht ins Auge fassen, ihm nicht offen begegnen kann.

Ich hab's einmal erlebt, sechs Tagereisen vor dem Hafen von Kalkutta. Da stieg das Wasser so schnell, dass alle Arbeit auf Deck liegen blieb, dass nicht mehr gekocht und nicht mehr geschlafen wurde, weil wir nur unablässig pumpen mussten, um das nackte Leben zu retten. Wenn einer von der Mannschaft umfiel wie ein Toter, dann sprang ein anderer an seine Stelle, wortlos, ohne einen Blick auf den Röchelnden, Verendenden, ohne Rücksicht auf die eigenen zerfetzten Hände.

Es war grässlich – wir brachten das Schiff nach Kalkutta, aber von unseren dreizehn Leuten lebten nur noch vier, die Übrigen sind in ihren Kojen oder an Deck vor Erschöpfung gestorben, ohne dass wir uns um sie bekümmern konnten.

Wenn das Wasser im Schiffsraum steigt, sobald nur zwei Minuten die Arbeit an den Pumpen eingestellt wird, dann ist das so, als stände der Leibhaftige mit ausgestreckten Krallen hinter einem, und man vergäße es wohl, wenn auch der eigene Bruder ein paar Schritte weit davon im Sterben läge. Nun – gottlob passiert das nicht alle Tage.«

Robert hatte atemlos zugehört. »Waren Sie längere Zeit hindurch Seemann?«, fragte er.

Der Parlier nickte. »So kleine sechzehn Jahre«, antwortete er. »Da lernt man den Herrn Neptun kennen, wie er lächelt und wie er grollt.«

Robert hatte noch eine Frage auf dem Herzen, das sah der Alte und ermunterte ihn freundlich, dieselbe auszusprechen.

»Na«, sagte er, »was wolltest du wissen, Junge, ob ich den fliegenden Holländer gesehen habe und den Klabautermann, oder das berühmte Meerweib, welches sie hier auf St. Pauli jedem gläubigen Binnenländer für zwei Schilling bereitwilligst zeigen – das aber aus Werg und Kitt zusammengeflickt ist, wie ich dir zum Schutz deiner Kasse nur gleich mitteilen will.«

Robert schüttelte den Kopf. »Das meine ich nicht«, sagte er schüchtern, »aber ob es wohl im Meere noch unbekannte Tiere gibt, große – fürchterliche, die man in den naturgeschichtlichen Werken gar nicht aufgeführt findet.«

Der alte Zimmermann spielte mit der Hand an einer Leine, welche gerade vor ihm in der Luft hing. »Ja, ja«, sagte er, »darauf sollte ich eigentlich gar nicht antworten. Das Erzählen ist billig, wenn niemand die Geschichte widerlegen kann. Aber dennoch – ich habe so etwas Ähnliches erlebt.«

»Ach«, rief Robert, ungestüm die Hand erhebend, »ach, so erzählen Sie's doch.«

Der Zimmermann nickte. »Ich will's wohl tun«, versetzte er, »nur fehlt eigentlich der Sache die Pointe, das heißt die Erklärung, aber wahr ist sie, darauf kann ich einen Eid leisten.

Wir befanden uns im Atlantischen Ozean und trieben bei fast völliger Windstille langsam dahin. Ich hatte gerade die Wache am Steuerruder, so etwa um fünf Uhr morgens, da erhielt plötzlich das Schiff einen Stoß, dass ich beinahe gefallen wäre und dass alles an Bord aus dem Schlaf auffuhr. Zugleich rumorte es und tobte in dem stillen Wasser; weiße Schaumblasen kräuselten sich am Bug, während die Wellen nur langsam wieder zerrannen.

Wir sahen uns mit bangen Gesichtern an, und dann ging's an ein Untersuchen. Es wurde alle Stunden gepeilt, aber kein Tropfen Wasser war in das Schiff hineingekommen.

Erst als dasselbe später zum Zweck einer gründlichen Ausbesserung mit dem Kiel nach oben auf der Werft lag, da sah ich, was jenen Stoß verursacht hatte. In dem gekupferten Boden steckte bis zur Länge von sechs Zoll ein Horn von der Dicke eines starken Männerarmes.

Dasselbe war abgebrochen und vielleicht hatte der rasende Schmerz dieses Augenblicks das unbekannte Tier, welches den Angriff auf unser Schiff versucht, zu so starken Bewegungen veranlasst, dass sich die Wellen ringsumher aufbäumten.

Jedenfalls muss es ein riesenhaftes Geschöpf gewesen sein, das einen so fühlbaren Anprall verursachen und den Boden des Schiffes sechs Zoll weit durchbohren konnte.

Der Kapitän hat das Horn später überall gezeigt und bei vielen Männern der Wissenschaft angefragt, aber niemand kannte es.«

Robert berührte leise den Arm des Alten. »Haben Sie es?«, fragte er mit leuchtenden Augen. »Ich möchte es unbeschreiblich gern sehen.«

Der Zimmermann schüttelte den Kopf. »Es ist in England geblieben«, sagte er bedauernd. »Da ich dir aber diesen Wunsch nicht erfüllen kann, so nimmst du dafür vielleicht eine kleine Wanderung durch unsere Maschinensäle an, mein Junge. Ich will dir ein eisernes Schiff zeigen, das ist mehr wert als ein solcher Kitzel für die bloße Neugierde.

Den Grund des Meeres werden wir nicht erforschen, so wenig wie den Mittelpunkt der Erde oder das Treiben auf den Himmelskörpern. Aber die Welt, in der wir leben und die uns Brot geben soll, müssen wir möglichst genau kennen lernen, namentlich in derjenigen Richtung, auf welche uns unser Lebensberuf hinweist.

Kannst ja vielleicht auf hoher See, viele hundert Meilen von der bewohnten Erde entfernt, dereinst solchem tiefseeischen Ungeheuer begegnen, wie damals in der stillen Morgenstunde unser Fahrzeug anrannte – wer weiß? Willst du jetzt das eiserne Schiff sehen?«

Robert glaubte, dass ihn der Zimmermann necken wolle. »So dumm bin ich nun freilich nicht mehr«, versetzte er. »Wie könnte denn Eisen schwimmen?«

Der Alte und auch Georg lachten herzlich. »Komm du nur mit«, meinte Ersterer, »wenn du auch ein recht kluges Bürschchen bist – zu lernen findet sich doch noch immer etwas.«

Robert fühlte, dass er errötete. Ob es doch möglich war, dass Eisen schwämme?

Schleunigst folgte er den beiden anderen und kam nun mit ihnen an einen schmalen Arm der Elbe, wo ein eben vollendetes kleines Dampfschiff lag, ein Schraubenschiff und ganz von Eisen, in blaugrauer Farbe gemalt, mit schlanken, gefälligen Linien. Der Knabe sah deutlich die einzelnen Eisenplatten und deren Vernietungen. Die Säume der oberen Platten griffen über die darunter befindlichen, deren Dicke höchstens zwei Linien betragen mochte.

»Ach«, rief Robert, »also es schwimmt, weil es so dünne Platten hat? Ja freilich –«

»Das wusstest du nicht!«, lachte der Alte. »Na, mein Söhnchen, gib dich gefangen. Es ist nicht das letzte Mal, wo du deine Unwissenheit eingestehen musst. Und was die dünnen Platten betrifft, so habe ich schon Schiffe mit zolldicken Platten gesehen, wie denn unsere jetzigen Panzerfregatten sogar mit einer Eisenkleidung von acht Zoll Stärke umgürtet sind und doch vortrefflich schwimmen.

Und weshalb das möglich ist, will ich dir genau auseinandersetzen. Jeder Körper, er sei welcher Art er wolle, schwimmt überhaupt nur dann im Wasser, wenn sein Gewicht kleiner ist, als das der Wassermenge, welche er zur Seite drückt. Ob ich also das hölzerne Schiff mit Eisen belade oder ganz aus Letzterem Stoff ein Fahrzeug herstelle, das muss sich in seinen Folgen vollkommen gleich bleiben.«

Robert hatte aufmerksam zugehört. »Das habe ich verstanden!«, rief er fröhlich. »Wenn man doch nur ein wenig nachdenkt und sich eine Sache in ihren Einzelheiten vor Augen führt, dann scheint alles einfacher und selbstverständlicher.«

»Siehst du!«, nickte lächelnd der Alte. »Das ist das große Geheimnis alles Lernens. Nicht in sich hineinreden lassen muss der Mensch, sondern mit offenen Augen sehen und selbst denken, sonst bleibt das Ganze nur oberflächlicher Natur und wird nie vielen Nutzen stiften können. Jetzt geht mit, wir wollen auch das Innere besehen.«

Man stieg, nachdem die Laufbrücke passiert war, eine hübsche gewundene Treppe hinab, und nun erblickte Robert den Dampfkessel. Ein langes, dickes Rohr, sorgfältig mit Hanf umwickelt (der Wärme wegen) ging von dem Kessel aus und teilte sich in zwei Arme, deren jeder in einen gusseisernen Zylinder mündete, dem er den im Kessel erzeugten Dampf mitteilte.

Der Zimmermann blickte zu dem Maschinisten hinüber, sagte freundlich »mit Erlaubnis!« und nahm dann von einem dieser Zylinder den Deckel herab, sodass der Kolben sichtbar wurde, auf welchen der Dampf seine unmittelbare Wirkung übt, indem er bald über ihm, bald unter ihm in den Zylinder hineinströmt und daher die fortwährende Bewegung verursacht.

Fest verbunden mit diesem Kolben war eine Kolbenstange, welche in »Führungen« oder »Kulissen« ging und die mit einem Gelenk versehene »Prügelstange« aufnahm. Letztere war mit den »Kurbeln« oder »Krummzapfen« durch einen »Kreuzkopf« verbunden und übersetzte die hin- und hergehende Bewegung des Kolbens in eine drehende, indem die Krummzapfen auf der »Schraubenwelle« einsetzten, diese mitnahmen und so die außerhalb des Schiffes befindliche Schraube in Gang brachten.

Robert begriff das alles weit leichter, als er es für möglich gehalten, und folgte mit großem Interesse jetzt auch seinen Begleitern durch die Maschinensäle.

Es war fast vier Uhr nachmittags, als sich die beiden Wanderer nach einem herzlichen Abschied von dem alten Parlier durch die Dampffähre wieder hinüberschaffen ließen nach Hamburg. Robert meinte etwas kleinlaut, dass er sich vor diesen Häusermassen wirklich fürchte. Es sei ja, als bleibe für Menschen gar kein Platz mehr.

Georg zog ihn am Arm mit sich fort, den Baumwall entlang bis zu den Vorsetzen. »Ich bin fast ohnmächtig vor Hunger«, sagte er. »Lass uns nur erst einmal das Wirtshaus erreichen, welches ich suche. Hier herum muss es sein.«

Er überflog spähenden Blickes die vielen Wirtschaftsschilder, und schien dann den Gegenstand seiner Wünsche entdeckt zu haben. »Aha, da wäre ja der Fliegende Holländer!«, sagte er. »Komm nur, dass wir jetzt erst ein wenig essen.«

Er führte den Knaben in eine niedere, unsaubere Schenkstube, deren Besitzer hinter dem Schenktisch stand und die Groggläser füllte, welche ein kleiner Kellnerbursche unablässig den spielenden und rauchenden Matrosen zutrug.

Das Zimmer war Kopf an Kopf von Gästen besetzt, und Würfel und Karten gingen aus einer Hand in die andere. Man hörte das überlaute Lachen, die Flüche und die Ausrufungen in fremden Sprachen, welche von solchen Gelagen unzertrennlich zu sein pflegen.

Spanier, Engländer und Schwarze saßen hier, in verworrenstem Kauderwelsch durcheinander schreiend neben den Hamburgern, die in breitem Platt mit ihren Kameraden sich unterhielten. Alles sang und lachte, fluchte und lärmte.

Der Wirt war ein untersetzter Mann mit kurzem, dicken Hals und riesenstarken Armen, die in schmutzigen Hemdärmeln steckten. Auf borstigen, fuchsroten Haaren saß im Nacken eine schmierige Mütze, und das Auge lag lauernd in einer blutunterlaufenen tiefen Höhlung, gewissermaßen versteckt.

»Sieh da, auch mal wieder da?«, redete er Georg an. »Wen bringst du mir da, mein Junge? Auch ein Früchtchen von deiner Art oder eine junge, unschuldige Landratte, die Seewasser kosten will? Da, fangt erst mit einem Glase Genever an«, und damit bot er Georg das Glas mit dem brennenden Getränk, welches Robert mit Widerwillen ausschlug.

Der Seiler winkte dem Wirt verstohlen mit den Augen. »Ein Freund von mir, dem ich Hamburg zeigen will; bei Euch wollen wir einstweilen einen Imbiss zu uns nehmen.«

Damit bestellte er bei dem Kellner zwei Portionen Beefsteak mit Kartoffeln und zwei Seidel Bier, was auch sehr bald erschien und worüber sich unsere Freunde mit dem ganzen Appetit der Jugend hermachten.

Als sie gesättigt waren, drängte Robert zum Fortgehen. Der Matrose vom »Blitz« hatte gewiss recht, wenn er ihn vor dieser Art Schenken eindringlich warnte, denn was er sah, das konnte ihm durchaus nicht gefallen, und vor dem Wirt empfand er eine Art von unwiderstehlichem Schauder.

Es ist einer von denen, die »gekielholt« werden müssten, dachte er.

Georg stand auf und knöpfte den Rock zu. »Bleib noch einen Augenblick sitzen«, sagte er, »ich möchte mit dem Wirt noch ein paar Worte sprechen. Der Mann ist ein alter Freund von mir.«

Robert machte große Augen. »Der?«, sagte er.

»Nun, und warum nicht?«, fragte mit ungewohnter Schärfe der Seiler. »Ein solcher Wirt kann nicht mit Manschetten und Lackstiefeln einhergehen wie ein großer Herr. Er muss häufig genug die streitenden Gäste eigenhändig auseinanderbringen und dazu immerwährend die Gläser spülen. – Peter Volland ist ein kreuzbraver Mann, sage ich dir.«

Und mit diesen Worten entfernte sich Georg, um hinter dem überschwemmten Schenktisch den Wirt aufzusuchen.

Robert sah, dass die beiden einander wie alte Bekannte begrüßten und dass die Worte seines Freundes den stämmigen Schenkwirt äußerst angenehm zu berühren schienen. Ein wiederholtes Kopfnicken, eine Handbewegung und der ganze Ausdruck des Gesichtes sagten deutlich, als habe er es laut ausgerufen: »Ja! Jawohl, ganz gewiss.«

Dann folgte, halb versteckt hinter einer großen braunen Kruke, eine Fingerbewegung – die des Zählens. Jetzt nickte Georg, und die beiden Vertrauten sagten sich Lebewohl. Der Seiler kam wieder in das Schenkzimmer.

»So«, rief er, »nun lass uns gehen, Kleiner. Jetzt sollst du auf dem Wege zum Altonaer Bahnhof noch die Läden der Schiffs-Viktualienhändler kennen lernen. Pass nur auf, es beginnt gleich hier in der Nähe.«

»Was hattest du mit dem Wirt?«, fragte Robert. »Ihr beide spracht und gebärdetet euch ja, als hättet ihr einen Handel abgeschlossen.«

Der Seiler lachte etwas gezwungen. «Einen Handel? Dummes Zeug, Junge. Sieh her – hast du schon einmal solche Ankerketten gesehen und solches Ölzeug?«

Er zog seinen Schützling von Schaufenster zu Schaufenster und ließ ihn alle diese Anhäufungen von Schiffshandwerkzeug bewundern.

Der ganze Weg neben der Hafenmauer führt an solchen Läden und solchen Werkstätten vorüber, die mit dem Seewesen in unmittelbarer Berührung stehen, nämlich außer den zahllosen Matrosenschenken und großartigen Auswandererhäusern die Niederlagen der Anker- und Kettenschmiede, Tauwerks-, Teer- und Farbenhandlungen, die Werkstätten der Blockdreher und Segelmacher, die Läden mit Schiffsviktualien, Auswandererbedürfnissen, des Schiffszwiebacks und Ölzeugs, dann die Geschäfte der Makler, Agenten und Ballastlieferanten und hundert andere Einzelheiten des Seewesens mehr.

An der unbebauten, dem Strome zugekehrten Seite der Straße befinden sich viele alte hölzerne, nach holländischer Art erbaute Kräne und Winden, ebenso die derartigen, meistens eisernen Einrichtungen der Neuzeit, dann führen Treppen in kurzen Zwischenräumen hinunter an das Wasser, und an schweren Ketten liegen die zahlreichen Jollen, welche hier zwischen den Schiffen und dem Lande einen ununterbrochenen Verkehr herstellen.

In der Straße selbst wogt es von Hafenarbeitern und Seeleuten jeglichen Standes, jeglicher Rasse und jeglichen Himmelsstriches, von Ewerführern, Schauerleuten, Jollenführern, Gehilfen und Agenten der Schiffshändler, der Makler und Angestellten solcher Geschäfte, die mit dem Seewesen in irgendeiner Beziehung stehen.

Hier spricht man alle Sprachen, hier kennt man alle Münzen der Welt. Hart an den Vorsetzen liegen Torf- und Kartoffelewer von der Unterelbe, welche einen bedeutenden Teil des Bedarfs an diesen Artikeln in die Stadt bringen.

Überall lebt und webt auf jedem Fußbreit der schmalen Straße das geschäftige Treiben einer Hafenstadt, überall regt sich die Seele Hamburgs, der Handel nach sämtlichen Gegenden der Welt.

Es war für den Seiler keine geringe Aufgabe, seinen jungen Schützling vorwärts zu bringen. Zwanzigmal blieb er stehen, um dieses oder jenes zu bewundern, um eine Unterhaltung anzuknüpfen oder eine neugierige Frage zu stellen. Er wollte alles sehen, alles wissen und nur, als ihm Georg außerhalb des Tores, in der Vorstadt St. Pauli, das Seemannshaus zeigte, wurde er einigermaßen abgelenkt.

Es brannten jetzt schon überall die Gaslaternen, und der Anblick dieser Gegend erhielt dadurch neue, überraschende Reize. Auf einer beträchtlichen Anhöhe, dem schönsten Punkt von ganz Hamburg erbaut, gleicht das Krankenhaus für Seeleute in seiner großartigen Anlage fast einer mittelalterlichen Zwingburg. Es bildet mit seiner dem Hafen zugekehrten Fronte einen wahrhaft großartigen Anblick, und Robert vermochte sich von demselben kaum loszureißen.

»Wie viele Seeleute mögen dort Unterkommen finden?«, fragte er, in Staunen verloren. »Das ist ja ein riesiger Bau.«

Georg nickte. »Es ist Raum für zwölfhundert Gesunde und dreihundert Kranke vorhanden«, antwortete er. »Aber nun heißt es rechtsum kehrt! Wir müssen eilen, den Altonaer Bahnhof zu erreichen.«

Nur sehr ungern trennte sich der Knabe von der Wasserseite Hamburgs und folgte seufzend dem voranschreitenden Freunde durch die Vorstadt St. Pauli wieder zurück nach Altona. »Nun haben wir aber auch alles gesehen!«, sagte er mit Genugtuung.

Der Seiler lächelte halb spöttisch. »Und das Museum, mein Junge, und der Zoologische Garten und die kleinen Alsterdampfschiffe, die wie ein Puppenspielzeug über das Wasser fahren? – Aber ich denke, wir machen noch manche kleine Reise zusammen«, setzte er hinzu. »Wenn die Geschichte nur nicht so gewaltig teuer wäre.«

»Was hat uns der Tag gekostet?«, fragte Robert.

»Hm, wenn wir wieder in Pinneberg angelangt sind, so ist die Tasche leer. Aber du hast ja noch Vorrat in der Sparbüchse.«

Robert antwortete nicht. Seine Seele musste die vielgestaltigen Eindrücke dieses Tages erst in sich verarbeiten, bevor irgendetwas anderes seine Aufmerksamkeit fesseln konnte.

Unterwegs im Wagen legte er die heiße Hand auf Georgs Arm. »Lass uns gleich, wenn der Zug anhält, wieder umkehren«, sagte er, »ich kann es doch nicht ertragen – nun erst recht nicht.«

Der Seiler zuckte die Achseln. »Hättest besser zugreifen sollen«, flüsterte er, Daumen und Zeigefinger mit bedeutsamem Blick gegeneinander reibend. »Ohne Moses und die Propheten kann man in der Welt keinen Schritt vorwärts kommen.«

Robert sprach kein Wort mehr, aber er ging, nachdem er auf Umwegen nach Hause geschlichen, sogleich ins Bett, ohne vorher zu essen oder seiner Mutter irgendetwas zu erzählen. Er wollte nur ungestört an das, was er gesehen hatte, denken.

Am folgenden Tage musste die Arbeit, welche der Vater für seinen Sohn und Lehrling zurückgelassen, in aller Eile fertig gemacht werden, aber es fielen diesmal glühende Tränen darauf.

»Wenn mich so alle diese kräftigen Männer sehen könnten«, dachte er, »die Glücklichen, welche in Wind und Wetter draußen ihre Arme brauchen und schwere Lasten regieren dürfen, indes ich die Nähnadel halten muss! O es ist zu traurig.«

Der Alte fand auch, als er nach seiner Rückkehr jeden Stich musterte, die Arbeit grundschlecht und sparte daher nicht mit Zurechtweisungen, ebenso beschränkte er zur Strafe die freie Zeit des Knaben, sodass dieser nur höchst selten mit Georg einmal vertraulich sprechen oder gar an dem Holzklotz, welchen er sich heimlich in einen Winkel des Heubodens geschafft, ein paar Minuten meißeln konnte.

Das Buch des Matrosen vom »Blitz« gab über alles eine so genaue Auskunft, war so verständlich und belehrend geschrieben, dass es gar keine Kunst mehr schien, nach diesen Anweisungen selbst ein kleines Schiff herzustellen.

Robert hatte sich in seinem Versteck eine ordentliche Werkstelle eingerichtet, denn die Mutter verriet ja nichts, und der Vater kam nie dort hinauf seiner Luftbeklemmung wegen, das wusste der Knabe aus Erfahrung.

Zwar schüttelte Frau Kroll den Kopf und meinte, das werde noch einmal ein Unglück geben, wenn es der Vater erfahren sollte, aber Robert kehrte sich nicht daran. In seinem natürlichen Beschützer und Freund sah er ja schon langst den Feind, dessen er sich mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu erwehren suchte.

Und Georg schürte das Feuer, wo er konnte. Robert lieferte jetzt kein empfangenes Trinkgeld mehr ab, stahl für seinen Freund aus der Speisekammer der Mutter alles Genießbare und hatte auch schon mehrere Male wieder mit Hilfe von Georgs Nachschlüssel den Geldkasten des Vaters bestohlen oder von seinem »Eigentum« ein Paar Taler verbraucht, wie es der Seiler nannte.

Alles das verursachte ihm kaum Gewissensbisse. Wenn der Alte gewollt hätte wie er, wenn er kein Tyrann gewesen wäre, so würde es ja nie geschehen sein, aber durch diese Halsstarrigkeit, diese Ungerechtigkeit trug er ja an allem selbst die Schuld. Schalt er, so hieß es: »Ich will ja doch kein Schneider werden. Hab ich ausgelernt, so gehe ich auf und davon.«

Natürlich zog nach solchen Auftritten der Vater die Zügel nur immer straffer, und das Verhältnis zwischen ihm und seinem Sohne wurde immer schlechter. Robert hatte jetzt, als das Wetter anfing kalt zu werden, den Schiffbau oben in der Ecke des Heubodens so weit vollendet, dass er notwendig mehrere Kleinigkeiten einkaufen musste, um weiter arbeiten zu können, aber es fand sich dazu leider kein Geld, und auch der Seiler erklärte, keines zu besitzen.

»Nimm's doch, wo du weißt, dass es liegt«, sagte er höhnisch.

Aber Robert schüttelte den Kopf. »Was ich in der Sparbüchse hatte, ist verbraucht«, antwortete er, »und das Übrige gehört mir nicht.«

Dabei blieb es. Georg sah zu seinem größten Verdruss, dass Robert nicht umzustimmen war, aber er verbarg die Täuschung und half über alle entstehenden kleinen Verlegenheiten des Baues so gut wie möglich hinweg. Man konnte jetzt das zukünftige Schiff schon ganz deutlich erkennen.

Da traf es sich, dass Robert an einem Sonntage ausgeschickt wurde, um in einem ziemlich entfernten Dorfe Arbeit abzuliefern, und als er zurückkam, sah er die Mutter bitterlich weinend auf dem Herd sitzen. Nichts Gutes ahnend, fragte er sie nach dem Grunde ihrer Tränen.

»Geh du nur fort«, flüsterte ängstlich die alte Frau, »lass dich beim Vater fürs Erste gar nicht sehen. Er ist furchtbar erzürnt.«

Der Knabe wurde purpurrot vor Aufregung. »Hat er mein Schiff gefunden, Mutter?«, stammelten kaum vernehmlich die bebenden Lippen.

Die Alte nickte unter ihrer vorgehaltenen Schürze. »Ja! – Ach ja!«

Robert flog zum Heuboden. Er schlug vor Entsetzen die Hände zusammen. Alles fort, das Buch, das Gerät, die Hobelbank, welche er sich mit Georgs Hilfe so sinnreich und kunstvoll selbst gebaut, und namentlich sein geliebtes halbfertiges Schiffchen, der beste Schatz, den er auf Erden sein eigen genannt.

Wo mochte es der erzürnte Vater gelassen haben?

Dieser letztere schreckliche Gedanke brachte sein Blut in Wallung. Wenn das Schiff – sein »Blitz« zerstört wäre!

Er sprang wieder in den Hof hinab und stürmte an der weinenden, händeringenden Mutter vorüber in das Wohnzimmer. Nun einmal alles entdeckt war, konnte ihm ja weder Zögern noch Leugnen helfen.

Der Alte stand kerzengerade mitten in dem kleinen Raum, und neben ihm auf dem Tische lag ein schlankes, wie es schien, eben erst aus der Haselnusshecke geschnittenes Stöckchen. Roberts ganze Einrichtung mit allem, was dazu gehörte, stand und lag auf dem Fußboden. Der alte Schneidermeister sah aus wie ein Toter.

Seine und seines Sohnes Augen begegneten einander in festem, langen Blick. Der Starrsinn und die unbeugsame Art des Vaters fanden ihren Widerhall in dem Knaben, der blass aber unbeirrt vor dem erzürnten Manne stehen blieb.

Minutenlang lag auf der Umgebung ein drückendes Schweigen, das nur durch die leisen, bittenden Worte der Mutter zuweilen unterbrochen wurde, dann aber streckte der Meister die Hand aus. »Wem gehört das da?«, fragte er, auf Roberts Schiff deutend, den Knaben.

»Mir, Vater, und ich will es auch behalten.«

»Still. Von wem hast du das Buch und das Gerät bekommen?«

Robert hatte sich auf diese Frage bereits vorbereitet. Die Lüge flößte ihm ja schon längst keinen Widerwillen mehr ein. »Von Georg«, versetzte er ruhig.

»Das ist nicht wahr!«, brauste der Alte auf. »Solch ein Bettelbube, den der Nachbar Seiler nur um Gotteswillen und weil's ihm so traurig geht, überhaupt in Arbeit behält, der kann nichts verschenken. Gestehe, woher du es hast.«

»Von Georg. Und willst du mir nicht glauben, so lass es, darum bekümmere ich mich nicht.«

Der Schneider stutzte und ließ die Hand sinken. »Ich denke wohl, dass du die Wahrheit sprichst«, sagte er nach einer Pause, »denn so dreist lügen könnte doch mein Sohn nicht. Ich wenigstens hab es mein Lebtag nicht gekonnt.«

Robert ertrug mit äußerlicher Ruhe den Blick, welcher diese Worte seines Vaters begleitete. In ihm gärte und stürmte es, aber der Trotz hielt jede Rührung in Schranken. Er schwieg, ohne sich von der Stelle zu bewegen.

»Wer hat dir die Spielerei erlaubt?«, fuhr Meister Kroll fort. »Du wusstest, welches Unrecht du begingst, sonst würdest du aus der Sache kein Geheimnis gemacht haben. Du wolltest mit bestimmter Absicht deinen Vater betrügen, nicht wahr?«

»Ich wollte dir das Schiff nicht zeigen. Wenn du darin einen Betrug erkennst, so kann ich es nicht ändern.«

Der Alte nickte. »Ich weiß nun genug«, sagte er kalt. »Trage das Ding in die Küche, alles, auch das Buch.«

»Vater!«

»Gehorche!«, rief rot vor Zorn der Alte. »Willst du deinem Vater den Gehorsam aufkündigen, ungeratener Bube?«

In diesem Augenblick erschien die Mutter. Ohne ein Wort zu sprechen, ergriff sie die verschiedenen Gegenstände und trug sie hinaus auf den Herd.

Robert sah ihr zu, unfähig jetzt einen Entschluss zu fassen. Sollte er das Äußerste tun, die Hand erheben, um seiner Mutter das geliebte kleine Schiff gewaltsam zu entreißen?

Er konnte es nicht, aber er folgte wie im Traum der alten Frau und sah starren Blickes auf den gefährdeten Schatz. Der Vater wollte ihn vernichten, das schien unzweifelhaft.

Und wirklich betrat Meister Kroll die Küche. Er handelte keineswegs im Zorn, sondern wohlüberlegt und mit der größten Ruhe; er machte aus der ganzen Sache ein förmliches Strafgericht. Zuerst warf seine Hand das Buch in die Flammen, und dann ergriff er das Beil und das Schiffchen.

Robert stieß einen lauten Schrei aus. »Vater, Vater, ich bitte dich«, rief er, außerstande, noch in diesem verhängnisvollen Augenblick zu schweigen, »ich bitte dich, lass mir das Schiff. Es ist meine einzige Freude.«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Gerade darum«, versetzte er nachdrücklich. »Liebtest du dein Fach und wärest du ein fleißiger, gehorsamer Lehrjunge, so würde ich dir recht gern für deine Freistunden eine harmlose Spielerei gestatten. Hier aber handelt es sich um viel Ernsteres, und die Strafe soll so tief ins Herz treffen, dass du sie nie wieder vergisst.«

Er hob die schwere Axt – es war dem Knaben, als würde er selbst getroffen – und der Schlag fiel dröhnend in den fertigen Rumpf des Schiffchens. Ein klaffender Spalt hatte es der Länge nach getrennt.

Robert wandte sich ab. Seine Fäuste waren geballt, seine Lippen zuckten und aus den Augen brachen heiße Tränen, aber er beherrschte sich doch – er versuchte keine Gegenwehr.

Die Trümmer des zerstörten Baues flogen ins Feuer, die übrigen Holzstücke in den Winkel, und das Gerät packte der Alte auf den Schrank. »Das war eins«, sagte er, »und nun geh ins Zimmer, Junge. Wir sprechen uns weiter.«

Robert gehorchte schweigend. Mochte der Vater tun oder lassen, was er wollte, das schien jetzt nach dem Verlust des Schiffchens und des Buches ganz gleichgültig, wenigstens glaubte es der Knabe, aber er sollte sich dennoch täuschen.

Meister Kroll rief auch die Mutter in das Zimmer. »Nun höre«, wandte er sich an seinen Sohn, »was ich dir mitzuteilen habe. Nach meiner ursprünglichen Absicht solltest du in drei Jahren zum Gesellen gemacht und vom Lehrling losgesprochen werden, aber dieser Wohltat hast du dich unwürdig gezeigt. Deine Lehrjahre sollen erst verstrichen sein, wenn du neunzehn zählst – sie sind auf vier erhöht worden. So, das sagte dir der Meister in mir, und nun kommt der Vater. Zieh die Jacke aus.«

Der Knabe hatte wie ein Gerichteter die schrecklichen Worte des Alten über sich daherbrausen lassen, fast unfähig, den neuen Schlag in seiner ganzen Schwere sogleich zu fühlen – jetzt aber richtete er sich plötzlich auf. Alles Blut schoss ihm ins Gesicht.

»Vater, du willst mich schlagen?«, presste er hervor.

»Gewiss will ich das, wie es von Gottes- und Rechtswegen meine Pflicht ist. Zieh die Jacke aus,«

Robert trat hastig zurück. »Du darfst mich nicht schlagen, Vater«, rief er außer sich, »du darfst es auf keinen Fall, denn ich bin konfirmiert. Tu es nicht, Vater.«

Aber der Alte zog ihn mit einem einzigen Griff zu sich. »Ist es schon so weit gekommen«, grollte er, »will der junge Hahn gegen Gott und Menschen krähen, was? Ich sollte meinen Buben nicht mehr züchtigen dürfen, nur weil er kein Fibelschütz mehr ist? Wehre dich gegen deinen Vater, du Taugenichts, wenn du den Mut dazu findest.«

Die Schläge fielen schwer und dicht auf den Rücken des Knaben. Robert fühlte etwas wie eine Erstarrung, einen wahren Todesschmerz, aber dennoch ertrug er die Bestrafung, ohne seine Kräfte denen des Vaters entgegenzusetzen; nur wusste er ganz gewiss, dass jetzt ein fester Entschluss zur Reife gekommen war – dass diese Stunde zwischen ihm und dem Vater das letzte Band zerschnitten. Mochte doch der Meister seinem Lehrling drohen, so viel er wollte, mochte er die Zeit der Erlösung in Gedanken hinausschieben, so weit er Lust hatte – Robert lächelte nur.

Er sprach auch keine Silbe, als der Vater den Stock in die Ecke warf und ihm sagte, dass er nun gehen könne. Er hörte es kaum.

Als aber der Abend kam, schlich er sich hinaus und suchte seinen Freund. Schluchzend vor Gram und Zorn hing er an dem Hals des Seilers und stammelte in abgebrochenen Lauten die Geschichte dieses Tages.

Auch ohne die tiefe Dunkelheit ringsumher wäre er zu erregt gewesen, um Georgs triumphierendes, zufriedenes Lächeln bemerken zu können.

»Ich will fort«, schloss er seinen Bericht, »jetzt um jeden Preis und lieber heute als morgen. Georg hilf mir, dass ich ein Schiff bekomme.«

Der Seiler zuckte die Achseln. »Nichts leichter als das«, antwortete er, »nur musst du Geld schaffen. Ich besitze gar nichts.«

Robert nickte. »Es ist gut«, sagte er, »ich will's tun. Der Vater sieht mich nie im Leben wieder, also kann er wohl für seinen Sohn das letzte Opfer bringen. Wie viel brauche ich?«

»Hm, je mehr, desto besser. Greif nur tüchtig hinein, denn das Seezeug kostet schweres Geld. Einstweilen werde ich Erkundigungen einziehen, wenn ein Schiff ausläuft, welches dich brauchen kann.«

Der Knabe erschrak. »Bei Peter Volland?«, fragte er.

»Bei demselben. Er kennt alle Kapitäne und alle Agenten, zudem ist er mein bester Freund, der gewiss für dich tun wird, was in seiner Macht steht. Dein Entschluss ist also bestimmt gefasst, mein Kleiner?«

»Ganz bestimmt«, erklärte Robert. »Würdest du dir solche Behandlung gefallen lassen, Georg? – Ich glaube kaum.«

Der Seiler lachte spöttisch. »Wahrhaftig nicht«, versetzte er. »Ich wäre schon längst auf und davongegangen – aber du hattest ja dazu nie den Mut.«

Robert ballte im Andenken der erlittenen Schmach noch jetzt die Faust. »Ich habe Mut«, flüsterte er, »besorge du nur ein Schiff, hörst du?«

Der Seiler versprach, noch selbigen Tages an den Hamburger Schlafbas zu schreiben, und wirklich brachte er auch nach kurzer Zeit einen Brief, in welchem Peter Volland mitteilte, dass das holländische Schiff »Antje-Marie« zur Abfahrt bereit im Hafen liege. »Kapitän van Swieten sucht gerade einen Jungen«, setzte er hinzu, »und wenn dein Freund zur rechten Zeit eintrifft, so kann er die Stelle bekommen.«

Robert jubelte laut. »Aber du gehst mit, Georg«, bat er. »Du zeigst mir die notwendigsten Wege und hilfst beim Einkaufen, nicht wahr?«

Der Seiler nickte. »Kannst dich darauf verlassen, Junge. Sei du nur guten Mutes, jetzt ist dein Glück gemacht, wenn du nämlich das Geld erst im Besitz hast.«

»O – darum sorge nicht. Morgen Abend ist bei meiner Tante Christine eine Geburtstagsfeier, und dahin begeben sich die Alten. Ich habe mithin Zeit genug, den Kasten zu öffnen.«

»Nimm so etwa sechzig Taler«, rief Georg. »Das brauchst du ganz gewiss.«

Robert nickte und arbeitete dann während des folgenden Tages Seite an Seite mit dem Vater, ohne ein Wort zu sprechen. Meister Kroll hatte ihm gesagt, dass er erst wie ein gutes Kind um Verzeihung bitten müsse, und dagegen sträubte sich sein Trotz. »Ich bin mir keiner Schuld bewusst«, dachte er, »warum sollte ich also nachgeben.«

Der Tag schien endlos, aber einmal neigte er sich doch, und aufatmend sah Robert die Eltern im festlichen Putz fortgehen. Der Vater sprach ja nicht mit ihm – nur die Mutter hatte leise zum Guten geredet und gebeten, dass er nicht davonlaufe, sondern hübsch auf alles Acht geben möge.

Und nun war er allein. Aber noch wachte alles auf der Straße und in der Nachbarschaft, noch konnte er den Raub nicht vollführen, es wagte es kaum, daran zu denken.

Seine Hand fütterte die Tiere im Hofe, gab der Kuh das Heu und den Schweinen ihre wenig appetitliche Brühe aus Küchenabfällen und Schrot.

Es war ihm ganz eigen zu Mute, nur halb froh, das wusste er gewiss. In den wenigen Worten »zum letzten Male« – liegt ja immer ein herzbeklemmendes Etwas, und wenn gar das Gewissen in banger Unruhe vor der Zukunft warnt, so ist es doppelt schwer, der nahen Entscheidung mit festem Mute entgegen zu gehen.

Robert glaubte, dass die Tiere noch niemals so zutraulich gegen ihn gewesen, dass er die enge kleine Heimat seiner Eltern noch nie so lieb gehabt wie an diesem Abend. Er streichelte Pikas, den alten zottigen Hund, und kraute die Köpfe der Ziegen – Träne um Träne fiel über sein Gesicht herab.

Er wollte fort, der Entschluss schwankte keinen Augenblick; ihn lockte mit tausend Stimmen die weite Reise draußen auf dem Ozean, aber – dennoch –

Er erschrak, als Georgs Schatten seine Stirn streifte. »Hast du's?«, fragte der Seiler.

Robert schüttelte sich wie im Fieberfrost. Er reichte dem andern das Diebeswerkzeug, welches er in der Tasche getragen, und wandte schaudernd den Blick. »Du,« sagte er, »mir ist das alles anvertraut, ich soll es vor Spitzbuben behüten – da kann ich unmöglich den Kasten selbst erbrechen. Tu du es für mich.«

Der Seiler horchte hoch auf. Jähe Röte überflog sein blasses Gesicht, seine Augen funkelten. »Ich?«, sagte er. »Aber mir gehört ja das Geld nicht.«

»Einerlei. Ich – na, in Gottes Namen nenne mich feige, Georg, aber ich habe den Mut nicht. Ich kann kein Geld stehlen. Das frühere war mein Eigentum.«

Der Seiler lachte leise. »Bist ein Kind«, versetzte er spöttelnd, als sich Robert mit lautem Schluchzen zu Boden warf und das glühende Gesicht in des Hundes Fell verbarg, »bist ein Muttersöhnchen, das sich vor seinem eigenen Schatten fürchtet. Aber sei es denn – ich will hingehen und die sechzig Taler nehmen. Ist vorn an der Straße die Tür verschlossen?«

»Ja. Auch die Läden habe ich vorgelegt.«

»Das war richtig. So pass nur hier gut auf, dass niemand kommt.«

Die schlanke Gestalt schlüpfte ins Haus, und Robert horchte atemlos. Wenn jetzt jemand klopfte – wenn zufällig die Eltern zurückkämen!

Der Angstschweiß drang aus allen seinen Poren. Er stand auf dem Sprung, sich bei dem ersten Laut über den Zaun hinweg ins Freie zu retten. Musste denn nicht jeder sehen können, dass er ein Verbrecher war, dass er, der Hüter, den Dieb in das Haus eingelassen?

Schleichende Schritte kamen über den Hof. Georg sah im Mondschein noch bleicher aus, als sonst gewöhnlich. Er war verwirrt, er schien zu zittern.

»Da«, raunte er, aus seiner Mütze die blanken Taler in Roberts Hände schüttend, »da. Es ist doch ein eigen Ding – und man wird ein Hasenfuß dabei.«

Robert schob das Geld zurück. »Behalte es«, antwortete er. »Du sollst ja für mich einkaufen, und ich mag's nicht anrühren.«

»War niemand in der Nähe?«, flüsterte Georg.

»Kein Mensch. Also morgen Abend um halb sieben Uhr fahren wir nach Altona?«

Der Seiler wog das Geld in der Hand. »Hm«, meinte er, »diesmal müssen wir uns zum Marschieren bequemen. Man könnte uns sehen, und die Geschichte wäre verraten. Bist du erst einmal bei Peter Volland, so lass sie dich nur suchen, dann hat's keine Not mehr.«

Robert strich das verworrene Haar aus der Stirn. Er bekämpfte mit Mühe die Bewegung, welche ihn durchzitterte.

»Du«, sagte er, »das ist so, wie es der Lehrer in der Schule erzählte, weißt du, von dem großen Ferdinand Cortez, der hinter sich die Schiffe verbrannte! Damals habe ich's gar nicht so recht verstanden, aber nun ist mir alles klar geworden. Und ich bin gerade in der gleichen Lage, nur dass ich nicht andere vorwärts treibe, sondern mich selbst. – Wir gehen also zuverlässig um sechs Uhr abends von hier fort?«

»Was mich anbelangt, ja!«, versetzte Georg.

»Und mich, verlass dich darauf.«

Der Seiler kroch durch die Hecke, und Robert ging mit zaghaften Schritten in das Schlafzimmer. Musste es denn nicht an dem Schrank zu sehen sein, dass ihn diebische Hände geöffnet? Mussten nicht alle die stummen Zeugen der schlechten, ehrlosen Tat sich anklagend gegen den Sohn erheben, der seines Vaters Geld gestohlen?

Ein scheuer Blick streifte die Umgebung, selbst nach etwaigen Fußspuren suchte Roberts böses Gewissen, und geängstigt kroch er im Finstern zu Bett, aber ohne die Augen schließen zu können. Vielleicht, wenn er einschlief, kam ja der Vater, suchte zufällig in dem eisernen Kasten irgendein Papier und entdeckte alles. Er durfte nicht ruhen – seine eigene Sicherheit gebot ihm zu wachen.

Die Eltern kamen ziemlich spät nach Hause, und Robert fühlte hinter den gesenkten Wimpern einen schwachen Lichtschein, der sein Auge traf. Meister Kroll schützte das Licht mit der Rechten, als er sich über den regungslosen Knaben herabbeugte. Dieser hörte einen unterdrückten schmerzlichen Seufzer seines Vaters.

»Mutter«, sagte der Alte, »es ist doch eigentümlich. Nun habe ich seit acht Tagen kein Wort mehr mit dem Jungen gesprochen, aber das rührt ihn nicht, Robert ist verstockt, er fühlt für seine Eltern keine Liebe.«

Der Lichtschein erlosch, und unser junger Freund biss in das Bettkissen, um nicht laut zu weinen. O wäre er erst weit, weit fort von hier, damit diese schrecklichen Qualen aufhörten. Sein Herz klopfte ungestüm und Fieberhitze brannte in seinem Blut. Er hatte sich die Sache so leicht gedacht, so herrlich und beglückend, jetzt dagegen fühlte er es wie eine Zentnerlast auf dem Gewissen.

Was die Mutter antwortete, das hörte er nicht. Halb von wirren Träumen geschreckt, halb unruhig wachend verbrachte er die Nacht. Jetzt endlich war ja der letzte Morgen angebrochen, und nur nach Stunden zählte es, bis die Erlösung schlug.

Er kleidete sich in seinen besten Anzug, steckte Kleinigkeiten, welche ihm besonders lieb waren, in die Tasche und nahm ein Buch, scheinbar um zu lesen, in Wirklichkeit aber, um gedankenlos über die Blätter hinweg ins Leere zu sehen.

Wenn ihn doch der Vater nur einmal angeredet hätte, nur eine, ob auch noch so geringfügige Bemerkung gemacht, dann war es eine Art von Abschied, eine halbe Versöhnung, aber es geschah nichts Dergleichen.

Stunde um Stunde verstrich; es schlug eins, zwei, man trank Kaffee und der Alte las die Zeitung wie gewöhnlich, die Mutter saß im Sonntagsstaat strickend am Fenster, und die Uhr hinter dem Ofen tickte eintönig. Drei – vier – fünf – jetzt musste der Entschluss gefasst werden.

»Darf ich ein bisschen fortgehen?«, fragte halblaut der Knabe.

Meister Kroll blickte auf. »Du fragst, als hättest du während der Woche deine Pflicht getan und dich wie ein gutes Kind betragen«, antwortete er langsam und nachdrücklich. »Glaubst du in der Tat, ein Vergnügen verdient zu haben?«

Robert schwieg. Er fühlte den alten Trotz mit neuer Gewalt erwachen. Warum musste der Vater jeden Augenblick benutzen, um Moral zu predigen, warum konnte in seiner Gegenwart keine Freude, keine Freiheit ordentlich gedeihen? Es drückte wie ein Alp, das ernste, grübelnde Wesen des Alten, der von den Wünschen und den Neigungen eines Knabenherzens nichts mehr zu wissen schien, ja, der das alles vielleicht nie im Leben gekannt hatte.

Eine Pause verging, dann erhob sich Meister Kroll vom Sitz. »Deine Tante Christine erkundigte sich gestern, warum wir dich nicht mitgebracht«, sagte er, »und nachdem ich ihr die Gründe auseinandergesetzt, stimmte sie mir vollkommen bei. Dennoch aber schickt sie dir, damit du von ihrem Geburtstage nicht vergessen seiest, diesen Taler, den ich in deine Sparbüchse stecken werde. Natürlich gehst du hin und dankst geziemend.«

Er suchte in der Tasche den Schlüssel zum Schrank und schloss auf. Jetzt zeigte sich der eiserne Kasten im Hintergrunde desselben.

Robert stand wie gelähmt. Es brauste vor seinen Ohren, seine Hände sanken schlaff herab, und alles Blut war aus seinen Wangen gewichen. Jetzt schwebte die Entdeckung unmittelbar über dem Schuldigen, jetzt sah der Vater die leere Sparbüchse und vielleicht gar auch den Raub, welcher an seinem Gelde begangen worden war –

Noch eine Minute, dann hatte er den Kasten geöffnet –

Roberts Knie zitterten. Er war halb bewusstlos.

Da wandte sich der Alte. »Es ist gleichviel«, sagte er, den Schrank wieder verschließend, »ich habe meinen Schlüssel in dem andern Rock stecken lassen. Der Taler gehört dir, du weißt es jetzt. Und nun geh meinetwegen, aber um zehn Uhr bist du zu Hause, das lass dir gesagt sein.«

Er vertiefte sich wieder in die Zeitung und bemerkte daher nicht, dass Robert gleich einem Betrunkenen aus dem Zimmer schwankte. Alles drehte sich vor den Augen des missleiteten Knaben, überall wohin er blickte, sah er den offenen Geldschrank – wie von Furien gepeitscht entfloh er dem elterlichen Hause.

Die Gefahr war ihm so nahe gewesen, so furchtbar nahe, dass er sich fast betäubt fühlte. Also das sollte der Abschied sein?

Aber einerlei. Nur fort, fort. Der Boden brannte ihm unter den Füßen.

Er ging dem Seiler bis an dessen Wohnung entgegen und traf ihn gerade, als er mit einem ziemlich großen Bündel unter dem Arm auf die Straße heraustrat. In der Hand hielt er einen derben Knotenstock.

»Aha«, sagte er gutgelaunt, »da bist du ja. Weshalb läufst du denn bis hierher an das Ende von Krähwinkel? Wir müssen ja auf diese Weise an eurem Hause wieder vorüber.«

Robert trieb zur Eile. »Das tut nichts«, antwortete er. »Aber weshalb siehst du so reisefertig aus? Was soll das schwere Bündel?«

»Das lass dich nicht kümmern, mein Junge. Es sind nur ein paar entbehrliche Kleidungsstücke darin, die ich in Hamburg verkaufen will.«

Er trat an Roberts Seite, und die beiden durchschritten nun schweigend den stillen Flecken, dessen ganzes Leben sich in die vier oder fünf Tanzsäle am Wege zusammendrängte.

Auf dem entgegengesetzten Bürgersteige gehend, sah Robert jetzt zum letzten Mal sein elterliches Haus. Durch die herzförmig ausgeschnittenen Fensterläden schimmerte das Licht, und Pikas saß vor der Tür. Schweifwedelnd näherte er sich in Sprüngen seinem jungen Gebieter.

Der Knabe beugte sich herab, um die Liebkosungen des einstigen Spielkameraden und Kindheitsgefährten zärtlich zurückzugeben. Es wurde ihm weich, so seltsam weich ums Herz. Wollte Pikas warnen? Wollte er ihm erzählen von dem silberhaarigen Vater, der drinnen im Zimmer den Kopf auf die Hand legte und seufzend fragte: »Mutter, wie kann doch ein Kind so verhärtet sein?«

Die Stirn des Knaben und die Schnauze des Hundes berührten einander. »Leb wohl, Pikas«, flüsterte Robert, »leb wohl, altes Tier!«

Aber doch hielt er den Hund fest, doch tönte ihm sein leises Winseln wie das Weinen einer Menschenstimme. Er konnte sich von dem Lichtschimmer hinter den Fensterläden nicht losreißen, konnte den Tränen nicht wehren, die über das heiße Gesicht herabliefen.

Da zupfte ihn Georg am Ärmel. »Du, soll der Alte heraus kommen – mit dem Bambus natürlich! – und dir eine neue Tracht Schläge aufmessen?«, fragte er.

Robert fuhr auf. Ein ungeduldiger Ruck der Hand schleuderte die Tränen aus den Augen. Er streckte den Arm befehlend gegen das Haus. »Geh fort, Pikas!«, sagte er, seine Stimme zur Festigkeit zwingend, »geh fort!«

Der Hund senkte den Kopf und trabte mit langsamen Schritten über die Straße. Vor dem Hause stand er still und sah bittend zurück.

Robert riss sich gewaltsam los. Ein halblautes »Kusch!« befahl dem treuen Freunde sich zu legen, und dann wanderten die beiden jungen Leute beschleunigten Schrittes in das Dunkel des Novemberabends hinein.

Noch einige wenige Häuser, noch hier und da ein Gruß aus bekanntem Munde, und hinter ihnen lag das kleine friedliche Heimatsörtchen. Der Wind fuhr über die Stoppeln und rauschte in den laublosen Zweigen der uralten Eichen am Wege; graue Wolkenschatten huschten wie Gespenster über den Himmel dahin.

»Es ist kalt«, raunte Georg, »knöpfe den Rock zu.«

Aber die Worte klangen, als hätten ihm die Zähne im Munde geklappert.

 

Es war nach Mitternacht, und in Peter Vollands Schenke drängten sich Kopf an Kopf die Gäste. Der Sonntag wird ja so gern bis in den lichten Morgen hinein ausgedehnt, und so ging es auch hier, obschon sich die Folgen des Gelages bei mehreren der Zecher bereits allzu deutlich zeigten.

Diejenigen Matrosen, welche auf den Bänken in festem Schlaf lagen, waren noch die am wenigsten lästigen, dahingegen tobten solche, die durch das Übermaß des Branntweins in streitlustige Laune versetzt wurden, so ziemlich wie die Wilden im Zimmer herum. Das Schreien, Singen und Fluchen in allen Mundarten war betäubend.

Besonders ein Spanier, den die Übrigen »Gallego« nannten, tat es im Trinken und Lärmen der ganzen Schar zuvor. Er war ein mittelgroßer magerer Bursche von etwa fünfundzwanzig Jahren, mit kohlschwarzem, lang herunterhängendem Haar, schwarzen tückischen Augen und einem wachsgelben Gesicht. Sobald sich seine »Munkejacke« (der blaue Schifferanzug von Düffel) zufällig öffnete, sah man in der Brusttasche den Griff eines kleinen Dolches.

Dieser Mann war offenbar betrunken, aber nicht in der Weise des deutschen Matrosen. Während »Jan Maat« seiner gehobenen Laune die Zügel schießen lässt und alles und alle in den Kreis der eigenen ungeheuren Heiterkeit hineinziehen möchte, wird der Südländer meistens zanksüchtig, so auch Gallego, dem die Rauflust aus den tiefliegenden Augen blitzte.

Er und ein Malaie, dem auch bereits zu viel Rum über die Lippen geflossen sein mochte, standen einander wie die Kampfhähne gegenüber, während ein Teil der Gäste bemüht war, den Streit zu schlichten, und wieder andere fortwährend hetzten.

P

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