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Riskantes Vertrauen

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James Patterson
& Andrew Bourelle

Riskantes Vertrauen

Aus dem Englischen von
Susann Rauhaus

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PROLOG

Ich rase auf einer Schotterpiste durch die Wüste, und mein Jeep hinterlässt eine Staubwolke. Die untergehende Sonne taucht die Landschaft in rotes Licht. Alles, was man außer Salbeisträuchern und Kakteen weit und breit sehen kann, ist ein heruntergekommener Schuppen. Und Marcos Wagen, der bereits davor steht.

Ich habe das Gefühl, dass ich in eine Falle laufe.

Auf meinem Beifahrersitz liegt ein schwarzer Beutel aus Satin, etwa so groß wie eine Sandwichtüte. Darin befinden sich Diamanten im Wert von mehreren Millionen Dollar. Ansonsten habe ich nur noch einen halbvollen Becher Cola von der Tankstelle. Ich habe keine Waffe bei mir. Und auch kein Messer. Ich wette, Marco hat eines davon.

Oder sogar beides.

Ich sage Marco schon seit Wochen, dass ich nach diesem Coup aussteigen werde. Wir haben ihn den „Job, der alle anderen Jobs beendet“ genannt. Marco war nie glücklich darüber. Er hat sogar gescherzt, dass er das nicht zulassen würde. Ich habe das nicht ernst genommen, bis er darauf bestanden hat, dass wir uns hier treffen, mitten im Nirgendwo. Bisher haben wir uns immer in der Öffentlichkeit verabredet.

Ich stoppe den Jeep etwa hundert Meter vom Schuppen entfernt und nehme den Gang raus. Dann trinke ich einen Schluck Cola. Ich überlege, ob ich nicht den ersten Gang einlegen und einfach davonfahren soll. Doch dann habe ich eine Idee.

Ich klemme mir den Plastikbecher zwischen die Knie und nehme den Deckel ab. Dann schnappe ich mir den Beutel und schütte die Diamanten hinein. Die Steine, deren Größe zwischen Sandkörnern und Maiskörnern variiert, sammeln sich oben auf dem Eis. Sie glänzen im Sonnenlicht und versinken dann langsam in der braunen Flüssigkeit, ohne Spuren zu hinterlassen. Ich setze den Deckel wieder drauf und hebe den Becher hoch, wiege ihn in der Hand. Er ist schwerer, sieht ansonsten aber ganz normal aus.

Ich parke meinen Jeep direkt neben Marcos Dodge Charger. Eine Staubschicht liegt auf unseren beiden Autos.

Der Schuppen sieht so aus, als wäre er nach einem Atomkrieg übrig geblieben. Alle Fenster sind zerbrochen. Es gibt keine Tür. Die meisten Dachziegel hat der Wind weggefegt. Die Wände sind voller Löcher und mit Graffiti bedeckt, als hätten Teenager sie abwechselnd mit Vorschlaghämmern und Spraydosen bearbeitet.

Während ich mich dem Gebäude nähere, trinke ich aus dem Becher, als wäre es ein ganz normales Erfrischungsgetränk. Meine Schuhe treten auf zerbrochenes Glas und anderen Schutt, als ich hineingehe. Marco sitzt auf einem Metallstuhl an einem Tisch, dem ein Bein fehlt. Er wirkt entspannt und schnitzt mit einem Taschenmesser an einem Stück Holz herum. Das Sonnenlicht fällt durch die Ritzen der Wände und lässt den Staub in der Luft tanzen.

„Logan!“, sagt Marco und sieht mich erfreut an.

Er sieht aus wie immer: schwarze Hose und grauer Trenchcoat über einem schwarzen T-Shirt.

Er rammt das Messer in den Tisch und erhebt sich. Dann streckt er die Hand aus, um meine zu schütteln, doch stattdessen umarme ich ihn – in der Hoffnung, so herauszufinden, ob er eine Waffe trägt. Er sieht überrascht aus, erwidert meine Umarmung aber.

Meine Brust stößt an eine Pistole in einem Schulterhalfter.

„Wir haben’s geschafft“, sage ich und klopfe ihm auf den Rücken.

„Allerdings, alter Freund“, sagt Marco. „Zum Teufel, das haben wir!“

Ich lasse mich auf einem wackeligen Stuhl ihm gegenüber nieder und stelle den Colabecher auf dem Tisch ab.

Marco sitzt schräg vor mir. Seine stahlgrauen Augen bohren sich in meine.

„Und?“, fragt er.

„Und“, erwidere ich lächelnd und tue so, als sei alles in Ordnung.

„Und“, wiederholt er, „wo sind die Steine, Mann?“

„Ich habe sie“, sage ich, bleibe aber absichtlich vage.

„Ich will sie sehen, Alter.“

„Dafür ist noch genug Zeit.“

„Sind sie im Jeep?“, fragt Marco.

Ich zucke mit den Achseln.

„Verarsch mich nicht“, sagt er scherzend, aber ich sehe in seinen Augen, dass es kein Witz ist.

Er steht auf und macht einen Schritt zur Tür. Doch dann zögert er und nimmt sein Messer vom Tisch. Ich beobachte ihn durchs Fenster dabei, wie er die Tür des Jeeps öffnet und den Wagen durchsucht. Hinter ihm erscheint die Sonne wie ein orangener Klecks im fernen Dunst, Sekunden, bevor sie hinter dem Horizont verschwinden wird.

Marco stürmt wieder herein, in seiner Hand der leere Satinbeutel. Er schleudert ihn mir entgegen.

„Was, zur Hölle, versuchst du hier abzuziehen?“

„Was, zur Hölle, versuchst du hier abzuziehen?“, erwidere ich und stehe auf. „Du machst mit mir einen Treffpunkt mitten im Nirgendwo aus und bringst eine Waffe mit. Ich bin nicht blöd, Marco. Du wolltest mich umbringen, sobald ich dir die Diamanten gezeigt hätte.“

Marco starrt mich einen Moment lang an, greift dann in seine Jackentasche und zieht die Pistole heraus.

„Glückwunsch“, sagt er. „Du hast es erfasst.“

„Du hättest mich nicht einfach gehen lassen können, stimmt’s?“

Er sieht mich an, als hätte ich ihn beleidigt. „Wie hattest du dir das eigentlich vorgestellt?“, fragt er. „Wolltest du so tun, als wärst du wie alle anderen? Ein Mädchen treffen und dich mit ihr niederlassen? Ein ganz normales Leben führen?“

„Ja, so was in der Richtung.“

„Ich werde dich nicht einfach in den Sonnenuntergang ziehen lassen, alter Freund“, sagt er und zielt mit der Beretta M9 auf mein Gesicht.

Ich trinke noch einen Schluck Cola. „Du kannst mich nicht umbringen, Marco. Wenn du mich erschießt, wirst du nie herausfinden, wo die Diamanten sind.“

„Leg dich nicht mit mir an, Logan. Sag mir, wo die Steine sind, oder ich schieße dir eine Kugel durch dein gottverdammtes Hirn.“

„Nur zu“, sage ich. „Spül die Diamanten ruhig im Klo runter.“

Liebend gern würde ich Marco seine Hälfte der Beute geben, aber unter diesen Umständen kann ich das nicht tun. Denn in dem Moment, in dem er den ersten Diamanten sieht, der aus dem Becher purzelt, wäre ich ein toter Mann. Ich kann also nur hoffen, dass er mich nicht umbringen wird, weil er weiß, dass die Diamanten sonst für immer verloren wären.

Ich gehe langsam rückwärts Richtung Tür.

Ich sehe, wie Marco seine Optionen abwägt, und erkenne, dass er das Ganze nicht richtig durchdacht hat. Er hat zwar die Pistole, aber ich halte alle Karten in der Hand. Schließlich ist er vor allem ein Geschäftsmann. Und kein Geschäftsmann würde Millionen von Dollar anzünden. Wenn es eine Chance gibt, später an das Geld zu kommen, wird er sie ergreifen. Nachdem ich viele Jahre mit ihm gearbeitet habe, weiß ich, wie geduldig er sein kann. Er bricht nie einen Job übers Knie. Und wenn ich aus dieser Tür gehe, werde ich sein nächster Job sein.

„Das hier war nicht nötig“, sage ich. „Schließlich gab es genug für uns beide. Ich hätte dich nie verraten.“

„Mach dir doch nichts vor“, erwidert Marco. „Unter Dieben gibt es keine Ehre.“

„Sollte es aber.“

Ich drehe mich um und gehe auf meinen Jeep zu. Die Sonne ist untergegangen, sie wirft noch einen letzten orangenen Schimmer auf den sich verdunkelnden Himmel.

„Adieu, alter Freund“, rufe ich über die Schulter.

„Adieu“, erwidert Marco. „Vorläufig.“

1. KAPITEL

Zwei Jahre später

Hannah starrt hinaus über den Lower Echo Lake, der wie eine blaue Glasscheibe in Form einer Feder daliegt, umschlossen von bewaldeten Bergspitzen. Am frühen Morgen ist der See noch ganz ruhig. Das unbewegte Wasser reflektiert den stahlblauen Himmel wie ein Spiegel. Die Landschaft ist absolut still.

Hannah steigt aus ihrem Auto und atmet tief ein. Sie füllt ihre Lunge mit der kühlen Bergluft. Seit einem Jahr lebt sie nun schon im Lake Tahoe Basin, aber hier ist sie bisher noch nie zum Wandern hergekommen.

Es gibt einen Pfad, der sich viele Meilen zwischen dem Lower Echo Lake und dem Upper Echo Lake hinzieht – zwei Bergseen, deren Ufer von Ferienhütten gesäumt werden. Dann steigt der Weg an und führt in eine entlegene Gegend mit dem Namen Desolation Wilderness, eine wundervolle Landschaft voller Pinienwälder, Felsformationen aus Granit und eiskalten Seen. Ihr heutiges Ziel ist der Lake Aloha, der seinen Namen einer Reihe von Inseln verdankt, die an Hawaii erinnern und zu denen mutige Wanderer hinausschwimmen können.

Sie rechnet nicht damit, heute ins Wasser gehen zu können. Schließlich ist es Mitte September, und die Luft kühlt sich bereits ab. Sie hat sich nie an das kalte Wasser hier in den Bergen gewöhnen können. Selbst an heißesten Sommertagen würde sie nur den großen Zeh in den Lake Tahoe stecken. Aber den Lake Aloha möchte sie unbedingt mit eigenen Augen sehen.

Als Reporterin für die Lake Tahoe Gazette arbeitet sie immer bis spät in die Nacht und hat kaum Zeit, um den Ort, an dem sie lebt, auch zu genießen. Sie hat keine richtigen Freunde – keinen festen Freund –, und jetzt, da sich ihr erster Sommer dem Ende nähert, ist ihr klar geworden, dass sie in ihrer Freizeit viel zu wenig unternimmt. Sie kennt zwar eine ganze Menge Leute in der Stadt, doch es sind alles Kollegen oder Quellen für ihre Artikel. Also hat sie beschlossen, dass ihr Mangel an Freunden sie nicht mehr davon abhalten soll, Spaß am Leben zu haben.

Und der heutige Tag soll genau diesem Zweck dienen.

Sie nimmt ihren Rucksack vom Rücksitz und schaut noch einmal nach, ob sie alles hat, was sie braucht: Wasser, Proviant, Sonnenschutzmittel und die Reiseapotheke.

Der Parkplatz ist leer, doch plötzlich kommt ein Jeep angefahren und parkt direkt neben ihr. Sie erkennt den Fahrer; sie hat den Mann schon mal in ihrem Fitnessstudio gesehen. Er sieht nett aus, wahrscheinlich Anfang dreißig, genau wie sie, hat sandblondes Haar und einen athletischen Körperbau. Seinen Namen kennt sie nicht, sie haben noch nie miteinander gesprochen. Aber als er aus dem Auto steigt, treffen sich ihre Blicke, und er lächelt sie an. Sein Ausdruck ist freundlich, vielleicht sogar ein wenig zum Flirten aufgelegt, und scheint zu sagen: Kenne ich dich nicht von irgendwoher?

Hannah erwidert sein Lächeln, wird dann aber plötzlich ein wenig verlegen. Sie wendet sich ab und wirft ihren Rucksack über die Schulter. Während sie zum General Store schlendert, überlegt sie, ob der geheimnisvolle Mann ihr wohl nachschaut.

Sie hat vor, mit dem Wassertaxi über beide Seen zu fahren. Dadurch wird sie vier von elf Meilen einsparen. Hinter dem Tresen im Laden steht ein Junge, bestimmt nicht älter als zwanzig, mit unregelmäßigem Bartwuchs und Akne im Gesicht.

Sie erkundigt sich bei ihm nach dem Wassertaxi, und er antwortet, dass er sie fahren kann. Sie bezahlt und geht nach draußen, um im Taxi zu warten – einem länglichen Motorboot aus Holz mit Backbordbänken und Steuerbordsitzen für die Passagiere.

Wie es aussieht, ist sie heute der einzige Fahrgast.

Der Typ aus dem Sportstudio hat einen Fuß auf den Auspuff seines Jeeps gestellt und reibt seine muskulösen Beine mit Sonnenmilch ein. Bestimmt wird er auch um den See wandern, und zwar ohne die Abkürzung zu nehmen. Verdammt, denkt Hannah, er könnte die elf Meilen bis zum Lake Aloha sogar joggen. Jedenfalls sieht er so aus, als würde er das hinkriegen.

Der Junge kommt aus dem Laden und springt ins Boot. Er greift nach der Reißleine, um den Motor anzuwerfen, zögert dann aber.

„Hey, Mann“, ruft er dem Mann aus dem Studio zu. „Wollen Sie mitfahren? Es kostet zwölf Dollar.“

Der Typ sieht hoch und scheint über das Angebot nachzudenken.

„Na, klar“, erwidert er. „Komme sofort.“

Hannahs Herzschlag beschleunigt sich. Sie hat so ein komisches Gefühl, dass er nur eingewilligt hat, um Zeit mit ihr zu verbringen. Zwar will sie sich einreden, dass das albern ist, aber nachdem er den Pier entlanggelaufen und ins Boot gesprungen ist, lässt er sich dicht neben ihr nieder.

„Hi“, sagt er, wirft ihr ein elektrisierendes Lächeln zu und streckt ihr seine Hand entgegen. „Ich heiße Logan.“

2. KAPITEL

Hannahs Chefredakteurin hat ihr einmal gesagt, dass die meisten Leute aus der Nachrichtenbranche ziemlich introvertiert sind. Journalismus ist ein Job, der sonst eher schüchterne und zurückhaltende Menschen dazu zwingt, ihre Komfortzone zu verlassen und mit anderen zu sprechen. Von dieser These hat Hannah bisher nicht sehr viel gehalten. Aber jetzt, da sie neben Logan sitzt, fragt sie sich, ob nicht doch etwas Wahres daran ist.

Unter dem Deckmantel ihres Jobs hatte Hannah bisher nie ein Problem damit, mit völlig Fremden zu sprechen und ihnen sogar intime Fragen zu stellen. Sie kann auch mit Leserbeschwerden im Hinblick auf ihre Artikel umgehen. Es macht ihr nichts aus, das Büro ihres Vorgesetzten zu betreten und eine bessere Platzierung ihrer Storys zu verlangen. Aber wenn sie ganz ehrlich ist, weiß sie, dass ihr Selbstvertrauen nur gespielt ist. Jetzt sitzt sie neben einem wirklich süßen Typen und bekommt die Zähne nicht auseinander.

Beide schweigen. Obwohl er so gut aussieht, ist er möglicherweise genauso introvertiert wie sie.

Das Boot saust übers Wasser und bietet wundervolle Aussichten auf die Szenerie zu beiden Seiten des Sees. Sie passieren ein Ferienhaus nach dem anderen.

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