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Rieke und der Quacksalber

Brida Baardwijk

Rieke und der Quacksalber

Historischer Liebesroman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Das Buch

Rieke und der Quacksalber

 

Ein historischer Liebesroman
von
Brida Baardwijk

 

Cover: alphacoders.com
Covergestaltung: Brida Baardwijk

 

Inhaltsverzeichnis

  • Klappentext
  • Die Personen
  • Kapitel 01
  • Kapitel 02
  • Kapitel 03
  • Kapitel 04
  • Kapitel 05
  • Kapitel 06
  • Kapitel 07
  • Kapitel 08
  • Kapitel 09
  • Kapitel 10
  • Kapitel 11
  • Kapitel 12
  • Kapitel 13
  • Kapitel 14
  • Kapitel 15
  • Kapitel 16
  • Zu Person der Autorin
  • Facebook, Twitter & Co
  • Danksagung

Klappentext

Ulrike Wollhaupt, von allen nur Rieke genannt, ist 16 Jahre alt. Sie wächst wohlbehütet im Kreise ihrer Familie auf. Mit dieser lebt sie in Arnstadt, einem kleinen Städtchen mitten im schönen Thüringer Land. Riekes Vater Wolfhardt ist ein wohlhabender und in der ganzen Stadt geachteter Ratsherr, der sein Geld mit dem Handel von Wolle verdient. Rieke hat noch drei weitere Geschwister, alle viel jünger als sie. Ihre Mutter Augusta nahm nach ihrer Geburt an, sie könne keine weiteren Kinder gebären, da danach lange Zeit der Kindersegen im Hause Wollhaupt trotz großem Bemühen ausblieb.

Als während des Aufenthalts ihres Bräutigams in ihrem Elternhaus in der Stadt eine ansteckende Krankheit ausbricht, wird vom Stadtrat verzweifelt eine Lösung gesucht, die Krankheit auszurotten. Immer mehr Bewohner der Stadt versterben, ohne dass etwas dagegen getan werden kann.
Eines Tages begegnet Rieke dem jungen Konrad Klausner, der erst kurze Zeit in der Stadt weilt. Sie verliebt sich in ihn. Doch Konrad ist nicht der, der er zu sein angibt.

***

 

Dieser Roman ist eine fiktive Geschichte und beruht auf keinen realen geschichtlichen Ereignissen und Personen. Eventuelle Übereinstimmungen mit real existierenden Personen, Namen und Ereignissen sind Zufall.

Die Personen

  • Ulrike (Rieke) Wollhaupt, die Hauptperson, geboren 1504
  • Wolfhardt Wollhaupt, ihr Vater, wohlhabender Ratsherr, geboren 1473
  • Augusta Wollhaupt, Riekes Mutter, geboren 1486
  • Wigald, Riekes Bruder, geboren 1514
  • Sigbert, Riekes mittlerer Bruder, geboren 1516
  • Roman, Riekes jüngster Bruder und Nesthäkchen der Familie, geboren 1518
  • Andres van der Aar, Riekes Bräutigam
  • Leon van der Aar, Andres Vater
  • Friedbert, Knecht im Hause Wollhaupt
  • Else, Friedberts Frau und Köchin bei Wollhaupts
  • Gislind, Friedberts und Elses Tochter
  • Lisbeth, Magd
  • Konrad Klausner, angeblicher Arzt

Kapitel 01

Arnstadt, im Spätsommer des Jahres 1520

Wie ein junges Rehkitz hüpfte Rieke aufgeregt neben ihrer Mutter die Gasse, die zum Markt führte, entlang. Heute war Markttag in Arnstadt. Ihre Mutter wollte dort nach Stoffen für neue Kleider schauen. Diesmal sollte Rieke auch neue bekommen. Zeit wurde es dazu. Ihre alten Kleider sahen längst nicht mehr so schön aus, viele waren auch zu kurz oder auch aus der Mode gekommen. Obwohl sie sehr sorgsam damit umging, sah man ihnen den langen Gebrauch längst an. Außerdem sah sie einer baldigen Hochzeit entgegen. Ihre Eltern hatten ihr angekündigt, sie in absehbarer Zeit zu verheiraten. Das Alter dazu hatte sie mit ihren 16 Jahren längst erreicht. Noch länger unverheiratet zu bleiben, hieß als alte verschrobene Jungfer verschrien zu werden, was Rieke keinesfalls war. Wer der Bräutigam sein sollte, hatten sie ihr noch nicht verraten. Bald sollte sie ihn kennenlernen.

Rieke wollte eigentlich noch nicht heiraten, doch als wohlerzogene und folgsame Tochter eines angesehenen Ratsherrn der Stadt Arnstadt beugte sie sich natürlich dem Wunsch ihrer Eltern. Bis jetzt konnte sie es sich nicht vorstellen, einen Mann zum Gatten zu haben, den sie bis zur Verlobung noch nicht einmal kannte. Eine Liebeshochzeit konnte sie sich aus dem Kopf schlagen. Das gab es in ihren Kreisen nicht. Da heiratete Geld das Geld. Auch ihre Eltern wurden einfach miteinander verheiratet, ohne dass sie sich vorher kannten. Doch mit der Zeit lernten sie sich lieben und führten inzwischen eine gute Ehe, um die sie von vielen beneidet wurden. Rieke wünschte sich das selbe Glück wie ihre Eltern. So in Gedanken sprang sie weiter hinter ihrer Mutter her.

„Ulrike, benimm dich endlich! Eine junge Dame hüpft nicht, sondern schreitet grazil dahin. Was sollen die Leute von uns denken“, schimpfte Augusta, Riekes Mutter. Entrüstet sah sie ihre Tochter an.

„Aber Mutter, freut Ihr Euch nicht über die neuen Kleider, die wir uns nähen lassen wollen?“, erwiderte Rieke lachend vor Freude und Übermut. Am liebsten hätte sie die ganze Welt umarmt, so sehr freute sie sich. Den Nebeneffekt mit der Verheiratung verdrängte sie lieber erst einmal.

„Doch, sehr. Aber eine vornehme Dame zeigt in der Öffentlichkeit ihre Freude nicht in dieser Art. Hast du das nicht in die Klosterschule gelernt?“, erklärte sie ihrer Tochter bestimmt schon zum tausendsten Male die Benimmregeln einer edlen Dame.

„Ich werde mich, wie Ihr es Euch wünscht, vorzüglich benehmen“, sagte Rieke und zog eine Schnute. Sie wusste, mit ihren Grimassen konnte sie ihre Mutter immer zum Lachen bringen.

„Nun komm, wir halten hier den ganzen Verkehr auf“, drängte Augusta die Tochter zum Weitergehen, ohne auf Riekes Possen zu achten. Es war schon Vormittag. Um noch gute Stoffe ergattern zu können, mussten sie sich beeilen. Auch wenn die Händler ihre Waren noch bis zum Abend feilboten, die besten Stücke gab es immer am Morgen. Wer später kam, erhielt meist nur noch Ware von geringerer Qualität. Normalerweise reisten sie zum Einkaufen solcher Dinge ins nahe Erfurt. Doch ihr Gatte Wolfhardt war zur Zeit unabkömmlich im Stadtrat.

Auf dem Markt herrschte ein reges Treiben. Die Leute drängelten sich um die eng nebeneinander stehenden Stände, an denen die Händler ihre Waren anpriesen, als wäre es reines Gold. Es war ein Schubsen und Drängeln, dass Rieke zusehen musste, nicht den Anschluss an ihre Mutter zu verlieren. Dabei musste sie auch noch aufpassen, nicht von einem Beutelschneider um ihre Geldkatze erleichtert zu werden.

Hier in Arnstadt gab es nur wenige Leute, die reich genug waren, sich die beste Qualität an Waren leisten zu können. Die Familie Wollhaupt gehörte zu den Glücklichen. So wandte sich Riekes Mutter den Tuchhändlern zu, die Textilien aus fernen Ländern anboten.

Rieke konnte sich gar nicht satt sehen an den Mengen von Stoffen, Bändern, Schleifen, Knöpfen und Perlen zur Verzierung. Am liebsten hätte sie alles genommen, doch das war natürlich nicht möglich.

Ihre Mutter ging weiter zum nächsten Stand. Dort bot ein Händler edle Stoffe aus Venedig an. Es gab Seide, Damast, auch Samt. Den obligatorischen dazugehörigen Zierrat pries er gleich mit an.

 „Rieke, schau mal hier“, forderte sie ihre Tochter auf, die trödelnd zwischen den Ständen umherlief und hier und da Ware anschaute. Rieke kam sogleich herbeigeeilt.

„Mutter, wie wäre es mit diesem Tuch?“, fragte sie nach einer Weile und zeigte auf edle Seide in grün. „Eine Farbe wie das saftige Grün der Wiesen im Frühling.“

„Edles Fräulein, die Farbe passt sehr gut zu Euren Augen und Haaren“, mischte sich der Händler nun ein und katzbuckelte vor den Frauen. Er sah ein gutes Geschäft nahen. Rieke errötete und blickte beschämt zu Boden. „Nicht so schüchtern, greift zu und schaut, befühlt die Ware. Stellt Euch vor, wie die Seide sich an Eure Haut schmiegt, wie sie raschelt, wenn ihr Euch bewegt. Die Qualität ist die beste, die Ihr hier in der Gegend erhalten könnt.“

Wieder errötete Rieke. Ihre Mutter indes räusperte sich hörbar.

„Wir wollen Stoffe kaufen und nicht um herum zu scharwenzeln oder Süßholz zu raspeln“, mokierte sie sich, worauf sich der Händler tief vor ihr verbeugte.

„Sehr wohl, edle Dame. Wie wäre es damit? Diesmal für Euch“, pries er weiter seine Waren an. Rieke war froh, der Aufmerksamkeit des Händlers entkommen zu sein und befühlte die grüne Seide, die ihr immer mehr gefiel. Sie konnte sich schon in einem Traum von Grün sehen, mit einer Schleppe und weiten Ärmeln, den Ausschnitt mit einer Reihe Perlen bestickt.

„Hast du dich entschieden?“, sprach Augusta sie an. Rieke erschrak. Vor lauter Bestaunen hatte sie gar nicht bemerkt, dass ihre Mutter für sich bereits Damast ausgesucht hatte.

„Ja, Mutter, diesen hier bitte“, antwortete Rieke und zeigte auf die grüne Seide, die sie in den Händen hielt.

„Eine sehr gute Wahl, wertes Fräulein. Ihr werdet viel Freude damit haben“, mischte sich der Händler ein.

„Dann kommen wir jetzt zum Geschäftlichen“, wandte sich Augusta an ihn.

„Ich mache euch einen sehr guten Preis“, sagte er und nannte ihr eine Summe, die sogar für Rieke zu hoch erschien.

Augusta schüttelte nur mit dem Kopf. „Das soll ein sehr guter Preis sein, guter Mann? Dass ich nicht lache. Zu teuer, viel zu teuer. Davon bekomme ich in Erfurt doppelt so viel wie bei euch“, konterte die Frau und nannte die Summe, die sie zu zahlen bereit war.

„Edle Dame, ich habe eine Familie zu versorgen“, erwiderte der Händler. „Zwei Gulden mehr und wir kommen ins Geschäft.“

„Und ich habe nichts zu verschenken“, beharrte Augusta auf ihrer Meinung. Rieke stand nur daneben und staunte. So kannte sie ihre Mutter noch gar nicht. Sie hatte sie zwar schon oft zu Einkäufen auf den Markt begleitet, aber sich nicht für Preise und Verhandlungen interessiert.  Doch nun verfolgte sie den Disput aufmerksam, von ihr konnte sie nur lernen. Vielleicht war sie selbst auch irgendwann in der Situation, über einen Preis verhandeln zu müssen.

„Einen und einen halben Gulden mehr“, bot der Händler nun an.

„Einen Gulden mehr als Euer erstes Angebot“, kam von Augusta. „Da macht Ihr immer noch gut.“

„Meine Dame, Ihr wirklich seid ein harter Brocken“, versuchte der Händler zu scherzen. „Weil Ihr es seid, nehme ich Euer Angebot an.“

Augusta lächelte gnädig und schlug ein. Sie bekam immer, was sie wollte, auch wenn es um Preise ging.

„Vater, Vater, schaut doch, welch herrliche Dinge wir für mein neues Kleid gekauft haben.“ Rieke stürzte aufgeregt ins Kontor ihres Vaters und hielt ihm das Bündel mit dem grünen Seidenstoff, den Bändern und Perlen entgegen, das sie, seit sie den Markt verlassen hatten, nicht aus der Hand gegeben hatte. Nicht einmal Lisbeth, ihrer Magd, die sie immer zu Einkäufen begleitete, wollte sie ihn zum Tragen aushändigen.

„Sehr schön, mein Kind“, erwiderte der Vater. „Hat Mutter ebenfalls für sich gekauft?“, wollte er wissen.

„Aber natürlich, genau so schön wie dieser hier“, brach es aus Rieke heraus wie aus einem Wasserfall.  „Samt in Bordeaux-Rot. Mutter wird darin bestimmt wie eine Prinzessin aussehen“, schwärmte sie. So kannte Wolfhardt seine Tochter, sie war für alles Schöne zu begeistern. Schon als kleines Kind war sie ein Wirbelwind. Er hoffte sehr, das ändere sich im Laufe der Zeit. Doch leider war es nicht an dem, sie war und blieb ein Wirbelwind. Dann komplimentierte er das Mädchen wieder hinaus. Er hätte noch wichtige Geschäfte zu erledigen, ehe er zur Ratssitzung musste.

„Wie erwachsen sie geworden ist“, dachte sich Wolfhardt liebevoll lächelnd, als er sich wieder seinen Büchern zuwandte, um die Preise für die Wollballen zu berechnen, die erst gestern angekommen waren. 

Kapitel 02

 

„Rieke, Rieke, wo steckst du schon wieder“, rief Wigald, Riekes Bruder, so laut er konnte. Seine Schwester, die eben im Garten war und Unkraut vom Karottenbeet entfernte, richtete sich mit schmerzendem Rücken auf. Mit dem Handrücken wischte sie sich die verschwitzten Haare aus ihrem vor Anstrengung geröteten Gesicht.

„Was schreist du hier so rum. Komm lieber her und hilf mir“, antwortete sie ihrem Bruder, als dieser nun den Garten betrat, um seiner Schwester die Bitte ihres Vaters mitzuteilen.

„Geh rein, Vater verlangt nach dir“, erwiderte Wigald. „Mach dich vorher aber ein wenig zurecht, wenn Vater sieht, wie dreckig du herumläufst, wird er außer sich sein. Da ist auch noch jemand bei ihm, den er dir vorstellen möchte.“ Wigald grinste verschmitzt, als er an den feschen jungen Mann dachte, den er bei seinem Vater im Kontor gesehen hatte. Irgendetwas war da im Busch, er wusste nur noch nicht, was.

„Warum sollte ich mich herausputzen wie ein Pfau“, sagte Rieke hochnäsig. „Wer mich sehen will und sich nicht ankündigt, muss damit rechnen, dass ich nicht in Samt und Seide gekleidet bin, wenn ich ihn empfange.“

„Du wirst schon sehen, Vater wird erbost sein, wenn du so unter seine Augen trittst“, meinte Wigald großkotzig und streckte seiner Schwester frech die Zunge raus.

„Wirst du das wohl lassen, du frecher Lümmel“, begann Rieke zu lachen und drohte dem Kleinen zur Strafe eine Tracht auf dem Hintern an.

„Machst du ja doch nicht“, erwiderte ihr Bruder, sich dabei vor Lachen den Bauch haltend.

„Wart nur ab, du Frechdachs. Du wirst schon sehen, was du davon hast. Ich werde dich schon noch einfangen und dann kannst du drei Tage nicht auf deinem Hosenboden sitzen“, sagte Rieke noch im Weggehen. Dabei lachte sie über ihren Bruder, der wie immer ein Schelm war und sie liebend gerne foppte. Doch nun sollte sie sich lieber beeilen, dem Wunsch ihres Vaters nachzukommen. Das schelmische Kichern ihres Bruders verfolgte sie bis sie den Flur betreten und die Haustür hinter sich geschlossen hatte.

Rieke ging in den Hausflur, wo unter der Stiege ins Obergeschoss immer ein Eimer mit Wasser stand und wusch sie sich Gesicht und Hände. Ihr Kleid glättend trat sie wenig später ins Kontor ihres Vaters ein. Sofort war sie umgeben vom ranzigen Geruch der Wolle, die im Lagerhaus neben dem Kontor aufgestapelt lagerte. Irritiert sah sie sich um. Doch ihr Vater war nicht an seinem gewohnten Platz. So ging sie weiter ins Lager.

Dort entdeckte sie endlich ihren Vater, der ins Gespräch mit einem ihr unbekannten jungen Mann vertieft war.  Schüchtern trat sie zu den Männern. Sie wusste, das Familienoberhaupt mochte es gar nicht, wenn er während eines Gespräches mit einem Kunden gestört wurde.

„Vater, Ihr habt nach mir rufen lassen“, sagte Rieke nachdem sie zu den beiden Männern getreten war. „Guten Tag, der Herr“, wandte sie sich dann noch höflich grüßend an den Fremden.

„Ach, mein Töchterlein. Endlich!“, erwiderte Wolfhardt ein wenig tadelnd. „Wo warst du so lange und wie siehst du heute wieder aus. Wie eine Bauernmagd. Dass du dich nicht schämst.“

Betreten sah Rieke zu Boden. Dabei schaute sie aus dem Augenwinkel heraus den jungen Gast an, der sie interessiert zu betrachten schien. „Was bildet sich dieser Kerl eigentlich ein, mich wie ein Stück Vieh zu begutachten“, dachte sie empört, als sie die Blicke des Unbekannten bemerkte. 

„Ich war im Garten und habe im Möhrenbeet Unkraut gejätet“, erwiderte Rieke ein wenig trotzig.

„Du sollst das doch nicht tun“, tadelte sie Wolfhardt, „das ist Lisbeths Arbeit. Du gehörst zu deiner Mutter. Sticke, nähe und häkle lieber mit ihr an deiner Aussteuer. Dein Verlobungskleid muss außerdem fertig werden. Das ist wichtiger als Gartenarbeit.“ Wolfhardt redete sich in Rage über den Starrsinn seines ältesten Kindes. So sehr er Rieke auch liebte, so hart war er zu ihr. Sie als älteste Tochter eines angesehenen Ratsmitglieds der Stadt Arnstadt hatte sich die Zeit mit der Arbeit einer Herrin zu vertreiben und nicht mit Arbeiten, die nur einer Magd zustanden.

„Lisbeth hat auch so genug Arbeit im Haus. Da kann ich ihr ruhig mal zur Hand gehen“, sagte Rieke trotzig und zog eine Schnute.

„Genug jetzt, keine Widerrede mehr“, wetterte der Vater. „Ich habe dir jemanden vorzustellen. Was soll der junge Herr von so einer widerspenstigen Tochter halten.“ Er drehte sich zu dem Besucher um, der amüsiert auf seinen Gastgeber blickte. „Tochter, darf ich dir deinen Bräutigam vorstellen. Andres van der Aar.“ 

Rieke rutschte vor Schreck das Herz in tiefer gelegene Regionen. Obwohl sie sonst sehr redegewandt war, wusste sie plötzlich nicht, welche Worte sie wählen sollte, ohne sich in Grund und Boden zu schämen. Sie wusste zwar, ihr Vater würde sie bald verheiraten, doch dass es so schnell sein sollte, überraschte sie sehr.

Höflich knicksend begrüßte sie ihren Bräutigam. Schüchtern tuend sah sie ihn an. Er hatte offen blickende blaue Augen, blonde kinnlange Locken und war sehr edel gekleidet. Anhand seiner Kleidung konnte sie sehen, dass er von adliger Herkunft war.

„Ihr seid also Rieke, die meine Braut werden soll“, erwiderte Andres und schaute die junge Frau interessiert an, worauf Rieke erneut errötete. Sie hasste es, zu erröten. Lieber wollte sie den Instruktionen ihrer Mutter folgen, die ihr oft genug eingebläut hatte, wie sie sich als unverheiratete Jungfer einem Mann gegenüber zu verhalten hatte.

„Andres ist im Auftrag seines Vaters, Leon van der Aar, hier, um Geschäfte zu machen. Die Familie van der Aar ist in den Niederlanden als Wollhändler sehr bekannt“, erklärte ihr Wolfhardt. „Die Reise wollte er sogleich damit verbinden, seine Braut kennenzulernen. Andres Vater und ich sind Geschäftsfreunde und haben bereits vor Jahren beschlossen, durch die Heirat seines ...

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