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Ricarda

1. Kapitel

Weinend stand Ricarda am Grab ihrer Eltern. Wie konnte so etwas Schreckliches nur passieren. Das vierzehnjährige Mädchen verstand die Welt nicht mehr. Vor ein paar Tagen hatte sie mit ihrer über alles geliebten Mama noch gelacht und gescherzt. Papa wollte sie doch morgen auf eine Pferdeauktion mitnehmen. Was war aus ihren Plänen, Träumen und Wünschen geworden? Im Bruchteil von Minuten war alles vorbei, alles zerstört. Ihre geliebten Eltern tot, verunglückt bei einem Kutschenunfall, den ein Fremder verschuldet hatte.

An die letzten Tage konnte sie sich kaum erinnern. Wie in Trance war sie durch das große leere Haus gegangen und hatte nach ihren Eltern gesucht. So gut es ging versuchte das Gesinde die Kleine zu trösten. Besonders die Kräuter - Rosa kümmerte sich um das Kind. Die alte Frau hatte, als sie von dem furchtbaren Unglück erfuhr, ihre Behausung im Wald verlassen und war auf Gut Birkenstein gekommen, um sich um das arme Mädchen zu kümmern. Ricardas Eltern waren immer großzügig zu Rosa gewesen. Die Kräuterfrau hatte der Gutsherrin in ihrer schweren Stunde beigestanden und das winzige Mädchen auf die Welt geholt.

Drei Wochen später fuhr eine schäbige alte Kutsche in den Hof. Ihr entstiegen eine beleibte Frau, ein dickbauchiger Mann und ein blonder Junge mit auffallend blauen Augen. Herrisch stellte sich die Frau vor das Mädchen hin, stemmte die fleischigen Hände in die Hüften und schaute arrogant auf die Kleine: „Ricarda ich bin Tante Amalia. Das hier ist Onkel Gerhard und dein Cousin Oskar. Wir werden ab heute hier auf dem Gut wohnen und nach dem Rechten sehen. Nach dieser Tragödie kannst du nicht alleine in einem so großen Haus bleiben."

Das Mädchen nickte und schaute geistesabwesend aus dem Fenster. Es kümmerte sie nicht, was diese Fremden hier wollten. Ihr war alles egal. Am liebsten wäre sie bei ihrem Papa im Himmel. Ob es ihm und Mama gut ging?

Tante Amalia schaute die Kleine streng an: „Wenn ich mit dir rede, hast du mich anzuschauen mein Kind. Deine Mutter hat anscheinend nicht viel Wert auf gute Erziehung gelegt. Das wird sich jetzt ändern.“

Mit großen Augen schaute sie die ältere Frau an: „Meine Mama hat mich gut erzogen. Ich möchte nicht, dass Ihr so von ihr redet.“

„Schau mal einer an, eine kleine freche Rotznase. Ich denke, wir beide werden uns sehr gut verstehen“, meinte der sechzehnjährige Junge grinsend und puffte sie mit der Faust in die Seite. Ricarda biss die Zähne zusammen, stand auf und verließ ohne ein Wort die geräumige Wohnstube.

Eine Woche später hatte Tante Amalia das Regiment voll und ganz übernommen. Als erstes warf sie die Kräuter Rosa aus dem Haus, worüber Ricarda bittere Tränen vergoss. Oskar der verzogene Bengel, dem seine Mutter jeden Wunsch von den Augen ablas, machte dem Mädchen das Leben auch nicht gerade leichter. Wo er nur konnte, ärgerte er sie und vor seinen auftretenden Wutausbrüchen flüchtete sie immer öfter.

Onkel Gerhard stolzierte wie ein aufgeblasener Gockel umher und begutachtete, was er alles zu Geld machen konnte. Seine Liebe zum Kartenspiel hatte ihn bereits an den Rand des Ruins gebracht. Der Tod seines entfernten Verwandten kam ihm gerade recht. Mit einer Frechheit die seinesgleichen sucht, nahm er das Gut in Besitz, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass er das Eigentum Ricardas verschleuderte. Zuerst verkaufte er die meisten Rinder und entließ fast alle Knechte. Die weiblichen Angestellten, fanden nur Gnade vor seinen rotgeränderten Augen, wenn sie noch sehr jung und ihm zu gefallen waren. Alle anderen mussten ihr Bündel packen und Gut Birkenstein verlassen.

Als immer mehr Pferde von der Koppel verschwanden, wachte Ricarda aus ihrer Lethargie auf: „Onkel Gerhard wo sind die Pferde und alle Rinder hingekommen?“

„Das mein liebes Kind, geht dich einen feuchten Dreck an. Kümmere dich um die Hausarbeit. Deine Tante hat viel zu viel Arbeit.“

„Das geht mich wohl etwas an. Schließlich gehört das Gut mir und nicht Euch. Wie könnt Ihr es wagen einfach die Leute zu entlassen. Sie arbeiten schon eine Ewigkeit auf meinem Gut.“

Tante Amalia die eben den Raum betrat, schaute erstaunt in die vor Zorn blitzenden Augen des Mädchens: „Schau mir einer dieses ungezogene Balg an. Kaum fünfzehn geworden, denkt sie, sie kann uns herumkommandieren. Zügle dein loses Mundwerk oder ich überlege ernsthaft, ob ich dich nicht doch in ein Kloster stecken soll.“

„Ja das würde Euch so passen“, schrie Ricarda, „Ihr vergesst nur meine liebe Tante, dass dann alles dem Kloster zufallen würde. Noch bin ich die Eigentümerin.“

„Ha, dass ich nicht lache. Wir haben das Sorgerecht für dich beantragt und werden es bald auch bekommen“, rief die Tante triumphierend und der Onkel nickte zustimmend: „Ja das ist richtig und außerdem gehört uns in einem Jahr sowieso alles.“

„Und warum?“

„Weil du dann sechzehn bist und Oskar heiraten wirst. Dann gehört uns Gut Birkenstein rechtmäßig. Also was regst du dich über Dinge auf, von denen du nichts verstehst.“

Ricarda lief weinend aus dem Wohnraum, hinauf in ihr Zimmer ihre einzige Zuflucht, die sie in dem Haus noch hatte. Nirgends war sie sonst vor ihrem Cousin sicher. Sie musste seine manchmal bösartigen Scherze erdulden, ohne dass sie sich bei irgendeinem Menschen beschweren konnte: „Mama Papa bitte helft mir“, flüsterte sie und warf sich aufs Bett. Niemals würde sie dieses Ekel heiraten.

Am Abendbrottisch eröffnete Onkel Gerhard seinem Sohn, dass sie beide beschlossen hatten, ihn mit Ricarda zu verheiraten. Oskar grinste diabolisch: „Und wann soll die Hochzeit sein?“

„Wenn du achtzehn und das Mädchen sechzehn ist.“

„Was? Muss ich noch ein ganzes Jahr warten, bis ich sie in mein Bett holen kann?“

Empört sprang Ricarda auf und lief hinaus. Sie redeten über sie, als wäre sie nicht anwesend und ein Stück Ware das man verkaufte.

Von dem Tag an stellte Oskar dem Mädchen nach, wo er sie traf und seine Bosheiten wurden immer gemeiner.

Wieder einmal lief sie weinend aus dem Haus. Er hatte Ricarda eine schön verpackte Schachtel auf den Frisiertisch gestellt. Als sie die rote Schleife abnahm und den Deckel hob, erkannte sie ihre rotgestreifte Lieblingskatze. Sie war tot. Bestialisch getötet. Oskar folgte ihr grinsend. Er wusste wo sie hinlaufen würde. Und richtig, am kleinen Weiher holte er sie ein und zog sie ruppig in seine Arme: „Du blöde Kuh, sei endlich still. Wenn wir erst verheiratet sind, gewöhne ich dir diese Heulerei ab.“

„Dich heiraten? Das wird nie und nimmer geschehen. Dazu gebe ich niemals meine Einwilligung.“

Da lachte er sie aus: „Wetten, dass du freiwillig ja sagst?“

„Wie willst du das erreichen?“

„Hast du dich noch nie gewundert, dass mein Vater fast alle Pferde außer deiner hässlichen Stute verkauft hat?“

Entsetzt riss sie die Augen auf und ein fürchterlicher Verdacht drängte sich ihr auf.“

„Ah ich sehe, du verstehst mich. Solltest du nicht zustimmen, mich zu heiraten, werde ich deinen Gaul höchstpersönlich vom Leben zum Tode befördern. Denke aber nicht, dass ich es diesem Biest leicht mache. Er wird lange zu leiden haben. Alleine schon deshalb, weil er mich nicht auf seinem Rücken duldet und mich bisher immer abgeworfen hat. Überlege dir gut, was du in ein paar Monaten zum Pfarrer sagst.“

Ricarda schüttelte es vor Grauen. Sie glaubte ihm jedes Wort. Oskar war zu allem fähig. „Nein, nein, nein“, schrie sie voller Verzweiflung und versuchte sich loszureißen. Mühelos hielt er sie fest und lachte: „Wie schön du mit deinen fast sechzehn Jahren schon bist. Jetzt bekomme ich einen Verlobungskuss von dir. Heute werde ich den Eltern sagen, dass wir uns ganz romantisch am Weiher verlobt haben. Ziere dich nicht so du Heulsuse. Was glaubst du was wir alles tun, wenn wir erst Mann und Frau sind. Dann gehörst du mit Haut und Haaren nur mir und ich kann mit dir machen was ich will. Zum Beispiel das hier.“

Mit einem Arm hielt er sie fest und presste seine Lippen auf ihren zuckenden Mund. Mit der anderen Hand griff er grob in ihren Ausschnitt, legte seine Finger besitzergreifend auf die nackte Brust und drückte sie so fest, dass sie vor Schmerz aufschrie.

„Schrei nur, ich habe jedes Recht der Welt dazu“, lachte er“, das gehört alles mir und das da auch.“ Er zog die Hand aus ihrem Ausschnitt und schob sie unter ihren Rock. Als sie seine gierigen Finger fühlte, die sich unter ihre Hose schoben, hob sie einen Fuß ein wenig an und stieß das Knie voller Verzweiflung mit ihrer ganzen Kraft zwischen seine Beine. Der Erfolg war verblüffend.

Aufheulend vor Schmerz ging er zu Boden und presste seine Hände auf sein Geschlechtsteil: „Das wirst du mir büßen“, ächzte er sich im Gras windend, „noch heute Nacht komme ich in dein Zimmer und dann werde ich dich so oft nehmen wie es mir gefällt. Du kleines Luder, ich werde Sachen mit dir anstellen, die du dir nicht einmal im Traum vorstellen kannst.“

Ricarda hielt sich die Ohren zu, um sein bösartiges Gekreische nicht mehr zu hören. Als wäre der Leibhaftige hinter ihr her, lief sie davon.

Blindlings rannte sie um den kleinen idyllisch gelegenen Weiher über eine große Wiese, vorbei an einem Birkenhain. Kurze Zeit später tauchte sie im nahen Wald unter. Sie lief so lange, bis der Atem rasselnd aus ihrer Kehle kam. Erschöpft sank sie auf die Knie, stützte sich mit den Händen auf dem Boden ab und holte keuchend Luft. Sie musste weiter. Sicher war Oskar bereits hinter ihr her. Er durfte sie nicht erwischen. Was würde er alles mit ihr anstellen. Nein lieber wollte sie sterben, als diese Demütigungen über sich ergehen lassen.

Als sich ihr Atem etwas beruhigte, stand sie mit zitternden Knien auf. Ängstlich schaute sie um sich, horchte ob sie einen Verfolger hören konnte, ...nichts, nur das Rauschen des Waldes umgab sie. Erleichtert setzte sie ihren Weg fort. Sie entfernte sich immer weiter vom Haus, von ihrer Heimat, von ihrer Kindheit. Stundenlang ging sie auf schmalen Pfaden immer tiefer in den Wald hinein.

2. Kapitel

Nach langer Zeit blieb sie verzagt stehen und ließ sich auf den weichen Boden nieder. Sie zog die Beine an, legte den Kopf auf die Knie und weinte bitterlich. Was sollte sie tun? Zurückgehen wollte und konnte sie nicht mehr, sie hatte zu große Angst vor ihrem Cousin, der seine Drohung wahrmachen würde. Außerdem hatte sie sich bereits so verlaufen, dass sie den Weg nach Hause nicht mehr finden würde.

Warum nur war Oskar so böse, warum? Oft hatte er sie im letzten Jahr bedrängt und unsittlich berührt. Bisher war sie ihm immer entkommen. So schlimm wie heute aber war es noch nie gewesen.

„Lieber will ich sterben als dieses Scheusal heiraten“, schluchzte sie, „oh Mama Papa bitte beschützt mich! Könnt ihr mir nicht helfen?“

Sie erhielt keine Antwort. Fast glaubte sie das Raunen und Rauschen der Bäume sei lauter geworden. Ricarda stand auf und setzte ihren ungewissen Weg fort. Endlich wurde es heller, die Bäume standen nicht mehr so dicht und sie erreichte den Waldrand. Sie befand sich in einer völlig fremden Gegend. Zum ersten Mal in ihrem jungen Leben war sie so weit von zu Hause fort. Vor ihr lag eine große Wiese, übersät mit blühenden Blumen in allen Farben. Durch einen Weg getrennt, erstreckte sich linker Hand ein riesiges Getreidefeld aus dem blaue Kornblumen ihre Köpfchen der Sonne entgegen streckten. Wäre Ricarda nicht so verzweifelt und traurig gewesen, hätte sie der Anblick dieser Pracht und Vielfalt mit Entzücken erfüllt. Mit tränenblinden Augen stolperte sie mehr als sie ging, den Weg zwischen Feld und Wiese entlang. Ihr Ziel war der Wald vor ihr, der immer drohender und dunkler näher kam.

Aufatmend trat sie endlich in den kühlen Schatten der Bäume. Sie glaubte Stundenlang gelaufen zu sein, als sie zwischen den hohen Stämmen einen Lichtschein entdeckte. Eine kleine Lichtung tat sich vor ihr auf. Die Sonne hatte bereits den Zenit erreicht und das Mädchen fröstelte plötzlich. Außerdem knurrte ihr Magen vernehmlich. Mit einem Stoßseufzer überquerte sie die Lichtung und schaute sich aufmerksam um. Da sah sie, was sie instinktiv gesucht hatte. Eine kleine windschiefe Hütte, fast unsichtbar zwischen den wild wachsenden Sträuchern.

Ihre Erleichterung war so groß, dass sie in Tränen ausbrach: „Hoffentlich wohnt da niemand“, murmelte sie und trat vorsichtig näher. Die Hütte war fast leer, bis auf die Spinnweben, die sich von einer Bretterwand zur nächsten spannten. Ein Tisch mit drei Beinen und eine relativ gut erhaltene Bank vervollständigten das Inventar. Trotzdem fühlte sich Ricarda wie in einem Schloss. Hier wollte sie eine Weile bleiben und sich von den ausgestandenen Strapazen erholen.

Vielleicht finde ich irgendwo etwas Essbares, überlegte sie und trat vor die windschiefe Türe, die nur noch von einer Angel gehalten wurde. Zaudernd umrundete sie ihr neues Heim. Auf der Rückseite befand sich ein winziger Heuschober. Glücklich lachend ließ sie sich in das duftende Heu fallen und war Sekunden später eingeschlafen.

Oskars malträtierter Genitalbereich beruhigte sich nur langsam wieder. „Na warte du Biest“, murmelte er, „dir werde ich heute Nacht etwas erzählen.“ Fluchend stand er auf und ging zum Haus zurück. Seine Mutter schaute ihm mit gerunzelter Stirn entgegen: „Was ist mit dir geschehen? Du kommst angeschlichen wie...“

„Diese kleine Schlampe hat mich verletzt“, unterbrach er sie.

„Was? Redest du von dem kleinen Luder, das dich heiraten soll?“

„Ja Mutter genau die meine ich.“

„Mache dir nichts daraus mein Liebling. Dein Vater war heute beim Pfarrer. In zwei Monaten ist die Hochzeit, dann kannst du mit ihr machen, was immer dir beliebt.“

„Das werde ich verlasse dich darauf“, brummte er missgelaunt, „wo ist dieses Weibstück?“

„Ich dachte sie sei bei dir? Hier im Haus ist sie nicht. Schaue mal in ihrem Zimmer nach. Dort verkriecht sie sich meistens.“

Kurze Zeit später war Oskar wieder da. „Sie ist nirgends zu finden. Wenn es dunkel wird, kommt sie schon.“

Es wurde Abend, doch von Ricarda keine Spur. Gerhard Morcken ging wiederholt vor die Türe, um zu schauen ob das Mädchen nicht endlich kam, vergebens. Tante Amalia und ihr Sohn machten sich nicht viel daraus.

Oskar zuckte mit den Schultern und meinte spöttisch: „Sicher liegt sie in der Pferdekoppel bei ihrer heißgeliebten Tory. Wie kann man einen Gaul nur Tory taufen. Ach Vater, nach der Hochzeit kannst du die Stute auch verkaufen. Ich will nicht, dass meine Frau reitet. Sie hat im Haus zu bleiben.“

„Recht so mein Sohn“, lobte Amalia den Jungen, „sie kann sich hier mehr als nützlich machen. Ich muss auf meine Gesundheit achten und kann nicht mehr so viel arbeiten. Deine Frau soll ruhig die Küche übernehmen, dann können wir Hedwig den Dienst aufsagen. Wir sparen uns eine Menge Taler und deine junge Frau kommt auf keine dummen Gedanken.“

„Das ist eine gute Idee“, grinste Oskar, stand auf und streckte sich, „ich gehe ins Bett. Morgen sehen wir weiter.“

Am nächsten und am übernächsten Tag tauchte das Mädchen nicht auf und langsam dämmerte es Oskar, dass Ricarda fortgelaufen war. Er fluchte fürchterlich und die nächsten Tage ging ihm sogar seine Mutter aus dem Weg.

Je mehr Zeit verstrich, desto schlechter wurde seine Laune. Er hatte sich schon in den glühendsten Farben ausgemalt, wie es sein würde, wenn er das Mädchen Nacht für Nacht in seinem Bett hatte. Alle seine Träume hatte dieses Biest zunichte gemacht. „Wenn ich dich erwische, dann Gnade dir Gott“, zischte er hasserfüllt und ballte die Fäuste. Ricarda hatte sich ihren Cousin zu einem schlimmen Feind gemacht.

3. Kapitel

Zum Glück ahnte das Mädchen von seinen schwarzen Gedanken nichts. Sie hatte ganz andere Sorgen. Als sie am nächsten Morgen erwachte, wusste sie im ersten Moment nicht wo sie sich befand. Erst langsam setzte die Erinnerung ein.

Was sollte sie tun? Ihr Magen knurrte wieder laut und deutlich. „Erst brauche ich etwas zum Essen, dann sehe ich weiter“, murmelte sie und trat in den hellen Sonnenschein hinaus. Was für ein Glück, dass ihre Eltern sie schon in frühester Kindheit gelehrt hatten, was die Natur alles bot. Sie musste nur die Augen aufmachen. Das kam Ricarda nun zu statten.

Die nächsten Tage erkundete sie die nähere Umgebung ihrer Behausung. Sie fand eine kleine Quelle, essbare Pilze, verschiedene Früchte und zu ihrer grenzenlosen Begeisterung einen großen Walnussbaum. Sie musste weder Hunger noch Durst leiden.

Drei Wochen blieb sie ungestört, dann hörte sie eines Tages Männerstimmen und Hals über Kopf lief sie davon. Sie traute sich erst in der Dunkelheit in die Nähe der Hütte. Die Männer waren verschwunden. Morgen werde ich weitergehen, dachte sie und schloss nach einem kurzen Gebet die Augen. Sie schlief in dieser Nacht sehr unruhig in ihrem Heuschober.

Der Morgen graute, langsam und zögerlich aber unaufhaltsam drangen die ersten Sonnenstrahlen über die weit entfernten Berge. Sie färbten den Himmel rot wie Blut und Ricarda verschränkte fröstelnd die Arme vor der Brust. Mutlos schritt sie der aufgehenden Sonne entgegen, wanderte den ganzen Tag und hielt erst an, als sie vor Müdigkeit und Erschöpfung taumelte. Der lange Rock war zerrissen und voller Erde. So kann ich nicht mehr weitergehen, dachte sie und ließ sich in das weiche Moos fallen.

Hoch über ihrem Kopf zwitscherte ein Vogel aufgeregt. Sicher ist dort oben in den Zweigen sein Nest, dachte sie.
„Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten. Ich bin froh, wenn mir niemand etwas antut“, rief sie und schaute besorgt um sich. Ein dunkler Schatten zwischen den Tannen erregte ihre Aufmerksamkeit. Eine kleine Hütte, die das Mädchen magisch anzog.

Vorsichtig näherte sie sich dem winzigen Fenster und lugte hinein. Sie konnte niemanden sehen. Sie wartete noch einige Minuten, dann erst legte sie ihre Hand auf die Klinke und versuchte die Türe zu öffnen. Sie war unverschlossen und erleichtert aufatmend schlüpfte sie in den dämmrigen Raum. Ricarda schaute sich erstaunt in dem fast sauberen Zimmer um. Es war eine dieser Jagdhütten, die es in den umliegenden Wäldern oft gab. Das Mädchen jubelte, als sie in dem Wandschrank nicht nur Kleidung, sondern auch einen harten Laib Brot und ein Stück geräucherten Schinken fand. Endlich konnte sie sich wieder einmal richtig satt essen.

Anschließend entledigte sie sich ihres schmutzigen Kleides und schlüpfte in das viel zu große Männerhemd und eine dunkelgraue Hose. Der dazugehörige Janker reichte ihr bis über den Hintern, aber er war warm. Die Ärmel ihrer neuen Kleidung stülpte sie auf und schon ging es ihr bedeutend besser. Eine schwarze Mütze vervollständigte ihre neue Erscheinung.

Sehnsüchtig schaute sie zu dem Bettgestell in der anderen Ecke des Raumes. Sie wagte es nicht, sich in der Hütte schlafen zu legen. Was sollte sie tun, wenn ein Jäger in der Nacht vorbeikam?

Ricarda schüttelte den Kopf: „Nein, bisher hatte ich Glück. Ich werde noch ein Stück weitergehen und dann irgendwo im Wald schlafen, das ist sicherer.“

Sie wickelte die Essensreste in ihr Gewand und verließ vorsichtig nach allen Seiten schauend die Hütte. Gestärkt und warm angezogen marschierte sie fröhlich vor sich hin summend weiter. Erst die hereinbrechende Nacht zwang sie zum Stehen bleiben.

Behände kletterte das Mädchen auf einen Baum mit breiten ausladenden Ästen. „Erst wird gegessen, dann geschlafen“, murmelte sie. „Morgen sehen wir weiter. Es muss doch endlich einmal ein Dorf kommen.“ Gähnend lehnte sie sich an den dicken Stamm und war sofort eingeschlafen.

Ricarda öffnete die Augen. Um sie herrschte Dunkelheit. Was hatte sie aufgeweckt? Da... wieder... ein großer Tropfen landete auf ihrer Nase. Dann noch einer und noch einer. Es fing zu regnen an. Noch schützten sie die Blätter vor dem Wasser, aber nicht lange, dann wurden ihre Hände kalt. Sie konnte ihre Arme und Beine kaum noch bewegen und seufzend kletterte sie hinunter auf den sicheren Boden, hüpfte von einem Bein auf das andere, um sich ein wenig aufzuwärmen.

„Da kann ich auch gleich weitergehen“, murrte sie und machte sich auf den Weg. Plötzlich war der Wald zu Ende. Ricarda stolperte in der Dunkelheit und fiel in eine Pfütze. Das Kleiderbündel entglitt ihren klammen Fingern und rutschte einen Abhang hinunter. Wütend rappelte sie sich auf und ging weiter. Dass sie ihr letztes Brot verloren hatte, bemerkte sie nicht einmal. Sie stapfte durch den immer stärker werdenden Regen. Der Wind pfiff laut wie ein Ungeheuer. Er trieb das winzige Bündel Mensch wie ein Blatt vor sich her. Müde und hungrig setzte sie einen Fuß vor den anderen. Sie wusste längst nicht mehr, wie lange sie schon unterwegs war oder wo sie sich befand. Wieder stolperte sie, fiel der Länge nach auf den aufgeweichten Boden und blieb liegen. Sie hatte nicht mehr die Kraft aufzustehen und weiterzulaufen. Plötzlich kam ihr alles so sinnlos vor und sie schloss erschöpft die Augen.

Über zwei Stunden lag sie in einer immer größer werdenden Pfütze. Sie hörte den Hufschlag eines Pferdes und dachte, jetzt ist es zu Ende. Die Hufe werden mich töten, dann bin ich endlich bei meiner Mama und meinem Papa.

Der riesige Hengst scheute vor dem Bündel und stieg in der Hinterhand hoch. „Hektor was soll das“, rief der Reiter. Er hatte Mühe, das nervöse Tier zu beruhigen. „Verdammt was liegt da. Komme ich heute überhaupt nicht mehr nach Hause.“

Der Mann stieg ab und näherte sich dem Etwas, das sein Pferd erschreckt hatte. Entsetzt erkannte er, dass es sich um einen Menschen handelte. Der Kleidung nach, musste es sich um einen Mann handeln. Er griff nach dem Arm des am Boden Liegenden: „He stehen Sie doch auf, wenn Sie noch länger hier liegen bleiben holen Sie sich den Tod.“

Die Gestalt rührte sich nicht. Da blieb dem Mann nichts anderes übrig, als das Bündel hochzuheben und auf sein Pferd zu legen. „So ein Leichtgewicht. Das kann nur ein Junge sein. Sicher ist er irgendwo ausgebüxt. Ich nehme ihn erst einmal nach Hause mit, dann sehen wir weiter.“

Eine knappe Stunde später erreichte er ein großes Anwesen. Im unteren Stockwerk waren alle Fenster hell erleuchtet.  Er stieg ab, nahm das Bündel Mensch auf die Arme und stieg die Freitreppe hinauf. Die große Türe öffnete sich und ein Diener schaute erschrocken auf den Mann.

„Euer Gnaden, Mylady macht sich große Sorgen um Euer Gnaden.“

„Ist gut McBliss. Kümmere dich um Hektor. Sage Billy er soll ihn gut abreiben.“

Graf Estroy trug die leichte Last in die große Halle. Die Gräfin kam aufgeregt aus dem Salon und rief: „Lucas du lieber Himmel, wo warst du so lange. Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Was trägst du da auf den Armen?“

„Alles in Ordnung Maman. Hektor stolperte über diesen Jungen. Wer weiß wie lange er schon in der Pfütze lag.“

Die Gräfin schaute in das wachsbleiche Gesicht des Knaben und rief erschrocken: „Mein Gott das ist ja noch ein Kind. Trage es in die Bäderstube, ich sage sofort der Kräuterfrau Bescheid. Hier tut Eile Not.“ Lucas nickte und ging mit langen Schritten davon.

Der Bad Raum war angenehm warm. Der Graf legte die reglose Gestalt auf ein Ruhe Sofa. Gerade als er dem Jungen die unförmige Jacke ausziehen wollte, erschien seine Mutter in Begleitung einer älteren Frau. „Lucas wir kümmern uns um das Kind. Gehe nach oben, die Mägde richten Dir ein heißes Bad. Nicht dass du dich erkältest.“

„Ja das ist mir ganz recht. Zum Essen bin ich wieder unten.“

Mary, Lucas ehemalige Amme, zog dem Jungen die nasse Jacke aus. Gräfin Estroy griff nach der Mütze, zog sie dem Kind vom Kopf und warf das zerknautschte Ding auf den Boden. „Mylady, seht doch, der Junge ist ein Mädchen! Oder hattet Ihr schon einmal einen Knaben mit solch langen Haaren gesehen?“

„In der Tat, es ist ein mageres kleines Ding.“ Mary schaute voller Kummer in das leichenblasse Gesichtchen.

„Mylady geht zu Eurem Sohn, ich kümmere mich um dieses bedauernswerte Wesen. Lasst mich nur machen.“ Energisch schob die Amme die Frau zur Seite.

„Ich sehe schon, du hast ein lohnendes Objekt für deine Fürsorge gefunden“, lachte die Gräfin. „Sage mir aber gleich Bescheid, wenn das Kind zu sich kommt.“

„Ich werde Euch sofort unterrichten, wenn es etwas Neues gibt“, brummte Mary und prüfte das Badewasser.

Die Gräfin verließ die Badstube und ging zurück in den grünen Salon. Lucas war noch auf seinem Zimmer und die Frau mit den feinen Gesichtszügen hatte Zeit, über das dünne Kind nachzugrübeln. Wo kam es her, wo wollte es hin? Vor wem oder was ist es davongelaufen? Fragen über Fragen. Sie konnte kaum erwarten bis ihr Sohn kam und ihr berichtete, wo er die Kleine gefunden hatte.

Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Er betrat erst eine gute Stunde später den Salon.

„Lucas wo bleibst du so lange.“

„Oh Maman die Neugierde bringt dich um“, lachte Lucas und küsste seine Mutter liebevoll auf die Wange.

„Ich will endlich wissen, wo du das bedauernswerte Geschöpf gefunden hast.“

Ihr Sohn tauchte den Löffel in die Suppe und meinte trocken: „Guten Appetit Maman.“

„Wenn du mir nichts erzählst, sage ich dir auch nicht, was du nach Hause gebracht hast.“

„Nach Hause gebracht? Einen Jungen was sonst“, erwiderte er verwundert und gab seiner aufmerksam lauschenden Mutter einen genauen Bericht.

„Mein lieber Sohn, du redest dauernd von einem Jungen. Es könnte sich doch auch um ein Mädchen handeln.“

„Ein Mädchen? Aber Maman das kann nicht sein. Was sollte ein Mädchen zu dieser späten Stunde, bei diesem Sauwetter, in dieser Dunkelheit treiben.“

„Lucas es ist ein Mädchen. Ein mageres kleines Ding, mit unsagbar langen Haaren.“

„Wo ist sie jetzt?“

„Deine Amme hat sie unter ihre Fittiche genommen. Mich hat sie aus dem Bäderzimmer verbannt“, lachte die Gräfin.

„Morgen werden wir uns das kleine Fräulein näher ansehen“, schmunzelte Lucas. „Jetzt musst du mich entschuldigen, ich habe noch einige Briefe zu beantworten. Gute Nacht Maman.“

„Gute Nacht mein Sohn.“

4. Kapitel

Als Ricarda am nächsten Morgen die Augen aufschlug, schaute sie in die gütigen Augen einer alten Frau. Erschrocken fuhr sie in die Höhe.

„Na, na nur keine Eile mein Kind. Du brauchst dich nicht zu ängstigen.“

„Wie..., wie..., komme ich hierher? Und wer seid Ihr?“

„Ich bin Mary, Hebamme und Kräuterfrau. Außerdem war ich des Grafen Amme.“

„Amme? Graf? Wen meint Ihr?“

Mary lachte und betrachtete das schöne ebenmäßige Gesicht der Kleinen. „Sagst du mir nicht deinen Namen?“

„Rici.“

„Rici, soll das ein Name für ein Mädchen sein?“ Mary schüttelte verwundert den Kopf.

„Mein Vater war Arbeiter auf einem Gut und dort riefen mich eben alle so“, gab Ricarda leise zur Antwort und senkte den Blick. Es fiel ihr unendlich schwer, diese gute Frau anzulügen. Aber sie wusste, wenn sie ihren richtigen Namen erfuhren, schickte man sie sofort wieder dorthin zurück, woher sie gekommen war.

Die erfahrene Frau bemerkte sofort, dass das Mädchen nicht die Wahrheit sprach. Soll sie ihr kleines Geheimnis noch eine Weile für sich behalten, dachte sie ein wenig amüsiert. Die Gräfin würde bald alles wissen. Laut aber sagte sie: „Kindchen ich habe dir ein paar Kleidungsstücke zurecht gelegt. Ich hoffe sie passen dir. Soll ich dir eine Zofe zum Ankleiden schicken?“

„Nein danke. Das mache ich schon selber. Zu Hause musste ich mich auch alleine anziehen.“

„Gut dann sage ich der gnädigen Frau Bescheid, dass du zum Frühstück kommst.“

Ängstlich schaute sie Mary nach, die auf die Türe zusteuerte. „Wo muss ich hinkommen, wenn ich fertig bin?“

„Keine Angst, ich schicke dir Reni. Sie wird dich frisieren und dir dann den Weg zeigen.“

Erleichtert sank Ricarda in die weichen Kissen zurück. Wie schön in einem richtigen Bett zu schlafen, dachte sie. Wo bin ich gelandet und wie komme ich hierher?

Mary betrat schwer atmend den Frühstückssalon. Die Gräfin schaute ihr lächelnd entgegen und meinte mitfühlend: „Dir machen die vielen Treppen ganz schön zu schaffen. Komm setzt dich und berichte mir von dem Mädchen. Ist es schon aufgewacht? Geht es ihr gut? Ich hoffe du hast ihr gesagt, dass sie zu mir kommen soll?“

„Geduld Lady Dorothea, lasst mich doch bitte erst zu Atem kommen“, gab die Amme lachend zur Antwort und holte tief Luft: „Ich habe ein Mädchen zu ihr geschickt, das ihr beim Ankleiden und frisieren zur Hand geht. Ich werde aus der Kleinen nicht schlau. Sie sagte ihr Name sei Rici, doch das war gelogen, so wahr ich eine alte Frau bin.“

„Rici? Das ist doch kein Name. So nennt man höchstens ein Pferd“, lachte die Gräfin.

Es klopfte und ein Diener betrat den Raum: „Mylady die junge Dame ist hier.“

„Ist gut McBliss, lasse sie eintreten.“ Neugierig schaute sie der Gestalt entgegen, die an der Türe stehen geblieben war und in einem tiefen Knicks versank.

„Mein liebes Kind, stehe sofort auf, setzte dich zu mir an den Tisch und frühstücke mit mir. Sicher bist du hungrig.“

Dieser Einladung konnte sich Ricarda nicht entziehen. Ihr Magen knurrte so laut, dass sie schon befürchtete, die Gräfin könnte es hören. Kaum saß sie der Frau gegenüber, betrat eine Dienstmagd das Zimmer und stellte einen gefüllten Teller vor das Mädchen auf den Tisch.

„Oh... Eier mit Speck“, hauchte sie fast ehrfürchtig und nahm das Besteck in die Hand.

„Möchtest du etwas anderes?“

„Nein, nein“, rief Ricarda und zog den Teller noch näher zu sich. Die Gräfin biss sich auf die Lippen, um nicht laut zu lachen. Das arme Kind, wann hatte es zuletzt etwas in den Magen bekommen?

Erst als der Teller leer gegessen und die Tasse ausgetrunken war, seufzte sie zufrieden, lehnte sich zurück und schaute die Frau an, die sie neugierig musterte. „Bitte entschuldigt meine Unhöflichkeit Mylady aber...“

„Aber, aber, du musst dich doch nicht entschuldigen. Ich freue mich, dass es dir so gut geschmeckt hat. Nun erzähle mir, was um alles in der Welt du nachts alleine im Regen gemacht hast, tische mir aber bitte keine Lügenmärchen auf. Mary hat mir schon von deiner kleinen Flunkerei berichtet.“

„Ich... meine Eltern sind beide tot und ich konnte nicht länger auf dem Gut bleiben. Mein Vater hat dort gearbeitet.“

„Und dein Name?“

„Rici...Ricarda. Meine Eltern nannten mich Rici.“

„Und weiter?“

„Ich kann mich an meinen Nachnamen nicht erinnern. Meine Mutter starb, als ich noch sehr klein war und mein Vater hatte es nie für nötig erachtet mir zu sagen, wie unser Familienname ist.“

Die Gräfin schaute forschend in die dunkelblauen Augen des Mädchens und dachte, warum lügt sie und noch dazu so schlecht?

„Mylady, bitte nennt mich nur Rici oder..., wenn es Euch lieber ist Ricarda."

„Ist mir ganz lieb Ricarda. Ich hoffe sehr, du bleibst eine Weile bei uns?“

„Mit Eurer gütigen Erlaubnis, gerne.“

„Gut und mir reicht es, wenn du Lady Dorothea zu mir sagst.“

„Ich danke Euch Lady Dorothea.“ Rici atmete erleichtert auf, das war einfacher als sie gedacht hatte. Endlich für eine Weile ein Dach über dem Kopf. Was für ein Glück, dass jemand sie im Regen gefunden hatte.

„Lady Dorothea, wer hat mich hierher gebracht?“

„Das war mein Sohn, er ist in der Dunkelheit regelrecht über dich gestolpert. Das Pferd scheute und zwang Lucas abzusteigen, da bemerkte er ein Kleiderbündel, das reglos in einer Wasserpfütze lag. Er war über die Maßen erschrocken als er feststellte, dass es ein menschliches Wesen war. Er glaubte, es handelte sich um einen jungen Ausreißer und brachte das Bündel, also dich, mit nach Hause.“

Plötzlich wurde die Türe schwungvoll geöffnet und ein großer schlanker Mann stand auf der Schwelle. Widerspenstige schwarze Locken umrahmten das schmale braungebrannte Gesicht. Ricarda starrte den Mann wie eine Erscheinung an, der sie ein wenig spöttisch musterte. Er wandte sich der Gräfin zu und das Mädchen sah, dass er die Haare im Nacken mit einem Band gebändigt hatte.

„Ich wünsche dir einen wunderschönen Guten Morgen Maman.“ Galant küsste er die Wange seiner Mutter. „Ist dass das kleine Etwas, das ich heute Nacht mitgebracht habe?“

„In der Tat“, meinte die Frau schmunzelnd.

„Aha und wo kommst du her mein Kind?“

Ricarda ärgerte sich wie er über sie sprach und gab schnippisch zur Antwort: „Direkt aus dem Himmel, Euer Gnaden!“ Lucas schaute erstaunt in die vor Zorn sprühenden blauen Augen und sein Unwillen wuchs, als seine Mutter in schallendes Lachen ausbrach. „Was sagt man denn dazu. Solltest du mir nicht ein wenig dankbar sein, dass ich dir das Leben gerettet habe?“

„Vielen Dank Euer Gnaden.“

„Das hört sich eher an, als wolltest du dich nicht bedanken, sondern beschweren. Ich kann dich gerne wieder dorthin zurück bringen...“

„Dafür wäre ich euch sehr verbunden, rief Ricarda hitzig aus und sprang auf.

„Jetzt ist es genug. Ricarda setze dich und du hörst auf, das Mädchen zu ärgern. Wer weiß, was sie alles durchgemacht hat.“ Lucas schaute seine Mutter erstaunt an. Dieses kleine Mädchen, hatte in wenigen Stunden das Herz der Gräfin erobert. Er konnte sich nicht erinnern, dass so etwas schon einmal geschehen war.

„Maman du erstaunst mich“, brachte er endlich über die Lippen. Er warf der Kleinen einen verärgerten Blick zu, dann widmete er sich seinem Frühstück.

5. Kapitel

„Lady Dorothea... Lady Dorothea… wo seid ihr?” Aufgeregt lief Ricarda in den grünen Salon. Die Gräfin blickte von ihrer Handarbeit auf und schaute dem Mädchen lächelnd entgegen, „was ist denn dir Schönes widerfahren. Du bist ja ganz aus dem Häuschen.“

„Es ist einfach wunderbar, Betty hat ihr Fohlen bekommen“, altklug fügte sie hinzu, „es war keine leichte Geburt. Wir mussten der Stute kräftig helfen.“

„Wir?“

„Ja, Billy und ich.“

„Ihr beide ward mit dem Pferd alleine“, fragte die Gräfin erstaunt.

Ricarda nickte und ihre Augen strahlten vor Freude und Stolz.

„Kind, das ist doch nichts für ein so zartes Ding wie dich.“

„Lady Dorothea. Ich half meinem Papa schon, da war ich erst acht Jahre alt.“ Gräfin Estroy schüttelte über so viel Unvernunft eines Vaters, wie sie meinte, den Kopf: „Ich finde das Unverantwortlich. Was hätte alles passieren können. Ricarda ich möchte nicht mehr, dass du dich in der Nähe der Stallungen aufhältst.“

Das Leuchten in den klaren Augen der knapp Sechzehnjährigen, erlosch wie die Flamme einer Kerze. Sie holte tief Luft, schluckte und die schlanke Gestalt straffte sich: „Mit Verlaub Lady Dorothea, mein Vater war in seinem ganzen Leben noch nie Unverantwortlich. Er war der beste Papa, den es auf der ganzen Welt gab. Er hat mir alles über Tiere, insbesondere über Pferde beigebracht. Ich war zehn Jahre alt, da war ich das erste Mal auf einer Pferdeauktion. Ich durfte mir sogar Tory, meine Stute selbst aussuchen und Papa hat sie für mich ersteigert.“

Ricarda brach abrupt ab und schlug sich erschrocken die Hand auf den Mund. Die ältere Frau lächelte über so viel Enthusiasmus und sagte beruhigend: „Kleines ich sorge mich doch nur um dein Wohlergehen. Du bist mir in den letzten zwei Monaten, die du bei uns bist, so sehr ans Herz gewachsen, dass es mich sehr schmerzen würde, wenn dir etwas zustieße.“

Die Gräfin bemerkte das erleichtere Aufatmen des Mädchens. Sie legte die Decke, an der sie gerade arbeitete, zur Seite und klopfte mit der Hand auf den Platz neben sich. „Komm setz dich zu mir mein Kind, ich möchte etwas mit dir besprechen.“

Ricardas Augen strahlten schon wieder, als sie sich auf die gepolsterte Bank setzte. Sie liebte die vornehme elegante Frau von ganzem Herzen. Jede Nacht verfolgte sie der Alptraum, dass ihr Onkel heraus fand wo sie sich aufhielt. Mit seiner schäbigen alten Kutsche fuhr er vor das Hauptportal, packte sie grob am Arm und riss sie aus den Armen der Gräfin. Schreiend wachte sie dann immer auf.

„Ricarda wo bist du mit deinen Gedanken?“

Sie wurde rot, als hätte man sie bei etwas verbotenem ertappt. Lady Dorothea beobachtete das wechselnde Mienenspiel der Kleinen. Irgendetwas lastete schwer auf der Seele des Mädchens. Mary hatte ihr wiederholt von den Alpträumen erzählt, die das zarte Geschöpf quälten. Heute will ich mehr von dir erfahren, dachte die Gräfin. Sie musste zu einer List greifen, um Ricarda zum Sprechen zu bringen. Sie sollte ihr freiwillig über das Leben erzählen, dass sie vorher führte.

„Ricarda du weißt, dass ich dich wie eine Tochter liebe.“

„Ja Lady Dorothea, wenn es denn sein muss, verspreche ich Euch, mich von den Ställen fernzuhalten.“ Ein abgrundtiefer Seufzer begleitete dieses Versprechen.

„Wunderbar mein Kind..."

"Aber...“, unterbrach sie die edle Frau, „wenn ein Tier mich braucht oder gar in Not gerät... dann, dann muss ich das Versprechen ausnahmsweise umgehen. Meint Ihr nicht auch?“

Gräfin Estroy brach in schallendes Lachen aus, „mein kleiner Liebling, du bist ganz schön raffiniert. Ich glaube, dass ab heute pausenlos unsere Pferde und sonstiges Getier in immerwährender Not sind.“

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