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Revolutionary Hospital

REVOLUTIONARY

HOSPITAL

Dr. Markus Horneber | Stefan Deges

DIGITALE TRANSFORMATION

UND INNOVATION LEADERSHIP

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VORWORT

Revolutionary Hospital – das Vordenker-Buch 2018

Wer hätte das gedacht: In einem Buch über die nahe Zukunft der Krankenhauslandschaft finden die digitalen Plattform-Kapitalisten Airbnb und Uber am häufigsten Erwähnung. Und die meisten Autoren dieses Werkes scheuen nicht einmal davor zurück, den Patienten als Kunden zu bezeichnen.

Uns steht wahrhaftig eine geistige Wende ins (Kranken-)Haus.

Als die beiden Herausgeber dieses Buches im Sommer 2017 am Rande des Hauptstadtkongresses erstmals eine Gliederung zu Papier brachten, taten sie dies eher in gewissenhafter, wenn nicht sogar leicht akademischer Manier. Analytisch wurden die Facetten der Digitalisierung hierarchisch gegliedert und daraus einzelne Beiträge abgeleitet. Was bedeutet Disruption? Was macht ein innovatives Krankenhaus aus? Was ist der intellektuelle Überbau? Welche Handlungsempfehlungen müssen wir aussprechen? Wer hat sich zu den einzelnen Themen einen Namen gemacht? Und wie überzeugen wir Autoren, zum vorgegebenen Thema für das „Vordenker-Buch 2018“ zur Feder zu greifen?

Nach einer guten Stunde waren einige Blätter Papier mit Ideen gefüllt. Bevor wir uns jedoch voneinander verabschiedeten und mit einer Hausaufgabenliste die Heimreise antraten, sprachen wir noch ein wenig über unseren Arbeitsalltag an der Spitze eines christlichen Krankenhauskonzerns mit Milliardenumsatz respektive in der Geschäftsleitung eines kleinen Fachverlags für Gesundheitsberufe. Die Analogien waren augenscheinlich.

Für beide Seiten bedeutete die Digitalisierung eine Zäsur. Nicht etwa, weil Techniken sich änderten und bestehenden Geschäftsmodellen den Bestandsschutz raubten. Es war vielmehr der erforderliche kulturelle Wandel, der uns umtrieb und der uns schließlich das erste Buchkonzept in Ablage P befördern ließ. Lieber wollten wir aufschreiben lassen, was Innovatoren gerade erlebten.

Die Digitalisierung zwingt Leader zurück in die Reihe der Innovationssuchenden. Anmaßung von Wissen, wie es Friedrich August von Hayek einst planwirtschaftlichen Systemen vorwarf, ist leider auch in Managementkreisen weit verbreitet. Digitale Leader aber gestehen sich ihr eigenes Nicht-Wissen ein. Sie folgen keinem Meta-Plan, sondern sind getrieben von Neugierde und investigativem Spürsinn, nutzen die Innovationskraft der Masse, lernen von ihren Kunden und Mitarbeitern. Der Leader-Typus „Visionär“ passt nicht mehr so recht in die Rahmenbedingungen einer beschleunigten digitalen Transformation.

So begann das Buch „Revolutionary Hospital“ mit einem nahezu leeren Blatt Papier. Wir beschränkten uns auf die Überschriften von maximal drei Kapiteln und fragten die Autoren, welche Erkenntnisse sie selbst aus ihren Innovationserlebnissen gezogen haben.

Die drei Kapitel haben es nun bis zur Veröffentlichung geschafft. Kapitel eins wartet mit einer kleinen Zeitreise in die absehbare Zukunft des Jahres 2025 auf. Diese Reise erlaubt das, was der amerikanische Psychologe Gery A. Klein einst mit der Prä-Mortem-Methode beschrieb: Um die Fallstricke eines Innovationsprojektes identifizieren zu können, begebe man sich an das Ende des Entwicklungsprozesses und überlege von dort aus, woran es gescheitert ist.

Wer vom Jahr 2025 aus zurückschaut, wird zwei wesentliche Faktoren erkennen: Zum einen geht es um das mentale Rüstzeug, das sogenannte Mindset, ohne das wir Organisationen nicht neu ausrichten werden (Kapitel 2). Zum anderen kommt es auf den Methodenkasten an; und der ist glücklicherweise reich befüllt (Kapitel 3).

Bedienen wir uns!

Für unser Zukunftsszenario 2025 haben wir uns erlaubt, Donald Trump zwei Amtszeiten als US-Präsident zuzugestehen. Womöglich irren wir uns in diesem Detail. Sicher sind wir dagegen, dass es bis zum Jahr 2025 nur noch wenige Tage sind.

Dr. Markus Horneber Stefan Deges

INHALT

KAPITEL EINS

HÜFT-OP 2025

Customer Journey in der absehbaren Zukunft

Dr. Stephan Balling | Stefan Deges

1 Digital Adopter

2 Die doppelte Revolution

2.1 Big Staats-Business

2.2 It’s the infrastructure, stupid!

3 Protagonisten und Strukturen 2025

3.1 Ein Dutzend Krankenkassen

3.2 Knapp 900 Krankenhäuser

4 Die digitale Patientenkarriere

4.1 Automatische Terminvergabe

4.2 Smarte Befundung und Tissue Engineering

4.3 Operationssäle in der Cloud

4.4 Dezentraler Datenschutz

4.5 Prestigeträchtige Pflege

4.6 Reha in 3-D

KAPITEL ZWEI

MINDSET UND MECHANISMEN

I Barrieren für Innovationen: Wie schaffen wir eine Kultur für Veränderungen?

Dr. Markus Horneber

1 Situation: Zenit des Erfolgs erreicht!

2 Megatrend Digitalisierung induziert prinzipielle Innovationen

2.1 Megatrends

2.2 Prinzipielle Innovationen entwerten Wissen

3 Kultur der Veränderung

3.1 Kunden in den Mittelpunkt stellen

3.2 Neues in der alten Organisation geht nicht

3.3 Erfolgreich verändern

4 Denken ist anstrengend (empirische Kreativität)

4.1 Vor-Denken statt Nach-Denken

4.2 Denken wir von der Zukunft aus zurück!

4.3 Denken wir funktional-abstrakt!

5 Handeln wir unverzagt (fanatische Disziplin)

5.1 Experimentieren und Scheitern

5.2 Das North-Star-Prinzip

6 Das passiert um uns herum (produktive Paranoia)

7 Die Zukunft hat schon begonnen

7.1 Mindset für die Zukunft

7.2 Geschäftsmodelle für die Zukunft

7.3 Agil vordenken

Literatur und Quellen

IIWo bleibt der Mensch? Ethik in Zeiten der Digitalisierung

Prof. Heinz Lohmann und Prof. Dr. Kai Wehkamp

1 Krank im Jahr 2022 – was bringt die digitale Zukunft?

2 Herausforderungen der Gesundheitsversorgung

2.1 Ressourcen und Infrastruktur

2.2 Komplexität, Individualität und Menschlichkeit

2.3 Informiertheit, Anspruch und Wissensasymmetrie

2.4 Wissenschaft und Big Data

2.5 Weitere Systemprobleme

3 Potenzial der Digitalisierung

4 Digitalisierung, Medizin und Ethik

4.1 Verbesserung der Lebensqualität

4.2 Informationelle Selbstbestimmung

4.3 Menschlich-empathische Zuwendung

4.4 Langfristige Verantwortung

5 Fazit

Fußnoten

IIIDigitalisierung im Krankenhaus kann die interprofessionelle Entscheidungsfindung verändern

Prof. Dr. Alexander Schachtrupp und Andrea Thöne

1 Digitalisierung verändert die Zusammenarbeit im Krankenhaus

1.1 Effizienzreserven bergen

1.2 Alltagserfahrungen nutzen

1.3 Neue Treiber

2 Interprofessionelle Zusammenarbeit

2.1 Potenziale und Nutzen

2.2 Verbesserungs- und Fortbildungsbedarf

3 Wie kommt man gemeinsam zu guten Entscheidungen?

3.1 Urteilsheuristiken

3.2 Ein Experiment

4 Fazit

Literatur und Quellen

IVPlattformökonomie aus Sicht der Krankenkasse im digitalen Zeitalter

Thomas Ballast

1 Einleitung

2 Auf dem Weg zu einer patientenorientierten Plattform: die ersten Schritte der Techniker Krankenkasse

2.1 Telemedizin

2.2 Gesundheitsanwendungen via App

2.3 Versicherte als Manager ihrer Gesundheit

3 Die elektronische Gesundheitsakte als Schlüssel zur effektiven und patientenorientierten Gesundheitsversorgung

3.1 Akzeptanz schaffen

3.2 Standards setzen

3.3 Datenhoheit beim Versicherten

3.4 Routinedaten und Versorgungsforschung

3.5 Datenschutz

4 Die Rolle der Leistungserbringer in der digitalen Welt

4.1 Sektorengrenzen vs bedarfsgerechte Versorgung

4.2 Notfallversorgung

5 Zusammenfassung

Literatur und Quellen

V Veränderungstempo Mach 4

Stefan Deges

1 Einführung

2 Die Lern-Challenge

2.1 Beschleunigung und Veränderungsdruck

2.1.1 Beschleunigungsmuster prädigitaler Revolutionen

2.1.2 Statusquo 2018

2.1.3 Drei neue Beschleuniger ante portas

a. Big Data und artifizielle Intelligenz (AI)

b. Robotik

c. Editive Biologie

2.1.4 Erkenntnis der Revolutionen

2.2. Per Masterplan in die Insolvenz

2.2.1 Planungsfehlschlüsse

2.2.2 Plan und Wirklichkeit

3 Schlussfolgerung

Literatur und Quellen

KAPITEL DREI

METHODEN UND BEST PRACTICE

I Kundenorientierung und Patientenzentriertheit

Einblick in die (unvollständige) Instrumenten- und Methoden sammlung digital-kompatibler, innovativer Krankenhäuser

Stefan Deges

1 Nutzerorientierung vs. Systemzentrierung

1.1 Ohnmacht des Obrigkeitswissens

1.2 Nutzerorientierte Krankenhäuser

2 Design Thinking

2.1 Kreativitätstechnik

2.2 Proof of Concept im Klinikalltag

2.3 Mehr als nur ein Projekt

2.4 Chefsache

3 Customer Journey

3.1 Level 1: Mayo Clinic

3.2 Level 2: St. Mary’s Hospital

3.3 Level 3: John Hopkins

3.4 Level 4: PremiQuaMed

3.5 Level 5: Kaiser Permanente

4 Touchpoint-Management

4.1 Großer Wurf in Kalifornien

4.2 Smarter Ansatz in Deutschland

5 Simplification

5.1 Copy & Paste: das Rad nicht neu erfinden

5.2 Der Alles-aus-einer-Hand-Irrweg

5.3 Make it easy

6 Auf die Führung kommt es an

Literatur und Quellen

IIPrototyping erhöht das Innovationspotenzial und schafft gleichzeitig die Grundlage für den Transfer ins Tagesgeschäft

Erfahrungsberichte von interdisziplinären Designteams in Krankenhäusern

Dr. Christophe Vetterli, Katja Rüegg

1 Einführung

2 Grundregeln und Rahmenbedingungen

2.1 Herantasten

2.2 Neues Rollenverständnis

2.3 Einsatzgebiete

3 Kritische Erfolgsfaktoren

3.1 Interdisziplinäre Teams

3.2 Patientenbedürfnis als gemeinsamer Startpunkt

3.3 Prototyping-Zone

4 Fallstricke

4.1 Fehlende Konsistenz in den Simulationen

4.2 Fehlende Kontinuität in der Umsetzung

4.3 Mangelnde Nacherlebbarkeit

4.4 Fehlende Distanz zum Tagesgeschäft

4.5 Hierarchische Decke

5 Fazit

IIISmart Hospital 2025 wird Smart Hospitality: Ort persönlicher und warmherziger Zuwendung mit spitzenmedizinischer Behandlung

Professor Dr. Jochen A. Werner

1 WWW = WeltWeitesWissen

2 Der Weg zum Smart Hospital

2.1 Personelle Basis

2.2 Technische Basis

3 Patientenwunsch im Fokus

4 Nachhaltige Veränderungen in der Medizin

4.1 Anamnese

4.2 Diagnostik

4.3 Bildung und Qualifikation

4.4 Datenmanagement

4 Smart Hospitality und Smart Hospital 2025 – ein kurz gefasster Ausblick

IVInnovation von außen – warum Start-ups ein Segen für die traditionelle Gesundheitswirtschaft sind

Dr. Markus Müschenich, Laura Wamprecht

1 Einleitung

2 Respektlosigkeit gegenüber „das haben wir schon immer so gemacht“

3 Der Ballast der Jahrzehnte

4 Geschwindigkeit – Schnellboot statt Tanker

5 Wie knappe Ressourcen als Motor wirken

6 It´s business

7 Die Zusammenarbeit mit Start-ups als strategisches Innovationselement

8 In a nutshell

V Zeit für neue Ziele: was die Reha-Branche in Zeiten der Digitalisierung aus anderen Branchen lernen muss

Dr. York Dhein

1 Ausgangslage

2 Ein Blick über den Tellerrand

2.1 Die Reisebranche

2.2 Neue Aufgaben und Funktionen sind gefragt

2.3 Folgerungen für die Rehabilitationsbranche im Allgemeinen

2.4 Folgerungen für die Johannesbad Gruppe im Speziellen

2.4.1 Das Wunsch- und Wahlrecht gewinnt an Bedeutung

2.4.2 Marketing und Unternehmenskommunikation

3 Neue Konzepte sind gefragt

3.1 Nah an den Menschen

3.2 Eng vernetzt

3.3 Verzahnung von Akutmedizin und Rehabilitation

3.4 An die Lebenswirklichkeit der Menschen rücken

3.5 Rundum digital betreut

3.6 Interaktion mit potenziellen Kunden

4 Fazit

VILessons Learned: wie die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens nicht angegangen werden sollte

Dr. Michael Dahlweid

1 Vorbilder und Mahnmale

1.1 Der Klassenbeste

1.2 Die Gelehrigen

1.3 Die Gescheiterten

2 Voraussetzungen für die Transformation

2.1 Die Protagonisten

2.2 Krankenhäuser ohne Patienten

2.3 Krankenhäuser werden Intensivstationen

2.4 Im digitalen Niemandsland

3 Wohin die Reise geht

3.1 Anforderungen

3.2 Die Prozessrevolution im Krankenhaus

3.2.1 Qualitäts- und Kostenorientierung

3.2.2 Agil und lernfähig

3.3 Die Verlängerung der Prozesse in die externe Infrastruktur

3.3.1 Der digitale Patient

3.3.2 Plattformen

3.3.3 Übergreifende Prozesse

3.3.4 Gewinner und Verlierer

ANHANG

Die Autoren

Thomas Ballast

Dr. Stephan Balling

Dr. Michael Dahlweid

Stefan Deges

Dr. York Dhein

Dr. Markus Horneber

Prof. Heinz Lohmann

Dr. Markus Müschenich

Katja Rüegg

Prof. Dr. med. Alexander Schachtrupp

Andrea Thöne

Dr. Christophe Vetterli

Laura Wamprecht

Prof. Dr. Kai Wehkamp

Prof. Dr. Jochen A. Werner

Der Vordenker-Award

„ Veränderung kommt.

Unerbittlich.

Meistens erfolgt sie allmählich,

manchmal aber ist sie auch

wie ein Erdbeben.

Lieb- und wertgehaltene Grundannahmen

bekommen einen Knacks.

Felsen der Stabilität bröckeln.

Erfahrungsklüfte tun sich

zwischen Nachbargenerationen auf.“

Daniel Suarez, „Bios“

KAPITEL EINS

HÜFT-OP 2025

Customer Journey in der absehbaren Zukunft

Dr. Stephan Balling | Stefan Deges

Die Chancen stehen gut, dass die vernetzte Versorgung heilende Wirkung haben wird – vorausgesetzt, die Politik schafft einen neuen Ordnungsrahmen für die Digitalisierung der Daseinsvorsorge. Denn die perioperativen Techniken und therapeutischen Möglichkeiten, die Mitte des kommenden Jahrzehnts den Krankenhausaufenthalt beherrschen werden, sind heute schon weitgehend bekannt. Bisweilen aber prallen sie an regulativen Mauern ab.

Eine optimistische Visite im Jahr 2025.

1 |Digital Adopter

Berlin, 7. September 2025: Zwei Wochen noch bleiben Lucas bis zu seinem großen Tag. Dann steht der Marathon an, es wird sein zwanzigster sein. Und weil er eine persönliche Bestzeit anstrebt, rennt Lucas fast täglich durch den Grunewald. 2:45 Stunden will er unterbieten, Sport ist sein Leben. Wenn Lucas die Menschen aus der benachbarten Mc-It-Filiale kommen sieht, freut er sich immer aufs Neue, dass er sich einst für einen Sport an der frischen Luft entschieden hat. Mc-It, 2021 hervorgegangen aus der Fusion von McDonalds mit der Fitnessstudio-Kette Mc-Fit, bietet moderne Systemgastronomie, in der vegane Menüs individuell angepasst werden auf den zuvor auf dem Power-Terminal verbrauchten Kaloriensatz. Gesundheit und Fitness sind Statussymbole im Jahr 2025. Erfolg hat, wer diszipliniert lebt. Lucas ist 31, körperlich topfit, gehört zu den Erfolgreichen. Auch wenn er sich nicht auf einen Marathon vorbereitet, geht er zwei Mal wöchentlich zum Fußball, dazu jeden Tag 20 Kilometer mit dem Fahrrad aus Spandau nach Berlin-Mitte zu seinem Arbeitsplatz und am Wochenende 15 Kilometer Joggen, mindestens.

Es war ein guter Lauf heute. Lucas tippt auf den Sensor seiner Eureka-Smartbrille, das Glas verwandelt sich in ein Display. Es zeigt ihm eine neue Bestzeit an. Sein Puls war heute im Durchschnitt etwas höher als bei den vergangenen zehn Läufen. Die Daten überträgt die Brille direkt auf seine 2PQN, die „Personal Pain Quit Notes“, eine Art digitale Gesundheitsakte, in der Lucas wie die meisten Europäer ihre Vitaldaten erfassen und managen. 2PQN ist Spielzeug und Schatztruhe in einem. Sämtliche Daten der Eureka wandern dort hin, verknüpfen sich mit den Daten aus den Sensoren der Laufschuhe und Sportkleidung – und mit den Befunden seiner Praxisbesuche, den Rezepten seiner Ärzte und dem Ernährungsplan seines Foodbooks. Auf Druck der EU-Kommission hatten Amazon und die anderen großen amerikanischen Datengiganten 2018 eine Schnittstelle freischalten müssen, die es erlaubt, die von ihren Geräten erhobenen Daten auf andere Plattformen zu übertragen.

Und das war nur der Anfang.

Als „Digital Native“ – so nennen die älteren Generationen seit einigen Jahren Leute wie Lucas, die mit Computer und Internet groß geworden sind – ist er, Jahrgang 1994, äußerst technikverliebt. Eine neue App? Er muss sie haben! Typisch „Early Adopter“ eben. Vor allem, wenn es um Ernährung, Fitness und Gesundheit geht. Schon seine Eltern waren Vorreiter. Als sie sich in der 24. Schwangerschaftswoche auf Lucas – mit c – festgelegt hatten, war das durchaus avantgardistisch. Der Name Lucas logierte damals lediglich auf Platz 6 der Favoritenliste in Deutschland. 2025 strebt die „Generation Lucas“ erste Führungspositionen in Wirtschaft und Verwaltung an. Einige von Lucas’ Klassenkameraden erziehen inzwischen eigene Kinder. Sie gehören damit der ersten Eltern-Generation an, welche die nicht-digitale Zeit nur aus Geschichtsbüchern kennt. Eine nicht-vernetzte Welt – für sie völlig undenkbar. Diese Eltern-Generation zieht Kinder nicht mehr in „digitalem Unwissen“ groß.

Die Welt war schon Ende der 2010er-Jahre, als Lucas sein Gesundheitsökonomie-Studium abschloss und nach Berlin zog, um bei einer Krankenkasse anzuheuern, längst über die Phase hinaus, die Aldous Huxley, George Orwell und Stanislaw Lem in ihren großen futuristischen Utopien einst beschrieben hatten. Bücher von Autoren wie Mark Elsberg (Blackout, Helix), Dave Eggers (The Circle) und Daniel Suarez (Bios, Control), die Lucas während seines Studiums verschlungen hatte, waren schon damals von Audible nicht mehr in der Kategorie SciFi, sondern im Krimi-Segment gelistet – Gegenwartsliteratur mit technikkritischen Botschaften.

Audible gehört heute zwar nicht mehr zu Lucas’ Apps, sondern das europäische Pendant Bookbeat aus dem schwedischen Medienkonzern Bonnier. Ansonsten aber besticht das neue iPhone von Lucas mit allerlei Spielereien, allem voran einer Sensorik, die so viel Diagnose ermöglicht wie vor einigen Jahren die Notaufnahme eines Kreiskrankenhauses.

Lucas schreitet auf seine Haustür zu, die das Handy identifiziert und automatisch öffnet. „Hallo Lucas“, begrüßt ihn Echo III. „Glückwunsch zu deiner Laufzeit heute. Deine aktuellen Vitalwerte zeigen, dass du gut in Form bist. Das Bad ist vorgeheizt. Ich habe dir neue Laufschuhe bestellt, weil dein linker Schuh etwas stärker abgenutzt ist als der rechte.“ Gerade, als Lucas die Tür schließen will, nähert sich eine Drohne dem Haus – im Gepäck ein kleiner Beutel. „Lieferung für Lucas M.“, sagt die Drohne mit weiblicher Stimme. „LiNing RunnersPro, Flex-Size 43-45-1/3 “, zeigt das Display seiner Eureka an. Lucas autorisiert die Zustellung mit einem doppelten Augenzwinkern in der Smartbrille, nimmt den Beutel aus der Halterung der Drohne und geht in seine Wohnung.

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DoctHERs

The winner is DoctHERs – zumindest auf dem World Health Summit (WHS) 2017. Und das ist eine echte Auszeichnung. Der WHS mit 2.000 Teilnehmern findet jährlich in Berlin statt, 2017 unter Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Beim Start-up-Track durften zehn Jungunternehmer aus aller Welt ihre Ideen präsentieren (70 hatten sich beworben). Der Preis ging nach Pakistan an DoctHERs. „It´s like winning the Oscars“, sagte Asher Hasan, einer der Gründer des Sozialunternehmens, als er die Auszeichnung von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe entgegennahm. Frauen, die keinen Zugang zu Ärzten haben, sollen über die Online-Plattform behandelt werden können. Sie erhalten beispielsweise per Telemedizin Unterstützung von Medizinerinnen, die sich als Mütter zugleich um ihre Familien kümmern. Es geht also darum, per App Frauen in strukturschwachen Regionen zu vernetzen, damit sie einen besseren Zugang zu Gesundheitsversorgung erhalten. Mehr als 30.000 weibliche Ärzte arbeiteten bereits für DoctHERs, ist auf der Internetseite der Firma zu lesen.

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2 |Die doppelte Revolution

Der 31-jährige Lucas erlebt 2025 eine Revolution mit Technologien und Verfahren, die 2018 bereits sichtbar oder sogar im Einsatz waren. Damals war „Digitale Transformation“ das große gesellschaftliche Modewort. Beratungsfirmen investierten Unsummen in Business Intelligence, Führungskräfte belegten Seminare im „Design Thinking“, Konzerne wandten sich der virtuellen Realität und 3-D-Technik zu, Plattform-Ökonomien verwandelten Wertschöpfungsketten, Verbraucher tasteten sich an die Welten der Augmented, Mixed und Immersive Reality heran. Alle sprachen von Disruption und unterschätzten dennoch, welches Beben da bevorstand. Was nämlich seinerzeit als vierte industrielle Revolution galt, war im Grunde nur eine Variante der dritten – Daten gingen die unterschiedlichsten Partnerschaften mit Maschinen und Menschen ein, beschleunigten die Automation, veränderten Produktionsabläufe und steuerten Finanzströme.

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Doctolib: direkter Draht

Erfolgreich gepitcht: Auf dem 17. Nationalen DRG-Forum im März 2017 überzeugte Geschäftsführer Simon Krüger die mehr als 1.000 anwesenden Klinikmanager und gewann den erstmals durchgeführten „Innovation Hub“. Offenbar hat Doctolib einen Nerv getroffen: Die Krankenhäuser kämpfen mit überbordenden Dokumentations- und Verwaltungsaufgaben, was nicht nur Ressourcen frisst, sondern für Ärzte und Pflegekräfte auch zur Motivationsbremse wird. Doctolib – ein deutsch-französisches Gemeinschaftsprojekt – will dem mit seinem Online-Kalendertool Abhilfe schaffen. Dieses ist verbunden mit einer Terminbuchungsplattform für Patienten. Dadurch können sich beide unkompliziert und direkt koordinieren. Die Terminvereinbarungen finden rund um die Uhr in Echtzeit statt. Wer einen Termin bekommt, hat ihn sicher und muss nicht erst auf eine Bestätigung warten. Patienten erleichtert Doctolib außerdem die Suche nach Ärzten mit freien Kapazitäten. In Frankreich, wo die Plattform 2013 gegründet wurde, nutzen sie bereits fünf Millionen Patienten.

Bal/Roes

Das Beben aber steht 2025 unmittelbar bevor. In der vierten industriellen Revolution löst die Biotechnologie die Kohlenstoffära ab. Die Episode der digitalen Transformation löst eine Epoche der Biosynthetik und Genom-Editierung aus. Sie wird Wissen und Bildung abwerten, soziale Errungenschaften unterminieren und die menschliche Identität neu definieren. Staaten, die die Digitalisierung genutzt hatten, um sich zu modernisieren, sind 2025 einigermaßen vorbereitet auf die Biosync-Ära.

Diese Revolution führt auch zu einer geopolitischen Zeitenwende. Sah es kurz zuvor noch so aus, als zerrisse eine neue, nationalstaatliche Zentrifugalkraft die Europäische Union, so besannen sich Europas Staatschefs urplötzlich und entwickelten eine gemeinsame Idee: Sie einigten sich auf ein Europa, das den Menschen sichtbare Vorteile bietet. Kein militärisches Europa, keine Gemeinschaft, die durch Steuern und Währung gekittet werden muss. Industriepolitik und das klare Einstehen für die Interessen Europas und seiner Bürger auf der einen Seite, Vielfalt und Offenheit auf der anderen Seite – dafür steht die Europäische Union Mitte der 2020er- Jahre. Regionalpolitik und Agrarförderung sind renationalisiert. Großflächige Subventionen per Gießkanne über ganz Europa gehören der Vergangenheit an. Statt Feilschen um Fördermittel und Steuermittel herrscht heute ein EU-weites Verständnis staatlicher Vor- und Fürsorge. Brüssel gestaltet 2025 ein wissensbasiertes Gemeinwesen.

European Champions wie Bookbeat, also Global Player mit Headquarter in der EU, bilden tragende Säulen der Wirtschaft auf dem Kontinent. Ein gemeinsamer Markt für Energie, Telekommunikation, Medien und Umwelt sorgt für Wettbewerb, verspricht 2025 den großen Unternehmen aber auch Skaleneffekte auf einem Markt mit mehr als 500 Millionen Bürgern. Dank Blockchain-Technologie kann sich Europas neue Digitalökonomie in einem Höchstmaß vernetzen, stärker als in jedem anderen großen Wirtschaftsraum der Welt. Es entstanden Konzerne, die auf Kryptotechnologie setzen, mit Token Sales reich geworden waren und seither unermesslichen Investitionsspielraum besitzen. Und nicht zuletzt: Europas Gesundheitswesen wird heute zentral mit Wissen und Rechenkraft gespeist, aber vor Ort nach den jeweiligen Gegebenheiten gestaltet und differenziert. Die „EU-Smart-Acceleration-Strategie“ aus dem Jahr 2019 änderte die Verfassung und Verfasstheit der EU, ihre Rolle in der Welt und ihr eigenes Potenzial grundlegend.

Für all das bedurfte es zweier Erweckungserlebnisse:

imagesDer Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten Ende 2016 (in Tateinheit mit der Selbst-Ikonisierung des chinesischen Präsidenten Xi Jinping auf dem Parteitag im Herbst 2017)

images Der IT-Havarie im Stockholmer Universitätskrankenhaus Nya Karolinksa Solna Ende 2017

Aber der Reihe nach.

2.1Big Staats-Business

Die Geopolitik war spätestens seit 2016 im Umbruch. In seinen beiden Amtszeiten bis Anfang 2025 verfolgte Donald Trump eine stringente America-First-Strategie, die mit zunehmender Dauer seiner Regierungszeit immer mehr zu einem Klon des chinesischen Staatskapitalismus wurde. Im Süden der USA steht das Sinnbild von Trumps Traum einer Festung namens USA, eine 3.200 km lange Grenzmauer, gerichtet gegen Migranten aus Mexiko und Südamerika. Amerikas Staatschef verhandelte die Grundlagen der Welthandelsorganisation, des Währungsfonds, der Weltbank, der Vereinten Nationen und weiterer internationaler Organisationen im amerikanischen Sinne neu, setzte sich mit unzähligen regulativen Maßnahmen, Steuern, Zöllen und Ausnahmeregelungen gegen Exportnationen wie China und Deutschland zur Wehr. Zum Ende seiner zweiten Amtszeit 2024 prahlte Trump mit den von ihm erzielten Partnerschaften mit Entwicklungsund Schwellenländern, deren Infrastruktur amerikanische Firmen aufbauten, um sich Zugriff auf Rohstoffe zu sichern. Doch tatsächlich fallen die Vereinigten Staaten im Wettbewerb mit China immer weiter zurück. 2017, zu Trumps Amtsantritt, hätte vielleicht noch die Chance bestanden, mitzuhalten mit dem Reich der Mitte. Doch Peking setzte alles daran, zur digitalen Supermacht zu werden, und Trump verweigerte die nötigen Weichenstellungen. China hatte 2017 ein umgerechnet 115 Milliarden Euro schweres Programm aufgelegt, um zur Weltmacht der künstlichen Intelligenz zu werden. Bereits im September 2017 präsentierte Peking die Maschine „Xiao Yi“, der es gelungen war, den schriftlichen Test für die Ärzte-Approbation überdurchschnittlich gut zu bestehen. Kopien von Xiao Yi werden seither in die unterversorgte chinesische Provinz geschickt, um die universitäre Mediziner-Ausbildung über das Riesenreich auszubreiten. Die Ausgangssituation war denkbar günstig: ein Heimatmarkt mit 1,4 Milliarden Menschen, Mega-Plattformen wie WeChat, die im Gewand einer Social-Media-Anwendung nahezu alle digitalen Alltagsservices erbrachten und nebenbei unfassbare Datenmengen sammelten; keine ethischen Barrieren etwa für die Stammzellenforschung und ebenso kein wirksames Kartellrecht, das gegen Marktmacht etwas auszurichten suchte – im Gegenteil.

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Ayasdi: Intelligenz zur Marktreife bringen

Viele Wissenschaftler glauben, dass Big Data – die Fähigkeit, Muster zu erkennen und Korrelationen aus gewaltigen Datenbeständen zu lesen – die Medizin in ein neues Zeitalter katapultieren wird. Maschinelles Lernen in Verbindung mit der Möglichkeit, gesammeltes medizinisches Wissen aus jahrzehntelanger Forschung zu speichern und zu vernetzen, werde den Boden dafür ebnen, individualisierte Therapien für den Massenmarkt zugänglich zu machen. Die 2008 gegründete Software-Schmiede Ayasdi mit Sitz in Palo Alto, Kalifornien, hat sich der Auswertung gewaltiger Datenmengen mittels intelligenter Super-Algorithmen verschrieben. Daraus hergeleitete Applikationen, so formulierte es einmal die New York Times, seien zur Marktreife gebrachte Intelligenz. Der Ayasdi-Gründer und ehemalige Stanford-Mathematikprofessor Gurjeed Singh fordert von seinen Anwendungen nichts Geringeres als die Fähigkeit, zu lernen. Zu den Geldgebern des Projekts gehört unter anderem die legendäre US Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), die bereits die Entwicklung des Genom-Editing CRISPR/Cas finanziert hat. Das US-Gesundheits- und das -Landwirtschaftsministerium bedienen sich Analyse-Tools von Ayasdi ebenso wie der Pharma-Riese Merck.

Roes

Heute, zur Mitte der 2020er-Jahre, sucht die internationale Staatengemeinschaft nicht mehr zuvorderst nach Atomwaffen-Arsenalen in Nordkorea, sondern nach Biotech-Laboren in ehemaligen asiatischen Tigerstaaten, wo Gen-Editing-Ingenieure menschliches Erbgut manipulieren. China ist die mit Abstand größte Wirtschaftsmacht des Planeten; rund um den Globus entwickeln, designen und produzieren top-qualifizierte Chinesen die digitale Moderne. Thomas L. Friedman sollte Recht behalten. 2007 hatte der legendäre New-York-Times-Kolumnist in seinem Buch „The world is flat“ geschrieben: „When I was growing up, my parents used to say to me: ,Finish your dinner – people in China are starving.‘ I, by contrast, find myself wanting to say to my daughters: ‚Finish your homework – people in China and India are starving for your job.‘“

Und noch einer sollte Recht behalten: Sascha Lobo, damals Deutschlands prominentester Blogger und Digital-Mahner, der vor der Transformation des digitalen Wirtschaftssystems zum Plattform-Kapitalismus stets warnte. Politik und Gesellschaft seien unzureichend verbreitet, mahnte Lobo fast ein ganzes Jahrzehnt lang. Plattformkapitalismus vertrage sich nicht mit der europäischen Kultur der unternehmerischen Verantwortung und Sozialpartnerschaft. Die größten Konzerne im Gesundheitswesen heißen heute, anno 2025, Tencent, Apple, Wanda, Google und Amazon. Apple betreibt seit dem Jahr 2019 in den USA eigene Kliniken. Die Übernahme des deutschen Gesundheitskonzerns und größten Klinikbetreibers Europas, Fresenius, scheiterte zwar in zwei Anläufen an der Intervention der EU-Kommission. Zuletzt halfen auch europäische Pharmafirmen als weiße Ritter, den Angriff abzuwehren. Dennoch schritt die Monopolisierung im Gesundheitswesen immer schneller voran, seit Datenschätze der entscheidende Faktor wurden, um Patienten zu heilen.

Digitalisierung und Globalisierung krempelten die europäische Gesellschaft um. Die Erkenntnis dieses Anpassungsschocks: Mit Offenheit für neue Technologien und European Champions lassen sich die negativen Auswirkungen nicht nur abfedern, sondern auch die Chancen nutzen für ein besseres Leben. Europa stand vor der Entscheidung: der totale Technologieverlust; sich dem Plattform-Diktat aus Amerika und vor allem China mit seinen eigenen Vorstellungen von Datenschutz, Ethik und Unternehmertum unterordnen. Oder ein Gegengewicht aufbauen.

2.2It’s the infrastructure, stupid!

Ideen gab es genug: Die Menschen und Unternehmen in Europa entwickelten und erfanden weiterhin Schlüsseltechnologien. Es gab in Europa indes keine politische Idee, daraus Kapital zu schlagen. Das änderte sich mit dem zweiten Erweckungserlebnis, dem Blackout in Stockholm. Das Digitalisierungsprojekt am Universitätsklinikum Nya Karolinska Solna galt lange Zeit als das Leuchtturmvorhaben in Europa. Karolinska hatte massiv in die Workflow-Steuerung investiert, was sich aber nur bedingt auszahlte. Das Bandbreitenmanagement stieß an Grenzen. Es gab Mitte der 2010er-Jahre schlicht noch keinen Anbieter, der sich in der Lage sah, die infrastrukturellen Herausforderungen zu lösen. Stockholm plante ursprünglich, alle Monitoring-Daten zu messen, ins Gesamtsystem einzuspeisen und klinikübergreifend zugänglich zu machen. Pro Minute sollten bis zu 500 Einzeldaten für einen einzelnen Patienten anfallen. Die Daten an sich wären noch zu verarbeiten gewesen. Was technisch hingegen an Grenzen stieß: die relevanten Einzelelemente zu routen und matchen, damit das System dem behandelnden Arzt zuverlässige Entscheidungshilfe bieten konnte. Davor schreckten alle IT-Firmen zurück. Der diesbezügliche Tender wurde im „Competitive Dialogue“ mit fast zwei Dutzend Firmen besprochen. Keiner traute sich das Projekt zu. Als der Neubau der Nya Karolinska Solna im November 2016 für die ersten Patienten die Tür öffnete, stand bereits fest, dass das Leuchtturmprojekt nicht mit voller Strahlkraft agieren würde. Und dennoch kam es am 21. November 2017 schließlich zur Havarie. Mehrfach verweigerte das IT-System des frisch bezogenen Neubaus den Dienst. Monitoringsysteme fielen aus, Patienten mit Herzproblemen mussten vorübergehend händisch überwacht werden. Rettungsambulanzen fuhren andere Einrichtungen an, Operationen wurden abgesagt.

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Arya: die Krankheit beherrschbar machen

Den vielleicht größten Unterschied macht die Digitalisierung in der Medizin augenblicklich für Menschen, die an einer chronischen Krankheit leiden. Patienten bedienen sich digitaler Anwendungen, um sich aus ihrer Abhängigkeit vom Medizinbetrieb zu lösen und mobiler zu werden. Oft sind es Betroffene, die – inspiriert und geleitet durch die eigenen Erfahrungen – telemedizinische Applikationen entwickeln, die sie in die Lage versetzen, besser mit ihrer Krankheit umzugehen. „Arya Mood Tracker“ nannten die Erfinder eine App, die Depressionspatienten helfen soll, „ihr Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen.“ Über das Online-Tool sollen die Arya-Nutzer ihren Alltag beobachten und ihre Stimmungen festhalten. Aus diesen Tagebucheinträgen lernt Arya und macht individuell Vorschläge für ein situationsgerechtes Gegenprogramm. Auf Wunsch leitet die App die Selbst-Beobachtungen ihrer Nutzer an die behandelnden Therapeuten weiter. Außerdem kann sich die Arya-Community untereinander vernetzen. Eine Goldgrube sind Entwicklungen wie Arya für ihre Erfinder zumindest zu Beginn in aller Regel nicht. Die Apps sind für die Nutzer zumeist kostenlos, die Umsätze entsprechend überschaubar. Das gilt auch für Arya. Doch die Fachwelt wird langsam aufmerksam. Für das laufende Jahr sind Pilotprojekte mit den deutschen Klinikkonzernen Sana und Agaplesion geplant. Letztere halfen mit einem Gründerstipendium, ebenso wie die BKK im Rahmen der Selbsthilfe-Förderung. „Ich habe beschlossen, nicht mehr Opfer zu sein“, erklärt Arya-Gründerin Kristina Wilms ihre Motivation.

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Die Politik verstand: It’s the infrastructure, stupid! Um die Kraft der Digitalisierung zum Wohle der Gesundheit einsetzen zu können, musste der Staat die Voraussetzungen schaffen. Moderne Hardware, App-fähige Krankenhäuser, leistungsstarke Rechenzentren und neuronale Netze, die Systeme für künstliche Intelligenz und Deep Learning von Lissabon bis Warschau verfügbar machten. Das Budget für die EU-Smart-Acceleration-Strategie stammt seither aus einem europäischen Topf, der sich aus Kartellstrafen und Bußgeldern speist. Zur Kasse gebeten werden nicht zuletzt Unternehmen, die versuchen, die Mitgliedsstaaten steuerrechtlich gegeneinander auszuspielen. Die 2019 gegründete EU-Agentur für Digital Acceleration erhielt ihren Sitz in London, was die Engländer endgültig mit der EU versöhnte und den Brexit abwendete.

Was das alles für Lucas bedeutet? Der sitzt nach seinem Trainingslauf zu Hause auf dem Sofa, hört sich Alexas Empfehlungen an. „Du solltest in 118 Minuten schlafen gehen, damit du auf die nötigen 7 Stunden und 22 Minuten Schlaf kommst, die sich aus deinen Werten als optimal für dich errechnen lassen, wenn du morgen um 6:30 aufstehen möchtest. Und zur Erinnerung: Morgen Abend ist Fußballtraining, da solltest du fit sein.“ Ganz sicher ist er nicht, ob Amazon nun beim Transfer seiner Daten aus seiner Gesundheitsakte nicht selbst Daten absaugt und speichert. Seit der grundlegenden Reform der Datenschutzgrundverordnung ist das in Europa eigentlich verboten. Die Analyse der Gesundheitsdaten übernimmt nicht Amazon, sondern eine in Deutschland ansässige Firma, die auch Lucas‘ 2PQN betreibt. Lucas entdeckt einen kleinen Riss im Bezug seines Sofas. Eureka öffnet den Einrichtungsassistenten und speist Couchgarnituren samt Deko-Kissen auf das Display. Seit der virtuellen Besichtigung der Wohnung vor seinem Umzug nach Berlin hatte Lucas sich ein großes Reservoir an Interior-Design-Programmen angelegt. In Europa kann der User noch selbst entscheiden, welche Inhalte in seiner CGI, der Computer Generated Imagery, angelegt werden und welche Programme überhaupt Daten sammeln dürfen. Auch deshalb gewann die EU an Sympathie unter Europas Bürgern: Als Wächterin eines Marktes mit 500 Millionen Menschen kann sie machtvoll gegen die globalen Konzerne vorgehen.

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Monikit: mobile Sensor-Überwachung

Beinahe schon wie ein alter Hut wirkt heute die Idee, über Sensoren in Armbändern und Brustpflastern Vitaldaten zu erfassen und auszulesen. Smart-watches zählen Schritte und werten Trainingsprogramme aus, unterbreiten Ernährungsvorschläge und coachen das Lauftraining. Die Produkte des Tübinger Erfinderteams von Monikit um Kevin Klett, Florian Lutz und Julian Hofmeister richten sich vor allem an chronisch Kranke. So erkennen Monikit-Armbänder über ein mobiles Sensorsystem epileptische Anfälle und übermitteln medizinische Daten an Ärzte, Rettungsdienste oder auch Familienmitglieder. Entwickelt an der Neurologischen Universitätsklinik Tübingen sollen diese Messverfahren künftig auch als Teil von klinischen Entscheidungsunterstützungssystemen zum Einsatz kommen können. Beim World Health Summit in Berlin zählte die Idee zu den Gewinnern des Gründerwettbewerbes „Startup Track.“ Ähnliche Präventions- und Detektionssysteme könnten auch Herzpatienten helfen oder Diabetikern. Der flächendeckende Einsatz solcher Systeme scheitert heute allerdings oft noch an fehlenden IT-Schnittstellen in die stationäre und die ambulante Versorgungslandschaft.

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Der Anbieter myHealthdata – 2018 als Start-up an den Markt getreten – analysiert Lucas’ Daten mithilfe von künstlicher Intelligenz. Sogar Therapieempfehlungen sind möglich, wenn die digitale Plattform Unregelmäßigkeiten erkennt. Echo III ist lediglich Übertragungsmedium – oder sollte es sein, wenn Amazon sich an die Gesetzeslage hält. Lucas folgt sich wie fast immer an den Rat. Er bittet Alexa, seine Freundin anzurufen. Seit zwei Jahren führt er eine Fernbeziehung. Sie reden vis-à-vis über Eureka. Nach 35 Minuten schaltet sich Alexa in das Gespräch, erinnert ihn an die Bett-Geh-Zeit. „Will deine Mama wieder, dass du ins Bettchen gehst“, sagt die Freundin ein bisschen genervt. „Ja“, entgegnet Lucas, wünscht gute Nacht, ein Kuss; auf ins Bad, ab ins Bett.

3 |Protagonisten und Strukturen 2025

3.1Ein Dutzend Krankenkassen

Die Krankenkasse, für die Lucas heute arbeitet, betreibt eine der wichtigsten Plattformen, verknüpft mit globalen Ärztenetzen und innovativen Krankenhäusern. Über diese Plattform kann seit Beginn der 2020er-Jahre jeder Patient sein eigenes elektronisches Patientenfach betreiben und selbst bestimmen, wer wie wann Zugriff auf welche seiner Daten erlangen darf und welche Informationen in anonymisierter Form an seine Krankenkasse übermittelt werden. Die Themen künstliche Intelligenz und Versorgungsforschung auf Basis europaweit erhobener Daten sind längst ein bedeutender Standortfaktor für Europa und bescheren dem Alten Kontinent inzwischen Nobelpreise. Dafür waren einige Lehrjahre erforderlich. Auf das Buzzword Big Data folgte die Ära des Precise Data. An den Gipfelsturm der Genomsequenzierung knüpfte die prognosesichere Analyse des Phänotyps an. Von rund 100 Vernetzungsprojekten, in deren Zentrum eine mehr oder weniger interoperable elektronische Patientenakte stand, überlebten drei – die anderen wurden zwangsfusioniert, und mit ihnen ein Großteil der dahinterstehenden Krankenkassen. Vor allem jene Kassen, die frühzeitig in das Reimbursement digitaler Therapien eingestiegen waren, indem sie beispielsweise Rückenschulung via App finanzierten, wahrten ihre Eigenständigkeit.

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MySugr:

„50 Therapieentscheidungen am Tag“

„Wir leben selbst mit Diabetes“, betonen die Erfinder von MySugr. Wer sollte die Bedürfnisse von Diabetes-Patienten also besser kennen? Bereits eine Million Nutzer in 52 Ländern und 13 Sprachen lassen sich von der 2012 gegründeten Online- Patientenplattform das Management ihrer Krankheit erleichtern. Sie können online ein Diabetes-Tagebuch führen, auf einen Insulinrechner zurückgreifen oder sich von geschulten Diabetes-Beratern coachen lassen. In den USA und in der EU sind Anwendungen wie der Bolus-Rechner oder das Tool zum Glukose-Monitoring inzwischen als Medizinprodukt zugelassen und ISO-zertifiziert. Diabetiker erhalten bei ihrer Registrierung ein Paket mit Teststreifen und ein Blutzuckermessgerät. Das Leben mit Diabetes sei mühsam, quasi ein Fulltime- Job, schreibt Frank Westermann, einer der Gründer der Online-Plattform, und berichtet erklärtermaßen dabei aus der eigenen Erfahrung. Bis zu 50 Therapieentscheidungen treffe ein Diabetes-Patient jeden Tag. Durch Anbindung an die MySugr-Community sei er auch in der Zeit zwischen zwei Arztbesuchen damit nicht allein. Seit dem vergangenen Jahr gehört die Plattform zum Pharmakonzern Roche, der weltweit unter anderem zu den wichtigsten Anbietern von Blutzuckermessgeräten gehört.

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3.2Knapp 900 Krankenhäuser

Aufgrund der klaren Regeln und der staatlichen Investitionsoffensive siedeln sich seither immer mehr Pharmakonzerne und Medtech-Unternehmen aus der ganzen Welt in der EU an. Die Gesundheitsindustrie avancierte zum echten Wachstumsfaktor der Union. Krankenhäuser, die eine Vorreiterrolle in diesem Trend einnehmen, sind weltweit gefragt. Während deutsche Universitäten in globalen Rankings noch immer unter ferner liefen rangieren, schaffen es jährlich acht bis neun europäische Krankenhäuser unter die Top 20 im seit 2020 aufgelegten globalen Klinikranking der Economist Intelligence Unit; vier von ihnen aus Deutschland.

Modernste Operationsroboter, vorbildliche Hygienestandards, schonende Operationsmethoden, effiziente Prozesse, günstige Preise und eine datengesteuerte, zumeist telemedizinische Nachsorge sind Markenzeichen deutscher Spitzenkliniken, dazu kommt eine menschliche pflegerische Begleitung. Sicher, das gilt vornehmlich für Spitzenkliniken. Digitalisierung, Globalisierung und Ambulantisierung haben immer noch nicht alle der inzwischen „nur“ noch 900 deutschen Krankenhäuser voll durchdrungen. Doch der Druck wächst. Fusionen, kommunale Klinikketten und eine enge Vernetzung zwischen Kassen, Kliniken, Industrie und Hausärzten lassen zusehends deutsche Kliniken weltweit reüssieren. Auch die Bereitschaft der Politik seit Beginn der 2020er-Jahre, die fachärztliche Versorgung sukzessive in die Krankenhäuser zu verlagern, erweist sich als Innovationsschub für das hiesige Gesundheitswesen. Zugleich werden die deutschen Klinikbetreiber stark genug, um Übernahmeversuche von Apple, Google und den chinesischen IT-Riesen abzuwehren. Eigene Softwarelösungen und -alternativen, entwickelt von deutschen Start-ups, erlauben es, selbstbewusst aufzutreten.

Dazu kommt eine immer stärker ambulante Medizin, in der bildgebende Verfahren große Teile der Diagnostik beherrschen. Die Folge: Gerade bei Fachärzten verlangen die Patienten eine Konzentration verschiedener Disziplinen mit entsprechender Bildgebung und den nötigen Großgeräten an zentralen Orten. Mit beherzten Reformen hatte die Politik das Sektoren-System aufgebrochen und die Voraussetzungen für ein Einandergreifen von Hausärzten, medizinischen Versorgungszentren, Praxiskliniken, Reha-Anbietern und Pflegediensten geschaffen. Krankenhäuser sind ambulante Einheiten mit intensivmedizinischen Betten, bilden oftmals den Nukleus regionaler Versorgungssysteme.

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M-sense: eine App gegen Migräne

Viele unterschiedliche Faktoren beeinflussen das Entstehen von Migräne: Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit, aber auch der persönliche Lebensstil: Schlaf, Ernährung, Stress. Etwa 12 Prozent der Deutschen sind betroffen, manch einer an jedem zweiten Tag. Wer von sich selbst weiß, welche Umstände eine Attacke verursachen oder begünstigen, kann sich darauf einstellen. D

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