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Rettet das Rauchen!

Verpißt euch!

Verpißt euch! Laßt mich, laßt uns – einfach in Frieden. In Ruhe. Kapiert?

Seit dem 1. Oktober ist in Hessen ein Gesetz in Kraft, das angeblich dem Schutz der Nichtraucher dient. Seither hause ich, der seit 1989 in einer der schönsten Städte Europas lebt, in Frankfurt am Main, in der Isolation. Ich habe, um mich klar auszudrücken, die Nase derart voll, daß es noch nicht mal ein HNO-Professor zu beschreiben vermag. Laßt mich, laßt uns: – in – Frieden. In Ruhe.

Ihr Niedertrachtsmuffel. Ihr verklemmten Kinderkrippeneinrichter. Ihr autoritätsfixierten Staatsverehrer. Ihr lebensfeindlichen, nervtötenden Nannys. Ihr Zwangswiderlinge. Ihr Kotzbrocken, die ihr die Pläne Hitlers zur Abschaffung des Rauchens vollendet. Ihr seid schon: sagenhaft.

Ich wohne im Frankfurter Gallusviertel. Hier treiben sich vorbildlich viele Ausländer herum, man quakt auf der Straße, sabbelt am Tresen, gibt sich gegenseitig Biere aus und bietet sich Zigaretten an. Vorbei.

Drei meiner Stammkneipen in Laufweite: der Lokalteil, das Kyklamino, das Weinstein. Leergefegt. Ende. Nichts geht mehr. Elke, eine meiner Lieblingswirtinnen, eine ausgesprochen moderate, freundliche Person, sagt: »Ich halte höchstens noch zwei Monate durch.« Neunzig Prozent Einkommenseinbußen. Wo seid ihr, ihr Mütter mit Kindern, die ihr, aufatmend und begeistert, die Stromrechnungen von Elke begleicht? Wo seid ihr, ihr Frankfurter Grünendeppen, die ihr jetzt für – ja, wofür eigentlich sorgt?

Ich kenne keinen Raucher, der darauf beharrte, auf Ämtern, in Restaurants, in Theatern oder sonstwo immerzu qualmen zu dürfen. Der Spießerruf nach »Freiheit« (vom Rauch) aber – »Freiheit«, dieses durch und durch verkommene Allzweckpanzerwort der ökonomischen und Gutmenschentyrannen –, er hat sie erledigt: die letzten Refugien einer Öffentlichkeit, jener der sog. Einraumkneipen, in denen noch unreglementiert argumentiert, unbedrängt beieinandergesessen werden konnte. Dumm herumgeschwätzt wurde. Die Wurst vom Teller flog. Jetzt habt ihr, ihr Asozialen, eure Welt: eine Welt ohne Kneipe.

Ich laß mir ja eine Menge gefallen, ich bin ja nicht Stalin. Ich laß mir all den täglich von unseren immer topdooferen Saumedien, von RTL und Sat.1 und den unermeßlich inferioren Agentur- und Printschwachmaten ausgekübelten Hirnbrei gefallen. Ich nehme es hin, daß es einen österreichischen Scharlatan wie den öffentlich-rechtlich gemästeten »Gesundheitsexperten« Hademar Bankhofer und einen Papst und einen auch sehr tollen und sehr notwendigen Islam sowie anderweitige hervorragende Aberglaubenskaspervereine gibt. Und dito die Tatsache, daß die weltweit organisierte, obszöne Kapitalistenbande ungehindert diesen schönen Planeten zu Klump wirtschaftet, die Regenwälder abbrennt, die sibirische Tundra vernichtet, die afrikanischen Weiten zerstört, daß diese Generalverbrecher das »Weibchen« (Lichtenberg) Erde verwüsten und verheeren – auch das muß ich hinnehmen, sonst werd’ ich ja narrisch und spucke am Ende noch diesen Zombie Sabine Bätzing an, diesen SPD-Lauterbach und das ganze feistdreiste Pack, das nichts weiß von Freude, von Zusammenkunft, von Geselligkeit jenseits der Zwänge, die ihre brunzblöde Bürokratenwelt uns am liebsten vor dem morgendlichen Erwachen auferlegen will.

Aber jetzt: reicht es. Es langt! Schluß! Weg mit diesen Pennern, diesen Nichtraucherirren, die sich wahrscheinlich jetzt, in diesem Augenblick, auf ihre Gesetze gehörig was einbilden und fett grinsend einen Orangenbuttermilchcocktail darauf heben, die Kultur der Kneipe ausradiert zu haben. Ihr seid: Spitze! Heil euch allen!

Bislang hat es die NASA nicht fertiggebracht, einen Arschgeigenplaneten auszukundschaften oder einzurichten. Macht es! Bitte. Und wenn er steht oder halt einfach endlich mal da und vorhanden ist, dann: Rauf mit ihnen! Alle gehören sie hinauf auf den Arschgeigenplaneten, die Verödungsfanatiker, die linksdrehenden Schimmelkäsekulturarbeiter, die Selbstgefälligkeitsonanisten. Rauf mit ihnen auf den Arschgeigenplaneten! Verpißt euch! Macht euch aus dem Staub! Macht euch vom Acker! Geht in eure Supersushibars, und laßt uns in Frieden, ihr miesen Kniessäcke.

Mein Stammwirt Apollo sagt: »Ich beantrage Hartz IV.« Früher – früher? Vor nicht mal vier Wochen! – haben wir bei Apollo mitunter bis fünf, sechs Uhr morgens gehockt, die Gitarren wurden ausgepackt, die Gesänge wirbelten durch die kleine Gaststätte, die Damen tanzten arschschön auf den Tischen, der Zigarettenqualm lachte. Ja, der Rauch lachte. Aus. Vorbei.

»Ich hab’ einen Dauerhals«, sagt Andreas, der das wunderbare Lokal Klabunt in Frankfurt-Bornheim führt. »Ich gebe uns noch sechs Wochen. Es kommen noch drei Gäste pro Abend, und die wollen einen Ayurveda-Tee.«

Frau Bätzing aber, diese Drogengans aus Berlin, möchte just »jugendliche Testkäufer« einsetzen, um den desaströsen Verkauf von Alkohol an unsere hoffnungsvolle Volksnachkommenschaft zu unterbinden. Ach, nicht mal der Führer hätte sich solch ein prächtig prangendes Denunziantentum erträumt.

Ich sage es, ja, sage es noch mal: Laßt uns, laßt mich in Ruhe. Laßt uns leben, ihr elenden Moralfaschisten.

Rede auf der Demonstration »Tote Kneipen

– tote Stadt« auf dem Frankfurter Römer am

27. Oktober 2007;

gedruckt in: taz, 30. Oktober 2007

*

Diese Philippika hat z. T. geharnischte Reaktionen ausgelöst. Ein Leserbriefschreiber etwa empfahl:

»Jürgen Roth und seine militanten Rauchersüchtelfreunde sollte man auf Methadon setzen. Wie es aussieht, sind sie zu schwach, um der Droge Nikotin abzuschwören. Aber sicher rauchen sie gern. Genußraucher und so …

Und die heulenden Kneipenwirte sollen halt schließen. Sie sind offenbar nicht in der Lage, einstweilen neue Konzepte zu entwikkeln.

Rauchen im Beisein von Nichtrauchern ist asoziales Verhalten seinen Mitmenschen gegenüber.«

Ein anderer sah die Sache so:

»Diese hübsche Satire macht deutlich, wie falsch das alberne Klischee vom drögen und lustfeindlichen Nichtraucher ist. Es ist im Gegenteil der Raucher, der gerne schmollend vor sich hin krebst. Sobald die Luft in der Kneipe es zuläßt, die Menschen am Nachbartisch zu erkennen, und er nicht mehr an seinem Schnuller paffen darf, zieht er sich greinend in sein trautes Heim zurück.«

Auf der Kommentarseite der taz-Online-Ausgabe ging es wochenlang hoch her. Ich dokumentiere die Debatte hier in Auszügen (sämtliche Beiträge sind hinsichtlich der Orthographie, der Grammatik und der Interpunktion korrigiert):

»UNWAHR!!! Aber trotzdem extrem geil. Ich habe ja so oft gesagt: ›wie wahr‹. Also bleiben wir jetzt alle zu Hause und spielen PC oder PSP. Vielleicht surfen wir unsere Flatrate platt oder besorgen uns Nikotintreiber.«

»Ich bin Nichtraucher, kann die Argumente aber gut nachvollziehen. Staatliche Reglementierung sollte nur da eingesetzt werden, wo sie unvermeidbar ist.«

»Das kann man nur so zurückgeben: ›Klappe‹ halten, und bleibt doch einfach zu Hause, ihr nörgelnden, spaßbremsenden Raucher. […]

Ihr, das rauchende, arbeitslose Prekariat, das bei zwei Bier und einer Schachtel Kippen den ganzen Tag in der Kneipe hängt und den Wirt zur Weißglut bringt, weil er von euch nicht leben kann.«

»Der Artikel spricht mir aus der Seele. Es ist ekelhaft, wie hier mir nichts, dir nichts darüber entschieden wird, wie Menschen sich verhalten sollen. Getrennte Bereiche? Okay. Getrennte Lokale? Von mir aus. Aber ich geh’ doch nicht was trinken, um bei jedem Rauchen (bei Wind, Regen, Schnee) aufzustehen und rauszugehen. 20jährige mögen das irgendwie aufregend finden, weil sie dann beim Rauchen andere Leute kennenlernen. Ich nicht. Und: Überall, wo ich hingehe, liegen auf (fast) jedem Tisch Kippen. Ich kann einfach nicht verstehen, daß 1/3 der Bevölkerung einfach vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen wird bzw. daß deren Bedürfnisse für die Mehrheit völlig irrelevant sind.

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