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Rest in Pieces

Über die Autorin

Bess Lovejoy ist Autorin und Journalistin und lebt in New York. Ihre Artikel sind unter anderem in der New York Times und dem Boston Globe erschienen. Sie hat fünf Jahre lang an der Buchreihe Schotts Sammelsurium mitgewirkt und war Chefredakteurin des in Vancouver erscheinenden Magazins Terminal City. Rest In Pieces ist ihr erstes Buch.

Bess Lovejoy

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Die unglaublichen Schicksale
berühmter Leichen

Übersetzung aus dem Englischen
von Markus Bennemann

Für Jack, der mich am Leben erhalten hat,
während ich dieses Buch schrieb,
sowie für meine Eltern,
ohne die ich erst gar nicht hier wäre.

INHALT

  1. ZU DIESEM BUCH
  2. EINLEITUNG
  3. HEILIGE UND SÜNDER
    1. SANKT NIKOLAUS
    2. THOMAS BECKET
    3. VOLTAIRE
    4. MOLIÈRE
  4. WISSENSCHAFT UND MEDIZIN
    1. LAURENCE STERNE
    2. EMANUEL SWEDENBORG
    3. JOSEPH HAYDN
    4. LUDWIG VAN BEETHOVEN
    5. ALBERT EINSTEIN
    6. ALISTAIR COOKE
    7. TED WILLIAMS
  5. VERBRECHEN UND STRAFE
    1. JOHN MILTON
    2. ABRAHAM LINCOLN
    3. CHARLIE CHAPLIN
    4. ELVIS PRESLEY
    5. GERONIMO
  6. (UN-)GELÖSTE RÄTSEL
    1. EDGAR ALLAN POE
    2. JESSE JAMES
    3. LEE HARVEY OSWALD
    4. CHRISTOPH KOLUMBUS
    5. D. H. LAWRENCE
  7. POLITISCH (UN-)TOT
    1. ALEXANDER DER GROSSE
    2. WLADIMIR LENIN
    3. BENITO MUSSOLINI
    4. ADOLF HITLER
    5. EVA PERÓN
    6. JIM THORPE
    7. CHE GUEVARA
    8. OSAMA BIN LADEN
  8. VERLOREN UND WIEDERGEFUNDEN
    1. JOHN PAUL JONES
    2. DANTE ALIGHIERI
    3. RENÉ DESCARTES
    4. FRIEDRICH DER GROSSE
    5. THOMAS PAINE
    6. WILLIAM BLAKE
    7. DOROTHY PARKER
    8. RICHARD III.
  9. SAMMLERSTÜCKE
    1. WOLFGANG AMADEUS MOZART
    2. NAPOLEON BONAPARTE
    3. LORD BYRON
    4. GRIGORI RASPUTIN
    5. OLIVER CROMWELL
    6. NED KELLY
  10. LIEBE UND ERGEBENHEIT
    1. GALILEO GALILEI
    2. THOMAS MORE
    3. PERCY SHELLEY
    4. DAVID LIVINGSTONE
    5. JOHN BARRYMORE
  11. LETZTE WÜNSCHE
    1. JEREMY BENTHAM
    2. TIMOTHY LEARY
    3. GRAM PARSONS
    4. HUNTER S. THOMPSON
  12. DANKSAGUNG
  13. ANHANG
    1. DER WEG ALLEN FLEISCHES:
      WAS MIT DEM KÖRPER
      NACH DEM TOD GESCHIEHT
  14. QUELLEN

ZU DIESEM BUCH

Vom ersten Tag, den wir auf dieser Welt verbringen, bis zur Stunde unseres Todes sind wir gefangen in einem dichten Netz von Ratschlägen, Vorschriften und Verboten. Wir lernen, was wir zu tun, und vor allem, was wir zu lassen haben, und ohne groß darüber nachzudenken, halten wir uns brav an all diese Anweisungen. Wir verschmutzen die Gehwege der Städte, weil wir Kaugummi ausspucken, anstatt ihn zu schlucken, essen – aus Angst, schreckliche Leibschmerzen zu bekommen – kein warmes Brot, zerbeißen aus Sorge um unsere Zähne keine Bonbons und fügen uns widerspruchslos Geboten wie »Sitz gerade!«, »Beim Essen spricht man nicht!« oder »Kein Sex vor dem Sport!«. Natürlich frieren wir einmal Aufgetautes nicht wieder ein, und wenn es uns auf einer Feier gerade besonders gut gefällt, gehen wir, weil man ja bekanntlich aufhören soll, wenn es am schönsten ist. Das alles, ohne uns über Sinn oder Unsinn unseres Tuns auch nur Gedanken zu machen.

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EINLEITUNG

Eine Leiche bereitet den (Über-)Lebenden immer Probleme. Probleme, die sowohl weltanschaulicher als auch ganz praktischer Natur sind: Der Körper eines Toten nimmt eine unbehagliche Stellung zwischen der belebten und der unbelebten Welt ein, zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Selbst der Tod normaler Menschen wirft ja oft die Frage auf, wer darüber bestimmen darf, wie mit ihrem Andenken und Erbe verfahren werden soll. Stirbt eine prominente Persönlichkeit, ist die Sache noch komplizierter. Denn dann melden nicht nur Angehörige und Freunde, sondern häufig auch die Kirche, der Staat, Bewunderer oder Feinde Ansprüche auf den berühmten Toten an.

Aus diesem Grund haben einige der bekanntesten Figuren der Weltgeschichte ein recht wunderliches Nachleben geführt. Die Leichen berühmter Leute wurden gekauft und verkauft, man hat sie studiert, gesammelt, gestohlen und seziert. Sie wurden zur Gründung von Kirchen, Städten und manchmal sogar von ganzen Weltreichen benutzt. Einzelne Teile von ihnen lagerten in Museen und Büchereien, in Kühlboxen, in Aktenschränken und gelegentlich auch in einem Koffer unter irgendeinem Bett. Die Geschichte eines Toten sagt oft viel darüber aus, was er den Lebenden bedeutet hat: So ist es kein Zufall, dass Descartes nach dem Tod ausgerechnet seinen Schädel einbüßte, Einstein sein Gehirn und Rasputin (angeblich) seinen Penis.

Dieses Buch handelt davon, wie die Lebenden versuchten, die Probleme der Toten zu lösen – sie dabei aber teilweise in noch heiklere Situationen brachten –, und auf welch unterschiedliche Weise sie mit ihren Leichnamen umgingen. Häufig spielte dabei die Politik, die Religion oder die Wissenschaft eine Rolle. Mithilfe der Gebeine Alexanders des Großen wurde die ptolemäische Dynastie gegründet, die letzte des Alten Ägyptens, während im Mittelalter Heiligenreliquien wie die von Thomas Becket aufgrund ihrer vermeintlichen Wunderkräfte zur begehrten Handelsware wurden. Im 19. Jahrhundert löste die Pseudowissenschaft der Phrenologie eine Serie von Schädeldiebstählen in ganz Europa aus, in deren Verlauf unter anderem Haydn (um nur ein Beispiel zu nennen) seinen Kopf verlor. Auch Kriminelle haben Leichname immer wieder für ihre Zwecke missbraucht, von den Fälschern, die Abraham Lincolns Sarg stehlen wollten, bis zu den modernen Leichendieben, welche die Knochen des bekannten Journalisten Alistair Cooke verkauften.

Doch den Lebenden dienen Andenken von ihren Toten oft einfach auch als Trostspender. Leichen können zu Erinnerungsstücken werden: So hat die britische Schriftstellerin Mary Shelley das Herz ihres Gatten Percy aufbewahrt, und griechische Freiheitskämpfer baten darum, die Lunge von Lord Byron behalten zu dürfen. Auch in Museen finden sich die Leichen von Berühmtheiten manchmal wieder – oder zumindest Teile davon. Dort wird dann etwa der Schädel Mozarts ausgestellt, um den Besuchern die unendliche Schöpferkraft des menschlichen Geistes vor Augen zu führen. Oder der des australischen Outlaws Ned Kelly dient als gruseliges Beispiel für das Gehäuse eines Verbrecherhirns.

Nicht immer jedoch werden die Wünsche der Toten von den Lebenden übergangen. Der englische Philosoph Jeremy Bentham etwa hinterließ ausdrückliche Anweisungen dazu, wie mit seinem Leichnam verfahren werden sollte. Er wollte, dass man ihn nach dem Tod ausnimmt, ausstopft und dann in einer Vitrine ausstellt wie einen exotischen Vogel. Auch der amerikanische Musiker Gram Parsons bat um eine besondere Behandlung – nämlich darum, in der Mojavewüste verbrannt zu werden –, und zum großen Kummer seiner Familie wurde auch sein letzter Wille erfüllt. Sowohl der Hippieguru Timothy Leary als auch der Rolling-Stone-Reporter Hunter S. Thompson verabschiedeten sich genau so, wie sie es sich vorgestellt hatten: mit einem lauten Knall und riesigen Partys.

So kurios die darin berichteten Anekdoten auch klingen mögen, aus diesem Buch soll man mehr ziehen können als nur einen reichen Vorrat an skurrilem Gesprächsstoff. Obwohl ich weder an den Himmel noch an die Hölle glaube, fällt es mir schwer abzustreiten, dass die Lebensweise eines Menschen oft Einfluss darauf hat, wie es ihm nach dem Tod ergeht. So werden die Leichen kontroverser geschichtlicher Gestalten (wie jene der argentinischen First Lady Eva Perón) nicht selten von einer Hand zur anderen gereicht wie eine heiße Kartoffel. Scheidet hingegen ein anerkanntes Genie wie Beethoven aus dem Leben, verfährt man mit seinem Leichnam wie mit einem sorgsam gehüteten Schatz. Häufig sagt die Geschichte eines Toten nicht nur etwas über diesen aus, sondern auch über die Zeit und den Ort, an denen er gelebt hat. Was verrät es uns etwa über das Frankreich zu Zeiten Voltaires, dass dieser Angst hatte, seine Knochen könnten auf dem Abfall landen? Was über das England zu Zeiten der Restauration, dass Oliver Cromwell posthum gehängt wurde? Was sagt es über die USA aus, dass man dort Lee Harvey Oswald nach seiner Beerdigung noch einmal aus dem Grab holte, um dem Verdacht nachzugehen, er könnte für den russischen Geheimdienst gearbeitet haben?

An den Geschichten in diesem Buch lässt sich ebenfalls ablesen, wie sich unsere Haltung gegenüber dem Tod und unsere Rituale der Trauer verändert haben. Es ist noch gar nicht lange her, da begegneten die Menschen dem Tod mit größerer Vertrautheit und gleichzeitig mit größerer Ehrfurcht. So wurde es nicht als etwas Ungewöhnliches betrachtet, den Schädel eines berühmten Menschen im Haus aufzubewahren oder die Haarsträhne eines toten Freundes an sich zu tragen. Diese Praktiken sind aus der Mode gekommen, doch in Ansätzen lebt solches Brauchtum fort. Es uns wieder vor Augen zu führen, hilft uns vielleicht, berühmte Personen der Vergangenheit – und auch unsere eigenen Vorfahren – ein wenig besser zu verstehen.

Das ist genau das Ziel, das ich beim Sammeln all dieser seltsamen Geschichten im Kopf hatte. Wir Menschen sterben jedoch nicht erst seit gestern, und so hätte ein Werk wie dieses leicht auf mehrere Bände anwachsen können, hätte ich nicht gewisse Grenzen gesetzt. Ein Kriterium betrifft die Auswahl der Toten: Dies ist nicht einfach ein Buch über all die eigenartigen Dinge, die Leichen zustoßen können, so unterhaltsam das vielleicht auch wäre. Vielmehr war jeder, der auf diesen Seiten erwähnt wird, schon berühmt, bevor er starb.

Außerdem habe ich angesichts der Fülle an haarsträubenden Legenden, die über die Leichen berühmter Menschen kursieren (meine liebste ist die vom gefrorenen Leichnam Walt Disneys, der angeblich unter der Fluch-der-Karibik-Themenbahn in Disneyland begraben sein soll), ausschließlich solche aufgenommen, die sich auch belegen lassen. Natürlich liegt oft vieles im Dunkeln, wenn man im Reich der Toten forscht, deshalb gebe ich dort, wo sich die Quellen widersprechen, entweder mehrere alternative Versionen einer Geschichte wieder oder stütze mich auf diejenige Quelle, die als die zuverlässigste gilt. Für Leser, die sich selbst an der Aufklärung ungelöster Rätsel versuchen wollen, habe ich eine ausführliche Bibliografie angefügt.

Da die Anekdoten die Kultur der Zeit widerspiegeln, in der sie sich zugetragen haben, geht es darin oft um tote weiße Männer. Auch Leichen von Frauen und Farbigen mussten viele Missgeschicke erleiden, da sie zu Lebzeiten jedoch selten berühmt gewesen waren, passten sie oft nicht in das Schema dieses Buches. Wobei es sich hier sicherlich auch nicht um ein Werk handelt, in dem man unbedingt einen Platz ergattern möchte.

Aber so sehr der Gedanke an den Tod uns beunruhigt, so sehr fasziniert er uns auch. Der Tod ist das letzte große Rätsel und die Beschäftigung mit ihm tut uns gut. Kierkegaard sagte: »Der Gedanke an den Tod ist eine flinke Tänzerin.«1 Je mehr man tanzt, umso weniger Angst hat man. Dieses Buch ist als eine Art Konfrontationstherapie gedacht, bei der man sich ausführlich mit einem Thema auseinandersetzen muss, das viele von uns am liebsten vollständig aus ihrem Leben verdrängen würden. Nachdem ich so viel Zeit mit den Leichen berühmter Leute verbracht habe, bereitet mit der Gedanke an den Sensenmann jedenfalls nicht mehr ganz so große Sorgen. Ich hoffe, nach der Lektüre dieses Buches wird es Ihnen genauso gehen.

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Sind auch die Leiber zerteilt, so wohnt

ihnen doch ungeteilte Gnade inne 2

THEODORET VON KYRRHOS (CA. 393 – 458)

Während eines großen Teils der abendländischen Geschichte übte eine Institution mehr Kontrolle über den Umgang mit Toten aus als alle anderen: die katholische Kirche. Die Kirche war lange Zeit dafür zuständig, wie mit toten Christen zu verfahren sei; sie legte nicht nur fest, wo man sie begraben durfte, sondern auch, auf welche Weise sie zu betrauern waren. Manche der Verstorbenen profitierten von dieser Regelung: Bei Heiligen konnte noch aus dem kleinsten Stück Knochen, Haut oder Haar eine Reliquie entstehen, ein von Gottes Gegenwart durchdrungenes Objekt, dem wundersame Kräfte nachgesagt wurden. Für Kritiker der Kirche hingegen konnte der Tod zu einem wahren Hindernislauf werden. Die Leiche Voltaires zum Beispiel musste als noch Lebender getarnt aus der Stadt geschmuggelt werden, um ihr ein halbwegs anständiges Begräbnis zu sichern, während die Streitereien um die Beerdigung Molières zu einer Verwechslung auf einem der berühmtesten Friedhöfe der Welt führte – ein Fall, der bis heute nicht geklärt ist.

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LEBTE IN DER ERSTEN HÄLFTE
DES 4. JAHRHUNDERTS N. CHR.

GEBOREN: IN PATARA, LYKIEN

GESTORBEN: IN MYRA, LYKIEN

Sagen Sie es nicht den Kindern, aber der Weihnachtsmann ist seit mehr als 1600 Jahren tot. Und nein, der Nikolaus kann nicht seinen Platz einnehmen, denn der ist eigentlich derselbe und damit seit nicht weniger langer Zeit verstorben. Das Grab der beiden liegt auch nicht am Nordpol, wo amerikanische Kinder vielleicht die letzte Ruhestätte ihres geliebten Santa Claus vermuten würden, sondern viele Tausend Kilometer weiter südlich, an der sonnigen Adria. Wo es sich genau befindet, ist jedoch nicht klar, denn im 11. Jahrhundert wurden die Überreste des Heiligen, auf den all diese freundlichen Geschenkebringer zurückgehen, aus seiner eigenen Kirche geraubt. Bis heute sind sie Gegenstand eines erbitterten Streits geblieben.

Da er sich ständig durch Schornsteine zwängen muss, wäre ein allzu festes Skelett für den Weihnachtsmann bestimmt hinderlich, sein geschichtliches Vorbild, Sankt Nikolaus, besaß jedoch eins. Das ist aber auch schon fast alles, was sich mit Sicherheit über den historischen Nikolaus sagen lässt, bei dem es sich um einen Bischof handelte, der in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts im Gebiet der heutigen Türkei lebte. Der Legende nach stammte er aus einer reichen Familie und hatte große Freude daran, andere zu beschenken. Einmal soll er die drei Töchter armer Leute vor der Prostitution bewahrt haben, indem er heimlich drei Goldklumpen zu ihnen durchs Fenster warf. Bei anderer Gelegenheit weckte er drei Kinder von den Toten auf, nachdem ein Metzger sie zerlegt und in ein Fass mit Salzlake eingepökelt hatte. Der Bischof galt auch als Beschützer der Seeleute, die bei einem Sturm angeblich nur seinen Namen zu rufen brauchten, um das tobende Meer auf mysteriöse Weise wieder zur Ruhe zu bringen.

Die Seeleute sorgten dafür, dass sich der Ruf des barmherzigen Nikolaus um die ganze Welt verbreitete. Binnen eines Jahrhunderts nach seinem Tod wurde er bereits als Heiliger verehrt, trugen Hunderte von Häfen, Inseln und Buchten seinen Namen, ebenso wie Tausende kleiner Jungen. Er wurde zu einem der beliebtesten Heiligen der Christenheit, sowohl in der östlichen als auch in der westlichen Kirchentradition. Das Weihnachtsfest als Fest der Gaben geht auf seinen Feiertag zurück, der ja bekanntlich am 6. Dezember zelebriert wird, und auch die rote Tracht des Weihnachtsmanns könnte sich ihre Farbe von Nikolaus’ bischöflichem Gewand geliehen haben. Der amerikanische »Santa Claus« ging aus dem niederländischen »Sinterklaas« hervor, denn so nannten die holländischen Siedler Neu-Amsterdams, dem späteren New York, den auch bei ihnen Geschenke verteilenden Sankt Nikolaus.

Da er einer der beliebtesten Heiligen der christlichen Welt war, wurden Sankt Nikolaus’ Leichnam ganz besondere Kräfte zugeschrieben. Die Leichen von Heiligen und Märtyrern haben von Anfang an eine wichtige Rolle im christlichen Glauben gespielt, und die ersten Kirchen wurden auf den Gräbern von Heiligen errichtet. Man dachte, dass kleine Körperstücke von Heiligen wie spirituelle Walkie-Talkies funktionieren: Durch sie konnte man in Kontakt mit höheren Mächten treten, welche dann wiederum ihre heiligen Kräfte auf Erden wirken ließen. Diese Mächte vermochten Krankheiten zu heilen, Unglück abzuwehren und sogar Wunder zu vollbringen.

Manchmal manifestierten sich jene Wunder am Körper der Heiligen selbst. Mal wollten ihre Leichen einfach nicht verwesen, mal trat ein rätselhafter Schleim aus, mal begann Blut an ihnen herabzulaufen, welches zunächst gerann, um sich im nächsten Moment auf unerklärliche Weise wieder zu verflüssigen. Bei Nikolaus war es nicht anders: Ab einem gewissen Zeitpunkt nach seinem Tod fingen seine Gebeine an, eine Flüssigkeit abzusondern, die man als das »Manna des heiligen Nikolaus«3 bezeichnete. Angeblich sollte sie nach Rosen duften und über starke Heilkräfte verfügen.

Den Austritt dieses Manna deutete man als Zeichen, dass der Leichnam des heiligen Nikolaus ganz besonders heilig sei, was Tausende von Pilgern veranlasste, seine in der Hafenstadt Myra (dem heutigen Demre) gelegene Grabstätte aufzusuchen. Im 11. Jahrhundert begannen andere Städte, auf das kleine Myra neidisch zu werden. Damals kam es häufig vor, dass Städte und Kirchen darum wetteiferten, wer mit den heiligsten Reliquien aufwarten konnte. Diese steigerten das Prestige ihrer Heimatstadt auf ähnliche Weise wie heute ein besonders erfolgreicher Fußballverein. Ursprünglich hatte der Reliquienhandel seine Waren aus den Katakomben Roms geliefert bekommen, doch als sich auf diesem Wege die Nachfrage nicht mehr stillen ließ, waren sich die Händler – und auch manche Mönche – nicht zu schade, sich in die Krypta einer Kirche zu schleichen, um dort ein paar heilige Knochen zu stehlen. Solche Diebstähle galten nicht als Sünde; angesichts der Heiligkeit des Diebesguts verloren alle ethischen Einwände ihre Gültigkeit. Auch glaubte man, die Reliquien besäßen eine eigene Persönlichkeit – wollten sie nicht gestohlen werden, würden sie es erst gar nicht zulassen. Wie das Schwert des König Artus, welches allein dieser aus dem Stein zu ziehen vermochte, konnten die Reliquien ausschließlich durch die richtige Person entwendet werden.

Und so kam es, dass Myra seinen Heiligen verlor. Verantwortlich war eine Gruppe von Händlern und Seeleuten aus der Stadt Bari, die an der Ferse des italienischen Stiefels liegt. Wie es bei Reliquiendiebstählen oft der Fall war, machte die Heimatstadt der Diebe gerade eine schwere Krise durch, denn sie war erst kurz zuvor von einer Horde raubgieriger Normannen erobert worden. Die Eroberer wollten mit den Venezianern mithalten, ihren Handelsrivalen im Norden, die dafür bekannt waren, im Jahre 827 die Gebeine des heiligen Markus aus Alexandria entführt zu haben (indem sie die Knochen in einem Korb mit gepökeltem Schweinefleisch versteckten). Als die Normannen nun hörten, dass Myra unter die Herrschaft der Türken gefallen war, wussten sie das Grab des Nikolaus ungeschützt und beschlossen, es selbst einmal mit dem Reliquiendiebstahl zu versuchen.

Laut einem Bericht, der kurz nach der Tat in Bari verfasst wurde, segelten im Frühjahr des Jahres 1087 drei Schiffe von der Adria aus zum Hafen von Myra. Dort gingen 47 bewaffnete Baresen an Land und marschierten geradewegs in die Kirche des Sankt Nikolaus hinein, wo sie das Grab des Heiligen zu sehen verlangten. Die Mönche, die keine Idioten waren, hatten Verdacht geschöpft und fragten nach dem Grund für den Besuch. Da waren die Baresen das Geplänkel leid, sie fesselten die Mönche und brachen mit roher Gewalt den Sarkophag des sagenhaften Wundertäters auf. Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, schwammen seine Gebeine förmlich in Manna. Ein göttlicher Duft stieg von den Knochen auf, der dem Bericht zufolge »die ehrwürdigen Priester umfing wie in unersättlicher Umarmung«.

Auf diese Weise wurde Nikolaus von Myra zu Nikolaus von Bari. Die Reliquien brachten nicht nur der Stadt neues Glück, sondern auch den Männern, die sie geraubt hatten. Diese stiegen in der Region zu Berühmtheiten auf, und über Jahrhunderte hinweg erhielten ihre Nachkommen einen Anteil der Gaben, die Sankt Nikolaus an seinem Feiertag dargebracht wurden. Zur standesgemäßen Aufbewahrung der heiligen Überreste errichteten die Bürger von Bari eine neue Basilika, welche im Laufe des Mittelalters wahre Heerscharen von Pilgern in die Stadt lockte. Auch heute noch gilt Bari als eine der bedeutendsten Pilgerstätten Süditaliens, die sowohl von römisch-katholischen als auch von orthodoxen Christen besucht wird. Jeden Mai wird die »Überführung« der Reliquien mit einem großen Fest gefeiert. Einer der Höhepunkte besteht darin, dass der Rektor der Basilika sich über den Sarkophag des heiligen Nikolaus beugt und einen Teil des Manna in einen Kristallflakon abfüllt. Die Flüssigkeit wird dann mit Weihwasser vermischt und in verzierte Fläschchen umgeschüttet, welche man in den Souvenirläden der Stadt kaufen kann; die Einnahme soll gegen Krankheiten helfen.

Doch Bari ist nicht der einzige Ort, der den Besitz der heiligen Gebeine für sich in Anspruch nimmt. Fragt man die Venezier, werden sie sagen, dass während des Ersten Kreuzzugs ihre Seeleute Myra besucht hätten, um die Überreste des Sankt Nikolaus zu stehlen, welche sich seither in Venedig befänden. Seit Jahrhunderten bereits behaupten sowohl Bari als auch Venedig, Hüter der heiligen Knochen zu sein.

Im 20. Jahrhundert mischten sich Wissenschaftler in den Streit ein. Als im Jahre 1953 Renovierungsarbeiten an der Basilika von Bari durchgeführt wurden, bekam der an der dortigen Universität lehrende Anatomieprofessor Luigi Martino die kirchliche Erlaubnis, die Überreste zu untersuchen – es war das erste Mal seit 800 Jahren, dass der Sarkophag geöffnet wurde. Der Professor fand die Gebeine in nassem, brüchigem oder bereits zerbrochenem Zustand vor, und vollständig war das Skelett auch nicht mehr. Martino kam zu dem Schluss, dass sein Besitzer in einem Alter von ungefähr 70 Jahren gestorben sein musste, doch da er nur kurze Zeit auf die Untersuchung verwenden durfte, konnte er nicht viel mehr sagen.

Vier Jahrzehnte später untersuchte Martino zusammen mit anderen Forschern auch die Gebeine in Venedig. Ihrer Analyse zufolge stammen die dortigen Reliquien und jene in Bari von ein und demselben Skelett, was die Wissenschaftler zu der Vermutung führte, die venezianischen Seeleute hätten sich seinerzeit geholt, was in der Kirche von Myra noch übrig geblieben war, nachdem die Baresen dort gewütet hatten.

Was Demre angeht, so bleibt dem Städtchen bis heute nur ein leeres Grab. Und der Wille, sich seine Knochen zurückzuholen. Im Jahre 2009 ließ die türkische Regierung verlauten, sie spiele mit dem Gedanken, Rom offiziell zur Herausgabe der Gebeine aufzufordern. Auch wenn den Reliquien in einem Land, dessen Bevölkerung zu 99 Prozent aus Muslimen besteht, keine große Bedeutung zukommt, so haben die Leute dort doch das Gefühl, ihnen sei mit dem tausend Jahre alten Diebstahl ein kulturelles Unrecht zugefügt worden. In wirtschaftlicher Hinsicht würde sich die Rückführung auf jeden Fall lohnen: Den lokalen Behörden zufolge beschweren sich nach Demre reisende Touristen regelmäßig über das verwaiste Grab, und auch durch eine riesige Plastikskulptur des Weihnachtsmanns, die eine Zeit lang vor der örtlichen Nikolauskirche stand, ließen sich die enttäuschten Reisenden nicht trösten. Der freundliche Geschenkebringer, sollte man meinen, ist ja eigentlich überall zu Hause. Doch daran, dass seine Knochen auf so unwürdige Weise über die italienische Halbinsel verteilt sind, stört vielleicht selbst er sich ein wenig.

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SEGENSPENDENDE STÜCKCHEN

Der heilige Antonius von Padua (1195 – 1231) war ein portugiesischer Franziskanermönch, der aufgrund seiner Fähigkeiten als Redner berühmt wurde. Ein paar Jahrzehnte nach seinem Ableben öffneten seine Ordensbrüder sein Grab, das jedoch nur Staub und Knochen enthielt – sowie seine Zunge, die perfekt erhalten zu sein schien. Die Mönche nahmen an, dass so dem rhetorischen Können des Heiligen Ehre erwiesen werden sollte, und noch heute wird die Zunge in einer gläsernen Urne in der Basilika des heiligen Antonius in Padua zur Schau gestellt. Zumindest ein Besucher hat allerdings die Meinung geäußert, sie sehe aus wie eine verschrumpelte Erdbeere.

In der Hazrat-Bal-Moschee in der nordindischen Region Kaschmir wird ein Haar aufbewahrt, das angeblich aus dem Bart des Propheten Mohammed stammt. Im Jahre 1963 wurde das heilige Barthaar gestohlen, doch nachdem es daraufhin im gesamten Gebiet zu Massenprotesten kam, legten es im folgenden Jahr Unbekannte heimlich an seinen Platz zurück. Das »Moi-e-Muqaddas« (Heilige Haar), wie es sich nennt, wird an zehn Terminen im Jahr den Augen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Im Anschluss an seine Feuerbestattung, die man grob ins 6. Jahrhundert v. Chr. datiert, wurden der Sage nach mehrere von Buddhas Zähnen aus seiner Asche geborgen. Der berühmteste von diesen (sein linker Eckzahn) soll im Haarschopf einer Prinzessin nach Sri Lanka geschmuggelt worden sein, nachdem jahrhundertelang Krieg um ihn geführt worden war, da mit seinem Besitz angeblich die rechtmäßige Herrschaft über das Land einherging. Heute wird der Zahn im Tempel des Heiligen Zahns in der sri-lankischen Stadt Kandy ausgestellt, wo Hunderte von Pilgern ihn sich täglich ansehen. Auch wird ihm zu Ehren jeden Sommer das Fest des Heiligen Zahns gefeiert, das insgesamt zehn Nächte dauert.

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GEBOREN: UM DAS JAHR 1118
IN LONDON, ENGLAND

GESTORBEN: 29. DEZEMBER 1170 (MIT ETWA
52 JAHREN) IN CANTERBURY, ENGLAND

Thomas Becket wusste, was ihn erwartete. Als der Erzbischof von Canterbury an jenem Abend des Jahres 1170 seine Gemächer verließ, um sich in den Altarraum der Kathedrale zu begeben, war ihm klar, dass er bald Besuch bekommen würde. Nicht von den frommen Bürgern, die sich bereits draußen versammelten, um gleich mit ihm im Kirchenschiff die Abendandacht zu begehen. Sondern von vier schwer bewaffneten Attentätern, die im Auftrag von König Heinrich II. handelten.

Becket verschloss nicht die Türen vor seinen Mördern. Als die Ritter des Königs ihn fanden, warf er einen Blick auf ihre blitzenden Schwerter und verkündete einem Augenzeugen zufolge: »Im Namen Gottes füge ich mich in den Tod.« Auch die Hiebe seiner Feinde versuchte der Erzbischof nicht abzuwehren; einzig, sich mit dem Ärmel das Blut abzuwischen, ließ er sich nicht nehmen. Nach vier Streichen war seine Schädeldecke vom Kopf getrennt. Einer der Schergen stach sein Schwert in die Wunde und verteilte Beckets Hirn über den Steinboden.

»Lasst uns gehen, Ritter«, sagte er. »Dieser Bursche steht nicht wieder auf.«

Nicht im Fleische, jedenfalls. Doch wenn der König wirklich gehofft hatte, den immer hartnäckiger für die Unabhängigkeit der Kirche eintretenden Erzbischof auf diese Weise loswerden zu können, dann entpuppte sich Beckets Märtyrertod genau als das falsche Mittel. Im Tode gewann der Geistliche bei Weitem mehr Macht, als er je im Leben besessen hatte.

Die Wunder setzten praktisch sofort ein. Noch am selben Abend drängten die wehklagenden Bürger in die Kathedrale, wo Becket mit verbundenem Kopf auf dem Altar aufgebahrt war, um ihre Finger und Kleider mit seinem Blut zu benetzen. Eine Blinde, die sich mit einem der blutgetränkten Fetzen die Augen abtupfte, verkündete, sie könne wieder sehen. Eine Kranke, die ein wenig von Beckets Blut mit Wasser gemischt getrunken hatte, erklärte sich für geheilt. Becket war plötzlich zu Dingen fähig, die er sich im lebenden Zustand nie hätte träumen lassen.

Am nächsten Morgen legten die Mönche Beckets Leiche in einen Marmorsarg und setzten ihn im östlichen Randbereich des Grabgewölbes bei. Doch die Kunde von der brutalen Ermordung und den anschließenden Wundern verbreitete sich rasch übers ganze Land. Schon bald begannen die Pilger Canterbury zu überschwemmen. Neben den Kranken und Verwundeten, die auf ein Wunder hofften, kamen auch Würdenträger mit Geschenken: Ludwig VII., der König von Frankreich, hatte den »Régale« im Gepäck, einen riesigen Rubin, außerdem einen Kelch aus reinem Gold sowie eine Spende von 7 000 Liter Wein pro Jahr (worüber sich die Mönche bestimmt am meisten freuten). Im Laufe der Zeit wurde Canterbury zur beliebtesten Pilgerstätte ganz Englands.

Doch eine feuchte Gruft ist kaum der angemessene Ort, um einem berühmten Heiligen zu huldigen. Im Jahre 1220 verlegten die Mönche daher Beckets Überreste in einen prächtigen Schrein im Hauptraum der Kathedrale. Seine Knochen wurden in einen goldenen Sarg gebettet, der von einem mit Saphiren, Diamanten und Smaragden besetzten Holzsarg abgedeckt wurde, in den auch der »Régale« eingearbeitet worden war. Laut der Beschreibung des Erasmus von Rotterdam, der den Schrein im Jahre 1512 besichtigte, »funkelten und glänzten auf jedem Teil seltene Edelsteine von enormen Ausmaßen, manche größer als ein Gänseei«. Traten Pilger an den Schrein, wurde der Übersarg mit einem Flaschenzug in die Höhe gezogen, wobei daran befestige Silberglöckchen den Raum mit ihrem hellen Klang erfüllten. Dann kam ein Kirchendiener mit einem Stab herbei, um damit auf all die kostbaren Edelsteine zu zeigen und jeden einzelnen ihrer ungemein großzügigen Spender zu nennen.

So war es zumindest bis zur Reformation. Heinrich VIII. verbot 1538, also ein paar Jahre nachdem er sich von Rom losgesagt hatte, um Anne Boleyn zu heiraten, auch die Reliquienverehrung. Obwohl er selbst kein Protestant war, unterstützte er doch die Reformation, um seine Unabhängigkeit von Rom zu sichern. Und die Protestanten verabscheuten Reliquien: Johannes Calvin bezeichnete sie als »grässliches Sakrileg«, und auch Luther zog in seinen 95 Thesen darüber her. Schreine wurden zerstört, Statuen zerschmettert, Reliquien fortgeschleppt und auf den Müll geworfen.

Die Beauftragten des Königs trafen im September 1538 in der Kathedrale von Canterbury ein. Vermutlich rissen sie sämtliche Goldbeschläge und Edelsteine von dem Schrein und trugen sie in den Tower von London. (Der »Régale« endete als Zierde eines königlichen Daumenrings.) Was Beckets Knochen anging, so berichtete der Papst, sie seien »verbrannt und ihre Asche in alle Winde verstreut worden«. Auf dem Kontinent wurde diese Darstellung als Tatsache akzeptiert. Königliche Äußerungen aus England ließen jedoch vermuten, dass die Gebeine nicht verbrannt worden waren, sondern man sie nur versteckt hatte, damit ihnen nicht mehr gehuldigt werden konnte.

Heute wird der einstige Standort des Schreins nur noch durch eine weiße Kerze kenntlich gemacht, die auf dem Boden der Kathedrale brennt. Doch in der Kathedrale von Canterbury gibt es noch viele Geheimnisse zu lüften. Auf der Suche nach einer früheren normannischen Kirche machte ein Grabungsteam dort im Jahre 1888 eine Entdeckung, die seither die Historiker immer wieder in ihren Bann zieht. Als Grabungsmitarbeiter im östlichen Teil der Krypta den Steinboden aufschlugen, stießen sie auf einen langen, schmalen Steinsarg, der eine lose Ansammlung von Knochen barg. Konnten es die von Becket sein? Der Fundort schien vielversprechend: Der Sarg wurde genau an der Stelle ausgegraben, wo Beckets Leichnam vor seiner Verlegung in den Schrein im Hauptraum geruht hatte.

Um herauszufinden, ob den Mönchen am Ende nicht doch die Rettung von Beckets Überresten gelungen war, übergab man diese an einen örtlichen Chirurgen namens W. Pugin Thornton. Thornton erklärte, die Knochen seien sehr alt – auch wenn er nicht sagen konnte, wie alt genau – und stammten von einem Mann, der ungefähr in Beckets Alter und von dessen Größe gewesen war. Der Arzt gab ebenfalls an, der Schädel weise Frakturen auf, die Hiebe mit einer Waffe vermuten ließen – vor allem auf der linken Seite, wo die gerade Bruchkante einer klaffenden Spalte auf eine Wunde hinzudeuten schien, »welche durch ein schweres Schneidinstrument wie ein Zweihandschwert verursacht wurde«.

Die Gebeine wurden nur für die Dauer von 16 Tagen aus ihrem Grab entfernt, doch selbst in diesem kurzen Zeitraum blieben die Pilger nicht aus: Ein Junge mit schwindendem Augenlicht wurde zu ihnen geführt, weil man sich davon seine Heilung erhoffte. Der Vater des Jungen war überzeugt, dass die Knochen von Becket stammten, doch nicht jeder war dieser Meinung. Besonders um den Schädel gab es Diskussionen, denn dieser wies zwar jene ungewöhnlichen Verletzungen an der Seite auf, seine Decke war jedoch intakt. Skeptiker sahen in der unverletzten Schädeldecke einen zwingenden Gegenbeweis, schließlich hieß es in den mittelalterlichen Quellen ausdrücklich, diese sei bei der Bluttat abgesprengt worden. Wie sollte der gefundene Schädel dann zu dem Heiligen gehören?

Obgleich es auch weiterhin Skeptiker gab, bildete sich über die Jahre ein Konsens heraus. Thornton erklärte sich für überzeugt, dass die Gebeine von dem Heiligen stammten, und ein vom Erzbischof von Canterbury in Auftrag gegebener Bericht, in dem sämtliche Beweise zusammengetragen wurden, kam 1920 zu demselben Ergebnis. Auch in der Öffentlichkeit setzte sich diese Sichtweise immer stärker durch, sodass im Jahre 1949 die Kirche beschloss, ein Denkmal an der Stelle zu errichten, wo das Skelett gefunden worden war. Zuerst sollte das Grab jedoch erneut geöffnet werden, damit man die Knochen ein letztes Mal untersuchen konnte, was sich als sehr weise Entscheidung herausstellte.

Diesmal wurden die Überreste dem Anatomieprofessor Alexander Cave vom St. Bartholomew’s Hospital in London anvertraut, der demonstrierte, wie weit sich die Wissenschaft seit Thorntons Tagen fortentwickelt hatte. Nach zweijähriger Untersuchungszeit teilte Cave mit, dass die Knochen verbogen waren, als hätten sie lange ungeschützt in der Erde gelegen, und außerdem Spatenspuren aufwiesen, die auf eine überhastete Exhumierung hindeuteten. Keines dieser Merkmale ließ sich damit vereinbaren, wie nach bisherigem Erkenntnisstand mit Beckets Knochen verfahren worden war, das erdrückendste Gegenargument lieferte jedoch die Untersuchung des Schädels. Cave sah sich noch einmal die Form der Frakturen genau an, konnte dabei jedoch keinerlei Schäden am unterliegenden Knochengewebe feststellen, und kam daher zu dem Schluss, dass nichts an dem Schädel auf eine gewaltsame Einwirkung vor dem Tode hinwies. Vielmehr seien die Risse in der Hirnschale auf ganz natürliche Zersetzungsprozesse sowie den Druck des darauf lastenden Erdreichs zurückzuführen. Laut der Analyse des Anatomen waren entweder die zeitgenössischen Berichte über die massiven Verletzungen an Beckets Schädeldecke falsch, oder aber die 1888 entdeckten Knochen konnten auf keinen Fall von dem Heiligen stammen.

Andere halten jedoch daran fest, dass sich Becket immer noch in der Kathedrale befindet – irgendwo. Im Jahre 1997 erzählte der englische Biochemiker und Gelehrte Cecil Humphery-Smith der Londoner Times, dass sein Patenonkel Julian Bickersteth, ein ehemaliger Chorherr von Canterbury, gut fünfzig Jahre zuvor Zeuge geworden war, wie man in der Nähe der zur Krypta gehörenden Kapellen des heiligen Nikolaus und der heiligen Magdalena eine Leiche ausgebettet habe. Laut Humphery-Smith stammten die Gebeine, die Bickersteth sah, von einem hochgewachsenen Mann – Becket war für seine Größe bekannt gewesen –, und die rechte Hand, welche einigen Quellen zufolge nach Beckets Tod abgetrennt wurde, fehlte bei den Knochen. Der Gelehrte behauptete außerdem, Teile von Beckets bischöflichem Gewand sowie sein Siegelring seien zu sehen gewesen.

Jene, die glauben, Bickersteth habe etwas Besonderem beigewohnt, weisen darauf hin, dass er und der Chorherr John Shirley in den 1950ern aus eigener Tasche für die Renovierung der beiden Kapellen aufgekommen sind. Tatsächlich wurde Shirleys eigene Asche später in der Magdalenenkapelle beigesetzt, wo er ausdrücklich eine Tag und Nacht brennende Altarlampe mit rotem Licht hatte aufhängen lassen. Anhänger der Theorie behaupten, die blutrote Farbe der Leuchte stehe für die Anwesenheit eines Märtyrers, und sie brenne nicht für den verstorbenen Chorherrn, sondern für Becket.