Logo weiterlesen.de
Rekordfahrt um die Welt

Am hundertsten Geburtstage von Jules Verne

   

Man schrieb den 8. Februar 1928.

In einem der vornehmen Klubs in Pall Mall saßen drei Herren in bequemen Klubsesseln um einen kleinen Tisch, rauch­ten ihre Zigarren und nahmen ab und zu einen Schluck Whisky mit Soda aus den vor ihnen stehenden Gläsern, die sie sich selbst aus einer Flasche altem Black White gefüllt hatten.

Der Klub gehörte zu dem halben Dutzend exklusiver Lon­doner Klubs, deren Mitgliedschaft so gesucht ist, dass vorsorg­liche Väter ihre Söhne schon gleich nach der Geburt als Anwär­ter auf die Mitgliedschaft anmelden. Auf diese Weise hat der Junior dann wenigstens die Aussicht, in seinem zwanzigsten oder fünfundzwanzigsten Jahre, je nach den eingetretenen Lücken, als Mitglied aufgenommen zu werden, eine Eigenschaft, die ihn in der ganzen Welt als Angehörigen der besten Gesellschaft gelten lässt.

Die drei Herren gehörten ihrer ganzen Erscheinung nach offenbar zu denen, die gewohnt sind, ihre Hand nicht nur in allen wichtigen Angelegenheiten des britischen Inselreiches, son­dern der ganzen Welt zu haben.

Dem Aussehen nach gehörten sie zu den älteren Jahrgängen. Nur der eine von ihnen mochte erst unlängst die Vierzig über­schritten haben, während das schon reichlich ergraute, wenn auch noch immer volle Haar der beiden anderen sie als Fünfziger auswies.

Die Unterhaltung wurde ruhig und in der lässigen Weise ge­führt, wie man sie stets bei Leuten beobachtet, die viel Wich­tiges zu sagen haben und das in der kürzesten Form tun – im Gegensatz zu den Rednern in den Parlamenten, bei denen die Sache bekanntlich umgekehrt ist.

Ihre Anwesenheit hier als Mitglieder des Klubs konnte nicht auffallen. Wenn trotzdem verschiedene der anderen Anwesen­den von Zeit zu Zeit überraschte und verstohlen beobachtende Blicke auf sie warfen, so musste das also einen besonderen Grund haben. Wer sie kannte, konnte über diesen wohl auch nicht im Zweifel sein, denn es war nicht oft, dass sich die drei größten Zeitungsmagnaten Englands zu einer freundschaftlichen Klub­unterhaltung zusammenfanden. Die Rivalität ihrer Riesenunter­nehmungen färbte nämlich auch ein wenig auf ihren Privatver­kehr ab, und wenn sie sich auch nicht gerade aus dem Wege gingen, so suchten sie sich doch nicht.

Heute hatte eine wichtige Veranlassung sie zusammengeführt.

Ein Ladys-Klub, nicht weniger vornehm als ihr eigener, hatte eine Feier zum hundertsten Geburtstage Jules Vernes ver­anstaltet und ihnen Einladungen dazu gesandt.

Was immer sie von dem Gegenstande der Feier halten moch­ten, gegen Ladys muss man höflich sein, besonders, wenn sich unter ihnen, wie in diesem Falle, zwei Königliche Hoheiten be­finden würden. Zudem ist es auch für Zeitungsmagnaten zweck­mäßig, hin und wieder an der richtigen Stelle den Beweis zu liefern, dass man nicht nur geschäftlicher Nutznießer, sondern auch im höheren Sinne Protektor von Kunst, Wissenschaft und Publizistik, die schließlich auch eine Wissenschaft ist, zu sein wünscht.

Bei zweien von ihnen empfahl sich das auch noch aus einem besonderen Grunde. Ihr Kollege, früher auch nur Journalist mit bescheidenem bürgerlichem Namen, war bereits zum Lord er­nannt, sie einstweilen aber noch einfache ‚Sirs‘. Und wenn man auch als publizistischer Machthaber auf manchen einflusslosen und bis über die Ohren in Schulden steckenden Lord oder Vis­count mit langen Ahnenreihen herabsah und auf den Titel pfiff – wenigstens nach außen –, so hatte man schließlich als guter Ehemann auch Rücksicht auf die Frau Gemahlin zu nehmen, die es unerträglich fand, in der höfischen Rangordnung hinter ihren Freundinnen zu marschieren.

Auf jeden Fall waren die drei der Einladung gefolgt, und da sie der Zufall nun einmal zusammengeführt, waren sie spä­ter noch zu einer gemütlichen Plauderstunde nach ihrem Klub gewandert.

„Wann hat eigentlich Jules Verne seine ,Reise um die Erde in 80 Tagen‘ geschrieben?“, fragte Lord Northman, indem er bedächtig den Rauch seiner Zigarre von sich blies.

„Haben Sie Ihre Zeitungen nicht gelesen?“, fragte Sir George Newhouse zurück. „Die haben doch heute alle spaltenlange Artikel über ihn gebracht.“

„Meine Zeitungen?“, wiederholte Lord Northman gedehnt und mit einem Hochziehen der Augenbrauen. „Sie meinen die Ihren. Ich lese meine Zeitungen nur selten. Es ist viel einfacher für mich, mir mein Urteil aus dem zu bilden, was in den Ihren gedruckt wird.“

Die Lippen seines bartlosen Gesichts formten sich dabei zu einem feinen Lächeln.

„Ich weiß nicht“, entgegnete Sir Arthur Newbury, denn Lord Northman hatte die Frage allgemein gestellt. „Lady Mosley hat ja, glaube ich, in ihrem Vortrag etwas darüber gesagt, aber ich unterhielt mich gerade mit dem Staatssekretär für die Kolo­nien über die Kontraktarbeit der chinesischen Kulis in Südafrika. Indessen, wenn es Sir George auch nicht weiß, können wir das leicht feststellen.“

Er winkte einen Klubdiener heran.

„Wir möchten den Herrn Sekretär für einen Augenblick sprechen.“

Der Sekretär, ein noch junger, schlankgewachsener Mann, mit der ruhigen, unaufdringlichen Eleganz des Gentlemans, kam herbei.

„Mister Ashley, wir haben Sie, hierher bitten lassen, um von Ihnen zu hören, wann Jules Verne eigentlich seinen Roman ,Die Reise um die Erde in 80 Tagen‘ geschrieben hat.“

„Well, Sir Arthur, ich habe heute morgen in einer Ihrer Zei­tungen, ich glaube, es war das ,Morning Telegram‘, gelesen, dass der Roman im Jahre 1872 geschrieben wurde. Der Rekord, den Verne damals seinen Mister Phileas Fogg aufstellen ließ, ist aber inzwischen durch einen Franzosen gebrochen worden. André Jager-Schmidt hat im Jahre 1911 nur noch 39 Tage zu der Reise gebraucht. Dieser Rekord steht noch, denn eine däni­sche Zeitung hat aus Anlass des bevorstehenden hundertsten Geburtstags von Jules Verne einen fünfzehnjährigen Pfadfinder die Reise machen lassen, und der hat 44 Tage gebraucht.“

„Was sehen Sie mich so sonderbar dabei an?“, fragte ihn Sir Arthur. „Ist es denn so seltsam, dass ich mir von anderen er­zählen lassen muss, was in meinen Blättern steht? Wenn ich sie selber lesen würde, brauchte ich täglich mindestens vierund­zwanzig Stunden dazu. Es ist aber gar nicht nötig; wir hören genug darüber vom Publikum. Mehr als genug. Well, many thanks.“

Mit einer Verbeugung schritt der Sekretär über den dicken Teppich des großen, aber ungemein behaglich ausgestatteten Raumes nach seinem Geschäftszimmer zurück.

„Is n’t it funny“, bemerkte Lord Northman, „man sollte doch denken, dass es nach siebzehn Jahren und mit den verbesserten Verkehrsmitteln möglich sein müsste, den Rekord zu brechen. Und das dänische Blatt hat ihn noch nicht einmal erreicht. Frei­lich, es hat den Versuch mit untauglichen Mitteln unternommen. Ein fünfzehnjähriger Junge ist wohl nicht gerade die geeignete Persönlichkeit dazu.“

„Warum versuchen wir’s nicht?“, meinte Sir Arthur.

„Ich kann nicht einsehen, welchen Zweck das haben sollte“, entgegnete Lord Northman.

„Zweck?“, fragte Sir George etwas erstaunt.

„Yes. Man tut doch in der Regel nichts ohne einen vernünf­tigen Zweck oder sollte es wenigstens nicht.“

„Glauben Sie nicht, dass in der Welt sehr viele zwecklose Dinge getan werden, mein Lord?“

„Oh doch, Sir George. Aber ich habe nun einmal im Laufe der Zeit die leidige Gewohnheit angenommen, das nach Möglich­keit zu vermeiden. Ich sehe es immer gern, wenn die Dinge, die ich tue, einen Zweck haben, der in einem vernünftigen Verhält­nis zu den aufgewendeten Mitteln steht. Das würde bei einer solchen Reise um die Erde aber doch wohl kaum der Fall sein. Was nützt es irgend jemand, zu wissen, ob sie in 39 oder in 44 Tagen gemacht werden kann, und was liegt daran, ob die Fran­zosen oder wir den Rekord halten?“

„Es ist Sport.“

„Sie meinen, wenn eine Sache an sich keinen Zweck hat, so braucht man sie nur als Sport zu bezeichnen, und alles ist all right?“

„Nicht ganz, mein Lord. Der Sport erfüllt seinen Zweck als solcher. Nehmen Sie die Pferderennen. Sie helfen der Pferde­zucht zu immer größerer Entwicklung.“

„Auch jetzt noch im Zeitalter der Automobile, wo Sie ein Pferd bald nur noch im Zoologischen Garten werden sehen können? Mir scheint, als ob die Rennen jetzt nur noch ver­anstaltet würden, um dem Publikum eine bequeme Gelegenheit zu bieten, sein Geld in Wetten loszuwerden. Und wie ist es mit den Boxkämpfen? Ich kann beim besten Willen nicht ein­sehen, was es der Menschheit für Nutzen bringen soll, wenn sich zwei starke Männer im Ring die Nasen blutig schlagen. Im Allgemeinen kommt es doch nur vereinzelt vor, dass die Leute ihre Streitigkeiten mit der Faust ausfechten, und auch in solchen Fällen wird nur ausnahmsweise einer davon ein geübter Boxer sein. Will man den Vorteil, den er damit ohnehin schon über den andern hat, noch dadurch vermehren, dass man ihm im Ring die feinen Punkte des Boxens zeigt? – Und welchem Zweck dienen die Schnellläufer-Konkurrenzen? Dass einer schneller läuft als der andere und daher auch eher an das Ziel gelangen muss, ist bekannt und braucht nicht mehr bewiesen zu werden. Was das aber dem Volke in seiner Allgemeinheit nützen soll, ist mir nicht recht klar. Wenn jemand hier im Piccadilly-Zirkus, oder meinetwegen auch an der Bank, die Straße kreuzen will, wird er Schnellläuferkünste kaum anwen­den können. Er wird zufrieden sein, wenn er ganz langsam seine heilen Knochen auf die andere Seite rettet. No, my friends, Sport ist gut, aber nicht um seiner selbst willen.“

Die anderen lachten, obwohl sie nicht ganz sicher waren, ob Mylord nicht halb im Ernst gesprochen hatte.

„Sie vergessen dabei nur eins, mein Lord. Ich meine die oft Zehntausende von Zuschauern die sich bei einem Pferderennen, einem Boxing-Match oder einer der vielen anderen zwecklosen Sportkonkurrenzen zusammenfinden, nachdem sie schon tage­lang vorher unsere Zeitungen mit den Programmen und Tipps gekauft haben.“

„Zum Henker auch, Sir George, Sie haben eine Art, mir die Nützlichkeit auch des unnützen Sports klarzumachen, der sich meine Weisheit nicht verschließen kann. Also – es lebe der Sport!“

Er hob sein Glas und trank.

Die beiden andern folgten seinem Beispiel.

„Well, und wann treten wir unsere Reise um die Erde an?“, fuhr Lord Northman fort.

„Warum wollen Sie sich selbst opfern? Sie lassen sich doch auch nicht in einem Boxing-Match von den andern die Nase blutig schlagen, und ich könnte Sie mir auch nicht gut als Starter in, einer Schnellläufer-Konkurrenz vorstellen, obwohl das viel­leicht recht vorteilhaft für Sie wäre, denn die Mitte Ihres Kör­pers beginnt bedenklich von der schlanken Linie abzuweichen. Uns genügen doch die Halfpennys und Pennys, die wir von dem Publikum für die neuesten Sportberichte erheben. – Nein, ich werde einen meiner Mitarbeiter die Reise machen lassen. Es ist Sensation, will heißen, es muss zur Sensation gemacht werden, denn kein Ereignis ist Sensation, wenn wir es nicht dazu machen. Das Publikum braucht Sensationen, und was der Mensch braucht, muss er haben. Das würde allein schon das Unternehmen rechtfertigen. Nebenbei können wir als Engländer den Franzosen nicht erlauben, den Rekord zu halten. Wenn es für die gut und wichtig genug war, jemand im Jahre 1911 die Reise machen zu lassen, so ist es auch für uns gut genug, sie von einem Engländer im Jahre 1928 ausführen zu lassen, um festzustellen, wie weit sich die Verkehrstechnik seitdem entwickelt hat.“

„Sie scheinen es für ausgemacht zu halten, dass Ihr Mann den Rekord bricht“, warf Sir George Newhouse ein.

„Muss er“, nickte Sir Arthur. „Denken Sie, ich werde ihm gestatten, mich und England vor der Welt zu blamieren? Wenn der Mann, den ich in Aussicht genommen habe, das mit dem Vorteil einer siebzehnjährigen Verkehrsentwicklung nicht fertig bringt, verlange ich vom Prime-Minister ein Gesetz, nach dem solche unfähige Leute in siedendes Öl getaucht werden.“

Er nahm einen Schluck aus seinem Glase und setzte es etwas heftig auf den Tisch, was seine persönliche Einstellung zu der Frage genügend kennzeichnete.

„Soll er dieselbe Route einhalten, die Phileas Fogg damals wählte?“, fragte Sir George.

„Das ist nicht nötig. Es handelt sich nur darum, dass er in weniger als 39 Tagen um die Erde reist. Die Wahl des Weges muss man ihm schon überlassen. Der wird ja auch wesentlich von den Reisegelegenheiten abhängen, die sich ihm bieten.“

„Phileas Fogg wurde aber von einem Detektiv verfolgt“, versetzte Sir George. „Soll das in diesem Falle auch geschehen?“

„Halten Sie das für notwendig?“

„Well, es ist ein Spannungsmoment. Und wenn Sie aus der Sache eine Sensation machen wollen, was ja auch unbedingt richtig ist –“

„Den Detektiv liefere ich“, fiel hier plötzlich Lord North­man ein.

„Sie?“

„Sie, Mylord?“

„Gewiss.“

„Auch das dazu gehörige Verbrechen?“, fragte Sir Arthur lächelnd. „Denn ohne ein solches hat er doch keine Veranlassung zur Verfolgung.“

„Ach was, ich meine das natürlich nicht in kriminalistischem Sinne. Aber ich habe mir eben überlegt, dass es gegen mein Interesse als Ihr Konkurrent wäre, wenn ich Ihnen allen Nutzen aus dieser Sensation allein überließe. Ich werde also ebenfalls einen Mann aussenden, und der wird den Rekord des Fran­zosen schlagen. Ich bedaure, Sir Arthur, aber für Ihren Ver­treter ist jetzt keine Aussicht mehr dazu vorhanden.“

„Sind Sie dessen sicher?“

„Ganz sicher.“

„Wetten?“

„Tausend Pfund.“

„Fünftausend.“

„Angenommen.“

„Well.“

„Gentlemen“, nahm Sir George wieder das Wort, „ich habe ähnliche Erwägungen angestellt wie Lord Northman, und da ich mir meiner Verantwortung meinen Lesern gegenüber bewusst bin“ – das wurde in einem betont phrasenhaften Tone gesprochen – „so werden Sie mir schon gestatten müssen, auch meinerseits einen Herrn die Reise machen zu lassen. Er wird das mit dem besonderen Auftrage tun, Ihren beiden Vertretern stets um soundso viele Meilen voraus zu sein.“

Seine beiden Rivalen waren einen Augenblick überrascht, erfassten aber die Situation sofort. Die Sache, die Sensation – denn das war der ausschließliche Gesichtspunkt, von dem aus sie sie bewerteten –, gewann an Umfang. Wenn drei große Zeitungskonzerne in der Öffentlichkeit dafür wirkten, so musste das, was zuerst nur als kleines Sensatiönchen erschien, zur großen Sensation werden.

„All right“, sagte Lord Northman, „es ist also abgemacht, dass wir jeder einen Vertreter auf die Reise senden. Wollen Sie sich auch an unserer Wette beteiligen, Sir George?“

„Selbstverständlich.“

„Gut, dann wollen wir sie noch einmal formulieren: Der­jenige von uns, dessen Vertreter den Rekord des Franzosen bricht, erhält von jedem der beiden Verlierer fünftausend Pfund. – Ist das richtig?“

Als die beiden andern ihr Einverständnis erklärten, fuhr er fort:

„Nun sind noch einige Einzelfragen zu erledigen. Einen be­sonderen Preis für den Sieger brauchen wir nicht auszusetzen, denn ich habe die Absicht, ihm die Hälfte meines Wettgewinns abzutreten. Die andere Hälfte dürfte für die Kosten drauf­gehen. Ich nehme an, dass Sie das Gleiche tun werden in dem unwahrscheinlichen Fall, dass mein Mann mich enttäuschen sollte. Dann würden Sie mich freilich auch bereit finden, Sir Arthur, Ihr Verlangen nach dem Gesetz mit dem siedenden Öl zu unterstützen. – Die nächste Frage wäre nun die: Wann soll die Reise beginnen, und sollen unsere Vertreter gleichzeitig starten oder zu beliebiger Zeit?“

„Ich denke, wir setzen übermorgen für den Reisebeginn fest“, erklärte Sir Arthur. „Das gibt ihnen Zeit, sich ihre Pässe und Visa zu besorgen. Aber zu gleicher Zeit müssen sie starten, denn die Leser werden auf sie wetten und stets wissen wollen, welcher von ihnen an der Spitze liegt. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass zwei von den drei mit abwechselnden Rollen immer die Detektive, für den Dritten sein werden, die ihn nach Möglichkeit an der ,Flucht nach dem Ziel‘ hindern.“

„All right. Also übermorgen – das wäre am zehnten – abends mit dem Bootstrain nach dem Kontinent –“

„Warum nicht schon früh mit dem Flugzeug?“, warf Sir Arthur ein.

„Sollen wir sie Flugzeuge benützen lassen?“, fragte Lord Northman zweifelnd. „Das gibt ihnen einen unfairen Vorteil über den Franzosen, dem solche noch nicht zur Verfügung standen. Und wir machen es ihnen zu leicht, den Rekord zu brechen.“

„Ich denke nicht, dass wir zu viel Wert auf den Rekord legen sollten“, entgegnete Sir Arthur in ernsterem Tone, der erkennen ließ, dass er dem eben mit seinen beiden Rivalen gefassten Beschlusse doch mehr praktische Bedeutung beimaß, als die etwas saloppe Art, in der er, im Gespräch wenigstens, die Sache bisher behandelt, eigentlich hatte vermuten lassen. „Im Grunde genommen bin ich ja auch Ihrer Meinung, dass die auf­gewendeten Mittel und Kräfte in einem angemessenen Verhält­nis zu dem Zweck stehen sollen, dem sie zu dienen bestimmt sind. Und von diesem Gesichtspunkt aus ist der Rekord an sich doch nicht als ausschlaggebend anzusehen. Viel wichtiger ist die Fest­stellung, welche Etappe die Entwicklung des Verkehrs heute im Vergleich zu 1911 und 1872 erreicht hat. Und dabei können wir die Benutzung von Flugzeugen, soweit sie sich in den Rahmen des allgemeinen Reiseprogramms einfügen, als eines längst üb­lichen Beförderungsmittels nicht ausschalten.“

„Wenn ich nicht irre, sind Sie Aufsichtsratsmitglied der Im­perial Airways Ltd.“, warf Sir George mit einem leicht mali­ziösen Lächeln ein.

„Stimmt“, gab Sir Arthur in ungestörter Ruhe zu. „Und deshalb weiß ich auch, dass es so ziemlich der letzte Termin ist, jemand eine eilige Reise um die Erde noch annähernd in der Form und nach Art des Mister Phileas Fogg machen zu lassen. Jetzt haben unsere Vertreter nur erst Flugverbindung bis Mos­kau und später durch die Vereinigten Staaten. In Teilstrecken. Bald wird man aber die ganze Reise im Flugzeug machen kön­nen und nur noch wenige Tage dazu brauchen. Und auch das wird nur eine Etappe sein, denn dann wird das Raketenflug­zeug das Motorflugzeug ablösen, und die Reise wird nur noch Stunden dauern.“

„All right“, versetzte Lord Northman. „Ich denke auch, wir müssen unsern Vertretern die Wahl ihrer Reisemittel überlassen, denn sie haben Sieg oder Niederlage selbst zu verantworten. Wenn sie auf der Reise auseinandergeraten sollten, ist das ohne Bedeutung. Es wird das Publikum noch mehr reizen, wenn es aus den Meldungen ersieht, dass der eine dort, der andere da angekommen ist, ohne dass es sich darüber klar sein kann, ob dies oder jenes das Vorteilhaftere ist; ich meine mit Rück­sicht auf die Anschlüsse für die Weiterreise. Nur sollten sie alle nach einer Richtung reisen, am besten nach Osten, denn das er­leichtert dem Publikum den Vergleich.“

„Einverstanden“, erklärte Sir George. „Nun handelt es sich aber um eine andere Frage: Sollen sie sich gegenseitig kennen oder –“

„Auf keinen Fall“, fiel ihm Sir Arthur ins Wort, „das würde ihnen die Sache zu leicht machen. Sie müssen selbst heraus­finden, wer ihr Konkurrent ist – wenn sie es können. Und nun noch eins: Da wir jetzt eine Sensation haben, so bin ich ent­schlossen, sie bis in die letzten Entwicklungsmöglichkeiten aus­zunützen. Denn wenn es unrichtig ist, bis über diesen Punkt hinaus an einer Sache festzuhalten und sie sich überleben zu lassen – und das gilt sowohl von Menschen wie von Dingen –, so wäre es noch viel unrichtiger, sie nicht bis zu ihrer letzten Grenze hin auszuschöpfen. Ich möchte andererseits aber auch keinen unfairen Vorteil vor Ihnen voraushaben. Deshalb setze ich Sie gebührend davon in Kenntnis, dass ich, sobald unsere Leute von ihrer Reise zurück sind und gleichviel, wer Sieger geworden ist, in einer meiner Zeitungen einen Roman darüber veröffentlichen werde.“

„Da haben wir ja schon den unfairen Vorteil“, behauptete Lord Northman. „Wir sind in dieser Unternehmung Partner mit gleichen Rechten, und ich und Sir George können doch nicht jeder auch einen Roman mit dem gleichen Stoff bringen, der sich möglicherweise sogar als der Gipfelpunkt der ganzen Sen­sation erweist.“

„Warum nicht? Ich habe eine Idee. Hören Sie zu! Ich bringe also den Roman in einem meiner Blätter –“

„Natürlich Sie –“

„Und natürlich zuerst –“

 „Warten Sie doch ab. Ich bringe also den Roman. Wenn er zu Ende ist, machen Sie, Sir George, oder meinetwegen auch Sie, mein Lord, durch Plakate, die Sie überall ankleben lassen, und durch Ihre Zeitungen bekannt, dass dieser Roman ganz einseitig zugunsten des Siegers verfasst sei und dem unerhörten Aufwand von Energie, Mut, Intelligenz und was sonst noch dazu gehört Ihres Vertreters nicht im Geringsten gerecht werde. Dass beson­ders seine Erlebnisse und, die vielen Hinderungen, die ihm ge­rade von beteiligter Seite in den Weg geworfen wurden, darin viel zu wenig berücksichtigt seien. Deshalb kündet Ihr Verlag einen anderen Roman in einem seiner Blätter an, von dem er die Leser erst Kenntnis zu nehmen bittet, bevor sie sich ein Urteil bilden. Damit ist die Sache noch viel mehr Sensation geworden, und Sie gewinnen zu Ihren eigenen auch noch die Leser des ersten Romans. Well, was meinen Sie zu der Idee?“

„Sie ist nicht ganz vollständig“, antwortete Lord Northman. „Sie würde es erst sein, wenn Sir George oder ich, wen es nun als Dritten gerade trifft, auch einen Roman in einem unserer Blätter brächten – mit derselben, Begründung, unter der die Veröffentlichung des zweiten erfolgte.“

„Gewiss, das meine ich. Sie machen einfach bekannt, dass, nachdem die Reise mit all ihren Schwierigkeiten, Gefahren und Anstrengungen, die sie jedem der drei Konkurrenten auferlegte, nun von zwei Seiten aus geschildert wurde, Sie es als einen ein­fachen Akt der Gerechtigkeit gegen Ihren Vertreter betrach­teten, auch seine besonderen Erlebnisse und Leistungen, die sich oft abseits von denen der anderen vollzogen, in einem Roman schildern zu lassen. Damit spielt der Letzte dann die Trumpf­karte aus.“

„All right“, pflichtete Lord Northman bei. „Mit der einen Bedingung natürlich, die sich ganz von selbst versteht, dass der­jenige, dessen Mann als Sieger heimkommt, mit den Romanen den Anfang macht. – Warum aber überhaupt Romane und nicht ungeschminkte Reiseberichte?“

„Ungeschminkte Berichte –?“, wiederholte Sir Arthur sar­kastisch. „Bringen wir denn überhaupt ungeschminkte Berichte in unsern Blättern? Gewinnt nicht jedes Vorkommnis über­haupt erst seine Bedeutung durch die Aufmachung, die wir ihm in unsern Blättern geben? Ungeschminkte Berichte in unsern Blättern würden auf das Publikum genau so wirken wie un­geschminkte Schauspieler auf der Bühne. Es gibt natürlich Leute, die ungeschminkte Berichte vorziehen, aber das sind nur wenige. In der Hauptsache müssen wir Rücksicht auf unsere weiblichen Leser nehmen, denn erst wenn die lebhaften Anteil an einer Sache nehmen, wird sie zur Sensation. Und die Frauen gewin­nen wir am besten durch den Roman.“

„Well, wie ist es nun mit den sonstigen Rechten aus diesen Romanen?“, setzte Lord Northman die Erörterung fort. „Die Filmfabriken werden sich darum reißen und sich im Wett­bewerb gegenseitig überbieten; die Revuen – können Sie sich einen besseren Stoff für eine Revue denken als alle die bunten Bilder aus aller Herren Ländern, die der Verfasser ganz fraglos in dem Roman aufrollen wird? Und die Theater! Nach der vorausgegangenen großen Sensation würden sie ein Kassenstück ersten Ranges haben.“

„Als was würden Sie es bezeichnen: Schauspiel, Posse, Schwank, Lustspiel, Tragödie? Denn auch die Möglichkeit einer Tragödie ist nicht ausgeschlossen.“

„Es wird keins von allen oder von allen etwas sein. Nur nicht festlegen auf eine bestimmte Klasse. Damit geben Sie dem Kritiker sofort einen Angriffspunkt. Mit seinem überlegenen Wissen weist er dann dem Autor nach, dass es keineswegs das ist, als was dieser es bezeichnet, sondern etwas anderes. Aber das ist schließlich Nebensache. – Ich meine, dass das Urheberrecht dem Autor verbleiben muss. Im Grunde genommen ist das ja auch selbstverständlich. Ich wollte nur auch diesen Punkt zwi­schen uns klargestellt sehen, weil jeder von uns wohl auch In­teressen in der Filmindustrie hat. Die sollen ihm auch nicht genommen, aber doch nur im Wege des freien Wettbewerbs geltend gemacht werden. – Sind wir also einig?“

„Vollkommen.“

„Dann lassen Sie uns auch gleich die ersten Schritte tun. Ich wusste, dass wir nicht eine Stunde zusammensitzen würden, ohne entweder eine große Dummheit oder eine große Klugheit auszubrüten.“

Er winkte den Klubdiener heran.

„Telefon frei?“

„Yes, Sir.“

Reisegefährten

Dicke, kalte Winterluft lag über dem Flugplatz von Croy­don. Das Flugzeug der Deutschen Lufthansa, die mit der eng­lischen Imperial Airways Ltd. in Interessengemeinschaft den Dienst zwischen London und Berlin versieht, lag auf dem weiten Platz zum Abflug nach Berlin bereit, der auf 8 Uhr 45 Minuten festgesetzt war.

Führer und Monteure waren beschäftigt, noch einmal alle Teile der großen Maschine zu überprüfen und einzelne ver­suchsweise in Gang zu setzen.

Obwohl noch etwa zehn Minuten an der vorgeschriebenen Abfahrtszeit fehlten, hatten doch schon einige Passagiere, die ohne Begleitung gekommen waren, in der behaglich erwärmten Kabine Platz genommen. Es waren, wie man durch die Fenster­scheiben deutlich sehen konnte, zwei ältere Herren und eine Dame, deren frisches, jugendliches und keck in die Welt schauen­des Gesicht den Beweis lieferte, dass sie kaum die Dreiund­zwanzig überschritten haben konnte. Ihr blondes Haar um­rahmte mit einer Fülle natürlicher Locken ihr Gesicht in einer Weise, dass es einen spitzbübischen Ausdruck erhielt, der es aber ungemein anziehend machte. Sie gehörte offenbar nicht zu den beiden Herren, da sie sich einen Platz gewählt hatte, der von deren Plätzen durch zwei leere Sessel getrennt war.

Draußen, zwei oder drei Schritte von der Eingangstür ent­fernt, stand, in einen eleganten, aber doch strapazierfähigen, kurzen, grauen Pelz gehüllt, eine Reisemütze auf dem Kopfe und ein Monokel in das rechte Auge geklemmt, ein vierter Fahrgast. Er war ebenfalls noch jung, wenn auch sicher über die Dreißig hinaus. Sein Gesicht, mit einem kurzgestutzten blon­den Schnurrbart, zeigte den intelligenten, lebendigen Ausdruck des geistigen Arbeiters, der gewohnt ist, das Weltgeschehen um sich her nicht nur mit Aufmerksamkeit und voller Anteilnahme zu beobachten, sondern auch in seinen Zusammenhängen kritisch in sich zu verarbeiten.

Er mochte wohl das Eintreffen des Zubringers erwarten, der den Rest der Fahrgäste mit ihrem Reisegepäck sowie die letzte Post nach dem Kontinent aus dem Zentrum der Stadt heran­bringen würde, denn er schaute mehrmals nach der Richtung, aus der er kommen musste.

Da der Zubringer aber noch nicht in Sicht war, begann er das Flugzeug selbst ein wenig zu mustern.

Der Rumpf war rechteckig mit abgerundeten Graten, der Führerraum geschlossen und gegen den Fluggastraum etwas er­höht. Er enthielt zwei Führersitze nebeneinander und Doppel­steuerung. Unter ihm war genügend Raum für Post und Gepäck.

Hinter dem Führersitz befand sich ein Vorraum mit einer Einsteigtür an der rechten Rumpfseite und Verbindungstüren nach dem Fluggast- und Führerraum. Er enthielt den Wasch­raum und die Funkanlage. Die Einsteigtür war zum Schutze gegen die kalte Morgenluft jetzt geschlossen; sie befand sich auf der linken Rumpfseite.

Der Gastraum gewährte genügend Raum für acht bequeme Lehnsessel, die mit Riemen zum Festschnallen der Fahrgäste versehen waren. Sein Licht empfing er durch je vier Fenster in den beiden Längswänden. Die Heizung erfolgte mittels heißer Luft aus den Zylindern, deren Zuleitung durch Sperrklappen reguliert werden konnte.

Kaum war er mit seiner Betrachtung des Flugzeugs so weit gekommen, als der Zubringer, der sich um einige Minuten ver­spätet hatte, heranrasselte.

Während einige Angestellte mehrere Postsäcke und verschiedenes Reisegepäck in Empfang nahmen und in der Flugmaschine verstauten, beobachtete der Gast in dem grauen Sportpelz mit, wie es schien, mehr als gewöhnlichem Interesse, wie etwa ein Dutzend Personen, Herren und Damen, dem großen Kraft­wagen entstiegen.

„All aboard!“, rief auch schon der Pilot und erklomm mit seinem Kollegen den Führerraum.

Der junge Mann mit dem Monokel bestieg, den Neuangekom­menen voran, als Erster die Kabine, ließ sich in dem Sessel neben der blonden Dame nieder und schnallte sich darin fest.

Er beobachtete, wie noch drei Herren und eine etwas korpu­lente und nicht mehr ganz junge Dame sich nach einem raschen Händeschütteln und vielen überhasteten Abschiedsworten aus der Gruppe der neuen Ankömmlinge lösten, die Kabine be­stiegen und die noch freien Sitze einnahmen.

Gleich darauf wurde die Tür geschlossen, und der Motor be­gann zu arbeiten. Das Flugzeug rollte etwa hundert Meter über den Boden und erhob sich dann fast unmerkbar von der Erde. Das heißt, es selbst schien stillzustehen und nur die Erde mit den Häusermassen und dem Straßengewirr der verräucherten Vorstadt in immer größerer Tiefe unter ihm hinwegzuziehen.

Alle Fahrgäste blickten gespannt, die korpulente Dame sogar etwas ängstlich, durch die blanken Scheiben, während die junge Blonde vergnügt kicherte, als sie sich bei einem etwas steileren Aufwärtsklimmen der Maschine in ihrem Sessel halb auf den Rücken gelegt fühlte.

Allmählich gewöhnten sich die Augen an die Beobachtung aus der Vogelschau und das Zusammenschieben der Entfernun­gen unter ihnen auf der Erde je nach der Höhe, die die Maschine erklomm. So konnten die Reisenden Menschen und Tiere, Wagen und Eisenbahnen und auf der sich wie ein fahlglänzendes Band dahinwindenden Themse schwarze Rauchwolken ausspeiende Schiffe erkennen. Die erstiegene Höhe zeigte ihnen der in der Kabine befindliche Höhenmesser an.

Das Flugzeug hatte natürlich gegen die Windrichtung abfliegen müssen und daher zuerst Kurs nach Süden genommen. Als es aber genügend Stabilität erlangt hatte, legte es sich mit einer geringen Verschiebung seiner Horizontallage seitlich in eine Kurve, um genauen westlichen Kurs nach Amsterdam, der ersten Zwischenlandungsstelle, einzuschlagen.

Dick Gordon ­– das war der Name des Herrn im grauen Reisepelz – schnallte den Riemen los, um endlich seinen Pelz abzulegen. Zuvor entnahm er der geräumigen Innentasche des­selben ein Bündel der neuesten Morgenzeitungen und warf sie zur baldigen Durchsicht in seinen Sessel.

Er nahm seinen Platz aber noch nicht wieder ein, sondern trat auf die gegenüberliegende Seite, um von dort aus die Land­schaft, die sich tief unter ihnen wie eine Karte ausbreitete, in Augenschein zu nehmen.

„Sie werden uns umkippen!“, rief die blonde Dame.

Es sollte wohl wie eine scherzhafte Warnung klingen, aber ein Unterton leichter Ängstlichkeit klang doch daraus hervor.

„Keine Sorge“, entgegnete er lächelnd. „Diese Dinger haben eine Eigenschaft, die ich mir schon immer aneignen wollte, leider aber ohne Erfolg.“

„Und die wäre?“

„Sie lassen sich nicht so leicht aus dem Gleichgewicht bringen.“

„Aber wenn wir in ein Luftloch stürzen! Ich habe gehört, dass die Luft voller Löcher ist, gerade wie ein Schweizerkäse. Wenn wir da nun plötzlich in solch ein Loch stürzen wie in einen tiefen Schacht! Ich stelle mir das schrecklich vor.“

„Wenn es geschähe, dürfte Ihnen wohl kaum Zeit bleiben, sich irgend etwas vorzustellen.“

„Das meine ich auch. Deshalb tue ich es eben schon jetzt.“

„Beruhigen Sie sich; es gibt keine Luftlöcher. Das gelegentliche Durchsacken der Maschine rührt lediglich von den Luft­strömungen her, die dann allerdings manchmal die Wirkung ausüben wie der Seegang bei Schiffen.“

„Dann haben wir also Aussicht, luftkrank zu werden?“

,Nicht bei diesem Wetter. Es müsste schon schlimmer kommen.“

Er hatte inzwischen unauffällig die anderen Mitreisenden ge­mustert. Dazu hatte er einen besonderen Grund, denn er war ein bekannter Journalist und hatte von Sir George Newhouse den Auftrag erhalten, im Dienste seines Verlages eine Reise um die Erde zu machen und dabei den Rekord des Franzosen Jager-­Schmidt zeitmäßig zu verbessern. Im Falle des Gelingens erhielt er einen Preis von fünftausend Pfund, der allerdings auch von zwei anderen Journalisten, und zwar vom Northman- und Ralston-Verlag, die gleichzeitig mit ihm starten würden, ge­wonnen werden konnte.

Schon die Morgenblätter des vergangenen Tages hatten lange Berichte über das Unternehmen gebracht und die Abendblätter diese durch Mitteilung der Namen der drei Konkurrenten er­gänzt. Für den Ralston-Verlag reiste Billy Allan, den er nicht kannte, und dessen Namen er sich nicht erinnern konnte, jemals gehört zu haben.

Als Vertreter der Northman-Presse würde Edward Clark die Reise machen. Den Namen kannte er aus Veröffentlichungen, aber der Mann war ihm unbekannt.

Da nun aber keiner gewillt sein würde, dem andern einen Vorsprung zu lassen, so zweifelte er nicht daran, dass sich seine Kollegen mit ihm in diesem Flugzeug befanden; denn es gab nur noch eine Verbindung über Rotterdam – Kassel nach dem Kontinent, die nicht so günstig war.

Welche mochten es aber sein?

Die beiden weiblichen Fahrgäste konnten von vornherein ausgeschlossen bleiben. Die korpulente Dame war offenbar eine Deutsche, denn sie unterhielt sich mit dem neben ihr sitzenden Herrn, der zweifellos der wohlbehütete Gefährte ihres trau­lichen Ehelebens war, in deutscher Sprache. Auch die etwas in die Breite gehende Figur mit der behäbigen Abrundung der Frauen über vierzig sowie das noch immer frische, rote Gesicht sprachen dafür.

Die kleine frischäugige Blonde dagegen war fraglos eine Eng­länderin. Der biegsame und geschmeidige Körper mit seinen eleganten vollschlanken Linien, noch mehr aber die schmalen, zierlichen Fußgelenke ließen daran keinen Zweifel.

Ebenso konnte der Herr Gemahl der deutschen Dame außer Betracht bleiben, der übrigens mit seinem beachtlichen Leibes­umfang, seinem dicken Hals und seinem vollen, runden Gesicht den Deutschen unverkennbar erwies.

Blieben also nur noch vier übrig.

Er hatte sie der Reihe nach unauffällig betrachtet, aber nicht entscheiden können, welche von ihnen seine Kollegen sein moch­ten. Dabei hatte er bemerkt, dass auch er der Gegen­stand einer unauffälligen Beobachtung war, was sich freilich zwanglos aus dem Interesse erklärte, das die Teilneh­mer einer längeren Reise ganz selbstverständlich aneinander nehmen.

Er kehrte jetzt zu seinem Sessel zurück und nahm die Zei­tungen auf.

„Haben Sie Lust zu lesen?“, fragte er seine hübsche Nach­barin, ihr das Bündel zur Auswahl entgegenhaltend.

Er ärgerte sich jetzt, dass er sie alle zusammen aus seinem Pelz zum Vorschein gebracht hatte. Ein gewöhnlicher Passagier begnügt sich meist mit einer oder zwei Zeitungen. So viele mussten auffallen, denn sie deuteten auf eine besondere Vor­liebe hin, die ihn den anderen verdächtig machen musste. Zum Mindesten hätte er sich ein oder zwei Filmjournale dazu kaufen sollen, um jeden Verdacht auszuschließen.

„Sie haben sich ja reichlich mit Lesestoff versehen“, bemerkte sie lächelnd. Aber es wollte ihm scheinen, als ob sich ein leichter maliziöser Zug in dieses Lächeln mischte.

Er lachte auf. Es war das Beste, was er tun konnte.

„Ja“, sagte er, „und ich weiß eigentlich selbst nicht warum. Ich lese sonst nur wenig Zeitungen. Sie fesseln mich nicht – mit Ausnahme der Sportberichte natürlich. Aber für eine so lange Reise sieht man sich eben vor.“

„Wenn Sie mir gestatten –“, versetzte das Mädchen, in­dem sie eine Zeitung nahm. „Ich bin sehr neugierig. Da sind ja jetzt“ – sie dämpfte ihre Stimme ein wenig – „drei Jour­nalisten, die in gegenseitiger Konkurrenz um die Welt reisen.“

„Ich habe davon gehört“, entgegnete Gordon. „Aber es inter­essiert mich im Grunde nicht besonders. Wissen Sie etwas Näheres darüber?“

„Nur was gestern in den Zeitungen stand. Und ich habe schleunigst meine Wette gelegt, weil ich ja wusste, dass ich heute England für einige Zeit verlassen würde. Die Odds sind einst­weilen noch eins zu drei.“

„Kennen Sie denn die Konkurrenten?“

„Nur dem Namen nach. Und auch das nur aus einigen Artikeln, die ich gestern gelesen habe.“

„Und daraufhin haben Sie sich einen von ihnen ausgesucht, um auf ihn zu wetten?“, fragte Gordon amüsiert.

„Ist das nicht genug? Ich bin sicher, dass die hundert anderen, die in unserm Klub schon vor mir ihre Stakes gelegt hatten, noch viel weniger über sie wussten. Mit einem Felde von nur drei Rennen sind Odds von eins zu drei gut genug.“

„Ist es ein Geheimnis, oder darf man erfahren, auf wen Sie gesetzt haben?“

„Es ist gar kein Geheimnis. Auf Dick Gordon.“

„Und wie sind Sie gerade auf den verfallen?“

„Sehr einfach. Ich lese seine Artikel hin und wieder – im ,Evening Star‘, wissen Sie, und manchmal auch im ,Sunday Dispatch‘ –, und die haben mich immer wütend gemacht. Er nimmt sich nämlich auch manchmal heraus, über die Frauen zu schreiben. Und das tut er in einer so selbstgefälligen, über­legenen Weise, als ob er die Frauenseele bis in ihre letzten Win­kel hinein erforscht und außer parfümierten Seifen, Schnitt­mustern und Five o'clock-Tees mit Jazzmusik nichts darin ge­funden hätte. Das hat mich jedes Mal zum Widerspruch gereizt. Er bildet sich ein, die Frauen zu kennen wie die meisten Män­ner, aber ich bin fest überzeugt, dass ihn jede Frau die Welt und die Dinge sehen machen kann, wie es ihr beliebt. So, wissen Sie, als wenn Sie bei ihrem Kodak eine falsche Entfernung ein­stellen.“

„Sie glauben, Sie würden das fertig bringen?“

„Sicher.“

„Ich glaube das auch, ohne dass ich ihn kenne. Aber ich sehe noch immer nicht, wie Sie das bestimmen konnte, auf ihn zu wetten …“

„Nicht? Well, ich weiß nicht, ob Sie meine Gründe in einem Lehrbuch der Logik entdecken würden. Aber dort dürfen Sie auch nicht nachschauen, wenn Sie es mit einer Frau zu tun haben. – Sind Sie verheiratet. – Nein? Konnte ich mir denken, denn sonst wüssten Sie das längst. Nun, ich zog ihn eben dem anderen vor – ich meine Edward Clark, denn von Billy Allan weiß ich überhaupt nichts –, weil ich auch von dem manches gelesen habe. Und was der schreibt, ist immer so fürchterlich vernünftig, so weise, dass ich immer mit ihm über­einstimmen kann. Das machte ihn mir unsympathisch. Mit einem Menschen, der wirklich etwas taugt, müssen Sie sich streiten können, wenn auch nur in Gedanken. Mit Dick Gordon könnte ich das; mit Edward Clark nicht. Also kam er als möglicher Sieger in dieser Konkurrenz nicht in Frage. Denn – und damit vertraue ich Ihnen ein Geheimnis an, eine Er­fahrung, die ich in meinem langen Leben wiederholt gemacht habe – es sind immer diejenigen, auf die Sie wütend sind, die das Rennen gewinnen. Das brauchen Sie aber auch nicht in einem Schmöker über Logik zu suchen. Es ist Frauenlogik, die aus dem Gefühl kommt. Das ist etwas, was die Männer nie begreifen können. Ich meine, dass wir unsere eigene Logik haben, die sich auf ganz andere Elemente gründet als die der Männer und hauptsächlich darin ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Rekordfahrt um die Welt" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen