Logo weiterlesen.de
Rat der weißen Sterne

Angela Planert

Rat der weißen Sterne

Science Fiction Roman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

RAT DER WEIßEN STERNE

Science Fiction von Angela Planert

Der Umfang dieses Buchs entspricht 244 Taschenbuchseiten.

Als Kapitän eines Transportschiffes steht Josephine vor der Entscheidung dem schwachen Lebenszeichen, das von einem unbekannten Raumschiff ausgeht, nachzugehen oder weiterzufliegen. Entgegen den Rat ihres Onkels fliegt sie das fremde Schiff an, wo ein Schwerverletzer zum Sterben zurückgelassen wurde. Ist er womöglich ein Verbrecher, den man zum Tode verurteilt hat, oder kann Josephine dem Fremden die fragwürdige Geschichte des Angriffs glauben? Immer wieder überfallen Josephine große Zweifel, das Richtige getan zu haben. Als sie die Erde zum Entladen erreicht, wird sie mit einer fadenscheinigen Behauptung von der Transportgesellschaft entlassen.
Erst nach und nach wird ihr klar, dass sie durch die Rettung des Fremden die Pläne von Dritten durchkreuzt haben muss ...

1 Lebenszeichen

Durch die mannshohe Fensterfront sah Josephine die Sterne mit ihren Monden an sich vorbeifliegen. Sie musste aufpassen, dabei nicht das Gefühl für Zeit und Raum zu verlieren, was jeden unvermittelt packte, der sich diesem Anblick hingab. „Käpt'n! Wir orten ein schwaches Lebenszeichen“, meldete der erste Offizier Lennart über den gläsernen Bildschirm aus dem Kontrollraum. „Es kommt von einem Flugobjekt nur wenige Gigameter über uns. Sollen wir dem nachgehen?“ Josephine ging zum Schaltpult, das sich in der Mitte der achteckigen Kommandozentrale befand. Von hier aus war sie in der Lage, zu sämtlichen Bereichen ihres Raumschiffes Kontakt aufzunehmen, vor allem, wichtige Funktionen zu überprüfen und notfalls auch zu steuern. „Um was für ein Schiff handelt es sich?“ Sie strich sich eine lange Haarsträhne aus dem Gesicht. Die Transporttouren erstreckten sich über mehrere Monate, die in der Regel sehr eintönig verliefen. Diese Entdeckung könnte sich als eine willkommene Abwechslung auf der sonst eher langweiligen Transportstrecke entpuppen. „Die runde Form des Schiffes ist dem Computer nicht bekannt, Käpt'n. Womöglich ein besonderer Prototyp der Thaemen“, spekulierte Lennart. Dieses menschenähnliche Volk des Planeten Thaemo schätzte man im gesamten Universum wegen seiner außergewöhnlichen Konstruktionsfähigkeiten. „Bitte grenzen Sie das Lebenszeichen ein, Lennart! Können Sie das genauer bestimmen?“ Die Information war bisher zu dürftig, um dem Signal ernsthaft Beachtung zu schenken. „Von hier aus kann ich das unmöglich beurteilen, Käpt'n. Es handelt sich eindeutig um einen schwachen Herzschlag. Vielleicht ist ja der Antrieb und damit die Systeme ausgefallen; jedenfalls lässt sich kein Kontakt herstellen.“ Lennart räusperte sich, was eine nervöse Angewohnheit von ihm war. Josephine begann abzuwägen: Ein Andockmanöver kostete zusätzlich Treibstoff und mit dem musste sie haushalten. Sollte sich das Lebenszeichen als Herzschlag eines kleinen Nagers herausstellen, würde sie ziemlich lächerlich dastehen und obendrein noch Ärger mit der Transportgesellschaft bekommen. Eine ähnliche Situation war während ihrer Ausbildung simuliert worden. Was aber, wenn tatsächlich jemand Hilfe brauchte? „Ich bitte um Erlaubnis, an Bord gehen zu dürfen“, drängte Lennart. Josephine rieb sich über das Gesicht, versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren. Bei Kontakt mit fremden Lebensformen blieb, trotz strenger Sicherheitsvorschriften, die Gefahr, sich Parasiten einzufangen. Anderseits waren diese Bedenken bei den Thaemen überflüssig. Trotzdem fragte sie sich, ob es nicht zumindest ein Notrufsignal geben müsste? Außer vagen Vermutungen ihres ersten Offiziers gab es keine Beweise für einen Notfall, deshalb überlegte sie weiterzufliegen. Grübelnd schaute sie nach oben und ließ ihren Blick über die massiven hellbraunen Deckenbalken schweifen, die den Boden der darüber liegenden Ebene bildeten. Die Innenverkleidung bestand aus einem Kunstharz, aus dem man fast jedes natürliche Material nachahmen konnte. Plötzlich zuckte Josephine zusammen. Vor ihrem geistigen Auge schien aus den Balken eine zitternde, blutverschmierte Hand zu wachsen, die nach ihr zu greifen versuchte. Sie wich einen Schritt zurück und ihr Herzschlag verdoppelte sich. Was war das? Um diese Erscheinung beiseite zu schieben, schaute sie zu Boden auf die künstlichen Sandsteine, die wie ein Fischgrätenmuster angeordnet waren. „Käpt'n! Ich warte auf Ihre Order. Wir können ein Lebenszeichen doch nicht einfach ignorieren. Vielleicht braucht jemand unbedingt Hilfe!“ Die Stimme ihres ersten Offiziers klang energisch. „Ich bitte dringendst um Erlaubnis, an Bord gehen zu dürfen!“ In diesem Moment versenkten sich die täuschend echten Holztüren, die sich seitlich in der Wand befanden, und Paul, der schlanke Schiffsarzt, betrat die Kommandozentrale. Josephine drehte sich um und hob mahnend ihre Hand, damit Paul sie nicht ablenkte. Sie musste jetzt eine bedeutende Entscheidung treffen und durfte die Verantwortung, die sie für ihre Mannschaft trug, dabei nicht außer Acht lassen. Als sie ansetzte, den Befehl zum Weiterfliegen zu erteilen, sah sie erneut diese hilfesuchende Hand vor ihrem geistigen Auge. „In Ordnung! Ich gebe Ihnen die Erlaubnis, an Bord des fremden Raumschiffes zu gehen.“ Entgegen ihrer ursprünglichen Überlegung hieß es nun, schnell umzudenken. „Nur in Schutzanzügen! Seien Sie äußerst vorsichtig! Nehmen Sie zwei Begleiter und für den Fall, dass Sie ein Lebewesen vorfinden, die Quarantänetrage mit.“ Diese Trage schob sich wie ein dünnes Tablett unter ein Lebewesen, passte sich automatisch der Größe an und baute dann einen abgeschlossenen Raum auf. „Jawohl, Käpt'n!“, bestätigte ihr erster Offizier. „Und, Lennart“, fügte sie hinzu, „benutzen Sie nachher in jedem Fall die Parasitendusche!“ „Das versteht sich von selbst, Käpt'n!“ Josephine ließ ihren Blick durch die Kommandozentrale schweifen. Bis auf die Transporträume war das ganze Schiff, so auch dieser Bereich, mit einer altertümlich wirkenden Innenverkleidung ausgestattet. Der Kunstharz, der optisch einem rauen Sandstein zum Verwechseln ähnlich sah, hatte großartige Dämmeigenschaften, die ein angenehmes, warmes Klima auf dem Raumschiff schufen. Zu beiden Seiten der großflächigen Fensterfront wurde die Verkleidung durch eine Reihe von Bedienfeldern des Bordcomputers unterbrochen. Nahe dem Boden, teilweise im Kunstharz versenkt, leuchteten im Abstand von siebzig Zentimetern horizontal LEDs, die zur Orientierung dienten. Nur über den Bedienfeldern gab es weitere Lichtquellen. Die gedämpfte Beleuchtung verlieh, laut neusten Untersuchungen der Wissenschaftler auf der Erde, der Sehfähigkeit eine besondere Intensität. Die Crew bestätigte das. Der burgähnliche Charakter der Innenverkleidung sorgte während der langen Transportrouten für die seelische Ausgeglichenheit der Mannschaft. Jetzt wandte sich Josephine Paul zu, der sie mit seinen großen braunen Augen unentwegt ansah. „Ich bin arbeitslos, Jo!“ Paul kam auf sie zu. „Carls Rücken ist kuriert, Marvins Erkältung klingt ab und die Schnittwunde von Gina ist am Abheilen.“ „Warte ab, vielleicht haben wir ja gleich Abwechslung für dich.“ Hoffentlich würde ihr diese spontane Entscheidung, die nicht zuletzt durch die Vision der blutigen Hand beeinflusst worden war, nicht zum Verhängnis werden. Doch für die Rettung eines Thaemen, einer menschlichen Lebensform, war der zusätzliche Treibstoffverbrauch des Andockmanövers in jedem Fall gerechtfertigt. Ihre Zweifel, ob sie durch ihren Entschluss die Sicherheit ihrer Crew gefährdete, ließen sich jedoch nicht gänzlich ausräumen. Das war ungewöhnlich, da sie in der Regel immer hundertprozentig zu ihren Entscheidungen stand. Als Kapitän trug sie eine große Verantwortung. Ihre Zweifel durfte sie sich nicht anmerken lassen, schon gar nicht Paul gegenüber, dem sie letztlich diese bedeutende Anstellung bei der Transportgesellschaft zu verdanken hatte. „Meinst du wirklich“, sprach Paul leise, obwohl niemand sonst an diesem frühen Morgen anwesend war, „auf dem unbekannten Schiff mehr als eine Weltraumratte anzutreffen?“ Obwohl sie Paul als ihren Onkel schätzte und sie seinen Rat in mancher Lage als sehr hilfreich ansah, so fand sie seine Äußerung in dieser Situation überflüssig. Paul mischte sich leider auch oft in ihr Leben ein, wobei er es wahrscheinlich nur gut mit ihr meinte. „Das glaube ich tatsächlich, Ja!“ Dabei sah sie ihren Onkel standhaft an. „Verstehe!“ Er nickte kurz. „Du wirst deine Gründe haben.“ Wie zur Entschuldigung hob er seine Hände, dann öffnete er seine Lippen, als wolle er noch etwas sagen, tat es jedoch nicht. Sie kannte Paul lange genug, um zu wissen, dass seine Reaktion darauf schließen ließ, dass er nicht ihrer Meinung war. Aber das musste er auch nicht. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ er die Kommandozentrale.


Josephine befeuchtete ihre Lippen und schluckte. An die trockene, warme Luft hier im Raumschiff konnte sie sich nur schwer gewöhnen. Häufig klebte ihr die Zunge am Gaumen und ihr Rachen fühlte sich kratzig an. In diesem Augenblick kam nun auch die innere Unruhe ihrer Bedenken dazu. Die Minuten des Wartens erschienen ihr wie Stunden, bis ihr CC, ihr Kommunikationsgerät am Handgelenk, ›Lennart‹ als Kontaktperson ankündigte. Ihre Anspannung stieg, als sie den Anruf entgegennahm. „Was haben Sie vorgefunden?“ Josephine bemühte sich, entschlossen zu klingen. Woher kamen nur diese ungewöhnlichen Zweifel? In dem kleinen Display ihres CC sah sie das Gesicht ihres ersten Offiziers. „Ich melde einen Schwerverletzten mit schwachem Puls. Er befindet sich bereits auf der Quarantänetrage, Käpt'n!“ Sie spürte eine enorme Erleichterung, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. „Um welche Lebensform handelt es sich?“ Lennart räusperte sich. „Eindeutig menschlichen Ursprungs, Käpt'n!“ Dann bestand keine Gefahr. „In Ordnung! Bringen sie ihn gleich auf die Krankenstation. Paul wird sich um ihn kümmern.“ Jetzt kroch ihr ein Schauer den Rücken herunter. Dieses innere Bild von einer blutigen Hand war vielleicht tatsächlich eine Art Hilferuf gewesen. Sie hatte plötzlich das Gefühl, als habe ihr jemand einen Tritt in die Magengrube verpasst, was sie sich nicht erklären konnte. Dazu der alkoholische Geruch des Desinfektionsmittels, den die Klimaanlage zeitweise verbreitete, löste heftige Übelkeit in ihr aus. Im letzten Jahrhundert hatte sich die Technik wirklich beeindruckend entwickelt, aber Belüftungsschächte und Klimaanlagen wurden immer noch wie im 21. Jahrhundert gebaut. Josephine atmete tief ein, um dem Brechreiz entgegenzuwirken. Was war heute nur los mit ihr? Um sich abzulenken, nahm sie Kontakt zur Krankenstation auf, „Paul, halte dich bitte bereit, du bekommst deine ersehnte Aufgabe.“ In diesem Augenblick öffneten sich die Türen zur Kommandozentrale und Meng Chan, der Bordingenieur, trat ein. Mit ihm zog ein deftiger Duft von gebratenem Speck und Rühreiern durch den Raum. Doch jeglicher Appetit, den Josephine sonst beim Frühstücksgeruch verspürte, verschwand. „Guten Morgen, Käpt'n!“, begrüßte sie Meng Chan. „Guten Morgen!“ erwiderte Josephine die Begrüßung. „Es war also kein Nager?“, fragte Paul über den Monitor an ihrem Handgelenk. „Nein, sie bringen dir einen wahrscheinlich menschlichen Schwerverletzten.“ Paul nickte und atmete dabei tief. „Ich werde dich informieren, sobald ich mir einen Überblick verschafft habe.“ „Mach das bitte“, beendete Josephine das Gespräch. Durch den Geruch, den Meng Chen mit sich brachte, schaltete sich die Belüftung automatisch eine Stufe höher. Nur das stetige Surren der Klimaanlage und das leise Summen der Antriebsgeneratoren erfüllte den dreißig Quadratmeter großen Raum. Die erste Zeit war es Josephine fast unheimlich vorgekommen, wie still es blieb, abgesehen von diesen zwei monotonen Geräuschen. Ebenso empfand sie das in diesem Moment. Ihre Neugier zog sie auf die Krankenstation, doch ihr Platz war hier, in der Kommandozentrale, wo sie ihren ersten Offizier erwartete. Ihre Müdigkeit schien angesichts der Vorkommnisse wie weggeblasen. Durch die ausgezeichnete Dämmung, die sich auch über den Fußboden zog, hörte man nicht einmal die Schritte vom Flur. Nur besonders laute Gespräche drangen als Wortfetzen in die umliegenden Kabinen, so wie jetzt: „... das hat eben keine Zeit, zudem ist das dein Spezialgebiet, nicht meins!“ Kurz darauf öffnete sich die Tür. Der erste Offizier, dessen Stimme sie gehört hatte, trat ein. „Käpt'n!“ Josephine sah Lennart erwartungsvoll an. „Außer dem Verletzten war niemand an Bord. Es gibt da nur einen einzigen Raum oder zumindest konnten wir keine weiteren Türen entdecken. Es sieht dort aus, als hätte es ein heftiges Gefecht gegeben. Allerdings bezweifle ich, ob dieses Schiff tatsächlich von den Thaemen stammt. Weder lässt sich der Aufbau noch das Material, aus dem es gebaut ist, bestimmen. Deshalb haben wir das Raumschiff erst mal angedockt.“ Josephine fühlte ein merkwürdiges Kribbeln im Bauch. „Sehr gut, aber irgendwie klingt es ja doch nach einer fremden Lebensform?“ Lennart zögerte einen Augenblick. „Nicht unbedingt. Was man erkennen konnte, sah menschlich aus, Käpt'n!“ Josephine spürte, wie sie ihre Augenbrauen zusammenzog. „Was man erkennen konnte?“ Ihre Bedenken loderten abermals auf. „Ich würde es begrüßen, wenn ich mich auf die Angaben meines ersten Offiziers verlassen kann. Ist es nun menschlich oder nicht?“ „Für einen Thaemen ist er zu groß. Es kann sich eigentlich nur um einen Menschen handeln.“ Das klang für Josephine nicht wirklich überzeugend. Sie schob den Anflug erneuter Zweifel beiseite und hoffte, Paul würde diese Vermutung bestätigen können. „Warten Sie bitte einen Moment.“ Sie wandte sich von Lennart ab, blickte auf den Monitor und stellte den Kontakt zur Krankenstation her. „Paul?“ Über den Bildschirm wirkte er recht nervös. „Ich habe ein mächtiges Problem! Der Gesundheitsscanner erstellt keine Diagnose. Ich bekomme immer wieder die Meldung von einer unbekannten Lebensform.“ Obwohl die Entscheidung, ein Lebewesen zu retten, sich richtig anfühlte, stieg ihre Anspannung, als habe sie einen Fehler gemacht. „Wozu haben wir denn dich als Schiffsarzt?“, fragte sie ungehalten. „Ich habe seit Jahrzehnten keine Patienten mehr von Hand ärztlich versorgt. Wie stellst du dir das vor?“, Paul wirkte empört. Das konnte doch nicht wahr sein! Ein Schiffsarzt, der nicht in der Lage war, einen Patienten zu untersuchen? Sie wandte sie an ihren ersten Offizier. „Lennart, bitte übernehmen Sie die Brücke! Die Ablösung müsste jeden Moment kommen.“


Josephine eilte über den Gang auf die Krankenstation. Noch immer ratlos stand Paul vor der Quarantänetrage, die ein wenig einem Sarg mit durchsichtigem Deckel ähnelte, und drückte auf die Sensoren. Auf der Trage erkannte sie einen menschlichen Körper, der mit zahlreichen Blutergüssen, angetrockneten Schnitt- und Platzwunden übersät war. Es sah aus, als habe jemand brutal auf diesen Körper eingeprügelt. „Kreislauffunktion sinkend“, behauptete der Gesundheitsscanner. „Na bitte, funktioniert doch.“ Josephine konnte den zerschundenen Körper kaum ansehen. Bei dem blutigen Anblick rebellierte ihr Magen heftig. Eine Erscheinung, die sie bisher in dieser Konzentration nur selten verspürt hatte. Von einem Gesicht war zwischen den Schwellungen und aufgeplatzten Wunden wenig zu erkennen. Jetzt konnte sie Lennarts Aussage nachvollziehen. „Das ist das Einzige, was er mir seit zehn Minuten anzeigt.“ Paul drückte einen Sensor an der Seite der Quarantänetrage. „Unbekannte Lebensform“, meldete der Gesundheitsscanner. „Dann wirst du den Deckel öffnen müssen und die Wunden von Hand versorgen.“ „Aber, Jo! Das geht nicht!“ Paul riss seine Augen auf. „Die Hygienevorschriften erlauben nicht ...“ Josephine konnte nicht glauben, wie hilflos sich Paul ohne Technik zeigte. „Willst du vielleicht zusehen, wie er stirbt?“ Die Möglichkeit eines Parasitenbefalls konnte sie bei einem menschlichen Körper ausschließen, zumal dies nur bei schleimbedeckten Lebewesen zutraf. „Versorge seine Wunden, so wie du es früher auch getan hast.“ Nachdem sie dermaßen mit einer Entscheidung gerungen hatte, ob sie dem Lebenszeichen nachgehen sollte oder nicht, wäre es tragisch, wenn Paul sich außerstande sah, dieses Leben zu retten. Was konnte sie als medizinischer Laie schon unternehmen? Daneben stehen und mit ansehen müssen, wie der Verletzte dem Tod immer näher rückte, wollte sie definitiv nicht. Ihr schien plötzlich die Luft zum Atmen zu fehlen. Sie musste hier raus. Draußen auf dem Gang meldete sich ihre Arbeitsüberwachung. „Erholungsphase einhalten! Ihre Dienstphase überschreitet die maximalen 17 Stunden. Bitte begeben Sie sich umgehend in Ihre Kabine zum Herstellen Ihrer Arbeitsfähigkeit.“ Erschrocken sah Josephine auf ihre Uhr. Durch die Aufregung war ihr die Zeit gar nicht so lang erschienen. Sie zögerte einen Augenblick. Die Vorschriften der Transportgesellschaft waren streng. Von ihr als Kapitän erwartete man, mit gutem Beispiel voranzugehen. Eine Abmahnung wurde bei ihr höher bewertet als bei ihrer Crew. Deshalb beschloss sie nachzugeben, ging in ihre Kabine und legte sich auf das Bett. Einen Moment starrte sie an die Decke, bevor sie die Augen schloss. Sofort hatte sie den Anblick des Verletzten vor sich. Wie konnte sie sich ausruhen, während der Fremde Hilfe brauchte? Unsinn! Paul war der Arzt, nicht sie! Trotzdem spürte sie diese innere Unruhe, fast so, als läge es in ihrer Macht, dem Unbekannten zu helfen. Sie fragte sich, ob Paul überhaupt noch in der Lage war, ohne seine Technik ein Leben zu retten. Warum nur meldete der Gesundheitsscanner eine unbekannte Lebensform? Womöglich war die Software beschädigt? Der Körper sah wirklich sehr menschlich aus. Ein schrecklicher Verdacht keimte in ihr auf. Möglicherweise hatten sie einen Verbrecher aufgenommen, der in diesem defekten Raumschiff auf seinen Tod warten sollte. Aber auch in diesem Fall sollte der Gesundheitsscanner einen Menschen erkennen. War ihre Entscheidung am Ende dennoch ein schwerwiegender Fehler, den sie morgen bitter bereuen würde? Unsinn! Warum tauchten in dieser Situation nur ständig Zweifel auf. Sie war doch sonst nicht so unsicher.



2 Gedanken

‚Josephine! Hilf mir! - Bitte!‘ Josephine schoss in die Höhe. Suchend sah sie sich in ihrer Kabine um, woher diese Worte gekommen waren. Sie war allein. Hatte sie schon geschlafen und diesen Ruf nur geträumt? Vermutlich war sie übermüdet. Niemand auf dem Schiff nannte sie ‚Josephine‘, nur Käpt'n oder Jo. Sie legte sich zurück, versuchte, sich zu entspannen und schloss die Augen. Sie atmete bewusst einige Male tief durch. ‚Bitte! - Hilf mir!‘ Erneut richtete sie sich auf. Jemand musste auf dem Flur vor ihrer Kabine stehen. Als sie jedoch vor die Tür trat, war keine Menschenseele auf dem Gang zu sehen. Natürlich war das auch nicht möglich, denn derjenige hätte obendrein sehr laut sprechen müssen, um drinnen verstanden zu werden. Sie rieb sich die Augen und setzte sich auf ihr Bett. Für einen Moment vergrub sie ihr Gesicht in den Handflächen. Begann so vielleicht eine Schizophrenie? Anscheinend war sie wirklich überarbeitet und sollte jetzt versuchen zu schlafen. ‚Bring mich ... ins Wasser! - Bitte!‘ Abermals setzte sie sich auf und nahm jeden Winkel ihrer Kabine in Augenschein. Letztlich stand sie auf, durchsuchte das Badezimmer und sogar ihren Schrank. Sie war definitiv allein. Woher nur kam diese deutliche Bitte? Intensiv fing sie an, über die flehenden Worte, die sie soeben vernommen hatte, nachzudenken. Eine Stimme, die sagte, sie wolle ins Wasser? Noch dazu auf einem Raumschiff? Wie schräg war das denn? Selbst für eine beginnende Schizophrenie erschien ihr das zu abgehoben. Josephine rieb sich erneut das Gesicht in der Hoffnung, auf diese Weise klarer denken zu können. Mit ihren Überlegungen kam ihr die ungewöhnliche Erscheinung mit der blutenden Hand in den Sinn. Möglicherweise gab es zu ihrer Vision eine Verbindung, und der Verletzte verfügte über telepathische Fähigkeiten. Vielleicht war Paul gar nicht in der Lage, ihm zu helfen, deshalb versuchte der Fremde, mit ihr in Kontakt zu treten. „Ja genau, Josephine!“ Sie schüttelte über diesen Gedanken den Kopf. Weil sie auch die Expertin auf diesem Gebiet der Telepathie war. So ein Quatsch! Drehte sie jetzt völlig durch? Sie war in den letzten Jahren den verschiedensten Lebewesen begegnet, hatte merkwürdige Sprachen gehört, aber keine der für sie fremden Lebensformen verwendete Gedankenübertragung zur Kommunikation. ‚Josephine!‘ Sie hielt inne, denn nun war sie sich ganz sicher, nicht zu schlafen, sondern hellwach zu sein. ‚Bitte!‘ Es klang, als würde die Stimme leiser, ja schwächer werden. War es am Ende doch der Verletzte? Es gab nur einen Weg, das herauszufinden. Josephine stand auf und eilte über den Flur.


Auf der Krankenstation hatte Paul tatsächlich den Deckel der Quarantänetrage geöffnet. Als sie eintrat, sah er für einen Augenblick auf. „Jo? Ich dachte, du schläfst längst!“ Josephine stellte sich ans Fußende der Trage. „Hast du mich um Hilfe gebeten?“ Paul fühlte sich angesprochen, unterbrach seine Arbeit, die inzwischen wieder blutenden Wunden dieses Wesens mit Hautkleber zu versorgen, und sah sie fragend an. „Ähm, ich? Was meinst du, Jo?“ Sie nahm einen tiefen Atemzug. Warum hörte sie jetzt diese Stimme nicht? War sie am Ende doch verrückt? Sie musste sich selbst beweisen, dass es dieser Fremde gewesen war, und trat seitlich an ihn heran. Durch die Infusion, die Paul ihm verabreichte, waren die Schwellungen und Blutergüsse weitgehend zurückgegangen. Josephine sah dem Verletzten ins Gesicht. Seine Augen, die von dichten, s-förmigen Augenbrauen gerahmt wurden, blieben geschlossen. Seine leicht hervorstehenden Wangenknochen und die schmale gerade Nase gaben seinem Gesicht einen männlichen Ausdruck, ohne kantig zu sein. Ein sanftes Kitzeln durchzog ihren Bauch, denn dieser Anblick zog sie magisch an. Aber deshalb war sie nicht hergekommen. Sie suchte nach der Gewissheit, nicht geisteskrank zu sein. „Was meinst du damit, du musst ins Wasser?“ In seinem kurzen braunen Haar klebte etwas Blut, ebenso wie in den Falten der ungewöhnlich kleinen Ohrmuscheln. Paul legte seine Hand auf ihre Schulter. „Er war bisher nicht ansprechbar. Es tut mir sehr leid, Jo. Trotz all meiner Bemühungen geht es ihm zunehmend schlechter.“ Großartig! Dann sollte sie also doch verrückt sein? Eine bittere Pille, die sie nicht zu schlucken bereit war. Sie klammerte sich weiterhin an ihre Theorie der Telepathie und suchte nach Beweisen für ihre Vermutung. Paul wandte sich seinem Patienten zu, „darüber hinaus scheint mir das ein ziemlich zäher Bursche zu sein. Die Wunden sind mindestens zwei, eher sogar drei Tage alt. Ich gehe davon aus, dass er genauso lange ohne Wasser und Nahrung dort gelegen hat. Wer auch immer das getan hat, muss extrem kaltblütig gewesen sein. Ich habe seit Jahrzehnten keinen Patienten mehr gehabt, den man so zugerichtet hat.“ Errötend zog er das weiße Tuch über den Genitalbereich seines nackten Patienten zurecht. Wie ferngesteuert nahm Josephine die Hand des Verletzten und spreizte vorsichtig seine Finger. ‚Auf meinem Schiff‘, hörte sie seine Stimme, die aus ihrem Inneren zu kommen schien. ‚Wasser!‘ Diese Bitte und ihre interessante Entdeckung waren Beweis genug. „Sieh nur, Paul! Er hat Schwimmhäute!“ Josephine spürte ihren lauten Herzschlag, der in ihren Ohren pochte. Sie war nicht schizophren! Es war tatsächlich dieser Fremde, der Kontakt zu ihr aufnahm. „Du kannst ihn doch nicht mit deinen bloßen Händen anfassen!“ Paul klang entsetzt, was ihr in diesem Augenblick gleichgültig war. Achtsam hob sie seinen Arm und zog ihn waagerecht vom Körper weg, dabei faltete sich seitlich am Rumpf eine große, dünne Schwimmhaut wie ein Fächer auseinander. Ein sehr ungewöhnlicher, aber faszinierender Anblick. „Das Ding ist ein Fisch!“ Paul starrte auf die Schwimmhaut. Josephine ärgerte sich über diese Bezeichnung, versuchte jedoch, sie zu ignorieren. Sie war enttäuscht darüber, dass Paul ihn offenbar kaum untersucht und behandelt hatte. Sie trat wieder zu seinen Füßen, wo sie zwischen seinen relativ langen Zehen ebenfalls Schwimmhäute fand. Ihr Herzschlag ging noch schneller und ihre Handflächen fühlten sich feucht an. Auf ihrem Schiff, der Mrija 57, war das Wasser streng rationiert und nur für den Trinkbedarf gedacht. Ein Wasserbecken zur Rettung dieses Fremden zu schaffen, würde auf Kosten der Crewmitglieder gehen. Das durfte sie nicht einmal in Erwägung ziehen. Paul stand hinter ihr. „Das Ding vertrocknet. Deshalb verschlechtert sich sein Zustand, trotz der Wundheilung.“ Hastig fuhr Josephine herum. „Er ist kein Ding! Lass dir was einfallen, aber lass ihn nicht sterben!“ Sie eilte hinaus. Auf seinem Raumschiff existierte bestimmt ein Wasserbehälter oder Ähnliches. Diesen mussten sie finden, und zwar schleunigst. Die Türen der Kommandozentrale schoben sich zur Seite. Die drei Crewmitglieder schauten kurz auf. Josephine wandte sich an ihren ersten Offizier. „Auf dem fremden Schiff muss es ein Wasserbecken geben. Haben Sie dort etwas Vergleichbares entdeckt?“ Lennarts Augen weiteten sich. „Ein Wasserbecken?“ Er schüttelte langsam den Kopf. „Dachte ich mir.“ Josephine hastete auf den Ausgang zu. Vor der Tür drehte sie sich um, „ich sehe mich da selbst um. Schicken Sie mir Verstärkung hinterher. Die Zeit läuft uns davon.“ Lennart starrte sie weiterhin an. „Und machen Sie den Mund zu, Lennart.“


Derartiges hatte Josephine bisher nicht gesehen. Wie ein großer Tunnel, lag vor ihr ein langer, hochglänzender bläulich schimmernder Gang von ungefähr zwei Metern Durchmesser. In Kopfhöhe gab es zu beiden Seiten eine eigenwillige Beleuchtung. Dabei handelte es sich um ein schillerndes gelbbraunes Oval mit einer walnussgroßen schwarzen Mitte, das an tellergroße, ovale Fischaugen erinnerte. Diese Lampen reihten sich in regelmäßigem Abstand von gut einem Meter den Flur entlang und vermittelten ihr das Gefühl, beobachtet zu werden. Weder Schweißnähte noch Schrauben oder Nieten konnte Josephine an den Wänden entdecken. Ohne Zwischentüren zog sich der Gang in einem Bogen nach links. Sie folgte ihm. Da vorn! Ihre schneller werdenden Schritte klangen ungewohnt laut auf dem Metall. Im Innenbogen erkannte sie eine Türöffnung. Diese Tür, die sich nach oben über die Röhrendecke schob, war sichtlich gewaltsam aufgebrochen worden. Das Metall zeigte sich verbeult, zum Teil verrußt, als hätte es eine Explosion gegeben. Vermutlich war sie auf halber Höhe verklemmt. Josephine musste den Kopf einziehen, um darunter herzugehen. Ihr Blick fiel dabei auf ein großes, ovales Fenster gegenüber der Tür. Sie mahnte sich innerlich, nicht zu den Sternen zu sehen, da sie bei dem Anblick gern die Zeit vergaß, schließlich war sie hergekommen, um das Wasserbecken zu finden. Der Raum, den sie betrat, war rund und sah wie eine hohle Scheibe aus. Überall auf dem glatten Boden lagen gummiartige blaue Fetzen herum, teilweise mit Blut beschmiert. Sie ging in die Hocke und hob ein Fragment auf, um es sich genauer anzusehen. Dieses Material fühlte sich tatsächlich wie stabiler Gummi an. Elastisch und doch gelang es ihr nicht, ein Stück abzureißen. Der schnappende Laut einer sich öffnenden Tür ließ sie aufschauen. Hier gab es keine Tür, es musste vom Eingang des Raumschiffes kommen. An den gewölbten Wänden, die mit der gleichen Fischaugen-Beleuchtung wie auf dem Gang versehen war, erkannte sie Spuren eines Gefechtes. Ähnliche Merkmale fand sie auch auf dem Boden. Längliche Ruß- sowie Kratzspuren konnten eventuell von Laserwaffen stammen. Schritte hallten über den Flur - ein fast vergessenes Geräusch, denn auf ihrem Schiff gab es das nicht. „Käpt'n!“ Marvin, einer ihrer Untergebenen, der in den Vereinigten Staaten in North Carolina beheimatet war, betrat den Raum, gefolgt von zwei weiteren Crewmitgliedern, Jean und Frank. „Habe ich das richtig verstanden, wir suchen ein Wasserbecken?“ Das letzte Wort betonte er eigenartig. Josephine nickte. „Und das innerhalb der nächsten Minuten.“ Jean bückte sich und hob ein Gummiteil auf. „Vielleicht war es ja das hier!“ Diesen Gedanken schob Josephine energisch beiseite. „Unsinn!“ Bei hohen Geschwindigkeiten würde ein Gummibecken nicht standhalten. Marvin kam dicht an sie heran. „Wir haben vorhin alles abgesucht, es gibt nur die Röhre und diesen Raum hier.“ Josephine sah sich in diesem ansonsten leeren Innenraum um. „Es muss einen Bordcomputer, einen Maschinenraum, wenigstens eine Kommandobrücke geben. Das kann nicht alles sein.“ Aber die Überlegung war berechtigt. Wo sollte sie an einem solchen Ort ein Wasserbecken finden? Sie sah keine Sensoren oder Schalter, keine Türen, keine Monitore, nur einen nackten Raum. „Der Verletzte verfügt über Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen. Es muss hier also einen Wassertank in der Wand oder im Boden geben.“ Marvin schüttelte den Kopf. „Käpt'n! Außer dieser selbsttätig aufgehenden Eingangstür gibt es nichts, was uns weiterhilft.“

Josephine dachte an die Erscheinungen, die sie vor ihrem geistigen Auge gesehen hatte, an die blutige Hand und die hilfesuchenden Worte, die sie hörte, als sie in ihrer Kabine gewesen war. Dieses Lebewesen verständigte sich vielleicht nicht nur in Notsituationen über Gedanken, sondern auch unter normalen Umständen. Ein Kommunikationssystem, wie sie es kannte, wäre in diesem Fall überflüssig. „Wir suchen wahrscheinlich nach einer uns unbekannten Technik. Angenommen“, sie sah die Männer dabei abwechselnd an, „diese Lebewesen kommunizieren über Telepathie, dann benötigen sie logischerweise ein anderes System.“ Marvin sprach auffallend langsam: „Telepathie?“ „Es muss“, sie betonte deutlich jedes Wort, „hier ein Wasserbecken existieren. Das Leben dieses Fremden hängt davon ab, ob wir es schnell genug finden.“ Ihr Funkgerät meldete sich mit einem Piepton. „Was gibt es?“ Es konnte nur Paul sein. „Habt ihr was gefunden?“ Seine Stimme klang zittrig. „Nein!“ Sie bemerkte, wie unzufrieden sie mit der Antwort war. „Jo“, Paul legte eine merkwürdige Pause ein. „Ich glaube – dieses Ding ... hält nicht mehr lange durch.“ In ihrem Hals schien ein riesiger Kloß zu wachsen, und ihr Mund fühlte sich ganz trocken an. „Bitte, Paul, lass dir etwas einfallen.“ Kälte breitete sich in ihrem Inneren aus. Entschlossen wandte sie sich an ihre Crew. „Tasten Sie die Wände ab, konzentrieren Sie sich auf Ihre Gedanken, auf einfache Kommandos.“ Zögernd sahen die drei sie an. „Na los, das ist kein Spiel, es geht hier um ein Leben.“ Während die Männer neben der Tür mit ihrer Suche begonnen, kniete sich Josephine hin und untersuchte den Boden. In der Mitte des Raums fand sie einen feinen Spalt, nicht breiter als ein Haar. Prüfend klopfte sie zu beiden Seiten dieser Rille auf das Metall. Hinter dem Haarspalt klang es eindeutig hohler als davor. Das musste es sein. Auf dem Boden rutschend fuhr sie mit dem Finger den Umriss entlang. Ungefähr fünf Meter im Durchmesser war es groß. Intensiv dachte sie an das Wort „Öffnen“. Aber natürlich öffnete sich nichts. Das wäre ja auch zu einfach gewesen.

„Käpt'n!“ Frank hatte in der Wand, einige Meter von der Tür entfernt, etwas entdeckt. Josephine sprang auf und eilte an seine Seite. Unscheinbar in der Metallwand leuchtete eine Art Tastatur mit undefinierbaren Schriftzeichen, die Ähnlichkeit mit arabischen Zeichen hatten. „Als ich mit der Hand darüberfuhr, schaltete sich ein Licht ein, sonst hätte ich es bei dieser schwachen Beleuchtung glatt übersehen.“ Frank trat zur Seite und überließ Josephine die Aufgabe, dran herumzuprobieren. Hier musste der Schlüssel zum Wasserbecken sein, dessen war sie sich ganz sicher. Der Reihe nach berührte sie die Sensoren, doch es geschah nichts. Vielleicht sollte Paul den Fremden herbringen. Sie nahm über ihr CC Kontakt zum Schiffsarzt auf. „Paul? Bring ihn her.“ Pauls Stimme klang auffallend leise. „Jo - ich finde keinen Puls mehr, Jo. Er ist tot.“ Josephine schloss für einen Augenblick die Augen. Diese Nachricht schien ihr einen Stich durch ihre Brust zu versetzen. „Bring ihn her!“ Sie bemühte sich, Wut und Hilflosigkeit in ihrer Stimme zu kontrollieren. „Ja, natürlich!“, beendete Paul das Gespräch. „Verdammt!“ Am liebsten hätte sie ihr CC gegen die Wand geworfen, aber Emotionen durfte sie vor den Augen ihrer Crew nicht offenbaren. Mit einem tiefen Atemzug schwenkte sie ihren Blick zum ovalen Fenster, dann wieder zurück zur Tastatur. Zwei der Tasten leuchteten in einem sanften blauen Licht. Warum erst jetzt? Sie hätte sich hier viel früher umsehen sollen, statt sich aufs Ohr zu legen. Woher kamen nur heute diese ständig wiederkehrenden Zweifel. Sie war doch sonst viel entschlossener. Um sich Klarheit zu verschaffen, berührte sie die beiden Sensoren, die in diesem Augenblick nicht mehr leuchteten. Ein leises Surren bestätigte Josephines Verdacht. Als sie sich umdrehte, sah sie, wie sich eine Metallplatte im Boden wie von Geisterhand zur Seite schob und den Blick auf ein spärlich beleuchtetes Wasserbecken freigab. Das wäre seine Rettung gewesen. Heftig musste Josephine schlucken. „Alle Achtung, Käpt'n!“ Marvin klopfte ihr auf die Schulter. „Würde ich das nicht sehen ...“ Josephine hob ihre Hände und trat zurück. Dieser lästige Kloß im Hals war wirklich hinderlich. „Danke! Sie können gehen!“ Sie gab sich Mühe, nicht emotional zu klingen. „Aber, Käpt'n ...“ Marvin brach seinen Protest ab, als Josephine ihm einen Blick zuwarf, der keinen Widerspruch duldete. „Danke!“ Ohne jeden weiteren Kommentar zogen sich die drei Männer auf ihr Schiff zurück. Nur einen Atemzug später vernahm Josephine erneut die Tür zum Raumschiff, dann leise Schritte. Paul musste sich ebenfalls unter der verklemmten Tür hindurchzwängen, um einzutreten. Hinter ihm schwebte die geschlossene Quarantänetrage lautlos über den Boden. Als Pauls Blick auf das Wasserbecken fiel, blieb er ruckartig stehen. „Mein Gott! Jo!“ Er schluckte hart. „Dieses Becken soll zumindest seine letzte Ruhestätte sein.“ Sie konnte diese Worte nur flüstern, zu groß war der Kloß in ihrem Hals. Sie fühlte sich, als hätte sie versagt, dabei war es doch gar nicht ihre Schuld. Paul sah ihr ins Gesicht. „Ich ... dieses Ding ...“ Sie holte tief Luft. „Kannst du nicht wenigstens jetzt aufhören, ihn ein Ding zu nennen?“ „Aber, Jo, ich habe alles ...“, wurde Paul unterbrochen. „Lass mich bitte allein!“, forderte Josephine. Paul setzte erneut zum Protest an, den Josephine jedoch im Keim erstickte. „Raus!“


Endlich war Ruhe. Josephine berührte die Sensoren an der Quarantänetrage, die sich augenblicklich bis kurz über dem Boden absenkte. Der durchsichtige Deckel schob sich nach hinten. Paul hatte den Fremden auf den Bauch gedreht, vermutlich, um noch seine Kiemen zu befeuchten, die Josephine jetzt nur flüchtig betrachtete. „Es tut mir so leid“, flüsterte sie. Mit dem Berühren des nächsten Sensors auf der Trage kippte diese schräg nach vorn, hob sich hinten und entließ den Unbekannten mit dem Kopf voraus ins Wasserbecken. Das nagende Gefühl, versagt zu haben, fühlte sich schmerzvoller an, als jede Verletzung, die sie je erlebt hatte. Langsam glitt der Körper auf den Grund des Beckens. Durch die Wasserbewegung streckten sich die Arme zur Seite, dadurch entfalteten sich die großen Schwimmhäute wie ein Fächer. Sie sahen wie hauchdünne Flügel aus. Wie faszinierend so ein Leben im Wasser sein musste. Darüber würde sie nun nichts erfahren. Unter den Schulterblättern seiner muskulösen Schultern, dicht neben den Schwimmhäuten, beobachtete sie die drei schlitzförmigen Öffnungen der Kiemen zu beiden Seiten. Bewegten sie sich nicht? Paul hatte behauptet, er sei tot und habe keinen Puls. Es konnte sich also nur um eine optische Täuschung handeln.

Nein!

Josephine kniete sich an den Beckenrand und versuchte, sich auf die Kiemen zu konzentrieren. Der Kloß in ihrem Hals war augenblicklich verschwunden, dafür erhöhte sich ihr Herzschlag. „Du lebst!“ Sie wartete auf eine Reaktion, eine Bewegung, ein Zeichen, doch es geschah nichts. Vielleicht wurde diese Einbildung nur durch die Wasserbewegung verursacht, und allein der Wunsch, er würde leben, ließ dieses Bild der Hoffnung entstehen. Warum war sie nicht gleich am Morgen hergekommen? ‚Danke‘, vernahm sie leise seine Stimme. Erschrocken warf sie ihre Hand über den Mund. Sämtliche Anspannungen, die sich in den letzten Stunden in ihr aufgebaut hatten, fielen von ihr ab. Jetzt war ihr nach Lachen zumute. „Ich hatte schon befürchtet ...&

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Rat der weißen Sterne" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen