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Ragazzi, was habe ich verpasst?

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Inhaltsübersicht

Vorwort

1.

2.

3.

4.

5.

LEKTION NUMMER EINS ÜBER DIE VERFÜHRUNG

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

Danksagungen

Fußnoten

|5|Für meine Mutter,
die es genauso sah.

 

|7|Hat man erst einmal den Geist aufgegeben,
folgt alles andere mit tödlicher Sicherheit,
sogar mitten im Chaos.

 

HENRY MILLER

|9|Vorwort

des Meisters Mimmo Repetto
(verfasst in der Morgenröte seines einhundertsten Geburtstages)

Alles, was ich nicht ausstehen kann, lässt sich benennen.

Ich kann die Alten nicht ausstehen. Ihr Gesabber. Ihr Gejammer. Ihre Nutzlosigkeit.

Noch schlimmer ist es, wenn sie sich nützlich machen wollen. Ihre Abhängigkeit.

Ihre Geräusche. Die zahlreich sind und immer gleich. Ihr gnadenloses Anekdotenrepertoire.

Die Ichbezogenheit ihrer Geschichten. Ihre Verachtung gegenüber den nachfolgenden Generationen.

Aber die nachfolgenden Generationen kann ich genauso wenig ausstehen.

Ich kann die Alten nicht ausstehen, wenn sie herumgeifern, weil sie einen Sitzplatz im Bus wollen.

Ich kann die jungen Leute nicht ausstehen. Ihre Arroganz. Ihr Geprotze mit Kraft und Jugend.

Ihre Anmaßung heldenhafter Unbesiegbarkeit ist einfach nur pathetisch.

Ich kann die impertinenten Jugendlichen nicht ausstehen, die den Alten im Bus ihren Sitzplatz nicht abtreten.

Ich kann die Halbstarken nicht ausstehen. Ihr unvermitteltes, sinnloses Staccato-Gelächter.

Ihre Verachtung gegenüber jedem, der anders ist. Noch unausstehlicher sind die braven, verantwortungsbewussten und selbstlosen Jugendlichen. Die ihr Leben der Nächstenliebe und dem Rosenkranz geweiht haben. Die nur aus guter Erziehung und Tod bestehen. Ihre Herzen sind so vertrocknet wie ihr Hirn.

Ich kann verzogene Kinder nicht ausstehen, die meinen, sie wären allein auf der Welt, und auch nicht ihre manischen Eltern, die nur auf ihre Kinder fixiert sind. Ich kann Kinder nicht ausstehen, die herumschreien und weinen. Und die stillen machen |10|mich nervös, also kann ich auch sie nicht ausstehen. Ich kann weder Arbeitende noch Arbeitslose ausstehen, vor allem nicht deren larmoyante und rücksichtslose Zurschaustellung ihres göttlichen Unglücks.

Das alles andere als göttlich ist. Nur fehlender Mumm.

Aber wie sollte man die anderen ertragen, die sich ganz dem Engagement und der Weltverbesserung verschrieben haben, die zu jeder Bürgerinitiative rennen und dabei unmäßig Achselschweiß verströmen? Die hält kein Mensch aus.

Ich kann die Manager nicht ausstehen. Wozu sich jede Erläuterung erübrigt. Ich kann die Kleinbürger nicht ausstehen, die sich in ihrer Scheißwelt eingekapselt haben. Der Leitstern ihrer Existenz: die Angst. Die Angst vor allem, was nicht in diese kleine verschissene Kapsel passt. Snobs, die noch nicht einmal die Bedeutung dieses Begriffes kennen.

Ich kann Pärchen nicht ausstehen, weil sie zu viel Platz wegnehmen.

Ich kann Freundinnen nicht ausstehen, weil sie sich überall einmischen.

Ich kann Leute nicht ausstehen, die alles in ihrem weiten Horizont unterbringen können, weil sie so verdammt tolerant sind.

Immer korrekt. Immer perfekt. Immer tadellos.

Alles ist gestattet, alles, bis auf Mord.

Du kritisierst sie, und sie bedanken sich bei dir für deine Kritik. Du verachtest sie, und sie danken dir großmütig dafür. Wie auch immer – sie bringen dich in die Bredouille.

Weil sie die Boshaftigkeit boykottieren.

Deshalb sind sie nicht zum Aushalten.

Sie fragen dich: »Wie geht’s?«, und wollen es wirklich wissen. Ein Schock. Aber unter diesem selbstlosen Interesse liegt irgendwo die Machete verborgen.

Ich kann aber auch die nicht ausstehen, die dich nie in die Bredouille bringen. Immer artig und voller Zustimmung. Treue Speichellecker.

Ich kann Billardspieler nicht ausstehen, auch Spitznamen nicht, |11|weder Wankelmütige noch Nichtraucher, weder den Smog noch gute Luft, ich hasse Handelsvertreter, Pizza zum Mitnehmen, Höflichkeitsfloskeln, Schokoladencroissants, Lagerfeuer, Broker, Blumentapeten, Fair-Trade-Geschäfte, Unordnung, Umweltschützer, Rechtsstaatsbewusstsein, Katzen, Mäuse, alkoholfreie Getränke, Überraschungsbesucher an der Gegensprechanlage, lange Telefongespräche, Leute, die behaupten, dass ein Glas Wein am Tag gesund sei, Leute, die so tun, als hätten sie deinen Namen vergessen, Leute, die sich damit rechtfertigen, dass sie sich professionell verhalten hätten, die Schulkameraden, die dich nach dreißig Jahren treffen und dich mit deinem Nachnamen ansprechen, die Alten, die keine Gelegenheit auslassen, dir zu sagen, dass sie in der Resistenza gekämpft haben, phantasielose Kinder, die nichts mit sich anzufangen wissen und plötzlich eine Kunstgalerie eröffnen wollen, Exkommunisten, die plötzlich dem brasilianischen Folk verfallen, Hirnlose, die alles »spannend« finden, Zeitgeistgenies, die alles »geil« oder »ungeil« nennen, Schmalzköpfe, die alles hübsch, süß oder toll finden, die Anhänger der Ökumene, die alle lieben wollen, eine bestimmte Art gut aussehender Frau, die dir sagt, sie »bete dich an«, die Glückspilze, die alles nach Gehör spielen können, die vorgeblich Zerstreuten, die dir nicht zuhören, wenn du redest, die Vorgesetzten, die dich taxieren, Feministinnen, Pendler, Süßungsmittel, Modeschöpfer, Regisseure, Autoradios, klassische Tänzer, Politiker, Skistiefel, Heranwachsende, Staatssekretäre, Reime, gealterte Rocksänger in engen Jeans, bornierte und seriöse Schriftsteller, Verwandte, Blumen, Blonde, Verbeugungen, Regalbretter, Intellektuelle, Straßenkünstler, Quallen, Magier, VIPs, Vergewaltiger, Pädophile, alle Zirkusse, Kulturbeauftragte, Sozialarbeiter, Vergnügungen, Tierliebhaber, Krawatten, künstliches Gelächter, Provinzler, Tragflächenboote, Sammler jedweder Couleur, aber mit besonderem Nachdruck: Uhrensammler, alle Hobbys, Ärzte, Patienten, den Jazz, Werbung, Bauunternehmer, Mütter, das Publikum beim Basketball, sämtliche Schauspieler und Schauspielerinnen, Videokunst, Rummelplätze, alle Arten von Avantgardisten, Suppen, |12|zeitgenössische Malerei, alte Handwerker in ihren Werkstätten, dilettierende Gitarristen, Statuen auf Plätzen, den Handkuss, Beautyfarmen, gutaussehende Philosophen, überchlorte Schwimmbäder, Algen, Diebe, Magersüchtige, Ferien, Liebesbriefe, Priester und Messdiener, Zäpfchen, World Music, Pseudorevoluzzer, Stumpfmuscheln, Pandabären, Akne, Perkussionisten, Duschen mit Duschvorhängen, Leberflecke, Hornhaut, Staubfänger, Muttermale, Vegetarier, Vedutenmaler, Kosmetika, Opernsänger, Leute aus Paris, Rollkragenpullover, Musik im Restaurant, Feten, Meetings, Wohnungen mit Panoramablick, Anglizismen, Neologismen, Leute, die von Beruf Sohn sind oder den Beruf des Vaters ausüben oder den Reichtum der Eltern geerbt haben, überhaupt die Kinder anderer Leute, Museen, Bürgermeister, sämtliche Stadträte, Demonstranten, Lyrik, Wurstwarenhändler, Juweliere, Alarmanlagen, Ketten aus Gelbgold, Führungspersönlichkeiten, Wasserträger, Prostituierte, zu kleine oder zu große Leute, Beerdigungen, Schamhaare, Handys, die Bürokratie, Installationen, Autos jedweder Hubraumklasse, Schlüsselanhänger, Liedermacher, Japaner, Chefs, Rassisten und Tolerante, Blinde, Resopal, Kupfer, Messing, Bambus, Fernsehköche, Menschenansammlungen, Bräunungscremes, Lobbys, Slangs, Flecken, Frauen, die sich aushalten lassen, Füllhörner, Stotterer, junggebliebene Alte und altbackene Jugendliche, Snobs, die Intellektschickeria, Schönheitschirurgie, Umgehungsstraßen, Pflanzen, Mokassins, Sektierer, Fernsehansager, Adelige, sich verheddernde Fäden, Starlets, Komiker, Golfspieler, Science-Fiction, Veterinäre, Models, politische Flüchtlinge, Beschränkte, schneeweiße Strände, Modereligionen und ihre Anhänger, Fliesen zweiter Wahl, Sturköpfe, hauptberufliche Kritiker, Pärchen, bei denen sie etwas reifer und er jung ist – und umgekehrt, die Reifen, alle Leute mit Hut, alle Leute mit Sonnenbrille, Bräunungsstudios, Brände, Armreife, Leute mit den richtigen Beziehungen, Militärs, zügellose Tennisspieler, Parteiische und Fußballfans, Parfums aus dem Tabakladen, Hochzeiten, Witze, die Erstkommunion, Freimaurer, die Messe, Leute, die pfeifen, Leute, die unvermittelt lossingen, Rülpser, |13|Heroinabhängige, Lions Clubs, Kokainabhängige, Rotary Clubs, Sextourismus, Tourismus, diejenigen, die den Tourismus verachten und behaupten, sie seien »Reisende«, diejenigen, die »aus Erfahrung« sprechen, diejenigen, die keine Erfahrung haben und trotzdem sprechen wollen, alle, die mit dem Leben zurechtkommen, Grundschullehrerinnen, die Versammlungskranken, die Kranken im Allgemeinen, Krankenpfleger in Clogs, warum müssen die eigentlich alle Clogs tragen?

Ich kann die Schüchternen nicht ausstehen, ebenso wenig die Dampfplauderer, die Möchtegern-Geheimnisvollen, die Tölpel, Hohlköpfe, die Brillanten, die Anmutigen, Verrückte, Genies, Helden, Selbstsichere, Schweiger, Couragierte, Nachdenkliche, Aufschneider, Rüpel, Skrupulöse, Unberechenbare, Verständnisvolle, Gründliche, Bescheidene, Experten, Liebhaber, Salbaderer, die ewig Überraschten, die Gerechten, die Zauderer, Hermetiker, Pointensprüher, Zyniker, Ängstliche, Vierschrötige, Streithähne, Hochmütige, Phlegmatiker, Aufschneider, Zimperliche, Forsche, Tragiker, Lustlose, Unsichere, Zweifler, Desillusionierte, Erstaunte, Siegertypen, Geier, Unterwürfige, Verlotterte, Süßholzraspler, Lamentierer, Heulsusen, Launische, Verwöhnte, Lärmende, Schmierige, Brüske und all die, die so wahnsinnig schnell Anschluss finden.

Ich kann die Nostalgie nicht ausstehen, die Normalität, die Gemeinheit, Hyperaktivität, Bulimie, Freundlichkeit, Melancholie, Traurigkeit, Intelligenz und Dummheit, Anmaßung, Verdruss, Scham, Arroganz, Sympathie, Doppelzüngigkeit, Wurschtigkeit, Machtmissbrauch, Unfähigkeit, Sportlichkeit, Gutherzigkeit, Religiosität, Zurschaustellung, Neugier und Gleichgültigkeit, Inszenierung, Wirklichkeit, Schuld, Minimalismus, Nüchternheit und Exzess, Unverbindlichkeit, Falschheit, Verantwortlichkeit, Sorglosigkeit, Erregtheit, Weisheit, Entschlossenheit, Selbstgefälligkeit, Verantwortungslosigkeit, Korrektheit, Gefühllosigkeit, Ernsthaftigkeit und Frivolität, Aufgeblasenheit, die Notwendigkeit, die menschliche Not, Mitgefühl, Trübsinn, Vorhersehbarkeit, Gewissenlosigkeit, Verfänglichkeit, Schnelligkeit, Dunkelheit, Nachlässigkeit, |14|Langsamkeit, Mittelmäßigkeit, Geschwindigkeit, Unausweichlichkeit, Exhibitionismus, Enthusiasmus, Schlamperei, Virtuosität, Dilettantismus, Professionalität, Aktivismus, Automobilismus, Autonomie, Abhängigkeit, Eleganz und Glück.

Ich kann nichts und niemanden ausstehen.

Nicht einmal mich. Mich am wenigsten.

Nur eines kann ich ertragen.

Zwischentöne.

|15|1.

Gondoliere portami a Napoli.

Gondoliere, bring mich nach Neapel.

 

FRANCO CALIFANO

Das war uns damals zwar gar nicht richtig bewusst, aber alles fing damit an, dass einer von uns Talent hatte, leider. Und zwar ich!

Was gibt es sonst zu sagen? Tagein, tagaus sagt man sich: Ist okay. Es ist aber ganz und gar nicht okay. Fast nie. Und dabei würde ich es schon wieder bewenden lassen, noch bevor ich richtig angefangen habe, wäre da nicht diese krankhafte Eitelkeit in mir, die immer einen Schritt schneller ist als ich.

Ich wäre gerne klar, aber es würde nichts bringen.

Ich könnte mir die Seele aus dem Leib kotzen, während der kränklich-gelbe Schweiß sich zu kleinen Perlen sammelt und mir die niedrige Stirn liebkost, meine niedrige Stirn, die niedrige Stirn von mir, Tony Pagoda, alias Tony P, der vierundvierzig pralle Jahre durchgerockt hat, Jahre, die ich gar nicht zählen will, denn wenn ich sie zähle, dann läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Man möchte nun mal sein Leben lang jung bleiben, älter zu werden ist wahrlich kein Zuckerschlecken. So wahr ich hier stehe. Wie auch immer, das Leben muss nun einmal abgehandelt werden. Auch wenn es dabei langsam, aber sicher bergab geht.

Egal, ich bin einer von denen, die von Anhängern des Schubladendenkens als »Nachtclubsänger« bezeichnet werden. Ich bin aber kein Schubladeninhalt. Ich bin ein Mensch.

Aber was soll ich sagen? Hinterher ist man immer klüger, und vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte nur in irgendeiner Schublade geschlummert.

 

|16|Ich fläze in dieser luxuriösen Künstlergarderobe herum, die so groß ist wie das Wohnzimmer in meiner Wohnung in Neapel, voll von diesem roten Samt, der sich mit meinem Daseinsgefühl beißt, während ich darauf warte, das wichtigste Konzert meiner formidablen Karriere zu geben, einer Karriere, die ich mir, wie jedermann weiß, Stück für Stück aufgebaut habe. Ich knie nieder und versuche, das Mineralwasser in Schach zu halten, das aufbegehrt, das aus meinem Magen ins Klo will, Kreuzzeichen, Hände gefaltet, mit meinen Speckfingern und sämtlichen Klunkern dran. Die Handflächen kleben aneinander wie verschwitzte Magnete. Jetzt habe ich mich nass gemacht.

Ich bete, krame hektisch in den rudimentären Erinnerungen aus meinem Kommunionsunterricht, aber nichts kommt, nicht einmal ein bescheidenes Paternoster. Na ja, wenn du dir tagein, tagaus Kokain ins Hirn ziehst, und zwar über geraume Zeit, dann geht dein Gedächtnis flöten, aber hallo, und nicht nur das. Und von Kokain mache ich ganz unbeschwert Gebrauch, unbeschwert und unaufhörlich, seit zwanzig Jahren. Und dann redest du dir ein, ist doch halb so schlimm, irgendwo in deinem Bewusstsein, da hat das Gedächtnis sich ein Bollwerk geschaffen, du leugnest die Evidenz, flüchtest dich in Autosuggestion und breitest einen Mantel aus Schnee darüber. Dann kommt das ungläubige Erwachen, aber das sind schon verzögerte Irrlichter. Plötzlich: der Gestank des Neuen.

So ist es, wenn bestialische Schmerzen einsetzen, du ziehst es dir bis zum Äußersten rein, und ganz beiläufig findest du, auf Knien und butterweich, deine Seele vor dir. Dieses unsichtbare Monument.

Aber ein Stoßgebet, das kommt dir nicht so einfach aus der kalten Hose, von wegen, doch immerhin fällt mir ein Satz ein, den ich einmal einer Journalistin mit bemerkenswerten Titten gesagt habe:

»Wenn Sinatra die Stimme von Gott gegeben wurde, dann habe ich meine, in aller Bescheidenheit, von San Gennaro bekommen«, genau das habe ich gesagt.

|17|Damals hatte ich Lust, anzugeben wie ein Sack voll Mücken. Und wenn ich dieses Konzert sauber über die Bühne bringe, dann kann ich auch weiter hübsch mein Maul aufreißen.

Ich stehe auf, und schon beutelt mich wieder der Brechreiz, als wäre ich beim Rodeo. Ich merke, wie der Gin Tonic Nummer drei hochkommt. Nein, kein Koks, nicht wenn ich singe. Das ist ’ne Sache, die sich einer wie Mick Jagger erlauben kann, einer, der herumbrüllt, rennt und mit dem Arsch wackelt, ich dagegen singe, ich muss das Gaumenzäpfchen spüren wie eine Snare Drum und das Stimmband, das schwingt wie eine Gitarrensaite. Für meinen Brechreiz gibt es heute einen ganz konkreten Grund, da draußen in der majestätischen Radio City Music Hall sitzt nämlich, verschrumpelt in Alkohol und Erfahrung, in vorderster Reihe, kein Geringerer als er, The Voice, bereit, mir zu lauschen, diesem in den Staaten unbekannten Neapolitaner, der aber, wie es scheint, in Italien, Deutschland, Russland, Spanien, Belgien, Holland, Brasilien, Argentinien und Venezuela eine Riesennummer ist, der man die LPs nur so aus der Hand reißt. Schnell wie Maschinengewehrsalven.

Sie warten auf mich. Wenn es etwas gibt, was ich gelernt habe in diesem Leben, dann ist es, auf mich warten zu lassen. Genau betrachtet, habe ich das dermaßen perfektioniert, dass ich am Ende gar nicht mehr ankomme. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Applaus, den diese Horde sechzigjähriger Italoamerikaner Richtung Bühne schleudert, hat den verdammt schalen Beigeschmack von Nostalgie, so wie »O sole mio« und »Munasterio ’e Santa Chiara«. Sie warten auf den triumphalen Einzug, auf meinen Einzug!

Dieses Publikum kenne ich wie die Kugeln von meinem Taschenbillard. Ein Publikum, das an den auf italienische Sender gerichteten Satellitenschüsseln hängt wie der Säugling an der Brust und in Wellen der Melancholie schwelgt. Auf solche Leute ist Verlass.

 

|18|Mein Pianist der ersten Stunde, Rino Pappalardo, klingelt und klopft an die Tür der Garderobe, mit seiner geübten Hand, an der ein rotes chiliförmiges Horn als Talisman hängt. Es ist so weit.

»Ich komme sofort«, hauche ich, mit nur einem Stimmband, während ich meinen nackten, unförmigen, aufgeblähten und behaarten Bauch studiere. Mit meinem stolzen Blick, der so viele Mädels ruiniert hat, zwinkere ich mir kurz im Spiegel zu und stelle mit einem Tick Besorgnis fest, dass, au Scheiße, nicht ausgerechnet jetzt, dieses stolze Zwinkern mit den rehbraunen Augen schief und faltig wirkt. Allerdings schlau und opportunistisch wie eh und je, gleichzeitig zynisch und romantisch. Ich halte den Atem an und übe, die Wampe einzuziehen. Das Ergebnis ist niederschmetternd. Ich schiebe das Seidenhemd des Smokings wieder rein und schaue mich entschlossen im Spiegel an, der von zu vielen weißen Birnen eingerahmt ist, pontifikal und hoffnungsvoll, wie ich nun einmal bin, und eine Orgie von Gefühlswallung, Angst, Panik und Lampenfieber bricht los.

Rino lässt nicht locker und klopft erneut.

»Hier bin ich, meine Täubchen, ich komme«, antworte ich.

Während ich mir Gin Tonic Nummer vier zur Brust nehme.

 

Wir gehen durch den neonbeleuchteten Flur, der zur Bühne führt, wie Cäsar mit seinen Vasallen, ich vorneweg, Rino Pappalardo, Lello Cosa am Schlagzeug, Gino Martire am Bass, Titta Palumbo an der Guitar. Alle im Smoking, alle himmelweit entfernt von ihrem gewohnten Ambiente, alle heillos aufgeregt, wir Schweineigel wissen: Dieses Konzert ist einige Nummern größer als wir.

Insgeheim denkt Titta bestimmt, dass nicht einer von uns Noten lesen kann. Aber nur insgeheim. Dies ist ein Erfolg, der auf musikalischem Gehör basiert.

»Ich bräuchte einen Schluck Ballantine’s«, flüstert Cosa Martire zu.

»Vielleicht sitzt der im Publikum«, ulkt Martire totenblass.

»Wer?«, sabbelt der taube Lello Cosa.

|19|»Ballantine, der Eigentümer der gleichnamigen Fabrik«, erklärt Gino Martire, der Schlaumeier.

»Haltet den Rand«, ordne ich an. Und niemand sagt mehr einen Ton.

»Vier«, grölt Lello Cosa heiser, und die Bass Drum gibt langsamer als gewöhnlich ihren 4/4-Takt vor. In der zweiten Sequenz findet Lello wieder in seinen normalen Rhythmus. Aus den Kulissen schaue ich ihm missmutig zu. Das Intro dauert endlose vierundzwanzig Sekunden, vierundzwanzig Sekunden, in denen mich erbarmungslos der Gedanke anfällt, dass dieser Saal größer ist als in meiner Erinnerung, aber ich habe ein Speichelproblem, zu viel Speichelproduktion, in fünfzehn Sekunden kommt mein Einsatz, betrete ich die Bühne, vielleicht noch früher, fick dich, Speichel, fick dich ins Knie, verpiss dich in deinen Bau, Speichel.

Mein Blutdruck dürfte so in etwa die Werte eines Geckos erreicht haben: elf zu vierzig. Eine mittelalterliche Blässe kriecht mir über das Gesicht, aber was soll’s. Mein Auftritt gleicht dem eines Jaguars, würde ich meinen, gespielte Nonchalance. Aber was den Bühnenauftritt angeht, da bin ich ein Meister, ein Erzengel, ich könnte ganze Traktate schreiben, Pamphlete … Der Beifall lässt meinen Kiefer zittern, es bebt der Saal, als wäre ein Kernkraftwerk explodiert, dem Heiland sei’s gedankt, der Speichelfluss versiegt, und während ich mir das Mikro schnappe, lächle ich selig ins johlende Publikum, das sofort Un treno per il mare1 erkennt.

Am Ende des Intros setze ich mit meinem Gesang ein. Und nach zwei Liebesversen brandet er wieder auf, der tosende Beifall meiner Italoamerikaner. Wieder zu viel Speichel, grüble ich stumpf, behämmert vor Aufregung, aber ich besorg’s ihnen trotzdem, das hat noch allemal hingehauen, bei amore setzt ihnen der Verstand aus, und niemand wird je erfahren, dass … zu viel Speichel, zu viel Spucke.

Meine Hirnlappen schlagen jetzt hin und her wie Fensterläden im Sturm. Ich suche die vorderste Reihe nach Frank Sinatra ab, |20|ich finde ihn nicht, wo zum Henker ist er? Sag bloß, die Schwuchtel ist gar nicht gekommen!

Ich setze mit der zweiten Strophe ein, mit einer halben Sekunde Verspätung, schnell habe ich die anderen wieder eingeholt, und so bringe ich eine mediokre Interpretation von Un treno per il mare über die Bühne. Grazie, sage ich, dann: thank you, und während ich das sage, entdecke ich einen Sinatra mit hochroter Birne. Hau rein, Tony, flüstere ich mir zu, und Tony haut rein, als die Klänge von Una cometa nel cuore2 gen Himmel schweben, eines dieser Stücke, das selbst das Herz eines schwedischen Serienmörders tranchieren würde. Nach zwei Akkorden habe ich schon die emotionale Schallmauer durchbrochen.

Und dann verliere ich mich in einem prosaischen Gedanken: Hat man erst die emotionale Schallmauer durchbrochen, sieht das Leben aus wie eine Christbaumkugel.

Jetzt bin ich kühn und aufgeblasen wie Snoopy, der auf seiner Hundehütte Kampfflieger spielt, im Refrain springe ich noch einmal vier Töne über den ohnehin verrückt hohen Spitzenton, da würde nicht mal Diamanda Galás hinaufkommen, die Wände der Radio City Hall vibrieren wie Harfensaiten unter einem steifen Schwanz, das Publikum aus Italoamerikanern zerkloppt sich die Arbeiterschwielen an den Händen, so applaudieren sie, und den kreischenden Damen steigen heiße Zähren in die Augen. Der Lidschatten ist zerlaufen, bröckelig wie alte Margarine. Wer sich je verliebt hat im Leben, dem setzt jetzt fast das Herz aus. Und wer hätte sich nicht zumindest einmal im Leben verliebt?

Selbst Frank Sinatra, in vorderster Front, muss sich die Gabardinehosen zurechtzupfen, er lacht und delektiert sich an so viel Stimmgewalt. Frank delektiert sich mit mehr Contenance, das ist nun mal sein Stil, aber mit ihm ist es sowieso ein anderes Paar Stiefel, um Frank zu verblüffen, musst du schon was anderes bieten, das Kinderkarussell des Lebens kennt er in- und auswendig, im Vorwärts- wie im Rückwärtsgang. Und jetzt erwische ich ihn |21|voll, unseren guten alten Frank, unsere Blicke begegnen sich, Berufskollegen, eine orgiastische Ekstase wechselseitiger Bewunderung.

Ich bin im Olymp, Scheiße noch eins, oder jedenfalls im Clan von Frank, denke ich.

Der Himmel ist nur einen Schritt weit entfernt, jetzt, da ich singe wie ein Gott, da ich mich fühle wie Gott, Allmächtiger, ich bin wirklich Gott, die Augen geschlossen, den Kopf in den Nacken gelegt. Und wenn Gott sich zeigen würde, dann würde er mir jetzt wahrscheinlich das Mikro halten, mir, Tony Pagoda. Alias Tony P.

 

So spaziere ich also, wie ein Charlie Chaplin der U-Musik, untergehakt mit dem lieben Gott, von 22 bis 24 Uhr New Yorker Ortszeit auf der Bühne auf und ab. Auf der Bühne der Radio City Hall.

Sinatra ist sturzbesoffen, aber er schläft nicht. Nicht nur, dass er nicht schläft, er ist hypnotisiert. Bei mir zu Hause nennt man das Resultate. Handfeste Resultate.

Jedenfalls geht mir, in gedankenverlorenen Synkopen, eine Flut an Noten und Songs durch den Schädel, und ich denke, jetzt gilt es, wenn nicht jetzt, wann dann …

Ich trällere Quel che resta di me3 und denke, Junge, hast du Eier!

Ich schmettere Un giorno lei mi penserà4 in den Äther und denke, und was für Eier, aus Stahl!

Ich ersäufe das Publikum in seinen eigenen Tränen mit einem wehmütigen Non c’ero, amavo5 und denke, dieser Erfolg, Freund Gottes, der wird ewig währen, mein ganzes Leben lang … Und dafür gibt’s heut Abend Nutten, amerikanische Nutten, New York ist voll davon.

|22|Und dann gebe ich, aufschneiderisch, wie nur ich es sein kann, Lunghe notti da bar6 zum Besten, und während ich singe, schiebe ich eine Hand in die Tasche des Jacketts, und mit den Fingern spiele ich an dem Tütchen mit drei Gramm Koks herum. Zweitausend Menschen beobachten jeden Wimpernschlag von mir und wissen doch nicht, dass diese kleinen bösen Finger mit Drogen spielen, heute Abend Ami-Nutten, das dreht sich in meinem Kopf wie ein Milchshake im Mixer.

Ich lach mir eins, ich nehm sie ein bisschen auf die Schippe, meine Bewunderer, diese sechzigjährigen Italoamerikaner, wenn ihr meint, dass ich jetzt die Hosen vor euch runtergelassen habe, die blanke Emotion, die blanke Aufrichtigkeit, als Gegenleistung für den Eintrittspreis, dann seid ihr auf dem Holzweg, so ist es nicht, selbst wenn ihr mich verschlingt mit euren Augen, mein Geheimnis werdet ihr doch nie erkennen, das Geheimnis meiner Finger, die mit der verbotenen Frucht spielen, mit der Illegalität. Andererseits erkennt man sowieso nie etwas, weder Menschen noch Dinge, einfach weil man nichts und niemanden je in seiner Gesamtheit sehen kann, siehst du einem Menschen ins Gesicht, weißt du nicht, was sich hinter seinem Rücken tut, du siehst immer nur einen Ausschnitt, eine ungefähre Abbildung.

Die Existenzen sind an sich nur Skizzen, meist völlig verhunzt.

Ich beobachte jetzt meinerseits mein Publikum, das auf den Sitzen ruckelt, ich sehe glänzende Augen, Hände alter Ehepaare, die sich verschränken und sagen, wie richtig es war, dreißig Jahre zusammenzubleiben, o nein, es war kein Fehler, ein Leben gemeinsam zu verbringen, es war ein Leben, ein Scheißleben, voller nächtlicher Hinterhalte, voller Kränkungen, Enttäuschungen und herber Rückschläge, aber es war die Mühe wert, ich sehe die dicken Ärsche von Müttern, die gerührt auf den Sitzen herumrutschen, die haben schon alles Mögliche getrieben, diese Ärsche, aber so etwas sagt man nicht, andererseits hat der Pfarrer uns Müttern die Absolution erteilt. Ich deliriere. Ich sehe Tradition, |23|Folklore, Hoffnungen, sagenhafte Sturköpfe, diese Idioten von Italoamerikanern, das ist eine ganz eigene Welt, flieg, Supertony!, über die Höhen von Lunghe notti da bar. Die Umfragen behaupten, man schlage heute mehr über die Stränge, das stimmt nicht, früher behielt man es nur für sich, heute plaudert man es aus. Umfragen, die sich in meinem Kopf tummeln.

Und die Zugaben, die verteile ich wie Flyer am Eingang zur U-Bahn.

 

In der Garderobe fühlt Titta sich zwei Kilo leichter, zwei Kilo Anspannung weniger, er küsst sich mit Lello, mit Rino, Gino und meiner Wenigkeit. Sie johlen und brüllen, Schlachtengesänge wie nach dem Gewinn der Meisterschaft. Verschwitzt und glücklich. Ich betrachte sie, angenehm berührt, aber ich singe nicht, ich bin der Chef und muss so tun, als wäre mir klar gewesen, dass sich unsere New-York-Nummer in einen Triumph verwandeln würde. Völlig außer Atem kommt Jenny Afrodite herein, mein Manager, mit seinem eckigen, nichtssagenden Gesichtchen, seiner störrischen Haarsträhne, die ihm stets in die Stirn fällt, und dem Diamanten, der in seinem linken Ohr steckt und ihn sechs Monate jünger aussehen lässt. Er besänftigt die Chöre mit einem Satz, der wie ein Donner in die ersten Minuten des Tiefschlafs fährt:

»Jungs, Sinatra ist da und würde gerne hallo sagen.«

Die Stille, die einsetzt, ist fragil. Existentiell.

Mit der Behändigkeit des Gepards, der den Schuss hört, drehe ich mich um, werfe einen Blick in den illuminierten Spiegel. Ich richte mein Haar. Rot. Gefärbt. Gebleicht. Mahagonifarben. Eine Frisur, die ein wenig nach Magier Silvan schmeckt. Und nach Psychopathen. Mit einem Bürstenstrich werfe ich die Haare nach hinten, dann ziehe ich den Morgenmantel zu. Mit der Hand gebe ich Jenny ein Zeichen. Ein Zeichen, wie es einem Diktator gebührt. Unvergesslich. Die Tür geht auf. Titta zittert und bittet sich selbst um Verzeihung, weil er sich manchmal kritisiert hat, weil er es bisweilen an Eigenliebe hat fehlen lassen. Rhythmische, |24|sanfte Schritte aus dem Flur. Mehrere Personen. Der Teppichboden wird misshandelt. Als Vorhut kommen die Leibwächter herein, und dann erscheint Frank, wankend, schwankend, rot im Gesicht wie ein Bergbauer aus den Abruzzen. Frank tritt auf mich zu, streckt mir die Hand hin, die von einem Ring überstrahlt wird. Listenpreis: 122 000 Dollar. Ein Orgasmus aus Diamanten. Ich antworte mit dreizehn Millionen Lire7, ein Juwelier aus der Via Marina. Die Hände schütteln sich. Die Ringe schlagen mit einem Geklingel aufeinander, das niemand überhört. Fifth Avenue gegen Via Marina, ein ungleiches Duell. Titta schaut gedemütigt auf seinen Trauring, und im wichtigsten Augenblick seines Lebens entwickelt er neue und unerforschte Minderwertigkeitskomplexe. In mir dagegen bricht sich die Großzügigkeit Bahn, mit neuen Theorien und Ideologien. Ich würde Frank gern ein bisschen Koks anbieten, dem guten alten Frank, aber ich beherrsche mich. Nicht ohne Mühe.

Frank ist noch kleiner, als ihn sich der schlimmste Defätist ausmalen würde. Mit der Haltung eines Kaisers nimmt er auf meinem Stuhl Platz, der einzigen Sitzgelegenheit in der Garderobe. Meine Band und ich stehen und warten auf das Verdikt, das über eine ganze Karriere gesprochen werden wird. Im unpassendsten aller Augenblicke erinnert sich Lello Cosa, dass er nicht nur als Schlagzeuger, sondern auch als feinsinniger Humorist Furore machen könnte.

»Sieht aus wie Napoleon«, sagt er, bei uns nach Zustimmung heischend. Ich durchbohre ihn mit einem Blick, als hätte ich ihn in diesem Moment aus der Band geworfen. Gott sei Dank hat Sinatra ihn nicht verstanden. Frank sitzt nur da, redet immer noch nicht, die Spannung steigt, die Spannung ist mit Händen zu greifen. Mit schweißnassen. Sinatra zieht, langsam wie ein alter Fixer, eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche. Wir recken die Hälse wie Giraffen, nur um die Marke zu erkennen. Aber von dieser Marke haben wir noch nie gehört. Sie heißt »Sinatra«.

|25|Frank steckt sich – es sieht aus wie ein Musical in Zeitlupe – die Zigarette zwischen die Lippen, dann holt er ein Dupont-Feuerzeug aus Platin, Jahrgang 1958, hervor und schustert in schleppendem Italienisch einen Satz zusammen:

»Das hier hat mir Marilyn Monroe geschenkt.«

Jetzt herrscht die pure Angst. Panik.

»Das Konzert is good, aber denk immer an eins, Tony, der Erfolg … der Erfolg ist für’n Arsch«, unterstreicht Frank Sinatra mit einer alkoholisierten Lache.

 

Der Erfolg ist für’n Arsch.

Tony denkt an diese Worte zurück, als er völlig zermatscht in der schwarzen Limousine hängt, die von wer weiß wem bezahlt wurde, nicht von ihm, so viel ist sicher, er ist mutterseelenallein, während, von sechs Gin Tonic erleuchtet, die Wolkenkratzer von Midtown vorbeiziehen. Der Chauffeur kümmert sich einen Scheißdreck um mich, also erkläre ich mir selbst, dass es Zeit ist für mein Kokain. Ich kauere mich über den Schnee und ziehe eine so heftige Ladung hoch, dass es klingt, als flöge das Empire State Building in die Luft. Aber nicht einmal der schwarze Chauffeur hat mich gehört hinter seiner schallschluckenden Panzerscheibe, die man bei uns nur in Banken einbaut. Ich hänge hier allein ab, hatte auf ein Abendessen mit Frank Sinatra gehofft, aber der ist davongeschwirrt wie einer, der dir schon einen Riesengefallen getan hat, weil er zu deinem Konzert gekommen ist. Ich war zu optimistisch gewesen, man weiß, die Stars, die Berühmtheiten, sind immer irgendwo. Nur nicht bei mir. Ich hatte mir vorgestellt, wie wir warm miteinander werden, nach dem Abendessen mit Frank, in einer Wohnung, die Billy Wilders Kulissenbauer eingerichtet hat. Stattdessen steuere ich zielsicher Times Square an, hier stehen die Nutten dicht an dicht, fast ein Monopol. Ich bin in meinem Reich, meinem Element. Ich gehe nach Ethnien vor. Und lade mir eine Schwarze in die Limousine, dazu eine Puertoricanerin und eine Blonde mit fiesem Blick, eine Deutsche, Ungarin oder sonst was, Ost- und Nordeuropa, das ist bei mir immer |26|ein heilloses Durcheinander. Ich bin ein Mensch, der entweder zum amerikanischen Luxus oder zur Hitze der Tropen passt, da fühle ich mich wie ein Pharao im Urlaub. Den Rest der Band habe ich in einer Bar im Village abgeladen, ein Glas Bier am Tresen eines schummrigen Lokals, mehr dürfen sie vom Leben nicht verlangen. Noch nicht einmal mit dem Barkeeper können sie reden, die Diktatur der englischen Sprache hat sie aus dem erlesenen Kreis des Lebens ausgeschlossen. Wo Jenny Afrodite ist, weiß keiner, der zieht seine eigenen Kreise und lässt nie was durchsickern. Er behauptet immer, er habe noch zu tun, kann sein, kann aber auch sein, dass er sich irgendwo einen Schuss setzt, was weiß denn ich?

Ich dagegen biete den drei Nutten Koks an und werfe mit amerikanischen Vokabeln um mich, als wäre ich ein Einwanderer aus dem frühen 20. Jahrhundert. Sie antworten nicht einmal, sind viel zu sehr in den Stoff vertieft. Aber ich bin nun einmal ein Fan der Kommunikation. Bin’s immer gewesen. Und was die Kanäle angeht, da war ich nie besonders wählerisch. Worte, Prügel, Tränen, Gelächter, Liebesbriefe, Sex, Alkohol und Kokain, ist mir alles recht, am Ende ist es doch Kommunikation.

 

Wir gehen aufs Zimmer und ziehen uns noch eine Line rein, die so lang ist, dass du den Anfang siehst, aber nicht das Ende. Ich lasse mich aufs Hotelbett fallen, und meine Geste bedeutet: Hier bin ich Mädels, treibt mit mir, wonach euch der Sinn steht.

Die Schwarze hat hochtrabende Titten, an deren Seiten sich jedoch Risse auftun, tief wie Canyons, sie hat zu viele Kinder gesäugt oder sich von zu vielen Händen kneten lassen. Der letzte Gedanke hätte gar nicht passender sein können, er erregt mich. Die Puertoricanerin ist ein artiges Mädchen, sie zieht sich in einer Ecke aus, als würde sie jetzt allein schlafen gehen. Sie sucht sich einen freien Stuhl aus und legt ihre Fetzen darauf ab, als wollte sie sich auf eine Stelle als Klamottenverkäuferin bewerben. Sie ist sorgfältig. Auf den ersten Blick würde ich sagen, sie brachte gute Noten mit nach Hause, wo sie nur ungern ihre Zeit mit Geschwistern |27|und Verwandten vergeudete. Das ist das Bild, das ich mir von ihr mache. Wer mich dagegen beunruhigt, das ist diese eiskalte Blondine. Sie steht da starr in ihren Klamotten, an den Sekretär gelehnt, und schaut wie eine fiese Buchhalterin. Als wollte sie sagen: Ich bin jetzt zwar hier, aber wäre ich auf einem Zahnarztkongress, dann würde ich mich ganz genauso verhalten. Sie geht mir auf die Nerven und versaut den erregenden Effekt der ausgequetschten Titten ihrer schwarzen Kollegin. Und die Schwarze ist es auch, die als Erste zu mir aufs Bett sinkt und sich an mir reibt. Ich küsse sie. Sie weicht meinem Kuss aus.

Ich weiß nicht, wieso, aber das trifft mich.

»I’m a singer8«, sage ich ziemlich unmotiviert.

Keiner hat einen Ton gesprochen, also tue ich es.

Den dreien geht das ziemlich am Arsch vorbei.

Jetzt drängt die Puertoricanerin, gibt sich angeturnt. Plötzlich ist sie in meinem Rücken, wie ein Killer, aber sie streichelt mich nur hier und da, während die Schwarze schon in die Routine verfallen ist, mit gespreizten Beinen. Ich schiebe ihn rein in sie und denke, warum auch immer, dass ich damit keines meiner Probleme löse. Ich bin erregt, aber er ist nicht so hart, wie man jetzt vielleicht annehmen könnte. Das Koks unterminiert diese Macho-Träume. Und die Blondine nervt mich, steht da rum, glotzt gelangweilt, lehnt nur am Sekretär, zieht sich nicht einmal aus, wofür zum Geier löhne ich die eigentlich? Ich werd gleich einen Riesenzirkus veranstalten. Ich rutsche auf der Schwarzen herum, ohne rechtes Pathos. Die Einsamkeit packt mich an den Eiern und schüttelt mich wie Asterix die Römer.

Wir müssen stark sein, Tony.

Ich gebe alles, der ganze Stress bei der Arbeit, die Ängste, die Sorgen meines Lebens müssen sich in Augenblicken wie diesem doch auszahlen! Ich ficke drei verschiedene Frauen, mit verschiedenen Geschichten, mit verschiedenen Vätern und Müttern. Egal, egal, ich gebe Gas, ich stöhne, bringe die Anatomien durcheinander, |28|ich ziehe ihn heraus, ehe ich komme, und jetzt erst merke ich, dass die Blondine sich, heimlich, still und leise wie ein Schakal, unter mich geschmiegt hat, immer noch angezogen, sie nimmt ihn in den Mund, und ich bin angekommen. Da gehst du doch kaputt! Ausgerechnet die Unsympathischste legt mir so ein Präsent unter den Baum, was für eine Nummer! Eine stille Nummer. Was dir beim Sex die Sinne total benebelt, das ist, wenn Stille herrscht, wo du eigentlich das totale Geballer erwartet hast, und umgekehrt. Das ist eines der wenigen Dinge, die mich immer noch verblüffen. Ich bin immer noch zyanotisch, in den letzten Nachwehen, als das Telefon klingelt. Es ist Maria, meine Frau.

»Hallo, Liebling«, sage ich, während ich mich aus den Beinen der Schwarzen winde, allerdings in aller Ruhe. Mit Vorschriften und Schuldgefühlen braucht mir keiner zu kommen, auch nicht Jesus Christus. Ich habe die drei im Voraus bezahlt und sehe, wie sie sich stumm ankleiden. Ich unterdessen erzähle mit fetter Lache, wie grandios das Konzert gelaufen ist. Ich höre, wie meine Frau vor Freude in der Wohnung herumhüpft. Wie ein Känguru. Sie teilt mit mir Freud und Leid. Die Blondine ist nicht zu sehen, muss schon aus dem Zimmer verschwunden sein, na ja, sie war ja schon angezogen. Was zum Kuckuck hätte die hier drin noch verloren? Meine Frau sagt mir, dass die Kleine mich sprechen will. Ich höre ihre unschuldige Stimme, die sagt:

»Papa.«

Während die Schwarze und die andere sich davonstehlen, ohne auch nur Winkewinke zu machen. Meine Tochter sagt mir, dass ich ihr fehle. Und ich denke, ich habe mein ganzes Leben lang gefehlt.

»Liebling, ich bring dir was Schönes mit, wenn ich nach Hause komme, jetzt müssen wir aber Schluss machen, hier ist es nämlich spät, hat die Mama dir das nicht gesagt? Es gibt so etwas wie Jetlag, Zeitverschiebung, der Papa ist ziemlich müde, er hat nämlich heute Nacht gearbeitet.«

Ich hab’s eilig. Warum eigentlich?

Ich lege auf, aber ich fühle mich mies. Der Magen tut weh. Ist |29|aber nicht das Magengeschwür, sondern dieser scheiß Jetlag, der mir immer auf den Magen schlägt. Ich habe Sperma an den Fingern und mache einen Satz auf dem Bett. Was ich nicht am Finger habe, ist nämlich der Ring für dreizehn Millionen. Vor einer Minute hatte ich ihn noch. Ich stoße einen gellenden Schrei aus, wie eine ausgehungerte Möwe. Die blonde Fotze hat ihn mir geklaut. Warum nur passiert so jemandem wie Sinatra das nicht? Vielleicht weil er nicht am Times Square irgendwelche Nutten aufliest. Die endgültige Bestätigung kommt, als ich mich zur Brieftasche im Vestibül begebe. Die Schlampen haben auch die Dollars eingesackt. An dieser ganzen Scheiße ist nur meine bescheuerte Frau schuld, seit zwanzig Jahren ruft sie immer dann an, wenn es ungelegener nicht sein könnte. Diese Frau ist ein Ausbund an Ungelegenheit.

Ich könnte heulen.

Es ist der 27. Dezember 1979, und seit ein paar Tagen sind alle ein bisschen gemeiner.

Aber ich heule nicht.

Ich habe jetzt nur die Nase gestrichen voll von den Staaten, ich will wieder nach Italien. Und im Schlaf stoße ich laut diesen Schmerzensschrei aus, der mich schweißgebadet hochfahren lässt:

»Gondoliere, bring mich nach Neapel!«

Was zum Geier soll das eigentlich bedeuten?

|30|2.

Nel mio vestito blu,

sto portando pazienza.

 

Ich trage einen blauen Anzug

und übe mich in Geduld.

 

CHARLES AZNAVOUR

Wenn es jemanden gibt, der mir so richtig auf die Nüsse gehen kann, dann ist das ohne Frage Titta Palumbo, mein Gitarrist und überdies mein undankbarer, debiler Tennispartner beim Doppel.

Es ist Mittag, und mir tun die Oberschenkel weh. Ich war gestern recht aufgebracht, nachdem diese drei Säue mich beklaut hatten, und habe mir bestimmt drei, vier Gramm reingezogen. Also tun mir heute zwangsläufig die Schenkel weh.

Wir sechs hängen in einer Bar am JFK-Flughafen herum und warten auf unseren Flug. Ich trinke meinen braunen Tequila und scheiß auf das Zeug, das die anderen trinken. Ich weiß nur, dass Titta mir wahnsinnig auf den Sack geht, wenn er stundenlang über seine erlesenen Scheißthemen redet. Und immer findet er in diesem Hirni von Gino Martire einen Verbündeten. Jetzt sprechen sie darüber, warum die Calzone besser ist als eine Pizza Margherita. Sie streiten. Sie sind nun mal nur zwei Prolls aus Neapel. Du hängst dich rein wie ein Muli, um deine Musik aus dem regionalen Dunstkreis rauszukriegen, und dann hüpfen die beiden Neapolitaner herum wie Models aus den siebziger Jahren in den durchsichtigen Schleiern der Klischees. Sie sind die Ersten, die nur noch von Pizza und Spaghetti labern, von verschissenen Sonnenuntergängen und den Pinien der Via Orazio, von Capri und der Halbinsel von Sorrent. Genau wie diese beiden Schwuchteln da, die ich in meiner Band spielen lasse.

Titta will um jeden Preis seine Calzone verteidigen und bemüht |31|einen polnischen Schriftsteller, dessen Namen ich euch auch beim zweihundertsten Versuch nicht wiederholen könnte, so einer, der nur aus Konsonanten besteht. Titta ist gebildet, er verunsichert und malträtiert die anderen mit seinen Adjektiven und schwierigen Nachnamen, aber mir macht er damit kein bisschen Angst. Der würde mir nicht einmal Angst machen, wenn er mir die ganze Encyclopedia Britannica an den Kopf werfen würde. In Klammern bemerkt, mein teurer Titta, die Encyclopedia Britannica, die habe ich zu Hause stehen, und da macht es auch nichts, dass einige Bände noch eingeschweißt sind. Ich sorge immer dafür, dass Titta so klein mit Hut ist und die Fresse hält. Er lässt Bücherweisheiten sprechen, ich dagegen die Mutter Gottes der Erfahrung, von der ich mehr habe, als er sich erträumen kann, denn er kriegt ja nun einmal abends nichts auf die Reihe, da oben in seiner Zweizimmerwohnung, auf den Aminei-Hügeln, mit seiner mausgesichtigen Frau und den drei Kindern, »gesunde Kinder«, wie er sie nennt, während sie auf mich wie drei Mongoloide wirken, die nur motorisierte Rollstühle fahren dürften.

Er, Titta, spielt den Hypersensiblen, den Mann für die Nuancen, in Wirklichkeit ist er nur ein Esel. Ein weinender Esel. So kommt man auf keinen grünen Zweig, Titta. Vor allem wenn du abends nicht ausgehst, weil du zu Hause hockst und liest. Am Abend muss man ausgehen, herumstreifen, die Nacht verschlingen, sich im Dreck der Randbezirke verlieren. Nur die Nacht mit ihren unfassbaren Klängen und Akkorden kann dich etwas lehren. Die Nacht ist es, die dich zum Duell zwingt zwischen deinem Leben und dem ganzen anderen Leben. Dem, das man nicht erzählen kann. Und das ich euch trotzdem erzählen werde. Nur ein bisschen Geduld. Ich werde euch auch von der Augustnacht erzählen, als ich um vier Uhr morgens zu diesen drei Typen in Torre del Greco gegangen bin, um Ragout zu essen, drei Typen, die so übel waren, dass nur ich sie treffen konnte.

Wie auch immer, ich bin ja nur Zeuge dieses jämmerlichen Müßiggangs am Flughafen, und deshalb, voilà, hier ist er

 

|32|… der berühmte Pizza-Dialog …

 

Titta gibt sich leutselig:

»Wenn ich jetzt zurückkomme, Jetlag hin oder her, da kann ich noch so neben der Spur sein, nichts kann mich davon abhalten, zuerst einmal eine Calzone bei Angelo zu essen.«

Ich dagegen, passiv:

»Der Jetlag schlägt mir immer voll auf den Magen.«

Ungehörige Stille. Niemand gibt einen Scheiß auf meine Aussage, obwohl ich nun mal der Boss bin, das stinkt mir. Martire geht aufs Gas wie Niki Lauda.

»Die Calzone von Angelo ist eine Katastrophe, da kannst du auch gleich Gnocchi mit Mozzarella in Caracas essen.«

Ich bin in beleidigtes Schweigen versunken, was eigentlich Aufmerksamkeit erregen sollte. Von wegen. Ich werde noch stinkiger.

Titta geht durch wie ein Gaul:

»Erstens einmal ist Angelo ein Freund von mir, und deshalb pass auf, was du sagst, und außerdem ist seine Calzone saumäßig gut.«

Gino, in der Defensive:

»Ich greife seine Pizza an, nicht den Menschen.«

Titta, der Philosoph:

»Angelino lebt für seine Calzone, also greifst du auch den Menschen an, das ist ein einfacher Syllogismus.«

Gino, der Fatalist:

»Auch wenn er es gar nicht will, die Margherita kriegt Angelino besser hin.«

Titta, zutiefst beleidigt:

»Du bist ein Arschgesicht. Für Angelino existiert die Margherita gar nicht, es nervt ihn, wenn er sie machen muss, wenn jemand sie bestellt, dann möchte er den Kunden am liebsten abstechen, und einmal hat er mir etwas über die Margherita gesagt, da sind mir die Tränen gekommen, so tiefsinnig war das: ›Diese |33|pseudopatriotische Scheißkönigin meinte, wir seien ein einfaches Volk, und hat uns eine einfache Pizza aufs Auge gedrückt, für wen hielt die sich eigentlich? Wir besitzen die ganze umfassende Komplexität der Calzone, aber diese Frau hat ihren gerechten Lohn bekommen, wenn eine Monarchie anfängt, einem vorzuschreiben, was man zu essen hat, dann hat sie ihre Zukunft verspielt.‹ Und jetzt sag du mir, ob es sein kann, dass Angelino, nach einer solchen gastronomischen Reflexion, nach so einer politischen Breitseite, ob es da möglich ist, dass er gerne die Margherita macht.«

Gino, Körper und Seele mit Pockennarben bedeckt:

»Ich will nur sagen, dass es Schwachsinn ist, zu behaupten, wenn einer sich bemüht, eine Sache gut zu machen, dann gelingt sie ihm auch. Das ist nicht wahr, und Angelino ist das beste Beispiel dafür. Die Margherita, die macht er so nebenher, und trotzdem ist sie ein Gedicht.«

Titta, traurig und ohnmächtig:

»Aber wenn er doch den Ricotta persönlich in der Nähe von Mondragone holt …«

Gino, kunstfertig:

»Das ist eine Frage des Talentes, die Qualität der Zutaten hat damit überhaupt nichts zu tun, ich habe ja nicht behauptet, dass seine Calzone ranzig schmeckt.«

Titta, erschöpft:

»Ich will mal einen polnischen Schriftsteller zitieren (es folgt ein unmöglicher, nicht zu wiederholender Name), nach seiner ersten Neapelreise: ›Neapel lebt von seiner Vielschichtigkeit, sowohl in seinem Untergrund als auch über der Erdoberfläche. Nichts hat hier nur ein Gesicht, das ist physiologisch unmöglich, das Konkave gedeiht hier im selben Maße wie das Konvexe, sie sind untrennbar miteinander verbunden, einfach gesprochen: Hier ist kein Raum für die plane Geometrie, nur die Rundungen können existieren und Wert besitzen.‹ Hast du verstanden, du Depp? Es kann keine plane Geometrie geben, das heißt, keine Margherita, sondern nur konkave und konvexe Rundungen, will |34|sagen, Calzone. Hast du verstanden, du Depp?«, heult Titta entfesselt. Ein paar amerikanische Kellnerinnen drehen sich bestürzt um.

Gino ist nicht beleidigt. Er fixiert Tittas Pupillen und dekretiert:

»Titta, ich scheiß auf deinen polnischen Schriftsteller, Angelinos Calzone kannst du in die Tonne kloppen.«

Titta haut mit der Faust auf den Tisch. Rino streckt einen Arm aus, um ihn zu besänftigen. Titta schaut woandershin, wachsbleich, im Actors-Studio-Stil. Martire lacht sich ins Fäustchen, wie die thailändische Manguste, die die Schlange besiegt.

In Bangkok war ich schon dreimal.

Wie auch immer. Sagt mir bitte nur eins: Wie kann es sein, dass wir es mit zwei solchen Hohlgeschossen geschafft haben, vor einer Legende, vor The Voice zu singen? Ein Wunder. Ein Missverständnis. Ein saumäßiger Dusel. Was soll man sonst dazu sagen?

Die gehen mir so auf die Eier mit ihrer sinnlosen Pizza-Debatte, nur arme Schweine wie die beiden gehen Pizza essen, ich persönlich habe immer andere Ziele, teurere, angesagtere, und so entferne ich mich heimtückisch, durchquere eine x-beliebige Zone des Flughafens und steuere, mit einem Packen italienischer Zeitungen unter dem Arm, das Klo an, wo eine orientalische Kuh gerade den Boden wischt. Ich stapfe mit den dreckigen Sohlen meiner Mokassins in ihre Seifenlauge und sage:

»Sorry, sorry.«

Die Fregatte mit den Mandelaugen würdigt mich keines Blickes. Ich bereue, dass ich mich entschuldigt habe, während mir, warum auch immer, eine schäbige Szene in den Sinn kommt: Meine Lehrerin aus der Mittelschule sagt mir, meine Aufsätze seien voller Grammatikfehler, ich bin aber ganz anderer Meinung, und eine Welle von Rachlust kocht in mir hoch, wenn sie noch lebt, dann besuche ich sie in ihrer Wohnung, die nach Alter und abgestandener Luft stinkt, und dann halte ich ihr die Ehrendoktorwürde unter die Nase, die mir die Universität von Québec verliehen hat, |35|auf der, schwarz auf weiß, steht, dass Tony Pagoda ein Dichter ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Dichter Grammatikfehler macht. Ich hocke mich auf die Schüssel und schlage irgendwo den Panorama auf. Mir springt eines der raren Interviews von Marlene Dietrich ins Auge. Ich lese es quer, und bei folgender Feststellung reißt es mich vom Sitz, ich bekomme einen Schweißausbruch:

»Man sollte die Chansoniers nicht mit ihren Chansons verwechseln. Wenn der große Sinatra singt, dann steht er immer über den Problemen der Welt. Wissen Sie das nicht?«

Das »Wissen Sie das nicht?« gilt dem Journalisten, aber es ist, als wäre es an mich gerichtet. Jedenfalls trifft dieser Satz mich mehr, als man sich vorstellen kann. Mein Kiefer verkrampft sich, und ich denke, wenn ich singe, dann stehe ich auch über den Problemen dieser Welt. Ich kapier zwar nicht recht, was das überhaupt für Probleme sein sollen, aber das ist wurscht. Jedenfalls bin ich ganz schön aus dem Häuschen, ich finde, ich könnte ein bisschen Koks vertragen, während ich versuche, den Rezensionsteil des Corriere della Sera zu lesen. Ist aber alles Mist, die Artikel über mein Konzert in New York erscheinen eh nicht vor morgen früh.

|36|3.

La notte era finita

e ti sentivo ancora

sapore della vita

meraviglioso

meraviglioso

meraviglioso.

 

Die Nacht war zu Ende

und ich spürte dich noch immer

wunderbarer

Geschmack des Lebens.

 

DOMENICO MODUGNO

Wenn die Nacht dich wirklich packt, dann kämpfst du wie gegen Löwen oder Riesenspinnen, um wieder loszukommen. Du sagst dir: Jetzt gehe ich nach Hause. Aber irgendetwas treibt dich weiter. Ein Hauch, ein Luftzug, ein Angstschauer. Und dann kommt die Morgendämmerung, und du beruhigst dich ein wenig, aber eben nur ein wenig. Denn die Pistolen halten sich nicht an Dienstzeiten, sondern an Schusswinkel, und manchmal fragst du dich, ob nicht zufällig du im falschen Winkel stehst. Vielleicht hast du es schon oft getan und wusstest es nicht einmal.

Ich bin in Vico Speranzella geboren, und falls ihr nicht wisst, wo das ist, dann ist das echt euer Problem. Dort gehörte die menschliche Scheiße vor der Haustür jedenfalls zum Inventar, hin und wieder fing sie zu kochen an, sie brodelte und stieg hoch, und dann fandest du sie vor deiner Wohnung wieder, auf einer der Treppen, die unsäglich eng, feucht und finster waren. Dermaßen finster, dass du anfingst, an all die Mönchlein und die Geister und die Toten zu glauben, die dich besuchen kommen. An alle Selbstmorde aus Liebeskummer. Aber die Scheiße war Teil der Folklore, und so vertriebst du sie, schmissest den stinkenden Dreck einfach |37|wieder auf die Straße. Es war ein Spiel. Jetzt nicht mehr. Jetzt machen sie ernst. Sie sterben und merken es nicht einmal. Sie können es nicht merken, denn sie müssen schon an den nächsten Tod denken. Sie denken an die Zukunft. An die Zukunft des Todes. Das macht mir Angst. Ich habe nämlich immer am Leben gehangen wie ein Blutegel, wie ein Polyp am Felsen. Ich bin immer schlau gewesen wie der Fisch, der lachen muss, wenn er den im Brotklumpen versteckten Haken sieht. Er sucht das Weite. Ein anderes Paar Stiefel ist es, wenn du im Netz zappelst und selbst nicht weißt, wie du dort gelandet bist. Das wünsche ich keinem. Nicht einmal Fred Bongusto.

 

Maurizio De Santis ist der Wichser, der mich in diese Tragödie hineingezogen hat. Ich bin in Capodichino noch nicht einmal von der Gangway, da legt er schon los:

»Heute Abend fahren wir runter an den Hafen, die Kolumbianer legen an, wir besorgen es uns direkt an der Quelle, und dann kannst du dir einen kleinen Vorrat anlegen, du musst ja über Silvester und die Tournee kommen.«

Offen gestanden sage ich sofort ja, mit der Begeisterung eines Tom Sawyer, der mit seinen Spießgesellen übers Land ziehen soll.

In dem amarantenen Alfetta von Maurizio De Santis sitzen selbiger De Santis und ich. Er hat sechsunddreißig sinnlose Jahre auf dem Buckel, und wenn mich einer fragt, was er morgens macht, könnte ich keine Antwort geben, ja, ich kann es mir nicht einmal vorstellen. Er kommt mir vor wie einer dieser Typen, die erst nachts ihre Form annehmen, ein bisschen wie dieser Salvetti, der Moderator der Festivalbar, der plötzlich jeden Sommer aus der Versenkung auftaucht. Aber im Winter, was treibt er da? Pff. Vielleicht existiert er im Winter gar nicht. Er verdunstet wie eine Qualle. Das alles nur, damit euch von vornherein klar ist, dass ich diesen De Santis gar nicht richtig kenne. Aber ein Begriff ist er mir schon immer gewesen. Eine Art Outsider der Nacht, ein gescheiterter Gemischtwarenhändler, der dich immer mit Komplimenten überschüttet, ehrlich gemeint, aber idiotisch dosiert. Ein |38|Kokser. Vor allem einer, der jede Menge redet, er redet und redet, ohne je irgendwas zu sagen. Meistens setzt er dir die Namen von Leuten auseinander, die nur er kennt, oder Titel von Fernsehsendungen oder Moderatoren, über die er lachen muss, bis ihm fast das Kotzen kommt, und die ich nie kenne, noch nicht einmal vom Hörensagen.

Es ist halb drei in der Nacht, und De Santis wendet den Wagen auf dem Kai Carlo Pisacane. Es gibt da nämlich noch dieses kleine, unschöne Detail, dass er nicht genau verstanden hat, an welchem Kai die Kolumbianer eigentlich anlegen. Jedenfalls wendet er hektisch und nervös das Auto, das Meer ist nur einen Schritt entfernt, wenn dir da der Fuß auf dem Gaspedal ausrutscht, dann ist es aus und vorbei, außerdem bin ich kein bisschen schwindelfrei, ich gebe ehrlich zu, dass ich die Augen zumache vor Schiss. Ich bin sicher, dass er zugedröhnt ist bis über die Hutschnur, weshalb mir sein aktuelles Vermögen, die Verkehrslage zu beurteilen, eher geringes Vertrauen einflößt. Maurizietto dagegen gibt sich ganz entspannt. Während er an Pollern und Tauen vorbeischrammt, erzählt er mir von einem jungen Fernsehmoderator, den er wahnsinnig sympathisch findet: Claudio Lippi.

»Kenne ich nicht«, sage ich und stemme dabei instinktiv die Arme gegen das Armaturenbrett, um nicht im Meer zu ersaufen.

»Der ist witzig«, sagte er, »der hat es raus.«

»Kommt er aus dem Norden?«, frage ich, wer weiß, wieso.

»Glaub schon«, nickt Maurizio.

»Dann muss er einen süßen Arsch haben«, sage ich prosaisch und wende den Blick ab, um dem Jenseits nicht ins Gesicht sehen zu müssen.

Aber auch wenn das Leben manchmal komisch ist, müsst ihr mir doch erklären, warum bestimmte Leute sich aufführen wie komplette Idioten. Ich weiß es nicht. Ich habe eine blöde Bemerkung gemacht, die ich selbst nicht kapiert habe, und was macht Maurizietto? Das ist schnell erzählt: Er reißt den gierigen Rachen auf wie ein Hai mit Bandwurm. Er lacht sich krumm auf seinem Fahrersitz, er peinigt mein Gehör und kneift seine Schweinsäuglein |39|so eng zusammen, dass er nicht merkt: Wenn er jetzt nicht ordentlich am Lenkrad kurbelt, dann landen wir mit Sack und Pack im Meer. Dieser Kretin hockt da mit geschlossenen Augen und offenem Schnabel und hat vergessen, dass wir weiterleben müssen. Ich habe, der heiligen Jungfrau sei Dank, gemerkt, dass dieser Hirni das Wendemanöver versaut. Einen Moment lang höre ich durch mein Stethoskop, wie der Tod in meiner Brust klopft. Im allerletzten Moment packe ich mich selbst am Schopf, strecke die Hände nach dem Lenkrad aus und verhindere, dass wir mit einem Satz im Wasser landen.

»Du bist eine saudumme Schwuchtel«, sage ich, stinksauer.

»Keine Sorge, ich hatte alles unter Kontrolle«, antwortet er nüchtern. Aber er setzt schlagartig mit seiner Lache aus und merkt, was für ein Riesenarsch er ist.

Wenn das wenigstens das Schlimmste gewesen wäre! Doch das sollte erst noch kommen. Und es kam. Pünktlich.

»Jetzt fällt’s mir wieder ein, wir müssen zum Kai Martello«, sagt dieser Depp von Marcello, nach unserem Herzkasper. Er ändert den Kurs. Diesmal lacht er nicht, sondern schaut konzentriert nach vorne. Allerdings muss ich sagen, dass die Konzentrierten mich meist mehr beunruhigen als die Zerstreuten. Jedenfalls kamen die bösen Vorahnungen bei mir aus allen Knopflöchern, aber ich war zu abgelenkt, um es zu beachten.

»Der Pesante ist ein Fan von dir, er meint, für jeden von uns beiden fallen zwanzig Gramm ab, und wenn ich dir den Preis verrate, dann spielst du zu Hause Disneyland. Außerdem ist das absolut reiner Stoff, nicht die weiße Taubenkacke, die Petto Di Pollo uns andreht«, sagt Maurizio plötzlich. Jetzt bin ich wieder mit ihm versöhnt. Ich bin elektrisiert, zünde mir eine Rothmans light an und weiß gar nicht, was ich ihn zuerst fragen soll, während er, aber das kapiere ich erst hinterher, umsichtig hinter einem Container parkt. Und diesmal würde er nicht einmal lachen, wenn Macario uns nackt auf die Motorhaube springen würde.

»Wer ist denn dieser Pesante?«, frage ich, während das Serotonin in mir einen menschlichen Urknall veranstaltet.

|40|»Ein Mann, der das Antlitz dieser Stadt verändern wird, den Pesante müssten sie zum Bürgermeister machen, also, er ist ein Freund von mir, und außerdem ist er Roccocòs rechte Hand.«

Hört, hört. Roccocò? Der Boss eines der beiden mächtigsten Clans in dieser von Hügeln umrahmten Müllhalde.

»Zieh mich da nicht mit rein«, stottere ich mystisch. »Ich bin ein Mann der Öffentlichkeit, und da draußen können sie es weiß Gott kaum erwarten, mich mit irgendeinem Camorra-Boss in Verbindung zu bringen, das weißt du, Maurizio, diesen üblen Scherz haben sie mir schon einmal gespielt, da heißt es dann auch gleich, ich würde dealen.«

»Ist mir vollkommen klar«, beruhigt Maurizio mich. »Du musst nur hier auf mich warten, ich gehe, bezahle, bring den Stoff nach Hause, und fertig ist die Laube.«

Meine Erleichterung ist nur von kurzer Dauer, denn in mir tobt ein Zweifel, wie Tarzan mit Kinderlähmung und ohne Machete in seinem verschissenen Dschungel.

»Wenn der Pesante ein Fan von mir ist, dann will er mich doch bestimmt kennenlernen.«

»Jetzt werd nicht albern, Tony«, sagt Maurizio höhnisch grinsend wie ein Bürger zweiter Klasse, »der Pesante muss für Roccocò fünfzig Kilo vom Schiff holen, meinst du, da denkt der an Autogrammkarten, noch dazu in diesem Dreckshafen … Der tanzt heute Ringelreihe mit hawaiianischen Ballerinas.«

Das klingt überzeugend. Ich bin gleichzeitig beruhigt und ein bisschen gekränkt.

»Also los«, sage ich.

»Also los …«, sagt er. »Willst du mir kein Geld geben, Tony?«, meint er mit einem so zarten Schmelz, dass es mir irgendwie auf die Nerven geht.

»Wie viel will er denn jetzt dafür haben?«, frage ich.

»Fünfzigtausend pro Gramm, was meinst du, ist das ein Angebot?«, lächelt Maurizio De Santis kariös.

»Wirklich nicht schlecht. Zwanzig Gramm gibt er uns, sagst du?«

|41|De Santis nickt energisch:

»Eine Million für zwanzig Gramm.«

Ich stemme meinen Hintern aus dem Ledersitz und hole aus der Gesäßtasche eine Goldklammer, die sich sehen lassen kann. Mein speichelbefeuchteter Finger zählt in meinem Namen eine Million ab, und ich reiche das Bündel meinem Sancho Pansa. Er nimmt es und steckt es in die Innentasche seines karierten Jacketts, das so hässlich ist, wie man es sonst nur in einem Randbezirk Londons oder in amerikanischen Vorstädten zu Gesicht bekommt.

Er steigt aus dem Alfetta und verschwindet in der diesigen Finsternis, die nur durch Möwenschreie erhellt wird. Allerdings klingen sie heute ziemlich verstimmt.

Jetzt bin ich allein. Und Stille war für mich noch nie eine gute Gesellschaft. Vor mir, einen Meter von der Windschutzscheibe entfernt, ein nichtssagendes Stück Container, graues Metall. Jenseits davon der Hafen in seiner majestätischen Dekadenz, in seiner industriellen Unfähigkeit, die Welt um sich her zu begreifen. Die klassische Situation, in der man damit rechnen würde, einen verwilderten Köter zu sehen, der nach Speiseresten stöbert, aber nicht einmal der ist gekommen. Nicht einmal Ratten oder Schaben. Und das ist kein gutes Zeichen. Es gibt keine Ausdünstungen von Krankheit, nur den Duft des Todes. Aber hinterher ist man immer klüger, das gilt für den Dümmsten, selbst für die Börsenmakler, würde Oscar Wilde sagen, den ich einmal aus Versehen in der Schule gelesen habe.

Ich hocke da im Auto, warte eine halbe Stunde und mir wird so langweilig, dass ich heulen könnte. Ich betrachte meine neuen Mokassins. Ich rauche drei lights, bei eingeschalteter Heizung, langsam und unaufhaltsam steigt ein Widerwille in mir auf wie Wasser in der Lunge. Von Maurizietto keine Spur, weder von ihm noch von seinem karierten Jackett. Da kommt mir eine Idee: Eines Tages, früher oder später, muss ich meine Autobiographie schreiben. Darin werde ich zeigen, dass ich ein guter Mensch bin, ein Mensch mit Herz. Mein Blick schweift umher und landet |42|neben dem Lenkrad. Mir fällt etwas auf, das mein Nervensystem wie in Säure auflöst. Die Zündschlüssel stecken nicht im Schloss. Was bedeutet das? Eben habe ich mich noch gelangweilt, jetzt mache ich mir Sorgen. Ich bringe meine Psyche auf Trab. Und wenn dieser De Santis sich aus dem Staub gemacht hat mit meiner hübschen kleinen Million, die, nebenbei bemerkt, mehr wert ist als seine verbeulte Karre? Wenn das Ganze nur ein Fake ist? Ich warte jetzt schon eine halbe Stunde. Ein metallisches Geräusch, das ich euch gar nicht beschreiben will, explodiert in meinen Ohren.

Okay, in einem Hafen ist es nichts Ungewöhnliches, solche Geräusche zu hören, aber wenn du emotional schon ein bisschen am Wackeln bist, dann bringst du so was schnell mit der negativen Sphäre der Existenz in Verbindung. Außerdem war das wirklich ein gewaltiger Krach. Irgendwas, mehr als nur irgendwas, stimmt da nicht.

Ich fälle den schlimmsten Entschluss meines Lebens: Ich steige aus dem Auto.

Der Wind fällt über mich her, mit Backpfeifen, Fäusten und Tritten. Die Kälte ist anarchisch und unbarmherzig. So ein Wind ist vielleicht etwas für russische Matrosen. Ich gehe durch eine Flucht von Containern, die alle genau gleich aussehen. Ein Labyrinth, aus dem nicht mal der Anfang des Kais zu sehen ist. Der Wind schneidet mir ins Gesicht, betäubt mich. Ich habe den Geschmack von Zahnpasta im Mund. Endlich trete ich aus diesem Blechwald heraus, und der Martello-Kai liegt im Gegenlicht wie auf einer Bühne.

Ich habe die ganze Stadt hinter mir, aber sie kann mich nicht sehen.

Das kolumbianische Schiff ist rot, da liegt es, unversehrt, vertäut, quietschend, und betrachtet scheinheilig die Mühen des Lebens. Und die Mühen des Lebens, das ist nicht nur eine rhetorische Wendung, es ist die Wirklichkeit: Man sieht die Silhouetten von Menschen, einige plaudern miteinander, ein paar tun so, als würden sie Waren abladen, eine Inszenierung, die man sogar |43|im Gegenlicht durchschaut. Insgesamt nicht mehr als zehn Leute. Außerhalb des Metallkorridors peitscht die Tramontana noch fieser, noch härter auf mich ein und wickelt mich in eine Art Schlafsack aus Eis. Ich nähere mich diesen unscharfen Gespenstern, auf der Suche nach Maurizietto. Ich spiele den harten Hund und wende mich an den Jüngsten der Gruppe, einen harmlosen Dockarbeiter. Der wird mich nicht gleich in die Mangel nehmen, denke ich.

»Ist hier irgendwo Maurizietto?«, frage ich.

Er schaut mich an wie ein Fangschreckenkrebs. Völlig hohl.

Aus dem rechten Winkel seines klassisch geschnittenen, fleischigen Munds tropft der Speichel. Jetzt kapier ich gar nichts mehr. Er gibt keine Antwort. Auch wenn es keinen Grund dafür gibt, bin ich beruhigt. Bis ich seine Körpersilhouette sehe. Rechts aus der Taille ragt ein Tauchermesser. Meine Knie knicken weg. Das ist mir eine Nummer zu hart, dass dieser Junge mir aus nächster Nähe vorführt, wie sich Todesröcheln anhört. Er ist dabei, auf mich draufzufallen, und ich will ihn sogar auffangen, als sich ein feindlicher Schemen, schwarz und hart, dazwischenwirft, mir einen Stoß versetzt und mich zu Boden wirft. Die Wohnungsschlüssel fallen mir aus der Tasche. Was mich erstarren lässt, ist die Tatsache, dass das ein fieser, vorsätzlicher Stoß war, du merkst, dass derjenige, der ihn dir verpasst hat, das schon zehntausendmal so gemacht hat. Wie wenn sie dir die Armbanduhr klauen, dir bleibt der Mund offen stehen, wie einem Vollidioten, du fragst dich, wie ist das möglich?, aber tief im Herzen hast du schon verstanden, dass es für sie nur Routine ist, eine mit Meisterschaft betriebene Gewohnheit. Auch das Verbrechen hat seine Techniken, seine Professionalität. Aber all diese hübschen Überlegungen, die sollte ich erst später anstellen, denn im Moment … im Moment ist es einfach nur die Hölle. Eine Hölle aus unverständlichen Schreien, aus Autoscheinwerfern, die soeben anrollen, sich auf die Drogenschieber richten und sie taghell erleuchten, man hört Pistolenschüsse, dumpf und tödlich, von der einen Seite wie von der anderen, aber was sich wie ein Bohrer in dein Hirn pflanzt, das sind die Angstschreie.

|44|Man muss nicht Enzo Biagi sein, um zu dieser simplen Lesart zu gelangen: Der gegnerische Clan von Pesante ist zu dieser Terrorparty erschienen, um auf dem Drogenkuchen Armdrücken zu spielen und zu ermitteln, wer der gierigere ist. Mit einem perfekten Timing, das ich mir selbst nicht zugetraut hätte, finde ich mich mitten im Gemetzel wieder. Bei jedem Pistolenschuss wiederhole ich dehydriert: »Jesus«, und wundere mich wie im Märchen ein ums andere Mal, dass ich noch am Leben bin.

Ungelenk angle ich im Hagel der Patronenhülsen nach meinen Schlüsseln. Ich kauere mich hinter einen Poller, während jetzt, klar wie ein Gebirgsbach, von jenseits des Pollers ein Maschinengewehr spritzt. Wer damit schießt – keinen Schimmer. Ich will es gar nicht sehen. An Herzschmerz will ich noch nicht sterben. Und dann das Gebrüll, dieses wilde Chaos aus makabren, unverständlichen Panikschreien.

Ich sag jetzt nix Neues, ich weiß, aber auch in solchen Situationen ist die Angst immer dieselbe. Ob du jetzt Verrückte vor dir hast, die aus einem Meter Entfernung aufeinander schießen, oder ob du morgens benommen aufwachst und leichte Halsschmerzen spürst, die Angst ist immer dieselbe.

Es ist die Angst, zu sterben.

Die Angst, dieses Jammertal zu verlassen, aber wehe jemand will es uns nehmen, dieses Jammertal.

Was dir dagegen das Blut in den Adern gerinnen lässt, ist der bunte Reigen an Situationen, die die Menschen erschaffen können, um dich zu deinem Heiland zu geleiten. Ich schwöre euch bei meiner Tochter, dass die, in der ich mich jetzt befinde, die unschönste Variante ist, die je ersonnen wurde. Ich lenke mich mit diesen Überlegungen ab, als ich aus dem Augenwinkel ein paar Zentimeter weiter blicke, nach draußen, in den Abgrund dieses kambodschanischen Krippenspiels, und ich sehe mit eigenen Augen eine Szene, die mir die Sinne lähmt. Da ist er, Maurizietto! Allerdings hat er die Beine in die Hand genommen, flüchtet in meine Richtung, sicher will er sich ins Wasser stürzen, das wollte er ja schon vorhin, gemeinsam mit mir, als die Stimmung noch |45|besser war, allerdings gelingt es ihm nicht, denn eine ganze Salve von MG-Kugeln scheint ihn von hinten zu erwischen, Maurizietto rutscht aus, als hätte ihn jemand im Strafraum weggegrätscht, er rutscht und rutscht auf mich zu, bis er mit dem Kopf gegen diesen Block aus Eisen knallt, der, keine große Überraschung, ziemlich unnachgiebig ist, immerhin soll er Schiffe von ein paar tausend Tonnen halten.

Er stirbt vor meinen Augen.

In seinem potthässlichen Karo-Jackett, das nun ganz verdreckt ist. Ich würde jetzt keinen Ton herausbringen, nicht einmal wenn meine Mutter es auf ihrem Totenbett verlangen würde. Ich atme nicht. Ich tue nichts. Die Ohren lassen einen dicken Wattevorhang herab, und ich höre nichts mehr, während ich Mauriziettos Leichnam betrachte. Das Nichts nimmt mich mit in seinen Abgrund.

Nur die Seele spricht, sie flüstert mir ins Ohr:

»Jetzt reicht’s!«

Ich kann aber nicht aufhören. Ich würde ja gern. Immer noch Schüsse. Diese verschissene Silvesterknallerei, die sich im Datum geirrt hat. Immer noch Geschrei. Diesmal versteht man, was geschrien wird. Die da draußen stimmen sich ab, sie haben die Angst überwunden, der Überraschungseffekt ist verpufft, es sind erst wenige Sekunden vergangen, aber sie haben sich schon an die Schießerei gewöhnt, und jetzt richten sie sich munter darin ein. Und geben Marschbefehle aus. Mit der Selbstsicherheit des Stärkeren weiß jeder von diesen Halunken insgeheim, dass er mit heiler Haut davonkommen wird, ist ja nicht das erste Mal. Nur Maurizietto musste dran glauben, der sich in dieses Tränental begeben hat, für das er nicht geschaffen war. Wie auch, seine Liebe galt Claudio Lippi!

Zwar ist dieses Schauspiel das grauenhafteste, das ich je erlebt habe, aber ich entwickle dabei einen Gedanken, fast eine ...

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