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Racheopfer

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. 1
  5. 2
  6. 3
  7. 4
  8. 5
  9. 6
  10. 7
  11. 8
  12. 9
  13. 10
  14. 11
  15. 12
  16. 13
  17. 14
  18. 15
  19. 16
  20. 17
  21. 18
  22. 19
  23. 20
  24. 21
  25. 22
  26. 23
  27. 24
  28. 25
  29. 26
  30. 27
  31. 28
  32. 29
  33. 30
  34. 31
  35. Danksagung

1

Francis Ackerman junior blickte in das hübsche Gesicht der Reporterin. Asiatisch-amerikanische Merkmale vermischten sich mit einem europäischen Einschlag und ließen die Züge der jungen Frau exotisch und vertraut zugleich erscheinen. Da Ackerman sich an eine Welt ohne Farben gewöhnt hatte, erschienen ihm ihre bunte Kleidung und das Rot ihres Lippenstifts beinahe fremd.

Als er in ihren mandelbraunen Augen versank, vergaß er alles andere. Er bekam nicht einmal mit, für welchen Nachrichtensender sie arbeitete. Lächelnd dankte sie ihm für seine Einwilligung zu einem Interview. Ackerman merkte ihr eine leichte Zurückhaltung an, aber nichts, was auf Angst hindeutete.

Ackerman grinste in sich hinein.

Wie hätte das Verhalten der Hübschen sich wohl verändert, hätte sie gewusst, dass er die Hände bereits aus den Handschellen befreit hatte?

Der Verhörstuhl, auf dem Ackerman saß, wies alle denkbaren Vorrichtungen auf, die ihn zur Bewegungslosigkeit verdammen und daran hindern sollten, über die Reporterin und ihr Kamerateam herzufallen. Doch der Wärter, der ihm die Hände gefesselt hatte, schien Ackermans Akte nicht sorgfältig gelesen zu haben, sonst hätte er gewusst, dass ihm ein verhängnisvoller Fehler unterlaufen war: An Ackermans vernarbten Armen – eine Erinnerung an die Folterungen durch seinen Vater – war das übliche Verfahren, die Fesselzangen so weit zu schließen, dass die Hände sicher und möglichst schmerzfrei fixiert wurden, nicht anwendbar. Durch das Narbengewebe waren seine Unterarme und Handgelenke dicker als die Hände - deshalb hätten die Schellen extrem eng angelegt werden müssen. Als Ackerman kaum Druck an den Handgelenken spürte, hatte er gewusst, dass ihm und seinen Besuchern ein interessanter Tag bevorstand.

Nach mehreren einleitenden, harmlosen Fragen, die dazu dienen sollten, dass Ackerman sich warm redete, während sie ein Gefühl für ihn bekam, begann die Reporterin mit ihrem Vorstoß in dunklere Gefilde. Ackerman hatte sich überlegt, wie er auf ihre Fragen reagieren sollte. Er hatte jeden seiner Schritte genau überdacht und im Hinblick darauf analysiert, wie sein Publikum es aufnehmen würde. Schließlich bot sich ihm hier die Gelegenheit, zu seiner eigenen Legende beizutragen, indem er die erwartungsvolle Öffentlichkeit schockierte. Aber wie gelang ihm das am besten?

Er konnte in verschiedene Rollen schlüpfen: in den weitschweifigen Psychotiker, den stillen, dumpf brütenden Typ, den wutschäumenden Irren oder – sein Favorit – den allseits beliebten Hannibal-Lecter-Verschnitt. Aber das alles war ihm zu distanziert, zu fremd, zu künstlich. Es würde ihn seinem Ziel nicht näher bringen. Wenn er die Leute wirklich schockieren wollte, musste er ihre Illusion der Sicherheit brutal zerschmettern. Sie mussten Angst davor bekommen, dass er vor ihrer Haustür erschien und sie auf charmante Weise dazu brachte, ihn ins Haus zu lassen, das er dann in ein Schlachthaus verwandelte. Deshalb hatte Ackerman beschlossen, beim Interview in die Rolle des Charmeurs mit einem Hang zur Grausamkeit zu schlüpfen.

»Mr. Ackerman, Sie sind wegen vielfachen Mordes verurteilt worden. Möchten Sie den Familien Ihrer Opfer etwas sagen?«

Er schien über die Frage nachzudenken, wartete aber nur deshalb einen Moment, um seiner Antwort größere Wirkung zu verleihen. »Alles, was den Angehörigen gesagt werden musste, habe ich durch den Akt des Tötens ihrer Lieben gesagt. Aber wenn ich den Familien etwas sagen wollte, dann dies: Vergießt über die Dahingegangenen keine Träne, denn ihr Leid ist zu Ende.«

»Töten Sie deshalb? Weil andere für die Qualen bezahlen sollen, die Sie in Ihrem Leben erdulden mussten?«

Bei ihren Worten kroch Ackerman die Stimme seines Vaters in den Kopf.

Komm, Francis, lass uns ein Spiel machen … Du bist ein Ungeheuer, Francis … Töte sie, und die Schmerzen hören auf …

»Keineswegs. Ich töte, weil ich ein Raubtier bin. Wissen Sie, heutzutage scheinen wir vergessen zu haben, dass wir im Grunde noch immer eine Meute wilder Tiere sind. Wir glauben, über solchen Dingen zu stehen, aber letzten Endes sind wir alle entweder Raubtier oder Beute. Im Vergleich zu unseren Mitgeschöpfen jedenfalls stehen wir ganz oben in der Nahrungskette. Das Problem ist nur, dass wir Räuber sind, die ihr gesamtes Leben in Käfigen verbracht haben. Wir sind lediglich domestiziert worden. Wir glauben, wir könnten mithilfe unseres Moralverständnisses die animalische Seite unseres Wesens verdrängen, in Wahrheit aber schlummert das blutrünstige Monster ganz dicht unter der Oberfläche. Um es hervorzulocken, bedarf es nur ein wenig Anarchie, einer kleinen Störung des gewohnten Tagesablaufs, einer winzigen Erschütterung unserer ruhigen, geordneten Gesellschaft. Wenn das geschieht, wenn Sie nicht mehr wissen, woher Sie die nächste Mahlzeit nehmen sollen, erweist sich, ob Sie eine Löwin sind oder ein Lamm.«

Das blasse Gespenst eines Lächelns erschien in seinem Gesicht, als er fortfuhr: »Und dann gibt es noch mich. Auch ich bin ein Löwe. Aber ich lebe nicht in einem Käfig – metaphorisch gesehen jedenfalls. Ich bin der Löwe aus dem Zoo, der seine Pfleger zerfleischt, vom Gehege flieht und ein paar Besucher frisst. Auf der freien Wildbahn der Zivilisation geht es nur um das Überleben des Tüchtigsten. Deshalb töte ich. Ich bin ein Raubtier durch und durch. Ich habe keine Illusionen, die mich dazu verleiten könnten, mich anders zu geben, als ich bin.«

An dem gebannten Ausdruck in ihrem schönen Gesicht erkannte er, dass er sich gut schlug. In ihren Augen lag ein Funkeln. Er wusste, dass ihr der Gedanke an rekordverdächtige Einschaltquoten durch den hübschen Kopf ging.

Es wurde Zeit, auf die persönliche Ebene zu wechseln.

Nach kurzem Schweigen fragte die Reporterin: »Sie möchten also, dass die Welt in Anarchie versinkt, wo nur die Stärksten überleben, während die schwächeren Individuen zertrampelt werden?«

»Mir ist völlig egal, was aus der Welt wird, meine Süße. Ich interessiere mich mehr für Sie.« Ackerman wusste, dass er von seiner Mutter das gute Aussehen geerbt hatte, aber sein nützlichstes Merkmal waren in Situationen wie dieser seine grauen Augen. Er bedachte die Reporterin mit einem Blick, als wollte er bis in ihre Seele vordringen. »Ich habe einige Ihrer Fragen beantwortet. Jetzt sind Sie an der Reihe. Ich möchte etwas über Sie erfahren.«

Sie lehnte sich zurück und legte die Hände auf die Kante des Stahltisches. Herablassung schlich sich in ihre Stimme. »Ich werde Ihnen nicht meine dunkelsten Geheimnisse offenbaren, Mr. Ackerman. Sie brauchen über mich nichts zu wissen. Sagen Sie uns nun bitte …«

Mit einer Stimme, die kaum lauter war als ein Flüstern, unterbrach er sie. »Ich will Ihre dunkelsten Geheimnisse gar nicht erfahren. Ich trage genug Finsternis in mir. Was ich mir von Ihnen erhoffe, ist ein bisschen Licht in der Düsternis. Sie kennen meine Geschichte, deshalb wissen Sie, dass ich nie erleben durfte, wie es ist, normal zu sein. Ich habe nie ein Mädchen zum Tanzen ausgeführt oder auf dem Rücksitz eines Autos, das einem Freund gehört, den ersten Kuss genossen. Ich bin nie mit Kollegen einen trinken gegangen oder habe mit einer Frau ein romantisches Dinner zu zweit genossen. Den größten Teil meines Lebens habe ich in einem Verschlag verbracht, der sehr der Zelle ähnelte, in der ich derzeit untergebracht bin.«

Er schaute kurz weg und stieß dann langsam den Atem aus. Als ihre Blicke sich wieder trafen, fuhr er fort: »Ich möchte von Ihnen nur wissen, was Ihr Leibgericht ist. Sie sind eine sehr schöne Frau - verstehen Sie das bitte nicht als Anmache. Fast jede menschliche Handlung lässt sich auf sexuelle Triebe zurückführen, ein weiterer Punkt, an dem unsere wahre animalische Natur durchschimmert. Ich jedoch betrachte Sie aus einer rein philosophisch-künstlerischen Warte. Ich habe gesehen, wie hässlich diese Welt sein kann, und diese Erfahrung versetzt mich in die Lage, wahre Schönheit zu schätzen. Und Sie sind schön. Ich bitte Sie nur, mir eine Winzigkeit von Ihnen anzuvertrauen, damit ich mich auf etwas Schönes konzentrieren kann, wenn ich mit meinen hässlichen Erinnerungen allein in meiner Zelle sitze. Dann könnte ich mir vorstellen, mit Ihnen am Tisch zu sitzen und das romantische Abendessen zu genießen, von dem ich vorhin gesprochen habe. Vielleicht vergesse ich am Ende sogar, dass es nur eine Wunschvorstellung ist und glaube tatsächlich, wir hätten gemeinsam einen schönen Abend verbracht. Und dann finde ich vielleicht ein wenig Frieden, ein bisschen Licht in der tristen Dunkelheit meiner Existenz.«

Er sah, wie sie mühsam schluckte. Der Duft ihres Parfüms trieb über den Tisch, und Ackerman nahm einen Hauch von Oleander wahr. Sie räusperte sich und senkte den Blick. Er hätte gern gelächelt, musste seine gequälte ernste Miene jedoch beibehalten.

Als sie schließlich antwortete, klang ihre Stimme spröde und trocken. »Ich esse am liebsten Steak mit Bratkartoffeln. Das habe ich von meinem Dad.« Ihre Augen verrieten, dass sie bestürzt war über die eigentümlich persönliche Aussage in ihrem letzten Satz. So etwas sagte man zu jemandem, mit dem man ausging, nicht zu einem berüchtigten Serienkiller.

»Wie essen Sie Ihr Steak?«, fragte er.

»Englisch. Mein Vater hat immer gesagt, das Fleisch verliert den Geschmack, wenn man es durchbrät.« Wieder schien sie überrascht von ihrem eigenen Mut. Ackerman entging nicht, dass sie sich zu ihm beugte, als sie sich ihm anvertraute, als wollte sie nicht, dass der Kameramann es hörte.

Auf diesen Augenblick hatte er nur gewartet. Er setzte einen harten Blick auf und legte ein wenig Grausamkeit und Bedrohlichkeit in seine Stimme. »Sie mag es blutig. Das ist ein Mädchen ganz nach meinem Herzen.«

Blitzartig riss er die Hände hinter dem Rücken vor, warf sich über den Stahltisch, der sie trennte, und packte die Reporterin beim Haar. Mühelos zerrte er die zierliche Frau über die Tischplatte und zog sie zu sich auf den Schoß. Während ihre Schreie den Raum erfüllten und ihm der Geruch ihrer Todesangst zusammen mit dem Duft des Parfüms in die Nase drang, setzte Ackerman ihr eine Hand in den Nacken und die andere unters Kinn. Mit einer raschen Drehung hätte er der Frau ohne Mühe das Genick brechen und ihr Rückenmark durchtrennen können.

Die Wärter reagierten sofort, brüllten Anweisungen und hoben die Repetiergewehre. Ackerman wusste, dass die Waffen mit Taser XREP geladen waren, einer neuartigen Patrone, die keine Schrotkugeln, sondern einen Miniatur-Schocker enthielt. Diese Geschosse waren als nicht tödliche Alternativen zu normalen Schrotladungen konzipiert: Die Wärter konnten auf ihn schießen, ohne sich sorgen zu müssen, die Geisel zu treffen.

Ackerman hatte nicht die Absicht, einen Fluchtversuch zu unternehmen, wie die Wärter vermutlich annahmen. Er wusste, dass es so gut wie unmöglich war, aus einem Käfig mit derart fortschrittlichen Sicherheitseinrichtungen auszubrechen, zumal seine Beine noch immer an den Stuhl gekettet waren. Nein, er wollte dem Publikum nur eine Show bieten, die es so rasch nicht vergessen würde.

»Lassen Sie die Frau los!«, rief ein Wärter und visierte Ackerman über den Lauf seiner Waffe an.

Ackerman blickte ihm ungerührt in die Augen. »Noch einen Schritt näher, und ich breche ihr das Genick.«

»Geben Sie auf! Sie kommen hier nicht raus.«

Ackerman verstärkte seinen Griff um den Hals der Frau und entlockte ihr damit einen leisen Schmerzensschrei. »Ich will nicht fliehen. Ich möchte meiner Freundin hier nur eine kurze Botschaft mitteilen.«

Er neigte den Kopf zum Ohr der Reporterin und flüsterte: »Von diesem Tag an werden Sie nie vergessen, dass Sie nur deshalb noch leben, weil ich beschlossen habe, Ihnen das Leben zu schenken. Von nun an gehört mir jeder Atemzug, den Sie tun. Jedes Lächeln. Jede Träne. Jeden Augenblick Ihrer weiteren Existenz habe ich Ihnen geschenkt. Ihre Zukunft verdanken Sie mir. Und eines Tages komme ich vielleicht zu Ihnen und treibe diese Schuld ein.«

Ackerman stieß die junge Frau von sich und hieß den Treffer des Taser-Geschosses willkommen. Er hatte sein Ziel erreicht. Weder die Reporterin noch ihre Zuschauer würden jemals den Namen Ackerman vergessen.

Er schloss die Augen, hörte das Krachen des Gewehrs und spürte den Schock, als die Stacheln des Geschosses seine Haut durchstachen und ihn zu einem hilflos zuckenden Bündel machten.

Sekunden später hatten die Wärter ihn überwältigt.

2

Während sie die einflussreichen Männer und Frauen am Konferenztisch betrachtete, schob Dr. Jennifer Kelly sich eine Strähne ihres kastanienbraunen Haares hinters Ohr und entblößte dabei eine schmale Narbe, die von der Schläfe bis zum Kiefer verlief.

Jennifers Chef, Dr. Stewart Kendrick, Direktor der psychiatrischen Klinik Cedar Mill, nahm seine Notizen und erhob sich, damit jeder im Raum wusste, dass er bereit war, sein Anliegen vorzubringen. Für Jennifer stand bei dieser Besprechung erheblich mehr auf dem Spiel als für Kendrick. Die bevorstehende Präsentation konnte ihr Leben für immer verändern.

Die Anwesenden stellten ihre Gespräche ein und wandten sich Kendrick zu. Wieder einmal bewunderte Jennifer ihn für seine Fähigkeit, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Für einen älteren Mann fand sie ihn attraktiv. Mit seinem grau melierten Haar und der erlesenen Kleidung strahlte er Autorität aus. Hätte Jennifer es nicht besser gewusst, hätte sie Kendrick und nicht den jüngeren Mann am Kopf des Tisches für den Gouverneur von Michigan gehalten.

Sie hatten sich in der Strafvollzugsbehörde an der Grandview Plaza in Lansing versammelt. Der Kreis bestand aus einer Abordnung der psychiatrischen Klinik Cedar Mill – außer Jennifer und Kendrick war ...

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