Logo weiterlesen.de
Racheengel

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

TEIL 1 - GALYA

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

TEIL 2 - HERKUS

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

TEIL 3 - EDWIN

52

53

54

55

56

57

58

59

60

61

62

63

64

65

66

67

68

69

70

71

72

73

74

75

76

77

78

79

TEIL 4 - JACK

80

81

82

83

84

85

86

87

88

89

90

91

92

EPILOG

DANKSAGUNG

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor und zum Übersetzer

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne ...

Für Jo,
und auf alles, was noch kommt

TEIL 1
GALYA

1

Heißes Blut auf ihren Händen. Rot. Das leuchtendste Rot, das Galya je gesehen hatte. Ihr Kopf kippte zur Seite, und plötzlich sah sie nur noch in einen schwarzen Tunnel.

Nein, jetzt nur nicht ohnmächtig werden.

Sie keuchte, holte gierig Luft und nahm den kupfernen Geruch wahr, der ihr sofort wie eine Faust auf den Magen schlug. Sie schmeckte Galle im Mund und schluckte.

Als sie versuchte, die Glasscherbe herauszuziehen, um deren eines Ende sie als improvisiertes Messer einen Fetzen vom Bettlaken gewickelt hatte, zitterten die Beine des Mannes. Galya schrak zurück. Er hatte die Augen weit aufgerissen. Sie drehte die Scherbe hin und her und spürte, wie sie tief in seinem Hals an etwas Hartem schabte, dann knackte es. Die Klinge glitt aus dem zweiten Mund, den sie dem Mann unterm Kinn eingeschnitten hatte. Hellrotes Blut blubberte heraus, verteilte sich auf seinem litauischen Fußballtrikot und ertränkte das leuchtende Gelb.

Galya machte einen Schritt zurück. Das Blut auf dem Linoleum lief auf ihre nackten Füße zu. Es leckte schon an ihren Zehen, warme Küsse des Sterbenden, dessen Augen sich schon trübten. Er rutschte an der Wand zu Boden.

Aus ihrem Bauch sprang ein Schrei, doch sie presste die freie Hand auf den Mund und fing ihn noch im Mund ab. Die Hand auf ihren Lippen war schmierig, und dann konnte sie es auch schmecken.

Ihr drehte sich der Magen um, zwischen ihren Fingern quoll Erbrochenes hervor. Die Beine sackten ihr weg. Wie ein Zug schoss der Fußboden auf sie zu.

Der Länge nach lag sie in der heißen Pfütze. Sie versuchte herauszukrabbeln, aber das Blut auf ihrer nackten Haut war zu glitschig.

Erneut kam der Schrei hoch, und diesmal konnte sie ihn nicht unterdrücken. Obwohl sie wusste, dass er sie umbringen würde, ließ Galya ihn entfleuchen wie einen verschreckten Vogel, der aus dem Käfig ihrer Brust entkam.

Der Heulkrampf presste ihr den letzten Atem aus den Lungen. Sie rang nach Luft, hustete, rang erneut nach Luft, versuchte, klar zu denken.

Sie lauschte über das Rauschen in ihren Ohren hinweg.

Nichts zu hören außer dem erstickten Blubbern aus der Kehle des Mannes. Dann ein Klopfen an der Schlafzimmertür. Tränen schossen ihr in die Augen, die Tränen eines verängstigten kleinen Mädchens, aber Galya blinzelte sie weg. Sie war kein kleines Mädchen mehr, schon seit dem Tag nicht, als ihr Vater vor über einem Jahrzehnt gestorben war.

Denk nach, denk nach, denk nach!

Immer noch hielt sie die gläserne Klinge in den blutverschmierten Fingern. Die Spitze fehlte, der umgewickelte Stoff war durchtränkt. Vielleicht konnte sie die Kerle ja auf Abstand halten. Sie würden ihren toten Freund sehen und wissen, dass Galya ihnen dasselbe antun konnte.

Noch ein Klopfen, diesmal lauter. Der Türgriff klackte.

»Tomas?«

Angst durchfuhr sie. Nein, mit einer Glasscherbe würde sie die Männer nicht aufhalten können. Wieder drohte ein Weinkrampf. Noch einmal stemmte sie sich dagegen.

»Tomas?« Die Stimme lallte ein paar weitere Worte. Ein wenig Litauisch konnte sie zwar, aber nicht genug, um die betrunkenen Fragen zu verstehen, die von jenseits der Tür hereindrangen.

»Alles in Ordnung da drinnen?« Eine andere Stimme, in dem schroffen, näselnden Englisch, das in diesem fremden, kalten Land gesprochen wurde. »Hinterlass bloß keine blauen Flecken auf dem Mädchen.«

Wie viele waren es? Als sie angekommen waren, hatte Galya sich die Stimmen zu merken versucht. Zwei sprachen Litauisch. Einer davon lag jetzt neben ihr auf dem Boden. Der andere sprach Englisch mit so starkem Akzent, dass sie ihn als Iren identifizieren konnte. Einer der beiden Brüder, vermutete Galya. Die ganze Woche über hatte sie durch die verschlossene Tür ihre Gespräche belauscht und herausbekommen, dass der eine Mark hieß und der andere Sam. Heute Abend war nur einer der beiden da.

»Tomas?« Eine Faust hämmerte gegen das Holz. »Jetzt hör schon auf mit dem Scheiß da drinnen. Wenn du nicht sofort kommst und aufmachst, trete ich die Tür ein.«

Galya kniete sich hin und drückte sich hoch. Ein kalter Luftzug fächelte über ihren nassen Bauch und die Oberschenkel. Das einfache graue Sweatshirt und die Jogginghose, die sie ihr gegeben hatten, lagen auf der Frisierkommode. Sie griff danach und wechselte beim Überstreifen die Scherbe von einer Hand in die andere. Sie spürte, wie das Blut auf dem Stoff klebte. Es mochte vielleicht Unsinn sein, aber angezogen fühlte sie sich irgendwie sicherer.

Bei jedem Schlag vibrierte die Tür. Dahinter fluchte der zweite Litauer.

»Verdammt noch mal«, rief der Ire.

Galya blinzelte, als die Tür im Rahmen erzitterte und ihr Wumm! im Schlafzimmer widerhallte. Sie verkroch sich in der hintersten Ecke und hielt das gläserne Messer ausgestreckt. Noch ein Wumm!, das die Glühbirne über ihrem Kopf schwanken ließ. Galya drückte sich noch tiefer in den Winkel. Die Scherbe vor ihren Augen zitterte.

Sie betete zu ihrer Großmutter, der Frau, die sie und ihren Bruder stets beschützt hatte, seit sie beide Waisen geworden waren. Solange Galya sich erinnern konnte, war die alte Frau immer ihre Mama gewesen. Jetzt lag Mama Hunderte Kilometer weit weg unter der Erde und konnte ihnen keinen Schutz mehr bieten. Obwohl sie an solche Sachen eigentlich nicht glaubte, rief Galya jetzt Mamas dahingeschiedene Seele an. Sie flehte, Mama möge auf ihre Enkelin herabschauen und sich erbarmen. O bitte, Mama, bitte komm und hol mich hier weg, o bi…

Die Tür flog auf, schlug gegen die Wand und prallte wieder zurück. Der Litauer bremste sie beim Eintreten mit der Schulter ab. Der Ire folgte. Als sie den Toten sahen, blieben sie wie angewurzelt stehen.

Der Litauer bekreuzigte sich.

Der Ire sagte: »Ach du Scheiße.«

Galya drückte sich noch weiter in die Ecke und machte sich so klein wie möglich, als würde niemand sie sehen, solange sie dort hockte.

Der Litauer fluchte kopfschüttelnd, seine Augen wurden feucht. Mit seiner großen Pranke wischte er sich über den Mund.

»Mein Gott, Darius, ist er tot?«, fragte der Ire.

»Sieht aus ja«, sagte Darius.

»Was machen wir jetzt?«

Darius schüttelte den Kopf. »Weiß nicht.«

»Scheiße«, sagte Sam. Das musste Sam sein, Galya war sich sicher.

»Wir alle tot«, sagte Darius.

»Was?«

»Arturas«, sagte der Litauer. »Er töten uns beide. Deinen Bruder auch.«

Sam begehrte auf. »Aber wir haben doch gar nichts …«

»Egal. Wir alle tot.« Er deutete mit seinem wulstigen Finger in die Ecke. »Wegen ihr.«

Sam drehte sich um und sah Galya an. Sie hob ihre gläserne Klinge und durchschnitt damit vor sich die Luft.

»Warum du das tun?«, fragte Darius, das Gesicht eingesunken vor lauter Verzweiflung.

Sie fauchte, und die Scherbe sauste vor seinen Augen vorbei.

»Spar dir die Worte«, sagte Sam. »Die spricht kein Englisch.«

Galya verstand jedes Wort. Angesichts der Verstellung musste sie beinahe ein Kichern unterdrücken. Sie spürte ihren Geist flattern wie eine Fahne im Wind, die sich jeden Moment losreißen konnte. Einen Moment lang war sie versucht, einfach loszulassen und sich vom Wahnsinn davontragen zu lassen, aber so leicht aufzugeben, dazu hatte Mama sie nicht erzogen. Galya fletschte die Zähne und drohte erneut mit der Scherbe.

»Was sollen wir jetzt machen?«, fragte Sam.

»Ihm loswerden«, erklärte der Litauer.

Sam riss die Augen auf. »Wie, ihn einfach irgendwo abladen?«

»Wir sagen Arturas, dein Bruder kommen her, nehmen sie mit und kommen nicht zurück. Wenn Arturas fragen, wohin, wir sagen, wissen nichts.«

»Glaubt der uns das denn?«

Der Litauer zuckte die Achseln. »Wir sagen Wahrheit, wir tot. Arturas nicht glauben, wir auch tot. Wo ist Unterschied?«

Sam nickte in Richtung Zimmerecke. »Und was ist mit der da?«

»Was du denken?«, fragte der Litauer.

Sam blinzelte verwirrt und starrte Darius an. »Los.«

Der Litauer trat beiseite. »Nimm ihr weg Stiklas

»Was soll ich ihr wegnehmen?«, fragte Sam.

»Stiklas, Stiklas.« Der Litauer suchte nach dem richtigen Wort. »Glas. Nimm ihr weg.«

Sam näherte sich mit erhobenen Händen. »Nur ruhig Blut, Schätzchen.«

Galya stach auf ihn ein und erwischte ihn fast am Unterarm.

»Scheiße!« Sam fuhr zurück.

Darius stieß ihn wieder vor. »Nimm ihr weg.«

»Ach, leck mich. Nimm es ihr doch selbst weg.«

Fluchend rempelte der Litauer den anderen zur Seite. Galya fuchtelte mit der Scherbe vor ihm hin und her, doch er packte mit einer schnellen Bewegung ihr Handgelenk, verdrehte es unsanft, und die Scherbe fiel zu Boden. Wie eine Schlange legte sich sein dicker Arm um ihren Hals, und bei ihrem letzten Atemzug roch sie Leder und billiges Aftershave. Dann versank alles in der Finsternis.

Sie träumte von Mamas rauen Händen, von warmem Brot und einer Zeit, als sie von Belfast nur gewusst hatte, dass es eine jämmerliche Stadt war, die manchmal im Radio erwähnt wurde.

2

Schreie weckten Detective Chief Inspector Jack Lennon auf. Er fuhr auf dem Sofa hoch. Wie lange war er eingenickt? Nicht sehr lange. Im Fernsehen lief immer noch derselbe Film.

Beim nächsten Schrei war er auf den Beinen. Ungefähr eine Woche war es her, seit Ellen das letzte Mal kreischend aus dem Schlaf hochgefahren war, in dem ihre Alpträume hausten.

Seine Tochter hatte mehr Leid erfahren, als je irgendein Mensch erleben sollte. Nach wie vor wunderte Lennon sich, dass sie überhaupt noch funktionierte, dass sie die innere Kraft zum Weiterleben besaß. Vielleicht hatte sie diese starrköpfige Ader ja von ihrer Mutter geerbt, die neben ihr gestorben war. Er hatte Marie McKennas Leichnam den Flammen überlassen, als er die bewusstlose Ellen aus dem Haus in der Nähe von Drogheda getragen hatte. Ellen sprach nie darüber, was dort passiert war. Vielleicht erinnerte sie sich nicht mehr, vielleicht wollte sie auch einfach nicht sagen, was geschehen war. Wie auch immer, für Lennon machte es die Sache leichter. Er war sich nicht sicher, ob er es ertragen hätte, solche Dinge aus ihrem Mund zu hören.

Lennon war jetzt hellwach. Er ging zu ihrem Schlafzimmer, öffnete die Tür und schaltete das Licht ein. Ellen lag unter ihrer verknäulten Bettdecke und starrte ohne Anzeichen des Erkennens zu ihm hoch. Erneut schrie sie auf.

Lennon kniete sich neben das Bett und legte ihr eine Hand auf die kleine Wange. Er hatte gelernt, das Kind nicht in die Arme zu nehmen, wenn es aufwachte, verfolgt von seinen nächtlichen Schrecken. Der Schrecken war dann zu groß.

»Ich bin es«, flüsterte er. »Daddy ist ja da. Alles in Ordnung.«

Ellen blinzelte ihn an, und ihr Gesicht entspannte sich. Er hatte fast vergessen, wie alt sie aussah, wenn sie aus ihren Albträumen erwachte, ein siebenjähriges Mädchen, in dessen Augen sich Jahrhunderte von Schmerz spiegelten.

»Du hast nur geträumt«, beruhigte Lennon sie. »Du bist in Sicherheit.«

Ihre Finger wanderten zum Hals und streichelten die Haut, als schmerze sie.

»Wovon hast du geträumt?«, fragte er.

Seine Tochter runzelte die Stirn, vergrub den Kopf im Kissen und zog die Bettdecke so hoch, dass er nur noch ihren Scheitel sehen konnte.

»Du kannst es mir ruhig erzählen«, sagte Lennon. »Vielleicht geht es dir dann besser.«

Sie lugte hinaus. »Ich war ganz kalt und nass, und dann hab ich keine Luft mehr gekriegt. Ich bin erstickt.«

»So, wie wenn man ertrinkt?«

»Mmmm. Als hätte ich was um den Hals. Dann war da so eine alte Frau. Sie wollte mit mir reden, aber ich bin weggelaufen.«

»Hat sie dir Angst gemacht?«

»Mmmm.«

»Warum bist du denn dann weggelaufen?«

»Weiß nicht«, sagte Ellen.

»Glaubst du, du kannst wieder einschlafen?«

»Weiß nicht.«

»Kannst du es versuchen?«

»Okay.«

Lennon streichelte ihr übers Haar. »Braves Mädchen«, sagte er.

Leise sah er zu, wie ihr die Augenlider zufielen und ihr Atem sich beruhigte. Beim Klingeln des Telefons wurde sie einen Moment lang unruhig. Er hielt die Luft an, bis sie wieder still dalag, atmete erst wieder, als es schien, dass das Telefon sie nicht geweckt hatte, und ging hinaus, um den Anruf entgegenzunehmen.

»Bernie McKenna hier«, meldete sich die Anruferin mit schroffer Stimme.

In den vergangenen Monaten hatten sie öfter am Telefon und persönlich miteinander gesprochen, als er zählen konnte, trotzdem meldete sie sich immer noch mit dieser steifen Förmlichkeit.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte Lennon. Sein einziges Interesse an ihrem Wohlbefinden war, abschätzen zu können, wie das Gespräch sich entwickeln würde. Nur selten verliefen ihre Telefonate problemlos.

»Mir geht es gut«, antwortete sie. Nach Lennons Verfassung erkundigte sie sich nicht. »Was ist mit Ellen?«, fragte sie stattdessen.

»Was soll mit ihr sein?« Kaum hatte er gesprochen, bedauerte er die Feindseligkeit, die sich in seine Stimme geschlichen hatte.

»Zu diesem Ton besteht kein Anlass«, sagte Bernie. Sie stieß die Wörter hervor, als hätte sie dabei die Lippen zusammengepresst. »Sie ist meine Großnichte. Ich habe jedes Recht, mich nach ihr zu erkundigen. Ein größeres als Sie.«

»Sechs Jahre lang wollten Sie sie doch nicht einmal kennenlernen«, erwiderte Lennon. Im nächsten Moment zuckte er zusammen.

»Sie doch auch nicht«, erklärte sie.

Lennon unterdrückte seine Wut. »Jedenfalls, es geht ihr gut. Sie ist im Bett.«

»Hat sie immer noch diese Träume?«

»Manchmal.«

Bernie schluckte hörbar. »Als ich die arme Kreatur das letzte Mal sah, sah sie aus wie ein Gespenst.«

»In manchen Nächten ist es besser als in anderen«, sagte Lennon.

»Haben Sie Dr. Moran wegen ihr angerufen?«

»Mein Hausarzt hat sie auf die Warteliste für die Kinderpsych…«

»Aber da wartet sie doch Monate. Dr. Moran kann sie sich sofort anschauen.«

Lennon konnte sich den Rest des Gesprächs jetzt schon vorstellen. Er schloss die Augen. »Ich kann mir keine Privatbehandlung leisten«, sagte er.

»Ich aber«, erwiderte Bernie. »Michael hat uns gut versorgt. Ich kann für alles aufkommen, was sie braucht.«

Lennon hatte Gerüchte über den beträchtlichen Nachlass gehört, den Michael McKennas Sippe geerbt hatte, als man ihm im letzten Jahr das Hirn weggepustet hatte. Er bezweifelte nicht, dass Bernie es sich leisten konnte, ein paar Schekel abzugeben, aber schon allein die Vorstellung machte ihn rasend.

»Ich will Michael McKennas Geld nicht«, erklärte er.

»Und was ist gegen das Geld meines Bruders einzuwenden?«

»Ich weiß, woher es stammt.«

Ein paar Sekunden lang hörte er sie schwer atmen, dann sagte sie: »So was muss ich mir von Ihresgleichen nicht bieten lassen.«

»Dann lassen Sie es eben bleiben. Hören Sie, ich habe noch zu tun, wenn Sie also …«

»Immer mit der Ruhe«, unterbrach Bernie ihn. »Ich hatte noch nicht mal Gelegenheit, die Frage zu stellen, deretwegen ich überhaupt angerufen habe.«

Er seufzte laut genug, dass sie es hören konnte. »Na schön. Was?«

»Weihnachten.«

»Das hatten wir schon besprochen. Ellen verbringt den Tag mit …«

»Aber ihre Großmutter will sie sehen. Die arme Frau ist durch die Hölle gegangen. Ellen ist alles, was sie jetzt noch von ihrer eigenen Tochter hat. Was hat es denn für einen Sinn, dass das Kind den Tag ganz allein in Ihrer Wohnung verbringen soll?«

»Sie wird nicht allein sein. Sie wird mit mir zusammen sein.«

»Sie sollte bei ihrer Familie sein«, erklärte Bernie. »Ihre Großmutter, ihre Cousinen, alle von unserer Seite werden da sein. Gönnen Sie ihr doch einen schönen Tag. Nur weil Sie unglücklich sind, müssen Sie das Kind ja nicht auch unglücklich machen.«

»Ich bringe sie zu ihrer Großmutter. Meiner Mutter. Und den Rest des Tages verbringt sie mit mir. Wir essen mit Susan, einer Nachbarin, zu Abend, mit ihr und ihrem kleinen Mädchen Lucy. Die beiden sind die besten Freundinnen. Sie wird hier glücklich sein.«

»Sie bringen sie zu Ihrer Mutter? Also, was soll das denn? Ihre Mutter ist ja nicht mal mehr genug bei Sinnen, um ihre eigenen Kinder zu erkennen, wenn sie vor ihr stehen, geschweige denn …«

»Das reicht«, unterbrach Lennon, dem sich die Kehle zuschnürte. »Ich muss los.«

»Aber was ist mit Weih…«

Er legte auf, unterdrückte das Verlangen, das Telefon gegen die Wand zu werfen, und legte es stattdessen zurück auf den Couchtisch. Wie oft würde er sich darüber noch mit Bernie McKenna streiten müssen? Seit dem Tag, als Marie gestorben war, schlich ihre Familie um ihn herum und wartete darauf, dass er einen Fehler machte, damit sie seine Tochter für sich beanspruchen konnten.

Zugegeben, in ihren ersten sechs Lebensjahren war er der Kleinen kein Vater gewesen, aber die anderen waren ihr ebenso wenig eine Familie gewesen. Maries Sippschaft hatte sie ausgegrenzt, als sie sich mit ihm eingelassen hatte, einem Cop. Und das lange bevor die Republikaner endlich ihre über Jahrzehnte hinweg gültige Haltung änderten und die Rechtmäßigkeit des Polizeidienstes anerkannten. Bis dahin war jeder junge Katholik, der zur Polizei ging, umgehend zum Ziel von Mordanschlägen geworden, und jeder, der mit ihm Umgang pflegte, war aus ihrer Gemeinschaft verbannt worden. Genau das war Marie widerfahren, und er hatte ihr dieses Opfer damit vergolten, dass er sie verlassen hatte, als sie schwanger wurde. Die jüngsten Streitigkeiten erinnerten ihn nur wieder daran, dass sie allesamt Ellen im Stich gelassen hatten, und jedes Mal suchte er einen Grund, sich den anderen moralisch überlegen fühlen zu können. Doch es gab keinen. Sein eigener Verrat war der Allerschlimmste gewesen, und das würde Bernie McKenna ihm immer vorhalten. Nach jedem Anruf kochte er vor Wut und konnte sie nur mit schierer Willenskraft ersticken.

Noch bevor er sich wieder vollends beruhigt hatte, klingelte das Telefon erneut. Unwillig griff er danach und fluchte, ehe er auf die Sprechtaste drückte. »Herrgott noch mal, Sie wecken sie noch auf. Ich will darüber nicht mehr reden, also zum letzten Mal, Sie können …«

»Jack?«

»… sich Ihr Weihnachten in den …«

»Jack?«

Lennon hielt inne. »Wer ist da?«

»Chief Inspector Uprichard.«

Lennon setzte sich auf die Couch und legte die freie Hand über die Augen. »Nein«, sagte er.

»Ich brauche Sie hier, Jack«, verkündete Uprichard.

»Nein«, wiederholte Lennon. »Nicht noch einmal. Das hatte ich Ihnen doch schon gesagt, oder? Wir hatten uns darauf geeinigt. Über Weihnachten übernehme ich keine Nachtschicht. Ich kann nicht.«

»DI Shilliday ist krank geworden«, sagte Uprichard. »Und sonst habe ich keinen, der für ihn übernehmen kann.«

»Nein«, beharrte Lennon.

»Es wird eine ruhige Nacht. Da draußen ist nichts los. Sie können in Ihrem Büro schlafen. Ich haben eben nur keinen anderen, so ist es nun mal.«

»Nein«, wiederholte Lennon noch einmal, aber ohne rechte Überzeugung.

»Streng genommen ist es gar keine Bitte, Jack«, sagte Uprichard, dessen Stimme jetzt entschiedener wurde. »Zwingen Sie mich nicht, es Ihnen zu befehlen.«

»Scheiße«, fluchte Lennon.

»Also, das ist nun wirklich nicht nötig.«

»Ist es doch, verdammt«, erwiderte Lennon im Aufstehen. »Das ist das vierte Mal in einem Monat.«

Beinahe hätte er gesagt, dass er wusste, was dahintersteckte. Dass nämlich DCI Dan Hewitt vom Geheimdienst C3 die Fäden zog, um ihm das Leben schwerzumachen. Aber er riss sich am Riemen.

»Tut mir leid«, sagte Uprichard. »So ist es nun mal. In einer Stunde will ich Sie hier haben.«

Susan öffnete in einem eng anliegenden Morgenmantel die Tür. In den zehn Minuten, seit Lennon sie angerufen hatte, hatte sie ihr Haar in Ordnung gebracht und so viel Make-up aufgelegt, wie überhaupt möglich war. Entweder das, oder sie ging immer mit Lipgloss ins Bett.

Ellen quengelte schniefend in Lennons Armen, ihre nackten Füße traten ihn strampelnd.

»Du bist ein Goldstück«, sagte er zu Susan. »Ich kann dir gar nicht genug danken.«

Susan schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln, das gleichzeitig warmherzig und traurig war. »Ist schon in Ordnung. Ich war noch nicht eingeschlafen.«

Lennon wusste, wenn er belogen wurde, aber trotzdem war er froh darüber. »Bevor du morgen früh aufstehst, bin ich schon wieder da.«

Susan streckte die Arme nach Ellen aus. »Komm her, Schatz, ich nehme dich.«

Ellen rieb sich wimmernd die Augen.

Susan küsste sie aufs Haar. »Du kannst bei Lucy im Bett schlafen, in Ordnung?«

Ellen vergrub ihren Kopf unter Susans Kinn. Schon viele Male war sie im Schlaf hierher verfrachtet worden.

Lennon berührte Susans Unterarm. »Danke«, sagte er.

Sie lächelte noch einmal. »Wenn du wieder da bist, komm doch einfach zum Frühstück vorbei.«

»Die Nachbarn könnten reden«, sagte Lennon.

»Dann lass sie doch.«

3

Die in Plastik gewickelte Leiche rollte gegen Galya, als der Wagen ruckartig zum Stehen kam. Vom Blutgeruch musste sie in den Lappen würgen, den man ihr in den Mund gestopft hatte. Mit den Schultern drückte sie sich an der Rückwand des Kofferraums ab und schob mit den Knien die Leiche weg. Sie hatten ihr mit irgendeinem dünnen Elektrodraht die Handgelenke gefesselt, aber schon jetzt lockerte er sich auf ihrer vom Blut glitschigen Haut. Sie hätte ihn leicht abstreifen können, beschloss aber, ihn vorerst dran zu lassen, bis sie ihre Hände auch wirklich gebrauchen konnte.

Sie merkte, wie der Wagen schaukelte, als die Männer ausstiegen, dann hörte sie die Türen zuschlagen. In den letzten Minuten war die Fahrt langsam gewesen, mit scharfen Kurven und plötzlichen Stopps, bis der Wagen dann mit einem letzten schlingernden Ruck auf holprigem Untergrund zum Stehen gekommen war. Angestrengt versuchte Galya, Laute zu erhaschen. Von irgendwoher drang Verkehrslärm, aber noch näher war das sanfte Plätschern von Wasser.

In dem Moment, als sie mit vom Motorenlärm dröhnenden Kopf in der Düsternis aufgewacht war, war ihr klar gewesen, dass man sie umbringen wollte. Ohne Zweifel. Das Geräusch des gurgelnden Wassers war nur eine Bestätigung. Darin würden sie den Toten versenken und sie hinterherwerfen. Vielleicht würden die Männer sie vorher töten, vielleicht würde man sie auch einfach ersäufen. Auf jeden Fall würde sie bald im Wasser liegen.

Von draußen waren jetzt Stimmen zu hören, die des Iren schrill und panisch, die des Litauers tief und wütend. Beim Näherkommen warfen sie sich gegenseitig Vorwürfe und Flüche an den Kopf. Ein Schlüssel kratzte auf Metall, das Schloss drehte sich, und kalte Luft strömte herein.

Zwischen Darius und Sam bildete sich eine Nebelwolke, als ihr Atem sich vermischte. Der Litauer packte die Leiche seines Landsmanns, zerrte sie ächzend aus dem Wagen und ließ sie mit einem nassen Klatschen auf die Erde fallen.

Galya wehrte sich nicht, als Sam sie packte. Als er sie auf die Füße stellte, schien die eiskalte Erde ihr in die Sohlen zu beißen. Die Heftigkeit der Schauer, die sie durchfuhren, schüttelte sie, und er umklammerte ihre Arme noch fester.

Der Wagen, ein alter BMW, stand nur ein paar Schritte von einer Wasserfläche entfernt, abgestellt auf einem Streifen Brachland, der von der leeren Straße durch einen niedrigen Bordstein abgetrennt wurde. Ringsum standen regungslos und still Lagerhäuser und Kräne in der kalten Nacht. Träge Wellen plätscherten gegen den Uferdamm. Auf der anderen Kanalseite sah man weitere Lagerhäuser und dahinter die Lichter der Stadt. Galya versuchte, den Kopf zu wenden, um mehr von ihrer Umgebung zu erkennen, aber Sam verdrehte ihr den Arm.

»Lass das«, sagte er mehr zu sich selbst als zu ihr.

Darius bückte sich und packte die Fußgelenke seines toten Freundes. Er zog, kam aber nicht einmal einen Meter weit, weil sich die Folie im Geröll verfing. Fluchend ließ er die Beine wieder los.

»Helfen«, sagte er.

»Was?«, fragte Sam.

»Helfen«, wiederholte der Litauer. »Tomas werfen in Wasser.«

»Ich halte schon die hier fest«, sagte Sam und packte Galyas Arm noch fester.

»Wo soll hin?«, fragte Darius, breitete die Arme aus und deutete auf das weite Areal mit nichts als Wasser und flachen Gebäuden. Dann zeigte er auf die Leiche am Boden. »Du helfen.«

Eine feuchte Hitze blieb auf Galyas Arm zurück, als Sam sie losließ. Er schob sie rückwärts gegen den Wagen.

»Du rührst dich nicht«, befahl er.

Dann ging er hinüber zur Leiche, hockte sich hin und packte sie bei den Schultern.

Darius rief: »Vienas, du, trys, hup!«

Keuchend hievten die Männer die Leiche ein paar Zentimeter vom Boden hoch. Schnaufend und grunzend schlurften sie zum Wasserrand. Eine blutbefleckte Hand rutschte aus der Folie und strich mit den Fingerspitzen über das lockere Geröll.

»O Gott«, entfuhr es Sam.

Plötzlich wummerte wie aus dem Nichts ein verzerrter Disco-Beat los. Entsetzt schrie Sam auf und ließ die Schultern des Toten los.

Galya machte einen Schritt vom Wagen weg.

Darius legte die Füße ab und richtete sich auf. Irgendetwas an der Leiche vibrierte. Er bückte sich wieder und riss ein Loch in die glänzende Folie. Drinnen tastete seine Hand einen Moment lang herum, dann kam sie wieder zum Vorschein, ein Handy zwischen den wulstigen Fingern. Fassungslos schaute er aufs Display, dessen Licht ihn noch blasser aussehen ließ, als er ohnehin war. Er warf Sam einen Blick zu.

»Ist Arturas«, sagte er.

Sam schluckte so heftig, dass Galya es in seiner Kehle glucksen hörte.

»Gehst du dran?«, fragte er.

Darius starrte ihn finster an. »Du dummer Mann. Ich drangehen und sagen, Bruder nicht können? Sagen, er gehen in Wasser, ja?«

Sam fuhr zurück, als hätte die Beleidigung ihn mitten auf die Brust getroffen. »Woher soll ich denn das wissen, verdammt? Er ist dein Boss, nicht meiner.«

»Arturas Boss von jedem«, sagte der Litauer.

Sam machte einen Schritt vor. »Er ist dein Boss, nicht meiner.«

Darius hielt ihm das Telefon hin, aus dem immer noch die blecherne Musik schepperte. Sein feistes Gesicht schwoll vor Wut noch mehr an. »Okay, du sagen, er nicht dein Boss, du ihm sagen jetzt.«

»Leck mich«, sagte Sam.

Galya verdrehte ihre Handgelenke und spürte, wie der Elektrodraht beim Herunterfallen hinten ihre Beine streifte.

Darius trat über die Leiche hinweg und stand Sam jetzt direkt gegenüber.

»Du glauben, du starker Mann?«, fragte er, immer noch das aufleuchtende und dudelnde Telefon in der Hand.

Zwei Meter trennten Galya jetzt schon vom Wagen. Mit den Zehenspitzen schob sie den Draht weg, behielt die Hände aber auf dem Rücken. Sie drückte mit der Zunge gegen den Lappen in ihrem Mund, schob ihn heraus und ließ ihn zu Boden fallen. Sie beruhigte ihre Atmung.

Sam trat auf die andere Seite der Leiche. »Hör mal, das ist jetzt nicht der Moment, dass wir uns in die Haare kriegen, oder? Wir müssen die Sache hier regeln, bevor jemand vorbeikommt und uns fragt, was wir hier mitten in der Nacht treiben.«

Darius ließ sich nicht beruhigen. »Du besser aufpassen dein Maul, sonst du auch in Wasser.«

Sam hob die Hände.

Darius schlug sie weg.

Galya rannte los.

4

Arturas Strazdas legte auf, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Er dachte einen Moment lang nach, während der Wagen weiter über die Autobahn in Richtung Stadt raste. Der Fahrer richtete seine Aufmerksamkeit auf die Straße vor ihnen. Tomas ging immer ans Telefon. Egal, ob er im Bett war oder auf einer Beerdigung, nie ließ er einen Anruf unbeantwortet, wenn sein Handy in Reichweite war. Schon oft, wenn er seinen Bruder angerufen hatte, hatte Strazdas am anderen Ende nur Hecheln und Stöhnen gehört, weil er gerade eine von den Nutten fickte.

Einmal hatte Tomas einen Kinobesucher krankenhausreif geschlagen, der sich über die Störung beklagt hatte, weil er mitten in irgendeiner Liebeskomödie drangegangen war. Es hatte mehrere Tage und einige Investitionen erfordert, das Opfer davon zu überzeugen, dass es sich bei der Identifizierung des Angreifers geirrt hatte.

Tomas hatte schon immer Ärger gemacht, aber Strazdas hatte seiner Mutter versprochen, unter allen Umständen auf seinen kleinen Bruder aufzupassen. Erst vor ein paar Stunden hatte er dieses Versprechen wiederholt, bevor er sie in der Wohnung, die er ihr in Brüssel gekauft hatte, zurückgelassen und den Flieger nach Belfast genommen hatte.

Sie hatte sich bitterlich darüber beklagt, dass man sie über Weihnachten allein ließ, aber es ging eben nicht anders. Es gab Geschäftliches zu erledigen, und sosehr er seinen kleinen Bruder auch liebte, eine solche Verantwortung konnte man ihm nicht anvertrauen.

Bevor Strazdas an Bord der Maschine gegangen war, hatte er Tomas gesimst und ihn daran erinnert, sich bei seiner Ankunft bereitzuhalten, er erwarte ihn am Abend in seinem Hotel. Und jetzt ging Tomas nicht an den Apparat. Strazdas steckte sein Handy zurück in die Brusttasche und dachte nach.

Es konnte natürlich viele Gründe geben, warum Tomas nicht ans Telefon ging. Aber keiner davon reichte Strazdas. Hier stimmte eindeutig etwas nicht.

»Herkus«, rief er.

»Ja, Boss?« Der Fahrer sah über die Schulter.

»Wann hast du Tomas zuletzt gesehen?«

»Vor ein paar Stunden«, sagte Herkus. »Er und Darius waren in der Stadt einen trinken. Ich musste sie in aller Eile abholen. Sie  waren in die falsche Bar geraten, irgendeinen Schuppen für Schwule. Du weißt ja, was Tomas von Schwulen hält.«

Ja, Strazdas wusste, was Tomas über Homosexuelle dachte. Diese spezielle Marotte hatte ihn im Laufe der Jahre schon eine Stange Geld gekostet. Sich um Tomas zu kümmern war eingedenk der ganzen Kautionen und Schmiergelder, als halte man sich ein exotisches Tier. Sein Futter war teuer.

»Wie schlimm?«, fragte Strazdas.

»Nicht besonders schlimm.« Herkus zuckte die Achseln. »Er hat nicht viel Blut an den Händen. Darius hat ihn rausgebracht, bevor er etwas richtig Übles anrichten konnte. Ein paar Straßen weiter habe ich sie aufgegabelt.«

»Und dann?«

»Tomas hat gesagt, er wolle die neue Hure einreiten. Die kleine Ukrainerin. Nach den ganzen Schwulen hatte er Lust auf eine Hure.«

Strazdas sah, wie die Lichter der Stadt sich näherten und die Gebäude in der Dunkelheit Gestalt annahmen.

»Was für eine kleine Ukrainerin?«

»Die, die Rasa letzte Woche von der Pilzfarm geholt hat. Die Agentur hat sie da hingeschickt, sie arbeitet unter Petronas. Als Rasa sie entdeckt hat, war sie vielleicht einen Monat oder sechs Wochen dort. Sie war von oben bis unten voll mit Pferdescheiße, aber einen Hingucker entdeckt Rasa schon auf hundert Meter. Die Loyalisten haben zweitausend für sie bezahlt.«

»Nettes Sümmchen«, sagte Strazdas.

»Wie gesagt, sie war ein Hingucker. Hat Darius mir erzählt. Jung , schlank, schöner Mund. Gute Titten. Heute wollten sie die Kleine zum ersten Mal anschaffen lassen. Tomas hat gesagt, er wollte ihr ein bisschen den Start erleichtern.«

»Wo haben sie das Mädchen untergebracht?«

»In der Nähe von Bangor«, sagte Herkus. »Nordwestlich der Stadt, noch hinter dem zweiten Flughafen.«

Strazdas zog erneut sein Telefon aus der Tasche. Er suchte Darius’ Nummer heraus und wählte. Es klingelte noch nicht einmal, sondern schaltete sofort auf den Anrufbeantworter um.

»Wenn du mich am Hotel abgesetzt hast, suchst du Tomas und Darius«, befahl er.

»Okay«, sagte Herkus.

5

Schon als kleines Kind war Galya eine gute Läuferin gewesen. Sie war die Schnellste in ihrem Schulbezirk und hatte jede Medaille und jeden Pokal gewonnen, der bei den Regionalmeisterschaften zu gewinnen war. Mama stellte sie allesamt in dem alten Porzellanschrank aus, den sie vor vierzig Jahren von ihrer eigenen Großmutter geerbt hatte.

Als dann im Teenageralter ihre Gliedmaßen länger wurden, entdeckte sie als ihre Lieblingsdisziplin die fünftausend Meter. Mit vierzehn trainierte sie dreimal am Tag und kam Stück für Stück ihrem Ziel näher, die Distanz in fünfzehn Minuten zu bewältigen. Sie erinnerte sich noch daran, wie sie früh am Morgen in der Kälte die Haustür ihrer Mama hinter sich zuzog, zur Laufbahn im Dorf trabte und dann lauschte, wie die Welt um sie herum erwachte, während sie Runde um Runde abriss.

Der Trainer hatte sie für die Sportschule vorschlagen wollen und prophezeit, die Aufnahmeprüfungen werde sie mit Leichtigkeit bestehen, vielleicht werde man sie sogar für die Olympiamannschaft aufbauen. Aber das hätte bedeutet, wegzuziehen und Mama allein die paar Morgen Land bestellen zu lassen, die ihr selbst gehörten. Also lehnte Galya die Chance ab und lief nur noch für das Vergnügen eines rasenden Herzens.

Jetzt rannte sie um ihr Leben.

Ihre Arme ruderten wie wild. Eisiger Teer nagte an ihren nackten Fußballen. Gierig sogen ihre Lungen die kalte Luft ein.

Bevor die Männer bemerkten, dass sie weg war, hatte sie schon zwanzig Meter Vorsprung. Sam war bei dem panischen Versuch, sie zu erwischen, über den Toten gestolpert. Sie hörte, wie er hinschlug und vor Schmerzen aufschrie. Damit blieb nur noch Darius als Verfolger, der mit schweren Tritten seinen massigen Körper in Bewegung setzte.

Ob sie Waffen hatten? Galya glaubte es nicht, denn sonst hätte sie es vermutlich inzwischen knallen gehört und gespürt, wie ihr die Kugeln in den Rücken schlugen.

Weiter vorne sah sie ein offenes Tor, dahinter ein Dock. Hinter ihr rennende Füße, schwerfällig und unfähig, die Lücke zu schließen. Galya sah sich nicht um. Wenn sie das tat, würde sie ihren gleichmäßigen Rhythmus verlieren, und sie wusste, dass das beim Laufen das Entscheidende war. Ein gleichmäßiger Rhythmus garantierte Schnelligkeit und ein Minimum an Erschöpfung. Wenn sie den verlor, würde sie gegenüber den anderen an Boden verlieren. Und wenn sie an Boden verlor, würde sie sterben.

Atmen.

Rein, zwei, drei, vier, raus, zwei, drei, vier …

Sie hörte Darius’ keuchende Atemstöße. Er war kein Sprinter, aber Ausdauer hatte er auch nicht. Nicht so wie Galya. Wenn sie sich lange genug vor ihm halten konnte, außerhalb seiner Reichweite, dann würden seine Beine nachgeben und die Muskeln zu sehr nach Sauerstoff lechzen, als dass sie ihn noch weitertrugen.

Rein, zwei, drei, vier, raus, zwei, drei, vier …

Galya hörte ihn aufschreien, er sammelte seine letzten Kraftreserven. Aber sie hatte mehr. Trotz der Schmerzen vom Salz auf der Straße, das ihr die Haut von den Füßen riss, holte sie alles aus sich heraus. Er war näher gekommen, holte trotz seines verzweifelten Japsens auf. Wieder kam er aus dem Tritt und brüllte auf.

Rein, zwei, drei, vier, raus, zwei, drei, vier …

Gerade noch rechtzeitig sah sie das Eis, verlängerte ihren Schritt und sprang locker darüber hinweg. Darius nicht. Sie hörte, wie er ausrutschte, dann das nasse Klatschen seines Körpers auf der harten Erde und schließlich sein Keuchen, als ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde.

Ächzend und keuchend rappelte sich der Litauer hinter ihr wieder hoch. Er war groß und kräftig, aber schwerfällig. Davonlaufen konnte sie ihm, daran bestand kein Zweifel, aber der Schmerz zerrte an ihren Fußgelenken, und die eiskalte Luft brannte in ihren Lungen.

Rein, zwei, drei …

Es war zu kalt. Galya konnte die Luft nicht länger anhalten. Sie war aus dem Takt.

Raus, zwei, drei …

Ihr Atem pfiff durch die zusammengebissenen Zähne, sie verlor ihren Rhythmus. Sie befahl ihrem Kopf, sich zu konzentrieren, ihrem Körper zu gehorchen, aber der Schmerz wollte nicht in den Füßen bleiben. Er kroch die Gelenke und Waden hoch, machte ihre Schritte kürzer und ihre Schnelligkeit zunichte.

Die stampfenden Schritte des Litauers kamen näher. Er hechelte und keuchte, aber er hielt sein Tempo.

Das offene Tor war nur noch wenige Meter weit weg. Auf dem Gelände dahinter konnte sie die Lichter der Stadt und davor die Silhouette einiger großer, schwarzer Hügel erkennen. Kohle vielleicht oder Schotter, daneben hoch aufragende Maschinen und niedrige Schuppen. Gute Verstecke, falls sie es bis dorthin schaffte.

Aber da waren die Schmerzen und die Kälte. Sie stachen auf ihre Beine ein und legten sich um ihre Brust.

Der Litauer kam immer näher, so nahe, dass er sie schon berühren konnte, wenn er den Arm ausstreckte.

Galya rannte weiter und betete.

Mama, hilf mir, hilf mir, mach mich schneller, lass mich …

Blendendes Licht, ein kreischendes Geräusch und ein Schrei.

Das Auto, ein großer Wagen mit Allradantrieb, schoss aus einer Seitenstraße. Galya spürte den Luftzug, als es sie verfehlte und den Litauer anfuhr. Sie hörte, wie er hart auf die Erde schlug.

Eine Tür ging auf, eine Stimme rief: »Stehen bleiben!«

Galya rannte weiter, obwohl aus ihren langen Sätzen inzwischen ein unkoordiniertes Taumeln geworden war.

»Stehen bleiben!«, rief die Stimme wieder. »Polizei!«

Galya wurde langsamer und riskierte einen Blick über die Schulter.

Der Wagen hatte farbige Markierungen, an der Seite prangte die Aufschrift: HAFENPOLIZEI. Galya blieb stehen. Konfusion vermischte sich mit ihrer Panik.

»Keine Bewegung«, rief der Polizist. Er wandte seine Aufmerksamkeit dem Mann zu, der ausgestreckt vor dem Wagen lag. Dann sprach er in ein Funkgerät: »Bobby, wir brauchen hier einen Krankenwagen.«

Als Antwort kam ein Knistern aus dem Funkgerät.

»Weil ich gerade jemanden angefahren habe.«

Eine längere Salve statischen Rauschens.

»Weiß nicht. Er lebt noch. Jedenfalls bewegt er sich. Ecke Dufferin und Barnet Road.«

Galya kämpfte gegen die Adrenalinschübe an und zwang sich, reglos stehen zu bleiben und abzuwarten.

Der Polizist bemerkte den Wagen am Wasser, das in Plastik gewickelte Bündel am Kai. Erneut sprach er in sein Funkgerät. »Schick besser auch noch ein paar Jungs von der PSNI.«

Ein weiteres Knistern.

»Das werde ich gleich rausfinden. Aber was immer es auch ist, gut sieht es jedenfalls nicht aus.«

Er wandte sich wieder an Galya. »Also, Schätzchen, was ist hier los?«

Sie machte den Mund auf und wollte schon antworten, aber dann fiel ihr ein, was man ihr über die Polizei in diesem Land erzählt hatte. Die Kolonnenführer auf der Farm und die Arbeiter wussten noch die Geschichten, die sie von anderen gehört hatten. Die Polizei hasste Einwanderer, verhaftete und schlug sie. Wer Glück hatte, wurde aus dem Land geworfen. Die anderen kamen jahrelang in irgendwelche tristen Gefängnisse, einer Staatsgewalt ausgeliefert, die sie in den nasskalten Eingeweiden ihrer Haftanstalten verrotten ließ.

Galya schaute an sich herab und sah, dass Blut ihre Kleider durchtränkt hatte und an ihren Händen klebte. Vor nicht einmal einer Stunde hatte sie einen Mann getötet. Wenn die Polizei sie erwischte, würde man sie für eine Mörderin halten. Wurden Mörder hierzulande immer noch aufgehängt? Galya machte einen Schritt zurück.

Der Polizist streckte eine Hand nach ihr aus. »Hör mal, Schätzchen, keiner tut dir was. Bleib einfach nur …«

Ein Motor heulte auf. Der Mann drehte sich um und sah, wie der alte BMW auf ihn zugeschossen kam.

Darius rappelte sich auf die Knie hoch.

»Was zum Teufel ist hier los?«, fragte der Polizist noch. Er griff nach der Pistole an seiner Hüfte, aber Darius hielt sein Handgelenk fest. Ohne den Polizisten aus den Augen zu lassen, richtete er sich zu seiner vollen Größe auf.

Galya rannte wieder los.

6

Zum zweiten Mal in dieser Nacht wurde Lennon kurz vor dem Einnicken vom schrillen Klingeln des Telefons aufgeschreckt. Frierend ruckte er in seinem dunklen Büro hoch und tastete nach dem Telefon.

»Ja?«

»Anruf von Sergeant Connolly«, meldete sich der Diensthabende. »Hört sich nicht gut an.«

»Herrgott noch mal«, fluchte Lennon und rieb sich den Schlaf aus den Augen. »Na schön, stellen Sie ihn durch.«

Lennon hörte es zuerst klicken und piepsen, während der Anruf von einer Leitung zur nächsten sprang, und erst dann Connollys keuchenden Atem. Offenbar machte dem Mann die Kälte zu schaffen. Connolly war ein guter Beamter, noch jung genug, um sich daran zu erinnern, warum er zur Polizei gegangen war, und doch schon alt genug, um sich über die Realität seines Jobs keine Illusionen mehr zu machen. Schneller als die meisten anderen war er zum Sergeant befördert worden und liebäugelte mit dem Posten eines Detectives. Früher oder später würde er ihn auch bekommen, schätzte Lennon, aber fürs Erste musste er noch weiter Streife fahren.

»Schießen Sie los«, sagte Lennon. Er wusste, dass Connolly ihm nur die nüchternen Fakten schildern würde, ohne irgendwelchen Firlefanz.

»Eddie McCrae und ich haben einen Anruf gekriegt, wir sollen zum Harbour Estate kommen«, berichtete Connolly. Sein Partner McCrae war immer noch Constable, obwohl er zehn Jahre älter war. »Ein Mann tot, habe ich selbst überprüft. Einer verletzt. Krankenwagen ist unterwegs. Eddie leistet ihm Erste Hilfe, es sieht aber übel aus. Und jetzt kommt das Schlimmste: Er ist Hafenpolizist. Besser, Sie kommen her.«

Lennon sackte auf seinem Stuhl zusammen. »In Ordnung. Geben Sie mir dreißig Minuten.«

Er hängte ein und wählte eine Amtsleitung. Es klingelte sechs Mal, bevor er eine alkoholgeschwängerte Stimme hörte.

Detective Chief Inspector Jim Thompson, der Leiter von Lennons Major Investigation Team, hörte am anderen Ende gähnend zu. Als Lennon Connollys Bericht durchgegeben hatte, sagte Thompson: »Das hätten Sie mir doch auch alles morgen früh erzählen können. Ich habe Gäste da.«

»Sie sind der Leiter meines MIT«, sagte Lennon. »Ich bin gehalten, Sie als Ersten zu informieren.«

»Und Sie sind der ranghöchste diensthabende Beamte. Sie haben den Anruf entgegengenommen. Jetzt kümmern Sie sich auch gefälligst darum, verdammt.«

»Ich habe nicht genügend Leute, um ein Team zusammenzustellen.«

»Da draußen ist es doch stockdunkel. Bis morgen früh kann der Tatort sowieso nicht ordentlich unter die Lupe genommen werden. Schaffen Sie einfach nur einen von der medizinischen Bereitschaft hin und jeden anderen, den Sie erwischen können. Sorgen Sie dafür, dass der Tatort gesichert wird und so weiter, die  übliche Prozedur. Morgen kann dann der Assistant Chief Constable übernehmen. Sie werden ja wohl in der Lage sein, wenigstens das hinzukriegen. Und jetzt rufen Sie mich nicht noch einmal an, es sei denn, der Himmel fällt uns auf den Kopf, verstanden?

»Verstanden«, sagte Lennon.

Er würde nie ergründen können, wie Jim Thompson es je zum Detective Chief Inspector gebracht hatte. Seit vier Monaten war er jetzt schon in Thompsons Dezernat und hatte es seither noch nicht einmal erlebt, dass sein Vorgesetzter für irgendetwas den Kopf hinhielt, wenn er nicht unbedingt musste. Delegieren nannte Thompson das. Lennon nannte es Drückebergerei.

Es stimmte allerdings, dass man heute Nacht wenig mehr tun konnte, als den Tatort zu sichern und vom Rechtsmediziner den Tod feststellen zu lassen. Morgen würde dann der Assistant Chief Constable ein Ermittlerteam zusammenstellen. Lennon brauchte im Augenblick nichts weiter zu tun, als alles Punkt für Punkt abzuhaken. Trotzdem schwoll ihm der Kamm bei der Vorstellung, dass Thompson jetzt weiter vergnügt Weihnachten feiern konnte, während da draußen am Wasser ein Toter lag.

Mit seinen Detective Chief Inspectors hatte er offenbar einfach kein Glück. Dass er heute Abend hier hockte, hatte er DCI Dan Hewitt zu verdanken. Beweisen ließ sich das allerdings nicht, und überhaupt musste Lennon sich eingestehen, dass dahinter durchaus auch nur sein eigener Verfolgungswahn stecken konnte. Trotzdem drängte der Gedanke sich auf – vor allem, wenn man bedachte, dass Hewitt Lennon vor über einem Jahr verraten hatte. Marie McKenna hatte es das Leben gekostet, und Ellen wäre es fast ebenso ergangen.

Hewitt hatte viele Geheimnisse, und Lennon hatte so viele davon aufgedeckt, dass er seinem ehemaligen Freund das Leben schwermachen konnte, sollte er je beschließen, sie preiszugeben. Fürs Erste jedoch hielt er die Informationen unter Verschluss, teils in seinem Kopf, teils auf Papier. Ein Jahr lang hatte er die Akten durchkämmt auf der Suche nach Verbindungen zwischen Hewitt und Fällen, bei denen es nie zu einer Strafverfolgung gekommen war. Herzlich wenig war aktenkundig, weil sein alter Freund zur verschwiegensten Abteilung innerhalb der Polizei gehörte, dem Geheimdienst C3, dessen verborgene Umtriebe jenseits seiner eigenen, abgesicherten Büroräume nur selten zutage traten.

Einiges allerdings hatte Lennon in einer verschlossenen Box zu Hause in seiner Wohnung deponiert. Nicht genügend, um Hewitt zu Fall zu bringen, aber doch genügend, um ein paar unangenehme Fragen aufzuwerfen, falls es hart auf hart kam.

Vielleicht waren diese ganzen kurzfristig angekündigten Nachtschichten ja auch nur Zufall. Ebenso konnte es Zufall sein, dass nur noch so wenige von Lennons alten Informanten bereit waren, mit ihm zu reden. Natürlich kam es ständig vor, dass irgendwelche Beweise verlegt wurden, aber zwei von Lennons Fällen waren geplatzt, als er sie der Staatsanwaltschaft präsentiert hatte, weil aus der Asservatenkammer Indizien verschwunden waren.

Oder war es vielleicht möglich, dass DCI Dan Hewitt gewissen Leuten ins Ohr geflüstert, auf die Schulter getippt oder die Daumenschrauben angelegt hatte? Lennon vermutete, dass Hewitt ihm das Leben im Revier am Ladas Drive so schwer wie möglich machen wollte, in der Hoffnung, dass er sich woandershin versetzen ließ.

Den Gefallen würde Lennon ihm aber nicht tun. Stattdessen würde er auch weiterhin an Abenden wie diesem, an denen er lieber zu Hause bei seiner Tochter gewesen wäre, aufs Revier kommen. Es war derselbe störrische Wesenszug, aus dem heraus er sich dem Wunsch der McKennas verweigerte, Ellen in den Schoß ihrer Familie aufzunehmen, obwohl er wusste, dass es keinen logischen Grund dafür gab.

Er griff zum Telefon und begann mit seinen erforderlichen Anrufen.

Als Lennon ankam, schoben die Sanitäter gerade den verletzten Hafenpolizisten in den Krankenwagen. Wegen der Bandagen und der Halskrause war nur noch sein Mund zu sehen. Ein zweiter uniformierter Hafenpolizist sah zu, wie sich die Türen schlossen. Lennon registrierte die Rangabzeichen auf seinen Epauletten.

»Sind Sie der Vorgesetzte des Verletzten?«, fragte er.

Der Sergeant schaute ihn erst einen Moment lang verwirrt an, bevor er antwortete. »Entschuldigung, ja. Ich bin Bobby Watts. Als es passiert ist, hatte ich gerade Bereitschaft. Ich war derjenige, der die Polizeistreife angerufen hat, nachdem Smithy mich angefunkt hatte. Meine Güte, er hat sich zwar beunruhigt angehört, aber ich dachte doch nicht, dass so was dahintersteckte.«

»Detective Inspector Jack Lennon.« Er reichte Watts die Hand. »Ich bin vorerst der leitende Ermittlungsbeamte, bis der ACC morgen früh ein Team zusammenstellt. Was ist passiert?«

Watts berichtete ihm über Constable Wayne Smiths nervösen Anruf, dass er lediglich von einem Betrunkenen ausgegangen sei, der vor den Streifenwagen getorkelt war, dass er sich auf dem Weg zum Unfallort noch verflucht habe in Erwartung des ganzen Papierkrams und der erheblichen Schadensersatzansprüche, die zweifellos gestellt werden würden. Ein paar Minuten vor dem Fahrzeug der nordirischen Polizei sei er angekommen und habe etwas gänzlich anderes vorgefunden.

»So was habe ich noch nie zu Gesicht bekommen«, fuhr Watts kopfschüttelnd fort. Seine Augen wurden feucht. »Wissen Sie, wir am Hafen schieben eigentlich eine ruhige Kugel. Hier und da ein kleiner Diebstahl, ein paar Verkehrssachen, das ist schon das höchste der Gefühle. Nicht so was wie das hier, nicht mal damals in der schlimmsten Zeit der Unruhen. Seine Waffe haben sie auch mitgehen lassen.«

»Scheiße«, sagte Lennon. Wer auch immer verrückt genug gewesen war, einen Cop krankenhausreif zu prügeln, lief jetzt mit einer Glock 17 in der Tasche durch die Stadt. Es war bitterkalt, und Lennon zog seinen Mantel fest um sich. Vom Wasser her näherte sich Connolly, die fluoreszierende Jacke bis oben hin zugeknöpft.

Als der Sanitäter sich zum Fahrerhaus des Krankenwagens wandte, zupfte Lennon ihn am Ärmel. »Wie geht es ihm?«, fragte er.

»Nicht besonders«, sagte der Sanitäter. »Aber wir haben schon Schlimmeres gesehen. Abgesehen von den Platzwunden erkenne ich keine Hinweise auf schwere Kopfverletzungen, aber bevor wir ihn nicht gescannt haben, können wir nicht viel sagen. Die lebenswichtigen Organe sind alle in Ordnung. Wir bringen ihn ins Royal. Wenn Sie in ungefähr einer Stunde in der Notaufnahme anrufen, erfahren Sie mehr.«

»Danke.« Lennon wandte sich an Connolly. »Und?«

»Der Tote ist circa Mitte dreißig. Nach den Tattoos und den Klamotten zu urteilen, würde ich auf Osteuropa tippen. Sieht so aus, als hätte eine Stichwunde am Hals ihn erledigt.«

»In Ordnung«, sagte Lennon, »schauen wir uns die Sache mal an.«

Sie machten sich auf den Weg zur Leiche, da rief Watts ihnen nach: »Und was soll ich jetzt machen?«

Lennon überlegte zuerst, ihn in sein Büro zurückzuschicken, hier draußen war er ohnehin keine große Hilfe. Aber er brachte es  nicht übers Herz. Also sagte er: »Bleiben Sie doch bitte bei Constable Smiths Wagen. Sorgen Sie dafür, dass niemand sich daran zu schaffen macht, bevor alles abgesperrt ist.«

Watts schaute die dunkle Straße auf und ab. Obwohl keine Menschenseele zu sehen war, ganz zu schweigen von jemandem, der sich am Wagen zu schaffen machte, sagte er: »Ach ja, gute Idee.«

»Danke«, sagte Lennon, erleichtert, dass Watts ihm seine Herablassung nicht übel genommen hatte. Für einen Hafenpolizisten gab es hier nichts Sinnvolles zu tun, aber ihn wegzuschicken wäre eine noch größere Beleidigung gewesen, als ihm irgendeine blödsinnige Aufgabe zuzuweisen.

Lennon und Connolly kehrten ans Wasser zurück. Ihre Schritte knirschten auf dem Eis.

»Ganz schön kalt«, sagte Connolly, um das Schweigen zu brechen.

»Stimmt«, sagte Lennon.

»Wie geht es Ihrem kleinen Mädchen?«

»Gut.«

»Schön. Freut sie sich schon auf den Weihnachtsmann?«

»Ja.«

Die zäh dahintröpfelnde Unterhaltung half ihnen bis ans Ufer und zu der in Plastik gewickelten Leiche. An den Stellen, wo das Bündel über die Steine gezerrt worden war, war die Folie gerissen, und eine weitere Stelle hatte man aufgerissen, um das Gesicht und den Oberkörper freizulegen.

»Haben Sie das gemacht?«

»Ja«, bestätigte Connolly. »Nur um sicherzustellen, dass es keine Lebenszeichen mehr gab.«

»In Ordnung. Aber sehen Sie zu, dass der Tatort nicht noch mehr verändert wird. Der Arzt müsste bald da sein. Außer ihm rührt keiner den Mann an, verstanden?«

»Alles klar«, sagte Connolly.

»Lampe«, verlangte Lennon und streckte eine Hand aus.

Connolly zog eine Taschenlampe aus dem Gürtel und reichte sie ihm. Lennon richtete den Lichtstrahl auf den Boden, um sich einen Weg zu bahnen, ohne auf irgendwelche Beweise zu treten. Ein paar Schritte weiter erfasste der Kegel ein Stück Elektrokabel und irgendeinen Bausch, der aussah wie der Fetzen von einem Laken.

»Was ist damit?«

»Sind nicht angerührt worden«, erklärte Connolly. »Könnte einfach Müll sein, davon liegt hier eine Menge herum. Glaube ich aber nicht.«

»Ich auch nicht.«

Lennon hockte sich neben die Leiche. Das Gesicht war rundlich und grobschlächtig, das Haar kurzgeschoren, der Mund stand offen. Auf den Lippen bildete sich schon Frost. Durch einen tiefen Schnitt unter dem Kinn hatte sich ein Fleck gebildet, der aussah wie ein dunkelrotes Lätzchen.

»Sieht nicht aus wie von einem Messer«, sagte Lennon.

»Nein?«

»Nicht glatt genug.« Lennon hielt die Lampe ganz nahe heran, und der Strahl erfasste die Ränder der Wunde. »Sehen Sie, es ist eher eingerissen als durchgeschnitten. Die stammt von etwas Schartigerem.«

Insgeheim hoffte Lennon, dass der Fall nicht Thompsons MIT zugeteilt werden würde. Der Chef oder sein Stellvertreter würde bei der Leichenschau zugegen sein müssen. Und wie er Thompson kannte, würde der Lennon die Aufgabe übertragen, dabeizustehen, während sie den armen Kerl da aufschnitten.

»Da drüben sind Reifenspuren«, sagte Connolly.

Lennon ließ den Lichtkegel über Erde und Geröll streichen. Wegen des gefrorenen Untergrunds waren sie nur schwach, aber trotzdem zu erkennen. Hier hatte heute Nacht ein Wagen gestanden.

Er suchte das Stück zwischen den Spuren und der Leiche nach Fußspuren ab, doch alles, was er entdecken konnte, waren ganz schwache Abdrücke, nichts Verwertbares.

»Beeindrucken Sie mich doch mal mit einer logischen Schlussfolgerung«, sagte Lennon.

Connolly scharrte mit den Füßen. »Na ja, ich könnte mir vorstellen, irgendwelche Typen sind hier hergekommen, um die Leiche loszuwerden. Der Hafenpolizist hat sie gestört. Bevor sie den Toten ins Wasser werfen konnten, ist er zusammengeschlagen worden, und die anderen sind abgehauen.«

»Ich glaube, das ist eine ziemlich plausible Vermutung«, sagte Lennon.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Racheengel" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen