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Professor Bernhardi

Arthur Schnitzler

Professor Bernhardi

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Inhalt

„Personen“

„Erster Akt“

„Zweiter Akt“

„Dritter Akt“

„Vierter Akt“

„Fünfter Akt“

Personen

Dr. Bernhardi, Professor für interne Medizin, Direktor des Elisabethinums

Dr. Ebenwald, Professor für Chirurgie, Vizedirektor

Dr. Cyprian, Professor für Nervenkrankheiten

Dr. Pflugfelder, Professor für Augenkrankheiten

Dr. Filitz, Professor für Frauenkrankheiten

Dr. Tugendvetter, Professor für Hautkrankheiten

Dr. Löwenstein, Dozent für Kinderkrankheiten

Dr. Schreimann, Dozent für Halskrankheiten

Dr. Adler, Dozent für pathologische Anatomie

Dr. Oskar Bernhardi, Sohn von Professor Bernhardi. Assistenzarzt im Elisabethinum

Dr. Kurt Pflugfelder, Assistenten Bernhardis

Dr. Wenger, Assistent Tugendvetters

Hochroitzpointner, Kandidat der Medizin

Ludmilla, Krankenschwester

Professor Dr. Flint, Unterrichtsminister

Hofrat Dr. Winkler, im Unterrichtsministerium

Franz Reder, Pfarrer der Kirche zum Heiligen Florian

Dr. Goldenthal, Verteidiger

Dr. Feuermann, Bezirksarzt in Oberhollabrunn

Kulka, ein Journalist

Ein Diener bei Bernhardi

Ein Diener im Elisabethinum

Ein Diener im Unterrichtsministerium

Wien um 1900.

 

Erster Akt

Ein mäßiger Vorraum, der zu einem Krankenzimmer führt. Rechts eine Türe auf den Gang. Im Hintergrund Türe ins Krankenzimmer. Links ein ziemlich breites Fenster. In der Mitte mehr links ein länglicher Tisch, auf dem ein dickes Protokollbuch liegt, außerdem Mappen mit Krankengeschichten, Aktenstücke und allerlei Papiere. Neben der Eingangstüre ein Kleiderrechen. In dem Winkel rechts ein eiserner Ofen. Neben dem Fenster eine breite Etagère, zu oberst ein Ständer mit Eprouvetten; daneben einige Medizinflaschen. In den unteren Fächern Bücher und Zeitschriften. Neben der Mitteltüre beiderseits je ein geschlossener Schrank. An dem Kleiderrechen hängt ein weißer Kittel, ein Mantel, ein Hut. Über der Etagère eine ziemlich alte Photographie, das Professorenkollegium darstellend. Einige Sessel nach Bedarf.

Schwester Ludmilla, etwa 28, leidlich hübsch, blaß, mit großen, manchmal etwas schwimmenden Augen, eben an der Etagère beschäftigt. Aus dem Krankensaal kommt Hochroitzpointner, 25 jähriger junger Mensch, mittelgroß, dick, kleiner Schnurrbart, Schmiß, Zwicker, blaß, das Haar sehr geschniegelt.

Hochroitzpointner. Der Professor ist noch immer nicht da? Lang’ brauchen die heut’ unten. An den Tisch, eine der Mappen aufschlagend. Das ist jetzt die dritte Sektion in acht Tagen. Alles mögliche für eine Abteilung von zwanzig Betten. Und morgen haben wir wieder eine.

Schwester. Glauben Herr Doktor? Die Sepsis?

Hochroitzpointner. Ja. Ist übrigens die Anzeige gemacht?

Schwester. Natürlich, Herr Doktor.

Hochroitzpointner. Nachweisbar ist ja nichts gewesen. Aber es war sicher ein verbotener Eingriff. Ja, Schwester, da draußen in der Welt kommen allerlei Sachen vor. Er bemerkt ein geöffnetes Paket, das auf dem Tisch liegt. Ah, da sind ja die Einladungen zu unserm Ball. Liest. Unter dem Protektorate der Fürstin Stixenstein. Na, werden Sie auch auf unsern Ball kommen, Schwester?

Schwester lächelnd. Das wohl nicht, Herr Doktor.

Hochroitzpointner. Ist es Ihnen denn verboten zu tanzen?

Schwester. Nein, Herr Doktor. Wir sind ja kein geistlicher Orden. Uns ist gar nichts verboten.

Hochroitzpointner mit pfiffigem Blick auf sie. So, gar nichts?

Schwester. Aber es möcht’ sich doch nicht schicken. Und außerdem, man hat doch nicht den Kopf drauf in unserm Beruf.

Hochroitzpointner. Ja, warum denn? Was sollten denn dann wir sagen, wir Ärzte! Schaun Sie sich zum Beispiel den Doktor Adler an. Der ist gar pathologischer Anatom und ein sehr fideler Herr. Übrigens, ich bin auch nirgends besser aufgelegt als im Seziersaal.

Dr. Oskar Bernhardi von rechts, 25 Jahre, recht elegant, von zuvorkommendem, aber etwas unsicherem Benehmen.
Hochroitzpointner, Schwester.

Oskar. Guten Morgen.

Hochroitzpointner und Schwester. Guten Morgen, Herr Assistent.

Oskar. Der Papa wird gleich da sein.

Hochroitzpointner. Also schon aus unten, Herr Assistent? Was ist denn konstatiert worden, wenn man fragen darf?

Oskar. Von der Niere ist der Tumor ausgegangen und war ganz scharf umgrenzt.

Hochroitzpointner. Also hätt’ man eigentlich noch operieren können?

Oskar. Ja, können. –

Hochroitzpointner. Wenn der Professor Ebenwald auch daran geglaubt hätte –

Oskar. – hätten wir die Sektion um acht Tage früher gehabt. Am Tisch. Ah, da sind ja die Drucksorten von unserm Ball. Warum einem die Leute das daherschicken ...?!

Hochroitzpointner. Der Ball des Elisabethinums verspricht heuer eines der elegantesten Karnevalsfeste der Saison zu werden. Steht schon in der Zeitung. Herr Assistent haben ja dem Komitee einen Walzer gewidmet, wie man hört. –

Oskar abwehrend. Aber – Zum Krankensaal hin. Was Neues da drin?

Hochroitzpointner. Mit der Sepsis geht’s zu Ende.

Oskar. Na ja ... Bedauernd. Da war nichts zu machen.

Hochroitzpointner. Ich hab’ ihr eine Kampferinjektion gegeben.

Oskar. Ja, die Kunst, das Leben zu verlängern, die verstehen wir aus dem Effeff.

Von rechts Professor Bernhardi, über fünfzig, graumelierter Vollbart, schlichtes, nicht zu langes Haar, im Gehaben mehr vom Weltmann als vom Gelehrten. Doktor Kurt Pflugfelder, sein Assistent, 27, Schnurrbart, Zwicker, lebhaft und zugleich etwas streng im Wesen.
Hochroitzpointner, Schwester, Oskar. Begrüßung.

Bernhardi noch an der Türe. Aber –

Schwester nimmt ihm den Überzieher ab, den er umgehängt trägt, und hängt ihn an einen Haken.

Kurt. Also, ich kann mir nicht helfen, Herr Professor, dem Doktor Adler wäre es ja doch lieber gewesen, wenn die Diagnose des Professor Ebenwald gestimmt hätte.

Bernhardi lächelnd. Aber, lieber Doktor Pflugfelder! Überall wittern Sie Verrat. Wo werden Sie noch hinkommen mit Ihrem Mißtrauen?

Hochroitzpointner. Guten Morgen, Herr Professor.

Bernhardi. Guten Morgen.

Hochroitzpointner. Höre eben von Herrn Doktor Oskar, daß wir recht behalten haben.

Bernhardi. Ja, Herr Kollege. Aber wir haben doch zugleich unrecht behalten? Oder hospitieren Sie nicht mehr bei Professor Ebenwald?

Oskar. Der Doktor Hochroitzpointner hospitiert ja beinahe auf allen Abteilungen.

Bernhardi. Da müssen Sie viele Patriotismen auf Lager haben.

Hochroitzpointner bekommt schmale Lippen.

Bernhardi ihm die Hand leicht auf die Schulter legend, freundlich. Na, also was gibt’s denn Neues?

Hochroitzpointner. Der Sepsis geht’s recht schlecht.

Bernhardi. So lebt also das arme Mädel noch?

Kurt. Die hätten sie sich auch auf der gynäkologischen Abteilung behalten können.

Oskar. Sie haben vorgestern grad kein Bett freigehabt.

Hochroitzpointner. Was werden wir denn eigentlich als Todesursache angeben?

Oskar. Na, Sepsis natürlich.

Hochroitzpointner. Und Ursache der Sepsis? Weil’s ja doch wahrscheinlich ein verbotener Eingriff war –

Bernhardi der unterdessen am Tisch einige Schriftstücke unterzeichnet hat, die ihm die Schwester vorlegte. Das konnten wir nicht nachweisen. Eine Verletzung war nicht zu konstatieren. Die Anzeige ist erstattet, damit ist für uns die Sache erledigt. Und für die arme Person drin ... war sie’s schon früher.

Er steht auf und will sich in den Krankensaal begeben.

Professor Ebenwald kommt, sehr großer; schlanker Mensch, gegen 40, umgehängter Überzieher, kleiner Vollbart, Brille, redet bieder und mit einem zuweilen etwas übertriebenen österreichischen Akzent.
Hochroitzpointner, Schwester, Oskar, Prof. Bernhardi, Kurt.

Ebenwald. Guten Morgen. Ist vielleicht – Ah, da sind Sie ja, Herr Direktor.

Bernhardi. Guten Tag, Herr Kollege.

Ebenwald. Haben Herr Direktor eine Minute Zeit für mich?

Bernhardi. Jetzt?

Ebenwald näher zu ihm. Wenn es möglich wäre. Es ist nämlich wegen der Neubesetzung der Abteilung Tugendvetter.

Bernhardi. Eilt das gar so? Wenn Herr Kollege mich vielleicht in einer halben Stunde in der Kanzlei –

Ebenwald. Ja, wenn ich da nicht grad meinen Kurs hätte, Herr Direktor.

Bernhardi nach kurzer Überlegung. Ich bin drin bald fertig. Wenn Sie sich vielleicht hier gedulden wollen, Herr Kollege.

Ebenwald. Bitte, bitte.

Bernhardi zu Oskar. Hast du dem Doktor Hochroitzpointner das Sektionsprotokoll schon gegeben?

Oskar. Ja, richtig. Nimmt es aus seiner Tasche. Sie sind vielleicht so gut, Herr Kollege, und tragen es gleich ein.

Hochroitzpointner. Bitte.

Bernhardi, Oskar, Kurt, Schwester in den Krankensaal.
Ebenwald, Hochroitzpointner.

Hochroitzpointner setzt sich und macht sich bereit zu schreiben.

Ebenwald ist zum Fenster gegangen, schaut hinunter, wischt sich die Brille.

Hochroitzpointner beflissen. Wollen Herr Professor nicht Platz nehmen.

Ebenwald. Lassen Sie sich nicht stören, Hochroitzpointner, Na, wie geht’s denn immer?

Hochroitzpointner sich erhebend. Danke bestens, Herr Professor. Wie’s halt geht, ein paar Wochen vor dem letzten Rigorosum.

Ebenwald. Na, es wird Ihnen schon nix g’schehn – bei Ihrem Fleiß.

Hochroitzpointner. Ja, praktisch fühle ich mich leidlich sicher, aber die graue Theorie, Herr Professor.

Ebenwald. Ah so. Na, war auch nie meine starke Seite. Näher zu ihm. Wenn es Sie beruhigt, bin seinerzeit aus der Physiologie sogar durchgesaust. Sie sehen, es schad’t der Karriere nicht besonders.

Hochroitzpointner der sich niedergesetzt hat, lacht erfreut.

Ebenwald Hochroitzpointner über die Schulter schauend. Sektionsprotokoll?

Hochroitzpointner. Jawohl, Herr Professor.

Ebenwald. Große Freude in Israel – wie?

Hochroitzpointner unsicher. Wie meinen, Herr Professor?

Ebenwald. Na, weil die Abteilung Bernhardi triumphiert hat.

Hochroitzpointner. Ah, Herr Professor meinen, daß der Tumor abgegrenzt war.

Ebenwald. Und ist ja tatsächlich von der Niere ausgegangen.

Hochroitzpointner. Aber mit absoluter Sicherheit war das doch eigentlich nicht zu konstatieren. Es war doch mehr, wenn ich so sagen darf, ein Raten.

Ebenwald. Aber Hochroitzpointner, raten –! Wie können Sie nur –! Intuition heißt man das! Diagnostischen Scharfblick!

Hochroitzpointner. Und zu operieren wär’s doch keinesfalls mehr gewesen.

Ebenwald. Ausgeschlossen. Das können sich die drüben im Krankenhaus erlauben, solche Experimente, aber wir, in einem verhältnismäßig jungen, sozusagen privaten Institut – Wissen S’, lieber Kollega, es gibt so Fälle, wo immer nur die Internisten fürs Operieren sind. Dafür operieren wir ihnen dann immer zuviel. – Aber schreiben S’ nur weiter.

Hochroitzpointner beginnt zu schreiben.

Ebenwald. Ja richtig, entschuldigen Sie, daß ich Sie noch einmal störe. Sie hospitieren doch natürlich auch auf der Abteilung Tugendvetter?

Hochroitzpointner. Jawohl, Herr Professor.

Ebenwald. Ich möcht Sie nämlich im Vertrauen fragen. Wie tragt denn eigentlich der Doktor Wenger vor?

Hochroitzpointner. Der Doktor Wenger?

Ebenwald. Na ja, er suppliert doch den Alten öfters, wenn der grad dringend auf die Jagd fahren muß oder zu einem ang’steckten Fürsten geholt wird.

Hochroitzpointner. Ja freilich, da tragt dann der Doktor Wenger vor.

Ebenwald. Also, wie tragt er denn vor?

Hochroitzpointner unsicher. Eigentlich ganz gut.

Ebenwald. So.

Hochroitzpointner. Vielleicht etwas zu – zu gelehrt. Aber recht lebendig. Freilich – aber, ich darf mir vielleicht nicht erlauben, über einen künftigen Chef –

Ebenwald. Wieso künftiger Chef? Das ist noch gar nicht entschieden. Sind auch andere da. Und im übrigen, das ist doch ein Privatgespräch. Wir könnten grad so gut im Riedhof drüben miteinander sitzen und plaudern. Na, reden Sie nur. Was haben Sie gegen den Doktor Wenger? Volkes Stimme, Gottes Stimme.

Hochroitzpointner. Also, gegen seinen Vortrag hab ich eigentlich weniger, aber so seine ganze Art. Wissen, Herr Professor, so ein bißchen präponderant ist er halt in seinem Wesen.

Ebenwald. Aha. Das, worauf Sie da anspielen, ist wahrscheinlich identisch mit dem, lieber Kollege, was mein Vetter neulich im Parlament so zutreffend den Jargon der Seele genannt hat.

Hochroitzpointner. Ah, sehr gut. Jargon der Seele. Couragiert. Den andern hat er aber auch, der Doktor Wenger.

Ebenwald. Das möcht nix machen. Wir leben schon einmal in einem Reich der Dialekte.

Bernhardi, Oskar, Kurt und Schwester an dem
Krankenzimmer.

Bernhardi. So, da bin ich, Herr Kollega.

Schwester legt ihm ein Blatt zum Unterschreiben vor.

Bernhardi. Was ist denn? Noch was? Ah so. Also, entschuldigen Sie noch einen Moment, Herr Kollega. Während er unterschreibt. Es wirkt doch immer wieder erstaunlich. – Zu Ebenwald. Da haben wir nämlich drin eine Sepsis liegen. Achtzehnjähriges Mädel. Vollkommen bei Bewußtsein. Möcht aufstehen, spazieren gehen, hält sich für ganz gesund. Und der Puls nicht mehr zu zählen. In einer Stunde kann’s aus sein.

Ebenwald fachlich. Das sehen wir öfters.

Hochroitzpointner beflissen. Soll ich ihr vielleicht noch eine Kampferinjektion geben?

Bernhardi ihn ruhig ansehend. Sie hätten sich die frühere auch schon ersparen können. Ihn beruhigend. Vielleicht übrigens, daß Sie ihr die glücklichste Stunde ihres Leben verschafft haben. Na, ich weiß, auch das war nicht Ihre Absicht.

Hochroitzpointner irritiert. Ja, warum denn, Herr Direktor? Man ist ja am End auch kein Fleischhacker.

Bernhardi. Ich erinnere mich nicht, Ihnen einen Vorwurf dieser Art gemacht zu haben.

Blick zwischen Hochroitzpointner und Ebenwald.

Bernhardi zur Schwester. Hat sie Verwandte?

Schwester. Es ist in den drei Tagen niemand dagewesen.

Bernhardi. Auch ihr Liebhaber nicht?

Kurt. Der wird sich hüten.

Oskar. Sie hat ihn nicht einmal genannt. Wer weiß, ob sie ihn beim Namen kennt.

Bernhardi. Und so was hat dann auch einmal Liebesglück geheißen. Zu Ebenwald. Also, ich stehe zur Verfügung, Herr Kollega.

Oskar. Pardon, Papa, kommst du dann noch einmal herauf? Weil sie dich ja so gebeten hat.

Bernhardi. Ja, ich schau noch einmal her.

Kurt ist zu der Etagère gegangen, hat sich dort mit zwei Eprouvetten zu schaffen gemacht.

Oskar tritt zu ihm hin, sie sprechen miteinander, geben bald darauf wieder ins Krankenzimmer.

Schwester zu Hochroitzpointner. Ich geh jetzt hinüber, Seine Hochwürden holen.

Hochroitzpointner. Ja gehen S’ nur. Wenn S’ zu spät kommen, ist’s auch kein Malheur.

Schwester ab.

Hochroitzpointner nimmt sich einige Krankengeschichten aus einem Faszikel und begibt sich in das Krankenzimmer.

Ebenwald, Bernhardi.

Ebenwald der sehr ungeduldig geworden ist. Also, die Sache ist nämlich die, Herr Direktor. Ich habe von Professor Hell aus Graz einen Brief bekommen, er wäre geneigt, eine Wahl als Nachfolger von Tugendvetter anzunehmen.

Bernhardi. Ah, er wäre geneigt.

Ebenwald. Jawohl, Herr Direktor.

Bernhardi. Hat ihn wer gefragt?

Ebenwald. Ich war so frei – als alter Freund und Studienkollege.

Bernhardi. Sie haben aber doch privat an ihn geschrieben?

Ebenwald. Selbstverständlich, Herr Direktor. Da ja vorläufig kein Beschluß vorliegt. Immerhin hielt ich mich für berechtigt, um so mehr, da mir bekannt ist, daß auch Professor Tugendvetter der Kandidatur von Hell mit einiger Sympathie gegenübersteht.

Bernhardi etwas scharf. Professor Tugendvetter tritt seine neue Stellung am Krankenhaus erst zu Beginn des Sommersemesters an. Unsere Unterhaltung über diesen Gegenstand – und wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, auch Ihr Briefwechsel, Herr Kollega, mit Professor Hell erscheint mir daher ein wenig verfrüht. Und wir brauchen um so weniger uns in dieser Angelegenheit zu überstürzen, als der bisherige Assistent von Tugendvetter, Doktor Wenger, schon einigemal seine Eignung, die Stelle wenigstens zu supplieren, in vorzüglicher Weise dargetan hat.

Ebenwald. Ich möchte nicht verfehlen, in diesem Zusammenhange meiner prinzipiellen Abneigung gegen Provisorien Ausdruck zu geben.

Prof. Tugendvetter von rechts, etwa fünfzig, grau, Bartkoteletten, im Gehaben etwas Joviales, absichtlich Humoristisches, dabei Unsicheres und Beifallhaschendes, sieht im ganzen weniger einem Gelehrten als einem Börsenmann ähnlich. Kommt mit dem Hut auf dem Kopf, den er erst nach einigen Sekunden abnimmt.
Ebenwald, Bernhardi.

Tugendvetter. Guten Morgen. Servus, Bernhardi. Grüß Sie Gott, Ebenwald. Ich hab dich schon oben gesucht, Bernhardi.

Ebenwald. Ich störe vielleicht –

Tugendvetter. Aber gar keine Idee. Keine Geheimnisse.

Bernhardi. Also, was gibt’s denn? Du hast mich zu sprechen?

Tugendvetter. Die Sache ist nämlich die. Seine Exzellenz, der Unterrichtsminister, hat bei mir angefragt, ob ich in der Lage wäre, die Klinik drüben unverzüglich zu übernehmen.

Bernhardi. Unverzüglich?

Tugendvetter. Sobald als möglich.

Bernhardi. Es hieß doch, daß Brunnleitner die Klinik bis zu Beginn des Sommersemesters weiterfuhrt.

Tugendvetter. Hat um Urlaub angesucht. Armer Teufel. Sechs Perzent Zucker. Letze Tage von Pompeji. Wie?

Er hat die Gewohnheit, manchen Sätzen, insbesondere Zitaten, ein solches gedankenlos fragendes Wie anzufügen.

Bernhardi. Woher weißt du das? Ist das authentisch?

Tugendvetter. Authentisch? Wenn es mir Flint selber gesagt hat. Ich war nämlich gestern im Ministerium. Sie sollen mir doch einen neuen Pavillon bauen. Ich krieg ihn auch. Er läßt dich übrigens schön grüßen.

Bernhardi. Wer läßt mich grüßen?

Tugendvetter. Flint. Wir haben viel über dich gesprochen. Er hält große Stücke auf dich. Er erinnert sich noch mit Vergnügen der Zeit, wo ihr zusammen bei Rappenweiler Assistenten wart. Seine Worte. Ipsissima verba. Was, das ist eine Karriere. Der erste Fall seit Menschengedenken, wenigstens in Österreich, daß ein klinischer Professor Unterrichtsminister wird!

Bernhardi. Er war immer ein guter Politiker, dein neuester Freund Flint.

Tugendvetter. Er interessiert sich sehr für unser, für euer, nein, vorläufig noch für unser Institut.

Bernhardi. Das ist mir nicht unbekannt. Er hat’s doch einmal aus lauter Interesse ruinieren wollen.

Tugendvetter. Das war nicht er. Das war das ganze Kollegium. Es war der Kampf der Alten gegen die Jungen. Und das ist doch alles längst vorbei. Ich versichere dich, Bernhardi, er steht dem Elisabethinum mit der größten Sympathie gegenüber.

Bernhardi. Worauf wir ja zur Not heute schon verzichten könnten, Gott sei Dank.

Tugendvetter. Stolz lieb ich den Spanier, wie?

Bernhardi. Im übrigen, mich interessiert ja vorläufig nur, wie du dich seiner Anfrage gegenüber verhalten hast.

Tugendvetter. Ich habe mich da gar nicht zu verhalten. Humoristisch. Herr Direktor haben hierüber zu entscheiden. Erst wenn du mir privatim deine Zustimmung zu erkennen gibst, werde ich bei der Direktion mein Gesuch einbringen. Auch was Geschriebenes forderst du, Pedant, wie?

Bernhardi. Wir werden dich natürlich nicht einen Tag länger halten, als du bleiben willst. Ich verspreche dir, die Angelegenheit kurzerhand zu erledigen. Glücklicherweise hast du ja einen sehr tüchtigen Assistenten, der bis auf weiteres deine Abteilung in deinem Geiste weiterführen wird.

Tugendvetter. Der kleine Wenger, ja. Tüchtiger Bursch. Ja. Aber lang werdet ihr ihn doch nicht supplieren lassen?

Ebenwald. Ich habe mir eben auch zu bemerken erlaubt, daß ich Provisorien im allgemeinen für eine ungesunde Sache halte, und war so frei, von einem an mich gelangten Brief des Professor Hell aus Graz Mitteilung zu machen, der bereit wäre –

Tugendvetter. So. Mir hat er auch schon geschrieben.

Bernhardi. Na, er scheint ja ein ganz rühriger Herr zu sein.

Tugendvetter mit kurzem Blick auf Ebenwald. Du, Bernhardi, mit Hell würde euer Institut eine famose Akquisition machen.

Bernhardi. Da scheint er sich ja in Graz glänzend entwickelt zu haben. Solang er in Wien war, hat man ihn für einen recht unfähigen Patron gehalten.

Tugendvetter. Wer?

Bernhardi. Du zum Beispiel. Und wir wissen doch alle, wem er die seinerzeitige Berufung nach Graz verdankt hat. Nur gewissen Einflüssen von oben.

Ebenwald. Es ist ja schließlich auch keine Schand, wenn einer einen Prinzen gesund gemacht hat.

Bernhardi. Ich nehm’s ihm auch nicht übel. Aber die ganze Karriere sollte nicht von solch einem Einzelfall abhängen. Und seine wissenschaftlichen Leistungen –

Tugendvetter. Entschuldige, auf dem Gebiet dürfte ich doch besser orientiert sein. Er hat einige vorzügliche Arbeiten veröffentlicht.

Bernhardi. Mag sein. Jedenfalls entnehme ich aus dem allen, daß du selbst für deine Nachfolge lieber Hell in Vorschlag brächtest, als deinen Assistenten und Schüler Wenger.

Tugendvetter. Wenger ist zu jung. Ich bin überzeugt, er selber denkt nicht daran.

Bernhardi. Da hätte er unrecht. Seine letzte Serumarbeit macht allgemeines Aufsehen.

Ebenwald. Sensation, Herr Direktor. Das ist nicht dasselbe.

Tugendvetter. Er hat Talent. Gewiß hat er Talent. Aber was die Verläßlichkeit seiner Experimente anbelangt –

Ebenwald einfach. Es gibt Leute, die ihn – sagen wir für einen Phantasten halten.

Tugendvetter. Das geht zu weit. Übrigens kann ich niemanden hindern, seine Kandidatur anzumelden. Weder Hell noch Wenger.

Bernhardi. Aber, ich mache dich aufmerksam, für einen von beiden wirst du dich entscheiden müssen.

Tugendvetter. Von mir hängt es doch nicht ab? Ich ernenne doch nicht meinen Nachfolger.

Bernhardi. Aber du wirst dich an der Abstimmung beteiligen. Das Schicksal deiner einstigen Abteilung und unseres Institutes wird dich hoffentlich noch so weit interessieren.

Tugendvetter. Das will ich glauben. Das war wirklich nicht schlecht. Wir haben es doch gegründet, das Elisabethinum, Zu Ebenwald. Bernhardi, ich und Cyprian. Es ritten drei Reiter zum Tore hinaus, – wie? Wie lang ist es jetzt her?

Bernhardi. Fünfzehn Jahre sind es, lieber Tugendvetter.

Tugendvetter. Fünfzehn Jahre, eine schöne Zeit. Beim Himmel, leicht wird es mir nicht werden. Du, Bernhardi, ließe es sich nicht vielleicht machen für den Anfang, daß ich zugleich hier und im allgemeinen Krankenhaus –

Bernhardi bestimmt. Absolut nicht. An dem Tag, wo du drüben deine Stelle antrittst, werde ich selbstverständlich deinen bisherigen Assistenten mit der Supplierung betrauen.

Ebenwald. Dann werde ich aber bitten, die Beratung über die definitive Neubesetzung in den allernächsten Tagen anzuberaumen.

Bernhardi. Weshalb, wenn ich fragen darf? Das sähe ja beinahe aus, als wollten wir Wenger geradezu verhindern, durch ein paar Monate hindurch seine Lehrfähigkeit zu erproben.

Ebenwald. Ich bezweifle, daß das Elisabethinum als Vortragsschule für junge Dozenten gegründet worden ist.

Bernhardi. Wollen Sie alles weitere getrost mir überlassen, Herr Kollega Ebenwald. Sie werden ja zugeben, daß bisher in unserm Institut noch nichts überflüssig aufgeschoben, aber auch noch nichts leichtfertig überstürzt worden ist.

Ebenwald. Die Insinuation, als wäre vielleicht von meiner Seite zu Überstürzung oder gar zu leichtfertiger Überstürzung aufgefordert worden, gestatte ich mir als unzutreffend zurückzuweisen.

Bernhardi lächelnd. Ich nehme es zur Kenntnis.

Ebenwald auf die Uhr sehend. Muß auf meine Abteilung. Habe die Ehre, meine Herren.

Bernhardi. Ich muß ja auch endlich in die Kanzlei. Läßt Ebenwald den Vortritt. Bitte sehr, Herr Kollega, Ihre Hörer warten schon.

Tugendvetter. Ich sei, gewährt mir die Bitte – wie?

Ebenwald trifft in der Türe mit dem Dozenten Adler zusammen. Habe die Ehre. Ab.

Dr. Adler kommt, klein, schwarz, frisch, lebhaft, glühende Augen, Schmiß, etwa dreißig Jahre alt, in weißem Seziermantel.
Bernhardi, Tugendvetter.

Adler. Habe die Ehre.

Bernhardi. Was führt Sie in das Bereich der Lebendigen, Doktor Adler?

Adler. Ich wollte wegen Ihres Falles noch in der Krankengeschichte etwas nachsehen, Herr Direktor.

Bernhardi. Steht Ihnen alles zur Verfügung.

Adler. Schade übrigens, Herr Direktor, daß Sie jetzt nicht unten waren. Ein Fall von der Abteilung Cyprian. Denken Sie, abgesehen von der Tabes, die diagnostiziert war, ein beginnender Tumor im Kleinhirn, der gar keine Erscheinungen gemacht haben soll.

Bernhardi. Nein, wenn man denkt, daß manche Leute sozusagen gar nicht dazu kommen, alle ihre Krankheiten zu erleben, man möchte an der Vorsehung irre werden.

Oskar am dem Krankensaal zu Tugendvetter. Habe die Ehre, Herr Professor.

Tugendvetter. Servus, Oskar. Habe schon gehört, Tonkünstler. »Rasche Pulse«. Widmungswalzer.

Oskar. Aber ich bitte Sie, Herr Professor –

Bernhardi. Was, du hast schon wieder was komponiert, und ich weiß gar nichts davon? Zieht ihn scherzend am Ohr. Na, kommst du mit?

Oskar. Ja. Ich geh ins Laboratorium.

Tugendvetter. Väter und Söhne – wie?

Tugendvetter, Bernhardi und Oskar ab. Hochroitzpointner aus dem Krankensaal.
Adler, Hochroitzpointner.

Hochroitzpointner. Habe die Ehre, Herr Dozent.

Adler. Servus, Herr Kollega. Ich möcht Sie bitten, ob ich nicht noch einen Blick in die Krankengeschichte machen könnt.

Hochroitzpointner. Bitte sehr, Herr Dozent.

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