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Podkin Einohr, Band 1: Der magische Dolch

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Ein Barde zu Frostnachten

Knirsch, knirsch. Knirsch, knirsch, hallt es durch die nächtliche Stille. Schwere Schritte stapfen durch kniehohen Schnee.

Eine dicke weiße Decke liegt auf den Hängen der Hügel, die als Schroffhöhen bekannt sind. Das Mondlicht spielt darauf und lässt den Schnee glitzern, als hätte jemand die Landschaft mit Diamantstaub bestreut.

Das Weiß ist makellos und unberührt – abgesehen von der wie hingekritzelten Spur, die sich zwischen den bereiften Bäumen am Fuß der Hügel verliert.

Knirsch, knirsch. Knirsch, knirsch. Der da durch den Schnee stapft, geht gebeugt und stützt sich auf einen dicken Stock. Man könnte ihn für einen alten Mann halten – wäre es nicht viele Hundert Monde her, dass Menschen diese Gegend bevölkerten. Tritt näher, und du wirst erkennen, dass es sich um ein männliches Kaninchen handelt, das auf zwei Beinen geht wie einst die Menschen. Seine Ohren stecken unter der Kapuze eines schweren Lederumhangs, seine scharfen Augen spähen in die mitternächtliche Winterwelt hinaus.

In das dichte Fell auf seinem Gesicht und den Vorderläufen sind blaue Kringel und Muster eingefärbt, die ihn als Barden ausweisen. Einen reisenden Erzähler. Einen Wanderer, dessen einziges Gepäck aus ein paar abgetragenen Kleidungsstücken und den unzähligen Sagen und Geschichten in seinem Gedächtnis besteht: alten Geschichten, neuen Geschichten, verstümmelten und wieder ergänzten Geschichten. Allen Geschichten, die du je gehört hast, und vielen anderen, die noch darauf warten, erzählt zu werden.

Mach dir keine Sorgen, dass er bei dieser Kälte unterwegs ist. Dank seines Berufs ist er landauf, landab in jedem Bau willkommen. So ist es in den Fünf Ländern von Lanica Brauch und Gesetz, und wehe dem, der dagegen verstößt.

Knirsch, knirsch. Knirsch, knirsch, kämpft er sich voran. In der eisigen Luft bildet sein Atem kleine Wolken, und wenn du die Ohren spitzt, hörst du ihn bei jedem mühsamen Schritt vor sich hinschimpfen. Wenn du noch angestrengter lauschst, hörst du sogar die Holzperlen seiner Halsketten klickern und klackern und die Knochenschnitzereien und Taschen an seinem Gürtel dumpf aneinanderschlagen.

Er bewegt sich so zielstrebig, als würde er erwartet und wäre schon spät dran. Aber wo will er eigentlich hin? Ringsum erstreckt sich die bewaldete Schneelandschaft bis zum Horizont. Doch halt – er ist ja ein Kaninchen. Kaninchen leben in warmen, geschützten Bauen und Höhlen unter der Erde, wo ihnen Eis und Schnee nichts anhaben können.

Und ein solcher Bau ist sein Ziel. Er bahnt sich seinen Weg zwischen den Bäumen hindurch, bis er schließlich vor einem mächtigen, zweiflügeligen Tor anhält, das in die Flanke eines niedrigen Hügels eingelassen ist. Es ist das Tor zum Dornhag-Bau, und wenn man ihn dort nicht freudig empfängt, gibt es mächtig Ärger.

Bumm, bumm, bumm! Er schlägt mit dem Stock gegen das Eichenholz und wartet.

In früheren Zeiten, als Kaninchen noch kleine, verschreckte, ängstliche Geschöpfe waren, bestanden ihre Baue nur aus ein paar aneinandergereihten Höhlen und Gängen. Doch eine neue Zeit ist angebrochen, und jetzt erstrecken sich unter der Erde ganze Dörfer und Städte, die dem Blick verborgen sind.

Der Barde weiß, dass auch hinter diesem Tor Schlafkammern und Marktplätze liegen, Werkstätten, Heiligtümer, Bibliotheken, Vorratshöhlen, Speisekammern und mindestens zehn Küchen, die sämtliche Bewohner versorgen. Hier leben Krieger und Heiler, Diener, Köche, Schmiede und Weber, Schneider, Töpfer und Maler. Alte und Junge, Arme und Adlige – alle Schichten und Berufe hausen in den heimeligen, von Fackeln erleuchteten Unterkünften, die um den Mittelpunkt eines jeden Kaninchenbaus herum angeordnet sind: die Langhöhle, ein riesiger Festsaal mit einer großen Feuerstelle, Reihen von Tischen und fast immer auch mit Musik. Mit Musik und fröhlicher Geselligkeit, wie alle Kaninchen es mögen. Ganz besonders an diesem Abend, denn heute ist Frostnachten, und zur Feier der Wintersonnenwende findet ein großes Festmahl statt. Und am nächsten Morgen hat dann das geheimnisvolle Winterkaninchen Geschenke dagelassen.

Geschichten dürfen da natürlich nicht fehlen. Geschichten, wie sie nur ein wandernder Barde erzählen kann – wenn man ihm endlich Einlass gewährt!

Bumm, bumm, bumm! Er hämmert abermals gegen das Tor und holt soeben zum dritten Mal mit dem Stock aus, als er drinnen jemanden rufen hört: „Ist ja gut, ich komm ja schon!“ Es folgen ein paar abfällige Bemerkungen über leichtsinnige Dummköpfe, die sich in einer solchen Nacht draußen herumtreiben, doch das dicke Holz dämpft sie zum Glück. Dann öffnet sich das Tor quietschend einen Spalt, goldgelbes Licht fällt auf den Schnee, und der Oberkörper eines stämmigen Kriegers erscheint.

„Bei der Großen Göttin – wer bist du denn?“, fragt der Krieger und mustert den Fremden argwöhnisch. Die hellgrünen Augen unter der Lederkapuze erwidern seinen Blick.

„Begrüßt man etwa so einen Barden, der den weiten Weg auf sich genommen hat, um an Frostnachten seine Geschichten vorzutragen?“, ertönt es gebieterisch. „Werden die alten Bräuche hier in Dornhag nicht mehr gepflegt?“

Der Krieger überragt den Barden wie ein gepanzerter Hügel, trotzdem erschrickt er. „Verzeihung, mein Herr“, sagt er rasch und stößt die Tür mit der Schulter ein Stück weiter auf. „Kommt herein und wärmt Euch in dieser kalten Nacht der Winterwende an unserem Feuer …“

„Wintersonnenwende, Rübenkopf!“, knurrt der Barde und tritt ins Warme und Helle. Das schwere Tor fällt hinter ihm zu, und er schüttelt den Schnee von seinem Umhang. „So! Und wo geht’s jetzt zum Feuer?“ Doch dabei durchquert er die geflieste Eingangshalle, als wäre er schon Hunderte Male hier gewesen.

„Hä? Was soll denn ein Wintersonnenwende-Rübenkopf sein?“, brummelt der verdutzte Wachposten, dann trabt er hinter dem Alten her.

So wie die Langhöhle der Mittelpunkt jedes Baus ist, so ist der Stammesführer der Mittelpunkt jedes Kaninchenstamms. Er übernimmt dieses Amt von seinem Vater und wird es eines Tages an seinen Sohn weitergeben. Zusammen mit seiner Gattin trifft er sämtliche wichtigen Entscheidungen, schlichtet sämtliche Streitfälle und richtet sämtliche Feste und Feiern aus.

Der Stammesführer der Dornhag-Kaninchen ist Hubert der Breite. Ein großer, dicker Bursche mit braunweiß geflecktem Fell, Ohren bis zu den Knien und einem Bauch, auf dem ein ganzer Kaninchenstamm Platz hätte. Gerade eben sitzt er am oberen Ende der Festtafel auf seinem Thron und hat eine aus Brombeerranken geflochtene Krone auf dem Kopf. Über seinem gescheckten Wanst spannt sich das Wams, und er schmettert ein lustiges Lied über das Winterkaninchen, das im Eingang zu seinem Bau stecken geblieben ist und von den Kaninchenkindern ausgelacht wird. Als der Barde den Saal betritt, unterbricht sich Hubert, steht auf und erhebt zum Gruß sein Trinkhorn.

„Willkommen, Barde!“, ruft er mit einer Donnerstimme, die Erde von der Saaldecke rieseln lässt. „Fröhliche Frostnachten!“

„Schon besser“, brummt der Barde und schlägt seinen Umhang zurück. Die Kapuze lässt er auf, doch im Feuerschein erkennt man die ins Fell seiner entblößten Vorderläufe eingefärbten Kringel.

„Wir haben dich nicht erwartet“, fährt Hubert fort, „aber Frostnachten ist ja immer voller Überraschungen. Willst du dir dein Abendessen mit Gesang verdienen?“

„Zum Singen taugt meine Stimme nicht mehr. Dafür bin ich zu alt“, erwidert der Barde belustigt, nimmt am Feuer Platz und wärmt sich die Pfoten. „Aber vielleicht lasse ich mich ja zu ein, zwei Geschichten überreden.“

„Schnell, bringt ihm was zu essen! Beeilung!“, ruft Hubert seinen Maulschenken zu und schlackert ungeduldig mit den Ohren. Die beiden sausen los und kehren im Nu mit einer Schale cremiger Rübensuppe und einem Teller Maisbrot zurück. Der Barde fällt wie ein Verhungernder darüber her. Als er fertig ist, wischt er sich mit der Pfote das Maul.

„Ich schätze, das ist eine Geschichte wert. Was wollt ihr denn hören?“

Die Kaninchenkinder drängen sich um ihn, und alle rufen durcheinander: „Die Geschichte von Beohoppel!“ – „Nein, die vom Fischerkaninchen!“ – „Die von Podkin Einohr!“

Der Barde lehnt sich zurück. „Habe ich da eben Podkin Einohr gehört? Meint ihr etwa Podkin, den gehörnten König? Den Mondläufer? Podkin mit dem Zauberdolch?“ Als die Kleinen eifrig nicken und aufgeregt quietschen, verschränkt er die gemusterten Vorderläufe und streicht sich den Bart. „Ich habe tatsächlich ein paar Geschichten über Podkin auf Lager, aber sie sind ganz anders als die, die ihr sonst zu hören bekommt. Meine Geschichten handeln nicht davon, dass Flammen aus seinen Augen lodern oder dass er mit bloßen Pfoten ein Riesenkaninchen erwürgt. Nichts von alledem.“

„Wovon handeln deine Geschichten denn dann, Barde?“ – „Warum sind sie anders?“ – „Warum kommen keine Flammenaugen und Riesenkaninchen darin vor?“

„Meine Geschichten sind anders“, gibt der Alte zurück, „weil sie wahr sind. Und weil es Flammenaugen nur im Märchen und in der Fantasie törichter Kaninchenkinder gibt.“ Dann hebt er Ruhe gebietend die Pfote und beginnt zu erzählen.

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Das schlimmste Frostnachten aller Zeiten

Erst einmal müsst ihr wissen, wer die Gorm waren. Heutzutage – der Großen Göttin sei Dank – sind sie nur noch eine böse Erinnerung, doch als eure Großeltern klein waren, lebten die Kaninchen in ständiger Furcht vor ihren schrecklichen Reitern, dem nächtlichen Klirren ihrer Rüstungen und dem schaurigen Widerhall ihrer Schlachthörner.

Die Gorm.

Wie sie eigentlich entstanden, weiß niemand, aber sie tauchten zuerst in einem Bau namens Sandufer im Norden von Enderby auf, wo der Rote Fluss ins Meer mündet.

Dort hatte sich ein kleiner Kaninchenstamm niedergelassen. Graue Marderkaninchen, die gern fischten, segelten und Boote bauten. Sie taten niemandem etwas zuleide, und niemand schenkte ihnen besondere Aufmerksamkeit – bis eines Tages alles anders wurde.

Mal heißt es, das Flusswasser hätte ihr Blut verseucht. Dann wieder, sie hätten zu tief gegraben und seien auf etwas Giftiges, Verfluchtes gestoßen. Oder aber sie seien verhext worden. Wie auch immer – die harmlosen Sandufer-Kaninchen verwandelten sich in böse, unnatürliche Geschöpfe, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte.

Als Erstes veränderte sich nach und nach ihr Bau, bis aus dem Boden darüber schließlich große Metallstacheln ragten wie giftige Stachelschweinborsten. Darum herum verfärbte sich die Erde schwarz, als sei sie verbrannt, und auch das Wasser des Roten Flusses wurde schwarz und ungenießbar. Die Tiere, die in der Umgebung lebten, wurden krank und missgebildet oder starben sogar.

Die anderen Kaninchenstämme benannten den Bau daraufhin in Splitterholm um und machten einen großen Bogen darum, was ihnen aber nichts nützte, wie ihr noch hören werdet.

Dann tauchten die Bewohner des Baus wieder auf. Doch sie waren nicht wiederzuerkennen, weil sie vom Kopf bis zu den Hinterpfoten in eisernen Panzern steckten. Dabei ist Eisen bekanntlich das einzige Metall, das Kaninchen nicht bearbeiten können und das sogar für die Große Göttin selbst schädlich ist.

Die Sandufer-Kaninchen jedoch hatten dieses Metall nicht nur bearbeitet und geschmiedet, sie waren auf unerklärliche Weise eins mit ihm geworden, als wäre ihnen das Eisen unter die Haut gedrungen. Es strömte durch ihre Adern und sickerte in ihre Augen, bis diese trüb und rostrot wurden. Die Kaninchen setzten das Eisen aber auch ein, um andere Lebewesen zu verwandeln und sich untertan zu machen, zum Beispiel die dümmlichen Riesenratten, die allen Kaninchen als Lasttiere dienen, und auch die schwarzen Krähen aus dem benachbarten Wald. Letztere wurden zu kreischenden Schwärmen gepanzerter Harpyien.

Als die ehemaligen Sandufer-Kaninchen Splitterholm schließlich verließen, zogen sie plündernd und mordend durch die Lande und verbreiteten Angst und Schrecken. Von da an nannte man sie nur noch „die Gorm“.

Wären sie zu eurem Bau gekommen, hätten sie euren Anführer und seine Söhne umgebracht und eure Krieger niedergemetzelt. Anschließend hätten sie die Hälfte von euch verschleppt, um euch in Göttin-weiß-was zu verwandeln. Die andere Hälfte hätte ihr elendes Dasein damit gefristet, für die neuen Herren Proviant und dergleichen aufzutreiben, und ständig in der Angst gelebt, ebenfalls verschleppt zu werden und ein schreckliches Schicksal zu erleiden.

Ja, es waren wahrhaftig finstere Zeiten für die ganze Kaninchenheit.

Es war aber auch die Zeit, da Podkin Einohr lebte. Damals war er allerdings noch kein Held – er hatte noch keine Riesenkaninchen getötet und keine Räuberbanden gegründet, und es lag ihm noch herzlich fern, irgendwelche entführten Kaninchenmädchen zu befreien, denn er war noch ein junger Bursche, gerade mal acht Sommer alt. Ach ja, und er besaß auch noch beide Ohren.

Podkin war der Sohn von Lopkin, dem Stammesführer der Gänseblum-Kaninchen. Eines Tages würde er den Stamm selbst anführen, so wie jetzt noch sein Vater und einst dessen Vater … und immer so weiter bis in jene Vorzeit, da die Große Göttin die Zwölf Stämme erschuf. Doch bis dahin war es noch sehr, sehr lange hin – was Podkin nur recht war.

Podkin hatte eine große Schwester namens Paz, die ihn gern herumkommandierte, und einen kleinen Bruder namens Puk, der noch nicht viel konnte, außer auf irgendwas herumzukauen und Suppe zu schlabbern.

Nun könnte man ja denken, dass jemand wie Podkin schon in jungen Jahren erste Anzeichen künftigen Heldentums erkennen ließ, zum Beispiel, weil er meisterhaft mit dem Schwert umzugehen wusste oder weil er durch ein ungewöhnliches Maß an Tapferkeit, Mut, Klugheit und Entschlossenheit auffiel.

Irrtum.

Wenn überhaupt, fiel er dadurch auf, dass er womöglich der faulste, verwöhnteste Sohn eines Stammesführers in ganz Lanica war – zumindest in seiner Jugend. Dabei tat sein Vater Lopkin sein Möglichstes, um ihn auf seine künftige Aufgabe vorzubereiten. Er ließ ihn in Geschichte, Kaninchenkunde und in den Kriegskünsten unterrichten, aber Podkin schwänzte, so oft es nur ging. Tagträumen und Schlafen waren das Einzige, wofür er sich erwärmen konnte, und man muss ihm lassen, dass er beides hervorragend beherrschte. Er brachte seine Lehrer zur Verzweiflung, vor allem den armen Waffenmeister Melfry, der mindestens drei Mal kündigte, weil er es mit seinem Schüler nicht mehr aushielt. Der künftige Stammesführer interessierte sich schlicht nicht für das, was von ihm erwartet wurde.

So kam es, dass an einem schönen Frostnachtabend – so wie heute einer ist – der junge Podkin Einohr (beziehungsweise damals noch Zweiohr) oben auf der hölzernen Empore saß, die einmal um die Langhöhle des Gänseblum-Baus herumführte. Er schob geistesabwesend einen Spielzeugwagen hin und her, mampfte ein Stück Maisbrot, das er aus der Küche stibitzt hatte, und tagträumte vom Winterkaninchen, das in dieser Nacht kommen und hoffentlich einen Sack voller Geschenke dalassen würde. Ob er die Holzkrieger bekommen würde, die er sich gewünscht hatte? Und das Spielzeugschwert mit dem dazu passenden Schild? Oder würde er wieder wie letztes Jahr enttäuscht sein, weil er nur eine schlampig gestrickte Jacke bekam?

„Was machst du denn hier oben, Pod?“ Seine Schwester hatte sich auf Zehenspitzen die Treppe hochgeschlichen und stand nun mit ärgerlicher Miene vor ihm. Sie hatte den kleinen Puk auf dem Arm, der auf einer Möhre herumkaute. „Mutter hat gesagt, ich soll dich holen. Es gibt gleich Rübensuppe, und dann wird die Frostpolka getanzt. Du sollst dabei sein, weil du ja mal Stammesführer wirst.“

Paz konnte sich nur schwer damit abfinden, dass sie den Stamm niemals anführen würde, obwohl sie doch die Erstgeborene der drei Geschwister war. Aber es war nun mal Tradition, dass immer der älteste Sohn dieses Amt erbte.

Podkin gähnte demonstrativ. „Die Frostpolka … wie aufregend.“ Er nahm seiner Schwester den kleinen Puk ab und kitzelte ihn am Bauch. Unten im Saal war das Fest schon in vollem Gange, und Podkin hatte nicht die geringste Lust mitzufeiern. „Dann geh mal von der Treppe weg, damit ich runterlaufen und die Haxen schwingen kann, wenn’s unbedingt sein muss.“

„Wenn du nicht runtergehst, kriegst du Ärger“, gab Paz zurück. „Weißt du überhaupt, was es bedeutet, Stammesführer zu sein? Niemand respektiert einen Anführer, der immer nur spielt, seinen kleinen Bruder kitzelt und sich bei jeder Gelegenheit verdrückt, um seinen Tagträumen nachzuhängen.“

Podkin zog einen beleidigten Flunsch. „Du bist ja bloß neidisch, weil du glaubst, du wärst besser geeignet als ich.“

„Ist ja auch so! Das sieht doch ein blindes Kaninchen mit dem Krückstock.“ Paz zählte an den Fingern ab: „Ich bin die Älteste von uns dreien. Ich gehorche Vater und Mutter. Ich erscheine stets zum Unterricht, statt mich im Gras zu verstecken und Gänseblümchen zu zählen wie eine rattenhirnige Dumpfbacke. Wenn es auf der Welt gerecht zuginge, dürften auch Mädchen Stammesführer werden – statt verzogene Bengel wie du, die so was gar nicht verdienen!“

Podkin wollte sich gerade auf seine Schwester stürzen und ihr die Ohren lang ziehen, als plötzlich ein Schlachthorn erschallte. Die drei Geschwister liefen ans Geländer und spähten in den Saal hinab. Dort unten griffen die Krieger zu Lanzen und Schilden, die Kinder wurden in die Ecken gescheucht, und ihr Vater Lopkin hatte sein Schwert gezogen. Sein großes silbernes Breitschwert, dem Zauberkräfte nachgesagt wurden.

„Winterninchen! Winterninchen tommt!“, rief der kleine Puk aufgeregt und versuchte sich loszureißen.

Podkin vergaß seinen Streit mit Paz. „Nein, das ist nicht das Winterkaninchen. Da kommt irgendein Eindringling. Und Eindringlinge lassen für gewöhnlich keine Geschenke da.“

Das ängstliche Raunen der im Saal Versammelten drang bis zu ihnen empor. „Ein Reiter!“, hörten sie, dann: „Ein einzelner Reiter“, dann: „Ein Reiter mit einer Rüstung … aus Eisen!“, und schließlich: „Das sind die Gorm! Die Gorm sind im Anmarsch!“

Letzteres löste allgemeine Panik aus. Lopkin rief einen Befehl, wurde aber vom Tumult übertönt. In dieser Situation brauchte der Stamm einen starken Anführer, der sich durchsetzen konnte.

Lopkin holte noch einmal tief Luft und donnerte mit seiner lautesten Kommandostimme: „Ruhe!“

Sofort hielten alle erschrocken inne, und Hunderte verängstigte Augen richteten sich auf den Stammesführer, der mit blitzendem Zauberschwert hoch aufgerichtet dastand. Er ließ eine Pause eintreten, dann sagte er ruhig: „Ja, ein Reiter wurde gesichtet. Und ja, er ist ein Gorm. Aber er ist allein und schwenkt die weiße Friedensfahne. Wir werden ihn empfangen und uns anhören, was er zu sagen hat.“

Schon hallte das Knarren des schweren Eichentores durch den Bau, und die Kaninchen in der Langhöhle wichen an die Wände zurück. Die Krieger packten ihre Lanzen fester, und alle hielten den Atem an. Dann hörte man jemanden kommen.

„Glaubst du, das geht gut aus, Paz?“, wandte sich Podkin im Flüsterton an seine große Schwester. Er bewunderte seinen hochgewachsenen, starken Vater sehr und hatte ihn immer für unbesiegbar gehalten – jedenfalls bis jetzt.

„Ich weiß nicht“, erwiderte Paz, „aber Vater hat ja sein Zauberschwert …“

Als Podkin den Ausdruck in ihren Augen sah, bekam er es zum ersten Mal in seinem jungen Leben richtig mit der Angst zu tun.

Der Stammesführer rief den traditionellen Gruß in den Gang hinein, der vom Eingang des Baus zur Festhöhle führte: „Tritt ein, Fremder, und sei uns an diesem Frostnachtsabend willkommen.“

Klirr.

Quiiiiietsch.

Metall, das auf Metall schabte, dazu die dumpfen Tritte schwerer Lederstiefel. Offenbar war der Ankömmling von seinem Reittier – worum auch immer es sich handelte – abgestiegen. Hundertfünfzig verschreckte Kaninchen wagten nicht, sich zu rühren.

Klirr.

Quiiiiietsch.

Puk fing leise zu weinen an. Die Geschwister sahen, wie sich in dem dunklen Gang eine gedrungene Gestalt abzeichnete. Der rötliche Schein der Fackeln in der Festhöhle ließ Metall aufblinken.

„Tritt ein!“, wiederholte Lopkin. „Wir tun dir nichts.“

Mit einem letzten Quietschen trat die Gestalt aus dem Gang, machte dann einen Satz und stand auf einmal inmitten der Krieger.

Alle Gänseblum-Kaninchen hatten schon Schauergeschichten über die Gorm gehört, hatten aber noch nie Gelegenheit gehabt, deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Der Ankömmling war kein Kaninchen mehr – falls er je eines gewesen war. Er war ein wandelnder Berg aus Fleisch und Metall, aus dem rostige Stacheln und Nägel ragten. Seine Rüstung bestand aus übereinandermontierten, zerschrammten Eisenplatten, die dunkle Flecken aufwiesen – teils von Rost, teils von etwas Rotem, das verdächtig nach getrocknetem Blut aussah. Sein Kopf steckte bis zum Halsansatz in einem Helm, der ebenfalls über und über mit spitzen Stacheln besetzt war und auf dem obendrein zwei krumme Metallhörner prangten, die fast die Höhlendecke streiften. Hinter zwei schmalen Schlitzen glänzten mattrote, von rostbraunen Adern durchzogene Augen.

Podkin hatte solche Angst, dass er am liebsten auch losgeweint hätte. Am meisten erschreckte ihn das schwarze, gezackte Eisenschwert des Unbekannten – und die Schädel, die an seinem Gürtel baumelten. Kaninchenschädel, die mit unheimlichen Runen bemalt waren. Schädel aller Größen, auch ganz kleine, wie von Kindern.

Der Gorm wandte den Kopf hin und her und musterte nacheinander die Bewohner des Baus, dann richtete er den Blick auf Lopkin.

„Dein Willkommen kannst du dir sparen“, entgegnete er mit einer tiefen Stimme, die in seinem Eisenpanzer widerhallte. Es war die eiskalte Stimme eines Mörders. „Ich bin gekommen, um euren Bau zu beschlagnahmen. Und um dir deine Zauberwaffe abzunehmen.“

Sofort richteten sich sämtliche Lanzen auf ihn, doch er legte nur den Kopf schief, als sei er neugierig, und stieß sein Schwert dreimal auf den Boden.

Ein dumpfes Grollen drang aus der Erde, und der Boden der Langhöhle erbebte so heftig, dass er Risse bekam. Die Kaninchen wichen zurück, als Bänke und Tische umkippten, die Bodenfliesen zersprangen und die Erde darunter sich wölbte und aufbrach. Aus dem Krater kam ein Gorm nach dem anderen geklettert und schüttelte sich die Erde vom Stachelpanzer. Den Gänseblum-Kaninchen verschlug es die Sprache, sie waren wie gelähmt. Fünf, zehn, fünfzehn Gorm und noch mehr, ein jeder in eiserner Rüstung und mit einer Streitaxt oder einem Schwert bewaffnet.

„Hiermit gehört dieser Bau uns!“, verkündete einer von ihnen mit einer Stimme so schrill wie das Quietschen seines Panzers. „Wer etwas dagegen hat, ist des Todes. So will es der Anführer aller Gorm.“

„Scramashank“, sagte Lopkin halb laut, denn alle Kaninchen kannten und fürchteten den Namen dieses obersten der Gorm. Dann hob Lopkin sein Silberschwert und nahm Kampfhaltung ein. „Lass meinen Stamm aus der Sache raus, Scramashank. Wir beide regeln das unter uns.“

„Das ist nicht mehr dein Stamm“, gab Scramashank lachend zurück, als wäre das Ganze nur ein ausgefallener Frostnachtsscherz. „Das sind jetzt alles Gorm – jedenfalls gleich. Sobald du tot bist.“

Er schwang sein Eisenschwert hoch über den Kopf und wollte Lopkin in der Mitte spalten, doch der Stammesführer parierte mit seinem Silberschwert, und es schepperte ohrenbetäubend, als sich die beiden Klingen Funken sprühend kreuzten.

„Vater!“, riefen Podkin und Paz entsetzt, und der kleine Puk weinte lauter.

Sie sahen noch, wie Lopkin den Kopf hob und zu ihnen emporschaute und wie Scramashank zum nächsten Hieb ausholte, dann packte sie jemand von hinten und zerrte sie vom Geländer weg.

Sie schrien alle drei auf, weil sie glaubten, ein Gorm habe sich an sie angeschlichen, doch es war nur ihre Tante Olwyn. Das Fell unter ihren Augen war tränennass, aber ihre Miene war grimmig.

„Kommt mit, ihr drei.“ Sie zog sie in Richtung Treppe.

„Aber … aber Vater …“, protestierte Podkin.

Sie schnitt ihm das Wort ab. „Euer Vater kommt allein zurecht, und wir vier fliehen jetzt, ehe die Gorm euch auch noch holen.“

Sich zu wehren hatte keinen Zweck. Olwyn war stark. Von unten ertönten jetzt Schlachtgeschrei und Waffengeklirr, doch die Kaninchenkinder hasteten mit ihrer Tante durch die Gänge, bogen mal rechts und mal links ab und kamen schließlich an der Schlafkammer ihrer Eltern heraus.

„Rein mit euch!“, raunte die Tante, schob sie vor sich her durch die Tür und legte von innen den Riegel vor. Dann lief sie zum Bett und kramte darunter herum.

„Was machst du da, Tante? Wir müssen zurück! Wir müssen Vater helfen!“

„Eurem Vater ist nicht mehr zu helfen. Er wird bald im Drüben weilen, die Göttin stehe ihm bei“, schnaufte die Tante. Als sie wieder aufstand, hatte sie etwas in der Pfote, das lang, schmal und in Stoff gewickelt war. Sie warf es Podkin zu.

„Dein Vater hat mir aufgetragen, dir das hier zu geben, falls ihm einmal etwas zustoßen sollte. Und eure Mutter hat mir aufgetragen, euch hierher zu bringen, falls der Bau überfallen würde.“

„Hierher in die Schlafkammer unserer Eltern?“ Paz sah ihre Tante an, als sei Olwyn nicht recht bei Verstand, aber Podkin spähte schon neugierig unter den Stoff. Das Bündel enthielt einen zerschrammten alten Kupferdolch mit stumpfer Klinge. In den grob geschmiedeten Knauf war ein primitives Gesicht eingeritzt.

„Hier gibt es einen Geheimgang.“ Olwyn ruckte an einem Bettpfosten, und in der Wand öffnete sich eine kleine Tür. Sie küsste jedes Kind flüchtig auf die Stirn. „Geht jetzt“, sagte sie. „Rennt durch den Gang ins Freie, und dann lauft zum Rotwasser-Bau und bittet dort um Hilfe. Und kommt auf gar keinen Fall hierher zurück! Niemals!“

„Aber was wird aus dir? Und aus Mutter?“, wollte Podkin wissen.

„Mach dir um uns keine Sorgen, wir kommen schon klar. Und wenn nicht, sehen wir uns im Drüben wieder. Denkt immer dran, dass eure Eltern euch sehr lieb haben, Kinder. Ihr seid ihr Ein und Alles.“

Damit schob sie die drei in den Geheimgang, und ehe sie sich sträuben konnten, hatte Olwyn schon die kleine Tür hinter ihnen zugedrückt und verriegelt.

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Sternenklaue

Die schreckliche Flucht der schluchzenden Kinder durch den finsteren Gang brauche ich euch wohl nicht näher zu schildern. Auch nicht, wie die drei ins Freie gelangten, durch die schneesturmgepeitschte Nacht hasteten und jeden Augenblick darauf gefasst waren, dass ein Feind hinter einem Baum hervorspringen würde und ihre letzte Sekunde auf dieser elenden Welt angebrochen wäre.

Ich überspringe auch, wie oft sie daran dachten, umzukehren und ihrer Mutter, ihrer Tante und ihren Freunden irgendwie beizustehen. Oder wie oft eines von ihnen vom Kummer überwältigt wurde und sich auf die gefrorene Erde fallen ließ, sodass ihn das andere hochziehen und zum Weiterlaufen überreden musste.

Was genau in dieser grauenvollen Nacht geschah, wissen nur die beiden Geschwister (Puk war zum Glück noch zu klein, um zu verstehen, was los war – er begriff nur so viel, dass er fror, Hunger hatte und seine Mama wollte), und keines von ihnen sprach jemals wieder darüber, auch nicht mit dem jeweils anderen.

Für euch ist nur wichtig, dass die drei, als der Horizont im Osten heller wurde, auf eine Lichtung kamen und sich unter einer alten Eiche erschöpft in den Schnee fallen ließen.

„W-was glaubst du, wo wir hier sind?“, brachte Podkin mühsam hervor. „Ist es noch weit bis zum Rotwasser-Bau?“

„Woher soll ich das wissen?“, gab Paz zurück. Sie hatte Puk unter ihr Kleid gesteckt, sodass wenigstens dem Kleinsten von ihnen halbwegs warm war. „Ich habe schon nach fünf Minuten im Freien die Orientierung verloren. Wenn du im Erdkundeunterricht besser aufgepasst hättest …“

Du hast doch angeblich immer aufgepasst! Und wenn nicht mal du weißt, wo wir hier sind, war der Unterricht offenbar Zeitverschwendung, oder?“

Daraufhin schwiegen beide eine Weile. Ihnen war bewusst, wie gefährlich es war, sich bei diesem Wetter im Wald zu verlaufen. Die Kälte war tödlich, außerdem konnten überall hungrige Wölfe und Bären lauern, von den Gorm ganz zu schweigen.

„Ich bin dafür, dass wir …“, setzte Paz an, doch da ertönten über ihnen plötzlich klatschende Flügelschläge. Ein großer Vogel flatterte auf und verschwand im Schneetreiben über den Baumkronen. „Eine Krähe“, stellte Paz aufatmend fest. „Ich dachte schon, es wäre …“

„Das war keine gewöhnliche Krähe“, entgegnete Podkin im Flüsterton, „das war eine von ihnen! Hast du nicht die Eisenstacheln gesehen, die aus ihr rauswuchsen? Und ihre Augen … die waren auch ganz rot und trüb …“

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